© 2020 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-56313-3.00004-2

10.1016/B978-3-437-56313-3.00004-2

978-3-437-56313-3

Abb. 4.1

[P329]

Stefan S., fünf Jahre, Calcium carbonicum

Abb. 4.2

[P329]

Hanna S., 14 Monate, Calcium carbonicum

Abb. 4.3

[P329]

Ramona K., acht Jahre, Calcium carbonicum

Abb. 4.4

[P329]

Simon S., vier Jahre, Lycopocium

Abb. 4.5

[P329]

Wolfgang W., neun Jahre, Lycopodium

Abb. 4.6

[P329]

Alina G., zehn Jahre, Sepia

Abb. 4.7

[P329]

Lioba v. W., acht Jahre, Phosphorus

Abb. 4.8

[P329]

Dominik Z., elf Jahre, Phosphorus

Abb. 4.9

[P329]

Monika W., zwölf Jahre, Carcinosinum

Abb. 4.10

[P329]

Jonas S., zwei Jahre, Medorrhinum

Abb. 4.11

[P329]

A. S., 10 Jahre, Natrium muriaticum

Abb. 4.12

[P329]

Sebastian L., 20 Jahre, Natrium muriaticum

Konstitution und Diathese

Mira Dorcsi-Ulrich

Am Anfang ist die Fülle.

In der Fülle ist die Leere.

Und die Leere ist voll.

Der Konstitutionsgedanke
DiatheseKonstitutionSeit jeher versuchen Ärzte, den Menschen in seiner Regulationsfähigkeit bezüglich Gesundheit und Krankheiten zu verstehen und kranke Menschen durch Beeinflussung dieser Fähigkeit zu heilen. Schon vor 2500 Jahren bestand in der ayurvedischen Medizin Indiens die Vorstellung von Regulationssystemen, die für die Konstitution des Menschen und damit für Gesundheit und Krankheitsanfälligkeit zuständig sind: die drei Doshas „Kapha“ (Erde-Wasser), „Pitta“ (Feuer) und „Vata“ (Luft-Raum). Fast zur gleichen Zeit entwickelte in Griechenland Empedokles (495–435 v. Chr.) die Idee von der Einteilung menschlicher Konstitutionstypen in Luft, Feuer, Erde und Wasser.
Hippokrates (460–370 v. Chr.) und seine Schüler vermuteten die Regulationsmechanismen des Menschen in Blut, Schleim, Schwarzer Galle und Gelber Galle. Auf dieser Lehre aufbauend sprach Galen (129–200 n. Chr.) vom Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker und Choleriker.
Durch Kretschmer hat im 19. Jahrhundert der Konstitutionsgedanke eine geradezu volksnahe Komponente erhalten: Jeder versteht, was gemeint ist, wenn von der Konstitution des asthenischen, des athletischen und des pyknischen Menschen gesprochen wird. Der große Kinderarzt Meinhard von Pfaundler lehrte in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts an der Universitätskinderklinik in München, dass das Aussehen eines Kindes und seine Krankheitsbereitschaft in einem eindeutigen Zusammenhang zu sehen sind.
Hahnemann hat vor 200 Jahren als einer der ersten Ärzte und Gelehrten in Europa in seiner Lehre von den „Miasmen“ den genialen Versuch unternommen, die menschliche Konstitution in ihrer Bereitschaft zur chronischen Krankheit zu verstehen. Seine Einteilung der Krankheitsbereitschaft des Menschen in Psora, Sykosis und Syphilis schafft für uns homöopathischen Ärzte heute noch einen wichtigen Zugang zur Beurteilung der Konstitution eines kranken Menschen. Zeitgenössische Homöopathen schlugen für diese Miasmen modernere Bezeichnungen vor, etwa „Mangel, Überschuss, Entartung“ (Ortega) oder „lymphatisch, lithämisch, destruktiv“ (Dorcsi).
Mathias Dorcsi, der Begründer der Wiener Schule der Homöopathie, beschäftigte sich Jahrzehnte mit der Frage der Konstitutionsmedizin in der Homöopathie und schrieb: „Es ist eigenartig, dass die Berufe, die mit dem Menschen zu tun haben, sich so wenig um den Menschen als Menschen kümmern … Wir erleben auf der einen Seite eine Lehrmeinung, die mit ihrer analytisch-mechanistischen Forschung eine mystisch-naturwissenschaftliche Einstellung abgelöst hat und die mit ihren gigantischen Erlebnissen das heutige wissenschaftliche Denken bestimmt, … jedoch im Überschwang und in der Überbewertung des wissenschaftlichen Denkens heute an Grenzen gelangt ist, die sie mit ihrer Methode nicht mehr zu überschreiten vermag“. (Dorcsi)
Die homöopathische Medizin versteht sich als eine personotrope Medizin, in der der kranke Mensch bzw. das kranke Kind in seiner Gesamtheit erfasst werden soll.

