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B978-3-437-56313-3.00002-9

10.1016/B978-3-437-56313-3.00002-9

978-3-437-56313-3

Abb. 2.1

[P329]

Stefanie V., viereinhalb Jahre, Pulsatilla

Abb. 2.2

[P329]

Christina P., 8 Jahre, Silicea

Abb. 2.3

[P329]

Luis W., zwei Jahre, Sulphur

Abb. 2.4

[P329]

Simon S., zwei Jahre, Stramonium

Organische Symptome nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema Kopf-zu-Fuß-SchemaSymptomeKopf-zu-Fuß-Schema

Tab. 2.1
Kopf und Gesicht Kopfschmerzen, Migräne, Kopfrollen, Gesicht, Augen, Sehvermögen, Nase, Mund, Zunge, Zähne, Zahnfleischbluten und Entzündungen, Aphthen, Karies, Mundsoor, Zähneknirschen, Zusammenbeißen der Kiefer, Haar- und Kopfhautprobleme, Schuppen, Milchschorf, Hautausschläge (unterdrückt?), Wundsein um den Mund, Lippen, Mundwinkel, Gesichtsfarbe, Hautausschläge, Augenringe, Sommersprossen
Mund Mundgeruch, Daumenlutschen, steckt alles in den Mund, Zungenbelag, Landkartenzunge, Zahneindrücke auf der Zunge, Stomatitis, Aphten
Hals, Kehlkopf und Trachea Schlucken, Heiserkeit, Pseudokrupp (Uhrzeit), Stridor, Tonsillengröße, -farbe, -beläge, Tonsillitis (rezidivierend, Seite), Laryngitis, Pharyngitis, Tracheitis. Lymphknotenschwellung, Schilddrüse, Struma. Infektionen
Nase, Retronasalraum, Nasennebenhöhlen Neigung zu Nasenbluten, Fließschnupfen, Nasenverstopfung, Niesen, Nasebohren oder -zupfen, Absonderungen, Schniefen, Nasenflügeln, Mundatmung. Adenoide, Sinusitis, Schweiß auf der Nase, Geruchssinn
Ohren Otitis media (rezidivierend? Seite), Otorrhoe, Mastoiditis, Tubenkatarrh, Hörvermögen, Tinnitus, Cerumen, Otitis externa, Hautausschläge, Schwellungen, Fehlbildungen
Augen Entzündungen, Gerstenkörner, Tränenwegstenose, Tränenfluss, Sehvermögen, Photophobie, Brechungs-, Fehler von Augenmotorik und Stellung, Pupillen, Sonnenuntergangsphänomen, Wimpern, Augenbrauen, Augenfarbe
Brust Atmung, Husten, Auswurf, Luftröhre, Pleura, Mammae, Ösophagus, Aufstoßen, Sodbrennen. Beklemmung, Herzgeräusch, Herzbeschwerden, Schmerzen
Rücken Wirbelsäule, Körperhaltung, Haltungsfehler, Skoliose, Beckenschiefstand, Rücken- und Nackenverspannung, Schmerzen
Abdomen Das große Thema der Bauchschmerzen. Magen, Erbrechen, Zwerchfell, Schluckauf, Duodenum, Pankreas, Leber, Galle, Milz, Appendix, Rektum, Anus, Pruritus ani, Hämorrhoiden. Völlegefühl, Auftreibung, Flatulenz, Blähbauch, Darmgeräusche, Toleranz von Gürtel und enger Kleidung, Rektusdiastase, Hernien, Nabel, Würmer, Tumoren
Verdauung Meteorismus, Säuglingskoliken (wie wurde damit umgegangen), Rumoren, Durchfälle, Obstipation, Stuhlfrequenz, Stuhlkonsistenz und -beschaffenheit. Bei gestillten Säuglingen ist der Stuhl meist sehr weich und gelb, die Frequenz des Muttermilchstuhls unterliegt einer großen Variabilität: von mehrmals täglich bis Stuhlpausen länger als 7 Tagen
Harnwege Nieren, Ureter, Blase, Urethra, Miktion, Harndrang, -verhaltung, Miktion, Schmerzen (wo und wohin ausstrahlend), Urinbeschaffenheit, Farbe, Geruch, Sediment, Steine, HWI (rezidivierend?), funktionelle Störungen
Genitale
  • Altersgerechte Entwicklung?

  • Jungen: Hoden (Hochstand, Kryptorchismus, Hydrozele, Orchitis), Penis, Phimose, Balanitis, Herpes. Hautausschläge

  • Mädchen: Ovar, Uterus, Vagina, Zysten, Fluor (Farbe, Geruch), Labienverklebung,

  • Für beide Geschlechter auch Libido, Masturbationsneigung

Menses Menarche, Zyklus, Ovulation, Periodenschmerzen, Beschwerden seit der Menarche, Gemütslage vor, während, nach Menstruation. Kohabitarche, Verhütungsmaßnahmen
Extremitäten Knochen, Gelenke, Bänder, Nägel, Exostosen, Grob- und Feinmotorik, Geschicklichkeit
Haut Farbe, Feuchtigkeit, Trockenheit, Seborrhö, Dermographismus, Juckreiz, Hautausschläge, Herpes, Windeldermatitis, Unterdrückungen. Heilung von Verletzungen, Narben, Toleranz von Sonne, Wolle, Insektenstiche, Hämatomneigung, Ödeme, Warzen, Kondylome, Sommersprossen, Naevi, Pigmentanomalien, Vitiligo, Behaarung, Hirsutismus
Hautstigmata einer atopischen Veranlagung
  • Ausgeprägte oder doppelte Unterlidfalte (Dennie-Morgan-Falte) bei 60 % der Atopiker, bei 17 % der Normalbevölkerung

  • Periorbitale Verschattung, dunkle Haut um die Augen herum

  • Ausdünnung der seitlichen Augenbrauen (Hertoghe-Zeichen)

  • Weißer Dermographismus: festes Bestreichen der Haut mit dem Daumennagel erzeugt einen roten Streifen auf der Haut, der nach 15–60 Sekunden weiß wird (bei 38–100 % der Neurodermitiker)

  • Palmare Hyperlinearität (verstärkte Zeichnung der Handflächenlinien, manchmal auch der Fußsohlen – bei ca. 50 % der Neurodermitiker)

  • Glänzende Fingernägel, wie poliert

  • „Dirty neck“: unregelmäßige bräunliche Pigmentierung an Hals und Nacken

  • Eine Falte quer über den Nasenrücken kann ein Hinweis sein auf den „allergischen Gruß“. Die Kinder mit chronischer Rhinitis oder Heuschnupfen schieben mit der Hand die Nasenspitze nach oben, um die angeschwollenen Nasenmuscheln auseinander zu bringen, dadurch entsteht mit der Zeit diese Falte.

Hierarchisierung der Symptome Hierarchisieren, Symptome

Tab. 2.2
Gruppe I
Auffallende, sonderliche, ungewöhnliche und eigenheitliche (charakteristische) Zeichen und Symptome(Organon, § 153) Was ist das Auffälligste in dem vorliegenden Fall, was macht stutzig?
  • Außergewöhnliche, seltene Symptome. Reaktionen, die man nicht erwarten würde. Konträre oder widersprüchliche Symptome

  • Unerwartete Modalitäten und Begleitsymptome

  • Ausgeprägte Periodizität oder andere Auffälligkeiten im Krankheitsverlauf

  • Alternierende Zustände

  • Außergewöhnliche Lokalisationen oder Erstreckungen

Gruppe II
Gut beobachtete Geistes- und Gemütssymptome(Organon, § 210 ff.)
  • Den momentanen Gemütszustand und die Stimmung betreffend

  • Das Leben und die Selbsterhaltung betreffend: z. B. Vitalität, Selbstbewusstsein, Streben, Mut, Ehrgeiz, (Über-)lebensstrategien; die Rolle, welche die Person in seiner Umgebung einnimmt; Impulse, Sexualität, Leben und Tod, Suizidalität

  • Emotionen und Empfindungen betreffend: z. B. Stimmung, Launen, Aktivität, Kreativität, Kummer, Kränkung, Ärger, Ängste, Misstrauen, Neid, Zwänge, Sozialverhalten

  • Intellekt betreffend: z. B. Auffassung, Begreifen, Gedächtnis, Konzentration, Lernen, Schulleistungen, Denken, Wahrnehmung, Intuition, Phantasie

Gruppe III
Allgemeinsymptome Sie spiegeln gut und objektiv die Konstitution des Patienten wider. Hier wird man meist auch bei schwierigsten Anamnesen fündig:
  • Aussehen, Körperbau, Temperament, Veranlagungen, Belastbarkeit

  • Haltung, Motorik, Stellungen, Lateralität, Schwindel. Schlaf, Metabolismus, Vegetativum, Krankheitsanfälligkeit, Rezidivneigung, Rekonvaleszenz

  • Temperaturregulation, Beziehung zu Wetter, Jahreszeiten, Tageszeiten

  • Schweiße, Ausscheidungen, Absonderungen und Sekrete; Verdauung, Stuhlgang, Wasserhaushalt

  • Durst, Appetit, Nahrungsmittelverlangen, -abneigungen und unverträglichkeiten einschließlich dem Verhältnis zu Genussmittel und Stimulantien wie Koffein, Alkohol und Nikotin, Verschlimmerungen, Verbesserungen

  • Schwangerschaft, Menses. Hautausschläge, Warzen, Polypen

Gruppe IV
Klare Ätiologie Physische, psychische Auslöser, Folgen schwerer oder langwieriger Erkrankungen, schwierige Rekonvaleszenz, Verletzungen, Unfälle, Operationen, Verlust von Körperflüssigkeiten, Vergiftungen, Umwelteinflüsse, Nässe, Kälte, Wärme, Allergien, Impfungen, Unterdrückungen, Parasiten, Stress, Überanstrengung, innerfamiliäre Probleme, Verlust von Bezugspersonen, Beziehungsstörungen, Kummer, Ärger, Wut, Ängste, Zwänge, SchreckIm Repertorium findet man die Mittel oft in Rubriken wie „Beschwerden durch …; empfindlich auf …, schlechter durch …; Folge von …; nach …“, etc.
Gruppe V
Lokalsymptome Oft der eigentliche Grund für den Arztbesuch. Symptome, welche die Eltern oder der jugendliche Patient selbst zunächst als ein rein lokales Problem ansehen und als erstes ansprechen: die Hautausschläge, die Allergie, der Kopf, der Hals, die Verdauungseine die Blase, die Gelenke etc. Oft auch Schmerzlokalisationen.

Typische Beispiele für miasmatische Symptome SymptomemiasmatischeSyphilisZeichenTuberkulinieZeichenSykoseZeichen

Tab. 2.3
Miasma Symptome
Syphilitische Zeichen
  • Frühgeburt, Zwillingsgeburt

  • Angeborene Fehlbildungen, Spina bifida, Syndaktylie, Polydaktylie, Exostosen, Trichterbrust

  • Viele Stigmata des Auges und des Augenhintergrundes, Ohrmuscheldysplasie

  • Mikrotie, Sattel- oder Stumpfnase, chronisches Schniefen der Babys, Alopezie, Hüftdysplasie, Rachitis, Gesichtsasymmetrie, Stirnhöcker, Venektasien am Kopf parietal, Hydrozephalus, Prognathie, Diasthema

  • Gezackte Schneidezähne, Zahnschmelzdefekte, Zahnfehlstellungen und -anomalien, persistierende Milchzähne

  • Akzessorische Brustwarzen, Leistenbruch, Hodenhochstand

  • Spätes Gehen- und Sprechenlernen

  • Migräne ab Kleinkindesalter, schwere Gastroenteritiden, alle geschwürigen Krankheiten und Ulzera

  • Pubertas tarda, Fluor vaginalis bei jungen Mädchen

  • Lymphadenitis, Naevus flammeus, Dermoidzysten, Vitiligo, dicker krustiger Milchschorf

  • Geistige Retardierung, hyperaktive Verhaltensstörung, Legasthenie, Rechenschwäche, Depression, Suizidalität

Die hereditäre Syphilis prädestiniert zur akuten Tbc.
Tuberkulinische Zeichen
  • Schwierige Kinder mit Engels- oder Koboldgesicht (Herscu), großgewachsen, mager trotz guten Appetits, high energy and activity, reizbar, ruhelos, Gesichtsblässe mit Ringen unter den Augen

  • Ekzem von Geburt an, Vitiligo, Tendenz zu starken Schweißen und harten Halslymphknoten, lange und seidige Wimpern, bei Geburt starke dunkle Behaarung am Kopf und/oder entlang des Rückgrats

  • Anomalien und Deformierungen entlang der Längsachse, besonders des Skeletts

  • Blaue Skleren

  • Rezidivierende Luftwegsinfekte, Husten, Pneumonien, Asthma, Heuschnupfen, schwerer Keuchhusten

  • Otitiden, fieberhafte Infektionen, Halslymphknoten

  • Enuresis nocturna, nächtliches Aufschreien

  • Müdigkeit am Morgen, voller Energie, Unruhe, Schlaflosigkeit, Zähneknirschen, Bewegungsdrang, Hyperaktivität, Rennen, Schreien, Verlangen nach ständiger Abwechslung, von einem Spielzeug zum anderen

  • Erektionen, Masturbation

  • Zerstörungswut von Sachen, die andere lieben, Rücksichtslosigkeit, Wutanfälle, sie treten die Mutter, schlagen aus Zorn, schlagen mit eigenem Kopf gegen Wände und Boden, Widerspruchsgeist, sie tun gerade das Gegenteil von dem, was man von ihnen wünscht, rasch ermüdbar durch geistige Anstrengung, unbeugsamer Eigensinn, Angst vor Hunden und Katzen. Verlangen nach Bananen. Milch agg.

