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B978-3-437-56313-3.00021-2

10.1016/B978-3-437-56313-3.00021-2

978-3-437-56313-3

Abb. 21.1

[F125–001]

Perzentilenkurven für die Nachtschlafdauer

Abb. 21.2

[L106]

Kindliche Schlafarchitektur und Schlafstörungen

Abb. 21.3

[P333]

Jan, 13 Jahre

Abb. 21.4

[P333]

Matthias, vier Jahre

Abb. 21.5

[P333]

Moritz, fünf Jahre

Abb. 21.6

[P333]

Sebastian, zwei Jahre

Abb. 21.7

[P333]

Dietlind, sieben Jahre

Abb. 21.8

[P333]

Nora, 13 Jahre

Abb. 21.9

[P333]

Sonja, 18 Monate

Abb. 21.10

[P333]

Patrik, zehn Jahre

Abb. 21.11

[P333]

Fabian, vier Jahre

Die Themen der Essstörunghomöopathische ArzneimittelEssstörung und die behandelten Arzneien

Tab. 21.1
Essstörung Behandelte Arznei
Adipositas Calcium carbonicum, Capsicum, Antimonium crudum
Anorexia nervosa Arsenicum, China, Vanadium
Bulimia nervosa Sepia, Lac caninum, Acidum muriaticum
Borderline-Syndrom Hydrogenium, Saccharum, Follikulinum
Selbstbeschädigung Tarentula, Veratrum album

Altersbindung der kindlichen Ängste nach Friedrich (2002) und Steinhausen (2010)

Tab. 21.2
Altersstufe Normative Angst Angststörung
Säuglingsalter Fremdenangst
Kleinkindalter Trennungsangst, Tier-, Gespenster-, Dunkelangst Tierphobie
Mittlere Kindheit Soziale Einpassungsängste Trennungsangst, Schulphobie, Schulangst
Frühe Adoleszenz Reifungsängste Sozialphobie
Adoleszenz Existenzängste Generalisierte Angststörung, Panikstörung, Agoraphobie

Die Themen der Angsthomöopathische ArzneimittelAngst und die beschriebenen Arzneien

Tab. 21.3
Ängstliches, vorsichtiges Kind Pulsatilla, Silicea, Causticum
Kleinkind mit seinen typischen Ängsten Belladonna, Tuberculinum, Abelmoschus
Kind mit Trennungsangst Calcium carbonicum, Lac caninum, Carcinosinum
Sozialphobisches Kind Argentum nitricum, Gelsemium, Lycopodium
Kind mit Panikstörung Aconitum, Arsenicum album
Agoraphobie Aconitum, Gelsemium, Argentum nitricum

Depressive Reaktionsmuster und die im Text beschriebenen Arzneimittel

Tab. 21.4
Beschwerden durch Verlust Ignatia, Causticum, Calcium carbonicum
Beschwerden durch Kummer Pulsatilla, Phosphorus, Acidum phosphoricum, Natrium muriaticum
Beschwerden durch Zorn mit stillem Kummer Staphisagria, Lycopodium
Beschwerden durch Tadel Opium (auch: ign, staph, stram, med, carc)

Erkrankungsverlauf der Störungen des Sozialverhaltens beim KindSozialverhalten, StörungenErkrankungsverlauf

Tab. 21.5
Altersstufe Verhaltensmuster Fakultative
Begleitsymptome
Geburt und Stillzeit Auffallender Säugling, „schwieriges Temperament“ Erbliche Belastung, perinatales Trauma
Vorschulalter Trotzphase, cholerisches Temperament, unruhig-aggressives Kind Hyperaktivität
Schulalter Offen aggressives Verhalten Lernstörungen, Kontaktprobleme
Jugendalter Verdeckt aggressives Verhalten Stehlen, Lügen, Suchtmittelabusus, Delinquenz
Frühes Erwachsenenalter Antisoziale Persönlichkeit Kriminalität, Verwahrlosung

Das aggressive Kindaggressives Kind und die angeführten Arzneien

Tab. 21.6
Cholerisches Temperament Belladonna, Chamomilla, Cina
Offen aggressives Verhalten Medorrhinum
Zerstörerisches Verhalten Stramonium, Hyoscyamus, Anacardium, Cantharis
Verdeckt aggressives Verhalten Nux vomica, Lachesis, Bufo
Aggressives Verhalten mit depressiver Grundstimmung Anacardium, Belladonna, Lachesis, Hyoscyamus, Stramonium

Arzneien für das autistische Kind inkl. Zwangsstörungen

Tab. 21.7
Arzneigruppe Beschriebene Arzneien
Nosoden Carcinosinum, Syphilinum, Lyssinum
Tierarzneien Tarantula, Prionurus, Bufo rana
Giftarzneien Hyoscyamus, Helleborus
Kummerarzneien Natrium muriaticum, Lycopodium, Staphisagria
Zwang Lac caninum

Psychogene Störungen

Michael Drescher

Jutta Gnaiger-Rathmanner

Herbert Pfeiffer

Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen

Jutta Gnaiger-Rathmanner

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie von heute stellt den Entwicklungsgedanken des Kindes in den Mittelpunkt der Betrachtung und verhält sich zurückhaltend mit der Zuordnung zu den eigentlichen psychiatrischen Diagnosen. Sie bevorzugt die Beschreibung von Auffälligkeiten, von VerhaltensVerhaltensauffälligkeiten- und Temperamentsvarianten und Störungen. Der Verlauf der Störungen gilt weithin als unvorhersagbar, da viele Faktoren den weiteren Weg des Kindes bestimmen und bedingen, und das Kind immer in Wechselwirkung mit seiner Umgebung steht.

Die Entwicklung des Kindes mit psychischen Auffälligkeiten ist also immer multifaktoriell und interaktionell beeinflusst, und zwar im Wesentlichen von folgenden Faktoren:

  • Konstitution und Veranlagung, die auch sein Temperament bedingen

  • Reaktionen der sozialen Umwelt

  • Lebensgeschichtlicher Kontext

  • Situativer Kontext

Gemäß internationalen Statistiken leidet heute jedes fünfte Kind und jeder fünfte Jugendliche an einer behandlungsbedürftigen psychogenen Störung. Bezüglich des Alters gibt es zwei charakteristische Gipfel: den ersten im Alter von sechs bis zehn Jahren, den zweiten mit 13 bis 16 Jahren.

Das Geschlecht ist insofern von Bedeutung, als die Jungen im Kindesalter bei den psychogenen Störungen im Verhältnis 2 : 1 vor den Mädchen dominieren, während sich das Verhältnis für das Jugendalter auf 1 : 1 annähert.

Die Untersuchung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie stützt sich v. a. auf folgende Bereiche:

  • Anamnese mit dem Kind und den Eltern

  • Psychopathologische Befunderhebung

  • Körperliche Untersuchung

  • Psychologische Diagnostik

Grundlagen

Die körperliche Entwicklung mit allen Leibes- und Sinnesfunktionen ist immer Ausdruck der Individualität des Kindes. Diese geht unmittelbar Hand in Hand mit der seelisch-geistigen Entwicklung und Prägung einher. Schon von Anfang an: „Im ersten Atemzug, in jeder Regung, in jedem Laut verrät sich der Mutter die Anwesenheit der Seele ihres Kindes“ (Soldner et al. 2011).
Die ersten drei Jahre im Leben des Kindes sind besonders prägend – sowohl für seine somatische als auch seine psychische Entwicklung. Zum einen erwirbt es sich die grundlegenden motorischen, sensorischen und sprachlichen Fähigkeiten, zum anderen durchläuft es die Phase der Bindung, dann der Autonomie, schließlich die Phase der Identifikation mit Eltern und Geschwistern, dann die Differenzierung gegenüber denselben. Dabei bilden sich die ersten sozialen Fähigkeiten, das Grundvertrauen in sich selbst und in die Welt, die Frustrationstoleranz und eine erste Affektkontrolle aus (5.14).

Bindung und Bindungsqualitäten

Im ersten Lebensjahr hat die Mutter-Kind-Interaktion tragende Bedeutung. Diese wird von der BindungstheorieBindung, Bindungsqualitäten erforscht und beschrieben. Als bestimmende Faktoren gelten die Feinfühligkeit der Mutter, die Bindungsfähigkeit der Mutter, die Bindungskonstanz zur ersten Bezugsperson sowie das Temperament des Kindes. Im Alter zwischen 12 und 18 Monaten lassen sich beim Kind charakteristische Reaktionen und Verhaltensweisen unterscheiden, wenn man es der „Fremden Situation“ aussetzt: Das ist die kurzzeitige Trennung von der Mutter unter standardisierten Bedingungen.
Es lassen sich dabei vier Bindungsqualitäten unterscheiden: KindBindung, Bindungsqualitäten
  • Sicher gebundenes Kind („secure“)

  • Unsicher-vermeidend gebundenes Kind („avoidant“)

  • Unsicher-ambivalent gebundenes Kind („ambivalent“)

  • Kind mit unsicher-desorganisiertem Bindungsmuster

Diese Bindungsqualitäten bleiben ein bestimmendes Merkmal in der weiteren Entwicklung im Leben des Kindes, variiert durch die zusätzlich auftretenden Schutz- und Risikofaktoren (Brisch 2015).

Praxistipp

Schon im Alter von zwei Jahren lassen sich Merkmale an Kindern unterscheiden, die das Temperament des „schwierigen“ (Klein)Kindes beschreibbar machen, das sich durch folgendes Verhalten auszeichnet:

  • Traurig, weinend, negativ als allgemeine Stimmungslage

  • Hang zu Unregelmäßigkeit der biologischen Funktionen wie Schlaf und Appetit

  • Rückzug als Reaktion auf neue Situationen

  • Langsame Anpassung an Veränderungen

  • Heftige und intensive emotionale Reaktionen auf alltägliche Anlässe

Gegenüber ihren fröhlichen, lächelnden, anpassungsfähigen, „einfachen“ Altersgenossen mit guter Prognose lassen sich bei dieser Art von Kleinkindern später mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit Verhaltensprobleme erwarten (Thomas und Chess zitiert in Steinhausen 2010).

Kleinkind
Mit drei Jahren hat das gesunde Kleinkind eine erste Stufe der Selbstregulationskompetenz erreicht (Rankl 1999). Dies wird auch als „psychische Geburt“ bezeichnet: Sie „stellt eine Zäsur in der Entwicklung des Menschen dar. Menschen, die diese Geburt nicht vollzogen haben und deren Symptome Ausdruck spezifischer Lösungsstrategien für eine nicht gelungene Separation/Individuation von der Mutter darstellen, haben eine frühe Störung“ (Stauss 1994). Auf ihrem Boden gedeihen bevorzugt pathologisch regressive Verhaltensmuster wie Autismus (21.14), psychotische Störungen mit Phobien und Zwängen sowie das Borderline-Syndrom, das den Hintergrund der meisten Patienten mit Suchtstörungen inkl. der Essstörungen (21.5) bildet.
Schulalter
Im Schulalter bestimmt das Temperament – d. h. die individuelle Leib-Seele-Beschaffenheit – die Reaktionsweise und das Verhalten des Kindes. Es wird das phlegmatische, sanguinische, cholerische und melancholische Temperament unterschieden. Jedes Temperament bedeutet charakteristische Fähigkeiten und Mängel, Stärken und Schwächen. Besonders, wenn es in ausgeprägt einseitiger Form vorkommt und auf ungünstige pädagogische und situative Einflüsse stößt, kann jedes der Temperamente in seine ihm zugehörige psychogene Pathologie abgleiten (Goebel 2001, Eltz 1994).
„Hochbegabt, verhaltensauffällig, hyperaktiv, aufmerksamkeitsgestört, das sind einige Begriffe, mit denen eine immer größer werdende Zahl von Kindern bezeichnet wird, die den normalen Verhaltens- und Entwicklungsvorstellungen nicht mehr entspricht“ (Woitinas 2002). Diese sogenannten „Indigokinder“ oder „Sternenkinder“, die als die Herausforderer jeder eingefahrenen Pädagogik und Therapie im Volksmund viel von sich reden machen, sollen in den entsprechenden folgenden Kapiteln auch ihre Berücksichtigung finden, auch wenn sie keinen Eingang in die wissenschaftliche Terminologie gefunden haben (21.12, 21.13).
Pubertät
In der Pubertät können die Störungen der früheren Jahre rezidivieren oder erstmals auftreten – meist auf dem Boden von latenten Beziehungsstörungen der Kinderjahre. Hierzu zählen vorrangig die Essstörungen (21.5), zudem die delinquenten Handlungen, die Suchtstörungen, die affektiven Störungen mit und ohne Suizidalität. Echte Psychosen, Neurosen und Zwangsstörungen, wie sie im Erwachsenenalter auftreten, können ihren Beginn in der Pubertät nehmen.

Diagnostik

Bei der Diagnose und Differenzialdiagnose muss in erster Linie Folgendes beachtet werden:
  • Schweregrad der Erkrankung

  • Komorbidität mit anderen psychogenen und funktionellen Störungen

  • Hinweise auf eine echte Psychose oder ein organisches Psychosyndrom

  • Aspekte von Bindung und Trauma in der Biografie des Kindes

  • Psychischer und intellektueller Entwicklungsstand

  • Sensomotorischer Reifezustand unter Berücksichtigung von Koordination und Wahrnehmung

  • Zugrundeliegende somatische Erkrankungen

Die aktuelle Forschung befasst sich mit hirnbiologischen und neurophysiologischen Untersuchungen. Auch die Genforschung bemüht sich um griffige Daten zur Frage der Veranlagung von psychischen Störungen bei Kindern. Die Studien sind in den meisten Fällen erst im Anfangsstadium, somit noch ohne Relevanz für die angewandte Praxis.

Konventionelle Therapie

Nach sorgfältiger Diagnostik unter Einbeziehung aller Faktoren von Komorbidität ist ein indikationsbezogener Therapieplan zu erstellen. Dieser besteht meist aus mehreren Schritten gleichzeitig oder hintereinander und bezieht das Kind sowie sein Umfeld gleichermaßen ein.
  • In der PsychotherapiePsychotherapieVerhaltensauffälligkeiten bei Kindern „ist schon früh der stützende Wert der Aufmerksamkeit erkannt worden, welche ein zugewandter Erwachsener dem Kind entgegenbringt und somit dem explorierenden Teil der Therapie hinzufügt“ (Steinhausen 2002). Für die besonderen Aufgaben in der Kinder- und Jugendpsychiatrie stehen die personenzentrierte Spieltherapie, das katathyme Bilderleben, körperbezogene Therapien wie Entspannungstechniken und konzentrative Bewegungstherapie, sodann die Mal- und Musiktherapie zur Verfügung.

  • Aus der systemischen Familientherapie kommt das Verständnis dafür, wie sehr das Verhalten der Eltern auf dasjenige des Kindes bezogen ist und vice versa, das heißt, wie sehr es sich gegenseitig – zwingend und unausweichlich – bedingt. Daraus folgt eine gezielte Einbindung der Eltern in die Therapie.

  • Auch die Verhaltenstherapie hat sich bewährt. VerhaltenstherapieVerhaltensauffälligkeiten

  • Die Bindungstheorie und die Traumatheorie bieten neue, fundierte psychotherapeutische Ansätze, die in der Kindermedizin ebenso wie in der Pädagogik schon viel Anklang gefunden haben.

  • Zunehmend etabliert sich auch eine Reihe von Psychopharmaka in der Kindermedizin.

  • Die funktionellen Therapien fußen auf dem Konzept der zentralen Koordinationsstörung (Vojta, 5.16) infolge frühkindlich erworbener Hirnfunktionsstörungen. Heutzutage wird in diesem Zusammenhang eher von Hirnreifungsstörungen gesprochen. Die neurophysiologische Therapie versteht sich als kausaler Weg und wird ergänzt durch das Therapieangebot mit psychomotorischer Übungsbehandlung, sensorisch-integrativer Therapie und Wahrnehmungstraining. Auch die Logo- sowie die Ergotherapie gehören hierher.

Unterstützende Maßnahmen

Alle Hilfen, die den Lebensrhythmus und die Lebensordnung im Umfeld des Kindes stärken, sind wertvoll. Die wichtigsten Hinweise dazu können sich aus einer eingehenden Anamnese wie etwa der homöopathischen ergeben. Es gilt, die psychogenen Störungen möglichst früh zu erfassen und gezielt zu behandeln.
Eine Erziehungsberatung sollte die Eltern in ihrer Aufgabe und in ihrer positiven Meinung über ihr Kind zuerst bestätigen, sodann bei Vorliegen von Fehlhaltungen in einem zweiten Schritt sanft, aber bestimmt korrigieren. Dabei gilt es, die Eltern darin zu unterstützen, eine gereifte Erziehungskompetenz zu erwerben und zu entwickeln. Die Bindungstheorie vermittelt in Form von gezieltem Elterntraining über Videoaufzeichnungen neue Impulse (Brisch 2015).
Treten Konfliktherde in einem Lebensbereich des Kindes auf, kann es sich sehr lohnen, die betroffenen Erwachsenen in ein Gespräch miteinander zu bringen wie z. B. Eltern und Lehrer oder Mutter und Tagesmutter. Diese beteiligten Personen können auch in die Anamnese und Therapie einbezogen werden. Gezielte Aufmerksamkeit der Mutter (des Vaters) für das Kind kann wahre Wunder wirken. Das heißt, dem Kind „die volle und ungeteilte Aufmerksamkeit so zu widmen, dass es sich wirklich geliebt fühlt, dass es weiß, es ist so viel wert um seiner selbst willen, dass es die Aufmerksamkeit, Anerkennung und kompromisslose Zuwendung der Eltern verdient. Dies gibt dem Kind das Gefühl, dass es für seine Eltern der wichtigste Mensch auf der Welt ist.“ Dies sollte für das Problemkind eine definierte Phase lang regelmäßig und verlässlich durchgeführt werden, und zwar täglich zu einem fixen Zeitpunkt für das Kind (für 15 bis 30 Minuten), etwa wöchentlich eine gemeinsame Unternehmung für den Jugendlichen. Ebenso wichtig sind häufiger bewusster Augen- und Körperkontakt mit dem Kind (Campbell 2000).
Rituale wie gemeinsame Mahlzeiten, gemeinsame Zeit für Spiele, Familiensonntage, Tisch- und/oder Abendgebet können heute, in einer hastigen, überindividualisierten Lebensgestaltung, wieder wichtige Anker im Leben des Kindes innerhalb seiner Familie werden.
Oft geben unkomplizierte körperliche Maßnahmen, möglichst täglich zur selben Stunde verabreicht, wichtigen Halt:
  • Warmes Fußbad abends

  • Abendliche zarte Einreibung mit Johanniskrautöl am Rücken

  • Wärmflasche oder einen Wickel abends auf den Bauch

Es gibt viele weitere Formen der gezielten Regulations- und Ordnungstherapie für das Kind. Einige haben sich begleitend zur Homöopathie besonders bewährt:
  • Naturnahe Ernährung unter Berücksichtigung der wichtigsten verdeckten Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Testung)

  • Kraniosakraltherapie

  • Heileurythmie

Homöopathische Behandlung

Info

Bei den psychogenen Störungen im Kindes- und Jugendalter sollte die Homöopathie integraler Bestandteil eines zeitgemäßen Therapieplanes sein.

  • Bei allen psychogen erkrankten Kindern und Jugendlichen, bei denen eine Arzneitherapie indiziert ist, bietet sich die Homöopathie als Methode der ersten Wahl an. Erst als zweiter Schritt sollten Psychopharmaka verordnet werden – außer in akut bedrohlichen Zuständen.

  • Als konstitutionelle, gezielt regulierende, individuelle Therapieform kann die Homöopathie die sonst üblichen therapeutischen Ansätze begleiten und ergänzen.

  • Die Homöopathie leistet einen wesentlichen Beitrag zur Prophylaxe bei allen Kindern, bei denen sich eine Störung erstmalig andeutet – sie sollte möglichst schon beim „schwierigen“ Kleinkind eingesetzt werden (5.5, 5.6, 5.7).

Die homöopathischen Arzneien stehen sowohl für die somatischen als auch für die psychischen Erkrankungen zur Verfügung (Organon, § 214 ff.). Der Weg zur individuellen Arznei führt beide Male über das Erfassen der „Gesamtheit der Symptome“, die am Kind beobachtet werden können und die das Kind selbst äußert – gemäß dem phänomenologischen Ansatz der Homöopathie.

Info

Erstes Ziel des homöopathischen Gesprächs ist es, das Kind in seiner Not genau zu betrachten und zu versuchen, es zu verstehen. Dies bedeutet, die Ressourcen des Kindes ebenso zu erfassen wie seine Konflikt- und Mangelzonen.

Anamnese

Der Blick richtet sich auf das Wesen des Kindes mit der Frage: „Wer bist Du mit Deinem besonderen Symptom und Verhalten?“ (Dorcsi 1992, Gnaiger, 1993). Diese Kernfrage ergänzt sich gut mit dem heilpädagogischen Focus: „Was willst Du mir mit Deinem besonderen Verhalten mitteilen?“
Allgemeine Informationen
Zur Anamnese bei psychogener Störung sollten insbesondere folgende Bereiche erfragt werden:
  • Aktuelles Beschwerdebild

  • Ätiologie, d. h. die traumatisierenden Momente im Leben des Kindes im Rückblick bis hin zur Geburt und zu den Erlebnissen der Mutter in der Schwangerschaft

  • Genetische Belastung

  • Begleitende somatische Beschwerden

  • Leibliche Grundfunktionen wie Temperaturhaushalt, Appetit, Schlaf etc.

  • Spontanes Verhalten und die Kontaktfähigkeit des Kindes

  • Körperliche Verfassung im Sinne der Konstitution und der sensomotorischen Reife des Kindes

  • Verhalten und Temperament des Kindes in guten, gesunden Tagen

  • Reife, Lebenstüchtigkeit des Kindes und die Erreichbarkeit von Mutter und Vater für das Kind

  • Rolle und Anpassung des Kindes in Familie, im erweiterten sozialen Umfeld, in Kindergarten bzw. Schule

Angst, Aggression und Trauer
Bei jedem Kind sollte das gesamte Potenzial von Angst, Aggression und Trauerphasen ebenso wie seine bisherigen Bindungs- und Traumaerfahrungen erfasst werden (Gnaiger-Rathmanner et al. 2012; Ploog 2012). Dazu haben sich in der Praxis einige Fragen bewährt, um auch die verborgeneren Bereiche des täglichen Umfeldes gezielt zu beleuchten:
  • Lässt sich Ihr Kind trösten?

  • Verlangt das Kind auffallend nach Ordnung und Sauberkeit?

  • Wie verträgt das Kind Zurechtweisung und Tadel?

  • Kann das Kind spielen?

  • Seit wann lassen sich die Auffälligkeiten am Kind beobachten? Ist ein auslösendes Ereignis für die Störung des Kindes bekannt?

  • Hat es im Leben des Kindes schon etwas Belastendes gegeben?

  • Hat sich das Kind seit der Scheidung etc. verändert?

  • Gibt es eine klare Besuchsregelung mit dem getrennten Elternteil?

  • Hat die Mutter mit den weiteren Pflegepersonen des Kindes wie Pflegemutter, Großmutter etc. Kontakt, und welcher Art ist dieser?

  • In welcher Stimmung kommt das Kind von der Schule nach Hause?

  • Verhält sich das Kind zu Hause auffallend anders als außer Haus?

Lebensumfeld
Ein paar Fragen an das Kind, die sogar ein schüchternes oder leistungsgeschädigtes Kind leicht und gerne beantwortet:
  • Gehst Du gerne in die Schule? Welche Lehrer, welches Fach magst Du gerne?

  • Mag Dich Deine Kindergärtnerin/Lehrerin?

  • Hast Du Freunde in der Schule? Wie heißen deine Freunde? Bei wem hast Du schon mal übernachtet?

  • Was gefällt Dir in der Schule am besten? Am wenigsten?

  • Hat die Mama/der Papa genug Zeit für Dich?

  • Was unternehmt Ihr am Wochenende, in den Ferien?

Praxistipp

Eine solche Anamnese öffnet dem Arzt den Blick für das Wesen des Kindes und für die Ursachen und Motive seines Verhaltens und bilden den besten Weg

  • zur sicheren Bewertung der Einzelsymptome,

  • zur Einbindung der Ätiologie,

  • zur gezielten Indikation der passenden Arznei,

  • zu einer ersten Elternberatung im Sinne von Lebensordnung an Leib und Seele.

Wie wichtig der Blick auf Traumata in der Schwangerschaft und der frühen Bindungsphase für die Kinderanamnese ist, darauf wird heute mehrfach deutlich hingewiesen (z. B. Szabo 2011). Insgesamt bauen die Daten der Anamnese auf dem gesprochenen Wort von Mutter und Kind auf, aber ebenso auf der Beobachtung von Gestik, Mimik, Kontakt und Aufmerksamkeit während des Gesprächs. Das kann von Seiten des Kindes wichtige eigenständige, ungeschminkte zusätzliche „Aussagen“ bringen, die die Geschichte, von der Mutter vorgebracht, gleichsam ergänzt und kommentiert. Ganz wertvoll erweist sich diese nonverbale Ebene der Kommunikation bei der Anamnese des Jugendlichen, der sich oft dem Gespräch verweigert, da er selbst seinem eigenen Wesen noch fremd ist. Darauf hat Hee für die Homöopathie in besonderer Weise hingewiesen (2008).
Gemäß dem Ziel dieses Lehrbuches, dem zeitgemäß ausgebildeten Arzt einen Zugang zur Homöopathie anzubieten, wird für die Vorstellung der homöopathischen Arzneien in den folgenden Kapiteln zumeist eine Ordnung gewählt, die sich den klinischen Kategorien anschließt. Dieses Vorgehen ist bei den psychogenen Störungen einladend, da deren Beschreibung und Einteilung meist auf phänomenologischen Gesichtspunkten beruht. Somit kommt sie dem homöopathischen Ansatz, wie oben geschildert, sehr entgegen.
Die gewählten Überschriften und die darunter angeführten Arzneien verstehen sich als ein Denkanstoß und ein Moment der Ordnung für die homöopathische Arbeit – als Rückhalt bei der Begegnung mit der endlosen Vielfalt von Einzelphänomenen, wie sie sich am konkreten kranken Menschen beobachten und sammeln lassen. Diese Auswahl hat Vorschlagscharakter und soll anhand des aktuell erhobenen Symptomenbildes am Patienten jederzeit in jede mögliche Richtung überschritten und neu kombiniert werden.
Ebenso verhält es sich mit den angeführten Rubriken, die auf den Einstieg in das Repertorium verweisen und gemäß den konkreten Ergebnissen der Anamnese ergänzt und erweitert werden sollen.

Homöopathische Arznei als Regulationstherapie

Die homöopathische Arznei wirkt im Sinne der gezielten Regulationstherapie auf der Vitalebene des Kindes:
  • Sie steigert die Vitalität und Eigenregulation.

  • Sie löst Blockaden seelischer und somatischer Genese.

  • Sie stärkt die ordnende personale Energie im Sinne der Selbstregulationskompetenz.

  • Sie erfasst und beruhigt die somatischen Begleitbeschwerden.

Oft vermag die Homöotherapie den Krankheitsverlauf zu mildern oder zu heilen, sodass auf stärkere Medikamente verzichtet werden kann. Jedenfalls ist eine langzeitige Betreuung der gefährdeten Kinder anzustreben. Andere Therapieformen sollten begleitend herangezogen werden, wo eine Förderung auf somatisch-sensomotorischer Ebene oder pädagogisch-psychotherapeutischer Ebene etwa im Sinne einer Trauma- oder Bindungstherapie notwendig ist.

Literatur

Brisch, 2015

K.H. Brisch Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie 13. A. 2015 Klett-Cotta Stuttgart

Campbell, 2000

R. Campbell Teenager brauchen mehr Liebe 13. A. 2000 Verlag der Francke-Buchhandlung Marburg

Eltz, 1994

H. Eltz Die menschlichen Temperamente 2.A. 1994 Haupt Verlag Bern

Goebel and Glöckler, 2001

W. Goebel M. Glöckler Kindersprechstunde 14.A. 2001 Verlag Urachhaus Stuttgart

Lehmkuhl et al., 2013

G. Lehmkuhl F. Pousta M. Holtmann H. Steiner Lehrbuch der Kinder- und Jugendpsychiatrie 2013 Hogrefe Göttingen

Rankl, 1999

Rankl Schlafen – (k)ein Kinderspiel 1999 Walter Verlag Zürich

Soldner and Stellmann, 2011

G. Soldner H.M. Stellmann Individuelle Pädiatrie 4.A. 2011 Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart

Stauss, 1994

K. Stauss Neue Konzepte zum Borderline-Syndrom 1994 Junfermann Paderborn

Steinhausen, 2010

H.C. Steinhausen Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen 7.A. 2010 Elsevier München

Homöopathische Literatur

Dorcsi, 1992

M. Dorcsi Einführung in die Homöopathie M. Dorcsi Homöopathie Band 1 1992 Haug Heidelberg

Gnaiger, 1993

J. Gnaiger Homöopathie als Medizin der Person Homöopathie als Medizin der Person, hrsg. v. R 1993 Appell Heidelberg 34 41

Gnaiger-Rathmanner and Mayr, 2012

J. Gnaiger-Rathmanner R. Mayr Homöopathie bei Psychotrauma 2012 Haug Stuttgart

Hee, 2008

H.J. Hee Homöopathische Behandlung von Jugendlichen 2008 Haug Stuttgart

Herscu, 1993

P. Herscu Die homöopathische Behandlung der Kinder 1993 Kai Kröger, Groß Wittensee Groß Wittensee

Köhler, 1995

H. Köhler Von ängstlichen, traurigen und unruhigen Kindern 1995 Verlag Freies Geistesleben Stuttgart

Mezger, 1999

J. Mezger 11. A. Gesichtete homöopathische Arzneimittellehre Band I–II 1999 Haug Heidelberg

Pennekamp, 1999

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 2. A. 1999 MDT-Verlag Osten-Isensee

Ploog, 2012

D. Ploog Kinder, Miasmen, Traumata. Grundprinzipien der homöopathischen Behandlung von Traumata 2012 Books on Demand GmbH Norderstedt

Schroyens, 2006

F. Schroyens Synthesis 10.5 in RADAR expert plus for Windows. Archibel S. A., Assese 2006

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Schroyens, 2005

F. Schroyens Arzneimittelbilder der Gemüts- und Traumsymptome 2005 Hahnemann Institut Greifenberg

Szabo, 2011

L. Szabo Frühe Erfahrungen. Zeichen der Schwangerschaft – Zeichen des Kindes Documenta Homoeopathica 28 2011 43 52

Vermeulen, 2000

F. Vermeulen Konkordanz der Materia Medica 2000 Emryss bv Publishers Haarlem

Woitinas, 2002

S. Woitinas Wer sind die Indigo-Kinder? 2002 Urachhaus Stuttgart

Schlafstörungen

Herbert Pfeiffer

Grundlagen

Das Schlafverhalten von Kinder und Jugendlichen wird als gestört wahrgenommen, wenn das Einschlafen schwierig ist oder der Schlaf häufig unterbrochen ist (Insomnie), bei auffallend wenig (Hyposomnie) bzw. auffallend viel Schlaf (Hypersomnie) oder bei abnormen Ereignissen während des Schlafes (Parasomnie).
Die Nähe zu den Eltern auch im Schlaf ist ein archaisches kindliches Bedürfnis, dem in anderen Kulturkreisen oft bis ins zweite Lebensjahrzehnt hinein nachgekommen wird. Ein vierjähriges Kind welches jede Nacht zu den Eltern ins Bett kommt und dort ruhig weiterschläft, ist daher durch eine homöopathische Behandlung kaum zum Durchschlafen zu bringen.
Nächtliches Aufwachen gehört zum normalen kindlichen Schlafverhalten. Von einer Schlafstörung kann erst dann die Rede sein, wenn das Kind regelmäßig nachts schreit und andere Familienmitglieder weckt. Die Schlafstörung liegt allerdings meist weniger auf der Seite des Kindes als auf der der Eltern, die ihren Schlafmangel tagsüber nicht ausgleichen können – im Gegensatz zu ihrem Kind!
Die Angaben zur Häufigkeit von SchlafstörungenSchlafstörungen bei Kindern sind stark schwankend, was angesichts der Unschärfe der Definition und der Abhängigkeit vom Leidensdruck und der Toleranz der Eltern verständlich ist.
Nach einer Befragung von 3200 Eltern haben bis zum dritten Lebensjahr 44 %, im vierten und fünften Lebensjahr 32 % und danach 25 % aller Kinder Schwierigkeiten, allein einzuschlafen (Leimbeck 1996). Andere Untersuchungen sprechen von Ein- oder Durchschlafstörungen bei 25–30 % aller Säuglinge und 20–30 % bei älteren Kindern und Erwachsenen (Quine 1991).
Einmaliges nächtliches Erwachen ist in den ersten Lebensjahren bei bis zu 60 % und im Vorschulalter bei 40 bis 50 % aller Kinder zu beobachten, abnehmend bis zum zwölften Lebensjahr bei etwa 20 %.
Angstträume haben bis zum fünften Lebensjahr 60 % der Kinder, im Jungendalter nur noch 25 %. Der Pavor nocturnus ist bei 3 % der Kinder im Alter von eineinhalb bis sechs Jahren zu beobachten. Schlafwandeln tritt meist nur zwischen dem vierten und zwölften Lebensjahr auf.

Formen

SchlafstörungenSchlafstörungenFormen lassen sich einteilen in:
  • Insomnie (Ein- und Durchschlafstörung)

  • Hyposomnie (Verminderung des Schlafes):

    • Intrinsisch

    • Belastungs- oder umweltbedingt

  • Hypersomnie (Vermehrung des Schlafes):

    • Nicht organisch bedingt

    • Organisch bedingt (obstruktive Schlafapnoe, Narkolepsie, psychotrope Substanzen, Medikation, hirnorganische Störungen, Kleine-Levin-Syndrom, Pickwick-Syndrom, Asthma bronchiale)

    • Bei psychischen Störungen

  • Störungen des Schlaf-wach-Rhythmus

  • Para- oder Dyssomnie (unphysiologische Unterbrechung des Schlafes):

    • Pavor nocturnus

    • Angstträume (Albträume)

    • Somnambulismus (Schlafwandeln)

Insomnie oder Hyposomnie
Ein- und Durchschlafstörungen sind bei Kleinkindern meist vorübergehender Natur, führen aber oft zu einer Belastung der Eltern-Kind-Beziehung. Nicht selten sind sie durch inadäquate Vorstellungen der Eltern bezüglich der Schlafdauer ihres Kindes bedingt. Kurz schlafenden Kindern wird eine zu lange Bettzeit zugemutet, wodurch die Kinder nicht einschlafen wollen oder nachts aufwachen und nicht mehr einschlafen können.
Insomnie kann auch Folge inadäquater Schlafhygiene sein, charakterisiert durch unregelmäßige Einschlafzeiten und fehlende Einschlafrituale. Die Folgen sind Müdigkeit tagsüber und Einschlafen erst bei Übermüdung.
Mögliche umweltbedingte Störungen wie Lärm, Schreien jüngerer Geschwister, überwärmter Schlafraum u. ä. müssen zumindest bei der Anamnese angesprochen werden.
Schlafstörungen können auch Ausdruck von emotionalem Stress sein. Kinder schlafen oft schlecht vor oder nach aufregenden Ereignissen, Reizüberflutung, nach Erfahrungen wie Angst, Verlassenheit oder Hilflosigkeit, bei physischer oder psychischer Überforderung und bei Konflikten in Familie, Kindergarten oder Schule. Auffällig ist, dass in diesen Fällen meist nicht nur der Schlaf gestört ist, sondern die Kinder auch im Schlaf reden, weinen oder schreien. Auf körperlicher Ebene manifestiert sich die psychische Spannung durch einen erhöhten Muskeltonus, etwa das Auftreten von Zähneknirschen, einen offenstehenden Mund und tonische Mund- oder Körperbewegungen. Der erhöhte Tonus erlaubt den Kindern häufig nicht einzuschlafen oder er tritt in der Traumphase wieder auf und führt zum Erwachen. Unter fortbestehender Belastung entwickeln die Kinder Ängste und Schuldgefühle, und es kommt zu einer Fixierung der Problematik, etwa zur Entwicklung regressiver Schlafmuster: Die Kinder wollen nicht mehr getrennt von den Eltern schlafen, fordern die Anwesenheit der Eltern beim Einschlafen und bestimmte Rituale. In leichteren Fällen sind sie mit Ersatzobjekten, Stofftier, Schnuller, Teelasche oder einem Nachtlicht zufrieden.

Info

Bei Schulkindern und Jugendlichen kommen symptomatische Schlafstörungen bei Angst- und Zwangsstörungen (21.14), bei depressiven Störungen (21.12), bei Manien, bei schizophrenen Psychosen, bei Substanzmissbrauch und beim Tourette-Syndrom (20.3) vor.

Störungen des Schlaf-wach-Rhythmus
Im Säuglings- und Kleinkindalter sind diese Störungen in der Regel Teil einer schweren Zentralen Koordinationsstörung oder Zerebralparese und im Zusammenhang mit der Grundstörung zu behandeln (5.16, 5.17). Auch das organische Psychosyndrom des älteren Kindes kann mit einer Störung des Schlaf-wach-RhythmusSchlaf-wach-Rhythmus einhergehen.
In der Adoleszenz sind Schlafstörungen häufig Folge von spätem Schlafengehen und gekennzeichnet durch erschwerte Weckbarkeit am Morgen. Daraus können sich ähnlich wie beim Jetlag Störungen des Schlaf-wach-Rhythmus ergeben: das „verzögerte Schlafphasensyndrom“.
Para- oder Dyssomnien
  • ParasomnienParasomnien: Unter Parasomnien versteht man abnorme Episoden von Verhaltensmustern oder physiologischen Ereignissen, die während des Schlafs oder des Schlaf-Wach-Übergangs auftreten. Es handelt sich nicht um psychogene Störungen, sondern um eine unreife zentralnervöse Schlafregulation, die im Gegensatz zu Einschlaf-, Durchschlafstörungen oder Angstträumen morgens nicht erinnert werden. Das Schlafmuster zeigt eine physiologische Unreife.

    Parasomnien sind bei Jungen viermal häufiger als bei Mädchen. Sie treten meist episodisch zu einem bestimmten Zeitpunkt des Schlafrhythmus auf, nämlich 60 bis 120 Minuten nach dem Einschlafen während der NREM-Phase-4 im Übergang zu einer REM-Phase. In dieser Phase sind Kinder besonders schwer aufzuwecken und nach dem Aufwecken desorientiert.

  • Pavor nocturnusPavor nocturnus: Er ist am häufigsten im Vorschulalter. Die Kinder sitzen plötzlich aufrecht im Bett, schreien schrill, starren in die Gegend und nehmen keinen Blickkontakt auf. Sie sind nicht ansprechbar, desorientiert und zeigen manchmal unwillkürliche perseverierende Bewegungen. Körperliche Begleiterscheinungen sind erhöhte Atem- und Pulsfrequenz, Schweißausbruch und erweiterte Pupillen. Nach 30 Sekunden bis drei Minuten fallen die Kinder wieder in einen ruhigen Schlaf.

    Vom Pavor nocturnus abzugrenzen sind Angstträume (Albträume), nach denen das Kind spontan aufwacht, ansprechbar ist und sich an die Trauminhalte erinnern kann.

  • SomnambulismusSomnambulismus: Die Kinder setzen sich auf und haben geöffnete Augen mit einem glasigen Blick. Sie stehen auf und beginnen, mit schlecht koordinierten Bewegungen herumzugehen. Dabei laufen sie Gefahr, sich zu verletzen, v. a., wenn Treppen oder Balkone erreichbar sind. Sie geben auch undeutliche, schlecht artikulierte und verwaschene sprachliche Äußerungen von sich.

Kinder, die im Schlaf ein bestimmtes Ziel ansteuern und verständlich und sinnvoll reden, leiden eher an einer psychischen Störung – vergleichbar den Angstträumen.

Diagnostik

Schlafstörungen (Abb. 21.2), die zu Leidensdruck bei Kind oder Eltern führen oder mit Schnarchen, Tagesmüdigkeit und Leistungsabfall einhergehen, indizieren eine ausführliche Schlafanamnese und eine internistische und neurologische Untersuchung zum Ausschluss organischer Ursachen, etwa einer Hyperthyreose. Unverzichtbar ist die Suche nach psychischen Belastungsfaktoren in Familie, Kindergarten oder Schule.
Bei nicht organisch bedingten Schlafstörungen ist die Führung eines Schlaftagebuchs empfehlenswert und oft schon die erste therapeutische Maßnahme (Steinhausen 2002).
Schlaflaboruntersuchungen sind bei Hypersomnien angezeigt, EEG-Ableitungen bei Parasomnien und bei Verdacht auf hirnorganische Störungen oder Krampfanfälle (DGKJP 2003).

Konventionelle Therapie

Die Behandlung von Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter orientiert sich an der Diagnose. Bei passageren unspezifischen Ein- und Durchschlafstörungen genügt meist eine Beratung der Eltern, um Belastungen und Spannungen in der Familie oder in der Schule zu verstehen und abzubauen.
Im Kleinkindalter ist es wichtig, Ordnung im Zusammenhang mit dem Schlafen herzustellen. Es gilt, die Ängste der Kinder, aber auch der Eltern abzubauen. Vor der Anwendung symptomatischer Maßnahmen ist die eingehende Prüfung der emotionalen Beziehungen notwendig, die eine Psychotherapie des Kindes, aber auch der Eltern notwendig machen können. Allgemein gilt es, die Prinzipien der Schlafhygiene nach Stores (s. u.) zu beherzigen.

Info

Bei nächtlicher Angst, die dazu führt, dass das Kind nicht alleine schlafen will, scheint es zweckmäßig zu sein, dem Wunsch des Kindes, im Bett der Mutter oder des Vaters zu schlafen, zunächst zu entsprechen. Damit wird dem Kind Gelegenheit gegeben, den nächtlichen Ablösungsvorgang von den Eltern allmählich von sich aus zu vollziehen.

Praxistipp

Stores nennt folgende Prinzipien der Schlafhygiene und unterscheidet schlaffördernde und Maßnahmen und schlafverhindernde Faktoren (vgl. Steinhausen 2002). Die Rangfolge der Maßnahmen variiert mit dem Entwicklungsstand des Kindes.

Schlaffördernde Maßnahmen

  • Für angemessene Schlafumgebung sorgen: Der Raum sollte dunkel, ruhig und wohl temperiert (keine extremen Temperaturen) sein, es sollten keine Störungen durch andere möglich sein; das Bett ist komfortabel und vertraut.

  • Gleiche Schlaf- und Aufstehzeiten mit vernünftigem Ausmaß an Variation einhalten.

  • Bettgeh-Rituale mit dem Ziel der Entspannung durchführen.

  • Den Tagesschlaf bei Kindern richtig dosieren. Bei kleinen Kindern (nicht zu früh oder zu spät, zu kurz oder zu lang), kein Mittagschlaf bei älteren Kindern (Schulalter).

  • Kinder sollten sich täglich im Freien, in der Sonne, aufhalten und bewegen.

Schlafverhindernde Faktoren

  • Hunger beim Schlafengehen ebenso schwer verdauliche Mahlzeiten am späteren Abend, übermäßiges Trinken vor dem Einschlafen oder während der Nacht (Prinzip: „Essen/Trinken am Tage und Schlafen in der Nacht“).

  • Wildes Spielen oder andere stark anregende Aktivitäten (einschließlich aufregender Filme oder Geschichten) in der Stunde vor dem Schlafengehen.

  • Nachgiebigkeit der Eltern bei nächtlichen Forderungen des Kindes (z. B. nach Getränken, Nahrungsmitteln, Geschichten).

  • Negative Assoziationen mit dem Bett durch Bestrafungen oder anderen schlechte Erfahrungen vor dem Einschlafen.

  • Medienkonsum vor dem Einschlafen oder im Schlafzimmer.

  • Stimulierende Getränke (Cola, Kaffee, Tee) in den Stunden vor dem Schlaf meiden; bei Jugendlichen können auch Alkohol und Nikotin den Schlaf stören.

Verhaltenstherapeutische MaßnahmenVerhaltenstherapieSchlafstörungen, sogenannte „Schlafprogramme“ oder „Schlaftrainings“ (Kast-Zahn), führen oft rasch zu einem deutlich besseren Schlaf. SchlafstörungenVerhaltenstherapieIm Säuglingsalter bewährt sich z. B. die Entkoppelung von Einschlafen/Wiedereinschlafen und Fütterung; dies darf jedoch nur gesunden eutrophen Kindern zugemutet werden (Herpertz 1998). Eine problematische Folge der breiten Propagierung von „Schlafprogrammen“ ist, dass bei vielen Eltern die Toleranzschwelle sinkt und normales Schlafverhalten mit Methoden „behandelt“ wird, die beim Kind Gefühle wie Verlassenheit, Hilflosigkeit oder Angst auslösen können. Autogenes Training kann bei Einschlafstörungen im Schulalter eingesetzt werden.
Selten ist eine medikamentöse Behandlung zur vorübergehenden Unterstützung angezeigt, bei jüngeren Kindern z. B. mit Präparaten auf Basis von Baldrian oder Hopfen. Die konventionelle Medizin empfiehlt bei hartnäckigen Schlafstörungen des Kindes Neuroleptika, in der Adoleszenz Benzodiazepine (DGKJP 2003). Erfahrungen zeigen, dass bei Adoleszenten eine Melatonin-Therapie alleine mittel- und längerfristig kaum zu einer Besserung der Einschlafproblematik führt (Hunkeler 2013).
Für den Pavor nocturnusPavor nocturnus und das Schlafwandeln gilt die Empfehlung, Belastungen und Erschöpfungszustände zu vermeiden. Das ist möglich durch eine 30- bis 60-minütige Ruhe- oder Schlafpause am Nachmittag. Herscu (1997) erwähnt, dass man durch Ansprechen eines möglichen auslösenden Ereignisses einen Pavor nocturnus augenblicklich unterbrechen kann. Symptomatische Besserungen unter Pharmakotherapie mit Imipramin und Diazepam sind beschrieben.
Die symptomatischen Schlafstörungen werden entsprechend der Grundkrankheit behandelt.

Homöopathische Behandlung und Repertoriumsrubriken

Insomnie und Hyposomnie

RepertoriumsrubrikenSchlafstörungenEin- und Durchschlafstörungen können bei allen akuten und chronischen Erkrankungen als Teil der Gesamtsymptomatik vorkommen. Die homöopathische Behandlung richtet sich in solchen Fällen auf die jeweilige Grundkrankheit.
Die Therapie der übrigen Schlafstörungen orientiert sich an eventuellen psychischen (z. B. Kummer, Kränkungen) und sonstigen Auslösern sowie an auffälligen Schlafsymptomen. Erst die Gesamtheit aller charakteristischen Symptome des Kindes führt zum notwendigen Simile.
Wichtig ist daher die genaue Anamnese der Schlafumstände und insbesondere der psychosozialen Verhältnisse in der Umgebung des Kindes (2.2.3 biografische Anamnese, Schlaf). Psychische Belastungen stellen ein häufiges Heilungshindernis dar. Sie müssen daher ganzheitlich behandelt und bei der Einschätzung der Prognose besonders berücksichtigt werden.
Schlaflosigkeit
→Schlaf – ruhelos – Kindern, bei (20): agre, bell, bry, cina, coff, hyos, ign, jal, kali-c, lach, rheum, senn, sil, staph, valer, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – abends – Zubettgehen, nach dem (16): ambr, mag-m, ph-ac, phos, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Atmung erschwert – Kindern, bei (1): kali-br
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Fahren – Wagen, im – amel. (1): tarent
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei (33): acon, ars, bell, carc, cham, cina, coff, cypr, kali-br, mag-m, op, passi, phos, puls, stict, sulph, syph, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei – Abstillen, nach dem (1): bell
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei – gehalten werden, das Kind muss (1): stram
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei – getragen werden, Kind muss (1): cham
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei – geschaukelt werden, Kind muss (3): carc, cina, stict
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei – liebkost werden, Kind muss (1): kreos
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei – Neugeborenen, bei (7): bell, cham, coff, cypr, op, psor, sulph
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei – spielen und lachen, Kind möchte (1): cypr
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei – verdrießlich vom Zubettgehen bis zum Morgen; am nächsten Tag lebhaft (1): psor
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Müdigkeit – trotz Müdigkeit (39): bell, cham, tarent, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Schreien, mit (4): cina, hyos, jal, senn
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Schreien, mit – Kindern, bei (1): passi
→Schlaf – Schlaflosigkeit – spielt und lacht, Kind (3): coff, cypr, med
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Sprechen; mit Verlangen zu (1): cypr
Ursachen von Schlaflosigkeit
→Schlaf – Erwachen – Geräusche – geringe Geräusch, durch (44): bell, coff, op, …
→Schlaf – Erwachen – Schreck, wie durch – Geräusch; durch das geringste (4): apis, kali-p; nux-v, sars
→Schlaf – Schlaflosigkeit – abends – Auffahren, durch (1): puls
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Anstrengung agg. nach (24): ars, calc, nux-v, sil,
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Erregung, durch – Theater, im (1): phos
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Freude durch übermäßige (1): coff
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Furcht, durch (38): acon, bry, cocc, ign, puls, rhus-t, verat, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Heimweh, aus (1): caps
→Schlaf – Schlaflosigkeit – abends – Hitze, durch (3): calc, puls, rhus-t
→Schlaf – Schlaflosigkeit – abends – Husten, durch (1): phos
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Husten durch – Kinder, bei (1): stict
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Impfung, nach (2): mez, thuj
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Keuchhusten, bei (1): caust
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kummer, durch (7): ign, nat-m, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Medikamenten, nach – Narkotika (3): bell, nux-v, stram (Complete Repertory)
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Mond – Neumond, bei (1): sep
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Mond – Vollmond, bei (4): bamb-a, lac-e, nux-v, sil
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Schreck, nach (4): acon, bamb-a, ign, op
→Schlaf – Schlaflosigkeit – traurige Ereignisse, durch (3): nat-m, ign, vanil
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Zahnung, während der (17): acon, bell, cham, coff, gels, mag-c, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – dunklen Zimmer, agg. in einem (6): calc, grin, puls, staph, stram, sulph
Erwachen
→Gemüt – Angst – Träume, beim Erwachen aus schrecklichen (17): ars, nat-m, spong, staph, …
→Schlaf – Erwachen – abends – Einschlafen, bald nach dem (9): ambr, phos, puls, …
→Schlaf – Erwachen – häufig – Neugeborenen, bei (1): borx
→Schlaf – Erwachen – Hunger, durch (12): lyc, …
→Schlaf – Erwachen – Jucken, durch (9): led, merc, stram, …
→Schlaf – gestört – Neugeborenen, bei (1): cham
→Gemüt – Schreien – Erwachen, beim (33): cham, cina, lyc, zinc, …
→Gemüt – Schreien – Kindern, bei – Erwachen, beim (6): borx, sanic
→Gemüt – Schreien – Kindern, bei – Erwachen, beim – Zittern; mit (1): ign
→Gemüt – Reizbarkeit – Kindern, bei – Erwachen, beim [Pennekamp] (1): lyc. Auch die Zeit des Erwachens ist zu beachten, dabei gibt es viele zeitspezifische Rubriken.
Schlaflage
Die Lage, in der das Kind schläft, ist bei der Behandlung der Schlafstörungen ebenfalls zu beachten. Ein sensomotorisch gesunder Säugling kann in jeder Lage ohne Probleme liegen. Jede Fixierung einer Lage ist jedoch als Störung anzusehen, die im Bereich der zentralen Koordination gesucht werden muss. Sie ist somit ein Teil der Pathologie und behandlungsbedürftig.
Im Zusammenhang mit dem plötzlichen Säuglingstod (SIDS) kommt der Körperlage eine lebensrettende Bedeutung zu. Mit der Vermeidung der Bauchlage als Schlafposition für Säuglinge ist es in Deutschland zu einem Rückgang der Inzidenz des plötzlichen Kindstods um etwa 50 % gekommen. Möglicherweise schlafen Säuglinge in der Bauchlage „zu tief“, sodass es zu spät zu Aufwachreaktionen als Schutz vor bedrohlichen Apnoen/Bradykardien kommt (Poets).
→Schlaf – Lage – Arme – Kopf – über dem Kopf (27): nux-v, puls, sulph. …
→Schlaf – Lage – Beine – angezogen (25): cham, hell, puls, stram,
→Schlaf – Lage – Knie – Brust, liegt auf Knien und (15): calc-p, carc, lyc, med, phos, tub, …
→Schlaf – Lage – Knie – auf den Knien – Ellbogen, und (29): bell, calc, carc, coloc, lac-c, med, phos, sep, tub, …
→Schlaf – Lage – des Körpers – Knie; Knie-Ellbogen-Lage – Kindern, bei (2): carc, med
→Schlaf – Lage – Knie – Ellbogen gebeugt, Knie und (8): ambr, carc, lyc, stram, …
→Schlaf – Lage – Knie – gebeugt (8): ambr, merc-c, plat, viol-o, …
→Schlaf – Lage – Knie – Gesicht ins Kissen gepresst; und (10): calc-p, carc, cina, eup-per, lyc, med, phos, sep, tub, zinc
→Schlaf – Lage – kniend (2): med, stram
→Schlaf – Lage – Kopf – gebohrt, ins Kissen (11): apis, hell, hep, spong, zinc, …
→Schlaf – Lage – Kopf – gebohrt, ins Kissen – Hinterkopf (1): zinc
→Schlaf – Lage – Kopf – hinten gebeugt, nach (19): bell, cina, hep, nux-v, …
→Schlaf – Lage – Sitzen (26): ars, cina, lyc, phos, puls, rhus-t, sulph, …
→Schlaf – Lage – unmöglich, Liegen, ist (6): cham, lyc, sulph, tarent, …
→Kopf – gezogen, der Kopf wird – hinten, nach – Schlaf, agg. im (4): alum, cupr, dros, hep
Ruhelosigkeit im Schlaf
→Schlaf – ruhelos – Kindern, bei (20): bell, cina, hyos, jal,
→Schlaf – ruhelos – Schlaf – ruhelos – Abdecken, Entblößen, mit (4): rhus-t, sulf, …
→Schlaf – Lage – abgedeckt nachts, niemals zugedeckt während Schlaf [Pennekamp] (15): acon, arg-n, cham, hep, med, nat-m, phos, puls, sulf, …
→Schlaf – ruhelos – Füße, bewegen muss sie ständig: zinc (Boericke)
→Schlaf – ruhelos – Zuckungen, mit – Glieder, der (1): ambr
→Schlaf – ruhelos – Impfung, nach (1): thuj
→Schlaf – ruhelos – Würmer, durch (2): nat-p, santin
→Gemüt – klammert sich an – Ruhelosigkeit, mit (1): carb-v
→Gemüt – Ruhelosigkeit – Bett – aus einem Bett zum anderen gehen, will (15): ars, hyos, tarent, …
Licht und Mond
Das Licht und die Mondeinflüsse haben eine große Wirkung auf das Schlafen.→Gemüt – empfindlich – Licht, gegen (35): bell (4-wertig), nux-v, phos, …
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Zimmer, im – dunklen, im (6): calc, puls, staph, stram, sulph
→Gemüt – Angst – Dunkelheit; in der (12): puls, stram, …
→Allgemeines – Mond: Unterrubriken beachten
→Schlaf – gestört – Visionen, Phantasiebilder; durch (37): acon, bell, lyc, nat-m, …
→Schlaf – gestört – Vollmond, bei (4): sulph, …
Psychische und somatische Symptome bei Schlafstörungen
→Geist und Gemüt – Angst allein zu schlafen – Kind will bei Eltern liegen [Pennekamp] (15): ars, bell, calc, lyc, med, merc, phos, puls, sep, stram, sulph, …
→Gemüt – Angst – Bett, treibt aus dem Bett. (21): ars, cham, puls, rhus-t, …
→Gemüt – Furcht – Bett – vor dem (26): acon, ars, caust, lach, …
→Gemüt – Furcht – Bett – Kind fürchtet sich, allein ins Bett zu gehen (1): caust
→Gemüt – Gehen – Bett umher; das Kind läuft im (1): rheum
→Gemüt – Gedanken – hartnäckig – nachts (12): nur puls dreiwertig
→Gemüt – Schreien – Schlaf, im – springt aus dem Bett und schreit um Hilfe (2): hep, rhus-t
→Allgemeines – Zucken – Schlaf – Einschlafen, beim – agg. (40): agar, ars, bell, kali-c, zinc, …
→Gesicht – Zucken – Lippen – Einschlafen, beim (1): ars
→Zähne – Zähneknirschen – Schlaf, agg. im (72): ars, bell, cina, tub, …
→Mund – offen – Schlaf, agg. im (28): calc, lyc, nux-v, op, …
→Schlaf – Gähnen – Kindern, bei (2): cham, ign
→Magen – Erbrechen – Zubettgehen – nach (1): tarent
→Extremitäten – Ruhelosigkeit – Hände – nachts – Bett, agg. im (1): lac-c
→Extremitäten – gebeugt – Finger (52): cupr, hyos, merc, plb, stram, …
→Extremitäten – gezogen – innen, nach – Daumen (31): nur cupr dreiwertig
→Extremitäten – Zucken – Schlaf – Einschlafen, beim (9): ars, cham, nat-m, tub, …
→Extremitäten – Zucken – Beine – Einschlafen, beim (5): agar, ars, sep, …
Daumenlutschen
Bei allen Kinder, die Finger, Schnuller oder Übergangsobjekte, wie Tücher in den Mund stecken, sollte die nachfolgende Rubrik beachtet werden. Sie enthält sehr wichtige Mittel zur Behandlung dieser Auffälligkeit und der kindlichen Schlafstörungen.
→Mund – Finger in den Mund – Kinder stecken (16): calc, calc-p, cham, ip, kali-p, lyc, nat-m, sil, tarent
Träume
Träume gehören nach Sankaran zu den wichtigsten Symptomen der „zentralen Störung“, da die damit verbundenen Gefühle nicht durch den Intellekt kompensiert sind und so einen besonderen Einblick in das Innere des Patienten erlauben. Sankaran rät jedoch, die im Traum erlebten Gefühle als Gemütssymptome zu werten und nur solche Träume thematisch zu repertorisieren, die sich oft wiederholen und nicht mit spezifischen Gefühlen einhergehen – er nennt diese Träume „symbolische Träume“.
Bei Kindern lassen sich tatsächlich ab dem späteren Kindergartenalter gelegentlich solche sich wiederholenden symbolischen Träume erfragen und repertorisieren. Sie nehmen bei der Hierarchisierung der Symptome einen hohen Stellenwert ein.
Häufiger handeln kindliche Träume jedoch von Ereignissen des Tages oder von Bedrohung durch Verfolgung, wilde Tiere, Monster, Feuer, Stürze u. ä. Lässt man sich solche Träume detailliert erzählen, bekommt man oft einen guten Einblick in die Gefühlswelt des Kindes und findet Symptome, welche die konstitutionelle Arzneimittelfindung erleichtern. Auch die Umstände von Träumen, etwa nächtliches Schreien oder Erwachen, können wichtige Informationen bringen.
→Gemüt – Furcht – Erwachen, beim – Traum, aus einem (46): ars, lyc, nat-m, spong, staph,
→Gemüt – Schreien – Kindern, bei – Schlaf, im – Träume, durch beunruhigende (3): borx, calc, carc
→Gemüt – Verhaltensstörungen – Kindern, bei – Alpträumen, mit (1): stram
→Träume – Alpträume, Alpdrücken – Kindern, bei (7): achy, borx, carc, kali-p, stram, …
→Träume – Fortsetzung – Träumen, von – Erwachen, nach dem (32): chin, lyc, nat-m, psor, puls, …
Träume spielen auch eine große Rolle in der Beurteilung der Arzneiwirkung. Treten nach der Arzneigabe Träume auf, die dem Arzneimittelbild entsprechen oder das Grundproblem des Patienten betreffen, so bestätigen sie die Arzneiwahl.
Hypersomnie
Diese Störung ist im Kindesalter selten. Es gibt hierzu auch nur wenige Rubriken.
→Gemüt – Bett – bleiben; Verlangen, lange im Bett zu (49): alum, ant-c, arg-n, con, dros, hyos, kali-p, merc, podo, psor, puls, ruta, sil, …
→Schlaf – Schlafbedürfnis – groß (24): caust, chin, nux-v, staph, sulph, …
Schlafwandeln
RepertoriumsrubrikenSchlafwandeln→Gemüt – Schlafwandeln – Kindern, bei (1): kali-br
→Gemüt – Schlafwandeln – Hautausschläge, nach Verschwinden alter (1): zinc
→Gemüt – Schlafwandeln – klettert auf Dächer, auf die Geländer von Brücken und Balkonen (3): lyc, phos, sulph
→Gemüt – Schlafwandeln – Mond – Neumond oder Vollmond (1): sil
→Gemüt – Schlafwandeln – Mond – Neumond (1): sil
→Gemüt – Schlafwandeln – Mond – Vollmond (1): sil
→Gemüt – Gesten, Gebärden, macht – zornig, wütend – Schlafwandeln, beim (1): meph
Pavor nocturnus und Angstträume
Hinter diesen Schlafstörungen steckt meist eine tiefe Angst, die das Kind nicht einschlafen lässt. Die Angst erscheint in den Träumen und stört den Schlaf in dramatischer Weise oder äußert sich als Pavor nocturnus.
→Gemüt – Furcht – Entsetzen, panische Furcht – nachts – Kindern, bei (5): calc, chlol, cina, cupr, kali-br
→Gemüt – Wahnideen – Bilder, Phantome, sieht – schreckliche – nachts – Schlafen versucht, wenn er zu (3): calc-s, sil, spect
→Schlaf – gestört – Visionen, Phantasiebilder, durch – schreckliche (12): bell, calc, carb-an, carb-v, chin, lyc, merc, nux-v, op, sil, spong, sulph
→Gemüt – erschreckt leicht – erwacht – entsetzt, erkennt niemanden, schreit, klammert sich an die Umstehenden (1): stram
Schlafapnoe beim Säugling, obstruktives Schlafapnoe-Syndrom
RepertoriumsrubrikenSchlafapnoeZur Bestimmung des homöopathischen Mittels werden die Symptome des ursächlichen Krankheitsbildes verwendet. Weitere Rubriken finden sich im Repertorium im Kapitel „Atmung“.
→Atmung – angehalten, versetzt, unterbrochen – nachts (8) kali-c, lyc, nat-m, …
→Atmung – angehalten, versetzt, unterbrochen – liegen agg. (5): borx, nat-m, puls, …
→Atmung – angehalten, versetzt, unterbrochen – plötzlich, bei Kindern (1): cham
→Atmung – Atemnot, Dyspnoe, erschwertes Atmen – Kindern, bei (13): ambr, nat-s, op, puls, …
→Atmung – Atemnot, Dyspnoe, erschwertes Atmen – Schlaf – im – agg. (41): acon, ant-t, bell, calc, camph, carb-v, cench, cham, grin, ign, kali-bi, kali-c, lach, lact, lyc, nux-v, op, phos, samb, spong, stram, sulph, …
→Atmung – Aussetzend, ungleich, intermittierend – Schlaf, agg. im (3): ant-t, bell, op
→Atmung – röchelnd, stertorös – Schlaf, agg. im (7): brom, chin dulc, ign, nux-v, op, puls
→Atmung – Schnarchen – Kindern, bei (5): chin, dros, dulc, mez, op

