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B978-3-437-56313-3.00007-8

10.1016/B978-3-437-56313-3.00007-8

978-3-437-56313-3

Liquorbefunde bei MeningitisMeningitisLiquorbefunde

(nach DGPI 2013)

Tab. 7.1
Bakteriell Viral
Zellzahl > 1000/mm3 < 1000/mm3
Zelldifferenzierung Granulozyten Lymphozyten
Eiweiß >40 mg/dl (Neugeborene > 90 mg/dl) <40 mg/dl
Laktat >3,5 mmol/l <3,5 mmol/l
Glukose < 30 mg/dl > 30 mg/dl
Liquor-/Blutglukose-Relation < 0,3 > 0,3

Grippemittel in der Homöopathie nach Dr. Gerd Hofmann modifiziert Grippemittel, homöopathische #Aconitum napellusgrippale Infekte#Belladonnagrippale Infekte#Mercurius solubilisgrippale Infekte#Hepar sulfurisgrippale Infekte#Eupatorium perfoliatumgrippale Infekte#Ferrum phosphoricumgrippale Infekte#Gelsemium sempervirensgrippale Infekte#Bryonia albagrippale Infekte#Rhus toxicodendrongrippale Infekte#Nux vomicagrippale Infekte#Pulsatilla pratensisgrippale Infekte#Kalium bichromicumgrippale Infekte#Arsenicum albumgrippale Infekte#Phosphorusgrippale Infekte#Sulphurgrippale Infekte#Dulcamaragrippale Infekte#Pyrogeniumgrippale Infekte#Echinaceagrippale Infekte#Camphora officinalisgrippale Infekte#Influenzinumgrippale Infekte

Tab. 7.2
Mittel Auslöser Zeiten Fieber Schweiße Appetit/Durst Verhalten Begleitsymptom Besonderheiten Modalitäten
Aconitum napellus
  • Kalter, trockener Wind, Frost, Luftzug

  • Starke Sonne, Föhn

  • Schreck

Plötzlich hoch ansteigend
  • Haut heiß und trocken

  • Trotz Fieber Frieren, Schüttelfrost

Durst ++
  • Plötzliches Unbehagen

  • Reizbarkeit, Unruhe, Sorge (Todes)angst

  • Schwäche

  • Plötzliche Kopfschmerzen

  • Schwindel

  • Halskratzen

  • Schüttelfrost

  • Plötzlicher, heftiger Beginn

  • Puls voll und hart

  • Noch kein Schwitzen!

  • > Im Freien

  • < Im warmen Raum, Musik, Rauch, Berührung

Belladonna
  • Nasskalte Witterung, Tauwetter

  • Sonne

Nachmittags, abends bis 24:00 Uhr
  • Plötzlich schnell ansteigend

  • Heftig

  • Haut heiß, gerötet, feucht, „dampfig“

  • Schüttelfrost möglich

  • Körper heiß

Durst +/-
  • Erregt-überreizt, verwirrt, benommen

  • Fieberphantasien, Fieberkrampf (Stramonium)

  • Weite, große Pupillen

  • Klopfende Halsschlagader

  • Blutandrang zum Kopf

  • Kopf-, Halsschmerzen

  • Rachenrötung

  • Klopfende pulsierende Schmerzen

  • Puls voll und kräftig

  • Körper heiß, Hände, Füße kalt!

Beginn oder < nachmittags bis abends, Berührung, Licht, Geräusche
Mercurius solubilis
  • Nasskaltes Wetter, Temperaturwechsel von warm nach kalt und umgekehrt

Nachts
  • Mit reichlich gelblichem Schweiß nachts, der nicht erleichtert

  • Hitze und Schaudern

  • Empfindlich auf Wärme und Kälte

  • Starkes Schwitzen, v. a. nachts

Durst + auf Kaltes Ängstlich, ruhelos, ungeduldig, reizbar
  • Lymphdrüsen geschwollen

  • Mundschleimhaut wund, Speichelfluss, Zunge belegt

  • Übler Geschmack, Mundgeruch

Starkes nächtliches Schwitzen (gelblich)Zahneindrücke an der Zunge < Nachts, jeder Temperaturwechsel, Wärme oder Kälte, Schwitzen
Hepar sulfuris
  • Fortgeschrittene Stadien

  • Trockene Kälte, Zugluft

Nachts, bes. nächtliche Abkühlung, frühe Morgenstunden Frösteln in Zugluft Trockene Hitze nachts, auch üble Schweiße
  • Verlangen: Saures, Kräftiges

  • Abneigung: Fett

Qualvolle Pein, deprimiert, suizidal, hastig, wild
  • Akute, eitrige Entzündungen und Abszesse

  • Lymphknotenschwellung

  • Speichelfluss

Splittergefühl im Hals > Wärme, Einhüllen, Zudecken
Eupatorium perfoliatum Kälte, Feuchtigkeit, Erkältung Früher Morgen, nach Erwachen, 7:00–9:00 Uhr!
  • Plötzlich, unvermittelt, periodisch

  • Schüttelfrost

Schwitzen erleichtert, rotes Gesicht
  • Durst +++ auf Kaltes

  • Kein Appetit!

  • Erbrechen

Total zerschlagen, gerädert, schwach, benommen
  • Gliederschmerzen!

  • Kopf-, Hals-, Augen-, Brustschmerzen

  • Husten

  • Erbrechen

  • Beschwerden ähnlich wie Rheuma

  • Knochen, Gelenke, Muskeln

  • Bezug zu Feuchtgebieten

< Kälte, Bewegung> Ruhe, Liegen in Bauch-, Knie-Ellenbogen-Lage
Ferrum phosphoricum Erstes, relativ mildes Stadium einer fieberhaften Erkältung < nachts, 4:00–6:00 Uhr, 13:00 Uhr
  • Langsam steigend über 2–4 Tage hinschleppend

  • Hitzewallungen

Wechselnde hektische rote Flecken im Gesicht, heiß, eher „blühendes“ Aussehen
  • Verlangen: Stimulanzien, Erfrischungen

  • Abneigung: Milch, Fleisch

  • Aufstoßen, Erbrechen

  • Relativ matt, träge, aber nicht sehr stark beeinträchtigt

  • „Sitzt im Bett und liest“

  • Ohrenschmerzen, Trommelfell rot, vorgewölbt.

  • Kopf-, Halsschmerzen

  • Nasenbluten, (blutiger) Husten

Puls weich, unterdrückbar, Mittel auch zur Rekonvaleszenz nach schweren Infekten geeignet (Dorcsi)
  • < Erschütterung, heftige Bewegung

  • > Kühle Umschläge

Gelsemium sempervirens
  • Sonne, Wechsel kaltwarm, Sommer, Föhn

  • Erwartungsspannung

< Ab 15:00 Uhr
  • Langsam steigend über 6–8 Stunden bis Tage

  • Manchmal zweigipflig

Wärme-, Hitze-, Sonnen-, Föhn-empfindlich Durstlos!
  • Schwere Glieder, Trägheit, Lähmung, Apathie, Zittern

  • Ängstliche Erwartung

  • Ptosis

  • Sehstörung

  • Schwindel

  • Weiche Knie

  • Kopfschmerzen v. Nacken n. oben oder wie ein Band

  • Frostschauer den Rücken rauf und runter

  • Durchfall

  • Sommergrippe

  • < Aufregung, schlechte Nachricht, Schwüle, vor Gewitter

  • > Urinieren, frische Luft

Bryonia alba Erkältung, Überhitzen < 21:00–24:00 Uhr
  • Frieren

  • Innere Hitze

Manchmal saure Schweiße, die erleichtern
  • Durst ++

  • Schleimhäute trocken

Möchte in Ruhe gelassen werden
  • Schmerzen beim Husten

  • Berstender Kopfschmerz

  • Harter Puls

  • Nasenbluten statt Menses

  • Pleuritis

  • < Bewegung, rechte Seite,

  • > Druck, Ruhe

Rhus toxicodendron
  • Abkühlung, feucht-kalt

  • Durchnässung

  • Überanstrengung

  • Innerhalb 24 Stunden

Langsam ansteigend
  • Kälteempfindlich

  • Reichlich säuerlicher Schweiß

  • Durst + auf Kaltes (Milch)

  • Rote Zungenspitze

  • Ruhelos, ständig Lagewechsel

  • Ängstlich

  • Herpes

  • Juckende Bläschen in den Mundwinkeln

  • Kieferknacken

Gelenke schmerzhaft und steif! > Bewegung
  • > Bewegung, Lageänderung, Reiben, Wärme, Ruhe, Schlaf

Nux vomica
  • Verkühlung, Zugluft

  • Überreizung, Stress, Schlafmangel

< Ab 4:00 Uhr, frühmorgens, abends Überwiegend Frösteln; will zugedeckt sein, auch bei Fieber
  • Kälteempfindlich!

  • Saure, heiße Schweiße; Wärme, Zudecken >

  • Schweiße mit Frostschauer

  • Magen empfindlich auf Druck

  • Übelkeit, appetitlos

  • Verlangen: Stimulanzien

  • Ungeduldig, nervös, streitbar, reizbar

  • Empfindlich auf Geräusche, Gerüche, Licht

  • Gliederschmerzen

  • Kopfschmerzen, Schwindel

  • Nase nachts zu, tagsüber Fließen, morgens Niesen, Jucken

  • Vergeblicher Stuhldrang

  • Reizmittel, Medikamentenmissbrauch

  • Einnahme am besten abends

  • (Dunkler Typus)

  • < Nach dem Essen, trockenes Wetter, Kälte

  • > Ruhe, Wärme, feuchtnasses Wetter

Pulsatilla
  • Hitze

  • Alles durcheinander gegessen

< abends Frösteln, auch im warmen Zimmer
  • Wärmeempfindlich

  • > In frischer Luft!

  • Durstlos, auch bei hohem Fieber

  • Mund trocken

  • Unverträglichkeit: Fettes

  • Aufstoßen, Durchfall

  • Neigt zum Weinen, braucht Trost und Aufmerksamkeit

  • Emotional, Stimmungsschwankungen

  • Absonderungen dicklich, gelb-grün, mild!

  • „Rotzglocke“, Nase abends verstopft

  • Otitis (bei Masern!)

  • Wechselnde Stühle

  • Viele gemeinsame Symptome mit nux-v, aber: Temperament und Modalitäten umgekehrt

  • Symptome kommen, gehen und wandern

  • > Wärme, Hitze, geschlossener Raum, abends

  • > Frische Luft, Bewegung, kalte Anwendungen, Weinen

Kalium bichromicum Fortgeschrittene Stadien
  • Fieber < 2:00–3:00 Uhr

  • Unwohl 6:00–8:00 Uhr

Sonst weitgehend fieberlos Hitzeempfindlich Verlangen: Bier, Saures
  • Verschlossen, zurückhaltend, korrekt wie alle Kalium-Salze

  • Schmerzen wandern

  • Absonderungen zäh, fädig, klebrig

  • Schnupfen mit gelb-grünen Krusten, Borken

  • Schmerzen

  • Alle Schleimhäute wund

  • Entzündete(r) Nase, Rachen, Kehlkopf, Bronchien, Magen

  • < Hitze, heißes Sommerwetter

  • > Kaltes Wetter

Arsenicum album Auszehrende Erkrankung Nachts, 1:00–3:00 Uhr, auch mittags 12:00–14:00 Uhr Hohe Temperaturen
  • Fröstelnd!

  • Kalte Schweißausbrüche

Durst ++ auf kleine Schlucke Kaltes
  • Total erschöpft, rastlos, dauernd Lagewechsel

  • (Todes)angst, vor Unheilbarkeit

  • Fließschnupfen

  • Wässrige Durchfälle

  • Übelkeit

  • Brennende Schmerzen

  • Absonderungen faulig

  • Abmagerung

  • Unverhältnismäßig leidend

  • < Alles Kalte, feuchte, Küste

  • < Hitze, Gesellschaft

Phosphorus
  • Überanstrengung

  • Plötzliche Erschöpfung

  • Wetterwechsel

Abends Frösteln
  • Blass, evtl. Wangen rot, Augenringe

  • Braucht den Körper warm, den Kopf kühl

  • Durst auf Kaltes, will Eis

  • Hunger

  • Schwach!

  • Furchtsam, depressiv, Vorahnung, ängstliche Phantasie

  • Zappelig

  • Heiserkeit! Halskratzen

  • Husten

  • Kopfleere

  • Blutige Absonderungen

  • Plötzliche Erschöpfung!

  • Überempfindlichkeit, erregbar, kitzelig

  • Brennende Schmerzen

  • < Anstrengung, kaltnass, Schnee

  • > Kurzer Schlaf

Sulphur Luftwegkatarrhe, Hitze Schwäche um 11:00 Uhr
  • Hitzewellen, heiße Hände

  • Brennende Fußsohlen nachts

  • Gesicht, Lippen rot

  • Haut trocken oder

  • Schweiße im Nacken, am Hinterkopf

  • Hitze am Scheitel

Durst auf Kaltes Unruhig, laut egoistisch, bequem, faul, chaotisch
  • Durchfall frühmorgens

  • Atemnot nachts

  • Ausschläge, Juckreiz

  • Absonderungen stinkend

  • Körperöffnungen entzündet

  • Pruritus

  • Abneigung gegen Waschen

  • < (Bett-)Wärme, Ruhe, Stehen, Waschen

  • > Frische Luft

Dulcamara
  • Kalte Nässe (Sitzen in)

  • Wetterwechsel: heiß →kalt-feucht, Regen

  • Baden

< nachts Trockene Hitze, Frösteln abends
  • Schweiß der Handflächen

  • Schweiß beim Wasserlassen

Durst ++ und oft (Kaltes), Süßverlangen Ungeduldig, missmutig Stockschnupfen, Heiserkeit, Husten, Asthma, Reizblase
  • Blasenentzündung

  • Hautausschlag

  • Rheuma

  • Durchfall

  • < Feuchte Kälte

  • > Wärme, Gehen

Pyrogenium C200, C1000
  • Bakteriell-eitrige Infektionen

  • Rückfälle

Septisches Fieber, Frösteln in Rücken, Knochen, Gliedmaßen Reichlich heißer Schweiß
  • Durst auf kleine Mengen

  • Erbrochenes wie Kaffeesatz

Ruhelos, Angst, Wahnvorstellungen
  • Pulsieren der Halsgefäße

  • Zunge glatt, wie lackiert, rissig

  • < Sprechen

  • Absonderungen stinkend,

  • Widerlicher Geschmack

  • Puls sehr schnell

Echinacea D3
  • Immunschwäche

  • Blutvergiftung

  • Alle fieberhaften Zustände!

Generell
Nicht prophylaktisch!
  • Jede Art von hohem Fieber

  • Schüttelfrost mit Übelkeit

Schläfrig Gliederschmerzen
  • Entzündung, Eiterungen

  • Septischer Zustand

  • Absonderungen stinkend

Neben allen anderen Homöopathika möglich
Camphora D1 3 Tr. auf Würfelzucker Allgemein roborierendes Mittel! Extreme, sonst nicht zu stoppende Durchfälle Antidot gegen alle Homöopathika
Influenzinum C30, C200 Prophylaktisch 1–2 Dosen/Monat Von der letzten Grippeepidemie hergestellt Alternative zur Grippeimpfung

Die „eigenheitlichen“, „sonderlichen“ Symptome sind durch grau schattierte Schattierung hervorgehoben, „Keynotes“ der Mittel zusätzlich durch Fettdruck.

Krankheitsstadien der BorrelioseBorrelioseKrankheitsstadien (fettgedruckt die häufigeren Verlaufsformen in der Kindheit)

Tab. 7.3
Stadium I
Tage bis Wochen nach dem Zeckenstich
Stadium II
Wochen bis Monate nach dem Zeckenstich
Stadium III
Monate bis Jahre nach dem Zeckenstich
Haut
  • Erythema migrans

  • Evtl. Allgemeinsymptome wie Fieber, Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl

  • Multiples Erythema migrans

  • Lymphozytom

  • Acrodermatitis chronica atrophicans

Nerven-system
  • Periphere Fazialisparese

  • Lymphozytäre Meningitis

  • Myelitis

  • Meningoradikulitis (M. Bannwarth)

  • Enzephalitis

  • Zerebrale Arteriitis

  • Polyneuropathie

  • Enzephalitis

  • Enzephalomyelitis

  • Zerebrale Arteriitis

Bewegungsapparat
  • Myalgien

  • Myositis

  • Gelenkschwellung

  • Monarthritis

  • Oligoarthritis

Herz
  • Myokarditis

  • Perikarditis

Auge
  • Iritis

Infektionskrankheiten

Michael Drescher

Martin Hirte

Christian Lucae

Keuchhusten

Martin Hirte

Grundlagen

Der Erreger des Keuchhustens Keuchhustenist das Bakterium BordetellaBordetella pertussis pertussis. Es kommt nur beim Menschen vor. Milde Krankheitsverläufe können auch durch Bordetella parapertussis hervorgerufen werden. Die Bakterien werden durch Tröpfcheninfektion beim Husten, Niesen oder Sprechen übertragen, über eine Distanz von bis zu einem Meter. Die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung enger Kontaktpersonen liegt bei über 80 %. Die Inkubationszeit beträgt sieben bis zehn Tage, im Extremfall vier bis 21 Tage. Die Ansteckungsfähigkeit beginnt mit den ersten Hustensymptomen und klingt im Stadium convulsivum ab.

Info

Keuchhusten ist meldepflichtig. Ohne antibiotische Behandlung ist eine Wiederzulassung frühestens drei Wochen nach Auftreten der Hustenattacken möglich. Wird antibiotisch mit Makroliden behandelt, kann der Besuch bereits fünf Tage nach Therapiebeginn wieder erfolgen. Ein schriftliches ärztliches Attest ist nicht erforderlich.

Auch Geimpfte können Bakterienträger sein, daher ist eine Eradikation der Pertussis nicht möglich. Der durchgemachte Keuchhusten gewährt keine lebenslange Immunität, schützt jedoch für 15 bis 20 Jahre vor einer Zweiterkrankung, bei Boosterung durch Kontakt mit Erkrankten auch länger.
Wenn eine Schwangere Keuchhustenantikörper im Blut hat – durch eine frühere Erkrankung oder eine kurz zurückliegende Impfung –, genießt ihr Kind in den ersten Lebenswochen einen gewissen Nestschutz durch transplazentare Übertragung von IgG-Antikörpern und durch spezifische IgA-Antikörper in der Muttermilch. Völlig immun sind nur 5 % aller Neugeborenen, für maximal zwei Monate (WHO 2009).
Seit Einführung der Pertussisimpfung ist die Erkrankungshäufigkeit im Kleinkindalter rückläufig. Mehr als jeder zweite Keuchhustenfall ereignet sich heute bei Jugendlichen und Erwachsenen. Wer von ihnen länger als zwei Wochen hustet, hat mit über 25-prozentiger Wahrscheinlichkeit Keuchhusten.

Klinik und Erkrankungsverlauf

Bordetella pertussis vermehrt sich sowohl auf an der Oberfläche als auch innerhalb des Epithels der Bronchialschleimhaut. Die Toxine der Bakterien verursachen lokale Gewebeschäden, setzen eine Entzündung der Schleimhaut in Gang und paralysieren die Zilien, was zu einer Störung der bronchialen Clearance führt. Die Hustenanfälle werden durch die bronchiale Entzündung ausgelöst.
Der Keuchhusten ist in der Regel eine Erkrankung über mehrere Wochen. Er lässt sich in drei Stadien einteilen: KeuchhustenStadien
  • Stadium catarrhale mit einer Dauer von ein bis zwei Wochen. Es treten uncharakteristische Symptome wie Schnupfen, Husten und leichtes Krankheitsgefühl auf. Gegen Ende der zweiten Krankheitswoche verschärft sich der Husten – die Krankheit geht über in das folgende Stadium.

  • Stadium convulsivum mit einer Dauer von einer Woche bis sechs Wochen: Hustenattacken mit Staccato-Charakter, im typischen Fall gefolgt von einem inspiratorischen Juchzen oder Ziehen. Die Zunge wird während des Hustens herausgestreckt, und es kann zur Zyanose kommen. Häufig wird zäher Schleim hervorgewürgt, oder es werden unmittelbar vorher gegessene Speisen erbrochen. Fieber fehlt in der Regel und weist auf Komplikationen wie Pneumonie hin. Zwischen den Anfällen macht der Patient einen völlig gesunden Eindruck.

  • Stadium decrementi mit einer Dauer von zwei bis drei, gelegentlich auch mehreren Wochen: Die Hustenanfälle klingen allmählich ab; manchmal bleibt über viele Wochen eine Hyperreagibilität des Bronchialsystems bestehen, mit pertussiformem Husten bei Anstrengung und neuerlichen Infekten.

Jugendliche oder Erwachsene haben oft untypische Verläufe ohne die charakteristischen Anfälle; sie schildern einen zum Husten führenden Reiz im Bereich des Jugulums.
Junge Säuglingen können während oder statt der Hustenanfälle Apnoeanfälle erleiden. Betroffene Kinder müssen mit einem Atemmonitor überwacht oder hospitalisiert werden.

Komplikationen

Bei bis zu 5 % KeuchhustenKomplikationender Erkrankten entwickelt sich eine Pneumonie durch eine bakterielle Superinfektion. Bei Säuglingen kann es auch durch die Bordetellen selbst zu einer interstitiellen Keuchhusten-Pneumonie kommen. Nicht ungewöhnlich ist eine begleitende Otitis media. In seltenen Fällen kommt es zu Krampfanfällen und sehr selten zur gefürchteten Keuchhusten-EnzephalopathieKeuchhustenEnzephalopathie durch Hypoxie und Toxinwirkung.
Über 85 % der Krankheitskomplikationen betreffen Säuglinge in den ersten drei Lebensmonaten. Die Sterblichkeit liegt in diesem Zeitraum bei bis zu 1:800 (Douglas 2012). Besonders gefährdet sind Frühgeborene, Kinder mit kardiopulmonalen Grunderkrankungen und Kinder sehr junger Mütter. Zwischen 1974 und 1989, als die Impfung nicht empfohlen war, wurden in Deutschland jährlich sieben bis acht Todesfälle durch Keuchhusten registriert, zwischen 1993 und 1996 kam es nur noch zu insgesamt fünf gemeldeten Todesfällen.
Nach dem sechsten Lebensmonat nimmt das Risiko von Komplikationen deutlich ab. Bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sind die Verläufe meist mild, und der Keuchhusten wird oft nicht erkannt. Es gibt jedoch auch in höheren Altersgruppen schwere Erkrankungen, die sogar eine stationäre Behandlung erforderlich machen können.

Diagnostik

Mit 80–85-prozentiger Treffsicherheit ist der Keuchhusten im Stadium convulsivum klinisch zu diagnostizieren. Im Blutbild findet man im diesem Stadium bei 20–80 % der Patienten eine Leukozytose (oft über 20.000 Zellen) mit Lymphozytose. BSG oder CRP sind nicht oder nur leicht erhöht.
Der kulturelle Nachweis von Bordetella pertussis oder parapertussis gelingt nur in der Hälfte der Fälle, da die Erreger sehr empfindlich sind. Zudem dauert die Anzüchtung sehr lange. Dieses Verfahren ist daher für die Praxis unbrauchbar.
Sehr schnell, sensitiv und spezifisch, allerdings auch teuer ist der Nachweis von Bordetella-DNA mittels PCR aus dem Nasopharyngeal-Abstrich. Sie erfasst auch abgestorbene Keime, etwa während antibiotischer Behandlung, und geringe Erregermengen bei Geimpften oder in frühen und späten Krankheitsstadien. Nur vereinzelt kommen falsch negative und falsch positive Ergebnisse vor.
Frühestens beim Übergang ins Stadium convulsivum lassen sich spezifische Antikörper im Serum nachweisen. Im Zweifelsfall gibt ein Titeranstieg nach zwei Wochen diagnostische Sicherheit. Grenzwert für die Meldung durch ein Labor an das Gesundheitsamt ist ein spezifisches IgG von > 40 U. Die Keuchhustenimpfung führt nur zu einem Anstieg von IgM und IgG; eine Keuchhustenerkrankung trotz Impfung ist durch einen Anstieg des spezifischen IgA charakterisiert.

Konventionelle Prophylaxe und Therapie

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist für alle Kinder ab dem dritten Lebensmonat die Impfung mit einem azellulären Keuchhustenimpfstoff empfohlen. In Deutschland besteht die Grundimmunisierung KeuchhustenImpfungaus drei Impfungen in vierwöchigen Abständen und einer vierten Impfung im 12. bis 15. Monat. Auffrischimpfungen sollen bei allen 5- bis 6-Jährigen und 9- bis 17-Jährigen erfolgen, außerdem bei allen Erwachsenen einmalig zusammen mit der nächsten fälligen Td-Impfung1

1

In Österreich ist die Grundimmunisierung mit den Impfungen im Alter von zwei, vier und elf Monaten vorgesehen, Auffrischungen mit sechs bis acht Jahren, mit 18 Jahren und danach in zehnjährigen Abständen. Der Impfplan der Schweiz empfiehlt die Keuchhustenimpfung im Alter von zwei, vier, sechs und 15–24 Monaten, danach im Alter von vier bis sieben Jahren und 25–29 Jahren.

. Ein Einzelimpfstoff steht nicht mehr zur Verfügung.
Die Impfung ist außerdem für folgende Personengruppen empfohlen:
  • Personal im Gesundheitsdienst und in Gemeinschaftseinrichtungen

  • Frauen im gebärfähigen Alter

  • Enge Kontaktpersonen (Eltern, Geschwister) und Betreuer (z. B. Tagesmütter, Babysitter, ggf. Großeltern) von Säuglingen spätestens vier Wochen vor Geburt des Kindes. Die Mutter soll in den ersten Tagen nach der Geburt des Kindes geimpft werden.

Die Keuchhustenimpfung hat zunächst zu einer Abnahme der Erkrankungen im Kindesalter und durch Impfung von Kontaktpersonen („Kokonstrategie“) zu einem Rückgang der Krankheits- und Todesfälle im Säuglingsalter geführt.
Die Wirksamkeit hat jedoch abgenommen, bedingt durch die geringere natürliche Durchseuchung und genetische Veränderungen der Keuchhustenbakterien (Pawloski et al. 2014). Schon zwei Jahre nach der Impfung liegt die Schutzquote nur noch bei 40 %, und bis zum sechsten Lebensjahr geht der Schutz in der Regel ganz verloren (Witt et al. 2012). Keuchhusten gehört daher zu den „reemerging diseases“ und hat teilweise wieder dieselbe Häufigkeit wie in den 1950er-Jahren (Cattelan et al 2015).
Da die Impfung die Besiedlung der Luftwege mit Keuchhustenbakterien nicht verhindert, können auch komplett Geimpfte kontagiöse Keimträger sein. Das macht die Kokonstrategie unsicher: Zur Verhinderung eines Keuchhustentodesfalls bei einem Säugling müssen mehrere Millionen Kontaktpersonen geimpft werden (Lim et al 2014).
Experten fordern effektivere Impfstoffe, da die derzeitige Impfstrategie weder die Erregerzirkulation herabsetzt noch die jungen Säuglinge zuverlässig schützt. In einigen Ländern wie USA oder Großbritannien ist inzwischen die Impfung der Mutter während der Schwangerschaft empfohlen, um dem Säugling für die ersten Lebensmonate Antikörper zu verleihen. Dies wird auch in Deutschland diskutiert. Die Risiken für das Kind sind allerdings nicht ausreichend untersucht.
Die Nebenwirkungen der KeuchhustenimpfungKeuchhustenImpfung betreffen in erster Linie den neurologischen Bereich. Besorgniserregend sind v. a. das stunden- oder tagelang anhaltende schrille Schreien (Cri encéphalique), die hypotonen-hyporesponsiven Episoden und die sehr seltene, aber gravierende Impfenzephalopathie. Die Impfung kann auch das frühkindliche Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringen und trägt so möglicherweise zur steigenden Inzidenz des kindlichen Asthma bronchiale bei (Mascart et al. 2006, Odent 1994).
Die einschlägigen Lehrbücher empfehlen bei jeder Keuchhustenerkrankung die Verabreichung eines Antibiotikums. Ziel ist die Verkürzung der Keimausscheidung. Dies macht jedoch höchstens noch in der zweiten Woche des Stadium convulsivum Sinn. Die Dauer und Heftigkeit des Hustens werden dadurch kaum beeinflusst, da die Toxinwirkung auch nach der Eradikation der Erreger anhält. Mittel der Wahl ist Clarithromycin über sieben Tage.
Der Nutzen von Antitussiva, Sedativa, Betamimetika und Kortikosteroiden ist umstritten. Bei zähem Schleim werden Mukolytika empfohlen.
Für wahrscheinlich infizierte Personen ist eine antibiotische Prophylaxe angeraten, zumindest, wenn sich in ihrer Umgebung Säuglinge oder Kinder mit kardialen oder pulmonalen Grundleiden befinden. In der Inkubationszeit verabreicht kann damit der Ausbruch des Keuchhustens verhindert werden. Eine Keuchhusten-PCR bei der Kontaktperson erleichtert die Entscheidung für oder gegen den Antibiotikaeinsatz.

Unterstützende Maßnahmen

Die Eltern müssen darüber aufgeklärt werden, dass die Hustenanfälle harmlos sind und nicht zum Ersticken führen können. Sie sollen das Kind nicht hochreißen, schütteln oder auf andere Weise in Panik bringen. Am wenigsten schwer verlaufen die Anfälle bei Kindern, die während des Hustens in Ruhe gelassen, danach aber getröstet werden. Schwere Keuchhustenverläufe sind oft das Produkt aufgeregter Eltern!
Bei Kindern, die zu Erbrechen neigen, sind kleine Mahlzeiten und häufiges Trinken kleiner Flüssigkeitsmengen ratsam. Mit äußeren Anwendungen kann über Stimulierung der Head-Zonen der Hustenreiz gebessert und die Expektoration von Schleim gefördert werden. Hilfreich sind etwa BrustwickelWickelKeuchhusten mit Quark, verdünntem Zitronensaft oder Ingwertee.
Eine ganze Reihe von HeilkräuternPhytopharmakaKeuchhusten sind zur Selbstbehandlung des Keuchhustens empfohlen, allen voran Drosera rotundifolia (Sonnentau), Hedera helix (Efeu) und Thymus vulgaris (Thymian). Krampflösende Wirkung haben Nepeta cateria (Katzenminzekraut), Viburnum opulus (Gemeiner Schneeball), Valeriana officinalis (Baldrian) und Matricaria recutita (Kamille).
Im Stadium decrementi kann ein Klimawechsel unterstützend wirken, v. a. ein (auch kurzfristiger) Aufenthalt im Hochgebirge.

Homöopathische Behandlung

Durch ein richtig gewähltes homöopathisches Einzelmittel kann der Verlauf des Keuchhustens gemildert und abgekürzt werden. Der Effekt tritt sehr schnell ein, sodass ein Mittel, das nach zwei bis drei Tagen keine Wirkung zeigt, durch ein anderes ersetzt werden sollte. Häufige telefonische Rücksprachen mit dem Patienten oder seinen Eltern sind daher wichtig.
Bei offensichtlicher Wirkung eines Mittels wird die Gabe gestoppt und erst bei erneuter Verschlechterung der Krankheitssymptome wiederaufgenommen. Eine Dauerbehandlung über Wochen etwa mit Drosera D 6 dreimal täglich ist unsinnig.
Da der Keuchhusten ein typisches „akutes Miasma“ ist, erübrigt sich eine zeitaufwendige konstitutionelle homöopathische Behandlung. Bei der Repertorisation stehen die Modalitäten und die Begleitsymptome des Hustens im Vordergrund sowie die Allgemein- und Gemütssymptome, die mit Beginn des Hustens aufgetreten sind.

Repertoriumsrubriken

RepertoriumsrubrikenHustenRepertoriumsrubrikenKeuchhustenNeben den Rubriken im Hustenkapitel (→Husten – Keuchhusten – …) sind u. a. folgende Rubriken hilfreich:
→Gemüt – Angst – Husten – Keuchhusten, vor (1): cupr
→Gemüt – Angst – Husten – Keuchhusten, während (2): mosch, stram
→Auge – Tränenfluss – Husten, mit – Keuchhusten (4): all-c, caps, graph, nat-m
→Nase – Nasenbluten – Keuchhusten (19): arn, bry, cina, cor-r, crot-h, dros, ip, nux-v, …
→Gesicht – Farbe – bläulich – Husten, beim – Keuchhusten (10): coc-c, cor-r, dros, ip, nux-v, …
→Atmung – angehalten – Husten (5): ant-t, ars, cina, cor-r, cupr, dros, ip, nux-v, …
→Allgemeines – Konvulsionen – Husten, während – Keuchhusten, bei (7): brom, cupr, hydr-ac, ip, kali-br, …
→Allgemeines – Keuchhusten – Beschwerden allgemein infolge von (6): carc, dros, med, pert, sang, tub
→Allgemeines – Keuchhusten – nie wieder gesund seit (3): carc, sulph, tub

Homöopathische Arzneimittel für das Stadium catarrhale

Aconitum napellus
#Aconitum napellusKeuchhustenHusten heiser, trocken, kruppös. Kind greift sich an den Hals beim Husten. Krächzendes Ausatmen. Ängstlich, unruhig, setzt sich kerzengerade auf. < nachts um und kurz nach 24 Uhr.
Antimonium tartaricum
#Antimonium tartaricumKeuchhustenErstickungsanfälle, muss sich aufsetzen. Lautes Rasseln in den Bronchien. Husten mit Gähnen. Erbrechen von Nahrung und Schleim, und Schweiß auf der Stirn. Biegt sich nach hinten und wird zyanotisch. Weint während der Anfälle, danach sehr geschwächt und müde. Zunge dick belegt. Indiziert v. a. beim Säugling mit Apnoe-Neigung. < nach 24 Uhr, Essen, Zorn. > Aufrechte Position, Aufstoßen.
Belladonna
#BelladonnaKeuchhustenTrockener Kitzelhusten, hohl, würgend, bellend. Husten schmerzhaft im Larynx, greift sich an den Kehlkopf, weint vor dem Husten. Rotes Gesicht, weite Pupillen, Nasenbluten, Erbrechen. Neigung zu Konvulsionen. Zähneknirschen. Blutige Skleren „wie ein einziger Blutklumpen“. < 22–24 Uhr, Bewegung, Liegen, Berührung des Kehlkopfes.
Chamomilla
#ChamomillaKeuchhustenTrockener Reizhusten, hält das Kind wach. Oder lockerer Husten, als wären die Bronchien voll Schleim – weckt das Kind nicht auf. Kleinkind mit reizbarer Laune, überempfindlich. Macht sich steif, tritt und schreit. Heißer Schweiß, Durst. < 21–24 Uhr, während der Zahnung, durch Zorn.
Dulcamara
#DulcamaraKeuchhustenLange Anfälle mit starker, aber schwieriger Schleimabsonderung. Keuchender Husten bei jedem Atemzug. < Nasskaltes Wetter, nachts, geschlossene Räume, Ruhe, körperliche Anstrengung, tief Atmen.
Ferrum phosphoricum
#Ferrum phosphoricumKeuchhustenKurzer schmerzhafter Kitzelhusten. Schleimrasseln nachts. Würgen und Erbrechen. < Kalte Luft, Kopf beugen.
Nux vomica
#Nux vomicaKeuchhustenKrampfartige Einschnürung der Brust, krampfartiger Husten. Macht sich dabei steif, Schleim muss mit Gewalt ausgehustet werden. Zyanose von Lippen oder ganzem Gesicht. Kopfschmerzen – hält sich den Kopf beim Husten. Apnoeneigung. Erbrechen. Nasenbluten, Blutung aus dem Mund oder Konjunktivalblutung. Reizbare Stimmung. < Anstrengung, Erwachen, Rückenlage, Kälte. > Seitenlage.
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisKeuchhustenKann in jedem Keuchhustenstadium indiziert sein. Würgen und Erbrechen von Schleim, der ohne Probleme abgehustet wird. Muss sich beim Husten aufsetzen. Nachts eher trockener, morgens lockerer Husten. Durstlos, wechselhafte Symptome, weinerliche Stimmung. < warme Luft, warm Trinken, Essen, abends nach dem Hinlegen und nachts. > Frischluft, langsame Bewegung.

Homöopathische Arzneimittel für das Stadium convulsivum

Antimonium tartaricum
#Antimonium tartaricumKeuchhustenErstickungsanfälle, muss sich aufsetzen. Lautes Rasseln in den Bronchien. Husten mit Gähnen. Erbrechen von Nahrung und Schleim, und Schweiß auf der Stirn. Biegt sich nach hinten und wird zyanotisch. Weint während der Anfälle, danach sehr geschwächt und müde. Zunge dick belegt. Indiziert v. a. beim Säugling mit Apnoe-Neigung. < Nach 24 Uhr, Essen, Zorn. > Aufrechte Position, Aufstoßen.
Arnica montana
#Arnica montanaKeuchhustenKleinkind, weint vor, während oder nach dem Hustenanfall „als ob das Herz zerbrechen würde“. Anfälle mit tiefrotem Gesicht. Blutungsneigung, Nasenbluten, blutunterlaufenen Augen, Ekchymose. Herpes facialis. < Abends bis 0.00, Bewegung, Weinen, Ärger.
Bryonia alba
#Bryonia albaKeuchhustenTrockener Husten nachts, muss sich aufsetzen. Erbricht. Husten durchschüttelt den ganzen Körper. Dabei sehr schmerzhaftes Stechen in der Brust, muss die Brust halten. Mürrisch und reizbar v. a. beim Erwachen. Nasenbluten. < Geringste Bewegung, tief Atmen, abends und nachts, warmer Raum, Essen, Trinken.
Carbo vegetabilis
#Carbo vegetabilisKeuchhustenAnfälle schmerzhaft mit Brennen in der Brust. Heftiges Erbrechen, Gesichtszyanose. Trockener Husten oder locker mit übelriechendem Auswurf. Pfeifende Atmung. Erschöpfung. Kalter Schweiß, kalte Gliedmaßen, kalter Körper. Aufgetriebenes Abdomen. < abends bis 0.00, Essen, Sprechen, kalt Trinken; frische Luft.