„Der Mensch ist gesund, wenn er in sich, mit sich, mit der Umwelt und dem Schöpfer in Harmonie ist. Gesundheit ist das völlige körperliche, seelische, geistige und soziale Gleichgewicht der Person. Sie ist also die völlige Ordnung des bewussten und unbewussten Zusammenspiels der Funktionen, es ist die personale Harmonie.“

(Dorcsi)

Definition von Konstitution und Diathese
Die Konstitution des Kindes
KonstitutionMan kann sich die Konstitution als ein „Strickmuster“ vorstellen, das bei der Vereinigung von Eizelle und Samen entsteht und zusätzlich durch Umwelt und Gesellschaft, Ernährung und Erziehung und viele andere Einflüsse geprägt wird. Die Konstitution zeigt unser Vermögen, gesund zu bleiben. In der kinderärztlichen Praxis beschäftigen wir uns tagtäglich mit der Konstitution unserer kleinen Patienten, indem wir versuchen, sie mit unseren fünf Sinnen wahrzunehmen und ihr Wesen, ihre Anlagen und ihr Umfeld zu erfassen.
Die Diathese des Kindes
DiatheseKIndDie Diathese ist die angeborene und erworbene Organ- und Systemminderwertigkeit eines jeden Individuums bzw. seine Anfälligkeit für bestimmte Krankheitsprozesse. Jeder Mensch hat in seinem „Strickmuster“ seine besonderen „Strickmusterfehler“. Diese sind, wie die Konstitution auch, durch die Vererbung und durch äußere Einflüsse geprägt, die nach unserer Geburt auf uns einwirken.
Konstitution und Diathese verhalten sich zueinander wie zwei Seiten einer Münze.
Die drei großen Diathesen
Nach Mathias Dorcsi gibt es, entsprechend den Miasmen Hahnemanns, drei große Diathesen: Die lymphatische, lithämische und Destruktive Diathese. Während Hahnemann davon ausgeht, dass nur die Psora immer angeboren ist, während Sykosis und Syphilis auch erst nach der Geburt erworben werden können, wird nach der Lehre Dorcsis jedes Kind mit einer Mischung dieser drei Diathesen geboren, von denen jedoch meist eine überwiegt und gut zu erkennen ist. Mit der Entwicklung eines Kindes ist dann oft ein Wandel von Konstitution und Diathese zu beobachten.
Unsere kinderärztliche Aufgabe ist es, die im Moment überwiegende Diathese zu erkennen, um ein entsprechendes Arzneimittel für das kranke Kind zu finden und eine Krankheitsprognose zu erstellen.
Die lymphatische Diathese
DiatheselymphatischeSie entspricht Hahnemanns PsoraPsora und zeichnet sich aus durch eine Krankheitsbereitschaft vorwiegend im Haut- und Schleimhautbereich. Dazu gehören unter anderem eine Infektneigung mit Anfälligkeit gegen Wetterwechsel, Erkrankungen im HNO-Bereich und in den Bronchien sowie die Neigung zu Lymphdrüsenschwellungen und (gut behandelbaren) Ekzemen. Bei der Mehrzahl der neugeborenen Kinder überwiegt die lymphatische Diathese. Das Arzneimittelbild von Calcium carbonicum zeigt die lymphatische Konstitution und Diathese, wie sie uns vorwiegend im Kindesalter begegnet.
Wichtige lymphatische Mittel sind: absin, acon, agn, ambr, aral, arg-n, arist-cl, cact, calad, calc, camph, caps, card-m, castm, cham, chin, cina, coff, cocc, cupr, cycl, dros, ferr-p, form-ac, euphr, gels, gins, grind, hyper, iber, ign, ip, jab, jug-r, kali-c, lycps-v, mag-c, mag-p, mand, mang, meli, mill, morb, mosch, nux-m, ph-ac, pic-ac, psor, sabal, sabad, sabin, sal-ac, sal-n, samb, sang, sel, solid, spig, spong, sulph, tub, urt-u, viol-t, visc.
Die lithämische Diathese
DiatheselithämischeDie lithämische Diathese weist, entsprechend Hahnemanns Sykose, eine Krankheitsbereitschaft im Haut- und Schleimhautbereich und im Bereich des Bindegewebes auf. Dies kann in gichtische, rheumatische und andere Stoffwechselentgleisungen einmünden. Schon der lithämische Säugling fällt auf durch eine Gedeihstörung, eine Verengung des Tränenkanals, durch obstruktive Bronchitiden, ein schwer beeinflussbares atopisches Ekzem oder Schlafstörungen.
Die lithämische Diathese ist bei Kindern zunehmend häufiger zu finden. Sie zeigt sich unter anderem im Arzneimittelbild von Calcium phosphoricum.
Wichtige lithämische Mittel sind: acon, all-c, apis, arn, bell, benz-ac, berb, bry, calc-p, caul, caust, cimic, clem, colch, coloc, crot-h, dios, dros, dulc, equis-a, eup-per, gnaph, hed, hep, hir, hydrc, kalm, kali-s, lac-c, lach, lachn, led, lem-m, lob, mag-s, med, meph, naja, nat-s, nux-v, ox-ac, pert, phyt, podo, puls, rhod, rhus-t, rumx, sarcol-ac, sars, scarl, sil, stann, stict, succ-ac, tab, teucr, thea, ther, verat, vinc.
Die destruktive Diathese
DiathesedestruktiveBei dieser Diathese kommt es, entsprechend Hahnemanns Syphilis, zu hypo- und hypertrophischen Störungen im Bereich der Organe, des ZNS und des Bewegungsapparates, zu Störungen im Stoffwechsel und im chromosomalen Gefüge sowie zu progressiven und destruktiven Erkrankungen. Eines der häufigsten destruktiven Mittel im Kindesalter ist Calcium fluoricum.
Wichtige destruktive Mittel sind: abrot, acet-ac, agar, alum, am-c, anac, anhal, ant-c, anthraci, aran, ars, asaf, aur, bad, bapt, bar-c, bufo, cadm-s, calc-f, canth, carb-an, carb-v, carc, cean, chim, cinnb, cob, coc-c, con, croc, diph, fl-ac, glon, graph, guaj, hell, hydr, hydr-ac, hyos, iod, kali-chl, kreos, lyc, merc, mur-ac, nat-m, nit-ac, op, petr, phos, plat, plb, sec, sep, staph, stram, stront-c, sul-ac, syph, tarent, tell, thal, zinc.
Die vier Säulen der konstitutionellen Arzneimittelfindung
  • 1.