Homöopathische Arzneimittel bei allen Formen von Schlafstörungen

Absinthum
#AbsinthumSchlafstörungenSchlaflosigkeit bei geistig retardierten oder behinderten Kindern; wacht auf durch Träume. Anfallsweiser Stupor im Wechsel mit großer Ruhelosigkeit und Wahnvorstellungen. Epilepsie.
Aconitum napellus
#Aconitum napellusSchlafstörungenGroße nächtliche Unruhe < nach 0:00 Uhr. Schlaflosigkeit nach Furcht, Schreck oder Angst, während der Zahnung. Wirft sich umher mit geschlossenen Augen. Erwacht nach kurzem Schlaf in Panik.
Agremone
#AgremoneSchlafstörungenSchwieriges Einschlafen bei Kindern (einziges Mittel in Synthesis). Viel Angst nachts und ruheloser Schlaf. Epilepsie.
Arsenicum album
#Arsenicum albumSchlafstörungenEinschlafen ist schwierig wegen Furcht vor dem Bett. Schreckt hoch beim Einschlafen. Schlafstörungen durch Anstrengung tagsüber, durch Übermüdung. Ruheloser Schlaf, verändert häufig die Lage. Zähneknirschen. Schlaflos nach Mitternacht, ängstliches Erwachen um 3:00 Uhr. Schläft durch die geringste geistige Anstrengung ein. Siehe auch Kasuistik „Impfung und Frühsexualisierung“.
Arundo mauritanica
#Arundo mauritanicaSchlafstörungenSchlafumkehr: Schläft tagsüber, liegt dann nachts wach und weint, mit starker Erhitzung des Körpers.
Belladonna
#BelladonnaSchlafstörungenWill bei Licht schlafen. Müde, aber kann nicht schlafen – schreckliche Visionen beim Schließen der Augen. Zuckungen beim Einschlafen. Ungewöhnliche Schlaflagen, im Sitzen oder den Kopf nach hinten gebeugt, mit offenen Augen. Sehr unruhiger Schlaf, jammert, schreit, spricht laut, wirft sich herum, zuckt, fährt hoch. Zähneknirschen. Erwacht durch schreckliche Träume, voller Furcht. Schlaflos von 2:00–5:00 Uhr. Schlaflosigkeit bei Neugeborenen, v. a. nach operativer Entbindung oder Narkose.
Bryonia alba
#Bryonia albaSchlafstörungenZusammenzucken beim Einschlafen. Angstträume mit Aufschreien. Unruhiger Schlaf vor 0:00 Uhr. Schläft auf dem Rücken oder zusammengerollt wie ein Hund. Kaut im Schlaf, tritt die Decken von sich. Erwacht plötzlich mit Stuhldrang, nach 3:00 Uhr, redet unverständlich.
Calcium bromatum
#Calcium bromatumSchlafstörungenSchlaflos während der Zahnung. Erwacht durch das geringste Geräusch, hört alles. Kind auch tagsüber unruhig, reizbar und schlecht gelaunt.
Calcium carbonicum
#Calcium carbonicumSchlafstörungenSehr spätes Einschlafen. Schreckliche Visionen beim Schließen der Augen, fährt bei jedem Geräusch hoch. Schlaf ruhelos mit viel Kopfschweiß. Pavor nocturnus nach 0:00 Uhr (oft um 3:00 Uhr), lässt sich nicht beruhigen. Kaut, schluckt oder spricht im Schlaf.
Carcinosinum
#CarcinosinumSchlafstörungenSchlaflosigkeit von Geburt an, verstärkt nach Impfungen. Häufiges Erwachen wie durch Schreck; fährt hoch aus dem Schlaf und schreit. Muss geschaukelt oder getragen werden. Erwacht um 4:00 Uhr und kann nicht mehr einschlafen. Knie-Ellenbogen-Lage.
Chamomilla
#ChamomillaSchlafstörungenSchlafstörungen schon in den ersten Lebenswochen, < während der Zahnung, nach Ärger. Weint, jammert, stöhnt im Schlaf, schläft unruhig mit häufigem Erwachen, muss getragen werden. Schlaflos nach 2:00 Uhr. Angstträume mit halboffenen Augen.
Cina maritima
#Cina maritimaSchlafstörungenSchlaflosigkeit mit Schreien. Schläft nur, wenn es heftig geschaukelt wird. Knie-Ellenbogen-Lage, das Gesicht ins Kissen gepresst; oder im Sitzen mit nach rechts oder hinten geneigtem Kopf. Ruheloser Schlaf, spricht, kaut und schluckt, knirscht mit den Zähnen, erwacht durch Hunger. Pavor nocturnus um 23:00 Uhr. Erwacht erschreckt; schreit, liegt auf dem Rücken, strampelt mit Händen und Füßen beißt, kratzt, schlägt und lässt sich nicht mehr beruhigen.
Coffea cruda
#Coffea crudaSchlafstörungenEinschlaf- und Durchschlafstörung wie nach zu viel Kaffeegenuss. Schlaflos wegen geistiger Aktivität. Überwach, hört jedes Geräusch. Schlaflosigkeit bei Neugeborenen, nach akuten Krankheiten, durch Freude, Erwartungsspannung, Erregung, Zorn, während der Zahnung. Häufiges Erwachen gegen Morgen; lacht und spielt im Bett (cypr, med). Erwachen durch Durst.
Cypripedium pubescens
#Cypripedium pubescensSchlafstörungenUnruhige, lebhafte, überhitzte Kinder; wird abends richtig lustig, redet und spielt nachts wie in Ekstase, lacht unnatürlich.
Hyoscyamus niger
#Hyoscyamus nigerSchlafstörungenZuckungen beim Einschlafen. Schläft nackt, den Kopf nach hinten gebeugt. Unruhiger Schlaf, lacht, schluchzt, seufzt, fährt erschreckt auf, setzt sich hin und schreit, ohne wach zu werden, schläft dann weiter. Zähneknirschen. Schlaflos nach Mitternacht. Hypersomnie über Tage; schläft ein beim Antworten. Siehe auch Kasuistik „Impfung und Frühsexualisierung“.
Ignatia amara
#Ignatia amaraSchlafstörungenSehr leichter Schlaf, jedes Geräusch weckt ihn. Schlaflosigkeit durch Kummer, Schreck. Heftiges, krampfhaftes Gähnen. Schläft unruhig, wechselt dauernd die Stellung, kaut, knirscht mit den Zähnen, stampft mit den Füßen. Kind erwacht mit durchdringendem Schrei und Zittern am ganzen Körper.
Jalapa
#JalapaSchlafstörungenDen ganzen Tag über brav, die ganze Nacht gereizt (psor). Ruhelos, weint untröstlich, schreit.
Kalium bromatum
#Kalium bromatumSchlafstörungenFurcht vor dem Alleinsein, kann nur bei den Eltern schlafen. Erschwerte Atmung im Schlaf. Pavor nocturnus – wacht schreiend auf, schreckt hoch, erkennt niemand, schielt, lässt sich nicht wecken oder beruhigen. Schlafwandeln. Zähneknirschen und Stöhnen. Schlaflosigkeit < Zahnung. Sehr unruhige Hände.
Kalium carbonicum
#Kalium carbonicumSchlafstörungenExtreme Schlaflosigkeit. Liegt wach zwischen 2:00 Uhr und 5:00 Uhr. Stöhnt um 3:00 Uhr morgens. Spricht, fährt auf im Schlaf, zuckt beim Einschlafen. Unbestimmte Ängste und Unruhe; Angstträume. Schlaf unerquicklich.
Lycopodium
#Lycopodium clavatumSchlafstörungenLiegt auf der rechten Seite, auf dem Bauch oder auf Knien und Ellenbogen. Spricht, lacht, schreit, die Augen halb geöffnet. Zähneknirschen. Wacht auf vor Hunger. Schlaflos ab 4:00 Uhr morgens. Schlafwandeln – klettert auf das Dach. Schreckliche Träume wecken ihn; er wacht erschreckt auf, klammert sich ans Bett, erkennt niemanden und weiß nicht, wo er ist. Morgens unausgeruht und reizbar.
Magnesium carbonicum
#Magnesium carbonicumSchlafstörungenEinschlafen schwierig, findet keine Lage. Liegt mit gespreizten Beinen, schlägt mit dem Kopf gegen den Bettrand. Weint, schluchzt oder schreit, fährt hoch aus einem Traum. Schlaflos nach 2:00 Uhr oder 3:00 Uhr, durch Blähungen, Schmerzen, Furcht. Morgens völlig unausgeruht.
Magnesium muriaticum
#Magnesium muriaticumSchlafstörungenEinschlafstörung und Schlaflosigkeit nach 2:00 Uhr morgens, durch Schnupfen, Bauchschmerzen oder Zahnung. Kann nicht auf dem Rücken schlafen. Morgens reizbar und unausgeruht.
Nux vomica
Ei#Nux vomicaSchlafstörungennschlafen spät und schwierig. Schlaflosigkeit durch Zorn, Geräusche, geistige Anstrengung, Reizmittel (z. B. Coca-Cola), Blähungen. Weint und spricht im Schlaf. Erwacht gegen 3:00–4:00 Uhr, schläft irgendwann wieder ein und erwacht morgens äußerst schlecht gelaunt. Schläft oft schon nachmittags ein, im Sitzen, und wacht um 3:00 Uhr oder 4:00 Uhr wieder auf.
Opium
#OpiumSchlafstörungenSehr schläfrig, aber kann nicht richtig einschlafen, empfindet das Bett als zu heiß oder entfernte Geräusche halten ihn wach. Fällt schließlich in tiefen komatösen Schlaf. Apnoe bei Schlafbeginn. Atmung tief und langsam, schnarchend, röchelnd, mit offenem Mund. Bewegt ständig die Augäpfel. Narkolepsie. Schlafwandeln. Schlaf gestört durch Zuckungen und schreckliche Träume. Schlaflosigkeit bei Neugeborenen.
Passiflora
#PassifloraSchlafstörungenSchlaflosigkeit mit Schreien. Auch Mittel bei schwieriger Zahnung.
Phosphorus
#PhosphorusSchlafstörungenEinschlafen spät, wacht bald wieder auf. Geringes Schlafbedürfnis und häufiges Erwachen, Wiedereinschlafen dann schwierig. Schon kurzer Schlaf erfrischt. Schlaflos vor Mitternacht, bringt die Augen nicht zu. Kann nicht auf der linken Seite liegen. Schlaflos durch Hunger. Kommt nachts verängstigt zu den Eltern. Schlafwandeln.
Podophyllum
#PodophyllumSchlafstörungenSchlaf ruhelos vor 0:00 Uhr, jammert und stöhnt, wälzt sich herum. Setzt sich hin, ohne zu erwachen. Schläfrig am Vormittag.
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisSchlafstörungenAbends hellwach, Einschlafen schwierig, durch immer denselben Gedanken, morgens langer Schlaf. Schlaflos nach einer späten Mahlzeit, durch Bettwärme, streckt die Füße aus dem Bett. Kann nicht im dunklen Zimmer schlafen. Spricht, weint oder schreit im Schlaf. Liegt mit den Händen über dem Kopf oder mit den Armen über dem Bauch verschränkt mit angewinkelten Beinen. Tagsüber müde und unausgeruht, kann nicht geistig arbeiten.
Rheum officinalis
#Rheum officinaleSchlafstörungenSchlaf ruhelos, jammert und weint, läuft im Bett herum. Schläft mit einer Hand über dem Kopf, oder in seltsamen Stellungen. Braucht sehr wenig Schlaf und wenig Nahrung. Schlafwandeln.
Staphisagria
#StaphisagriaSchlafstörungenTagsüber schläfrig, nachts unruhig und schlaflos. Kann nicht einschlafen wegen geistiger Aktivität. Kann nur bei Licht oder nur im Dunkeln schlafen. Schlaf ruhelos: Kind wacht nachts immer wieder auf und ruft nach der Mutter, stößt sie dann aber weg und will, dass sie geht.
Sticta pulmonaria
#Sticta pulmonariaSchlafstörungenSchlaflosigkeit nach Unfällen, Verletzungen, Operationen. Schlaflos durch Husten. Kind muss gewiegt werden (carc, cina).
Stramonium
#StramoniumSchlafstörungenFurcht vor dem Bett, vor dem Einschlafen. Schlaflos im dunklen Zimmer. Schläft im Knien oder auf dem Rücken mit angewinkelten Beinen. Augen halboffen. Extrem ruheloser Schlaf, Schlafwandeln. Zähneknirschen. Lachen, Sprechen, Zucken, Auffahren, Schreien. Hauptmittel bei Pavor nocturnus: Erwacht entsetzt mit wildem Blick, im Halbschlaf, schreit, klammert, erkennt niemand.
Sulphur
#SulphurSchlafstörungenAbends munter (Nachtmensch); geringes Schlafbedürfnis. Schlaflosigkeit oder häufiges Erwachen nach 0:00 Uhr, halbstündlich oder stündlich; munter nach kurzem Schlaf („Nickerchen“). Spricht, singt oder lacht im Schlaf. Schläft auf der linken Seite, unruhig, wechselt ständig Position, sucht kühle Stellen im Bett, deckt die Füße ab, schläft nackt. Erwacht um 5:00 Uhr durch Stuhldrang.
Syphilinum
#SyphilinumSchlafstörungenExtreme Schlaflosigkeit. Schlaflos v. a. nach 2:00–3:00 Uhr, kann in keiner Stellung liegen, muss aufstehen und herumgehen. Restless legs. Schlaflos durch Husten, durch Rücken-, Bein- oder Kopfschmerzen.
Tuberculinum
#TuberculinumSchlafstörungenKalte Füße im Bett. Kopfrollen beim Einschlafen. Liegt auf Knien und Ellenbogen. Zähneknirschen. Schlaf ruhelos mit Hin- und Herwälzen, < nach 3:00 Uhr. Pavor nocturnus. Schlaflosigkeit durch Schwäche, nach akuten Krankheiten. Morgens reizbar und müde.
Valeriana officinalis
#Valeriana officinalisSchlafstörungenRuheloser Schlaf durch nervöse Erregung, etwa bei Zorn der Mutter. Schlaflosigkeit durch Magenschmerzen, Krämpfe in Händen und Füßen, Juckreiz, Würmer. Ruhelos, hört jedes Geräusch. Gegen morgen hellwach.
Zincum metallicum
#Zincum metallicumSchlafstörungenZucken und Auffahren beim Einschlafen. Kopf ins Kissen gebohrt. Körperliche Unruhe, v. a. der Füße. Pavor nocturnus – erwacht wie von Schreck, schreit, erkennt niemanden. Zähneknirschen. Schlafwandeln. Schlaflosigkeit mit Juckreiz der Haut.

Kasuistik

Kasuistik

Impfung und Frühsexualisierung (Herbert Pfeiffer)

Anamnese

Im Alter von zwei Jahren kam Marc wegen seiner Schlafstörung in die Praxis. Er konnte nicht einschlafen, musste auf dem Pezziball (Gymnastikball) von der Mutter in den Schlaf gehopst werden. Erst dann ließ er sich schlafend hinlegen. Jede Nacht wachte er zwischen zwei und drei Uhr morgens auf. Im Schlaf überstreckte er den Kopf nach hinten. Tagsüber hatte er Zornanfälle, bei denen er Gegenstände umherwarf; außerdem war er sehr unruhig und musste oft getragen werden. Dieses Verhalten war erst seit einer Impfung aufgetreten. Er war empfindlich gegen Wind.
Es war schwer, ihm die Zähne putzen, da er sie fest zusammenbiss. Im Schlaf schwitzte er am Kopf.

Repertorisation I

→Gemüt – Angst – Bewegung – amel.
→Gemüt – getragen – Verlangen, getragen zu werden
→Gemüt – Ruhelosigkeit
→Gemüt – wirft mit Gegenständen um sich
→Rücken – Opisthotonus
→Schlaf – Schlaflosigkeit – Kindern, bei
→Allgemeines – Impfung, nach
→Allgemeines – nachts – Mitternacht – nach
→Allgemeines – Wind

Verordnung und Verlauf I

Arsenicum album Q 1, 3 × wöchentlich zwei Tropfen, drei Wochen lang, danach die nächst höheren Q-Potenzen bis zur Q 12 bei gleicher Dosierung. Marc zeigte keine Verhaltensauffälligkeiten mehr und entwickelte sich danach ungestört, wurde aufgeschlossen und frei. Zwei Monate nach dem Behandlungsbeginn hatte er keine Schlafstörung mehr. Mit drei Jahren kam er in den Kindergarten; er erzählte zu Hause nie etwas vom Kindergarten. Ein Jahr nach Beginn des Kindergartenbesuches änderte er sein Verhalten. Er machte alles nach, nahm wieder Babysprache an, sprach nur unvollständige Sätze. Er folgte den Eltern nicht mehr, jammerte viel, war sehr wehleidig, schlug seinem dreijährigen Bruder auf den Kopf und wollte ihm alles kaputt machen.

Repertorisation II

→Gemüt – boshaft
→Gemüt – Destruktivität, Zerstörungswut
→Gemüt – Jammern
→Gemüt – Nachahmung
→Gemüt – Schlagen
→Gemüt – Sprache – unklar
→Gemüt – zerbricht Dinge

Verordnung und Verlauf II

Hyoscyamus Q 1, 2 × wöchentlich. Nach sechs Wochen verhielt sich Marc wieder „normal“. Als Marc fünfeinhalb Jahre alt war, kam er wieder wegen einer akuten Schlafstörung zur Behandlung. Er wachte jede Nacht zwischen Mitternacht und fünf Uhr auf und wollte zur Mutter ins Bett. Die Mutter führte diese Störung darauf zurück, dass die Küche ausgebrannt war, dass die Familie umziehen musste und der Vater infolge seiner Multiplen Sklerose neuerdings auf einen Rollstuhl angewiesen war.
Der Junge zeichnete einen Menschen mit einem Penis. Die Mutter wurde daraufhin nach möglichen sexuellen Spielen ihres Sohnes befragt. Sie berichtete, dass ihr Sohn sich vor einer Woche mit einem Freund aus dem Kindergarten ins Kinderzimmer zurückgezogen und „Doktor“ gespielt habe. Als sie ins Kinderzimmer kam, hatten beide Jungen die Hosen ausgezogen und sich den Popo mit Creme eingerieben. Marc sagte, der andere Junge wolle mit ihm Arzt spielen. Die Mutter sagte, ihr Sohn mache alles, was andere sagen, ob es ihm gefalle oder nicht.

Repertorisation III

→Gemüt – Antworten – Abneigung zu antworten
→Schlaf – Schlaflosigkeit – nachts – Mitternacht, vor
→Allgemeines – sexuell – Erregung bei sexueller

Verordnung und Verlauf III

Bufo Q 1, 2 × wöchentlich. Nach zwei Wochen konnte Marc wieder ungestört einschlafen und durchschlafen. Die früheren regressiven Symptome während des Kindergartenbesuchs waren möglicherweise schon Ausdruck von „sexuellen Kontakten“ mit dem Freund. Darüber hatte der Junge allerdings geschwiegen. Durch die erneuten „sexuellen“ Berührungen kam es wieder zu regressiven Symptomen in Form einer Schlafstörung. Bufo hat sich dem Verfasser bei der Behandlung von Kindern mit Symptomen nach „Frühsexualisierung“ sehr bewährt.

Literatur

DGKJP, 2003

DGKJP (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie) Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter 2.A. 2003 Deutscher Ärzte Verlag Köln

Harbauer et al., 1971

H. Harbauer Lehrbuch der speziellen Kinder- und Jugendpsychiatrie 1971 Springer Heidelberg

Harnack, 1994

G-A von Harnack Kinderheilkunde 9. A. 1994 Springer Heidelberg

Herpertz-Dahlmann, 1998

B. Herpertz-Dahlmann Schlaftraining für Säuglinge D. Palitzsch Fragen und Antworten Band 5 1998 Marseille Verlag München 199 200

Hunkeler, 2013

P. Hunkeler Melatonin bei kindlichen Schlafstörungen Pediatrica 24 4 2013 17 19

Jenni et al., 2003

O.G. Jenni I. Iglowstein C. Benz R.H. Largo Perzentilenkurven für die Schlafdauer in den ersten 16 Lebensjahren Päd Prax 63 2003 481 489

Kast-Zahn and Morgenroth, 2002

A. Kast-Zahn H. Morgenroth Jedes Kind kann schlafen lernen 2002 Oberstebrink, Ratingen Ratingen

Leimbeck, 1996

B. Leimbeck Kinder-Schlaf Eltern 9 1996 117 120

Neuhäuser, 2000

G. Neuhäuser Schlafapnoesyndrom Päd Prax 58 2000 32

Poets, 2001/2002

C.F. Poets Plötzlicher Kindstod, Neue Erkenntnisse Päd Prax 60 2001/2002 285 292

Quine, 1991

L. Quine Sleep problems in children with mental handicap J Ment Deficiency Res 35 1991 269 290

Steinhausen, 2002

H.C. Steinhausen Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen 5. A. 2002 Elsevier, Urban & Fischer München

Strunk, 1971

P. Strunk Psychogene Störungen mit vorwiegend körperlicher Symptomatik H. Harbauer Kinder- und Jugendpsychiatrie 1971 Springer Heidelberg

Tölle, 1991

R. Tölle Psychiatrie 9.A. 1991 Springer Heidelberg

Wiater et al., 1997

A. Wiater Schlafbezogene Atmungsstörungen im Kindesalter Päd Prax 52 1997 637 656

Homöopathische Literatur

Herscu, 1997

P. Herscu Stramonium. Mit einer Einführung in die Analyse unter Verwendung von Zyklen und Segmenten 1997 Kai Kröger Groß Wittensee

Keller and Künzli, 1998

G v Keller J. Künzli Kent's Repertorium 14.A. 1998 Haug Heidelberg

Lilienthal, 1998

S. Lilienthal Homöopathische Heilmittel nach klinischen Gesichtspunkten 1998 Grohmann Enger

Pennekamp, 1999

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 2. A. 1999 MDT-Verlag Osten-Isensee

Sankaran, 1995

R. Sankaran Das geistige Prinzip der Homöopathie 1995 Homeopathic Medical Publishers Mumbai

Zandvoort, 2000

R v Zandvoort The Complete Repertory 2000 Similimum Ruppichteroth

Enuresis

Michael Drescher

Grundlagen

In unserem Kulturkreis gilt als Norm, dass die Kinder tagsüber etwa ab dem vierten und nachts etwa ab dem fünften Lebensjahr trocken werden. Dennoch sind bei uns schätzungsweise bis 20 % der Fünfjährigen, um 10 % der Siebenjährigen und noch um 2 % der Jugendlichen zumindest nachts noch nicht dauerhaft kontinent. Exakte Fallzahlen sind nur schwer eruierbar, das Thema wird tabuisiert, bei weitem nicht alle Betroffenen befinden sich in Behandlung.
Harnblase, Harnröhre und Beckenboden bilden eine funktionelle Einheit, welche über die zwei Blasenmuskeln Detrusor und Sphinkter die geordnete Speicherung und Entleerung des Urins bewerkstelligt. In einem komplizierten Regelmechanismus geben parasympathische Nervenfasern Kontraktionsimpulse zur Blase, sympathische hemmen sie und stimulieren den Musculus sphincter internus und die proximale Harnröhre. Bei Inkontinenz besteht ein Missverhältnis zwischen afferenten sensiblen Impulsen über den Füllungszustand der Blase (sensorischer Drang) und der Enthemmung efferenter motorischer Bahnen (motorischer Drang). Zuviel an Speicherung bei niedrigem Druck führt zu postmiktionellem Restharn, zu viel an Entleerung hat Inkontinenz zur Folge.

Formen

  • Nach den Leitlinien für die Kinderpsychiatrie bezeichnet EnuresisEnuresis eine normale, vollständige Blasenentleerung am falschen Platz und zur falschen Zeit. Sie tritt überwiegend nachts auf (E. nocturna) und ist tagsüber (E. diurna) sehr selten.

  • Eine HarninkontinenzHarninkontinenz ist gekennzeichnet durch einen ungewollten Harnabgang mit Blasendysfunktion. Diese kann strukturell, neurogen oder funktionell bedingt sein.

Der mit den Fortpflanzungsorganen gemeinsame anatomische Situs sowie die gemeinsame Versorgung über das vegetative Nervensystem machen diesen Bereich in erhöhtem Maße empfindlich, nicht allein für psychosomatische Störungen.
  • Weitaus die meisten der Betroffenen sind primäre Enuretiker, d. h., sie waren nie richtig trocken. Bei diesen tritt die Enuresis meist nur noch als E. nocturna auf.

  • Eine isolierte E. diurna sowie kombinierte Formen – auch mit Enkopresis (21.4) – findet man häufiger bei den sekundären Enuretikern, also den Kindern, die bereits eine ganze Zeit lang sauber waren.

  • Besonders bei den primären Enuretikern liegt oft lediglich eine Maturationsstörung der neuromuskulären Entwicklung vor, welche im Schlaf, dem Stadium der reduzierten Wachheit, die bewusste Wahrnehmung der Blasenfüllung und des Harndrangs und damit die Steuerung der Miktion noch nicht erlaubt. Diese Reifungsverzögerung kann sich auch unabhängig vom rein neuromuskulären Status auf einen Rückstand des persönlichen Lern- und Reifungsprozesses erstrecken. Solche Formen des Einnässens können auch hereditär-familiär auftreten.

  • Zu dieser reifeverzögerten Form kann man auch diejenigen, ansonsten schon trockenen Kinder zählen, denen es tagsüber nach Miktionsaufschub beim Husten, Niesen, Lachen, Hüpfen oder einfach im Eifer des Spiels „passiert“.

  • Eine schon mehr oder weniger gestörte individuelle oder familiäre Psychopathologie weist dagegen eine andere Gruppe von Kindern auf, die situationsbedingt die Blasenkontrolle verlieren. Es sind die Angst- und Konfliktnässer, z. B. anlässlich einer Übernachtung außerhalb des Elternhauses oder in anderen belastenden Situationen, in denen sie sich – auf sich selbst gestellt – bewähren müssen (StressStressinkontinenz-, Examensinkontinenz).

Dass bei sämtlichen Formen einer chronischen Enuresis eine kinderurologische Abklärung jedem Behandlungsversuch vorausgehen sollte, ist heute Standard und sollte eine ausführliche Anamnese, körperliche Untersuchung, Urinstatus, Sonografie der Harnwege und evtl. Zysto- und Uroflowmetrie beinhalten.

Psychosomatische Ursachen

Bei Unauffälligkeit der organischen Befunde und nach Ausschluss eines Diabetes (mellitus oder insipidus centralis) ist es dann die Aufgabe einer sorgfältigen Anamnese, die Situation der Gesamtpersönlichkeit und speziell der Familiendynamik herauszufinden. Denn wenn – wie häufig bei der chronischen sekundären Enuresis – psychosomatische UrsachenEnuresispsychosomatische Ursachen für Störungen im urogenitalen Bereich vorliegen, handelt es sich dabei meist um Beziehungsstörungen (Christoffel 1944).
Eine einheitliche Ursache für diese Störung oder eine spezifische Persönlichkeitsstruktur des Bettnässer-Kindes wurde nicht gefunden. Vor allem die Gruppe der Enuresis diurnaEnuresis diurna ist vollkommen heterogen und bedarf einer detaillierten, differenzierten Beschreibung und Diagnose.
  • Seit den Anfängen der Psychoanalyse durch Sigmund Freud, welcher, seiner Libidotheorie folgend, die Enuresis noch als Pollutionsäquivalent bei einem ödipalen Konflikt deutete (1905), sind zahlreiche Erklärungsmodelle entworfen worden. Eine historische Übersicht aus der umfangreichen psychotherapeutischen Literatur wird in der lesenswerten Monografie von Diederichs (2000) vorgestellt.

  • So sah Stekel schon 1922 das Einnässen zutreffend als ein Phänomen der Regression. Die Kinder versetzen sich in ein passiv-angenehmes von warmer Feuchtigkeit umgebenes quasifötales Milieu zurück und lassen sich auch nur widerwillig trockenlegen. („Nässewärme statt Nestwärme“). Oft beginnt diese Form des Einnässens nach der Geburt eines Geschwisters, wenn die Aufmerksamkeit und Zuwendung der Mutter sich auf ein zweites Objekt richten muss.

  • Schwidder wies 1952 bei der primären EnuresisEnuresisprimäre eine frühe Störung der Mutter-Kind-Interaktion durch ambivalentes oder inkonsequentes Verhalten der Mütter – schwankend zwischen Strenge und Verwöhnung – nach. Mehr als 50 % der Mütter in seiner an über 1000 Enuresis-Kindern durchgeführten Studie gaben an, dass ihre Kinder unerwünscht waren.

„Wie die Untersuchungen an ungewollten Kindern jedoch gezeigt haben, bleiben Ablehnung oder bestenfalls Ambivalenz mit allen bitteren Folgen für die seelische Entwicklung des ungewollten Kindes allzu oft das endgültige Wahlergebnis.“

( Martinius 2003 )

  • Oft ist der Einfluss einer zu frühen oder zu strengen Sauberkeitserziehung erörtert worden (Apley 1983, Karsten 1988, Haug-Schnabel 1994). Eine unbewusste Abwehr der von den Erwachsenen mit Drohungen, Verboten, Strafen, Liebesentzug und ähnlichen – auch unausgesprochenen – Missfallensbekundungen eingeforderten Blasenkontrolle oder anderer Erwartungen kann sich in der nicht angepassten Harnentleerung zu einem Akt der Aggression transformieren. Bei der zu frühen Sauberkeitserziehung kommt es zu einem Konflikt zwischen der Forderung der geliebten Eltern und dem sensomotorischen Vermögen des Kindes. Es können sich daraus auch noch Schuldgefühle entwickeln. Sowohl durch die sensomotorische Überforderung wie durch die psychische Belastung wird die Reifung der Blasenkontrolle blockiert, und die Enuresis persistiert.

Konventionelle Therapie

Psychosomatisch ausgerichtete Therapeuten neigen dazu, die psychopathologische Auslösung des Bettnässens überzubewerten, andere, mehr funktional-somatisch orientierte, diese zu verdrängen. Allein dadurch erklären sich manche therapeutischen Misserfolge. Außerdem vermag nur eine genaue Exploration primäre von sekundären psychischen Alterationen zu unterscheiden.

Somatisch-medikamentöse Ebene

Enuresissomatisch-medikamentöse TherapieAufgrund einer noch nicht genügend ausgereiften zirkadianen Sekretionsdynamik des Hypophysenhormons ADH (antidiuretisches Hormon oder Vasopressin) erfolgt eine ungenügende nächtliche Hormonausschüttung. Wie beim Säugling wird dann die Diurese nachts nicht heruntergefahren und dadurch die Blasenfüllung nicht reduziert.
Unter kontrollierter Applikation von Minirin®-Nasenspray (Desmopressinacetat), einem synthetischen Vasopressin-Analogon, mit dem auch der zentrale Diabetes insipidus behandelt wird, bekommt man die meisten primären nächtlichen Enuretiker in überschaubarer Zeit trocken, falls die Indikation stimmt. „Bei den meisten Patienten (ca. 70 %) kann eine Reduktion der nassen Nächte erreicht werden. Ein Viertel wird über eine 2-wöchige Periode vollkommen trocken. Nach Absetzen erleiden die meisten einen Rückfall“. (DGKJP). Die Leitlinie Enuresis empfiehlt Desmopressin bei Versagen einer apparativen Verhaltenstherapie und bei hohem Leidensdruck, etwa vor Klassenfahrten oder Urlaubsreisen (AWMF 2015). Bei abruptem Absetzen der Hormontherapie kommt es häufig zum Rückfall.
Unerwünschte Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Nasenverstopfung, Nasenbluten, Angina, Husten, Flush und Bauchkrämpfe können allerdings schon bei therapeutischen Dosen auftreten. Auch schwere Nebenwirkungen wie Hyponatriämie und Wasserintoxikation mit Krampfanfällen sind beschrieben. Von Desmopressin-Nasensprax ist daher abzuraten, und auch die Tablettenzubereitung bedarf einer strengen Indikationsstellung (Arznei-Telegramm 2007).
Die früher noch häufiger geübte Anwendung von Tofranil® (Imipramin), einem trizyklischen Antidepressivum (das auch zur Behandlung des Pavor nocturnus eingesetzt wird) soll die Schlaftiefe vermindern und den Detrusor-Tonus herabsetzen. Allein schon wegen seiner gravierenden Nebenwirkungen und hohen Rückfallquoten stellt es keine gute Alternative dar.

Unterstützende Maßnahmen

  • Konditionierung mit Weckvorrichtungen, verhaltenstherapeutische Ansätze mit Geduld, Lob, Belohnung, positiven Verstärkern (Protokolle, Sonne/Regen-, Sternchenkalender u. ä.), Aufbau des Selbstwertgefühls, Abbau von Scham- und Versagenskomplexen.

  • Verwendung von Einmalwindeln, saugfähigen Einlagen – das Kind sollte nicht in seiner Nässe liegen müssen. Es soll dabei vermieden werden, dass die therapeutischen Bemühungen Strafcharakter annehmen.

  • Gegebenenfalls Einzel- oder Familientherapie, wenn das Kind lediglich Symptomträger einer gestörten Familiendynamik ist.

Bei fixierten Verhaltensabweichungen stellt sich immer auch die Frage nach dem Gewinn, dem „Pay-off“ (Herscu, Alonissos 2002), den das Kind daraus zieht, wenn ein Zweck, der erreicht werden soll, gerade durch dieses spezielle Verhalten erreicht werden kann (Diederichs 2000).

Homöopathische Behandlung

Die homöopathische Behandlung ist immer konstitutionell mit einem individuellen Mittel – sei es ein Fall einer Reifungsverzögerung, sei es ein Fall mit Neigung zu rekurrierenden Harnwegsinfekten oder mit auffälligem psychopathologischem Hintergrund. Zwar besitzt die ausführliche homöopathische Anamnese ansatzweise einige Elemente einer Psychoanalyse wie das Sprechen lassen der Beteiligten in freier Assoziation, die Offenlegung von Gefühlen, Ängsten, Träumen, Wünschen, und bekommt damit für Kind und Eltern eine aufdeckende, entlastende und damit auch therapeutische Funktion. Sie dient aber letztlich nur dem Zweck, ein der Persönlichkeit des Patienten entsprechendes Mittel zu finden.
Die Repertorien differenzieren nicht zwischen Enuresis und Inkontinenz, sondern fassen diese beiden Begriffe unter→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig, Inkontinenz [Complete Repertory] (289): bzw.→Blase – Urinieren – unwillkürlich [Synthesis] (303): zusammen.

Repertoriumsrubriken bei Enuresis nocturna

Enuresis nocturnaIm Repertorium stößt man zunächst auf die großen Hauptrubriken und dazugehörende Unterrubriken mit Bezügen zum Schlaf.
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – nachts, Inkontinenz im Bett (162): bevorzugt Unterrubriken verwenden
→Enuresis, allgemeine Hauptmittel, speziell bei Knaben [Pennekamp] (6): am-c, calc, caust, rhus-t, sil, sulph
→Enuresis, allgemeine Hauptmittel, speziell bei Mädchen [Pennekamp] (5): bell, eup-per, puls sep, sulph
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Kindern, bei – schwer wecken, Kind lässt sich (8): bell, caust, chlol, kreos, puls, sep, sulph, thuj
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – nachts, Inkontinenz im Bett – Schlaf – tiefem, aus (1): puls
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – nachts, Inkontinenz im Bett – Schlaf – ersten, im [SynthTE2009] (15): benz-ac, bry, caust, cina, kreos, ph-ac, phos, puls, rhus-t, sep, tub, … (mit Künzli-Punkten für die ganze Rubrik und speziell für caust, sep)
Es empfiehlt sich, die genauen Schlafgewohnheiten des Kindes in den betreffenden Rubriken anzuschauen:
→Schlaf – Einschlafen – ruhelos/unterbrochen/gestört/Erwachen/Lage etc.
→Schlaf – Erwachen – Harndrang, mit [SynthTE21009] (32): ant-c, hep, kali-bi, kali-c, kreos, nat-m, podo, ruta, sil, spong, tarent, …
→Blase – Harndrang, krankhafter – allgemein – Erwachen, beim [SynthTE2009] (12): ant-c, ant-t, caust, hep, luna, mag-c, sil,

Repertoriumsrubriken bei Enuresis diurna

Enuresis diurna→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – tagsüber (20): apis, arg-n, ars, bell, caust, equis, fl-ac, gels, hyos, iod, nux-v, petr, ruta, thuj, …
Die Rubriken für die Altersgruppe, die uns hier interessiert, sind:
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Kindern, bei (28): bell, calc, caust, chin, cina, gels, graph, hep, kali-p, kreos, lyc, ph-ac, psor, puls, rhus-t, sep, sil, sulph, thuj, viol-o, …
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Jugendliche (1): lac-c
Sie sind zu eng ausgelegt und müssen mit Mitteln aus der größeren Oberrubrik→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig←ergänzt werden, insbesondere um einige Polychreste wie Natrium muriaticum, Phosphorus, Sulphur, Hyoscyamus, Stramonium, Nux vomica und anderen, sowie um die miasmatischen Mittel Medorrhinum, Tuberculinum, Psorinum.
In über 150, z. T. kleinen und kleinsten Unterrubriken, die sich direkt oder indirekt auf die verschiedenen Spielarten der Enuresis beziehen, werden die Modalitäten, also das Wann, Wie und Wobei aufgefächert und die homöopathischen Mittel schärfer fokussiert.

Repertoriumsrubriken bei Dranginkontinenz

Dranginkontinenz→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – hinausgezögerter Entleerung, bei [SynthTE2009] (8): lach, phos, sep, sulph, thuj, …
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Drang unterdrückt wird, wenn der (11): calc, kreos, merc, nat-m, phos, puls, sep, sulph, thuj
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Bewegung – agg. (9): bell, bry, calc, phos, phos-ac, staph, tarent, …
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Anstrengung, bei (6): bry, caust, nux-v, rhus-t, tarent
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Eile, wenn in: (1) lac-d
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Rennen, beim (4): arn, bry, lac-d, ruta
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Erschütterung, durch (1): caust
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Lachen (8): caust, nat-m, nux-v, psor, puls, sep, tarent, …
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Niesen, beim (24): caust, calc, ferr, kali-c, nat-m, nux-v, ph-ac, phos, puls, sep, squil, …
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Husten, bei [SynthTE2009] (73): alum, ant-c, bac, bell, bry, caarg-naurlc, caps, caust, dulc, ferr-p, gels, hyos, ign, kreos, lyc, nat-m, nux-v, phos, puls, rumx, sep, spong, squil, thuj, verat, zinc, …
(mit Künzli-Punkten für die ganze Rubrik und speziell für: caust, nat-m, nux-v, puls, sep)
Je nach Auslösung, sei es Unreife, regressives Verhalten, Kummer, Eifersucht, Geschwisterrivalität, Schreck etc., bedient man sich gemütsbezogener Rubriken:
→Gemüt – retardierte Kinder [SynthTE2009] (12): bar-c, bufo, calc, carc, cic, lyc, med, merc, plb, sil, tub, …
→Gemüt – kindliches, kindisches, unreifes Verhalten (65): agar, apis, bar-c, bell, bufo, calc, carc, caust, cic, hell, hyos, ign, lyc, nux-m, nux-v, phos, plb, puls, sep, sil, stram, sulph, tub, …
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – nachts, Inkontinenz im Bett – ersichtliche Ursache, ohne, aus reiner Gewohnheit (1): equisPennekamp ergänzt noch: sil, sulph, tub
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – unbewusst (4): apoc, arg-n, caust, sars
→Gemüt – Eifersucht – allgemein – Kinder – zwischen (6): ars, calc-s, carc, nat-m, nux-v, sep
→Gemüt – Eifersucht – allgemein – Kinder – wenn ein neues Baby die Aufmerksamkeit der Familie in Anspruch nimmt (2): hyos, ign
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Erregung, durch (4): caust, gels, puls, ust(Künzli-Punkt bei: caust, gels, die Rubrik ist aber sicher nicht vollständig)
→Blase – Lähmung – allgemein – Zorn, aus: acon, cham, coloc, hyos, ign, nux-v, phos, puls, staph
→Blase – Lähmung – allgemein – Kummer, durch (4): caust, ign, nat-m, staph
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Schreck, durch (5): hyos, lyc, op, phos, sep
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Mondphasen – Vollmond, bei (3): cina, psor, sil
Nicht selten wird das Einnässen im Traumerleben sehr realistisch wahrgenommen:
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – nachts, Inkontinenz im Bett – Träumen von Harnentleerung, bei [SynthTE2009] (9): bell, equis, kreos, lac-c, lyc, merc-i-f, seneg, sep, sulph(Künzli-Punkte für die ganze Rubrik und speziell für: sep, sulph)
→Gemüt – Träume – Harnentleerung, von – salonfähige Art, auf, während er nachts das Bett nässt (3): kreos, sep, sulph
→Gemüt – Träume – Harnentleerung, von – sitzen, auf einem Klosett zu, nässt das Bett (1): sulph
In vielen Harnwegsrubriken erscheinen bestimmte Mittel mit starkem Bezug zu diesem Organsystem besonders häufig. Von diesen seien einige kurz charakterisiert, die sich bei der Enuresisbehandlung bewährt haben.

Homöopathische Arzneimittel bei Enuresis und Harninkontinenz

Sepia
#SepiaEnuresis#SepiaHarninkontinenzIn der Regel schlanke bis magere, eher flachbrüstige und schmalhüftige Mädchen, meist brünett bis dunkel. Freude an Bewegung, Sport und Tanzen. Unabhängig, kritisch, selbstständig und reserviert. Unfreiwilliger Harnabgang, sobald sie sich schlafen gelegt haben. Träumt während des Einnässens davon. Blasenschwäche mit Inkontinenz durch Stress, Lachen, Niesen, Husten (Komplementärmittel zu nat-m, nux-v, puls).
Causticum
#CausticumEnuresis#CausticumHarninkontinenzUrin geht nach dem Schlafengehen langsam und unbemerkt ab, auch tagsüber schon einmal beim Husten, Niesen, Laufen. Neben Blasenschwäche Schwäche und Lähmung auf jeder Ebene. Empfindsame, emotionale, melancholische, ängstliche Kinder, sie können weinen vor Mitgefühl.
Kreosotum
#KreosotumEnuresis#KreosotumHarninkontinenzIst im ersten Schlaf kaum wach zu kriegen, erwacht mit Harndrang, kommt nicht schnell genug aus dem Bett, kann den Harn nicht mehr zurückhalten. Uriniert im Liegen am leichtesten. Dunkle, schmächtige, hochgewachsene Kinder, aber ältlich und runzelig aussehend; launisch, reizbar. Sehr schmerzhafte Zahnung. Karies. Scharfe, wund machende Absonderungen.
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisEnuresis#Pulsatilla pratensisHarninkontinenzHängt noch lange an der Mutter, schüchtern. Leicht zu führen und beeinflussbar, wechselnde Stimmungen. Vielleicht zu häufig getadelt. Neigung zu Harnwegsinfektionen.
Rhus toxicodendron
#Rhus toxicodendronEnuresis#Rhus toxicodendronHarninkontinenzEin Mittel, das auch zu den Harnwegen in vielfacher Weise einen Bezug hat. Starker und häufiger Harndrang, wobei der Harn unwillkürlich und unbemerkt abgehen kann, besonders in der Ruhe, beim Sitzen oder nachts. Harndrang und Zystitis nach Verkühlung. Harnretention nach Anstrengung. Vithoulkas stellt es als eines der Hauptmittel der Enuresis bei Jungen heraus.
→Blase – Harnentleerung – unfreiwillig – Kindern, bei – Jungen, bei: rhus-t (Morrison), sil (Kent)
→Blase – Harndrang, krankhafter – allgemein – ständig, anhaltend – Abkühlung, durch: dulc, lyc, rhus-t (Kent)
→Blase – Harnretention – allgemein – Anstrengung, nach: arn, caps, rhus-t
Tuberculinum
#TuberculinumEnuresis#TuberculinumHarninkontinenzUrinieren mehrmals im ersten Tiefschlaf, penetranter ammoniakalischer Uringeruch. Die normale Harnentleerung kann verzögert und anstrengend sein, er muss pressen und warten, bis der Urin kommt. Manchmal kommt Urin nur während des Stuhlpressens. Häufige Atemwegsinfekte. Rastlos, bewegungsaktiv, unbeständig, hartnäckig, reizbar bis zur Gewalttätigkeit. Nächtliches Zähneknirschen. Kinder mit Beziehungsstörungen.

Weitere konstitutionelle Arzneimittel

Die hartnäckige Enuresis ist eine Spielwiese für die konstitutionelle Therapie. Außer den schon genannten kommen hin und wieder folgende Mittel in Betracht
Calcium carbonicum
#Calcium carbonicumEnuresis#Calcium carbonicumHarninkontinenzDer klassische Spätentwickler. Langsam und gemütlich. Er ist einfach noch nicht ganz so weit wie die anderen und überschläft oder vergisst im Eifer des Spiels seine geregelte Blasenentleerung.
Capsicum annuum
#Capsicum annuumEnuresis#Capsicum annuumHarninkontinenzKann nicht einschlafen oder macht ins Bett, wenn es einmal auswärts übernachten soll, selbst bei ganz vertrauten Personen, so groß ist das Heimweh. Auch bei Heimkindern.
Medorrhinum
#MedorrhinumEnuresis#MedorrhinumHarninkontinenzNeben Thuja ist Medorrhinum das Hauptmittel der Sykosis und hat damit eine Affinität zu Störungen der Ausscheidungs- und Sexualorgane. Häufige nächtliche Harnentleerungen (bei thuj mit gespaltenem Harnstrahl), besonders, wenn tagsüber oft wild gespielt wurde. Durchdringender Uringeruch. Urethral- und Scheidenausfluss schon bei Kindern; sexuelle Frühentwickler. Urogenitale schmerzhafte Ausschläge, Warzen. Harnwegsinfektionen. Dunkelangst, obwohl Nachtmenschen. Schwankende und gegensätzliche Verhaltensweisen, aber in allem extrem.
Sulphur
#SulphurEnuresis#SulphurHarninkontinenzViel Harndrang tags und nachts mit nächtlicher Inkontinenz, wobei er – während er ins Bett macht – davon träumt. Ausschläge um die Körperöffnungen. Schläft sehr unruhig. Weil er sehr warmblütig ist, neigt er dazu, sich nachts im Bett abzudecken. Ein Mittel gegen die Folgen von Unterdrückung. So lässt sich Sulphur selbst ungern unterdrücken und kümmert sich nicht um Ordnung und Einschränkung. Siehe auch Kasuistik „Primäre Enuresis nocturna, saisonal im Winter“ und Kasuistik „ADHS mir primärer Enuresis diurna“.
Natrium muriaticum
#Natrium muriaticumEnuresis#Natrium muriaticumHarninkontinenzNachts Nachverarbeitung von Tagesereignissen, spätes Einschlafen. Muss er nachts urinieren, kann es vorkommen, dass er sich dazu Behälter, Blumentöpfe, Papierkörbe, Waschbecken o. ä. sucht. Etwas schüchtern und verschlossen, verletzlich, introvertiert, weint er im Stillen, lässt sich nicht trösten, geht lieber auf Distanz. Er kann in Gegenwart von Fremden oder auf öffentlichen Toiletten keinen Urin lassen.
Ignatia amara
#Ignatia amaraEnuresis#Ignatia amaraHarninkontinenzFolgen eines plötzlichen und unerwarteten Negativerlebnisses, wie Schulversagen, Verbote, Enttäuschungen, Verlust einer geliebten Person oder anderer großer Kummer. Schwer nachvollziehbare und überzogene Reaktionen mit größter Verzweiflung, Wutanfällen, Weinkrämpfen, Ohnmacht oder Rückzug.
Staphisagria
#StaphisagriaEnuresis#StaphisagriaHarninkontinenzEmpfindliche Kinder, die große Aufmerksamkeit und Beachtung beanspruchen. Einzelgänger, Eigenbrötler, gereizt, gehemmt, unzugänglich. Elitär, narzisstisch, mit hohem Selbstanspruch, zwanghaft. Können sich nicht adäquat gegen andere behaupten, müssen Ärger notgedrungen herunterschlucken. Auch sexuelle Phantasien mit Schuldgefühlen, sie sind um ihren guten Ruf besorgt. Abreagieren ihrer unterdrückten Bedürfnisse durch Ersatzreaktionen wie Einnässen, Kontrollverlust in explosiven Wutanfällen. Auf der körperlichen Seite zeigt sich ihre Psychosomatik in Härtebildungen wie Gerstenkörnern, Hagelkörnern, Warzen, Kondylomen, juckenden Ekzemen schon bei Säuglingen. Andererseits Auflösung der Zähne (Aggressionsorgane), die schwarz und kariös zerfallen. Mittel für Folgen von Verletzungen wie Schnitt-, Stich-, Operationswunden, Kränkungen und Beleidigungen.
Argentum nitricum
#Argentum nitricumEnuresis#Argentum nitricumHarninkontinenzAngstmittel. Gerät schnell in Panik bei der Vorstellung, was alles passieren könnte. Besonders vor Prüfungen, aber auch Erwartungsspannung vor weit harmloseren Ereignissen; Ängste vor Misserfolg; Angst zu spät zu kommen, unheilbar oder geisteskrank zu werden, die Kontrolle zu verlieren.
Gelsemium sempervirens
#Gelsemium sempervirensEnuresis#Gelsemium sempervirensHarninkontinenzAufregung vor Ereignissen. Erwartungsspannung, Prüfungsangst, Lampenfieber löst Lähmung und Kontrollverlust aus. Schwäche, Lähmung, Blackout, alles vergessen. Die Knie zittern vor Erregung. Sphinktererschlaffung mit Durchfall und unwillkürlichem Urinabgang; alles < bei Hitze.

Kasuistiken

Kasuistik

Sekundäre Enuresis (Michael Drescher)

Anamnese

Ein siebeneinhalbjähriger Bub kommt in homöopathische Behandlung, weil er seit zweieinhalb Jahren fast jede Nacht wieder einnässt. Damals baute die Familie ein Haus weitab des Wohnortes, der Vater war deswegen vorübergehend länger von der Familie fort. Nach dem Umzug in die neue Umgebung fühlte sich die Familie zunächst sehr isoliert, besonders dem Patienten fehlten die vertrauten Spielkameraden. Seit zwei Monaten besteht jetzt auch ein Heuschnupfen.
Der Bub sei zeitweise verträumt, passiv und abwesend, dann wieder ungeduldig, trotzig und hartnäckig. Eifersucht auf die jüngere Schwester. Das Einnässen störe ihn zu Hause nicht besonders, hier in der Praxis will er nicht so gerne darüber sprechen. In der Schule hat er Probleme mit Konzentration und Ausdauer. Er schwitzt sehr leicht, ist aber zu bequem zum Kleiderwechseln, scheinbar auch zu bequem zum Toilettengang, denn er verdrückt gerne den Stuhl.

Verordnung und Verlauf

Er bekommt Calcium carbonicum C 200. Eine Woche nach der Einnahme nässt der Junge für drei Wochen nicht mehr ein. In der fünften Woche nach der Einnahme wird er wieder rückfällig. Calcium carbonicum C 200 wird wiederholt: Nach dieser zweiten Einnahme wird er bald wieder trocken. Nach fünf Wochen lässt sich wieder beobachten, dass die Mittelwirkung nachlässt: Der Junge nässt wieder ein und die Konzentration lässt wieder nach.
Seine zweite Heuschnupfensaison übersteht er mit zwei Gaben Calcium carbonicum 10 000 fast beschwerdefrei, auch die Enuresis verschwindet wieder jeweils nach Einnahme der Hochpotenzen. Die Behandlung wird fortgesetzt, die Enuresis besteht nicht mehr. Er ist inzwischen acht Jahre in homöopathischer Behandlung.
Sehr aktive Mutter (sep). Sehr ruhiger Vater. Dieser übrigens litt an rezidivierenden Harnwegsinfektionen, welche nach einer Ureter-Plastik aufgrund eines Unfalls auftraten und mit Antibiotika nicht zu beherrschen waren. Nach einer Konstitutionsbehandlung ebenfalls mit Calcium carbonicum und später Natrium muriaticum ist ein solcher Infekt nie mehr aufgetreten.

Kasuistik

Primäre Enuresis nocturna, saisonal im Winter (Michael Drescher)

Anamnese

Mit neun Jahren kommt der Bub im November in die Praxis, weil ein altes Problem wieder aufgetreten ist: Immer im Herbst und Winter macht er nachts ins Bett, das hatte er nie ablegen können. Im Sommer tritt dieses Problem nicht auf.
Im Alter von einem Jahr wurde bei dem Jungen eine Phimose-Operation (Die Phimose-Rubrik ist wertvoll, der Verfasser hat viele Phimosen bei Sulphur-Buben gesehen) vorgenommen. Vor zwei Jahren Neuroborrelliose. Danach sind Handekzeme und Ausschläge unter der Nase aufgetreten. Rezidivierende Hals- und Ohrenentzündungen. Lymphadenitis am Hals.
Schwitzt bei Krankheit und Sport. Sommersprossen auf der Nase und Plantarwarzen. Schläft gut, gerne und lang. Geht gerne in die Schule, lernt gerne etwas Neues. Immer in Eile, hat nie Zeit. Unordnung stört ihn nicht, das Einnässen allerdings stört ihn sehr.

Verordnung und Verlauf

Nach Sulphur C 200 hört das Einnässen innerhalb einer Woche auf und die Plantarwarzen verschwinden. Dann konsumiert der Junge leider dreimal in einer Woche Bohnenkaffee und macht wieder ins Bett. Er wird mit Sulphur weiterbehandelt, ab der 10 000 Potenz bleibt er prinzipiell trocken, es kann gelegentlich einmal passieren, wenn er zu lange mit der Wiederholung des Mittels wartet.
Im nächsten Herbst/Winter ist er ganz trocken. Er ist insgesamt vier Jahre lang in Behandlung und benötigt Sulphur jetzt ca. zweimal im Jahr.

Kasuistik

ADHS mit primärer Enuresis diurna (Michael Drescher)

Anamnese

Ein seit zwei Jahren Ritalin-behandelter, knapp neunjähriger Bub kommt in die homöopathische Behandlung, um es jetzt auf diesem Wege zu versuchen. Die Angabe der Mutter, dass Ritalin nicht besonders gut helfe, erleichtert die homöopathische Anamnese.
Der Junge war nach Angaben der Mutter schon im Mutterleib hyperaktiv. Neugeborenenikterus bis 16,2 mg % Bilirubin. Milchschorf. Schreikind. Hat auf MMR-Impfung mit Unruhe und Schreien reagiert. Als Kleinkind hat er immer mit lautem Brüllen reagiert. In dieser Zeit sind auch Pavor nocturnus aufgetreten. Im Alter von sechs Monaten Ekzem an Kniekehlen und Schenkeln. Mit drei Jahren Phimose-Operation, dabei wurden zwei Urethralstenosen geweitet.
Vollmond verschlimmert sehr stark das sowieso schon schwierige Einschlafen und seine Reizbarkeit. Der Junge ist egozentrisch, grundsätzlich zählt nur das, was er will. Hat Probleme, Freunde zu finden, weil er keine Regeln einhalten kann. Auf Aufforderungen reagiert er gar nicht oder mit Wutausbrüchen. Es kommt vor, dass er dann seine Eltern auf übelste Art beschimpft oder schlägt (das ist unter Ritalin so richtig herausgekommen). Seine Stimmung kann sehr schnell umschlagen. Er hat keinerlei Bezug zu irgendwelcher Ordnung, alles ist egal. Dreck stört ihn nicht. Er ist auch unempfindlich gegen Schmerzen. Allerdings leidet er unter seiner Art, er möchte eigentlich nicht so sein.
Konzentrationsspanne ohne Ritalin nur 10–15 Minuten. Er wird in der Schule als Legastheniker geführt, lässt Buchstaben und Silben beim Lesen aus, er errät die Worte sinngemäß. Möchte zwar überall die besten Noten haben, will aber nichts dafür tun. Einmal etwas überflogen, dann kann er es, so denkt er. Er hat bis zum Alter von dreieinhalb Jahren eingekotet und war tagsüber noch nie 100 % trocken, er ignoriere dieses Phänomen.
Während der Anamnese benimmt er sich völlig distanzlos zum Untersucher, vermeidet allerdings längeren Blickkontakt, lässt die Augen dauernd schweifen. Er entzieht er sich einer vernünftigen Unterredung, kaspert im Zimmer herum, protestiert manchmal gegen die Angaben der Mutter und kontert mit maßlosen Übertreibungen und Angebereien.

Verordnung und Verlauf

Beginn im März mit Sulphur LM 1. Die erste und einzige Veränderung war zunächst, dass er in der Schule seltener einnässt, in den Osterferien dann gar nicht mehr. Er sagt als Entschuldigung selbst dazu, er habe Angst, etwas im Unterricht zu verpassen, wenn er aufs Klo gehe. Unter Sulphur LM2 Einschlafen, Konzentration und Selbstbewusstsein besser. Sulphur wird fortgesetzt. Unter Sulphur LM5 wird begonnen, Ritalin zu reduzieren, nach den Pfingstferien nässt er auch in der Schule nicht mehr ein. Die Hausaufgaben macht er jetzt aus eigenem Antrieb mit guter Konzentration. Seit Beginn der Sommerferien kein Ritalin mehr. Die Stimmungsschwankungen sind minimal und kaum noch auffallend.

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R v Zandvoort Complete Repertory deutsch, vollständig neu übersetzt und bearbeitet von © Alexandar Stefanovic Similimum Verlag Sonderedition für Radar 2002

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Zandvoort Rv, Grinsven Ev. Complete Dynamics. Version 16.7./2016.