„Wenn der Fall verworren ist oder keine klare Indikation für ein anderes Mittel vorliegt und der Fall sich nur teilweise entwickelt“

(Pulford).

Cina maritima
#Cina maritimaKeuchhustenHustenanfälle mit blassem Gesicht und Gurgeln im Ösophagus. Macht sich steif. Apnoeneigung. Anfälle enden mit Erbrechen, Niesen, Nasenbluten oder Konvulsionen. Erschöpfung und Angst nach dem Anfall. Stöhnt, mag nicht sprechen oder sich bewegen aus Furcht vor dem Husten. < Gehen an kalter Luft, morgens und abends, Druck auf den Larynx, Erwachen aus dem Schlaf, Ärger.
Coccus cacti
#Coccus cactiKeuchhustenKitzelnder quälender Husten mit Erbrechen und purpurrotem oder zyanotischem Gesicht. Kann nicht zu husten aufhören, bis ein klarer fadenziehender Auswurf erbrochen wird oder in Fäden aus dem Mund hängt. < Beim Erwachen um 6 oder 7 Uhr. Nach 23:30 Uhr. Zähneputzen, Mund spülen. Wärme. Warm Essen oder Trinken. > Kalte Luft, kalt Trinken.
Corallium rubrum
#Corallium rubrumKeuchhustenAnfälle folgen so rasch aufeinander, dass kaum eine Pause dazwischen ist. Schnappt zu Beginn nach Luft, dann sehr rasch aufeinander folgende Hustenstöße („Maschinengewehr“), krächzendes Einatmen, wird purpurrot oder zyanotisch im Gesicht. Macht sich steif, große Erschöpfung („fällt wie ein nasser Sack nach hinten“). Erbricht fadenziehenden Schleim. Auswurf blutig. Luftwege fühlen sich beim Atmen kalt an. < Essen, spät nachts und frühmorgens.
Cuprum metallicum
#Cuprum metallicumKeuchhustenLangdauernde Anfälle mit zunehmender Atemnot, Daumen eingeschlagen. Schließlich Laryngospasmus, Zyanose, Fäusteln. Immer drei Hustenattacken in Folge. Krampfartige Zuckungen oder Konvulsionen. Sieht wie tot aus, nach einer Weile kehrt das Bewusstsein wieder, erbricht und erholt sich langsam. Zwischen den Anfällen lautes Rasseln in der Brust. Nasenbluten. Tränenfluss. < Tief Atmen, kalte Luft, nach hinten Neigen des Kopfes. > Kalt Trinken.
Drosera
#DroseraKeuchhustenPeriodische Anfälle von rasch aufeinander folgenden Hustensalven. Husten sobald der Kopf das Kissen berührt. Tiefes Bellen, kann kaum atmen, würgt, wird rot im Gesicht. Muss sich die Brust halten. Erbrechen, blutiger Schleim. Nasenbluten. Kalter Schweiß. Apnoeneigung. < 2:00–3:00 Uhr, nach dem Hinlegen, Sprechen, Lachen, Singen, Wärme. > Langsames Umhergehen, Sitzen.

„So reicht z. B. eine einzige solche Gabe zur homöopathischen, völligen Heilung des epidemischen Keuchhustens. Die Heilung erfolgt sicher binnen 7 oder 9 Tagen, bei unarzneilicher Diät. Man hüte sich, unmittelbar nach der ersten eine zweite Gabe davon zu reichen (und ebenso wenig, irgendein anderes Mittel), denn sie würde unfehlbar nicht nur den guten Erfolg hindern, sondern auch beträchtlichen Schaden anrichten, wie ich aus Erfahrung weiß.“

(Hahnemann).

Ipecacuanha
#IpecacuanhaKeuchhustenHusten unaufhörlich und heftig, macht sich steif. Wird rot oder zyanotisch. Anhaltende Übelkeit, würgt oder erbricht schließlich heftig. Saubere Zunge. Kaltschweißiges Gesicht während Husten. Lippen bläulich. Konvulsionen, Apnoe beim Säugling. Hellrote Blutung aus Nase oder Mund, auch Bluterbrechen. < An der frischen Luft, Kälte, Hinlegen, 19:00 Uhr, nachts. > Wärme und Ruhe, frische Luft, kalt Trinken.
Kalium bromatum
#Kalium bromatumKeuchhustenTrockener, erstickender Husten, der schließlich den Atem nimmt und zu Konvulsionen führt (cupr, meph). Husten schlimmer nachts und im Liegen, sonst keine weiteren Modalitäten.
Kalium carbonicum
#Kalium carbonicumKeuchhustenAnfälle mit Nasenbluten, Würgen oder Erbrechen. Stechenden Schmerzen in der Brust. Muss sich aufsetzen und nach vorne beugen. Auswurf fliegt in Stückchen aus dem Mund. Oberlidschwellung. Schwäche, Schwitzen. < 2:00–4:00 Uhr, Zugluft, Essen, Trinken, Bewegung, Kälte. > Nach dem Frühstück.
Mephitis
#MephitisKeuchhusten„Ein großartiges Mittel für Keuchhusten. Zur Sicherung des vollen Erfolgs sollte es in den unteren Potenzen von D1 bis D3 gegeben werden“ (Boericke). Heftige Anfälle von krampfartigem Husten mit Erbrechen – „es scheint bei jedem Anfall, als gehe das Leben zu Ende“ (Boericke).
Gesicht aufgedunsen. Kind macht sich steif, muss hochgehoben werden, wird blau im Gesicht, kann nicht ausatmen, schreit dann. Verschluckt sich dauernd. Konvulsionen, Stimmritzenkrampf. < nachts (nur wenige Anfälle tagsüber), beim Liegen, Sprechen, Trinken. > Kälte, kalte Abwaschungen.
Moschus
#MoschusKeuchhustenSpasmen des Kehlkopfes mit krächzendem Einatmen. Hustenreiz und immer schlimmeres Husten „bis man daran zweifelt, den Anfall zu überstehen“ (Hering). Zyanose, Schaum vor dem Mund, Ohnmachtsneigung. Brust mit Schleim gefüllt, lässt sich nicht aushusten. Hysterische Erstickungsanfälle mit Angst und Unruhe, biegt sich nach hinten und schreit. < Abkühlung, kalte Luft. > Aufstoßen.
Nux vomica
#Nux vomicaKeuchhustenKrampfartige Einschnürung der Brust, krampfartiger Husten. Macht sich dabei steif, Schleim muss mit Gewalt ausgehustet werden. Zyanose von Lippen oder ganzem Gesicht. Kopfschmerzen – hält sich den Kopf beim Husten. Apnoeneigung. Erbrechen. Nasenbluten, Blutung aus dem Mund oder Konjunktivalblutung. Reizbare Stimmung. < Anstrengung, Erwachen, Rückenlage, Kälte. > Seitenlage.
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisKeuchhustenKann in jedem Keuchhustenstadium indiziert sein. Würgen und Erbrechen von Schleim, der ohne Probleme abgehustet wird. Muss sich beim Husten aufsetzen. Nachts eher trockener, morgens lockerer Husten. Durstlos, wechselhafte Symptome, weinerliche Stimmung. < Warme Luft, warm Trinken, Essen, abends nach dem Hinlegen und nachts. > Frischluft, langsame Bewegung.
Spongia tosta
#Spongia tostaKeuchhustenPfeifende Atmung, Zusammenschnürung der Brust. Husten hohl, krächzend, sägend, kruppartig. Greift sich an die Kehle. Gefühllosigkeit der Finger. < Kalte Luft, kalt trinken, Kopftieflage, abends und nachts vor Mitternacht.
Veratrum album
#Veratrum albumKeuchhusten„Vernachlässigter Keuchhusten; mit Komplikation“ (Vermeulen). Anfälle gefolgt von Aufstoßen oder heftigem Erbrechen. Gesicht blass, kalter Stirnschweiß. Erschöpfung, Exsikkose, Zyanose, Konvulsionen. Rasseln in der Brust. < Morgens und abends bis Mitternacht, warmes Zimmer, kalte Getränke. > Liegen.

Homöopathische Arzneimittel für das Stadium decrementi

Antimonium tartaricum
#Antimonium tartaricumKeuchhustenStadium catarrhale
Phosphorus
#PhosphorusKeuchhustenHusten durch Kitzeln im Hals, schmerzhaft, zittert dabei, muss sich aufsetzen. < Temperaturwechsel, Liegen auf der linken Seite, Gewitter, Singen. > Frische Luft.
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisKeuchhustenStadium convulsivum

Homöopathische Arzneimittel für anhaltenden Husten nach Keuchhusten

Carcinosinum
#CarcinosinumKeuchhustenNosodenCarcinosinumHusten durch Kitzeln im Hals oder Reiz im Magen. Atemnot nach dem Laufen. Schlaflos. Knie-Ellenbogen-Lage. Verlangen nach Fett und Schokolade. < Warmes Zimmer, kalte Luft, Singen, Sprechen, Gähnen, Baden.
Causticum
#CausticumKeuchhustenKeuchhusten kehrt bei jeder Erkältung wieder. Unaufhörlicher trockener Husten durch Kitzeln in der Kehlgrube. Husten mit Schmerzen in der Hüfte. Auswurf schwierig. Müde, aber schlaflos. Heiser morgens. < Ausatmen, Sprechen, kalte Luft, nach vorne Beugen, Bettwärme. > Kalt trinken.
Coccus cacti
#Coccus cactiKeuchhusten„Langwierige Bronchialkatarrhe, die nach Keuchhusten bestehen bleiben“ (Hering). Siehe Stadium convulsivum.
Medorrhinum
#MedorrhinumKeuchhustenHusten anhaltend nachts, weckt ihn auf. Starkes Schleimrasseln, kann aber nicht abhusten, erst wenn er auf dem Gesicht liegt. Grünlicher Auswurf. > Knie-Ellenbogen-Lage, Eintritt ins warme Zimmer, Einschlafen.
Pertussinum
#Pertussinum, KeuchhustenKeuchhusten-NosodeNosodenPertussinum, anzuwenden wenn gut gewählte Mittel keine Besserung bringen. Folgekrankheiten von Keuchhusten: „In allen Fällen von vermutetem oder eindeutigem Keuchhusten habe ich das Mittel routinemäßig in der 30. Potenz alle vier Stunden verabreicht und in der Regel erlangt das Mittel schnell die Kontrolle über den Fall und tut alles notwendige. Nach meiner Erfahrung paßt es gut mit allen anderen Keuchhustenmitteln zusammen. Wenn deren spezifische Anzeigen auftreten, so gebe ich Pertussinum und das entsprechende Mittel abwechselnd, ansonsten allein.“ (Clarke)
Sanguinaria canadensis
#Sanguinaria canadensisKeuchhustenKeuchhusten kehrt nach jeder Erkältung wieder. Husten mit schmerzhaftem Brennen in der Brust, krampfartig, metallisch klingend, erschöpfend. < Nachts beim Hinlegen, in einem kalten Zimmer. > Aufsetzen, Aufstoßen, Flatusabgang.
Tuberculinum
#TuberculinumKeuchhustenNosodenTuberculinumHusten hart, trocken, weckt den Patienten nicht auf. Eine Bronchitis folgt auf die andere. Starker Schweiß, Gewichtsverlust. Schleimrasseln in der ganzen Brust. Ständig wechselnde Symptome. < abends, Abkühlung, kalt Trinken, Sprechen. > Im Wind, frische Luft.

Kasuistik

Kasuistik

Säugling mit Keuchhusten (Martin Hirte)

Anamnese

Ein Fall aus der Klinik: Der vier Monate alte, männliche Säugling leidet seit einer Woche an folgenden Symptomen: trockener, anfallsartiger Husten; deutliche Verschlechterung nachts, insbesondere kurz vor Mitternacht; kein Fieber, insgesamt guter Allgemeinzustand. Die Hustenanfälle dauern bis zu 30 Sekunden; Besserung des Hustens durch kalte Luft, der Patient ist eher hitzeempfindlich und schwitzt leicht. Beim Husten besteht ein bläuliches Munddreieck, das Gesicht ist rot; nach dem Hustenanfall kommt es zu Erbrechen mit lautem Aufstoßen, es ist allerdings kein typischer „Seufzer“; außerdem schreit der Säugling zornig nach dem Husten, zwischen den Anfällen ist er wieder gut gelaunt.
Der Patient wird mit V. a. Pertussis sofort stationär auf die Säuglingsstation aufgenommen. Die größere Schwester und der Vater haben zum Zeitpunkt der Aufnahme einen ähnlichen Husten. Der kleine Patient wird mittels Monitor überwacht und erhält im Rahmen der Hustenstöße regelmäßig Sauerstoff über einen Trichter vor Mund und Nase gehalten. Am folgenden Tag Nachweis von Bortetella pertussis im Nasen-Rachen-Sekret mittels PCR, übriges Labor: Leukozyten 14 600, CrP 0,48 mg/dl. Der Patient erhält wie üblich Erythromycin per os für die Dauer von 14 Tagen.

Repertorisation

→Husten – trocken – nachts (128): bell, cocc-c, dros, hyos, phos, …
→Husten – Keuchhusten – nachts (40): coc-c, cupr, dros, hep, hyos, …
→Husten – Anfallsweise – nachts – Mitternacht – vor – 23.300 h (12): ant-t, bell, coc-c, rumx, …
→Husten – kalt – Luft; kalte – amel. (5): arg-n, calc-s, coc-c, kali-s, mag-p
→Gesicht – Farbe – bläulich – Husten, beim – Keuchhusten (10): coc-c, cor-r, dros, ip, nux-v, …
→Gesicht – Farbe – rot – Husten – während (38): bell, coc-c, dros, ip, sang, …

Verordnung und Verlauf

Coccus cacti#Coccus cactiKeuchhusten D 30, 1 × tgl. 3 Globuli ab dem ersten Tag des stationären Aufenthaltes. Bereits während der folgenden zwei Tage Hustenanfälle deutlich seltener; im weiteren Verlauf noch leichtere Hustenepisoden, vorübergehend Zunahme der Schleimsekretion und Inhalation mit 0,9-prozentigem NaCl 0,9; keine weitere Zyanose, kein Sauerstoffbedarf mehr. Nach zehn Tagen Entlassung in gutem Allgemeinzustand, gelegentlich noch leichtes Husten.

Literatur

Cattelan et al., 2015

N. Cattelan P. Dubey L. Arnal Bordetella Biofilms: a lifestyle leading to persistent infections Pathog Dis 2016 2015 74 (1): ftv108

Douglas and Diekema, 2012

S. Douglas M.D. Diekema Improving Childhood Vaccination Rates N Engl J Med 366 2012 391 393

Lim et al., 2014

G.H. Lim S.L. Deeks N.S. Crowcroft A cocoon immunisation strategy against pertussis for infants: does it make sense for Ontario? Euro Surveill 19 5 2014

Mascart et al., 2007

F. Mascart M. Heinaut A. Peltier Modulation of the infant immune responses by the first pertussis vaccine administration Vaccine 25 2 2007 391 398

Odent, 1994

M.R. Odent Pertussis vaccination and asthma: is there a link? JAMA 272 8 1994 592 593

Pawloski et al., 2014

L.C. Pawloski A.M. Queenan P.K. Cassiday Prevalence and molecular characterization of pertactin-deficient Bordetella pertussis in the United States Clin Vaccine Immunol 21 2 2014 119 125

Skoff et al., 2015

T.H. Skoff C. Kenyon N. Cocoros Sources of Infant Pertussis Infection in the United States Pediatrics 136 4 2015 635 641

WHO,

WHO The Immunological Basis for Immunization Series, Module 4: Pertussis. Update 2009 http://whqlibdoc.who.int/publications/2010/9789241599337_eng.pdf (Zugriff 7.1.2016)

Witt et al., 2012

M.A. Witt P.H. Katz D.J. Witt Unexpectedly Limited Durability of Immunity Following Acellular Pertussis Vaccination in Pre-Adolescents in a North American Outbreak Clin Infect Dis 54 12 2012 1730 1735

Homöopathische Literatur

Boericke, 1986

W. Boericke Homöopathische Mittel und ihre Wirkungen 1986 Grundlagen und Praxis Leer

Clarke, 1994

J.H. Clarke Der Neue Clarke – Eine Enzyklopädie für den homöopathischen Praktiker, übers. von Peter Vint 1994 Silvia Stefanovic Bielefeld

Hahnemann, 1991

S. Hahnemann Reine Arzneimittellehre, 5.Nachdr 1991 Haug Heidelberg

Hering, 1995

C. Hering Kurzgefasste homöopathische Arzneimittellehre 1995 Burgdorf Göttingen

Imhäuser, 1970

H. Imhäuser Homöopathie in der Kinderheilkunde 1970 Haug Heidelberg

Pennekamp, 1999

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 2. A. 1999 MDT-Verlag Osten-Isensee

Pulford and Pulford, 1944

A. Pulford D.T. Pulford Homeopathic materia medica of graphic drug pictures and clinical comments 1944 O. A. Toeldeo (Ohio)

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Vermeulen, 2000

F. Vermeulen Konkordanz der Materia Medica 2000 Emryss bv Publishers Haarlem

Masern

Martin Hirte

Grundlagen

Die MasernMasern sind eine hoch ansteckende Viruserkrankung, die nur beim Menschen vorkommt. Schon ein kurzer Kontakt über eine Entfernung von fünf Metern genügt zur Übertragung, und bei mehr als 95 % der Infizierten kommt es zur manifesten Erkrankung. Die Masern sind daher eine klassische Kinderkrankheit.
Ansteckend sind die Masern vom ersten Fiebertag bis vier Tage nach Exanthembeginn. Eine Übertragung erfolgt nicht über Gegenstände oder gesunde Kontaktpersonen. Säuglinge sind in den ersten zwei bis drei Monaten weitgehend immun, wenn die Mutter Masern hatte oder erfolgreich geimpft wurde („Nestschutz“). Vor der Impfära erstreckte sich der Nestschutz wegen der höheren Antikörpertiter in der Regel auf mehr als neun Monate.
Seit Einführung der Impfung in den 1970er-Jahren sind die Masern selten geworden. Während früher praktisch jeder bis zum zehnten Lebensjahr die Masern hatte, werden heute nur noch 500 bis 2000 Erkrankungsfälle pro Jahr registriert. Dadurch wurden die Masern in höhere Lebensalter verschoben, denn Ungeimpfte erkranken, wenn überhaupt, dann eher spät, und bei den Geimpften kann der Schutz mit der Zeit verloren gehen, weil die Boosterung durch das Wildvirus ausbleibt („sekundäres Impfversagen“). Jeder zweite Erkrankte ist heute ein Erwachsener oder ein Säugling.
Das Durchmachen der Masern in der Kindheit scheint das Risiko zu verringern, im Laufe des Lebens eine Allergiekrankheit zu erwerben (Lewis 1998, Shaheen et al. 1996, Flöistrup et al. 2006, Kucugosmanoglu et al. 2006). Die Häufigkeit von Infekten sinkt nach überstandenen Masern, ein Effekt, der allerdings auch nach der Impfung zu beobachten ist (Kummer 1999, Sankoh et al. 2014).

Info

Die Masern sind bei Verdacht und Erkrankung namentlich meldepflichtig. Die Wiederzulassung in Gemeinschaftseinrichtungen darf frühestens fünf Tage nach Exanthemausbruch erfolgen. Ein ärztliches Zeugnis ist hierzu nicht notwendig.

Kontaktpersonen dürfen gemäß § 34(3) IfSG vierzehn Tage lang keine Gemeinschaftseinrichtungen besuchen, es sei denn, sie haben nachweislich Masernantikörper, sind zweimal geimpft oder lassen sich innerhalb von drei Tagen nach Masernkontakt impfen.

Klinik und Erkrankungsverlauf

MasernKlinikNeun bis zwölf Tage nach der Inkubation beginnen die Masern mit Fieber um 39 °C, Rhinitis, Konjunktivitis und Husten. Die Augen sind gerötet, verquollen und lichtempfindlich. In vielen Fällen treten am zweiten oder dritten Tag die Koplik-Flecken an der Wangenschleimhaut auf: weiße, kalkspritzerartige Läsionen auf rotem Grund, meist in Höhe der unteren Backenzähne. Sie bleiben bis ins Exanthemstadium hinein bestehen.
Nach kurzem Fieberabfall erscheint am dritten bis fünften Tag unter erneutem Fieberanstieg bis 40 °C das MasernexanthemExanthemMasern: zunächst hellrote, später dunkel- bis blaurote, etwa drei bis sechs Millimeter große Flecken, die zum Zusammenfließen neigen und etwas erhaben, also tastbar sind. Sie beginnen hinter den Ohren, breiten sich über das Gesicht aus und dann weiter nach unten über den ganzen Körper. Der Masernausschlag ist immer von hohem Fieber, Husten und Konjunktivitis begleitet. Durchfälle und Lymphadenopathie sind häufig.
Nach etwa drei Tagen beginnt das Exanthem abzublassen, das Fieber geht zurück und die Krankheitserscheinungen lassen nach. Bei fehlendem Fieberabfall ist an Komplikationen zu denken.

Komplikationen

MasernKomplikationenKomplikationen der Masern sind Fieberkrampf, Thrombopenie, Pneumonie, Otitis und Pseudokrupp. Die entzündlichen Komplikationen können virusbedingt sein oder Folge einer bakteriellen Superinfektion, die durch die masernbedingte Immunsuppression begünstigt wird.
Gefürchtet ist die EnzephalitisEnzephalitisMasern am fünften bis achten Tag nach Exanthembeginn. Bei Kleinkindern liegt die Häufigkeit bei 1:15000 (Allerdist 1979, Schaad 1997), bis zum Erwachsenenalter steigt das Risiko auf etwa 1: 1000. Die Enzephalitis führt in 25 % der Fälle zu Dauerschäden, in 15 % zum Tod. Eine Begleitstudie zur Einführung der Masernimpfung in Finnland konnte keinen Rückgang von Enzephalitisfällen mit Defektheilungen feststellen, nur die Erreger hatten gewechselt (Koskiniemi et al. 1997). Für die Häufigkeit und v. a. Schwere von Enzephalitiden scheint vorrangig die individuelle Empfänglichkeit – das „Terrain“ – entscheidend.
Die niedrigste Masernkomplikationsrate haben die 5–18-Jährigen (Perry 2004). Schlechter Ernährungszustand und medikamentöse Fiebersenkung sind Risikofaktoren für schwere Masernverläufe und Enzephalitis. Bei Unterernährung verringert die von der WHO empfohlene Gabe von Vitamin A das Risiko erheblich.
Die subakute sklerosierende PanenzephalitisPanenzephalitis, subakute sklerosierende als Spätkomplikation mit infauster Prognose ist sehr selten und bedroht v. a. Kinder nach Masern im ersten Lebensjahr. Während vor der Impfära nur einer von 100 000 Masernkranken von SSPE betroffen war, liegt das Risiko heute bei 1:10000 und höher (Campbell 2007).
Die Sterblichkeit der Masern in Mitteleuropa war schon vor Einführung der Impfung kaum messbar und lag in den 1990er Jahren bei 0,005–0,01 % (van Wijhe et al. 2016). Sie scheint jedoch, möglicherweise wegen des zunehmenden Erkrankungsalters, leicht anzusteigen und liegt heute bei 0,05 %–0,1 %. (RKI 2006). Im Jahr 2011 wurden in Europa über 30000 Masernfälle registriert. Es gab 27 Fälle von Enzephalitis und acht Todesfälle. In Ländern mit schlechten sozioökonomischen Bedingungen sind die Masern eine gefährliche Krankheit mit hoher Letalität.

Diagnostik

Zur Diagnosesicherung kann ab dem Tag des Exanthemausbruchs im Blut Masern-IgM nachgewiesen werden. Im Rachenabstrich oder Urin ist die PCR auf Masernviren schon im frühen Prodromalstadium positiv.

Konventionelle Prophylaxe und Therapie

Es gibt keine kausale antivirale Maserntherapie. Die konventionelle Medizin legt daher größten Wert auf Impfprogramme mit dem Ziel einer weltweiten Eradikation der Masernerkrankung.
1972 wurde in Deutschland ImpfungenMasern-Lebendimpfungdie Masern-LebendimpfungMasernImpfung eingeführt. Seit 1980 ist sie in der Kombination mit dem Mumps- und Rötelnimpfstoff als MMR-ImpfungImpfungenMMR für alle Kinder ab dem zweiten Lebensjahr empfohlen. Da die Schutzquote nach einer einmaligen Impfung nur bei etwa 95 % % liegt, soll eine Catchup-Impfung frühestens vier Wochen nach der ersten Impfung, spätestens bis zum Ende des zweiten Lebensjahres erfolgen. Dadurch steigt die Schutzquote auf 97–98 %. Alternativ können zwei Monate nach der ersten Impfung die Masernantikörper überprüft werden.
Die Masernimpfung hinterlässt im zwölften Lebensmonat einen schlechteren Langzeitschutz als im 15.–18. Lebensmonat (De Serres et al. 2012). Die Impfung ab dem Alter von 18 Monaten, wie es in Skandinavien üblich ist, wirkt nachhaltiger.
Der Impfschutz wird in den Veröffentlichungen der STIKO als dauerhaft dargestellt. Dies ist jedoch eine Fehleinschätzung, denn zu Beginn der Impfära hatten viele der Geimpften noch Kontakt mit der Wildinfektion und damit Gelegenheit zur Boosterung. Entfällt dies bei zunehmender „Durchimpfung“, ist mit einem wachsenden Prozentsatz ungeschützter Erwachsener durch sekundäre Impfversagen zu rechnen. Tatsächlich werden in Ländern mit hohen Impfraten die Masernerkrankungen bei Erwachsenen häufiger. Durch den schlechteren Nestschutz, den geimpfte Mütter vermitteln, sind auch Säuglinge von Ansteckung bedroht.

Info

Die steigende Erkrankungsrate bei Säuglingen hat eine Zunahme der SSPE zur Folge. Dies und die mögliche Ansteckung erwachsener Impfversager sind ein stichhaltiges Argument für die Bemühungen, die Masern durch ein Impfprogramm bei Kleinkindern weitgehend zu eliminieren.

Masernausbrüche geben immer wieder Anlass zur Diskussion über die Einführung einer Impfpflicht. Die Emotionen, die gerade im Fall der Masern hochkochen, stehen in keinem rationalen Verhältnis zur epidemiologischen Bedeutung der Erkrankung, verglichen etwa mit den Folgen von Tabakrauch, Feinstaubbelastung, Verkehrsunfällen oder der Zunahme nicht indizierter Schnittentbindungen.
Häufige Nebenwirkungen der Masernimpfung sind Fieber und Impfmasern sieben bis zehn Tage nach der Impfung. Gelegentlich kommt es zu einem Fieberkrampf oder – nach einer von 30.000 Masernimpfungen – zu einer thrombozytopenischen Purpura. Sehr selten, aber unter Umständen schwerwiegend sind anaphylaktische Reaktionen in einer Häufigkeit von etwa 1:65000 und neurologische Komplikationen von Neuritis über Myelitis bis hin zur Enzephalitis. Todesfälle sind beschrieben und in den USA als Impffolge anerkannt (CDC 1996).
Die Inkubationsimpfung bringt innerhalb von 72 Stunden nach Masernkontakt einen möglichen Schutz. Die Gabe von Masern-Immunglobulin ist bis zum siebten Tag nach Masernkontakt wirksam (Young et al. 2014).
Konventionelle medikamentöse Maßnahmen haben nur einen geringen Stellenwert:
  • Die Gabe von Antibiotika ist die Grundlage der konventionellen Therapie von Masernotitis und Masern-Pneumonie. Bei Versagen homöopathischer Behandlung ist sie auch für den homöopathisch therapierenden Arzt obligatorisch, da gerade die Pneumonie entscheidend zur Masernletalität beiträgt.

  • Die Substitution von Vitamin AVitamin AMasern in der Dosierung von je 200.000 IE (z. B. 7 ml A-Mulsin forte) an zwei aufeinander folgenden Tagen ist bei schlechtem Ernährungszustand des Erkrankten angezeigt.

  • Die Verabreichung von Antipyretika kann die Sterblichkeit und Komplikationsrate der Masern erhöhen, sodass davon dringend abgeraten werden muss (Witsenburg 1992).

Unterstützende Maßnahmen

Ein masernkrankes Kind ist deutlich in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt, schutzbedürftig und muss liebevoll gepflegt werden. Für die Behandlung sind folgende Maßnahmen wichtig:
  • Bettruhe einhalten, solange Fieber besteht. „Ruhe“ bedeutet auch Schutz vor Überreizung durch Fernsehen, Besuch.

  • Für ein ruhiges, wegen der Lichtempfindlichkeit etwas abgedunkeltes, immer wieder gut durchgelüftetes Zimmer sorgen.

  • Verzicht auf fiebersenkende Maßnahmen.

  • Eventuell pflanzliche ExpektorantienPhytopharmakaMasern verabreichen, wenn der Husten locker geworden ist (Efeu, Thymian, Spitzwegerich).

  • Augentropfen oder Teeauflagen anwenden, z. B. mit Calendula, Euphrasia (Augentrost) oder Mercurialis (Bingelkraut).

Nach überstandener Krankheit sind viele Kinder seelisch und körperlich gereift und gesundheitlich stabiler.

Homöopathische Behandlung

Die homöopathische Behandlung der Masern ist wirkungsvoll und dankbar.

Prodromalstadium

Im Prodromalstadium sind die im Kapitel Fieber (6.2) beschriebenen Mittel wie Aconitum, Bryonia#Bryonia albaMasern, Gelsemium#Gelsemium sempervirensMasern oder Ferrum phosphoricum#Ferrum phosphoricumMasern indiziert.

Exanthemstadium

Im Exanthemstadium kommt folgende Rubrik zur Anwendung:
→Fieber – Ausschlagsfieber – Masern (54): acon, apis, bell, bry, coff, dros, euphr, gels, phos, puls, rhus-t, sulph, …
Entscheidend für die Wahl des Mittels sind in der Regel „sonderliche Symptome“ (Organon, § 153), Geist- und Gemütssymptome und Modalitäten des Hustens.

„Diejenigen Symptome, welche bei allen Erkrankten gefunden werden, charakterisieren die Epidemie – man nennt sie pathognomonische; diejenigen Symptome, welche nur selten, ausnahmsweise beobachtet werden, charakterisieren den einzelnen Kranken, der sie aufweist – man nennt sie individuelle Symptome … Niemals darf ein Heilmittel bloß deshalb angewendet werden, weil es nun da in der Liste der Epidemiemittel figuriert. Man darf sich durch diese Liste der sogenannten Masernmittel oder Mittel einer anderen Krankheit den Blick nicht trüben lassen … Bei jeder Applikation eines Mittels muss man darauf achten, ob die Indikationen auch wirklich dafür sprechen“.

(Kent)

Als „Spezifikum“ wird häufig Pulsatilla dargestellt, v. a. wegen des verweinten Gesichtsausdrucks bei Masernerkrankten. Es können jedoch auch andere Arzneimittel angezeigt sein.
Aconitum napellus
Große Unruhe (anders Spongia) und Ängstlichkeit, ängstlicher Gesichtsausdruck. Plötzlicher Beginn, große Schmerzhaftigkeit, greift sich an den Kehlkopf beim Husten. Husten sehr laut bellend. Gesicht rot, Herzklopfen. Pseudokrupp oder Otitis mit Hauptbeschwerden um Mitternacht. Durst auf Kaltes. Folgemittel oft Bryonia oder Sulphur.
Apis mellifica
#Apis mellificaMasernUnruhe, Schwäche und Schläfrigkeit. Kopfrollen und schrilles Schreien mit drohender Enzephalitis. Schwellungen, Lidödeme. Durstlosigkeit (puls) und Oligurie. < Wärme, warme Getränke und warme Anwendungen.
Bryonia alba
#Bryonia albaMasernReizbar, will in Ruhe gelassen werden (ant-c), mag nicht getragen oder hochgehoben werden. Trockene Schleimhäute mit heftigem Durst. Neigung zu Nasenbluten. Larynxbeteiligung mit Heiserkeit. Husten hart, trocken, sehr schmerzhaft, hält sich die Brust oder den Kopf; Husten < bei jeder Bewegung, > frische Luft. Brustschmerz beim Atmen. Übergang in (rechtsseitige) Pneumonie.
Euphrasia officinalis
#Euphrasia officinalisMasernHeftige, schmerzhafte Konjunktivitis mit Lidschwellung, Lichtscheu, scharfem Augensekret, Trübsichtigkeit. Milder, wässriger Schnupfen. Trockener Husten tagsüber, > im Liegen.
Phosphorus
#PhosphorusMasernEher ängstlich; Verlangen nach Zuwendung, Streicheln, Massieren. Im Fieber oft hungrig, v. a. aber viel Durst auf kaltes Wasser, das oft nach ein paar Minuten erbrochen wird. Liegt lieber auf der rechten Seite. Heiserkeit, heftiger Husten, schmerzhaft in Hals oder Brust, mit Übergang in Pneumonie (linker Unterlappen). Diarrhö, Blutungsneigung (Nasenbluten, blutiger Auswurf, blutige Diarrhö).
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisMasernStimmung wechselhaft, weinerlich, verweinter Gesichtsausdruck, Verlangen nach Körperkontakt und Trost. Ängstlich v. a. abends, mag nicht alleine gelassen werden. Trockener Mund, aber wenig Durst. Wechselhafte Beschwerden. Epistaxis. Dicke, milde, gelbgrüne Sekrete aus Augen und Nase, eher lockerer Husten < warme Luft. Otitis mit wellenartigen Schmerzen, oft eine Wange rot. Diarrhö.
Sulphur
#SulphurMasernRotes Gesicht, rote Lippen, rote Körperöffnungen. Starkes Hitzegefühl, v. a. an den Füßen, deckt sich ab. Schlaflos nach Mitternacht. Schlecht entwickeltes oder stark juckendes Exanthem. Wund machender Schnupfen, scharfe Tränen mit roten Lidrändern, Gefühl von Sand im Auge.

Spezielle Symptome und Komplikationen

MasernKomplikationenBei speziellen Symptomen können unter anderem die entsprechenden Masern-Rubriken benutzt werden.
→Nase – Nasenbluten – Masern agg. (5): acon, bry, ip, puls, sabad
→Magen – Erbrechen – Masern, bei (1): ant-c
→Rektum – Diarrhö – Masern, während (8): ars, chin, ip, merc, puls, squil, sulph, verat
→Schlaf – Schläfrigkeit – Masern, bei (2): apis, xan
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Masern, bei (3): calc, coff, ferr-p
→Haut – Hautausschläge Masern – begleitet von – Kehlkopfes, Entzündung des (4): dros, gels, kali-bi, viol-o
Angezeigt sind auch die folgenden allgemeinen Rubriken:
→Kopf – Entzündung – Gehirn
→Ohr – Schmerz – …
→Brust – Entzündung – Lunge
Pennekamp-Rubriken:
→Fieber – Masern – Atemnot oder Krupp, mit (9): acon, bry, cham, ferr-p, hep, puls, spong, sul-i, zinc
→Fieber – Masern, dabei – Husten kruppös (11): acon, coff, dros, euphr, gels, hep, hyos, kalibi, kali-c, spong, stict
→Haut – Ausschlag Masern juckend unerträglich (3): dol, rhus-t, sulph
Antimonium crudum
#Antimonium crudumMasernUnerträgliche, mürrische Stimmung – lehnt alles ab, mag nicht angefasst oder angesehen werden. Abneigung gegen Waschen. Augen verklebt, rote Augenwinkel, verkrustete Nasenlöcher, rissige Mundwinkel. Zunge dick weiß belegt. Im Vordergrund Verdauungsbeschwerden, im Repertorium Synthesis einziges Mittel für Erbrechen bei Masern.
Copaiva
#Copaiva, MasernSchmerzhafter Husten mit übelriechendem eitrigen Auswurf. Urtikariformes Exanthem mit starkem Juckreiz.
Cuprum metallicum
#Cuprum metallicumMasernHeftiger krampfartiger Husten mit Atemnot bis zur Zyanose. < Nach Mitternacht (3:00 Uhr), > kalte Getränke. Zittert nach dem Husten, macht sich steif. Übelkeit mit krampfartigem Erbrechen. Eingeschlagener Daumen, Krampfbereitschaft, Fieberkrampf, Symptome einer beginnenden Enzephalitis (apis). Folgebeschwerden nach unterdrückender Medikation (Antipyretika, Antitussiva).
Drosera
#DroseraMasernLaryngitis mit tiefer, heiserer Stimme. Im Vordergrund der trockene, anfallsweise Husten mit Würgen, Erbrechen, kaltem Schweiß; < Essen oder Sprechen, beim Hinlegen und nach Mitternacht (2:00 Uhr). Hält die Brust beim Husten (bry). Juckendes Exanthem. Frostig; kalte Hände.
Gelsemium sempervirens
#Gelsemium sempervirensMasernMäßig hohes Fieber, wenig Durst, gerötetes Gesicht. Exanthem nur schwach ausgeprägt, dafür Benommenheit und Schläfrigkeit, Gliederschmerzen, Zittrigkeit und große Schwäche – kann den Kopf nicht aufrecht halten, hängende Augenlider. Masernkrupp. Starke Kopfschmerzen mit Tendenz zu Meningitis und Enzephalitis.
Hyoscyamus niger
#Hyoscyamus nigerMasernHeftiges Fieberdelir (erkennt Verwandte nicht, zupft an der Kleidung), Muskelzuckungen, Krampfneigung, Fieberkrampf. Trockener, hackender Reizhusten < beim Hinlegen und > beim Aufsetzen. Husten auch < beim Essen, Trinken, Sprechen. Fährt aus dem Schlaf hoch, knirscht nachts mit den Zähnen.
Ipecacuanha
#IpecacuanhaMasernLaunisch, reizbar, Finger im Mund. Trockener, erstickender, krampfartiger Husten mit Übelkeit, Würgen und Erbrechen. Auch Schleimrasseln ohne Auswurf. Zunge nicht belegt („sauber“), Neigung zu Speichelfluss. Im Fieber oft Stirnschweiß, kalte Hände und kalte Füße. Blutungsneigung (phos): Bluterbrechen, Nasenbluten. Diarrhö.
Rhus toxicodendron
#Rhus toxicodendronMasernGlieder- und Rückenschmerzen, kann deshalb nicht ruhig liegen; extreme Unruhe auch nachts, muss sich dauernd strecken. Frostig, muss husten, wenn er die Hand aus dem Bett streckt. Typhöses Fieber. Rote Zungenspitze, Fieberbläschen. Vesikuläres oder urtikarielles Exanthem, starker Juckreiz, > warme Anwendungen.
Spongia tosta
#Spongia tostaMasernNeben Aconitum und Gelsemium ist Spongia das Mittel für Masernkrupp: ängstliches Auffahren aus dem Schlaf mit Stridor und Dyspnoe vor oder um 0:00 Uhr. Krächzende Einatmung (acon: eher geräuschvolle Ausatmung), ständiges Räuspern. Muss den Kopf zurücklegen, um Luft zu bekommen. Husten > Trinken oder Essen (umgekehrt acon).