    Arzneimittelfindung, konstitutionelleDie erste Säule der homöopathischen Therapie ist die ausführliche homöopathische AnamneseAnamnese zur Sammlung von Symptomen, die die Gesamtheit aller sichtbaren und begreifbaren Erscheinungen des Menschen darstellen. Sie sind teilweise Ausdruck der Konstitution; die Symptome der aktuellen oder chronischen Krankheit weisen auf die Diathese des Patienten hin.

  • 2.

    Die zweite Säule ist der konstitutionelle Zugang zum Patienten mit Erfassung aller Phänomene und Symptome, die für uns mit unseren fünf Sinnen zugänglich sind. Das ist der synthetische Zugang zum Patienten. Mit Hilfe der Gegensatzpaare wie rot – blass, warm – kalt, kräftig – schwach u. a. können wir konstitutionelle Phänomene leichter, schneller und besser erfassen. Bei den Diathesen sind rote und blasse Arzneien aus ihrem Vermögen zur Regulation bei Krankheit zu verstehen.

  • 3.

    Die dritte Säule ist die Zusammenfassung und Hierarchisierung der Symptome des kranken Menschen nach ihrer Wichtigkeit im körperlichen und v. a. im Geist- und Gemütsbereich. Das ist der analytische Zugang zum Patienten, der sich in der Repertorisation spiegelt.

  • 4.

    Die vierte Säule ist das ArzneimittelbildArzneimittelbild, das eine Konkordanz oder SimilebeziehungSimile zur Person des kranken Menschen hat. Eine gute Arzneimittelkenntnis und ihre ständige Vertiefung durch klinische Erfahrung sind Voraussetzung für eine erfolgreiche homöopathische Behandlung.