Sykotische Zeichen
  • Plötzlicher Kindstod

  • Angiome, Hämangiome, Spider-Naevi, Red Naevi, Icterus neonatorum prolongatus, saurer oder fischiger Geruch, Opthalmia neonatorum

  • Opisthotonus, Epilepsie

  • Chronische Konjunktivitiden, Blenorrhö, Iritis, Ausfall der Wimpern

  • Behaarte Haut, Tinea, Vitiligo, Herpes zoster, Impetigo contagiosa

  • Mundsoor, Darmsoor, hartnäckige Windeldermatitiden

  • Gezähnelte Schneidezähne, Schniefen

  • Nasenpolypen, Dauerschnupfen, Heuschnupfen, Asthma, Allergien, atopische Dermatitis von Geburt an

  • Blähungskoliken, Zöliakie, Pyloruspasmus, linksseitiger Leistenbruch, Nabelblennorhö

  • Juvenile plane Warzen, gestielte Warzen, Kondylome, HPV-Manifestationen, Mollusca contagiosa, Polypen, Phimose

  • Enuresis nocturna, Kryptorchismus, Urethralstenosen, Nierengries, Zystitiden, Gonorrhö, Vaginalfluor bei Kleinkindern

  • Entzündungen und Tumoren im kleinen Becken, Rheuma, Wachstumsstopp, Retardierung, chronische Anämie, Säuglingskoliken, Sommerdurchfälle

  • Fehlendes Fieber, fehlende Kinderkrankheiten, heftige Windpocken

  • Legasthenie, Gedächtnisstörungen, Nägelkauen, Widerspruchsgeist, keine Akzeptanz von Autorität, Alkoholismus, Drogensucht, Kleptomanie, Pyromanie, Kriminalität, Suizidalität

Fallaufnahme

Michael Drescher

Homöopathische Anamnese bei Kindern

Besonderheit der kinderärztlichen Anamnese

AnamnesekinderärztlicheFallaufnahmeDer Kinderarzt ist es gewohnt, in der Regel mit mindestens zwei Personen zu arbeiten, nämlich mit dem Kind und mit der Mutter. Bei der Anamnese von jungen Kindern sprechen in erster Linie die Eltern und Bezugspersonen über die Probleme des Kindes. Man lässt sie zunächst so beginnen, als ob es sich um ihre eigene Anamnese handeln würde. Der Spontanbericht lässt in der Regel gut erkennen, welche Sorgen die Familie beschäftigt. Die Ausführungen können natürlich in vielfältiger Weise subjektiv gefärbt sein von eigenen Vorstellungen, Wünschen, Projektionen und Übertragungen. Ebenso können die Aussagen der Kinder selbst, solange sie im Beisein der Eltern befragt werden, wiederum von deren Einstellungen und Erziehungseinflüssen geprägt sein. Alle Beteiligten möchten vielleicht in einem guten Licht erscheinen. Manchmal steht auch etwas im Raum, was der andere Teil wohl besser nicht hören sollte. Hier können getrennte Gespräche mehr Informationen zutage fördern.
Die immer wieder geschilderte symbiotische Einheit von Mutter und Neugeborenem findet man nicht immer vor. Man sieht gelegentlich Säuglinge und Kleinkinder, die sehr früh ein völlig unerwartetes Naturell entwickeln, was dann wieder Gegenreaktionen und Spannungen bei der Mutter auslösen kann. Solche Konstellationen geben wiederum wichtige Informationen über die innerfamiliäre Dynamik.
Eines besonderen Fingerspitzengefühls bedarf es bei der Herstellung eines offenen und vertrauensvollen Gesprächsklimas in der Begegnung mit Jugendlichen vor und während der Adoleszenz. Typisch für diese besondere Lebensphase der Übergänge und Wandlungen ist die Schwierigkeit, sich selbst zu definieren und über Hintergründe, Defizite, Krankheiten und deren Auswirkungen vorbehaltlos sprechen zu können. Distanzieren sich Jugendliche von allen Interventionen und Einmischungen durch eine scheinbar desinteressierte oder abwehrende Haltung, dann muss man ihre Probleme durch geschicktes, schonendes Einkreisen regelrecht erschließen. Gerade in diesen Fällen wird man nur durch Einzelgespräche in Abwesenheit der Bezugspersonen weiterkommen. Sondierungen persönlicher Vorlieben, Wünsche und Erwartungen sowie der Ursachen von Ärgernis können den Zugang zu den zentraleren Problemen eröffnen, ohne dass der Adoleszent das Gefühl bekommen muss, seine Integrität und Autonomie werden infrage gestellt (Heé 2007).

Besonderheit der homöopathischen Anamnese

AnamnesehomöopathischeIn der homöopathischen Anamnese gilt die Regel, dass zunächst der Patient selbst bzw. seine Eltern im Spontanbericht die Probleme zur Sprache bringen, wegen derer sie gekommen sind; erst danach wird man beginnen, im gelenkten Bericht gezielte Fragen zu stellen.
Die genaue Aufnahme der Symptome durch die intensive Begegnung und Beschäftigung mit dem Patienten ist die unbedingte Voraussetzung einer sinnvollen homöopathischen Verordnung. Sie muss wie jede ärztliche Kunst bei erfahrenen Homöopathen erlernt werden, z. B. im Rahmen von Supervisionen.
Sie unterscheidet sich insofern von einer herkömmlichen ärztlichen Anamnese, als bei ihr über eine reine Befund- und Diagnoseerhebung hinaus die ganz individuellen Gegebenheiten des Patienten erfasst werden müssen, um das entsprechende individuelle, möglichst ähnliche Heilmittel (SimillimumSimillimum) zu verordnen.
Die Krankheit drückt sich aus in ihren Symptomen. Aber auch die Art und Weise, wie der Patient mit den Symptomen umgeht, sagt Entscheidendes aus über ihn und den Zustand seiner Lebenskraft.
Erst die vollständige Aufnahme aller Krankheitszeichen – sowohl derjenigen, die der Kranke selbst fühlt und schildert, als auch derjenigen, die der Untersucher beobachtet – also das komplette Bild des Patienten – ermöglichen die Annäherung an ein Simillimum. Es muss dasjenige homöopathische Mittel gefunden werden, dessen Eigenschaften am besten mit den Symptomen des Patienten übereinstimmen. Dieses ÄhnlichkeitsgesetzÄhnlichkeitsgesetz (1.2.1) ist der Schlüssel zur Wahl der passenden homöopathischen Arznei. Vom Umfang und Aufwand her unterscheidet sich die homöopathische Behandlung chronischer Beschwerden beträchtlich von der Therapie akuter Erkrankungen, die Technik der homöopathischen Anamnese ist jedoch prinzipiell die gleiche.
Akutbehandlung
AnamnesehomöopathischeAnamnesehomöopathischeAkutbehandlungBei der Behandlung einer Akuterkrankung orientiert sich die homöopathische Fallaufnahme in erster Linie an den lokalen Symptomen und daran, wie sie vom Kranken geäußert werden, einschließlich der Begleitsymptome und ggfs. des aktuellen Gemütszustands: „nur, daß bei dieser Erforschung einiger Unterschied zu beobachten ist, ob das Leiden eine acute und schnell entstandene Krankheit oder eine chronische sei, da bei den acuten die Haupt-Symptome schneller auffallen und den Sinnen erkennbar werden und daher weit kürzere Zeit zur Aufzeichnung des Krankheits-Bildes erforderlich, auch weit weniger dabei zu fragen ist, (indem sich hier das Meiste von selbst darbietet) als bei den weit mühsamer aufzufindenden Symptomen einer schon mehrere Jahre allmälig vorgeschrittenen, chronischen Krankheit.“ (Organon, § 82).
Je nachdem, in welchem Verhältnis das schädigende Agens, welches die akute Erkrankung ausgelöst hat, zur Lebenskraft steht, wird der Organismus auf verschiedene Weise Reaktionen zeigen. Es kann bei vorübergehenden leichten Beschwerden bleiben, die unter Umständen keiner Arznei bedürfen. Ist die Schädigung stärker, weisen die Symptome selbst auf das akute Mittel hin. Manchmal reagiert der Patient in einer für ihn persönlich so typischen Weise, dass sich hinter den Symptomen sogar sein individuelles Konstitutionsmittel erkennen lässt. Ist die Schädigung zu sehr fortgeschritten, kann es sein, dass sich der Patient nicht mehr richtig erholt und nie mehr in den alten Zustand zurückfindet. Die Störung hat sich chronifiziert, und die Behandlung muss dann den „weit mühsameren“ Weg der Aufnahme des gesamten Falles (1.5) gehen.
Chronische Behandlung
Anamnesehomöopathischechronische BehandlungBei der Behandlung chronischer Krankheiten muss ein Gesamtbild des Patienten mit allen seinen typischen und charakteristischen Eigenschaften, Veranlagungen, Empfindlichkeiten, Lebensgewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen sowie seiner Gemütsverfassung gewonnen werden, um das Mittel zu finden, das seiner Konstitution am meisten entspricht (Simillimum 1.6).
Hahnemann über die Anamnese
Hahnemann, SamuelAnamneseIm Organon legt Hahnemann fest, was allein die Auswahl des passendsten Arzneimittels bestimmt, nämlich die Gesamtheit aller Symptome des Patienten, die uns ein Bild vom Zustand seiner Lebenskraft geben.

„Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine sie offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursache zu entfernen ist, sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheits-Zeichen, so müssen, unter Mithinsicht auf etwaiges Miasm und unter Beachtung der Nebenumstände es auch einzig die Symptome seyn, durch welche die Krankheit die zu ihrer Hülfe geeignete Arznei fordert und auf dieselbe hinweisen kann – so muss die Gesammtheit dieser ihrer Symptome, dieses nach außen reflectierende Bild des innern Wesens der Krankheit, d. i. des Leidens der Lebenskraft das Häuptsächlichste oder Einzige seyn, wodurch die Krankheit zu erkennen geben kann, welches Heilmittel sie bedürfe, – das Einzige, was die Wahl des angemessensten Hülfsmittels bestimmen kann – so muss, mit einem Worte, die Gesammtheit der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste, ja Einzige seyn, was er an jedem Krankheitsfalle zu erkennen und durch seine Kunst hinwegzunehmen hat, damit die Krankheit geheilt und in Gesundheit verwandelt werde.“

(Organon, § 7)

In den §§ 83–104 befasst sich Hahnemann detailliert mit Einzelheiten der homöopathischen Anamnese. Zunächst werden „von dem Heilkünstler nichts als Unbefangenheit und gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen des Bildes der Krankheit (verlangt)“ (Organon, § 83). In den nachfolgenden Paragraphen gibt Hahnemann weitere genaue und konkrete Instruktionen und Hilfen zur Anamnesetechnik. Es ist praktisch unverzichtbar, die sehr klaren Anweisungen Hahnemanns im Originalwortlaut durchzulesen und zu verinnerlichen.
Die homöopathische Befunderhebung zur Findung des aktuellen Simile bei einer Akuterkrankung unterscheidet sich von der konstitutionellen Anamnese lediglich durch den bei chronischen Leiden wesentlich größeren Umfang der Befragung. Entscheidend ist die Erfassung charakteristischer Symptome, welche die individuelle Reaktion erkennen lassen. Zum SimillimumSimillimum gelangt man dann über die folgenden Schritte:
  • 1.