Folgeerkrankungen und verzögerte Genesung

→Kopf – Schmerz – Masern, nach (8): bell, carb-v, dulc, hell, hyos, puls, rhus-t, sulph
→Ohr – Absonderungen – Masern, nach (11): carb-v, lyc, merc, puls, sulph, …
→Hören – Schwerhörig – Masern, nach (12): carb-v, merc, puls, sil sulph, …
→Rektum – Diarrhö – Masern, nach (6): carb-v, chin, elat, merc, puls, squil
→Kehlkopf – Stimme – heiser – Masern, nach (6): bell, bry, carb-v, dros, dulc, sulph
→Atemnot – Asthma – Masern, nach (2): brom, carb-v
→Husten – trocken – Masern, nach (7): acon, cham, dros, euphr, hyos, ign, stict
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Schläfrigkeit, mit – Masern, nach (1): caust
→Allgemeines – Masern – Beschwerden nach (53): acon, camph, carb-v, morbill, puls, …
→Allgemeines – Masern nie wieder gesund seit [Pennekamp] (4): carc, lyc, puls, tub
→Allgemeines – Rekonvaleszenz Störungen Masern, nach [Pennekamp] (12): bry, carc, cupr-act, lyc, morb, puls, rhus-t, stram, sulph, tub, vario, zinc
Bei Problemen nach überstandenen Masern geht immer die Konstitution des Patienten in die Mittelwahl mit ein. Anhaltender Husten muss mit seinen charakteristischen Symptomen repertorisiert werden (13.4).
Erholt sich der Patient schlecht, kommen neben Pulsatilla und Phosphorus unter anderem folgende Mittel infrage.
Antimonium tartaricum
#Antimonium tartaricumMasernSchwäche mit großem Schlafbedürfnis und viel Schweiß. Schleimrasseln in der Brust, rasselnder Husten mit Würgereiz oder Erbrechen. Zunge dick belegt. Schlechte Laune, mag nicht angesehen werden.
Carbo vegetabilis
#Carbo vegetabilisMasernReaktionsmangel: Nie wieder gut seit einer Erkrankung. Gleichgültigkeit, Ängstlichkeit, große körperliche und geistige Schwäche. Asthma oder Pneumonie nach Masern. Kalte Extremitäten (v. a. Füße und Unterschenkel), aufgetriebenes Abdomen, Flatulenz, Aufstoßen. Folgen von Masernotitis: Ohrabsonderung oder Schwerhörigkeit. Masernkrupp.
Coffea cruda
#Coffea crudaMasernHackender, anhaltender Husten nach Masern, verbunden mit Schlaflosigkeit, v. a. bei zarten, überwachen und nervösen Kindern.
Kalium carbonicum
#Kalium carbonicumMasernMasern-Pneumonie, v. a. rechts (Unterlappen), mit Verschlechterung des Hustens nach Mitternacht (3:00 Uhr). Erholt sich nicht nach einer Pneumonie. Reizbare Grundstimmung. Schwellung der Oberlider. Profuses Schwitzen.
Morbillinum
#MorbillinumMasernNosodenMorbillinumMasern-Nosode. Ungeprüftes Mittel, das bei Unwirksamkeit gut gewählter Mittel indiziert sein kann.
Sulphur
#SulphurMasernAnhaltender Husten, hartnäckige Heiserkeit. Kopfschmerzen oder Paukenerguss nach Masern. Haut nach Abblassen des Exanthems trocken, juckend. Schnappt jeden Infekt auf. Gewichtsabnahme trotz guten Appetits.
Tuberculinum
Bei #TuberculinumMasernNosodenTuberculinumentsprechender Konstitution (23.2). Nach Masern-Pneumonie, bei anhaltender Anfälligkeit im Respirationstrakt oder im HNO-Bereich. Nächtliches Schwitzen und Zähneknirschen, Gedeihschwäche, auffallende Unruhe und Reizbarkeit.

Kasuistik

Kasuistik

Masernexanthem (Martin Hirte)

Anamnese

Ein achtjähriger Junge wird vorstellig wegen eines akuten fieberhaften Atemwegsinfekts und einer Konjunktivitis. Drei Tage nach der Verordnung von Ferrum phosphoricum D 12 in drei Einzelgaben Anruf der Mutter: Sie schildert ein ausgeprägtes Masernexanthem; der Junge leidet unter heftigem, trockenem und heiserem Husten mit Würgen und Erbrechen, der Höhepunkt zeigt sich nach Mitternacht. Wegen der Schmerzhaftigkeit versucht der Junge, den Husten zu unterdrücken.

Repertorisation

→Husten – Masern – während (16): acon, coff, cupr, dros, euphr, ip, puls, stict, …
→Husten – nachts – Mitternacht – nach (83): acon, apis, bell, dros, hyos rhus-t, …
→Husten – Unfähigkeit – Schmerzen, vor (3): dros, nat-s, ox-ac
→Husten – heiser – nachts (5): apoc, dros, rumx, verat, verb

Verordnung und Verlauf

Drosera#DroseraMasern D 12 morgens und abends bis zur Besserung. Anruf nach drei Tagen: Komplikationsloser Verlauf, Entfieberung. Der Husten ist locker und nicht mehr schmerzhaft, der Schlaf deutlich besser.

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F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

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F. Vermeulen Konkordanz der Materia Medica 2000 Emryss bv Publishers Haarlem

Infektiöse Mononukleose

Martin Hirte

Grundlagen

Der Erreger der Mononukleose, infektiöseinfektiösen Mononukleose oder nach dem Internisten und Kinderarzt Emil Pfeiffer (1846–1921) benannten Pfeiffer-Drüsenfiebers ist das Epstein-Barr-VirusEpstein-Barr-Virus (EBV) (EBV) aus der Gruppe der HerpesvirenHerpes-Virus. Es wird vorrangig über den Speichel übertragen, selten durch Sexualkontakt. Die Infektiosität der Mononukleose ist gering, daher liegt der Erkrankungsgipfel erst im Alter von 15–25 Jahren („kissing diseasekissing disease“). Die Inkubationszeit beträgt bei Kindern zwischen fünf und 21 Tage, bei Jugendlichen vier bis sieben Wochen.
Primäre Infektionsorte sind der Oropharyngealtrakt und die B-Lymphozyten, die immortalisiert, zu ungebremster Zellteilung fähig und zur Bildung heterophiler Antikörper angeregt werden. Das Virus persistiert ihn ihnen ein Leben lang, auch nach klinischer Abheilung der Erkrankung.
Die B-Lymphozyten vermehren sich und bilden Infiltrate in Leber, Milz und anderen lymphatischen Organen. Dies führt zur Anschwellung und zu organbezogenen Beschwerden. Bei intakter Immunabwehr werden die infizierten B-Lymphozyten bald durch zytotoxische T-Lymphozyten weitgehend abgeräumt. Der Erreger wird jedoch noch mindestens sechs Monate mit dem Speichel ausgeschieden.
Kinder erkranken meist unbemerkt und haben danach eine lebenslange Immunität („stille Feiung“). Etwa die Hälfte der Sechsjährigen weist EBV-Antikörper auf. Die übrigen erkranken in der Regel spätestens im jungen Erwachsenenalter klinisch apparent, wobei es viele untypische, nicht diagnostizierte Erkrankungsverläufe gibt. Das EBV zählt zu den erfolgreichsten Viren: Die Durchseuchung der 40jährigen liegt bei 98 %. Klinik und Erkrankungsverlauf.

Klinik und Erkrankungsverlauf

Die Prodromalsymptome sind Mononukleose, infektiöseKlinikuncharakteristisch: Müdigkeit, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit oder leichtes Fieber bis zu zehn Tage.
Danach kommt es zum Ausbruch der Erkrankung mit folgenden Hauptsymptomen:
  • FieberFieberMononukleose bei 93 % der Erkrankten in den ersten zwei Wochen – häufig mit remittierendem Fieberverlauf

  • PharyngitisPharyngitis, Mononukleose und Tonsillitis mit grauweißen, konfluierenden Belägen und starker Schwellung – Dauer ein bis zwei Wochen

  • Lymphadenopathie bei 82 % der Erkrankten mit einer z. T. erheblichen, oft auch schmerzhaften Schwellung der Lymphknoten nicht nur im Zervikal- und Nuchalbereich, sondern auch an anderen Stellen des Körpers

  • SplenomegalieSplenomegalie, Mononukleose bei jedem zweiten Erkrankten

  • HepatomegalieHepatomegalie, Mononukleose bei 20 % der Erkrankten: Oberbauchbeschwerden und Völlegefühl, teils auch Ikterus

  • Makulopapulöses ExanthemExanthemMononukleose bei 5 % der Patienten; antibiotische Behandlung mit Amoxicillin verstärkt es bis hin zum Lyell-SyndromLyell-Syndrom

  • Muskelschmerzen (46 %), Kopfschmerzen (53 %)

  • Erschöpfung, v. a. bei Jugendlichen und Erwachsenen (72 %)

Nach drei bis vier Wochen kommt es in der Regel zur völligen klinischen Ausheilung. Wegen der zunächst häufig uncharakteristischen Symptome wird die Diagnose oft spät gestellt, etwa wenn sich eine Angina tonsillaris während der antibiotischen Behandlung nicht bessert oder wenn das Fieber nicht nach wenigen Tagen abklingt.
Im Blutbild findet sich eine absolute und relative Lymphozytose (> 4000 Lymphozyten/ml, > 50 % Lymphozyten), davon sind mindestens 10 % mononukleäre atypische Lymphozyten. Oft kommt es auch zu einem Anstieg der Transaminasen und zu einem sehr hohen CRP.

Komplikationen

  • Komplikationen Mononukleose, infektiöseKomplikationensind selten (um oder unter 1 %): Verschluss der oberen Atemwege durch Tonsillenschwellung

  • Milzruptur (weniger als 0,5 % der Erkrankten)

  • Neuritis, Radikulitis, Meningoenzephalitis – meist gutartig mit kompletter Ausheilung,

  • Autoimmunhämolytische Anämie oder Thrombopenie (DD Leukämie)

Info

Akute Bauchschmerzen und Tachykardie im Rahmen eines Mononukleose-verdächtigen Krankheitsbildes müssen an eine lebensbedrohliche MilzrupturMilzruptur, Mononukleose denken lassen!

Das EB-VirusEpstein-Barr-Virus (EBV) gehört zu den onkogenen Viren. Menschen mit Immundefekten, etwa HIV-Infizierte, sind von malignen Folgen der Mononukleose wie Lymphomen oder Nasopharynxkarzinomen bedroht. Mononukleose jenseits des Kindesalters ist ein Risikofaktor für Multiple Sklerose (Levin et al. 2003).
Die infektiöse Mononukleose kann insbesondere bei Jugendlichen und Erwachsenen über Wochen bis Monate anhaltende Erschöpfungszustände herbeiführen. Der früher postulierte Zusammenhang zwischen Mononukleose und dem chronischen Erschöpfungssyndrom (Chronic fatigue syndrome, CFS) hat sich jedoch nicht bestätigt. Ursache des CFS ist vielmehr eine Dysregulation des neuroendokrinen Systems mit fehlender Ausschüttung von Glukokortikoiden und Katecholaminen unter Stressbedingungen (Torpy et al. 2016).

Diagnostik

Zur Sicherung der Diagnose können drei Antikörper bestimmt werden: IgM und IgG gegen virales Capsid Antigen (VCA) und IgG-Antikörper gegen das nukleäre EBV-Antigen (EBNA). VCA-IgM und VCA-IgG dienen zum Erfassen einer frischen Infektion, EBNA-IgG-Ak zu deren Ausschluss, denn sie zeigen eine durchgemachte oder reaktivierte Infektion an und sind in den ersten vier Wochen negativ. Bei Kleinkindern kommt es im Akutstadium oft nur zu einem Anstieg von VCA-IgG. Ein alleiniger IgM-Nachweis kann eine unspezifische Kreuzreaktion sein und ist nicht beweisend.
10–15 % der Verdachtsfälle stellen sich letztlich als Infektionen mit CMV, HIV, selten auch Toxoplasmen oder humanen Herpesviren (HHV) Gruppe 6 und 7 heraus.

Konventionelle Therapie

Es gibt keine spezifische antivirale Therapie. In der schulmedizinischen Literatur wird die Gabe von Antipyretika empfohlen, was jedoch wegen deren potenzieller Lebertoxizität nicht unproblematisch ist. Für die Wirksamkeit von Kortikosteroiden gibt es keine Belege (Rezk et al. 2015). Prophylaktische und therapeutische Impfstoffe gegen das Epstein-Barr-Virus sind in der Entwicklung.
Bei einem Milzriss muss unter Umständen durch eine Notfalloperation die Milz entfernt werden. Apnoezustände durch Tonsillenschwellung erfordern gelegentlich eine Intubation, eine Tracheostomie oder die Notfall-Tonsillektomie.
Über 90 % aller Mononukleose-Patienten erhalten vor der Diagnosestellung Antibiotika – eine vermeidbare Belastung für die Patienten und das Gesundheitswesen.

Unterstützende Maßnahmen

Wichtig ist körperliche Schonung. Drei Wochen nach Erkrankungsbeginn kann – guter Allgemeinzustand vorausgesetzt – wieder Sport ausgeübt werden.

Info

Bei einer Milzschwellung muss auf stärkere körperliche Belastung und Sport – insbesondere auf Sportarten mit möglichem Abdominaltrauma (Skifahren, Fußball, Kampfsport) – verzichtet werden.

Wegen der häufigen Leberbeteiligung empfiehlt sich leichtverdauliche, fettarme Nahrung.
Tonsillitis und Lymphadenopathie können mit den üblichen Lokalmaßnahmen gelindert werden:
  • Gurgeln mit Salbei- oder Kamillentee

  • HalswickeWickelMononukleosel mit lauwarmem Salzwasser

  • Äußerliche QuarkQuarkUmschlagumschläge oder -auflagen

Homöopathische Behandlung bei akuter Mononukleose

Die homöopathische Behandlung der Mononukleose erfolgt nach den vollständigen und charakteristischen Akutsymptomen des Erkrankten. Zunächst wird in der Regel eine Tonsillitis mit Lymphadenitis zu repertorisieren sein (12.3, 12.5).

Repertoriumsrubriken

RepertoriumsrubrikenMononukleoseInnerer Hals – Belag – Tonsillen (24): apis, lac-c, lach, lyc, nit-ac, phyt, …
→Innerer Hals – Eiterung der Tonsillen (49): bar-m, hep, merc, sil, …
→Innerer Hals – Entzündung – Tonsillen – akut (40): apis, bell, lac-c, merc, phyt, sil, …
→Innerer Hals – Farbe – rot – Tonsillen (22): apis, bell, lach, merc, phyt, …
→Äußerer Hals – Schwellung – Halsdrüsen (174): bar-c, bar-m, bell, calc, merc, rhus-t, sil, sulph, …
→Äußerer Hals – Verhärtung der Halsdrüsen (16): bar-m, bell, calc, calc-i, carb-ac, con, iod, sil, sulph, tub, …
→Äußerer Hals – Schmerz – Halsdrüsen (95): bell, calc, caps, carb-v, merc, nat-m, sil, …
Angezeigt sind auch die verschiedenen Halsschmerz-Rubriken mit ihren Modalitäten sowie die Geist- und Gemütssymptome, Nahrungsmittelmodalitäten, Durst, Schlaf und Schweiße.
→Innerer Hals – Schmerz – …
Für den Anfänger schwierig zu handhaben sind die Kapitel „Frost, Fieber und Schweiß“. Hier finden sich jedoch manche „Goldkörner“ für die Behandlung der Mononukleose, etwa bei der Abfolge von Stadien.
→Fieber – Abfolge von Stadien – …
Wichtige Rubriken sind auch die folgenden Rubriken:
→Fieber – Continua – Ausschlagfieber (31): apis, ars, bell, bry, lach, merc, phos, rhus-t, sulph, …
→Fieber – intermittierendes – Leber, mit vergrößerter (12): lyc, nat-m, nat-s, nit-ac, …
→Fieber – remittierend (58): acon, bell, bry, cham, gels, merc, …
→Fieber – remittierend – Kleinkindern; bei (14): acon, ars, bell, bry, cham, gels, nux-v, puls, rhus-t, sulph
Pennekamp gibt folgende Mittel für die Behandlung der Mononukleose an:
→Fieber – Pfeiffer-Drüsenfieber, Mononukleose (37): acon, ail, alumn, anan, apis, ars, ars-i, bapt, bar-i, bar-m, bell, bism, calc, carc, chin-ar, cist, clem, dulc, gels, graph, hep, iod, iodof, kali-i, lach, merc, merc-cy, merc-i-r, phos, ph-ac, phyt, rhus-t, sil, sil-mar, sulph, vince

Homöopathische Arzneimittel

Barium carbonicum
#Barium carbonicumMononukleoseEiterung der Tonsillen mit geschwollenen Venen auf den Tonsillen. Brennender oder stechender Schluckschmerz, mehr rechte Seite. Starke Schwellung und Verhärtung von Tonsillen und Lymphknoten. Äußerer Hals blass (bei Belladonna rot).
Chininum sulfuricum
#Chininum sulfuricumMononukleoseIst angezeigt bei periodischem Fieber, das täglich zur gleichen Stunde, v. a. gegen 15:00 Uhr, wiederkommt. Der Patient ist ruhelos, hat regelmäßig wiederkehrende neuralgische Schmerzen, Ohrgeräusche und nächtliche Kopfschmerzen. Splenomegalie.
Hepar sulfuris
#Hepar sulfurisMononukleosePatient sehr reizbar und verfroren. Bläulich-rote, follikuläre oder phlegmonöse Tonsillitis. Harte schmerzhafte Lymphknotenschwellung, fötider Mundgeruch. Extreme Schwellung der Tonsillen – keine Öffnung mehr sichtbar (lac-c). Starker Schluckschmerz wie von einem Splitter, erstreckt sich bis zum Ohr < beim Drehen des Kopfes und beim Schlucken. Warme Getränke bessern.
Kalium muriaticum
#Kalium muriaticumMononukleoseTonsillen stark vergrößert, kann kaum atmen; mit grauen oder weißen Belägen. Räuspert stinkende käsige Klümpchen herauf. Schlucken extrem schmerzhaft. Weißer oder grauer Belag an der Zungenbasis. Harte Lymphknotenschwellung.
Lac caninum
#Lac caninumMononukleoseTonsillitis mit Beschwerden auf wechselnder Seite – erst rechts, dann links, dann wieder rechts. Weiße Ulzera oder flächenhafter weißer Belag auf den Tonsillen – wie Schimmel auf Marmelade oder glänzend wie Porzellan. Schmerz beim leeren Schlucken, strahlt ins Ohr aus. Äußerer Hals sehr berührungsempfindlich. Tonsillen extrem geschwollen, berühren sich fast (hep). Gesicht und Hals ödematös geschwollen. Zunge weiß oder braun belegt mit roten Rändern. Viel schaumiger Schleim in Mund und Rachen.
Lachesis muta
#Lachesis mutaMononukleoseMehr linksseitige Tonsillitis, livide verfärbt. Große Schluckprobleme, Schmerz strahlt ins Ohr aus. Geringste Berührung oder Kleidung am Hals werden nicht vertragen. Fährt aus dem Schlaf auf wie durch Erstickungsgefühl. < Wärme und warme Getränke.
Lycopodium clavatum
#Lycopodium clavatumMononukleoseRechtsseitige Tonsillitis und schmerzhafte Lymphknotenschwellung; übelriechender Eiter im Hals, verstopfte Nase. Verdauungssymptome: Übelkeit, Bauchschmerzen, Flatulenz. Dunkle Augenringe. Gewichtsverlust.
Mercurius iodatus flavus
#Mercurius iodatus flavusMononukleoseLakunäre Tonsillitis, zuerst auf der rechten Seite, später links. Käsiges Exsudat und stinkender Atem. Schluckschmerz > kalte Getränke. Viel zäher Schleim im Hals. Zunge dick belegt, mit Zahnabdrücken, an der Basis gelblich. Roter Ausschlag am Gaumendach.
Mercurius iodatus ruber
#Mercurius iodatus ruberMononukleoseDunkelroter Schlund. Tonsillitis linksseitig, starke Schwellung. Starke Lymphknotenschwellung. Hals berührungsempfindlich, Nacken steif. Zunge trocken.
Mercurius solubilis
#Mercurius solubilisMononukleoseTonsillitis mit weißlichem, schmierigem Belag und schrecklichem Mundgeruch. Zunge dick belegt mit seitlichen Zahnabdrücken. Mund voll mit Speichel, lässt ihn herauslaufen. Harte schmerzhafte Lymphknotenschwellung. Viel Schwäche, Unruhe, Zittrigkeit, Durst und profuser Schweiß. Alles < nachts.
Mercurius cyanatus
#Mercurius cyanatusMononukleoseSchweres Krankheitsbild mit raschem Kräfteverfall, Kältegefühl, Übelkeit und Schwitzen. Dicke graue Membran auf den Tonsillen. Geschwüre und Nekrosen. Starker Foetor ex ore, Zunge geschwollen, dunkelrot, gelber Streifen am Zungengrund. Schmerzhafte Aphthen.
Phytolacca
#PhytolaccaMononukleoseDunkelrote Verfärbung von Rachen und Tonsillen v. a. rechts. Schluckschmerz < rechte Seite, warme Getränke. > Kalt Trinken. Schmerz erstreckt sich zu den Ohren. Harte schmerzhafte Schwellung der Halslymphknoten.
Silicea
#SiliceaMononukleoseTonsillenschwellung und große, harte und schmerzhafte Lymphknoten. Splitterartiger Schmerz beim Schlucken. Zäher Schleim im Schlund. Würgt beim Schlucken fester Speisen. Frostig.

Homöopathische Behandlung bei chronischer Mononukleose

Anspruchsvoll ist die Behandlung von Folgeerscheinungen der Mononukleose und der chronisch-aktiven Verlaufsform, die bei Kindern glücklicherweise selten zu sehen ist. Hier ist in der Regel eine ausführliche homöopathische Anamnese zu erheben.

Homöopathische Repertoriumsrubriken

RepertoriumsrubrikenMononukleoseAllgemeines – Beschwerden – chronisch (27): alum, ars, calc, caust, con, lyc, phos, psor, sep, sulph, syph, tub, …
→Allgemeines – Reaktion – Mangel an (125): ars-i, calc, carb-v, chin, hell, med, op, ph-ac, psor, sulph, tub, zinc, …
→Allgemeines – Genesung – Beschwerden während der (171): calc, carb-v, chin, tub, …
→Allgemeines – Schwäche – Reaktionsmangel, mit (8): am-c, laur, op, sulph, valer
Außerdem die Rubriken bei Pennekamp:
→Allgemeines – Rekonvaleszenz, Störung – fieberhafter Infektionskrankheit, nach (17): carc, chin, gels, hell, psor, puls, sulph, thuj, tub, …
→Fieber – Pfeiffer Drüsenfieber – Beschwerden seit (5): carc, cist, merc, nat-m, psor, …

Homöopathische Arzneimittel

In der Literatur werden viele wirksame Mittel bei Folgeerscheinungen von Mononukleose genannt (u. a. Pennekamp, van Benschoten, Vermeulen), darunter auch die wichtigsten AntipsorikaAntipsorika: bapt, calc, carbn-s, carb-v, carc, chin, cist, gels, lyc, merc, nat-m, nux-v, ph-ac, phos, puls, psor, sep, sil, sulph, thuj, tub.
Baptisia tinctoria
#Baptisia tinctoriaMononukleoseSchläfriger, stupuröser Zustand; schläft während des Sprechens ein. Benommener Gesichtsausdruck, rote bis dunkelrote Gesichtsfarbe. Dunkelrote, aber schmerzlose Tonsillitis. Übler Körpergeruch (Mund, Stuhl, Schweiß). Zerschlagenheitsgefühl, jede Lage ist unbequem.
Carbo vegetabilis
#Carbo vegetabilisMononukleoseGroße Schwäche und Apathie nach akuten Erkrankungen. Eiskalte Glieder. Kollapsneigung, Meteorismus, Verlangen nach frischer Luft. Verlangen nach Salzigem, Abneigung gegen fettes Essen.
Carboneum sulfuratum
#Carboneum sulfuratumMononukleoseAntriebslosigkeit, will nicht angesprochen werden. Verwirrt, wie berauscht, denkt und antwortet langsam. Impulsiv. Plötzliche Sehstörungen, plötzliche ruckartige Schmerzen. Bauch voller Gas. Periodisch wiederkehrende Beschwerden.
Carcinosinum
#CarcinosinumMononukleoseNosodenCarcinosinum„Nie vollständig genesen von Pfeifferschem Drüsenfieber“ (Vermeulen). Halsschmerzen < Wärme, nachts, leer Schlucken; > kalte Getränke. Sehr wechselhafte Beschwerden.
Wichtigstes Mittel, wenn man mit den Akutmitteln keinen rechten Durchbruch erzielt oder die Erkrankung zunächst überwunden zu sein scheint, dann aber über Wochen oder Monate rekurriert, auch periodisch.
China officinalis
#China officinalisMononukleoseHepatosplenomegalie, derb und druckschmerzhaft. Infektanämie. Aufgetriebenes Abdomen. Gelenkschmerzen, Ödemneigung. Periodische Verschlechterungen des Zustands.
Cistus canadensis
#Cistus canadensisMononukleoseInnerer Hals sehr trocken, fühlt sich kalt an; beim Einatmen kalter Luft sofort schmerzhaft. Linke Tonsille geschwollen. Sehr frostig, jede Form von Kälte <. Harte, perlschnurartige Halslymphknoten.
EBV-Nosode
#EBV-NosodeMononukleoseNosodenEBVKann ebenfalls weiterhelfen, wenn gut gewählte homöopathische Mittel versagen.
Gelsemium sempervirens
#Gelsemium sempervirensMononukleoseZunehmendes Schwächegefühl, sowohl geistig als auch körperlich, mit Zittern. „Beschwerden, die seit einem grippalen Infekt nicht mehr verschwinden wollen“ (Morrison). Schwindel, Kopfschmerzen, hängende Augenlieder. Beschwerden durch Erwartungsspannung.
Natrium muriaticum
#Natrium muriaticumMononukleoseHypertrophie von Tonsillen und Halslymphknoten. Gefühl eines Kloßes oder Splitters im Hals. Intermittierendes Fieber < vormittags. Fieberbläschen oder Aphthen.
Phosphoricum acidum
#Phosphoricum acidumMononukleoseDeprimiert, apathisch, vergesslich. Antwortet langsam. Gleichgültig gegen alle äußeren Ereignisse – will nur liegen und seine Ruhe haben. Haarausfall. Verlangen nach Säften und erfrischenden Dingen.
Psorinum
#PsorinumMononukleoseNosodenPsorinumStarke, schmerzhafte Tonsillenschwellung, Schluckschmerz strahlt in die Ohren aus. Hustet stinkende käsige Kugeln aus. Fieber von unregelmäßiger Periodizität, sehr frostig. Fauliger oder saurer Schweißgeruch. Meint, er werde nie wieder gesund.

Kasuistik

Kasuistik

Mononukleose (Martin Hirte)

Anamnese

Der sechsjährige Bub kommt mit hühnereigroßer harter Lymphknotenschwellung im rechten Kieferwinkel, die bei Berührung schmerzhaft ist. Das Gesicht wirkt gedunsen. Der Junge möchte einen Schal um den Hals tragen. Er hat subfebrile Temperaturen, nur leicht geschwollene Tonsillen. CRP 68 mg/l.

Repertorisation I

→Äußerer Hals – Schwellung – Halsdrüsen – hart (16): con, hep, sil, tub, …
→Äußerer Hals – Schwellung – Seiten – rechts (3): hydrog, sars, sil
→Äußerer Hals – Schmerz – Halsdrüsen (95): bell, sil, …
→Äußerer Hals – Schmerz – Seiten – Berührung, bei (5): bar-c, nat-m, sil, …
→Allgemeines – Schwellung – Drüsen – schmerzhaft (57): bar-c, bell, con, sil, …
→Äußerer Hals – Entblößen des Halses agg. (17): hep, kali-c, nux-v, rhus-t, sil, …
→Gesicht – Gedunsen – Fieber, im (1): sil

Verordnung und Verlauf I

Silicea#SiliceaMononukleose D 12 3 × tgl. 5 Globuli. Am nächsten Tag hat sich der Allgemeinzustand nur leicht gebessert. Die nächsten zwei Tage leidet der Junge an höherem Fieber, extremer Schwäche und Appetitlosigkeit. Weiterhin besteht eine starke Lymphknotenschwellung mit stärkerem Berührungsschmerz. Jetzt auch deutliche Schwellung von Leber und Milz. Im Blutbild 14 000 Leukozyten mit 26 % lymphatischen Reizformen. EBV–IgM positiv, IgG negativ. GPT 13 U/l.

Repertorisation II

→Gesicht – gedunsen – Fieber, im (1): sil
→Allgemeines – Schwäche – Fieber, während (95): ars, cupr, nat-m, nux-v, phos, verat, …
→Abdomen – Schwellung – Milz – Hitze, in der (11): ars, carb-v, nat-m, …
→Abdomen – Schwellung – Leber (81): chin, lyc, merc, nat-m, nat-s, nux-v, …
→Fieber – aufsteigend (41): acon, nat-m, phos, sep, sulph, …
→Äußerer Hals – Schmerz – Seiten – Berührung, bei (5): bar-c, nat-m, sil, …
→Äußerer Hals – Schmerz – Halsdrüsen (96): bell, nat-m, sil, …

Verordnung und Verlauf II

Natrium muriaticum#Natrium muriaticumMononukleose C 30 einmalig 5 Globuli, weitere 5 Globuli verkleppert in ein Glas Wasser, mit 1–2-stündlicher Einnahme eines Schlucks. Nach der Einnahme der fünf Globuli schläft der kleine Patient drei Stunden, danach: „Mama, ich habe jetzt Hunger“. Fieber und Schwäche verschwinden noch am selben Nachmittag, als wäre „ein Schalter umgelegt“ worden. Vier Tage später ist der Lymphknoten zwar noch tastbar, aber kaum noch sichtbar und nicht mehr schmerzhaft; der Allgemeinzustand ist sehr gut.

Literatur

Dunmire et al., 2015

S.K. Dunmire K.A. Hogquist H.H. Balfour Infectious mononucleosis Curr Top Microbiol Immunol 390 Pt 1 2015 211 240

Levin et al., 2003

L.I. Levin K.L. Munger M.V. Rubertone Multiple sclerosis and Epstein-Barr virus JAMA 289 12 2003 1533 1536

Rezk et al., 2015

E. Rezk Y.H. Nofal A. Hamzeh Steroids for symptom control in infectious mononucleosis Cochrane Database Syst Rev 11 2015 CD004402

Torpy and Saranapala, 2016

B.D.J. Torpy M. Saranapala Chronic Fatigue Syndrome in: De Groot LJ, Beck-Peccoz P, Chrousos G et al: Endotext http://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK279099 (Zugriff 30.1.2016)

Homöopathische Literatur

Benschoten van, 1988

M.M. Benschoten van Clinical cases of Epstein-Barr-Virus infection treated with homeopathic and Chinese herbal therapeutics Am J Acupunct 16 1 1988 19 25

Morrison, 1997

R. Morrison Handbuch der homöopathischen Leitsymptome und Bestätigungssymptome 2. A. 1997 Kai Kröger Groß Wittensee

Pennekamp, 1999

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 2. A. 1999 MDT-Verlag Osten-Isensee

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Vermeulen, 2000

F. Vermeulen Konkordanz der Materia Medica 2000 Emryss bv Publishers Haarlem

Mumps

Martin Hirte

Grundlagen

MumpsMumps ist eine durch Tröpfcheninfektion übertragene Viruserkrankung. Ansteckend sind Erkrankte frühestens sieben Tage vor Beginn der klinischen Symptome und bis zu maximal neun Tage nach deren Auftreten. Bei nur etwa 30 % der Infizierten manifestiert sich Mumps als typische Parotitis. Die meisten feien sich still oder entwickeln nur leichte grippale Symptome. Zurück bleibt eine lebenslange Immunität.
Wegen seiner relativ hohen Kontagiosität trat Mumps bis Ende des 20. Jahrhunderts ganzjährig und v. a. im Kindesalter auf. Aufgrund der seit 1980 empfohlenen Impfung und der inzwischen hohen Impfraten ist Mumps in der kinderärztlichen Praxis heute eine Rarität.
Vor der Impfära waren bis zum fünfzehnten Lebensjahr 90 % der Bevölkerung durchseucht und somit vor einer Erkrankung im Erwachsenenalter geschützt. Der unsichere Schutz durch die Impfung und die – durch das Zurückdrängen der Wilderkrankung – ausbleibende natürliche Boosterung führen zu einer anwachsenden Rate empfänglicher Erwachsener und vermehrt zu Mumpsausbrüchen mit hoher Komplikationsrate gerade in diesem kritischen Alter.
Frauen, die Mumps durchgemacht haben oder wirksam geimpft sind, geben ihren Kindern für die ersten Lebensmonate schützende Antikörper mit („Nestschutz“).

Info

Mumps ist bei Verdacht und Erkrankung namentlich meldepflichtig. Eine Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen kann nach Abklingen der klinischen Symptome, jedoch frühestens fünf Tage nach dem Beginn der Mumps-Erkrankung erfolgen. Ein schriftliches ärztliches Attest ist nicht erforderlich.

Wegen der einschneidenden Quarantänebestimmungen ist es unerlässlich, die Mumps-Diagnose zu sichern – eine Parotitis kann auch durch andere Viren verursacht sein. IgM-Antikörper sind bereits in den ersten Tagen der Erkrankung nachweisbar, bei bereits Geimpften ist die zweimalige IgM- und IgG-Bestimmung im Abstand von zwei Wochen notwendig. Einfacher und weniger belastend ist die PCR-Bestimmung aus Urin oder Rachenabstrich, die zeitnah im Nationalen Referenzzentrum (NRZ) für Masern, Mumps, Röteln des RKI durchgeführt wird.

Klinik und Erkrankungsverlauf

MumpsKlinikNach zwei bis drei Wochen Inkubationszeit kommt es im typischen Fall zu Fieber, Krankheitsgefühl und schmerzhafter Parotisschwellung, die meist einseitig beginnt und häufig nach ein bis drei Tagen auf die andere Seite übergreift. Viele Ärzte sind heute mit dem Krankheitsbild nicht mehr vertraut, sodass die Abgrenzung von einer Lymphadenitis colli Schwierigkeiten bereiten kann.

Info

Charakteristisch für Mumps sind folgende Befunde:

  • Schwellung deutlich oberhalb des Kieferwinkels und vor dem Ohr

  • Abstehendes Ohr

  • Schmerzen beim Mundöffnen und Kauen

  • Rötung und Schwellung des Parotis-Ausführungsgangs auf der Wangenschleimhaut

Bei Kindern heilt Mumps meist innerhalb einer Woche komplikationslos ab. Spätestens neun Tage nach Beginn der Parotisschwellung erlischt die Ansteckungsfähigkeit.

Gelegentlich sind auch die Glandulae sublinguales und submandibulares befallen, was zu einer Schwellung und Schmerzhaftigkeit unter Zunge oder Kinn führt.
Das Durchmachen von Mumps wird mit einem geringeren Risiko für Krebserkrankungen, insbesondere Ovarialkarzinom in Zusammenhang gebracht (Cramer et al. 2010, Montella et al. 2006).

Komplikationen

MumpsKomplikationenMit zunehmendem Lebensalter werden Komplikationen des Mumps wahrscheinlicher.
  • Während Kopfschmerzen ein häufiges Symptom der akuten Mumpserkrankung sind, kommt es bei ein bis 2 % der Erkrankten am zweiten bis fünften Tag zur klinisch manifesten MumpsmeninigitisMeningitisMumps. Sie bedarf wegen der guten Prognose in der Regel keiner spezifischen Diagnostik oder Hospitalisierung (AWMF 2015).

  • Die MumpsenzephalitisEnzephalitisMumps ist eine extreme Seltenheit und wird praktisch nur während oder nach der Pubertät gesehen.

  • Ebenfalls sehr selten (< 1: 20.000) kommt es infolge einer Akustikus-Neuritis zu einem einseitigen Hörverlust.

