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Prophylaxe

Impfungen, Vitamine und Mineralstoffe

Martin Hirte

Impfungen

Geschichte des Impfens

ImpfungenGeschichteImpfungenSeit der Entdeckung der Pockenimpfung und ihrer ersten experimentellen Durchführung durch Edward Jenner im Jahre 1796 haben sich im Impfbereich ungeahnte Entwicklungen abgespielt. Die Einführung der Impfungen gegen Pocken, Diphtherie, Tetanus und Kinderlähmung hat, gemeinsam mit der Entwicklung von Antibiotika und dem steigenden Lebensstandard, zumindest in den wirtschaftsstarken Staaten zu der historisch einzigartigen Situation geführt, dass die Lebenserwartung kaum noch durch Infektionserkrankungen beeinträchtigt wird1

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In den Entwicklungsländern sind Infektionserkrankungen immer noch die Todesursache Nummer eins. Die Gründe sind v. a. sozioökonomischer Natur: Die Verarmung weiter Bevölkerungsschichten, Unterernährung, Mangel an Bildung auch im Gesundheitsbereich und der Zusammenbruch des Gesundheitssystems in vielen Ländern durch Kriege und Bürgerkriege. Die wirtschaftsstarken Länder machen es sich zu einfach, wenn sie mehr Impfprogramme fordern und fördern. Die Lösung der Gesundheitsprobleme in den Entwicklungsländern wird nur möglich sein, wenn es zu einer gerechteren Verteilung der Ressourcen, zu einem gerechteren Welthandel und zur weltweiten Einhaltung ökologischer Standards kommt.

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Ursprünglich stand hinter dem Impfgedanken die Idee, den großen und verheerenden Seuchen der Menschheit wie Pocken, Diphtherie oder Tuberkulose Einhalt zu bieten. Inzwischen ist die Pharmaforschung in der Lage, in immer kürzeren Zeitabständen Impfstoffe gegen eine zunehmende Zahl von Krankheiten zu entwickeln. Jahr für Jahr werden neue Impfstoffe oder Impfstoff-Kombinationen auf den Markt gebracht, oft gefolgt von einer entsprechenden Modifizierung der öffentlichen Impfempfehlungen.
Die Wirkung der meisten Impfstoffe ist gut dokumentiert, wenngleich es einen hundertprozentigen Impfschutz nicht gibt. Gut belegt sind die Erfolge der Polio-, Masern-, Röteln- und Hib-Impfung. Der Rückgang der Tetanus- und Diphtherie-Erkrankungen ist zumindest teilweise auf die Impfprogramme zurückzuführen. An wirksamen Impfungen gegen Malaria, HIV, Tbc oder Dengue-Fieber wird intensiv geforscht, ebenso an therapeutischen Impfstoffen gegen Autoimmunerkrankungen, allergische Erkrankungen oder Krebs.
Die Erfolge der Impfprogramme und der angeblich durch sie herbeigeführte Herdenschutz führen zum Postulat einer ethischen Verpflichtung, sich oder seine Kinder impfen zu lassen. Nach Auffassung des Robert-Koch-Instituts besteht eine wichtige Aufgabe des Arztes darin, für einen ausreichenden Impfschutz der von ihm betreuten Patienten zu sorgen.
Die gelungene Eradikation der Pocken und die weitgehende Eindämmung der Poliomyelitis lassen an die Möglichkeit denken, auch weitere impfpräventable Krankheiten regional oder global zu kontrollieren oder zu eradizieren. Seit den 1970er-Jahren wurden nach und nach Impfprogramme für Kinder in den ersten zwei Lebensjahren gestartet, gerichtet gegen Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten, Windpocken, Hepatitis B, Rotavirus-Gastroenteritis und invasive Infektionen durch Hämophilus influenzae B, Pneumokokken und Meningokokken.
Derartige Programme sind nur dann erfolgreich, wenn sich ein großer Prozentsatz der Bevölkerung – im Falle von Masern oder Windpocken über 95 % – über einen Zeitraum von vielen Jahrzehnten impfen lässt, und wenn die Impfstoffe eine hohe und anhaltende Wirksamkeit haben. Andernfalls droht das Vorhaben zu scheitern, oder es werden Krankheiten in Altersgruppen verschoben, in denen die Komplikationsraten höher sind.
Impfprogramme mit einem solchen totalen Anspruch sind nicht fehlerfreundlich und wollen sich nicht infrage stellen lassen. Im Impfbereich herrscht dadurch eine zunehmend doktrinäre Stimmung, in der Kritiker desavouiert werden und immer wieder mit der Einführung einer Impfpflicht gedroht wird.
Medizinethiker fordern demgegenüber vertrauensbildende Maßnahmen: überzeugende wissenschaftliche Begründungen und transparente Entscheidungsprozesse. Eine gesetzliche Impfpflicht greife stark in die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen ein und trage eine große ethische Begründungslast. Sie sei nur dann zu rechtfertigen, wenn es darum geht, erheblichen Schaden für Dritte zu verhindern, etwa im Rahmen einer Epidemie mit bedrohlichen Krankheitsverläufen. Die Erzielung hoher Durchimpfungsraten zum Aufbau einer Herdenimmunität sei keine hinreichende Begründung für Zwangsmaßnahmen (Marckmann 2008).

Kritische Aspekte des Impfens

Impfungenkritische AspekteEin grundlegender Störfaktor für die objektive Beurteilung von Impfmaßnahmen und Impfprogrammen ist die starke Kommerzialisierung dieses Bereichs der Medizin. Die vier großen Impfstoffhersteller kontrollieren monopolistisch den Impfmarkt und die Impfforschung. Über Sponsoring verschaffen sie sich Einfluss auf Gesundheitsministerien, Ärzteorganisationen, medizinische Zeitschriften und Fortbildungsveranstaltungen. Lobbyisten sitzen in vielen entscheidenden Behörden bis hinein in die Spitzen der WHO, und viele Entscheidungsträger im Impfwesen sind persönlich und finanziell mit der Impfindustrie verbunden. Dies betrifft insbesondere auch die europäische Zulassungsbehörde EMA.

Impfstoffe

ImpfstoffeIn den letzten Jahren wurden vermehrt Impfstoffe zugelassen und empfohlen, deren Kosten immens sind, deren Nutzen und Sicherheit aber nicht genügend geklärt sind. Beispiele sind die Impfungen gegen Windpocken, Pneumokokken, Rotaviren und Humane Papillomaviren. Die Kosteneffektivität, ein wesentliches Argument für die Einführung einer Impfung, bleibt in solchen Fällen zweifelhaft. Im Impfbereich gibt es weder eine ausreichende Untersuchung der Sicherheit vor der Zulassung noch eine systematische Überwachung unerwünschter Arzneimittelwirkungen (UAW) in der Phase der massenhaften Anwendung. Es fehlen Maßnahmen, um die geringe Meldefrequenz von UAWs anzuheben, und es fehlt eine unabhängige Behörde, die die UAW-Meldedaten auswertet ohne den Interessenkonflikt, dem nationale Zulassungsbehörden wie das Paul-Ehrlich-Institut und die Europäische Arzneimittelbehörde EMA unterliegen.
Besonders kritisch sind Impfstoffe mit aluminiumbasierten Adjuvanzien zu beurteilen, deren toxische Wirkung heute nicht mehr infrage gestellt ist. Die wiederholte Verabreichung solcher Impfstoffe im Säuglingsalter wird mit der Entstehung von allergischen und autoimmunen Erkrankungen und von Störungen der neurologischen Entwicklung in Verbindung gebracht (Couette et al. 2009, Kiraly et al. 2015, McDonald et al. 2008, Shoenfeld et al. 2015). Die Beobachtung, dass geimpfte Säuglinge in Entwicklungsländern häufiger an Infektionskrankheiten sterben als Ungeimpfte (Sankoh et al. 2014), lässt darauf schließen, dass das frühkindliche Immunsystem durch adjuvantierte Impfstoffe in seiner Integrität beeinträchtigt wird2

2

Dies betrifft nicht Lebendimpfstoffe wie etwa gegen Masern, die kein Aluminiumhydroxid enthalten und sich eher positiv auf die Stabilität des Immunsystems auszuwirken scheinen (Sankoh et al. 2014, Sørup et al. 2014).

. Anstatt dogmatisch und pauschal das Impfen als eine der wirksamsten und wichtigsten präventivmedizinischen Maßnahmen anzupreisen und immer höhere Durchimpfungsraten zu fordern, sollten die Gesundheitsbehörden diesbezügliche Forschungslücken schließen. Zur Vertrauensbildung brauchen wir dringend Vergleichsstudien mit geimpften und ungeimpften Kollektiven.

Zulassung der Impfstoffe

Bei der Zulassung und Empfehlung von Impfungen begnügen sich die Behörden mit dem Nachweis der Wirkung auf die Zielkrankheit. Dies ist jedoch noch kein Beleg für den Nutzen einer Impfung, denn die Beseitigung einer Krankheit führt nicht zwangsläufig zu mehr Gesundheit. So führte die Einführung der Masernimpfung in Finnland zwar zu einem Rückgang der Masern-Enzephalitis, jedoch blieb die Gesamtinzidenz schwerer Enzephalitiden gleich, lediglich die Erreger hatten gewechselt (Koskiniemi et al. 1997). Die Impfung gegen Pneumokokken bewirkt eine Veränderung der körpereigenen Flora nicht nur durch das Serotype Replacement: Kinder, die gegen Pneumokokken geimpft werden, erkranken auch häufiger an Otitiden durch Staphylokokken (Bogaert, et al. 2004 Ladhani 2015). Die Beobachtung Hahnemanns, dass wir nur dann erkranken, „wenn unser Organismus so eben dazu disponirt und aufgelegt genug ist“ (Organon, § 31) – später vom französischen Arzt Claude Bernard in den apodiktischen Satz „Die Mikrobe ist nichts, das Terrain ist alles“ gegossen – hat einen wahren Kern.

Immunologische oder neurologische Langzeitfolgen

Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass das Durchmachen der klassischen „Kinderkrankheiten“ einen Schutz vor chronischen Krankheiten oder Krebserkrankungen vermittelt (z. B. Cramer et al. 2010, Frentzel-Beyne et al. 2004, McDuffle et al. 2001, Newhouse et al. 1979, Parodi et al. 2013, Silverberg et al. 2011). Die Frage ist, was geschieht, wenn wir Akuterkrankungen im Kindesalter durch Massenimpfprogramme oder aggressive Therapien immer mehr unterbinden. Welche Reifungsmöglichkeiten nehmen wir den Kindern, welche immunologischen oder neurologischen Langzeitfolgen beschwören wir unter Umständen herauf?
Wir homöopathische Ärzte, die besonders bemüht und geschult sind zu individualisieren, sehen ein zusätzliches Problem in der Tatsache, dass die Impfempfehlungen auf epidemiologischen Daten basieren und in der STIKO die Epidemiologen und Gesundheitsökonomen das Sagen haben. Epidemiologie und statistische Wahrscheinlichkeiten sind jedoch nur ein Teil der Wirklichkeit. Ebenso wichtig für die Einschätzung von individuellen Gesundheitsrisiken und der Notwendigkeit prophylaktischer Maßnahmen sind die familiäre Disposition („Miasma“), die Vorerkrankungen und die Konstitution des jeweiligen Patienten. Dieser behutsame Ansatz wird von Sozialmedizinern und Immunologen unterstützt, die vermehrte Forschungsanstrengungen fordern, um Risikogruppen für Impfkomplikationen zu identifizieren (Gallagher 2003, Shoenfeld et al. 2015).
Im Einzelfall kommt es zu einem unauflösbaren Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen Forderung nach Beteiligung an Impfprogrammen und dem Recht des Individuums auf Selbstbestimmung. Dieses Dilemma darf in einer freiheitlichen Demokratie nicht durch ein Diktat des Staates aufgehoben werden. Die persönliche Freiheit der Eltern oder Patienten, sich für oder gegen eine Impfung zu entscheiden, muss erhalten bleiben. Eine Ärztegruppe, die sich für diese Freiheit einsetzt, ist der Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V.“.

Impfzeitpunkt

ImpfzeitpunktDie derzeitigen Impfempfehlungen der STIKO (Ständige Impfkommission) sind Maximalvarianten möglichen Impfvorgehens, auch im Vergleich mit anderen EU-Ländern. Ein abweichendes, individuelles Impfvorgehen wird erschwert durch die Tatsache, dass die Zahl verfügbarer Impfstoff-Kombinationen zunehmend eingeschränkt wird und Lieferengpässe inzwischen die Regel sind.
Die STIKO vertritt den Standpunkt, dass Impfungen so früh wie möglich verabreicht werden sollen, auch bei Frühgeborenen. Die Rationale dieses Vorgehens ist angesichts der Unreife des frühkindlichen Organismus in Zweifel zu ziehen (Couette et al. 2009, Kiraly et al. 2015, McDonald et al. 2008, Shoenfeld et al. 2015). Besonders groß ist das Risiko für lebensbedrohliche Zwischenfälle bei der „zeitgerechten“ Impfung von Frühgeborenen (DeMeo et al. 2015).
Gerade in einer homöopathisch orientierten Praxis muss der Impfzeitpunkt individuell gewählt werden. Vorsicht ist insbesondere bei Kindern mit familiärer Neigung zu Autoimmunerkrankungen und/oder sykotischen Erkrankungen (Kap. I.1 Grundlagen der Homöopathie) geboten. Kinder mit chronischen Krankheiten oder einer diathetischen Schwäche sollten vor Impfungen konstitutionell behandelt werden.
Nach Auffassung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte kann eine Impfempfehlung nur Leitlinie sein, die gemäß den individuellen Besonderheiten dem Einzelfall angepasst werden muss. Dabei sollten Konstitution, Vorerkrankungen, bestehende Krankheiten, aber auch persönliche Einstellungen berücksichtigt werden (DZVhÄ 2002).

Nebenwirkungen von Impfungen

ImpfungenNebenwirkungenNebenwirkungen und Impfschäden gehören ebenso zum Impfwesen wie die Wirkungen der jeweiligen Impfstoffe. Das Risiko von schweren Impfreaktionen oder Impfschäden lässt sich mit den üblichen Impfstudien wegen des zahlenmäßig zu geringen Kollektivs und der kurzen Beobachtungszeit nicht exakt ermitteln. Auch chronische Störungen im Nerven- oder Immunsystem entgehen den Forschern, da es keine Langzeitvergleiche mit ungeimpften Kollektiven gibt. Außerdem werden willkürlich kurze Zeitfenster gewählt, innerhalb derer sich Impfnebenwirkungen abzuspielen haben.
Der Paragraph 6 Abs. 1 des Infektionsschutzgesetzes schreibt Ärzten und Heilpraktikern zwingend die Meldung des Verdachts einer Impfkomplikation an das örtliche Gesundheitsamt vor. Auch Betroffene können Ihren Verdacht auf diesem Weg melden. Ein Meldebogen kann aus dem Internet heruntergeladen werden (www.pei.de/uaw/ifsg_meldebogen.pdf). Das Gesundheitsamt leitet die Meldung anonym an das Paul-Ehrlich-Institut, die zuständige Bundesoberbehörde weiter. Für Ärzte besteht außerdem eine Meldepflicht an die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Im Interesse einer objektiven und kritischen Verwertung von Informationen ist auch eine Meldung an das arznei-telegramm zu empfehlen.
Die Meldequote bei passiven Meldesystemen ist mit 5–10 % bekannt niedrig. Dies führt zu einer anhaltenden Unterschätzung von Nebenwirkungen. Eine aktive Post Marketing Surveillance existiert in Deutschland nicht.