Enkopresis

Herbert Pfeiffer

Grundlagen

EnkopresisEnkopresis, die unwillkürliche Stuhlentleerung, ist wesentlich seltener als Enuresis (21.3), aber mindestens ein Viertel der Kinder mit Enkopresis nässt auch ein. Jungen sind drei- bis viermal häufiger betroffen als Mädchen. Das Altersmaximum liegt zwischen sieben und neun Jahren, die Prävalenz bei Achtjährigen beträgt etwa 1,5 %.

Klinik

Als Enkopresis bezeichnet man die wiederholte Stuhlentleerung in die Kleidung oder an andere nicht dafür vorgesehene Stellen ab dem Alter von vier Jahren – bei altersgemäßer geistiger Entwicklung und ohne organische Ursache. Bei zugrundeliegenden organisch-neurologischen Krankheiten wie Megacolon congenitum, Spina bifida, Querschnittslähmung oder zerebralem Anfallsleiden spricht man nicht von Enkopresis, sondern von Stuhlinkontinenz.
Man unterscheidet die primäre Enkopresis mit kontinuierlich fehlender Stuhlkontinenz und die häufigere sekundäre Enkopresis im Sinne eines Rückfalls in der Sauberkeitsentwicklung. Enkopresis kommt monosymptomatisch vor oder als Teil einer umfassenden Störung, etwa einer emotionalen Störung oder einer Störung des Sozialverhaltens.

Klinik

  • Mehrere weiche Kotabgänge am Tag: Überlauf-Inkontinenz (oft als Durchfall fehlinterpretiert)

  • Gelegentlich sehr große Stuhlmassen bei teilweisem Abgang des eingedickten Kots

  • Schmerzen beim Stuhlgang durch große und harte Stuhlmassen

  • Blut im Stuhl durch gelegentlich vorhandene Analfissuren oder Analinfektionen (durch Candida oder Streptokokken)

  • Stuhlrückhaltungs-Verhalten: Zum Beispiel werden Kinder beobachtet, die vor dem Einkoten längere Zeit in einer Ecke stehen. Dies kann als angestrengtes Drücken fehlinterpretiert werden, was die Annahme schürt, das Einkoten wäre beabsichtigt.

  • Kinder mit starker Stuhlverstopfung wirken oft kraftlos, blass und sind leicht reizbar

  • Besserung der Symptome bei früheren Gaben von Abführmitteln (Laxanzien)

Pathogenese

  • Retentive Enkopresis: Bei dieser wesentlich häufigeren Form führen aktives Stuhlverhalten oder Obstipation zum funktionellen Megakolon mit sekundärem passivem „Überlaufen“. Die Stuhlretention kann Folge einer schmerzhaften Defäkation etwa bei Analfissuren sein, sie kann jedoch auch psychogen sein.

  • Nicht retentive Enkopresis: Diese Form basiert primär auf einer gestörten Eigenwahrnehmung, das heißt, der Füllungsdruck im Mastdarm wird nicht bemerkt und Stuhl tritt aus. Psychogene Faktoren tragen zur Symptombildung bei. Nur selten ist das nicht retentive Einkoten ein willentlich aggressiver, gegen die Bezugspersonen gerichteter Akt.

Enkopresis kann als Ruf nach Liebe und Zuwendung im Sinne einer Regression verstanden werden („Wickelt mich!“). Begünstigende Faktoren sind Spannungen zwischen den Eltern, Geschwisterrivalität oder Störungen des Eltern-Kind-Verhältnisses. Das Einkoten kann aber auch eine Art Leistungsverweigerung sein bei Überforderung des Kindes durch zu hohe Erwartungen, bei Kleinkindern auch durch zu frühe oder zu strenge Sauberkeitserziehung.
Perpetuierend wirken autoerotische Komponenten – die Enkopresis als „pervertierter Masturbationsersatz“. Tatsächlich sind bei manchen Kindern anale Manipulationen oder vermehrte Masturbation zu beobachten.
Überzufällig häufig betroffen sind unerwünschte Kinder, Scheidungs- oder Heimkinder und Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen, emotionalen Störungen oder Störungen des Sozialverhaltens. Die kleinen Patienten sind eher unreif, misstrauisch, überangepasst, leicht entmutigt und ängstlich.
Die Eltern sind eher streng in der Erziehung, ordnungsliebend und leistungsorientiert. Grunderfahrungen wie Liebe und Vertrauen sind in den Familien zu wenig entwickelt. Die Väter sind eher passiv oder häufig abwesend, bei den Müttern findet man oft eine Ambivalenz zwischen Strenge und Freizügigkeit, eine Unzufriedenheit mit der Rolle als Mutter und Ehefrau und eine Neigung zu Zwanghaftigkeit und übertriebener Körperpflege.
Durch das Einkoten kommt es im Verlauf der Krankheit zu sekundären psychischen Problemen. Bei Eltern und Bezugspersonen lösen die damit verbundenen Belästigungen Ärger und Enttäuschung aus, bei Altersgenossen und Geschwistern führen sie zu Spott und Ausgrenzung. Der Enkopretiker wird rasch zum Außenseiter und kann schwere Schäden am Selbstbewusstsein erleiden. Er bekommt Schuldgefühle und versucht, sein Symptom zu verbergen, etwa indem er heimlich die Hosen wechselt und die verschmutzte Wäsche versteckt.
Aus der Diagnose Enkopresis ergibt sich daher dringender Handlungsbedarf.

Differenzialdiagnose

  • Inkontinenz durch organische Erkrankungen:

    • Megacolon congenitum. Erste Symptome (Obstruktionsileus, Hyperperistaltik) meist schon im ersten Lebensjahr. Palpatorisch dilatiertes Kolon und bei rektaler Untersuchung leere Ampulla recti. Explosionsartige Entleerung von Stuhl oder Luft bei der rektalen Untersuchung

    • Spina bifida

  • Psychiatrische Erkrankungen mit Begleit-Enkopresis:

    • Geistige Behinderung

    • Zwangsstörung

    • Phobien

    • Akute Belastungsreaktion

    • Schizophrenie

Diagnostik

Bei jedem Kind mit Enkopresis müssen eine ausführliche pädiatrisch-neurologische Untersuchung und eine entwicklungsbezogene Diagnostik (z. B. Testung des kognitiven Leistungsvermögens und Entwicklungsstands) vorgenommen werden. Wichtige Fragen bei der Anamnese betreffen den Ablauf der Sauberkeitserziehung, begleitendes Einnässen, eventuelle Ängste vor der Toilette, Schmerzen beim Stuhlgang und emotionale Faktoren wie Leidensdruck durch Hänseleien etc.
Bei Verdacht auf psychosoziale Belastungen müssen Kind und Familie auch psychologisch untersucht und behandelt werden.
Körperliche Untersuchung
  • Palpation des Abdomens besonders auf Skybala („Kotballen“)

  • Inspektion des Anus auf Fissuren und Entzündungen

Info

Die rektale Untersuchung auf den Füllungszustand des Rektums, sollte nur vorgenommen werden, wenn keine Gegenwehr besteht, da andernfalls eine Traumatisierung möglich ist.

Apparative Diagnostik
Die apparative Diagnostik erfolgt stufenweise je nach Schwere der Symptomatik und Therapieresistenz:
  • Abdominale Sonografie (Dickdarm, Blase), in schweren Fällen ergänzt durch NMR

  • Sphinktermanometrie

  • Perfusionsmanometrie zur Messung von Sphinkterkoordination und sensibler Perzeption; Sphinktertonus in Ruhe und bei Belastung

Konventionelle Therapie

Bei einer monosymptomatischen Form der Enkopresis mit nur geringer bis mäßiger emotionaler Symptomatik und bei guter Kooperation der Eltern und des Kindes ist eine ambulante Therapie ausreichend. Bei erfolgloser ambulanter Therapie, ausgeprägtem Schweregrad, erheblicher psychiatrischer Komorbidität und/oder eingeschränkten Ressourcen im familiären Milieu ist die teil- bzw. vollstationäre Therapie indiziert.
Bei Vorliegen eines ADHS (5.11) oder einer Angst- und/oder Zwangsstörung (21.14) werden zunächst diese gezielt behandelt. Die Therapie von Sozialisationsstörungen oder Enuresis wird parallel zur Enkopresis-Behandlung vorgenommen.
Therapeutisch bewährt hat sich die Kombination von abführenden Maßnahmen (nur bei retentiver Enkopresis) mit Verhaltenstherapie oder Biofeedback. Das Kind muss dabei lernen, selber Verantwortung für die Sauberkeit zu übernehmen (Einhalten des Toilettentrainings, Führen des Protokolls, Auswaschen der verschmutzten Wäsche) und verstehen, dass es die Enkopresis durch aktive Trainingsmaßnahmen überwinden kann.
Folgende Therapieverfahren können zur Anwendung kommen:
  • Behandlung der Obstipation bei retentiver Enkopresis durch schonendes Abführen, milde Laxanzien und ballaststoffreiche Kost.

  • Erziehungsberatung: Information über das Krankheitsbild, Entängstigung, Reduktion von Schuld- und Schamgefühlen, Ermutigung.

  • Biofeedbackmethoden, z. B. Kontraktionstraining der Sphinktermuskulatur („Beckenbodengymnastik“) und Sensibilitätstraining zur verbesserten Wahrnehmung der Stuhlfüllung im Rektum.

  • VerhaltenstherapieVerhaltenstherapieEnkopresis im Sinne eines Toilettentrainings: Das Kind wird angehalten, zumindest nach dem Frühstück, besser nach jeder Hauptmahlzeit auf die Toilette zu gehen. Angenehme Umgebung (Fußschemel, Lektüre, Heizung etc.) ist wichtig; Mitarbeit des Kindes und Stuhlgang werden belohnt.

  • Führen eines Defäkationsprotokolls (inkl. Tageszeit, Begleit-Enuresis).

  • Psychotherapie: Sinnvoll bei entsprechender Indikation und bei Versagen beratender und verhaltenstherapeutischer Maßnahmen, etwa als Kind-zentrierte Psychotherapie, Familientherapie oder Training der elterlichen Erziehungskompetenz und Eltern-Kind-Interaktion.

  • Fußreflexzonenmassage: Über gute therapeutische Erfolge bei 50 Kindern mit Enkopresis wird berichtet (Bishop 2003).

Zur Aufrechterhaltung der Mitarbeit von Kind und Eltern sind regelmäßige Wiedereinbestellungen notwendig. Die Prognose der Enkopresis ist unter einer solchen Behandlung sehr gut.

Homöopathische Behandlung

Die Enkopresis ist eine Erkrankung, die im wahrsten Sinne des Wortes „zum Himmel“ stinkt. Für Kinder ist „der Himmel“ die Liebe der Eltern, die aber häufig nicht in der Lage sind, bei dieser Problematik ihren Kindern die notwendige Zuwendung zu geben. Sie lehnen die Erkrankung eher ab. Eine psychotherapeutische Intervention ist daher immer sinnvoll. Die Erfahrungen mit der homöopathischen Behandlung zeigen, dass das körperliche Hauptsymptom der Erkrankung rasch zu beseitigen ist und dass Kinder und Eltern dann sehr viel leichter einer psychotherapeutischen und erzieherischen Intervention zugänglich sind.

Repertoriumsrubriken

Hauptrubriken
RepertoriumsrubrikenEnkopresis→Gemüt – Analfixierung (6): kali-c, kali-s, kali-sil, sil, sulph, thuj
→Gemüt – Eigensinnig, starrköpfig, dickköpfig – Stuhlgang, beim (1): sulph
→Gemüt – Fäzes – urinieren und defäkieren überall, Kinder (5): hyos, sep, sil, staph, sulph
→Gemüt – Gesellschaft – Abneigung gegen – Fremden, Abneigung gegen die Anwesenheit von – Stuhlgang, beim (2): ambr, nat-m
→Rektum – Lähmung (77): alum, mur-ac, phos, sil, …
→Rektum – Obstipation – Stuhl – bleibt lange im Rektum, ohne Stuhldrang (36): calc, graph, lach, nux-v, op, sil, …
→Rektum – Obstipation – schwieriger Stuhlgang – schlüpft zurück, der Stuhl (24): op, sil, …
→Rektum – unbemerkter Abgang von Stuhl (25): aloe, ars, hyos, mur-ac, staph, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl (165): aloe, bell, hyos, nat-m, op, ph-ac, phos, sulph, verat, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Erregung, Aufregung agg. (3): hyos, spong, syc
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Flatus, Abgang von (39): aloe, nat-m, nat-p, ph-ac, verat,
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Kummer, durch (1): op
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Lähmung, durch (8): alum, bell, gels, hyos, laur, nux-v, op, sec
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Schlaf, agg. im (30): ars, hyos, ph-ac, phos, podo, psor, sulph, tub, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Schreck, nach (5): gels, meli, op, phos, verat
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Urinieren – mit Stuhlgang: 37) ars, hyos, mur-ac, ph-ac, phos, …
→Stuhl – unterdrückt (7): agar, bell, bufo, carb-v, dulc, stram, verat
→Blase – Urinieren – unwillkürlich – Stuhlgang – nach (39): arg-n, ars, hyos, laur, mur-ac, ph-ac, phos, sel, zinc, …
Zwei hilfreiche Rubriken aus Pennekamps Repertorium.
→Geist und Gemüt – Enkopresis (6): aloe, caust, hyos, sep, sulph, verat
→Bauch und Stuhl – Verstopfung – Megacolon, wegen – Stuhl nur alle 10–14 Tage (6): alum, calc, graph, lyc, sil, sulph
Entwicklungsstörungen
Bei Kindern mit Entwicklungsstörungen, die an einer Enkopresis leiden, sind die entsprechenden Rubriken zu berücksichtigen:
→Gemüt – Entwicklung, kindliche – Entwicklungsstillstand (24): agar, ant-c, aur, bac, bar-c, calc, calc-p, carc, chap, cic, cupr, des-ac, kali-br, nitr-o, op, phos, syph, thuj
→Allgemeines – Entwicklung – Entwicklungsstillstand (35): agar, alum, bar-c, calc, calc-p, phos, sil, …
→Gemüt – Sprechen – langsam, lernt (22): agar, bar-c, bell, calc, calc-p, med, nat-m, sanic, sil, …
→Allgemeines – Gehen – Gehenlernen, Laufenlernen – spätes (36): agar, bar-c, calc, calc-p, caust, nat-m, sanic, sil, …

Homöopathische Arzneimittel

Aloe
#AloeEnkopresisEinkoten durch Schließmuskelschwäche und Unsicherheitsgefühl im Rektum; Stuhlabgang mit Flatus. Gefühl eines offenen Anus. Kann Darm und Blase nicht unabhängig voneinander entleeren. „Kind läuft im Haus herum und lässt kleine harte Kotkugeln fallen“ (Kent). Stuhldrang jeden Morgen nach dem Aufstehen.
→Rektum – Erschlaffter Anus (19): aloe, apis, carb-v, petr, phos, sec,
→Rektum – Unbemerkter Abgang von Stuhl – harter Stuhl (3): aloe, caust, coloc
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – körperliche Ursachen als durch emotionale, mehr durch (1): aloe
Alumina
#AluminaEnkopresisNeigung zu paretischen Muskeln. Kein Stuhldrang und keine Entleerung möglich, bis sich große Stuhlmengen angesammelt haben. Hartnäckige Obstipation mit Trockenheit des Darmes und Stuhls schon im Säuglingsalter. Harter, trockener, knotiger Stuhl, muss mechanisch entfernt werden. Sogar weicher Stuhl wird nur mit Schwierigkeiten entleert. Schmerzhaftes Drängen lange vor dem Stuhlgang, der Stuhl erfolgt dann langsam und nur durch starkes Pressen.
→Rektum – Obstipation – Kindern, bei – Kleinkindern, bei (26): alum, bac, caust, op, verat, …
→Rektum – Obstipation – schwieriger Stuhlgang – Urinieren ab, Stuhl geht nur beim (2): aloe, alum
→Rektum – Obstipation – schwieriger Stuhlgang – weicher Stuhl (76): alum, hep, nux-m, sep, …
→Rektum – Obstipation – Stehen ab, Stuhl geht besser im (2): alum, caust
→Rektum – Unwillkürlicher Stuhl – Urinieren – beim – agg. (20): alum, hyos, sulph,
Arsenicum album
#Arsenicum albumEnkopresisDiarrhö oder Einkoten nach Angst. Unbemerkter Stuhlabgang; unwillkürlicher Stuhl im Schlaf und im Stehen.
→Rektum – unbemerkter Abgang von Stuhl (25): ars, hyos, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – geformter Stuhl (6): aloe, ars, bell, caust, coloc, hyos
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Schlaf, agg. im (30): ars, hyos, podo, psor, sulph, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Stehen, agg. (5): aloe, ars, coloc, …
Belladonna
#BelladonnaEnkopresisÄußerst lebhaftes Kind, neigt zu Halluzinationen besonders im Fieberzustand. Ist wütend, tobt, beißt und schlägt. Sehr empfindlich auf Sinnesreize. Neigt zu spastischer Striktur des Rektums. Einkoten gleichzeitig mit Einnässen.
→Gemüt – Springen – Kindern, bei – Stühle, Tische und Ofen, auf (1): bell
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – geformter Stuhl (6): aloe, ars, bell, caust, coloc, hyos
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – nachts – Bett, im – harter Stuhl (2): aloe, bell
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Urinieren, beim, agg. (20): aloe, bell, hyos, mur-ac, sulph,
Causticum
#CausticumEnkopresisÄngstliches, ungeschicktes, entwicklungsverzögertes Kind. Weinerlich; leicht verletzlich, Beschwerden durch ungerechte Behandlung, Enttäuschung, Misshandlung, anhaltenden Kummer oder einen Todesfall. Unwillkürlicher Stuhl, auch wenn er geformt oder sogar hart ist. Einkoten während Flatus. Stuhlgang schwierig, muss sich dazu hinstellen. Wund und rissig um den After. Enkopresis mit Harnverhaltung oder Enuresis v. a. bei erhöhtem abdominalem Druck (Husten, Pressen).
→Gemüt – Beschwerden durch – Tod von geliebten Personen – Kindern, bei (23): acon, ars, ign, lach, op, ph-ac, staph, …
→Rektum – Obstipation – Stehen ab, der Stuhl geht besser im (2): alum, caust
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – geformter Stuhl (6): aloe, ars, bell, caust, coloc, hyos
→Blase – Urinieren – unwillkürlich – Schneuzen der Nase, beim (4): caust, nat-m, puls, zinc
Hyoscyamus niger
#Hyoscyamus nigerEnkopresisDas Kind steht unter einer großen emotionalen Belastung. Es ist impulsiv, aggressiv, misstrauisch und sehr eifersüchtig. Es kann deutlich psychopathologische oder autistische Züge aufweisen, liegt gern nackt im Bett, entblößt seine Genitalien und spielt mit ihnen. Für sein Verhalten wird es bestraft und reagiert darauf mit Enuresis oder Enkopresis. Der Stuhl geht unbemerkt ab. Das Kind uriniert oder defäkiert auf den Boden und isst seinen eigenen Stuhl. Enkopresis mit starker autoerotischer Komponente.
→Gemüt – Beschwerden durch – Liebe, enttäuschte (57): aur, hyos, ign, nat-m, ph-ac, staph, …
→Gemüt – Fäzes – schluckt Fäzes – eigenen Kot, den (5): hyos, merc, sulph, verat, visc
→Gemüt – Fäzes – setzt Fäzes auf dem Boden ab (3): cupr, hyos, sulph
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Erregung, Aufregung agg. (1): hyos
Mercurius solubilis
#Mercurius solubilisEnkopresisMisstrauischer, ruheloser Einzelgänger; schwere Störung in der Eltern-Kind-Beziehung; für die Eltern nicht mehr erreichbar. Obstipation mit Tenesmen und vergeblichem Stuhldrang. Spielt mit seinem Kot. Masturbiert.
→Gemüt – Abneigung – Familienangehörige, gegen (33): fl-ac, merc, sep, …
→Gemüt – Fäzes – schluckt Fäzes – eigenen Kot, den (5): camph, hyos, merc, verat, visc
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – Vorwürfe, gegen alle (7): merc, tub, verat, …
→Männliche Genitalien – Masturbation, Neigung zur – Kindern, bei (27): calc-p, carc, hyos, lach, med, merc, mosch, phos, zinc, …
Natrium muriaticum
#Natrium muriaticumEnkopresisBeschwerden durch lang anhaltenden Kummer oder Enttäuschung. Introvertiertes Kind, verletzlich, leidet still, mag keinen Trost. Hartnäckige Obstipation, trockener Stuhl, vergeblicher Stuhldrang, Analfissuren. Will Gas entleeren, aber weiß nicht, ob Wind oder Kot abgeht. Begleit-Enuresis.
→Gemüt – Beschwerden durch – Kummer – stiller Kummer (4): anthraci, carc, nat-m, tub
→Rektum – Blutung aus dem Anus – Stuhlgang – harten Stuhl agg. (12): fl-ac, kali-c, nat-m, tub, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Flatus agg., Abgang von (39): aloe, nat-m, podo, verat, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Schlaf, agg. im (30): nat-m, podo, psor, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Urinieren – mit Stuhlgang (37): mur-ac, nat-m, …
Nux vomica
#Nux vomicaEnkopresisSchwere chronische Obstipation mit Retroperistaltik. Ständiger, aber ungenügender Stuhldrang. Hämorrhoiden, Analprolaps. Einkoten beim Abgang von Flatus. Neurologisch bedingte Inkontinenz.
→Rektum – Obstipation – Stuhldrang, ständiger (30): mag-c, mag-m, nux-v, puls, sil, sulf, …
→Rektum – umgekehrte Peristaltik (1): nux-v
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Lähmung, durch (8): alum, bell, gels, hyos, laur, nux-v, op, sec
Opium
#OpiumEnkopresisIn der psychischen Struktur dieser Kinder mit Enkopresis finden wir eine große emotionale Unreife, die in der Regel zu erheblichen Erziehungsschwierigkeiten führt (Kasuistik „Von Blau zu Braun“). Da diese Kinder ihrem tatsächlichen Alter entsprechend behandelt und gefordert werden, werden sie meist überfordert. Die Erwachsenen – Eltern, Erzieher oder Lehrer – erleben diese Kinder als unerzogen, frech, widerspenstig, eigensinnig und auch als faul. Sie verstehen nicht, dass die Kinder ein Problem haben und vielleicht „wollen“, aber nicht „können“. So gerät der Umgang mit diesen Kindern sehr leicht in eine lieblose Form, die nur noch fordert, mit den Ergebnissen nicht zufrieden ist und den Kindern ausschließlich negativ begegnet. Es kommt zu einer emotionalen Verwahrlosung, die Kinder bleiben in ihrem Gefühlsleben sich selbst überlassen, da sie von keiner Seite mehr Liebe erfahren. Das lässt sie aggressiv oder depressiv werden. In der Aggression liegt noch ein Versuch der Annäherung (lat. ad-gredi: herangehen), in der Depression ist die Trennung von den geliebten Menschen perfekt. Die Kinder sind äußerst schreckhaft und reagieren auf seelische Belastungen zuerst mit den Ausscheidungsorganen – entweder mit einer hartnäckigen Verstopfung oder Einkoten und/oder Einnässen. Der Stuhl ist schwarz und übelriechend. Opium ist auch eines der Mittel bei Beschwerden durch sexuellen Missbrauch oder Scham.
→Gemüt – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung, nach – sexuellem Missbrauch, nach – Kinder, bei (17): acon, arn, carc, ign, med, nat-m, op, sep, staph, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Scham (12): aur, carc, ign, nat-m, op, staph, …
→Harnverhaltung – Schreck, nach (3): acon, bell, op
→Blase – Urinieren – unwillkürlich – Schreck, bei (3): lyc, op, sep
→Rektum – Obstipation – Stuhl – bleibt lange im Rektum, ohne Stuhldrang (36): calc, graph, lach, nux-v, op, sep, sil, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Kummer, durch (1): op
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Schreck, nach (5): gels, meli, op, phos, verat
Sanicula aqua
#Sanicula aquaEnkopresisRetention großer Stuhlmassen, die nach viel Pressen nur teilweise entleert werden. Die Defäkation ist schmerzhaft, schwierig oder vergeblich; der Stuhl schlüpft zurück, muss mit der Hand geholt werden oder geht unfreiwillig in Form von Einschmieren ab – beim Stehen, Gehen, Spielen und sogar nachts. Stuhl und Flatus stinken wie alter Käse.
→Rektum – Obstipation – schwieriger Stuhlgang – schlüpft zurück, der Stuhl (24): lac-d, mag-m, mur-ac, nat-m, op, sanic, sil, thuj, …
→Stuhl – Geruch – Käse, wie verdorbener (4): bry, hep, sanic, tub
Sepia
#SepiaEnkopresisEnkopresis als Folge emotionaler Verletzung in der Kindheit: unerwünschtes Kind, Folge von sexuellem Missbrauch, von übermäßiger Bevormundung. Emotional distanziert, ihm ist alles egal, es uriniert und defäkiert überallhin. Enkopresis mit großen Angst- und Schamgefühlen.
→Gemüt – Beschwerden durch – Bevormundung – Kindern bei (24): aur-m-n, carc, lyc, podo, sep, staph, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Bevormundung – lange Zeit, für (10): carc, lyc, sep, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung; nach – sexuellem Missbrauch, nach – Kindern, bei (17): acon, alum, anac, arn, carc, ign, kreos, lac-c, lyc, med, nat-m, nux-v, op, plat, sep, staph, thuj
→Gemüt – Furcht – Stuhlgang – unwillkürlichem Stuhl, vor (19): nat-m, phos, sep, sulf, …
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – Familie, gegen seine (26): phos, sep, …
→Gemüt – schmutzig – urinieren und defäkieren überall Kindern, bei (5): hyos, sep, sil, staph, sulph
Silicea
#SiliceaEnkopresisFolgen von zu früher Sauberkeitserziehung. Hartnäckige Obstipation mit zurückschlüpfendem Stuhl, Überlaufenkopresis.
→Gemüt – Beschwerden durch – Bevormundung – Kindern, bei (24): anac, carc, lyc, med, nat-m, podo, sep, sil, staph, …
→Gemüt – schmutzig – urinieren und defäkieren – überall – Kindern, bei (5): hyos, sep, sil, staph, sulph
→Rektum – Obstipation – Stuhl – bleibt lange im Rektum, ohne Stuhldrang (35): graph, op, sil, …
→Rektum – Obstipation – schwieriger Stuhlgang – schlüpft zurück – der Stuhl (24): op, sil, …
Staphisagria
#StaphisagriaEnkopresisPsychogene Enkopresis (aloe, caust, hyos, sep, sulph, verat nach Pennekamp) durch übermäßige Bevormundung, Bestrafungen, Kränkungen und physische Gewalt. Große innere Spannung (Zorn, Entrüstung), aber nach außen hin unterdrückte Gefühle. Stuhlabgang mit Flatus, riecht wie faule Eier.
→Gemüt – Beschwerden durch – Grobheit anderer (20): carc, colch, lyc, nat-m, staph, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung, nach (57): acon, arg-n, ign, nat-m, op, sep, staph…
→Gemüt – Beschwerden durch – Zorn – unterdrückten Zorn, durch (50): coloc ign, lyc, nat-m, staph, …
Stramonium
#StramoniumEnkopresisVerhaltensgestörtes, ängstliches und gewaltbereites Kind, zerstört Dinge, schlägt, tobt. Große emotionale Verletzlichkeit, fühlt sich verlassen und hilflos. Pavor nocturnus. Enkopresis nach Tadel, seelischem Schock oder unterdrückter Wut. Stuhl- und Urinretention, schließlich Einkoten und Einnässen gleichzeitig.
→Gemüt – Beschwerden durch – Tadel (33): ambr, ign, op, plat, staph, stram, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Zorn – Schreck, mit (23): acon, ign, stram, …
→Stuhl – unterdrückt (7): agar, bell, bufo, carb-v, dulc, stram, verat
Sulphur
#SulphurEnkopresisFrühreifes, selbstbezogenes Kind mit starkem Selbstbewusstsein. Einkoten aus Gleichgültigkeit oder Ekel vor dem eigenen Stuhl.
→Gemüt – Fäzes – setzt Fäzes auf dem Boden ab (3): cupr, hyos, sulph
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – Erscheinung, sein Äußeres, gegen die persönliche (18): sulph, …
→Nase – Geruch, Geruchssinn – überempfindlicher Geruchssinn – Fäzes, Stuhl (2): dios, sulph
Veratrum album
#Veratrum albumEnkopresisVerhaltensgestörtes Kind mit Hyperaktivität und Aggressivität. Distanziert, überheblich, ehrgeizig und manipulativ. Beschwerden durch Misserfolg, Blamage, Verlust von Prestige. Unwillkürlicher Stuhl im Schlaf, beim Husten oder Niesen, beim Urinieren.
→Gemüt – Beschwerden durch – Ehrgeiz – enttäuscht (9): bell, merc, nat-m, nux-v, plat, puls, verat, …
→Gemüt – Fäzes – schluckt Fäzes – eigenen Kot, den (5): hyos, merc, sulph, verat, visc, …
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl – Husten oder Niesen, beim (9): bell, merc, phos, sulph, verat, …

Kasuistiken

Kasuistik

Von Blau zu Braun (Herbert Pfeiffer)

Anamnese

Im Alter von fünfeinviertel Jahren kommt der Junge zur Behandlung. Schon zwei Jahre lang versuchten die Eltern, ihn zur Sauberkeit zu erziehen. Seit dieser Zeit litt er an einer Obstipation. Der Stuhlgang kam „in guten Zeiten“ alle drei Tage spontan und in „schlechten Zeiten“ nur mit Hilfe eines abführenden Mittels (Babylax®). Nachdem er keine Windeln mehr trug, waren die Hosen mit Stuhl verschmiert. Wenn er viel Süßigkeiten gegessen hatte, war der Stuhlgang sehr weich, konnte aber trotzdem nicht entleert werden, nur das Schmieren in der Hose war schlimmer. Er war weder tagsüber noch nachts vollkommen trocken, tagsüber gingen regelmäßig kleine Mengen Urin in die Hose, nachts dagegen nur ab und zu.
Familienanamnese: Manuel ist das vierte Kind in der Familie. Bis zum dritten Schwangerschaftsmonat litt seine Mutter unter einer Hyperemesis. Die Geburt erfolgte acht Tage nach dem errechneten Termin. Nach der Geburt war der Junge zyanotisch. Sein Gewicht betrug 4610 g, seine Länge 58 cm, der Kopfumfang 37,5 cm.

Repertorisation

→Allgemeines – Zyanose – Kleinkindern, bei
→Allgemeines – Speisen, Getränke – Süßigkeiten – Verlangen
→Blase – Urinieren – unwillkürlich
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl
→Rektum – Obstipation – schwieriger Stuhlgang – ungenügend

Verordnung und Verlauf

Opium Q 1, 3 × wöchentlich 2 Tropfen. Ab der ersten Gabe kam der Stuhlgang spontan jeden zweiten Tag. Das Schmieren trat nicht mehr auf. Auch nach längerer Zeit erfolgte kein Rückfall.

Kasuistik

Ohne Krabbeln keine Ordnung (Herbert Pfeiffer)

Anamnese

Johannes ist das zweite Kind in der Familie. Seine Mutter hatte während der Schwangerschaft bis zum vierten Monat eine Hyperemesis. Die Geburt erfolgte neun Tage nach dem errechneten Termin und dauerte 24 Stunden. Die Nabelschnur war zweimal um den Hals gewickelt. Nach der Geburt bestand eine Zyanose. Der Apgarwert war nach 5 und 10 Minuten jeweils 10. Das Gewicht betrug 3550 g, die Länge 52 cm, der Kopfumfang 36 cm. Die sensomotorische Entwicklung war auffällig, er lernte nie richtig krabbeln. Die Vorstellung in der Praxis erfolgte im Alter von fünfdreiviertel Jahren wegen Enuresis, Enkopresis und Verhaltensauffälligkeiten. Er hatte ein starkes Verlangen nach Süßigkeiten. Der Stuhlgang war unregelmäßig. Johannes klagte über Bauchschmerzen vor dem Stuhlgang. Der Stuhl schlüpfte immer wieder zurück. Er entleerte den Stuhl öfter in die Hose, seine Unterwäsche war ständig verschmiert.
Die Mutter gab dazu einen schriftlichen Bericht: „Angst vor der Dunkelheit, in dunklen Ecken und dunklen, leeren Zimmern; vorrangig Angst vor dem Wolf – der Name darf nicht ausgesprochen werden. Große Schwierigkeiten beim Einschlafen: Es muss hell sein, jemand muss da sein, bis er einschläft. Wenn er die Augen zumacht, sieht er unheimliche Gesichter, trotz großer Müdigkeit kann er nicht einfach im Bett liegen und auf den Schlaf warten. Regression: Er will vor allem abends getragen werden, man soll ihn ausziehen und ihm die Zähne putzen. Nachts hat er viel Urin in der Windel. Er wacht in der Nacht auf und hat Angst – es muss einer zu ihm kommen. Bevorzugung des Vaters. Überhaupt hängt er sehr stark am Vater: absolute Hauptperson. Tagsüber traut er sich gelegentlich nicht, allein im Zimmer zu sein, vor allem wenn die Tür zu ist. Am Tag ist er aufsässig, frech, gebieterisch und fordernd, wird schnell wütend. Ärgert und quält seine Schwester permanent. Er kämpft mit mir bzw. ich kämpfe mit ihm. Es ist immer wieder schwierig, den alltäglichen Ablauf mit ihm durchzunehmen (Aufstehen, Anziehen, Waschen etc.). Er hat keine Lust, lehnt sich auf, trödelt, spielt oder quält die Katze oder seine Schwester. Seine Angst artikuliert er, fängt dabei auch häufig an zu weinen: Lässt sich durch Worte kaum beruhigen, braucht dann Körperkontakt. Häufig schmeißt er sich regelrecht an mich, obwohl ich z. B. die Schwester auf dem Arm habe oder versorge und obwohl er so groß und schwer ist, dass ich ihn kaum tragen kann. Es gibt jeden Abend Gebrüll und Geweine von ihm – egal, was man tut oder nicht tut. Wenn er Angst hat, und ich werde wegen seines Verhaltens und meiner Überforderung böse, schimpfe oder schlage gar, dann sagt er, dass er in diesen Momenten am meisten Angst hat, also alles noch schlimmer wird. Andererseits benimmt er sich wie toll und reizt mich so, dass ich häufig nicht anders kann, als böse zu werden. Er mag am liebsten die Farbe schwarz. Er spielt häufig Löwe, Teufel und Wolf. Zum Fasching verkleidet er sich auch als Teufel. Zum Nikolaus hat er gesagt: ‚Ich gehe in den Keller und hole eine Axt, säge dich kaputt, schieße dich tot.‘ “

Repertorisation

→Gemüt – Beschwerden, durch – Kränkung, Demütigung
→Gemüt – Gedanken, hartnäckig – Mord, an
→Gemüt – Wahnidee – Teufel anwesend, sei
→Allgemeines – Speisen und Getränke – Süßigkeiten – Verlangen
→Abdomen – Schmerz – Stuhlgang, vor
→Allgemeines – Zyanose – Kleinkindern, bei
→Harnblase – Urinieren – unwillkürlich – nachts
→Rektum – unwillkürlicher Stuhl
→Rektum – Obstipation – schwieriger Stuhlgang – schlüpft zurück, der Stuhl
→Rektum – Obstipation – schwieriger Stuhlgang – ungenügend

Verordnung und Verlauf

Opium Q 1 bis Q 30, 3 × wöchentlich 2 Tropfen, jeweils 3 Wochen lang pro Potenz. Nach der ersten Gabe Opium hat der Junge nie mehr eingekotet. Sein Verhalten wurde nach und nach besser, war jedoch wesentlich davon abhängig, wie streng und strafend die Mutter mit ihm umging. Er wurde von der Mutter immer wieder geschlagen. Er wurde im Alter von sechseinviertel Jahren eingeschult, was seine Ängste vorübergehend verstärkte. Sein soziales Verhalten war in der Schulklasse nicht angemessen, weshalb er in die Eingangsstufe zurückversetzt wurde. Die Ängste nahmen ab. Mutter und Sohn kamen sich näher. Die Mutter sah ihn immer mehr als Teil von sich selbst. Sie konnte sich besser in ihn hineinversetzen. Das Bettnässen dauerte bis zum Alter von achtdreiviertel Jahren an. Er erhielt drei Jahre Opium bis zur Q30 und wieder rückwärts. Seine Persönlichkeit entwickelte sich in dieser Zeit sehr positiv, sodass die Mutter ihn nicht mehr strafen „musste“.

Literatur

Bishop et al., 2003

E. Bishop E. McKinnon E. Weir D.W. Brown Reflexology in the management of encopresis and chronic constipation Paediatr Nurs 15 3 2003 20 21

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R.C. Brooks R.M. Copen D.J. Cox J. Morris Review of the treatment literature for encopresis, functional constipation, and stool-toileting refusal Ann Behav Med 22 3 2000 260 267

DGKJP, 2007

DGKJP (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie) Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter 3. A. 2007 Deutscher Ärzte Verlag Köln

Fauland, 2003

C. Fauland Unser Kind macht immer noch in die Hose! – Stuhlverlust bei Kindern. Das Online-Familienhandbuch http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Haeufige_Probleme/s_529.html 14.8.2003

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H. Harbauer Lehrbuch der speziellen Kinder- und Jugendpsychiatrie 1971 Springer Heidelberg

Harnack, 1994

G-A von Harnack Kinderheilkunde 9. A. 1994 Springer Heidelberg

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H.C. Steinhausen Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen 7. A. 2010 Elsevier, Urban & Fischer München

Strunk, 1971

P. Strunk Psychogenen Störungen mit vorwiegend körperlicher Symptomatik H. Harbauer Kinder- und Jugendpsychiatrie 1971 Springer Heidelberg

Tölle, 1991

R. Tölle Psychiatrie 9.A. 1991 Springer Heidelberg

Homöopathische Literatur

Lilienthal, 1998

S. Lilienthal Homöopathische Heilmittel nach klinischen Gesichtspunkten 1998 Grohmann Enger

Pennekamp, 1999

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 2. A. 1999 MDT-Verlag Osten-Isensee

Schroyens, 1998

F. Schroyens Synthesis Edition 7 1998 Hahnemann Institut Greifenberg

Schroyens, 2003

F. Schroyens Synthesis 8.1.40 in RADAR for Windows. Archibel S. a., Assese 2003

Zandvoort, 2000

R v Zandvoort The Complete Repertory 2000 Similimum Ruppichteroth

Essstörungen

Jutta Gnaiger-Rathmanner

Die EssstörungenEssstörungen (Anorexia nervosa 21.6, Bulimia nervosa 21.7) werden hier nach der klinischen, diagnostischen Ordnung abgehandelt. Auch die Adipositas (21.5) ist aufgeführt. Ergänzt wird dieses Kapitel durch einen Blick auf die Borderline-Störung (21.8), die oft einer Essstörung zugrunde liegt und ein zunehmend häufiges Krankheitsbild darstellt. Des Weiteren soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass auch im schwierigen Bereich der Patienten mit Selbstbeschädigung (21.9) die Homöopathie eine wichtige Therapiesäule bilden kann.

Formen

Gestörtes Essverhalten ist in den Industrieländern des Westens und des Ostens ein verbreitetes Phänomen. In den Entwicklungsländern, dort, wo es zu wenig Nahrung und deshalb Hunger gibt, spielt es keine Rolle. Es ist, für sich genommen, keine Krankheit. Nicht bekannt ist, wie viele Kinder und Jugendliche zeitweise Teilsymptome einer Essstörung aufweisen, ohne an einer manifesten Essstörung zu erkranken. Letztere ist eine Erkrankung im Sinne einer psychogenen Störung und kann sich aus ersterem allmählich entwickeln (Gerlinghoff 2000).

Info

Essstörungen können im frühen und mittleren Kindesalter erstmals auftreten und umfassen

  • die unspezifischen Ess- und Appetitstörungen und

  • die frühkindliche Fütterstörung.

Kinder lehnen einzelne Speisen ab, bevorzugen andere, essen extrem langsam, verweigern feste Nahrung und bestehen nur auf breiiger Kost. Oft sind es Kinder mit einem schwierigen Temperament (Steinhausen 2010). Daraus kann sich später z. B. eine Anorexie entwickeln.

Häufig steht die Störung des Kindes im Kontext einer gestörten Beziehung zur Mutter mit begleitenden intrafamiliären Belastungen. Wenn sie mit Deprivationsbedingungen zusammenfallen, kann dies zur frühkindlichen Gedeihstörung und zum psychosozialen Minderwuchs führen.
Allgemein gilt: Wählerisches Essverhalten zeigen etwa ein Drittel der Vierjährigen und 20 % der Schulanfänger. Beide Geschlechter sind gleich häufig betroffen.

Homöopathische Behandlung

Eine homöopathische Begleitung des Kindes und der Familie bedeutet Wahrung oder Wiederherstellung der Gesundheit
  • im Sinn der Harmonie von Seele und Körper und

  • im Sinn der Lebensordnung bezüglich einer gesunden Familien- und Kommunikationskultur

In jeder Entwicklungsstufe und an jedem Krisenpunkt wird mit Blick auf den individuellen Kern des Kindes nach der Gesamtheit der Symptome geforscht und daraus der therapeutisch-pädagogische Ansatz entwickelt.
Die Homöopathie ist eine Therapie der auslösenden Momente, der Konstitution und des Temperaments und bezieht alle Leibesfunktionen und Leibessymptome mit ein.

Info

Ziel der homöopathischen Behandlung des Kindes und des Jugendlichen mit Essstörungen ist es, die Abweichungen möglichst früh zu erfassen und ebenso gezielt wie schonend zu behandeln. Eine ausführliche Anamnese und die individuelle regulative Arznei bieten die fundierte Voraussetzung dazu.

Die homöopathische Behandlung reiht sich in einen gesamten Therapieplan für essgestörte Jugendliche ein – variierend je nach Schweregrad der Erkrankung. Zu beachten sind die Komorbiditäten der Essstörungen.
Zu den Repertoriumsrubriken und homöopathischen Arzneimitteln siehe die spezifischen Krankheitsbilder: Adipositas (21.5), Anorexia nervosa (21.6), Bulimia nervosa (21.7), Borderline-Störung (21.8), Patienten mit Selbstbeschädigung (21.9).

Literatur (21.1)

Bisegger et al., 1998

M. Bisegger Die Behandlung von Magersucht. Ein integrativer Therapieansatz 1998 Verlag Freies Geistesleben Stuttgart

Gerlinghoff and Backmund, 2000

M. Gerlinghoff H. Backmund Essen will gelernt sein. Ess-Störungen erkennen und behandeln. Verlagsgruppe 2000 Beltz Weinheim

Holtkamp and Herpertz-Dahlmann, 2002

K. Holtkamp B. Herpertz-Dahlmann Anorexia und Bulimia nervosa im Kindes- und Jugendalter Monatsschrift Kinderheilkunde 2 2002 164 171

Jahreis, 2000

G. Jahreis Adipositas im Kindes- und Erwachsenenalter – Trends, Prävention, Behandlung Ernährung/Nutrition 24 7/8 2000 326 328

Kernberg, 2000

O.F. Kernberg Borderline Persönlichkeitsorganisation und Klassifikation der Persönlichkeitsstörungen. Im Handbuch der Borderlinestörungen 2000 Schattauer Stuttgart

Köhler, 1995

H. Köhler Die stille Sehnsucht nach Heimkehr. Zum menschenkundlichen Verständnis der Pubertätsmagersucht 2. A. 1995 Verlag Freies Geistesleben Stuttgart

Leitlinien der DGfKJ, 2015

Leitlinien der DGfKJ Konsensbasierte (S2) Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Prävention von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter verabschiedet auf der Konsensus-Konferenz der AGA am 15.10.2015 http://www.aga.adipositas-gesellschaft.de/fileadmin/PDF/Leitlinien/AGA_S2_Leitlinie.pdf (Zugriff 19.6.2016)

Onken, 2001

J. Onken Vatermänner 2001 Beck München

Ploog, 2012

D. Ploog Kinder, Miasmen, Traumata. Grundprinzipien der homöopathischen Behandlung von Traumata 2012 Books on Demand GmbH Norderstedt 121

Stauss, 1994

K. Stauss Neue Konzepte zum Borderline-Syndrom 1994 Junfermann Paderborn

Widhalm and Schönegger, 1999

K. Widhalm K. Schönegger BMI: Does it really reflect body fat mass? J Pediatr 134 1999 522

Homöopathische Literatur

Ari, 2002

C. Ari Follikulinum Homöopathie in Österreich 4 2002 25 26

Becker and Schmelzer, 1996

J. Becker W. Schmelzer Der raffinierte Zucker. Freiburger Homöopathie Tage 2.A. 1996 Sunrise Freiburg

Gnaiger, 2009

J. Gnaiger Follikulinum – das Arzneimittelbild anhand von drei Kasuistiken mit Frauenproblemen AHZ 254 4 2009 19 27

Gnaiger, 2007

J. Gnaiger Kasuistik 32–33 zu Tarantula M. Bitschnau A. Drähne Homöopathie in der Frauenheilkunde 2007 Elsevier München 809 812

Gnaiger-Rathmanner, 1990

J. Gnaiger-Rathmanner Lac caninum Documenta Homoeopathica 10 1990 99 118

Grandgeorge, 2004

D. Grandgeorge Arzneimittelbilder in der Kinderheilkunde 2. A. 2004 Sonntag Stuttgart

Lamothe, 1994

J. Lamothe Homöopathische Arzneien für übergewichtige Kinder Documenta Homoeopathica 14 1994 49 66

Neuhold, 1996

W. Neuhold Tarantula Documenta Homoeopathica 16 1996 177 194

Pennekamp, 1999

H. Pennekamp Kinder-Repertorium 2. A. 1999 MDT-Verlag Osten-Isensee

Rohrer, 1996

A. Rohrer Saccharum officinale Documenta Homoeopathica 16 1996 89 106

Sankaran, 1992

R. Sankaran The spirit of homeopathy 2.ed. 1992 Homoeopathic Medical Publishers Bombay

Scholten, 1997

J. Scholten Homöopathie und die Elemente 1997 Stichting Alonissos Utrecht

Schroyens, 2006

F. Schroyens Synthesis 10.5 in RADAR expert plus for Windows. Archibel S. A., Assese 2006

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Sherr, 1993

J. Sherr Chocolate 1993 Dynamis School Northampton

Sherr, 1992

J. Sherr Hydrogenium 1992 Müller Verlag Zweibrücken

Smits, 1995

T. Smits The Magic Sugar, Saccharum officinale Homoeopathic Links 3 1995 9 14

Vermeulen, 1998

F. Vermeulen Synoptische Materia Medica Bd. II 1998 Kai Kröger Groß Wittensee

Adipositas

Jutta Gnaiger-Rathmanner

Grundlagen

Mit dem Begriff AdipositasAdipositas wird die ungewöhnliche Ansammlung von Fettgewebe bezeichnet, die zu Übergewicht führt. Der Bodymaß-Index (BMI) stellt nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen ein akzeptables Maß für die Fettmasse des Gesamtkörpers dar. Als Grenzwert zur Definition von Übergewichtigkeit gilt die 90. alters- und geschlechtsspezifische Perzentile des BMI, als Grenzwert von Fettsucht, der Adipositas im engeren Sinne, die 97. Perzentile.
Ätiologie
Neben genetischen und physiologischen Theorien setzt sich die Set-Point-Theorie durch. Diese nimmt ein individuell variierendes ideales biologisches Gleichgewicht an, das vom Körper nach dem Prinzip der Homöostase reguliert wird. Für Adipöse wird demgemäß ein höheres ideales Körpergewicht angenommen. Das hat dazu geführt, dass die Behandlungsbedürftigkeit der Adipositas auf eine enger definierte Extremgruppe eingeschränkt wird.
Gegen diese Theorie spricht die Zunahme der Prävalenz in allen Industriestaaten; in Deutschland sind heute je nach Definition 10–20 % der Schulkinder und Jugendlichen übergewichtig; bei Jenaer Schulkindern hat sich die Zahl an übergewichtigen Kindern und Jugendlichen innerhalb von zehn Jahren verdoppelt, mit anhaltender Tendenz (Jahreis 2000). Eine große Rolle hierbei spielen sicher auch die Einschränkung des Bewegungsraums und der zunehmende Bewegungsmangel unserer Kinder bei gleichzeitigem Trend zur „Nahrungsergänzung“ mit hochkalorischen schnellresorbierbaren Energieriegeln und Powergetränken.
In Bezug auf die Bedeutung alimentärer Faktoren gilt es zu betonen, dass der Fettgehalt mehr zu Gewicht schlägt als der Kohlenhydrat- und Zuckergehalt. Die Zusammenstellung der industriell gefertigten Produkte in Form der sogenannten Supermarkternährung muss in dieser Hinsicht beachtet werden. Möglicherweise spielt auch die künstliche Säuglingsernährung im Zusammenhang mit dem Rückgang des Stillens für die späteren Essgewohnheiten des Kindes eine ungünstige Rolle.
Unter den psychologischen Faktoren wird auf den Zusammenhang mit frühkindlichen Lernprozessen hingewiesen. Durch unangemessenes Zufüttern von Nahrung bei allen Äußerungen von Missempfindungen wird beim Säugling eine Störung der Wahrnehmung von Hunger und Sättigung sowie des Körperschemas angelegt. Das kann später zur sogenannten hyperphagen Reaktion führen, bei der im Rahmen emotionaler Belastungen, Spannungen und Konflikten jeweils auf das früh erlernte Muster der Spannungsreduktion durch Nahrungsaufnahme zurückgegriffen wird.
Als familiäre Belastung wird v. a. der Modellcharakter des Essverhaltens von übergewichtigen Eltern betont. 80 % aller Eltern adipöser Kinder sind ebenfalls mindestens übergewichtig, 40 % aller Eltern ebenfalls adipös.

Info

  • Die Adipositas kann Vorläufer oder Begleiterscheinung von bulimischen Attacken sein. Eine Sonderform davon ist die sogenannte Binge eating disorderBinge eating disorder (BED) – BED, eine Essstörung mit Essattacken (binge: engl. Saufabend). Hierbei kommt es zu wiederkehrenden Heißhunger- und Essattacken, die durch einen Kontrollverlust gekennzeichnet sind, ohne dass zusätzliche Maßnahmen der Gewichtsreduktion ergriffen werden. Das ist bei adipösen Kindern häufig, kann aber auch bei normalgewichtigen Kindern und Jugendlichen vorkommen.

  • Die Kinder mit Adipositas können sowohl ängstlich-gehemmte (21.11) als auch aggressive Verhaltensabweichungen (21.13) zeigen.

Diagnostik
Die vollständige Diagnostik der Adipositas muss folgende Faktoren erheben:
  • Übergewicht

  • Essverhalten

  • Körperaktivität

  • Bisherige Behandlungsmaßnahmen und Diäten

  • Analyse der Persönlichkeit

  • Mögliche weitere bedeutende Faktoren

Zum Ausschluss sekundärer Folgeerkrankungen der Adipositas ist immer eine klinische Untersuchung unter Einschluss von Blutdruck, TSH, Nüchtern-Blutzucker, evtl. Insulin-, Cortisolspiegel und Blutfetten zu empfehlen, bei familiärer Belastung auch die Harnsäure und die Glukose-Toleranz (Leitlinien der DGfKJ).
Wegen der Folgeerkrankungen und dem dadurch deutlich erhöhten Mortalitätsrisiko ist die Adipositas als chronische Krankheit anzusehen. Zu beachten ist auch die erhöhte Morbidität für orthopädische Erkrankungen wie Haltungsstörungen, Hüftkopfepiphysiolyse oder Bein- und Fußfehlstellungen.
Nur 3–5 % aller Fälle betreffen differenzialdiagnostisch eine sekundäre Adipositas als Ausdruck einer endokrinologischen oder neurologischen Grundkrankheit oder selten auch eines genetischen Syndroms (Wiedemann-Beckwith-Syndrom, Prader-Willi-Syndrom etc.). Eingehende Diagnostik ist bei Minderwuchs, Hirsutismus, Dysmorphiezeichen und neurologischen Auffälligkeiten angezeigt.

Konventionelle Therapie

Die Erkrankung wird oft zu spät als solche erkannt und lange unter einer anderen Diagnose betrachtet und therapiert. Bei allen schweren Formen der Essstörung sollte der Zeitpunkt nicht übersehen werden, an dem eine stationäre Therapie angezeigt ist.
Es gibt eigens dafür eingerichtete Spezialkliniken wie z. B. das „Therapie-Centrum für Essstörungen“ am Max-Planck-Institut für Psychotherapie in München, das „Dr. von Haunersche Kinderspital“ in München, die Klinik „Roseneck“ in Prien am Chiemsee, die Klinik „Alpenblick“ in Isny u. a. m. Psychopharmaka haben sich nur bei den schwersten Formen der Bulimie bewährt, bei Anorexie ist die Wirksamkeit bisher nicht belegt (Holtkamp 2002).
Die Palette der Behandlung ist sehr breit. Die Therapeuten sollten einschlägige professionelle Erfahrungen mit dem Krankheitsbild haben, vertrauensbildend wirken und die jungen Patienten gut motivieren können.
Bei adipösen Kindern gilt heute die Verhaltenstherapie als bewährt, während eindimensionale Therapieansätze mit nur Diät oder nur körperlicher Aktivität meist erfolglos bleiben. Als prognostisch ungünstig gelten: zunehmendes Körpergewicht, früher Erkrankungsbeginn, männliches Geschlecht, homologe familiäre Belastung, mehrere fehlgeschlagene Therapieversuche, ausgeprägte Körperwahrnehmungsstörung sowie Essanfälle. Nur bei extrem Adipösen steigen die als klassisch bekannten Risiken für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Mortalität (Steinhausen 2010)
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein übergewichtiger Jugendlicher auch als Erwachsener übergewichtig bleibt, ist 28-mal höher als bei einem normalgewichtigen Jugendlichen.

Homöopathische Behandlung

Im Gegensatz zu anderen Indikationen wie Untergewicht und relativem Entwicklungsrückstand gilt die Behandlung der kindlichen Adipositas als schwieriges, wenig erfolgreiches Gebiet in der Homöopathie (Lamothe 1994). Diese Erfahrung teilt auch die Autorin dieser Zeilen. Trotzdem sollen hier, folgend den Angaben der Gruppe von Pädiatern um Lamothe und Grandgeorge, einige betreffende Rubriken und Arzneien (Tab. 21.1) angeführt werden.
In jedem Fall kann mit der homöopathischen Arznei die seelische und körperliche Stabilität des Kindes gefördert werden. Damit kann das Kind aus sich selbst heraus die Reife und die Kraft entwickeln, um in eigener Motivation eine Unterstützung durch eine einfühlsame Ernährungsberatung anzunehmen.
20 Arzneien haben sich bewährt:
  • In erster Linie: ant-c, calc, calc-s, caps, ferr, puls, sulph, thuj

  • In zweiter Linie: apis, aur, bar-c, carb-v, graph, lach, lyc, med, nat-m, nux-m, op, sep

Die diesbezüglichen Rubriken heißen: Allgemeines – Fettleibigkeit und Fettsucht und enthalten interessante Untertitel wie: primär hormonell/hypophysär, psychogen mit und ohne Esssucht, psychosomatisch, durch Verlassenwerden, seit Pubertät, mit blassem und rotem Gesicht, mit Nabelhernie (Lamothe 1994, auch Pennekamp 1999).
Repertoriumsrubriken
Complete Repertory
RepertoriumsrubrikenAdipositas→Gemüt – eigensinnig, dickköpfig, stur – Kinder – Fettleibigkeit, Neigung zu (1): calc
→Allgemeines – Adipositas, Fettleibigkeit (142)
→Allgemeines – Adipositas, Fettleibigkeit – dünnen Beinen, mit (2): am-m, ant-c
→Allgemeines – Adipositas, Fettleibigkeit – jungen Menschen (5): ant-c, calc, calc-acet, lac-d, lach
→Allgemeines – Adipositas, Fettleibigkeit – jungen Menschen – Mädchen (1): lac-d
→Allgemeines – Adipositas, Fettleibigkeit – Kindern, bei (18): alum, ant-c, bac, bad, bar-c, bell, calc, caps, cina, ferr, graph, ip, kali-bi, lac-d, lap-a, sac-alb, seneg, sulph
→Allgemeines – Adipositas, Fettleibigkeit – Kindern, bei – fette anämische Säuglinge mit Jod-Appetit (1): lap-a
→Allgemeines – Adipositas, Fettleibigkeit – Kummer, durch (3): ign, nat-m, sep
→Allgemeines – Adipositas, Fettleibigkeit – Menses, vor den (1): foll
→Allgemeines – Adipositas, Fettleibigkeit – Unterkörper (1): chlorpr
Synthesis
→Allgemeines – Fettleibigkeit (202): anac, calc, caps, ferr, graph, nat-m, phyt, …
→Allgemeines – Fettleibigkeit – begleitet von – Appetit; vermindertem (1): gink-b
→Allgemeines – Fettleibigkeit – Ernährung; durch falsche, ungeeignete (2): calc, carc, graph
→Allgemeines – Fettleibigkeit – endokrin bedingt (3): cimic, hypoth, pitu-gl
→Allgemeines – Fettleibigkeit – Jugendlichen, bei (4): ant-c, calc, calc-act, lach
→Allgemeines – Fettleibigkeit – Kindern, bei (24): ant-c, bad, bar-c, calc, caps, ferr, ip, kali-bi, sacch, seneg
→Gemüt – Traurigkeit – Fettleibigkeit; mit (2): gink-b, sabin
→Atmung – Asthma, asthmatische Atmung – begleitet von – Fettleibigkeit (1): blatta-o
Typische Verhaltensweisen der Übergewichtigen wie z. B. „sehr herzlich“, „schüchtern“, „feig“, „grob“ und auch die speziellen Vorlieben für und Abneigungen gegen bestimmte Speisen können herangezogen werden – neben allen anderen Daten der Anamnese. Prinzipiell können alle Polychreste mit Adipositas einhergehen.
Homöopathische Arzneimittel
Calcium carbonicum
Viele Ängste beschäftigen dieses Kind (Kap. 21.11). Nur Calcium carbonicum#Calcium carbonicumAdipositas führt das Symptom eigensinnige Kinder mit Neigung zum Dickwerden. Dies geschieht, wenn das sonst schüchterne, liebesbedürftige und weinerliche Kind sich übergangen und überfordert fühlt. Es zieht sich dann zurück, verweigert den Kontakt und regrediert. Es ist ein übergewichtiges Kind mit Stammfettsucht, mit schlaffem Gewebe und Neigung zur Nabelhernie (lach, op), mit blassem Gesicht. Es mag v. a. Süßes, Milch, Meeresfrüchte, Salziges und neigt dazu, Unverdauliches wie Erde zu essen (ferr). Der Appetit vermehrt sich nach dem Essen. Siehe auch Kasuistik „Ich bin dick.“
Capsicum annuum
#Capsicum annuumAdipositasNach Kent: dick, starr, frostig, rebellisch und plump. Dicke Kinder mit roten Wangen (lach, puls) und trägen Reaktionen. Sie sind ungeschickt und damit vermindert anpassungsfähig. Kinder mit ständigem, unmäßigem und unwiderstehlichem Appetit (graph). Sie bevorzugen würzige Speisen. Stammfettsucht mit dünnen Beinen (am-m, ant-c). Diese Kinder leiden unter starkem Heimweh und erkranken daran; fallen durch Veränderungen und Abschied in eine stille, verdeckte Depression. Sie sind leicht beleidigt, werden schweigsam und lustlos, starrköpfig und widersprüchlich, launisch (cham, cina). Oft kommen sie wegen somatischer Beschwerden in die Praxis: Durchfall bei dicken, schwammigen Personen, Otitis media mit subakutem Verlauf (anders bell) und Schwerhörigkeit, auch mit Mastoiditis oder Sinubronchitis.
Antimonium crudum
#Antimonium crudumAdipositasSäugling und Kind mit schlechtem Charakter: reizbar, brummig, übelgelaunt, weinerlich; sehr eigensinnig. Es gerät leicht außer sich; alles wird schlimmer durch Gewiegt- und Geschaukeltwerden (umgekehrt cham). Wutausbrüche, ablehnendes Verhalten neben Zeiten großer Zärtlichkeit zeigen ein Kind, das im Grunde sehr liebevoll und gefühlvoll, ja sentimental ist. Es verhärtet sich und scheint sich verteidigen zu müssen. Zu früher Entzug von Zuwendung oder Störung in der primären Beziehung zwischen Mutter und Kind – vermutlich schon während der Stillzeit – wird als Ätiologie angenommen, da die mütterliche Brust und jede Zärtlichkeit abgelehnt werden. Dies bewirkt eine latente Depression (Grandgeorge 2004). Der Heißhunger bildet eine Kompensation für fehlende Liebe, die Gedanken kreisen ständig um das Essen. Dieses wird von dem kleinen Vielfraß gierig verschlungen. Alles schmeckt, besonders Saures.