  • Insbesondere bei Mumps nach der Pubertät kann sich eine Pankreatitis durch Erbrechen, unspezifische Oberbauchbeschwerden und Erhöhung von Amylase und Lipase bemerkbar machen. Der Zusammenhang zwischen Mumps und Diabetes mellitus ist nicht gesichert.

  • Etwa 15 % der nach der Pubertät erkrankten Männer entwickeln eine meist einseitige OrchitisOrchitisMumps, die bei jedem dritten zu Hodenatrophie und Subfertilität führt. Eine beidseitige Entzündung mit nachfolgender Sterilität wird häufig als Impfargument ins Feld geführt, ist aber extrem selten.

  • Bei geschlechtsreifen Mädchen kann es zu Beschwerden durch Ovariitis oder Mastitis kommen, die jedoch in der Regel spontan ausheilen.

  • Sehr seltene Komplikationen sind Arthritis, Karditis oder Thyreoiditis.

Diagnostik

Die Diagnose kann beim Ungeimpften serologisch (IgM) gesichert werden. Der Nachweis einer Durchbruchsinfektion beim Geimpften erfolgt durch Virusanzucht oder PCR aus Abstrichmaterial der Mundhöhle (nach Massage der Speicheldrüse) oder aus dem Urin.

Konventionelle Prophylaxe und Therapie

Mumpsimpfung

MumpsImpfungDie Mumpsimpfung ImpfungenMumpsist in Deutschland, Österreich und der Schweiz für alle Kinder ab dem zweiten Lebensjahr in zweimaliger Verabreichung empfohlen. Ein Einzelimpfstoff steht in Europa nicht mehr zur Verfügung. Die Mumps-Impfquote liegt in Deutschland deutlich über 90 %.
Durch die Impfung im Kleinkindalter erhoffte man sich zunächst eine Reduzierung von Krankheitslast und Komplikationen. Langfristiges Ziel sollte die Elimination der Mumps-Erkrankung sein. Das relevante primäre und sekundäre Impfversagen der Mumpsimpfung führt jedoch zu einer zunehmenden Anzahl ungeschützter Erwachsener. In allen Ländern mit längerer Impfhistorie kommt es daher zu Mumpsausbrüchen unter Jugendlichen und Erwachsenen, z. B. an Universitäten, mit hoher Komplikationsrate (RKI 2016). Wirksamere Impfstoffe werden gefordert, eine dritte Impfung im Falle eines Ausbruchs wird diskutiert (Ogbuanu et al. 2012, Sabbe 2016).
Alternativ könnte, solange ein Masern-Einzelimpfstoff für das Kleinkindalter zur Verfügung steht, die Mumpsimpfung als MMR-Impfung vor die Pubertät verschoben werden. Dadurch bliebe die natürliche Boosterung durch endemische Mumpserkrankungen im Kindesalter erhalten, und Erkrankungen im Erwachsenenalter blieben die Ausnahme.
Nebenwirkungen der Mumpsimpfung sind die Impfkrankheit neun bis zwölf Tage nach der Impfung, allergische Reaktionen und in sehr seltenen Fällen Innenohrtaubheit, Meningitis oder Enzephalitis.

Konventionelle Therapie

Nach erfolgter Inkubation kann Mumps weder durch eine Impfung noch durch die Gabe von Immunglobulinen verhindert werden. Mangels einer Kausaltherapie wird in den Lehrbüchern die symptomatische Behandlung der Parotitis mit Analgetika/Antipyretika und lokalen Antiphlogistika empfohlen.

Unterstützende Maßnahmen

Solange Fieber besteht, sollte ein mumpskrankes Kind körperlich geschont werden. Der Verzicht auf Fiebersenkung dürfte ebenso wie bei der Masernerkrankung Komplikationen vorbeugen.
Kühle oder lauwarme äußere Anwendungen – etwa mit QuarkQuarkAuflage – auf die befallene Parotis können schmerzlindernd wirken. Örtliche Auflagen mit Engelwurz (z. B.: Archangelica Salbe Weleda) und Mundspülungen mit verdünnter Calendula#Calendula officinalisMumps Essenz wirken mild entzündungslindernd.
In zwei chinesischen Studien (Dong et al. 1995, Song 1989) wird die Ohrakupunktur als effektiv in der Behandlung subjektiver und objektiver Beschwerden beschrieben.
Der Verzicht auf saure Speisen und Getränke schont die Speicheldrüsen. Bei Bauchschmerzen (Pankreatitis?) empfiehlt sich leichte, fettarme Kost und der Versuch mit Wärmeanwendungen, z. B. feuchtwarme WickelWickelMumps.
Die heftigen Schmerzen einer Orchitis (16.10.2) können durch Hochlagern der Hoden gelindert werden.

Homöopathische Behandlung

Der Verlauf einer Mumpserkrankung lässt sich durch eine homöopathische Behandlung kaum beeinflussen. Subjektive Beschwerdeerleichterung ist jedoch zu erzielen. Unklar ist, ob Komplikationen vorgebeugt werden kann. Dokumentierte Fallserien wären wünschenswert, sind aber bei der abnehmenden Fallzahl derzeit illusorisch.
Die der objektiven Symptomatik entsprechenden Rubriken im Repertorium lauten, wie folgt.

Repertoriumsrubriken

RepertoriumsrubrikenMumpsGesicht – Schwellung – Parotis (98): arum-t, bar-c, bell, brom, cham, chin, merc, nit-ac, rhus-t, sil, …
→Gesicht – Entzündung – Parotis (91): bar-c, bell, carb-v, merc, puls, …
→Gesicht – Entzündung – Parotis – Mumps (47): acon, bar-m, bell, ferr-p, hydr, lach, merc, merc-c, nat-m, phyt, puls, …
→Gesicht – Entzündung – Parotis – Mumps – begleitet von Speichelfluss (2): hydr, nat-m
→Gesicht – Schmerz – Parotis (61): aur, bell, dulc, kali-bi, merc, merc-i-r, rhus-t, sep, …
→Gesicht – Schwellung – Parotis – hart (6): am-c, bar-m, brom, merc, sil, sul-ac
Einige Rubriken differenzieren auch noch in rechte und linke Seite, was bei einseitigem Beginn in den ersten Krankheitstagen hilfreich sein kann.
→Gesicht – Schwellung – Parotis links (6): brom, con, lach, rhus-t, sul-ac, symph
→Gesicht – Schwellung – Parotis – rechts (17): bar-c, bar-m, bell, kali-bi, lyc, merc
Auch der Befall der Submandibular- und Sublingualdrüsen kann unter denselben Stichworten repertorisiert werden.
→Gesicht – Schwellung – Sublingualdrüse (13): brom, calc, canth, merc, nat-m, staph, …
→Gesicht – Schwellung – Submentaldrüse (7): am-c, bar-i, con, glech, graph, led, sulph
Die subjektiven Empfindungen wie Hitze, Kribbeln, Jucken, Pulsieren und Schmerzqualitäten (am umfangreichsten: stechend und wund schmerzend) finden sich ebenfalls im Kapitel Gesicht.

Homöopathische Arzneimittel: Hauptmittel

Als Hauptmittel kommen bevorzugt zwei Bariumsalze zur Anwendung: Barium carbonicum und Barium muriaticum. Sie werden v. a. dann verordnet, wenn das Kind konstitutionell diesen Mitteln entspricht und auch die Submaxillardrüsen schmerzhaft geschwollen sind. Entwicklungsverzögerung, schlechtes Selbstvertrauen und chronische Hyperplasie von Mandeln und Lymphknoten indizieren diese Salze, ebenso Mumps nach einer Scharlacherkrankung.
Barium carbonicum#Barium muriaticumMumpsAngst vor Menschen, Nägelbeißen, Schluckschmerzen, Abneigung gegen Obst, aufgetriebenes Abdomen und übelriechender Fußschweiß.
Barium muriaticum
Harte Parotisschwellung, rotes Gesicht im Fieber, Verlangen nach trockenem Brot, und Muskelschwäche v. a. am Hals, sodass er den Kopf nicht richtig halten kann.

Homöopathische Arzneimittel: weitere wichtige Mittel

Belladonna
#BelladonnaMumpsOft im Anfangsstadium bei plötzlichem Beginn mit hohem Fieber angezeigt: Rötliche Schwellung mehr auf der rechten Seite. Starke Schmerzhaftigkeit, < Berührung oder Erschütterung. Hohes Fieber mit heißem Kopf und kalten Gliedern. Fieberphantasien. Trockene Schleimhäute, aber wenig Durst.
Bromum
#BromumMumpsEbenso wie das Mumpsvirus hat dieses Mittel starke Beziehung zu allen Drüsen. Steinharte, aber nicht sehr schmerzhafte Schwellung von Parotis und/oder Submaxillardrüse auf der linken Seite, deutlich schlechter durch Wärme und warme Anwendungen. Symptome und Fieber entwickeln sich langsam. Übergreifen des Mumps auf Brustdrüse, Hoden oder Ovarien, mit Schwerpunkt auf der linken Körperseite.
Chamomilla
#ChamomillaMumpsEine Wange (v. a. linke Seite) rot und geschwollen, die andere blass. Extreme Schmerzempfindlichkeit, jammert pausenlos, weint oder schreit schrill – auch nachts. Sehr reizbar, aggressiv und launisch. Will getragen werden. Hält sich die Hand auf das Ohr der betroffenen Seite. Besser durch kalte Umschläge.
Lachesis muta
#Lachesis mutaMumpsLivide Parotisschwellung auf der linken Seite, evtl. auf die rechte übergreifend. Sehr berührungsempfindlich, < morgens und durch Wärme oder warme Anwendungen. Will kalt trinken.
Mercurius solubilis
#Mercurius solubilisMumpsSchlechter Mundgeruch und übelriechender Speichelfluss im Vordergrund. Auch hier ist die Schwellung eher rechtsseitig; die Öffnung des Parotisausführungsgangs im Mund ist schmerzhaft geschwollen. Die Beschwerden sind nachts am stärksten und führen zu auffallender körperlicher Unruhe. Die Zunge ist geschwollen und schmierig belegt, das Kind schwitzt stark und hat schlechten Körpergeruch. Auch die Orchitis gehört in den Wirkungsbereich dieses Mittels.
Lycopodium clavatum
#Lycopodium clavatumMumpsSchwellung erst der rechten, dann der linken Parotis. Alles schlimmer nachmittags und durch äußere Wärme. Schwellung der Submaxillardrüsen. Verdauungsbeschwerden mit aufgetriebenem Abdomen.
Rhus toxicodendron
#Rhus toxicodendronMumpsEher linksseitige Beschwerden und starke körperliche Unruhe. Die Schmerzen sind bei Beginn der Bewegung, etwa beim Kauen der ersten Bissen, am stärksten, werden dann aber erträglicher. Warme Umschläge führen zu einer deutlichen Besserung. Die Zungenspitze ist auffallend gerötet, bei sonst belegter Zunge. Das Kind verlangt nach Milch.

Komplikationen und Folgeerkrankungen

→Gesicht – Entzündung – Parotis – Metastasierung zu – Gehirn (3): apis, bell, hyos
→Gesicht – Entzündung – Parotis – Metastasierung zu – Hoden (16): abrot, ars, aur, carb-v, clem, jab, nat-m, puls, rhus-t, thuj, …
→Männliche Genitalien – Schwellung – Hoden – Mumps, durch (12): abrot, ars, carb-ac, carb-v, jab, merc, nat-m, nux-v, phos, puls, rhus-t, staph
→Kopf – Entzündung – Hirnhaut (7.10)
Bei OrchitisOrchitis sind folgende Mittel wichtig: Arsenicum album, Carbo vegetabilis, Jaborandi, Parotis-Nososde, Pulsatilla, Staphisagria.
Arsenicum album
#Arsenicum albumOrchitisSehr schmerzhafte, ödematöse Orchitis, durch kalte Anwendungen eher verschlechtert. Schmerzen schlimmer nachts mit starker Unruhe.
Carbo vegetabilis
#Carbo vegetabilisOrchitisEiskalte Glieder. Verdauungsbeschwerden, Blähungen
Jaborandi
#JaborandiOrchitisGerötetes Gesicht, exzessiver Speichelfluss (merc), starke Schweißneigung. Viel Durst.
Parotitis-Nosode
#Parotitis-Nosode, OrchitisNosodenParotitinumFolgen von Mumps, die auf gut gewählte Mittel nicht ansprechen.
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisOrchitisEher linksseitige Hodenschwellung. Schmerzhaft v. a. im Sitzen und abends. Mastitis durch Mumps. Häufig angezeigt!
Staphisagria
#StaphisagriaOrchitisOrchitis linksseitig, sehr schmerzhaft < beim Gehen, bei Berührung.

Literatur

AWMF,

AWMF (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften): Nichteitrige Infektionen von Gehirn und Rückenmark. Registernummer 022–004. Klassifikation S1. Stand: 1.6.2015.

Cramer et al., 2010

D.W. Cramer A.F. Vitonis S.P. Pinheiro Cancer Causes Control 21 2010 1193 1201

Dong et al., 1995

G.R. Dong Y. Zhang Y.X. Yan Bilateral Taichong and Hegu in treatment of mumps: an observation of 108 cases Int J Clin Acupunct 6 1 1995 65 66

Montella et al., 2006

M. Montella L.D. Maso A. Crispo R. Talaminim Do childhood diseases affect NHL and HL risk? A case-control study from northern and southern Italy Leuk Res 30 8 2006 917 922

Ogbuanu et al., 2012

I.U. Ogbuanu P.K. Kutty J.M. Hudson Impact of a third dose of measles-mumps-rubella vaccine on a mumps outbreak Pediatrics 130 6 2012 e1567 1574

RKI (Robert Koch-Institut), 2016

RKI (Robert Koch-Institut) Mumps – RKI-Ratgeber für Ärzte https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Mumps.html (Zugriff 31.1.2016)

Sabbe and Vandermeulen, 2016

M. Sabbe C. Vandermeulen The resurgence of mumps and pertussis Hum Vaccin Immunother 12 4 2016 955 959

Song, 1989

G.Y. Song 1000 cases of mumps treated with ear needling on Pingjian point (MA-T2) J Tradit Chin Med 9 1 1989 14

Homöopathische Literatur

Morrison, 1997

R. Morrison Handbuch der homöopathischen Leitsymptome und Bestätigungssymptome 2. A. 1997 Kai Kröger Groß Wittensee

Pennekamp, 1999

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 2. A. 1999 MDT-Verlag Osten-Isensee

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Vermeulen, 2000

F. Vermeulen Konkordanz der Materia Medica 2000 Emryss bv Publishers Haarlem

Röteln

Martin Hirte

Grundlagen

Die RötelnRöteln werden durch ein weltweit verbreitetes RNS-VirusRNS-Virus hervorgerufen. Wegen der relativ geringen Kontagiosität kommt es nur selten zu Epidemien. Die Übertragung erfolgt durch Tröpfcheninfektion und führt nach einer Inkubationszeit von 14–21 Tagen nur bei jedem dritten Infizierten zu klinischen Symptomen.
Die Infektiosität beginnt sieben Tage vor Beginn des Exanthems und hält bis zu 14 Tage nach dem Exanthemausbruch an.
Vor der Impfära waren in Deutschland nahezu 90 % der Heranwachsenden mit Röteln durchseucht und hatten durch sporadischen Kontakt mit dem zirkulierenden Virus Gelegenheit zur Boosterung.

Klinik und Erkrankungsverlauf

Nach RötelnKlinikeinem kurzen Prodromalstadium von ein bis zwei Tagen mit unspezifischen Atemwegssymptomen und leicht reduziertem Allgemeinzustand blüht das RötelnexanthemExanthemRöteln auf: linsengroße, nicht konfluierende, zart-rosafarbene Flecken oder auch Papeln, teils mit anämischem Hof. Es beginnt hinter den Ohren oder im Gesicht und breitet sich innerhalb von wenigen Stunden über Rumpf bis zu den Extremitäten aus. Typischerweise erfasst es auch das Munddreieck.
Nach ein bis drei Tagen blasst das Exanthem wieder ab. Oft zeigt sich am ersten Exanthemtag auch ein Enanthem am weichen Gaumen.
Typisch sind Lymphknotenschwellungen, besonders retroaurikulär und okzipital. Die Körpertemperatur steigt selten über 38,5 °C an, bei meist nur wenig reduziertem Allgemeinzustand.
Da der Erkrankungsverlauf variabel ist und ein Exanthem nicht immer vorkommt, umgekehrt auch andere Viruserkrankungen rubeoliforme Exantheme hervorrufen können, ist die Diagnose klinisch nicht sicher zu stellen.

Info

Röteln sind meldepflichtig auch schon bei Verdacht. Für die Zulassung zum Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen gibt es keine allgemeine Regelung.

Komplikationen

Die RötelnKomplikationenPrognose der Röteln ist ausgesprochen gut. Harmlose Komplikationen sind Thrombozytopenie, Hepatitis (Häufigkeit etwa 1:15), Bronchitis und Otitis. Insbesondere bei jungen Frauen ist das Abblassen des Exanthems oft von flüchtigen Arthralgien oder Arthritiden begleitet. In Einzelfällen kommt es zur Röteln-Enzephalitis. Das Risiko von Komplikationen nimmt mit dem Alter zu.
Die schwerwiegendste Komplikation der Röteln ist die RötelnembryopathieRötelnembryopathie (Gregg-Syndrom) bei Erkrankung der Schwangeren im ersten Schwangerschaftsdrittel. Sie führt in 85 % der Fälle zu einem Abort oder zu Missbildungen. Pathogenetisch spielt die Embolisation sich in Entwicklung befindlicher Organe die Hauptrolle. Die Art der Fehlbildung hängt vom Zeitpunkt der Erkrankung ab: Katarakt in der 5. Schwangerschaftswoche (SSW), Herz- und Gefäßmissbildungen in der 5.–7. SSW und Innenohrschädigungen in der 8.–9. SSW. Fast jedes zweite betroffene Kind erleidet auch zerebrale Schäden mit Mikrozephalie und psychomotorischer Retardierung.
Bei Infektion nach dem dritten Schwangerschaftsmonat sinkt die Missbildungshäufigkeit auf unter 1 % („Late onset-Syndrom“). Bis ins Kleinkindalter kann es aber zu Spätmanifestationen kommen: Hörschäden, endokrine Störungen wie Diabetes mellitus, Mikrozephalie, zerebrales Anfallsleiden und die sehr seltene progressive Röteln-Panenzephalitis mit infauster Prognose.
Rötelnembryopathien werden in Deutschland praktisch nicht mehr registriert, wobei es vermutlich – v. a. durch Abtreibungen – eine gewisse Dunkelziffer gibt.

Diagnostik

Die Verdachtsdiagnose Röteln sollte durch eine Laboruntersuchung gesichert werden, wenn Kontakt zu einer ungeimpften Schwangeren besteht. Maßgeblich ist der Nachweis von spezifischem IgM, ggf. bestätigt durch Zusatztests.
Die pränatale Diagnostik ist bei Rötelnkontakt einer ungeimpften Schwangeren indiziert. Der Nachweis der Viren erfolgt mittels Zellkultur und PCR aus Chorionzottenbiopsie-Material oder Amnionflüssigkeit. Ab der 22. SSW kann zusätzlich Fetalblut untersucht werden (IgM-Test, PCR).
Bei Verdacht auf Rötelnembryopathie bei einem Neugeborenen kann der Virusnachweis aus Körpersekreten versucht, v. a. aus dem Urin.

Konventionelle Prophylaxe und Therapie

Rötelnimpfung

RötelnImpfungImpfungenRötelnIn Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Lebendimpfung gegen Röteln als MMR-Impfung ab dem zwölften Lebensmonat von der STIKO empfohlen. Nach frühestens vier Wochen soll eine zweite Impfung erfolgen2

2

Die WHO hält eine zweite Rötelnimpfung für überflüssig (WHO).

. Zwei Impfungen gelten als sicherer lebenslanger Schutz unabhängig von messbaren Antikörpern, denn entscheidend für Immunität ist die zelluläre Abwehr. Rötelnembryopathien treten nur bei Kindern ungeimpfter Frauen auf.
Die Impfempfehlung erstreckt sich auch auf alle nicht oder nur einmal geimpften Personen in Einrichtungen der Pädiatrie, Geburtshilfe, Schwangerenbetreuung und Kinderbetreuung sowie auf alle seronegativen Frauen mit Kinderwunsch.
Ein Einzelimpfstoff gegen Röteln ist in Europa nicht mehr erhältlich, auch etwaige Nachimpfungen im Erwachsenenalter müssen daher mit MMR-Impfstoffen durchgeführt werden.
Eine Alternative zu dem derzeitigen Vorgehen wird von der WHO als Möglichkeit offengelassen: Die Impfung aller seronegativen Mädchen mit dem Eintritt in die Pubertät. Bei konsequenter Durchführung ließe sich auf diese Weise die Rötelnembryopathie ebenso sicher eliminieren wie durch die Impfung aller Kleinkinder (Plotkin 1994, Robertson et al. 1997).
Zu den Nebenwirkungen der Rötelnimpfung gehören Thrombozyopenien und allergische Reaktionen. Erwachsene Impflinge klagen oft über vorübergehende Arthralgien oder Arthritiden. Möglicherweise kann die Impfung auch chronische Arthritiden induzieren (Geier 2002). Vereinzelt gibt es Berichte über neurologische Folgeschäden wie Polyradikulitis, Myelitis oder Enzephalitis.
Während einer Schwangerschaft ist die Impfung kontraindiziert, obwohl Impfembryopathien bisher nicht beobachtet wurden (RKI 2016).

Konventionelle Therapie

Als RNS-Viruserkrankung sind die Röteln keiner kausalen Therapie zugänglich. Symptomatische Maßnahmen erübrigen sich in der Regel.
Die Gabe von spezifischem Immunglobulin (0,3 ml/kg KG i. m., mindestens 15 ml) innerhalb von sieben Tagen nach Rötelnkontakt in der Schwangerschaft kann eine Infektion nur unsicher verhüten. Die Schwangere ist in jedem Fall über das bestehende Risiko und über die Fristen für einen Schwangerschaftsabbruch aufzuklären.

Unterstützende Maßnahmen

Unterstützende Maßnahmen richten sich nach der jeweils im Vordergrund stehenden Symptomatik. Bei juckendem Hautausschlag empfehlen sich Abwaschungen oder kurze Bäder mit Essigwasser.

Homöopathische Behandlung

Eine homöopathische Behandlung ist meist überflüssig, da das Krankheitsbild mild und passager ist. Bei schwereren Verläufen kommtRepertoriumsrubrikenRöteln eines der Mittel aus folgenden Rubriken in Betracht:
→Haut – Hautausschläge – Röteln (17): acon, apis, bell, bry, coff, euphr, nux-v, puls, …
→Haut – Hautausschläge – Exanthem – Kindern, bei (5): acon, bry, cham, ip, sulph
→Fieber – Röteln [Pennekamp] (13): acon, apis, bar-c, bell, bry, dulc, ferr-p, phos, puls, sulph, …
Gelegentlich wird wegen arthritischen Symptome älterer Kinder oder Heranwachsender eine homöopathische Behandlung aufgesucht (17.6). In solchen Fällen ist die Gesamtheit der Symptome, v. a. die Lokalisation und Qualität des Schmerzes sowie seine Modalitäten, bei der Mittelsuche zu berücksichtigen.
Die Rubriken für das vollständige Lokalsymptom findet man unter der entsprechenden Lokalisation oder in allgemeineren Rubriken, bei der mehr Modalitäten berücksichtigt sind
→Extremitäten – Schmerz – Lokalisation (z. B. Handgelenk) – rheumatisch – …
→Extremitäten – Schmerz – rheumatisch – …
Dulcamara wird in einer kleinen, sicher aber nicht vollständigen Rubrik besonders gewürdigt →Extremitäten – Schmerz – rheumatisch – Hautausschlägen, nach akuten (1): dulc. Das Mittel ist angezeigt bei Folgen von Unterkühlung, Durchnässung, Zugluft und unterdrückten Hautausschlägen. Steifheit und Schmerz in den Gelenken schlimmer durch feuchtes oder kaltes Wetter, besser durch Wärme, warme Anwendungen und bei Bewegung (wie ferr, puls, rhus-t). Rheumatischer Schmerz im Wechsel mit Diarrhö.

Literatur

Geier and Geier, 2002

D.A. Geier M. Geier A one year followup of chronic arthritis following rubella and hepatitis B vaccination based upon analysis of the Vaccine Adverse Events Reporting System (VAERS) database Clin Exp Rheumatol 20 6 2002 767 771

Plotkin, 1994

S.A. Plotkin Rubella vaccine S.A. Plotkin E.A. Mortimer Vaccines 2.A. 1994 WB Saunders London

RKI (Robert Koch Institut), 2016

RKI (Robert Koch Institut) Röteln – RKI-Ratgeber für Ärzte http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Roeteln.html;jsessionid=075E822276D91AB58568643199EE4A26.2_cid298 (Zugriff 1.2.2016)

Robertson et al., 1997

S.E. Robertson F.T. Cutts R. Samuel J.L. Diaz-Ortega Control of rubella and congenital rubella syndrome (CRS) in developing countries, part 2: vaccination against rubella Bull World Health Organ 75 1 1997 69 80

WHO (World Health Orgnization), 2011

WHO (World Health Orgnization) Rubella Vaccines: WHO position paper Weekly epidemiological record 86 2011 301 316

Homöopathische Literatur

Pennekamp, 1999

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 2. A. 1999 MDT-Verlag Osten-Isensee

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Scharlach

Martin Hirte

Grundlagen

ScharlachScharlach ist eine endemisch auftretende Infektionskrankheit, verursacht durch β-hämolysierende A-Streptokokken, die zur Produktion pyrogener Toxine fähig sind. Fünf derartige Streptokokkengruppen bzw. fünf verschiedene pyrogene Toxine sind bekannt – daher ist die Immunität nach überstandener Erkrankung nur relativ. Die Übertragung findet statt durch Tröpfcheninfektion, Speichelkontakt und seltener auch infizierte Gegenstände.
Die Inkubationszeit hängt von Dosis und Virulenz der Erreger ab und schwankt im Extremfall zwischen wenigen Stunden und 20 Tagen; im Mittel liegt sie bei zwei bis fünf Tagen.
Ohne antibiotische Behandlung kann der Scharlach bis zu drei Wochen ansteckend sein. Nach Gabe eines geeigneten Antibiotikums erlischt die Kontagiosität innerhalb von 24 Stunden. Ein positiver Rachenabstrich nach überstandenem Scharlach ist kein Beweis für Kontagiosität, daher ist ein Kontrollabstrich überflüssig.
In Deutschland besteht keine krankheits- oder erregerspezifische Meldepflicht. Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen müssen jedoch das zuständige Gesundheitsamt benachrichtigen, wenn in ihrer Einrichtung betreute oder betreuende Personen an Scharlach, Impetigo contagiosa oder sonstigen Streptokokkeninfektionen erkrankt oder dessen verdächtig sind. Erkrankte dürfen Räume einer Gemeinschaftseinrichtung nicht betreten und nicht an Veranstaltungen teilnehmen.

Info

Eine Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen kann nach Abklingen der Krankheitssymptome oder frühestens nach 24 Stunden antibiotischer Behandlung erfolgen. Ein ärztliches Attest ist nicht erforderlich. Kontaktpersonen dürfen Gemeinschaftseinrichtungen weiter besuchen.

Klinik und Erkrankungsverlauf
ScharlachKlinikIm typischen Fall beginnt der Scharlach plötzlich mit Schüttelfrost und hohem Fieber, Kopf- und Bauchschmerzen, Erbrechen und Halsschmerzen. Typisch virale Begleitbeschwerden wie Husten, Schnupfen, Heiserkeit oder Konjunktivitis fehlen. Gesicht und Lippen sind gerötet mit Blässe um den Mund. Die Tonsillen sind geschwollen und gerötet, meist mit Übergang der Rötung auch auf den Gaumen (Enanthem). Häufig sind sie bedeckt von gelb-eitrigen Stippchen. Es besteht oft unangenehmer Mundgeruch und typischerweise eine druckdolente LymphknotenschwellungLymphknotenschwellungScharlach am Hals. Die Zunge ist anfangs schmierig-weiß belegt, nach zwei bis drei Tagen schält sie sich und wird glänzend rot mit prominenten Papillen („ErdbeerzungeErdbeerzunge, Scharlach oder „HimbeerzungeHimbeerzunge, Scharlach“).
Ein feinfleckiges, tastbares papulöses ExanthemExanthemScharlach – wie rote Gänsehaut – breitet sich meist vom Brustkorb über Stamm, Oberarme und Oberschenkel aus.
Der Scharlach klingt bei Spontanverlauf innerhalb von drei bis fünf Tagen ab. Er hinterlässt allerdings bei vielen Kindern eine im Vergleich zu Virusinfekten deutlichere, mehrere Tage anhaltende körperliche Schwäche. In der dritten Krankheitswoche schält sich oft die Haut an Händen und Füßen.
Abortive Krankheitsbilder sind sehr häufig und werden von Eltern und auch Ärzten oft übersehen. Manchmal führt erst das Abschälen der Haut retrospektiv zur Diagnose.
Komplikationen
ScharlachKomplikationenKomplikationen des Scharlachs und anderer Streptokokken-Erkrankungen treten heute wegen der geringeren Virulenz der vorherrschenden Streptokokkenstämme und wegen des guten Ernährungszustands der Bevölkerung selten auf. Am ehesten sind folgende Beschwerden anzutreffen: eitrige Rhinitis oder Sinusitis, Otitis media oder eine Impetigo. Gelegentlich kommt es zu einer verzögert auftretenden Lymphadenitis colliLymphadenitis colliScharlach oder zu einer Infektion von Vulva oder Anus („Streptococcal perianal disease“). Eine sehr seltene lokale Komplikation ist der Peritonsillarabszess. Generalisierte Krankheitsbilder (toxische Form, Sepsis, Schock) gehören im Kindesalter zu den Raritäten.
Viel diskutierte Spätfolgen des Scharlachs und anderer Streptokokken-Erkrankungen sind die Glomerulonephritis und das rheumatische Fieber.
  • Akute Glomerulonephritis (7.7)

  • Rheumatisches Fieber: Das rheumatische Fieber ist in den hochindustrialisierten Ländern so selten geworden, dass es die routinemäßige antibiotische Behandlung von Streptokokken-Infektionen nicht mehr rechtfertigt (Porzsolt 1999, Del Mar et al. 2006). In den Schwellen- oder Entwicklungsländern wie Türkei, Mexiko, Indien oder Ägypten hingegen tritt das rheumatische Fieber noch häufig auf. Die Zahl der weltweiten Todesfälle soll bei über 200000 pro Jahr liegen (Seckeler 2011).

Untersuchungen aus den 1950er-Jahren lassen zwar vermuten, dass unter den damaligen Umständen die Inzidenz des rheumatischen Fiebers durch Penicillinbehandlung reduziert werden konnte; ob dies unter heutigen Bedingungen noch gültig ist, ist jedoch unbekannt. Die wenigen Patienten, die heute ein rheumatisches Fieber entwickeln, zeigen entweder keine Vorgeschichte von Halsschmerzen oder waren wegen der Harmlosigkeit der Beschwerden nicht beim Arzt (Valkenburg et al. 1971).
Diagnostik
Die Diagnose „Scharlach“ beruht auf den typischen klinischen Symptomen und dem Nachweis hämolysierender Streptokokken. Sicherer ist die Bakterienkultur, da die Schnelltests eine schlechte Sensitivität aufweisen (RKI 2016). Der Erregernachweis allein ist kein hinreichendes Kriterium für die Diagnosestellung, obwohl er häufig Anlass für eine antibiotische Behandlung und sogar für die Diagnose „Scharlach“ ist.

Info

Zwischen 6 % und 40 % (!) der Bevölkerung sind asymptomatische Streptokokkenträger. Sie haben selbst kein erhöhtes Krankheitsrisiko und sind auch keine Gefahr für Kontaktpersonen. Streptokokkentests sind bei ihnen auch während Virusinfekten positiv, was ihre Spezifität deutlich einschränkt.

Bei asymptomatischen Kontaktpersonen ist weder eine mikrobiologische Umgebungsuntersuchung noch eine antibiotische Behandlung indiziert (DGPI 1997). „Auch wenn wir unsere Patienten in PenicillinPenicillinScharlach baden, wird der Anteil transient besiedelter Kinder nicht wesentlich beeinflusst“ (Peukert 1987/88). Ein erhöhter Antistreptokokken-Titer hat keine Aussagekraft und keine therapeutische Implikation.
Alles in allem ist die Diagnose bei untypischem Krankheitsbild unsicher, und vermutlich wird die Mehrzahl der leichten Scharlachverläufe überhaupt nicht erkannt, während viele virale Infekte für Scharlach gehalten werden.

Konventionelle Therapie

Die Standardtherapie des Scharlachs ist die sieben- bis zehntägige Behandlung mit oralem PenicillinPenicillinScharlach in einer Dosierung von 100 000 E/kg/d in drei Einzeldosen (Altamimi et al. 2012). Behandlungsalternativen sind Cephalosporine und Makrolidantibiotika – bei allerdings zunehmenden Resistenzen gegen Makrolide. „Die Therapie erfolgt hauptsächlich zur Prophylaxe der postinfektiösen Komplikationen“ (Schaad 1997).
Rezidive sind nach antibiotischer Behandlung häufiger als nach einer unbehandelten Erkrankung (Little et al. 1997). Mehrere Streptokokken-Erkrankungen in Folge sind keine Seltenheit, auch nicht „kreisende“ Ausbrüche in Kindergärten. Streptokokken sind zwar hochempfindlich gegen Penicillin, sie können sich aber während der Behandlung hinter resistenten Rachenbakterien oder in deren Biofilm „verschanzen“. Immerhin lassen sich nach Ende der Penicillineinnahme noch bei bis zu 30 % der Behandelten Streptokokken nachweisen.
Nicht zu vernachlässigen sind die Risiken einer Antibiotikabehandlung für den einzelnen Patienten. Pilzinfektionen, Hautausschläge und Diarrhö sind in der Regel beherrschbar. Bedrohlicher sind allergische Reaktionen wie Angioödem, Larynxödem oder Bronchospasmus. Ein allergischer Schock tritt bei einem bis vier von 10.000 behandelten Patienten auf und verläuft bei jedem zehnten tödlich. Auch Nebenwirkungen wie die Clostridien-Enterokolitis, das Stevens-Johnson-Syndrom oder das Lyell-Syndrom können lebensbedrohlich werden. Die häufigen und oft unnötigen antibiotischen Behandlungen wegen Streptokokken im Rachenabstrich führen zudem zu einer weiteren Zuspitzung der ungünstigen weltweiten Resistenzsituation.
Der Schaden der routinemäßig antibiotischen Scharlachbehandlung dürfte den Nutzen sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft übersteigen. Werden auch noch die Therapiekosten und die Kosten der Rezidive inkl. Kinderkrankentage berücksichtigt, wird klar, dass diese Behandlungsstrategie auch vom volkswirtschaftlichen Standpunkt her fragwürdig ist.

Unterstützende Maßnahmen

  • Weitgehende körperliche Schonung in den ersten Krankheitstagen. Eitrige Komplikationen treten meist bis zum siebten Tag auf; danach kann das Kind allmählich wieder belastet werden.

  • Keine medikamentöse Fiebersenkung vornehmen.

  • Häufiges Händewaschen mit Seife, auch die Pflegepersonen, um die Verbreitung der Krankheitserreger zu verhindern.

Bei starken Halsschmerzen:
  • Gurgeln mit lauwarmem Salbeitee – häufig, z. B. halbstündlich bis stündlich einen Schluck. Wirkt noch besser mit einer Prise Salz oder jeweils drei Tropfen Symbioflor 1.

  • QuarkQuarkWickel- oder SalzwasserwickelWickelScharlach um den Hals, mit einer dem Patienten angenehmen Temperatur, etwa zehn Minuten mehrmals am Tag.