Info

Akute Impfnebenwirkungen können folgende Orte und Systeme betreffen:

  • Impfstelle: entzündliche Lokalreaktion, Abszess, makrophagische Myofasziitis, (Gherardi 2003, DiMuzio et al. 2004)

  • Immunsystem: Fieber, Krankheitsgefühl, Entzündungen, allergische Reaktionen bis hin zum sehr seltenen anaphylaktischen Schock

  • Nervensystem: nicht stillbares Schreien, Krampfanfälle, Neuritis, Myelitis, Enzephalopathie bzw. Enzephalitis

  • Spezifische Organe, auf die der Impfstoff besonders einwirkt: Innenohrschwerhörigkeit oder Pankreatitis nach der Mumpsimpfung, Arthritis nach der Rötelnimpfung, Invagination nach der Rotavirusimpfung, Thrombozytopenie nach der MMR-Impfung

Weitere mögliche Nebenwirkungen werden in der Literatur kontrovers diskutiert und von den Behörden nicht als Impfschäden akzeptiert:
  • Abwehrschwäche gegenüber Infektionskrankheiten

  • Allergische Erkrankungen (atopisches Ekzem, Asthma bronchiale)

  • Autoimmunerkrankungen (Diabetes, Arthritis, Lupus erythematodes, Morbus Crohn)

  • Chronische neurologische Erkrankungen (Entwicklungsverzögerung, Autismus, Multiple Sklerose)

Aufgrund der genauen Beobachtung und der Anamnesetechnik, in der wir homöopathischen Ärzte geschult sind, bringen wir unerwünschte Folgen von Impfungen häufiger in Erfahrung als Meldesysteme und offizielle Statistiken vermuten lassen. Oft handelt es sich aber nicht um fest definierte Krankheitsbilder oder Schäden, sondern um diffuse Befindlichkeitsstörungen wie Unruhe, Apathie, Übellaunigkeit, Schlafstörungen oder Inappetenz.
Ist ein bleibender Impfschaden anzunehmen, kann der Betroffene beim zuständigen Versorgungsamt die Anerkennung und Entschädigung geltend machen. Voraussetzung für eine Anerkennung ist in der Regel ein enger zeitlicher Zusammenhang – maximal zwei bis drei Wochen – mit einer Impfung.

Impfaufklärung

ImpfaufklärungVor jeder Impfmaßnahme muss Gelegenheit für ein Informationsgespräch gegeben werden. Das alleinige Aushändigen schriftlicher Information ist nicht ausreichend. Der erhebliche und ständig steigende Zeitaufwand für Impfgespräche findet leider in den ärztlichen Gebührenordnungen keinen angemessenen Niederschlag.
Patienten bzw. ihre Eltern müssen einerseits über mögliche Impfnebenwirkungen aufgeklärt werden, es müssen andererseits aber auch die Risiken angesprochen werden, denen das Kind durch die jeweilige impfpräventable Krankheit ausgesetzt ist. Ein wichtiges Thema ist auch die altruistische Seite des Impfens: der Schutz anderer vor Ansteckung und der Aufbau eines Herdenschutzes. Hier besteht allerdings Klärungsbedarf, denn die Anforderungen an den Aufbau einer zuverlässigen Herdenimmunität – möglichst sicherer und lebenslanger Schutz vor Ansteckung und Übertragung der betreffenden Krankheit – erfüllen derzeit nur wenige Impfstoffe (Rabe 2016).
Öffentliche Impfempfehlungen sind juristisch gesehen „medizinischer Standard“ und müssen vom Arzt kommuniziert werden. Ärzte dürfen aber ihre Meinung dazu frei äußern und dürfen nicht gezwungen werden, gegen ihr Gewissen zu handeln (Zuck 2006). Der Versuch, impfkritische Ärzte durch berufsrechtliche Maßnahmen zum Schweigen zu bringen, widerspricht dem Grundsatz der ärztlichen Therapiefreiheit und der Wissenschaftsfreiheit, die durch das Grundgesetz garantiert sind.
Angesichts der vielen Unsicherheiten im Impfbereich kann das Beratungsgespräch nur ergebnisoffen sein; jede manipulative Einflussnahme verbietet sich. Die Impfentscheidung wird immer einen starken intuitiven Aspekt haben und ist ureigenste Angelegenheit des Patienten selbst bzw. seiner Eltern, wie es 1988 von der WHO in der Deklaration von Riga bekundet wurde: „Die Menschen sind zu befähigen, dass sie die Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen können“.
Ein nicht geringer Teil der Bevölkerung steht den Impfempfehlungen skeptisch gegenüber. Die informierte Entscheidung der Eltern ist von uns Ärzten zu akzeptieren. Sollte sie von den öffentlichen Empfehlungen abweichen, so ändert dies nichts an unserer bedingungslosen Verpflichtung zum ärztlichen Beistand. Ist ein individuelles Vorgehen gewünscht, so sollten wir dies dokumentieren und es uns möglichst schriftlich bestätigen lassen, z. B. mit folgender Formulierung: „Wir sind über die Impfempfehlungen aufgeklärt worden, möchten aber nicht, dass mein Kind danach geimpft wird“.

Info

Praktische VorsichtsmaßnahmenImpfungenVorsichtsmaßnahmen beim Umgang mit Impfungen sind:

  • Persönliches Impfgespräch führen mit ausführlicher Aufklärung über Nutzen und mögliche Nebenwirkungen.

  • Frühere Impfreaktionen ermitteln.

  • Kinder, die eine konstitutionelle Schwäche aufweisen, mit einem homöopathischen Konstitutionsmittel vorbehandeln.

  • Serologische Voruntersuchungen veranlassen, wenn sich dadurch evtl. Impfeingriffe vermeiden lassen – etwa Durchseuchungstiter gegen Windpocken, Mumps oder Röteln zu Beginn der Pubertät, Tetanus- oder Hepatitis A/B-Titer vor entsprechenden (Auffrisch-)Impfungen von Erwachsenen.

  • Gesundheit des zu impfenden Kindes sicherstellen – insbesondere sollte es keinen frischen Infekt oder Residuen von Impffolgen aufweisen.

Impfungen so selten wie möglich wiederholen – z. B. Grundimmunisierung mit drei, nicht vier Impfungen – und ggfls. größere Abstände zwischen zwei Impfungen (s. Impfschema Österreich).

Da es Hinweise darauf gibt, dass frühe Impfungen im Säuglingsalter das Risiko für chronisch-allergische Erkrankungen vergrößern (McDonald et al. 2008, Kiraly et al. 2015), ist auch ein späterer Impfbeginn etwa mit sechs oder zwölf Monaten in Betracht zu ziehen – nach eingehender Aufklärung über die Restrisiken Pertussis und Meningitis.

Impfungen und Homöopathie

ImpfungenHomöopathieHahnemann kannte sehr wohl die Wirkung von Jenners Pockenimpfung und nimmt im Organon zweimal dazu Stellung: „Die zu Kuhpocken kommende Menschenpockenkrankheit hebt wie bekannt, eben sowohl ihrer größeren Stärke, als ihrer großen Aehnlichkeit wegen, erstere sogleich gänzlich (homöopathisch) auf und läßt sie nicht zur Vollendung kommen; doch wird hinwiederum, durch die ihrer Reife schon nahe gekommene Kuhpocke, ihrer großen Aehnlichkeit wegen, die darauf ausbrechende Menschenpocke (homöopathisch) wenigstens um vieles gemindert und gutartiger gemacht …“ Und Hahnemann vermerkt in hierzu in der Fußnote: „Dieß scheint der Grund des so wohlthätigen, merkwürdigen Ereignisses zu sein, daß, seit der allgemeinen Verbreitung der Jennerschen Kuhpocken-Impfung, die Menschenpocken nie wieder unter uns weder so epidemisch, noch so bösartig erscheinen, wie vor 40, 50 Jahren, wo eine davon ergriffene Stadt, wenigstens die Hälfte und oft drei Viertel ihrer Kinder durch den jämmerlichsten Pest-Tod, verlor.“ (Organon, § 46)

„[…] beide, die Kuhpocken wie die Menschenpocke, sind nur sehr ähnliche, auf keine Weise ganz dieselbe Krankheit; sie sind in vieler Hinsicht von einander abweichend, namentlich auch durch den schnellern Verlauf und die Gelindigkeit der Kuhpocken, vorzüglich aber dadurch, daß diese nie durch ihre Nähe den Menschen anstecken, und so durch die allgemeine Verbreitung ihrer Einimpfung allen Epidemien jener tödlichen, fürchterlichen Menschenpocken dergestalt ein Ende gemacht haben, daß die jetzige Generation gar keine anschauliche Vorstellung von jener ehemaligen scheußlichen Menschenpocken-Pest mehr hatn […].“

(Organon, § 56, Anm.)

Hahnemann hielt also die Kuhpocken für ein Simile der Menschenpocken und die Variolisierung für eine homöopathische Prophylaxe. Ganz anders sein Schüler Hering (1800–1880), der beeindruckt von den schweren Nebenwirkungen der Pockenimpfung meinte, die Impfung sei eine Vergiftung des Blutes und bedeute für die Kinder einen großen Schaden. Auch Bönninghausen (1785–1864) bemerkte, die Kuhpockenimpfung sei eine „in leichtfertigen Händen so gefährliche, das Scrophelgift ohne allen Zweifel ungemein verbreitende Vakzine“.
Der renommierte englische Homöopath Burnett (1840–1901) beschrieb in seinem Buch „Vaccinosis and Thuja“ erstmals die typischen Nebenwirkungen der Pockenimpfung. Das Impftoxin führt seiner Auffassung nach eine chronische Krankheit herbei, deren Symptome zum großen Teil identisch sind mit Hahnemanns Sykosis. Er erklärte daher Thuja zum Hauptmittel für Folgeerscheinungen der Pockenimpfung.
Kent schrieb 1901 in der Zeitschrift „The Homeopathic Recorder“ (Vol. XVI No. 12): „Ich habe das Für und Wider des Impfens untersucht und nach mehrjährigen Beobachtungen und genauer Abwägung der Verhältnisse bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Beweise, die für das Impfen sprechen, sehr zweifelhaft sind. Dagegen hat die Impfung einen ungeheueren Beitrag dazu geleistet die Individuen und die ganze Menschheit zu schädigen. Durch sie wurde viele Menschen krank, sie hat viele Geschwüre hervor gerufen und sie hat, daran zweifele ich nicht, viele konstitutionelle Beschwerden verschleiert. Wenn ich all dies abwäge, sehe ich keinen Grund, warum ich das Impfen befürworten könnte. Ich habe mich seit vielen Jahren dem Impfen verweigert, und möchte sich ein Patient unbedingt impfen lassen, so muß er sich eben an jemand anderen wenden. Ich übernehme die Verantwortung nicht […].“
All diese Aussagen bezogen sich auf die inzwischen verlassene Pockenimpfung. Die heute gebräuchlichen Impfstoffe wurden erst seit den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelt (Diphtherie 1925, Tetanus 1927), Impfstoffe gegen Viruserkrankungen erst nach dem Zweiten Weltkrieg (Polio 1955, Masern 1964). Nach homöopathischer Auffassung haben diese Impfstoffe keine Simile-Eigenschaften, das heißt sie sind der Krankheit, die sie verhindern sollen, nicht ähnlich, sondern sie sind nicht potenzierte „rohe“ Arzneimittel oder Nosoden, die nicht nach homöopathischen Prinzipien verabreicht werden und daher bei empfindlichen Menschen unerwünschte Reaktionen im Sinne einer Arzneimittelprüfung auslösen können.
Auch viele zeitgenössische Homöopathen stehen daher dem Impfen sehr kritisch gegenüber, so z. B. der bedeutende griechische Homöopath Vithoulkas (1993): „Die Erfahrungen hervorragender Homöopathen haben überzeugend nachgewiesen, dass durch Impfung nicht nur tiefgreifende Schäden entstehen können, sondern v. a. auch chronische Krankheiten gefördert werden. Die Impfung kann den Frequenzbereich des Organismus auf die gleiche Weise verändern wie eine schwere akute Erkrankung oder allopathische Medikamente.“
Andere Homöopathen, v. a. Ärzte mit schulmedizinischer Ausbildung, lehnen Impfungen nicht grundsätzlich ab, sondern favorisieren eine behutsame und individuelle Impfpraxis. Gerade homöopathisch arbeitende Kinderärzte tragen, was das Impfen betrifft, eine besondere Verantwortung. Eine fundamentalistische Position kann da kaum gehalten werden, solange sie nicht durch sehr gute Argumente abgesichert ist.
Bei einer Umfrage 1998 hatten 6,0 % der Schulmediziner, 24,5 % der homöopathisch orientierten Ärzte und 47,3 % der klassischen Homöopathen eine starke Abneigung gegen das Impfen. Keinerlei Bedenken hatten 56 % der Schulmediziner, 21 % der homöopathisch orientierten Ärzte und 3,6 % der klassischen Homöopathen (Lehrke 1998).
Die frühere Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, Frau Sieglinde Schulz, erklärte 1996 in der Ärzte-Zeitung, es gebe keinen „Religionskrieg“ zwischen Homöopathen und Schulmedizinern zum Thema Impfen. Wie allen anderen Ärzten sei auch den Homöopathen der Nutzen der Impfungen sehr wohl bekannt, umgekehrt seien Nebenwirkungen von Impfungen durchaus auch ein Thema der Schulmedizin. Verantwortungsbewusste Ärzte beider Richtungen würden bei jedem Kind individuell abwägen, welche Impfung es bekommen sollte.
In einer Stellungnahme des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte zum Thema Impfen wird der zunehmende Zwangscharakter der öffentlichen Impfempfehlungen kritisiert. Unter anderem heißt es: „In der individuellen Medizin ist jeder Fall ein besonderer Einzelfall. Eine Impfempfehlung kann daher nur Leitlinie sein, die gemäß der individuellen Besonderheiten dem Einzelfall angepasst werden muss. Dabei müssen Konstitution, Vorerkrankungen, bestehende Krankheiten, aber auch persönliche Einstellungen berücksichtigt werden […]. Wir lehnen die zunehmende Interpretation der STIKO-Empfehlungen als ‚Impfvorschrift‘ im Sinne eines Pflicht- oder Zwangsprogramms ab […].“ (DZVhÄ 2002)

Pockenimpfung, Vakzinose

Pockenerkrankungund Pockenimpfung

PockenPockenimpfungImpfungenPockenDie Pocken sind eine gefährliche und hochkontagiöse Viruserkrankung, die v. a. im 18. Jahrhundert katastrophale Seuchenzüge verursachte. Jeder zehnte Todesfall ging zur damaligen Zeit auf das Konto der Pocken. Die Letalität schwankte stark von Epidemie zu Epidemie – bei durchschnittlich 30 % der Infizierten kam es zum Tod durch Pneumonie oder septisch-toxischen Schock. Schon vor der Einführung der Pockenimpfung durch Jenner 1776 wurde versucht, Kinder durch Inokulation mit Pockensekret aus leicht verlaufenden Epidemien vor schweren Erkrankungen zu schützen („VariolationVariolation“) – eine Methode mit einer Letalität, die nur etwa zehnfach unter der einer echten Pockenerkrankung lag.
Die erfolgreichen Experimente von Jenner mit Kuhpockensekret führten ab Beginn des 19. Jahrhunderts zu zunehmender Akzeptanz der Pockenimpfung bis hin zur Impfpflicht, die in Deutschland im Jahre 1874 eingeführt wurde, und zur weltweiten Impfkampagne der WHO in den 1960er- und 1970er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, die zusammen mit effektiven Quarantänemaßnahmen bis 1976 zur vorläufigen Ausrottung der Pocken führten3

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Einzelne Virusstämme sind im Labor der obersten US-amerikanischen Gesundheitsbehörde und im russischen Vector-Institut, wahrscheinlich auch in einigen Geheimlabors asserviert. Wegen der hohen Kontagiosiät, der Möglichkeit der aerogenen Ausbreitung und der hohen Letalität eignen sich die Pockenviren besonders als biologischer Kampfstoff. Das Thema Pocken ist also noch nicht endgültig vom Tisch.

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Nebenwirkungen der Pockenimpfung

Die Pockenimpfung ist die am schlechtesten verträgliche aller Impfungen. Fast regelmäßig kommt es zu Krankheitsgefühl, Schwäche oder Fieber, häufig zu monatelang anhaltenden Lymphknotenschwellungen oder Schmierinfektionen, besonders an den Augen.
  • Das Eczema vaccinatumEczema vaccinatum ist eine lokalisierte oder generalisierte Ausbreitung der Impfpustel. Es bedroht v. a. Patienten mit einer floriden oder inaktiven atopischen Dermatitis und kann lebensbedrohlich werden.

  • Die schwersten Komplikationen waren Impfenzephalitis und progressive Vaccinia – eine Generalisierung des Vaccinia-Virus mit fortschreitender Destruktion innerer Organe und nahezu 100-prozentiger Letalität. Davon waren in erster Linie Immunsupprimierte oder Patienten mit angeborener oder erworbener Immunschwäche bedroht (Loe Fisher 2002).