Kasuistik

Kasuistik

Ich bin dick (Judith Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Benjamin B., neun Jahre alt, der ältere von zwei Knaben. Die Mutter kommt mit ihrem Sohn, da er so unglücklich ist wegen seines Übergewichts. Er ist traurig, weint oft lange und schluchzend, fühlt sich ungeliebt und ausgeschlossen in seiner Klasse, der vierten Schulstufe. Er ist überempfindlich auf jede Bemerkung seiner Mitschüler und fühlt sich angegriffen; er wird gehänselt und kann sich nicht wehren. Er ist ein guter Schüler.
Er leidet unter dem Verlust seines einzigen Freundes durch Übersiedlung und hat sich ganz verschlossen, verkriecht sich zu Hause und ist oft gereizt und unleidlich, besonders nach dem Unterricht. In Ruhe und Sicherheit zu Hause fühlt er sich wohl. Dort kann er auch gemütlich und fröhlich und zärtlich sein wie in früheren Tagen. Er ist immer vorsichtig, eher passiv und langsam, liebt überschaubare Abläufe und Rituale.
Gewicht und Essverhalten: Mit 139 cm wiegt der Junge 47 kg. Die Adipositas besteht erst seit Schulbeginn und seit der Adenotomie mit sechs Jahren. Er hatte am ersten Schultag viel geweint. Er isst bei Tisch normale Portionen, liebt das Kochen, nascht gerne und heimlich Süßes, versteckt seine Vorräte. Für seinen großen Durst trinkt er am liebsten Wasser. Obstipationsneigung. Die restlichen Familienmitglieder sind normalgewichtig.
Bisherige Entwicklung: Bis zu fünf Jahren Stuhlverhalten, die Adenotomie war wegen rezidivierender Otitis media erfolgt.
Aussehen und Kontakt: Adipös, träge, schmallippig und bedrückt, weint lange und wirkt hilflos, er beruhigt sich erst auf dem Schoß der Mutter.

Repertorisation

→Gemüt – kindisches Verhalten, Benehmen (75)
→Gemüt – beleidigt, leicht (135)
→Gemüt – bedauert sich (42)
→Gemüt – Weinen – leicht (53)
→Gemüt – magnetisiert – Verlangen, magnetisiert zu werden (12)
→Gemüt – Beschwerden durch – Grobheit anderer (20)
→Allgemeines – Fettleibigkeit – Kindern, bei (24)
Es führt Calcium carbonicum. Pulsatilla steht Calcium carbonicum insgesamt sehr nahe. Allerdings ist es durstlos, hält sich gerne im Freien auf, bewegt sich gerne. Statt Abkapseln und Rückzug überwiegt meist die Neugierde und die Anteilnahme aus sozialem Mitgefühl. Weitere Vergleichsarzneien aus der Repertorisation: Lycopodium und die beiden Kummerarzneien Staphisagria und Natrium muriaticum.

Verordnung und Verlauf

Calcium carbonicum D 200, nach fünf Wochen Calcium carbonicum M. Die Mutter wird aufgeklärt, dass es zuerst um eine Stärkung der Persönlichkeit des Kindes und eine Lebensordnung geht und ein Ernährungsprogramm sich daran anschließen kann.
Anfangs ist der Junge sofort entspannter und glücklich, dann zeigen sich wechselnde Launen. Er wehrt sich mehr. Nach vier Monaten zeigt er deutlich mehr Selbstbewusstsein und echte Freude an der Schule. Der Schulwechsel in die Hauptschule ist ihm gut bekommen, es bedeutete für ihn einen Neustart zur rechten Zeit. Eine Ernährungsberatung hat nun begonnen, die er gerne annimmt. Nach weiteren vier Monaten geht es ihm gut. Sein Gewicht stört ihn nicht mehr, er achtet jetzt selbst darauf und kontrolliert sein Essen, wie er es gelernt hat. Das Süße verschenkt er oder bewahrt es auf. Er macht jetzt auch bei jedem Ausflug mit Bewegung gerne mit. Hauptsache, er fühlt sich dem Leben gewachsen und übernimmt selbst Verantwortung, meint die Mutter. Seine Maße: 143 cm und 46 kg.

Beurteilung

Das ängstlich-gehemmte Kind gerät durch einen neuen Schritt ins Leben, die Schule, und die Umstimmung durch die Adenotomie aus dem Gleichgewicht. Durch sein Konstitutionsmittel Calcium carbonicum findet er eine Festigung seiner Persönlichkeit, sodass er Schule und Essverhalten neu anpacken kann.
LITERATUR (21.5)

Anorexia nervosa

Jutta Gnaiger-Rathmanner
Die Anorexia nervosaAnorexia nervosa, die nervöse Magersucht, lässt sich als Krankheitsbild bis in das Ende des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Kaiserin „Sissi“, Elisabeth von Österreich aus dem Wittelsbacherhaus in Bayern, war eine erste prominente Vertreterin.

Grundlagen

Die Anorexia nervosa gilt als eine Erkrankung beim Eintritt in das Frauenleben. Sie kommt bei 0,3 bis 1 % aller Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 25 Jahren vor. Es gibt auch einen früheren Beginn im Alter von 10 bis 14 Jahren im Sinne der kindlichen Anorexie. Bei 5 % aller anorektischen Patientinnen lässt sich ein solch früher Beginn anamnestisch eruieren. Sehr selten sind auch Männer betroffen, je nach Studie etwa im Verhältnis von 1: 10 bis 1: 12.
Insgesamt scheint sich die Erkrankungsrate der Anorexia nervosa in den letzten Jahren stabilisiert zuhaben, in manchen Regionen scheint sie sogar abzunehmen.
Klinik und Ätiologie
Die Anorexia nervosaAnorexia nervosaKlinik beginnt oft schleichend. Viele Mädchen konzentrieren sich vermehrt auf Leistung und Schule, machen ihre Hausaufgaben sehr sorgfältig, erzielen z. T. bessere Schulnoten als vorher, ja werden nicht selten die Klassenbesten. Zunehmend entwickelt sich ein sozialer Rückzug. Dem gegenüber steht die ausgeprägte Beschäftigung mit dem Aussehen, dem Körpergewicht sowie mit dem Kalorien- und Fettgehalt der Nahrung. Die tief verwurzelte überwertige Idee, sich zu dick zu fühlen (Gewichtsphobie), führt dazu, dass die Patientinnen ein extrem niedriges Wunschgewicht ansetzen. Überwiegend zeigen die Patientinnen ein zunehmend restriktives Essverhalten. Oft ist ein wählerisches und ritualisiertes Essverhalten zu beobachten. Eine nicht unbedeutende Rolle spielen dabei strenge Diätrichtlinien, deren Befolgung ein auslösendes Moment der Erkrankung bilden kann. Gelegentlich kommt es auch zu einer Verweigerung von Flüssigkeit, v. a. bei kindlichen Patientinnen. Zudem lässt sich meist eine übertriebene körperliche Aktivität beobachten. (Holtkamp 2002)
Auf die Dauer können schwerwiegende körperliche Veränderungen auftreten, bedingt durch den Hungerzustand und den Gewichtsverlust. Die wichtigsten Symptome sind:
  • Verminderte körperliche Belastbarkeit

  • Trockene, schuppige Haut

  • Lanugobehaarung

  • Akrozyanose, Cutis marmorata

  • Haarausfall

  • Speicheldrüsenschwellung

  • Minderwuchs

  • Hypogenitalismus und verzögerte Pubertätsentwicklung

  • Erniedrigung der Schilddrüsen- und Gonadenhormone (Amenorrhö)

  • Erhöhung des Wachstumshormons

  • Leukopenie, Anämie, Thrombozytopenie

  • Elektrolytstörungen

  • Erhöhung von Transaminasen, Amylase und harnpflichtigen Substanzen

  • Erniedrigung von Gesamteiweiß, Albumin, Zink

  • Pseudatrophia cerebri

  • Bradykardie, Hypotonie

  • Osteoporose

Zur Ätiologie siehe Bulimie 22.5.

Info

Anorektische und bulimische Patientinnen weisen in starkem Maße zusätzliche psychogene Störungen auf:

  • Depressive Verstimmungen (21.12) mit niedrigem Selbstwertgefühl, Schuldgefühlen, Hoffnungslosigkeit und Zwangssymptomen

  • Angststörungen insbesondere mit sozialphobischer Komponente

  • Schlaf- und Konzentrationsstörungen

  • Eine frühe Störung im Bereich der Ich-Funktion und der Persönlichkeitsstörung wie etwa das Borderline-Syndrom wird häufig beobachtet.

  • Eine zugrunde liegende frühkindlich erworbene Hirnfunktionsstörung oder eine Körperschemastörung sollte nicht übersehen werden.

Diagnostik
Die Kriterien für die Anorexie nach dem Klassifikationssystem ICD-10 lauten:
  • Körpergewicht mindestens 15 % unterhalb der Norm bzw. Bodymaß-Index kleiner als 17,5

  • Gewichtsverlust, der selbst herbeigeführt ist

  • Körperschemastörung mit der Angst, dick zu sein

  • Konsekutive endokrine Störungen, insbesondere Amenorrhö bei Frauen, Libido- und Potenzverlust bei Männern

  • Bei Erkrankungsbeginn vor der Pubertät Verzögerung der Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale

Beginnt die Erkrankung in frühem Alter, kann sie auch zur Wachstumsverzögerung führen. Bei rascher Remission ist jedoch ein Aufholwachstum möglich.
Es wird unterschieden zwischen einer Anorexia nervosa mit und ohne aktive Maßnahmen zur Gewichtsabnahme wie Erbrechen, Abführmittel oder Diuretika.
Bei etwa einem Viertel der Patientinnen treten im längeren Verlauf bulimische Attacken auf. Dies wird als bulimische Form oder als Purging Type der Magersucht (purge: engl. reinigen, abführen) bezeichnet.

Konventionelle Therapie

Die Erkrankung wird oft zu spät als solche erkannt und lange unter einer anderen Diagnose betrachtet und therapiert. Bei allen schweren Formen der Essstörung sollte der Zeitpunkt nicht übersehen werden, an dem eine stationäre Therapie angezeigt ist.
Es gibt eigens dafür eingerichtete Spezialkliniken wie z. B. das „Therapie-Centrum für Essstörungen“ am Max-Planck-Institut für Psychotherapie in München, das Haunersche Kinderspital in München, die Klinik „Roseneck“ in Prien am Chiemsee, die Klinik Alpenblick in Isny u. a. m. Psychopharmaka haben sich nur bei den schwersten Formen der Bulimie bewährt, bei Anorexie ist die Wirksamkeit bisher nicht belegt (Holtkamp 2002).
Die Palette der Behandlung ist sehr breit. Die Therapeuten sollten einschlägige professionelle Erfahrungen mit dem Krankheitsbild haben, vertrauensbildend wirken und die jungen Patienten gut motivieren können (z. B. Gerlinghoff 2000, Bisegger 1998).
Die Anorexia nervosa zeigt eine Heilungschance von 45 %. Einen chronifizierten Erkrankungsverlauf weisen 20 % der Erkrankten auf. Je jünger die Patientin ist, umso gefährdeter ist sie. Gravierende organische Langzeitfolgen sind der gestörte Menstruationszyklus, Wachstumsstörungen und Osteoporose. Die Anorexie hat die höchste Mortalität unter den kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen: 5 % der Patientinnen erliegen ihrer Krankheit.

Homöopathische Behandlung

Jugendliche mit einer Störung, die so sehr mit Scham, Rückzug, Verweigerung und Heimlichkeiten zu tun hat, werden sich einer Anamnese anfangs als kaum zugänglich erweisen. Oft wird gerade dieses Verhalten selbst oder ein Hinweis auf einen auslösenden Moment oder auffallende Leibsymptome rund um Schlaf, Temperaturhaushalt, Menses, Essverhalten etc. ein erstes Fenster für die Arzneiwahl bieten. Man muss die gesamte Vorgeschichte der kranken Person heranziehen. Man wird neben den Eltern und der Patientin auch dritte Personen befragen müssen. Oft wirkt ihr Verhalten seltsam und unnahbar, sodass so manches, was unter dem Kapitel Autismus (21.14) angeführt ist, auch hier in Anwendung kommen kann.
Repertoriumsrubriken: Klinische Rubriken
RepertoriumsrubrikenAnorexia nervosaDas Krankheitsbild ist in der homöopathischen Literatur noch jung. Man kann annehmen, dass sich diese Rubriken mit zunehmender Erfahrung noch sehr vergrößern werden.
Complete
→Gemüt – Anorexia nervosa (26): arb-m, arg-n, ars, brass-o, calc, carc, chin, helod-c, ign, kali-p, lach, levo, merc, nat-m, perh, ph-ac, puls, rhus-t, sac-alb, sac-l, sep, staph, sulph, tarent, vanad, verat
Synthesis
→Gemüt – Anorexia nervosa (68): arb-m, arg-n, ars, asar, aur, aur-m-n, bacls-10, brucel, calc, carc, chin, chlorpr, cycl, diph-pert-t, gent-l, germ-met, hir, ign, influ, interf, kali-p, lac-f, lach, lat-h, levist, levo, lob-c, loxo-recl, med, merc, nat-m, perh, ph-ac, prun-v, puls, rhus-t, sacch, sep, staph, sulph, syc, tarent, tetox, vanad, verat, …
→Gemüt – Furcht – Anorexie aus Furcht (2): carc, ign
→Gemüt – Anorexia nervosa – bulimischen Störungen; mit (9): anac, aqu-m, iod, lyc, naja, sacc, sep, v-a-b, vanad
Pennekamp
→Anorexia mentalis – psychogene Magersucht – bei Mädchen mit Kummer (14): ars, calc, carc, chin, ign, nat-m, ph-ac, puls, sep, staph, sulph, tarent, verat, viol-o
→Anorexia mentalis – psychogene Magersucht – meist aus Frustration (30): abrot, ars, calc, calc-p, carc, caust, cham, chin, cocc, cycl, ferr, hyos, ign, kali-br, kali-p, lach, lyc, merc, nat-m, nux-v, ph-ac, phos, plat, puls, sep, sil, staph, sulph, tarent, verat
Repertoriumsrubriken: typische Verhaltensweisen
Hier werden diejenigen Rubriken aus dem Repertorium aufgereiht, die den führenden Verhaltenssymptomen bei anorektischen Jugendlichen aus der psychiatrischen Literatur am ehesten entsprechen.
Synthesis
→Gemüt – Eigensinnig, starrköpfig, dickköpfig (158): alum, anac, arg-n, bell, calc, cham, nux-v, tarent, …
→Gemüt – widerspenstig (93): alum, anac, arg-n, cham, dulc, hep, lach, merc, podo, tarent, …
→Gemüt – Widerspruch – Neigung zu widersprechen (80): anac, caust, hep, lach, lyc, nux-v, thuj, …
→Gemüt – gewissenhaft, peinlich genau in Bezug auf Kleinigkeiten (115): ars, ign, kali-s, lyc, nat-c, puls, sep, sil, staph, sulph, thuj, …
→Gemüt – zurückhaltend, reserviert (135): aur-m-n, calc, gels, hyosc, nat-m, phos, puls, staph, …
→Gemüt – Selbstbetrachtung (116): aur, cocc, ign, ph-ac, puls, sep, …
→Gemüt – unzufrieden – sich selbst, mit (66): ars, carc, dulc, kali-s, nit-ac, puls, sulph, …
→Gemüt – Ehrgeiz – erhöht, vermehrt, sehr ehrgeizig (73): aur-m-n, caust, lach, nux-v, plat, verat, …
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – Vergnügen; gegen (55): arg-n, ars, aur-m-n, cham, hell, nat-m, nit-ac, op, sulph, syph, …
→Gemüt – Gedanken – hartnäckig (151): aloe, aur, calc, cann-i, chin, graph, nat. m, staph, stram, thuj, …
→Gemüt – Furcht – Kontrolle zu verlieren; die (21): aeth, ars, cann-i, carc, cupr, cupr-act, cupr-f, cupr-m, cupr-p, lac-e, olib-sac, thea, thuj, vanil, …
→Gemüt – Extravaganz (32): bell, carb-c, caust, con, nat-m, …
→Gemüt – quält sich (9): acon, ars, bell, heroin, lil-t, nat-m, plb, tarent, tub, …
→Gemüt – Suizidneigung; Neigung zum Selbstmord (197): aur, aur-m, nat-s, psor, …
Complete
Aus dem Complete Repertory lässt sich noch folgende Rubrik ergänzen.
→Gemüt – introvertiert (34): ambr, anh, arist-cl, aur, bar-s, carc, cham, chin, cocc, con, cupr, germ, ign, indg, kali-c, lac-del, lac-lup, lach, lap-gr-m, lyc, med, medus, merc, mur-ac, nat-c, nat-m, nat-s, ol-an, ozone, psor, puls, sep, staph, thuj
Repertoriumsrubriken: typische Essenssymptome
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – Essen – gegen Essen (13): bac, chin, granit-m, irid-met, kali-p, lac-h, merc, nat-c, nat-m, rhus-t, staph, tax, valer, …
→Gemüt – Essen – weigert sich zu (42): borx, chin, hyos, ign, kali-m, ph-ac, phyt, rhus-t, tarent, verat, viol-o, …
→Gemüt – Geisteskrankheit, Wahnsinn – Essen – weigert sich zu essen (3): bell, carc, verat
→Gemüt – Furcht – Essen (9): arg-nitr, bran, caust, grat, hera, op, puls, tarent, trom
Patientinnen mit Anorexie sollen häufig als Frühgeburt auf die Welt gekommen sein. In einem solchen Fall kann die Rubrik bei Pennekamp herangezogen werden.
→Allgemein – Frühgeburt, Beschwerden durch (13): calc, hell, ign, lach, lyc, merc, nat-m, ph-ac, phos, sil, sulph, thuj, tub
Homöopathische Arzneimittel
Arsenicum album
#Arsenicum albumAnorexia nervosaEin zartes, ängstliches, aufgewecktes Kind war sie einmal, ganz vorsichtig und reinlich. Sie achtete schon immer auf eine perfekte äußere Erscheinung und zog sich wegen eingebildetem Schmutz mehrmals am Tag um. Ebenso war sie von Anfang an so verantwortlich für alle Familienangelegenheiten – fast wie eine Erwachsene. Seltsamerweise hat sie nie gelacht.
Schon als Baby war sie unruhig, weinte und wimmerte viel (carc, syph), schlief wenig und musste viel herumgetragen werden. Sie konnte nie alleine sein, bekam panische Ängste, wenn es einmal vorkam. Trotzdem konnte sie sich nie jemandem voll anvertrauen. Sie musste immer alles selbst machen und sich selbst um alles bemühen.
Schon im Volksschulalter schien es, als ob sie voller Angst lebte: Eine Art Gewissensangst, die sie ohne ersichtlichen Grund gegen sich selbst richtet. Sie meint dann, nichts richtig zu machen und macht sich bittere Vorwürfe. Wegen Kleinigkeiten macht sie sich schwermütige Gedanken, als habe sie die ganze Welt beleidigt. Sie meint, sie werde beobachtet oder die Familie würde verhungern. Das Materielle des Lebens beschäftigt sie sehr.
Früh hat es das Kind zum Sport hingezogen. Dort konnte es seine Unruhe in gezielte Bewegung umsetzen. Es musste Leistungssport werden. Unerbittlich, fast mutwillig gegen sich selbst und gegen die eigenen körperlichen Grenzen wurde trainiert. Auch hier, wie in der Schule, konnten nur die besten Leistungen befriedigen. Es geschah weniger aus Ehrgeiz als aus dem inneren Drang nach Perfektion. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, können wir sie mit keinem Mittel davon abbringen.
Jetzt, seit der Pubertät, hat sie sich von allem Vergnügen und von der ganzen Familie zurückgezogen. Sie wacht nur noch pedantisch auf ihre Schul- und Sportleistungen und ihre Diät. Sie ist immer sehr durstig, weigert sich aber zu essen oder isst nur alleine. Sie benimmt sich ganz widerspenstig, dogmatisch, sie widerspricht jedem Argument, auch wenn es noch so gut gemeint ist. Sie schweigt und wirkt traurig. Sie hat eine schwere Essstörung bekommen und die Eltern halten sie für sehr gefährdet, da sie noch nie eine Grenze anerkannt hat – bis zur Gefährdung ihrer Gesundheit, beinahe selbstzerstörerisch.
Für den Sport ist sie eigentlich schon zu schwach. Sie ist völlig erschöpft, trotzdem zwingt sie sich zu ständiger Bewegung. Auch in den Nächten wandert sie stundenlang umher, wenn sie nicht schlafen kann (mur-ac, tarent). Sie muss sich immer wieder der Anwesenheit einer anderen Person im Haus versichern. Sonst ist alles noch schlimmer (umgekehrt tarent).
Wir Eltern überlegen oft: Kann es sein, dass unsere schwierige Ehe mit viel Streit und vorübergehender Trennung das Verhalten unserer Tochter so beeinflusst hat? Der Vater nimmt sich außerdem viel zu wenig Zeit für echten Kontakt mit seiner Tochter.
Arsenicum album ist die Arznei, die das Vollbild der anorektischen Störung in allen Facetten abdeckt.
China officinalis
#China officinalisAnorexia nervosaEinen Zugang zu dieser Arznei bilden die Wahnideen: Sie meint, sie werde von allen behindert, sie werde an ihrer Arbeit gehindert, sie sei verfolgt von Feinden, man würde sie quälen und ihr nachstellen. Dies macht einen tiefen Konflikt des jungen Menschen mit seiner Umwelt und seiner Aufgabe deutlich: Zum einen das Gefühl, einem besonderen Auftrag folgen zu müssen, zum anderen die Vorstellung, von anderen daran gehindert zu werden (Sankaran 1991).
Als Kleinkind gab es viel Weinen und Wimmern (ars), schon damals wurde Nähe im Sinne von Angeblickt- und Berührtwerden vehement abgelehnt, ja Liebkosungen lösten sogar Weinen und einen Zornanfall aus. Es gab nie eine Möglichkeit, sie zu trösten.
Früh zeigte sich eine künstlerische Begabung, sie schreibt Gedichte, sie malt gerne und hat ein sensibles Farbgefühl. Ihre große Sensibilität, ihren Hang zu penibler Genauigkeit und Extravaganz kann sie hier gut einsetzen.
In der Pubertät zieht sich das Mädchen ganz zurück, ist widerspenstig und kann von ihren fixen Ideen nicht abgebracht werden (Gedanken, hartnäckig). Sie verhält sich reizbar, grob, verletzend und verächtlich gegenüber den Menschen und allem, was sie umgibt. Sie kann alte Kränkungen nicht vergessen (nat-m, lyc).
Ihr Essverhalten war schon immer schwierig: Sehr wählerisch und launisch, sie verlangte oft nach verschiedenen Dingen, ohne selbst zu wissen was. Sehr naschsüchtig nach Süßem. Nach dem Essen beklagte sie sich oft über Blähungen, über Schwäche und Müdigkeit, sodass sie die Speisen oft verweigerte. Jetzt ist das alles viel schlimmer geworden: sie sagt, sie fühle sich satt und Essen mache sie krank. Sie nimmt nur noch Kaffee, Tee, ganz salzige und gewürzte Speisen in kleinen Häppchen zu sich und beklagt sich, sie fühle sich voll.
China steht für: Beschwerden durch Kummer, durch Zorn mit stillem Kummer, für Frustration bei hoch gesteckten Zielen. China ist eine Arznei für anorektische Mädchen, aber auch für die bulimische Störung: Phasen von Heißhunger, auch nachts. Mit dem Essen kommt der Appetit. Abneigung gegen Speisen oder Heißhunger. Heißhunger mit Marasmus (iod, lyc, nat-m), Erbrechen von Speisen nach dem Essen bei geschwächten Personen: anfangs spontanes Erbrechen, später willkürliches Erbrechen. China steht ebenso für die Folgen der Essstörung: die Schwäche, insbesondere durch Säfteverlust nach langzeitigem, selbst induzierten Erbrechen oder Laxanzienabusus. Abgestumpft, sitzt nur noch herum, Meteorismus auf den kleinsten Bissen, schwächende Diarrhö, Schweiße, Leber- und Gallesymptome, Albuminurie, Amenorrhö infolge von Schwäche und Verdruss.
Vanadium
#VanadiumAnorexia nervosaEin Metall der Eisenserie, das Scholten für die Homöopathie erschlossen hat. Er hält es für ein vorrangiges Mittel für die Jugendlichen mit Anorexie und Bulimie. Im Sinne der Gruppenanalyse nach dem Periodensystem betont er folgende Charakteristika:
  • Zweifeln und Zögern in der Ausübung ihrer hoch angesetzten Aufgabe

  • Gequält wegen der Vorstellung, scheitern zu können

  • Abwechselnd arbeiten und nicht arbeiten

  • Aufschieben ihrer Aufgabe

  • Sich abwechselnd unter Kontrolle haben oder nicht

  • Gequält durch ihren eigenen Perfektionismus

  • Der Aufgabe ausweichen

  • Gelingen abwechselnd mit Scheitern

  • Stärke abwechselnd mit Schwäche

Es wird angeführt, dass Vanadium auch für das Kleinkind mit frühkindlicher Gedeihstörung hilfreich sein kann (Scholten 1997).
LITERATUR (21.5)

Bulimia nervosa

Jutta Gnaiger-Rathmanner

Grundlagen

Die Bulimia nervosaBulimia nervosa, wörtlich „Stierhunger“, hat den Erkrankungsgipfel im Alter von 16 bis 19 Jahren, manifestiert sich also später als die Anorexie. Unter den Adoleszenten sind 1–2 % der Frauen und 0,3 % der Männer davon betroffen.
Klinik
Für die Bulimia nervosa sind die Essattacken das Charakteristische. Während dieser Anfälle schlingen die Patientinnen enorme Mengen – bis zu 10 000 kcal – meist hochkalorischer, unzubereiteter und weicher Nahrung hinunter, dann folgen die weiter oben genannten gewichtsreduzierenden Maßnahmen. Zwischen diesen Attacken zeigen sie ein eher restriktives Essverhalten, sie sind meist normalgewichtig. Der Umgebung fällt dieses Fehlverhalten oft lange Zeit nicht auf. Wegen des großen Schamgefühls halten die bulimischen Jugendlichen ihre Störung geheim.
Die körperlichen Veränderungen gleichen denjenigen der anorektischen Patientinnen. Wegen der Brechattacken sind jedoch Elektrolytentgleisungen mit Hypokaliämie und Hypochlorämie häufiger. Infolge der Purging-Maßnahmen kann es zu Karies, Ösophagitis und Verdauungs- und Malabsorptionsstörungen kommen.

Info

Anorektische und bulimische Patientinnen weisen in starkem Maße zusätzliche psychogene Störungen auf:

  • Depressive Verstimmungen (21.12) mit niedrigem Selbstwertgefühl, Schuldgefühlen, Hoffnungslosigkeit und Zwangssymptomen

  • Angststörungen insbesondere mit sozialphobischer Komponente

  • Schlaf- und Konzentrationsstörungen

  • Eine frühe Störung im Bereich der Ich-Funktion und der Persönlichkeitsstörung wie etwa das Borderline-Syndrom wird häufig beobachtet.

  • Eine zugrunde liegende frühkindlich erworbene Hirnfunktionsstörung oder eine Körperschemastörung sollte nicht übersehen werden.

Diagnostik
Die Kriterien für die Bulimie nach ICD-10 lauten:
  • Andauernde Beschäftigung mit Essen, unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln, Fressattacken, bei denen große Mengen Nahrung in kurzer Zeit konsumiert werden.

  • Versuche, dem dick machenden Effekt des Essens durch verschiedene Verhaltensweisen entgegenzusteuern, z. B. durch selbstinduziertes Erbrechen, Laxanzienabusus, restriktive Diät etc.

  • Selbstwahrnehmung als übergewichtig mit einer krankhaften Furcht davor, dick zu werden.

  • Häufig findet sich eine Anorexie in der Vorgeschichte.

Beim Purging-Typ werden eingreifende gewichtsreduzierende Maßnahmen wie artifizielles Erbrechen etc. eingesetzt, beim Non-Purging-Typ nur das Fasten und forcierte körperliche Aktivität.
Ätiologie
Die Ätiologie von Anorexie und Bulimie ist multifaktoriell (nach Holtkamp 2002). Neben einer genetischen Veranlagung weisen anorektische Patientinnen eine erhöhte Anzahl perinataler Risikofaktoren auf und bieten häufig Zeichen diskreter frühkindlicher hirnorganischer Störungen. Sie sind signifikant häufiger zu früh geboren und behalten oft ein Leben lang eine sensomotorische Ungeschicklichkeit sowie die Neigung zu Körperschemastörungen.
Es lassen sich typische frühkindliche Temperaments- und Persönlichkeitsmerkmale feststellen. Eine frühe Essstörung kann vorausgehen. Auffallend sind der Mangel an Selbstwertgefühl, die depressive Stimmungslage und die Persistenz mit ausdauerndem, aber rigidem Verhalten. Dies verschärft die Reifungs- und Identitätskrisen beim Eintritt in das Erwachsenenleben. Primär bulimische Patientinnen scheinen im Vergleich zu Anorektikerinnen weniger kontrolliert, frustrationstoleranter, sexuell aktiver und extrovertierter zu sein.
Studien weisen darauf hin, dass genetische und biologische Faktoren bei der Entstehung der Anorexie sowie der Bulimie relevant sind. Insbesondere bezüglich Serotoninhaushalt wird geforscht: In beiden Fällen soll dieser den Abweichungen bei Depression ähneln. Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, gesundheitliche Probleme in der frühen Kindheit sowie eine früh beginnende Pubertät stellen weitere biologische Risikofaktoren dar (Jacobi et al. 2008, zitiert in Lehmkuhl 2013).
Die soziokulturellen Faktoren spielen eine bedeutende Rolle: Essstörungen kommen fast nur in den Industrienationen vor und betreffen bevorzugt Einwanderer in diese Länder. Es zeigt sich bezüglich Herkunft der Anorexie-Patientinnen ein Überwiegen von Mittel- und Oberschicht und von bestimmten Berufsgruppen: Leistungssportlerinnen, Models, Managerinnen. Das Ausmaß des Konsums der modernen Medien, die das heutige morbide Schönheitsideal vertreten, korreliert bei den Jugendlichen mit der Anfälligkeit für eine Essstörung.
Die Bedeutung der familiären Faktoren wird heute als interaktiv gedeutet: Mangelnde Autonomie, Perfektionismus, ausgeprägtes Harmoniebedürfnis und soziale Ängstlichkeit auf Seiten des Kindes fördern einen behütenden und einengenden Erziehungsstil auf Seiten der Eltern, wie umgekehrt ängstliche, überbehütende Eltern ein ebensolches Verhalten im Kinde verstärkt. Zudem wirkt die Ess- und Körperkultur der Familie, besonders der Mutter, prägend auf die Tochter.
Seelische Traumata in der Kindheit wie Überforderungserlebnisse, sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung und emotionale Vernachlässigung gelten als unspezifische Risikofaktoren für eine Essstörung.

Konventionelle Therapie

Die Erkrankung wird oft zu spät als solche erkannt und lange unter einer anderen Diagnose betrachtet und therapiert. Bei allen schweren Formen der Essstörung sollte der Zeitpunkt nicht übersehen werden, an dem eine stationäre Therapie angezeigt ist.
Es gibt eigens dafür eingerichtete Spezialkliniken wie z. B. das „Therapie-Centrum für Essstörungen“ am Max-Planck-Institut für Psychotherapie in München, das „Dr. von Haunersche Kinderspital“ in München, die Klinik „Roseneck“ in Prien am Chiemsee, die Klinik „Alpenblick in Isny“ u. a. m. Psychopharmaka haben sich nur bei den schwersten Formen der Bulimie bewährt, bei Anorexie ist die Wirksamkeit bisher nicht belegt (Holtkamp 2002).
Die Palette der Behandlung ist sehr breit. Die Therapeuten sollten einschlägige professionelle Erfahrungen mit dem Krankheitsbild haben, vertrauensbildend wirken und die jungen Patienten gut motivieren können. (z. B.: Gerlinghoff 2000, Bisegger 1998)
Die Heilungschancen der Bulimia nervosa sind ähnlich wie bei der Anorexia nervosa, die Mortalitätsrate ist jedoch mit ca. 1,5 % niedriger. Die Prognose wird beeinträchtigt durch Behandlungswiderstand, körperliche Komplikationen, Alkoholmissbrauch und Depression.

Praxistipp

  • Männer mit Essstörungen erweisen sich gegenüber ihren Krankheitssymptomen als besonders verdrängend und damit als besonders gefährdet.

  • Als Schutzfaktoren für den Verlauf von Essstörungen gelten: konfliktfreie Eltern-Kind-Beziehung, früher Behandlungsbeginn, höherer Bildungs- und Sozialstatus, hysterische Persönlichkeitsanteile (Steinhausen 2010).

Homöopathische Behandlung

Repertoriumsrubriken
RepertoriumsrubrikenBulimia nervosa→Gemüt – Bulimie (93): calc, chin, cina, lyc, merc, sep, verat, …
→Gemüt – Schüchternheit, Zaghaftigkeit – schamhaft (75): ambr, bar-c, calc, chin, coca, ign, nat-c, puls, staph, stram, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Scham (12): ign, meli, op, staph, …
→Gemüt – Geisteskrankheit, Wahnsinn – Bulimie, mit (1): chin, verat
→Gemüt – Geheimnistuerisch, verschlossen (44): bar-c, ign, lac, podo, sal-fr, sep, thuj, …
→Gemüt – Wahnideen – kritisiert, sie würde (39): bar-c, calc, carc, lac-lup, symph, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Tadel (34): ambr, aur, cham, ign, op, plat, staph, stram, …
→Gemüt – Ermahnungen – agg. (26): bell, ign, nat-m, nux-v, phos, plat, zinc, …
Homöopathische Arzneimittel
Sepia
#SepiaBulimieAuffallend für eine Jugendliche mit Essstörung, insbesondere mit Bulimie, kann die Abkehr von ihrer Familie sein: Sie wird gleichgültig, ja abweisend gegenüber ihren Liebsten, fühlt sich gegenüber ihnen entfremdet (nat-m) und versucht ihre Gegenwart und ihren Einfluss zu fliehen. Besonders der Vater bekommt die kalte Schulter ab (Abneigung gegen Männer bei Frauen) und jeder Kommentar wird als Kritik empfunden und abgewehrt.
Das war nicht immer so, denn zuvor war sie eine regelrechte „Vatertochter“ (Onken 2001), sie warb um ihn, sie nahm von ihm auf eine Art Besitz und zeigte sogar Eifersucht gegen die Mutter in Konkurrenz um den Vater (Eifersucht unter Frauen). Sie wollte sich einmal so wie der Vater im Berufsleben bewähren und keineswegs einen Haushalt führen wie die Mutter. Sie hat uns auch davon überzeugt, denn sie konnte sehr tüchtig und fleißig sein. Sie packte alles mit großem Tatendrang gewissenhaft und verantwortlich an, mit viel Feingefühl für das soziale Umfeld, sei es daheim oder in der Schule. Sie suchte sich geradezu immer neue Aufgaben und wenn sie beschäftigt war, ging es ihr gut (Beschäftigung bessert, Gemütssymptome wie bei ign, lil-t).
Trost, Zuspruch und Mitgefühl hat sie nie vertragen. Da wurde sie sehr zornig, und meinte sogar, man wolle sich über sie lustig machen und sie verspotten. Sie zog sich immer ganz zurück. Seit der Pubertät ist das nun ganz schlimm geworden. Sie lässt niemanden an sich heran, sie spricht ganz anders als sie dann handelt, sie ist v. a. auch mit sich selbst im Widerstreit. Sie ist traurig, verzweifelt und deutet suizidale Gedanken an. Sie lässt sich gehen, sie kleidet sich nachlässig, sie wäscht sich nicht mehr (sulph). Sie isst teils nichts bei Tisch, da sie den Geruch und den Anblick der Speisen nicht erträgt. Dann wieder verfällt sie einem unstillbaren Heißhunger, auch nachts, und zeigt eine Vorliebe für gewürzte, salzige und saure Speisen. Die Brechattacken macht sie heimlich, davon erfahren die Eltern nichts (geheimnistuerisch). Die Menses sind nun ganz ausgeblieben, sie war von Anfang an ein Problem.
So kann ein Sepia-Mädchen in die Krise geraten. Sepia, bekannt als bedeutendes „Frauenmittel“ der Homöopathie, steht für Beschwerden von enttäuschter Liebe, von erfahrener Verachtung und von Tadel (staph). Handelt es sich v. a. um eine Enttäuschung und Desillusion gegenüber ihrem Vater, den sie zu sehr idealisiert hat? Siehe auch Kasuistik „Mein Geheimnis, das Ritzen“.
Lac caninum
#Lac caninumBulimieDiese Tierarznei wird auch unter dem Thema Trennungsangst (21.11) und Waschzwang (21.14) abgehandelt und steht als solche für impulsives, unkontrolliertes Verhalten.
Ein paar Stichworte: ambivalent gegenüber ihren Bezugspersonen, im Widerstreit mit sich selbst. Sie kann gewalttätig, hemmungslos und unverschämt werden. Ein Mutterkonflikt liegt dem Verhalten meist zugrunde. Mangel an Selbstvertrauen infolge einer unsicheren Mutterbindung in den ersten Lebensjahren macht auch den Schritt ins Leben in der Pubertät schwer. Furcht vor Versagen und Misserfolg, zweifelt an ihren Fähigkeiten und am Erfolg. Sie unternimmt vieles, führt nichts zu Ende; will alles abbrechen, sobald es begonnen wurde. Mangelnder Realitätssinn: alles erscheint unwirklich. Der Appetit: sehr hungrig, kann nicht genug essen, um satt zu werden; nach dem Essen ist sie so hungrig als wie zuvor. Trinkt viel Milch, lehnt sie aber auch ab. Verlangen nach gewürzten Speisen, nach Salz, Pfeffer, Senf, Scharfem – nicht nach Süßem. Nur gesalzene Nahrung schmeckt natürlich. Über das Erbrechen wird nicht gesprochen. Sie belügt nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst. Sie entwickelt Widerwillen vor ihrem eigenen Körper und vor sich selbst. (Gnaiger 1990). Siehe auch Kasuistik „Die Jugendliche mit Bulimie“.
Acidum muriaticum
#Acidum muriaticumBulimieBei Folge von Säfteverlust ist häufig China angezeigt. Wenn aber v. a. die Magensäure durch häufiges Erbrechen über lange Zeit die Schleimhaut reizt und unnatürlich verlustig geht, kann Acidum muriaticum eine erste Hilfe bieten. Ruhelosigkeit und Erregbarkeit, sie wird aber bald schwach und hinfällig. Die Schwäche ist so groß, dass die Augen beim Sitzen immer zufallen und die Kranke vom Sessel sinkt. Muskelschwäche, Auszehrung. Zeichen der Dekompensation des Elektrolythaushalts: Zahnfleischulzera, trockene Lippen und Zunge, fauliger Mundgeruch, Speicheldrüsen geschwollen, Schleimhäute ödematös und blutig, Magenatonie, schmerzhafte Hämorrhoiden, Ödeme an den Unterschenkeln. Der Instinkt für die Nahrungsaufnahme ist verloren gegangen: gefräßiger Appetit und ständiges Verlangen zu trinken, dann wieder völlig appetitlos. Leeregefühl im Magen, aber kein Hunger und nicht besser durch Essen. Völlegefühl und Auftreibung durch geringe Nahrungsmengen, der Magen ist so irritiert, dass er weder Nahrung verträgt noch verdauen kann. Trotz der Schwäche besteht ein Verlangen nach Aktivität (ars), eine Arbeitswut und Gewissenhaftigkeit in allem. Schweigsam, mit stillem Kummer, sitzt und brütet; auch zornig, gefolgt von Schwäche. In ihrer Seele lebt eine nagende Furcht: die Furcht davor, die Kontrolle über ihren Zustand zu verlieren. Siehe auch Kasuistik „Die Jugendliche mit Bulimie“.

Kasuistiken

Kasuistik

Die Jugendliche mit Bulimie (Judith Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Sarah V., 16 Jahre alt, die ältere von zwei Kindern. Mit 14 Jahren führte die Mutter ihre Tochter erstmals vor: Diese wirke wie kränklich, seit einem halben Jahr. Es sei ein „seltsamer“ Zustand. Sie sei dauernd müde, unkonzentriert und abschweifend, obwohl sie genug schlafe. Sie habe guten Appetit, und doch nehme sie ab. Sie zeige starke Stimmungsschwankungen und bleibe gleichgültig gegenüber Dingen, die sie sonst liebte, wie z. B. das letzte Weihnachtsfest. Sie ist nervös, besonders vor Mathematiktests. Im Gespräch mit dem Mädchen ergab sich Folgendes: Sie möchte lieber ein Kind bleiben. Erwachsenwerden bedeutet in ihren Augen „Probleme“, Verantwortung, Ernst; man sollte wissen, wer man werden will, und sich darum kümmern, wie andere einen selbst sehen.
Leibsymptome: Sarah macht einen Wachstumsschub durch, hat normale Menses. Der Appetit sei gut, sie esse auffallend viel Salz, habe entsprechend viel Durst. Sie friert viel.
Familienanamnese: Die Eltern sind verheiratet, der Vater selbstständig, die Mutter berufstätig. „Es geht gut“, doch das Mädchen wünscht sich „mehr Mama“. Mit dem jüngeren Bruder liegt sie im Kampf.
Bisherige Entwicklung: Mit sechs Jahren hatte Sarah einen Winter lang an häufigen katarrhalischen Infekten gelitten. Ihr war immer zu heiß. Sie war damals sehr eifersüchtig und eigensinnig. Mit ihrem listigen, hinterhältigen Verhalten irritierte sie ihre Eltern sehr. Lachesis D12 hatte damals seelisch und körperlich gut geholfen.

Verordnung und Verlauf I

Da außer der Schwäche in der Wachstumsphase keine charakteristischen Symptome aufschienen und das Gesamtbild unklar blieb, bekam sie Kalium phosphoricum D 12 als allgemeines Aufbaumittel. Zwei Jahre später: Erst mit 16 Jahren kommt Sarah mit ihrer Mutter wieder. Seit drei Jahren lebt die Jugendliche mit einer Essbrechsucht, seit knapp zwei Jahren weiß es die Mutter – das heißt, diese erfuhr es bald nach der ersten Konsultation. Sarah hat einen riesigen Appetit, isst nur vegetarisch, leert fast täglich den ganzen Kühlschrank der Familie. Das dauert zwei Stunden lang. Sie nimmt viel Salz zu sich. Sie erbrach schon täglich drei- bis viermal, jetzt nur noch einmal. Dies wird ihr allmählich zum Verhängnis, sie fürchtet um ihre Gesundheit. Sie hat häufig Infekte und nimmt gerade Antibiotika wegen einer akuten Pyelonephritis ein, dazu ein Polyvitamin- und Elektrolytpräparat. Wegen vermehrter Karies und einem Zahnfleischabszess hat die Zahnärztin nun auf ärztliche Betreuung gedrängt.
Sarah beschreibt die Folgen ihres Fehlverhaltens: Diese Essanfälle brauchen so viel Zeit, sie isoliert sich zunehmend und hat ihr Gefühl für Appetit und Sättigung verloren. Sie fühlt sich traurig, hat sich verschlossen.
Zum Essverhalten der Familie: Die Mutter ist adipös, wirkt mütterlich, kann gut kochen. Da beide Eltern beruflich sehr engagiert sind und ihre Kinder zu Selbstständigkeit erzogen haben, isst jeder nach Belieben und jederzeit, alleine. Es gibt schon lange keine gemeinsamen Mahlzeiten der Familie mehr.
Aussehen und Kontakt: Kräftiger Körperbau, doch blass, müde, geschwächt, verlangsamt. Guter Kontakt, sensibles, unsicheres Benehmen.
Laborparameter: Niedriger Eisenspiegel, erhöhte LDH, grenzwertig niedrige Elektrolyte.

Verordnung und Verlauf II

Wegen der Schwäche und des massiven Elektrolytverlustes, besonders der Magensäure, bekommt sie zum Einstieg Acidum muriaticum D 12, unter Beibehaltung der Elektrolyt- und Eisensubstitution. Die Mutter soll die Mahlzeiten für die Familie mithilfe der Tochter wieder gestalten und dabei auf die Rituale achten. Die Mutter wacht über die Essportionen der Tochter, ein Vorschlag, den diese gerne annimmt.
Nach drei Wochen fühlt sich Sarah schon kräftiger und normaler, die Familie hat ihren Stil beim Essen wiedergefunden. Die Jugendliche genießt dies und gewinnt wieder Sicherheit. Binnen dreier Monate öffnet sie sich, geht mit ihrem Freund mehr aus, erbricht höchstens noch einmal pro Woche – dann, wenn sie sich einsam fühlt. Nach drei Monaten haben sich die Elektrolyte ausgeglichen, die LDH bleibt erhöht. Ein neuerlicher leichter Infekt ist aufgetreten, bei ständigem Frieren.

Verordnung und Verlauf III

Nun wird ein Folgemittel von Lachesis, ihrem früheren Konstitutionsmittel, gewählt. Für das impulsive, autoaggressive Verhalten mit enger Mutterbindung – dem Muster ihrer Essstörung – bei frostigem Naturell ist Lac caninum LM 6 angezeigt.
Rückfrage nach einem Jahr: Viele Monate hat Sarah dieses Mittel eingenommen. Sie ist nun stabil, gesund und fröhlich. Die Familie hat die neuen Essgewohnheiten beibehalten, und Sarah beteiligt sich gerne am Kochen. Erbrechen gab es nur noch zweimal seither, Sarah kann sich nun darüber mitteilen. Damit ist alles viel leichter geworden.

Beurteilung

Die Begegnung mit der essgestörten Jugendlichen verläuft typisch: Schrittweise nur gelingt die Öffnung. Da es anfangs zu viel Geheimnis gab, konnte auch die Arzneiwahl nicht gelingen. Acidum muriaticum war die erste Arznei, die sowohl für den körperlichen Abbau als auch für den vorherrschenden Seelenzustand, die Erschöpfung, passte. Lac caninum hat dann die tieferen Schichten des Konfliktes erreicht.

Kasuistik

Mein Geheimnis, das Ritzen (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Judith G., bald 13 Jahre alt, die Zweite von drei Kindern. Die Mutter führt ihre Tochter vor: Seit einem halben Jahr ritzt sich die Jugendliche heimlich mit dem Messer. Die Eltern haben es lange nicht bemerkt, erst die Schwester hat sie darauf hingewiesen. Das Problem wurde v. a. mit den Freundinnen kommuniziert, die sie zu trösten versuchten. Man sieht auf dem Unterarm viele typische Ritz-Narben.
Ja, ihr Verhalten hatte sich zunehmend verändert: Sie ist kratzbürstig, mürrisch, zurückgezogen im eigenen Zimmer, immer am Handy. Sie beklagt sich, wenn man nachfragt, und pocht auf ihre Privatsphäre. Eine Eifersucht auf ihren jüngeren Bruder ist seit langem offensichtlich. Die Schule wird, anders als früher, vernachlässigt. Die Eltern fragen sich: Ist Judith alles zu viel geworden? Da ist der rege Umtrieb mit den Freundinnen, der übermächtige Vater, selbst Lehrer an ihrer Schule, und ihre Rolle als Sandwich-Kind. Da ist die Konkurrenz zur älteren Schwester, die lauter Einser einbringt, und der kleine, zärtliche Bruder, der Judith aus dem Bett der Eltern verdrängt hatte, damals.
Frage an die Jugendliche: Was für einen Wunsch hättest Du an Deine Mutter? – Die spontane Antwort: „Die Mutter hat immer gerade dann keine Zeit für mich, wenn ich sie dringend bräuchte.“
Sie schläft gut, die Menstruation macht vordergründig keine Probleme.
Aussehen, Verhalten und Kontakt: Judith hat ein rundes, volles Gesicht, blasse Züge mit Augenringen, einen kräftigen, athletischen Körperbau. Sie wirkt milde und offen, beteiligt sich lebhaft am Gespräch. Sie beklagt sich häufig und zeigt regen Widerspruchsgeist.
Auswertung: Es handelt sich um eine Entwicklungskrise des Sandwich-Kindes mit Abgrenzungsbedürfnis von der Familie. Es besteht aber auch ein Bedürfnis nach echter Nähe und Aufmerksamkeit gegenüber der Mutter, die ihr Orientierung gibt. Die Jugendliche ist kräftig, aktiv, sozial, liebt das Aus-und Fortgehen. Nicht zu übersehen ist: Jedes Selbstverletzen bedeutet einen aggressiv-destruktiven Akt gegen sich selbst.

Verordnung und Verlauf I

Als erstes bietet sich eine neue Arznei an: Chocolate. Sie steht für Entfremdung von und Fliehen vor der Familie, für Wildheit, für Verlangen zu schlagen und seinen Körper zu verstümmeln; für hohe Aktivität und Verlangen nach Gesellschaft. (Sherr 1992)

Verordnung und Verlauf II

Chocolate C 200. Drei Wochen später will die Jugendliche alleine mit mir, der Ärztin, reden. Sie ritze zwar weniger, der Mutter zuliebe. Aber sie erlebe so manches inneres Tief, weiß nicht, warum. Da sei bisher das Ritzen das einfachste gewesen, um heraus zu kommen, fast suchtartig. Insgesamt wirkt die junge Patientin noch sehr unruhig und bedrängt. „Ich bin ein wildes Mädchen, mag Spaß. Ich habe schon viel erlebt. Aber ich will mich zusammenreißen.“
Die Mutter lebt in Sorge, leidet unter der Distanz zu ihrer Tochter, weint. „Wir verstehen uns nicht, trotz unser aller Rückhalts in der Familie.“
So schaut der Heilungsweg nicht aus, es ist zwar der gute Wille da, aber noch keine Beruhigung in Sicht. Die Arznei wird gewechselt zur bewährten Entwicklungsarznei Sepia. Diese enthält viele erwähnte Züge von Chocolate, aber die Abkehr ins Destruktive ist nicht so fortgeschritten.

Verordnung und Verlauf III

Sepia C 200. Im Lauf des nächsten halben Jahres wird Judith ruhiger, der Kontakt zur Familie gelingt dank gemeinsamen Bemühens wieder. Das Ritzen kommt nur noch selten und nur mehr andeutungsweise vor.

Beurteilung

Die Krise ist noch einmal gut ausgegangen. Welchen Anteil hatte nun die Arznei Sepia dabei? In diesem Falle ist es nicht mit Sicherheit festzustellen, fehlt doch die Bestätigung durch ein Phänomen gemäß der Hering-Regel, etwa eine anfängliche „Verschlimmerung“ eines Hauptsymptoms oder eine Hautreaktion o. Ä. Das Fehlen gilt aber auch nicht als absoluter Beweis gegen eine Mittelwirkung!
LITERATUR (21.5)

Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ

Jutta Gnaiger-Rathmanner

Grundlagen

Das Borderline-SyndromBorderline-SyndromPersönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ oder genauer die „emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ“ wird zunehmend als häufig zugrundeliegende Störung bei ess- und suchtkranken Jugendlichen erkannt. Diese Diagnose ist frühestens ab dem Alter von 15 Jahren zu stellen und erhärtet sich erst nach langer Beobachtungszeit. Es gehört zu den Störungen, die ihre Ursachen in der frühen Kindheit haben (Stauss 1994). Der amerikanische Psychiater Otto F. Kernberg schreibt zum klinischen Bild dieser Störung bei Jugendlichen: „In einer Phase, die für alle Jugendlichen mit der Suche nach ihrer eigenen Identität verbunden ist, fällt es ihnen bedeutend schwerer als ihren Altersgenossen, ein kohärentes und stabiles Bild von sich selbst zu entwickeln. Diese Identitätsstörung geht einher mit multiplen psychopathologischen Auffälligkeiten wie klinisch bedeutsamen Ängsten, Zeichen für Posttraumatische Belastungsstörungen, mit dissoziativen Zuständen, Selbstverletzungen, depressiven Verstimmungen bis hin zu akuter Suizidalität und Alkohol- oder Substanzmissbrauch. Hochauffällig zeigt sich weiterhin eine mangelnde Fähigkeit zum Lösen von Problemen, die mit dem Einsatz von pathologischen Abwehrmechanismen wie Spaltung oder projektiver Identifizierung einhergeht.“ (Kernberg 2000)
Diagnosekriterien gemäß dem DSM-IV und ICD-10 (verkürzter Text):
  • Angst vor Verlassenwerden

  • Intensive, aber instabile Beziehungen

  • Identitätsstörung betreffend Selbstbild und Selbstwahrnehmung

  • Tendenz zur Selbstschädigung wie Suchtverhalten, Essstörung, Sexsucht

  • Tendenz zu Suizid und Selbstverletzung

  • Affektive Labilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung

  • Chronisches Gefühl der Leere oder Langeweile

  • Unangemessene, heftige Wut, gefolgt von Scham- und Schuldgefühlen

  • Vorübergehende, stressabhängige paranoide Vorstellungen oder dissoziative Symptome

Diese Kriterien beruhen auf rein beschreibenden, phänomenologischen Merkmalen. Mindestens 5 der oben genannten 9 Kriterien müssen erfüllt sein, um die Diagnose zu stellen. Eine solche sollte jedenfalls erst nach einer Langzeitbeobachtung erfolgen (vielleicht besser: „Langzeitbeobachtungen zeigen, dass für die Diagnosestellung fünf der neun genannten Kriterien erfüllt sein müssen“).
Es gibt typische Borderline-spezifische Ängste. Dazu zählen die Vernichtungsangst, die Angst vor dem Ich-Verlust und die Fragmentierungsangst bezüglich des eigenen Körpers. Auch die frei flottierende Angst ist oft ausgeprägt. Bemerkenswert ist im Besonderen, dass alle diese Ängste als vital bedrohend und leibnahe erlebt werden, also als „existentiell“ wahrgenommen werden. Auch Körperschemastörungen finden sich bei diesen Patienten häufig.
Über die Abgrenzung der so definierten Borderline-Störung zu normalen Variationen der Entwicklung und anderen Persönlichkeitsstörungen wird heute viel diskutiert.

Homöopathische Behandlung

Die Borderline-Störung legt eine befremdende Erlebnisweise der Patienten von sich selbst und der Welt offen. Das verlangt eine Schärfung der homöopathischen Anamnesetechnik und einen neuen Blick auf die Symptomauswahl, insbesondere die eigene Identität und Körperwahrnehmung betreffend, zu finden unter den Rubriken der „Wahnideen“. Entsprechend treten ungewohnte, seltene Arzneien, ja oft auch neue Arzneien in den Vordergrund, die erst in jüngster Zeit Einzug in die Homöopathie gefunden haben – als Wegweiser für das weitere Studium dieser Thematik.
Repertoriumsrubriken
RepertoriumsrubrikenBorderline-Syndrom→Gemüt – verlassen zu sein; Gefühl (192): anac, aur, calc-s, cham, dulc, hyosc, ign, lach, mag-c, nat-m, nat-sil, phos, psor, puls, thuj, tub, …
→Gemüt – verlassen zu sein; Gefühl – Isolation; Gefühl der (76): anac, androc, germ-met, hydrog, kola, nat-sil, positr, ruta, …
→Gemüt – Wahnideen – getrennt – Welt; von der – sei; er (48): anac, androc, hydrog, spect, …
→Gemüt – Wahnideen – Trennung, Kluft zwischen sich und anderen (8): dream-p, falco-pe, hydrog, nat-c, nat-sil, …
→Gemüt – Wahnideen – verachtet; er würde (22): arg-n, orig, phos, positr, …
→Gemüt – Wahnideen – vernachlässigt – Pflichten vernachlässigt, er habe seine (34): ars, aur, lyc, …
→Gemüt – tadelt sich selbst, macht sich Vorwürfe (89): acon, ars, aur, carc, hyosc, ign, nat-m, nux-v, op, puls, thuj, …
→Gemüt – Wahnideen – getrennt – Körper – Seele getrennt, der Körper sei von der (8): anac, cann-i, hydrog, nit-ac, ol-eur, plut-n, rhus-g, thuj
→Gemüt – Wahnideen – Identität – Fehleinschätzung in Bezug auf die eigene (30): alum, androc, lac-c, lach, verat, …
→Gemüt – Verwirrung, geistige – Identität, in Bezug auf seine (79): alum, anac, anh, pyrog, spong, tritic-vg, …
Homöopathische Arzneimittel
Hydrogenium
#HydrogeniumBorderline-SyndromDiese Substanz wurde von Sherr (Sherr 1992) und Scholten für die Homöopathie erschlossen. Wasserstoff ist das Basiselement in der Sonne und in den Sternen. Auf der Erde kommt es nur verändert, nämlich gebunden, vor – besonders in Form des Wassers. Als Grundthema stellt sich das Bedürfnis nach Einheit heraus – also nach einem Zustand der Symbiose mit der Umwelt, wie sie dem Säugling in der allerersten Phase seines Daseins in den Armen seiner Mutter beschieden ist. Die Erlebnisse: Fühlt sich high, fühlt sich mit einem höheren Bewusstsein vereint spiegeln den kosmischen Ursprung dieser Arznei und des menschlichen Wesens wider. Das Erdendasein später fordert eine andere Realität ein: Die Person findet sich darin nicht zurecht und lebt in dem schmerzlichen Gefühl, sie sei von der Welt getrennt, oder in dem Gefühl, der Körper sei von der Seele getrennt (anac), oder es bestehe eine Kluft zwischen sich und den anderen. Alles erscheint sonderbar und merkwürdig (unter Wahnideen zu finden). Gefühle der Verlassenheit und der Isolation (cann-i, germ-met) finden sich bei dieser Arznei ganz besonders – als Spiegel des Menschen mit Borderline-Syndrom und der Psychose. In beiden Krankheitsbildern wird ein frühkindliches Trauma in den ersten Lebenswochen postuliert (Stauss 1994). Daraus erklärt sich die lebenslange, quälende Sehnsucht und Suche solcher Patienten auf dieser Welt – wonach? Nach dem versäumten Paradies der Einheit mit der Mutter am Beginn des Lebens (siehe auch: Ploog 2012).
Saccharum raffinatum
#Saccharum raffinatumBorderline-SyndromDicke, aufgedunsene, körperlich träge Kinder mit starken Extremitäten und Kopfschweiß, mit einem zwanghaften und manchmal ausschließlichen Verlangen nach Süßigkeiten wie bei Calcium carbonicum. Es hat kein Gefühl dafür, was gesunde Ernährung bedeutet, verzehrt nur Junkfood. Die körperlichen Mangelerscheinungen der Fehlernährung finden sich auch im Arzneimittelbild des Zuckerrohrs: Skorbut, Rachitis bzw. Osteoporose, Abmagerung, Ödeme. Großes Bedürfnis nach Zärtlichkeit, Kuscheln, Schmusen; exzessives Fingerlutschen, später Nägelbeißen. Am liebsten Faulenzen und Schlafen. Kinder haben nicht die geringste Lust, sich auf irgendeine Weise zu beschäftigen. Sie vermeiden jede Anstrengung, interessieren sich für gar nichts, alles ist ihnen egal. Erhöhte Bescheidenheit. Sie gehen den Weg des geringsten Widerstandes, benutzen die Lüge, um sich nicht verantworten zu müssen (Rohrer 1996). Wenn sie sich gestört oder infrage gestellt fühlen, dann können sie haltlos werden: launisch, mürrisch, streitsüchtig, heftig, unverschämt. „Das Problem des Saccharum-Patienten ist seine verzweifelte Suche nach Liebe und Aufmerksamkeit infolge einer fundamentalen Frustration auf emotionaler Ebene in der frühen Kindheit“ (Smits 1995). Becker hat 1994 Saccharum raffinatum, den raffinierten weißen Zucker, geprüft und seither sehr häufig bei Kindern eingesetzt. Siehe auch Kasuistik „Unser Kind isst nur Süßes“.
Follikulinum
#FollikulinumBorderline-SyndromOestradiolbenzoat, ein synthetisches Follikelhormon. In der Frauenheilkunde bei Zyklusstörungen und sekundärer Amenorrhö als homöopathische Arznei seit langem bekannt, ist die Nosode neuerdings für Patientinnen mit Essstörungen entdeckt worden (Vermeulen 1998). Mit der Ätiologie Beschwerden durch Bevormundung für lange Zeit kommt es nahe an Carcinosinum heran. Wie bei letzterer Arznei die Angst bestimmend ist, so bei Follikulinum die Schwäche.