Homöopathische Behandlung

Die homöopathische Behandlung des Scharlachs ist dankbar und führt rasch zu subjektiver und objektiver Besserung der Beschwerden. In der kinderärztlichen Praxis des Autors kam es seit 1990 zu keiner immunologischen Nacherkrankung. Nur gelegentlich musste Penicillin eingesetzt werden, v. a. wegen hartnäckiger Otitis purulenta oder massiver Lymphadenitis colli.
Vorgehen
Zu homöopathischen Arzneimitteln für die Behandlung des Scharlachs gibt Kent allgemeine Hinweise: „Stellen wir auffallende Symptome dieser Krankheit [Scharlach, d. Verf.], welche die Diagnose ermöglichen, einmal zusammen: den Ausschlag, die Erscheinungen an den Schleimhäuten, die Halsentzündung, die Fieber, die ganze Anamnese und die Prodromalperiode. Die Heilmittel für Scharlach müssen diese Symptome gemeinsam mit dem Scharlach haben. Ein Ausschlag dieses Aspekts ist eines der gewöhnlichen Symptome bei Belladonna-Arzneimittelprüfungen …“
Hahnemann beschrieb erstmals 1801 die Prophylaxe und Behandlung des Scharlachs mit Belladonna#BelladonnaScharlach C3 – zugleich mit der ersten veröffentlichten Anweisung zur Potenzierung eines Arzneimittels. Belladonna zeigt in Arzneimittelprüfungs- und Vergiftungssymptomen tatsächlich die wichtigsten Symptome von Scharlach, deckt also die „pathognomonischen Symptome“ am besten ab.
Kent schreibt weiter: „Auch Ailanthus#Ailanthus glandulosaScharlach weist dasselbe Symptom auf, ebenfalls Apis#Apis mellificaScharlach. Rhus toxicodendron#Rhus toxicodendronScharlach weist eine Symptomatologie auf wie die Scharlachvarietät mit rauhen, nicht glatten Flecken. Von Sulphur#SulphurScharlach und Phosphorus#PhosphorusScharlach ist ebenfalls ein scharlachähnlicher Ausschlag bekannt. Stellen wir uns fürs Repertorium eine Rubrik unter dem Titel ‚Scharlachmittel‘ zusammen, werden wir also diese Mittel hineinschreiben …“ (Kent)
Hahnemann und die Behandlung epidemischer Krankheiten
Hahnemann, Samuelepidemische KrankheitenIn § 100–102 des Organon nimmt Hahnemann zur Behandlung von Epidemien Stellung. Er führt aus, dass in Abweichung von der sonst strengen Individualisierung eines Krankheitsfalles bei Epidemien ein gewissermaßen individuelles Erscheinungsbild einer Erkrankung auftreten kann – der sog. „Genius epidemicusGenius epidemicus“ – dessen Heilmittel dann für alle oder die Mehrzahl der Erkrankten homöopathisch heilend ist:

„Alle an der dermaligen Seuche Erkrankten haben zwar eine aus einer und derselben Quelle geflossene und daher gleiche Krankheit; aber der ganze Umfang einer solchen epidemischen Krankheit und die Gesamtheit ihrer Symptome (deren Kenntniß zur Uebersicht des vollständigen Krankheitsbildes gehört, um das für diesen Symptomen-Inbegriff passendste homöopathische Heilmittel wählen zu können) kann nicht bei einem einzelnen Kranken wahrgenommen, sondern nur aus den Leiden mehrerer Kranken, von verschiedener Körperbeschaffenheit vollständig abgezogen (abstrahiert) und entnommen werden.“

(Organon, § 102)

Wie bei jeder Erkrankung sind jedoch, wie er weiter ausführt, bei der Wahl des homöopathischen Mittels letztlich die auffallenden individuellen Symptome wichtig:

„Aus Allem diesen erhellet, daß diese nutzlosen und mißbräuchlichen Krankheitsnamen, keinen Einfluß auf die Curart eines ächten Heilkünstlers haben dürfen, welcher weiß, daß er die Krankheiten nicht nach der Namens-Aehnlichkeit eines einzelnen Symptoms, sondern nach dem ganzen Inbegriffe aller Zeichen des individuellen Zustandes, jedes einzelnen Kranken zu beurtheilen und zu heilen habe, dessen Leiden genau auszuspähen er die Pflicht hat, sie aber nie bloß hypothetisch voraussetzen darf.“

(Organon, § 81, Anm.)

Bei der Behandlung eines Scharlachfalles sind also zwar die Scharlach-Rubriken wichtig, vorrangig sind jedoch vollständige und charakteristische Symptome des Patienten selbst. Die Erfahrung zeigt, dass bei solch streng individualisierendem Vorgehen das homöopathische Heilmittel in den meisten Fällen auch in der allgemeinen Rubrik des Scharlachs vorkommt (Reis 2002).
Repertoriumsrubriken
Hauptrubriken
RepertoriumsrubrikenScharlachDie beiden Hauptrubriken in Kents Repertorium bzw. im Synthesis sind aus der Zusammenschau vieler Scharlachfälle und -epidemien entstanden:
→Haut – Hautausschläge – Scharlach (66): ail, am-c, apis, bell, lach, lyc, merc, rhus-t, …
→Fieber – Ausschlagfieber – Scharlach (56): ail, am-c, apis, bell, echi, lach, lyc, merc, rhus-t, ter, …
Beide Rubriken sind nahezu identisch, lediglich die beiden dreiwertigen Mittel Terebinthina#TerebinthinaScharlach (v. a. für Scharlachnephritis) und Echinacea#EchinaceaScharlach (v. a. für septische Verläufe) und einige kleinere Mittel sind nur in der zweiten Rubrik aufgeführt.
Begleitsymptome
Rubriken für besondere Beschwerden während der Erkrankung sind z. B.:
→Nase – Schnupfen – Scharlach, bei (14): ail, apis, ars, bell, hyos, rhus-t, stram, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Scharlach, bei (10): ail, all-c, am-c, arum-t, caps, mur-ac, nit-ac, …
→Magen – Erbrechen – begleitet von – Scharlach (3): ail, bell, cupr
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Scharlach, bei (5): ail, merc-i-r, phyt, verat-v
Pennekamp-Rubriken
→Gesicht – Schwellung, Scharlach, bei (7): apis, arum-t, calc, hell, kali-s, lyc, zinc
→Haut – Ausschlag – Scharlach – Handgelenke und/oder Fußgelenke – auch Schwellung dort (4): bell, bry, lach, rhus-t, spig
→Haut – Ausschlag – Scharlach – miliarer Typ (hirsekorngroße Bläschen): acon, ail, am-c, apis, ars, bry, coff, kali-ar, lach, rhus-t
→Fieber – Scharlach – Fieber, sehr hohes (7): acon apis, bell, gels, rhus-t, …
Homöopathische Arzneimittel während der Akuterkrankung
Aconitum napellus
#Aconitum napellusScharlachImmer sehr ängstlich und unruhig (apis, rhus-t) – ohne diese Symptome nicht angezeigt. Plötzliches hohes Fieber im Wechsel mit Frostschauern, oft kalter Wind als Auslöser. Eine Wange rot, eine blass; oder Gesicht rot, beim Aufsetzen blass. Kalte Extremitäten. Dunkelrote Tonsillen (ail, bapt, phyt), heftige Schmerzen. Großer Durst auf kalte Getränke (phos). Alles schlimmer nachts (vor Mitternacht).
Apis mellifica
#Apis mellificaScharlachHohes Fieber mit Unruhe. Trockene Schleimhäute, aber kein Durst. Wechsel zwischen trockener Hitze und Schweiß. Eher aufgedunsenes Gesicht; auch im Hals glasige Schwellung von Tonsillen und Uvula. Stechender Halsschmerz bis in die Ohren ausstrahlend, < Wärme, warm trinken. Sehr berührungsempfindlich (bell). Rosafarbenes Exanthem. Besonders angezeigt bei zentralnervösen Symptomen wie schrillem Schreien oder Stupor. Scharlach-Otitis. Glomerulonephritis.

„Der Körper ist sehr heiß an manchen Stellen und kalt an anderen. Der Ausschlag ist tiefrot an Farbe, ganz gleich wie bei Belladonna, unterscheidet sich aber von diesem Mittel durch die Gegenwart der Miliaria (= Papeln), die Belladonna nicht hervorbringt. Das Kind ist schläfrig, schläft meistens, oder es ist schläfrig, kann aber nicht einschlafen. Dies Symptom müssen Sie festhalten, weil es insofern mit einem bei Belladonna identisch ist. In Verbindung mit diesem Schlaf- oder Wachzustand ist der Kranke geschäftig und unruhig. Sie bemerken ferner, daß er empfindlich ist und allerlei Zeichen großer Reizbarkeit darbietet.“

(Farrington)

Arum triphyllum
#Arum triphyllumScharlachAufgesprungene, rote und rissige Lippen – muss ständig daran beißen oder zupfen bis es blutet. Auch Zunge rissig. Gelber oder wässriger Schnupfen bei Scharlach, mit wunden Nasenflügeln, zupft daran oder bohrt dauernd in der Nase. Geschwollenes Gesicht (apis). Fauliger Mundgeruch (hep, merc). Halsschmerzen erst rechts, dann links (am-c, lyc, merc-i-f, phyt), kann kaum schlucken. Reichlicher wässriger Urin (einziges Mittel). „Meist läuft dem Betreffenden ständig eine wäßrige, ätzende Absonderung aus der Nase (stärker aus dem linken Nasenloch), die die Oberlippe wund macht. Dies sieht man häufig bei Kindern mit Erkältung oder Grippe, und dann brauchen sie wahrscheinlich Arum triphyllum; das gleiche Symptom kann aber auch bei jeder Art von zymotischem Fieber (‚gärendes‘ Fieber bei Eiterungen), bei Scharlach, Diphtherie oder auch in schweren Fällen von Impetigo oder Heuschnupfen auftreten.“ (Vithoulkas)
Belladonna
#BelladonnaScharlachPlötzliches und hohes Fieber bis hin zu Zuckungen und Delir, dabei berührungsempfindlich. Rote Backen, weißes Munddreieck, heißer Kopf und kalte Extremitäten. Hellroter Rachen (< rechte Seite) mit heftig entzündeten Tonsillen, evtl. auch mit Eiterstippchen. Extremer Schmerz < beim Schlucken von Flüssigkeiten und beim Einatmen kalter Luft; das Kind beugt beim Schlucken den Kopf nach vorne und zieht die Beine an. Trockener Mund, erdbeerrote Zunge. Abneigung oder Unfähigkeit zu Schlucken. Durstlos oder Durst nur auf kleine Mengen Flüssigkeit (acon: sehr durstig). Hellrot-glasiges glattes (rhus-t: raues) Exanthem.

„Bemerkenswert ist die Übereinstimmung mit Scharlach. Oft wurden Vergiftungen durch die Tollkirsche für Scharlachfälle gehalten. Aber nur bei Scharlach mit glatter, gleichförmiger, roter Haut kann Belladonna wirken und vorbeugen. Ist eine solche Epidemie ausgebrochen, erlangt man nahezu sichere Immunität durch Einnahme von Belladonna, zwei- bis dreimal täglich.“

(Clarke)

Eine Erstdosis von Belladonna C 30 bis C 200, 2 Glob. hat sich für jedes Alter sehr bewährt. Niedrigere Potenzen von Belladonna enttäuschen bisweilen, obwohl das Mittel in höheren Potenzen dann doch wirksam ist.
Einmalgaben von Belladonna C 200 sind eine sehr wirksame Prophylaxe bei Kontaktpersonen erkrankter Kinder.
Calcium carbonicum
#Calcium carbonicumScharlachSchlecht entwickelter Ausschlag, blasses, gedunsenes Gesicht (auch: Parotitis nach Scharlach). Anhaltende Lymphadenitis/Tonsillenhyperplasie mit Foetor. Eitrige Otorrhoe.

„Calcarea carbonica wird oft bei Scharlach vergessen. Es ist neben Zincum zu stellen hauptsächlich bei skrofulösen Kindern, wenn der Ausschlag entweder nicht heraus will oder zurückgeht und das Gesicht unnatürlich blaß oder gedunsen hinterbleibt.“

(Farrington)

Hepar sulfuris
#Hepar sulfurisScharlachEitrige Angina mit starkem Foetor (merc), harte zervikale Lymphknotenschwellung mit Berührungsempfindlichkeit. Heftiger stechender Schluckschmerz, ins Ohr ausstrahlend. Zusammenfließende Eiterbeläge. Psychisch sehr reizbar und empfindlich. Extrem frostig; Kälte und kalt trinken verschlechtern alle Symptome. Kalter Schweiß. Scharlach-Otitis. Nephritis.

„Wenn sie Halsschmerzen oder eine eitrige Angina haben, sitzen sie dick in Decken eingewickelt da und wenn die Tür nur ein bißchen auf ist, haben sie gleich mehr Schmerzen, so empfindlich sind sie.“

(Geukens)

Lachesis muta
#Lachesis mutaScharlachHeftiger, fast septischer Verlauf. Starkes Hitzegefühl. Gesicht gestaut, purpurfarbene geschwollene Tonsillen, < Beginn linke Seite. Heftiger Schluckschmerz ausstrahlend in die Ohren, < Erwachen, warme Getränke. Kann aber essen. Verträgt auch außen nichts am Hals (Kleidung).

„Oft finden wir nach Anwendung von Belladonna Erscheinungen von Hirnerschöpfung oder Blutvergiftung oder drohender Paralyse, dann muß Lachesis an die Reihe kommen. Der Kranke schreit dann im Schlaf auf oder erwacht mit Schreck, der Puls ist schneller und schwächer, der entzündete Teil oder der Ausschlag wird mehr purpurrot – dies zeigt an, daß das Mittel gewechselt werden muß.“

(Farrington)

Lycopodium clavatum
#Lycopodium clavatumScharlachPsychisch reizbar und tyrannisch. Geschwollenes Gesicht. Halsschmerzen mehr rechtsseitig oder von rechts nach links ziehend (am-c, arum-t, phyt) < kalt trinken. Fieber < nachmittags 16:00–20:00 Uhr. Scharlach-Otitis mit eitrigem Sekret (rechtes Ohr).

„Im allgemeinen, wenn Lycopodium bei Scharlach heilsam ist, ist die Nase bei dem Leiden beteiligt. Der Kranke kann nicht durch die Nase atmen. Das Kind erwacht unwirsch und reizbar, stößt die Bettdecke weg und schlägt die Umgebung. Obgleich dies Symptom unbedeutend erscheinen mag, so ist es dies durchaus nicht. Ähnlich in dieser Beziehung ist Cuprum, Belladonna, Stramonium und Zincum, welche sämtlich haben: Erwachen aus dem Schlaf mit Schreck. Dieses Element der Reizbarkeit und das Fehlen der für die anderen Mittel charakteristischen Symptome leiten Sie auf Lycopodium.“

(Farrington)

Mercurius solubilis
#Mercurius solubilisScharlachKopfschweiß im Schlaf. Starker Foetor ex ore (bapt, hep), Speichelfluss. Zunge dick und schmierig belegt, evtl. mit sichtbaren Zahneindrücken. Massive zervikale Lymphknotenschwellung. Alle Symptome schlimmer nachts. Profuser, klebriger Schweiß. Scharlach-Otitis mit übelriechendem Sekret. Nephritis.

„Tonsillen sind dunkelroth und grau-röthlich, mit Geschwüren besetzt, mit stechenden Schmerzen in den Fauces; Halsentzündung nur, nachdem sich Eiter gebildet hat, das Reifwerden zu beschleunigen.“

(Hering)

Phosphorus
#PhosphorusScharlachSchwerer Krankheitsverlauf mit eingefallenem Gesicht, Augengegend geschwollen. Großer Durst auf kaltes Wasser, wird evtl. erbrochen, wenn es im Magen warm wird. Exanthem dunkelrot auf marmorierter Haut, mit Quaddelbildung. Nasenbluten. Impetigo oder Hauteiterungen.

Entsetzliche Kraftlosigkeit, wie sie bei Diphtherie, Masern, Scharlach oder anderen Krankheiten auftreten kann, bei denen der Organismus einen tiefgreifenden Schock erlitten hat. Die linke Seite ist etwas stärker angegriffen als die rechte.“

(Clarke)

Rhus toxicodendron
#Rhus toxicodendronScharlachGroße Unruhe < nachts (acon), evtl. dabei eingetrübtes Bewusstsein. Zunge weiß belegt mit roter Zungenspitze. Schluckschmerz > warm Trinken. Gliederschmerzen. Juckendes, rauhes Exanthem (am-c, bell, merc: glattes Exanthem).

„Stark juckendes Exanthem, bei Scharlach mit eigentümlicher Ruhelosigkeit. DD Apis: Rhus-t. Ausschlag dunkelrot, körperliche Ruhelosigkeit; Apis Ausschlag rosarot, körperliche Unruhe, Zappeligkeit. Bei Rhus-t. überwiegt das Jucken; Apis hat geringere Tendenz zur Bildung von Eiter.“

(Clarke)

Sulphur
#SulphurScharlachTonsillen- und Uvulaschwellung. Stechender Schluckschmerz > warm Trinken (ars, hep, lyc, rhus-t). Stark juckendes (rhus-t) oder schlecht entwickeltes Exanthem. Hitzegefühl, muss sich (v. a. die Füße) abdecken.

„Sehr oft [benötigt], wenn der Ausschlag bei Scharlach nicht heraus kommt. Helle Röthe bei Scharlach am ganzen Körper.“

(Clarke)

Homöopathische Repertoriumsrubriken und Arzneimittel bei schwerem Krankheitsverlauf
Schwere Krankheitsverläufe mit RepertoriumsrubrikenScharlachtoxischem oder septischem Verlauf, wie sie z. B. Kent schildert, sind heute sehr selten. Sie machen in der Regel stationäre Einweisung und antibiotische Behandlung erforderlich.
Hauptrubriken
→Gemüt – Stupor – Scharlach, bei (10): ail, am-c, apis, gels, lyc, mur-ac, sulph, …
→Haut – Hautausschläge – Scharlach – gangränös (6): ail, am-c, ars, carb-ac, lach, phos
Pennekamp-Rubriken
→Haut – Ausschlag – Scharlach – Blutung mit (4): crot-h, lach, mur-ac, phos
→Haut – Ausschlag – Scharlach – livide (4): ail, lach, mur-ac, sol-n
→Fieber – Scharlach – bösartig (19): ail, apis, bapt, carb-ac, carb-v, crot-h, echi, lach, mur-ac, rhus-t, …
Ailanthus glandulosa
#Ailanthus glandulosaScharlachFieberdelir, Stupor – „begreift nicht, was man ihm sagt“. Große Erschöpfung. Gesicht und Hals livide oder dunkelrot geschwollen. Aufgesprungene Lippen, rissige trockene Zunge. Follikuläre, lakunäre oder ulzerierende Tonsillitis. Rhinitis oder Sinusitis. Schmerz strahlt beim Schlucken in die Ohren aus. Exanthem bräunlich-rot.

„Schwindelig, heißes Gesicht, kann nicht aufsitzen; schläfrig, doch sehr ruhelos und ängstlich; später unempfindlich, mit murmelndem Delirium; erkennt Niemand mehr. Schlund livide geschwollen; Tonsillen mit vielen tief, schlimm aussehenden Geschwüren bedeckt, mit spärlicher stinkender Absonderung; Hals empfindlich und geschwollen. Scharlach. Schlund geschwollen, dunkelroth, fast purpurfarbig.“

(Hering)

Ammonium carbonicum
#Ammonium carbonicumScharlachExtrem erschöpft und schläfrig bis stuporös (ail, apis, cupr-act, gels, lyc, mur-ac, sulph). Rissige Mundwinkel, Speichelfluss, heftiger wund machender Schnupfen mit verstopfter Nase nachts und Nasenbluten. Dunkelrote bis bläuliche Schwellung der Tonsillen. Gesicht aufgedunsen, massive Lymphknotenschwellung am Hals. Exanthem wenig ausgeprägt, gesamtes Integument rot bis livide.

„Es hat die Tendenz, dunkelrötliche Ausschläge hervorzurufen: Der Körper ist rot, wie mit Scharlach überzogen. Maligner Scharlach, mit tiefem Schlaf, röchelnder Atmung und Aufschrecken aus dem Schlaf. Es ist angezeigt, wenn man verschiedene Mittel verordnet hat, der Fall aber nicht eindeutig scheint, und wenn der Patient erschöpft aussieht, mit schwachem Herzen und fast keinem Puls. Bösartiger Scharlach mit Schläfrigkeit und Aufschrecken aus dem Schlaf.“

(Vithoulkas)

Baptisia tinctoria
#Baptisia tinctoriaScharlachSeptischer Zustand. Extremer Kräfteverfall. Schläfrigkeit bis Stupor, „schläft mitten im Satz ein“; benommener Gesichtsausdruck. Delirium, „sucht seine Körperteile zusammen“. Unruhig, findet keine bequeme Lage (rhus-t). Gesicht rot bis dunkelrot. Grauenhafter, fauliger, stinkender Mundgeruch. Schmerzlose Halsentzündung.
Homöopathische Repertoriumsrubriken und Arzneimittel bei Komplikationen/Folgeerkrankungen
ScharlachKomplikationenKopf – Schmerz – Scharlach, nach (11): am-c, bell, bry, carb-v, cham, dulc, hell, hep, lach, merc, rhus-t
→Ohr – Absonderung – Scharlach, nach (24): apis, aur, bar-m, bell, carb-v, hep, kali-bi, lyc, merc, nit-ac, psor, puls, sulph, …
→Hören – schwerhörig – Scharlach, nach (13): carb-v, lyc, sulph, …
→Husten – Scharlach, nach (4): am-c, ant-c, con, hyos
→Allgemeines – chronischer Krankheiten; zum Beginn der Behandlung – Scharlach, nach (1): psor
→Allgemeines – Scharlach – Beschwerden nach (25): am-c, am-m, bar-c, bell, bry, calc, carb-ac, carb-v, cham, hep, lach, merc, sulph, …
→Allgemeines – Genesung, Rekonvaleszenz, Beschwerden während der – Scharlach, nach (9): am-c, aur, bar-c, bell, hep, lyc, merc, nit-ac, zinc
→Allgemeines – Schwellung – Drüsen, der – Scharlach, nach (3): am-c, bar-c, lac-c
In Fällen, in denen gut gewählte Mittel nicht helfen, kann auch die NosodeNosodenScarlatinum Scarlatinum#Scarlatinum versucht werden

Kasuistiken

Kasuistik

Scharlach und Belladonna (Martin Hirte)

Anamnese

Dreieinhalbjähriges Mädchen mit klinisch eindeutigem Scharlach und typischen Belladonna-Symptomen: Glattes, nur wenig erhabenes Exanthem, hohes Fieber, rote Backen, hochroter Rachen, kalte Hände und Füße.

Verordnung und Verlauf I

Belladonna C 30, in Wasser aufgelöst und verkleppert 1–2-stündlich. Telefonat mit der Mutter am Folgetag: „Die Therapie hat unglaublich angeschlagen.“ Bereits eine Stunde nach Therapiebeginn ging das Fieber zurück. Auch am folgenden Tag kein Fieber, aber noch weinerlich. Bauchschmerzen nach dem Essen. Viel Durst.
Am nächsten Tag kommt es zu Tobsuchtsanfälle wegen Kleinigkeiten. Auch im Schlaf bekommt das Mädchen Schreianfälle, sie will sich nicht anfassen lassen. Sie erzählt beim Erwachen von Drachen und anderen Monstern. Blasses Gesicht, aber zunehmende Energie.

Repertorisation I

Gemüt – Hautausschläge; Gemütssymptome nach unterdrückten (27): ail, apis ars, calc, hep, lyc, stram, zinc, …
Träume – Albträume – Kindern, bei (7): calc, carc, stram, …
Gemüt – Furcht – gefressen zu werden, Tieren, von (3): hyos, positr, stram
Gemüt – Schreien – Schlaf, im (99): borx, lyc, puls, stram, tub, zinc, …
Gemüt – Furcht – Entsetzen, panische Furcht – nachts (22): carb-v, cina, kali-br, stram, …
Gemüt – Berührt zu werden – Abneigung (86): ant-c, arn, bell, cham, phos, stram, …

Verordnung und Verlauf II

Stramonium D 12 5 Globuli zum Einschlafen, bei Besserung sofort aufhören. Bei Nachfrage einige Tage später ist alles wieder im Lot.

Kasuistik

Scharlach und Lachesis (Martin Hirte)

Anamnese

Die fünfjährige Jill kommt im mit Scharlach in die Sprechstunde mit folgenden Symptomen: Starke schmerzhafte Schwellung der Tonsillenschwellung mehr auf der linken Seite, Mundgeruch, Exanthem, Scharlachzunge. Das Mädchen ist reizbar und ausgesprochen schlechter Stimmung. Die Mutter schildert eine starke Abneigung gegen Wickel am Hals. Sie mag nur Kaltes trinken.

Repertorisation

Innerer Hals – Schwellung – Tonsillen – links (27): apis, bar-c, lach, sep, sulph, …
Innerer Hals – Schmerz – kalt – Getränke, kalte amel. (23): apis, lach, lyc, phyt, …
Äußerer Hals – Kleidung agg. (49): bell, cench, crot-c, crot-h, lach, sep, …

Verordnung und Verlauf

Lachesis D 12 2 × 5 Glob. am selben Tag. Am Folgetag berichtet die Mutter, der Schlaf sei etwas unruhig gewesen, der Allgemeinzustand sei aber jetzt sehr gut. Drei Tage später wirkt die kleine Patientin gesund und will wieder in den Kindergarten. Sie hat lediglich noch eine Himbeerzunge, sonst bestehen keinerlei Symptome mehr.

Kasuistik

Scharlach und Argentum nitricum (Martin Hirte)

Anamnese

Die siebenjährige Maxime kommt in die Sprechstunde mit einer eitrigen Tonsillitis und scarlatiniformem Exanthem. Sie hat seit dem Vortag hohes Fieber. Die Halsschmerzen sind schlimmer beim Gähnen und durch kalte Getränke. Maxime beschreibt die Schmerzen so, als hätte sie eine Gräte im Hals.

Repertorisation

Innerer Hals – Schmerz – Splitter, wie durch einen (39): arg-n, hep, kali-c, …
Innerer Hals – Schmerz – Gähnen – beim (17): arg-n, bry, nat-m, sil, …
Innerer Hals – Schmerz – kalt – Getränke, kalte – agg.: arg-n, lac-c, lyc, sabad, …

Verordnung und Verlauf

Argentum nitricum D 12, 2 × 5 Globuli. Am Folgetag geht es Maxime wesentlich besser; das Fieber ist gesunken, sie hat wieder Appetit. Ohne weitere Behandlung ist sie nach vier Tagen gesund, belastbar und nicht mehr zu bremsen.

Kasuistik

Scharlach und Lycopodium (Martin Hirte)

Anamnese

Bei dem vierjährigen Mädchen besteht seit drei Tagen Ohrfluss auf der rechten Seite, er ist gelblich, nicht stinkend, mild. Seit über einer Woche bestehen ein reduzierter Allgemeinzustand und Appetitlosigkeit. Ohrabstrich: Streptokokken A. Im Kindergarten seit längerem Scharlach. Keine Schmerzen. Kalte Hände. Beine nachts unruhig. Stimmung aggressiv, v. a. morgens: Beißt, kratzt. Wacht jede Nacht zwischen 3:00 und 5:00 Uhr auf.

Repertorisation I

→Ohr – Absonderung – rechts (16): dulc, lyc, merc, sil, …
→Ohr – Absonderung – gelb (32): calc, kali-bi, kali-s, lyc, merc, puls, …
→Ohr – Absonderung – Scharlach, nach (24): carb-v, hep, lyc, merc, psor, puls, …
→Gemüt – Reizbarkeit – morgens – Erwachen, beim (55): lyc, nit-ac, nux-v, tub, …
→Schlaf – Erwachen – nachts – Mitternacht, nach – 4:00 Uhr (75): lyc, mag-c, nux-v, sulph, …

Verordnung und Verlauf I

Lycopodium C 30 1 × tl.; drei Tage später besteht immer noch Ohrfluss, der etwas dicker geworden ist. Die Stimmung ist schlecht, eher weinerlich, sie weint grundlos.

Repertorisation II

→Ohr – Absonderung – gelb (32): kali-bi, kali-s, puls, …
→Ohr – Absonderung – dick (27): calc, calc-s, kali-bi, puls, sil, …
→Ohr – Absonderung – Scharlach, nach (24): carb-v, hep, lyc, merc, psor, puls, …
→Gemüt – Weinen – grundlos (55): apis, puls, sep, sulph, …

Verordnung und Verlauf II

Pulsatilla C 30 1 × tl.; nach drei Tagen tritt keine Absonderung mehr auf, bei Kontrolle nach weiteren sieben Tagen ist das Trommelfell unauffällig, der Allgemeinzustand ist gut.

Poststreptokokken-Glomerulonephritis als Scharlachkomplikation

Martin Hirte

Grundlagen

Klinik

Die PSGN verläuft in 70–90 % der Fälle asymptomatisch und heilt in aller Regel spontan aus. Eine routinemäßige Urinkontrolle, um eine Nephritis „zu suchen“, ist daher nach Streptokokken-Erkrankungen nicht indiziert. Die Kardinalsymptome der typisch verlaufenden PSGN sind erneutes Krankheitsgefühl, Bauch- oder Rückenschmerzen durch Nierenkapselspannung (53 %), Mikro- oder Makrohämaturie, Proteinurie, Oligurie (79 %), Ödeme (84 %) und Blutdruckerhöhung (76 %). Hinzu kommen fakultativ Beschwerden durch erhöhten Blutdruck (Kopfschmerzen, Dyspnoe) und bei schweren Verläufen akutes Nierenversagen mit Anurie und Lungenödem oder Hirnödem (Somnolenz, Krampfanfälle).

Diagnostik

Im Urin findet sich neben Erythrozyten und Eiweiß die pathognomonischen Erythrozytenzylinder, im Serum eine Komplementerniedrigung (C3, C4), ein positiver ASL und evtl. eine Erhöhung der harnpflichtigen Substanzen (13 %), in der Sonografie eine Nierenvergrößerung. Eine zufällig entdeckte Hämaturie während der akuten Scharlacherkrankung hat nichts mit der PSGN zu tun und verschwindet spontan wieder.
In aller Regel bilden sich die Symptome innerhalb von sechs Wochen komplett zurück.

Konventionelle Therapie

Die schulmedizinische Therapie der PSGN besteht neben der routinemäßigen zehntägigen PenicillinbehandlungPenicillinGlomerulonephritis aus rein symptomatischen Maßnahmen wie körperlicher Schonung oder Bettruhe und ggf. Ödembehandlung (Furosemid) und Blutdrucksenkung (Kalziumkanalblocker). Nur selten ist eine vorübergehende Dialysebehandlung notwendig.
In vielen Fällen ist bei Kindern mit PSGN eine ambulante Betreuung möglich. Bei schwereren Verläufen empfiehlt sich jedoch zunächst eine zwei- bis dreitägige stationäre Überwachung, um mit Blutdruckkontrollen, Gewichtskontrollen und wiederholten Blutuntersuchungen drohende Komplikationen wie hypertensive Krise, Überwässerung oder Azotämie zu erfassen (Franke et al. 2005).
Über 95 % der PSGN im Kindesalter heilen folgenlos aus. Verlaufsuntersuchungen nach drei und zwölf Monaten sind in diesen gutartigen Fällen zur Nachbeobachtung ausreichend. Bei fortbestehender oder progredienter Symptomatik handelt es sich entweder um eine rapid-progressive GN oder um eine fälschlich als PSGN diagnostizierte membranoproliferative Glomerulonephritis oder Lupusnephritis.

Homöopathische Repertoriumsrubriken und Arzneimittel

Die PSGN ist eine Domäne der RepertoriumsrubrikenPoststreptokokken-Glomerulonephritishomöopathischen Behandlung, da es schulmedizinisch außer symptomatischer Behandlung keine Therapiemöglichkeiten gibt.
Neben den individuellen Symptomen können folgende Rubriken auf dem Weg zum Arzneimittel helfen.
→Gesicht – Schwellung – Scharlach (7): apis, arum-t, calc, hell, kali-s, lyc, zinc
→Extremitäten – Schwellung – Beine – wassersüchtig – Scharlach, nach (4): apis, bar-m, crot-h, hell
→Niere – Entzündung – akute Glomerulonephritis (12): apis, ars, berb, lyc, merc, nat-m, phos, ter, …
→Niere – Entzündung – Scharlach, durch (21): acon, apis, ars, arum-t, bell, canth, conv, cop, dig, ferr-i, hell, hep, kalm, lach, merc-c, methyl, nat-s, nit-s-d, rhus-t, sec, ter
→Urin – blutig – Hautausschlägen, nach unterdrückten (4): ars, calc, con, sulph
→Urin – eiweißhaltig – Scharlach, nach (42): apis, lyc, nat-s, phos, …
→Urin – Sediment – blutig (50): arn, berb, ham, ph-ac, puls, sep, …
→Urin – Zylinder – Blutzylinder (2): plb, ter
→Allgemeines – Wassersucht – Scharlach, nach (42): apis, ars, aur-m, hell, lach, …
Apis mellifica
#Apis mellificaGlomerulonephritisÖdeme am ganzen Körper < Wärme, > kalte Anwendungen. Gelenkschwellungen. Durstlosigkeit, Proteinurie, Oligurie oder Anurie, Unruhe.
Arsenicum album
#Arsenicum albumGlomerulonephritisGroße Frostigkeit, Schwäche, Unruhe und Angst. Alles schlimmer um oder nach Mitternacht. Durst häufig, auf kleine Mengen Flüssigkeit. Ödeme, Proteinurie.
Cantharis
#CantharisGlomerulonephritisHeftige, brennende Schmerzen beim Wasserlassen, dumpfer Nierenschmerz. Blutiger Harn. „Tanzt herum vor Schmerzen“.
Helleborus niger
#Helleborus nigerGlomerulonephritisIm Vordergrund zentralnervöse Symptome (z. B. Hirnödem) mit Stupor, Verlangsamung, Gedächtnisschwäche. Plötzliche ödematöse Schwellungen, Oligurie/Anurie, dunkler Urin („Kaffeesatz-Sediment“).
Kalium sulfuricum
#Kalium sulfuricumGlomerulonephritisAlbuminurie nach Scharlach. Wandernde rheumatische Schmerzen < Wärme, abends, > kaltes Wetter, kalte Anwendungen.
Lycopodium clavatum
#Lycopodium clavatumGlomerulonephritisNierenschmerzen < vor Harnentleerung, danach besser. Hämaturie, roter Sand im Urin. Oligurie tagsüber, Polyurie nachts. Alles < 16:00–20:00 Uhr. Reizbarkeit morgens.
Phosphorus
#PhosphorusGlomerulonephritisAkute Schmerzen in der Nierengegend, Hämaturie. Ödeme, Diarrhö. Lebhaft, ängstlich, sensibel.
Terebinthina
#TerebinthinaGlomerulonephritisUrin blutig, eiweißhaltig, „rauchig verfärbt“, Geruch nach Veilchen. Brennender Nierenschmerz < rechts. Ödeme, glänzende Zunge. Nephritis mit Bronchitis.

Literatur

Altamimi et al., 2012

S. Altamimi A. Khalil K.A. Khalaiwi Short-term late-generation antibiotics versus longer term penicillin for acute streptococcal pharyngitis in children Cochrane Database Syst Rev 8 2012; Aug 15 CD004872

Del Mar et al., 2006

C.B. Del Mar P.P. Glasziou A.B. Spinks Antibiotics for sore throat Cochrane Database Syst Rev 4 2006 CD000023

Franke et al., 2005

D. Franke A. Vogel G. Talosi Nierenbeteiligung bei Streptokokken-Infektionen unter besonderer Berücksichtigung der Poststreptokokken-Glomerulonephritis Kinder- und Jugendmedizin 3 2005 111 117

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P. Little C. Gould I. Williamson Reattendance and complications in a randomised trial of prescribing strategies for sore throat: the medicalising effect of prescribing antibiotics BMJ 315 1997 350 352

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W. Peukert Scharlach – mikrobiologische Probleme Päd Prax 36 1987/88 523 529

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F. Porzsolt A. Ohletz Kunstfehler und Phantom-Risiken Dtsch Ärzt 96 1999 A–2575

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RKI (Robert-Koch-Institut) Streptococcus pyogenes-Infektionen. RKI-Ratgeber für Ärzte http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Streptococcus_pyogenes.html#doc2374548bodyText11 (Zugriff 1.2.2016)

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U.B. Schaad Pädiatrische Infektiologie 2. A. 1997 Hans Marseille München

Seckeler and Hoke, 2011

M.D. Seckeler T.R. Hoke The worldwide epidemiology of acute rheumatic fever and rheumatic heart disease Clin Epidemiol 3 2011 67 84

Valkenburg et al., 1971

H. Valkenburg M. Haverkorn W. Goslings Streptococcal pharyngitis in the general population. II. The attack rate of rheumatic fever and acute glomerulonephritis in patients not treated with penicillin J Infect Dis 124 1971 348 358

Homöopathische Literatur

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J.H. Clarke Der Neue Clarke. Eine Enzyklopädie für den Homöopathischen Praktiker 2001 Grohmann Enger

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G. Demangeat Attitude de l'homoeopathie dans le rhumatisme articulaire aigu http://homeoint.org/books/dempubli/rhumataa.htm 1982

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E.A. Farrington Vergleichende Arzneimittellehre 1996 Similimum Ruppichteroth

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A. Geukens Homöopathische Praxis Bd. IV 1992 VZW Centrum voor Homeopathie Hechtel

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S. Hahnemann Heilung und Verhütung des Scharlachfiebers. Gotha 1801 E. Stapf Kleine medizinische Schriften. 1829.Nachdr 1989 Haug Heidelberg

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C. Hering Kurzgefasste homöopathische Arzneimittellehre 1995 Burgdorf Göttingen

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J.T. Kent Zur Theorie der Homöopathie. Vorlesung über Hahnemanns Organon 4.A. 2001 Haug Stuttgart

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Pennekamp, 2002

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 3. A. 2002 MDT-Verlag Osten-Isensee

Reis, 2002

S. Reis Über den Wert der pathognomonischen Symptome für die Arzneiwahl AHZ 247 1 2002 3 8

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Vithoulkas, 1993

G. Vithoulkas Materia Medica Viva 1993 Burgdorf Göttingen

Windpocken

Martin Hirte

Grundlagen

Die WindpockenWindpocken (Varizellen) sind wegen ihrer Kontagiosität eine der häufigsten Kinderkrankheiten. Nahezu alle Erwachsenen weisen schützende Antikörper auf. Verursacher von Windpocken und der Zweiterkrankung Gürtelrose ist das Varicella-Zoster-Virus (VZV) aus der Gruppe der Humanen Herpes Viren (HHV).
Die Windpocken werden durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion übertragen. Sie sind auch über eine Entfernung von mehreren Metern ansteckend, mit einer Übertragungsrate von über 90 % bei Haushaltskontakten. Außerhalb des Körpers verliert das Virus rasch seine Infektionskraft, sodass es durch Dritte kaum übertragen wird.
Die Inkubationszeit liegt zwischen 8–28 Tagen, meist bei 14–16 Tagen. Die Ansteckungsfähigkeit beginnt ein bis zwei Tage vor Beginn des Exanthems und endet spätestens acht Tage danach.

Info

Der Verdacht und die manifeste Krankheit sind namentlich meldepflichtig. Die Wiederzulassung eines Erkrankten in eine Gemeinschaftseinrichtung ist eine Woche nach Beginn einer unkomplizierten Erkrankung möglich. Ein schriftliches ärztliches Attest ist nicht erforderlich.