Während der Pocken-Impfära erlitt einer von 7000 Geimpften schwere Nebenwirkungen, z. T. mit Hirnschäden oder Todesfolge. Allein die Impfenzephalitis forderte in Bayern Mitte des 20. Jahrhunderts 44 Todesfälle unter einer Million Impflingen (Herrlich 1965). Kinder bis zum fünften Lebensjahr waren besonders häufig von Nebenwirkungen betroffen – bei einem von 3200 traten neurologische Impfkomplikationen auf.

Vakzinose

VakzinosePockenVakzinoseDie großen Homöopathen des 19. Jahrhunderts beschrieben die zahlreichen Nebenwirkungen der Pockenimpfung und nannten sie Vakzinose. Hierunter verstanden sie nicht nur die unmittelbaren Nebenwirkungen und Komplikationen der Pockenimpfung, sondern auch ihre postulierten Spätfolgen bei besonders empfänglichen Personen. Nach ihrem Verständnis handelte es sich um ein iatrogenes Miasma, das ein Heilungshindernis bei der Behandlung anderer chronischer Erkrankungen darstellen kann.
Nach Burnett erzeugen die Toxine der Pockenimpfung einen „tiefen und oft lange anhaltenden krankhaften konstitutionellen Zustand“, der große Übereinstimmung mit der Sykose Hahnemanns hat. Er setzte daher hauptsächlich Thuja als Heilmittel für Folgen der Pockenimpfung ein.
Etliche weitere Mittel kristallisierten sich als homöopathisch für die Vakzinose heraus. Sie sind in den Repertorien unter dem Stichwort „Impfung“ aufgeführt, aber auch unter einzelnen Symptomen in den verschiedenen Organrubriken wie z. B. →Rektum – Diarrhoe – Impfung, nach oder Allgemeines – Konvulsionen – Impfung, nach.
Kent gibt neun Mittel an:
→Allgemeines – Impfung, nach: apis, ars, echi, hep-s, kali-chl, maland, sil, sulph, thuj
Bei Boericke finden sich 14 Mittel:
→Allgemeines – Impfung, nach: acon, ant-t, apis, bell, crot-h, echi, maland, merc, mez, sars, sep, sil, sulph, thuj
In Radar Opus finden sich bereits 58 Mittel, darunter einige „Exoten“:
→Allgemeines – Impfung, nach: abrot, acon, ant-t, apis, arn, ars, bapt, bar-c, bell, bufo, calc, calc-sil, carc, cean, crot-c, crot-h, cupr, diph, echi, ferr-sil, graph, hep, kali-chl, kali-m, kali-sil, lac-v, lyss, mag-p, mag-sil, maland, mang-sil, merc, merc-cy, mez, nat-sil, ped, phos, psor, pyrog, rhus-t, sabin, sars, sep, sil, sil-met, skook, stram, sulph, thuj, tub, v-a-b, vac, vario, zinc, zinc-i, zinc-m, zinc-n, zinc-p.
Demangeat meint sogar, dass alle Mittel aus der Rubrik→Allgemeines – Sykose←infrage kommen, da von Pockenimpfschäden hauptsächlich Personen mit sykotischem Teint betroffen waren.
Mit der Abschaffung der Pockenimpfung und der schrittweisen Einführung der heutigen Impfungen kam es in homöopathischen Kreisen zu einer unzulässigen Verallgemeinerung der Impfrubriken, obwohl sich die meisten Arzneimittel der Impfrubrik eindeutig auf Lokal- und Allgemeinsymptome der Pockenimpfung beziehen, etwa:
  • Belladonna#BelladonnaPockenimpfung: Große Blasen mit Rötung bis hin zu Erysipel.

  • Echinacea#EchinaceaPockenimpfung: Faulige Ulzera und Sepsis, ähnlich der progressiven Vakzinia.

  • Hepar sulfuris#Hepar sulfurisPockenimpfung: Unerträgliche Schmerzen an der Impfstelle, Eiterbildung.

  • Malandrinum: Nosode der Pferdemauke, deren Pusteln Ähnlichkeit mit denen der Kuhpocken haben. Eingesetzt bei Schmierinfektionen oder progressiver Vakzinia. #MalandrinumPockenimpfung

  • Mezereum: Ulzerierende Pustel mit entzündlicher Umgebung, überempfindlich, blutet beim Ablösen. #MezereumPockenimpfung

  • Silicea#SiliceaPockenimpfung: Eitrige Lokalreaktion mit fieberhafter Allgemeinreaktion und Schweißen; axilläre Lymphknotenschwellung.

  • Thuja#Thuja occidentalisPockenimpfung: Große Blasen mit Übergang in faulige Pusteln. Oberarmschwellung. Verschleppung des Vacciniavirus auf Haut und Augen.

  • Vaccininum#VacciniumPockenimpfung: Impfnosode aus Rinderpocken.

Praxistipp

Die Impfrubrik allein reicht in vielen Fällen nicht aus bei der Suche nach Arzneimitteln für die Folgen moderner Impfungen.

Dies erklärt auch den mangelnden Erfolg der darin enthaltenden Mittel, den viele Autoren beklagen. Insbesondere das Arzneimittel Thuja wird weit überstrapaziert. Weder hat es eine spezifische Indikation bei bestimmten Impffolgen, noch gibt es eine Rechtfertigung für seine systematische Anwendung vor oder nach jeder Impfung.

Homöopathische Behandlung von Impffolgen

Info

Die ImpffolgenBehandlung von Impffolgen erfolgt nach homöopathischen Prinzipien gemäß der Gesamtheit der Symptome.

Die historische Impfrubrik im Repertorium kann hierzu keinen vollständigen Beitrag leisten. Im Laufe der Zeit und unter Zusammenarbeit vieler homöopathischer Ärzte könnten jedoch neue, moderne Impfstoffe betreffende Rubriken entstehen.
In jüngster Zeit mehren sich die Berichte über die erfolgreiche Behandlung von Impffolgen mit der jeweiligen ImpfnosodeImpfnosodeNosodenImpfnosoden – das ist der verabreichte Impfstoff in homöopathisch potenzierter Form. Nach Vorschlag von Smits sollen die Patienten an vier aufeinander folgenden Tagen mit vier verschiedenen Potenzen behandelt werden: „Die beste Methode für die Behandlung des chronischen Post-Vaccination Syndrome ist die Verabreichung des Mittels [= der Impfnosode] in vier verschiedenen Potenzen während vier aufeinanderfolgender Wochen: in der ersten Woche zweimal die C30 (z. B. am Montag und Donnerstag); in der zweiten Woche zweimal die 200C; in der dritten Woche zweimal die C1000 und in der vierten Woche zweimal die C10000 … Kommt es nach einer dieser Potenzen zu einer Verschlimmerung, ist zu warten, bis diese Reaktion abgeklungen ist. Dann wird die gleiche Potenz noch einmal wiederholt … In akuten Fällen ist die Behandlung im Grunde ähnlich und unterscheidet sich nur darin, dass die C30C oder C200 besser in Wasser aufgelöst gegeben wird. Diese Lösung wird mit stündlich einem Schluck oder einem Teelöffel für mehrere Tage verabreicht.“
Bessert sich das Befinden des Patienten schlagartig durch Gabe des potenzierten Impfstoffes, so kommt das nach Smits dem Beweis eines Impfschadenssyndroms gleich. Der Autor empfiehlt auch die Prä- und Postmedikation mit der Impfnosode: „Verabreichen Sie zwei Tage vor der Impfung ca. 10 Globuli des potenzierten Impfstoffs in der C200 und wiederholen Sie es nach der Impfung am selben Tag“.
Die Empfehlungen von Smits sind in Homöopathenkreisen umstritten, da sie sich nicht an die Gesetze der Homöopathie halten, sondern isopathische oder erfahrungsmedizinische Verfahren sind. Bei korrektem Vorgehen dürfe erst nach Versagen einer konstitutionellen Behandlung auf Impfnosoden zurückgegriffen werden (Gaublomme 2001).

Prophylaxe in der Homöopathie

In Anbetracht der Unsicherheit, vor die der Arzt beim Umgang mit allopathischen Impfungen gestellt ist, stellt sich die Frage nach einem alternativen und für den Patienten sicher unschädlichen Vorgehen, mit dem Krankheiten verhütet oder zumindest Schaden von ihm gewendet werden kann. Es geht darum, den Organismus in der Auseinandersetzung mit letztlich nicht auszurottenden Krankheitserregern zu stärken, also eine sog. „Wirtsresistenz“ im Sinne der Salutogenese zu schaffen.

Homöopathische Behandlung

Die Entwicklung der Homöopathie hat hier zu drei möglichen Optionen geführt, die im Folgenden kurz dargestellt werden.
Konstitutionelle Behandlung
Impffolgenkonstitutionelle BehandlungDie konstitutionelle Therapie nach homöopathischen Prinzipien stärkt die Lebenskraft auf allen Ebenen. Sie beseitigt Prädispositionen und führt zu einer Stabilisierung des Organismus auf einem höheren Gesundheitsniveau. Er wird daher widerstandsfähiger gegen akute und chronische Erkrankungen.

Info

Die Gabe eines Konstitutionsmittels gilt als die klassische homöopathische Prophylaxe auch epidemischer Erkrankungen.

Der hohe zeitliche Aufwand und die Kosten der konstitutionellen homöopathischen Verschreibung machen eine solche Krankheitsprophylaxe in großem Stil bei aufkommenden Epidemien unmöglich. Zudem ist auch ein gesunder Organismus nicht vor einer ansteckenden Krankheit sicher: „Es wäre schön, zu glauben, dass die Homöopathie Sie sicher vor epidemischen Erkrankungen schützen kann. Ich kann Ihnen jedoch absolut versichern, sie vermag es nicht. Ich kann bestätigen, dass es den Leuten unter ihrem konstitutionellen Mittel hervorragend geht, sie fühlen sich wohl, doch wenn eine EpidemieEpidemie ausbricht, erkranken auch sie. Daher kann ich absolut sicher sagen, dass homöopathische Heilmittel keine spezifische Immunität vor spezifischen Erkrankungen vermitteln, zumindest nicht in demselben hohen Prozentsatz, wie dies Impfungen tun. Wenn man daher eine spezifische Immunität gegen eine spezifische epidemische Erkrankung zum Ziel hat, ist gegenwärtig die beste Methode eine allopathische Impfung.“ (Herscu 2002)
Schon die ersten großen Homöopathen suchten daher nach der Möglichkeit einer effizienteren Methode.
Genius-epidemicus-Verschreibung
Eine spezifische Krankheitsprophylaxe im Sinne einer Impfung existiert in der Homöopathie streng genommen nicht, da die Arzneiwahl stets auf einer bereits vorhandenen Symptomatik basiert. Genius epidemicusVerordnungGenius epidemicusImpffolgenGenius-epidemicus-Verordnung
Im Zuge epidemisch auftretender Infektionskrankheiten, die von Hahnemann „acute Miasmen“ genannt werden, ist jedoch eine Prophylaxe durch das homöopathische Mittel möglich, das die gemeinsamen Symptome vieler Erkrankter abdeckt (Organon, §§ 100–104) – den sog. Genius epidemicus. Denn da die Ursache jeweils die gleiche ist, „versetzen sie auch stets die daran Erkrankten in einen gleichartigen Krankheits-Proceß“ (Organon, § 73). Der homöopathische Arzt individualisiert gewissermaßen die jeweilige Epidemie und kann so ein oder mehrere Arzneimittel ausfindig machen, die er zur Prophylaxe an Gesunden einsetzen kann. Kent kommentiert dieses Vorgehen folgendermaßen: „[…] Wenn man einige Wochen in einer EpidemieEpidemie steht, findet man schließlich so zu einem halben Dutzend Mitteln, die täglich indiziert sind und eines davon besonders häufig. Dieses eine Mittel scheint am besten auf die allgemeine Natur der Krankheit zu passen. Man findet dann heraus, daß für prophylaktische Zwecke keine so große Ähnlichkeit zwischen Prophylaktikum und Krankheit nötig ist wie für die Heilung. Ein Mittel zur Vorbeugung einer Krankheit braucht nicht ein so genaues Simile zu sein wie jenes zur Heilung, um wirksam zu sein, und mit jenen oben erwähnten Mitteln, die täglich gebraucht werden, kann man auch eine große Zahl Personen vor der Krankheit schützen. Man kann mit Homöopathie also ebenso gut schützen als heilen.“ (Kent: Zur Theorie der Homöopathie)
Die erste Schilderung einer Krankheitsprophylaxe – Belladonna#BelladonnaScharlach während einer Scharlachepidemie – stammt von Hahnemann: „Ein auffallendes Beispiel dieser Art ist: daß, als vor dem Jahre 1801 noch das glatte, Sydenhamische Scharlachfieber unter den Kindern von Zeit zu Zeit epidemisch herrschte, und alle Kinder ohne Ausnahme befiel, die es in einer vorigen Epidemie noch nicht überstanden hatten, alle Kinder jedoch, in einer solchen, dergleichen ich in Königslutter erlebte, wenn sie zeitig genug eine sehr kleine Gabe Belladonna eingenommen, frei von dieser höchst ansteckenden Kinderkrankheit blieben. Wenn Arzneien vor Ansteckung von einer grassirenden Krankheit schützen können, so müssen sie eine überwiegende Macht besitzen, unsere Lebenskraft umzustimmen.“ (Organon, § 33)
Die Wirkung war so überzeugend, dass die preußische Regierung im Jahre 1838 die Anwendung von Belladonna#BelladonnaGenius epidemicus bei einer Scharlachepidemie obligatorisch machte. In den folgenden Jahren räumten jedoch führende Homöopathen wie Trousseau oder Chase ein, dass der Effekt von Belladonna unzuverlässig war. Hahnemann entgegnete, dass die Krankheit, mit der seine Kollegen zu tun hatten, nicht dieselbe war, die er bei früheren Epidemien behandelt hatte. Für die aktuelle Krankheit müsse ein neues epidemisches Mittel gefunden werden.
1813 empfahl Hahnemann bei einer Typhusepidemie Bryonia#Bryonia albaGenius epidemicus und Rhus toxicodendron#Rhus toxicodendronGenius epidemicus als spezifische Prophylaxe. Bönninghausen wandte die homöopathische Prophylaxe als erster in großem Stil bei der Choleraepidemie im Jahre 1849 an und hatte beeindruckenden Erfolg. Seine am häufigsten verschriebenen Mittel waren Camphora#Camphora officinalisGenius epidemicus, Cuprum metallicum#Cuprum metallicumGenius epidemicus und Veratrum album#Veratrum albumGenius epidemicus. 2001 wurde in Brasilien mit einer Dosis Eupatorium perfoliatum C 30 offenbar erfolgreich ein Denguefieber-Ausbruch bekämpft (Marino 2008)4

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Ein Review aus dem Jahr 2014 zur homöopathischen Behandlung und Prophylaxe von Denguefieber wollte allerdings wegen eines Mangels an randomisierten Doppelblindstudien keine Empfehlung abgeben (Martinez 2014).

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Info

Das epidemische Mittel richtet sich nicht nach der Diagnose der jeweiligen Krankheit, sondern stellt das Arzneimittel-Gruppenbild („Genius epidemicus“) der aktuell daran erkrankten Patienten dar.

Heute treten Infektionskrankheiten meist nicht mehr epidemisch, sondern eher endemisch auf. Unter diesen Umständen ist das Auffinden eines „epidemischen Mittels“ oft mühsam. Ein kürzerer Weg ist die prophylaktische Behandlung gesunder Kontaktpersonen mit demselben Mittel, das für die Krankheit des Indexpatienten homöopathisch ist. Dieses Verfahren wurde von Bönninghausen im Rahmen einer Typhusepidemie entwickelt und 1908 von ihm erstmals beschrieben.
Allgemein hat sich die prophylaktische Gabe von homöopathischen Arzneimitteln nach dem Prinzip der Genius-epidemicus-Verschreibung durchgesetzt, obwohl es sich hier streng genommen nicht um eine individuelle homöopathische Verschreibung handelt.
Gabe von Nosoden
NosodenImpffolgenImpffolgenNosoden„Nosoden sind Zubereitungen aus Krankheitsprodukten von Mensch oder Tier, aus Krankheitserregern oder deren Stoffwechselprodukten oder aus Zersetzungsprodukten tierischer Organe“ (Homöopathisches Arzneibuch 2000). Folgende Anwendungen von Nosoden sind im homöopathischen Bereich üblich und bewährt:
  • Als homöopathisches SimileSimileNosoden: Nosoden werden nach dem Simileprinzip solchen Patienten verabreicht, die ähnliche Symptome aufweisen, wie sie Gesunde bei der Arzneimittelprüfung mit der Nosode entwickeln. Wichtige Nosoden sind etwa Psorinum, Tuberculinum, Medorrhinum, Syphilinum, Carcinosinum, Lyssinum, Variolinum.