    Sammeln aller genannten und erfragten Symptome

  • 2.

    Ordnen der sicheren und verwertbaren Symptome und ihre Hierarchisierung

  • 3.

    Streichen unsicherer Symptome

  • 4.

    Beachtung der Historizität von Symptomen

  • 5.

    Miasmatische Betrachtung

  • 6.

    Endgültige Wertung

Sammeln der Symptome

SymptomeSpontanberichtZunächst lässt man den Patienten bzw. seine Angehörigen im Spontanbericht über die Probleme berichten. Anschließend wird man in einem gelenkten Bericht versuchen, durch zusätzliche Fragen weitere Informationen zu erhalten (s. o.).

Spontanbericht (Organon, §§ 84–86)

AnamneseSpontanberichtSpontanberichtDem Patienten wird zunächst Gelegenheit gegeben, über seine Beschwerden und Sorgen zu sprechen. Dabei ist für die Einschätzung des Patienten interessant, welche Beschwerden spontan an erster Stelle genannt werden. Die Aufgabe des Untersuchers ist erst einmal nur das Zuhören, Beobachten, Merken, Aufschreiben. Man lässt den Patienten reden, ohne ihn zu unterbrechen. Sollte der Bericht einmal ins Stocken kommen, lässt man dem Patienten Ruhe und Zeit, wieder Worte zu finden. Die Äußerungen des Patienten werden mit seinen eigenen Worten notiert, am besten als Ich-Bericht.

„Der Kranke klagt den Vorgang seiner Beschwerden; die Angehörigen erzählen seine Klagen, sein Benehmen, und was sie an ihm wahrgenommen; der Arzt sieht, hört und bemerkt durch die übrigen Sinne was verändert und ungewöhnlich an demselben ist. Er schreibt alles genau mit den nämlichen Ausdrücken auf, denen der Kranke und die Angehörigen sich bedienen. Wo möglich lässt er sie schweigend ausreden, und wenn sie nicht auf Nebendinge abschweifen, ohne Unterbrechung, beschreibt alles mit den wortwörtlichen Ausdrücken auf, denen sich der Kranke bedient. Jede Unterbrechung stört die Gedankenreihe der Erzählenden und es fällt ihnen hinterher nicht alles genau so wieder ein, wie sie's anfangs sagen wollten. Bloß langsam zu sprechen ermahne sie der Arzt gleich Anfangs, damit er dem Sprechenden im Nachschreiben des Nöthigen folgen könne.“

(Organon, § 84)

Genau 50 Jahre später hat Sigmund Freud die Technik der freien Assoziation – d. h. sich ohne suggestive Beeinflussung oder Unterbrechung auf die spontane Rede des Patienten einzulassen – als Schlüsselmethode in der Psychoanalyse etabliert. Auch den hohen Stellenwert von Träumen und Sexualität in der Anamnese finden wir schon bei Hahnemann.
Während des Spontanberichts notiert sich der Arzt stichwortartig Fragen für den nachfolgenden zweiten Durchgang, den gelenkten Bericht.

Gelenkter Bericht (Organon, §§ 86–95)

Anamnesegelenkter BerichtSymptomegelenkter Berichtgelenkter Bericht„Sind die Erzählenden fertig mit dem, was sie von selbst sagen wollten, so trägt der Arzt bei jedem einzelnen Symptome die nähere Bestimmung nach, […] z. B. zu welcher Zeit ereignete sich dieser Zufall? […] Was für ein Schmerz, welche Empfindung, genau beschrieben, war es, die sich an dieser Stelle ereignete? Welche genaue Stelle war es? […] Wie lange? Zu welcher Zeit des Tages oder der Nacht und in welcher Lage des Körpers war er am schlimmsten, […] Wie war dieser, wie war jener angegebene Zufall oder Umstand – mit deutlichen Worten beschrieben – genau beschaffen?“. (Organon, § 86)
Das bisher notierte wird noch einmal sorgfältig durchgegangen. Die Punkte, auf die man noch näher eingehen möchte, sollte man markieren. Durch ergänzende Fragen an den Patienten werden Aussagen oder Symptome, die besonders wichtig oder auffällig erscheinen, noch einmal unter die Lupe genommen.
Lokalsymptome werden bezüglich ihrer Begleitumstände (Modalitäten), assoziierter Symptome, ihrer genauen Qualität der Empfindung und ihrer präzisen Lokalisation und Erstreckung durch die Fragen nach Bönninghausen nach dem vollständigen LokalsymptomLokalsymptom, vollständige ergänzt: ubi? (Ort, Seite, Ausstrahlung), quando? (wann), quod? (Qualität der Empfindung, wie, als ob), cur? (Causa, wodurch, Begleitumstände), concomitans? (Begleitsymptome), quomodo? (wodurch > oder <). Für die gesamte Anamnese gilt, dass man direkte und Suggestivfragen vermeidet und die Fragestellung so allgemein wie möglich hält: „[…] ohne jedoch jemals dem Kranken bei der Frage schon die Antwort zugleich mit in den Mund zu legen oder so, dass der Kranke dann bloß mit Ja oder Nein darauf zu antworten hätte“ (Organon, § 87). Nur so wird der Patient offenbaren, wie er ein bestimmtes Symptom oder einen Zustand empfindet.
Um das Gesamtbild abzurunden, müssen noch Fragen gestellt werden zu Bereichen, die bisher noch nicht zur Sprache kamen. Das sind einerseits alle noch fehlenden Organbereiche und -funktionen, andererseits die Besonderheiten der persönlichen Konstitution und Gemütsverfassung. Auch Fragen nach der familiären Krankheitsbelastung dürfen nicht fehlen.
Die homöopathische Anamnese ist, insbesondere für die Behandlung chronischer Erkrankungen, sehr aufwendig. Der Zeitbedarf liegt schon bei Säuglingen leicht bei einer Stunde. Für die Kinderanamnese kann man sich als eine Art Leitschnur ein mehr oder weniger vollständiges persönliches Interrogatorium elementarer Fragen zusammenstellen, um Punkt für Punkt Auffälligkeiten aufzuspüren. Die folgende Liste soll solche Stichworte für das anamnestische Gespräch liefern. Man kann z. B. mit der Frage beginnen, seit wann Probleme bestehen und was als die schlimmste Beschwerde empfunden wird. Reihenfolge und Umfang der weiteren Fragen sollten sich dann frei aus dem Gespräch entwickeln.

Biographische Anamnese

Schwangerschafts- und Geburtsverlauf, Perinatologie
  • Familiäre Situation: Geschwisterreihe, Situation und Tätigkeit der Eltern, soziales Umfeld. Wie ist die Beziehung zu Mutter, Vater, Geschwistern, anderen Bezugspersonen?

  • Familiäre Erkrankungen: Tbc, Rheuma, Malignome, Hochdruck, Herz, Asthma, Allergien, Diabetes, Gicht, Endokrinum, Haut-, Geschlechts-, Geistes- und Gemütskrankheiten, Alkoholismus, Epilepsie, Suizide, Fettsucht, Apoplex.

  • Während der Schwangerschaft: Aborte, Embryopathien, Infektionen, Gestose, seelische Belastungen, sonstige Risiken (Rauchen, Alkohol, Röntgen, Narkosen, Medikamente).

  • Bei der Geburt: Wehenmittel, Geburtsgewicht, -größe, Kopfumfang, Frühgeburtlichkeit (5.1.1), Übertragung, Geburtstraumen, Zyanose, Fehlbildungen, Hernien, Krampfanfälle, Stridor, Schniefen, Torticollis congenitus, Kephalhämatom, Neugeborenenikterus (5.4), perinatale Infektionen, Verdauungsstörungen, Gedeihstörungen (5.5), Schreikind, Hautprobleme, Unterdrückungen.

Entwicklungsstand
Wann wurden die folgenden Fertigkeiten erreicht, was war nicht altersentsprechend?
  • Erster Zahn (Zahnungsbeschwerden?)

  • Drehen von Rücken- in Bauchlage, freies Sitzen, Krabbeln, freies Stehen, Laufen

  • Sprechenlernen, Blasen- und Stuhlkontrolle

  • Verhalten in Kita, Kindergarten

  • Somatogramme, funktionelle Entwicklungsdiagnostik, Einschulung, Pubertät

(Kinder-)Krankheiten, Infektionen, Operationen, Unfälle, Allergien
  • Pertussis, Scharlach, Varizellen, Mononukleose, Masern, Mumps, Röteln, Exantheme (E. subitum), Herpes, Typhus, Tbc

  • Rezidivierende Tonsillitiden, Otitiden, Bronchitiden, Asthma, rezidivierende Harnwegsinfektionen

  • Verzögerte Rekonvaleszenz, Infekthäufung, Komplikationen, Lymphknotenbeteiligung

  • Operationen, Krankenhausaufenthalte (schulmedizinische Diagnosen und Untersuchungsbefunde)

Impfungen
Öffentlich empfohlene Impfungen, Impfungen gegen Influenza, FSME, BCG- oder Pocken, Reiseimpfungen, Impfreaktionen.
Allgemeine Konstitution
  • SymptomeKonstitutionDick, schlank, Marasmus, Groß-, Kleinwuchs

  • Wärme- oder Kälteempfindlichkeit, Haut, Schweißneigung

  • Trocken, rot, blass, kräftig, zart, ruhig, bewegungsfreudig

  • Farbe von Haaren und Augen

Eindruck bei der ersten Begegnung
Symptomeerster EindruckWas ein Kind uns nicht sagen kann, zeigt es uns durch sein Verhalten, seine Mimik und Körpersprache.
  • Erwidert oder verweigert es die persönliche Begrüßung, das Handgeben, den Blickkontakt, ein Lächeln? Der Händedruck: kalt, warm, feucht, trocken?

  • Ist ihm die Vorstellung bei einem Homöopathen unangenehm nach dem Motto: „Mir fehlt eigentlich gar nichts“?

  • Ist es aufgeregt, geschäftig, ruhig, scheu, still, schweigsam, ernsthaft, ängstlich, abweisend, missmutig, gereizt, lässt sich nicht ausziehen und untersuchen? Oder ist es mitteilsam, kooperativ, redefreudig, anbiedernd, lebhaft, übermütig, neugierig, fragt es dem Arzt Löcher in den Bauch, ist es distanzlos, kokett, angeberisch, eigensinnig? Wie ist seine motorische Aktivität?

  • Es empfiehlt sich, ein oder mehrere Fotos oder Bewegungsabläufe, auch zusammen mit anwesenden Angehörigen, in der Praxis aufnehmen. Bisweilen kann es hilfreich sein, sich auch Bilder aus früheren Jahren zeigen zu lassen.

Lassen Sie sich viel Zeit zur Beobachtung auch dessen, was abläuft, wenn nicht gesprochen wird. Die Interaktion mit dem Praxispersonal und den Angehörigen ist aufschlussreich, je mehr Familienangehörige dabei sind, desto bunter das Bild.
  • Während des Gesprächs mit den Eltern das Kind beim Spielen beobachten: Kann es sich überhaupt altersgemäß von den Bezugspersonen ablösen, kann es sich eine Zeit lang alleine beschäftigen oder will es ständig Hilfe, Aufmerksamkeit oder Körperkontakt?

  • Beteiligt sich das Kind an der AnamneseAnamnesebiographische durch Bestätigung, ergänzt es, kritisiert es das Gesagte oder erhebt es sogar energisch Einspruch dagegen?

  • Wie nimmt das Kind sich und seine Umwelt wahr?

  • Bilder (von einem Menschen, von sich und Angehörigen und auch von einem Baum oder Haus) malen lassen.