Klinik und Erkrankungsverlauf
Die Windpocken beginnen meist ohne Prodromalsymptome mit den typischen Effloreszenzen, die sich schubweise über mehrere Tage ausbreiten: juckende Papeln oder flüssigkeitsgefüllte Bläschen auf rotem Grund v. a. am Stamm, im Gesicht und am behaarten Kopf. Im Genitalbereich und auf der Mundschleimhaut können sich auch Aphthen entwickeln. In den ersten Krankheitstagen treten oft begleitend Fieber und allgemeines Krankheitsgefühl auf.
Die Bläschen gehen in der Reihenfolge ihres Erscheinens in Pusteln und Krusten über, sodass zur gleichen Zeit verschiedene Entwicklungsstadien sichtbar sind („Sternenhimmel“). Sie heilen in der Regel in der zweiten Woche narbenfrei ab, wobei noch wochenlang Depigmentierungen zu sehen sind.
Erwachsene erkranken oft schwer. Bei Neugeborenen seronegativer Mütter und bei Personen mit Immundefekt kann es zu lebensbedrohlichen Erkrankungen kommen.
Komplikationen
Bei Kindern sind Komplikationen extrem WindpockenKomplikationenselten (Goldman 2005, van Lier et al. 2014). Ein erhöhtes Risiko haben nur Früh- und Neugeborene seronegativer Mütter sowie Kinder mit T-Zell-Defekt, immunsuppressiver Therapie oder AIDS. Eine schwere Komplikation bei Kindern ist das Reye-Syndrom, das durch die Gabe von Acetylsalicylsäure ausgelöst werden kann.
  • Über 95 % aller Varizellen-Komplikationen ereignen sich im Erwachsenenalter. Jeder sechste erkrankte Erwachsene erkrankt am dritten bis fünften Tag an einer VarizellenpneumonieVarizellenpneumonie und muss hospitalisiert und intravenös mit Aciclovir behandelt werden.

  • Bei Jugendlichen und Erwachsenen kommt es gelegentlich zu einer zerebelläre Ataxiezerebelläre AtaxieWindpocken, die jedoch eine gute Prognose hat. Andere ZNS-Manifestationen sind extrem selten. Die Windpocken-EnzephalitisWindpockenEnzephalitis hat bei Kindern eine Häufigkeit von 1: 60.000, bei Erwachsenen ist sie etwa zehnmal wahrscheinlicher (Preblud 1986). Die Prognose ist v. a. bei Kindern sehr gut: 1997 wurden bei einer landesweiten Erhebung 47 Fälle von Windpocken-Enzephalitis ermittelt; nur bei zwei der Patienten blieben leichte Restschäden mit Muskelschwäche an Arm bzw. Auge (Kries 2000).

  • Sehr seltene Komplikationen sind Myokarditis, kornealen Läsionen, Nephritis, Arthritis, akuter Glomerulonephritis, Hepatitis oder Guillain-Barré-Syndrom.

  • Patienten mit T-Zell-Defekt haben ein Letalitätsrisiko von 7–25 %. Bei der Durchsicht veröffentlichter Todesfälle in den USA fällt die nahezu routinemäßige Gabe von Antipyretika und/oder Glukokortikoiden auf (CDC 1998).

  • Windpocken-Erkrankungen während der Schwangerschaft schädigen mit 1–2 % Wahrscheinlichkeit das Ungeborene. Das konnatale VarizellensyndromVarizellensyndrom, konnatales tritt v. a. bei Infektion zwischen der 13. und 20. Schwangerschaftswoche auf und ist gekennzeichnet durch schwere Hautveränderungen mit Vernarbungen, Hypoplasie von Extremitäten, Augenschäden (Katarakt, Chorioretinitis) und zerebrale Schädigungen (Hirnatrophie, Paresen, Krampfleiden).

  • Bei einem Windpockenausbruch fünf Tage vor bis zwei Tage nach der Entbindung infiziert sich das Neugeborene hämatogen und erkrankt an fulminanten disseminierten Windpocken mit Befall innerer Organe und einer Letalität von 30 m.

Info

Protektive Wirkung der WindpockenWindpockenprotektive Wirkung: Windpocken senken signifikant das Risiko für allergische Erkrankungen wie Asthma oder Neurodermitis (Silverberg et al. 2011). Das Durchmachen der Windpocken vermittelt vermutlich auch einen gewissen Schutz vor Diabetes, Knochen- und Hirntumoren (Wrensch et al. 1997, Albonico et al. 1998, ESPED 1998, Frentzel-Beyme et al. 2004). Der Versuch der Elimination der Windpocken könnte das Verschieben des Krankheitsspektrums von einer akuten, in aller Regel harmlosen Krankheit hin zu allergischen und chronisch-destruktiven Erkrankungen zur Folge haben.

Diagnostik
Die klinische Diagnose macht keine Schwierigkeiten, wenn das typische Vollbild vorliegt und/oder weitere Erkrankungen in der Umgebung vorkommen. Im Säuglings- und Kleinkindalter gibt es auch sehr milde Verlaufsformen, bei denen erst der schubweise Verlauf zur Diagnose führt. In unklaren Fällen kann das Virus aus Bläscheninhalt mittels PCR (DNA-Polymerase-Kettenreaktion) diagnostiziert werden.
Der Nachweis der Immunität kann durch Bestimmung der spezifischen Immunglobuline erfolgen.

Konventionelle Prophylaxe und Therapie

Windpockenimpfung
WindpockenImpfungSeit 2004 ImpfungenWindpockenist in Deutschland für alle Kinder ab dem zweiten Lebensjahr die zweimalige Windpocken-Lebendimpfung empfohlen. Die erste Impfung soll wegen des erhöhten Fieberkrampfrisikos nicht simultan mit einem MMRV-Impfstoff erfolgen, sondern mit dem Einzelimpfstoff. Der Impfabstand soll mindestens vier Wochen betragen.
Die STIKO rät zur Windpockenimpfung auch bei allen neun-bis 17-Jährigen, bei Frauen mit Kinderwunsch, bei Patienten mit schwerer Neurodermitis, bei Patienten vor geplanter immunsuppressiver Therapie, bei Personen mit engem Kontakt zu den Vorgenannten und bei Beschäftigten im Gesundheitswesen und in Kindergärten. Durch Umsetzung dieser Empfehlungen sollen Komplikationen verringert, Risikogruppen geschützt und die Krankheit letztlich eliminiert werden.
Innerhalb von fünf Tagen nach Exposition ist auch noch eine „Riegelungsimpfung“ möglich, etwa bei möglicherweise infizierten Kontaktpersonen von immundefizienten Patienten.
Entgegen früherer Auffassung soll eine wirksame und sichere Impfung auch während einer Chemotherapie möglich sein (van de Wetering et al. 2016).
Besonders gefährdete Personen können innerhalb von 96 Stunden nach einer Inkubation durch die Gabe von Varizella-Zoster-Immunglobulin (0,5 ml/kg KG i. m. oder 1 ml/kg KG i. v.) vor einem schweren Verlauf geschützt werden. Dies ist obligatorisch bei Neugeborenen, deren Mütter sieben Tage vor bis zwei Tage nach der Entbindung an Varizellen erkrankt sind, und bei seronegativen Schwangeren, die in den vier Wochen vor dem Geburtstermin inkubiert wurden.
Bei Erwachsenen ist vor der Windpockenimpfung eine VZV-Serologie sinnvoll, da viele, die sich an keine Windpocken-Erkrankung erinnern, seropositiv sind.
Die Effektivität der Impfung kann nicht zuverlässig ermittelt werden, da sich viele Geimpfte derzeit noch durch Kontakt mit der Wilderkrankung boostern. In Ländern mit hohen Impfraten wie den USA beobachtet man eine rasche Abnahme der Wirksamkeit und eine inakzeptabel niedrige Schutzquote von um die 70 % (WHO 2008). Dies führt zu Durchbruchsepidemien mit sehr hohen Ansteckungsraten auch unter zweimal geimpften Kindern, und zu einer Verschiebung der Windpocken ins Erwachsenenalter, mit einer hohen Komplikationsrate (Galil et al. 2002, Goldman 2005). Die WHO stuft daher die Windpockenimpfung als Maßnahme von geringer Priorität ein. 13 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO die Windpockenimpfung im Kleinkindesalter nicht für sinnvoll (Rabe 2016).
Nebenwirkungen der Impfung sind Reaktionen an der Impfstelle, allergische Reaktionen und Autoimmunphänomene wie Uveitis oder Thrombopenie. Auch zentralnervöse Komplikationen wie Ataxie oder Enzephalitis werden beobachtet (CDC 1998).
Die Abnahme der natürlichen Boosterung infolge der Impfung führt zu einer Zunahme des Herpes zoster, die wahrscheinlich Jahrzehnte anhalten wird (Horn 2016). Das konterkariert das Gebot der Nachhaltigkeit von Public Health-Maßnahmen (Goldman 2005). Die Kosteneinsparungen durch Abnahme der Varizellen werden dadurch mehr als wettgemacht.
Konventionelle Therapie
Die konventionelle Therapie unkomplizierter Windpocken besteht aus der topischen Gabe juckreizlindernder Lotionen (s. u.) und evtl. systemischen Gaben von Antihistaminika.
Bei unkompliziert verlaufenden Windpocken ist die Behandlung mit Virostatika nicht empfohlen: Sie ist zu teuer und risikoreich und birgt die Gefahr von Resistenzbildung. Bei Immunschwächekrankheit oder Windpockenkomplikationen ist jedoch die parenterale Behandlung mit Aciclovir indiziert.

Unterstützende Maßnahmen

Das therapeutische Bemühen konzentriert sich in erster Linie auf die Linderung des Juckreizes. Abwaschungen mit Essigwasser oder kurze Vollbäder mit Zusatz von Essig wirken juckreizstillend. Auch Pfefferminztee aus frischen Blättern, mit einer Sprühflasche auf die Effloreszenzen gesprüht, kann Erleichterung bringen. Ebenfalls geeignet zur Juckreizstillung sind Puder oder einfache Schüttelmixturen, etwa Lotio alba oder Calendula Babycreme.
Calendula- oder Kamillenanwendungen sind bei Superinfektion hilfreich. In späteren Stadien und zur Vorbeugung von Vernarbungen ist die äußere Anwendung von Symphytum (Beinwell) günstig.

Homöopathische Behandlung

Die homöopathische Behandlung der Windpocken kann den nahezu gesetzmäßigen Ablauf der Erkrankung kaum beeinflussen. Die Verordnung von Homöopathika zielt hauptsächlich auf die Linderung des Juckreizes und der dadurch hervorgerufenen Beschwerden wie Schlafstörungen, Unruhe und Stimmungsveränderungen.
Fieberhafte Prodromalstadien indizieren gelegentlich die Verordnung von Aconitum, Belladonna, Bryonia oder Ferrum phosphoricum (6.1). Beim Auftreten der ersten Bläschen stehen in erster Linie die Arzneimittel aus der „epidemischen“ Rubrik zur Wahl.
Repertoriumsrubriken
RepertoriumsrubrikenWindpockenHaut – Hautausschläge – Windpocken (40): ant-c, ant-t, bell, canth, carb-v, led, merc, puls, rhus-t, sep, sulph, thuj, …
→Husten – Windpocken, nach (2): ant-c, calc
Zu beachten sind v. a. die Modalitäten des Juckreizes.
Homöopathische Arzneimittel
Rhus toxicodendron ist das am häufigsten indizierte und oft wirksame Arzneimittel. Weitere wichtige Mittel sind Antimonium crudum, Cantharis, Croton tiglium, Ledum, Pulsatilla, Sulphur und Thuja.
Antimonium crudum
#Antimonium crudumWindpockenPustuläres oder schorfiges Exanthem mit Juckreiz. Reizbar, unruhig. Dick belegte Zunge. Magenbeschwerden. Husten nach Windpocken (einziges Mittel). < Bettwärme, Ofenhitze, kalte Abwaschung; > frische Luft, feuchte Wärme.
Cantharis
#CantharisWindpockenBildung größerer Blasen mit starkem Brennen und Jucken. Herpes zoster. > Kalte Anwendungen.
Croton tiglium
#Croton tigliumWindpockenPustuläres, nässendes Exanthem v. a. im Genitalbereich, aber auch am ganzen übrigen Körper. Diarrhö, Bauchschmerzen. Unerträgliches Jucken und Brennen. < Berührung, Kratzen (Kratzen ist schmerzhaft); > sanftes Reiben.
Ledum palustre
#Ledum palustreWindpockenExanthem v. a. an bedeckten Körperpartien (thuj), leicht livide verfärbt. Starker Juckreiz, kratzt blutig. < Wärme (puls, sulph), Bettwärme, warme Bäder; > kalte Anwendungen, kalte Luft.
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisWindpockenJuckreiz „wie Flöhe“, wandernd. Superinfektion mit mildem, gelbem Eiter. Weinerliche Grundstimmung, durstlos. Herpes zoster. < Wärme (led, sulph), Bettwärme, Kratzen; > frische Luft, Kälte, feuchte Anwendungen.
Rhus toxicodendron
#Rhus toxicodendronWindpockenBläschen mit starkem Juckreiz, v. a. am behaarten Kopf. Brennen nach Kratzen. Zosterneuralgie. Starke Unruhe. < Kratzen, Schwitzen, kalte Luft; > heißes Bad, äußere Wärme, Bewegung.
Sulphur
#SulphurWindpockenJuckreiz und Brennen. Hitzegefühl. Unruhe durch Juckreiz. Superinfektion mit übelriechender Absonderung. < nachts, Wärme (led, puls), Kratzen, Kontakt mit Wasser; > im Freien.
Thuja occidentalis
#Thuja occidentalisWindpockenExanthem im Gesicht und an bedeckten Körperteilen (led), zusammenfließend, krustig, berührungsempfindlich. Juckreiz < nachts, kalt Waschen, Kratzen; > sanftes Reiben (crot-t).

Herpes zoster

Martin Hirte

Nach einer Herpes zosterWindpockenerkrankung persistiert das VZV ein Leben lang in den Spinalganglien. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, durch Reaktivierung des Virus an einem Herpes zoster (Gürtelrose) zu erkranken.

Grundlagen

Der Herpes zoster ist charakterisiert durch varizellenartige Effloreszenzen, die typischerweise auf ein Dermatom beschränkt sind. Häufigste Lokalisation ist der Thorax. Seltene Zostermanifestationen sind der Zoster oticus, der Zoster maxillaris sowie der Zoster genitalis. Sehr selten führt eine Zostererkrankung zu Nervenschäden oder zentralnervösen Komplikationen. Bei Befall des ersten Trigeminusastes (Zoster ophthalmicus) droht ohne antivirale Therapie die Erblindung. Immuninkompetente Patienten können an einem disseminierten hämorrhagischen Zoster erkranken, der durch Befall innerer Organe auch lebensbedrohlich werden kann.
Das Auftreten des Herpes zoster wird begünstigt durch das Absinken der T-zellvermittelten Immunität gegen VZV, etwa bei fehlender Boosterung oder bei Immundefizienz. Maligne Grunderkrankungen sind nur sehr selten Auslöser eines kindlichen Zosters, sodass eine immunologische Abklärung nur bei klinischen Hinweisen auf eine Systemerkrankung indiziert ist. Während einer Zostererkrankung ist das VZV-IgM oft negativ, das VZV-IgA dafür stark erhöht.
Der Zoster ist in der Regel eine selbstlimitierende Erkrankung. Bei Kindern und Jugendlichen ist eine Zoster-Neuralgie selten. Infektiös ist die Erkrankung nur über Schmierinfektion; sie kann bei seronegativen Personen zur Windpockenerkrankung führen.

Konventionelle Therapie

Der Verlauf des Herpes zoster kann durch die frühzeitige (in den ersten 24 h) orale Gabe von Nukleosid-Analoga, z. B. Aciclovir, um höchstens zwei Tage verkürzt werden. Die Dauer und Intensität des akuten Zoster-Schmerzes wird durch diese Behandlung nur geringfügig reduziert, eine Zoster-Neuralgie überhaupt nicht verhindert. Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind Virostatika daher in der Regel überflüssig und wegen der potenziellen Gentoxizität nicht ohne Risiko (Thust et al. 2000). Nur der Zoster ophthalmicus muss parenteral mit Aciclovir oder oral mit Famciclovir therapiert werden.
Zur Schmerzbehandlung eignen sich bei Kindern je nach Intensität Paracetamol, Ibuprofen oder Opioide. Die Gabe von Acetylsalicylsäure ist kontraindiziert. Zur externen Therapie empfehlen sich austrocknende Externa wie Lotio-alba-Schüttelmixtur, Tannosynt-Lotio oder Melissenextrakt (Lomaherpan).

Homöopathische Behandlung

Die homöopathische Therapie des akuten Herpes zoster erfolgt mit organotropen Mitteln nach den Modalitäten und Hauptsymptomen.
→Abdomen – Hautausschläge – Herpes zoster (9): ars, graph, iris, merc, puls, rhus-t, sil sulph, thuj
→Brust – Hautausschläge – Herpes zoster (8): dol, graph, lach, mez, ran-b, rhus-t, staph, thuj
→Rücken – Hautausschläge – Herpes zoster (6): anthraq, cist, lach, merc, ran-b, rhus-t
→Haut – Hautausschlag – Herpes zoster (94): ars, canth, clem, iris, merc, mez, ran-b, rhus-t, …
→Haut – Hautausschlag – Herpes zoster – begleitet von – neuralgischem Schmerz (7): ars, dol, kalm, mez, ran-b, still, zinc
→Allgemeines – Schmerz – Herpes zoster; nach – neuralgisch (26): ars, dol, kalm, merc, mez, ran-b, syph, zinc, …

Homöopathische Arzneimittel bei Herpes zoster

Arsenicum album
#Arsenicum albumHerpes zosterHerpes begleitet von brennenden Schmerzen < nach Mitternacht, Kälte; > Wärme und warme Anwendungen. Große Unruhe, Angst, Erschöpfung.
Cantharis
#CantharisHerpes zosterBrennende Empfindung wie nach einer Verbrühung > Kälte. Auch größere zusammenfließende Blasen.
Clematis recta
#Clematis erectaHerpes zosterStechender Schmerz und Juckreiz < Berührung, kalte Anwendungen, kaltes Wasser, Bettwärme. Eher kleine Bläschen, platzen auf und verkrusten.
Iris versicolor
#Iris versicolorHerpes zosterHerpes zoster v. a. rechte Rumpfseite (wie thuj), mit Verdauungsstörungen. Bläschen und Pusteln mit brennenden Schmerzen oder Juckreiz < nachts.
Mercurius solubilis
#Mercurius solubilisHerpes zosterBläschen an Abdomen oder Rücken; stechende oder brennende Schmerzen < nachts, Bettwärme. Bläschen breiten sich rasch aus, werden gelb-eitrig und verkrusten. Unruhe, klebriger Schweiß.
Mezereum
#MezereumHerpes zosterBläschen v. a. an Thorax und im Gesicht (wie apis), mit verschiedenen Stadien wie bei Windpocken. Bläschen mit hellem, gelblichem Sekret gefüllt, bilden dicke Borken, unter denen es eitert (Superinfektion). Scharfer, stechender oder brennender Schmerz und Juckreiz < Berührung, Wasser, Kälte, Bettwärme.
Ranunculus bulbosus
#Ranunculus bulbosusHerpes zosterBrennender Schmerz oder Juckreiz < Kälte, Berührung, Bewegung. Befall von Thorax, eher linke Seite, und Augen (wie crot-t). Bläschen bläulich oder mit blutigem Sekret.
Rhus toxicodendron
#Rhus toxicodendronHerpes zosterJuckende Bläschen < Ruhe > Wärme. Folge von Überanstrengung oder Auskühlung. Große Unruhe.

Homöopathische Arzneimittel bei Zoster-Neuralgien

Zoster-Neuralgien sind bei Jugendlichen selten, bei Kindern sehr selten. Sollten sie dennoch auftreten, ist die Konstitution des Patienten bei der Wahl des Mittels zu berücksichtigen.
Arsenicum album
#Arsenicum albumZoster-NeuralgienBrennender Schmerz, begleitet von Unruhe und Angst, < nach Mitternacht, durch Kälte; > durch Wärme.
Hypericum perforatum
#Hypericum perforatumZoster-NeuralgienSchießender, stechender, ausstrahlender Schmerz im befallenen Dermatom. < durch kaltes, feuchtes Wetter, Nebel, feuchte Anwendungen, Berührung. Taubheitsgefühl im befallenen Areal. Gedrückte, weinerliche Stimmung.
Kalmia latifolia
#Kalmia latifoliaZoster-NeuralgienNach Abklingen des Zosters abwärtsschießende Schmerzen im Verlauf des Nervs, der das befallene Gebiet versorgt, < Bewegung, erste Nachthälfte.
Mezereum
#MezereumZoster-NeuralgienBrennende Spätneuralgien v. a. im Gesicht oder am Thorax. Interkostalneuralgie (auch: ars, ran-b) < nachts, Bettwärme. Innerlich Brennen, äußerlich Kältegefühl und Juckreiz.
Ranunculus bulbosus
#Ranunculus bulbosusZoster-NeuralgienStechender, brennender Schmerz oder Juckreiz < Kälte, Berührung, Bewegung, Gehen, Wetterwechsel. Interkostalneuralgie eher links.

Literatur

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Homöopathische Literatur

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H. Imhäuser Homöopathie in der Kinderheilkunde 7. A. 1985 Haug Heidelberg

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Meningitis

Christian Lucae

Grundlagen

Eine Hirnhautentzündung (MeningitisMeningitis) kann durch eine Infektion mit Bakterien oder Viren, seltener durch Pilze, Protozoen oder Parasiten hervorgerufen werden.

Formen

VirusmeningitidenMeningitisvirale können durch eine Vielzahl verschiedener Viren, z. B. ECHO-, Coxsackie-, Mumps-, Masern-, Adeno-, Parainfluenzaviren u. a. ausgelöst werden. Genaue Zahlen zur Inzidenz liegen nicht vor, da ein großer Anteil an Virusmeningitiden nicht mit Bestimmung des Erregers diagnostiziert wird. Bei Infektionen durch Enteroviren ist ein Häufigkeitsgipfel in den Sommermonaten beschrieben.
Lediglich bei der Frühsommer-MeningoenzephalitisFrühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) (FSME), verursacht durch das FSME-Virus, sind genauere Daten verfügbar. In Endemiegebieten wird die Gefahr, nach einem Zeckenstich an FSME zu erkranken, auf 1 : 600 bis 1 : 2000 geschätzt. Dazu zählen unter anderem große Teile von Bayern und Baden-Württemberg, Österreich, die Schweiz, aber auch Tschechien, Slowenien und viele Länder Osteruropas (RKI 2016). In Deutschland werden pro Jahr 200–300 Fälle gemeldet (DGPI 2013). Das Robert-Koch-Institut gibt für das Jahr 2014 insgesamt 265 Erkrankungsfälle in Deutschland an. Bei Personen im Alter unter 15 Jahren traten 5 % der Erkrankungen auf. (RKI Jahrbuch 2015). Die Auswertung kasuistischer Berichte (seit 1955) und die Daten aus speziellen Erfassungssystemen (bis 1996) hinsichtlich des natürlichen Erkrankungsverlaufs der FSME im Kindesalter zeigten, dass Kinder überwiegend blande erkranken. Über anhaltende neurologische Defizite (epileptische Anfälle, Paresen, Ataxie, Lernbehinderung, Verhaltensauffälligkeiten) wurde nur in 2 % der Fälle berichtet (Kaiser 2004).
Eine bakterielle MeningitisMeningitisbakterielle kann bereits bei Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt auftreten. Ursache sind in der Regel perinatal erworbene Infektionen durch B-Streptokokken oder Escherichia coli. Weitere mögliche, aber seltenere Erreger sind in den ersten sechs Lebenswochen Listerien, Staphylokokken, Klebsiellen, Pseudomonaden oder Salmonellen. Vom jungen Säuglingsalter an spielen v. a. Meningokokken (Neisseria meningitidis), Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae) und Haemophilus influenzae Typ B (HiBHiB-Infektion) eine Rolle, die in der Regel via Tröpfcheninfektion übertragen werden. Infektionen mit Tuberkelbazillen, Salmonellen oder anderen Bakterien sind relativ selten. Durch die Übertragung von BorrelienBorrelien (Borrelia burgdorferi) nach dem Stich einer infizierten Zecke kann Neuroborrelioseeine Borreliose (Lyme disease) auftreten (7.11). Die Infektionsrate nach stattgehabtem Zeckenstich soll bei 10 % liegen. Für die Lyme-Borreliose wird eine Inzidenz mit 150/100 000 Kindern pro Jahr angegeben. In seltenen Fällen kommt es zu einer Neuroborreliose mit Fazialisparese oder lymphozytärer Meningitis. Die Borreliose ist eine Multisystemerkrankung und stellt die Diagnostik oft vor große Herausforderungen (Esposito 2013a).
Sekundäre bakterielle Meningitiden können als Komplikationen von angeborenen Fehlbildungen, z. B. einer Meningomyelozele, von Schädelfrakturen, einer Sinusitis, Otitis media oder Mastoiditis, als Infektionen von ventrikuloperitonealen Shunts oder durch Zahneiterungen entstehen.
Epidemien werden ausschließlich durch MeningokokkenMeningokokken ausgelöst, in Deutschland am häufigsten durch die Gruppen B und C von Neisseria meningitidis (RKI 2012). Etwa 10 % der Europäer sind asymptomatische Träger von Meningokokken im Nasen-Rachen-Raum (DGPI 2013).

Info

Die Erkrankung und der Tod an bakterieller Meningitis sind gemäß Infektionsschutzgesetz (IfSG) meldepflichtigMeningitisMeldepflicht. Bei Verdacht auf Meningokokken-Meningitis sollte das Gesundheitsamt informiert werden, um die Einleitung der Expositionsprophylaxe von Kontaktpersonen zu gewährleisten.

Klinik und Erkrankungsverlauf

Die ersten MeningitisKlinikZeichen einer Meningitis sind FieberFieberMeningitis, Kopfschmerzen, Nackenschmerzen mit Opisthotonus (Nackensteifigkeit), Übelkeit und Erbrechen. Die Kinder wirken krank, sind berührungsempfindlich, lichtempfindlich und können gering bewusstseinsgetrübt bis somnolent erscheinen. Selten kommt es auch zu Krampfanfällen. Dieser Symptomkomplex wird auch als „MeningismusMeningismus“ oder „meningeales Syndrommeningeales Syndrom“ bezeichnet.
Besonders bei Neugeborenen und Säuglingen sind diese Kriterien, insbesondere die Nackensteife, aber nicht zuverlässig zu beurteilen.
  • Neugeborene können anfangs allein durch eine plötzliche Atemstörung auffallen, zeigen dann ein sepsisartiges Krankheitsbild mit blass-grauem Kolorit, Zentralisierung mit verlängerter Rekapillarisierungszeit, schrillem Schreien und Berührungsempfindlichkeit, vorgewölbter oder gespannter Fontanelle, Verweigerung der Nahrungsaufnahme, Blähbauch und evtl. fokalen oder generalisierten Krampfanfällen.

  • Im Säuglingsalter sollte jeglicher Fieberanstieg mit unklarem Infektfokus besonders genau abgeklärt werden. Säuglinge mit Meningitis können unter Umständen nur durch einen schlechten Allgemeinzustand mit Apathie und Fieber auffallen. Sie können außerdem berührungsempfindlich und lichtempfindlich, unleidig und quengelig sein, erbrechen und die Nahrungsaufnahme verweigern.

Die Fontanelle ist – v. a. wegen der häufig begleitenden Dehydratation – nur in etwa 40 % der Fälle vorgewölbt und daher kein zuverlässiges Kriterium, umgekehrt kann eine Vorwölbung oder ein Pulsieren der Fontanelle auch einen Normalbefund darstellen.
Ein besonderes Augenmerk bei der klinischen Untersuchung sollte neben der üblichen Beurteilung des körperlichen Befundes und des neurologischen Zustandsbildes unbedingt auf die sorgfältige Inspektion der Haut gelegt werden. Bei Infektionen mit Meningokokken treten häufig schon in den ersten Stunden Petechien am Stamm, insbesondere am Bauch, an den Beinen oder an anderen Körperstellen auf, die auf keinen Fall übersehen werden dürfen. Dabei handelt es sich um kleine, diffus verteilte Pünktchen, die mit dem Finger nicht wegzudrücken sind und rötlich bis livide aussehen. Dennoch kann die Differenzierung von einem banalen Virusexanthem gelegentlich schwierig sein.
Als erste Symptome einer Neuroborreliose finden sich in über 80 % der Fälle eine periphere Fazialisparese oder eine seröse Meningitis mit mehr oder weniger ausgeprägter Symptomatik. Daneben sind Enzephalitis, Neuritis, Ataxie und Sehstörungen beschrieben (Steere 2001).

Komplikationen

MeningitisKomplikationenDie am meisten gefürchtete Komplikation einer Meningitis ist ein Multiorganversagen, im schlimmsten Fall das Waterhouse-FriderichsenWaterhouse-Friderichsen-Syndrom-Syndrom (foudroyant verlaufende Sepsis mit Nebennierenrindennekrose), welches im Rahmen einer Meningokokken-Meningitis auftreten kann. Die Letalität beträgt bei der Meningokokken-Meningitis 1 %, beim Waterhouse-Friderichsen-Syndrom 35 % (DGPI 2013).
Seltene Komplikationen der akuten bakteriellen Meningitis sind Hirnabszesse. Als Spätfolgen nach Abklingen der akuten Beschwerden können unter anderem Hygrome, Hydrozephalus, psychomotorische Entwicklungsstörungen, Hörstörungen, Paresen oder Krampfanfälle auftreten.

Diagnostik

Die Diagnose einer Meningitis wird aufgrund der rasch progredienten Klinik, der Blutbildveränderungen, der Entzündungsparameter und v. a. des Liquorbefundes gestellt. Die Liquorpunktion sollte daher unbedingt rasch erfolgen, sobald der Verdacht auf Meningitis im Raum steht. Lediglich nach stationärer Aufnahme in der Kinderklinik mit der Möglichkeit zu einer engmaschigen Überwachung kann bei hochfiebernden Kindern unter Umständen die Wirkung eines Antipyretikums (z. B. Paracetamol) noch abgewartet werden, wenn dies der Allgemeinzustand erlaubt. Nicht selten springen zuvor noch schwerkrank wirkende Kinder nach 30 Minuten aus dem Bett und spielen, sobald das Fieber gesenkt wurde. Eine Lumbalpunktion kann sich dann erübrigen.
Tab. 7.1 dient als Anhaltspunkt für die Beurteilung des Liquorbefundes.

Konventionelle Therapie und Prophylaxe

Akuttherapie

Die Behandlung einer bakteriellen Meningitis muss in jedem Fall in der Klinik erfolgen und erfordert so rasch wie möglich eine hochdosierte antibiotische Therapie. Im Neugeborenenalter wird eine Zwei- oder Dreifachkombination empfohlen, ab dem Säuglingsalter genügt die kalkulierte antibiotische Therapie mit Cefotaxim oder Ceftriaxon. Nach Erhalt des Liquorkulturbefundes kann die Therapie je nach Keim und Resistenzlage verändert werden.
Zur Prophylaxe insbesondere von Hörschäden, die nach Infektionen mit Pneumokokken oder Haemophilus influenzae Typ b zu befürchten sind, wird Dexamethason eingesetzt. Neuere Studien sprechen allerdings gegen den Nutzen von nicht durch Hib verursachter bakterieller Meningitis im Kindesalter (DGPI 2013). Insbesondere bei Pneumokokken- und Hib-Meningitis scheint es aber einen Nutzen hinsichtlich der Vermeidung von Schwerhörigkeit und neurologischen Störungen zu geben (Esposito 2013b).
Eine VirusmeningitisMeningitisvirale bedarf in der Regel keiner antibiotischen Therapie. Es erfolgen lediglich allgemeine Maßnahmen wie Bettruhe, ausreichende Hydrierung und eine symptomatische Therapie der Kopfschmerzen. Die Unterscheidung zwischen viraler und bakterieller Meningitis ist bei eindeutigem Liquorbefund und eindeutiger Klinik einfach zu treffen. Allerdings gibt es häufig grenzwertige Befunde mit nur moderater Zellzahlerhöhung. Bei Zellzahlen unter 1000/3 Zellen mit lymphozytärem, weißem Blutbild und normalem Eiweiß und Glukosegehalt im Liquor geht man definitionsgemäß zwar von einer Virusmeningitis aus. Abhängig vom klinischen Eindruck wird dennoch häufig antibiotisch behandelt. Es darf nicht vergessen werden, dass z. B. bei der Infektion mit Meningokokken ganz zu Beginn noch gar keine Zellzahlerhöhung vorliegen muss, sondern sich unter Umständen erst in den folgenden Stunden entwickelt und somit ein falsches Bild vortäuschen kann.
In Sonderfällen wie z. B. einer HerpesHerpes simplexMeningitis-simplex-Meningitis sollte virostatisch mit Aciclovir, bei einer tuberkulösen MeningitisMeningitistuberkulöse mit der jeweils aktuell empfohlenen Kombinationstherapie, bei einer NeuroborrelioseNeuroborreliose mit Cephalosporinen der dritten Generation intravenös behandelt werden (Nau 2009).
Alle Komplikationen der MeningitisMeningitisKomplikationen sollten auf der Intensivstation behandelt werden. Leitlinien für die Therapie werden regelmäßig aktualisiert (Meningitis Research Foundation; AWMF 2012).
Das postpunktionelle Syndrompostpunktionelles Syndrom (im Englischen meist als „Post-dural puncture headache“ bezeichnet) als Folge der Lumbalpunktion ist durch die Einführung atraumatischer Nadeln zwar seltener geworden, aber nach wie vor nicht einfach zu behandeln (Janssens 2003). Typische Beschwerden sind Rückenschmerzen im Bereich der Einstichstelle, Rückenschmerzen allgemein, Schmerzen in den Beinen, Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in die Beine oder in den Bauch und begleitende, neu aufgetretene Kopfschmerzen. Dazu findet sich oft eine schmerzbedingte Gangstörung mit verkrampfter, gebeugter Haltung (Wee 1996). Die Beschwerden können lediglich symptomatisch mittels Analgetika behandelt werden, welche allerdings oft nicht ausreichend ansprechen.
Unmittelbar nach Abklingen der Meningitis und im weiteren Verlauf sollten Hörtests durchgeführt werden. Je nach Symptomatik können Schädel-CT, MRT, EEG und entwicklungsdiagnostische bzw. neurologische Kontrollen angezeigt sein.

Prophylaxe

Alle Patienten, die engen Kontakt zu einem an einer Meningokokken- oder Hib-Meningitis erkrankten Patienten hatten, sollten eine Expositionsprophylaxe durchführen. Empfohlen wird Rifampicin, bei Meningokokken alternativ auch Ciprofloxacin bei Erwachsenen und Ceftriaxon bei Schwangeren. Daneben sollten alle Kontaktpersonen, insbesondere das Krankenhauspersonal, die entsprechenden Hygienevorschriften beachten, ggf. Mundschutz und Schutzkleidung tragen und eine regelmäßige Desinfektion durchführen.
Zur Prophylaxe von Meningitiserkrankungen sind verschiedene Impfungen empfohlen: HiB, Meningokokken C, Pneumokokken, Masern, Mumps, Röteln und Varizellen.ImpfungenMeningokokken Ein Impfstoff gegen Meningokokken B ist zugelassen und steht kurz vor der allgemeinen Empfehlung durch die STIKO (Ständige Impfkommission). Bei der Impfung gegen FSME gelten derzeit besondere Indikationen, die laufend von der STIKO aktualisiert werden (8.1). Weitere Impfungen gegen andere Erreger sind derzeit im allgemeinen Impfplan zumindest nicht empfohlen.

Homöopathische Behandlung

Die homöopathische Therapie der Meningitis ist in der älteren Literatur gut beschrieben, da in der vorantibiotischen Ära entsprechende Erfahrungen gesammelt werden konnten. Dies sollte aber nicht dazu verleiten, zunächst eine homöopathische Therapie zu versuchen.

Info

Der klinische Verdacht auf das Vorliegen einer Meningitis muss unmittelbar zu einer Klinikeinweisung führen. In keinem Fall dürfen die Lumbalpunktion zur Diagnosesicherung und die nachfolgende antibiotische Therapie durch andere Maßnahmen verzögert werden.

Es kann sich aber lohnen, die akuten Beschwerden bei einer bakteriellen oder viralen Meningitis wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen usw. begleitend homöopathisch zu behandeln. Möglicherweise entstandene Folgeerscheinungen wie z. B. psychomotorische Entwicklungsstörungen, Hörstörungen, Paresen können ebenfalls begleitend homöopathisch behandelt werden (20). Auch liegen gute Erfahrungen bei der homöopathischen Behandlung des postpunktionellen Syndroms vor.
Aus diesen Gründen sollen nachfolgend die wichtigsten Meningitis-Rubriken im Repertorium genannt werden, auch wenn die Homöopathie nicht die entscheidende Therapie bei der Meningitis darstellt. Alle weiteren Begleitsymptome wie z. B. Kopf – Schmerz, Magen – Übelkeit usw. können in den entsprechenden Kapiteln aufgesucht werden (Repertorium Synthesis).