Die ärztliche Wahrnehmung des Kranken
Die wichtigste Frage in unserer Begegnung zwischen Arzt und Patient lautet: „Was ist das für ein Mensch?“ (Dorcsi). Dieser Leit- und Kernsatz des Konstitutions- und Diathesegedankens bringt eine humane, dem Menschen zugewandte homöopathische Medizin zum Ausdruck.
Um den Menschen, seine Konstitution und seine Krankheit zu verstehen und zu definieren, suchen wir Phänomene, die uns als Orientierung dienen. Phänomene sind das Sich-Zeigende, Sich-Offenbarende, Ans-Licht-Gebrachte am Menschen (griech. φαινóμɛνoν = Erscheinung). Man kann sie wahrnehmen, unvoreingenommen beobachten und bei späteren Begegnungen mit dem Patienten überprüfen. Aus den Phänomenen kann der erfahrene homöopathische Arzt bei jedem Menschen eine individuelle Gesetzmäßigkeit ableiten, die so lange Gültigkeit hat, als sie nicht durch das entwicklungsbedingte Auftreten neuer Symptome modifiziert wird.
Als Kinderärzte untersuchen wir Säuglinge oder Kleinkinder, die uns ihre Beschwerden nicht durch Sprache vermitteln können. Wir fragen uns: Was ist hier zu behandeln? Gibt es einen phänomenologischen Zugang zur Krankheit dieses Kindes über sein Aussehen, sein Verhalten oder seine seelische Verfassung? Wir beobachten das Kind, untersuchen es, tasten es ab, nehmen seinen Geruch wahr – wir untersuchen es mit allen unseren Sinnen und versuchen, seine Phänomene zu erfassen. Vor allem in den Geist- und Gemütssymptomen drückt sich die Synthese zwischen Körper und Seele aus. Für die Wahrnehmung dieser Symptome bedarf es viel Einfühlungsvermögen. Die ärztliche Intuition ist der höchste Erfahrungsschatz in der Medizin, die Summe all unserer bewussten und unbewussten Erfahrungen.
Weiter suchen wir nach einer auslösenden Ursache für die Krankheitsbereitschaft oder Krankheit, sei es im seelischen oder im organischen Bereich. Auf der seelischen Ebene kann das die Uneinigkeit des Kindes mit sich und seiner Umwelt sein, etwa in Familie, Kindergarten oder Schule. Auf der organotropen Ebene zeigt sich das Kind in Gesundheit und Krankheit mit seiner Beziehung zu Zeit, Temperatur, Klima, Ruhe, Bewegung, Lage, Haltung, Sehen, Fühlen, Licht, Lärm, Geruch und Tastsinn.
Nach der ausführlichen homöopathischen Anamnese und der phänomenologischen Erfassung eines Patienten muss die Frage nach seiner „Person“ gestellt werden. Wir müssen versuchen, die wahrgenommenen Phänomene zu ordnen, die einzigartige und einmalige Person, die hinter diesen Phänomenen steht, zu begreifen und ihre Konstitution und Diathese zu entschlüsseln. Dieser „synthetische“ Weg führt uns zur Therapie mit einer konstitutionell wirkenden homöopathischen Arznei, die den Weg zu Regulation und Heilung öffnen kann. Zur Veranschaulichung der Persönlichkeit und Konstitution der jungen Patienten Abb. 4.1 bis Abb. 4.12.
Die Kalziumsalze als Vertreter der drei Diathesen
KalziumsalzeDie homöopathischen Arzneien stammen vorwiegend aus dem Pflanzen-, Mineral- und Tierreich sowie aus Krankheitsprodukten und sind ein Spiegelbild unserer menschlichen Evolution. Sie stellen ein dynamisches Therapiekonzept aus der Natur dar, das wir Menschen entdeckt und weiterentwickelt haben.
Gute Arzneimittelkenntnis ist für eine fundierte homöopathische Arbeit unerlässlich. Sie umfasst den Ursprung der Arznei, ihre Geschichte und Toxikologie und ihren klinischen Anwendungsbereich. Im Zentrum steht das „ArzneimittelbildArzneimittelbild“, das sich aus der Arzneimittelprüfung am Gesunden ergibt und als Basis für unsere personotrope Arzneimittelverordnung anzusehen ist.
Zur Darstellung der drei großen Diathesen bzw. Miasmen im Kindesalter eignet sich vornehmlich die Gruppe der Kalziumsalze. Sie haben eine besondere Beziehung zum „Urtopf“ der Schöpfung, aus dem einmal alles, auch der Mensch, entstanden ist. In den homöopathischen Konstitutionsarzneien Calcium carbonicum, Calcium phosphoricum und Calcium fluoricum erleben wir einen plastischen Einblick in die Bandbreite der Kinderkonstitutionstherapie, die letztlich in die Tiefe der Person mit ihren besonderen Eigenschaften führt. Dabei entspricht:
  • Calcium carbonicum der lymphatischen Diathese