  • Wie geht es mit den Spielsachen um, die es ins Behandlungszimmer mitbringt? Welche Art von Spielsachen werden bevorzugt? Wie steht es mit dem Aufräumen? Wollte es überhaupt spielen oder malen? Bei Schulkindern: Was liest es?

Gemüt und Emotionen
SymptomeGemütHier hilft es sehr, den Eltern direkte Fragen zu stellen:
  • Welches Verhalten ist typisch für Ihr Kind? Worin unterscheidet es sich von seinen Geschwistern oder anderen Kindern?

  • Haben Sie Probleme im Umgang mit Ihrem Kind?

  • Wie wird das Kind von anderen wahrgenommen? Wie haben es die Kindergärtnerinnen bzw. die Lehrer beurteilt?

Fremdbeurteilungen sind überaus wertvoll, da der Bericht der Eltern durch Voreingenommenheit gefärbt sein kann.
Grundstimmung
SymptomeCharakterWie kann die Grundstimmung des Kindes beschrieben werden?
  • Ist es eher unkompliziert, fröhlich, lacht es viel, ist es ein „Sonnenschein“, zu Späßen aufgelegt, gesellig? Oder ist es eher ein „braves Kind“, schüchtern? Ist es Optimist, oder Pessimist? Wie steht es um Antrieb, neigt das Kind zur Eile, Hast? Wie ist es um die Ausdauer bestellt? Ist es schnell erschöpft? Ist das Kind schreckhaft, skeptisch, misstrauisch, neigt es zu Stirnrunzeln (schon bei Babys)? Ist es hartnäckig, trotzig, wütend, neigt es zu Zornausbrüchen? Ist es aggressiv, destruktiv, hat es Hassgefühle? Ist es streitbar, neigt es zum Widerspruch? Ist das Kind schnell beleidigt, schmollt es oft? Über wen oder was kann es sich ärgern? Neigt es zur Eifersucht, auf wen, wie äußert sich die Eifersucht?

  • Lassen sich Stimmungsschwankungen beobachten?

  • Ist es gleichgültig, überdrüssig, traurig mit oder ohne ersichtlichen Grund, neigt es zum Jammern?

  • In welchen Situationen weint das Kind, welche Wirkung hat das Weinen? Oder weint es nie? Ist es depressiv, autoaggressiv, suizidal? Wie geht es mit Ärger, Enttäuschung, Misserfolg, Kränkung und? Besteht eine hohe oder eher geringe Frustrationstoleranz? Wie steht es mit der Religiosität? Wie reagiert es in extremen Gefühlslagen?

Selbstbewusstsein und Sozialverhalten
  • SymptomeSozialverhaltenIst das Kind eher ein Egoist, will es im Mittelpunkt stehen, Anführer sein, Aufschneider? Oder ist es eher selbstlos, nachgiebig, folgsam, angepasst? Wie geht es mit seinem Eigentum um: sorgsam, großzügig, geizig?

  • Reagiert es empfindlich, z. B. auf Tadel, Kritik, ist es schnell beleidigt?

  • Ist es liebesbedürftig, verschmust, zärtlich, leidenschaftlich, hat es viel Phantasie? Leidet es an Heimweh? Wie wird Hilfe angenommen?

  • Zeigt das Kind Mitgefühl, Mitleid, macht es sich Sorgen um andere und hat es Ängste um andere? Hilft es Kleineren und Schwächeren? Hat es Sorge, dass einem geliebten Menschen oder einem anderen etwas passieren könnte. Wie ist sein Verhältnis zu Tieren. Zeigt es Verantwortungsgefühl?

  • Neigt es zu starkem Fremdeln, ist es eher intro- oder extrovertiert? Ist es gesellig, aggressiv, zurückgezogen, Einzelgänger, Eigenbrötler Wie viele Freunde hat es? Mag es schon außer Haus übernachten? Spielt es am liebsten allein oder kann es nur spielen, wenn andere dabei sind?

  • Verlangt/erwidert es Zuneigung? Kann es bestimmte Personen nicht leiden und warum? Erzählt es, was im Kindergarten, in der Schule los war? Kann es gut mit den Eltern oder anderen über seine Probleme sprechen oder behält es diese lieber für sich? Wie reagiert es auf Widerspruch, Kritik und Tadel?

Kummer
  • Gibt es einen großen Kummer? Was war der bisher größte Kummer?

  • Ist das Kind für Trost gut empfänglich? Wie lässt es sich am besten trösten? Lässt es sich in den Arm nehmen und von wem? Tröstet es selbst gern andere? Beispiele nennen lassen.

Ängste, Zwanghaftes, Wahnideen
SymptomeCharakterSiehe auch Angststörungen (21.11), Schulphobie (5.13).
  • Hat das Kind Furcht vor Alleinsein, Dunkelheit, Einschlafen, Krankheit, Sterben, Zukunft, Blamage, Versagen, Liebesverlust, engen Räumen, Höhe, Herunterfallen, Wasser, spitzen Gegenständen, Einbrechern, Gespenstern, Tieren (welche), Gewaltszenen, Gewitter?

  • Hat es Kindergarten-, Schul-, Prüfungs-, Erwartungsangst? Besteht Mangel an Selbstvertrauen? Hat es Furcht vor unbekannten Situationen, vor Fremden, in der Öffentlichkeit, in einer Menschenmenge? In welchen Situationen fühlt es sich am unwohlsten?

  • Neigt es zum Beißen der Fingernägel, Fußnägel, zu neurotischen Verhaltensweisen? Gibt oder gab es bestimmte Rituale, Stereotypien, dass es z. B. Tag und Nacht an eine bestimmte Sache denkt?

Vorlieben, Begabungen, Hobbies
  • Was ist die Lieblingsbeschäftigung? Was macht das Kind ausgesprochen gerne? Spielt es am liebsten drinnen oder draußen?

  • Hobbies: Sport, Lesen, Technisches, Computer, Basteln, Singen, Theaterspielen, Tanzen, Musikalität. Was löst Musik aus?

  • Womit kann man ihm einen großen Gefallen tun? Was war die größte Freude im Leben?

Struktur, Ordnung
  • SymptomeCharakterWie ist der Patient organisiert, chaotisch, ordentlich, pünktlich, gewissenhaft, pedantisch, ehrlich?

  • Schriftbild

  • Wie steht es um die Geduld, Frustrationsschwelle, Ausdauer?

  • Wie ist das Verhältnis zu Schmutz und Sauberkeit?

  • Ist das Kind eher ruhig, langsam oder hastig?

Intellekt, Gedächtnis, Konzentration, Ausdauer
  • Langzeit-, Kurzzeitgedächtnis, für Namen, Zahlen, Personen, Tätigkeiten, Orte. Gedankenflucht. Sechster Sinn, Hellsichtigkeit.

  • Lernprobleme: ablenkbar, zerstreut. Fehler beim Sprechen, Rechnen, Lesen, Schreiben, Verwechseln von Buchstaben, Silben (5.12). Fehler aus Leichtsinn? Beispiele nennen lassen. Schulkopfschmerzen (20.1)

  • Sprache: schroffe, langsame Antworten, Sprachstörungen, Stottern, Logorrhö.

Ergiebig sind meist, selbst bei zurückhaltenden Patienten oder Eltern, die Fragen nach den folgenden weiteren Allgemeinsymptomen.
Schlaf
  • SymptomeSchlafViel oder wenig Bedarf, Einschlafen, Schlaflage, im Sitzen, Knie-Ellenbogen-Lage?

  • Unruhig, aus dem Bett fallen, Sprechen, Lachen, Weinen, Aufschreien, (Alb-)träume, Pavor nocturnus?

  • Pseudokrupp, Zähneknirschen, Schnarchen, Herzklopfen. Schwitzen?

  • Augen offen, Mund offen?

  • Lieber harte oder weiche Unterlage?

  • Bettwärme, Abdecken, Füße raus. Erwachen?

  • Schlafunterbrechung (welche Uhrzeit), Schlafwandeln?

  • Hunger, Durst?

  • Drängt ins Bett der Eltern, Einnässen. Mondphasen?

Schwindel
SymptomeSchwindelIn welcher Lage, bei Höhe, Bewegung, Drehen. Drehschwindel nach rechts, links, Reise/Seekrankheit. Begleitsymptome (Übelkeit, Erbrechen)?
Schmerzen
  • Un-, überempfindlich auf Schmerzen?

  • Schmerzcharakter, Lokalisation, Ausstrahlung?

  • Modalitäten, wodurch besser, schlechter, welche Körperposition bessert, verschlechtert?

Appetit, Durst, Gier nach, Abneigung, Unverträglichkeit, Tagesmahlzeiten
  • Milch, Ei, Fett, Butter, Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Obst, Gemüse, Süßes, Saures, Essig Salziges, Scharfes, Pikantes, Gewürze, Schleimiges, Heißes, Warmes, (Eis-)kaltes, Nicht-Essbares wie Kalk, Erde, Sand, Asche oder Dreck.

  • Hunger und Durst (wann?). Nicht aussagekräftig ist, wenn etwas lediglich „gern“ gegessen wird. Pizza, Pommes, Nudeln, Süßigkeiten sind heute allgemein beliebt. Es zählt nur, was wirklich gierig verlangt wird sowie v. a. ausgeprägte Abneigungen.

Wärme, Kälte
  • Verfroren, kalte Füße, Hände, warmblütig? Wieviel Kleidung braucht es?

  • Wie werden enge Kleidung, Kragen, Gürtel toleriert?

  • Barfuß Laufen, Schwitzen (wann, wo), Anstrengung, Frieren (wann, wo)?

  • Verlangen nach frischer Luft, Zu- und Abdecken im Schlaf?

Tages-, Jahreszeiten, Umgebung, Modalitäten
  • ModalitätenWann schlechter, besser?

  • Periodizität, drinnen, draußen, möchte nie oder immer raus?

  • Meer, Gebirge, Höhe, Reise-, Seekrankheit?

Wetter und Jahreszeiten
Reaktion auf Kälte, Frost, Hitze, Schwüle, Föhn, frische Luft, Wind, Zugluft, Wetterwechsel, Sonne, Nebel, feucht, trocken, Schneefall, Gewitter.
Lateralität
  • Rechts, links, rechts → links, links → rechts

  • Wechselnde Seiten, diagonal (z. B. links oben und rechts unten)

Auslösung
  • Wetter, Zugluft, Umwelt, Bewegung, Stress

  • Kummer, Enttäuschung, Ärger, Überforderung

  • Unfall, Schock, Operation, Emotionen

Widersprüchliche Symptome, Modalitäten
  • ModalitätenSymptomeModalitätenHitzegefühl ohne Fieber, Frieren bei Fieber, Durstlosigkeit bei Fieber; Verlangen nach Zudecken in der Fieberhitze

  • Halsweh > beim Schlucken von festen Speisen, Husten < je länger er hustet, Tinnitus > durch Musik, Magenschmerzen > durch Essen, Leeregefühl im Magen nicht > durch Essen, Druck auf schmerzende Stellen >, etc.

  • Lachen über ernste Dinge; Verlangen nach Zuneigung aber Abneigung gegen Trost

Typischer Tagesablauf
Genau schildern lassen.
Wünsche
  • Was würde das Kind sich wünschen, was würde es gerne an sich anders haben wollen? Kinder beantworten gerne Fragen nach Wünschen.

  • So viele Wünsche nennen lassen, wie sie wollen, die Reihenfolge des Genannten ist interessant.

Mit solchen Fragen bekommt man meist gute Informationen über die Individualität des Kindes.
Auswärtige Untersuchungsbefunde
Bisherige Therapien und Medikamente, ihr Erfolg und Nebenwirkungen.

Typische Verhaltensweisen und ihre Mittel

SymptomeVerhaltensweisenAllein durch die Beobachtung der Kinder während der Anamnese können sich rasch Hinweise auf bestimmte homöopathische Mittel ergeben, es werden erste vorläufige Mitteldiagnosen schnell an den Rand notiert, um sie später durch gezielte Fragen zu überprüfen. Die folgenden Beispiele von Typisierungen sind von solchen Anamnese-Randnotizen gesammelt und der Anschaulichkeit halber hier im Buch bewusst etwas einseitig zugespitzt und pauschalisiert gehalten. Jede Voreingenommenheit schon während der Anamnese aber ist ein Fehler, vor dem schon Hahnemann warnte (vgl. Organon, § 83: Diese individualisierende Untersuchung eines Krankheits-Falles … verlangt von dem Heilkünstler nichts als Unbefangenheit und gesunde Sinne, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Aufzeichnen des Bildes der Krankheit).