  • Als Reaktionsmittel entsprechend der Ätiologie: Wenn ein gut gewähltes homöopathisches Mittel nicht wirkt, und eine scheinbar ausgeheilte Krankheit, ein allopathisches Medikament, ein Umweltgift oder eine Impfung die derzeitige Symptomatik vermutlich mitverursacht hat, kann die „Blockade“ durch Gabe der entsprechenden Nosode beseitigt werden – etwa Husten „seit Masern“ durch Morbillinum D200, oder Schlaflosigkeit seit der Pentavac-Impfung durch Pentavac D200.

  • Als potenzierte EigenblutnosodeNosodenEigenblut nach Imhäuser und Wiesenauer zur Behandlung infektanfälliger oder allergiekranker Kinder – ein empirisches Vorgehen im Sinne einer naturheilkundlichen „Reizkörpertherapie“.

Geprägt wurde das Wort Nosode (von altgriechisch Nosos = Krankheit) im Jahr 1832 von Hering, der bei einigen seiner Patienten Skabies mit potenziertem Krätzeeiter (Psorinum) behandelte. Er berichtete später auch über Erfolge bei der Tollwutprophylaxe mit Lyssinum, einer Nosode aus dem Speichel tollwütiger Hunde.
Ein großer Verfechter der Nosoden war Boger (1861–1935), der Nosoden auch zur Krankheitsprophylaxe einsetzte: „Besonders Variolinum, die Pockennosode, konnte ich zu meiner vollen Zufriedenheit anwenden. Nach einer Variolinumgabe war es sogar Ungeimpften möglich, Pockenkranke zu pflegen und mit ihnen zu leben. Die Kinder der Familien konnten auf diese Weise vor den Pocken geschützt werden. Bei über einem Dutzend solcher Fälle kam es zu keiner einzigen Ansteckung“.
Große Homöopathen wie Bönninghausen, Allen, Clarke oder Eaton haben bei Epidemien von PockenPockenNosoden, Cholera oder Typhus mit den entsprechenden Nosoden anscheinend erfolgreich gearbeitet. Eine individuelle Prophylaxe kam für sie in solch kritischen Situationen aus Zeitgründen nicht infrage und musste durch ein schematisches, wenngleich nicht lehrbuchmäßiges Verfahren ersetzt werden. Der Kent-Schüler Arthur Grimmer (1874–1967) und die englische Homöopathin Dorothy Shepherd (1888–1952) regten den universellen Gebrauch von Nosoden zur Prophylaxe epidemischer Erkrankungen an.
Hahnemann dagegen war den Nosoden gegenüber skeptisch und forderte, sie am Gesunden zu prüfen und dann nach homöopathischen Prinzipien einzusetzen: „Man möchte gerne eine dritte Kurat durch Isopathie, wie man sie nennt, erschaffen: nämlich mit gleichem Miasma eine gleiche vorhandene Krankheit heilen. Aber gesetzt auch man vermöchte dies, so würde, da sie das Miasma hoch potenziert und folglich verändert dem Kranken reicht, sie dennoch nur durch ein dem Simillimo entgegengesetztes Simillimum die Heilung bewirken“ (Organon, § 56).
Gelegentlich werden heute in Anlehnung an die Schulmedizin „homöopathische“ Impfschemata empfohlen, die die Gabe verschiedenster Nosoden teilweise in aufsteigenden Potenzen über die ersten fünf Lebensjahre eines Kindes vorsehen. Krankheitsnosoden wie Pertussinum#PertussinumImpffolgenNosodenPertussinum, Parotitinum#ParotitinumImpffolgenNosodenParotitinum, Rubella#RubellaImpffolgenNosodenRubella, Morbillinum#MorbillinumImpffolgenNosodenMorbillinum, Influenzinum#InfluenzinumImpffolgenNosodenInfluenzinum, Scarlatinum#ScarlatinumImpffolgenNosodenScarlatinum, Diphtherinum#DiphtherinumImpffolgenNosodenDiphterinum, Anthracinum#AnthracinumImpffolgenNosodenAnthracinum etc. sind jedoch nicht am Gesunden geprüft. Ihre Verabreichung folgt nicht den Prinzipien der Homöopathie. Wiederholte Gaben nicht indizierter homöopathischer Mittel können zu Arzneimittelprüfungssymptomen führen und schlimmstenfalls durch Erzeugung eines Arzneimittel-Miasmas Krankheiten homöopathisch unheilbar machen. Bisher gibt es keine systematischen Untersuchungen von Nebenwirkungen. Immerhin registrierte Golden bei 10 % von 1300 Kindern nach „homöopathischen Impfungen“ Nebenwirkungen verschiedensten Schweregrades (Golden 1998).
Die Effektivität von NosodenNosodenImpffolgen in der Prävention von Krankheiten ist wissenschaftlich nur unzureichend untersucht. Die bisher veröffentlichten Studien haben teilweise eine zweifelhafte Qualität und halten dem Vergleich mit dem Wirkungsbeleg allopathischer Impfungen nicht stand (Rieder 2015):
  • Der Versuch einer homöopathischen Influenzaprophylaxe 1958 in Großbritannien schlug fehl – die Schutzquote lag im Bereich der Placebowirkung (British Faculty of Homeopathy 1958).

  • 1974 wurde in Brasilien eine Studie an 25 000 Patienten zur Prophylaxe der Meningokokken-Meningitis durchgeführt, bei der die Gabe von Meningococcinum C 30 überlegen war im Vergleich zu keiner Maßnahme (Castro 1975). 1998 bewährte sich diese Art der Prophylaxe bei einem Meningokokken-Ausbruch in der Stadt Blumenau/Brasilien (Mroninski et al. 2001).

  • 1999 wurde ein Tierversuch zur Prophylaxe der Tularämie veröffentlicht. Die Schutzquote der Tularämie-Nosode lag 22 % über dem Placebo, mit der allopathischen Impfung waren 100 % der Tiere erfolgreich geschützt worden. 2008 erschien in der Zeitschrift „Homeopathy“ eine weitere Arbeit über die Prophylaxe von Tularämie bei Mäusen. Wurden Mäuse ab 20 Tage vor der künstlichen Infektion mit der Trypanosoma-Nosode C12 behandelt, sanken Krankheitsdauer und Parasitenlast signifikant (de Almeida et al. 2008).

  • 2010 wurde eine kubanische Studie zur Prophylaxe der Leptospirose mit Impfstoffnosoden veröffentlicht (Bracho et al. 2010). In drei kubanischen Provinzen Kubas wurde versucht, einer Leptospirose-Epidemie durch Gabe einer Leptospirose-Nosode in C 200 und 10 M zu begegnen. 2,3 Millionen Menschen (70 % der Bevölkerung) wurde behandelt. Im Vergleich zu Provinzen ohne diese Prophylaxe kam es zu einer Verringerung der Krankheitsfälle um 30 %. In den Jahren 2007 und 2008 gelang es, die positiven Ergebnisse zu reproduzieren (Golden 2014).

  • 2012 erschien eine indische Studie zur Prophylaxe einer Plasmodium-berghei-Infektion bei Mäusen mit Malaria-Nosoden C 30 und C 200. Die Überlebenszeit der homöopathisch behandelten Mäuse überstieg die der unbehandelten um das Doppelte (Bagai 2012).

  • 2015 erschien ein Cochrane-Review zur Prophylaxe von Influenza und grippeartigen Erkrankungen mit Oscillinum, einer Nosode aus Leber- und Herzgewebe von Enten. Das Review fand keine überzeugenden Belege für eine Wirksamkeit, schloss jedoch nützliche Effekte nicht aus (Mathie et al. 2015).

In den vergangenen Jahren wurden einige Fälle von Malaria trotz „homöopathischer Impfung“ mit einer Malaria-Nosode veröffentlicht. Niedergelassene Ärzte, die eine solche „Malaria-Prophylaxe“ verschreiben, müssen im Falle einer Erkrankung mit berufsrechtlichen und strafrechtlichen Konsequenzen rechnen (Arzneimittelkommission ddÄ 1998).

Info

Der Versuch, mit Nosoden zu „impfen“ folgt nicht homöopathischen Regeln, sondern ist ein isopathisches Prinzip nach Vorgaben der Schulmedizin. Jeder Arzt, der „homöopathische Impfungen“ verschreibt, muss über die Unsicherheit und potenziellen Risiken dieser Methode aufklären.

Zusammenfassung

  • Impfungen üben von ihrer Herstellung und Zusammensetzung her vielfältige Einflüsse auf den Körper aus – nicht zu vergleichen mit der normalen Auseinandersetzung des Organismus mit Krankheitserregern.

  • Die wissenschaftliche Impfforschung muss modifiziert werden, da sie Interessenkonflikten unterliegt, akute und chronische Impffolgen weitgehend ignoriert und die Wirkung von Impfungen systematisch überschätzt. Die Nachhaltigkeit mancher Impfprogramme ist zweifelhaft.

  • Der Impfarzt muss über die öffentlichen Impfempfehlungen informieren, und dabei über Impfnebenwirkungen ebenso aufklären wie über Krankheitsrisiken und die Frage des Herdenschutzes.

  • Impfungen müssen – besonders in homöopathischen Arztpraxen – eine individuell abgestimmte und abgesprochene Form der Krankheitsprophylaxe bleiben.

  • Unerwünschte Impffolgen sind einer homöopathischen Behandlung zugänglich – in erster Linie mit einem konstitutionellen Mittel, bei Versagen mit einer Impfnosode.

  • Die Krankheitsprophylaxe mit homöopathischen Mitteln – Konstitutionsmitteln, epidemischen Mitteln oder Nosoden – ist verglichen mit Impfungen unsicher und wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Es ist Aufgabe der nationalen und internationalen homöopathischen Ärzteverbände, Studien anzuregen und zu finanzieren, die hier mehr Klarheit schaffen.

„Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen.“

(Ottawa-Charta der WHO 1986)

„Füreinander Sorge zu tragen, Ganzheitlichkeit und ökologisches Denken sind Kernelemente bei der Entwicklung von Strategien zur Gesundheitsförderung.“

(Ottawa-Charta der WHO 1986)

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Fluor

FluorProphylaxeFluorFluor zählt zu den Halogenen und kommt in der Natur nahezu ausschließlich in Form von Fluorsalzen vor. Fluorsalze sind für den Menschen wahrscheinlich nicht essenziell und werden allenfalls in Spuren für den Knochen- und Zahnaufbau benötigt.

Im Körper eines Erwachsenen sind etwa 5 g Fluoride enthalten, 99 % davon sind als Hydroxylapatit in Knochen und Zähne eingebaut. Klinische Symptome eines Fluoridmangels sind nicht bekannt. Zur Kariesprophylaxe ist die Zufuhr von Fluoriden ab dem Säuglingsalter empfohlen.

Fluorideintrag in den menschlichen Organismus

Fluormenschlicher OrganismusFluoride sind ein Abfallprodukt der Metall- und Düngemittelproduktion, rauchen aus Müllverbrennungsanlagen aus und werden durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt. Jährlich werden weltweit etwa 155 000 Tonnen über die Luft und 500 000 Tonnen in Gewässer entsorgt. Die Menge des auf den menschlichen Organismus einwirkenden Fluorids nimmt dadurch ständig und auf unüberschaubare Weise zu.
Die tägliche Fluorid-Aufnahme eines mitteleuropäischen Erwachsenen liegt bei 0,3–0,7 mg (Hefti 1986). Der wesentliche Anteil dieser Fluoride stammt aus Trinkwasser und Mineralwässern, Nahrungsmitteln (v. a. Fisch, Innereien, Schwarztee) und Fluorsalzen zur Kariesprophylaxe (Fluortabletten, fluoridiertes Speisesalz, Zahncreme, Mundspüllösung, Zahngel und -lack). Etwa 60 % des aufgenommenen Fluorids werden im Körper retiniert, bei Kindern sind es bis zu 90 % (WHO).
Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA hat die maximale tägliche Zufuhrmenge für Kinder im Alter bis zu 8 Jahren mit 0,1 mg/kg Körpergewicht, für neun- bis 14-Jährige mit 5 mg/Tag und für über 15-Jährige mit 7 mg/Tag festgesetzt. Die kanadischen und amerikanischen Gesundheitsbehörden empfehlen als obere Zufuhrgrenze 0,05–0,07 mg/kg Körpergewicht und Tag (AMWF).
Trinkwasser hat in Deutschland in der Regel einen Fluoridgehalt von weniger als 0,3 mg/l 5

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In China oder Indien finden sich im Trinkwasser teilweise Fluoridkonzentrationen von über 4 mg/l.

. Mineralwässer haben sehr unterschiedlich hohe Fluoridgehalte. Zur Etikettierung „für die Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet“ sind maximal 0,7 mg/l erlaubt. Ab 1,5 mg/l Fluorgehalt muss das Wasser mit dem Hinweis versehen sein: „Enthält mehr als 1,5 mg/l Fluorid: Für Säuglinge und Kinder unter 7 Jahren nicht zum regelmäßigen Verzehr geeignet“. Mineralwasser darf grundsätzlich nicht mehr als 5,0 mg Fluorid/Liter enthalten.
Der Fluoridgehalt der Muttermilch beträgt in der Regel zwischen 0,005 und 0,01 g/l und ist nur in geringem Maß von der Fluoraufnahme der Mutter abhängig (Bergmann 1997, WHO 2002). Auch während der Schwangerschaft wird durch eine Schranke in der Plazenta die Fluoridbelastung des Fötus geringgehalten (Schraad et al. 1984). Mit Kunstmilch ernährte Säuglinge nehmen 50–100 mal mehr Fluoride auf als vollgestillte Kinder (WHO 2002).
Die empfohlenen Maßnahmen zur Kariesprophylaxe führen zu einem hohen Fluoreintrag. Das Herunterschlucken fluoridierter Zahnpasten macht bei Kindern einen wesentlichen Anteil an der Fluoraufnahme aus (WHO 2002). Beim Verschlucken einer durchschnittlichen Gebrauchsmenge werden von einem Erwachsenen täglich ca. 0,33–0,5 mg, von einem Kind 0,016–0,15 mg aufgenommen (Simard et al. 1989, SSFP).
Die Fluoridaufnahme durch Mundspüllösungen und zahnärztliches Auftragen von Gelen oder Lacken kann erheblich sein. Mundspüllösungen enthalten 0,25–2 g/l Fluorid, Zahngel hat eine Konzentration von 4–12,5 g/l, Fluoridlack von teils über 20 g/l. Aus Mundspüllösungen werden von Kindern 15–30 % des Fluorids resorbiert (Akiniwa 1997). Zahnärzte empfehlen daher, diese Maßnahmen nicht vor dem siebten Lebensjahr anzuwenden, da Kinder erst dann zuverlässig den Mund spülen können.

Kariesprophylaxe mit Fluor

Geschichte der Fluoridprophylaxe

FluorprophylaxeKariesProphylaxeFluorKariesIn den 1930er-Jahren wurde man in den USA darauf aufmerksam, dass die Menschen in Gegenden mit hoher Fluoridkonzentration im Trinkwasser zwar häufiger verfärbte Zähne hatten, aber seltener Karies (Dean 1938). Ab 1945 wurde in vielen Gegenden der USA die Fluoridierung des Trinkwassers eingeführt. Heute trinken etwa 75 % der nordamerikanischen Bevölkerung Wasser mit einem Fluoridgehalt, der auf 1 mg/l eingestellt ist.
Trinkwasserfluoridierung gibt es auch in Japan, Großbritannien (10 % der Haushalte), Spanien (10 %), Irland (66 %), Neuseeland, Südafrika und Teilen von Kanada. Auf dem europäischen Festland ist die Trinkwasserfluoridierung teils gesetzlich verboten wie in Deutschland und Frankreich, oder sie wurde wieder abgeschafft wie in Schweden, in den Niederlanden und in der Stadt Basel.
In Deutschland war zunächst nur eine individuelle Fluoridprophylaxe empfohlen. Diese Strategie wurde im Jahr 1992 mit der breiten Einführung von fluoridiertem Speisesalz verlassen. Das in den Handel gebrachte fluoridierte Salz hat einen Gehalt von 250 mg Natriumfluorid pro Gramm Salz, wobei von einer maximalen täglichen Verzehrmenge von 4 g Salz – entsprechend 1 mg Fluorid täglich – ausgegangen wird. Man erhofft sich durch seine Verwendung auch in der Gastronomie, in Großküchen und in der Lebensmittelindustrie eine allgemeine Verbesserung der Zahngesundheit. Die bisherigen Belege dafür habe eine niedrige Evidenz (AWMF 2013).
Die Verwendung von fluoridiertem Speisesalz führt zu einer vollends unübersichtlichen Situation, da sich die verschiedensten Fluorquellen – Mineralwasser, fluoridiertes Speisesalz, Zahnpasta, Fluortabletten etc. – auf unberechenbare Weise addieren. Die entstandene Verwirrung drückt sich in komplizierten und widersprüchlichen Anweisungen zur Fluoridprophylaxe aus (AWMF 2013).