  • Calcium phosphoricum der lithämischen Diathese

  • Calcium fluoricum der destruktiven Diathese

Bei der Erstvorstellung eines Neugeborenen oder Säuglings sind diese drei „Archetypen“ oft schon deutlich zu erkennen. Ihre Beschreibung soll ein tieferes Verständnis und auch eine Neugierde für Konstitution und Diathese im Kindesalter wecken. Selbstverständlich gibt es im Säuglings- und Kindesalter viele andere Konstitutionstypen, doch diese drei sind am schnellsten zu erlernen und zu begreifen und sollen daher beispielhaft ausführlicher dargestellt werden.
Das Calcium-carbonicum-Kind
Beim Verständnis von Calcium carbonicum hilft uns die Vorstellung eines berühmten Erwachsenen, Gautama Buddha. Er war ein Mensch mit großer Ruhe, Gelassenheit, Liebe und Innigkeit, die ihm im Verlauf eines heftigen und entbehrungsreichen Lebens nicht zu nehmen waren. In der überlieferten Darstellung, z. B. in den alten tibetanischen Thangkas, wird Buddha phänomenologisch immer gleichartig dargestellt: Sein rundliches Gesicht und der rundliche Körperbau stehen in harmonischer Symbiose mit seiner inneren Ausgeglichenheit.
In der Darstellung der europäischen Kunst finden wir Calcium carbonicum bei den molligen Putten und Engeln des Barock mit ihrer Ausstrahlung von Heiterkeit und Frieden.
Aussehen
#Calcium carbonicumAussehenDer Säugling mit typischer Calcium-carbonicum-Konstitution ist blass, rundlich und mit aufgetriebenem Bauch. Er riecht leicht sauer, schwitzt am Kopf und hat einen kreidigen Milchschorf. In den ersten drei Monaten neigt er gelegentlich zum Erbrechen kleinerer Mengen Muttermilch. Von allen Konstitutionstypen hat er die größte Bereitschaft zu Rachitis. Vom Charakter her ist er eher ruhig, gottergeben, liebevoll und liebesbedürftig. Die Mutter ist voll des Lobes über dieses Kind, das gutmütig, pflegeleicht und dankbar ist.
Die weit offene Fontanelle, der leichte Rundrücken, die vollen saftigen Lippen mit der gewölbten Oberlippe, die Obstipationsneigung, das eher späte Krabbeln, die späte Zahnung und die Neigung zu Lymphdrüsenschwellungen runden unser Bild vom Calcium-carbonicum-Säugling ab. Im Lauf des zweiten Lebensjahres wandelt er sich gelegentlich zum lebendigeren und anspruchsvolleren Calcium-phosphoricum-Kind.
Im Kleinkindalter findet man oft eine unwiderstehliche Neigung zu Süßigkeiten und zum Naschen, mit der Folge von Zahnkaries, die auch Teil seiner konstitutionellen Schwäche ist. Er ist oft ein etwas phlegmatischer Spätentwickler, dankbar für jede Zuwendung und keineswegs darauf erpicht, Anführer zu sein oder in der Mitte des allgemeinen Interesses zu stehen.
Lymphatische Diathese
DiatheselymphatischeVon seiner Krankheitsbereitschaft, der Diathese her, ist es eher ein lymphatisches Kind. Es neigt von den ersten Wochen seines Lebens an zu rezidivierenden Infekten der oberen Luftwege, die jedoch meist komplikationslos verlaufen und gut zu therapieren sind. Hauptsächlich leidet es unter einer verstopften Nase und Infekten im HNO-Bereich.
Wird diesem Kind die passende homöopathische Konstitutionsarznei Calcium carbonicum gegeben, so nimmt bald der Kopfschweiß ab, und die Infektanfälligkeit bessert sich im Laufe der folgenden Wochen und Monate deutlich. Auch eine eventuell vorhandene Allergiebereitschaft lässt sich so bei diesen Kindern homöopathisch meist sehr gut behandeln.
Dorcsi sah in Calcium carbonicum eine Arznei des Lebensbeginns und des Lebensendes. Von ihm stammt der Vorschlag, sie in größeren zeitlichen Abständen zu verabreichen. Bei der Erstvorstellung eines Calcium-carbonicum-Säuglings ist die Gabe einer C 200 oder C 1000 bewährt, eventuell die Wiederholung im Abstand von Wochen bis Monaten (s. Fallaufnahme 2).
Die lymphatische Diathese hat die stärkste Fähigkeit zur Eigenregulation bei Erkrankungen. Das Calcium-carbonicum-Kind hat daher bei den meisten Krankheiten eine gute bis sehr gute Prognose.
Als Erwachsene müssen wir lernen, dass dieses Kind besonders viel Zeit zur Entwicklung braucht. Darf es sich in Ruhe und ohne Druck entfalten und bekommt es die entsprechende Liebe, so wird es eines der glücklichsten und ausgeglichensten Kinder. Gäbe es mehr Calcium-carbonicum-Menschen auf dieser Welt, so wäre die Welt um einiges friedlicher. In der kinderärztlichen Praxis erleben wir über die letzten Jahrzehnte leider immer weniger Kinder mit dieser Konstitution.