Repertoriumsrubriken

Klinische Rubriken
RepertoriumsrubrikenMeningitisKopf – Entzündung – Hirnhaut (77): apis, bell, bry, hell, zinc, …
Der Begriff „zerebrospinales Fieber“ ist im englischsprachigen Raum geläufiger und wird im Wesentlichen gleichgesetzt mit Meningokokken-Meningitis und -Sepsis.
→Fieber – zerebrospinales Fieber (51): apis, bell, gels, op, sulph, …
→Fieber – Continua – zerebral (19): apis, bapt, bry, hyos, lach, …
Begleitsymptome
→Kopf – Entzündung – Hirnhaut – begleitet von – Zunge – Herausstrecken der Zunge (2): apis, hydr-ac
→Gemüt – Bewusstlosigkeit – Meningitis, bei (14): ant-t, gels, glon, hell, verat, …
→Gemüt – Delirium – Meningitis cerebrospinalis (9): apis, chr-ac, hell, naja, nat-s, sulph, verat, verat-v, zinc
→Gemüt – Stupor – Meningitis, bei (8): ant-t, apis, apoc, hell, merc, sulph, verat, zinc
→Kopf – Bewegungen des Kopfes – Rollen des Kopfes – Meningitis; bei (2): hell, zinc
→Kopf – Bohrt den Kopf in das Kissen (29): apis, arn, bell, bry, stram, …
→Gemüt – Schreien – Cri encéphalique (35): apis, glon, hell, hyos, rhus-t, …
→Ohr – Entzündung – Mittelohr – gefolgt von – Meningitis (1): crot-h
→Allgemeines – Konvulsionen – Meningitis cerebrospinalis, bei (16): ant-t, apis, crot-h, hell, verat, …
→Allgemeines – Ohnmacht – Meningitis, bei (3): ant-t, dig, glon
Pennekamp
Im Repertorium von Pennekamp finden sich noch einige ergänzende Rubriken (Pennekamp 2010).
→Meningitis – Erbrechen dabei (5): aeth, apis, cic, hell, nat-s
→Meningitis – viralis, Hauptmittel (4): apis, bry, hell, lach
→Meningitis – Kopfrollen v. einer Seite zur anderen dabei (6): apis, bry, hell, hyos, sulph, zinc
→Meningitis – Opisthotonus ausgeprägt dabei (8): apis, bell, bry, cic, gels, hyos, nat-s, tub
→Meningitis – Otitis media/Mastoiditis durch o. nach (8): apis, ars, gels, hep, merc, rhus-t, stram, sulph
→Meningitis – Schlaflosigkeit mit (4): coff, mosch, nux-m, valer
→Meningitis – unterdrückten Hautausschlägen, nach (auch Scharlach o. Masern) (11): apis, cupr, cupr-act, dulc, gels, hep, merc, rhus-t, stram, sulph, zinc
Bei der Behandlung des postpunktionellen Syndroms kann die Rubrik → Allgemeines – Wunden – Stichwunden ← herangezogen werden, da in der homöopathischen Literatur weder einschlägige Behandlungsempfehlungen noch Rubriken existieren. Wenn man davon ausgeht, dass der Stich mit der Punktionsnadel das wesentliche Trauma beim postpunktionellen Syndrom darstellt, scheint die Zuhilfenahme dieser Rubrik gerechtfertigt (Repertorium Synthesis, mit Auswahl der bewährten Arzneien):
→Allgemeines – Wunden – Stichwunden (24): apis, arn, led, hyper, …
Weitere wichtige Hinweise für die Wahl des Arzneimittels ergeben sich aus der jeweiligen Schmerzsymptomatik mit den entsprechenden Modalitäten. Die Kopfschmerzsymptome werden vermutlich durch eine Veränderung der Druckverhältnisse im Liquorraum in Folge der Lumbalpunktion hervorgerufen. Dementsprechend kommen Arzneien infrage, die einen besonderen Bezug zur Behandlung des Hydrozephalus haben (Repertorium Synthesis, mit Auswahl der bisher bewährten Arzneien):
→Kopf – Hydrozephalus (84): apis, ars, bell, bry, hell, nux-v, …

Homöopathische Arzneimittel

Apis mellifica
#Apis mellificaMeningitisMeningitis mit Kongestion des Kopfes, brennende oder klopfende Schmerzen, Benommenheit, Bewusstseinsverlust, Hirnödem (Dorcsi 1992), opisthotone Haltung, bohrt den Kopf ins Kissen, plötzliches, schrilles Aufschreien (Cri encéphalique); hohes Fieber, aber durstlos, trockene Schleimhäute. Postpunktionelles Syndrom. Hydrozephalus. < Hitze, Kleiderdruck. > Kälte.
Arnica montana
#Arnica montanaMeningitisWichtigstes Verletzungsmittel (hyp, led), Wunden, Quetschungen, Gehirnerschütterung, Blutungen, Polytrauma, Knochenbrüche. Postpunktionelles Syndrom, posttraumatische Meningitis, Zerschlagenheitsgefühl am ganzen Körper, überempfindlich. Angst vor Annäherung anderer, fürchtet jede Untersuchung, schreit auf bei Berührung. Behauptet, er sei gesund. Bett erscheint zu hart. > Ruhe, < Wärme.
Belladonna
#BelladonnaMeningitisMeningitis mit Hyperämie des Kopfes, Kongestion, weite Pupillen, Pulsieren der A. carotis, Kopfschmerzen. Plötzlicher Beginn der Beschwerden, hohes Fieber, rotes Gesicht, kann bei Fieber aber auch blass sein. Heißer Kopf und kalte Extremitäten. Erbrechen. Durstlosigkeit. Plötzliches Aufschreien mit Strecken, überstreckt sich, bohrt den Kopf ins Kissen, wilder Blick, Delirium. Überempfindlichkeit aller Sinne. Sonnenstich. < Erschütterung, Zugluft, Licht, Geräusche. < Ruhe, warmes Einhüllen.
Bryonia alba
#Bryonia albaMeningitisMeningitis, Stadium der fibrinösen Ausschwitzung (Dorcsi 1992), Benommenheit, Delirium, will nach Hause gehen. Anhaltende Kaubewegungen bei Kindern mit Gehirnaffektion (Hering 1994). Sehr durstig, trinkt hastig. Plötzliches Aufschreien, kaltschweißige Stirn, berstende Kopfschmerzen, die geringste Bewegung verschlechtert alle Beschwerden. Postpunktionelles Syndrom. < Bei Bewegung der Augen, beim Husten, bei Stuhlentleerung.
Helleborus niger
#Helleborus nigerMeningitisBewusstlosigkeit oder Stupor, Taubheit aller Sinne, nimmt nichts wahr, antwortet langsam. Ängstlich, hilflos. Schlägt mit dem Kopf gegen die Wand, bohrt den Kopf ins Kissen, Stöhnen, schrilles Schreien (Cri encéphalique), ständige Kaubewegungen, bewegt die Lippen ohne zu sprechen. Zupft an den Lippen oder der Bettdecke, Automatismen. Gedächtnisverlust, schwere, psychomotorische Entwicklungsstörungen, Hydrozephalus. Nachbehandlung einer Meningitis (Dorcsi 1992). Postpunktionelles Syndrom.
Hyoscyamus niger
#Hyoscyamus nigerMeningitisAgitiert, will sich ausziehen. Plötzliches Schreien mit Bewusstseinsverlust. Antwortet korrekt, wenn angesprochen, aber dann gleich wieder stuporös. Automatismen, Grimassen, lächerliche Gesten, zupft am Bettlaken, wischt sich ständig über das Gesicht. Einkoten. Rollt mit dem Kopf, mit den Augen. Weite Pupillen. Fieber continua. Heftige Konvulsionen, Spasmen und Zuckungen an verschiedenen Körperteilen. Zähneknirschen. Alles < nachts, Berührung.
Hypericum perforatum
#Hypericum perforatumMeningitisVerletzungsmittel (arn, led), Gehirn-, Wirbelsäulenerschütterung, Nervenverletzung, Meningitis durch Verletzung des Nervensystems. Heftigste Schmerzen, schießend, den Nerv entlang, die Wirbelsäule hinauf. Neben Ledum wichtigste Arznei beim postpunktionellen Syndrom. Angst, in die Tiefe zu stürzen, v. a. bei Abwärtsbewegung, beim hingelegt werden. Depression oder Hysterie nach Verletzungen. < Erschütterung, kalte Luft, Wetterwechsel. > Überstrecken des Kopfes, in Bauchlage.
Ledum palustre
#Ledum palustreMeningitisNeben Hypericum wichtigste Arznei beim postpunktionellen Syndrom, Rückenschmerzen unmittelbar an der Einstichstelle, Stichwunden, Schnittwunden, Folgen von Verletzungen; verletzte Stellen fühlen sich bei Berührung kalt an, aber > kalte Umschläge. Kind friert leicht, aber < Bettwärme.
Zincum metallicum
#Zincum metallicumMeningitisErst große Agitiertheit und Unruhe, Schreien, Automatismen, Kopfrollen und -bohren, Rollen der Augen, Zittern, Zuckungen am ganzen Körper, Konvulsionen – später Stupor, Schwäche und Paralyse (umgekehrt bei op). Drückende oder schießende, lanzierende Kopfschmerzen. Schwindel, Schwäche, Müdigkeit, Schlaflosigkeit. Konvulsionen mit Blässe. Große Unruhe der Beine, innerliches Zittern. Extrem berührungsempfindliche Wirbelsäule. Strabismus. Zähneknirschen. Jactatio capitis, Zuckungen, Krampfanfälle. Hydrozephalus. Neurologische Erkrankungen nach unterdrückten Absonderungen und Hautausschlägen oder wenn ein Exanthem nicht ausbricht. < 11:00 Uhr. > Auftreten von Absonderungen oder Hautausschlägen.

Kasuistik

Kasuistik

Meningitis mit postpunktionellem Syndrom (Christian Lucae)

Anamnese

Das 14 Jahre alte Mädchen erhielt am Vortag eine Lumbalpunktion wegen heftiger Kopfschmerzen und Verdacht auf Meningitis; im Serum Nachweis positiver Borrelien-Titer (IgM), im Liquor 150/3 Zellen, daraufhin Therapie mit Cefotaxim i. v. Das Mädchen hatte den ganzen Tag über heftige Rückenschmerzen, v. a. im LWS-Bereich, schlimmer beim Beugen des Kopfes nach vorn, es bestanden jedoch keine Meningitiszeichen; bisher hat sie Paracetamol und Talvosilen® (mehrfache Gaben) erhalten ohne Besserung, daher Vorstellung zur homöopathischen Therapie abends.

Verordnung und Verlauf I

Ledum#Ledum palustreMeningitis C 30 1 × 3 Globuli, weitere 3 Globuli in Wasser aufgelöst, alle 30 Minuten – einen Schluck bis zum Eintreten der Besserung. Rasche Beschwerdefreiheit innerhalb der nächsten Stunden. Empfehlung: Fortführung der Therapie nur bei erneuten Schmerzen. Nach weiteren zwei Tagen erneut Kopfschmerzen, v. a. Stirn und Schläfen, Rückenschmerzen im ganzen Rücken, jede Bewegung verschlechtert; Liegen in Ruhe >; Aufsetzen <, dann Pochen in der Stirn; Kopfschmerz begleitet von Übelkeit.

Repertorisation I

→Rücken – Schmerz – Bewegung, bei
→Kopf – Schmerz – Bewegung, bei – agg.
→Kopf – Schmerz – Aufstehen – Liegen, vom
→Kopf – Schmerz – begleitet von – Übelkeit
→Kopf – Schmerz – Stirn, in der – pulsierend
→Kopf – Schmerz – Schläfen und Stirn
→Allgemeines – Wunden – Stichwunden

Verordnung und Verlauf II

Bryonia#Bryonia albaMeningitis C 30 1 × 3 Globuli, weitere 5 Globuli in Wasser aufgelöst, jede Stunde einen Schluck bis zum Eintreten der Besserung. Obwohl Bryonia bei der Computerrepertorisation erst an vierter Stelle steht, wurde diese Arznei aufgrund der sehr ausgeprägten Modalität („die geringste Bewegung verschlechtert“) ausgewählt.
Wiederum rasche Besserung und Abklingen der Kopfschmerzen. Die antibiotische Therapie wurde lege artis aufgrund des Nachweises von Borrelien weitergeführt.

Literatur

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AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Ambulant erworbene bakterielle (eitrige) Meningoenzephalitis AWMF-Registernummer: 030/089, September 2012 (verlängert bis 29.7.2017) http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-089l_S1_bakterielle_Meningoenzephalitis_ambulant_2012_verlaengert.pdf

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Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie e. V DGPI Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen 6. A. 2013 Thieme Stuttgart

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S. Esposito M. Semino I. Picciolli N. Principi Should corticosteroids be used in bacterial meningitis in children? Eur J Paediatr Neurol 17 1 2013 24 28 (Esposito 2013b)

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E. Janssens P. Aerssens P. Alliët P. Gillis M. Raes Post-dural puncture headaches in children. A literature review Eur J Pediatr 162 3 2003; Mar 117 121

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R. Kaiser Frühsommer-Meningoenzephalitis: Prognose für Kinder günstiger als für Erwachsene Dtsch Ärztebl 101 2004 A2260 2264

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Meningitis Research Foundation Hospital doctors – paediatrics: Algorithms for Management of Meningococcal Disease and Bacterial Meningitis in Children and Young People http://www.meningitis.org/health-professionals/hospital-protocols-paediatrics

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R. Nau H.-J. Christen H. Eiffert Lyme-Borreliose – aktueller Kenntnisstand Dtsch Arztebl Int 106 5 2009 72 82

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RKI (Robert-Koch-Institut) FSME: Risikogebiete in Deutschland (Stand: Mai 2016). Bewertung des örtlichen Erkrankungsrisikos Epidemiologisches Bulletin 18 9 2016 http://www.rki.de

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RKI (Robert-Koch-Institut) Zur Situation bei ausgewählten Infektionskrankheiten in Deutschland. Invasive Meningokokken-Erkrankungen, 2009–2011 Epidemiologisches Bulletin 39 2012 http://www.rki.de

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A.C. Steere Lyme Disease N Engl J Med 345 2001 115 125

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L.H. Wee F. Lam A.J. Cranston The incidence of post dural puncture headache in children Anaesthesia 51 1996 1164 1166

Homöopathische Literatur

Dorcsi, 1992

M. Dorcsi Bewährte Indikationen der Homöopathie Nach Vorträgen und Vorlesungen von Prof. Dr. med. Mathias Dorcsi, Wien. Bearbeitet von Dr. med. Margaretha Frey 1992 DHU Karlsruhe

Hering, 1994

C. Hering The Guiding Symptoms of our Materia Medica Volume II 1994 B. Jain Publishers New Delhi

Mezger, 1999

J. Mezger 11. A. Gesichtete homöopathische Arzneimittellehre Band I–II 1999 Haug Heidelberg

Pennekamp, 2010

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 5. A. 2010 MDT-Verlag Osten-Isensee

Phatak, 2013

S.R. Phatak Homöopathische Arzneimittellehre. Übersetzt, anhand der Quellen überprüft und bearbeitet von Frank Seiß 5. A. 2013 Elsevier München

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis. Repertorium homoeopathicum syntheticum. Edition 2009. Erweiterte und verbesserte Aufl., April 2009 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Stauffer, 2002

K. Stauffer Klinische Homöopathische Arzneimittellehre Auf der Basis von Martin Schlegel neu bearbeitet von Christian Lucae 14. A. 2002 Sonntag Stuttgart

Vermeulen, 2002

F. Vermeulen Prisma. The Arcana of Materia Medica Illuminated. Similar and Parallels Between Substance and Remedy 2002 Emryss bv Publishers Haarlem

Enzephalitis

Christian Lucae

Grundlagen

Die Erkrankung entsteht hämatogen nach Tröpfcheninfektion (z. B. Herpes-simplex-Virus) oder Zeckenstich (FSME-Virus) über eine Einwanderung der Viren entlang der Nervenfasern (z. B. Lyssavirus).
Für die Industrienationen wird eine Inzidenz von 14/1000000 Kinder pro Jahr angegeben, davon werden etwa 20 % durch das Herpes-simplex-Virus Typ 1 ausgelöst (DGPI 2013).
Herpes-simplex-Virus Typ 2 kann v. a. bei Neugeborenen eine Enzephalitis auslösen, bei Erwachsenen dagegen in weniger als 10 % der Fälle. Das Risiko einer perinatalen Infektion ist am höchsten, wenn die Mutter erstmals einen Herpes genitalis vor der Geburt entwickelt. Bei einem Rezidiv eines Herpes genitalis liegt das Risiko einer Neugeboreneninfektion dagegen unter 3 % (Beaman 2002).
Im ersten Lebensjahr werden Enzephalitiden in erster Linie durch Entero- und Herpes-simplex-Viren ausgelöst, danach häufiger durch RS-, Varizella-Zoster-Viren und Mykoplasmen. Jungen erkranken häufiger durch Mumps- und Varizella-Zoster-Viren, Mädchen häufiger durch Adenoviren und Mykoplasmen (Koskiniemi et al. 1991).

Klinik und Erkrankungsverlauf

EnzephalitisKlinikEine Enzephalitis beginnt mit hohem FieberFieberEnzephalitis, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, ähnlich wie eine Meningitis. Dazu kommen können neurologische Erscheinungen wie fokale oder generalisierte Krampfanfälle, Sensibilitätsstörungen, Hirnnervenstörungen, spastische oder schlaffe Paresen und Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma. Im Falle einer Zerebellitis (Entzündung des Kleinhirns) kommt zu einer Ataxie. Die akute Phase dauert wenige Tage bis zu einer Woche.
Die Prognose der Enzephalitiden ist unterschiedlich. Als ungünstige Zeichen gelten lang anhaltende Bewusstlosigkeit, häufige Krampfanfälle und ausgeprägte EEG-Veränderungen. Bei 20–30 % der Patienten bleiben Defektsymptome zurück (Neuhäuser 1993). Für die schlechte Gesamtprognose aller Enzephalitiden scheint v. a. die Herpes-simplex-Enzephalitis verantwortlich zu sein (Rantala et al. 1991). Eine Untersuchung in England ergab eine Mortalitätsrate von 34 % aller Enzephalitiden. Nach zehn Jahren hatte noch etwa die Hälfte der Überlebenden neurologische Störungen (Kennedy 1995).

Komplikationen

Mögliche KomplikationenEnzephalitisKomplikationen einer Enzephalitis sind:
  • Motorische Störungen (Paresen, Ataxie, Dyskinesien etc.)

  • EEG-Veränderungen, zerebrale Krampfanfälle

  • Kognitive Störungen wie Lern- und Konzentrationsstörungen

  • Neurasthenisches Syndromneurasthenisches Syndrom (Müdigkeit, Kopfschmerzen, verminderte Belastbarkeit, fehlende Ausdauer)

  • Verhaltensstörungen und emotionale Störungen wie Unruhe, Stimmungsschwankungen, depressives Syndrom, Antriebslosigkeit, Aggressivität, Impulsivität, Risikobereitschaft

  • Sensorische Störungen wie Wahrnehmungsstörungen, Seh- und Hörstörungen, Überempfindlichkeit auf Berührung oder Geräusche

  • Schlafstörungen

Diagnostik

Die Diagnose erfolgt wie bei der Meningitis über eine genaue Anamnese (z. B. vorausgegangene Viruserkrankungen, Durchfall, Kinderkrankheiten, Hautausschläge, Zeckenstiche, Tierbisse, Auslandsreisen usw.), den klinischen Untersuchungsbefund, verschiedene serologische Analysen und eine Liquoruntersuchung. Differenzialdiagnostisch muss auch an Intoxikationen, Tumoren, Durchblutungsstörungen und Stoffwechselstörungen gedacht werden.
Im Liquor findet sich eine leichte Zellzahlerhöhung, außerdem können bestimmte Viren mittels Antikörperbestimmung und PCR nachgewiesen werden. Daneben kann ein EEG hilfreich sein, in dem man aber in der Regel nur Allgemeinveränderungen (z. B. flaches EEG mit Verlangsamungsherden) findet. Die Kernspintomografie (MRT) stellt das entscheidende, bildgebende Verfahren zum Beweis einer Enzephalitis dar. Hierbei können auch einzelne Entzündungsherde erkannt werden, etwa der Temporallappenbefall bei einer Enzephalitis durch Herpes-simplex-Virus Typ 1.

Konventionelle Therapie und Prophylaxe

Akuttherapie

Bereits bei Verdacht auf das Vorliegen einer Enzephalitis sollte sofort eine stationäre Einweisung erfolgen. Bei noch unbekanntem Erreger muss zunächst virostatisch mit Aciclovir behandelt werden, solange eine Herpes-simplex-Enzephalitis (HSV-1 oder HSV-2) serologisch noch nicht ausgeschlossen ist. Die HSV-Enzephalitis hat unbehandelt eine hohe Sterblichkeit und ein hohes Risiko bleibender Schäden. Außerdem wird in den meisten Fällen – wegen der anfangs unklaren Ätiologie – gleichzeitig antibiotisch behandelt, auch um eine evtl. vorliegende bakterielle Meningitis zu behandeln. Erst nach Erhalt der Laborergebnisse kann die Therapie angepasst bzw. bei negativen Befunden wieder abgesetzt werden. Eine Enzephalitis als Begleiterscheinung der Windpocken kann ebenfalls mit Aciclovir behandelt werden, die Ätiologie liegt hier in der Regel schon bei Therapiebeginn aufgrund des Exanthems klar vor Augen.
Andere, spezielle Formen der Enzephalitis erfordern besondere Medikamente: so wird z. B. eine Infektion mit Toxoplasmen mit Pyrimethamin und Sulfadiazin, eine Zytomegalievirus-(CMV-)Infektion mit Ganciclovir, eine Borrelien-Infektion mit Cephalosporinen und eine Pilz-Enzephalitis mit Antimykotika behandelt. Die Besonderheiten der Masern-Enzephalitis werden im Masern-Kapitel (7.2) besprochen.
Neben der virostatischen und antibiotischen Therapie kommen Antipyretika (z. B. Paracetamol) und bei Krampfanfällen ggf. Antikonvulsiva zur Anwendung.

Prophylaxe

Im Impfplan der Ständigen Impfkommission (STIKO) werden Impfungen empfohlen zur Vorbeugung von Masern, Mumps, Röteln, Windpocken und Poliomyelitis. Bei Vorliegen spezieller Indikationen kann auch gegen Tollwut, Gelbfieber, FSME und Influenza geimpft werden (7.2 Masern, 7.4 Mumps, 7.5 Röteln, 7.7 Windpocken, außerdem 8.1 Impfungen).
Bei Schwangeren, die vor der Geburt aktive Herpes-simplex-Virus-Typ-2-Läsionen aufweisen, ist die Durchführung einer Sectio und die prophylaktische Gabe von Aciclovir beim Neugeborenen zu erwägen.

Homöopathische Behandlung

Die homöopathische Therapie der Enzephalitis ist im akuten Stadium heutzutage nur flankierend zur intensivmedizinischen Behandlung zu vertreten. Der Schwerpunkt der homöopathischen Behandlung liegt in der Behandlung von Folgeerscheinungen.

Info

Der klinische Verdacht auf das Vorliegen einer Enzephalitis muss unmittelbar zu einer Klinikeinweisung führen. In keinem Fall darf die Durchführung der üblichen Diagnostik (Lumbalpunktion, EEG, MRT u. a.) zur Diagnosesicherung und die nachfolgende medikamentöse Therapie durch andere Maßnahmen verzögert werden.

Die alten homöopathischen Ärzte haben die akute Enzephalitis in Ermangelung anderer Therapiemöglichkeiten noch in erster Linie homöopathisch behandelt. So gibt z. B. Karl Stauffer (1870–1930) folgende Arzneien an (Stauffer 1998): zu Beginn Belladonna, Stramonium, Hyoscyamus, Acidum hydrocyanicum, Apis, später Bryonia, Mercurius solubilis, Opium, Baptisia, Lachesis und Antimonium tartaricum.

Homöopathische Repertoriumsrubriken

Hauptrubriken
RepertoriumsrubrikenEnzephalitisDie wichtigste, spezifische Enzephalitis-Rubrik im Synthesis-Repertorium lautet.
→Kopf – Entzündung – Gehirn (= Gehirnentzündung, Enzephalitis) (77): bell, bry, carb-v, hell, phos, …
Weitere, nützliche Rubriken können sein:
→Gemüt – Schreien – Cri encéphalique (35): apis, glon, hell, hyos, rhus-t, …
→Gemüt – Delirium – Enzephalitis, mit (4): acon, cocc, hell, puls
→Gemüt – Bewusstlosigkeit [zahlreiche Unterrubriken] (358): acon, hell, lach, op, puls, …
→Gemüt – Stupor [zahlreiche Unterrubriken] (170): ail, bell, led, nux-v, phos, …
→Allgemeines – Konvulsionen [zahlreiche Unterrubriken] (331): bell, bufo, cupr, nux-v, plb, …
Ergänzende Rubriken
Im Repertorium von Pennekamp (Pennekamp 2010) finden sich ergänzende Rubriken.
→Enzephalitis – akut mit Krämpfen, Fieber und Kopfrollen (8): apis, bry, bell, cupr, hell, merc, op, phos
→Enzephalitis – Zahnung, während oder durch (25): acon, apis, apoc, arg-n, arn, art-v, bell, bry, canth, cic, cina, cupr-s, dig, gels, glon, hell, kali-i, lach, lyc, op, spong, stram, sulph, tub, zinc
Begleitsymptome, Folgeerscheinungen
Ebenso wie bei der Meningitis kann es sich lohnen, die akuten Beschwerden bei einer Enzephalitis wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen usw. begleitend homöopathisch zu behandeln. Diese Begleitsymptome, wie z. B. →Kopf – Schmerz, Magen – Übelkeit← können in den entsprechenden Kapiteln der Repertorien aufgesucht werden (Repertorium Synthesis). Möglicherweise entstehende neurologische Folgeerscheinungen (20) können ebenfalls begleitend homöopathisch behandelt werden.
Ergänzende Rubriken finden sich wiederum im Repertorium von Pennekamp (Pennekamp 2010).
→Epilepsie – symptomatische, infektiöser Enzephalitis, nach (8): bell, bry, camph, con, cupr, hell, merc, phos
→Enzephalitis – chronisch, führt zu Gehirnerweichung und Imbezillität (3): bufo, phos, zinc-p
Dorcsi-Symptomenverzeichnis
Eine wichtige Rubrik, die nur im Symptomenverzeichnis von Dorcsi vorhanden ist, kann bei der Nachbehandlung der Enzephalitis und Meningitis als Hilfe herangezogen werden, wenn Komplikationen aufgetreten sind (Dorcsi 1992).
→Kopf – Gehirn – Hirnschaden (20): acon, agar, arist-cl, arn, aur, bar-c, calc, calc-p, cupr, graph, hell, hyper, lat-m (Nachtrag), nat-m, phos, sil, sulph, syph, tub, zinc

Homöopathische Arzneimittel im akuten Stadium

Siehe auch 3.8 Meningitis.
Baptisia tinctoria
#Baptisia tinctoriaEnzephalitisVerwirrung, Delirium. Große Schwäche, vollkommene Teilnahmslosigkeit, schläft ein, während man mit ihm redet. Unterkiefer fällt herab. Parästhesien, Empfindlichkeit. Gesicht dunkelrot, „stupide“. Ausscheidungen und Körpergeruch extrem übelriechend.
Camphora
#Camphora officinalisEnzephalitisEisige Kälte am ganzen Körper, will aber nicht zugedeckt sein. Schock, Kollaps. Große Unruhe und Angst (acon, ars). Enorme Entkräftung. Zyanose. Opisthotonus und Konvulsionen. Folgen von Masern und unterdrückten Hautausschlägen.
Hydrocyanicum acidum
#Hydrocyanicum acidum, EnzephalitisPlötzliche und schwere Fälle von Meningitis cerebrospinalis. Unempfindlichkeit. Augen halb offen und hervortretend. Pupillen dilatiert (op kontrahiert) und unbeweglich, mit Blindheit; Dröhnen und Taubheit in den Ohren. Gesicht verzerrt, aufgedunsen und bläulich. Zunge gelähmt und herausgestreckt; Verlust des Sprechvermögens. Harn- und Stuhlretention oder unfreiwillige Entleerung. Rasselnde, langsame Atmung; schwacher Herzschlag. Allgemeine Kälte mit Hitze im Kopf (Hering 1994).
Opium
#OpiumEnzephalitisSchmerzlosigkeit, Stupor, Koma – später Agitiertheit (umgekehrt zinc). Wahnideen. Schlaflosigkeit, Überempfindlichkeit. Konvulsionen, < Annäherung von Fremden, im Schlaf. Kopf heiß, Gesicht tiefrot, erweiterte Venen. Kontrahierte Pupillen. Schnarchende Atmung, Cheyne-Stokes-Atmung, Apnoe. Mangel an Empfindlichkeit gegen Drogen. Auslöser: Schock oder Schreck.

Homöopathische Arzneimittel für Folgeerscheinungen und Komplikationen

Agaricus muscarius
#Agaricus muscariusEnzephalitisPsychomotorische Retardierung, muskuläre Hypotonie mit einschießenden unwillkürlichen Bewegungen, Zuckungen (choreatiform). Rollt mit dem Kopf, grimassiert, beißt sich selber. Krampfanfälle. Schlechte Kopfkontrolle, Koordinationsstörungen. Nystagmus. Zittern von Kinn und Händen. Große Unruhe.
Barium carbonicum
#Barium carbonicumEnzephalitisPsychomotorische Retardierung. Wahrnehmungsstörungen. Kinder entwickeln sich spät, Probleme beim Lernen, lernen spät Sprechen und Lesen, lernen spät Lebenszusammenhänge, verspätete Aufnahmefähigkeit von Bildern und Wahrnehmungen (Kent 1993). Konzentrations- und Lernstörungen. Schüchtern, kindisch, ängstlich, unentschlossen, „zwergenhaft“. Offener Mund. Nägelbeißen.
Bufo rana
#Bufo ranaEnzephalitisPsychomotorische Retardierung, Imbezillität. Dümmlicher Gesichtsausdruck. Heult, beißt in Gegenstände. Leckt sich ständig die Lippen oder spielt mit der Zunge. Gesteigerte sexuelle Energie; „sucht Einsamkeit, um zu masturbieren“. Epilepsie; Krampfanfälle aus dem Schlaf heraus, mit Initialschrei.
Cuprum metallicum
#Cuprum metallicumEnzephalitisEntwicklungsrückstand. Furcht, wenn sich jemand nähert. Schlechte Kopfkontrolle. Muskuläre Hypertonie, eingeschlagener Daumen. Tics, Spasmen. Heftige Konvulsionen mit initialem durchdringendem Schreien, mit Zyanose, danach einseitige Paresen. Residualepilepsie. Nystagmus. Züngeln. Gurgelndes Geräusch beim Schlucken.
Mercurius solubilis
#Mercurius solubilisEnzephalitisStupor oder Koma mit gelegentlichem schrillen Schreien über mehrere Minuten, ohne richtig zu erwachen. Murmelt, spricht unverständlich. Große Unruhe < nachts, wirft sich herum, ständiges Kopfrollen, Kaubewegungen. Strabismus. Zittern und Zucken der Glieder. Harninkontinenz. Blasses Gesicht, viel Schweiß und Speichelfluss. Parese der unteren Extremitäten mit gelegentlichem Zucken. Residualepilepsie. Alles < nachts, Liegen auf der rechten Seite (Hering 1994).
Phosphorus
#PhosphorusEnzephalitisDelirium, Stupor, Wachkoma. Konvulsionen. Muskuläre Hypertonie, rechtsseitige Hemiplegie oder spastische Di-/Tetraparese. Eingeschlagene Daumen (Hauptmann 1994). Sensorische und motorische Paralyse, aufsteigend. Neuritis und Atrophie des Sehnervs. Verspätetes Sprechen lernen, verzögerte psychomotorische Entwicklung bis Imbezillität. Blutungsneigung. Überempfindlich gegen alle Eindrücke. Kann nur auf der rechten Seite liegen.

Literatur

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M.H. Beaman S.L. Wesselingh Acute community-acquired meningitis and encephalitis The Medical Journal of Australia 176 2002 389 396

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Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie e. V DGPI Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen 6. A. 2013 Thieme Stuttgart

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C. Kennedy Acute viral encephalitis in childhood BMJ 310 1995 139 140

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R.M. Kliegman B.F. Stanton J.W. St Geme N.F. Schor Nelson Textbook of Pediatrics 20th ed. 2016 Elsevier Philadelphia

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M. Koskiniemi J. Rautonen E. Lehtokoski-Lehtiniemi A. Vaheri Epidemiology of encephalitis in children: a 20-year survey Ann Neurol 29 1991 492 497

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H. Rantala M. Uhari M. Uhari A. Saukkonen M. Sorri Outcome after childhood encephalitis Dev Med Child Neurol 33 1991 858 867

Homöopathische Literatur

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M. Dorcsi Homöopathie, Bd. 6 – Symptomenverzeichnis 4. A. 1992 Haug Heidelberg

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H. Hauptmann Homöopathie in der kinderärztlichen Praxis 2.A. 1994 Haug Heidelberg

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C. Hering The Guiding Symptoms of our Materia Medica Volume II 1994 B. Jain Publishers New Delhi

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H. Pennekamp Kinder-Repertorium 5. A. 2010 MDT-Verlag Osten-Isensee

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K. Stauffer Homöotherapie. 4.Faksimile-Nachdr. der Erstausgabe von 1924 1990 Sonntag Regensburg

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K. Stauffer Klinische Homöopathische Arzneimittellehre Auf der Basis von Martin Schlegel neu bearbeitet von Christian Lucae 14. A. 2002 Sonntag Stuttgart

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F. Vermeulen Prisma. The Arcana of Materia Medica Illuminated. Similar and parallels between substance and remedy 2002 Emryss bv Publishers Haarlem

Grippale Infekte und Influenza

Michael Drescher

Martin Hirte

Das fiebernde Kind grippale Infekteist Influenzaein zentrales Thema in sämtlichen Praxen, die Kinder behandeln, konventionellen wie homöopathischen. Fieberhafte respiratorische und gastrointestinale Infekte sind wohl der häufigste akute Anlass, weswegen Kinder in der Praxis vorgestellt werden, speziell während sog. „Grippezeiten“.

Grundlagen

Die Kontagiosität grippaler Erkrankungen ist hoch, der Übertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion, die Inkubationszeit beträgt wenige Stunden bis Tage. Ca. 80 % der grippalen Infekte sind durch Viren verursacht, die aus vier großen Virusgruppen stammen:
  • InfluenzavirenInfluenzaviren vom Typ A, B und C aus der Gruppe der Orthomyxoviren. Durch ihre große Mutationsfreudigkeit und Genaustausch kommt es ständig zur Bildung neuer Varianten mit verändertem Antigen bei Typ A und B. Die große genetische Variabilität verhindert ein Wiedererkennen des Virus nach durchgemachter Infektion und hinterlässt somit keinen dauerhaften Schutz. Die Kontagiosität ist hoch. Alljährlich kommt es zu erneutem Auftreten in regionalen Ausbrüchen und Pandemien. Am meisten verbreitet ist der Typ A. Typ C tritt seltener und mit milderer Symptomatik auf. Laut Angaben des Robert-Koch-Institutes (RKI) tragen Kinder, insbesondere aus Kindergärten und Schulen, zu Beginn einer Influenza-Saison zur schnellen Verbreitung der Viren bei. Kinder erkranken als erste und tragen die Infektionen dann in die Familien.

  • Parainfluenzavirus, ParainfluenzavirusHumanes Metapneumovirus und RS (Respiratory-syncytial)-VirusRespiratory-syncytial-Virus aus der Gruppe der Paramyxoviren. Sie sind die wichtigsten Erreger influenzaartiger Erkrankungen, allein RS-Viruserkrankungen sind häufiger als alle Influenza A und B-Erkrankungen zusammen. Zu den Paramyxo-Viren gehören auch das Masern- und das Mumpsvirus.

  • AdenovirenAdenoviren: Typen 1 bis 34. Sie befallen v. a. den oberen Respirationstrakt mit Tonsillen und Adenoiden. Eine monatelange Ausscheidung im Stuhl nach Infektion ist möglich.

  • RhinovirenRhinoviren aus der Gruppe der Picornaviren.Picornavirus 113 serologisch abgrenzbare Untertypen, welche besonders die oberen Luftwege befallen und eine sehr unterschiedliche postinfektiöse Immunität hinterlassen.

Influenzaviren verursachen weniger als 10 % der grippeartigen Erkrankungen (Chaw et al 2016). Infekte, die nicht durch Influenzaviren verursacht sind, werden auch als „grippale Infekte“ („influenza-like illness“) bezeichnet.
Bakterielle Erreger fieberhafter Infektionen und Superinfektionen sind z. B. Streptokokken, Pneumokokken, Staphylokokken, Moraxella catharralis, Haemophilus influenzae Typ B (HiBHaemophilus influenzae Typ B (HiB)HiB-Infektion) und Hämophilus parainfluenzae. Außerdem Mykoplasmen (verursachen 5–18 % aller ambulant erworbenen Lungenentzündungen) und Chlamydien.

Klinik

grippale InfekteKlinikDie Influenza beginnt einige Stunden bis drei Tage nach einer Ansteckung ziemlich rasch mit ausgeprägten Allgemeinsymptomen wie Schwäche, Kopf-, Glieder- und Muskelschmerzen und unterschiedlichen katarrhalischen Symptomen an Hals, Nase, Bronchien oder am Magen-Darm-Trakt. In der Regel stellt sich besonders bei Kindern ein eher hohes FieberFieberInfluenza (6.1) für die Dauer von mehreren Tagen ein. Diese Fieberphase wird nicht selten von heftigen Schüttelfrösten eingeleitet. Auch die Rekonvaleszenz kann sich in Einzelfällen langwierig gestalten.
Die meisten Krankheitsfälle ereignen sich im Zeitraum von November bis März. Gelegentlich sind auch Erkrankungen in der warmen Jahreszeit, sog. Sommergrippen möglich.