Öffentliche Empfehlung zur Fluorprophylaxe

In Deutschland wird die Bevölkerung zur Kariesprophylaxe mit Fluorid motiviert. Die Empfehlungen für Säuglinge und Kleinkinder sind jedoch uneinheitlich und führen zu einer anhaltenden Auseinandersetzung zwischen Kinderärzten und Zahnärzten (AWMF 2013).
  • Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin empfiehlt in den ersten zwei Lebensjahren die Gabe von täglich 0,25 mg Fluorid in Form von Tabletten, ggf. kombiniert mit Vitamin D. Zwei- bis Vierjährige sollen 0,5 mg, Vier- bis Sechsjährige 0,75 mg und über Sechsjährige 1 mg Fluorid pro Tag zu sich nehmen. Die Tabletten sollen wegen des topischen Effekts möglichst gelutscht werden. Etwa 80 % der Säuglinge und 40–60 % der Klein- und Schulkinder erhalten in Deutschland regelmäßig Fluoridtabletten.

    Auf Fluoridtabletten soll nur dann verzichtet werden, wenn das Trinkwasser > 0,3 mg/l Fluorid enthält oder wenn fluoridiertes Speisesalz verwendet wird. Fluoridhaltige Zahncreme soll erst dann verwendet werden, wenn das Kind sie nach dem Zähneputzen ausspucken kann (in der Regel ab dem fünften Lebensjahr).

  • Die deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde weist dagegen auf die nicht gesicherte Effektivität der Prophylaxe mit Fluoridtabletten hin. Ab dem Zahndurchbruch sollen Kinderzahncremes mit reduziertem Fluoridgehalt (500 ppm = 0,5 mg/g) benutzt werden – bis zum zweiten Geburtstag nur einmal täglich – ab dem Durchbruch der zweiten Zähne eine normale Erwachsenenzahncreme (1000 ppm). Bis zum Durchbruch der ersten Zähne sind keine Fluoridierungs-Maßnahmen erforderlich.

Zusätzlich zur Verwendung fluoridhaltiger Kinderzahncreme soll fluoridhaltiges Speisesalz im Haushalt verwendet werden. Bei Kindern und Jugendlichen mit erhöhtem Kariesrisiko soll zweimal jährlich die Applikation eines fluoridhaltigen Lackes erfolgen.

Effektivität der Fluorprophylaxe

FluorprophylaxeFluoride haben eine nachgewiesene kariesverhütende Wirkung: Durch den Einbau von Fluorid in die Hydroxylapatitstruktur des Zahnschmelzes wird dieser härter und schlechter säurelöslich; Enzyme und Wachstum kariogener Bakterien werden gehemmt.
Fluoride entfalten ihre Wirkung jedoch vorwiegend topisch. Die Resorption über den Verdauungstrakt und die dadurch erhöhte Konzentration im Speichel hat nur einen sehr geringen Effekt (Hellwig et al. 2004). Der Beitrag von Fluoridtabletten und jodiertem Speisesalz zur Kariesprojektion dürfte ähnlich bescheiden sein wie der von fluoridiertem Trinkwasser (Iheozor-Ejofor et al. 2015).
Eine Metaanalyse des Cochrane-Instituts fand bei fluoridhaltige Zahnpasten nur dann eine signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo, wenn größere Konzentrationen (> 1000 ppm) enthalten waren, und fordert dazu auf, die Empfehlung solch hoher Dosen im Kindesalter gegen das Risiko der Dentalfluorose abzuwägen (Walsh et al. 2010).
Wesentliche und validierte Maßnahmen zur Verringerung des kindlichen Kariesrisikos sind das Vermeiden kariogener Nahrungsmittel und das Engagement der Eltern bei der Zahnpflege ihrer Kinder. Für die „early childhood caries“ der Milchzähne sind v. a. das verbreitete „Flaschennuckeln“ oder das nächtliche Stillen bis weit in das zweite Lebensjahr hinein verantwortlich.

Toxizität von Fluor

Fluorsalze sind Umweltgifte und wegen ihrer Aggressivität und Wasserlöslichkeit schwierig zu entsorgen. Ihre biologische Toxizität ist seit der Mitte des 19. Jh. aus Vergiftungsfällen in Kupfer- und Eisenhütten bekannt. Sie hemmen die Funktion von Enzymen ähnlich wie Blei oder Blausäure.

Akute Toxizität von Fluor

FluorToxizitätToxizität, FluorAkute Fluoridvergiftungen führen innerhalb von 30 Minuten zu Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Diarrhö, erhöhtem Speichelfluss, Durst und neurologischen Störungen. Schwere Vergiftungsfälle mit teilweise tödlichem Ausgang ereigneten sich aufgrund von Dosierungsfehlern in Gebieten mit künstlicher Trinkwasserfluoridierung.
Die toxische Dosis, die ein therapeutisches Eingreifen erfordert, liegt bei 5 mg/kg Körpergewicht. Kinder kommen bei dieser Dosis in Lebensgefahr. Bei einem 12 kg schweren Kind ist bereits das Verschlucken einer halben Packung Fluoridtabletten zu 0,5 mg lebensbedrohlich.

Langzeittoxizität niedriger Fluorgaben

Fluoride haben eine fehlende therapeutische Breite. Für kariesprotektive Effekte sind Fluoriddosen notwendig, die auch zu Zahnfluorose führen können (Walsh et al. 2010). Diese ist Ausdruck einer chronischen Überdosierung und damit auch ein Indikator für mögliche weitere Nebenwirkungen von Fluoriden (Choi et al. 2015).
Dentalfluorose
DentalfluoroseFluoridbedingte Schäden an den zweiten Zähnen reichen von weißen und bräunlichen Verfärbungen bis hin zu Schmelzabsplitterungen und Brüchigkeit. Bei ausgeprägter Zahnfluorose kommt es zu schwer behandelbarem Zahnverfall.
Weltweit wird eine anhaltende Zunahme der Zahnfluorose registriert. Sie findet sich umso häufiger, je früher im Kindesalter die Zähne mit fluoridhaltigen Zahnpasten geputzt wurden, und je mehr Fluorid zugeführt wurde (Iheozor-Ejofor et al. 2015, Meyer-Lückel et al. 2010, SCCP 2005, Wong et al. 2010).
Skelettveränderungen und Skelettfluorose
SkelettfluoroseFluoride hemmen die Kalziumeinlagerung in die Knochen. Durch eine Trinkwasserfluoridierung von 1 mg/l steigt bei älteren Menschen das Risiko für Hüftfrakturen (Danielson et al. 1992, Hillier 2000).
In Gebieten mit natürlicherweise hohem Fluoridgehalt im Trinkwasser wie China oder Indien ist die Skelettfluorose endemisch. Symptome sind eingeschränkte Gelenkbeweglichkeit, Knochen- und Gelenkschmerzen, Wirbelsäulenverkrümmungen, Muskelschwund und neurologische Ausfälle. Im Röntgenbild finden sich Hyperostose, Osteoporose und Osteopetrose.
Karzinogenität
Karzinomrisiko, FluorFluorKarzinogenitätDie karzinogene Potenz hoher Dosen von Fluorverbindungen ist durch Tierversuche, in-vitro-Versuche und epidemiologische Studien an Arbeitern in der Fluorindustrie gut dokumentiert (Grandjean et al. 1992, Jones et al. 1988, Liu 1993, Suzuki et al. 1989). Ein Zusammenhang zwischen niedrigen Fluoriddosen und der Entstehung von Osteosarkomen ist umstritten (Bassin et al. 2006, Blakey et al. 2014, Hoover et al. 1991, Kharb et al. 2012, Levy et al. 2012).
Reproduktionstoxizität
MutagenitätFluorFluorMutagenitätFluoride können die Integrität von Chromosomen schädigen (Sun et al. 2011). In Gegenden mit fluoridiertem Trinkwasser findet sich inkonsistent ein leicht erhöhtes Risiko für das Down-Syndrom (Takahashi 1998, Whiting et al. 2001, Young et al. 2015).
Fruchtbarkeitsstörungen
FluorFruchtbarkeitsstörungenFruchtbarkeitsstörungen, FluorFluoridbelastung führt in Tierversuchen zu einer Abnahme der weiblichen Fruchtbarkeit, verursacht vermutlich durch Hemmung der Oozyten und Ovaratrophie (Geng et al. 2014, Yin et al. 2015). In einer epidemiologischen Studie fand sich in Gegenden mit Trinkwasserfluoridierung in den USA eine niedrigere Geburtenrate (Freni 1994).
Bei männlichen Versuchstieren kommt es durch Fluoride zu einer sinkenden Testosteronproduktion im Hodengewebe und zu einer Störung der Spermatozoenfunktion (Kanwar et al. 1983, Sun).
Neurotoxizität
Neurotoxizität, FluorFluorNeurotoxizitätSchon bei relativ niedrigen Fluoridspiegeln im Serum von Ratten lassen sich Fluoranreicherungen im ZNS nachweisen, die mit Verhaltensänderungen und Beeinträchtigung der Lernfähigkeit einhergehen (Isaacson et al. 1997, Mullenix et al. 1995). Bei Kindern in Indien korreliert das Auftreten von Zahnfluorose mit entwicklungsneurologischen Defiziten (Khan et al. 2015). In Gegenden Chinas mit hohem Fluorgehalt im Trinkwasser haben Kinder aller Altersgruppen einen signifikant niedrigeren Intelligenzquotienten (Choi et al. 2015). Die Autoren eines diesbezüglichen Reviews sprechen von „chemical brain drain“ und zählen die Fluorsalze zu den neurotoxischen Chemikalien: „Fluoride dürften ein Umweltgift sein, dass die Hirnentwicklung schon bei einer Dosis beeinträchtigt, die weit unter der Toxizitätsschwelle von Erwachsenen liegt“.

Fluorgaben aus homöopathischer Sicht

Fluorverbindungen haben nach homöopathischem Verständnis eine Beziehung zum destruktiven syphilitischen Miasma. Die anhaltende medikamentöse Zufuhr von Fluorsalzen kann bei empfindlichen Personen zu entsprechenden Arzneimittelprüfungssymptomen führen.
  • Körperliche Symptome der Fluorsalze sind Knochenerkrankungen, Exostosen, Fisteln, Abszesse, Ulzera, Otorrhoe, Tumoren, Struma, Karies, Zahnschmelzdysplasien, Lebererkrankungen, Hydrozele, Fluor vaginalis.

  • Die Geist- und Gemütssymptome der Fluoride wurden von Jan Scholten ausführlich beschrieben. Es finden sich durchwegs Symptome, die charakteristisch sind für die Werteverschiebung in einer materialistisch orientierten Zeit:

    • Glamour und Glanz (schöne, glatte Fassade)

    • Besitz (Geld, Auto, Kleidung, Jetset)

    • Sex (kurze, oberflächliche Kontakte)

    • Härte, Eile (Geschäftsbeziehungen)

    • Psychopathie („über Leichen gehen“)

Speziell zu Natrium fluoratum, dem gebräuchlichen Salz zur Kariesprophylaxe, entwickelt Scholten die Idee des Inzests, der verbotenen Sexualität. In den Repertorien finden sich die Symptome Ruhelosigkeit, Traurigkeit, Konvulsionen, Zuckungen und krampfartige Muskel- und Gelenkschmerzen.
Durch prophylaktische Zufuhr von Fluoriden könnten demnach destruktive Tendenzen gefördert werden, sowohl was das soziale Zusammenleben als auch die Gesundheit des Einzelnen betrifft. Aus der Sicht der homöopathischen Medizin empfiehlt sich daher der Verzicht auf systemische Gaben von Fluorsalzen.

Risikofaktoren für Karies

KariesRisikofaktorenKaries gilt als Infektionskrankheit: Kariogene Bakterien (Streptococcus mutans) werden von den Eltern, meist von der Mutter, auf die Kinder übertragen, und zwar frühestens mit dem Durchbruch der ersten Zähne. Der Ausbruch von Zahnkaries ist jedoch letztendlich Folge bestimmter Ernährungsgewohnheiten und sozialer Umstände. Frühsymptome sind sichtbare Plaques auf den Schneidezähnen.

Ernährungsfaktoren

Wesentlichen Einfluss auf die Kariesinzidenz haben Zucker und zuckerhaltigen Speisen und Getränke. Hierbei spielt nicht nur die absolute Menge der Zufuhr, sondern v. a. auch die Häufigkeit der „Zuckerimpulse“ eine Rolle.
3–5 % aller Säuglinge sind von „early childhood caries“ betroffen. Risikofaktoren sind das Einschlafen mit der Milchflasche, ständiges Nuckeln an der Flasche, ausgiebiges Schnullern und nächtliche Brustmahlzeiten bis weit in das zweite Lebensjahr hinein. Abgesehen davon hat Stillen eher eine Schutzwirkung: „Stillen sollte (daher) als ausschließliche Fütterungsmethode für bis zu sechs Monate empfohlen werden, gefolgt von supplementärem Stillen für bis zu zwei Jahre gemäß den Empfehlungen von WHO und UNICEF“ (Avila et al. 2015).
Mangelnde Kauarbeit durch Fertigkost und „Junk-Food“ begünstigt Karies, da die natürliche Zahnreinigung entfällt und ausreichender Speichelfluss unterbleibt. Eltern sollten auch vermeiden, ihrem Kind den ganzen Tag über immer wieder Essen anzubieten. Das dadurch entstehende saure Mundmilieu bedeutet Stress für den Zahnschmelz und verringert die remineralisierende Wirkung des Speichels.

Soziale Faktoren

Als soziale Risikofaktoren für Karies erwiesen sich in epidemiologischen Untersuchungen materielle Armut der Familie und einen Erziehungsstil, der durch Vernachlässigung gekennzeichnet ist. Auch toxischer Stress durch Misshandlungs- oder Vernachlässigungserlebnisse tragen zur Kariesentstehung bei (Boyce, Bright et al. 2015).

Kariesprophylaxe aus ganzheitlicher Sicht

KariesProphylaxeAus ganzheitlicher Sicht greifen pharmakologische Eingriffe zur Kariesprophylaxe zu kurz und sind potenziell mit Nebenwirkungen behaftet. Wesentlich für die Kariesprophylaxe sind gute Zahnpflege und gesunde Ernährung.

Info

Aus den bekannten Schutz- und Risikofaktoren für Karies lassen sich folgende Empfehlungen zur Kariesprophylaxe ableiten:

  • Kalziummangel und die Entwicklung von Rachitis vermeiden.

  • Volles Stillen über sechs Monate, danach Teilstillen bis mindestens zum ersten Geburtstag; Entwöhnung vom nächtlichen Milchtrinken im zweiten Lebensjahr.

  • Tägliche Zahnpflege ab dem Zahndurchbruch; im Kleinkindalter keine Fluoride verabreichen; ab dem fünften bis siebten Lebensjahr ist bei starker Kariesneigung der Einsatz fluoridhaltiger Zahncremes vertretbar – Voraussetzung ist zuverlässiges Mundspülen.

  • Bei Schulkindern ein- bis zweimal wöchentlich Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder Interdentalbürsten.

  • Vollwertige Ernährung einhalten mit möglichst geringem Zuckergehalt, aber ausreichend Milchprodukten; keine Softdrinks, kein permanentes, über den ganzen Tag verteiltes Essen („Grasen“) von Keksen, Obststücken oder dergleichen.