Das Calcium-phosphoricum-Kind
Aussehen
#Calcium phosphoricumAussehenDie Konstitution dieses Kindes ist vom Einfluss des Phosphors geprägt. Meist schon gleich nach der Geburt erkennen wir bei einem quicklebendigen, aufmerksamen und unruhigen Säugling diese Konstitution. Manchmal wird jedoch erst im zweiten Lebensjahr aus dem plumpen, lieben Calcium-carbonicum-Säugling durch Wandel der Konstitution ein aktives, phosphoreszierendes, schlankes Calcium-phosphoricum-Kleinkind.
Es ist ein asthenisches, zartgliedriges Wesen mit ovalem Gesicht und stark gezeichneten, scharfrandigen und schmalen Lippen. Geistig ist das Kind beweglicher, aber auch unbeständiger als das Calcium-carbonicum-Kind. Es ist ein Abbild unserer Zeit mit seiner Unruhe, Getriebenheit, Reise- und Unternehmungslust und der oft vorhandenen starken Schlafstörung.
Lithämische Diathese
DiatheselithämischeVon seiner Krankheitsbereitschaft, der Diathese her, ist es eher ein lithämisches Kind.
Die Wirbelsäule ist schwach, die Lymphknoten bilden im Nacken „Perlenketten“. Das Kind schwitzt v. a. im Nacken- und Brustbereich.
Es bevorzugt pikante und würzige Speisen, Salziges und Fleisch, v. a. Geräuchertes. Gerade mit seiner Vorliebe für gewürztes und saures Essen neigt es zu einem hartnäckigen atopischen Ekzem. Das geht – anders als bei Calcium carbonicum – einher mit produktiven Prozessen auf der Haut, mit Schuppen, Krusten, Absonderungen und starkem Juckreiz. Typisch ist der Befall von Wangen, Ohren und Gelenkbeugen.
Häufig ist ein Kleinkinderdurchfall anzutreffen, für den keine Ursache zu finden ist. Oft stellt uns eine besorgte Mutter ihr vergnügtes Calcium-phosphoricum-Kind vor, das durch die unverdauten Stühle keineswegs in der Lebensqualität eingeschränkt ist. Andererseits neigt das Calcium-phosphoricum-Kind zur Gedeihstörung. In einem solchen Fall hat sich die Gabe niedriger Potenzen von Calcium phosphoricum, etwa C 6 3 × täglich, bewährt. Kopfschmerzen in der Schule, die während der geringsten geistigen Anstrengung auftreten, oder Schüler, die immer mit Kopfschmerzen nach Hause kommen, können ein Hinweis auf eine Calcium-phosphoricum-Konstitution sein.
Im Erwachsenenalter hat Calcium phosphoricum die gichtisch-rheumatische Anlage mit Gelenkbeschwerden bei feucht-kaltem Wetter.
Das Calcium-phosphoricum-Kind ist ein Macher, mit all den Vorteilen des schnellen Erfassens und des schnellen Genießens, mit dem Nachteil der schnellen Ermüdbarkeit und dem Nichterkennen der Grenzen ihrer Belastbarkeit. Es liebt den Wechsel im Geschmack, in der Kleidung, in den Farben, sein Leben dreht sich wie ein Karussell. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit findet in Calcium phosphoricum ihren Spiegel.
Im Erwachsenenalter wird ihm bewusst, dass die bunten Ballons des Lebens vergänglich sind. Dann sollte die Weisheit und Einsicht einkehren, übertriebene Absichten aufzugeben oder aufzuschieben. Dies muss auch ein Ziel der liebevollen, geduldigen Erziehung der eher ungeduldigen Calcium-phosphoricum-Kinder sein.
Das Calcium-fluoricum-Kind
#Calcium fluoricumAussehenDas dritte wichtige Kalziumsalz in der homöopathischen Kinder-Konstitutionstherapie ist Calcium fluoricum. Es ist Mathias Dorcsi und der Arzneimittelprüfung von Julius Mezger zu verdanken, dass Calcium fluoricum in der Kinderkonstitutionstherapie heute eine wichtige Rolle einnimmt. Zunächst Maßlosigkeit, dann Verhärtung sind die Leitsymptome für diese homöopathische Konstitutionsarznei. Die Wirkung zielt v. a. auf das elastische Bindegewebe, die Knochen, Sehnen und Bänder.
Aussehen
Das Kind wirkt ausgesprochen robust mit seinem eher athletischen Körperbau, es ist hitzig und schwitzt leicht. Der Kopf ist groß, oft fast quadratisch, die Haare sind oft drahtig, alles wirkt ein wenig derb und doch wohlgeformt. Die Lippen sind scharf gezeichnet und schmal. Es neigt zu einer rauen und heiseren Stimme.
Destruktive Diathese
DiathesedestruktiveVon seiner Krankheitsbereitschaft, der Diathese her, ist es eher ein destruktives Kind.