Info

Eine einschlägige Familienvorbelastung kann ein Hinweis auf eine Krankheitsnosode, wie z. B. auf Tuberculinum oder Carcinosinum, sein.

Charakter
SymptomeCharakterSchon die Aufgeschlossenheit, Zugewandtheit und Herzlichkeit, mit der die Begrüßung erwidert wird, kann Rückschlüsse auf das Simile geben. Phosphorus-Konstitutionen lächeln immer strahlend zurück, wenn sie freundlich angesprochen werden, manche beugen sich über den Tisch dem Gesprächspartner entgegen, obwohl sie vor Betreten der Praxis Angst vor dem Arztbesuch hatten. Das haben sie gemein mit den Sepia-Mädchen, die aber ganz zugänglich werden können, wenn man sie auf kameradschaftlicher Ebene anspricht.
Hyoscyamus ist eher albern, noch mehr als Phosphorus das sein kann, Stramonium impulsiv, Platinum und Veratrum kokett bis frivol, Sulphur von Haus aus fröhlich, unkompliziert, neugierig bis stürmisch. Calcium carbonicum und Pulsatilla (Abb. 2.1) tun in der Regel brav das, wozu die Mutter sie ermuntert, wenn sie nicht zu dickschädelig oder zu schüchtern sind.
Strenger, skeptischer schaut da schon Lycopodium. Es runzelt schon als Säugling die Stirn. Es kann richtig verdrießlich sein, mag nicht die Hand geben oder sich untersuchen lassen. Lycopodium gehört zu den Mitteln, die wie Pulsatilla, Calcium carbonicum, Barium carbonicum und Silicea (Abb. 2.2) die Mutter nicht aus den Augen lassen. Wenn man eine Frage an sie richtet, kann man sie damit in Verlegenheit bringen. Sie rücken nur höchst ungern von ihrem Gewohntem ab und haben Scheu vor allem Neuen, auch vor Speisen, die sie nicht kennen.
→Gemüt – Klammern – Kinder – Mutter, an die (4): bar-c, puls, sil, …
→Gemüt – Klammern – Kinder – fasst immer die Mutter an der Hand (15): bism, bor, gels, kali-c, lil-t, lyc, phos, sanic, stram, …
→Gemüt – Furcht – allgemein – unternehmen, irgendetwas zu – Unternehmungen, neuen (6): cupr, lyc, plb, sil, …
→Gemüt – entmutigt, verzagt – Kindern, bei [Jahr] (1): lyc
→Gemüt – entmutigt, verzagt – Weinen, mit (8): bar-c, carb-v, chin-s, laur, lyc, nux-v, …
→Gemüt – introvertiert (73): aur, carc, cham, chin, cocc, ign, med, merc, puls, sep, staph, …
→Gemüt – kokett – übermäßig – Kindern, bei (9): ambr, lach, phos, plat, puls, sulph, verat, …
→Gemüt – küsst (Synthesis auch: umarmt) – jeden (10): croc, hyos, phos, plat, stram, verat, …
Reaktionen auf Kontaktangebote
VerhaltensweisenKontaktDie unterschiedliche Art und Weise, auf welche Weise Kinder Kontakt mit ihrer Umgebung aufnehmen, hat naturgemäß viel mit dem inneren Selbstbild zu tun, welches in die Konstitution mit eingeht. Neben einer hereditären Komponente spielen Einflüsse der Erziehung in den ersten Lebensjahren eine große Rolle.
Barium carbonicum, China, Chamomilla, Natrium muriaticum, Ignatia, Staphisagria, Arsenicum mögen den Blick- und Körperkontakt weniger, Barium carbonicum hält die Hand vors Gesicht, schaut aber zwischen den Fingern hindurch, Natrium muriaticum dreht sich gar zur Wand, wenn es angesprochen wird. Silicea sieht man erst gar nicht, es versteckt sich ängstlich hinter der Mutter. Am untersuchungsresistentesten können Antimodium crudum und Iodium werden.
→Gemüt – Furcht – allgemein – Arzt nicht sehen, will den, er scheint ihr Angst und Schrecken einzuflößen (15): arg-n, arn, ign, nat-m, nux-v, phos, sep, stram, …
→Gemüt – Kinder – gezerrt, am Arm der Mutter hinterher (1): sil
→Gemüt – Beschwerden durch – angesehen wird, wenn man – kann nicht ertragen [Murphy] (31): ant-c, ant-t, ars, calc, cham, cina, lyc, nat-m, tub, …
→Gemüt – Ärger, Zorn, Wut – allgemein – angesehen, wenn (10): ant-c, cham, iod, nux-v, sil, …
→Gemüt – angesehen werden – kann nicht ertragen – dreht sich zur Wand, wenn angesprochen (1): nat-m
→Gemüt – Furcht – allgemein – angesehen zu werden (8): ars, bar-c, calc, rhus-t
→Gemüt – weinen – allgemein – Kindern, bei – angesehen, wenn (3): ant-c, ant-t, brom
→Gemüt – lachen – allgemein – angesehen, wenn (1): lyc
→Gemüt – angesprochen – agg. [Pennekamp] (11): ars, nat-m, nux-v, sep, sil, staph, …
→Gemüt – Reizbarkeit, Gereiztheit – allgemein – angesprochen, wenn (33): ars, aur, bry, carc, cham, gels, graph, hyos, nat-m, nit-ac, nux-v, rhus-t, sep, si, staph, stram, sulph, …
→Gemüt – weinen – allgemein – angesprochen, wenn (12): ign, med, nat-m, plat, staph, …
→Gemüt – wimmern – angesprochen, wenn (1): tub
→Gemüt – empfindlich, überempfindlich – allgemein – Berührung, gegen (118): arn, ars, bell, hep, kali-c, lach, mag-p, merc, nux-v, op, phos, staph, tarent, …
→Gemüt – Furcht – allgemein – Berührung, vor (42): arn, bell, cham, chin, hep, ign, kali-c, lach, lyc, nux-v, phos, tarent, …
→Gemüt – auffahren, schreckhaft – Berührung, bei (15): bell, cocc, kali-c, kali-p, kali-sil, sil, stram, …
→Gemüt – weinen – allgemein – Berührung, bei (7): ant-c, ant-t, cham, cina, hyos, sil, stram, …
→Gemüt – Ärger, Zorn, Wut – allgemein – berührt, wenn (9): ant-c, cham, cina, iod, lach, tarent, …
→Gemüt – verstecken, Verlangen sich zu (38): bar-c, bell, hell, ign, lach, lyc, puls, staph, stram, tarent, verat, …
Schüchtern und introvertiert
VerhaltensweisenSchüchternheitDie schüchternen und mehr introvertierten Kinder lassen lieber die Eltern reden und antworten. Wenn sie direkt angesprochen werden, schauen sie die Eltern an oder flüstern der Mutter die Antwort in das Ohr (Silicea) oder bringen sich auf ihrem Schoß in Sicherheit: Pulsatilla nickt dann schon mal bestätigend mit dem Kopf. Silicea, Natrium muriaticum, schüchterne Calcium carbonicum und Calcium silicatum, können nicht vertragen, dass über sie gesprochen wird. Natrium muriaticum unterbricht sogar die Mutter, wenn es der Meinung ist, es werde zu viel von ihm verraten. Lycopodium unterbricht ebenfalls und korrigiert energisch, wenn etwas Negatives über ihn gesagt wird. Calcium carbonicum und seine Salze schämen sich dann eher still.
→Gemüt – antworten – Abneigung zu (93): agar, ant-c, arn, aur, bry, cham, hyos, kali-p, nat-m, ph-ac, phos, puls, sul-ac, sulph, …
→Gemüt – antworten – weigert sich zu antworten (31): agar, arn, chin, hell, hyos, phos, stram, sulph, verat, …
→Gemüt – Furcht – allgemein – beobachtet werden könnte, dass ihr Zustand (15): bar-s, calc, chel, …
→Gemüt – Furcht – allgemein – lächerlich gemacht zu werden [Borland] (1): calc
→Gemüt – empfindlich, überempfindlich – allgemein – andere über sie sagen, was (4): bar-s, germ, stann, staph
→Gemüt – Reden, redet – allgemein – anderer agg. – über sie (6): bar-c, hyos, ign, pal, stann, staph
Neugier
VerhaltensweisenNeugierAndere Kinder stellen ihrerseits tausend Fragen, wollen alles vom Untersucher wissen, verlieren jegliche Distanz, hüpfen ihm gar auf den Schoß.
→Gemüt – wissbegierig, neugierig – [Synthesis: spioniert alles aus] (19): agar, aur, laur, puls, calc, carb-v, hyos, lyc, sep, sulph, …
→Gemüt – Indiskretion, Taktlosigkeit (33): puls (mit Künzli-Punkt), bar-c, hyos, ign, lach, nat-m, nux-v, staph, stram, verat, …
Äußeres Erscheinungsbild
VerhaltensweisenErscheinungsbildBei manchen Konstitutionstypen fällt eine Entsprechung des äußeren Erscheinungsbildes mit ihrer inneren Wesensart auf. So entspricht die offensive Freundlichkeit des tuberkulinisch-phosphorischen Typus manchmal einem attraktiven Äußeren, zumal diese Kinder auch ein Talent haben, sich besonders schick anzuziehen. Sie möchten einfach gefallen oder auffallen. Auch Pulsatilla sieht gern nett und mädchenhaft aus, Lycopodium hat oft einen schönen Kopf und ein „klassisches“ Gesicht, Arsenicum feine Gesichtszüge, Calcium carbonicum kann dagegen ein echter „Wonneproppen“ sein. Sulphur wirkt durch seine forsche und aufgeschlossene Art ebenfalls auf den ersten Blick sympathisch, auch wenn es nicht immer hübsch ist und keinen besonderen Wert auf gepflegte Erscheinung legt.
Dem gegenüber kennen wir die defensive Zurückhaltung von Natrium muriaticum, das unter seinem manchmal unvorteilhaften Aussehen leidet (besonders, wenn es auch noch einen stärkeren Sehfehler, z. B. das Auswärtsschielen hat und sich deshalb nicht mit seinem Äußeren in Szene setzen kann). Es lässt sich ungern fotografieren und leidet unter seiner Pubertätsakne noch mehr als Lycopodium, Pulsatilla oder Sulphur. Seine Kleidung ist in der Regel unauffällig. Wenn es dann in der Pubertät ein gewisses Modebewusstsein entwickelt, geht es entweder in die solide klassische oder in eine verweigerungsbetonte, oppositionelle „punkige“ Richtung (Abb. 4.12).
Die nahe typverwandte Sepia wirkt auf ihre besondere Art oft attraktiv, leistet sich auch vergleichsweise mehr modische Extravaganzen, hat aber prinzipiell ähnliche Komplexe wie seine Komplementärmittel Natrium muriaticum und Phosphorus, nämlich eine tiefsitzende Angst, nicht verstanden, angenommen, enttäuscht oder verlassen zu werden. Die Kompensation solcher Grundängste leistet jedes Mittel auf seine spezielle Weise.
→Allgemeines – attraktives Äußeres bei Kindern (2): ars, tub
→Augen – Haare – Wimpern – lang und seidig (4): carc, gaert, phos, tub
→Gemüt – hübsch, anziehend – vom Wesen her [Synthesis] (2): aur-m (Springer), plat (Morrison)
→Gemüt – geziert, geckenhaft, Schönling (7): chin, lach, nux-v, phos, plat, thuj, verat, …
→Gemüt – Eleganz, Mangel an (8): caps, nat-c, nat-m, nux-v, sil, sulph, …
→Gemüt – Eleganz, Anmut [Synthesis] (4): sil (Morrison), plat, china, verat
→Gemüt – geschmackvoll [Synthesis] (4): carc (Sankaran), dulc, kal-s, vanil
→Gemüt – Wahnidee, Körper – hässlich aussehen; der Körper würde [Synthesis] (10): thuj, tub, cham, nux-v, …
→Gemüt – Träume – Körper, Körperteile – entstellt, deformiert (4): nux-v, sep, …
→Gemüt – Träume – Körper, Körperteile – Gesicht – entstellt [Hahnemann] (1): sep
Die folgenden Gemütsrubriken enthalten sowohl Natrium muriaticum als auch Phosphorus und Sepia:
→Gemüt – Beschwerden durch – Alleinsein (42)
→Gemüt – Gesellschaft, Gemeinschaft, Geselligkeit – Verlangen nach – allein, agg. wenn (60)
→Gemüt – Beschwerden durch – Liebe, enttäuschte, unglückliche (40)
→Gemüt – mitfühlend – Kindern – bei (16)
→Gemüt – beeinflussen, beeindrucken, leicht zu – Kindern, bei (32)
Autonomie, Kontakte und Spielen
VerhaltensweisenAutonomieNach diesem Exkurs über das Erscheinungsbild, wobei wir uns vor übereilten Diagnosen hüten sollten, wenden uns wieder dem Erkennen weiterer objektiver Eigenschaften zu. Folgt das Kind den Anweisungen der Eltern oder besteht es auf seinem Standpunkt oder einem bestimmten Wunsch?
→Gemüt – Widerspruch – duldet keinen – Regeln, gegen die, bei Kindern (14): caps, caust, hep, med, nux-v. phos. plb, staph, sulph, tarent, tub
→Gemüt – Widerspruch, allgemein – erträgt, keinen Widerspruch – Kindern, bei [SynthTE 2009] (8): carc, cham, chin, ign, nux-v, tub, …
→Gemüt – Widerspruch – Neigung zu widersprechen – Kindern; bei [SynthTE2009] (1): cina (Boericke)
→Gemüt – eigensinnig, – Kinder (35): bac, calc, carc, cham, cina, lyc, nux-v, sil, tub, …
Wie verläuft die Interaktion zwischen den Geschwistern?
→Gemüt – Eifersucht – allgemein – Kinder – zwischen (6): ars, calc-s, carc, nat-m, nux-v, sep, …
→Geist und Gemüt – Eifersucht auf neugeborenes Geschwisterchen und Beschwerden davon [Pennekamp] (14): bar-c, hyos, ign, lach, lyc, nat-m, nux-v, stram, tarent, verat, …
Alle Kinder spielen normalerweise gern, oder nicht? Für welche Spielarten und Spielsachen (z. B. Puppen, Tiere, Autos) interessieren sie sich und wie gehen sie damit um? Dies lässt sich in der Praxis gut beobachten.
→Gemüt – spielen – Verlangen nach, verspielt (30): cocc, con, bufo, cann-i, med, phos, tarent, …
→Gemüt – spielen – Abneigung gegen, bei Kindern (18): bar-c, calc, cina, hep, lyc, rheum, sep, sulph, tub, …
→Gemüt – Ungeduld – Spielen von Kindern, beim (1): anac (Hahnemann)
→Gemüt – spielen – Verlangen nach, verspielt – Spielzeug, mit kindlichem (2): bar-c, cic
→Gemüt – spielen – Verlangen nach, verspielt – Verstecken (1): bell (Knerr)
→Gemüt – spielen – Verlangen nach, verspielt – Wasser, im: (1) lac-del
→Gemüt – spielen – Glücksspiel, Leidenschaft für das (19): ars, calc, lyc, mag-c, merc, nux-v, sulph, …
→Gemüt – spielen – sieht lieber zu, als dass er mitspielt (1): calc (Vithoulkas)
→Gemüt – spielen – üble Streiche, Schuljungen spielen anderen oder ihren Lehrern (2): lach, zinc
→Gemüt – spielt nicht, Kind, vergnügt sich nicht (1): hep (Murphy)
→Gemüt – Wahnidee, Einbildung – Tieren, von – spiele mit (1): calc
→Gemüt – Gesten, macht – spielt mit – Fingern (11): calc, con, hyos, tarent, …
→Gemüt – Gesten, macht – spielt mit – Händen (1): calc (Bönninghausen)
→Gemüt – Gesten, macht – spielt mit – Knöpfen seiner Kleidung (5): bell, calc, mosch, nux-v, staph, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – allgemein – Kindern, bei – will spielen und lacht, Kind (1): cypr (Schmidt, P)
Kann es sich selbstständig beim Spielen beschäftigen oder ob braucht es immer die Mutter, Gesellschaft oder Publikum?
→Gemüt – Gesellschaft, Gemeinschaft, Geselligkeit – Verlangen nach (132): phos, arg-n, ars, bism, hyos, kali-c, lyc, stram, … (nachts) … (s. auch Unterrubriken und Verweise)
→Gemüt – Wahnidee, Einbildung – vernachlässigt – hält sich für (14): arg-n, naja, nat-m, pall, puls, sep, …
Wie systematisch und geordnet spielen sie? Ordnen sie Spielsachen in einer Reihe an o. ä., räumen sie freiwillig wieder auf?
→Gemüt – gewissenhaft in Bezug auf Kleinigkeiten (24) [Pennekamp]: ars, lyc, calc, cham, cupr, hyos, ign, nat-c, nux-v, puls, …
Wie geschickt können sie sich an- und ausziehen?
→Gemüt-unbeholfen, linkisch – Kindern, bei [SynthTE2009] (8): caps, dulc, lyc, med, plb, rheum, thuj, vanil, …
Wild und ungestüm
VerhaltensweisenWildheitBei Sulphur- (Abb. 2.3), Tuberculinum- sowie bei den Nachtschatten- und Kamillen-Kindern geht so richtig die Post ab. Sie machen sich voller Bewegung und lautstark meist schon im Wartezimmer bemerkbar, noch bevor man sie zu Gesicht bekommt. Sie durchstöbern jeden Winkel des Sprechzimmers, ziehen alle Schubladen auf, stehen plötzlich neben einem, nehmen alles in die Hand und verstreuen es in der ganzen Praxis, um beim Verlassen ein Bild des Chaos zu hinterlassen.
→Sprechen und Stimme – Stimme – laut [SynthTE2009] (19): sulph, bell, hyosc, stram, verat, …
→Gemüt – berühren, Drang Dinge zu (11): bell, carc, cina, hyos, lac-del, merc, sulph, thuj, …
→Gemüt – impulsiv (46): acon, anac, ars, bell, hep, hyos, lyc, nux-v, puls, staph, stram, tarent, tub, verat, …
→Gemüt – Zerstörungswut, Destruktivität (57): bac, bell, c, carc, cham, hep, hyos, ign, iod, med, nux-v, stram, tarent, tub, verat, …
→Gemüt – chaotisch (60): agar, ars, bell, canth, chin, hell, ign, ip, kali-c, lach, merc, nux-v, ph-ac, phos, puls, staph, stram, thuj, …
→Gemüt – unordentlich (15): sulph, psor, …
Gegen jegliche Fremdbestimmung
Insbesondere bei manchen Sulphur-, Sepia- und Lycopodium-Kindern mit ausgeprägtem Ego habe ich erlebt, dass sie sich trotz sonstiger Furchtlosigkeit und Unkompliziertheit bei Ärzten nicht untersuchen, von der Mutter nicht wickeln lassen und sich im Kindergarten nicht an Gruppenspielen beteiligen, weil sie jede Art von Fremdbestimmung missbilligen.
→Geist und Gemüt – Einmischung in sein Leben nicht vertragend [Pennekamp] (6): ant-c, carc, nat-m, sil, sulph, tub, …
→Gemüt – emotional schwierig zu führen, selbstständig, nicht manipulierbar [Pennekamp] (5): nat-m, sep, sil, sulph, tub