„Es handelt sich um Menschen, die ihren eigenen, ihnen zugrunde liegenden Rhythmus verloren haben. Dem Individuum wird ein übergeordneter Fremdrhythmus auferlegt, den es aber nicht als solchen erkennt. Es gibt sich diesem bedingungslos hin und verleugnet so sein eigenes Selbst. Es bekommt das Gefühl, vor eine höhere Aufgabe gestellt zu sein, wofür es sich bedingungslos aufopfert […]. Es herrscht ein Mangel an authentischer Identität; die innere Struktur und Stabilität fehlen.“

( Ari 2002 , auch Gnaiger-Rathmanner 2009)

Kasuistiken

Kasuistik

Unser Kind isst nur Süßes (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Margarethe J., drei Jahre alt, ist das erste von zwei Mädchen. Die Mutter platzt heraus: „Unser Kind hat eine Essstörung“, bei gutem Gedeihen. Sie verlangt nur nach Süßem, morgens, mittags, abends Nutella- oder Marmeladebrot, jederzeit Schokolade. Sie verweigert hartnäckig jedes andere Angebot, alles Grüne ist ihr ein Horror. Alles wurde diesbezüglich schon versucht. Auch bei Oma isst das Kind wenig, ein bisschen Suppe.
Auffallend ist ihr starker Speichelfluss. Zudem ist sie oft verkühlt. Sonst ist die Entwicklung unauffällig: geschicktes Bewegen, frühes, gutes Sprechen, guter Schlaf, teils auch gutes, zufriedenes Spielen alleine, aber auch mit ihrer Schwester. Sie ist gerne zuhause, liebt Rituale. Sie kann fröhlich und lustig sein. Doch seit kurzem ist die Trotzphase angebrochen. Da kann die Laune schnell umkippen in heftige Phasen mit Zorn und Werfen von Dingen. Insbesondere gegen den Vater ist sie hemmungslos, tritt nach ihm. Oft scheint Eifersucht der Anlass sein.
Vor einem Jahr wurde ihre jüngere Schwester geboren. Als diese vor einem halben Jahr auf Beikost eingestellt wurde, aß Margarethe mit. Es scheint, dass sich ab diesem Moment ihr Fehlverhalten eingeschrieben hätte. Als Baby war alles problemlos, zuerst 14 Monate Stillen, dann das Fläschchen. Sie galt als gute Esserin. Was aufgefallen war: Nach dem Fläschchen verlangte sie immer energisch, ja fast suchtartig. Dafür ließ sie das Essen oft aus. Im Rückblick lässt sich festhalten: Das geschah also schon ein Jahr vor der Geburt der Schwester. Die Mutter war damals überfordert und konnte sich dem ersten Kind nicht voll zuwenden. Ob daraus seither eine Unsicherheit des Kindes in seiner Rolle resultiert?
Familie: Die jungen Eltern sind liebevoll bemüht, sanft und wirken noch unsicher, übervorsichtig.
Schwangerschaft und Geburt: Margarethe ist ein Retortenkind aus dem Samen des Vaters. Sonst hat alles gut geklappt. Die Schwester wurde natürlich empfangen.
Aussehen, Verhalten und Kontakt des Kindes: Das Kind hat ein rundes, volles Gesicht, schaut gewinnend aus, nimmt gut Kontakt auf. Es wirkt gut genährt, malt intensiv und hingegeben. Die Mutter zeigt sich sehr bemüht in allem, mit übermäßigem Zuspruch.
Auswertung: Die Essstörung dürfte in erster Linie ein Beziehungsproblem ausdrücken, ebenso die Eifersucht. Fühlt sich das sensible Kind zu wenig geliebt, der jüngeren Schwester hintangesetzt? Das suchtartige, ausschließliche Verlangen nach Süßem legt nahe, nach weiteren Leitsymptomen von Saccharum zu forschen – auch wenn von einem typischen exzessiven Bedürfnis nach Nähe nicht die Rede ist.
Die Bindungsproblematik eines Retortenkindes wagt die Autorin nicht zu beurteilen.

Repertorisation

Rubrik Anzahl der Arzneimittel
1 Gemüt – Launenhaftigkeit, launisch 153
2 Gemüt – Impertinenz, Unverschämtheit 19
3 Gemüt – Heftig, vehement 134
4 Gemüt – Hause, zu – Verlangen, nach Hause zu gehen 54
5 Gemüt – Unverschämtheit – Kindern, bei 4
6 Gemüt – Herausfordernd 41
7 Mund – Speichelfluss – reichlich 208
8 Allgemeines – Speisen und Getränke – Süßigkeiten – Verlangen 283
Ergebnis:
sacch. bell. spong. nux-v. stram. caust. ign. lach. graph.
8/9 7/12 7/7 6/11 6/11 6/10 6/9 6/9 6/8
1 1 2 1 2 1 2 2 1 1
2 1 1 1 1 2 - 1 1 1
3 1 3 1 3 3 1 1 2 1
4 1 1 1 - 1 - - 2 -
5 1 - - - - 1 - - 1
6 1 1 1 1 - 3 2 - -
7 1 3 1 3 2 2 2 2 2
8 2 1 1 1 2 1 1 1 2
Saccharum bestätigt sich in den wichtigsten Rubriken. Das suchtartige Essensverlangen und das impulsive Verhalten gehört zu Saccharum. Was in der aktuellen Phase allerdings fehlt, ist das übertriebene Schmusebedürfnis, wie es von Saccharum bekannt ist. In Bezug auf die Eifersucht und die Heftigkeit des Verhaltens sind des Weiteren insbesondere Hyoscyamus und Lachesis ins Auge zu fassen.

Verordnung und Verlauf I

Saccharum C 200 zweimalige Gabe innerhalb von 2 Monaten. Zudem wird empfohlen, eine bedachtsame Sitzordnung bei den Mahlzeiten zu wählen und auf Rituale beim Essen zu achten. Schon nach einem Monat ist das Kind viel ausgeglichener, ganz deutlich. Die Rituale tun gut, alle sind entspannter. Margarethe isst jetzt viel, „um groß zu werden“. Nach zwei Monaten zwingt eine akute Zystitis, die Arznei zu wechseln, denn Saccharum M tut keinen Dienst mehr. Die Eifersucht und die hysterische Launigkeit spielen sich auch immer mehr in den Vordergrund.

Verordnung und Verlauf II

Lachesis C 200, zwei Wochen später M. Zwei Monate später hat das Kind seine Rolle gefunden: der Alltag läuft ruhig, die Zornanfälle sind derzeit verschwunden. Die Eifersucht und die Essstörung sind kein besonderes Thema mehr. Was bleibt: der dominante, energische Charakter vom Kind Margarethe.

Beurteilung

Saccharum hat in einer extremen Phase der Essstörung geholfen. Als tiefer gehende Arznei entpuppte sich, basierend auf den zunehmend hervorstechenden Leitsymptomen, Lachesis als hilfreich. Das Verhalten des Kindes ist in diesem jungen Alter allein dem „schwierigen Temperament“ zuzuordnen, keineswegs einer sonstigen psychiatrischen Diagnose.
LITERATUR (21.5)

Selbstbeschädigung, Mutilation: Rubriken

Jutta Gnaiger-Rathmanner
RepertoriumsrubrikenSelbstbeschädigung→Gemüt – verstümmelt seinen Körper (38): agar, am-f, ars, bell, bor-pur, chlol, choc, cur, dict, helium, hyos, lat-h, lith-c, lith-f, lith-i, lith-met, lyss, manc, med, positr, staph, stram, syph, tarent, tub, …
→Gemüt – reißt sich am Körper, verletzt sich (12): ars, bell, cur, plb, sec, stram, …
→Gemüt – Beißen – sich selbst (12): acon, agar, arum-t, elaps, hura, lac-h, lyss, op, plb, sol-t-ae, stram, tarent
→Gemüt – Schlagen – sich schlägt (30): ars, bell, camph, cann-i, cur, germ-met, plat, tarent, verat-v, …
→Gemüt – Schlagen – sich; schlägt – Kopf – Händen an den Kopf, gegen den Körper und andere Personen – schlägt sich mit den (1): tarent
→Gemüt – Schlagen – sich; schlägt – schlägt seinen Kopf gegen die Wand und gegen Gegenstände (20): acon, apis, ars, bell, con, hyos, mag-c, mill, op, phos, rhus-t, scut, syph, tarent, tub, …
→Gemüt – Manie – zerreißen, an etwas reißen; etwas zu – Haaren – reißt sich an den (5): bell, canth, stram, tarent, verat
→Gemüt – Manie – zerreißen – sich mit den Fingernägeln; zerreißt (3): canth, stram, verat
→Gemüt – Abscheu – Leben; gegen das – Leid anzutun; muss sich zurückhalten, um sich kein (1): nat-s
→Gemüt – Hysterie – verletzen; Verlangen, sich zu (2): hydr-ac, kali-s
→Gemüt – Verletzen, sich zu – Gefühl, sie könne sich leicht, schnell verletzen (3): germ-met, lyss, sep
Homöopathische Arzneimittel
Tarantula hispanica
#Tarantula hispanicaselbstschädigendes VerhaltenWeigert sich zu essen, Furcht vor dem Essen – typische Symptome der Anorexie. Jugendliche, die sich in jeder Hinsicht abgehoben, exzentrisch und überspannt benehmen und keine Hemmungen kennen. Dies wirkt auf die Umgebung als grausam und schamlos. Sie sind ruhelos, in höchstem Maße streitsüchtig und aggressiv. Sie beschimpfen und beleidigen ihre Nächsten und drohen damit, etwas zu zerstören oder gar jemanden zu töten. Ihre Spannung entlädt sich auch gegen sich selbst
Sie beißen sich selbst, reißen sich an den Haaren oder schlagen sich selbst, schlagen sich selbst mit den Händen an den Kopf, gegen ihren Körper und sind im nächsten Augenblick auch bereit, auf andere Personen einzuschlagen.
Eine junge Frau leidet unter massiven Schlafstörungen. Sie findet lange Zeit Hilfe mit Tarantula. In ihrer Vorgeschichte gibt es eine lange Periode von Anorexie und Träumen von einem bedrohlichen menschlichen Schatten mit einem riesigen Penis. In der psychotherapeutischen Arbeit entdeckt sie ihr frühes Trauma von sexuellem Missbrauch durch ihren Vater (Gnaiger-Rathmanner 2007 21.14).
Veratrum album
#Veratrum albumselbstschädigendes VerhaltenSeit Hahnemann ist diese heimische giftige Pflanze das erste Mittel für die Psychose mit Wahnvorstellungen. In den engen Vergleich fallen die Nachtschattengewächse Belladonna, Hyoscyamus und Stramonium. Im Repertorisationsprogramm Synthesis ist zu erfahren, dass es als wichtige Arznei für Bulimie seit Boger (1940) gilt und als Arznei für Geisteskrankheit mit Bulimie (chin), wofür Gallavardin (1960) als Quelle angegeben ist. Geisteskrank, weigert sich zu essen (hyos, stram). In jeder Hinsicht bietet Veratrum ein merkwürdiges, exzentrisches, hysterisches Verhalten. Die kranke Person ist ungezügelt und destruktiv in ihrem Tun und ihrer Phantasie: möchte andere schneiden, verstümmeln oder aufschlitzen (lyss). Sie wendet sich auch gegen sich selbst: reißt sich an den Haaren (stram, tarent), zerfleischt sich mit den Fingernägeln (canth, stram). In diesem verzweifelten Zustand besteht Suizidneigung.
LITERATUR (21.5)

Angststörungen

Jutta Gnaiger-Rathmanner

AngstAngststörungen ist eine zentrale Kategorie zahlreicher Störungen und bewirkt Phänomene auf mehrerer Ebenen. Sie äußert sich neben der Emotion, dem Gefühl der Angst, auch in körperlichen vegetativen Symptomen wie Spannung, Schwitzen, Herzklopfen, Kälte- oder Hitzegefühlen etc. Sie beeinflusst das Verhalten und führt zu gestörter Aufmerksamkeit und besorgter Antizipation vor angstauslösenden Situationen.

Grundlagen

Alltägliche Ängste, die jedes Kind betreffen, unterscheiden sich von den klinisch relevanten Ängsten durch folgende Charakteristika:
  • Klinisch relevante Ängste sind nicht vorübergehend.

  • Sie sind für die Entwicklungsphase unangemessen.

  • Sie gehen einher mit starken und anhaltenden Beeinträchtigungen.

  • Sie behindern die normale Entwicklung.

  • Sie sind Auslöser für Probleme im sozialen Umfeld.

Formen

Unter die Klassifikation der AngststörungenAngststörungenFormen reihen sich viele Formen der Angst ein. Sie gehören zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Bei Kindern sind beide Geschlechter gleich häufig betroffen, ab dem Jugendalter dominiert das weibliche Geschlecht. Für die Kindheit und Jugend sind die im Folgenden genannten Angststörungen relevant. Die Ziffern des ICD-10 werden angegeben.
Emotionale Störung mit Trennungsangst
Die emotionale Störung mit Trennungsangst des Kindesalters bezeichnet eine panikartige Angstreaktion auf die Trennung von der Bezugsperson und extreme Verlustängste mit oft übertriebenen und eingebildeten Befürchtungen. Diese Ängste können primär auftreten oder auf einer Erfahrung mit Trennung oder mit einer andersartigen Form von Deprivation im bisherigen Leben fußen. Sie haben ein Maximum im Säuglings- und Kleinkindalter, können im Kindergarten, beim Schuleintritt oder Schulwechsel sowie in der Frühadoleszenz wieder auftreten und sich dann als typisches Bild der Schulphobie (5.13).
Eine Störung mit Trennungsangst – im ICD-10 al F93.0 kodiert – soll nur dann diagnostiziert werden, wenn die Furcht vor Trennung den Kern der Angst darstellt und wenn eine solche Angst erstmals während der frühen Kindheit auftrat.
Generalisierte Angststörung
Die generalisierte Angststörung wird im ICD-10 zu den „anderen Angststörungen“ (F41) gerechnet, bei denen die Ängste nicht situations- und objektgebunden sind. Sie betrifft Angstzustände in der späten Kindheit und in der Adoleszenz und ist definiert durch folgende Symptome:
  • Sorgen und Befürchtungen mit Nervosität und Konzentrationsstörungen

  • Motorische Spannungen wie Unruhe, Kopfschmerz, Zittern

  • Vegetative Übererregbarkeit wie Schwitzen, Nabelkoliken, Schwindelgefühle

Panikstörung
Die PanikstörungPanikstörung wird im ICD-10 ebenfalls zu den „anderen Angststörungen“ gerechnet und als F 41.0 kodiert. Sie ist charakterisiert durch episodische paroxysmale Angst mit massiven vegetativen Symptomen: die Panikattacke. Dabei besteht keine objektive Gefahrenlage und – im Gegensatz zur Phobie – kein erkennbarer Anlass.
Störung mit sozialer Ängstlichkeit
Diese Störung erfasst das zurückgezogene Kind, das keine altersgemäßen Sozialkontakte entwickeln kann oder das sprechscheue Kind (im Extremfall das mutistische Kind). Sie ist im ICD-10 als F93.2 kodiert und wie folgt beschrieben: Es besteht ein Misstrauen gegenüber Fremden sowie soziale Besorgnis oder Angst in neuen, fremden oder sozial bedrohlichen Situationen. Diese Kategorie sollte nur verwendet werden, wenn solche Ängste in der frühen Kindheit auftreten und sie ungewöhnlich stark ausgeprägt sind und zu deutlichen Problemen in der sozialen Funktionsfähigkeit führen.

Phobien

PhobienPhobien (griech.: Furcht, Schrecken) werden im ICD-10 als phobische Störungen klassifiziert (F 40.0). Diese bezeichnen abnorm intensive, auf bestimmte Objekte oder Situationen bezogene Ängste – im Gegensatz zu den diffusen, frei flottierenden Ängsten – mit folgenden Charakteristika:
  • Sie sind nicht situationsangemessen.

  • Sie können von dem betroffenen Patienten nicht erklärt oder rationalisiert werden.

  • Sie stehen nicht unter willentlicher Kontrolle.

  • Sie führen zu einer Vermeidung des gefürchteten Objekts bzw. der gefürchteten Situation.

  • Sie erstrecken sich über eine ausgedehnte Zeitperiode und sie sind nicht adaptiv.

Folgende Phobien werden unterschieden:
  • AgoraphobieAgoraphobie (ICD-10: F40.0): Angst vor offenen Plätzen, vor Menschenmengen und vor dem Reisen, insgesamt die Angst, die Wohnung zu verlassen.

  • Soziale Phobiesoziale Phobie (ICD-10: F40.1): Furcht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen oder sich peinlich oder erniedrigend zu verhalten – im Bereich der Schule, in der Öffentlichkeit oder in kleinen Gruppen.

  • Spezifische (isolierte) Phobienspezifische (isolierte) Phobie (ICD-10: F40.2): Diese umfassen Phobien, die auf eng umschriebene Situationen wie z. B. die Nähe von bestimmten Tieren, Höhen, Donner, Dunkelheit, Fliegen, geschlossene Räume, Zahnarztbesuch oder auf den Anblick von Blut oder Verletzungen beschränkt sind.

  • Phobische Störung des Kindesalters (ICD-10: F 93.1): Diese umfasst die Angst vor körperlicher Verletzung (z. B. vor Bakterien, Operationen, Giften) und die Angst vor natürlichen Ereignissen bzw. vor Objekten wie Sturm, Tieren, Dunkelheit.

Ätiologie und Klinik

AngststörungenKlinik„Die Angst ist Begleiter der menschlichen Individuation“ (Soldner 2011). Sie gehört zu den Grunderfahrungen des Menschen. Davon ausgehend, dass Angst entsteht, wenn der Mensch auf etwas Unbekanntes in seinem Leben stößt, durchwandert jedes Kind im Laufe seiner normalen Entwicklung – meist mehrere – Phasen der Angst. Sie werden normative Ängste genannt. Doch ab wann ist die Angst pathologisch und somit behandlungswürdig oder nicht? (Friedrich 2002)
Altersspezifische Ängste
Kindliche Ängste lassen sich den verschiedenen AltersstufenAngststörungenaltersspezifische Ängste zuordnen (Tab. 21.2).
Im Alter von acht bis zwölf Monaten zeigt der Säugling die Fremdenangst – eine normale, entwicklungsbedingte Durchgangsphase. Er bindet sich immer näher an seine erste Bindungsperson und reagiert auf fremde Personen mit Angst und Abwehr.
Die entwicklungsbedingte normale TrennungsangstTrennungsangst des Kindes, die bei Trennung von der Mutter auftritt, beginnt etwa mit dem zehnten Monat und endet mit dem dritten Lebensjahr.
Eine auffallende Art der Bindungsqualität mit Angstsymptomen beim Säugling ab neun Monaten ist die unsicher-ambivalente Bindung als Anpassung an eine eher instabile Beziehung zur Mutter. Diese Kinder zeigen in der Testsituation der Trennung von der Mutter ein typisches Verhalten: extremer Trennungsprotest, Klammern, panikartiges Weinen. Die Mutter kann ihr Kind nicht beruhigen, es weint, klammert und ist gleichzeitig aggressiv gegen sie. Eine Rückkehr zum Spiel ist unmöglich. Dies kann als Risikofaktor für die weitere Entwicklung angesehen werden. (Brisch 2015) Auch Konstitution und Temperament spielen eine Rolle: „Kinder, die konstitutionell mehr zum Nachdenken, Vorplanen, Erklären und zur inneren Distanz von den Dingen neigen, sind in der Regel ängstlicher als die Ausprobierer, die mit Herz, Sinn und Hand zugreifen.“ (Goebel 2001) Die Verhaltenshemmung – „behavioural inhibition“ – wird neuerdings als Temperamentsmerkmal angesehen, das zu Angststörungen prädisponiert. Damit ist die Tendenz gemeint, eine ungewöhnliche Scheu und Furcht sowie Rückzugsverhalten in unbekannten Situationen zu zeigen (Weiler 2002). Der Heilpädagoge Köhler schreibt das ängstlich-zaghafte Verhalten neben der vorgegebenen Temperamentsveranlagung einer erworbenen Mangelerscheinung im Bereich des Körpervertrauens zu. Dieses Gefühl der Grundsicherheit im eigenen Körper gegenüber der Umwelt entwickelt sich im Kleinkindalter über die Tastsinnerfahrungen im Austausch mit seiner nächsten Umgebung. Bleiben diese Erfahrungen unterentwickelt, behält das Kind ein gesteigertes Bedürfnis nach Nähe, Fürsorge und Schutz. Im ängstlichen Kind lebt das „Urtrauma“ in dem Gefühl, im Stich gelassen zu werden.
Im Kleinkindalter handelt es sich um phantasierte Ängste aus seinem magischen Welterleben heraus. Im Schulalter werden diese von den Realängsten abgelöst. Da ist die soziale Einpassungsangst bezüglich der Rangordnung unter Gleichaltrigen, in der Pubertät die Reifungsängste: Werde ich mich meinem Geschlecht gemäß entwickeln? Ab dem 15. Lebensjahr folgen die Existenzängste: Was will ich werden und wie erreiche ich dies?

Praxistipp

Oft äußern sich kindliche Ängste indirekt, das heißt nonverbal. Sie verbergen sich hinter Symptomen wie Rückzug, Verstummen, vermehrte Aggression oder Verhaltensveränderung, Enkopresis (21.4) oder Enuresis (21.3). Ebenso können psychosomatische Beschwerden als Ventil der Angst auftreten: Asthma (9.3), Migräne (20.1), Diarrhö, nervöses Erbrechen (14.1) etc. Solche Zusammenhänge sollten in der Anamnese und Diagnose herausgearbeitet werden.

Vorangehende Belastungen
Angststörungenvorangehende BelastungenAngststörungen können sich in jedem Alter scheinbar aus voller emotionaler Stabilität heraus entwickeln. Bei näherer Bestandsaufnahme zeigen sich jedoch meist spezifische Belastungen in der Vorgeschichte eines Kindes, das daran erkrankt. Von Ängsten berichten in der Regel die Eltern. Es ist für den Arzt entscheidend, ein Bild davon zu gewinnen, wie die Eltern mit ihren eigenen Ängsten leben und umgehen. Dies überträgt sich gerade beim Kleinkind unmittelbar auf die Welterfahrung und Erlebnisverarbeitung des Kindes.
Oft sind die Kinder heutzutage in ihrem normalen Alltagsleben bezüglich ihrer emotionalen und sensorischen Verarbeitungskapazität überfordert. Beispiele:
  • Fragmentierung des Tagesablaufs mit ständig wechselnder Betreuung durch Hort, Großmutter, Babysitter

  • Reizüberflutung durch die Medien

  • Überforderung des Kindes durch Unsicherheit von Seiten der Eltern, wodurch dem Kind zu viel Verantwortung und nicht altersgemäße Entscheidungen aufgebürdet werden

Aus der Forschung haben sich Faktoren bestätigt, die das Auftreten einer manifesten Angststörung beeinflussen:
  • Temperament des „schwierigen“ Kleinkindes

  • Belastende Lebensereignisse in der Vorgeschichte des Kindes und seiner Familie

  • Qualität der Beziehungen innerhalb der Familie

  • Modellfunktion der Eltern in der Art der Angstbewältigung (adaptiv oder pathologisch)

  • Ängstlich-depressive oder überprotektive Mutter bei einem gleichzeitig eher passiven Vater

  • „Unsicher-ambivalente Bindung“ gemäß der frühkindlichen Bindungsforschung

  • Soziale Einbindung der Familie in ihrem Umfeld

Aus dieser Aufstellung lässt sich eine Reihe von Schutz- und Risikofaktoren für den Verlauf einer Angststörung ableiten.

Prognose

Angststörungen im Kindesalter haben eine günstige Prognose, es gibt häufig Spontanremissionen. Nur selten erwächst daraus eine Neurose im Erwachsenenalter. Eine Ausnahme davon bilden die Trennungsängste. Diese Art der Störung kann im Erwachsenenalter als Agoraphobie oder als Panikattacken wieder aufscheinen (Steinhausen 2010). Diejenigen Phobien, die erst in der Adoleszenz auftreten, müssen eher den Phobien des Erwachsenenalters zugerechnet werden, bei denen nur eine 30-prozentige Heilungsrate beschrieben ist.

Komorbidität

AngststörungenKomorbiditätAngstsyndrome werden häufig von depressiven und zwanghaften Symptomen begleitet, seltener von aggressiven Störungen.
Die Angst kann sich als Symptom einer Anpassungsstörung erweisen. Sie kann auch mit einer hyperkinetischen Störung (5.11) zusammen auftreten.

Konventionelle Therapie

Ziel der Behandlung ist es, sich in der Angst auslösenden Situation behaupten zu können, ohne sie vermeiden zu müssen. Es wird zu frühem Therapiebeginn geraten, da sich gelegentlich eine Tendenz zur Chronifizierung der Ängste beobachten lässt. Insgesamt wird ein multimodaler Ansatz empfohlen:
  • Im Sinne der Psychoedukation kann mit dem Kind und den Eltern aufklärend gesprochen werden und die Erziehungseinstellung der Eltern beleuchtet werden: z. B. in dem Sinne, dass Angst beim Kind nichts Krankhaftes ist.

  • Im Kindesalter wird bevorzugt die VerhaltenstherapieVerhaltenstherapieAngststörungen eingesetzt:

    • Die Expositionsbehandlung, die das Kind mit den angstauslösenden Situationen in schützender Begleitung konfrontiert.

    • Operante Ansätze, Modelllernen und kognitive Ansätze – letztere mit systematischer Selbstbeobachtung und kognitiven Rekonstrukturierungsschritten.

  • Die Bindungstherapie baut auf der Kind-Therapeut-Eltern-Beziehung auf und verfolgt den Weg, die Kommunikation zwischen Eltern und Kind zu begleiten und zu schulen.

  • Die Spieltherapie und Psychodrama haben sich als nonverbaler, entlastender Zugang zum Kind bewährt.

  • Die Pharmakotherapie wird teilweise bei Angststörungen eingesetzt, obwohl die wissenschaftliche Basis für ihre Wirksamkeit beim Kind noch nicht eindeutig belegt ist (Weiler 2002). Hinsichtlich der in der Praxis häufig unkritisch vorgenommenen Behandlung mit Tranquilizern ist Zurückhaltung geboten. Bei Phobien gibt es dafür gar keine Indikation.

Unterstützende Maßnahmen

Aus pädagogischer Sicht sind folgende Faktoren zu berücksichtigen:
  • Ein überschaubarer, rhythmischer Tagesablauf mit Fürsorglichkeit und ein achtsamer Umgang mit den Eindrücken. Es gilt das Motto: Jeder Reiz muss auch verarbeitet werden.

  • Eine „einhüllende“, Schutz vermittelnde Gestaltung des Abends und eine sorgfältige Vorausschau auf den nächsten Tag kann dabei helfen.

  • Erwartungen der Eltern bezüglich der intellektuellen und schulischen Leistungen ihres Kindes müssen reflektiert werden – überstarker Erwartungsdruck wirkt angstfördernd.

  • Die Pflege des Tastsinns kann mit einer täglichen Ganzkörpereinreibung am Morgen beginnen. Hautfreundliche Kleidung, naturnahe Spielsachen, Spiele zum Tasterleben, Umgang mit Pflanzen und dem Garten sowie Plastizieren sind weitere Hilfen (Köhler 1995).

Homöopathische Behandlung

Info

Die homöopathische Arznei kann für das Kind mit Angststörung eine große Hilfe sein. Voraussetzung dafür ist die Anamnese mit Blick auf die leibliche und seelische Gesamtsituation des Kindes.

In der homöopathischen Tradition wird zwischen Angst und Furcht unterschieden: Als Angst wird das Gefühl der Angst als ungerichtetes Gefühl bezeichnet, als Furcht das gerichtete Gefühl der Angst als Furcht vor etwas. Daraus lässt sich ableiten, dass der Begriff der Phobie, wie er im modernen medizinischen Sprachgebrauch eingesetzt wird, in der homöopathischen Literatur unter Furcht wiederzufinden ist.
Im Repertorium finden sich unter der Rubrik „Angst“ 393 Arzneien aufgelistet, unter „Furcht“ 250 Arzneien. Somit können die Symptome Angst und Furcht in der Homöopathie als ein Beispiel für unbestimmte Allgemeinsymptome gelten, die unbedingt einer genaueren Bestimmung, d. h. einer Individualisierung, bedürfen. Erst dadurch werden sie in der Reihung und Gewichtung der Symptome methodisch verwertbar.
Eine genauere Bestimmung der Symptome Angst und Furcht geschieht durch folgende Angaben:
  • Art der Angst wie→Angst – anfallsweise

  • Intensität der Angst wie z. B.→Angst – außer sich vor Angst; ist

  • Inhalte der Angst bzw. Furcht wie z. B.→Angst – Dunkelheit, in der←oder unter→Furcht vor Tieren; manche Inhalte der Angst können unter den Rubriken von →Gemüt – Wahnideen←gefunden werden; z. B.→Wahnideen – fehlschlagen, versagen; alles werde

  • Modalitäten wie z. B→Angst – nachts

  • Begleitsymptome, die sich unter den Lokalrubriken befinden, wie z. B.→Schweiß – Angst, bei←oder→Abdomen – Angst im Abdomen

  • Auslösende Momente der Angst, die sich alle unter→Beschwerden von …← finden

  • Konstitution des Kindes etc.

Der Begriff der Panik ist unter folgenden Rubriken zu finden: →Angst – qualvolle Angst←,unter→Furcht – plötzlich←und unter→Furcht – Entsetzen, panische Furcht.
Jede große homöopathische Arznei, auch Konstitutionsmittel genannt, enthält in ihrem Symptomenbild eine Facette von Angst, und zwar meist eine ganz charakteristische und unverwechselbare.
Angesichts der vielen Symptome und Arzneien im homöopathischen Repertoire muss immer wieder neu um Ordnungen gerungen werden. Angeregt durch die psychiatrische Klassifikation der Ängste schließt sich nun die homöopathische Aufzählung der häufigsten Angstmittel an (Tab. 21.3). Dabei versteht sich die gewählte Ordnung als Denkanstoß, den der Arzt bei jedem einzelnen Kind während der genauen und vorurteilslosen Anamnese auch wieder hinter sich lassen muss. Dasselbe ist zum gewählten Ausschnitt an Rubriken zu bemerken – ein Ausschnitt, der sich bewährt hat, aber keinesfalls vollständig sein kann (z. B. Bleul 2002). Zudem gibt es Überschneidungen der ausgearbeiteten Gruppen in jeder Richtung. Eine gute Zusammenschau der Therapie der Angststörungen aus homöopathischer Sicht gibt Sparenborg-Nolte 2014.

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: ängstliches, vorsichtiges Kind

KindvorsichtigesKindängstlichesRepertoriumsrubrikenAngststörungen→Pessimist (46): alum, cimic, nat-m, nit-ac, nux-v, positr, ruta, staph, …
→Schüchternheit, Zaghaftigkeit – Kindern; bei (28): ars, calc-s, carc, kali-c, nat-m, phos, puls, sep, sil, sulph, tarent, …
→Selbstvertrauen – Mangel an (204): anac, bar-c, sil, symph, tritic-vg, vanil, …
→Angst – Kleinigkeiten, um (46): aloe, ars, chin, on, ferr, ign, sil, …
→Angst – Zukunft – in Bezug auf die (200): bry, calc, chinin-s, cic, graph, lach, nat-c, nit-ac, phos, sep. sil, spong, sulph, tritic-vg, …
→Furcht – Unheil; Furcht vor (144): arg-n, ars, aur-m, calc, chinin-s, cocc, kali-i, lach, lyss, manc, nat-m, plat, psor, sep, staph, tritic-vg, …
→Hypochondrie (137): ars, aur, benc-ac, cact, con, ign, mag-m, mez, nat-c, nat-m, nit-ac, nux-v, puls, syph, …
→Ruhelosigkeit – ängstlich (147): acon, ars, kali-ar, kali-br, kali-c, lyc, nat-ar, nat-c, tarent, …
→Beschwerden durch – Erwartungsspannung (97): arg-n, calc, carc, gels, graph, ign, lyc, med, mez, psor, puls, sil, …
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisAngststörungSanft, anhänglich und ängstlich, sucht immer die Nähe der Erwachsenen, braucht deren Rückhalt, deren Trost und deren Bestätigung. Meist sind blonde, zarte Mädchen so geartet. Sie sind sehr schüchtern und zaghaft, auch argwöhnisch. Sie warten lange zu, bis sie sich öffnen und ihren Charme spielen lassen. In vertrauter Umgebung können sie sehr mitteilsam, hilfsbereit und umsichtig sein, fühlen sich aber auch rasch hintangesetzt und weinen leicht, oft ohne ersichtlichen Grund. Sie reagieren dankbar auf jeden Trost und beruhigen sich schnell. „Weiche“ Jungen passen oft auch in dieses Pulsatilla-Bild (Herscu 1993).
Es ist ein Kind, das sich immer anpasst und ständig um Anerkennung der Erwachsenen wirbt. Dahinter verbergen sich seine übersensible Empfindsamkeit, sein überfeinertes Gewissen und viele spezifische Ängste: Gewissensangst, ständige Furcht v. a., Furcht vor Menschen, besonders vor Männern, Furcht vor Unglück, vor einer drohenden Krankheit. Als typische Kinderängste finden sich: Angst nachts und in der Dunkelheit, Furcht vor Gespenstern, Furcht vor Hunden. Mit Heranwachsen des Kindes kann es seine intensiven Trennungsängste äußern: seine Furcht, vernachlässigt zu werden (psor) und sein Gefühl der Verlassenheit. Es hat die Vorstellung, alleine auf der Welt zu sein, es sei nicht geschätzt, es sei weg von zu Hause. In seiner Verunsicherung macht es sich Selbstvorwürfe (tadelt sich selbst): es meint, es habe Unrecht getan, es habe seine Pflichten vernachlässigt. Es kann sehr verzweifelt sein. Bei den Mitteln für die depressiven Störungen (21.12) wird sich Pulsatilla wiederfinden, da sein Verhalten sehr durch stillen Kummer, durch Enttäuschung und Kränkung geprägt ist.
Silicea
#SiliceaAngststörungDas Kind wirkt feingliedrig, milde, sehr schüchtern. Im weiteren Kontakt zeigt es sich reserviert, doch auch beweglich und aufmerksam. Es benimmt sich ein bisschen zu ernst und besorgt für sein Alter: Es fühlt sich sehr verantwortlich, ist peinlich genau und pflichtbewusst. Es versucht sich in der Familie und in der Schule anzupassen und macht dafür große Anstrengungen. Das Kind ist fleißig und eifrig mit seinen Hausaufgaben. Silicea wird wegen der Ähnlichkeiten zu Pulsatilla als die „chronische Pulsatilla“ genannt. Es ist allerdings mehr dem melancholischen Temperament zuzuordnen.
Im Alltag ist es sehr besorgt und voller Ängste: Angst vor allem Neuen. Ein neuer Lehrstoff in der Schule macht das Kind so verzagt, dass es aufgeben will (unternimmt nichts, aus Furcht, es könnte fehlschlagen; Angst vor der Arbeit). Außerdem leidet es unter Mangel an Selbstvertrauen, besonders gegenüber den schulischen Aufgaben. Furcht vor Versagen, Furcht vor Auftreten in der Öffentlichkeit, wozu auch der Auftritt in der Schulklasse zu zählen ist (lyc). Um das Kind zu verstehen, muss man zusätzlich zu seinem gewissenhaften Pflichtgefühl seine geistige und körperliche Erschöpfbarkeit beachten. Besonders die schulischen Leistungen wie Lesen und Schreiben strengen das Kind sehr an.
Es ist ein Kind, das viel Unterstützung und viel Zuspruch braucht. Einerseits verlangt es nach Nähe und Rückhalt (Verlangen, magnetisiert zu werden), andererseits ist es reizbar und lehnt direkten Trost ab (Verlangen nach Trost: puls), es ist leicht beleidigt und will dann weder berührt noch angeblickt noch angesprochen werden. Es ist mürrisch, weint aber, wenn man es freundlich anspricht. Ein Kind, das seelisch und körperlich ständig und viel Wärme braucht. (Kasuistik „Die Versagensängste rauben alle Energie“)
Causticum
#CausticumAngststörungEin zartes, stilles, schweigsames, zurückhaltendes Kind. Es wirkt vorsichtig, ängstlich und melancholisch. Es macht sich auffallend viele Sorgen – um seine Familie, um seine Mitschüler und Nachbarn. Es sieht gerne schwarz und ängstigt sich bei jedem kleinsten Anlass. Es fürchtet v. a., dass die Zukunft Unheil bringe, dass etwas Schlimmes geschehen werde. Furcht vor drohender Gefahr und vor Unglück, die sich in der übertriebenen Phantasie des Kindes bis zur qualvollen Angst steigern kann.
Das Kind ist auffallend mitleidig. Es kann keinen Mitmenschen weder auf der Straße noch im Fernseher, ja auch kein Tierlein am Wege leiden sehen. So ein Eindruck bewegt es tief und lange (carc). Als typische Kinderängste bestehen auch Furcht vor Hunden, vor der Dunkelheit, vor Gespenstern, Furcht beim Alleinsein. Mit Nähe und Trost in der Familie lässt sich das Kind helfen und beruhigen.

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Das Kleinkind mit seinen typischen Ängsten

KindängstlichesKleinkindÄngste→Furcht – Tieren, vor (27): alum, bell, chin, stram, tub, …
→Furcht – Hunden, vor (36): bac, bell, caust, chin, hyosc, puls, stram, tub, …
→Furcht – Insekten; vor (20): abel, calc, nat-m, …
→Furcht – Dunkelheit; vor der – Kindern; bei (14): bell, calc-s, hyosc, lac-c, sanic, sil, stram, …
→Furcht – Räubern, vor (44): arg-n, ars, lach, merc, nat-m, phos, zinc, …
Belladonna
#BelladonnaAngststörungDiese typische Kinderarznei weist eine große Palette der Kleinkindängste auf: Zuallererst die Furcht vor Hunden, die oft plötzlich und ohne ersichtlichen Grund auftreten kann. Das sonst wilde und wagemutige Kind voller Entdeckungsdrang und Neugier muss sich beim Anblick eines kleinen Hundes in weiter Ferne in die Arme der Mutter flüchten. Furcht vor Tieren im Allgemeinen, vor Wölfen, vor Ratten; vor Wasser, vor Blitz, vor Räubern. Nachts und alleine verstärkt sich der Hang zur Furcht. Da gibt es auch die Furcht vor eingebildeten Dingen, gepaart mit übertriebener Phantasie. Das Kind hat Angst, abends im Bett die Augen zu schließen.
Tuberculinum
#TuberculinumAngststörungDas kluge, frühreife, eigenwillige Kind, das oft so unerschrocken und unbestechlich seinen Weg verfolgt und sich heiter und charmant seine Freiräume erkämpft, muss auch gegenüber einer Welt der Angst ringen: Es ist führend bei Angst nachts bei Kindern – vor Mitternacht (nach Mitternacht: ars) und beim Erwachen. Furcht vor Hunden, vor Katzen, vor Tieren im Allgemeinen und Furcht vor Gewitter peinigen das Kind. Es gibt auch eine ahnungsvolle Furcht, es werde etwas Unheilvolles geschehen, gepaart mit einer Furcht, der Familie würde ein Unheil drohen. Dieses Kind ist ein wahrer Nestflüchter: Verlangen nach Reisen. Es spielt immer mit den Grenzen. Vielleicht wagt es sich tagsüber in seiner Neugierde für seinen Reifezustand zu weit vor, was des Nachts in der Angst zum Ausdruck kommt und nach Verarbeitung im Schutz der Mutter drängt?
Abelmoschus
#AbelmoschusAngststörungEin Strauch aus der Gruppe der Malvaceae aus Indien; das Öl, das aus dem Samen hergestellt wird, besitzt einen moschusähnlichen Duft. Von Julian in die Homöopathie eingeführt, wurde diese Arznei von Vithoulkas aufgrund von praktischer Erfahrung neu bewertet und als vorrangig bei Tierphobien entdeckt (Synthesis): Furcht vor Insekten (calc, nat-m), vor Spinnen, vor Fliegen, vor Schlagen (lac-c, lach, elaps), vor Skorpionen. Es gibt auch die Wahnidee, in ihr und um sie herum seien Schlangen. Das sonstige Umfeld der Arznei ist kaum beschrieben. Nagel und Hadulla (1999) berichten von einem Kleinkind mit massiver Phobie vor jedwedem Insekt, begleitet von Panikreaktionen und Schlafstörungen, das mit Abelmoschus D 12 geheilt wurde.

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Kind mit Trennungsangst

TrennungsangstRepertoriumsrubrikenKindTrennungsangst→Klammert sich an – Kindern; bei – Mutter; das Kind klammert sich an die (15): ant-t, bism, bism-sn, nat-m, puls, sep, …
→Angst – allein; wenn (33): arg-n, ars, dros, kali-br, mez, phos, rhus-t, …
→Furcht – allein zu sein (138): apis, arg-n, ars, bism-sn, camph, con, crot-c, elaps, hyosc, kali-c, lyc, manc, phos, sep, …
→Furcht – Kindern, bei – nachts (7): borx, calc, caste, kali-br, kali-p, staph, tub
→Verlassen zu sein – Gefühl (192): anac, arg-n, ars, aur, calc-s, cham, cina, hyosc, kola, lac-h, lach, mag.c, nat-m, nat-sil, phos, plat, psor, puls, stram, thuj, tub, …
→Hause, zu – Verlangen, nach Hause zu gehen (54): bry, calc, cupr-act, lach, op, pneu, vip, …
→Angst – Familie, um seine (38): aeth, cocc, dulc, lyc, patr, phos, …
Calcium carbonicum
#Calcium carbonicumAngststörungDas Kind, das sich am wohlsten zu Hause fühlt, ein wahrer „Nestsucher“ (anders calc-p). Wenn die ganze Familie zu Hause ist und es etwas Gutes zum Essen gibt, ist es am glücklichsten, ist die Welt vollkommen: das Abbild des phlegmatischen Kindes. Verlangen, nach Hause zu gehen (bry). Wenn sich das Kind nicht zurechtfindet oder sich bei seinen Geschwistern nicht behaupten kann, flüchtet es sich sofort zur Mutter. Es kann sich nicht selbst aktiv wehren, es ruft um Hilfe. Es sucht und braucht immer den Schutz der Erwachsenen und fühlt sich unter ihrer aufmerksamen Zuwendung zufrieden und dankbar. Allerdings können sie Menschen, auch Familienmitglieder, die nicht in ihrer Schwingung stehen, heftig und hartnäckig ablehnen. Jeder neue Schritt ins Leben bedeutet für es Angst und Krise. Beim Eintritt in den Kindergarten, in die Schule, bei jedem Schulwechsel reagiert das Kind mit seelischen oder somatischen Symptomen und landet beim Arzt. Angst vor der Zukunft, vor dem Unbekannten. Es sind die Kinder, für die die Gruselgeschichten geschrieben sind: Schreckliche und traurige Geschichten greifen sie stark an, wie wir es sonst bei keiner Arznei finden. Gedanken an nichts anderes als an Mord, Ratten, Feuer. Sie sind empfindlich und geängstigt beim Hören von Grausamkeiten und Grobheiten, ebenso auf Vorhaltungen. Dann weinen sie still und bringen abends kein Auge zu: Angst abends im Bett, beim Schließen der Augen (bell).
Ein Auszug aus der langen Liste von Furchtsymptomen: ständige Furcht vor allem; Furcht vor Tieren, Hunden, Insekten; Furcht vor der Dunkelheit; Furcht vor einer ansteckenden Krankheit (lach, sulph), vor Infektion, vor drohender Krankheit; Furcht vor dem eigenen Schatten. In der Pubertät, beim Eintritt in die Selbstständigkeit, neigt dieses Kind zu einem Rückfall in die Gefühle des Ausgeliefertseins und der Lebensangst. Es kapselt sich zu Hause ein, wirkt traurig, neigt zu übertriebener Religiosität aus Angst um sein Seelenheil (puls).
Lac caninum
#Lac caninumAngststörungBei einem neuen Entwicklungsschritt treten unerwartet massive Ängste mit Klammern und Besetzen der Mutter auf: meist beim Eintritt in den Kindergarten oder beim Einschulen. Das Kind ist nicht zu beruhigen, die Mutter ist ratlos, sie kann das Kind keinen Moment mehr alleine lassen. Es gibt viele Ängste und quälende Phantasien: schreckliche Gedanken abends im Bett, sieht Gesichter in der Dunkelheit, sieht große Augen auf sich gerichtet, sieht Ungeziefer, Insekten, Schlangen in sich und um sich herum (als Wahnidee). Furcht beim Erwachen, vor dem Alleinsein, unheilbar krank zu sein. Dazu kommen Versagensängste und die Furcht, seine Pflichten zu vernachlässigen und unfähig zu werden, seinen Pflichten nachzukommen. So ausgesprochen kommt dies nur bei Lac caninum vor und kann schon ein Kleinkind betreffen. Die Stimmung kann plötzlich wechseln: Gerade hat sich das Kind an seine Mutter geklammert. Im nächsten Augenblick wird das Kind grob, abweisend, schlägt blind und hemmungslos um sich, rast und tobt – ohne ersichtlichen Anlass oder als Reaktion auf Widerspruch. Im Grunde seines Herzens ist das Kind sehr unsicher. Mangel an Selbstvertrauen, Abscheu und Widerstreit mit sich selbst, zerstreut, unentschlossen, unbeständig, unternimmt vielerlei, hält aber bei nichts durch. Das Kind kann nicht alleine spielen, kann sich nicht beschäftigen.
Kent empfiehlt das Mittel, „wenn eine Mutter ihr Kind verloren hat und daher gezwungen ist, mit dem Stillen aufzuhören“. Heute hat sich die Arznei ganz allgemein beim Trauma zwischen Mutter und Kind in der Stillzeit bewährt. Wenn es keinen Tod oder Trennung von der Mutter gab, so doch ein frühes Einführen einer zweiten Bindungsperson, wenn die Mutter die Arbeit wieder aufnahm etc. Oft erfährt man von einer Großmutter, die in ihrem Engagement für das Enkelkind zu weit geht und in Konkurrenz zur Mutter tritt. Im Arzneimittelbild finden wir das Symptom Wahnidee – irrt sich bezüglich seiner eigenen Identität. Im widersprüchlichen Verhalten zwischen Klammern und Aggression sind die Zeichen gegeben für ein „unsicher-ambivalent gebundenes Kind“, das nicht weiß, wo es zu Hause ist und wohin es gehört (Gnaiger 1991, 1994). Siehe auch Kasuistik „Als Mutter würde ich das nie mehr tun“.
Carcinosinum
#CarcinosinumAngststörungWenn bei einem Kind im Laufe der Anamnese eine abgrundtiefe und namenlose Angst aufbricht, die dem Kind in den Augen steht, dann ist an Carcinosinum zu denken. Eine Angst, wo selbst die Mutter hilflos wird und bemerkt, dass sie ihr eigenes Kind nicht erreicht und nicht trösten kann. Ein frühreifes, übersensibles, oft hochbegabtes Kind, das sich im Übermaß für seine Familie verantwortlich fühlt und empfänglich dafür ist, sich am Weltgeschehen zu interessieren und daran zu leiden. Es stellt unheimliche, frühreife, ahnungsvolle Fragen an die Erwachsenen: eine Art Indigokind (Woitinas 2002). Es ist ein Kind, das sich für die anderen, für seine Altersgenossen wie für seine Eltern, aufopfert – mit großem Einfühlungsvermögen und erstaunlicher Disziplin.
Es stellt an sich die höchsten Ansprüche und verfolgt diese mit peniblem Gewissen (kali-br). Das Kind lebt unter so intensiver Spannung, dass eine Veränderung im Leben – wie etwa der Schuleintritt – nicht mehr ertragen werden kann. Zusammen mit seiner Erwartungs- und Versagensangst erlebt das Kind eine Überforderung und verliert die Kontrolle über seine Lage. Die Ängste brechen hervor, mit seinem Verlassenheitsgefühl klammert es sich an die Mutter. Überwältigende Angst gepaart mit pedantischer Genauigkeit des Wesens: wie bei Arsenicum album und anders als bei Phosphorus, Tuberculinum und Kalium bromatum (VZW 1989, Lesigang 1997).
Die zunehmende therapeutische Erfahrung mit Carcinosinum erhellt den Hintergrund für Neigung zu namenloser, existentieller Angst: Eine wichtige Triebfeder dazu sind frühkindliche Entbehrungen und jegliche Art von Psychotraumata (Gnaiger-Rathmanner 2012). Eine Recherche unter sämtlichen Rubriken „Beschwerden durch“ ergibt, dass Carcinosinum eine führende Arznei in allen Formen von schwerem frühkindlichem Trauma ist (Kasuistik „Unser Sohn hat immer Angst“ und Kasuistik „Eine rasche Verordnung“).

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Sozialphobisches Kind

Kindsozialphobisches→Furcht – Versagen, Misserfolg; vor dem (129): aeth, aur, aur-m-n, bamb-a, kola, lac-c, psor, titan, tritic-vg, …
→Furcht – Versagen, Misserfolg; vor dem – Prüfungen, bei (36): aeth, gels, med, nat-sil, zinc, …
→Wahnideen – fehlschlagen, versagen; alles werde (22): arg-n, aur, aur-m-n, kali-s, …
→Unternehmen; etwas – nichts, auf Furcht, es könne fehlschlagen; unternimmt (3): arg-n, nux-v, sil
→Schüchternheit, Zaghaftigkeit – Öffentlichkeit; beim Auftreten in der (36): ambr, arg-met, gels, lyc, med, ph-ac, plb-sil, tritic-vg
→Erwartungsspannung – Lampenfieber (47): coca, cypr, gels, kali-br, med, merc, nat-m, ph-ac, pic-ac, sil, syph, tub, zinc, …
Argentum nitricum
#Argentum nitricumAngststörungWenn das Kind nur daran denkt, was ihm bevorsteht, beginnt es zu zittern und Magenbeschwerden zu bekommen: große Erwartungsangst, Angst vor einer Verabredung oder einem vorgegebenen Termin; hastet, um zur verabredeten Zeit anzukommen; Angst, zu einem kleinen Fest zu gehen, wenn es schon fertig angezogen ist (Gemüt – Furcht – Kirche oder Oper zu gehen; wenn fertig um zur – wie gels). Furcht, die Selbstkontrolle zu verlieren. Es ist das Mittel für Prüfungsangst, wenn das Kind trotz guter Vorbereitung tagelang vor einer Prüfung aufgeregt ist und die ganze Familie damit tyrannisiert: Es spricht dann von nichts anderem mehr und hat ein großes Mitteilungsbedürfnis. Während der Prüfung selbst schneidet es dann meist gut ab, es kann sich gut konzentrieren.
Gelsemium sempervirens
#Gelsemium sempervirensAngststörungEin Kind, das durch jede Seelenerregung irritiert wird – so auch durch Lampenfieber und Prüfungsangst. Besonders, wenn eine Missstimmung herrscht, kann es keinen Boden unter den Füßen finden: Es ist sehr sensibel auf schlechte Nachrichten. Die Angst, die Selbstkontrolle zu verlieren, ist berechtigt: In der Aufregung bekommt es Schwindel, Durchfall, Kopfschmerz oder Herzbeschwerden. Während der Prüfung gelingt nichts: ein roter Kopf, Zittern, ein Gefühl wie betäubt, ein Leeregefühl im Kopf. Die Furcht, zu versagen, erfüllt sich selbst. Furcht vor dem Auftreten in der Öffentlichkeit, vor offenen Plätzen, Furcht in einer Menschenmenge, Furcht vor hochgelegenen Orten (arg-n).
Lycopodium clavatum
#Lycopodium clavatumAngststörungEin Kind mit großer intellektueller Kapazität und großem Leistungsdrang. Es ist ein Einzelkämpfer. Sehr ehrgeizig und in ständigem Wettbewerb mit den Gleichaltrigen, sehr genau und kritisch, verlangt es von sich selbst sehr viel und erschöpft sich dabei. Trotz seiner guten Leistungen leidet es unter sozialen Ängsten: Furcht, zu versagen; Furcht, sein Ziel nicht zu erreichen; Furcht, vor der Klasse aufzutreten und zu sprechen (sil), Angst vor einer Verabredung, wozu auch eine Prüfung gemeint sein kann. Einerseits beansprucht das Kind, Anführer zu sein, ist diktatorisch und überheblich, andererseits leidet es unter seiner Schüchternheit, besonders in neuen, unbekannten Situationen.

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Kind mit Panikstörung

KindPanikstörungRepertoriumsrubrikenPanikstörung→Angst – plötzlich (17): cocc, puls, tab, …
→Angst – periodisch (14): ars, calc-i, cham, phos, sep, sulph
→Angst – außer sich vor Angst, ist (27): acon, graph, lyc, nux-v, psor, puls, staph, sulph, …
→Furcht – Entsetzen, panische Furcht (48): aur-br, cina, kali-br, kali-p, tritic-vg, vanil
→Schweiß – Angst, bei (87): ambr, ars, calc, carb-v, cham, chin, ferr, fl-ac, mag-c, mang, ph-ac, sep, sulph
→Frost – Angst, durch (5): acon, ars, gels, mez, tub
→Magen – Angst (133): acon, ars, asar, canth, caust, cham, cupr, ign, kali-c, lyc, nux-v, op, puls, sil, stram, tarent, verat
→Allgemeines – Zittern – äußerlich – Angst – durch (50): ars, calc, cham, cina, coff, con, lach, plat, puls, rhus-t, ther, …
Aconitum napellus
#Aconitum napellusAngststörung#Aconitum napellusPanikstörungMeist als Folge eines erlebten Schreckens wie das Miterleben eines Unfalls ist das Kind äußerst ängstlich und schreckhaft. Erregbare, empfindsame Wesen mit sanguinischem Temperament. Große Furcht, Angst und Sorgen begleiten jede Art von Beschwerde (König 1991). Ein Mittel für die Asphyxie der Neugeborenen und ihrer Folgen wie Übererregbarkeit und hypertone Grundspannung. Panikanfälle oder Entsetzen, ist außer sich vor Angst. Plötzliche unerklärliche und irrationale Angst, die sich auf das Herz konzentriert, verbunden mit Herzklopfen und Schweiß. Zittern und Kribbelgefühl im ganzen Körper, hauptsächlich in den Gliedern. In der Erregung Vorahnungen vom nahen Tode, meint, seine Todesstunde habe geschlagen und ist untröstlich. Große Unruhe, wirft sich nachts im Bett hin und her und verlangt nach Licht. < vor Mitternacht.
Arsenicum album
Angst bestimmt das Kind, das Arsenicum#Arsenicum albumAngststörung#Arsenicum albumPanikstörungen braucht. Es ist dabei getrieben von Ruhelosigkeit, die sie zum schnell Gehen zwingt. Das Kind erträgt es nicht, alleine zu sein. Das bedeutendste Mittel für Panikattacken: Angst vereinnahmt die ganze Person, mit Trost ist nicht zu helfen. Kalter Schweiß und Zittern vor Angst, Magen- oder Bauchbeschwerden, die v. a. aus Angst bestehen. Oft erschließt sich das volle Ausmaß dieser Angst erst bei genauem Hinhören: Angst, wenn etwas von ihm erwartet wird, Gewissensangst, Zukunftsängste, hypochondrische Ängste.

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Agoraphobie

RepertoriumsrubrikenAgoraphobie→Gemüt – Furcht – offenen Plätzen; Furcht vor (42): acon, anth, arg-n, arn, calc, kali-p, phos, …
→Gemüt – auszugehen, Abneigung (11): cycl, pneu, sep
→Gemüt – Angst – Menschenmenge, in einer (20): acon, ambr, arg-n, aur, kali-ar, petr, puls, stram, …
→Gemüt – Furcht – Menschen; vor (131): acon, anac, anh, arist-cl, aur, aur-m-n, bar-c, caust, cic, con, hyosc, lyc, nat-c, nat-m, plat, puls, rhus-t, sil, …
Wichtige Arzneien wie Aconitum, Lycopodium, Pulsatilla, Carcinosinum und Argentum nitricum sind in diesem Kapitel schon besprochen worden.

Kasuistiken

Kasuistik

Die Versagensängste rauben alle Energie (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Julia R., acht Jahre, ist das erste von zwei Kindern. Seit Schuleintritt vor zwei Jahren ist das Kind oft krank, meist bestehen Infekte mit Husten. Vor einem Monat, im Oktober, entwickelte sich sogar eine „kalte Pneumonie“. Gerade beginnt wieder ein Infekt. Das Kind ist jedes Mal danach sehr geschwächt. Jetzt soll ein anderer Weg versucht werden.
Meist ist das Mädchen müde. „Ohne Pfiff“, sagt die Mutter, und betont den Zusammenhang mit dem Schulbeginn. Julia quält sich mit Versagensängsten. Sie macht sich selbst viel Druck, kommt nach der Schule verspannt und erschöpft nach Hause, voller Gedanken an die Pflicht. Abends ist sie völlig ausgelaugt. Julia beklagt sich oft: „Ich kann es nicht“ – besonders bei neuen Lernschritten – und wagt sich nicht an die Hausaufgabe. Sie habe ein „negatives Selbstbild“, sie stehe sich selbst im Weg. Man kann sie kaum ermuntern und trösten: Das braucht viel Einfühlungsvermögen, Zeit und Geduld und erschöpft die Mutter ebenso.
Das Mädchen ist immer sanft und nimmt sich alles zu Herzen. Jederzeit ist sie sorgfältig und bedächtig. Sie kann sich vor lauter Sorge um alles kaum freuen. Die Lehrerin beschreibt sie als sehr genau, als fleißig und als gute Schülerin. Für die Hausaufgaben braucht sie oft lange, zu lange, da ihr nicht alles in den Schoß fällt, und da sie meint, dass alles schön und perfekt sein muss.
Leibsymptome: Sie schläft unruhig, ruft oft nachts nach den Eltern. Wenig Appetit; sie ist heikel und lehnt Milch ab; Obstipation; sehr wärmebedürftig.
Aussehen: Sie hat einen offenen, vertrauensvollen, kindlichen Blick, wirkt blass, zart, feingliedrig, müde. Sie wirkt sehr brav.

Repertorisation

→Gemüt – Beschwerden durch – geistige Anstrengung (69)
→Gemüt – Furcht – Versagen, Misserfolg; vor dem (129)
→Gemüt – Furcht – unternehmen – irgendetwas zu (13)
→Gemüt – unternehmen; etwas – nichts, auf Furcht, es könne fehlschlagen; unternimmt (3)
→Gemüt – Erschöpfung, geistige – Lesen, durch (5)
→Gemüt – Schreiben – ermüdet (2)
→Gemüt – Trost – agg. (58)
→Gemüt – Selbstvertrauen – Mangel an Selbstvertrauen (204)
→Allgemeines – Speisen und Getränke – Milch – Abneigung (130)
Die zarte Statur, vereint mit der Müdigkeit bei und nach geistiger Anstrengung, das spricht sehr für Silicea, ebenso die Neigung zu rezidivierenden und atypischen Infekten. Die Repertorisation bestätigt diese Arznei, auch bis in die kleinen ausgewählten Rubriken. Ganz nahe steht Kalium phosphoricum, jedoch ohne die „Milch“-Modalität.

Verordnung und Verlauf

Silicea D 12 (3 × tgl.). Nach einer Woche ist der Infekt völlig überstanden, Husten ist dieses Mal keiner aufgetreten. Nach sechs Wochen geht es dem Kind gut. Appetit, Schlaf, Verdauung haben sich normalisiert. Die Hausaufgaben gelingen meist mühelos. Vier Monate später: Den ganzen Winter war das Mädchen gesund, hat nie die Schule versäumt – das ist noch nie vorgekommen. Sie ist belastbarer, sie ist lockerer, fröhlicher. Sie nimmt sich Zeit, klebt nicht mehr an den Pflichten. Die Mutter genießt die errungene Selbstständigkeit ihrer Tochter und fühlt sich entspannt. „Ich muss nicht mehr in allem für sie sorgen und sie ständig schützen.“

Beurteilung

Hinter der Infektanfälligkeit verbarg sich eine ängstlich-depressive Stimmungslage des Kindes. Silicea hat auf der somatischen und psychischen Ebene gewirkt.