Trotz seines reichlichen Appetits auf würzige und pikante Speisen wird es keineswegs adipös. Die Füße werden nachts oft zur Auskühlung aus dem Bett gestreckt. Gerade wenn die Eltern den tiefsten Schlaf haben, zwischen 3:00 Uhr und 5:00 Uhr, kann das Calcium-fluoricum-Kind nicht schlafen. Morgens ist es dennoch hellwach und lacht über die unausgeschlafenen Anderen.
Im Geist und Gemütsbereich sehen wir das Übertriebene und „Maßlose“. Der Überschuss wird im späteren Leben zu „Abbau“ im Geistigen und zur „Verhärtung“ im Gewebe führen. Das Calcium-fluoricum-Kind traut sich viel zu, oft zuviel. Es ist Anführer oder Anstifter und lacht schadenfroh über die Streiche, die es angestellt hat; die Verantwortung müssen die anderen dafür übernehmen. Auch in der Adoleszenz ist es überschießend in seinem Energiehaushalt, seinen Ideen und in seiner Forschheit.
Morgens ist das Calcium-fluoricum-Kind voller Ideen und Einfälle. Die Ideen können nicht warten, sie müssen möglichst schnell in die Tat umgesetzt werden. So muss, da das Kind ein Meister im Delegieren ist, die Umgebung ordentlich spuren.
Konzentrationsmangel in der Schule und Hinweise auf ein unruhiges oder gar hyperkinetisches Kind sollten aufhorchen lassen und zur Prüfung anregen, ob nicht vielleicht Calcium fluoricum als Konstitutionsmittel angezeigt ist.
In allen Arzneimittellehren wird bei Calcium fluoricum auf die materialistische Grundhaltung hingewiesen, ein Zeichen unseres Zeitalters: Die „Angst zu verarmen“ und die grundlose „Furcht vor dem finanziellen Ruin“. Beim Kind wirkt sich das dahingehend aus, dass es ungern Spielzeug teilt oder Angst hat, aus der Führerrolle gedrängt zu werden, die es sich um materieller Vorteile willen erkämpft hat. So geizt es mit zwölf Jahren mit seinem Playmobil-Spielzeug, obwohl es schon Jahre nicht mehr damit gespielt hat. Es lauert auf das große Tauschgeschäft, und wenn es dabei einen Jüngeren ordentlich an der Nase herumführen kann, umso besser. Es entwickelt heftige Wutanfälle, wenn ihm etwas verweigert wird.
Sport ist für das Calcium-fluoricum-Kind ein Segen; hier kann es seine körperliche Fitness und sein Streben nach Vorteilen in die Gemeinschaft integrieren und verliert nicht sein Gesicht, wenn es einmal der Unterlegene ist.
Dem Arzt gegenüber ist das Kind misstrauisch; es ziert sich und hofft ganz inständig, dass es Sieger im Machtkampf um eine erzwungene, körperliche Untersuchung sein wird.
An Calcium fluoricum ist zu denken, wenn die Umgebung von Hautöffnungen als Sitz von Hautaffektionen bevorzugt wird, z. B. bei Herpes simplex an Mund oder Lidrändern, Wundheit um die Nasenlöcher, nässender Ausschlag hinter dem Ohr oder Akne an der Stirn-Haar-Grenze. Auch häufig rezidivierende Nasennebenhöhlenentzündungen, oft auf der Basis einer Hausstaubmilbenallergie, können bei entsprechender Konstitution mit Calcium fluoricum ausgeheilt werden.
Calcium fluoricum kann man als konstitutionelles Mittel in seltenen Gaben, etwa alle paar Monate in der C 200, verabreichen. Bei der eher organotropen Behandlung empfehlen sich niedrige Potenzen in ein- oder mehrmaligen täglichen Gaben. „Sonnenallergie“ etwa ist eine bewährte Indikation für die prophylaktische Gabe von Calcium fluoricum C 12 oder Acidum hydrofluoricum C 12.
Zusammenfassung
Samuel Hahnemann hat uns mit seiner Ähnlichkeitsregel und seinem Ansatz zur Behandlung chronischer Krankheiten einen genialen Gedanken hinterlassen, den wir in unserer Konstitutionsmedizin aufgegriffen haben.
Konstitutions- und Diathesedenken gibt uns einen tieferen Einblick in die Prognose der zu erwartenden Regulation und dem Verlauf der Krankheit eines Menschen.
Sowohl die Hochschulmedizin wie auch die Homöopathie haben ihre Möglichkeiten und Grenzen. Homöopathie ist dort angezeigt, wo in der Klinik oder Praxis ein Therapienotstand besteht und die Homöopathie die effektivere und nebenwirkungsfreiere Methode darstellt.
Mathias Dorcsi, mein homöopathischer Lehrer, hat mich gelehrt, dass es nur eine Medizin gibt, innerhalb derer die Homöopathie als Konstitutions- und Diathesemedizin einen besonderen Stellenwert einnimmt.