  • Für ausreichend Bewegung Sorge tragen und Förderung einer richtigen Atmung durch regelmäßige Anstrengung im Freien

  • Vermeiden von Vernachlässigungserlebnissen durch qualitativ schlechte Fremdbetreuung.

  • Verzehr kariesprotektiver Nahrungsmittel wie Hartkäse (Cheddar) und Cashewnüssen.

Eine homöopathische konstitutionelle Behandlung des Kindes ist indiziert bei starker familiärer Kariesneigung – v. a. bei Karies der Mutter, bei angeborenen Zahnschmelzanomalien und bei frühzeitig beginnender Karies.

Zusammenfassung

  • Fluoride sind Umweltgifte, die zunehmend Luft, Wasser, Boden und Nahrung belasten. Die individuelle Tagesaufnahme ist unkalkulierbar. Auf systemische Fluoridgaben (Fluoridtabletten, fluoridiertes Speisesalz, fluoridreiches Mineralwasser) sollte daher verzichtet werden.

  • Fluoride sind Zellgifte, die sich v. a. bei Kindern in verschiedenen Geweben anreichern. Langzeitfolgen auf die neurologische Entwicklung, die Reproduktionsorgane und das Skelett sind nicht ausgeschlossen.

  • Fluoridsalze rufen bei der homöopathischen Arzneimittelprüfung destruktive Symptome auf der physischen und psychischen Ebene hervor. Homöopathische Ärzte stehen daher systemischen Fluorgaben skeptisch gegenüber.

  • Karies ist keine Fluormangelkrankheit, sondern eine ernährungsbedingte Zivilisationskrankheit. Der Beitrag einer systemischen Fluoridverabreichung zur Kariesverhütung ist gering und hat eine nennenswerte Wirkung erst in Konzentrationen, bei denen mit Nebenwirkungen gerechnet werden muss.

  • Niedrig dosierte Fluorzahncremes für Kleinkinder haben keine nachweisbare kariesverhütende Wirkung, tragen aber durch das regelmäßige Verschlucken zu einer relevanten Fluoridbelastung bei.

  • Fluoride bieten nur in höherer Dosis und bei direktem Kontakt mit den Zähnen (Zahncreme mit 1000 ppm Fluorid) einen zusätzlichen Schutz vor Karies. Bei Schulkindern mit hohem Kariesrisiko kann das Zähneputzen mit fluoridierter Zahncreme bei anschließender sorgfältiger Mundspülung erwogen werden.

  • Wesentliche Elemente der Kariesprophylaxe sind Rachitisprophylaxe, zuckerarme Ernährung und regelmäßige Zahnpflege. Aufgabe des Kinderarztes ist es, die Eltern hierzu zu motivieren.

  • Bei hohem Kariesrisiko oder bereits beginnender Karies empfiehlt sich neben der zahnärztlichen Behandlung eine konstitutionelle homöopathische Therapie.

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Vitamin D

Funktion und Stoffwechsel von Vitamin D

Funktion von Vitamin D

Vitamin DProphylaxeVitamin DParathormon, Vitamin DFunktionKalzitonin und Vitamin D sind für den Aufbau einer normalen Knochenarchitektur und für die Homöostase des Kalzium- und Phosphatspiegels im Serum zuständig. Vitamin D fördert die Kalziumresorption im Dünndarm und die Rückresorption von Kalzium in der Niere.
Im Blut ist Vitamin D an ein Transportprotein gebunden, in Fettgewebe und Muskulatur kann ein Vorrat für viele Monate gespeichert werden. Bei unzureichender Kalziumaufnahme durch alimentären Kalziummangel oder Mangel an Vitamin D wird vermehrt Parathormon ausgeschüttet und dadurch Kalzium aus den Knochen freigesetzt. Dies führt beim Säugling zur Rachitis, beim Erwachsenen zur Osteomalazie.
Neben der Homöostase im Kalziumstoffwechsel hat Vitamin D zahlreiche immunmodulatorische Eigenschaften und Einfluss auf Blutgerinnung, Zellwachstum und Zellatmung. Die meisten Zellen und Organe des menschlichen Körpers besitzen Vitamin-D-Rezeptoren mit teils noch ungeklärter Funktion. Epidemiologische Untersuchungen und Beobachtungsstudien bringen einen subklinischen Vitamin-D-Mangel in der Kindheit mit verschiedenen Krankheiten des späteren Lebens in Zusammenhang (Wacker et al. 2013). Die Evidenz für diese Zusammenhänge ist jedoch nicht gesichert: Vitamin-D-Mangel könnte auch die Folge dieser Erkrankungen sein. Ein Nutzen von Vitamin-D-Gaben außerhalb der klassischen Indikationen ist bisher nicht belegt (AT 2012).
Die Serumspiegel an 25(OH)-Vitamin D3 weisen je nach Jahreszeit beträchtliche Schwankungen auf und haben auch genetisch bedingt eine große Variabilität. Ob es optimale Blutspiegel gibt und in welchem Bereich sie liegen, ist unklar. Der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlene 25-OH-Vitamin-D3-Blutspiegel von mindestens 20 ng/ml (50 nmol/ml) wird von mehr als der Hälfte der Bevölkerung nicht erreicht, bis zu 20 % der Kinder und Jugendlichen weisen Spiegel von unter 10 ng/ml (25 nmol/ml) auf (RKI 2011).
Konservative Leitlinien geben als Schwelle für einen Vitamin-D-Mangel einen Wert von unter 10 ng/ml an (BAD 2010). Bei manifester Rachitis liegen die Werte unterhalb von 8 ng/ml (20 nmol/ml), bei Osteomalazie unterhalb von 4 ng/ml (10 nmol/ml). Die routinemäßige Bestimmung des Vitamin D3-Spiegels ist überflüssig, es sei denn es liegt der klinische Verdacht auf einen Mangel vor (AT 2012, Onwuneme et al. 2012).

Alimentäre Zufuhr von Vitamin D

Vitamin DZufuhr, alimentäreBis zu 10 % des Vitamin D werden direkt über die Nahrung aufgenommen: Vitamin D2 (Ergocalciferol) aus pflanzlicher Nahrung und Vitamin D3 (Cholecalciferol) aus fetten Seefischarten wie Sardinen, Heringen, Lachs und Makrelen, in geringen Mengen auch aus Eigelb, Fleisch (v. a. Leber), Milch und Butter. Die Supplementierung von Nahrungsmitteln mit Vitamin D3, wie es in den USA üblich ist, ist in Deutschland verboten – Ausnahmen sind Margarine und Speiseöle.
Die Vitamin-D3-Konzentration der Muttermilch liegt je nach Ernährung und Besonnung der Mutter zwischen 10 und 120 IE/l und versorgt das Kind mit 50–100 IU/d (Dawodu et al. 2012, Við Streym et al. 2016). Der Kalzium-Gehalt der Muttermilch ist zwar unabhängig von der Vitamin-D-Versorgung der Mutter, aber abhängig von ihrer alimentären Kalziumaufnahme. Schwangere oder stillende Frauen haben kein erhöhtes Risiko für Vitamin-D-Mangel.

Eigensynthese von Vitamin D

Info

Vitamin D ist im Grunde ein Hormon: Der Organismus ist zur Eigensynthese dieses Botenstoffes fähig. Bei Mangel an Sonnenlicht ist er auf gespeichertes Vitamin D oder auf die alimentäre Zufuhr angewiesen.

Der Hauptanteil des körpereigenen Vitamin D wird durch die Wirkung von UVB-Licht in der Haut aus 7-Dehydrocholesterin gebildet. Das dabei entstandene Vitamin D3 oder Cholecalciferol ist ein biologisch unwirksames Prähormon. Erst nach Hydroxylierung zu 25(OH)-Vitamin D3 in der Leber wird es unter dem Einfluss von Parathormon in der Niere und anderen Organen zum biologisch aktiven Hormon 1,25(OH)2-Vitamin D3 umgewandelt.
Die Eigensynthese von Vitamin D ist abhängig Vitamin DEigensynthesevon äußeren Faktoren wie geographischer Lage, Tageszeit, Jahreszeit, Luftverschmutzung, Ausmaß der Lichtexposition der Haut, Ernährungszustand und Hautpigmentierung. Ebenso wie Vitamin D durch den Einfluss von UV-Licht in der Haut gebildet wird, wird es durch UV-Licht auch wieder abgebaut, sodass es durch UV-Bestrahlung zu keiner Überdosierung kommen kann. Über die Vitamin-D-Eigensynthese des menschlichen Organismus ist Folgendes bekannt:
  • Eine Sonnenexpositionsdauer in den Monaten April bis September von 5–30 Minuten zweimal pro Woche zwischen 10 und 15 Uhr mit unbedecktem Kopf und freien Armen und Beinen ist zur Vitamin-D-Versorgung im Kleinkind- und Jugendalter ausreichend (Holick 2002).

  • Wegen der starken Streuung der kurzwelligen Strahlung kommt es auch im Schatten zu relativ hohen Bestrahlungsstärken, weshalb direktes Sonnenlicht zumindest im Hochsommer nicht erforderlich ist (Hesse 1997).

  • Kinder ab dem zweiten Lebensjahr erkranken im Winter nicht an Rachitis, wenn sie sich im vorausgegangenen Sommer viel im Freien aufgehalten haben (Holick 1998).

  • Bei niedrigem Sonnenstand wird ein Großteil der UVB-Strahlen durch die Atmosphäre absorbiert. Nördlich des 40. Breitengrades (Süditalien) wird daher zwischen Oktober und März durch Sonnenlicht nur wenig, nördlich des 52. Breitengrades (Ruhrgebiet) sehr wenig Vitamin D erzeugt, was bei Mangel an gespeichertem Vitamin D zu Engpässen in der zweiten Hälfte des Winters führen kann (Engelsen et al. 2005, Webb et al. 1988).

  • Zu einer weitgehenden Absorption von UVB-Strahlen führen Sonnenschutzmittel, bedeckende Kleidung, Glas- oder Plexiglasscheiben, Hochnebel und Smog.

  • Auch vermehrtes Hautpigment etwa bei Migranten aus Asien oder Afrika erhöht das Risiko eines Vitamin-D-Mangels.

Die permanente Benutzung von Sonnencreme wird von vielen Experten nicht nur wegen der oft problematischen Inhaltsstoffe kritisch gesehen: „Das volle Sonnenlichtspektrum ist essenziell für optimale Gesundheit und Wohlbefinden … Der Nutzen geht über die Produktion von Vitamin D hinaus und bewirkt auch andere physiologische Vorgänge, die noch nicht ausreichend erforscht sind, wie die Freisetzung von Stickoxid, die Ausschüttung von Beta-Endorphin und die Regulation des zirkadianen Rhythmus“ (Baggerly et al. 2015).

Rachitis

RachitisVitamin DRachitisBei manifester Rachitis ist der Kalziumspiegel im Serum entweder durch die kompensatorische Mobilisation aus den Knochen noch normal oder dekompensiert erniedrigt. Die klinischen Symptome werden durch Dekalzifizierung der Knochen und ggfls. durch Hypokalzämie hervorgerufen.
Laborchemisch beweisend für Rachitis sind der Anstieg von alkalischer Phosphatase (AP) und Parathormon sowie ein Absinken von Phosphat und 25(OH)-Vitamin D3. Umgekehrt ist bei Normalwerten von AP und Parathormon eine Vitamin-D-Mangelrachitis ausgeschlossen.
Das Röntgenbild zeigt Kalkarmut und eine Auftreibung und Becherung der metaphysären Wachstumsfugen.

Info

Frühsymptome der Rachitis beim Säugling sind:

  • Muskelhypotonie mit schlechter Kopfkontrolle und Bewegungsarmut

  • Infektanfälligkeit – z. B. rezidivierende Otitis media, Diarrhö, Pneumonie

  • Vermehrte Schweißsekretion

  • Appetitlosigkeit

  • Unruhe und Reizbarkeit

Bei anhaltenden Mangelerscheinungen kommt es durch Mineralverlust aus Zähnen und Knochen zu Symptomen der manifesten Rachitis:
  • Kraniotabes (nur in den ersten Lebensmonaten tastbar)

  • Skelettdeformationen wie Genua valga oder vara, Sitzkyphose, Quadratschädel, rachitischer Rosenkranz sowie Harrison-Furche (Abflachung oder Einbuchtung der seitlichen Thoraxpartien), Marfan-Zeichen (Doppelhöckerbildung am Außenknöchel),

  • Wachstumsverzögerung

  • Verzögerte psychomotorische Entwicklung

  • Anämie

  • Verzögerter Zahndurchbruch, Zahnschmelzdefekte und Kariesneigung

  • Gelegentlich chronischer Stridor

Bei älteren Kindern können Knochenschmerzen auf eine Rachitis hinweisen – eine wichtige Differenzialdiagnose zu Wachstumsschmerzen.

Tetanie

TetanieBei persistierender schwerer Rachitis oder in der Rekalzifizierungsphase der Rachitis, etwa bei zunehmender UVB-Exposition im Frühjahr, kann es zur hypokalzämischen Tetanie kommen. Betroffen sind v. a. Säuglinge im ersten Lebenshalbjahr.
Die Symptome sind:
  • Schmerzhafte tonische Muskelkrämpfe mit Karpopedalspasmen und Karpfenmund

  • Laryngospasmus

  • Spasmen der glatten Muskulatur (Gallenblase, Sphincter vesicae, Bronchialmuskulatur, Kardia, Pylorus)

  • Positives Chvosteksches Phänomen: Beklopfen des Nervus facialis vor dem Ohr führt zu Zucken in Oberlippen- und Wangenbereich

  • Im EKG QT-Verlängerung

Häufigkeit der Rachitis

Die Inzidenz der manifesten Rachitis ist gering. Unter hellhäutigen Kindern in den USA wird sie mit 0,4 von 100 000 angegeben, verglichen mit 34 von 100 000 Kindern asiatischer Herkunft und 95 von 100 000 Kindern schwarzafrikanischer Herkunft (Callaghan).
Für Deutschland wird die Häufigkeit auf bis zu 400 Fälle jährlich geschätzt. Jedes zweite betroffene Kind weist eine Hypokalzämie auf, jedes fünfte muss wegen eines tetanischen Anfalls stationär behandelt werden. Hinzu kommen etwa 50 ältere Kinder, meist Mädchen, mit Migrantenrachitis und 100 Kinder mit Rachitis durch antikonvulsive Therapie oder schwere Behinderung (Kruse 2000).

Mangelsymptome und Symptome der Überdosierung

Risikofaktoren für Vitamin-D-Mangel

Vitamin DMangelsymptomeMuttermilch hat mit unter 100 IE/l einen relativ geringen Vitamin-D3-Gehalt. Die in Deutschland erhältlichen Formulamilchen enthalten 400–500 IE Vitamin D3 pro Liter. Unabhängig vom Vitamin-D-Gehalt ist die Kalziumresorption aus der Muttermilch zwar deutlich besser als aus Kuhmilchpräparaten, dennoch haben gestillte Kinder ein erhöhtes Risiko eines Vitamin-D-Mangels.
Eine wichtige Voraussetzung für die ausreichende Vitamin-D-Versorgung gestillter Säuglinge ist die ausreichende Versorgung der Mutter mit diesem Vitamin. Schwangere und stillende Mutter sollten sich viel im Freien aufhalten. Bei der Analyse von Rachitiserkrankungen voll gestillter hellhäutiger Kinder in den USA ergab sich als wichtigster Risikofaktor eine mangelnde Einwirkung von Tageslicht auf Mutter und Kind (Daaboul et al. 1997).
Einige Krankheiten können zu Vitamin-D-Mangel bei der stillenden Mutter und ihrem Säugling führen, z. B. Funktionseinschränkungen von Leber, Nieren oder Schilddrüsen, Fettresorptionsstörungen oder Alkoholismus. Auch Antikonvulsiva (außer Valproat) und vegane Ernährung disponieren zu Vitamin-D-Mangel.
Immer mehr Menschen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens in Innenräumen und sind dadurch in puncto Vitamin-D-Versorgung nicht mit den Menschen früherer Epochen vergleichbar, die sich praktisch den ganzen Tag im Freien aufhielten. Kinder und Jugendliche führen heutzutage ein nahezu UV-Licht-freies Leben durch Ganztagsbetreuung, Ganztagsschulen und Medienkonsum. Nach dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey von 2008 weisen Jugendliche mit durchschnittlich 14 ng/ml (35 nmol/ml) niedrige Medianwerte für Vitamin D auf (Thierfelder). Eine schlechte Vitamin-D-Versorgung und dadurch geringere Knochendichte im Jugendalter geht mit dem erhöhten Risiko einer Osteoporose im Erwachsenenalter einher (Cranney et al. 2007)
Melanin absorbiert UVB-Strahlung sehr effektiv und führt bei dunkelhäutigen Menschen in gemäßigten Breiten zu niedrigen Vitamin-D-Spiegeln. Ein besonders hohes Rachitisrisiko haben Mädchen und Frauen aus dem asiatischen oder islamischen Kulturkreis, denn sie sind eher dunkel pigmentiert, ernähren sich oft kalzium- und phosphatarm und tragen meist bedeckende Kleidung („Migrantenrachitis“).
Mangelernährte Kinder haben trotz ausreichender UVB-Bestrahlung und normalem 25(OH)-Vitamin-D3-Spiegel im Blut ein erhöhtes Rachitisrisiko (Nutritionsrachitis).
Eine wichtige Ursache für Vitamin-D-Mangel bei Kindern ist die überhandnehmende Verwendung von Sonnencremes. Die Anwendung einer Creme mit LSF 30 reduziert die Kapazität der Vitamin-D-Produktion in der Haut um 95–98 %. Die Furcht vor Hautkrebs hat dazu geführt, dass viele Menschen im Sommer keine Vitamin-D-Speicher mehr anlegen (Wacker et al. 2013).
Eine Umfrage unter anthroposophisch behandelnden Kinderärzten lässt ein erhöhtes Rachitisrisiko bei Kindern vermuten, deren Eltern in einen schwerwiegenden Beziehungskonflikt untereinander oder mit dem Kind verwickelt sind (Soldner).