Kasuistik

Als Mutter würde ich das nie mehr wieder tun (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Melanie H., neun Jahre, ist das jüngste von drei Kindern. Die Mutter kommt mit ihrer Tochter und berichtet über deren Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, über Bauchweh und Kopfweh. Das Mädchen ist zärtlich, sensibel, leicht beleidigt, eifersüchtig. Sie ist teils sehr liebesbedürftig, dann wieder verschlossen und abweisend. Sie fühlt sich oft benachteiligt und alleine gelassen. Ängste vor Tadel und davor, Fehler zu machen. Sie kann auch heftig, zornig, ja aggressiv sein. Sie wird ausfallend und schlägt auch.
Aussehen: Blass, Augenringe, müde, zart, gelegentlich sehr ernster Ausdruck, schweigsam.
Man wird nicht so recht fündig für einen guten Therapieansatz. Gibt es ein Geheimnis?

Verordnung und Verlauf I

Ignatia K 200 (Korsakoff), einen Monat später Staphisagria K 200.
Nach zwei Monaten kommt die Mutter alleine und öffnet sich. Das Kind hat extreme Trennungsängste, ist extrem auf die Mutter fixiert, von klein auf. Die Mutter muss sie noch nach jedem Stuhlgang reinigen, darauf besteht das Mädchen. Sie wacht eifersüchtig über die Mutter und fühlt sich ständig von ihr benachteiligt. Sie spielt gerne, sie sei das kleine Baby.
Sie hatte im letzten Monat drei hysterische Affektkrämpfe. Ergänzung zu den Ängsten: Angst im Dunkeln, vor Hunden, nachts. Andererseits ist sie lebenshungrig und gerne außer Haus, unterwegs, anderswo. Auf der Suche nach den Ursachen berichtet die Mutter: Nach der Geburt ging sie sehr bald, nach sechs Monaten, wieder in die Arbeit. Der Mann war zu Hause geblieben. Sie hatte damals ein schlechtes Gefühl dabei, doch war es so auf ihren eigenen Wunsch ausgemacht. Heute, im Rückblick, fühlt sie, etwas an ihrem Kind versäumt zu haben. „Ich täte so etwas heute nie mehr! Das hat unserem Verhältnis sehr geschadet.“

Verordnung und Verlauf II

Lac caninum C 200 mit dem Rat, einmal pro Tag das Baby in der Tochter gewähren zu lassen. Anfangs war das Mädchen vermehrt verletzlich und aggressiv gegenüber der Mutter. Dann gab es „einen Aufstieg“: Es gab keine Klagen mehr über Körpersymptome, keine Anfälle mehr, das Mädchen ging selbstständig auf die Toilette. Das Baby-Verhalten verlor sich zunehmend. Mutter und Tochter sind sich vertrauter geworden.

Beurteilung

Der Bruch in der Mutter-Kind-Bindung im ersten Lebensjahr, der von beiden Seiten erlebt wurde, und das ambivalente, obsessive Verhalten sprechen zu allererst für die Arznei Lac caninum.

Kasuistik

Unser Sohn hat immer Angst (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Sandro C., heute elf Jahre alt, der zweite von drei Knaben. Er ist seit Jahren in homöopathischer Behandlung wegen seines allergischen Asthmas. Bei jedem Schub verstärken sich auch seine vielfältigen und intensiven Ängste.
In jeder Phase von Angst hat er gut und prompt auf Carcinosinum C200 oder M reagiert. Von der Mutter bekommt er diese Arznei in etwa halbjährlichen Abständen, wenn ihn Angst oder Asthma heimsuchen. In manchen asthmatischen Krisen hat Arsenicum album geholfen. Hier sind die markantesten Phasen seiner Krisen mit ihren Auslösern aufgereiht.
Beim Eintritt in den Kindergarten mit vier Jahren verschärfen sich die Ängste, die er schon ein Jahr lang hat: panische Trennungsängste gegenüber seiner Mutter. Er muss sie immer sehen. Angst vor Dieben, er kontrolliert, ob auch alle Türen immer geschlossen sind. Angst, etwas Schlimmes könnte geschehen.
Er ist sehr genau, sehr auf Sauberkeit bedacht, und korrigiert andere, wenn sie es selbst nicht sind. Er ist zuvorkommend, sehr anspruchsvoll gegenüber sich selbst. Er wird zornig, wenn ihm etwas nicht gut gelingt.
Tadel macht ihm Angst und verunsichert ihn tief. Er hustet dann jedes Mal. Wenn sein Vater in seine Heimat Peru verreist, ist er untröstlich traurig und erholt sich nicht vom Weinen und Klagen. Er hat häufig Alpträume und flüchtet sich jede Nacht zu den Eltern. Er braucht viel Körperkontakt. Er ist ungeschickt und stürzt auffallend oft.
Aussehen: Dunkle Haare, zart, feine Züge, auf dem Schoß der Mutter, doch sehr unruhig. Er benimmt sich neugierig, fröhlich, charmant, sehr kontaktfreudig. Er sieht dem Vater, der Peruaner ist, am ähnlichsten von seinen Geschwistern. Blaustichige Skleren.

Verordnung und Verlauf

Auf Carcinosinum wird er offener, fröhlicher. Das Weinen wird seltener, und wenn er weint, wirkt dies eher lösend und befreiend. Der Schlaf ist viel besser, der Husten auch.
Die Monate vor dem Schulbeginn mit sieben Jahren verfällt er neuerdings den Ängsten: Angst auf jeden kleinsten Anlass, panisch; Erwartungsängste, die Mutter könnte einmal nicht daheim sein, wenn er von der Schule kommt; Angst um die Mutter, auch wenn der Vater anwesend ist – ein Zeichen für sein überzogenes Verantwortungsgefühl. Überempfindlich auf alles, rastlos, zerstreut. Auf Carcinosinum C 200 wird er geordnet und ruhiger, den Schulanfang schafft er gut.
Als es mit zehn Jahren um den nächsten Schulwechsel geht, befallen ihn seine Ängste wieder massiv. Es sind nun lauter Erwartungsängste: Angst, nicht einschlafen zu können; Angst vor einem Auftritt vor der Klasse; Angst, wenn die Eltern außer Haus sind, obwohl er nicht alleine ist. Ängste, die ihn trostlos und hoffnungslos machen und seine Schulleistungen blockieren. Aus Panik hustet und erbricht er. Carcinosinum M hat sein Asthma völlig beruhigt. Große Erleichterung brachte der Entschluss, den Jungen ein fünftes Jahr in der Montessori-Schule zu belassen. Nun, mit elf Jahren, kann er sich auf die Hauptschule freuen.

Beurteilung

Die Symptomentrias von panischen Ängsten, von der Angst vor dem Alleinsein und von peinlicher Genauigkeit findet sich nur bei den Arzneien Arsenicum album und Carcinosinum. Beide sind zudem große Arzneien für den Atopiker. Die Ursache der massiven Ängste lässt sich in diesem Falle nicht eindeutig klären.

Kasuistik

Eine rasche Verordnung (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Theresa A., 16 Jahre alt. Die Mutter fragt mich um Rat, da sie im Moment ihre Tochter als sehr verletzlich und gefährdet erlebt. Theresa ist eine glückliche, heitere junge Frau. Sie ist gut organisiert, hat viele Interessen und einen engen Zeitplan. Sie ist ehrgeizig, sehr sozial, überall sehr gut, sie verlangt von sich in allem Perfektion. Sie überfordert sich. Sie ist sehr ordentlich.
Sie hatte jetzt dreimal einen kleinen Unfall. Sie klagt über allerlei Schmerzen als Folge davon. Da verzweifelt sie: „Ich bemühe mich so, und doch geht es schief.“ Auch ein kleiner Kratzer an ihrem Roller belastet sie tagelang. Sie entwickelt Ängste: Angst vor dem möglichen Tod ihrer geliebten Großeltern, vor jeder Veränderung, der Verlust von etwas Vertrautem bedeutet. Es sind lauter Erwartungsängste vor etwas Zukünftigem. Die Mutter erinnert sich: Im Alter von sieben Jahren hatte die Tochter ebenso reagiert. Damals geschah die Trennung ihrer Eltern, sie hatte sich massiv dagegen gewehrt und mit großen Ängsten reagiert.

Verordnung und Verlauf

Carcinosinum C 200. Nach einem Monat: Die Wehwehchen sind völlig vergessen, sie lacht auffallend viel, sie sprüht vor Tatendrang und singt den ganzen Tag vor sich hin. Die Ängste sind verflogen.

Beurteilung

Die typische Symptomenkonstellation von Ängsten, Perfektionsdrang und einem Verlusttrauma (Alleingelassen) in frühen Jahren führen geradewegs zu Carcinosinum.
Nachtrag: Vier Jahre später, im Alter von 20 Jahren, meldet sich die junge Dame selbst wieder: Ihr Freund hat sie enttäuscht. Da verfällt sie in übermäßige Trauer, weint, klammert sich an die Mutter. Große Verlustängste tauchen wie früher auf. Sie sehnt sich nach jemandem, der ganz für sie da ist. Ihr Vater konnte ihr nie verlässlich zur Seite stehen, die Mutter verlangte dem Kind damals viel ab, da sie beruflich sehr engagiert war.
Die neuerliche Gabe von Carcinosinum 200 kann Theresa wieder dazu verhelfen, sie in ihre Kraft und Mitte zu bringen: Und das ohne sonstige weitere Maßnahmen.

Literatur (Kap. 21.1)

Friedrich, 2002

M. Friedrich Wieviel Angst ist gesund? Forum dr. med 09 2002 40 42

Weiler and Blanz, 2002

H.T. Weiler B. Blanz Angststörungen im Kindes- und Jugendalter Monatsschrift Kinderheilkunde 2 2002 172 178

Homöopathische Literatur

Barbancey, 1991

J. Barbancey Phobien und Zwangskrankheiten Documenta Homoeopathica 11 1991 73 86

Bleul, 2002

G. Bleul Erwartungsangst – Schlüssel zu den Repertorien AHZ 247 3 2002 116 121

Dorcsi, 1985

M. Dorcsi Die Angstarzneien Documenta Homoeopathica 6 1985 93 97

Geukens, 1989

A. Geukens Carcinosinum 1989 VZW Centrum voor Homeopathie Hechtel

Gnaiger, 1994

J. Gnaiger Allergie und Kontakt. Calcium, Lac caninum und Carcerosinum im Vergleich Documenta Homoeopathica 14 1994 23 48

Gnaiger, 1991

J. Gnaiger Angst, Sehnsucht und Unvermögen bei Lac caninum Documenta Homoeopathica 11 1991 171 186

Gnaiger-Rathmanner and Mayr, 2012

J. Gnaiger-Rathmanner R. Mayr Homöopathie bei Psychotrauma 2012 Haug Stuttgart

Kent, 1998

J.T. Kent Homöopathische Arzneimittelbilder Band 1–3 1998 Haug Heidelberg

König, 1991

P. König Aconitum und die Angst – ein kasuistisches Portrait Documenta Homoeopathica 11 1991 119 132

Lesigang, 1997

H. Lesigang Tuberculinum und Carsinosinum. Zwei Wege des Umgangs mit Krankheit und Schicksal Documenta Homoeopathica 17 1997 237 252

Nagel and Hadulla, 1999

G. Nagel M.M. Hadulla Ausgeprägte Phobie – Symptomatik auf Insekten im Kindesalter AHZ 244 6 1999 238 242

Schroyens, 2006

F. Schroyens Synthesis 10.5 in RADAR expert plus for Windows. Archibel S. A., Assese 2006

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Sparenborg-Nolte, 2014

A. Sparenborg-Nolte Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen AHZ 259 5 2014 28 33

Vithoulkas, 2000

G. Vithoulkas Differentialdiagnosis of panic states. Vortrag auf dem 55.Ligakongress in Budapest 2000

Depressive Störungen

Jutta Gnaiger-Rathmanner

Grundlagen

Die depressiven Störungendepressive Störungen, gemäß der Klassifikation ICD-10 den affektiven Störungen zugeordnet, bilden zusammen mit den Angststörungen und Phobien (21.11) die stärkste Gruppe von Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, nämlich etwa ein Drittel. Die Prävalenzrate für die Depression insgesamt liegt im Kindesalter bei 2 % und im Jugendalter bei 4 bis 8 %. Bis zum Jugendalter sind beide Geschlechter gleich häufig betroffen. Ab dem Jugendalter ist das weibliche Geschlecht bei den Depressionen dominant.
Die Konzeption der depressiven Störungen war lange Zeit kontrovers, sie ist noch relativ jung. Es wurde in Fachkreisen lange Zeit angezweifelt, ob ein kindliches Gemüt überhaupt zum Krankheitsbild der Depression bereit ist. Es wurde angenommen, dass sich Trauer beim Kind hinter anderen Symptomen wie Hyperaktivität, Lernstörungen, Enuresis etc. nur verdeckt bzw. maskiert manifestiert. Dies gilt heute als widerlegt. Dennoch stehen bis heute noch keine eigenen Kategorien für die Depression in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Verfügung, es wird die Klassifikation ICD-10 für Erwachsene verwendet.

Formen

  • Die Form der kurzen oder längeren depressiven Reaktiondepressive StörungenFormen auf depressive Störungendepressive Reaktioneine bedeutsame Lebensveränderung oder auf belastende Lebensereignisse wird den Anpassungsstörungen zugeordnet. Sie beginnen in der Regel sofort nach dem Trauma und dauern nicht länger als sechs Monate.

  • Im erweiterten Sinne gehören die DeprivationsstörungenDeprivationsstörungen zum Bild der kindlichen Depression. Das Fehlen oder der Verlust der Eltern bzw. eines Elternteils kann ebenso wie schwere Störungen der Elternschaft in Form von Misshandlung und Vernachlässigung die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung des Kindes gefährden. Hierher gehört die unreife, infantile, unsichere Mutter als belastender Faktor ebenso wie langwierige Konflikte der Eltern in Trennungsphasen und häufiger Wechsel von Bezugspersonen.

  • In schweren Fällen kann dies zur frühkindlichen Gedeihstörung oder zum psychosozialen Kleinwuchs führen.

  • Es gibt die psychogene oder reaktive Depression, die auch als depressive Episode bezeichnet wird – in Gegenüberstellung zur manischen Episode im Zusammenhang mit der bipolaren affektiven Störung oder Zyklothymie.

  • Die DysthymieDysthymie bezeichnet eine chronisch depressive Verstimmung von mehr als zwei Jahren Dauer und umfasst Diagnosen wie depressive Neurose, depressive Persönlichkeit und neurotische Depression. Diese wird erst ab der späten Adoleszenz diagnostiziert.

  • Die sekundär bedingte Depression bezeichnet depressive Störungensekundär bedingteeine Depression, die als Folge einer Beeinträchtigung durch eine andere Krankheit auftritt.

Zur Diagnose führt die Beobachtung des Kindes, das Gespräch mit ihm und den Eltern, ergänzend mit weiteren Bezugspersonen. Zudem gibt es diagnosespezifische Skalen und Persönlichkeitsfragebögen.

Klinik und Ätiologie

Traurige Gemütsverstimmungen gehören zu den Grunderfahrungen menschlichen Daseins wie die Angst. Sie können endogen oder exogen entstehen. Der Hang zu Traurigkeit kann zum einen ohne erkennbaren Anlass vorhanden sein; dann spricht man vom melancholischen Temperament. „Erlebnisse und Begegnungen wirken beim Kind lange nach, und es kann noch am Abend über etwas weinen, das ihm am Vormittag begegnet ist. Als Schüler und Jugendlicher fühlt er sich oft unverstanden und unerkannt. Er selbst nimmt lebhaften Anteil an allem tragischen Geschehen und leidet besonders in einer Umgebung, die von Oberflächlichkeit und Unverbindlichkeit geprägt ist […]. Konstitutionell finden wir oft einen schlanken, hohen Wuchs, oft verbunden mit einer leichten Bindegewebsschwäche, die den Eindruck des Sich-hängen-Lassens oder einer schlechten Haltung unterstützt. Der Kopf ist oft besonders schön geformt mit ausdrucksvollen, tiefliegenden Augen. Der Gang kann fest und gemessen, aber auch schwerfällig sein.“ (Goebel 2001)

Praxistipp

Köhler (1995) bemerkt zum traurig-grüblerischen Kind: Lebensfreude ist verinnerlichte Bewegungsfreude. Der Bewegungssinn macht den Menschen innerlich anpassungsfähig an das, was sich in der Umgebung abspielt. Was beim kleinen Kind die offene, unverhüllte Bewegungsfreude und Nachahmungstätigkeit ist, wird später die innere seelische Beweglichkeit, mit der äußere Eindrücke verarbeitet und ausgeglichen werden.

Hat sich dieser Bewegungssinn beim Kleinkind nur mangelhaft entwickeln können, fühlt es sich in Situationen leicht überfordert, bekommt Angst und Panik und verfällt in Verzagtheit und Rückzugstendenzen. Als „Urtrauma“ des traurig-grüblerischen Kindes nennt Köhler das „Gefühl, vom Weltgeschehen ausgeschlossen zu sein“.

Eine traurige Verstimmung kann zum anderen als Folge von Enttäuschung und Verlust als exogenem Faktor auftreten. Dabei hat der Entwicklungskontext der Depression bei Kindern eine besondere Bedeutung und zeigt je nach Alter eine spezifische Symptomatik, die Steinhausen aufschlussreich darstellt:
  • „Beim Säugling rufen länger anhaltende mangelnde Zuwendung und psychosoziale Deprivation nach einer Phase von Weinen und protestierendem Schreien schließlich Rückzug und Apathie hervor. Dieses […] Bild kann durch Schlafstörungen und Jaktationen ergänzt werden […]. Im Kleinkindalter können Gehemmtheit und Trennungsängstlichkeit sowie Antriebsminderung […] insbesondere auf Zurückweisung durch die Eltern folgen.“ (Steinhausen 2010)

  • „In der mittleren Kindheit folgen Traurigkeit und Weinen unmittelbar auf elterliche Zurückweisung oder Einschränkung. Während der depressive Ausdruck des Gesichts gut wahrnehmbar ist, fehlen dem Kleinkind und dem jungen Schulkind noch die Fähigkeit zur Wahrnehmung der eigenen Depression […]. Weitere Hinweiszeichen bestehen in: Spielunlust, Rückgang der Phantasiefähigkeit, sozialer Rückzug von familiären Bezugspersonen oder Freunden, Einschlafstörungen, Appetitstörungen, Gewichtsverlust, Verschlechterung der Schulleistungen und Klagen über Müdigkeit sowie Passivität. Mit zunehmendem Alter können sich aus Todeswünschen und – Vorstellungen Suizidgedanken herausschälen. Eine psychomotorische Agitation lässt sich von anderen Syndromen durch gleichzeitige Ängstlichkeit, Entschlusslosigkeit, einen besorgten Ausdruck und eventuell beteiligte zwanghafte Rituale unterscheiden.“ (Steinhausen 2010)

  • „Ab dem späten Kindesalter wird die Depression bereits von einem niedrigen Selbstwertgefühl und Schuldgefühlen begleitet, weil nun die kognitive Entwicklung eine Ableitung der Depression aus den jeweiligen Umständen ermöglicht, und ab der Adoleszenz verbindet sich die Depression mit oft übersteigerten und verzerrten Gefühlen der Sinnlosigkeit, des Versagens und der Schuld. Typische Syndrome des Erwachsenenalters – wie Grübeln, Suizidimpulse und Minderwertigkeitsgefühle – prägen nun das Bild der Depression.“ (Steinhausen 2010)

Die Bindungstheorie befasst sich mit der Qualität der Mutter-Kind-Bindung in der ersten Lebensphase und definiert die Zeichen einer „sicheren“ Bindung. Als Abweichung im Sinne einer Bindungsstörung beschreibt sie das Verhalten des unsicher-vermeidend gebundenen Kindes. Dieses zeigt sich in der „fremden Situation“ als Testsituation einer Trennung von der Mutter folgendermaßen: „Die Kinder reagieren auf die Trennung nur mit wenig Protest und zeigen auch kein deutliches Bindungsverhalten […]. Auf die Rückkehr der Mutter reagieren sie eher mit Ablehnung und wollen nicht auf den Arm genommen und getröstet werden. In der Regel kommt es auch zu keinem intensiven Körperkontakt.“ Stressfaktoren, die in dieser Situation beim Kind gemessen werden können, zeigen einen hohen Pegel an, im Gegensatz zur beobachtbaren kargen Verhaltenssymptomatik des Kindes (Brisch 2015).
Es gibt Untersuchungen, die die Berufstätigkeit der Mutter sowie die Situation der alleinerziehenden Mutter und die Unterbringung bei Tagesmüttern in ihrer Auswirkung auf die Seelenentwicklung des Kindes erfassen. Es zeigt sich, dass in erster Linie die Bindungsqualität zwischen Mutter und Kind entscheidend ist sowie die Feinfühligkeit der Tagesmutter. Fallen diese Faktoren günstig aus, kann sich das Kind normal entwickeln (Brisch 2015).

Risikofaktoren und Schutzfaktoren

Zu den Risikofaktoren, die depressive StörungenRisikofaktoreneine depressive Störung fördern können, werden in der Literatur genannt:
  • Genetische Faktoren

  • Neurokrine Faktoren (z. B. Serotoninstoffwechsel)

  • Melancholisches Temperament

  • Verlusterlebnisse – Liebesverlust oder Trennung

  • Traumatische Erfahrungen, die dem auslösenden Moment vorangegangen sind

  • Mangelnde Bindungsmöglichkeit

  • Reduzierter Anregungsgehalt der Umwelt

  • Gelernte Hilfslosigkeit (verhaltenstherapeutisches Modell)

  • Kognitive Verzerrung im Sinne der negativen Erwartung an das Leben

Als Schutzfaktoren gelten: depressive StörungenSchutzfaktoren
  • Gute, stabile Bindung zur leiblichen Mutter oder zu einer anderen festen Bezugsperson

  • Anregendes Umfeld im emotionalen Sinn („positive Verstärkung“)

  • Ausreichende Gelegenheit zum Erlernen der Sozialfertigkeiten

  • Belebung des Bewegungssinns und der Nachahmungsfreude (Köhler 1995)

Prognose

Mit zunehmendem Alter treten beim melancholischen Kind Tiefsinn, Ernsthaftigkeit und die Fähigkeit mitzuleiden positiv hervor. Eine krankhafte Entwicklung kann sich anbahnen, wenn Selbstbezug, Selbstbespiegelung, Perfektionsdrang und nörgelnde Kritiksucht sich und anderen gegenüber in den Vordergrund treten oder wenn der Gerechtigkeitssinn in neidisches Vergleichen abgleitet (Goebel 2001).
Die reaktive Depression hat eher eine günstige Prognose.
Frühkindliche Deprivationserlebnisse müssen nicht notwendigerweise zu einem späteren depressiven Syndrom führen. Der einmalig oder kurzfristig erlebte Verlust kann durch eine Wiederherstellung der Bindung zur Bezugsperson und durch eine neue hochwertige Bindung – über Pflegschaft oder Adoption – ausgeglichen werden. Allerdings lässt sich in Langzeitstudien feststellen, dass das Kind, das über eine sichere Bindungsqualität verfügte, nach einem derartigen Trauma häufig im Muster des unsicheren Bindungsverhaltens verharrt. Dieses wird nicht per se als Erkrankung gewertet, gilt aber als ein Risikofaktor für Depression (Brisch 2015).
Der Dysthymie im Jugendalter folgt oft eine schwere Depression im Erwachsenenalter mit Hang zu Suizidalität, zu Substanzmissbrauch oder zu einer Persönlichkeitsstörung.

Komorbidität

depressive StörungenKomorbiditätReine depressive Störungen sind bei Kindern und Jugendlichen selten. Am häufigsten gehen sie mit einer Angststörung einher. Zwangsstörungen entwickeln sich oft zu einer Depression, möglicherweise auch im Sinne einer sekundären reaktiven Depression auf die erlebte schwere Beeinträchtigung.
Eine Depression kann auch einer Essstörung (21.5), einer Störung im Suchtbereich und einer Störung des Sozialverhaltens (21.13) zugrunde liegen und sollte dann nicht übersehen werden.

Konventionelle Therapie

„Sowohl für Kliniker als auch für Patienten ist es von zentraler Bedeutung, dass die Behandlung nach evidenzbasierten Richtlinien erfolgt. Aktuell stellen spezifische Psychotherapien und die medikamentöse Therapie durch selektive Serotonin Reuptake Inhibitoren (SSRIs) die am häufigsten verwendeten und in Studien belegten Behandlungsformen für die kindliche und jugendliche Depression dar.“ (Lehmkuhl et al. 2013)

Info

Das Vollbild der Depression im Sinne der Major-Form muss anfangs stationär versorgt werden – mit vorwiegend supportivem Charakter der Maßnahmen.

Bei den leichten und mittelschweren Formen der Depression, den Minor-Formen, ist eine stärker aufarbeitende, rekonstruktive Therapie angezeigt. Dabei soll das Kind, aber auch seine Familie und nächste Umwelt, gemäß einem mehrdimensionalen Behandlungsansatz, gesehen und erfasst werden.

Unterstützende Maßnahmen

In jeder Phase der Therapie benötigen der Patient und seine Familie unterstützendes psychotherapeutisches Management, das aktives Zuhören, Reflexion, Problemlösungsstrategien sowie Strategien zur Fortsetzung der Behandlung etc. beinhaltet. Auch die Berücksichtigung des schulischen Systems, in das das Kind einbezogen ist, gehört dazu. (Lehmkuhl 2013)
Aus pädagogischer Sicht ist zu beachten: „Wir müssen das melancholische Kind im Herzen tragen, ihm viele gute Gedanken und viel seelische Wärme zukommen lassen […]. Unsere Zuneigung und Liebe muss aber sachlich bleiben. Wir müssen es erleben lassen, dass es berechtigten Schmerz, wirkliches Leid gibt.“ (Eltz 1994) An konkreten, nachvollziehbaren Beispielen aus dem Leben kann es lernen, „dass es Menschen gibt, die viel schlimmer leiden müssen als es selber. Es wird vom eigenen Leid zum fremden Leid geführt, zum echten Mitgefühl für das Schicksal des Anderen“. (Eltz 1994)
Das Ansprechen des Bewegungssinns und der Nachahmung bringt innere Stabilität:
  • Ruhig geführte, sinnvolle Bewegung, Bewegungs- und Geschicklichkeitsspiele

  • Geordnete, praktische Arbeitsabläufe, bewusstes Einbeziehen in das Alltagsgeschehen

  • Rollenspiel, rezitatorisches Sprechen, Theater und Musik, Tanz (Köhler 1995)

Homöopathische Behandlung

Die Homöopathie bietet das Privileg, jenseits von Diagnoseschlüsseln dem Kind in seinem offenen oder verdeckten Traurigsein direkt zu begegnen, es anzunehmen und abzuholen, wo es innerlich steht. Es wird versucht, dem Kind über Empathie, Vertrauen und Verständnis nahe zu kommen und dabei seine Symptome und seine Geschichte zu erforschen. Bevorzugt wird das Gespräch mit der Mutter und dem Kind gemeinsam geführt. Eine Außenanamnese mit Drittpersonen aus dem Beziehungsgefüge des Kindes kann hilfreich sein. Aus der Gesamtheit der Symptome entsteht das Bild des leidenden Kindes, so, wie es sich fühlt und äußert, was die Grundlage für eine sichere Bewertung der Symptome und die gezielte Arzneiwahl bildet.
Vorrangig ist die Frage nach den auslösenden Momenten, der Ätiologie. Dieser folgen oft eindeutige, unverwechselbare Angaben aus dem Vorleben des Kindes, manchmal schon Jahre zurückliegend. In der Bewertung der Symptome steht diese Art der Ätiologie an vorderster Stelle und bedeutet einen Eckpfeiler in der Arzneifindung (Gnaiger-Rathmanner et al. 2012, Dorcsi 1992).

Repertoriumsrubriken: Auswahl an ätiologischen Rubriken

Repertoriumsrubrikendepressive Störungen→Gemüt – Beschwerden durch – Kummer (95): acet-ac, ambr, aur, caust, ign, lach, nat-m, ph-ac, phos, staph, vanil, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Enttäuschung (53): aur, ign, merc, nat-m, ph-ac, puls, staph, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Zorn – unterdrückten Zorn; durch (50): aur-m-n, coloc, lyc, nat-m, staph, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Zorn – stillem Kummer; mit (28): acon, aur-m-n, bry, chin, cocc, coloc, ign, lyc, nat-m, ph-ac, staph, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Eifersucht (12): apis, aur-m-n, hyosc, ign, lach, nux-v, phos, puls, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Uneinigkeit, Zwietracht – Eltern; zwischen den eigenen (16): graph, mag-c, mag-m, nux-v, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Streit, Streitigkeiten (21): carc, cic, hydrog, ign, kali-c, mag-c, podo, thuj, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Verachtung; verachtet zu werden (32): aur, aur-m-n, bry, cham, nat-m, nux-v, par, phos, plat, staph, tritic-vg, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Tadel (34): ambr, cham, ign, op, plat, staph, stram, …

Praxistipp

Erfahrungsgemäß äußert das Kind Gefühle von Trauer oft nur indirekt, im Sinne einer verdeckten Trauerreaktion oder einer rein psychosomatischen Symptomatik. Die ganzheitliche Befragung und die genaue Beobachtung des Kindes – seine Körpersprache, Mimik und Gestik – ermöglichen oft, hinter einer scheinbar rein somatischen Leidensgeschichte eine bedeutende depressive Grundstimmung zu entdecken. Nicht selten entgeht dies gerade auch den Eltern, wenn sie, bedingt durch anderweitige Sorgen, ihrem Kind nicht die volle Aufmerksamkeit zukommen lassen können. Trennungssituation, Konflikte mit einem Geschwister des Kindes oder finanzielle Probleme in der Familie können z. B. dazu führen.

Es ist die Aufgabe des homöopathisch-therapeutischen Gesprächs, solche Defizite an Kontakt und Wahrnehmung ans Licht zu bringen. Schon alleine die Einsicht und das daran orientierte Gespräch entspannen die Last des Kindes und können die Eltern motivieren, ihr Kind mit neuem Verständnis anzunehmen.
Solche aufgedeckten „Gemütssymptome“ werden in der Bewertung der Symptome immer vor die bestehenden Lokalsymptome gereiht und vorrangig für die Arzneiwahl berücksichtigt.(Tab. 21.4).

Info

Im Sinne der Früherkennung und Prophylaxe leistet die Homöopathie mit ihrer ganzheitlichen, personenorientierten Anamnese und der individuell abgestimmten Arznei einen wertvollen Beitrag in einem zeitgemäßen Therapieplan für das Kind mit den Vorzeichen einer depressiven Störung.

Die depressive Stimmungslage findet sich in den Repertorien unter den großen Rubriken Traurigkeit, Kummer, Weinen, schweigsam. In den jeweiligen Unterrubriken lassen sich viele Hinweise für die weitere Differenzierung finden. Diejenigen Arzneien, bei denen die Psycho- sowie Pathogenese von Verlust und Kummer dominiert sind, heißen in der homöopathischen Tradition die „Kummermittel“ (z. B. Zimmermann 2015).

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Beschwerden durch Verlust

Die depressive Reaktion auf VerlustRepertoriumsrubrikenVerlust, Folge von oder Trennung von einer nahen Bezugsperson lassen sich im Repertorium in den im Folgenden genannten Stellen finden:
→Gemüt – Beschwerden durch – Tod von geliebten Personen – Eltern oder Freunde, der (25): caust, ign, ph-ac, vanil, …
→Gemüt – Beschwerden durch – Liebe, enttäuschte (57): aur, bell, bufo, calc-p, caust, coff, hyosc, ign, nat-m, ph-ac, plat, staph
Ignatia amara
#Ignatia amaradepressive StörungEs ist die Kummerarznei par excellen Beschwerden durch Kränkung, durch Kummer, durch Enttäuschung, und ganz besonders nach Tod einer nahen Bezugsperson. Das Kind kann eine übertrieben hysterische Reaktion zeigen: Es weint und schluchzt, bricht bald darauf unwillkürlich in Lachen aus, es ist sehr launisch und abweisend, ist reizbar, besonders beim Versuch zu trösten. Es schreit, stampft und schlägt um sich. Viel besorgniserregender ist die Gegenphase: Ignatia gibt sich als die große Schweigerin. Sie kann nicht weinen, obwohl sie sehr traurig ist (nat-m), sie ergeht sich in stillem Kummer, ist brav, fleißig, gewissenhaft, schüchtern und angepasst (puls). Im Extremfall heißt es: Sie erträgt Leiden, ja sogar Gewalttaten, ohne zu klagen. Das lässt auch an das Drama eines Kindes bei und nach sexuellem Missbrauch denken. Ihre innere Spannung äußert sich in Seufzen, in Reizbarkeit bei kleinstem Widerspruch, in einem Zornesausbruch, der ihr Schweigen unvermutet unterbricht, in Schlafstörungen oder in spasmodischen somatischen Beschwerden wie Migräne, Schluckstörungen, Reizblase, Analprolaps oder Einkoten. Sie hat ein feines Gewissen und eine große Neigung zu Selbstvorwürfen, indem sie anhand des erlebten Verlustes Schuldgefühle entwickelt. In ihrem Inneren kann sie Gedanken bewegen wie: Sie meint, sie habe ein Verbrechen oder ein Unrecht begangen; sie meint, sie habe einen Fehler begangen; sie meint, sie sei verdammt (siehe unter Wahnideen). Sie brütet über eingebildete Probleme nach. Nur Ignatia bietet das Symptom: Kummer nach dem Verlust von Gegenständen. Auch daran kann sich ihr Unglück entrollen. Es sind Kinder, die auch unter Schamgefühlen (staph), Streit und Tadel sehr leiden und daran erkranken. Siehe auch Kasuistik „Ich halte mich still und wehre mich nicht“.
Causticum
Nach dem Tod einer geliebten Person kann Causticum#Causticumdepressive Störung gut helfen, wenn das Weinen zu lange zu intensiv anhält (→Gemüt – Beschwerden durch – Kummer – lange anhaltenden; durch). Das Kind kann seinen Schmerz zum Ausdruck bringen, Trost und Zuwendung helfen, doch es verfällt bald wieder in seine ängstliche Trauer und Verzagtheit. Nach der ersten Trauerphase zeigt das Kind ein übertriebenes Mitgefühl gegenüber traurigen und furchterregenden Geschichten und nächtliches Auffahren aus schlechten Träumen, was darauf hinweist, dass das seelische Trauma noch nachwirkt.
Calcium carbonicum
#Calcium carbonicumdepressive StörungAuf einen schicksalhaften Verlust seiner Bezugsperson (Mutter) kann das bisher so schutzbedürftige Kind sich völlig zurückziehen, kann sich halsstarrig, unnahbar und verzweifelt benehmen und sich jedem Trost, den es von seiner Mutter so sehr genossen hat, bei jeder anderen Person verweigern. Dies kann auch zur Gedeihstörung führen (Bleul 2003). Das Kind weint und wimmert, verfällt in Selbstmitleid und Ängste, flüchtet sich ins Essen. Es braucht seine Zeit, um wieder Vertrauen zu fassen und wird geduldige, feinsinnige, kontinuierliche Zuwendung allmählich dankbar annehmen können.

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Beschwerden durch Kummer

RepertoriumsrubrikenKummer→Gemüt – Kummer, Trauer – still (39): am-m, anthraci, aur, aur-m-n, coff, coloc, cycl, gels, ign, nat-m, ph-ac, puls, symph, …
→Gemüt – Kummer – still – Liebe; aus enttäuschter (6): aur-m-n, ign, nat-m, nat-sil, ph-ac, phos
→Gemüt – zurückhaltend, reserviert (135): aloe, aur-m-n, calc, gels, hell, hyosc, ign, nat-m, phos, plat, puls, staph, …
→Gemüt – Trost – agg (58): aloe, ars, aur-m-n, bell, calc-p, carc, ign, kali-p, lil-t, nat-m, nit-ac, phos, plat, sep, sil, syph, zinc, …
→Gemüt – Trost – amel. (31): carc, con, gels, hell, kali-s, nat-c, nat-m, phos, puls, sil, staph, syph, …
→Gemüt – verweilt – vergangenen unangenehmen Ereignissen; bei (81): ambr, aur-m-n, cham, chin, cocc, con, ign, kali-c, kali-p, lyc, nat-m, plat, sep, sulph, …
→Gemüt – brütet, grübelt (80): ign, podo, verat, …
→Gemüt – Selbstbetrachtung (116): cocc, ign, puls, spect, sulph, …
→Gemüt – Pessimist (46): alum, cimic, nat-m, nit-ac, nux-v, positr, psor, ruta, …
→Gemüt – Weinen – Trost – agg. (23): aur-m-n, calc-p, nat-m, plat, sep, sil, tarent, …
Pulsatilla pratensis
#Pulsatilla pratensisdepressive StörungStiller Kummer mit Demut: Ein Stichwort für die Eigenart von einem Kind, das durch Kummer und andere Unbill des Lebens zwar still und schweigsam wird, aber nicht hart und grollend. Das Kind bleibt offen für Zuspruch und Trost, so auch für eine Wende des erfahrenen Unglücks zum Guten: Ein Kind, das gerne und leicht verzeiht. Kein anderes Mittel wie Pulsatilla ist so zugänglich für Trost, kann sich beim Erzählen und Weinen im Leid so direkt mitteilen und dabei Erleichterung finden. Ein verständnisvolles Zuhören und Annehmen wird hier immer auf Erfolg stoßen. Die innere Unsicherheit, die derjenigen von Ignatia sehr ähnlich ist (ähnliche Wahnideen), hat vermutlich schon lange vor dem aktuellen seelischen Trauma bestanden. Siehe auch Kasuistik „Unsere Tochter war immer unzufrieden“.
Phosphorus
#Phosphorusdepressive StörungWie Pulsatilla kann sich dieses Kind öffnen für Trost, wenn ihm ein Unglück geschehen ist. Es braucht die mitmenschliche Nähe als sein Lebenselixier (Furcht, wenn alleine; Verlangen, magnetisiert zu werden) und verlangt sehnlich nach Mitgefühl wie sonst keiner. Geweint wird nur bei Angst und im Schlaf. Ein sehr lebhaftes, kontaktfreudiges und aufgewecktes Kind, das sich sofort für alles interessiert und sich überall beteiligt (anders puls). Es hat eine auffallende Reife und steht oft in einem ungewöhnlichen und schweren Leben. Es ist umsichtig und besorgt um seine Familie und Freunde bis zur Selbstaufgabe (carc): ein mögliches Indigokind (Woitinas). Die Neigung zu großer Offenheit, zu Verantwortlichkeit und Ängsten teilt Phosphorus mit Carcinosinum, doch nicht die Pedanterie. Phosphorus gilt als spontan und eher chaotisch. Kummer untergräbt die Konstitution: Wenn das Kind sich in seinem Leid und seiner Sorge alleine gelassen oder unverstanden fühlt, wenn es schweigsam, gleichgültig und abweisend wird und es sich in einer ihn überfordernden Situation erschöpft. Dann kann ein Kind der Phosphorus-Konstitution, die viele destruktive Anteile beinhaltet, körperlich sehr schwer erkranken. Oder es entgleitet frühzeitig in seinem Hang zur Maßlosigkeit im Exzess mit Alkohol, Drogen oder Sex.
Phosphoricum acidum
#Phosphoricum acidumdepressive StörungDie Phosphorsäure gilt als Mittel für den kurz zurückliegenden Kummer aus enttäuschter Liebe. Allerdings äußert sich dieser oft mehr in Symptomen einer allgemeinen Erschöpfung der Vitalität und einer Interesselosigkeit und Freudlosigkeit: gleichgültig gegenüber allem. Das Kind leidet an seinem Zustand, ohne sich erklären zu können, warum. Es ist still und schweigsam, lässt sich aber gerne auf ein ruhiges Gespräch ein. Dabei entwickelt sich die Einsicht in das auslösende Moment: der Verlust eines Freundes, Heimweh in der Folge einer Übersiedlung, Sehnsucht nach den verstorbenen Großeltern, Schicksalsschläge. Oft sind es schlanke, hochgeschossene Kinder mit schlaffer Haltung und Rückenproblemen. Ein Mittel für die Pubertätskrise. Siehe auch Kasuistik „Ein Jugendlicher voller Heimweh“.
Natrium muriaticum
#Natrium muriaticumdepressive StörungDie Arznei für seelische Verluste, die lange zurückliegen und das Kind verändert haben. Beschwerden durch eine alte Enttäuschung. Das Kind hat womöglich anlässlich des Todesfalls der Großmutter, der Mutter oder des Vaters nicht geweint. Es ist aber seither verschlossen, schweigsam, etwas selbstständiger und distanzierter gegenüber der Familie und vielleicht sogar pflichtbewusster geworden: Es kümmert sich mehr um seine Schulleistungen, ist fleißig und angepasst (Norland 1999). Aber im Sozialen gibt es Probleme: Das Kind ist übersensibel, fühlt sich leicht hintangesetzt, ist misstrauisch, eifersüchtig und kämpft bei jeder Kleinigkeit um Gerechtigkeit. Es ist tagelang beleidigt und kann alte Kränkungen nicht vergessen (lyc). Da nützen keine guten Worte: Trost verschlimmert den Zustand. Das Kind zieht sich zurück, weint alleine und versteckt. Wenn die innere Spannung zu groß wird, weint es auch unwillkürlich, ohne Grund. Oft kann man am Kind einen traurig-verschlossenen, herben Gesichtszug erkennen, besonders um den Mund und besonders dann, wenn es persönlich angesprochen wird. Mitgefühl irritiert sehr, das Kind reagiert mürrisch.
Bei Störungen infolge Verlust der Bezugsperson in der Phase der symbiotischen Beziehung der ersten drei Lebensjahre ist weniger Natrium muriaticum als vielmehr Lac caninum angezeigt (21.11). Eine Ausnahme spricht allerdings für die Indikation von Natrium muriaticum in der frühen Kindheit: Wenn die Bezugsperson, also die Mutter, während dieser Zeit von einem großen Verlust oder Seelenkummer erfasst ist (Szabo 2008).

Homöopathische Arzneimittel: Beschwerden durch Zorn mit stillem Kummer

Staphisagria
#Staphisagriadepressive StörungDas unbeherrschte, cholerische Kind, das ungestüm und streitsüchtig ist, das Gegenstände an die Wand wirft oder nach Personen, die es vermeintlich beleidigen – und das wild um sich schlägt. Eine zweite Seite von Staphisagria ist wiederentdeckt worden: als Arznei für Folgen von Kränkung, Demütigung, Kummer und Sorgen, enttäuschter Liebe, für Folgen von verletzter Ehre, erfahrenen Grobheiten oder Verachtung. Wenn das empfindliche, aber vitale Kind auf solche Weise überfordert wird, wenden sich seine heftigen Gefühlsreaktionen nach innen, sie werden unterdrückt und die erlebte Entrüstung und Empörung wird zum Gefühl der Ohnmacht und Resignation. Das Kind wirkt dann stumpf und traurig, schweigsam und abweisend gegen alle Menschen. Es grübelt alten Beleidigungen nach (nat-m); weint, wenn man es anspricht, klammert sich an Rituale (gewissenhaft, peinlich genau) und fürchtet sich davor, seine Kontrolle zu verlieren. Es hat ein feines Gewissen, Tadel und Schamgefühle treffen tief. Stille Verzweiflung und Suizidgedanken.

„Staphisagria ist das Arnika der Psyche, die Arznei für die Kränkung, die keine Verteidigung zulässt, für die Demütigung, die keine Revanche erlaubt. Sie hilft, die krankmachende Verdrängung zu verhindern oder diese freizusetzen und aufzulösen.“

(Barbancey)

Lycopodium clavatum
#Lycopodium clavatumdepressive StörungEine vielsagende Rubrik, die dieses Mittel auszeichnet: Trockener Husten, chronisch – bei schmächtigen Knaben: Knaben, die blass und zart sind, dünnhäutig, schmallippig, auffallend ernst und kontrolliert, kritisch, altklug. Sie bewahren zu allem Distanz. Gilt Natrium muriaticum als klassisches Kummermittel bevorzugt für Mädchen, so Lycopodium als dasjenige für Knaben. Erstere flüchten in die Pflichterfüllung, die Knaben in den Leistungswettkampf und in den bedingungslosen Ehrgeiz. Sie lassen weder Gefühle noch Zärtlichkeiten zu, sie können keine Schwäche zeigen. Sie kämpfen um Gerechtigkeit und Perfektion, meist zu ihren Gunsten. Oft werden diese Kinder wegen einer somatischen Beschwerde vorgeführt (z. B. Husten), da ihr Kummer und ihre Traurigkeit tief verborgen liegen. Der erlebte Verlust, die Enttäuschung und der Zorn kommen im Gespräch nur zögerlich zum Vorschein, lassen sich zuerst nur an der verkrampften Mimik ahnen. Meist entpuppt sich die Frage nach der Beziehung zum Vater als Brücke zu einer gequälten Seelenwelt: mangelnde Anerkennung durch den Vater oder abwesender Vater als langjähriger innerer, oft geheimer Konflikt des Kindes. Bei leistungsbetonten Mädchen kann Lycopodium ebenso angezeigt sein (Herscu 1993). Siehe auch Kasuistik „Ich halte mich still und wehre mich nicht“.

Homöopathische Arzneimittel: Beschwerden durch Tadel

Opium
#Opiumdepressive StörungViele Kinder von heute ertragen Tadel nicht. Sie sind selber innerlich so angespannt, verletzt oder sich selbst gegenüber so anspruchsvoll, dass Tadel von außen schwer irritiert und verunsichert, ja in die Hilflosigkeit und Verzweiflung treibt. Als Beispiel aus dieser Rubrik soll Opium behandelt werden, das zu diesem Thema neben den schon behandelten Arzneien Ignatia, Staphisagria, Stramonium (21.13), Medorrhinum (21.13) und Carcinosinum (21.11) steht. Das Kind verliert in Folge von Tadel als einer Form von Kummer und Enttäuschung im wahrsten Sinne des Wortes die Besinnung. Es wird stumpf und gleichgültig, es klagt nicht, was immer ihm widerfährt (ign), weder Freude noch Leid scheinen es zu erreichen. Es benimmt sich als verzogenes, missratenes Kind, verhält sich unbesonnen, abgehoben oder feige und hinterhältig. Es beginnt hemmungslos zu lügen, scheint nicht zu wissen, was es sagt (lac-c, bufo). Sich selbst gegenüber hat es seine Identität verloren. Es fühlt, es sei doppelt (anac) – wie zwei verschiedene Selbst, die sich bekriegen – es sei weg von zu Hause oder es sei ein Verbrecher, der hingerichtet werden soll (Wahnideen). Es macht sich Selbstvorwürfe (tadelt sich selbst), fühlt sich beschämt und verzweifelt. So sehr hat das Kind den Tadel der Erwachsenen verinnerlicht. Oft findet sich in der Anamnese eine vorangegangene schwere Erschütterung – ein großer Schreck oder ein Verletzungsschock, wie etwa nach einem Unfall oder als Folge einer schweren Geburt.

Kasuistiken

Kasuistik

Ein Jugendlicher voller Heimweh (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Der 13-jährige Junge (Abb. 21.3) – der jüngere von zwei Kindern – ist schwach und instabil. Im Winter war er häufig krank mit plötzlichem, heftigem Fieber. Seit einem Jahr ist er stark gewachsen. In guten Zeiten ist er fröhlich und aktiv, mit guten Freunden, wirkt er meist doch eher still und vorsichtig. Der Kontakt zu den Eltern ist gut, er hat ein gutes Benehmen, eine reiche Phantasie und schreibt Geschichten. In jüngster Zeit zieht er sich gerne zurück, klebt am Computer und hinter den Büchern und beißt seine Nägel. Er fühlt sich erschöpft – körperlich und seelisch. Er will nichts unternehmen und nirgends mitmachen. Immer wieder spricht er von seinem Heimweh nach Wien, zu seinen alten Freunden. Seitdem die Familie vor vier Jahren aus Wien weggezogen ist, durchlebt er Phasen von Traurigkeit. In der Schule läuft alles gut. Gelegentlich leidet er unter Erwartungsängsten.
Familie: Beide Eltern sind Lehrer und berufstätig. Sein Vater ist als Experte in einer neuen Lernmethode sehr erfolgreich.
Aussehen: Groß gewachsen, schlank, feingliedrig, sehr freundlich und offen. Kontakt fällt ihm leicht. Dann wirkt er wieder still und verträumt.

Repertorisation

→Gemüt – Beschwerden durch – Heimweh (11)
→Gemüt – Heimweh (90)
→Gemüt – stilles Wesen (108)
→Gemüt – Kummer – still (39)
→Gemüt – Traurigkeit – Schicksalsschläge, durch (17)
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – allem, gegenüber (117)
→Allgemeines – Pubertät – Beschwerden während der (47)
→Allgemeines – Schwäche – Wachstum, nach schnellem (3)
Bei diesem Jungen spricht der konstitutionelle Aspekt bevorzugt für Phosphoricum acidum, vor allen anderen typischen Arzneien für den traurigen jungen Menschen.

Verordnung und Verlauf

Phosphoricum acidum LM 6. Nach fünf Wochen begleitet ihn der Vater. Es sei deutlich geworden, dass der Sohn in der Schule viel Druck erlebt. Verständnis dafür tue ihm gut. Er habe jetzt wieder mehr Mut, mehr Schwung beim Lernen. Er wirke robuster, belastbarer und lache mehr. Er mache bei Unternehmungen der Familie und der Freunde wieder gerne mit. Vom Heimweh habe er nie mehr gesprochen, das sei auffallend.
Ein dreiviertel Jahr später berichtet die Mutter: Die Krise von damals ist überwunden. Aus freien Stücken greift der Junge noch manchmal zu den Globuli, wenn er sich schwach und verletzlich fühlt. Das Nagelbeißen ist ihm leider geblieben.

Beurteilung

Die Ätiologie eines Kummers steht im Vordergrund. Die Gemütssymptome und die Konstitution sprechen für Phosphoricum acidum. Das Nagelbeißen ist nicht unter dieser Arznei angeführt und tatsächlich besteht dieses Symptom auch weiterhin. Falls der Junge möchte, müsste dafür noch eine Folgearznei herausgearbeitet werde. Natrium muriaticum und Lycopodium kämen in die engere Wahl.

Kasuistik

Unsere Tochter war immer unzufrieden (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Barbara N., 15 Jahre, die mittlere Tochter zwischen zwei Brüdern. Die Jugendliche kommt mit der Mutter und führt Kopfschmerzen an, die seit vier Jahren bestehen. Diese treten fast täglich auf, den ganzen Tag über, mit wandernden und wechselhaften Beschwerden. „Sie sind immer anders“.
Die junge Patientin weint beim Erzählen ihrer Beschwerden und mehrmals im Verlauf des weiteren Gesprächs. Sie ist bedrückt, da sie gerade heute einer Mobbing-Situation in der Klasse ausgesetzt war. Sie wurde als Außenseiterin angegriffen. Sie sehe unmöglich altmodisch aus, sie mache nicht mit beim Ausgehen und Konsumieren von alkoholischen Getränken. Sie ist seit einem halben Jahr in dieser Klasse der Pflichtschule, nachdem sie aus der höheren Berufsfachschule ausgetreten ist. Dort, unter fast lauter Jungen, konnte sie sich nicht durchsetzen. Doch eigentlich würde sie gerne Architektin werden. Sie ist traurig: Der Abstieg in der Schule, noch keine Freundin in der neuen Schule. Sie fühlt sich ausgelacht und verkriecht sich zu Hause.
Die junge Patientin hat eine Art Lebensangst. Sie ist in allem vorsichtig, sehr sensibel, überempfindlich, besonders auf Lärm, aber auch auf Benachteiligung. Sie fühlt sich oft benachteiligt, sie ist eine sehr und ständig eifersüchtige Schwester. Sie ist kleinmütig, auf geringe Veranlassung hin verstört und verzagt. Dann wehrt sie sich gegen alles, man kommt nicht an sie heran.
Die Mutter bricht in Tränen aus: Schon als Kind war ihre Tochter kompliziert, eigentlich schon als Baby. Die Schwangerschaft war eine Überraschung, die Freude über ein Mädchen überwog dann alles. Sie hatte schon als Baby die angebotene Nähe abgeblockt, brüllte nächtelang und erwachte immer mürrisch. Es gab kein Lächeln für den Vater.
Das Schwierige ist: Man weiß nie, was ihr wirklich Freude macht und gefällt. Sie äußert ihre Wünsche nie direkt, sagt nur vorwurfsvoll: „Das bekomme ich eh nicht!“ Sie ist nie zufrieden. Es gibt gute Phasen: Dann ist sie zufrieden, auffallend bescheiden, doch zeigt sich, wie unsicher und wie leicht beeinflussbar sie ist. Sie weiß nicht, was sie will. Derzeit ist sie sehr verschlossen gegenüber der Familie, sie reagiert gereizt auf jede Anrede.
Bisherige Entwicklung: Motorisch immer etwas ungeschickt; normale Schulleistungen, Phasen von ausgeprägter Schulangst.
Aussehen: Blass, schlaff, leicht adipös mit etwas gedunsenen Gesichtszügen. Sie ist blond und wirkt etwas farblos und kindlich, ruhig und passiv, leicht zum Weinen geneigt.

Repertorisation

→Kummer – still (39)
→Weinen – erzählt – Erzählen; beim – Krankheit; von der eigenen (20)
→Zurückhaltend, reserviert (135)
→Eifersucht (87)
→Reizbarkeit, Gereiztheit – nimmt alles übel, sieht alles von der schlechten Seite (13)
→Unzufrieden – allem, mit (135)
→Verlassen zu sein, Gefühl (192)
→Verlangen, Wunsch nach – voller Verlangen – unbestimmtes Verlangen (9)
→Widerspenstig (93)
→Kopf – Schmerz – wandernder Schmerz (43)
Pulsatilla, Natrium muriaticum, Ignatia – alle Kummerarzneien stehen dieser Geschichte nahe. Der wandernde Kopfschmerz entscheidet für Pulsatilla, bestätigt in der Repertorisation. Die Not von Mutter und Kleinkind damals lässt auch an Carcinosinum denken.

Verordnung und Verlauf

Pulsatilla K 200 (Korsakoff); nach fünf Wochen ein zweites Mal; nach weiteren zwei Monaten Pulsatilla M. Nach zehn Tagen kommt die Mutter und schüttet ihr Herz aus über die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter. Diese sehe alles nur negativ. Sie sei niedergeschlagen, reizbar und abweisend – die letzten paar Tage so schlimm und unerträglich, wie sie als Baby gewesen sei. Die Mutter sorgt sich, wie das Berufsleben ihrer Tochter einmal gelingen soll. Es hat großen Streit gegeben. Ist die Stimmung seither entspannter? Nach fünf Wochen: Das Mädchen strahlt, lächelt, wirkt aufgeweckter, offener und entspannt, zufrieden. Der Kopf sei viel besser, ganz allmählich habe sich alles erleichtert. Trotz vieler anderer Probleme in der Familie habe es keinen Streit mehr gegeben. Auch mit dem Vater, mit allen ginge es besser. Sie hat eine Freundin entdeckt und hat Zukunftspläne. Dieser Wandel hat bisher angehalten, auch nach einem Jahr. In einer neuen Schule gefällt es ihr, sie kann sich nun behaupten und hat zum ersten Mal in ihrem Leben richtige Freundinnen.

Beurteilung

In den ersten Tagen der Behandlung entwickelte sich das Bild einer Erstreaktion mit Übersteigerung der psychischen Symptomatik. Eine ängstliche und depressive Jugendliche, die einen weichen Kern hat, sich aber unzugänglich gibt: Die „andere“, verstörte Pulsatilla, die in ihrer Anpassungskapazität überfordert ist und sich verweigert. Ihr mildes, pflichtbewusstes Wesen bleibt verborgen – besonders für die Eltern. In der markanten Unzufriedenheit ein wichtiges Vergleichsmittel dazu: Hura brasiliensis.
Zum Kopfschmerz: Er weist die typischen Merkmale eines psychogenen Kopfschmerzes mit Pulsatilla-Modalitäten auf. Angesichts der ausgeprägten Gemütssymptome wird der Kopfschmerz, das Lokalsymptom, in der Rangordnung der Symptome zuletzt gereiht.

Kasuistik

Ich halte mich still und wehre mich nicht (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Die 13-jährige Carmen, ein Einzelkind, erbricht jeden Morgen Schleim, „immer schon“. Viel Gähnen nachmittags beim Lernen seit der ersten Klasse.
„Leidet unsere Tochter an unserem Streit mit den Nachbarn?“, fragt sich die Mutter. Vor drei Jahren ist die Familie in ein anderes Dorf gezogen, wo sie sich von den Nachbarn ausgestoßen fühlt. Allerdings gibt es auch in der Schule Streit. Die Mitschülerinnen quälen sie, mit deren „Coolness“ kann sie nicht mithalten. „Ich halte mich still und wehre mich nicht“, erklärt sie ihre Strategie des Überlebens.
Das Lernen fällt ihr nicht leicht, sie muss fleißig sein und viel üben. Sie ist sehr verschlossen, oft erzählt sie wichtige Dinge erst nach Monaten. Deshalb ist sie oft gereizt, unter Hochspannung, und kann sehr zornig werden. Sie weint oft: bei Streit, bei schlechten Noten. Sie hat Ängste: im Dunkeln, vor Prüfungen. Die Mutter übt viel Druck auf ihre Tochter aus, da sie möchte, dass diese einmal bessere Möglichkeiten im Leben habe als sie selbst. „Verlange ich zu viel von ihr?“ Die Mutter ist sehr gesprächig, wirkt kontrollierend, diktatorisch, herb und bitter gegenüber dem Leben.
Aussehen der Jugendlichen: Blass, helles Haar, feine Züge, ruhig, freundlich, geordnet, artig. Auffallend ihr Augenaufschlag mit nach oben verdrehten Augen, was übertrieben und hysterisch wirkt.

Repertorisation

→Gemüt – Beschwerden durch – Streit, Streitigkeiten (21)
→Gemüt – Beschwerden durch – Tadel (34)
→Gemüt – Weinen – Vorhaltungen gemacht werden, wenn ihm (11)
→Gemüt – Beschwerden durch – schlechte Nachrichten (67)
→Gemüt – Wahnideen – lachen und spotten, man würde über ihn (23)
→Gemüt – schweigsam – Kränkung; nach (4)
→Gemüt – Zorn – Schweigsamkeit, mit (12)
→Magen – Erbrechen – morgens (77)
Der Tadel ist ein bestimmender Faktor im Leben dieses sensiblen und artigen Schulkindes. Es zieht sich zurück, macht sich unauffällig – und schweigt. Da kommt Ignatia in die engere Wahl, die große Schweigerin, gefolgt von Carcinosinum. Letzteres, auch tadelgeschädigt, hält sich meist offener, gewandter.

Verordnung und Verlauf

Ignatia K 200, nach sechs Wochen nochmals. Dazu der Hinweis an die Mutter, ihre Aufmerksamkeit weg von ihrem „Programm“ hin zu ihrer Tochter zu lenken. Sechs Wochen danach: nur noch zweimal Erbrechen, kein Gähnen, kein Weinen mehr. Die Jugendliche kommt mit ihrer Situation besser zurecht, auch wenn die Schule sehr anstrengend ist. Nach einem halben Jahr ein Rückfall mit dem Erbrechen, was sich mit Ignatia M gut ausgleichen lässt. Trotz der deutlichen Besserung der Tochter beharrt die Mutter weiterhin auf ihren Sorgen.

Beurteilung

Die Jugendliche leidet an einer schulischen Überforderung und an einer larvierten Depression. Dazu besteht ein Mutter-Tochter-Konflikt: eine große unausgesprochene Distanz zwischen ihr und der Tochter – man sieht es an der Gestik und am unterschiedlichen Temperament der beiden. Das kann die Arznei nicht lösen. Doch kann sie das Mädchen stärken, um ihr Schicksal mehr und mehr selbst zu gestalten.