Komplikationen

grippale InfekteKomplikationenMögliche Komplikationen der Influenza sind Lungen-, Ohren-, Nebenhöhlenentzündung, die auch durch ein Hinzukommen von Rhinoviren oder eine aufgepfropfte bakterielle Superinfektion verursacht sein können. Vor Einleitung einer antibiotischen Behandlung sind Abstriche zur bakteriologischen Untersuchung zu empfehlen.
Im Kindesalter sind schwerwiegende Komplikationen oder gar Todesfälle durch Influenza eine Rarität. Nach einer bundesdeutschen Erhebung mussten zwischen 2005 und 2008 zwanzig Kinder mit nachgewiesener Influenza intensivmedizinisch behandelt werden, davon achtzehn wegen Komplikationen an der Lunge; 11 der 20 Kinder hatten eine pulmonale, kardiale oder immunologische Grunderkrankung. Zwei Todesfälle wurden berichtet (ESPED 2008).

Diagnostik

Bakterielle Infektionen erzeugen in der Regel eine Leukozytose und ein hohes CRP, virale Erreger normale oder leukopenische Werte und einen signifikanten CRP-Anstieg erst nach mehreren Tagen hohem Fieber.

Konventionelle Therapie und Prophylaxe

Die konventionelle Therapie ist in der Regel symptomatisch durch Senkung von FieberFieberInfluenza und Schmerzen durch Ibuprofen, nach Abwägung ggfs. Paracetamol. Dies erhöht jedoch die Komplikationsrate (Eyers et al. 2010). Salicylate sind kontraindiziert. Hohes Fieber wird individuell sehr unterschiedlich toleriert. Temperaturen bis knapp unter 40 °C bedürfen bei der Influenza lediglich der Überwachung und noch nicht der Senkung, soweit sie vom Kind nicht als quälend empfunden werden. Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr sollte immer geachtet werden. Der Einsatz von AntibiotikaAntibiotikaInfluenza bedarf einer gesicherten klinischen Indikation und sollte auf bakterielle Komplikationen und Folgeerkrankungen beschränkt bleiben.

Virostatika

Virostatikagrippale InfekteVirostatikaInfluenzagrippale InfekteVirostatikaDie als „Grippemittel“ beworbenen Medikamente Oseltamivir (Tamiflu®) und Zanamivir (Relenza®) verkürzen die Symptome der Influenza um nicht einmal einen Tag und reduzieren weder Komplikationen (etwa Pneumonie) noch das Risiko von Krankenhausaufnahme oder Tod. Auch bei Risikopersonen wie asthmakranken Kindern oder älteren Menschen fehlen Belege einer Wirkung. Das als Prophylaxemittel zugelassene Oseltamivir ist zudem nicht in der Lage, die Ausbreitung des Influenzavirus zu verhindern.
Oseltamivir erhöht das Risiko schwerer, v. a. neuropsychiatrischer Störwirkungen bis hin zu Krampfanfällen, Halluzinationen und Suizid (AT 2014, Jefferson et al. 2014). Dies betrifft v. a. Kinder und Jugendliche. Beschrieben sind auch gastrointestinale Nebenwirkungen und Leberschäden, zudem gibt es Hinweise auf ein tumorigenes und embryotoxisches Risiko (AT 2002).
Durch manipulierte Studien und die Geheimhaltung ungünstiger Daten verschaffte sich der Hersteller dennoch weltweit die Zulassung und im Fall von Oseltamivir sogar die Einstufung als „essenzielles Arzneimittel“ durch die WHO. Seit der Markteinführung erzielte er dadurch Umsätze von zig Milliarden Euro zu Lasten der Gesundheitssysteme und der öffentlichen Hand, v. a. wegen der massenhaften Einlagerung für den Pandemiefall. Die Cochrane Collaboration spricht von „teurem Multisystemversagen“ (Jefferson et al. 2014).

Grippeimpfung

ImpfungenGrippegrippale InfekteImpfungGrippeimpfstoffe werden dem jährlichen Antigen-Shift der Erreger angepasst und deshalb jedes Jahr neu konzipiert. Sie sind in der Regel ab dem Alter von sechs Monaten zugelassen.
Die Impfung (8.1) ist in Deutschland für Bevölkerungsgruppen empfohlen, die besonders durch Komplikationen gefährdet sind. Dazu gehören Patienten mit eingeschränkter Lungenfunktion (z. B. bronchopulmonale Dysplasie, Asthma bronchiale, Mukoviszidose), chronischen Herz-, Leber oder Nierenleiden, neuromuskulären Erkrankungen, Diabetes und anderen Stoffwechselkrankheiten sowie angeborenen oder erworbenen Immundefekten. Geimpft werden sollen zudem alle Schwangeren ab dem zweiten Trimenon, alle Personen ab 60 Jahren und Pflegepersonen von Risikopatienten. Für Risikokinder im Alter von zwei bis sechs Jahren ist der nasale Lebendimpfstoff Fluenz als gleichberechtigt zu parenteralen Impfstoffen empfohlen.
Bei gesunden Kindern besteht lt. den aktuellen STIKO-Empfehlungen (2016) keine Impfindikation, ebenso wenig bei gesunden Jugendlichen und Erwachsenen unter 60 Jahren. Eine Impfempfehlung für alle Kinder ist im Gespräch und im Bundesland Sachsen und in Österreich bereits ausgesprochen.
Die Grippeimpfung soll die Erkrankungshäufigkeit, -schwere und -dauer herabsetzen sowie die Komplikationsrate senken. Praktisch alle diesbezüglichen Studien sind jedoch industriefinanziert und weisen schwerwiegende Fehler auf, die den Verdacht auf Manipulation wecken (Jefferson et al. 2012). Selbst nach jahrzehntelanger Anwendung lässt sich kaum ein Effekt auf die öffentliche Gesundheit nachweisen: Die Impfung hat keinen nennenswerten Einfluss auf die Menge der Krankentage oder der Krankhauseinweisungen (Jefferson et al. 2014). Bei schwangeren Frauen ist die Wirksamkeit auf schwere Komplikationen und Mortalität nicht untersucht, die Impfung stellt aber ein potenzielles Risiko für die Hirnentwicklung und das Immunsystem des Ungeborenen dar (Jäger 2015).
Auch bei Kindern ist der Nutzen unklar: Bei unter zweijährigen Kindern liegt die Impfwirkung im Placebobereich, bei über Zweijährigen gibt es keine Belege für die Verhinderung von schweren Krankheitsverläufen oder Komplikationen (Jefferson 2005). Ohrenentzündungen treten bei geimpften Kindern sogar häufiger auf als bei ungeimpften (Hoberman et al. 2003). Der nasale Lebendimpfstoff wurde in den USA im Herbst 2016 wegen Unwirksamkeit aus der Empfehlung genommen.
Die Impfstoffe enthalten Hühnereiprotein und Antibiotika und können sensibilisieren oder bei bereits Sensibilisierten anaphylaktische Reaktionen hervorrufen. Bei bis zu 5 % der geimpften Kinder treten schwere Nebenwirkungen aus dem allergischen, autoimmunen oder neurologischen Formenkreis auf (Bettinger et al. 2014). Häufige Grippeimpfungen blockieren außerdem den Aufbau einer langfristigen und breiter aufgestellten Influenza-Immunität und vergrößern damit die Wahrscheinlichkeit schwerer Erkrankungen durch neue Virustypen (McLean et al. 2014).
Die Grippeimpfung bindet viele Ressourcen, die an anderen wichtigen Stellen des Gesundheitssystems fehlen. Den besten Schutz vor Influenza bietet häufiges Händewaschen.

Unterstützende Therapie

PhytopharmakaGrippeDie folgenden Phytotherapeutika sind nicht als Schutzmittel vor fieberhaften Infekten zu verstehen, haben sich aber als sehr hilfreich erwiesen, um während eines solchen Infektes die allgemeine Abwehrkraft unspezifisch anzuregen. Sie können ggf. auch problemlos begleitend neben allen homöopathischen Einzelmitteln gegeben werden
  • EchinaceaEchinacea angustifolia (echi): Schmalblättriger Sonnenhut, Kegelblume; nahe verwandt und wirkungsgleich mit Echinacea purpurea (echi-p): Roter Sonnenhut. Der Verfasser macht ausgezeichnete Erfahrungen mit der Verabreichung von Echinacea als Globuli (alle 1–2 Stunden 5 Globuli D3–D12) Die niedrig potenzierte Zubereitung D3 hat die volle phytotherapeutische Wirkung, vermeidet aber die Applikation von alkoholischen Tropfen bei Kindern und umgeht so eine evtl. Allergisierung gegen Korbblütler.

    Anwendung: Alle fieberhaften Infekte, eitrigen Entzündungen, Halsinfekte, schon bei Halskratzen. Alle Arten von Mundaphthen.

  • Angocin Anti-Infekt NAngocin Anti-Infekt N®: Kapuzinerkressekraut, Meerrettichwurzel. Abwehrsteigerung bei Sinusitis, Tonsillitis, Atemwegsinfekten, Grippe, Harnwegsinfekten.

    • Anwendung im akuten Krankheitsfall: 4–8 Jahre: 3–5 × tägl. 2–3 Tbl.; über 8 Jahre: 3–5 × tägl. 4–5 Tbl.

    • Vorbeugung: 1–2 × tägl. 2–3 Tbl.; bei Auftreten von Verdauungsbeschwerden Dosisreduktion oder absetzen.

Homöopathische Behandlung

Die homöopathischen Grippemittel sollen die körpereigenen Abwehrkräfte gezielt und an der individuellen Symptomatik orientiert stimulieren. Die Grippesymptomatik zeigt sich in der Regel als ein Komplex vieler verschiedener Symptome, die sich in mehreren Organbereichen bemerkbar machen.
Bei der Auswahl eines homöopathischen Einzelmittels wird man nach folgenden Gesichtspunkten hierarchisieren: Man wird alle Symptome aufnehmen, die der Patient angibt – ohne Rücksicht darauf, ob sie für eine Grippe pathognomonisch sind oder nicht – und nach den auffälligsten unter diesen suchen.
Die Auffälligkeit sucht man in Auslösung, Modalitäten, Begleitsymptomen und Zeiten des Auftretens. Auch Auffälliges im Aussehen, in Gemütsverfassung oder Verhalten, wie z. B. Unruhe, Ängstlichkeit, Schwäche, Reizbarkeit, Weinerlichkeit, kann im Einzelfall zum Mittel führen. Wenn sich zu wenige wirklich auffällige Symptome darbieten, wird man warten können, bis sich ein klareres Bild zeigt oder ggf. diejenigen Symptome nehmen, unter denen der Patient am meisten leidet.

Homöopathische Arzneimittel

Die Tab. 7.2 zeigt eine kleine Auswahl häufig bei grippalen Infekten gebrauchter Mittelhomöopathische ArzneimittelGrippemittel in einer Synopsis ihrer Symptome. Sie gibt eine erste Orientierung in der Fülle der Mittel, kann aber das Studium der individuellen Symptome und der Repertorien sowie der Materia medica nicht ersetzen.
Bei richtiger Auswahl des Mittels kann man eine Besserung spätestens nach einer Stunde erwarten. Vor einer erneuten Mittelgabe wird gewartet, bis es dem Patienten wieder schlechter geht (3.5). Im Verlauf der Erkrankung bzw. der Behandlung kann es vorkommen, dass sich der Schwerpunkt der Symptomatik verschiebt, darauf ist in der Regel mit einer erneuten Repertorisation und ggf. einem Wechsel des Mittels zu reagieren.
Bei der Behandlung epidemisch auftretender Virusgrippen kann man oft bei vielen Patienten eine übereinstimmende Symptomatik beobachten, was der Pathogenität des jeweiligen Virustyps entspricht (Genius epidemicus-Verschreibung 7.6). Darin zeigt sich zugleich das epidemische homöopathische Mittel: Man sieht dann z. B. die typischen Eupatorium-, Belladonna-, Bryonia-, Phosphorus-, Gelsemium-Grippen in größerer Zahl innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

Behandlung und Prophylaxe mit Nosoden

NosodenGrippehomöopathische ArzneimittelNosodenDie nachhaltigste Stärkung des Immunsystems und einen weitgehenden Schutz auch vor den alljährlich zirkulierenden Grippewellen bietet die konstitutionelle Behandlung. Die Gabe von Nosoden als Prophylaxe oder Impfersatz bleibt aus klassisch-homöopathischer Sicht umstritten (8.1).
Influenzinum
#Influenzinumgrippale InfekteNosodenInfluenzinumEine homöopathische Prophylaxe der Virusgrippe mit der Grippe-Nosode Influenzinum#InfluenzinumInfluenzaNosodenInfluenzinum scheint möglich zu sein und kann in Einzelfällen angezeigt sein bei immungeschwächten Risikopatienten, die nicht konstitutionell behandelt werden. Die Entscheidung für eine homöopathische Prophylaxe sollte in jedem Fall streng abhängig gemacht werden von verschiedenen individuellen Faktoren wie dem Grad der wahrscheinlichen Exposition, der Empfänglichkeit des Patienten, der Vorgeschichte seiner akuten Krankheiten etc. (Saine).
Die Nosode sollte möglichst aus der Grippeepidemie des letzten Jahres hergestellt sein, um eine größtmögliche Aktualität zu gewährleisten. Den Vorschlägen von Dorcsi, Morrison und Saine folgend, beginnt man mit dieser Prophylaxe noch vor Beginn der Grippezeit und dosiert mit monatlichen oder 14-tägigen Einnahmen einer C oder D 200 den ganzen Winter hindurch. Im Erkrankungsfall und in der Rekonvaleszenz kann mit C 30 behandelt werden.
Oscillococcinum, Tuberculinum
NosodenOscillococcinumNosodenTuberculinum#Oscillococcinum, Influenza#TuberculinumInfluenzaAls Alternative zu Influenzinum nennt Saine noch Oscillococcinum, eine Nosode, die vom Laboratoire Boiron in Paris aus einem Erreger hergestellt wird, der 1925 entdeckt wurde. Pierre Schmidt sagte über Oscillococcinum, dass es für Influenza sowohl prophylaktisch als auch während der Erkrankung und in der Rekonvaleszenz nützlich sei.
Als Prophylaktikum für gewöhnliche Influenzaartige Infekte empfiehlt Saine, den Vorschlägen von Krishnamurty und Eizayaga folgend, Tuberculinum.

Literatur

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AT (arznei-telegramm) Eingelagerte Neuraminidasehemmer – teures „Multisystemversagen“ a-t 45 2014 54 55

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AT (arznei-telegramm), 2002

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R. Morrison Handbuch der Pathologie zur homöopathischen Differentialdiagnose 1999 Kai Kröger Groß Wittensee

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Murphy Murphys Hom Resource Guide Lotus Materia Medica updated R v Zandvoort Complete Repertory Millenium. Mac Repertory v. 5.6.1 2000 Kent Homeopathic Associates Inc San Rafael

SaineLübeck SeminarHomeopathy and Diseases, 2002

Saine A. Lübeck Seminar: Homeopathy and Autoimmune Diseases. Part III Asthma, Part IV Hay fever, Part V Hay asthma. 14–17.11.2002 in Lübeck.

Zandvoort, 2000

R v Zandvoort Complete Repertory, deutsch und englisch Mac Repertory v. 5.6.1.Roger van Zandvoort 2000 Kent Homeopathic Associates Inc San Rafael

Zandvoort, 2002

R v Zandvoort Complete Repertory deutsch, vollständig neu übersetzt und bearbeitet von © Alexandar Stefanovic Similimumn Verlag Sonderedition für Radar 2002

Borreliose

Martin Hirte

Grundlagen

BorrelioseDie durch Zecken übertragenen Borreliose ist eine bakterielle Infektion, die in Europa, Nordamerika und Asien zwischen dem 40. und 60. Breitengrad verbreitet ist – in Europa v. a. in Skandinavien und dem südlichen Mitteleuropa (Deutschland – insbesondere Süddeutschland –, Österreich, Nordostitalien und Slowenien). In Deutschland sind, mit regionalen Unterschieden, etwa 20 % der erwachsenen Zecken mit Borrelien infiziert.
Die Borrelien gehören zur Gattung der Spirochäten. Während des Blutsaugens wandern sie aus dem Darm der Zecke in die Speicheldrüsen. In den ersten 24 Stunden des Saugakts ist die Übertragungswahrscheinlich sehr gering und steigt erst danach deutlich an.
Nach einem Zeckenstich ist bei 3–6 % der Betroffenen mit einem Auftreten von Borrelien-Antikörper zu rechnen. Durchseuchungstiter findet man bei durchschnittlich 4 % aller Kinder und bei bis zu 25 % der Erwachsenen. Nur einer von Hundert Zeckenstichen (0,3–1,4 %) führt zu einer manifesten Erkrankung (Nau 2009).
Ein eher hohes Infektionsrisiko haben Kinder, Halter von Katzen und Bewohner ländlicher Gebiete (RKI 2012). Kinder werden durch das Spielen im Freien besonders häufig von Zecken gestochen. Etwa ein Viertel der Kinder in normalen Kindergärten und drei Viertel der Kinder in Waldkindergärten haben mindestens einmal pro Jahr einen Zeckenstich (Weisshaar et al. 2006).
Die Inzidenz einer manifesten Borrelioseerkrankung in der deutschen Bevölkerung liegt bei 2–10 von 10000 (Huppertz et al. 1994, Mehnert et al. 2005). Insbesondere im Frühsommer ist ein starker Anstieg gemeldeter Fälle zu verzeichnen; der Gipfel der Meldungen liegt im Juli (EB 2015). Kinder in Waldkindergärten haben bis zu fünfmal häufiger eine Borreliose als Kinder in normalen Kindergärten.
In Deutschland besteht – außer, begrenzt bis 2018, im Bundesland Bayern – keine Meldepflicht der Erkrankung.

Klinik und Erkrankungsverlauf

Die klinischen Manifestationen der Borreliose werden eingeteilt in das frühe und lokalisierte Stadium I, in das frühe und disseminierte Stadium II und in die Spätformen des Stadiums III (Tab. 7.3). Da Zeckenstiche schmerzlos sind, erinnert sich nur jeder zweite Erkrankte an einen Stich.
Erstsymptom ist bei nahezu 90 % der Erkrankten das Erythema migransErythema migrans: eine runde oder ovale, BorrelioseErythema migransrelativ scharf abgegrenzte Rötung der Haut, die sich um die Einstichstelle ausbreitet und später zentral abblasst, sodass sie ring- oder zielscheibenförmig wird. Bei Stichen hinter den Ohren oder am behaarten Kopf können wandernde halbkreisförmige Rötungen im Gesicht auftreten. Das Erythema migrans ist meist schmerzlos, kann aber auch jucken oder berührungsempfindlich sein. Unbehandelt verschwindet das Erythema migrans innerhalb weniger Wochen.
Die Erstdiagnose einer Borreliose wird bei Kindern gelegentlich auch aufgrund eines Lymphozytoms gestellt, einer bläulichroten knotigen Schwellung bevorzugt an Ohrläppchen, Augenbrauen oder Brustwarze. Nach der gängigen Stadieneinteilung gehört es schon zum Stadium II.

Info

Beim typischen Bild eines Erythema migrans oder eines Lymphozytoms ist keine weitere Diagnostik notwendig. Die übrigen Erscheinungsformen der Borreliose erfordern zur Sicherung der Diagnose die serologische Untersuchung.

Im Stadium II dominieren bei Kindern ansonsten die akute periphere FazialispareseFazialispareseBorreliose und die lymphozytäre Meningitis.
Die Borrelien-ArthritisBorrelien-Arthritis (Stadium III) ist bei Kindern oder Jugendlichen häufiger als bei Erwachsenen. Sie ist typischerweise eine Monarthritis oder Oligoarthritis mit Lokalisation bevorzugt im Knie- oder Ellbogengelenk. Bei zunächst fehlenden Borrelien-Antikörpern kann die Abgrenzung zur septischen Arthritis oder zur juvenilen chronischen Arthritis schwierig sein. Bei etwa 20 % der betroffenen Kinder halten die Beschwerden über mehr als drei Monate an. Eine begleitende Iridozyklitis sollte ausgeschlossen werden. Die Prognose der Arthritis ist unter antibiotischer Behandlung gut. Bei Verzicht auf antibiotische Behandlung ist mit einem längeren Verlauf der Beschwerden und in seltenen Fällen mit dem Übergang in eine NeuroborrelioseNeuroborreliose zu rechnen (Szer et al. 1991). Manche Patienten leiden nach einer überstandenen Neuroborreliose oder Borrelienarthritis noch monate- oder jahrelang unter Kopfschmerzen, Müdigkeit, geistigen Leistungsstörungen oder Gelenkbeschwerden. Derartige Residualsymptome betreffen in seltenen Fällen auch Kinder (Bloom et al. 1998, Skogman et al. 2008).
Chronische Verlaufsformen einer Borreliose sind bei Kindern sehr selten (Fingerle et al. 2007, Nau et al. 2009). Insbesondere findet man bei Kindern keine Meningoradikulitis und keine Acrodermatitis chronica atrophicans (Esposito et al. 2013). Zweiterkrankungen sind prinzipiell möglich, da es mehrere Borrelienstämme gibt.

Diagnostik

Die Diagnose einer Borreliose ist bei typischem Krankheitsbild und dem Nachweis von Borrelien-Antikörpern wahrscheinlich. Falsch positive Antikörper kommen allerdings vor. Bei Erythema migrans oder Lymphozytom kann auf die Serologie verzichtet werden. Für eine Neuroborreliose sprechen Pleozytose und Borrelien-Antikörper im Liquor.

Info

Der alleinige Nachweis von Borrelien-IgG-Antikörpern ist wegen der hohen Durchseuchung in der Bevölkerung kein hinreichender Beleg für eine Borreliose: Die klinischen Symptome müssen dazu passen.

Ist die Serologie negativ, sollte sie bei fortbestehendem Verdacht nach drei Wochen wiederholt werden. Bis zu sechs Wochen nach Beginn der Infektion, also häufig im Stadium I, sind noch keine Antikörper vorhanden. In solchen Fällen sprechen einige Verdachtsmomente für Borrelien als Ursache einer Fazialisparese: Der Beginn in den Sommermonaten sowie begleitendes Fieber und Kopfschmerzen (Nigrovic 2008).
Bleiben die IgG-Antikörper über mehr als sechs Wochen negativ, ist eine Borreliose ausgeschlossen und eine antibiotische Behandlung nicht nur überflüssig, sondern verantwortungslos. Isolierte nachweisbare IgM-Antikörper haben keine Aussagekraft.
IgG-Antikörper persistieren auch nach antibiotischer Behandlung über Jahre bis Jahrzehnte, sodass Verlaufskontrollen sinnlos sind. Wird in einem frühen Stadium antibiotisch behandelt, kann in seltenen Fällen die Entwicklung von Antikörpern ausbleiben.
Der direkte Erregernachweis mit Laborkultur oder PCR aus Hautbiopsie, Gelenkpunktat oder Liquor ist speziellen Fragstellungen vorbehalten und in der Regel nicht
Eine antibiotische Behandlung ist nur indiziert, wenn in Blut und Liquor Borrelien-IgG-Antikörper im Sinne einer postinfektiösen Enzephalopathie nachweisbar sind (Asch et al 1994, Bloom et al. 1998, Weinstein et al. 1994). In den übrigen Fällen bringen auch wiederholte Antibiotikagaben keine Besserung: die Beschwerden sind vermutlich das Resultat autoimmuner oder metabolischer Prozesse (Nau et al 2009, Oliveira et al. 2015).

Info

Überdiagnose und Übertherapie sind ein bedeutendes Problem im Zusammenhang mit der Borreliose (Hanses et al. 1999, Steere et al. 1993, MÄA 2012). Die hohe Durchseuchung der Bevölkerung hat zur Hypothese der chronischen Borreliose geführt, die als Erklärung an für zahlreiche unspezifische Beschwerden herhalten muss, von Kopfschmerzen bis zur chronischen Müdigkeit. Anstatt den tatsächlichen und oft auch seelischen Ursachen auf den Grund zu gehen, werden bisweilen wochenlange antibiotische Behandlungen empfohlen, mit unter Umständen schweren Arzneimittelnebenwirkungen (Hansen, Klempner et al. 2013, Berende, ter Hofstede et al. 2016).

Prophylaxe von Zeckenstichen

Zeckenstiche, ProphylaxeZeckenstiche sind bei einem unbefangenen Verhältnis zur Natur kaum vermeidbar. Die Empfehlung, bedeckende Kleidung zu tragen, ist in der warmen Jahreszeit nicht realistisch.
Maßnahmen zur Vorbeugung von Zeckenstichen oder Borreliose sind:
  • Vor dem Aufenthalt im Freien pflanzliche Repellents (z. B. Anti Brumm Naturel) auf exponierte Hautstellen, Hosen und Schuhe auftragen.

  • Abends die typischen Stichstellen – v. a. Kniekehle, Leiste, Achseln, Bauchnabel und Haaransatz – nach Zecken absuchen und diese entfernen. Die Übertragungswahrscheinlichkeit von Borrelien ist innerhalb der ersten 24 Stunden gering und steigt erst danach deutlich an.

  • Zur Entfernung soll die Zecke mit Pinzette oder Daumen- und Zeigefingernagel möglichst nahe an der Haut gepackt und vorsichtig angehoben werden, bis die Haut leicht gespannt ist. Wenn die Zecke dann durch den Zug die Widerhaken einfährt, lässt sie sich herausziehen. Eine Quetschung der Zecke erhöht das Infektionsrisiko. Reißt das Mundwerkzeug ab und bleibt in der Haut, wartet man einfach ab, bis es nach einigen Tagen herausfällt. Nach der Entfernung der Zecke sollte die Stichstelle desinfiziert werden, etwa mit Calendula-Essenz.

Die prophylaktische Gabe von Antibiotika nach Zeckenstichen ist nicht empfohlen. Impfstoffe gegen Borrelien sind in der Entwicklung.

Konventionelle Therapie

Jede Form der Borreliose bedarf der raschen antibiotischen Behandlung, um den Verlauf abzukürzen und neurologische oder andere Späterkrankungen zu verhindern. In den meisten Fällen käme es zwar auch ohne antibiotische Behandlung zur Spontanheilung. Das Restrisiko neurologischer Spätkomplikationen ist jedoch nicht zu unterschätzen: Bei der Langzeitbeobachtung von 46 unbehandelten Kindern mit Borrelienarthritis entwickelten zwei der kleinen Patienten nach mehr als zehn Jahren eine Borrelien-Enzephalopathie (Szer et al. 1991).

Info

Die Prognose des Erythema migrans oder der frühen Neuroborreliose ist v. a. bei Kindern durch die Behandlung mit empfohlenen Antibiotika exzellent. Das Abraten von einer antibiotischen Behandlung ist mit der ärztlichen Ethik nicht vereinbar.

Die antibiotische Therapie ist in der frühen Krankheitsphase am erfolgreichsten. Mittel der Wahl für die Behandlung des Erythema migrans sind bei Kindern unter neun Jahren Amoxicillin oder Cefuroxim. Bei älteren Kindern kann ebenso wie bei Erwachsenen Doxycyclin gegeben werden. Spätere Krankheitsstadien sollen intravenös mit Ceftriaxon, Cefotaxim oder Penicillin G behandelt werden. Nur bei der Arthritis kommen auch orale Antibiotika in Betracht: bis zum Alter von neun Jahren Amoxicillin, danach auch Doxycyclin.
Die Empfehlungen für die Therapiedauer variieren von 10–14 Tagen (Erythema migrans) bis 3–4 Wochen (Spätstadien).
Der Therapieerfolg ist bei schon länger dauernder Erkrankung oft erst nach Wochen bis Monaten endgültig zu beurteilen. Bei der Borrelien-Arthritis bleiben die Beschwerden bei 5–15 % der behandelten Kinder unbeeinflusst und über Jahre bestehen (Dressler et al. 2011). Manchmal bringt in diesen Fällen eine Wiederholung der antibiotischen Behandlung Besserung.

Homöopathische Behandlung

Die homöopathische Behandlung der Borreliose ist zunächst eine Begleitbehandlung neben der Antibiotikatherapie. Ziel dieser unterstützenden Behandlung ist die Verhinderung von Zweit- oder Späterkrankungen. Treten später trotz antibiotischer Behandlung chronische Beschwerden auf, so ist das die Domäne der Homöotherapie.
Bei der Mittelfindung für die Behandlung der akuten Borreliose sind nicht nur die Lokalsymptome einschließlich ihrer Modalitäten von Bedeutung, sondern auch alle weiteren Symptome, die seit Beginn der Erkrankung aufgetreten sind. Spätestens mit dem Stadium II der Borreliose sollte eine ausführliche Fallaufnahme erhoben werden.
Die Borrelioseerkrankung ist sowohl vom Erreger (Spirochäten) her als auch vom Verlauf her mit der Syphilis verwandt. Für die homöopathische Behandlung kommen daher v. a. Arzneimittel mit syphilitischen Anteilen infrage.
Kösters (2016) schlägt Mercurius corrosivus als spezifisches epidemiologisches Mittel bei Borreliose vor, da es die Gesamtheit der häufigsten Borreliose-Symptome weitgehend erfasst. In seiner Fallserie von etwa 30 Patienten habe das Mittel bei allen eine Besserung bewirkt, „allerdings nicht immer mit einem hinreichenden Effekt“. Das Mittel müsse weiter untersucht werden.
Die Therapie jedes Stadiums der Borreliose kann mit einer Einzelgabe der Nosoden Borellia C200 oder C1000 eingeleitet oder abgeschlossen werden.

Homöopathische Repertoriumsrubriken und Arzneimittel bei Erythema migrans

RepertoriumsrubrikenErythema migransHaut – Farbe – bläulich – Flecken (64): arn, lach, led, ph-ac, phos, …
→Haut – Farbe – rot – Flecken – bläulichrot (14): anthrac, ars, bell, lach, phos, …
→Haut – Hausausschläge – ausbreitend; sich (9): ars, ars-i, calc, clem, hep, psor, sars, sulph, thyr
→Haut – Insektenstiche (70): apis, arn, bell, lach, led, staph, …
→Allgemeines – Borreliose (7): anac, aur-ar, calc-p, chin-su, gaul, lyc, tarent.
→Allgemeines – Beschwerden – wandernd, sich verschiebend (28): acon, am-c, anac, lyc, staph, tarent, …
→Haut – Insektenstiche mit Entzündungsneigung und starkem Juckreiz [Pennekamp-Rubrik] (6): anthraci, calc, cedr, led, lyc, merc
Das wichtigste homöopathische Mittel zur (Begleit-)Behandlung eines Erythema migrans und zur Prophylaxe einer Borrelien-Arthritis ist Ledum. Es zeigt folgende Symptome: Rote Flecken, u. U. mit Kältegefühl. Juckreiz < Bettwärme, Kratzen und > kalte Anwendungen. Rheumatische Beschwerden beginnend in den unteren Extremitäten. Gelenke geschwollen, heiß und blass > kalte Anwendungen. Frostig, aber Bettwärme ist unerträglich.

Homöopathische Repertoriumsrubriken und Arzneimittel bei Lymphozytom

→Ohr – Entzündung – Ohrläppchen (4): carc, kali-n, sars, vanil
→Ohr – Farbe – rot – Ohrläppchen (10): caj, camph, caps, cham, chin, cit-v, kali-n, merc, nat-m, puls
→Ohr – Knoten – Ohrläppchen (1): merc
→Ohr – Schwellung – Ohrläppchen (7): arn, chin, kali-n, lach, puls, rhus-t, spong
→Ohr – Tuberkel, harter – Ohrläppchen, am (2): merc, nit-ac
→Brust – Schwellung – Mammae – Brustwarzen (14): calc, cham, lach, merc, merc-c, …
China officinalis
#China officinalisLymphozytom„Die Ohrläppchen sind rot und geschwollen“. (Boericke)
Mercurius solubilis
#China officinalisLymphozytom„Knoten im Ohrläppchen, der sich nicht schieben lässt, bloß Anfangs schmerzt und vier Wochen dauert“. (Hahnemann)
Kalium nitricum
#Kalium nitricumLymphozytom„Entzündung und Geschwulst des rechten Ohrläppchens mit heftig brennend juckendem Schmerze, welcher zum Kratzen reizt; das Ohrläppchen ist roth und heiss“. (Hartlaub)
Natrium muriaticum
#Natrium muriaticumLymphozytom„Heißes Ohr oder Ohrläppchen, mehrere Tage“, „Jucken am Ohrläppchen“, „Empfindung eines fortwährenden Stiches am Ohrläppchen“. (Rückert)

Homöopathische Repertoriumsrubrikenund Arzneimittel bei Fazialisparese

Die antibiotische RepertoriumsrubrikenFazialispareseBehandlung der Neuroborreliose sollte ebenfalls mit homöopathischen Mitteln unterstützt werden, um eine Chronifizierung zu vermeiden. Begleitsymptome und konstitutionelle Merkmale sollten unbedingt berücksichtigt werden.
→Kopf – Entzündung – Hirnhaut (92): acon, apis, bell, bry, caust, lach, lat-m, merc, plb, rhus-t, sil, stram, sulph, tarent, …
→Gesicht – Lähmung (80): acon, apis, arn, ars, bell, caust, dulc, lach, merc, phos, seneg, sep, sil, sulph, …
→Gesicht – Lähmung – links (11): all-c, alum, cadm-s, cur, form, graph, nux-v, seneg, sep, spig, sulph
→Gesicht – Lähmung – rechts (11): apis, arn, bell, caust, hep, kali-chl, kali-p, phos, plb, sil, zinc-p
→Allgemeines – Lähmung – schmerzlos (82): acon, anac, arn, ars, bell, caust, crot-h, merc, nat-m, nux-v, sil, sulph, …
→Allgemeines – Neurologische Beschwerden – Hautausschlägen, nach unterdrückten (4): caust, cic, cupr, zinc
Aconitum napellus
#Aconitum napellusFazialisparesePlötzliches und heftiges Einsetzen der Parese. Eine Wange rot, eine blass. „Kälte, Taubheit und Prickeln charakterisieren die Lähmungen und Nervenerkrankungen von Aconitum. Gesichtslähmung durch die Einwirkung von kalten, trockenen Winden.“ (Clarke). Begleitend große Unruhe und Angst.
Apis mellifica
#Apis mellificaFazialispareseRechtsseitige Parese mit geschlossenem Auge, < Hitze, Berührung, > kalte Anwendungen, kalt Waschen. Ödematöse Schwellung nach Zeckenstich, brennende, stechende Schmerzen. Unruhig, fahrig, durstlos.
Causticum
#CausticumFazialispareseFazialisparese rechts, allmählich zunehmende Lähmung, < trockene Kälte, > nasses Wetter, Baden. Ptosis. Neuroborreliose trotz vorausgehender antibiotischer Behandlung eines Erythema migrans. Auf geistiger Ebene Kummer, Mitgefühl, Dunkelangst, Gedächtnisschwäche.
Dulcamara
#DulcamaraFazialispareseLähmung durch Kälte, < Kälte, feuchte Kälte, > warmer Ofen, Bewegung. Kältegefühl oder Schmerzen in der gelähmten Partie.

„Nach Durchnässung zunächst Nervenschmerzen, dann linksseitige Fazialislähmung; verbunden mit einem juckenden, roten Frieselausschlag, schlimmer bei nassem Wetter. Die Verbindung von Nervenbeschwerden und Hautaffektionen ist sehr charakteristisch für Dulcamara.“

(Vithoulkas)

Mercurius solubilis
#Mercurius solubilisFazialispareseParese durch vorausgegangene Kälteeinwirkung, begleitet von Muskelzuckungen oder – zittern, < nachts. Speichelfluss. Schweiß ohne Erleichterung. Fauliger Geruch. Schwäche.
Senega aureus
#Senega aureusFazialispareseLinksseitige Parese mit Hitzegefühl und Augensymptomen: Tränenfluss, Flackern vor den Augen, Doppeltsehen > Kopf nach hinten beugen.
Syphilinum
#SyphilinumFazialispareseFazialislähmung rechts, mit nächtlicher Verschlimmerung. Undeutliche Sprache. Zuckungen des rechten Augapfels und Lides. Starker Speichelfluss. Hemikranie.

„Gesicht auf eine Seite hin verzogen; Sprechen, Kauen und Blasen fällt schwer“

(Clarke).

Homöopathische Repertoriumsrubriken bei Borrelien-Arthritis und Meningitis

RepertoriumsrubrikenMeningitisRepertoriumsrubrikenBorrelien-ArthritisZur Borrelien-Arthritis (17.6), zur Meningitis (7.8).

Homöopathische Repertoriumsrubriken bei chronischen Folgen einer Borreliose

Für die Behandlung der im Kindesalter sehr seltenen chronischen Folgen einer Borreliose ist eine ausführliche homöopathische Anamnese unabdingbar. Wichtig sind hier v. a. die Geist- und Gemütssymptome. Zusätzlich zu dem indizierten Simile sollte die Gabe von Borrelia C 200 oder C1000 erfolgen.
Synthesis
→Allgemeines – Schwellung – entzündlich, Bissen und Stichen, nach (1): led
→Gemüt – Gemütssymptome – Borreliose (1): tarent
→Allgemeines – Genesung, Rekonvaleszenz, Beschwerden während der (171): calc, calc-p, merc, nat-m, phos, stram, sil, sulph, tub, zinc, …
→Allgemeines – Genesung, Rekonvaleszenz, Beschwerden während der – Antibiotika, nach Benutzung von (3): ars, nit-ac, thuj
→Allgemeines – Genesung, Rekonvaleszenz, Beschwerden während der – Meningitis, nach (2): calc, sil
→Allgemeines – Genesung, Rekonvaleszenz, Beschwerden während der – schwächenden, erschöpfenden Krankheiten, nach (6): aven, carb-an, carb-v, lath, ph-ac, sel
Pennekamp
→Insektenstiche, incl. Zecken – außer Biene und Wespe (13): apis, calend, canth, carb-ac, form-ac, gels, hyp, lach, led, merc, tarent-c, …
→Nervensystem – Neurologische Störungen nach Meningitis oder Enzephalitis, Vorgeschichte von (4): cic, hyper, nat-s, stram
→Allgemeines – Rekonvaleszenz, Störungen Meninigits, nach (4): calc, formac, hel, sil

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