Info

Risikokinder für Rachitis sind:

  • Frühgeborene und Neugeborene mit niedrigem Geburtsgewicht

  • Im Herbst geborene Säuglinge, die keine Vitamin-D-Speicher anlegen konnten

  • Vegan, makrobiotisch oder milchfrei ernährte Kinder

  • Kinder in problematischen familiären Verhältnissen („Poor parenting“)

  • Kinder von Müttern mit Vitamin-D-Mangel

  • Dunkelhäutige Kinder, v. a. Mädchen aus Migrantenfamilien

  • Kinder mit folgenden Besonderheiten:

    • Malabsorption, Maldigestion

    • Chronische Nieren- oder Lebererkrankungen

    • Barbiturat- und Phenhydan-Therapie

    • Bettlägerig bei chronischer Krankheit (fehlendes Tageslicht)

Öffentlich empfohlene Rachitis-Prophylaxe

RachitisProphylaxeDie Gabe von 200 IE/Tag Vitamin D3 täglich ist ausreichend für die sichere Verhütung von Rachitis beim Säugling (SCSEDRI 1997, Onwuneme et al. 2012, Siafarikas et al. 2011). In Irland sind täglich 200 IE Vitamin D3, in Großbritannien 300 IE Vitamin D3 im ersten Lebensjahr empfohlen. In den USA wurde 2008 die empfohlene Dosis von 200 IE auf 400 IE Vitamin D3 erhöht, um mögliche Langzeiteffekte einer latenten Unterversorgung zu vermeiden (Kulie et al. 2009).
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin rät zur Verabreichung von 400–500 IE Vitamin D3 pro Tag an alle Säuglinge ab der ersten Lebenswoche, unabhängig von der Art der Ernährung. Für Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 g empfiehlt sie in den ersten Lebensmonaten die Gabe von 1000 IE Vitamin D3. Die Rachitisprophylaxe soll in den Wintermonaten des zweiten Lebensjahres fortgesetzt werden, wenn „die Kleinkinder nicht Gelegenheit hatten, im Frühling und Sommer ausreichend Vitamin D3 durch UV-Bestrahlung der Haut zu bilden“.

Überdosierung von Vitamin D

Vitamin DÜberdosierungFettlösliche Vitamine wie das Vitamin D können grundsätzlich überdosiert werden. Es scheint jedoch einen großen Sicherheitsraum zu geben zwischen den derzeit empfohlenen Substitutionsdosen und einer Überdosierung.
  • Eine Dauertherapie von täglich über 1000 IE Vitamin D3 kann Muskelschwäche, Apathie, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit, Gedeihstörung, Pruritus, Obstipation, Übelkeit und Erbrechen zur Folge haben (Haddad 1992, Holick 2002). Auch die Behandlung Frühgeborener mit 1000 IE Vitamin D3 pro Tag kann zu einer Überdosierung führen, da auch sehr unreife Frühgeborene Vitamin D3 gut resorbieren (Hesse 1997). Die Skelettdemineralisierung beruht bei ihnen weniger auf einem Vitamin-D-Mangel als auf einem Mangel an Kalzium und Phosphor (Tsang et al. 1993).

  • Anhaltende Überdosierungen von Vitamin D3 können zu Kalkablagerungen und Schäden an Nieren, Herz, Lungen und Arterien führen. Sehr hohe Dosen können lebensbedrohliche Herzarrhythmien oder Niereninsuffizienz zur Folge haben.

Die anthroposophische Medizin beklagt die Einschränkung der individuellen Entwicklungsdynamik und „Leibbildung“ durch die hormonelle Substitutionstherapie mit Vitamin D. Gegenüber Zeiten vor Einführung der Vitamin-D-Prophylaxe verlaufe heute die Ossifikation beschleunigt, der Fontanellenschluss sei vorgezogen und könne sich möglicherweise auf die frühkindliche Hirnentwicklung auswirken (Soldner 2002).

Prävention der Rachitis

RachitisPräventionEbenso wie die Prophylaxe mit Impfungen, Vitamin K oder Fluor ist die ganzjährige schematische Verabreichung des hormonartigen Vitamins D an alle Kinder immer wieder kritisch zu prüfen.
Die Homöopathie ist um ein individuelles Vorgehen bemüht. Dazu gehören die Aufklärung der Eltern, die Einschätzung von Risiken, der regelmäßige Kontakt mit Kind und Eltern und die Behandlung konstitutionell disponierter Kinder mit homöopathischen Heilmitteln.

Prophylaxe des Vitamin-D-Mangels

Info

  • Kinder sollten im Sommerhalbjahr mindestens zwei Stunden pro Woche dem blauen Himmelslicht, im Winterhalbjahr zwei Stunden dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt werden – sparsam bedeckt, soweit es die Jahreszeit erlaubt.

  • Auch die stillende Mutter soll sich viel im Freien aufhalten.

  • Das Einschmieren mit Sonnencreme muss die Ausnahme bleiben; es geht nur um die Verhütung von Sonnenbrand.

  • Die Ernährung der Mutter in der Stillzeit und des Kindes nach dem Abstillen sollte kalziumreich sein.

  • Ernährungsfehler wie z. B. Reismilch, Mandelmilch und andere milchfreie Ernährungsformen ohne die Substitution von Kalzium müssen vermieden werden.

Die Substitution mit 200–500 IE/Tag Vitamin D3 (z. B. eine Vigantolette® 500 oder 1 Tr. Vigantol®-Öl) ist zu empfehlen:
  • Im Winterhalbjahr für alle Säuglinge

  • Ganzjährig für Früh- und Mangelgeborene bis zum Erreichen eines Gewichts von etwa 3000 Gramm

  • Ganzjährig für dunkelhäutige Kinder (v. a. asiatischer und afrikanischer Herkunft)

  • Ganzjährig für chronisch kranke Kinder, v. a. bei Resorptionsstörungen, chronischen Leber- und Nierenerkrankungen und seltenem Aufenthalt im Freien (Cave: bei langdauernder Immobilisierung etwa durch Gipsbehandlung kann es durch Vitamin D3 zur Urolithiasis kommen)

Von der Verabreichung von Lebertran muss abgeraten werden, da die Leber als zentrales Stoffwechsel- und Entgiftungsorgan bei Seefischen stark mit Schadstoffen kontaminiert ist.

Früherkennung rachitisgefährdeter Kinder

Säuglinge, deren Eltern keine Vitamin D3-Prophylaxe durchführen wollen, sollten in den Wintermonaten einmal pro Monat zu einer ärztlichen Untersuchung einbestellt werden. Da sich eine Rachitis auch ohne klinische Zeichen entwickeln kann, sind Laboruntersuchungen – AP, Kalzium, Parathormon, Phosphat, 25(OH)-Vitamin D3 – im Winterhalbjahr zu empfehlen. Dies gilt auch für Risikogruppen wie dunkelhäutige, chronisch kranke oder vegan ernährte Kindern.
Wichtig neben der körperlichen Untersuchung sind auch die Erhebung der Ernährungsanamnese und die Einschätzung der familiären und sozialen Situation.

Info

Auf folgende Frühsymptome ist zu achten:

  • Schlechte Laune, Reizbarkeit

  • Vermehrter Kopfschweiß, meist mit saurem Geruch

  • Unruhiger Schlaf

  • Infektanfälligkeit

  • Hypotone Muskulatur, aufgetriebener Bauch

  • Scharfer oder stechender Uringeruch

Die Therapie der manifesten Rachitis besteht aus hochdosierten Gaben von Vitamin D3 und der Substitution von Kalzium über 12 Wochen.

Homöopathische Behandlung von Risikokindern: Repertoriumsrubriken und Arzneimittel

RepertoriumsrubrikenRachitisHauptmittel für rachitisbedrohte Kinder sind Kalzium- und Phosphor-Verbindungen, Mercurius solubilis, Sanicula, Silicea, und Sulphur.
Weitere Mittel finden sich in den Rubriken:
→Kopf – Schweiß – sauer (9): bry, calc, cham, hep, merc, rheum, sep, sil, sulph
→Kopf – Schweiß – Schlaf, während (22): bry, calc, calc-p, cham, kali-c, lyc, merc, sanic, sep, sil, …
→Abdomen – Auftreibung – Kindern, bei (18): bar-c, calc, calc-p, caust, lyc, sanic, sil, sulph, …
→Rücken – Schweiß – Zervikalregion (59): calc, med, phos, sep, sil, sulph, tub, …
→Allgemeines – Rachitis (56): asaf, calc, calc-p, hep, lyc, merc, phos, psor, sep, sil, staph, sulph, tub, …

Praxistipp

Das angezeigte Mittel ist am besten täglich in Q- oder LM-Potenz zu verabreichen. Nach zwei bis vier Wochen muss die Symptomatik überprüft und das weitere Vorgehen besprochen werden. Nur bei Besserung von Laune, Schlaf und Appetit ist die Fortsetzung der homöopathischen Behandlung ausreichend.

Asa foetida
#Asa foetidaRachitisIn der Rubrik „Allgemeines – Rachitis“ als dreiwertig angegeben, jedoch nur in bestimmten Fällen einer beginnenden Tetanie indiziert. Syphilitisches Miasma. Sehr wechselhafte Stimmung. Kalter Stirnschweiß. Koliken mit starkem Blähbauch und fauligem Aufstoßen. Glottisspasmus im Wechsel mit Krämpfen von Fingern und Zehen. Konvulsivisches Zittern. Osteomalazie („Allgemeines – Knochenerweichung“).
Calcium carbonicum
#Calcium carbonicumRachitisTräge, pastös, sucht Schutz. Spätentwickler: Späte Zahnung, langsame motorische Entwicklung. Kopf groß, Fontanelle weit offen, Schweiß an Kopf und im Nacken, oft sauer riechend. Milchschorf. Kariesneigung. Saurer Stuhl, aufgetriebenes Abdomen, hervorstehender Nabel. Verstopfung ohne Drang und Beschwerden. Häufigstes Mittel bei Rachitisbedrohung.
Calcium phosphoricum
#Calcium phosphoricumRachitisUnzufrieden, reizbar, ruhelos. Mag oder verträgt keine Muttermilch. Koliken. Nässender oder blutender Nabel. Verzögerte psychomotorische Entwicklung. Mager mit zu raschem Wachstum. Tonuswechsel der Muskulatur – mal hypoton, mal hyperton. Weit offene Fontanelle, dünner Schädelknochen. Neigung zu Hydrozephalus. Schwierige Zahnung, frühzeitige Karies.
Mercurius solubilis
#Mercurius solubilisRachitisEmpfindlich, launisch, unruhig. Blasser Teint. Kephalhämatom. Weit offene Fontanelle. Reichlicher Schweiß < nachts, schlecht riechend. Schmieraugen. Zahnung spät und schwierig. Mundsoor. Viel Speichelfluss. Feuchtes Ekzem am Kopf und im Gesicht, feuchte Windeldermatitis. „Hexenmilch“, Säuglingsmastitis.
Phosphorus
#PhosphorusRachitisFreundlicher, zugewandter Charakter. Mager trotz großem Appetit. Großer Hunger v. a. nachts. Profuser Nachtschweiß, Schweiß der Handflächen. Früh- oder Spätentwickler, früher Zahndurchbruch. Lange schlanke Gliedmaßen. Blutungsneigung: Nabelblutung, Blutstuhl, Bluterbrechen.
Sanicula aqua
#Sanicula aquaRachitisWechselnde Stimmung, reizbar, Zorn bei Berührung. Entwicklungsverzögerung. Schreit nachts (vor 0:00 Uhr), wenn es hochgehoben oder getragen wird, vor dem Urinieren. Kopfschweiß v. a. am Hinterkopf, im Schlaf. Riechender Fußschweiß. Erbricht nach dem Stillen und schläft dann ein. Abdomen vergrößert bei Abmagerung des übrigen Körpers. Obstipation. Geruch der Absonderungen nach Fisch oder altem Käse.
Silicea
#SiliceaRachitisSchüchtern, „brav“. Früh- oder Mangelgeborenes. Entwicklungsverzögerung. Sehr frostig. Empfindlich gegen Geräusche. Fontanelle lange offen. Kopfschweiß, übelriechender Fußschweiß. Häufige Infekte und eitrige Entzündungen. Abneigung gegen und Erbrechen nach Muttermilch. Abmagerung bei aufgetriebenem Bauch. Obstipation, Stuhl schlüpft zurück.
Staphisagria
#StaphisagriaRachitisÜbelriechender Kopfschweiß. Feuchtes krustiges Ekzem am Hinterkopf. Haarausfall am Hinterkopf. Zahnung schwierig, vorzeitige Karies – Zähne schwarz. Aufgetriebenes Abdomen.
Sulphur
#SulphurRachitisNeugierig, unbekümmert, will alles selber machen. Schweiß an Hinterkopf und im Nacken. Icterus neonatorum. Großer Kopf, aufgetriebenes Abdomen. Abmagerung trotz Heißhunger. Stinkender weicher Stuhl morgens. Rote Körperöffnungen, atopisches Ekzem, Windeldermatitis. Häufiges Erwachen nach Mitternacht.

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Vitamin K

Vitamin KProphylaxeVitamin KVitamin K ist ein fettlösliches Protein, dessen Mangel eine Blutungsneigung durch zu niedrige Blutspiegel von Prothrombin und den Blutgerinnungsfaktoren IV, IX und X zur Folge hat. Es wird nicht nur als Vitamin K1 (Phylloquinon) mit der Nahrung zugeführt, sondern auch als Vitamin K2 (Menaquinon) von der körpereigenen Darmflora synthetisiert.

Symptome eines Vitamin-K-Mangels des Neugeborenen

Vitamin KMangelsymptomeDer Fötus wird über eine Plazentaschranke vor einer Überversorgung mit Vitamin K geschützt. Reifgeborene Kinder nehmen über die Muttermilch in aller Regel ausreichend Vitamin K auf. Dennoch kommt es bei einzelnen Neugeborenen in den ersten drei Lebensmonaten zum Morbus haemorrhagicus neonatorumMorbus haemorrhagicus neonatorum durch Vitamin-K-Mangel. Bei der Laboruntersuchung findet man einen niedrigen Quick-Wert und unwirksame Vorstufen von Prothrombin (PIVKA II). Ein Drittel der betroffenen Kinder hat keine bekannten Risikofaktoren.

Info

Es gibt drei Formen der Vitamin-K-Mangelblutung:

  • Die frühe oder diaplazentare Form in den ersten 24 Lebensstunden. Sie ist bedingt durch Medikamente, die die Mutter während der Schwangerschaft genommen hat.