Kasuistik

Mein Kind hustet und ist traurig (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Matthias L. (Abb. 21.4), fünf Jahre, Einzelkind. Die Mutter kommt wegen der Immunschwäche des Kindes. Es hat eine Art Dauerhusten seit einem Jahr. Eine allergische Disposition wird vermutet. Das Kind ist zärtlich und „unkompliziert“, lebhaft, oft ruhelos. Es spielt nur kurze Zeit. Matthias ist zornig und eigensinnig. Er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ein gutes Gedächtnis, leider auch für unangenehme Erfahrungen. Er ist ein guter, kritischer Beobachter; vorsichtig gegenüber allem Neuen; Ängste im Dunkeln; manchmal wirkt er traurig und still. Im Kindergarten macht er gut mit, geht gerne hin. Er hat meist wenig Appetit, im Schlaf schreit er oft laut auf.
Bei der Frage nach der Familiensituation wird die Mutter traurig. Seit drei Jahren leben die Eltern getrennt, die Scheidung ist geplant. Der Mann hat eine andere Frau. Er kümmert sich allerdings um seinen Sohn. In der Zwischenzeit zeichnet das Kind zwei Häuser. „Das eine ist für die Mama, das andere für den Papa“. Die Mutter ist davon überrascht, sie weint. Es ist offensichtlich der Ausdruck für die stille Trauer des Sohnes. Wie hat wohl das Kind das Zerwürfnis der Eltern erlebt? Enttäuscht? Verlassenheit? Stiller Zorn?
Aussehen: Blass, zart, scheu, doch aufmerksam. Er sitzt auf dem Schoß der Mutter, so brav, dass man ihn fast übersieht.

Repertorisation

→Gemüt – Kummer – still (37)
→Gemüt – eigensinnig, starrköpfig, dickköpfig – Kinder (36)
→Gemüt – Beschwerden durch – Enttäuschung (53)
→Gemüt – verweilt – vergangenen unangenehmen Ereignissen, bei (81)
→Gemüt – argwöhnisch, misstrauisch (145)
→Gemüt – entmutigt – ruhig, und (2): lyc, spong
→Gemüt – Schreien – Kindern, bei – Schlaf, im (30)
→Husten – trocken – Kindern, bei – abgemagerten Knaben, bei nur lyc.
Ein Kind passt sich so sehr an, dass seine Trauer nicht auffällt, nicht einmal der Mutter. Er zeigt jedoch auch eine andere Seite, den Widerstand. Anders vermag er seine Gefühle nicht aufzudrücken. Kummerarzneien, die beide Verhaltenszüge des Kindes erreicht, sind Lycopodium, auch Natrium muriaticum und Carcinosinum. Die Art des chronischen Hustens, so lange dauernd und ohne besondere Modalitäten, bestätigt einzig Lycopodium.

Verordnung und Verlauf

Lycopodium LM 6. Dazu die Empfehlung, die Trauer zwischen Mutter und Kind zuzulassen und einen Ausdruck dafür zu suchen.
In den nächsten Monaten wird das Kind gesünder, es hat sofort auffallend viel Appetit. Die Laune ist gut, stabil. Es ist häufig beim Vater. Die Offenheit gegenüber der Trauer hat viel in Bewegung gesetzt und erleichtert die Beziehung zum Sohn.
Den Winter des folgenden Jahres gibt es mit Hilfe von Lycopodium – und dazwischen Pulsatilla D 4 als Akutmittel für einen interkurrenten Infekt – kein Kranksein mehr. Der Junge wirkt insgesamt sehr gestärkt.

Literatur (21.1)

Homöopathische Literatur

Barbancey, 1987

J.N. Barbancey Staphisagria in der Psychiatrie Documenta Homoeopathica 8 1987 193 197

Bleul, 2003

G. Bleul Kindliche Entwicklungsverzögerung AHZ 248 2003 23 26

Flick, 2002

R. Flick Angst, Zwang und Depression Documenta Homoeopathica 22 2002 23 39

Ghegas, 1993

V. Ghegas Children's Remedies Homoeopathic Links 1 1993 9 12

Gnaiger, 1991

J. Gnaiger Kummer – Erfahrungsberichte Documenta Homoeopathica 11 1991 87 100

Gnaiger-Rathmanner and Mayr, 2012

J. Gnaiger-Rathmanner R. Mayr Homöopathie bei Psychotrauma 2012 Haug Stuttgart

Norland, 1999

M. Norland Natrium muriaticum. Its substance signature Homoeopathic Links 5 1999 269 272

Schroyens, 2006

F. Schroyens Synthesis 10.5 in RADAR expert plus for Windows. Archibel S. A., Assese 2006

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Szabo, 2011

L. Szabo Frühe Erfahrungen. Zeichen der Schwangerschaft – Zeichen des Kindes Documenta homoeopathica 28 2011 43 52

Zimmermann, 2015

D. Zimmermann Kummermittel in der Homöopathie. 70 Arzneien aus der Materia medica 2015 Haug Stuttgart

Störungen des Sozialverhaltens

Jutta Gnaiger-Rathmanner

Grundlagen

Die Diagnose „Störungen des Sozialverhaltens“Sozialverhalten, Störungen in der Klassifikation gemäß ICD-10 schließt sowohl impulsiv-aggressive Verhaltenssymptome ein, wie z. B. häufige oder schwere Wutausbrüche oder auch dissoziales und delinquentes Verhalten wie Stehlen, Schule schwänzen oder Tiere quälen. Längsschnittstudien weisen auf die hohe Stabilität dieser Störungen hin. Störungen des Sozialverhaltens zählen heute zu den häufigsten Diagnosen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie neben den emotionalen Störungen. Die Prävalenzrate liegt gemäß Untersuchungen bei 6–16 % für Jungen, 2–9 % für Mädchen.
  • Niedriger Bildungsstand

  • Geringe soziokulturelle Integration

  • Armut und Arbeitslosigkeit

  • Instabile Familienverhältnisse

  • Vorbild von Alkoholismus, Drogenkonsum und Gewalt

Ätiologie und Klinik

Es gibt eine Altersstufe, in der eine Störung des Sozialverhaltens als Teil der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes anzusehen ist: die Trotzphase des Kleinkindes ab dem Alter von zwei Jahren. Je mehr das Kind dem cholerischen Temperament zuneigt, umso heftiger wird diese Phase ausfallen.

„Cholerische Kinder sind recht anstrengend. Sie sind anspruchsvoll und eigenwillig. Sie fallen durch Zornanfälle oder dramatische emotionelle Ausbrüche auf, können toben, um sich schlagen und bisweilen tatsächlich versuchen, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Ihr Körper wirkt leicht gestaut mit langem Rumpf und kurzen Gliedmaßen, der Gang ist resolut und dynamisch.“

(Goebel 2001)

Ein anderer Typus ist das unruhig-aggressive Kindunruhig-aggressives Kind. Der Heilpädagoge Köhler sieht die Pflege des Lebenssinnes für die Entwicklung dieser Kinder als besonders wichtig. Gerade im ersten Lebensjahr erfährt der Säugling die Welt über seinen Körper. Die pflegenden Maßnahmen wie Ernährung, Körperpflege, die Achtung auf den Wärmehaushalt und den Rhythmus vermitteln ihm die wichtigsten ersten Erfahrungen. Diese sollten von Seiten der Erwachsenen mit innerer Andacht und Muße getragen sein. Dann kann das Kind ein sicheres, ausgewogenes, ruhiges Grund- und Lebensgefühl in seinem Leib entwickeln. Diese primäre positive Lebenssinnwahrnehmung bietet die Grundlage für die Verarbeitung aller späteren wechselnden Eindrücke, die der Lebensalltag an das Kind auf körperlicher und seelischer Ebene heranträgt. Bleibt diese unentwickelt, lebt das Kind in einer Art Körperangst, die es veranlasst, den inneren Ruhezustand mit allen Mitteln zu vermeiden, da es bei sich selbst kein Zuhause im Sinne von Wohlgefühl und Behagen vorfindet. Im unruhig-aggressiven Kind lebt das „Urtrauma“ in dem Gefühl, unerwünscht zu sein.
Gemäß der Bindungstheorie gibt es den Typus des unsicher-ambivalent gebundenen Kindes, das in der Trennungssituation mit extremem Trennungsprotest und panikartigem Weinen reagiert, klammert und gleichzeitig aggressives Verhalten vorweist. Es lässt sich nicht beruhigen, kann aber auch nicht mehr spielen. Dies kann später in das Fehlverhalten des aggressiven Bindungsverhaltens münden, wo das Kind durch aggressive Verhaltensweisen die Zuwendung der Bindungsperson gewinnen will.

Praxistipp

Ob die Unarten des cholerischen oder unruhig-aggressiven Kindes behandlungswürdig sind oder nicht, hängt zum Großteil von der seelischen Reife, dem Erziehungsgeschick und der soziokulturellen Einbindung der Eltern ab. Erhellend ist die Frage an die Eltern: Wie können Sie selbst mit Aggression umgehen? Die Fähigkeit der Eltern, aggressive Impulse in ihrem eigenen Leben zuzulassen und zu integrieren, entlastet das impulsive Kind entscheidend.

Es kann sich ein regelrechter Teufelskreis eines „Trainings zur Gewalt“ zwischen Kind und Bezugsperson entwickeln – im Sinne einer Interaktionsstörung mit folgenden Faktoren: inkonsistente Erziehung, mangelnde Kontrolle sowie mangelnde Wärme in der Eltern-Kind-Beziehung und verminderte Aufmerksamkeit für angemessene prosoziale Verhaltensansätze des Kindes (Döpfner/Lehmkuhl 2002).
Im Kleinkindesalter dominiert die Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten gemäß ICD-10. Persistiert dieses Verhalten ungehemmt bis in das Schulalter hinein, so wird es mehr und mehr als behandlungswürdige Abweichung zu werten sein.
Es gibt zum einen die offene Form des aggressiven, dissozialen Verhaltens, die bis zum Jugendalter andauern kann. Sie wird zum anderen im Verlauf ebenso oft durch die verdeckte Form von aggressivem Verhalten abgelöst. Letztere kann auch als Erstmanifestation einer Verhaltensauffälligkeit auftreten und findet sich bei Mädchen gleich häufig wie bei den Jungen. Sie erscheint als nicht-aggressiv und äußert sich in Stehlen, Lügen, Streunen oder Hang zu Suchtmittelmissbrauch.

Info

Als Unterscheidungskriterium von Diagnose und Prognose gilt die Frage, ob die aggressiv-dissoziale Störung auf den familiären Kontext beschränkt bleibt, oder ob es sich auch auf die anderen sozialen Bereiche ausdehnt. Wichtig ist der Grad der Sozialisation: Ist das Kind bzw. der Jugendliche zu sozialen Bindungen fähig oder nicht? Letzteres wird als erschwerender Umstand gewertet, der häufiger bei den Jungen auftritt. Allerdings kann der Anschluss an gleichgesinnte Gleichaltrige den Schritt zur Delinquenz fördern.

Das Bild der Störungen des Sozialverhaltens ändert sich mit dem Alter des Kindes (Tab. 21.5).
Als individuelle Schutzfaktoren bei Sozialverhalten, StörungenSchutzfaktorenKindern mit aggressiven Störungen gelten (nach Steinhausen 2010):
  • Autonomie

  • Soziale Kompetenz

  • Anpassungsfähigkeit

  • Selbstwert

  • Intelligenz

  • Sensibilität

  • Bindung und Bildung

Prognose

Findet das cholerische Kind eine verständige Begleitung, wird es seine Stärken im Leben entfalten können: „Es kann sich vorbildlich für besondere Aufgaben, für andere Kinder oder für die Wiedergutmachung von Fehlern einsetzen. Initiative, idealistischer Einsatz und Durchhaltevermögen sind ihm eigen, ebenso Wahrheitsliebe, Begeisterungsfähigkeit, Pünktlichkeit […]. Es ist verständlich, dass so zielbewusste Menschen im beruflichen Leben häufig in führenden Positionen anzutreffen sind.“ (Goebel 2001) Dieser positive Aspekt der Veranlagung kann den Therapeuten inspirieren.
Allgemein gilt: Je früher die Auffälligkeiten im Leben des Kindes mit aggressiven Störungen auftreten, desto schlechter fällt die Prognose aus – schlechter als bei den depressiven und Angst-Störungen. Der Anteil der Kinder mit einer Störung mit oppositionellem Trotzverhalten, die später eine Störung des Sozialverhaltens entwickeln, liegt dreimal so hoch wie bei unauffälligen Kindern. Die Laufbahn zu einer antisozialen, delinquenten Persönlichkeit im frühen Erwachsenenalter scheint vorgeprägt, wenn das Kind über keine Schutzfaktoren, wie oben aufgelistet, verfügt, und wenn Pädagogik und Therapie das Kind nicht erreichen.
Alles in allem kann die Mehrheit der delinquent gewordenen Jugendlichen im jungen Erwachsenenalter in eine normale Laufbahn münden, die Rate der Straffälligkeiten nimmt dann deutlich ab. Allerdings hat ein Großteil der erwachsenen Kriminellen seine ersten Delinquenzen schon im Jugendalter verübt.

Komorbidität

  • Sozialverhalten, StörungenKomorbiditätHinter einem aggressiven Verhalten können sich zusätzlich Angst oder eine Trauer- und Verlustreaktion verbergen im Sinne von gemischten emotionalen und dissozialen Störungen.

  • Mit den hyperkinetischen Störungen (5.11) lässt sich eine hohe Überschneidung feststellen: 50 % der hyperkinetischen Kinder weisen eine Form von oppositionellem Verhalten auf.

  • Eine Anpassungsstörung, ebenso eine spezifische Lernstörung können das Erkrankungsbild verkomplizieren.

  • Aggressive Durchbrüche kommen auch beim organischen Psychosyndrom und der juvenilen Psychose vor.

  • Auch an eine mögliche Phase der „Hyperarousal“, der Übererregung, im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung ist zu denken.

Konventionelle Therapie

Die familienzentrierte Verhaltenstherapie hat sich als Methode der Wahl etabliert. Diese orientiert sich an Theorien des sozialen Lernens und Behandlungsprogrammen. Sie beginnt mit einer systematischen Verhaltensanalyse, wobei die genaue Beobachtung des Kindes selbst schon eine Veränderung des Verhaltens bewirken kann, allerdings nur kurzfristig. Eine Verstärkung der prosozialen Verhaltensweisen und eine Bestrafung des dissozialen Verhaltens werden angestrebt. Dazu werden die Eltern schrittweise angeleitet. Es können auch andere Personen des sozialen Umfelds des Kindes wie Lehrer etc. mit einbezogen werden.
Klassische Psychotherapie sowie ausschließlich Einzelfallhilfe mit Sozialarbeit und -pädagogik haben sich nicht bewährt.
In der Bindungstherapie werden beim Kind mit aggressivem Verhalten die darin verborgenen ursprünglichen Bindungswünsche herausgearbeitet, sodass diese sich mithilfe des Therapeuten in sozial tragfähige und erfolgreiche Muster verwandeln lassen (Brisch 2015).
Ein gezielter symptomenbezogener Einsatz von Psychopharmaka kann einen unterstützenden Beitrag in der Behandlung von Störungen des Sozialverhaltens leisten, sollte jedoch nie als alleinige Behandlungsstrategie eingesetzt werden Wirkungsvoll sind diese Medikamente jedoch nur bei impulsiv-aggressivem Verhalten. Die Wirksamkeit von Stimulantien bei der Reduktion von aggressiven Verhaltensweisen ist inzwischen gut belegt, bezieht sich aber v. a. auf aggressives Verhalten bei zusätzlichem Vorliegen einer hyperkinetischen Störung. Auch beim Jugendlichen, bei dem der dissozialen Verhaltensstörung eine Psychose zu Grunde liegt, können Psychopharmaka gute Hilfe leisten.
Beim dissozialen Jugendlichen müssen psychologische und pädagogische Maßnahmen ergriffen werden, gestützt durch Sozialarbeit, Milieutherapie und Gruppenarbeit. Es kommt auch die Unterbringung in heilpädagogischen Heimen infrage. Bei schwer gestörten Familien sollte damit nicht zu lange gezögert werden, um pathogene Kreisläufe der Beziehungsmuster zu Gunsten des Jugendlichen unterbrechen zu können.

Unterstützende Maßnahmen

Aus pädagogischer Sicht sind folgende Dinge zu beachten:
  • Dem unruhig-aggressiven Kind hilft Rhythmus, Beachtung des Wärmehaushalts und überschaubare Kontinuität des Lebensablaufs. Es kann von einer abendlichen Rückschau auf die Tagesereignisse, mit Geduld und Seelenwärme begleitet, viel Kraft und Lernimpulse schöpfen (Köhler 1995).

  • Das cholerische Kind braucht klare Strukturen und Regeln innerhalb eines großzügig ausgesteckten Rahmens. Es verlangt nach der Atmosphäre von Selbstständigkeit, Toleranz und Freiheit. „Wir müssen dem Choleriker Aufgaben stellen, an denen er seine starken Willenskräfte erproben und entfalten kann. Diese sollten seine Kräfte um ein Geringes übersteigen, sodass er sich anstrengen muss […]. Sie brauchen Menschen, die ihre Sache verstehen, die sie verehren und schätzen können. Biografien, die vom Werden und den Taten bedeutender Menschen erzählen, können den Jugendlichen ansprechen.“ (Eltz 1994)

Insbesondere Buben, die ohne Vater aufwachsen, oder deren Vater häufig abwesend ist, brauchen eine andere männliche Bezugsperson, mit der sie lernen können, männliche Aggressionen und Bewegungsimpulse in einem positiven Kontext auszuleben – etwa durch handwerkliche Kreativität, Sport oder Naturerlebnisse. Männliche Grundschullehrer – so selten sie geworden sind – haben hier eine enorm wichtige Funktion. Künstlerische Tätigkeiten wie Musizieren, besonders mit dem Schlagzeug, und Theaterspielen werden gerne angenommen.

Homöopathische Behandlung

Info

Die Homöopathie kann auf viele gezielte Arzneien bei Störungen des Sozialverhaltens verweisen und versteht sich als Teil eines zeitgemäßen Therapieplans bei verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen. Mit den Autoren Reichenberg und Ulman kann man – extreme, hochakute Störungen ausgeschlossen – sagen: „Es geht auch ohne Ritalin“.

Folgende Repertoriumsrubriken sind angezeigt:
→Zorn (428)
→Heftig (134)
→Raserei (164)
→Eigensinn (158)
Die darin vorkommenden Arzneien lassen sich entsprechend der klinischen Einteilung des Krankheitsbildes – wie oben angeführt – in Gruppen ordnen (Tab. 21.6).

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Cholerisches Temperament

Repertoriumsrubrikencholerisches Kind→Zorn – Kindern, bei (36): acon, cham, cina, lyc, phos, …
→Schlagen – Kindern, bei (20): cham, cina, cur, nux-v, op, tarent, tub, …
→Zorn – leicht, schnell zornig; wird (78): cham, coloc, ferr, gels, graph, lyc, nux-v, phos, plat, psor, thuj, zinc, …
Belladonna
#BelladonnaSozialverhalten, StörungEs gibt liebe, fröhliche, pausbackige Kinder, die charmant und gewinnend sind, die sich gerne anschmiegen und ein harmonisches Umfeld genießen können. Doch rasch kann ihre Stimmung umschlagen in heftigen, ungehemmten Zorn. Sie geraten außer sich wegen Kleinigkeiten. Sie schlagen wild um sich, beißen, toben, rasen. Sie bekommen ein tief rotes Gesicht und einen wilden Ausdruck. Die Eltern erkennen, dass diese so rasenden, unberechenbaren Anfälle rasch aufhören und fühlen sich deshalb selten bedroht. Im Grunde ist der Kontakt mit ihrem Kinde gut. Manchmal äußert sich die Spannung, in der diese vitalen Kinder leben, v. a. nachts in Form von Aufschreien, Pavor nocturnus, Zähneknirschen, Kopfrollen und Alpträumen oder in Fieberkrämpfen.
Chamomilla
#ChamomillaSozialverhalten, StörungAuch dieses Kind kann charmant, lieb und einfühlsam sein, „sanfte und ruhige Gemütslage“. Doch gibt es auch eine andere Seite: äußerst empfindlich, reizbar, grenzenlos anspruchsvoll. Es jammert und provoziert, es ist launisch, „weist Dinge, die es haben wollte, zurück, sobald es sie bekommt“, ist unzufrieden mit allem, es ist alles falsch, was andere tun. Es tobt und wütet, es schmeißt Gegenstände durch das Zimmer (staph). (Hiwat 1999)
Es will weder angesprochen noch berührt werden. Es lässt sich am ehesten durch Herumtragen und Schaukeln beruhigen (cina). Die Eltern sind erschöpft und ratlos. Oft haben sie diese Aufregungen erstmals in der Zahnungsphase des Kindes mitgemacht. Schon damals war die eine Wange rot, die andere blass – als Zeichen der Disharmonie des vegetativen Nervensystems.
Cina maritima
#Cina maritimaSozialverhalten, StörungDieses Kind ist ähnlich irritiert wie bei Chamomilla. Schlagen bei Kindern, Zorn, Weinen, wenn es seinen Willen nicht erfüllt bekommt. Verlangt nach vielerlei Dingen gleichzeitig. Das Kind fürchtet sich, dass ihm jemand nahekommt. Es ist gleichgültig gegenüber allem, auch gegenüber Liebkosungen. Es lässt sich nicht beruhigen. Grobheit, unerzogene Kinder, stößt und tritt, wenn ihm jemand nahekommt. Bekannt als Mittel für „Wurmkinder“.

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Offen aggressives Verhalten

Repertoriumsrubrikenaggressives KindGrößere Kinder, die mit ihrem heftigen Temperament auffallen und noch zu keiner Kontrolle fähig sind.
→Zorn – außer sich, ist (25): acon, dulc, nux-v, puls, verat, …
→Zorn – Widerspruch, durch (81): anac, aur, bry, cham, dulc, ferr, ign, lyc, sep, …
→Raserei, Tobsucht, Wut (164): agar, bell, canth, hyosc, lac-c, lyc, mosch, op, stram, verat, …
→Schlagen (98): bell, cina, hyosc, mill, nux-v, tub, …
Viele der großen Kinderarzneien finden sich darin wieder: Lycopodium, Nux vomica, Veratrum, Hyoscyamus, Mercurius solubilis, Phosphorus, Tuberculinum (23.2).
Es gibt auch Konstitutionsmittel, die nicht unter diesen Rubriken aufscheinen, sich aber in der Kinderpraxis bei aggressiven Störungen bewährt haben – wie z. B. Medorrhinum.
Medorrhinum
#MedorrhinumSozialverhalten, StörungRaserei, Tobsucht, Wut beim Lesen und Schreiben: Dieses markante Symptom aus dem Repertorium ist nur Medorrhinum eigen und bezieht sich auf die bekannte Lernstörung dieser Arznei (5.12). Bei Wut, Zorn, Schlagen findet sich die Arznei nicht genannt. Ein möglicher Grund: Sie wurde bei Kindern noch zu wenig geprüft. Wut – plötzlicher Anfall; Wut, wenn man dem Kind nicht gehorcht (lyc); Wut, wenn man es nicht sofort versteht und ihm nicht gibt, was es haben will; Wut, grundlose Ausbrüche mitten im Spiel; Zorn – Jähzorn; Zerstörungsdrang. Schlagen, anderer Kinder; Kind schlägt die Eltern während der Konsultation. Aber auch: Schläge – Verlangen nach harter Bestrafung von Seiten des Kindes (ars). Durch die Berücksichtigung der Ätiologie dieser Arznei kann ein Verständnis für Kinder mit diesem Verhalten erwachsen: Beschwerden durch Tadel und durch Grobheit anderer, empfindlich gegen Vorwürfe, Verzweiflung durch die geringste Kritik.
Medorrhinum: eine bewährte Arznei, wenn aggressives Verhalten mit Hyperaktivität gekoppelt ist – wie Mercurius solubilis, Tarantula, Tuberculinum (Gnaiger 2002).

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Zerstörerisches Verhalten

Repertoriumsrubrikenzerstörerisches Verhalten→Destruktivität, Zerstörungswut (69): bell, cupr, hyosc, nux-v, stram, tarent, …
→Zerbricht Dinge (25): apis, nux-v, staph, stram, tub, …
→Reißt an etwas – Gegenstände; zerreißt (25): bell, camph, cimx, kali-p, nux-v, stram, tarent, verat, …
→Töten, Verlangen zu (77): ars, bell, hep, hyosc, iod, med, merc, nat-s, nux-v, petr, phos, plat, staph, stram, …
→Zorn – erstechen, er könnte jeden (12): anac, dulc, hep, zinc, …
Stramonium
#StramoniumSozialverhalten, StörungDas Verhalten dieser Kinder zeigt ähnliche Züge wie die Kinder, die Belladonna brauchen – als Abbild der botanischen Verwandtschaft der beiden giftigen Arzneien aus der Familie der Nachtschattengewächse. Doch alle Züge fallen hier markanter, roher, gröber aus, der kindliche Charme leuchtet nur mehr selten durch. Es gilt als das destruktivste Mittel mit der ausgeprägtesten Form von Zerstörungswut. Schüchtern und zaghaft, dann aber erregt, geschwätzig und distanzlos; kindisches Verhalten, albern, Mangel an moralischem Empfinden, eifersüchtig. Erschrickt leicht, Ängste, besonders nachts, im Dunkeln, alleine. Furcht vor vielerlei, auch vor eingebildeten Dingen. Sehr argwöhnisch. Wildheit, flucht, droht, andere mit einem Messer anzugreifen, die Möbel zu zerbrechen, jemanden zusammenzuschlagen. Zerreißt das Kissen mit den Zähnen, zerkratzt das Gesicht des Vaters, spukt Menschen ins Gesicht, beißt Menschen. Zorn mit rotem Gesicht. Beim Pavor nocturnus oder in den Träumen kann sich die ganze Palette der typischen Wahnvorstellungen dieses Mittels äußern.
Das Kind erwacht entsetzt, erkennt niemanden, schreit, klammert sich an die Umstehenden und meint, alle bösen Geister verfolgen ihn, Hunde greifen ihn an. – ein typisches Verhalten im Kleinkindalter, in dem Stramonium oft gebraucht wird, vornehmlich bei Kindern nach einer traumatischen Geburt (Mayer 2014 nach Van der Zee 2003) oder einer anderen heftigen Gewalterfahrung.
In der Pubertät kann die innere Spannung, gepaart mit Angst und Kummer, wiederum zu wilden Ausbrüchen führen. Siehe auch Kasuistik „Unser Kind ist wild geworden“.
Hyoscyamus niger
#Hyoscyamus nigerSozialverhalten, StörungStramonium sehr ähnlich, wirkt dieses Kind noch verkrampfter, noch unnatürlicher, noch gezierter, kauziger und noch verzerrter. Es ist ungeschickt und unangepasst in seinem ganzen Gehabe. Es ist meist blass und hat oft einen sehr düsteren, misstrauischen, ja verzweifelten Blick. Viele quälende Ängste, eine übertriebene Phantasie und eine große Fülle der wirrsten Vorstellungen (Wahnideen) halten die Seele in Bann. So skurril und abartig diese Arznei klingen mag und so sehr sie an imbezille Patienten oder psychotische Phasen eines Jugendlichen erinnern mag – wo sie auch wirksam einzusetzen ist –, so wenig darf man sie beim Kleinkind in der Alltagspraxis übersehen. Nicht selten hat schon ein braves, zierliches Mädchen große Hilfe davon erfahren, wenn sie in ihrer Rolle als Älteste in der Geschwisterreihe sich überfordert und vernachlässigt fühlte: Sie verzehrt sich in Eifersucht, sie wird still und zieht sich zurück, sie macht manchmal ganz unerwartet und ungeschickt mit lächerlichen, gezierten Possen auf sich aufmerksam, bricht plötzlich in heftigen Zorn aus, schreit nachts aus dem Schlaf auf und berichtet von wilden Alpträumen.
Zur Ergänzung: Beim Fieberdelir und Fieberkrampf (6.2) findet sich Hyoscyamus wieder.
Anacardium orientale
#Anacardium orientaleSozialverhalten, StörungVerträgt absolut keinen Widerspruch, widerspricht selbst jedoch dauernd. Heftiger Zorn, so wütend, dass er jeden erstechen könnte. Mutwillig, grob, boshaft, grausam, unmenschlich. Fluchen, voller Hass und Rachsucht (nux-v). Hinter diesem Verhalten steckt ein Kind oder Jugendlicher, der sehr empfindlich ist, schwer lernt, kein Selbstvertrauen hat und innerlich zerrissen ist mit dem Gefühl, er habe zwei Willen in sich. Wahnidee, der Körper sei getrennt von der Seele (thuj), er sei getrennt von der Welt (hydrog), der Teufel spreche ihm in das eine, ein Engel spreche ihm in das andere Ohr. Anacardium deckt auch die Symptomatik der Selbstbeschädigung wie Ritzen ab (Gnaiger-Rathmanner 2014).
In der Praxis kann der Zugang zu dieser Arznei über einen nässenden, juckenden, brennenden, bläschenförmigen Hautausschlag führen.
Cantharis
#CantharisSozialverhalten, StörungDie Spanische Fliege reizt nicht nur die Haut zu schmerzhaft brennenden Blasen. Auch das Gemüt ist hoch erregt und überreizt bis zu Raserei und Tobsucht. Beißen, Schlagen – gegen Personen oder eingebildete Gegenstände, Ziehen an den Haaren, Schreien, Brüllen mit verzerrtem Gesichtsausdruck und aller Zügellosigkeit gehören zum Repertoire dieser Arznei, die auch bei Tollwut früher eingesetzt wurde. Es gehört neben Lyssinum und Stramonium zu den impulsivsten Arzneien. Schüchtern, unsicher, schweigsam, Ängste nachts im Bett, mit großer Ruhelosigkeit – das ist die Kehrseite dieser Ausbrüche. Das Kind klammert sich an die Mutter, leidet unter den schlimmsten Vorstellungen: Es meint, jemand sei unter seinem Bett, jemand würde ihn mit eiskalten Händen am Hals packen und ersticken oder es sieht tote Personen. Besonders empfindlich reagieren diese Kinder unter Beleidigungen: reizbar durch Beleidigungen (Kasuistik „Unser Sohn beißt, schlägt und spuckt“).

Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Verdecktes aggressives Verhalten

Repertoriumsrubrikenaggressives Kind→Beschwerden durch – unterdrückten Zorn; durch (50): aur-m-n, coloc, germ-m, ign, ip, lyc, nat-m, staph, …
→Hinterhältig, hinterlistig, falsch, verschlagen (50): ars, aur, bell, lach, med, nat-m, nux-v, op, sacch-a, tarent, …
→Heuchelei (11): lyc, puls, sil, sulph, …
→Lügner (32): kola, morph, op, syph, verat, …
→Kleptomanie (37): art-v, bell, cur, nux-v, puls, sulph, …
Nux vomica
#Nux vomicaSozialverhalten, StörungTaktlos, gereizt, mürrisch, eigensinnig, auf die geringsten Anlässe zu kaltem Zorn fähig. Streitsüchtig, wenn sie/er gestört wird. Zorn durch Widerspruch, zornig, wenn er antworten muss. Alles < morgens. Andererseits können es herzliche, intelligente, gewissenhafte, ehrgeizige Jugendliche sein, die sich geistig überanstrengt haben, einen Misserfolg oder einen Liebeskummer nicht überwinden können und daran ihren Halt verlieren. Sie geben keine Antworten mehr, werden hinterhältig, verschwenderisch, beginnen zu stehlen, zu lügen, verfallen dem Alkohol. Sie sind voller Furcht vor Annäherung, vor Unglück, vor einer drohenden Krankheit, vor dem Tod. Es gibt auch Phasen offener Aggression bis zum Kontrollverlust: Zorn – ist außer sich. In ihrem Inneren toben Hass und Rachsucht.
Lachesis muta
#Lachesis mutaSozialverhalten, StörungDiese Kinder sind vital und unnachgiebig, mit ausgeprägtem Spürsinn und Interesse für die Beziehungsebene in ihrer Umgebung: hellsichtig. Sie sind originell und lieben es, den Ton anzugeben, schon alleine wegen ihrer großen Eifersucht. Anpassung ist von ihnen kaum zu erwarten, anders als bei Pulsatilla oder Natrium muriaticum. Sie wählen nie den offenen Weg der Konfrontation. Sie weichen grundsätzlich aus und sind darin sehr erfinderisch. Redselig, hinterlistig, intrigant, boshaft – oft schon als kleines Kind. Sie können dadurch die Beziehung ihrer Eltern sehr auf die Probe stellen. Es gibt auch den Rückzug: z. B. in die Religiosität in der Pubertät, wenn sie ihre Lage nicht mehr überblicken. Oder sie brechen ganz aus und überlassen sich ihrem Hang zum Exzentrischen (phos). Eine Bestätigung für Lachesis sind die Modalitäten: Unverträglichkeit von Hitze und von Beengung, z. B. von enger Kleidung (Gnaiger 1995). Siehe auch Kasuistik „Unsere Tochter der Störenfried in der Familie“.
Bufo rana
#Bufo ranaSozialverhalten, StörungGroße, kräftige Kinder, bei denen die seelisch-geistige Entwicklung zurückgeblieben ist: kindisches Benehmen, nur der Körper wächst (bar-c). Diese Disharmonie muss nicht nur imbezille Kinder betreffen, sondern kann als Übergang bei einem Entwicklungsschub auftreten. Dies ist wohl die Grundlage dafür, warum Dorcsi die Arznei Bufo als bewährtes Mittel für die Pubertät bezeichnet hat. Eine Arznei, die erst in jüngerer Zeit in ihrer vollen Bedeutung erkannt wurde. Alle Tierarzneien vertreten eine bestimmte Facette vom Werden zum Menschen aus den alten Hüllen hervor. Bufo begleitet die Entwicklung des Kindes angesichts seines tierhaften, vitalen, sexuellen Instinktes zum tatkräftigen, furchtlosen, kreativen reifen Erwachsenen – dort, wo diese Hilfe Not tut und das Gesamtbild der Symptome für Bufo spricht (Mattitsch 1994). Diese Kinder sind passiv und friedfertig, aber passiv in allem. Darin liegt ihre Form der Destruktivität. Sie setzen sich über alles hinweg, halten sich an keine Regeln, lachen kindisch und grundlos. Mangel an moralischem Empfinden. Eigensinnig, misstrauisch, hinterhältig. Sie laufen ziellos umher, suchen Gesellschaft, sind meist sexuell frühreif und sehr erregt – lasziv, lüstern, obszön, schamlos. Sie lieben es, nackt zu sein, entblößen sich gerne und oft unvermutet (hyos). Großer Hang zur Masturbation, sie verlangen nach Einsamkeit, um zu onanieren (ust). Zornig werden diese Kinder nur, wenn sie sich missverstanden fühlen. Ihre eigentliche Not um echte Kommunikation erschließt sich auch aus der Ätiologie: Beschwerden durch enttäuschte Liebe. Siehe auch Kasuistik „Meine Tochter lügt“.
Repertoriumsrubriken und homöopathische Arzneimittel: Aggressives Verhalten mit depressiver Grundstimmung
aggressives Kindmit depressiver Grundstimmung→Beschwerden durch – Zorn – Entrüstung, Empörung; mit (20): aur, coloc, nat-m, nux-v, staph, …
→Beschwerden durch – Zorn – stillem Kummer; mit (28): acon, aur-m-n, bry, chin, cocc, coloc, ign, lyc, nat-m, ph-ac, staph, …
→Zorn – Liebe, aus enttäuschter (3): hyos, lach, nat-m
→Manie – Schicksalsschläge, durch (7): anac, bell, hyosc, lach, phos, stram, verat
Die Arzneimittellehre gibt dem Therapeuten die Aufforderung, beim Patienten mit heftigem, zerstörerischem Verhalten tiefer zu blicken und den Fragen von Verfassung, Ätiologie und Motivation nachzuforschen – auch wenn die Situation gegenwärtig uneinfühlbar erscheint. Oft erschließen sich einem solchen Bemühen fassbare Hinweise auf ein auslösendes Trauma, das noch unverarbeitet ist. Die aggressivsten Arzneien finden sich unter der Rubrik Manie durch Schicksalsschläge wieder: Anacardium, Belladonna, Hyoscyamus, Lachesis, Phosphor, Stramomium, Veratrum.
Bei Zorn aus enttäuschter Liebe sind Natrium muriaticum, Hyoscyamus und Lachesis aufgelistet.
Viele Arzneien, die bei den depressiven Störungen (21.12) angeführt sind, stehen ebenso unter der Rubrik Beschwerden durch Zorn mit stillem Kummer (ign, lyc, nat-m, staph.; ferner auch hyos und nux-v).

Kasuistiken

Kasuistik

Unser Kind ist wild geworden (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Moritz B., fünf Jahre alt (Abb. 21.5), der erste von zwei Knaben. Das Kind ist nervös und zappelig, ist überempfindlich und weinerlich. Es kann wegen Kleinigkeiten verzweifeln, so auch wegen einer geringen Zurechtweisung oder eines täglichen Abschieds von Freunden. Insbesondere kann das Kind furchtbar zornig werden. Es ist wild, schäumt vor Wut, schimpft, schlägt und zwickt – nicht nur gegenüber seinem kleinen Bruder, sondern auch im Kindergarten. Dort ist er dominant und unflexibel, das blindwütige Schlagen wird zum Problem, auch wenn es ihm nachher leidtut.
Die Mutter fragt sich: Quält ihn die Eifersucht auf seinen jüngeren Bruder? Irritiert ihn die etwas ungerechte Art der Erzieherin, welche die Mädchen offensichtlich bevorzugt? Moritz hat Angst, v. a. nachts. Es gibt Erwartungsängste vor jeder Veränderung. Manchmal ist er für Zuspruch völlig unzugänglich und sagt zu allem Nein. Er ist überhaupt erst mit drei Jahren für Liebkosungen zugänglich geworden.
Familie: Es ist ein geliebtes und behütetes Kind aus einer geordneten Familie, die Mutter ist zu Hause und wirkt ausgeglichen.
Bisherige Entwicklung: Perinatal unauffällig, normale sensomotorische Entwicklung; ein leichter Sprachfehler, früher Pavor nocturnus und Zähneknirschen, einmal Fieberkrampf – insgesamt als Zeichen einer etwas hypertonen Grundspannung zu werten.
Aussehen: Blass, dunkle Augenringe, scheuer Blick, eher zarter Körperbau, dunkles Haar.

Repertorisation

→Eifersucht (87)
→Weinen – Kleinigkeiten, über (55)
→Wildheit (44)
→Zorn – Widerspruch, durch (81)
→Zorn – Kleinigkeiten, über (95)
→Schüchternheit (223)
→Angesprochen zu werden – Abneigung (77)
→Angst – nachts – Kindern, bei (29)
→Beschwerden durch – Liebe, enttäuschte (57)
Bei Eifersucht, Weinen und Schüchternheit bieten sich in erster Linie die typischen „Kummermittel“ an. Doch gekoppelt an ein so heftiges, aggressives Verhalten – welche Arzneien kommen hier infrage?

Verordnung und Verlauf

Vor einem halben Jahr gab es schon einmal eine aggressive Episode, damals hatte Belladonna kurzfristig geholfen. Jetzt bekommt Moritz die verwandte Arznei Stramonium D200. Diese umfasst auch die früheren Symptome Zähneknirschen und Pavor nocturnus. Letzteres Symptom verdrängt ähnliche Arzneien wie Veratrum, Hyoscyamus, Nux vomica und Ignatia vom ersten Rang.
Stramonium hat sofort gutgetan, das Kind ist daheim und im Kindergarten ruhiger, belastbarer. Er ist nun kein „Schläger“ mehr. Das hat über Monate angehalten. Mit Stramonium D 30, sporadisch 3 × 5 Globuli je einen Tag lang verabreicht, können neuerliche Irritationen beim Kind gut abgefangen werden.
Ein Gespräch mit der Kindergartenleitung brachte Entspannung in der Gruppe. Zusätzlich hat die Mutter bei der Erziehungsberatung erfahren, dass sie keine Angst vor den aggressiven Phasen ihres Kindes zu haben braucht. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie gelernt, deutliche Grenzen auszustecken und lässt innerhalb dieses Rahmens Großzügigkeit walten, indem sie nicht mehr jedes einzelne Verhaltensdetail kommentiert.

Beurteilung

Ein Beispiel dafür, dass heftige Aggression beim Kleinkind auch in geordneten Familien vorkommen kann, und wie sich Homöopathie und Erziehungsberatung fruchtbar ergänzen. Die rasche Wirkung der Arznei kann als Bestätigung dafür gesehen werden, dass Eifersucht und Kummer eine bedeutende Rolle in der Psychodynamik des Kindes gespielt haben. Auch die verdeckten Ängste hinter dem aggressiven Verhalten sind durch Stramonium gut erfasst.

Kasuistik

Unser Sohn beißt, schlägt und spuckt (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Sebastian M. (Abb. 21.6), zwei Jahre alt, Einzelkind. Das Kind beginnt zunehmend zu schlagen, und zwar fest, zu beißen und andere an den Haaren zu ziehen. Er tut dies bei den Eltern und im Spiel mit anderen Kindern, scheinbar ohne äußere Veranlassung. Es geschieht allerdings nur in Anwesenheit der Mutter. Sebastian ist anfallsartig zornig, stampft dabei heftig auf den Boden. Er kann auch brav und folgsam sein. Vielleicht ist er verunsichert, da die Familie vor einem Monat in eine neue Wohnung übersiedelt ist? Er läuft dort noch häufig orientierungslos hin und her.
Familie: Die Mutter ist zu Hause und bezeichnet sich als sehr unsicher gegenüber ihrem ersten Kind. Der Vater ist sehr tüchtig und meist beruflich die ganze Woche auswärts.
Bisherige Entwicklung: Termingeburt mit Vakuum, Apgar 9/9/9. Als Baby leichter hypertoner Muskeltonus, motorische Entwicklung etwas verzögert. Pertussis mit vier Monaten, rezidivierender spastischer Husten ab dem zweiten Lebensjahr.
Aussehen: Blass, eher kräftige, gröbere Gesichtszüge, angedeuteter Epikanthus, gedrungene Gestalt. Wirkt in der Praxis verträumt und reserviert.

Repertorisation I

→Beißen (112)
→Schlagen (98)
→Ziehen – Haaren, an den (19)
→Raserei, Tobsucht, Wut – anfallsweise (19)
→Schamlos (36)
→Grobheit (62)
Bei einem so ausufernden Verhalten ist man eher dazu geneigt, nicht allein auf die Kinderrubriken zu greifen, sondern allgemeine übergeordnete Rubrik zu wählen, wie unter „Schlagen“, „Beißen“ etc. Die Palette der destruktivsten Arzneien erscheinen dann: Stramonium, Veratrum, Hyoscyamus, Belladonna, Cantharis, Nux vomica.

Verordnung und Verlauf I

Das Kind hatte anderenorts schon Belladonna D 200 bekommen, ohne Erfolg. Nun wurde Cantharis D 200 verabreicht. Warum dieses? Ein intuitiver Moment, um diese gerade studierte, spannende Arznei zu versuchen. Das Kind wurde viel ruhiger und konnte sich wieder an die Mutter anschmiegen. Cantharis D 200 wurde nach einem Monat wiederholt.
Ein halbes Jahr später, mit zweieinhalb Jahren, war das Kind wieder voller Unruhe, Wildheit und Aggression. Cantharis D 200, nach einem Monat Cantharis M, brachten wiederum eine wesentliche Entspannung in sein Verhalten. Die Mutter vertraut sich nun an und berichtet von ihrer eigenen langjährigen Leidensgeschichte infolge einer Bulimie mit vielen Therapieansätzen. Sie leidet v. a. unter großen Trennungsängsten gegenüber ihrem Kind und kann es deshalb nicht richtig führen. Sie akzeptiert nun wieder für sich selbst eine Therapie, unter anderem auch eine homöopathische.
Als Sebastian viereinhalb Jahre alt ist, verzweifelt die Mutter beinahe an ihrem Kind: „Unser Sohn wächst uns über den Kopf!“ Er hat an einem anderen Kind einen hemmungslosen, unbeherrschbaren Gewaltausbruch miterlebt, und seither ist er nicht zu bändigen. Besonders gegenüber der Mutter entgleist er mit Schlagen und Werfen von Gegenständen nach ihr. Schlagen, Beißen, Spucken, blindwütiges Toben gehören nun zu seinem Repertoire. Jeder Tadel, jede Unregelmäßigkeit des Tagesablaufs kann dieses Verhalten auslösen. Daneben zeigt er jetzt panische Ängste vor vielem, vor Kleinigkeiten; nachts klammert er sich an die Eltern.

Repertorisation II

→Zügellosigkeit (49)
→Wildheit (44)
→Boshaft mit Zorn (15)
→Angst nachts (165)

Verordnung und Verlauf II

Dabei bestätigt sich der bisherige Weg: Cantharis D 200 und M brachten neuerlich die Wende. Er lernt jetzt, seine Grenzen und die anderer wahrzunehmen und anzuerkennen. Die Mutter hat gelernt, sich bei ihrem Sohn Respekt zu verschaffen. Sie hat nun Erfolg damit und gewinnt an Sicherheit.

Beurteilung

Eine Art Deprivationsstörung des Kindes bei einer unsicheren und unreifen Mutter habt zu diesem hochgradig ambivalenten Verhalten gegen seine Bezugsperson geführt. Oft braucht es mehrere Gespräche und ein Stück suchenden Weges, um gemeinsam zu einem Verständnis der Verhaltensweise des Kindes zu gelangen.

Kasuistik

Unsere Tochter, der Störenfried in der Familie (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Dietlind H. (Abb. 21.7), sieben Jahre alt, ist das vierte von sechs Geschwistern. Das Mädchen wird wegen seiner Neurodermitis, die seit dem ersten Lebensjahr besteht, und massivem Nagelbeißen vorgestellt. Doch der Hauptteil der Anamnese dreht sich um das Verhalten des Kindes.
Dietlind hilft gerne, ist verlässlich, kann gut und intensiv spielen. In der großen Familie hat sie die Rolle der Lauten, Lebhaften, Extravaganten, Fordernden, was die Familie sehr strapaziert. Sie kämpft um ihr Revier, sie ist geltungssüchtig, dominant und reagiert in allem übertrieben, man könnte sagen hysterisch. Sie ist grob, sie zwickt und schlägt und macht Terror mit ihren Schreianfällen. Zudem zeigt sie sich hinterlistig, ungeduldig und besitzergreifend. Sie ist sehr eifersüchtig, besonders auf ihre beiden Schwestern. Beim Schlucken hat sie Angst zu ersticken, was manchmal dramatische Szenen verursacht. Sie beißt sich beim Essen oft in die Zunge. Sie ist schokoladensüchtig und würde für Süßes in den Worten der Mutter „über Leichen gehen“. Im Kindergarten scheint sie unterfordert zu sein und klagt über Langeweile. Im Spiel mischt sie in ihrer Phantasie häufig Gift.
Leibsymptome: Die Haut ist derzeit gut. Auffallend ist ihre große Anfälligkeit für Hämatome. Ihr ist immer zu heiß, sie zieht sich gerne aus; guter Schlaf, doch immer eng angeschmiegt an die Mutter, was die Mutter als besitzergreifend und übertrieben empfindet.
Familie: Geordnete Großfamilie mit sechs Kindern, die Mutter ist Krankenschwester.
Bisherige Entwicklung: Rasche Geburt, zweimalige Nabelschnurumschlingung ohne Zyanose. Häufig Bauchschmerzen als Säugling.
Aussehen: Blass, klein und zart, sehr flink und aufmerksam, auffallende Augenringe, spricht lebhaft, fast geschwätzig, spielt den Kasper.

Repertorisation

→Zorn – Kleinigkeiten, über (95)
→Schreien – Raserei, während der (12)
→Hysterie (275)
→Eifersucht (87)
→Ichbezogenheit, Selbstüberschätzung (55)
→Frühreife, altkluge Kinder (37)
→Hinterhältig, hinterlistig (50)
→Furcht – Ersticken, vor dem (63)
→Gemüt – Beißen, Nägel (74)
→Wahnideen – vergiftet – er – worden; er sei (80)
Warum eine so große Rubrik wie „Hysterie“ wählen? Das Kind zeigt dieses Symptom ausgesprochen, und es gibt dazu keine passendere Rubrik. Das anmaßende Verhalten insgesamt kann auch als Frühreife angesehen werden, jedenfalls nimmt das Kind eine unangemessene Rolle in der großen Familie ein, aus welchem Grund auch immer. Die originelle, „gefährliche Giftmischerei“ lässt sich nur indirekt in den Rubriken finden. Für viele der Symptome ist Lachesis, insbesondere bei Frauen – und so auch Mädchen, bekannt. So dient die Repertorisation nur zur prüfenden Bestätigung. Hinter Lycopodium und Sulphur steht es an dritter Stelle.

Verordnung und Verlauf

Lachesis D 200. Eine Woche später juckt die Haut am ganzen Körper, das Kind kratzt sich blutig. Auch im Verhalten ist „alles schlimmer“; sehr aggressiv, verweigert alles – eine Erstreaktion. Nach zwei Monaten wirkt das Kind in allem ruhiger, zufriedener und angepasster. Es spielt stundenlang, bevorzugt Rollenspiele. In der Familie ist es deutlich ruhiger geworden. Nachts sucht sie sich jetzt den Vater aus. Die Haut ist fast gut, das Nägelbeißen und die Angst vor dem Ersticken sind vorbei. Noch eine Gabe Lachesis M zum Abschied. Nach einem dreiviertel Jahr ein Anruf: Kein Rückfall mehr, weder im Verhalten noch an der Haut. Der Eintritt in die Schule ist dem Mädchen gut gelungen.

Kasuistik

Meine Tochter lügt (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Nora P. (Abb. 21.8), 13 Jahre alt, die dritte von vier Kindern. Die Mutter kommt alleine – mit einem Foto ihrer Tochter. Das Mädchen ist körperlich frühreif, war schon mit elf Jahren voll entwickelt und hatte auch schon ihre erste Menstruation (Menarche). Seit einem halben Jahr hat sie sich sehr verändert, sie ist für die Eltern kaum mehr wiederzuerkennen. Sie lebt „ein Doppelleben“ zwischen Anpassung und Verweigerung. Sie hatte schon Alkoholprobleme, missachtet jede Abmachung mit den Eltern; sie stiehlt. Das Schlimmste ist aber das Lügen. Sie lügt „das Blaue vom Himmel“, ohne ersichtlichen Grund wegen nichtiger Kleinigkeiten. Sie wirkt völlig gewissenlos. Die Mutter empfindet dies als zerstörerisch, da ein Vertrauen kaum mehr möglich zu sein scheint. Sie kann auch sehr charmant sein, sie hat fast zu viele Freunde, brüstete sich mit Männern. In der Schule sind die Leistungen völlig abgefallen, aller Fleiß ist dahin.
Familie: Nora stand im vergangenen Jahr ganz im Schatten der Probleme, die die Eltern mit ihrer älteren Schwester hatten.
Bisherige Entwicklung: In der Schwangerschaft war die Mutter wegen Eheproblemen sehr unglücklich und weinte viel. Der Vater hatte das Kind von Anfang an abgelehnt. Eine Sturzgeburt zwei Wochen zu früh, dann schrie das Kind „fünf Monate lang“, schlief kaum, gedieh kaum. „Bis zum Alter von zwei Jahren war es eine Katastrophe mit dem Kind, und der Vater fand keinen Zugang zu ihm.“ Später war die Mutter immer besorgt, da das Kind sich ihr weder öffnete noch je echte Freude zeigte, aber es machte auch nie eine Trotzphase durch. Das Lügen gab es schon damals, bis etwa zum Alter von acht Jahren.
Aussehen: Abgewandter Blick, verspannte, trotzig wirkende Mundpartie, zerzaustes Haar (Abb. 21.8).

Repertorisation

→Moralischem Empfinden; Mangel an (68)
→Kindisches Verhalten – Körper wächst, nur der (2)
→Herausfordernd (41)
→Mutwillig (43)
→Faulheit (381)
→Destruktivität, Zerstörungswut (69)
→Lügen (32)
→Frühreif (37)
Obwohl die Arznei bei den Rubriken Lügen und Frühreife nicht aufscheint, wird sie ausgewählt, da sie als bevorzugte Arznei für ausfälliges pubertäres Verhalten gilt: Bufo. Körperliche Frühreife bei kindischem Verhalten – das ist nur für Bufo und Barium carbonicum bekannt.

Verordnung und Verlauf

Bufo D 200. Nach einem Monat kommt das Mädchen mit in die Sprechstunde. Das Mittel habe gutgetan. Nora lügt nicht mehr, dafür hat sie mehr Mut für offene Diskussion und Widerstand. Sie ist zufriedener und zugänglicher geworden. Sie kann sich nun mitteilen und sagt, dass sie sehr traurig wegen der Probleme ihrer Schwester und wegen des häufigen Streits ihrer Eltern sei. Sie hatte sich keinen Rat gewusst, sie weint und schluchzt beim Erzählen. Außerdem habe sie oft an ihre Tante denken müssen, die in ihrer Jugend schwer drogensüchtig gewesen war. Sie bekommt Bufo M zur Stabilisierung ihres Zustands.
Nach einem halben Jahr: Es geht Nora auffallend gut, es ist ein völliger Neuanfang gelungen. Sie ist für ihr Leben in allem sehr motiviert und ist fröhlich. Sie hat nie mehr gelogen, dafür gibt es eine völlig neue Verhaltensweise: Sie lässt sich auf Konflikte ein, sie wird heftig und zornig und schreit. Die Familie erlebt dies als große Entlastung gegenüber früher.

Literatur (21.1)

Brisch, 2002

K.H. Brisch Klassifikation und klinische Merkmale von Bindungsstörungen Monatsschrift Kinderheilkunde 150 2 2002 140 148

Döpfner and Lehmkuhl, 2002

M. Döpfner G. Lehmkuhl Aggressiv-dissoziale Störungen Monatsschrift Kinderheilkunde 150 2 2002 179 185

Reichenberg-Ulman and Ulman, 2002

J. Reichenberg-Ulman R. Ulman Es geht auch ohne Ritalin 2002 Michaels Verlag Peiting

Homöopathische Literatur

Dorcsi, 1985

M. Dorcsi Vortrag über Bufo rana Homöopathiekurs in Baden 1985

Gnaiger, 1981

J. Gnaiger Das zornige Kind Documenta Homoeopathica 4 1981 97 104

Gnaiger, 1995

J. Gnaiger Lachesis muta beim Kind Documenta homoeopathica 15 1995 61 74

Gnaiger, 2002

J. Gnaiger Medorrhinum – eine Arznei für „moderne Kinder“ AHZ 247 3 2002 91 100

Gnaiger-Rathmanner, 2014

J. Gnaiger-Rathmanner Kinder und Jugendliche im Erregungszustand. Drei Kasuistiken mit „hyperarousal“ AHZ 259 05 2014 20 27

Hiwat, 1999

C. Hiwat Anger from pain. A case of Chamomilla and its differenzial Diagnosis Homoeopathic Links 5 1999 288 290

Mattitsch and Gnaiger, 1994

G. Mattitsch J. Gnaiger Die Tierarzneien, Seminar in Wien 1994

Mayer, 2014

B. Mayer Traumatische Geburten. Die heilsame Kraft von Stramonium Documenta Homoeopathica 30 2014 229 239

Schroyens, 2009

F. Schroyens Synthesis Treasure Edition 2009 Hahnemann Institut Greifenberg

Schroyens, 2006

F. Schroyens Synthesis 10.5 in RADAR expert plus for Windows. Archibel S. A., Assese 2006

Van der Zee, 2003

H. Van der Zee Die Geburt – eine Reise durch die Miasmen 2003 Sonntag Stuttgart

Autistisches Syndrom und Zwangssymptomatik

Jutta Gnaiger-Rathmanner

Neuere epidemiologische Untersuchungen kommen zu wesentlich höheren Prävalenzzahlen des Autismusautistisches SyndromZwangsstörungen als Studien der 1970er-Jahre. Höchstwahrscheinlich liegt kein tatsächlicher Anstieg vor, sondern eine größere Sensibilität gegenüber der Störung, sorgfältigere Untersuchungsmethoden sowie eine weniger enge Schweregraddefinition, verbesserte Instrumente der Diagnostik und der Einschluss von Betroffenen mit einem annähernd normalen bis sehr guten intellektuellen Leistungsvermögen. (Lehmkuhl et a. 2013)

Grundlagen

In Bezug auf das gesamte autistische Spektrum erkranken sechs bis sieben Personen auf 1000, während früher eine Häufigkeit von fünf pro 10.000 angenommen wurde. Es überwiegt das männliche Geschlecht im Verhältnis drei bis vier Knaben zu einem Mädchen. Ein vorwiegendes Auftreten in intellektuellen Familien wurde früher beobachtet, kann aber heute nicht bestätigt werden.
Autismus, als Begriff von Bleuler eingeführt, von Leo Kanner 1943, von Hans Asperger 1944 pädiatrisch eingesetzt, bezeichnet eine Kontaktstörung im Sinne des Rückzugs von der Welt und von der Realität in eine subjektive seelische Binnenwelt. Die Diagnose Autismus beruht bis heute im Wesentlichen auf der Beschreibung eines derartigen Verhaltens und besteht aus einer komplexen Mehrfachbehinderung.

Klassifikation

Im Konzept der „tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ fasst die internationale Klassifikationautistisches SyndromKlasssifikation im ICD-10 und DSM-IV alle autistischen Syndrome zusammen.
  • Der frühkindliche Autismus wurde 1943 zum ersten Mal von Leo Kanner aus den USA beschrieben. 75 % dieser Kinder sind geistig behindert und entwickeln häufig – vorwiegend ab der Pubertät – eine Epilepsie.

  • Der atypische Autismus bezeichnet Kinder, die die vier Kriterien nur unvollständig erfüllen, insbesondere mit späterem Krankheitsbeginn.

  • Das Asperger-SyndromAsperger-Syndrom wurde 1944 von Hans Asperger aus Wien als autistische Psychopathie beschrieben und bezeichnet eine Störung insbesondere der sozialen Interaktion mit stereotypen Verhaltensweisen. Es fehlen die gestörte Sprachentwicklung und die kognitive Beeinträchtigung.

  • Als desintegrative Störung des Kindesalters wird ein Erkrankungsverlauf bezeichnet, bei dem Kinder nach einer unauffälligen Entwicklung erst im dritten bis vierten Lebensjahr einen Entwicklungsknick nach unten im Sinne des Autismus durchmachen.

Nach der ICD-10 (1993) und dem DSM-IV (2000) müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
  • Qualitative Beeinträchtigungen im Bereich der gegenseitigen sozialen Interaktion

  • Qualitative Beeinträchtigungen im Bereich der Sprache und der Kommunikation

  • Eingeschränkte, sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten

  • Diese Störungen müssen vor dem 36. Lebensmonat vorhanden sein.

Rege aktuelle Diskussion zu Diagnose und Konzept hat der neue amerikanische Diagnoseschlüssel DSM-5 von 2013 mit sich gebracht. Darin wurde der Begriff „Childhood desintegrative Disorder“, die tiefgreifende Entwicklungsstörung, ersatzlos gestrichen zugunsten des Begriffs Autismus-Spektrum-Störungen. Darin fallen die bisherigen Unterteilungen weg, weil angeblich die Validität und Reliabilität unter den einzelnen Diagnosen gemäß neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen inkonsistent geblieben ist. Den neu formulierten Diagnose-Kategorien werden unter anderem Auswirkungen auf die Häufigkeit der Diagnose Autismus, auf die Bestimmung des Schweregrads der Erkrankung sowie auf das Erfassen der komorbiden psychischen Erkrankungen zugesprochen. (Freitag 2014)

Ätiologie

Die Ursachen der autistischen Störungen sind heterogen. Auf Grund der zunehmend häufig gestellten Diagnose Autismus werden entsprechend viele Untersuchungen und Theorien erstellt. Neben konstitutionell-genetischen Faktoren sind auch Umweltfaktoren als Trigger wahrscheinlich. Hirnbiologische, gen-topographische sowie kognitive, neuropsychologische und psychosoziale Faktoren werden beforscht.
Als wichtigste ursächliche Momente werden heute diskutiert:
  • Genetische Komponente

  • Biochemische Defizite wie Zinkmangel oder gestörter Eiweißstoffwechsel (z. B. Pfeiffer 1993)

  • Umweltgifte wie Schwermetalle, Pestizide und chlororganische Verbindungen

  • Medikamente in Schwangerschaft oder früher Kindheit, etwa Valproinsäure, Antipyretika (Torres), Thiomersal-haltige Impfstoffe (Bernard 2001, Geier 2003, Gallagher 2010, Delong 2011) und Eisen (Padhye 2003)

  • Hirnorganische Störungen mit Defiziten besonders im verbalen Bereich

  • Emotional kühle und zwanghafte sowie intellektualisierende Eltern

  • Psychologische Hypothesen wie die kognitive und die affektive Theorie (Steinhausen 2010)

  • „Frühe Störung“: Defizite in der Fütterungsphase bezüglich der stützenden und entlastenden Funktion der Mutter für den Säugling um die fünfte Lebenswoche (Stauss 1994)

  • Verleugnung der Selbstheit: Das Ich ergreift sich selber nicht (Holtzapfel 1995)

Zwangsstörungen

Autistische Kinder zeigen häufig ein hohes Ausmaß an zwanghaften Repetitionen und Ritualbildungen, insbesondere Stereotypien kommen vor. Deshalb werden die ZwangsstörungenZwangsstörungen in diesem Kapitel kurz abgehandelt. Zwangsstörungen sind definiert durch
  • wiederkehrende und anhaltende Ideen, Gedanken, bildhafte Vorstellungen oder Impulse Handlungen,

  • die vom Patienten als unsinnig erlebt werden,

  • den normalen Denk- und Handlungsablauf hemmen und beeinträchtigen,

  • sich dem Patienten imperativ aufdrängen, ohne dass er sich davon befreien kann.