Trauma und Tabu

TabuTrauma„Andere, entgegengesetzt geartete Personen aber, halten theils aus Trägheit, theils aus mißverstandener Scham, theils aus einer Art milder Gesinnung oder Blödigkeit, mit einer Menge von Beschwerden zurück, bezeichnen sie mit undeutlichen Ausdrücken oder geben mehrere als unbedeutend an.“ (Organon, § 97)
Bei Kindern und Jugendlichen, die in der Anamnese durch eine schwer zu durchdringende Mauer der Verschlossenheit auffallen, sollte man auch an traumatisierende Erfahrungen denken. Bereits Hahnemann machte auf die Schwierigkeiten der Anamnese bei tabuisierten Problemen und traumatisierten Patienten aufmerksam und riet zu indirekter und „behutsamer Erkundigung“ mit „klüglichen Wendungen der Fragen“ bei dem Versuch, den Kernpunkt einzukreisen. Neben Tatbeständen, die dem Patienten vielleicht peinlich sind, bringt er auch heute noch gültige Konstellationen eines gestörten Familienfriedens als Krankheitsauslöser zur Sprache.

„Ist die Krankheit seit Kurzem, oder bei einem langwierigen Übel, vor längerer Zeit durch ein merkwürdiges Ereigniß verursacht worden, so wird der Kranke – oder wenigstens die im Geheim befragten Angehörigen – es schon angehen, entweder von selbst und aus eignem Triebe oder auf eine behutsame Erkundigung. Den etwaigen entehrenden Veranlassungen, welche der Kranke oder die Angehörigen nicht gern, wenigstens nicht von freien Stücken gestehen, muss der Arzt durch klügliche Wendungen der Fragen oder durch andere Privat-Erkundigungen auf die Spur zu kommen suchen. Dahin gehören: Vergiftung oder begonnener Selbstmord, Onanie, Ausschweifungen gewöhnlicher oder unnatürlicher Wohllust, Schwelgerei in Wein, Liqueuren, Punsch und andern hitzigen Getränken, Thee, oder Kaffee, – Schwelgen in Essen überhaupt oder in besonders schädlichen Speisen, – venerische oder Krätz-Ansteckung, unglückliche Liebe, Eifersucht, häußlicher Unfriede, Ärgerniß, Gram über ein Familien-Unglück, erlittene Mißhandlungen, verbissene Rache, gekränkter Stolz, Zerrüttung der Vermögensumstände, – abergläubige Furcht, – Hunger – oder etwa ein Körpergebrechen an den Schamtheilen, ein Bruch, ein Vorfall usw.“

(Organon, § 93 mit Anm.)

Info

Menschen, die seelisch traumatisiert sind, leiden oft unter einem chronifizierten Kummerzustand, der in der Anamnese nicht spontan thematisiert wird. Er überlagert manchmal lebenslang ihre Gemütsverfassung und kann sogar, wie die neuere Hirn- und Traumaforschung nachgewiesen hat, epigenetisch weitergegeben werden, gewissermaßen als mentales Miasma. Die Anamnese führt dann zu Topi, wie u. a. Verletzung, Verlust, stiller Kummer, weinen/nicht weinen, reden/nicht reden, Verschlossenheit, Blockaden, traumatisches Delirium (z. B. lach).

Auch die ältere homöopathische Literatur hat sich damit befasst und vieles davon ist in die Repertorien eingeflossen (vgl. Heilungshindernisse [3.7] sowie anhaltende psychische Belastung und schwere emotionale Störungen [21]).