  • Die klassische Form zwischen dem zweiten und siebten Lebenstag. Sie führt v. a. zu Bluterbrechen und Blutstühlen, nur sehr selten zu Hirnblutungen. Betroffen sind bis zu 4,4 von 1000 Neugeborenen.

  • Die späte Form in der zweiten bis zwölften Lebenswoche mit Gipfel in der vierten Woche. Ihre Inzidenz liegt bei 4–7: 100 000. Sie ist besonders gefürchtet, da 58 % der betroffenen Kinder eine Hirnblutung erleiden. Jedes zweite von ihnen (1–2: 100 000) behält dadurch einen Hirnschaden oder stirbt. Weitere Blutungslokalisationen sind die Haut und der Gastrointestinaltrakt.

Warnzeichen, bei deren Beachtung durch sofortige Vitamin-K-Gaben eine Hirnblutung unter Umständen verhindert werden kann, sind sichtbare Blutungen aus Nabel, Mund oder Nase und unter die Haut, ebenso Bluterbrechen, Hämaturie oder Blutstühle.
Bei einem Drittel der von einer Hirnblutung betroffenen Kinder gehen keine Warnzeichen voraus. Die Blutung tritt plötzlich aus völliger Gesundheit auf und ist oft diagnostisch zunächst schwer zu interpretieren, da sie andere Krankheiten wie Sepsis oder Meningitis vortäuschen kann. Die Symptome reichen von Blässe, Reizbarkeit, Erbrechen und Fieber bis hin zu Apathie, Bewusstlosigkeit und Krampfanfall. Häufig ist die Fontanelle vorgewölbt.

Risikogruppen

Als ausreichende Vitamin-K-Zufuhr in den ersten sechs Lebensmonaten gibt das US Institute of Medicine 2 µg/Tag an (IOM 2002). Obwohl Muttermilch mit durchschnittlich 2,1 µg/l deutlich weniger Vitamin K enthält als künstliche Babynahrungen mit über 30 µg/l, sind voll gestillte Kinder in aller Regel ebenso gut mit Blutgerinnungsfaktoren versorgt wie künstlich ernährte Kinder (Pietersma-DeBruyn et al. 1990).
Dennoch sind von der späten Form der Vitamin-K-Mangelblutung zu über 90 % voll gestillte Kinder betroffen – Buben doppelt so häufig wie Mädchen.

Info

Ein besonders hohes Risiko für Vitamin-K-Mangelblutungen haben Kinder mit Störungen oder Erkrankungen in der Neugeborenenphase.

  • Frühgeborene – das Blutungsrisiko liegt etwa zehnfach über dem Risiko reifgeborener Kinder.

  • Neugeborene mit Gedeihstörung oder Mangelernährung.

  • Kinder, die in den Wochen nach der Geburt mit Breitspektrum-Antibiotika (v. a. Cephalosporinen) behandelt werden – bei ihnen werden Darmbakterien zerstört, die zur Vitamin-K-Versorgung beitragen.

  • Kinder mit Galleabflussstörung durch Gallengangatresie, Hepatitis oder Mukoviszidose. Sie machen 37 % der von einer späten Blutung betroffenen Kinder aus. Die Symptome sind Icterus prolongatus, entfärbte Stühle und/oder meist Hepatomegalie.

Ätiologie

Bei gesunden Neugeborenen kann es durch folgende Faktoren zu einer Vitamin-K-Mangelversorgung kommen (modifiziert nach Graf 1996):
  • Medikamente in der Schwangerschaft, die auf den Vitamin-K-Stoffwechsel wirken: Antiepileptika (Phenytoin, Primidon), Antikoagulantien auf Cumarinbasis, Acetylsalicylsäure, Breitspektrum-Antibiotika (Cephalosporine, Sulfonamide, INH und Rifampicin), außerdem Laxanzien auf Ölbasis durch Beeinträchtigung der Fettverdauung.

  • Erkrankungen der Mutter mit unzureichender Vitamin-K-Absorption: Malabsorptions-Syndrome, Cholestase (Alpha-1-Antitrypsinmangel, Mukoviszidose, Zytomegalie-Virusinfektion, Verschlussikterus), Pankreaserkrankungen, A-β-Lipoproteinämie.

  • Fehlernährung in der Schwangerschaft. Zur Vitamin-K-Unterversorgung führen „Junkfood“, Gefrierkost und bestrahlte Lebensmittel.

  • Traumatische Geburt mit Stressstoffwechsel des Neugeborenen, etwa Notsectio, Zangengeburt, Vakuumextraktion oder Geburt aus Steißlage.

  • Medikamente während der Geburt (Schmerzmittel, Lokalanästhetika, Narkotika).

  • Spätes erstes Anlegen des Neugeborenen oder geringe Milchproduktion in den ersten Tagen, etwa nach Sectio oder Geburtskomplikationen. Kolostrum enthält besonders viel Vitamin K; der frühe Saugkontakt mit der Mutterbrust führt zu einem raschen Aufbau einer Vitamin-K-produzierenden Darmflora.

Substitution und Mangel an Vitamin K

Vitamin-K-Substitution

Vitamin KSubstitutionWürde lediglich den Frühgeborenen und Risikokindern Vitamin K verabreicht, so würde es in Deutschland immer noch jährlich 30 Fälle von Hirnblutung durch Vitamin-K-Mangel geben (von Kries et al. 1992). Seit den 1960er-Jahren ist daher die Gabe von Vitamin K an alle Neugeborenen empfohlen. Bis 1993 wurde es intramuskulär verabreicht, seit 1993 unter dem Eindruck der Studie von Golding in oraler Form.
Es gelten folgende Empfehlungen der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde:
  • Die dreimalige orale Gabe von 2 mg Vitamin K: am ersten Lebenstag (U1), an einem Tag im Zeitraum vom 3.–10. Lebenstag (U2) und an einem Tag in der 4.–6. Lebenswoche (U3). Die zweite und dritte orale Vitamin-K-Gabe sind unverzichtbar bei Kindern, die voll gestillt oder mit selbst zubereiteter Kuhmilchnahrung ernährt werden.

  • Die parenterale Gabe von 1 mg Vitamin K bei Neugeborenen in schlechtem Allgemeinzustand, bei Verdacht auf Resorptionsstörungen und bei Zweifeln an der Durchführbarkeit der 3-maligen oralen Vitamin-K-Gabe; ebenso bei Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 g (Dosis: 200 µg/kg i. m. oder s. c.).

Eine 100-prozentige Sicherheit vor Blutungen kann nicht erzielt werden, v. a. nicht bei gestillten Kindern mit Cholestase. Die Vitamin K-Prophylaxe hat jedoch die Häufigkeit schwerer Blutungsereignisse auf 0,4–0,7 von 100 000 Kindern reduziert (DGKJ 2013). Das Risiko von Spätblutungen wurde etwa um den Faktor 10–15 gesenkt (Sutor et al. 1995).
Kinder, die künstliche Säuglingsnahrung trinken, erhalten durch die Vitaminzusätze eine Dosis von 25–50 µg Vitamin K pro Tag. Selbst bei Cholestase ist dadurch ein sehr guter Schutz vor Blutungen gegeben, wahrscheinlich wegen der gleichförmigen Verteilung der Dosis über den Tag (Hasselt et al. 2008).

Vitamin-K-Prophylaxe

Vitamin KProphylaxeDer natürliche Vitamin-K-Blutspiegel liegt beim menschlichen Fötus und Neugeborenen (> 0,05 µg/l) weit unter dem von älteren Kindern und Erwachsenen (ca. 0,5 µg/l). Dies wird von der modernen Medizin als Vitamin-K-Mangel interpretiert und durch Substitution von Vitamin K1 „ausgeglichen“. Nach intramuskulärer oder oraler Gabe von 1–2 mg Vitamin K1 steigen die Blutspiegel auf 15 bis 18 µg/l, was einem mindestens 300-fachen Anstieg entspricht (Gupta et al. 1994). Besonders Frühgeborene können mit exzessiven Plasmaspiegeln über Tage bis Wochen reagieren (Costakos et al. 2003, Greer et al. 2010).
Auswirkungen hoher Vitamin-K-Spiegel auf die Zytokinausschüttung, die Insulinproduktion und die kardiale Reizleitung sind beschrieben (Reddi et al. 1995, Sakamoto et al. 2000, Drolet et al. 2000). Eine wichtige Aufgabe hat Vitamin K offenbar auch im Stoffwechsel von Wachstumsfaktoren, die unter anderem die Entwicklung des zentralen Nervensystems steuern (Tsaioun 1999, Berkner 2000, Stafford 2005).
Im Jahre 1992 veröffentlichten Golding und Mitarbeiter im British Medical Journal eine Studie, in der sie einen Zusammenhang zwischen intramuskulärer Vitamin-K-Gabe und Krebserkrankungen bei Kindern herstellten. Mehrere daraufhin durchgeführte Metaanalysen konnten diesen Zusammenhang nicht bestätigen (z. B. Roman et al. 2002), die Diskussion ist vorläufig abgeschlossen (Passmore et al. 1998, Roman et al. 2002, Fear et al. 2003).
Dennoch muss bei einer Krankheit, die mit einer Seltenheit von wenigen Fällen auf 100 000 Kinder vorkommt, eine Prophylaxe sehr sicher sein, da die allermeisten Kinder unnötig behandelt werden. Es wird möglicherweise ein bisher nicht verstandener Schutzmechanismus der Natur unterlaufen.
Mehr im Einklang mit physiologischen Abläufen ist die Prophylaxe mit täglichen Gaben niedriger Vitamin K1-Dosen, wie sie z. B. in den Niederlanden empfohlen ist.
Wird die Vitamin K-Prophylaxe beim Kind generell abgelehnt, kann die Mutter durch orale Vitamin K-Aufnahme oder durch den Verzehr von Vitamin K-haltigen Lebensmitteln den Gehalt der Muttermilch an Vitamin K steigern.

Alternativen zur öffentlich empfohlenen Vitamin-K-Gabe

Die Prophylaxe mit täglich 25 µg Vitamin K1/Tag, die bis 2011 in den Niederlanden empfohlen war und teilweise auch in Deutschland angewandt wurde, hat sich als nicht ausreichend wirksam erwiesen: Bei vollgestillten Säuglingen mit Cholestase kam es vereinzelt zu Blutungen mit teils gravierenden Folgen (AkdÄ 2015). Die Ernährungskommission der Kinderärztlichen Gesellschaft riet daher von dieser Form der Prophylaxe ab (DGKJ 2013).
Inzwischen wurde in den Niederlanden die Empfehlung geändert: Alle Neugeborenen erhalten nach der Geburt 1 mg Vitamin K1 oral, die voll gestillten Kinder bekommen dann bis zur vollendeten 13. Lebenswoche 150 µg Vitamin K1 pro Tag. Eine dementsprechende Rezeptur ist: Rp. Vitamin K 37,56 mg in Mandelöl 20.0. Dosierung: 2 Tropfen/Tag über die ersten drei Lebensmonate.
Nimmt die Mutter täglich 2,5 mg Vitamin K1, so kann sie den Vitamin K-Gehalt der Muttermilch von 2–3 µg/l auf 64 µg/l steigern und damit die Vitamin K1-Gabe an das Kind überflüssig machen (Bolisetty et al. 1998, Greer et al. 1997).
Verzehrt die Mutter vermehrt Vitamin K-haltige Lebensmittel, so ist möglicherweise auch ein gewisser Schutz des Neugeborenen zu erzielen; die Effektivität ist jedoch nicht durch Studien gesichert. Sehr gute Vitamin K-Quellen sind Geflügel, Kopfsalat, Spinat, Avocado, Broccoli und Blumenkohl (0,2–0,4 mg Vitamin K pro Tasse), außerdem Soja- und Olivenöl (1 TL entspricht 0,1 mg Vitamin K). Das Einfrieren von Lebensmitteln führt zu einem hohen Verlust an Vitamin K, während es durch Erhitzen nicht zerstört wird.
Muss dem Kind (oder der stillenden Mutter) in den ersten Lebenswochen ein Antibiotikum verabreicht werden, so kann durch anschließende Zufuhr von Bifidusbakterien (z. B. 1/2 Beutel Symbiolact B täglich) die Vitamin K-Produktion im Darm angeregt werden.
Aus der Sicht der natürlichen Geburtshilfe ist die Blutungserkrankung des Neugeborenen Folge eines unsensiblen Umgangs mit Mutter und Kind. Zur Prophylaxe eines Blutungsereignisses könnten daher beitragen (modifiziert nach Graf 1996):
  • Vermeiden von Medikamenten in der Schwangerschaft

  • Stressfreie Geburt möglichst ohne Medikamente und/oder Narkotika

  • Sensible Betreuung von Mutter und Kind v. a. in der ersten Stunde nach der Geburt mit fortwährender Belassung des Kindes bei der Mutter

  • Erster Stillkontakt gleich nach der Geburt (ausreichendes Angebot von Vitamin-K-reichem Kolostrum)

Info

Lehnen die Eltern die hoch dosierte Vitamin K1-Gabe ab, können folgende Maßnahmen die Wahrscheinlichkeit einer Blutungskrankheit verringern:

  • Vitamin-K-Substitution in den ersten drei Lebensmonaten entweder mit täglich 150 µg Vitamin K1 an das Kind oder mit täglich 2,5 mg Vitamin K1 an die Mutter,

  • Sättigung der Muttermilch mit Vitamin K durch Verzehr von Lebensmitteln mit hohem Vitamin K-Gehalt.

Wie in anderen Bereichen gibt es auch bei der Vitamin-K-Problematik keine vollständige Sicherheit. Voraussetzung für das Abweichen von den offiziellen Empfehlungen ist die informierte Einwilligung der Eltern.

Sichtweise der Homöopathie

Vitamin Kaus Sicht der HomöopathieIn der klassischen Homöopathie gibt es keine standardisierte Prophylaxe von Erkrankungen. Die Gabe von homöopathischen Mitteln orientiert sich an Symptomen und nicht an Diagnosen.
Der Morbus haemorrhagicus neonatorumMorbus haemorrhagicus neonatorum stellt aus folgenden Gründen ein besonderes Problem dar:
  • Ein schweres Blutungsereignis ist extrem selten; die meisten homöopathisch therapierenden Ärzte werden nie einen Fall erleben und haben daher auch keine Erfahrung mit der Symptomatik.

  • Die Effektivität einer homöopathischen „Prophylaxe“ wird sich nicht beweisen lassen, da hierfür ein sehr großes Patientenkollektiv notwendig wäre.

  • Ein Blutungsereignis ist in über der Hälfte der Fälle fatal für das Kind. Dies hat juristische Konsequenzen, falls es doch einmal bei unterlassener Vitamin-K-Prophylaxe zu einem solchen Fall kommt – auch wenn diese Prophylaxe nicht 100-prozentig wirksam ist.

In jedem Fall muss auch der homöopathisch arbeitende Kinderarzt die Eltern über das Risiko einer Blutung aufklären, ebenso über die Möglichkeit und das Für und Wider einer Prophylaxe mit Vitamin K1.
Die Gabe von stofflichen Arzneimitteln – ob hochdosiert oder kontinuierlich in niedriger Dosis verabreicht – kann Arzneimittelprüfungssymptome auslösen. Vitamin K wurde bisher weder in unverdünnt noch in homöopathisch potenzierter Form am Gesunden geprüft, sodass hierüber keine Informationen vorliegen. Eine Prüfung wäre wünschenswert, um mehr Erkenntnisse zu möglichen Nebenwirkungen zu bekommen.

Homöopathische Arzneimittel

Folgende homöopathische Mittel können bei Blutungsneigung flankierend eingesetzt werden:
  • Aconitum: Folgen von Schock, Geburtstrauma, Todeserlebnis, Asphyxie. Früh-Ikterus, Harnverhaltung. #Aconitum napellusBlutungsneigung

  • Arnica: Folgen einer traumatischen Geburt mit Quetschung von Gewebe, Extravasaten, Zerrungen. #Arnica montanaBlutungsneigung

  • Millefolium: Hellrote Blutungen, Blutandrang, Hirnblutung. Von Kent zur Blutungsprophylaxe bei Operationen oder Zahnextraktionen empfohlen. #MillefoliumBlutungsneigung

  • Phosphorus: Starke Neigung zu Blutungen und Hypoglykämie. Blut hellrot bis blass. Hämangiom, Naevus flammeus. #PhosphorusBlutungsneigung

Literatur

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