Man unterscheidet ZwangsgedankenZwangsgedanken und ZwangshandlungenZwangshandlungen. Zu letzteren gehören: Kontroll-, Wasch-, Putz-, Zähl-, Ordnungs- und Berührungszwang. Stereotypien, wie sie beim Autismus vorkommen, unterscheiden sich von Zwangshandlungen dadurch, dass sie einfachere Bewegungsabläufe beinhalten und meist lustbetont wirken.
In der ICD-10 unter F4 werden die Zwangsstörungen als eigene Kategorie geführt mit dem Titel: Neurotische, Belastungs-und somatoforme Störungen. Im amerikanischen Sprachraum werden sie den Angststörungen zugezählt. Die Komorbiditätsrate liegt beim Zwangsverhalten auch anderweitig hoch, bei etwa 70 %. Insbesondere Patienten mit Autismus (21.14), Depressionen (21.12), Tic-Störungen (20.3), Anorexia nervosa (21.7), Psychosen, Persönlichkeitsstörungen und Menschen mit geistigen Behinderungen (5) können Zwangssymptome aufweisen.

Klinik

„Autistische Kinder sind in der Regel körperlich gesunde und hübsche Kinder, bei denen die Eltern Auffälligkeiten schrittweise registrieren, entlang dem Verlauf der kindlichen Entwicklung des Spiel-, Kontakt- und Kommunikationsverhaltens.“

(Noterdaeme 2002)

Die Diagnose des Autismusautistisches SyndromKlinik wird meist erst ab dem sechsten Lebensjahr gestellt. Der Beginn der Störung lässt sich aber aufgrund von retrospektiven Befragungen der Eltern viel früher ansetzen.
35 % der Eltern geben an, das Kind habe sich schon immer anders verhalten, 45 % beobachteten eine klare Zäsur der Entwicklung ihres Kindes während des ersten oder zweiten Lebensjahres, z. B. nach einer Impfung. Es handelt sich dabei um Beeinträchtigungen des Schrei-, Ess- oder Schlafverhaltens. Am Ende des zweiten Lebensjahres zeigen die Kinder meist mehrere für den Autismus typische Symptome.
  • Qualitative Beeinträchtigungen in der gegenseitigen sozialen Interaktion:

    • Ist lieber alleine

    • Möchte nicht gehalten werden

    • Kaum soziales Lächeln, wenig Mimik

    • Abnormer Blickkontakt, kaum Interesse an sozialen Spielen

    • Ignoriert andere

    • Kaum Imitation

    • Probleme in der Beziehung mit anderen Kindern

    • Eingeschränkte, sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten

  • Qualitative Beeinträchtigungen im Bereich der Sprache und der Kommunikation:

    • Deutliche Einschränkungen in der nonverbalen Kommunikation, kaum Gebrauch von Gesten, Mimik oder Körpersprache

    • Verzögerte oder ausbleibende Sprachentwicklung

    • Probleme, die Aufmerksamkeit auf eigene Aktivitäten zu lenken

  • Eingeschränkte Interessen und stereotype Verhaltensweisen:

    • Über- oder Unterempfindlichkeit für Schmerzen, Warm-/Kaltreize, Geschmack

    • Ungewöhnliche Reaktionen auf akustische und visuelle Reize

    • Motorische Stereotypien, ungewöhnliche Körperhaltung

    • Unangemessener Gebrauch von Gegenständen

    • Ungewöhnliches Spielverhalten

Diese frühen Manifestationen der autistischen Störungen haben Noterdaeme und Amorosa 2002 zusammengestellt. Um bei auffälligen Kindern früh eine diagnostische Abklärung und Therapie bewirken zu können, ist die Ärzteschaft aufgerufen, sich damit vertraut zu machen. Eine neurologische und somatische Untersuchung sowie ein Entwicklungstest gehören dazu. Erst nach einem längeren Beobachtungszeitraum und in einem interdisziplinären Team reift ein Verdacht auf Autismus zur endgültigen Diagnose. Es gibt keinen Labortest zur Unterstützung der Diagnose.
Für die Differenzialdiagnose kommen infrage: neurologische Störungen, Stoffwechselstörungen (z. B. Zöliakie), geistige Behinderungen, Hörstummheit, Deprivationsstörungen und Persönlichkeitsstörungen.

Prognose

Die Früherkennung des Syndroms sowie gute verbale und kognitive Fähigkeiten erweisen sich als prognostisch günstig. Verlaufsbeobachtungen bis ins Erwachsenenalter hinein zeigen, dass zwei Drittel der Patienten sozial stark eingeschränkt und unfähig zur selbstständigen Lebensführung bleiben. Die schlechteste Prognose haben die Autisten mit einem niedrigen IQ und schweren Sprachbehinderungen. Sie entwickeln in der Pubertät häufig eine Epilepsie.
Nur jeder sechste Patient schafft es bis zur Berufstätigkeit und sozialen Integration, oft persistieren jedoch Beziehungsschwierigkeiten und ungewöhnliche Verhaltensstile.

Komorbidität

autistisches SyndromKomorbiditätAspekte des Autismus zeigen sich gehäuft bei engen Verwandten von autistischen Kindern. Überzufällig häufig sind bei ihnen auch kongenitale Missbildungen zu finden, was für die These einer genetischen Grundlage der Erkrankung spricht (Lauritsen 2002). Im Verlauf der Entwicklung von Menschen mit Autismus treten oft zusätzliche Störungen auf wie hyperkinetische Störungen, Enuresis (21.3), Enkopresis (21.4), Ess- und Schlafstörungen (21.5, 21.2), Depression (21.12), aggressives und selbstverletzendes Verhalten (21.10) sowie Zwangsstörungen (21.14).

Konventionelle Therapie

„Es gibt keine für autistische Störungen generell gültige und erfolgversprechende Therapie. Für jedes autistische Kind muss ein individuelles Programm erstellt und im Verlauf seiner Entwicklung immer wieder adaptiert werden.“

(Noterdaeme 2002)

Ein Konsens besteht darüber, dass gezielte Therapie möglichst früh beginnen und langfristig sowie multimodal angelegt sein sollte. In Übersichtsarbeiten zeigt sich: Verhaltenstherapie, insbesondere die „Behavior Applied Analysis“ nach Lovaas, und das TEACCH-Programm von Schopler auf lerntheoretischer Basis („Treatment and Education of Autistic and Related Communication Handicapped Children“) bewähren sich langfristig. Viele etablierte funktionelle Therapien sowie neue, experimentelle Ansätze wie z. B. die „Gestützte Kommunikation“, die „sensorische Integration“ etc. bieten wirksame Hilfe.
Eine medikamentöse Therapie der Primärsymptomatik des Autismus ist nicht möglich. Psychopharmaka haben sich nur für zeitlich befristete Kriseninterventionen bewährt. (Steinhausen 2010)

Unterstützende Maßnahmen

Es gibt ein weites Feld von individuellem Engagement für die autistischen Kinder. Vorrangig ist der enge Kontakt und das aufopfernde Begleiten durch einzelne begabte und beherzte Personen über einen langen Zeitraum hinweg. Es kann hier nur auf die entsprechende Lektüre aus der Heilpädagogik und über Indigokinder verwiesen werden (z. B. Holtzapfel, Woitinas).

Homöopathische Behandlung

Beim autistischen Syndrom ist das Kind einem Verhalten verhaftet, das sich dem Einfühlungsvermögen und dem Versuch, das Kind zu verstehen, zunächst oft entzieht. Der „Versuch zu verstehen“ bleibt trotz allem der Motor dafür, sich dem Wesen des Kindes – durch seine Fremdartigkeit hindurch – anzunähern (Arendt, Gottschlich). Dadurch wird es möglich, eine individuelle, charakteristische Ordnung und Wertung der Phänomene und Symptome in der Anamnese zu entwickeln.
Der homöopathische Arzt wendet sich dem gesamten Spektrum von Mimik, Blick und Verhalten, den somatischen Beschwerden und Symptomen und der Frage nach der Ätiologie mit aller Offenheit und Genauigkeit zu. Schritt für Schritt wird so – beim einzelnen Kind auf ganz individuelle Weise – hier und da eine Annäherung an die Person des Kindes möglich werden. Auf diesem Weg erweisen sich oft widersprüchliche, paradoxe und bizarre Symptome als besonderer Einstieg zu wertvollen Rubriken und Arzneien.
Dazu gehören auch die Stereotypien und anderes Zwangsverhalten. Auch diese Art von Symptomen findet ihr präzises Pendant in der Materia medica und ist somit der gezielten homöopathischen Behandlung durchaus zugänglich.
Gelingt ein deutlicher Heilschritt durch eine homöopathische Arznei, lassen sich aus dem bekannten Arzneimittelbild neue Einsichten in die Zusammenhänge bezüglich der Pathogenese und Psychodynamik des kranken Kindes erschließen und bestätigen. Die Art, wie die Arzneimittelbeschreibungen und Kasuistiken in diesem Kapitel dargestellt werden, mögen Beispiele dafür geben.

Info

Die homöopathische Behandlung eines autistischen Kindes kann über lange Zeit und in vielen gezielten Schritten wesentliche Hilfe bieten. Sie ist idealerweise eingebunden in ein therapeutisches und pädagogisches Team.

Repertoriumsrubriken

RepertoriumsrubrikenAutismusPennekamp führt die Rubrik „Autismus“ besonders ausführlich an und nennt folgende Arzneien: agra, anh, ars-j, bar-c, bufo, carc, cann-i, chin, dpt-nos (Nosode der DPT-Impfung), heli, hell, kali-br, lach, lyc, nat-m, op, staph, stram, sulph, trypt, thuj, tub.
Autistisches Verhalten
→Gemüt – Extravaganz, Maßlosigkeit (32): bell, carb-v, caust, con, nat-m, stram, verat, …
→Gemüt – Exzentrizität, Überspanntheit (67): anh, asar, bell, cann-i, lach, med, op, tarent, …
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – Schweigsamkeit; und (67): hell, nat-sil, nit-s-d, staph, …
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – Vergnügen; gegen (55): arg-n, ars, aur-m-n, cham, hell, nat-m, op, sulph, …
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – Verwandten; gegenüber den (23): fl-ac, hell, phos, sep, syph, …
→Gemüt – Destruktivität, Zerstörungswut (69): bell, camph, chel, con, cupr, hyosc, ign, nux-v, stram, tarent, tub, verat, …
→Gemüt – Stimmung, Laune – abweisend, zurückweisend (55): anac, dulc, hep, merc, nat-sil, psor, puls, ruta, …
→Gemüt – moralischem Empfinden; Mangel an (68): bell, hyosc, stram, verat, …
→Gemüt – gefühllos, hart (57): anac, lach, nux-v, sep, sulph, …
→Gemüt – unbarmherzig (35): ars, calc, con, dig, nit.ac, op, sep, …
→Gemüt – eigensinnig, starrköpfig, dickköpfig (158): alum, anac, arg-n, bell, calc, cham, nux-v, tarent, …
→Gemüt – widerspenstig (93): anac, arg-n, carc, cham, dulc, hep, lach, merc, podo, tarent, …
Aus dem Complete Repertory noch kleine Rubriken:
→Gemüt – Autismus, Mutismus (4): agra, kali-br, lyc, tub
→Allgemeines – Mutismus, Stummheit, Kindheit (2): agra, lyc
→Allgemeines – Mutismus, Stummheit, Kindheit – nicht in Verbindung mit Taubheit (1): agra
Kontakt und Spiel
→Gemüt – Lachen – niemals (10): aloe, am-c, am-m, arg-met, ars, bamb-a, brass-n-o, hep, positr, tax
→Gemüt – angesehen, angeblickt zu werden – erträgt es nicht (47): ant-c, ant-t, ars, aur-m-n, cham, cina, iod, nat-m, tub, …
→Gemüt – angesprochen zu werden – Abneigung – allein gelassen werden; möchte (18): iod, spong, sulph, tritic-vg, …
→Gemüt – Gesellschaft – Abneigung gegen – Anblick von Menschen; vermeidet den (24): cic, cupr, gels, iod, lac-d, led, nat-c, sep, thuj, …
→Gemüt – Spielen – Abneigung gegen Spielen – Kindern; bei (16): bar-c, carc, cina, hep, lyc, rheum, sulph, …
Weitere Rubriken zu diesem Thema sind im Kapitel Fallaufnahme (2.1 bis 2.42.12.1.12.1.22.22.2.12.2.22.2.32.2.42.2.52.32.3.12.3.22.3.32.3.42.4) zu finden.
Stereotype Bewegungen
Synthesis
→Gemüt – Geziertheit, Affektiertheit (25): hyosc, ign, lyc, nux-m, staph, stram, verat, …
→Gemüt – Gesten, Gebärden, macht – automatisch (21): nux-m, stram, verat, …
→Gemüt – Gesten, Gebärden, macht – konvulsivisch (35): acon, apis, aur, caust, op, puls, …
→Gemüt – Gesten, Gebärden, macht – sonderbare Posen und Haltungen (21): cina, coloc, nux-m, plb, zinc, …
→Auge – Bewegung – konvulsivisch (26): agar, bell, cham, kali-br, lach, mag-p, …
→Auge – wilder Blick (40): anac, ars, bell, canth, carb-v, cupr, hyosc, lach, lyss, nit-ac, nux-v, stram, …
Complete Repertory
→Gemüt – Gesten, macht – spielt mit – Fingern: bell, calc, con, hyos, kali-br, lach, rhus-t, tarent,
→Gemüt – Gesten, macht – spielt mit – Händen: calc
→Gemüt – Gesten, macht – spielt mit – Knöpfen seiner Kleidung: bell, calc, mosch, nux-v, staph
→Gemüt – Tics, Gesichtszucken (12): agar, arg-n, ars, bufo, carc, hyos, laur, lyc, ran-b, sep, tarent, zinc
→Gesicht – Tic (3): cupr-o, dys-co, lyc
Zwangssymptome
Synthesis
RepertoriumsrubrikenZwangssymptome→Gemüt – Feuer – anzünden; möchte Dinge (9): bell, carc, hep, …
→Gemüt – Gedanken – zwingend, nötigen ihn, etwas zu tun (45): anac, ars, caust, hyosc, ign, iod, lach, med, nat-s, nux-v, plat, staph, syph, …
→Gemüt – Impulse, Triebe; krankhafte (72): bar-p, calc, lyss, orig, plat, thlas, tub, …
→Gemüt – Impulse, Triebe; krankhafte – sexuelle Impulse (8): caust, chin, mag-c, nux-v, phos, positr, staph, verat
→Gemüt – Impulse, Triebe; krankhafte – laufen, zu (25): calc, iod, orig, stram, tub, …
→Gemüt – Kleptomanie (37): art-v, bell, cur, nux-v, puls, sulph, …
→Gemüt – Manie – zerreißen, an etwas zu reißen; etwas zu – Haaren; reißt sich an den (5): bell, canth, stram, tarent, verat
→Gemüt – Manie – sexuelle Manie (16): apis, dulc, hyosc, phos, tarent, …
→Gemüt – Monomanie (46): absin, aloe, ign, sil, …
→Gemüt – rituelles Verhalten, Rituale (10): ars, caust, iod, lyss, tub, …
→Gemüt – Waschen – Verlangen zu waschen – Hände; wäscht sich ständig die (24): lac-c, med, nat-sil, sulph, syph, …
→Gemüt – überprüfen – zweimal oder öfter kontrollieren; muss alles (15): arg-n, ars, carc, caust, podo, syph, tub, …
Complete
→Gemüt – vergessen – etwas, hat ständig das Gefühl, er hätte (7)
→Gemüt – zwanghafte Verhaltensstörungen (26)
→Gemüt – zwanghafte Verhaltensstörungen – Ritualverhalten (9)
→Gemüt – Monomanie, Zwangsvorstellung (35)
→Gemüt – Träume – Monomanie, Zwangsvorstellung (4)
→Gemüt – Gedanken – allgemein – hartnäckig (172)
→Gemüt – Gedanken – allgemein – Wiederholung von (4)
→Gemüt – Ideen, Einfälle – fixe Ideen, Wahnvorstellungen (49)
→Gemüt – Ideen, Einfälle – übersteigerter Gedankenfluss, Geistesschärfe – derselbe Gedanke wiederholt (1)
→Schlaf – Schlaflosigkeit – allgemein – Gedanken, durch – Wiederholung desselben Gedankens (7)
→Gemüt – waschen – ständig, wäscht sich – Hände, die (15)
→Gemüt – waschen – Reinlichkeitswahn (4)
→Gemüt – Wahnidee, Einbildung – Schmutz, schmutzig – er oder sie sei (9)
→Gemüt – Furcht – allgemein – Krankheit, vor – drohende – ansteckend, epidemisch, Infektion (21)
→Gemüt – Furcht – allgemein – Krankheit, vor – drohende – ansteckend, epidemisch, Infektion – Kindern, bei (11)

Homöopathische Arzneimittel

Bei einer Erkrankung, die sofort nach der Geburt beginnt, das Wesen des Kranken so tief ergreift und vermutlich als kollektive Erblast in der Ahnenfolge verwurzelt ist, denkt der homöopathische Arzt an einen miasmatischen Ursprung und an die Nosoden. Beim Autismus finden sich viele Eigenarten, die der destruktiven Diathese (4) bzw. dem syphilitischen Miasma zuzuordnen sind.
Die Tierarzneien (Tab. 21.7) bilden eine Gruppe von Arzneien mit charakteristischen Symptomen aus den Tiefen der Instinkt- und Triebebene, die den Weg zum echten, freien, selbstbestimmten Menschen in besonderer Weise erschweren und die dem Bild des Autismus nahekommen. Als typische Symptome führt Mattitsch an:
  • Ungestüme und scheinbar unmotivierte eigene Impulse

  • Kompromisslose Verweigerung jeglicher Anpassung

  • Kollektive, überindividuell geprägte Verhaltensweisen im Sinne von Verstrickung in den Gesetzen der Generationenfolge

  • Zwanghaft fixierte Verhaltensmuster

  • Enge, symbiotische, besitzergreifende Bindungen mit Ambivalenz und Neigung zu impulsiven Fluchttendenzen oder Gewalttätigkeit

  • Starke Erotik, heftige Gefühle

Nosoden und Tiermittel (Tab. 21.7) finden sich in den Repertorien heutzutage noch unterrepräsentiert und werden über neue Arzneimittelprüfungen oder neue Einsichten und Erfahrungen über schon bekannte Arzneien erschlossen. Diese werden in der zeitgenössischen Literatur in Form von Monografien und Zeitschriften sowie in aktuellen Kursen vermittelt.
Gifte aus dem Pflanzen- und Mineralreich bilden eine weitere Arzneigruppe (Tab. 21.7), die für extreme Verhaltensvarianten und somit für das autistische Kind zur Verfügung steht.

Homöopathische Arzneimittel: Nosoden

Carcinosinum
#Carcinosinumautistisches SyndromEin zartes, mildes, übersensibles Kind, das um Anpassung bemüht ist. Es liebt Zuwendung und Zuneigung, möchte liebkost werden, ist übertrieben höflich, liebevoll und voller Sorgen um andere. Sein Motiv: Es fürchtet, alleine zu sein, und das Versagen und den Tadel (21.12). Wie führt der Weg von diesem Bild eines überangepassten Kindes zu einer Arznei, die sich beim autistischen Kind bewährt? Diese aus Brustkrebsgewebe potenzierte Arznei trägt in ihrem Wesen den Hang zu extremen Verhaltensweisen, die rasch in ihr Gegenteil umkippen können (launisch). Aufeinandertreffen von widersprüchlichen, kaum zu vereinbarenden Eigenschaften und die Tendenz zu einer Maßlosigkeit bzw. Intensität, die selbstzerstörerische Züge aufweist. Diesen labilen Seelenzustand in ein ruhiges inneres Gleichgewicht zu verwandeln, kostet jahrelanges Ringen und Lernen (z. B. VZW 1989).
Hohe besondere Begabungen im intellektuellen und künstlerischen Bereich können mit Untüchtigkeit in den täglichen Lebenspraktiken zusammenfallen – schon wegen der ausgeprägten seelischen Verletzlichkeit und dem übersteigerten Leistungsanspruch an sich selbst. Eine hellseherische, mediale Offenheit für Situationen und Mitmenschen steht einer schonungslosen Verleugnung der eigenen Bedürfnisse bis zur Selbstaufgabe gegenüber (zu viel Pflichtgefühl). Angst um seine Familie und Angst um andere sowie ein starkes Mitgefühl können mit unbeugsamem Eigensinn gekoppelt sein. Aus einer Überforderung heraus kann dies in Rückzug ausarten, sodass das Mitgefühl nur noch Tieren entgegengebracht wird, mit Gleichgültigkeit gegen geliebte Personen. Kinder, die sich in der Schule nicht behaupten können (Foubister).
Carcinosinum ist eine Arznei für exzessive Ängste, besonders Erwartungs- und Versagensängste, die sich bis in das Irreale steigern können. Der Hintergrund davon: Beschwerden durch Bevormundung von Kindern durch dominante oder strenge, kontrollierende Eltern (foll), oder Beschwerden durch lange andauernde Angst im Umfeld des Kindes wie z. B. große Ängste der Mutter während der Schwangerschaft. Ausgeprägtes Verantwortungsgefühl bei Kindern (nur carc): Es scheint, dass die genannten Belastungen verinnerlicht werden können und sich in eine Neigung umkehren, die eigenen Ansprüche an sich selbst zu übersteigern (gewissenhaft) und in allem Perfektion von sich zu verlangen – bis zur Unfähigkeit, die alltäglichen Verrichtungen zu bewältigen. Dies kommt bei autistischen Kindern im Sinne von Stereotypien und Zwängen vor, und zwar oft, ohne dass sich eine typische Ätiologie im obigen Sinne aufdecken lässt. Unterdrückt sein Verlangen, seine Wünsche: Diese Neigung zur Selbstverleugnung führt zu mangelndem Kontakt zur eigenen Mitte, führt zu Fremdbestimmung bis zur Selbstaufgabe – im Dienst der Familie oder in der Pflichterfüllung. Das ist eine Form der Destruktivität bei Kindern – gegen sich selbst gerichtet. Diese führt zur Entfremdung von sich selbst sowie von seiner Umgebung, kann in Rückzug und Verweigerung münden – ein Verhalten, wie es beim autistischen Kind bekannt ist. Neigung zu: Gesten – bizarre Tics, zerreißt sich selbst. Weinen bei Säuglingen von Geburt an. Siehe auch Kasuistik „Unser Sohn, ein Grenzautist“.
Ein Verstehen der Extreme im Verhalten von Carcinosinum wird erst möglich, wenn man diese Nosode als die erste, führende Arznei bei frühkindlichem massivem Psychotrauma kennen gelernt hat, wie dem Repertorium unter „Beschwerden durch“ vielfach zu entnehmen ist (Gnaiger-Rathmanner et al. 2012; Schmitz 2014).
Syphilinum (Luesinum)
#Carcinosinumautistisches SyndromLaut Ortega repräsentiert Syphilinum das destruktive Miasma mit der Haltung von Isolation und Verweigerung des Individuums gegenüber seinem sozialen Umfeld – eine Haltung, die gerade das autistische Kind auszeichnet. (Ortega 1998, Gnaiger 1985) Eigensinnig, dickköpfig, starrköpfig bei Kindern gehört zu den bestimmenden Eigenschaften dieser Arznei (tub, cham, chin). Ungehorsame Kinder. Schwer erziehbar und nervös (Imhäuser 2003).

„Kinder mit Charakterstörungen, z. B. mit Bösartigkeit und flüchtigen Zornausbrüchen“.

( Julian 1999 )

Die Kinder verweigern sich ihren Bezugspersonen. Sie zeigen sich gleichgültig gegen Verwandte und geliebte Personen, distanziert, stumpf, geheimnistuerisch und verschlossen, unzugänglich. Sie lehnen Trost und Mitleid ab, sie werden heftig, wenn man ihnen widerspricht. Sie sind ungesellig und gerne alleine. Sie benehmen sich von Grund auf asozial. Ein markantes Symptom: Weinen der Säuglinge von Geburt an (wie carc). Schreien bei Kindern. Eine Arznei für Waschzwang mit der Einbildung, er sei schmutzig (lac-c). Identität entwickelt sich in der mitmenschlichen Bindung, die diesem Kind schwer gelingt. Entsprechend findet sich die Unsicherheit in seinem Selbstbild: Sagt, er sei nicht er selbst und könne sich nicht fühlen wie er selbst. Lügt, sagt nie die Wahrheit, weiß nicht, was er sagt (lac-c, op, verat). Viele Gedächtnissymptome: Alle Themen von Gedächtnisschwäche, auch die Schwäche für Mathematik sowie entsprechende isolierte Überbegabungen von Gedächtnisleistungen etc. könnten – im Sinne einer Polarität der homöopathischen Arzneiwirkung – zur Anwendung kommen (Springer 2000). Isolierte Begabungen sind auch bei autistischen Kindern häufig zu beobachten. Siehe auch Kasuistik „Unsere Zweite ist so anders“.
Lyssinum
#Lyssinumautistisches SyndromDer Speichel eines tollwütigen Hundes in potenzierter Form gilt als Nosode und greift hauptsächlich das Nervensystem an. Ein Mittel für eine bizarre, exzentrische, instinkthafte Wahrnehmungs- und Verhaltensweise. Empfindlich, wenn andere Äpfel essen, sich räuspern oder die Nase schnäuzen, erträgt dies nicht. Erregung beim Hören von Gesprächen, konvulsivische Erregung, besonders, wenn er Wasser hört oder sieht. Furcht vor glänzenden Gegenständen und vor Spiegeln. Automatismen, macht unwillkürliche Bewegungen mit den Händen. Scharfe Sinne, Hellsehen, außergewöhnliches Mitgefühl: Spürt den gleichen Schmerz, über den sein Bruder klagt. Sonderbare, merkwürdige Gedanken. Schroff, grob, grausam; streitsüchtig, beschimpft die Angehörigen, spuckt in alle Richtungen, schlägt, beißt, bellt, knurrt wie ein Hund; Impulse, andere zu schneiden und zu verstümmeln (verat), Hang zur Selbstverletzung. Im Grunde des Herzens besteht ein Gefühl der Verlassenheit, er fürchtet sich vor dem Allein-Sein, er lebt mit dem Gefühl, etwas Schreckliches würde geschehen. Erregung der Gefühle und der Sinne ist unerträglich, er ist ihnen ausgeliefert, sie versetzen ihn in rasende Unruhe. Er fühlt sich gekränkt und gedemütigt, beschimpft, gequält und kritisiert. Er fühlt sich gedrängt, Unbesonnenes zu tun. Vertrautes erscheint ihm fremd (im Repertorium unter Wahnideen zu finden). Er könnte schreien vor Verzweiflung.

Homöopathische Arzneimittel: Tierarzneien

Tarantula hispanica
#Tarantula hispanicaautistisches SyndromAls wichtige Arznei für die essgestörte Jugendliche wurde Tarantula schon behandelt. Viele Züge passen auch zur autistischen Störung. Exzentrisch und verspannt; blickt um sich, um die Wirkung ihrer Handlungen auf andere zu beobachten; simuliert, krank zu sein, täuscht Krankheit vor; hinterlistig. Eigensinnig, starrköpfig, in hohem Maße streitsüchtig, widerspenstig und ungehorsam. Will nicht angesehen noch angesprochen werden; will nicht berührt werden, das macht ihn zornig. Beschimpft jeden oder antwortet nicht, meidet Gesellschaft und ist gleichgültig gegen äußere Dinge, wirkt interesselos. Macht Gesten, ringt die Hände, macht automatische Bewegungen mit den Händen wie Stricken.
Große Ruhelosigkeit, sie zwingt zu schnellem Gehen, ist immer in Eile. Musik und wildes Tanzen erleichtert diesen Zustand. Destruktiv, zerstörerisch, Impulse zur Selbstverletzung.
Androctonus
#Androctonusautistisches SyndromDie Tierarznei Skorpion wurde von Sherr geprüft und in die homöopathische Arzneimittellehre eingeführt. Als Hauptsymptome gegenüber den anderen Tierarzneien hat Mangialavori folgende Hauptcharakteristika herausgearbeitet: Verlangen nach Stimulation der Sinne; boshaft, unanständig; ständig zu Widerspruch bereit, in allem und jedem; selbstzerstörerische Tendenz; egoistisch; ehrgeizig; Neigung zur Periodizität. Siehe auch Kasuistik „Unser Sohn, ein Grenzaustist“.
Bufo rana
Bufo rana#Bufo ranaautistisches Syndrom wird für imbezille Kinder empfohlen, was es aber für andere Kinder mit entsprechendem Verhalten nicht ausschließt. Ein wichtiges Mittel bei Epilepsie und bei Hauterkrankungen. Symptome der Kontaktstörung: Abneigung zu antworten; Abneigung, berührt zu werden. Verlangen nach Einsamkeit und Menschenscheu, doch ebenso Angst, wenn alleine (tarent). Albernes Benehmen, herausfordernd, schamlos. Tendenz zu unwillkürlichen Gesten und Bewegungen der Hände, wie sie bei autistischen Kindern beobachtet werden. Stumpf, apathisch, gleichgültig, hinterlistig, verschlagen, dann aber bereit zu ausfälligem, haltlosem Benehmen: ein verdeckt aggressives Verhalten.
Herscu setzt Bufo rana bei autistischen Kindern häufig ein. Er nennt noch einige besondere, auffällige Symptome: in den Gedanken hartnäckig; eigensinnig, dickköpfig; Hyperaktivität; wiederholt dieselben Dinge, möchte eine bestimmte Sache immer wieder tun; gewissenhaft in Kleinigkeiten, alles muss 100-prozentig passen, empfindlich auf das geringste Geräusch, auf die kleinste Berührung, Erschrecken daran; die Welt tut ihnen weh, alle Sinnesreize verschlimmern den Zustand. Trotzdem besteht ein großes Kommunikationsbedürfnis dieser Kinder. Sie machen in vielfacher Weise auf sich aufmerksam (Computerspiele, Singen, Sprechen in Monologen, Masturbieren etc.), sie treten aber nicht wirklich mit den Umstehenden in Kontakt. Sie agieren vor sich hin, oft lauthals, wollen aber in ihrer Welt bleiben und nicht gestört werden.

Homöopathische Arzneimittel: Giftarzneien

Hyoscyamus niger
#Hyoscyamus nigerautistisches SyndromDiese Arznei, die viele Symptome gemeinsam mit anderen Mitteln aus der Familie der Solanaceen hat, wird ausführlicher zusammen mit Stramonium im Kapitel der aggressiven Störungen (21.13) behandelt. Hier sollen noch einige spezifische Verhaltenssymptome für das autistische Syndrom angeführt werden. Viele Symptome handeln vom Sprechen: sehr schweigsam und reserviert, abgewendet, antwortet nicht, sagt zu allem nur Nein. Stottern oder Verlust des Sprechvermögens durch Schreck, der Mund bleibt fest verschlossen. Zucken im Gesicht als Ausdruck der großen inneren Spannung. Provokantes Grimassieren, albernes, unnatürliches Lachen. Das Gegenteil davon gibt es ebenso: alberne, weitschweifige Geschwätzigkeit, ja indiskrete Klatschsucht – ohne echten Kontakt, es ist eher automatisches Reden oder ein Sprechen mit sich selbst. Die Sprache wirkt geziert und unnatürlich, wie in einem Rauschzustand. Böswilligkeit und Destruktivität. Macht vielerlei automatische Gebärden: Spielen mit den Fingern, Greifen mit den Händen, muss alles berühren, Wischbewegungen, Geldzählergeste, Zupfen an der Bettwäsche. Krankhafte Impulse, Absurdes zu tun. Entblößt sich ständig, möchte nackt sein (bell, bufo, stram), schamlos, küsst jeden. Das gesamte Verhalten wirkt bizarr und entspringt einer massiven Kontaktstörung. Manchmal gelingt es in der Anamnese, vom auslösenden Liebesverlust oder Kummer zu erfahren, der oft schon lange zurückliegt. Es passt für Kinder, die naiv, aber sehr intelligent sind, aber auch für retardierte, imbezille Kinder – mit sexueller Erregung. Siehe auch Kasuistik „Das Kind mit dem finsteren Blick“.
Helleborus niger
#Helleborus nigerautistisches SyndromDiese wichtige Arznei, bewährt für die Spätfolgen des perinatalen Gehirntraumas oder einer Meningitis, kann für das retardierte autistische Kind sehr wertvoll sein. Schwache Vitalität, abgestumpfte Sinne, träge Reaktionen, rasche motorische und sensorische Ermüdbarkeit, langsame Auffassungsgabe. Imbezillität mit Abwehr von allem; schreit auf, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Abgewendet, will nicht angesehen noch berührt werden. Berührung macht ihn zornig. Die Gleichgültigkeit gegenüber allem, auch gegen seine Bezugspersonen und gegen freudige Ereignisse, ist auffallend. Er hat weder Wünsche noch irgendwelchen Willen. Automatismen, Stirnrunzeln, Grimassieren, große Ruhelosigkeit, motorisch ungeschickt.

Homöopathische Arzneimittel: Kummerarzneien

Sie sind bei denjenigen Kindern mit autistischem Verhalten angezeigt, bei denen sich eine Trennung oder ein anderer schwerer seelischer Verlust in der Anamnese deutlich herausarbeiten lässt. Dadurch wird ihr Zustand auf gewisse Weise einfühlbar und verständlich. Meist ist bei diesen Kindern ein Knick im Verhalten und in der Entwicklung zu verzeichnen, der im Zusammenhang mit diesem Seelentrauma steht: eine Form der autistischen Regression. Die wichtigsten Arzneien wie Natrium muriaticum, Ignatia, Lycopodium und Staphisagria sind im Kapitel „Depressive Störungen“ (21.12) ausgeführt.

Homöopathische Arzneimittel: Arzneien für das Zwangsverhalten

Unter den oben angeführten Repertoriumsrubriken für Zwangsstörungen finden sich mehrere Arzneien wieder, die in diesem oder einem anderen Kapitel der Psychogenen Störungen schon abgehandelt worden sind.
  • Impulse, etwas Absurdes zu tun: Belladonna, Hyoscyamus, Stramonium

  • Kleptomanie: Belladonna, Nux vomica, Pulsatilla, Sulphur

  • Sexuelle Manie bei Männern und Frauen: Cantharis, Phosphorus, Tarentula

  • Waschzwang: Lac caninum, Medorrhinum, Sulphur, Syphilinum

Lac caninum
#Lac caninumZwangsstörungArznei für Kinderängste, besonders Trennungsangst. Als Tierarznei umfasst sie triebhafte, instinktgesteuerte, impulsive, irrationale Regungen. Hierher gehört die Neigung, seine Sympathien und Ablehnungen gegenüber bestimmten Personen spontan und heftig zum Ausdruck zu bringen. Hierher gehört der Waschzwang: Verlangen, sich ständig die Hände zu waschen. Dieser Impuls ist tief in der Seele verwurzelt in der Wahnidee, er sei schmutzig (syph) oder man würde auf ihn herabblicken und er sei verachtet. Typischerweise finden sich ebenso ein Mangel an Selbstvertrauen und eine Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität: Wahnidee, er sei eine andere Person oder was er sagt, sei eine Lüge. Das Kind steht im ständigen Widerstreit mit sich selbst (anac, sep), kämpft mit der Abscheu vor der eigenen Person (lach, syph), und empfindet einen Widerwillen vor dem eigenen Körper wie sonst bei keiner Arznei. Siehe auch Kasuistik „Das Kind mit Waschzwang“.

Kasuistiken

Kasuistik

Unsere zweite ist so anders (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Sonja B. (Abb. 21.9), heute sieben Jahre alt, ist das zweite von zwei Mädchen. Das Kind ist von Geburt an in homöopathischer Behandlung. Von Anfang an erlebt die Mutter ihr Kind als anstrengend und außergewöhnlich, als so ganz anders als ihre erste Tochter. Es weint viel, heftig, oft ohne ersichtlichen Grund und ist nicht zu trösten. Es ist äußerst schreckhaft, sogar auf sein eigenes Seufzen fährt es zusammen. Es ist nervös und zappelig. Es zeigt Angst bei allem Fremden. Im Schlaf seufzt es oft stundenlang.
Viel Jammern, es will weder angesehen noch angesprochen werden, es wendet den Blick oft ab, aus Protest. Es spielt nicht, lacht nicht. Es zeigt an nichts Interesse, jeder neue Eindruck bewirkt zorniges, ja verzweifeltes Weinen. Die Mutter meint, das Kind verweigere sich so jedem neuen Lernschritt, bleibe seelisch in seiner Entwicklung stecken.
Mit 18 Monaten zeigt sich sein cholerisches Temperament: Es ist extrem eigenwillig und hartnäckig. Es ist massiv zornig und hemmungslos wütend, bei jeder Kleinigkeit. Es beißt in Gegenstände, schmeißt Gegenstände herum, schlägt gezielt gegen Personen, auch gegen die Mutter. Besuche anderenorts sind deshalb unmöglich geworden. Das Kind hat ausgeprägte Trennungsangst und Angst vor allem Neuen.
Entwicklung: Die Geburt war termingerecht, doch lange dauernd, anstrengend, erschöpfend. Apgar 9/9/10. Das Stillen ging gut, das Zahnen war heftig, immer mehrere Zähne gleichzeitig. Kopfschiefhaltung, hypertoner Grundtonus, anfangs positiver Moro-Reflex. Krabbeln gut, Gehen mit 17 Monaten – sicher und geschickt, spätes Sprechen – ab dem dritten Lebensjahr. Auf die Frage nach einer Ursache für das auffallende Verhalten des Kindes lässt sich kein Hinweis finden.
Familie: stabil, geordnet, Mutter ist zu Hause.
Schlaf: gut, sehr geräuschempfindlich, Rücken und Extremitäten oft überstreckt. Appetit: wehrt sich gegen jede Kostumstellung. Verdauung: immer übelriechender, weicher Stuhl, schlimmer auf Kuhmilch. Schweiß: stark und häufig an Kopf und Armen. Aussehen und Kontakt: kräftige Statur, Wangen gerötet, Augen weit aufgerissen, wie geschreckt; Stirne verkrampft, Blick sehr kritisch und oft abgewendet, kein Lächeln, schüchtern, still, vorsichtig.

Repertorisation

→Gemüt – Stimmung, Laune – abweisend, zurückweisend (55)
→Gesicht – gerunzelt – Stirn, Stirnrunzeln (40)
→Gemüt – angesehen, angeblickt zu werden – erträgt es nicht, angesehen zu werden (47)
→Gemüt – Lachen – niemals (10)
→Gemüt – eigensinnig, starrköpfig, dickköpfig – Kinder (37)
→Gemüt – schweigsam (316)
→Gemüt – Weinen – Kindern, bei – Säuglingen, bei – Geburt – von Geburt an (2)
Bisher waren kurzfristige Erfolge mit Borax, Nux vomica, Lycopodium, China, Kreosotum, Silicea, Zincum zu verzeichnen gewesen. Dazu führte die Mutter die Baby-Massage nach Leboyer durch. Alles blieb unbefriedigend.

Verordnung und Verlauf

Eine Störung von Geburt an, ohne ersichtliche Auslösung, verweist auf ein Reaktionsmittel im Sinne einer Nosode. Gerade im Symptom des ständigen Weinens der Säuglinge sind allein Carcinosinum und Syphilinum angegeben. Sonja ist ein kräftiges Kind, keineswegs zartgliedrig, wie für Carcinosinum immer beschrieben. Zudem motivierten das Stirnrunzeln (zweiwertig bei Syph.), der auffallende Eigensinn, und die Verweigerung der Anpassung zur Verordnung von Syphilinum K 200 (Korsakoff), später Syphilinum M. Beide Potenzen wurden dem Kind ab dem Alter von 18 Monaten einzeln in jeweils großen Abständen verabreicht.
Unter Einwirkung von Syphilinum „ist das Kind ganz anders geworden. Es findet nun in das Leben.“ Innerhalb von vier Monaten ist es fröhlich, ausgelassen und vergnügt geworden, lacht gerne und viel. Es wirkt entspannter, hat weniger Ängste, zeigt Neugierde an seiner Umgebung und am Spiel, kann sich jetzt einfügen. Besuche außer Haus sind möglich geworden. Die Wangenröte ist gewichen. Zorn und Ungeduld, besonders morgens, sind ihr noch eigen.
Mit vier Jahren gelingt der Eintritt in den Kindergarten gut, sie hat eine verständige Kindergärtnerin. Autistische Züge sind zu beobachten: Sie ist sehr schüchtern, weicht mit ihrem Blick aus, versteckt sich, beobachtet alles aus der Ferne und spricht wenig. Sie passt sich aber sozial an. Sie braucht eine starke, klare Führung, neigt zu Hause zu provokantem Verhalten und widersetzt sich häufig. Sie fordert mit ihrem Dickkopf ihre Umgebung sehr heraus. Das Positive: sehr willensstark, durch nichts zu verführen. Ein ungewöhnlich gutes Gedächtnis und Freude am Singen und an der Musik. Auch das Einschulen in einer Montessori-Schule gelingt gut. Immer wieder das schüchterne, schweigsame Verhalten, die Trennungs- und Erwartungsängste und die große Sturheit. Am liebsten beobachtet sie das Geschehen aus der Distanz, sie möchte ihre Ruhe haben.
Syphilinum, in seltenen Gaben verabreicht, ist weiterhin die einzige Arznei, auf die sie deutlich reagiert. Es hilft ihr, sich zu öffnen und ein Gleichgewicht zwischen ihrer hohen Sensibilität, ihrer großen Vitalität und ihrem Eigensinn zu finden.

Beurteilung

Syphilinum wurde zuerst als Reaktionsmittel eingesetzt, da viele andere gut gewählte Arzneien keinen dauerhaften Fortschritt gebracht hatten. Es erwies sich bei dem Mädchen mit autistischen Zügen als die passende Konstitutionsarznei über einen langen Zeitraum. Eine diagnostische Abklärung lehnt die Mutter bis heute ab, da sich das Kind gut entwickelt.

Kasuistik

Unser Sohn, ein Grenzautist (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Patrik H., zehn Jahre alt (Abb. 21.10), ist der zweite von zwei Knaben. Die Mutter stellt ihren Sohn im Alter von vier Jahren wegen seiner Stuhlverhaltung vor. „Das Kind kontrolliert sich selbst und uns über seinen Darm.“ Er sagt: „Ich will nicht. Ich bin groß und brauche keine Windel mehr.“ Er gibt seinen Bauchschmerzen übertriebenen Ausdruck. Letztlich findet sein Stuhlgang nur im Tiefschlaf statt, selbst nach einem Einlauf.
Patrik ist immer unzufrieden mit sich selbst, mit allem. Er lehnt alles ab, verlangt nur nach Extremen, die unerfüllbar sind; oft von Tag zu Tag etwas anderes, so auch das pure Gegenteil von gestern. Er ist „hysterisch“ und aggressiv, übertreibt alle seine Gefühlsäußerungen. Er wirft sich auf den Boden, reißt Bilder von der Wand, zerstört Spielsachen. Er beißt gezielt, um zu verletzen, quält seinen großen Bruder, der sehr lieb zu ihm ist. Er verleumdet seine Eltern bei Lehrern und Großeltern, zeigt keinerlei Mitgefühl gegenüber seinen Nächsten. Sein Eigensinn macht das Familienleben schwierig. Er lässt sich stundenlang von einem Wunsch nicht abbringen, auch wenn er gänzlich irreal ist. Er wirkt oft gleichgültig und interesselos, nimmt am Familienleben und an seiner Umgebung keinen Anteil, lässt sich nichts zeigen.
Er ist „unheimlich“ selbstständig, bringt sich alles selbst bei und betreibt es bis zur Perfektion. Er lehnt jede Kritik kategorisch ab. Er spielt nur alleine, ordnet stundenlang Gegenstände, spielt monoton und zwanghaft mit ausgewähltem Spielzeug. Er ist überordentlich, muss selbst aufräumen, bevor er das Zimmer verlassen kann. Er ist überreinlich. Speiseeis oder eine Sauce meidet er, da dies „die Zunge schmutzig macht“. Er wechselt während desselben Tages mehrmals seine Kleider.
Er sprach erst ab dem dritten Lebensjahr, teils dysgrammatisch, teils mit einer eigenen Sprache. Auffallenderweise benutzte er oft gezielt und absichtlich falsche Wörter, z. B. Kuh statt Pferd. In den Kindergarten geht er seit drei Wochen. Zuerst hatte er sich völlig dagegen gewehrt, jetzt will er ihn nicht mehr verlassen.
Leibsymptome: Guter Schlaf, Appetit sehr launisch.
Familie: Eine geordnete Familie, die Mutter wirkt verständig und geduldig. Der Bruder leidet an Hämophilie, ein Onkel an Zwangsneurose.
Bisherige Entwicklung: In der Schwangerschaft musste die Mutter wegen frühzeitiger Wehen drei Wochen liegen. Er war ein Wunschkind. Die Geburt verlief rasch und normal. Als Säugling war er zu ruhig, schlief zu viel, bis zu neun Stunden tagsüber. Es gab bedenkliche Atempausen. Mit einem Jahr machte er die Varizellen mit hohem Fieber durch. Er hatte rasende Halsschmerzen. Danach erschien er völlig verändert, der Appetit blieb weg. Eine Überempfindlichkeit auf Schmerz ist bis heute zu beobachten – als Folge dieser Erfahrung?
Heilpädagogischer Befund im Alter von zwei Jahren: Frühreif, gute Feinmotorik, Grenzautist.
Aussehen, Kontakt: Harmonische Gesichtszüge, doch angespannte, gezierte Mimik; distanzierter, kritischer Blick, lacht nie.

Repertorisation

→Gemüt – gewissenhaft, peinlich genau in Bezug auf Kleinigkeiten (115)
→Gemüt – Wahnideen – schmutzig, er sei (17)
→Gemüt – eigensinnig, starrköpfig, dickköpfig – Kinder (37)
→Gemüt – unzufrieden – allem, mit (135)
→Gemüt – Widerwillen – alles; gegen (64)
→Gemüt – Gleichgültigkeit, Apathie – alles; gegen (29)
→Gemüt – Abscheu – allgemeiner Abscheu (64)
→Gemüt – eigensinnig, starrköpfig, dickköpfig (158)
→Gemüt – Destruktivität, Zerstörungswut – Kindern, bei (10)
→Gemüt – Geziertheit, Affektiertheit (25)
→Gemüt – unzufrieden – Kinder (7)
→Gemüt – boshaft (144)
→Gemüt – mutwillig, boshaft (43)
Carcinosinum imponiert aufgrund des Gesamteindrucks des Kindes, insbesondere wegen der Intensität und Uneinfühlbarkeit seines Verhaltensmusters. So zeigt es sich auch in der Repertorisation. Am nächsten stehen die Arzneien Hyoscyamus und Thuja. Letzteres teilt sogar das Symptom der Wahnidee, schmutzig zu sein, verhält sich aber weniger aggressiv.

Verordnung und Verlauf I

Carcinosinum C 200 wird ausgewählt und verabreicht. Nach drei Tagen ruft die Mutter an: Wir hatten Erfolg. Der Stuhlgang funktioniert gut, ohne Angst. Das Verhalten wird innerhalb von Monaten lockerer, er wird kooperativ, einsichtig, spielt mit dem Bruder. Aggression und Zwänge beruhigen sich. Nach sechs Wochen und nach weiteren fünf Monaten je einmal Carcinosinum M. Etwa alle sechs Monate wird diese Gabe wiederholt, wenn das Kind wieder eng, zurückgezogen und aggressiv wird. Es findet damit unmittelbar zu einer inneren Stabilität. Körperlich ist er immer gesund.
Das Einschulen mit sechs Jahren verursacht anfangs Versagensängste. Patrik liebt seine Lehrerin in einer Integrationsklasse mit Montessori-Pädagogik. Bald zeigen sich seine besonderen Begabungen: ein mathematisches Genie, Musik, Rhythmus, Zeichnen, Tanzen, Computerspiele, Tischtennis – in allem überdurchschnittliche Leistungen. Trotzdem steht Patrik sich selbst oft im Wege wegen seiner Angst, Fehler zu begehen. Dann rührt er nichts an. Mit den Schwachen seiner Klasse kann er sehr einfühlsam sein.
Die Kontrolle beim Facharzt für Heilpädagogik bestätigt die Diagnose und einen guten Verlauf.
Mit neun Jahren verfällt Patrik – nach langer Stabilität – wieder den Ängsten: Angst vor Infektion und Krankheit, vor dem Sterben, vor dem Stuhlgang. Er legt sich in sein Bett und weint hilflos. Er hält zwanghaft eine sich selbst verordnete Diät und klammert sich an zu Hause. Sein Großvater ist an einem Karzinom erkrankt, wobei er sehr mitleidet. Er hat zunehmend Molluskenbefall der Haut.
Die letzte Carsinosinum-Gabe hatte nicht mehr überzeugend gewirkt, eine Zwischengabe von Syphilinum brachte keine Veränderung.
Gesamteindruck des Verhaltens: Im Vordergrund steht die zwingende Intensität der Symptome mit zerstörerischer Auswirkung auf die Integrität des Kindes und auf sein soziales Gefüge. Dies spricht für eine Tierarznei.

Verordnung und Verlauf II

Gemäß den Angaben von Mangialavori Androctonus K 200 (Korsakoff). Zwei Wochen danach bestehen keine Ängste mehr. Er bewegt sich nun frei unter seinen Freunden, auch außer Haus und in der Schule. Die Mollusken verschwinden.
Ein Jahr später, vor dem Wechsel in das Gymnasium, gerät er wieder aus den Fugen: Ängste v. a. Neuen. Er braucht in allem einen genauen Plan. Er sucht nur Leistung und Wettkampf. Er ist den Gleichaltrigen in vielem überlegen, intellektuell und sportlich. Er kann fast alles, was er anpackt. Er prahlt aber damit, kann nie verlieren, beschuldigt andere, wenn ihm etwas misslingt, und macht sich damit überall unbeliebt. Er ist grob gegen seinen großen Bruder, schlägt ihn auf bedrohliche Weise. Er lügt offen und niederträchtig, verleumdet seinen Vater in aller Öffentlichkeit: „Jetzt hat er mich schon wieder geschlagen“ – was nicht stimmt. Vor allem Männer fordert er sehr heraus und lehnt sie offen ab.
Versuch mit Lycopodium C 200, was keine Hilfe bringt. Androctonus K 200 bringt ihn wiederum ins Lot, macht ihn selbstständig und gelassener. Diese Entlastung hält nun seit Monaten wieder an.

Beurteilung

Dem Kind mit seinem extremen, widersprüchlichen Verhalten konnte an den wesentlichen Krisenpunkten seiner Entwicklung über die Jahre mit den Arzneien Carcinosinum und Androctonus geholfen werden, seine Rolle im Leben zu finden – zusammen mit dem Bemühen der Eltern und von verständigen Pädagogen.

Kasuistik

Das Kind mit dem finsteren Blick (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Theodor U., sieben Jahre alt, ist erster von drei Söhnen. Das Kind kommt wegen rezidivierender Infekte und Verhaltensstörungen in die Praxis. Bei einem zweiten Termin ohne Kind berichtet die Mutter: „Theodor war immer extrem schwierig. Lieb und brav, unmittelbar darauf aggressiv und zerstörerisch. Besonders außer Haus gibt es Probleme. Er schaut lange Zeit aus großer Distanz zu, wehrt sich lange nicht. Wegen einer Kleinigkeit gerät er plötzlich in rasende Wut, schimpft und tobt. Die Lehrerin der ersten Klasse will ihn ausschließen. Er ist der Außenseiter, er verschließt sich und gehorcht nicht. Seine aggressiven Handlungen überfordern die erfahrene Lehrerin.“
Bisherige Entwicklung: Ein Wunschkind, Geburt wegen EPH-Gestose eingeleitet, verzögert durch Muttermundrigidität. Stillen „ging schief“, frühes Gehen mit zehn Monaten, spätes Sprechen mit drei Jahren. Die erste Zeit mit dem Kind stand unter großer Belastung durch Sorgen in der Familie: Der Vater erkrankte an Hypertonie, dann an Diabetes mellitus; zudem große Spannungen mit der Schwiegermutter im Hause. Die Familie hat sich deshalb sozial sehr zurückgezogen. Der Kontakt zum Kind war immer schwierig und zwiespältig. Er suchte nie Nähe noch Zärtlichkeit.
Frühere Krankheiten: Theodor litt schon ganz früh an Psoriasis vulgaris. Mit zwei Jahren musste er deshalb für drei Wochen an eine Universitätsklinik in einer entfernten Stadt. Von Besuchen wurde damals abgeraten. Danach schien er wie ein „anderes“ Kind, der Familie entfremdet.
Aussehen und Kontakt: Der Junge wirkt finster, verschlossen, verkrampft, weicht jedem Blick aus, spricht nichts. Hochgezogene Schultern, gesenkter Kopf, in ständiger Schutz- und Abwehrhaltung. Schüchtern, gehemmt, misstrauisch. Die Mutter braucht auffallend lange, um sich zu öffnen und ihre echten Sorgen anzuvertrauen. Es umgibt sie die Atmosphäre von Sorge und gehütetem Familiengeheimnis.
Stellungnahme von Psychologen und Heilpädagogen: Durch den Krankenhausaufenthalt hat das Kind einen seelischen Schock erlitten mit Vertrauensverlust. Überdurchschnittliche Intelligenz, deutlich unterentwickeltes Gefühlsleben. Er sieht im Rohrschach-Test Tiere statt Menschen: schwere Kontaktprobleme und depressive Störung.

Repertorisation

→Gemüt – Beschwerden durch – Liebe, enttäuschte (57)
→Gemüt – Verzweiflung – Liebe, durch enttäuschte (4)
→Gemüt – Raserei, Tobsucht, Wut – Liebe, durch enttäuschte (1)
→Gemüt – Antworten – Abneigung zu antworten (90)
→Gemüt – kauzig, eigen (12)
→Gemüt – Wildheit (44)
→Gesicht – Ausdruck – finster, verdrießlich (4)
Das schwierige, abweisende Verhalten des Kindes wird einfühlbar, wenn seine Verzweiflung während des Krankenhausaufenthaltes in das Symptomenbild mit einbezogen wird. Damals hat das auffallende Verhalten ja auch begonnen. Hyoscyamus findet sich in allen Rubriken, außer dem letzten. Nux vomica zeigt sich als das engste Vergleichsmittel.

Verlauf und Verordnung

Es wird Hyoscyamus K 200 (Korsakoff) verordnet, nach zwei Monaten Hyoscyamus M, wiederholt nach einem halben Jahr. Dazu Heileurythmie und psychologische Betreuung. Theodor wird allmählich zugänglich, öffnet sich für Kontakt. Der Blick wird heller und offener. In der Schule findet er zu einer sichereren, freudigen Haltung, er gliedert sich ein. Die Infekte bleiben aus.

Beurteilung

Das Kind mit Deprivation und Kontaktstörung seit Geburt konnte die Trennung von seiner Bezugsperson mit zwei Jahren nicht kompensieren und verfiel in eine schwere Depression mit autistischen Zügen. Hyoscyamus, ein bedeutendes Kummermittel mit großem Aggressions- und Angstpotenzial, konnte die Blockierung lösen helfen. Vergleichsmittel: Belladonna, Nux vomica, Stramonium.

Kasuistik

Das Kind mit Waschzwang (Jutta Gnaiger-Rathmanner)

Anamnese

Fabian S. (Abb. 21.11), vier Jahre alt, ist das erste von drei Kindern. Von Anfang an war Fabian „immer“ krank: Er litt an Infekten, eitrige Tonsillitiden, teils mit hohem Fieber, viele Antibiotika. Das zweite Anliegen ist sein Verhalten. Das Kind ist lieb, zärtlich, spielt brav. Doch es ist um alles besorgt, reagiert auf Kleinigkeiten mit Jammern und Klagen, ist mutlos und verzweifelt. Es gibt wiederholt Phasen von Waschzwang: Fabian beklagt sich über schmutzige, klebrige Hände und muss sie ständig waschen. Er hat viele Ängste: wenn er alleine ist, vor Gewitter, vor Lärm. Im Schlaf fährt er mit Schreikrämpfen auf im Sinne von Pavor nocturnus und ist lange nicht zu beruhigen. Er hat wenig Appetit, bevorzugt Süßes und Milch. Ihm ist warm, er schläft abgedeckt.
Aussehen und Kontakt: Fabian ist blond, er hat weiche Züge, ist kindlich, schüchtern, verträumt.
Vorgeschichte: Die Mutter erzählt zuletzt und überraschend von ihrer gestörten Beziehung zu Fabian: „Es gab von Anfang an eine Distanz zwischen uns. Die Schwangerschaft überraschte mich, als ich noch zur Schule ging. Meine Familie unterstützte mich in allem. Nach der Geburt setzte ich alles daran, die Schule mit Matura abzuschließen, was einen großen Einsatz verlangte. So war das Kind das erste Halbjahr über viel bei Oma und Uroma. Das Kind reagierte damit, dass es mich lange Zeit nicht annehmen konnte. Es wendete sich von mir ab. Bis heute finden wir nicht so recht zueinander, obwohl ich mit meinen drei Kindern nun schon lange zu Hause bin.“

Repertorisation

→Gemüt – Waschen – Verlangen, sich zu waschen – Hände; wäscht sich ständig die (24)
→Gemüt – Wahnideen – schmutzig, er sei (17)
→Gemüt – Furcht – Entsetzen, panische Furcht – nachts (22)
→Gemüt – Furcht, allein zu sein (138)
→Gemüt – Kleinigkeiten scheinen wichtig, bedeutend (34)
→Gemüt – Jammern (109)
→Allgemeines – Krankengeschichte von; persönliche – Tonsillitis; von wiederkehrender (31)
→Allgemeines – Speisen und Getränke – Milch – Verlangen (123)

Verordnung und Verlauf

Lac caninum C 200, im Abstand von sechs Wochen dieselbe Gabe wiederholt, nach weiteren sechs Wochen Lac caninum M. Am Tag nach der ersten Gabe fieberte das Kind hoch, mit Halsweh. Die Nacht und der Allgemeinzustand waren auffallend ruhig. Nach zwei Tagen kam Besserung, die viel rascher verlief als üblich – Zeichen einer Heilreaktion.
Sechs Wochen später berichtet die Mutter: „Wir haben ein anderes Kind. Der Waschzwang war sofort gut. Das Kind ist sonnig, so anhänglich wie noch nie, und nie mehr weder verzweifelt noch jammernd. Der Appetit ist viel besser.“
Ein Jahr später betont die Mutter, dass die Beziehung zu ihrem Ältesten seit der Arznei ganz normal im besten Sinne geworden sei. Das Kind ist seither insgesamt viel gesünder. Auf einen kleinen Konflikt zwischen den Eltern stellt sich der Waschzwang kurzfristig wieder ein, das Kind jammert wieder. Wiederum hilft Lac caninum M.

Beurteilung

Lac caninum wurde gewählt, da neben den im Repertorium auffindbaren Rubriken die Ambivalenz zur Mutter bei einer frühkindlichen Beziehungsstörung auffallend und entscheidend war. Sie bildete den psychodynamischen Hintergrund des Waschzwangs.
Der Erst- bzw. Heilreaktion mit Fieber folgte die eindeutige Besserung des gesamten Zustands: Ein Beispiel für die Hering-Regel, deren Gesetzmäßigkeit bei Verwendung von Hochpotenzen auftreten kann, aber keineswegs immer auftreten muss.
Vergleichsmittel: Arsenicum, Tuberculinum, Calcium carbonicum.

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