→Gemüt – antworten – weigert sich zu antworten (33): agar, arn, ars, atro, bac, bell, chin, chin-ar, cimic, hell, hyos, phos, sulph, …
→Gemüt – antworten – allgemein – Befragung, bei – sagt nichts, teilnahmslos, antwortet nicht (14): colch, hyos, mosch, op, tarent, thuj, zinc, …
→Gemüt – antworten – einsilbig – Nein, auf alle Fragen mit – oder Ja (2): puls, tub
→Gemüt – antworten – einsilbig – Nein, auf alle Fragen mit (5): crot-c, hyos, kali-br, puls, tub
→Gemüt – reden, redet – Abneigung zu, Schweigsamkeit – Schreck, nach (1): ign
→Gemüt – reden, redet – Abneigung zu, Schweigsamkeit – Krankheit oder Verletzungen, über [Knerr] (1): bapt
→Gemüt – reden, redet – Abneigung zu, Schweigsamkeit – Masturbation, nach [Knerr] (1): staph
→Gemüt – reden, redet – Abneigung zu, Schweigsamkeit – Begleitung, in (2): arg, hydrog
→Gemüt – Kummer, Trauer – allgemein – still, schweigsam – Liebe, bei enttäuschter (1): ign [Minton]
→Gemüt – Kummer, Trauer – allgemein – still, schweigsam (26): apis, carc, Ign, lach, lyc, nat-m, nux-v, ph-ac, puls, …
→Gemüt – wendet sich zur Wand, wenn angesprochen [Winterburn] (1): nat-m
→Gemüt – angesehen werden – kann nicht ertragen – dreht sich zur Wand, wenn irgendjemand mit ihm redet (1): nat-m
→Gemüt – Furcht – allgemein – beobachtet werden könnte, dass ihr Zustand (11): calc, chel, choc, falco-p, germ, lap-c-b, lap-mar-c, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Blamage, Beschämung – körperliche Symptome durch (7): coloc, plat, sep, staph, …
→Gemüt – weinen – allgemein – erzählt, wenn sie von ihrer Krankheit (14): carc, ign, med, nat-m, puls, sep, staph, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Liebe, enttäuschte, unglückliche (40): aaur, hyos, ign, lach, nat-m, nux-m, ph-ac, phos, sep, staph, …
→Gemüt – Suizidalität – Liebe, aus enttäuschter (6): ant-c, aur, bell, caust, hyos, staph
→Gemüt – Beschwerden durch – Unstimmigkeiten zwischen – Verwandten, Freunden (12): ars, hep, lach, nat-m, nux-v, sulph, …
→Gemüt – Verlassenheitsgefühl – ungeliebt von Eltern, Ehefrau, Freunden, fühlt sich (7): ars, calc, lyc, mag-c, sep, sil, sulph
→Gemüt – Traurigkeit, Trübsinn, Niedergeschlagenheit, Depression, Melancholie – Verlust, nach – Tod der Mutter (1): lim-b-c
→Gemüt – Beschwerden durch – Tod – Eltern oder Freunden, von (15): ambr, ars, calc, caust, ign, kali-br, lac-c, lac-h, lim-b-c, lyc, nit-ac, nux-v, plat, rhod, staph
→Gemüt – Beschwerden durch – Tod – Eltern oder Freunden, von – Mutter, der (2): lac-h, lim-b-c
→Gemüt – Beschwerden durch – Tod – Eltern oder Freunden, von – Vaters, des (1): rhod
→Gemüt – Beschwerden durch – Tod – Konfrontation mit, bei Kindern (21): acon, ambr, ars, calc, calc-sil, caps, carc, caust, gels, ign, kali-br, lach, nat-m, nit-ac, nux-v, op, ph-ac, plat, staph, sulph, verat
→Gemüt – Beschwerden durch – Tod – Todesfällen, eine Reihe von (1): ambr
→Gemüt – Beschwerden durch – Domination durch andere Personen, lang währende (8): carc, cupr-acet, falco-p, foll, lyc, mant-r, mosch, sep
→Gemüt – Beschwerden durch – Domination durch andere Personen, lang währende – Vaters, des (2): cupr-acet, mosch
→Gemüt – Beschwerden natürlicher Neigungen und Bedürfnisse (3): carc, sil, staph
→Gemüt – Beschwerden durch – Ehrgefühl, verletztes (13): aur, bamb-a, carc, cham, ign, kola, nat-m, nat-s, nux-v, pall, plat, staph, verat
→Gemüt – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung (11): ambr, aur-m, calc-p, carc, hyos, lyc, nat-m, staph, stram, thal, thuj
→Gemüt – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung – Kindheit, in der (4): carc, stram, thal, thuj
→Gemüt – Beschwerden durch – Missbrauch – sexuell – Vergewaltigung (9): acon, berb, caust, falco-p, foll, ign, sep, staph, stram
→Gemüt – Verzweiflung (197) (und Unterrubriken)

Ordnen und Werten (Hierarchisieren) der Symptome

SymptomeHierarchisierenHierarchisieren, SymptomeAus der mehr oder weniger großen Fülle der aufgenommenen Symptome müssen nun diejenigen ausgewählt werden, die Charakteristisches über die Individualität des Patienten aussagen. Es ist sinnvoll, zunächst nur die wichtigsten Äußerungen des Patienten zu markieren oder im Originalwortlaut aufzulisten. Anschließend sucht man im Repertorium nach derjenigen Rubrik, die den Sinn der Patientenaussage in der Sprache des Repertoriums am besten wiedergibt. Dabei sollte man vor subjektiven Interpretationen auf der Hut sein.
  • Je gewöhnlicher und verbreiteter ein Symptom ist, desto größer wird die Anzahl der Mittel in der betreffenden Rubrik sein.

  • Rubriken mit seltenen, auffallenden, außergewöhnlichen und frappierenden Symptomen werden weniger Mittel aufweisen, diese gilt es besonders genau anzusehen. Nicht immer bekommt man diese wichtigen Symptome vom Patienten auf dem Präsentierteller angeboten.

„Die Erforschung der obgedachten und aller übrigen Krankheitszeichen, muss deßhalb bei chronischen Krankheiten so sorgfältig und umständlich als möglich geschehen und bis in die kleinsten Einzelheiten gehen, theils weil sie bei diesen Krankheiten am sonderlichsten sind, denen in den schnell vorübergehenden Krankheiten am wenigsten gleichen, und bei der Heilung, wenn sie gelingen soll, nicht genau genug genommen werden können; theils weil die Kranken der langen Leiden so gewohnt werden, daß sie auf die kleinern, oft sehr bezeichnungsvollen (charakteristischen), bei Aufsuchung des Heilmittels viel entscheidenden Nebenzufälle wenig oder gar nicht mehr achten und sie fast für einen Theil ihres natürlichen Zustands, fast für Gesundheit ansehen, deren wahres Gefühl sie bei der, oft fünfzehn-, zwanzigjährigen Dauer ihrer Leiden ziemlich vergessen haben, es ihnen auch kaum einfällt, zu glauben, daß diese Nebensymptome, diese übrigen, kleinern oder größern Abweichungen vom gesunden Zustande, mit ihrem Hauptübel im Zusammenhange stehen könnten.“

(Organon, § 95)

Vorgehen

  • Hierarchisieren, SymptomeVorgehenFür die Behandlung akuter Krankheiten werden v. a. die aktuellen Symptome herangezogen, z. B. die des vollständigen Lokalsymptoms einschließlich der Begleitsymptome, die während der akuten Erkrankung aufgetreten sind.

  • Bei der Behandlung chronischer Krankheiten stellen die Akutsymptome Mosaiksteinchen im Gesamtbild der zugrunde liegenden Störung dar und müssen für das chronische Mittel nicht in jedem Fall wahlanzeigend sein.

Zur Gewichtung und Hierarchisierung der Symptome hat sich eine Methodik sehr bewährt, die auf James Taylor Kent zurückgeht. Künzli und Spinedi haben sie zur Grundlage der Mittelfindung gemacht und ihren Supervisionen immer wieder eingeübt. Dabei werden die Symptome in absteigender Rangordnung in fünf Gruppen aufgestellt.
Die Gruppen I und II besitzen das größte Gewicht, in ihnen sollte das Simillimum zu finden sein (Tab. 2.2). Prinzipiell aber kann jedes Symptom zum Simillimum führen. So können Symptome und dazugehörige Rubriken, die zunächst eigentlich den Gruppen II bis V zugeordnet sind, zur Gruppe I hochgestuft werden, wenn sie besonders auffallend und ungewöhnlich erscheinen.
Die Mittel, die insbesondere in Rubriken aus der Gruppe I. bis III. der Hierarchisierung häufig wiederkehren, sollten dann – z. B. durch Studium der Materiae medicae oder Prüfung ihrer miasmatischen Färbung – genauer daraufhin studiert werden, inwieweit sie dem Bild des Patienten am besten entsprechen. „Enthält nun das, aus der Symptomen-Reihe der treffendsten Arznei zusammengesetzte Gegenbild, jene in der zu heilenden Krankheit anzutreffenden, besondern, ungemeinen, eigenheitlich sich auszeichnenden (charakteristischen) Zeichen in der größten Zahl und in der größten Ähnlichkeit, so ist diese Arznei für diesen Krankheitszustand das passendste, homöopathische, specifische Heilmittel; eine Krankheit von nicht zu langer Dauer wird demnach gewöhnlich durch die erste Gabe desselben ohne bedeutende Beschwerde aufgehoben und ausgelöscht.“ (Organon, § 154)

Elimination unsicherer Symptome

Hierarchisieren, SymptomeEliminationElimination, SymptomeDamit nur solide und eindeutige Symptome verwertet werden, bleiben solche, die in ihrer Intensität und Häufigkeit nicht eindeutig geäußert werden, besser unberücksichtigt. Im Zweifelfall ist objektiv erkennbaren Symptomen der Vorzug zu geben vor Empfindungen und Gefühlen. Auch pathognomonische Symptome, die eher die Erkrankung selbst als die Reaktion des Patienten und seiner Lebenskraft charakterisieren, wie z. B. starker Durst bei Diabetes, sind mit Vorsicht zu bewerten bzw. hierarchisch weit unten anzusetzen auszuschließen. Um ein bestimmtes Symptom in der Auswertung nicht überbewertet erscheinen zu lassen, können Rubriken, welche die gleiche Aussage haben, zu einer Rubrik zusammengeführt werden.

Bewertung der Historizität

Wertvoll sind starke Symptome, die seit der frühen Kindheit vorhanden sind, oder Träume aus Kindheit und Jugend, die immer noch erinnert werden und Emotionen auslösen (Candegabe 2001).

Miasmatische Betrachtung

Hierarchisieren, Symptomemiasmatische BetrachtungMiasmatische Symptome (1.7) sind tiefsitzende Symptome. Ohne Berücksichtigung dieser Symptome läuft man Gefahr, nur oberflächlich zu behandeln und Palliation zu betreiben, ohne die tiefere Auslösung der Krankheit, das Miasma, zu beeinflussen. Nur wenn sich die miasmatischen Symptome im Lauf der Behandlung bessern, ist man auf dem richtigen Weg (3.1).
Schon ab der Neugeborenenzeit sind bei Kindern und Jugendlichen vererbte miasmatische Zeichen gut zu beobachten. Dabei können bestimmte Symptome verschiedene Miasmen (1.7) repräsentieren, wie sich auch verschiedene Miasmen bei derselben Person zeigen können. Aus der Fülle miasmatischer Defekte seien hier nur einige besonders typische Beispiele für Syphilinie, Tuberkulinie, Sykose aufgeführt (Laborde, Allen, Methner).
Übersicht über miasmatische Symptome
SymptomemiasmatischeMiasmenmiasmatische SymptomeMiasmatische Symptome (Tab. 2.3) können uns schon lange vor der Manifestation einer chronischen Krankheit warnen, mit welchem „Gegner“ man es zu tun bekommt. Die miasmatischen Symptome der Frühstadien (latente Psora, Sykose I, Syphilis I) sind unsere wertvollsten Angriffspunkte, um prophylaktische Medizin zu betreiben (Spinedi) und der miasmatischen Wirkungsblockade entgegenzuwirken (3.5.7).
Eine Aufzählung der miasmatischen Symptome findet man für die Psora bei Hahnemann („Die chronischen Krankheiten“ Band I), für sämtliche Miasmen bei J. H. Allen („Die Chronischen Krankheiten“) und bei Laborde („Die Hereditären Chronischen Krankheiten“).
Mental state einer miasmatischen Veranlagung am Beispiel von Tuberculinum
Zur Veranschaulichung einer miasmatischen Veranlagung folgen Verhaltensbeobachtungen bei Kindern und Heranwachsenden aus der Praxis des Verfassers, die mit dem in dieser Altersgruppe nicht selten notwendigen Heilmittel Tuberculinum bovinum Kent behandelt wurden. Es handelt sich um Kinder und Jugendliche, die sich sehr schwer tun mit sozialer Integration. Unbeständig und unberechenbar in ihren Impulsen können sie eine erhebliche Belastung in der Familie und anderen Gemeinschaften bedeuten. Plötzliche Temperaments- und Wutausbrüche mit Schreien, Zerstörungsdrang und Aggressionen gegen die Bezugspersonen, ja gegen sich selbst, können dazu führen, dass sie von anderen gemieden werden, was sie selbst von Herzen bedauern. Durch ihren ausgeprägten Ungehorsam, ihre Kompromisslosigkeit und Sturköpfigkeit (sprichwörtlich „mit dem Kopf durch die Wand“) fixieren sie ungewollt ihre isolierte Position. Im Gegensatz zu anderen Arzneimitteln mit vergleichbarem Aggressionspotenzial ist es ihnen jedoch in der Regel möglich, diese Ausbrüche zu bereuen und sich zu entschuldigen, nachdem der Impuls sich wieder beruhigt hat. Bewegungsfreudig, ruhelos und sprunghaft wechseln sie von einem Ort zum anderen, von einem Spielzeug zum anderen, von einem Freund zum anderen. Übererregbar durch alle Außenreize fallen sie im intellektuellen Bereich durch Konzentrationsmangel, Verwechseln von Dingen, Verwenden falscher Worte beim Reden, albernes Verhalten und Arbeitsunlust auf. Es gibt künstlerische, insbesondere musikalische Talente unter ihnen. Manche wirken ausgesprochen frühreif, auch auf sexuellem Gebiet mit Erektionen und Masturbation.
Man kann gut die Instabilität der Persönlichkeit und die daraus folgenden schlecht nachvollziehbaren Grenzüberschreitungen im Verhalten herauslesen, welche allen Erbnosoden zu eigen sind. Sämtliche großen homöopathischen Mittel haben eine multimiasmatische Prägung, die man kennen sollte, wobei oft ein einzelnes Miasma dominiert (Materia medica 23.2, Tuberculinum und die weiteren Erbnosoden Carcinosinum, Medorrhinum, Syphilinum, Psorinum).

Repertorisation

RepertorisationFür die aufgenommenen Symptome werden aus dem Repertorium diejenigen Rubriken herausgesucht, die den Inhalt der Patientenaussagen möglichst genau wiedergeben. Rubriken, bei denen fraglich ist, ob sie präzise zu dem Symptom des Patienten passen oder ob sie nicht vielmehr eine subjektive Interpretation des Patienten oder des Behandlers darstellen, sollte man besser von der Repertorisation ausschließen.

Stellenwert spezieller Rubriken und Mittel

Besondere Beachtung bei der Behandlung von Kindern verdienen die zahlreichen Rubriken und Unterrubriken mit dem Zusatz … „bei Kindern“ (Künzli). Sie liefern oft wertvolle Hinweise auf gute Mittel. Nachfolgend nur einige wenige weitere Beispiele für sehr viele dieser ausdrücklichen Kinderrubriken.
→Gemüt – eigensinnig, dickköpfig, stur – Kinder (36): ant-c, calc, caps, cham, chin, cina, stram, tub, …
→Gemüt – Eifersucht – Kindern, bei (14): ars, calc-s, carc, nat-m, …
→Gemüt – Reizbarkeit, Gereiztheit – allgemein – Kindern, bei (47): bac, calc-p, cham, chin, cina, mac-c, sil, staph, sulph, …
→Gemüt – mitfühlend – Kindern, bei (17): caust, in, ma-c, nat-m, staph, …
→Brust – Entzündung – Bronchitis – Kindern, bei (25): ant-t, calc, dulc, ip, kali-c, puls, sil, sulph, …
→Asthma – asthmatische Atmung – bei Kindern (48): cham, ip, kali-s, nat-s, puls, samb, …
→Rektum – Obstipation – allgemein – Kindern, bei (41): calc, cham, raph, hep, mag-m, nat-m, nux-v, op, sep, sil, …
→Allgemeines – Abmagerung – allgemein – Kindern, bei (Marasmus) (79): ars, bac, calc, calc-p, lyc, mag-c, nat-m, phos, puls, sanic, sil, tub, …

Praxistipp

In Kents „Repertorium Generale“, herausgegeben von Jost Künzli von Fimmelsberg und Michael Barthel, sind die von Jost Künzli verteilten Punkte (Künzli-PunkteKünzli-Punkte) im Druck wiedergegeben. In „Synthesis“, der Computerversion des Repertoriums von Frederik Schroyens kann man diese Markierung als rote Punkte aufrufen. Mit diesen Punkten wollte Künzli seine wertvollen, positiven therapeutischen Erfahrungen mit speziellen Rubriken oder bestimmten Mitteln in einer Rubrik weitergeben.

Tipps zur Computer-Repertorisation

  • Computer-RepertorisationBei sehr kleinen Rubriken mit nur wenigen Mittel bis zu Einmittelrubriken sollte man genau die Quellen nachlesen, auf den Autor und ggf. die Wertigkeit schauen! Im Zweifelsfall die nächst größere allgemeinere Rubrik verwenden oder dazuschalten.

  • In den großen modernen Repertorisationsprogrammen Complete und Synthesis werden durch fortlaufende Erweiterungen und Spezifizierungen zahlreiche neue Rubriken auch von zeitgenössischen Arzneimittelprüfungen und Autoren generiert. Gleichzeitig wird aber auch dem Computerbenutzer freigestellt, durch Möglichkeiten der Software auf ältere, „klassische“ Varianten des Repertoriums zurückzuschalten oder auf die Auswahl der Autoren Einfluss zu nehmen und solche abzuwählen, die ihm nicht als verlässlich genug erscheinen.

  • Die Programmierung der digitalen Repertorisationstechnik erlaubt dem Benutzer darüber hinaus zahlreiche Eingriffe in die Algorithmen des Systems. So können individuelle Varianten der Auswertung geschaltet werden, wie Höherbewertung ganzer Symptome/Rubriken oder Mittelgruppen bzw. Autoren, direkte Mittelvergleiche und vieles mehr.

Der Benutzer muss sich hier im Laufe des Gebrauchs selbst ein Urteil bilden, inwieweit er sich ein solches Feintuning einstellen möchte. Der Verfasser ist nach jahrzehntelangem Umgang mit Repertorisationsprogrammen in dieser Hinsicht eher zurückhaltend geworden.

Kasuistiken

Kasuistik

Mittelkorrektur durch genauere Anamnese bei akuter Verordnung (Michael Drescher)

Anamnese

Die elfjährige Katharina S. bekommt seit März im Rahmen einer sehr erfolgreichen Konstitutionsbehandlung Lycopodium wegen Heuschnupfen. Letzte Einnahme: Lycopodium X M am 4. September. Am 1. November hat sie Fließschnupfen und einen Tag später Ohrenschmerzen links. Sie bekommt Rotlicht, Zwiebelsäckchen und Pulsatilla D 6, das Hauptmittel für die linksseitige Otitis media und Komplementärmittel zu Lycopodium. Es tritt keine Besserung ein, vielmehr tritt der Schmerz jetzt beiderseits auf. Leider gab es keine Gelegenheit, das Ohr anzuschauen. Die genaue Befragung am Telefon ergab Hinweise für folgende Rubriken, die dann zur Auswahl kamen.

Repertorisation

→Ohren – Schmerzen – Stechen (246): bell, caps, dulc, merc, nux-v, phos, puls, sulph, …
→Ohren – Schmerzen – Brennen (125): aur, caust, merc, nat-m, phos, …
→Ohren – Schmerzen – allgemein – tagsüber – agg. (3): bell-p, nat-m, rhod
→Ohren – Schmerzen – allgemein – Wärme – agg. (12): cham, merc, phos, puls, …
→Ohren – Schmerzen – drückend, Schlucken, beim (3): nux-v, phos, sulph
→Nase – Absonderungen – klumpig (31): phos, sep, sil
→Nase – Absonderungen – gelb – blutig (3): lach, ozone, phos, …

Verordnung und Verlauf

Die Symptome, die den entscheidenden Hinweis lieferten, waren die Ohrenschmerzen beim Schlucken, schlechter durch Wärme, und die Nasenabsonderung. Das Mittel, welches die meisten Symptome abdeckte, war Phosphorus, ebenfalls ein Ergänzungsmittel zu Lycopodium. Eine Gabe Phosphorus D 12 beendete die Ohrenschmerzen schlagartig und anhaltend.

Kasuistik

Mittelkorrektur durch genauere Anamnese bei chronischer Verordnung (Michael Drescher)

Anamnese

Der zweijährige Simon S. kommt in Behandlung wegen chronischer Bronchitis und Pseudokrupp, besonders ab Herbst bis April. Die Eltern berichten viele wertvolle Allgemeinsymptome. Wegen Abneigung gegen warme Getränke, starkem Eisverlangen, und Vorliebe für Geflügel, allnächtlichem Erwachen mit Durst, Milchschorf und Neigung zu Wutanfällen bekommt der sehr lebhafte Junge am 23. Juli 2002 Phosphorus C200. Danach kann er ganz ruhig beim Essen sitzen, ist durch nichts mehr abgelenkt und schläft immer besser. Ab 27. Juli schläft er regelmäßig durch. Ab 13. August ist er wieder unruhig und jähzornig, aber nicht so schlimm wie vorher. Wiederholung von Phosphorus C200 am 1. September. Schlafverhalten weiterhin gut, aber ab 9. September wieder rezidivierender Pseudokrupp. Mit Frischluft und Kortisonzäpfchen (Rectodelt®) nicht zu beherrschen, die Eltern bringen ihn in die Kinderklinik. Am 12. Oktober erneuter Kruppanfall.
Bei der Nachanamnese kommt dann der genaue Ablauf seiner Wutanfälle zur Sprache. Folgende Rubriken können jetzt herangezogen werden.

Repertorisation

→Gemüt – Wut, Raserei, Rage – Schlagen, mit (10): bell, carb-v, lyc, stram, tarent, …
→Gemüt – wirft – Gegenstände – fort (23): cina, coloc, kreos, staph, stram, tarent, thea, thuj, tub, …
→Gemüt – spucken, Drang zu – Gesicht, Menschen ins (15): bell, calc, cupr, hyosc, phos, cupr, stram, verat, …
→Gemüt – lachen – allgemein – Handlungen, über seine eigenen (4): agar, falco-p, iris, stram
→Gemüt – beißen – Menschen (4): bell, cub, nux-v, stram
→Gemüt – impulsiv (43): acon, anac, ars, bell, hep, hyos, lyc, nux-v, puls, staph, stram, tarent, tub, verat,
Zusammen mit anderen für ihn charakteristischen Rubriken, wie
→Schlaf – Erwachen – Durst, durch (28): apoc, mag-m, nat-m, rhus-t, stram, …
→Magen – Durst – Erwachen, beim (15): apoc, dros, ferr, hyper, nat-m, rhus-t, stram, …
→Allgemeines – Speisen und Getränke – Milch – Abneigung (79): aeth, calc, nat-c, puls, sep, sil, stram, …
→Gemüt – Furcht – allgemein – Tieren, vor – Hunden, vor (23): bell, china, hyosc, nat-m, puls, stram, tub, …
Durch die Repertorisation rücken die Nachtschattengewächse Stramonium, Hyoscyamus und Belladonna nach vorne.

Verordnung und Verlauf

Simon bekommt am 19. Oktober Stramonium C200. Er ist jetzt wesentlich ruhiger, spielt mit anderen ganz friedlich. Geht an der Hand spazieren, lässt sich problemlos waschen. Verlangt nicht mehr nach Essiggurken. Kommt überhaupt nicht mehr nachts.
Am 24. 11. wieder ein Kruppanfall, braucht aber kein Rectodelt®. Sonst überhaupt kein Husten mehr. Nach fünf Wochen wirft er wieder Sachen durch die Gegend. Wiederholung von Stramonium C200 am 26. November und Fortsetzung mit Stramonium C1000 am 25. Dezember. Keine Infekte mehr. Am 12. Februar 2003 Wiederholung von Stramonium C1000. 16 Tage nach der Einnahme einen Tag lang das alte Verhalten mit Aggressionen: er schlägt die Mutter, wirft mit Essen, wirft sich auf den Boden ohne erkennbaren Grund. Am nächsten Tag ist alles wie ein Spuk verschwunden.
Andere Kinder, die wegen seines Verhaltens einen Bogen um ihn gemacht haben, sprechen und spielen mit ihm wieder ohne Scheu. Fortsetzung mit Stramonium C10 000 und bei Rückfällen in immer größer werdenden Abständen weitere Gaben Stramonium nach der Kent-Reihe bis zur Potenz C100 000. Unter dieser Behandlung bleibt Simon infektfrei und im Verhalten ausgeglichen.

Beurteilung

Zwei kleine Gemütsrubriken mit jeweils vier Mitteln waren wegweisend für das Simillimum. Und richtig, er sieht aus wie ein veritables kleines Stramonium-Teufelchen (Abb. 2.4).
Literatur(3)

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