Literatur

Boericke, 2004

W. Boericke Handbuch der homöopathischen Materia medica 3. A 2004 Haug, Stuttgart Stuttgart

Borland, 2000

D.M. Borland Kinderkonstitutionstypen in der Homöopathie Aus dem Englischen übers. von Dr. med. Christian Lucae. Mit einem Repertorium von Dr. med. W. Wedepohl 4. A 2000 Haug Stuttgart

Dorcsi, 1982

M. Dorcsi Homöopathie 4. A Medizin der Person, Stufenplan und Ausbildungsprogramm in der Homöopathie Bd. 1 1982 Haug Heidelberg

Dorcsi, 1991

M. Dorcsi Homöopathie 5. A Ätiologie, Stufenplan und Ausbildungsprogramm in der Homöopathie Bd. 2 1991 Haug Heidelberg

Dorcsi, 1998

M. Dorcsi Homöopathie 6. A Konstitution, Stufenplan und Ausbildungsprogramm in der Homöopathie Bd. 3 1998 Haug Heidelberg

Dorcsi, 1998

M. Dorcsi Homöopathie 7. A Organotropie, Stufenplan und Ausbildungsprogramm in der Homöopathie Bd. 4 1998 Haug Heidelberg

Dorcsi, 1991

M. Dorcsi Homöopathie 3. A Arzneimittellehre, Stufenplan und Ausbildungsprogramm in der Homöopathie Bd. 5 1991 Haug Heidelberg

Dorcsi, 1992

M. Dorcsi Homöopathie 4. A Symptomenverzeichnis Bd. 6 1992 Haug Heidelberg

Dorcsi, 1990

M. Dorcsi Homöopathie heute 1990 Rowohlt Reinbek

Hahnemann, 1995

S. Hahnemann Die chronischen Krankheiten Bd. 1–5 1995 Haug Heidelberg

Hahnemann, 1992

S. Hahnemann Organon der Heilkunst Textkritische Ausgabe der 6. A., bearb. u. hrsg. von Josef M. Schmidt 1992 Haug Heidelberg

Hahnemann, 1995

S. Hahnemann Reine Arzneimittellehre 3. A Bd. 1–6 1995 Haug Heidelberg

Mezger and Burger, 2005

J. Mezger E.S. Burger Gesichtete homöopathische Arzneimittel 12. A Bd. 1–2 2005 Haug Stuttgart

Ortega, 2005

P.S. Ortega Die Miasmenlehre Hahnemanns 6. A 2005 Haug, Stuttgart Stuttgart

Ortega, 2002

P.S. Ortega Die Lehre der Homöopathie 2002 Haug Stuttgart

Ranade et al., 2003

S. Ranade C. Hosius Ayurveda. Basislehrbuch 2003 Urban & Fischer Verlag München

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen