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B978-3-437-56873-2.00001-9

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Abrotanum – Aurum

Abrotanum

Weitere Namen: Artemisia abrotanum; Eberraute
In AbrotanumAbrotanum haben wir ein wertvolles Heilmittel für marastische Kinder. Es hat viele Symptome mit AETHUSA CYNAPIUM gemein – und viele andere, welche die beiden Mittel deutlich voneinander unterscheiden. Bei beiden finden wir extreme Schwäche: Unfähigkeit, zu stehen oder auch nur den Kopf aufrechtzuhalten. Das Abrotanum-Kind hat jedoch nicht die Milchunverträglichkeit, die für AETHUSA so typisch ist; im Gegenteil, es hat ein großes Verlangen nach gekochter Milch oder nach in Milch gekochtem Brot, um seinen nagenden Hunger zu stillen. Beide Arzneien haben „schwerfälliges Denken und mangelndes Begriffsvermögen“.
Gleichwohl sind gerade die psychischen Symptome von aethusa cynapiumAETHUSA und Abrotanum geeignet, zwischen ihnen zu differenzieren. Bei aethusa cynapiumAETHUSA (engl. ‚Fool's Parsley‘, ‚Narren-Petersilie‘) besteht Verwirrtheit, Benommenheit und eine Unfähigkeit zu denken, die an Idiotie grenzen kann. Auch der Abrotanum-Patient hat diese Unfähigkeit zu denken, doch kann er darüber hinaus äußerst reizbar sein, böse und unfreundlich, ja sogar gewalttätig und unmenschlich; er möchte etwas Grausames tun; keine Menschenliebe.
Die Eberraute (engl. ‚Lad's Love‘, ‚Burschenliebe‘) ist eine grüngräuliche, strauchige Pflanze, die gleich hinter der Pforte in den Gärten von Landhäuschen wächst. Beim Ein- und Ausgehen ist man instinktiv geneigt, eines der, wie Culpeper sie beschreibt, „zahlreichen, in viele kleine, borstige Segmente unterteilten Blätter von feiner blassgrüner Farbe“ zwischen den Fingern zu zerreiben, um ihren bezaubernden Duft sich entfalten zu lassen. Kein Zweifel, dass dieser Duft der Pflanze auch den Namen ‚Burschenliebe‘ eingetragen hat; denn durch die Jahrhunderte hindurch müssen ihre Blätter von den Burschen als schüchterne Gabe für die Mädchen ihrer Wahl abgepflückt worden sein, sicherlich um – nach der Sitte unseres Landvolks – in manch alter Bibel gepresst und heilig gehalten zu werden und so ein Leben lang die süßen Erinnerungen an Jugend und Umworbensein neu zu entfachen.
Abrotanum ist eine unserer alten englischen Arzneipflanzen. In Culpepers English Physician (sein Vorwort datiert aus dem Jahre 1653) lesen wir in Bezug auf die Eberraute: „Der Samen, zerquetscht, in warmem Wasser erhitzt und dann getrunken, hilft solchen, die von Konvulsionen, Muskelkrämpfen oder Ischias geplagt sind; auch verringert er übermäßige Monatsblutungen der Frauen. Derselbe in Wein eingenommen ist ein Antidot gegen alle Gifte. Das Rückgrat mit dem Öl eingerieben, heilt Wechselfieber; das Öl beseitigt auch Augenentzündungen, wenn ein Teil einer gerösteten Quitte und ein paar Brotkrumen aufgekocht und hinzugefügt werden. Gekocht in einem Gerstenmahl, vertreibt es Pickel und Blattern aus dem Gesicht oder anderen Körperteilen. Der Samen und das getrocknete Kraut töten Würmer von Kindern ab; die zerquetschte und äußerlich angewandte Pflanze zieht Splitter und Dornen aus dem Fleisch. Das Gemisch der Asche mit altem Salatöl hilft den Kahlköpfigen, indem es das Haar an Kopf oder Bart wieder wachsen lässt. Ein starker Aufguss der Blätter ist ein gutes Wurmmittel, schmeckt aber unangenehm und erzeugt Übelkeit. Die Blätter sind eine gute Ingredienz in heißen, feuchten Umschlägen zur Linderung von Schmerzen; sie lösen Schwellungen auf oder stoppen das Fortschreiten einer Gangrän.“1

1

M. Tyler gibt in ihrem Buch immer wieder verschiedene Geburts- und Todesdaten für diesen Autor an. Wie meine Nachforschungen ergeben haben, gab es in jener Zeit tatsächlich mehrere ‚Culpepers‘, die bekannt geworden sind; jedoch handelt es sich bei dem von ihr Zitierten jedes Mal um Nicholas Culpeper, der 1616 geboren wurde und 1654 in jungen Jahren (wahrscheinlich infolge Arbeitsüberlastung) an Schwindsucht verstarb. Er hatte eine gutgehende Praxis in London und schrieb nebenbei eine Unzahl von Büchern, größtenteils medizinischen und astrologischen Inhalts. 1653 erschien sein bedeutendstes Werk The English Physician Enlarged, with 369 Medicines made of English Herbs …, das später auch unter dem Titel The Herbal bekannt wurde.

Hauptsymptome
Große Schwäche, starke Erschöpfung und eine Art hektisches Fieber (bei Kindern nach Influenza).
Juckende Frostbeulen. (Vgl. nux vomicaNUX VOMICA, agaricusAGARICUS)
Schmerzhafter, entzündlicher Gelenkrheumatismus, bevor die Schwellung beginnt.
Gicht: schmerzhafte und entzündete Hand- und Fußgelenke.
Einige bemerkenswerte Symptome
Empfindung überlaufender Kälte entlang den Gehirnwindungen.
Sehr großer Appetit; Heißhunger bei gleichzeitiger Abmagerung.
(Oder auch Appetitlosigkeit.)
Empfindung, als würde der Magen in Wasser hängen oder schwimmen, mit einem eigenartigen Gefühl von Kälte darin und von Unempfindlichkeit gegenüber allen Reizstoffen.
Nach plötzlichem Aufhören des Durchfalls Rheumatismus.
Hämorrhoiden erscheinen und werden schlimmer, sobald die rheumatischen Beschwerden nachlassen.
Häufiger Stuhldrang, es kommt aber kaum etwas, außer Blut.
Tötet Würmer ab, besonders Askariden.
Zucken in beiden Ovarialregionen, scheint zum Rücken zu ziehen.
Unterdrückte Menses.
Blutige Exsudationen aus dem Nabel von Neugeborenen.
Bei Pleuritis (aconitumnach ACONITUM und bryoniaBRYONIA), wenn in der betroffenen Seite eine drückende Empfindung bestehen bleibt, die ein freies Durchatmen behindert.
Hektisches Fieber, sehr schwächend (Marasmus).
Schmerzhafte Kontraktionen der Glieder durch Krämpfe oder als Folge von Koliken.
Bei Marasmus ist die Haut schlaff und hängt in Falten herunter.
Nash erwähnt Abrotanum sechsmal in seinen Leaders; die Hauptanwendungsbereiche der Arznei fasst er wie folgt zusammen:
„Marasmus, am stärksten ausgeprägt an den unteren Extremitäten, durch Mangelernährung bedingt.
Diarrhö.
Diarrhö, abwechselnd mit Rheumatismus.“
Ich will diese Passagen kurz zitieren, weil sie deutliche Hinweise zum Gebrauch von Abrotanum geben und, was so wichtig ist, nützliche Vergleiche bringen mit anderen Heilmitteln ähnlicher Zustände und Symptome.
In Bezug auf Marasmus macht er darauf aufmerksam, dass, während saniculaSANICULA, natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM und lycopodiumLYCOPODIUM von oben nach unten abmagern, dies bei Abrotanum umgekehrt vonstatten geht.
Von natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM sagt er, kein Mittel sei hungriger und dennoch verliere der Patient an Gewicht, trotz reichlichen Essens (acidum aceticumaceticum acidumACIDUM ACETICUM, Abrotanum, jodumJODUM, saniculaSANICULA, tuberculinumTUBERCULINUM).
„Bei natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM ist die Abmagerung am auffälligsten am Hals, bei Abrotanum an den Beinen. …
Bei Marasmus der Kinder haben wir zu wählen zwischen Mitteln wie baryta carbonicaBARYTA CARBONICA, siliceaSILICEA, Abrotanum, natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, sulfurSULFUR, calcarea carbonicaCALCAREA und jodumJODUM. All diese Mittel können am übrigen Körper abmagern, während das Abdomen stark vergrößert ist. Ebenso kann bei jedem von ihnen das Kind regelrechten Heißhunger haben und genügend essen, aber trotzdem immer weiter abnehmen. Es besteht eine unzureichende Assimilation.“
Bestimmte Arzneien haben alternierende Symptome, wie z.B. kalium bichromicumKALIUM BICHROMICUM, bei dem rheumatische mit dysenterischen Symptomen abwechseln; so ist es auch bei Abrotanum.2

2

Es handelt sich hier um das Phänomen der Metastasis, der Verlagerung von Krankheitsprozessen von einem Organ zu einem anderen; im Gegensatz etwa zu Krebsmetastasierungen verschwindet dabei die Störung aus einem Bereich vollständig und tritt an einem anderen Ort in zumeist veränderter Gestalt wieder auf. Abrotanum erscheint hierbei im Kent-Repertorium als einziges Mittel im 3. Grad, und trotz vieler Ergänzungen im Synthetischen Repertorium ist es auch dort als wichtigstes Mittel bei „Metastasis“ aufgeführt. Wie Vithoulkas in seiner Materia Medica Viva schreibt, reagieren Abrotanum-Patienten besonders empfindlich auf das Aufhören oder Unterdrücken von Absonderungen, sie brauchen diese unbedingt als eine Art Ventil; nur wenn sie z.B. Durchfall haben, fühlen sie sich richtig wohl.

Abrotanum ist heißhungrig; obwohl es gut isst, magert es immer mehr ab (jodumJODUM, natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, saniculaSANICULA, tuberculinumTUBERCULINUM).
Marasmus nur der unteren Gliedmaßen.
Abrotanum ist ferner ein Heilmittel bei Furunkeln, bei Rheumatismus sowie bei Gicht, vor allem im Bereich der Hand- und Fußgelenke (ruta graveolensRUTA).
Es hat einen guten Ruf bei Hydrozele von Kindern (diese habe ich früher in den meisten Fällen mit rhododendronRHODODENDRON rasch geheilt).
Das bei weitem beste Bild von Abrotanum vermittelt H. C. Allen in seinen Keynotes.

Acidum muriaticum

Weitere Namen: Salzsäure
Acidum muriaticum ist ein Mittel, das ich nur selten verwenden musste, außer zuweilen bei Analbeschwerden; deshalb muss ich, um ein Bild von ihm zu entwerfen, weitläufig zitieren, wobei ich versuchen will, seine eigentümlichen Merkmale herauszuarbeiten, die ziemlich charakteristisch sind und eine starke Indikation für diese mächtige Arznei darstellen, nötigenfalls sogar bei ernsten und bedrohlichen Erkrankungen oder Krankheitsstadien.
Farrington hat ein höchst aufschlussreiches Kapitel über die Säuren geschrieben. Er unterscheidet zwischen den mineralischen und den organischen Säuren: „Die Mineralsäuren als eine Klasse rufen allesamt ‚Reizbarkeit der Faser‘ und zugleich Schwäche und Prostration hervor, … wohingegen die Pflanzensäuren Schwäche ohne Reizbarkeit erzeugen. … Alle Säuren verursachen eine eigentümliche Schwäche, die nicht funktioneller Natur ist, sondern … aus einer gestörten Nutrition resultiert, bedingt vor allem durch Erkrankung des Blutes. Daher finden wir sie angezeigt bei schwersten Krankheitsformen, bei Krankheiten, die durch Blutvergiftung gekennzeichnet sind, bei typhösen Zuständen und beim Scharlachfieber, besonders in seiner septischen Verlaufsform …“
Clarke sagt: „Teste, der viel dazu beigetragen hat, die Heilkräfte von Acidum muriaticum zu definieren, stellt es in eine Gruppe mit agnus castusAGNUS CASTUS und hyoscyamusHYOSCYAMUS; er vertritt die Ansicht, dass seine Wirkung vollkommen einer typischen Typhuserkrankung entspricht. … Wie nitricum acidumacidum nitricumACIDUM NITRICUM ist auch Acidum muriaticum ein kräftiges Antidot für mercurius (solubilis)MERCURIUS und stimmt mit den Zuständen überein, die durch Quecksilber hervorgerufen werden, ebenso mit ähnlichen Leiden anderer Genese. Wie andere Desinfektionsmittel verursacht und heilt es raschen Gewebezerfall, und es heilt auf dynamische Weise schwere, mit Fäulnisprozessen einhergehende Zustände, wie sie in manchen Krankheitsverläufen anzutreffen sind. … Acidum muriaticum entspricht nicht nur schleichenden Fieberzuständen, sondern auch vielen ihrer Folgeerscheinungen: Taubheit, Otitis und Drüsenschwellungen um die Ohren erfordern häufig dieses Mittel.“
Hughes schreibt über Acidum muriaticum: „Sein Wirkungsbereich, so könnte man sagen, ist der eines kräftezehrenden, febrilen Zustandes des Blutes mit Ulzerationen der Schleimhäute und Ekzemen der angrenzenden Hautflächen. … Sicher ist, dass Acidum muriaticum in Gaben, die zu gering sind, um irgendeine chemische Wirkung auszuüben, in der homöopathischen Praxis einen außerordentlich guten Ruf als Mittel für schleichende Fieber hat.“
Guernsey: „Typhöse oder adynamische, schleichende Fieber. … Kann den Anblick von Fleisch, selbst den Gedanken daran nicht ertragen. Tag und Nacht sehr reichliches Harnen. … Der Patient kann beabsichtigen, etwas Wind abgehen zu lassen, und dabei entweicht gleichzeitig Urin; oder: er kann nicht urinieren, ohne zugleich Stuhl zu entleeren. Hämorrhoiden, die extrem berührungsempfindlich sind. … Der Kranke rutscht oft vor Schwäche im Bett herunter; muss alle Augenblicke hochgehoben werden.“
Farrington: „Die fortgesetzte Einnahme dieses Mittels hat krankmachende Wirkungen, deren Symptome auf der emotionalen und nervlichen Ebene in zwei verschiedene Kategorien oder Stadien eingeteilt werden können. … Im ersten Stadium ist der Kranke reizbar und mürrisch, alle Sinne sind geschärft und überempfindlich. Licht tut seinen Augen weh; entfernte Geräusche rufen Summen oder Brausen in den Ohren oder lästigen Kopfschmerz hervor; Geruchs- wie Geschmackssinn sind ungewöhnlich fein. … Er ist schläfrig, aber unfähig zu schlafen; oder er wälzt sich träumend und unruhig die ganze Nacht im Bett umher. Doch bei all diesem Erethismus ist bereits von Beginn an ein gewisser Grad an Schwäche festzustellen. … Es handelt sich dabei nicht um Hyperaktivität im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr um eine Art Reizbarkeit, die sich als reizbare Schwäche darbietet.
Dann folgt das Stadium der Erschöpfung, das natürlich in verschiedenen Abstufungen in Erscheinung tritt. … Der Kranke ist besorgt wegen realer oder eingebildeter Dinge. Kopfschmerzen können auftreten, ‚als wenn das Gehirn zerrissen oder zertrümmert wäre‘. Dann verliert er das Bewusstsein, murmelt im Delirium, seufzt und stöhnt im Schlaf. Die Zunge wird immer trockener, sie scheint regelrecht eingeschrumpft und schmal und spitz geworden zu sein; sie ist so trocken, dass sie beim Versuch zu sprechen wie ein Stück Leder im Munde knarrt. Noch später ist die Zunge gelähmt, so dass er sie fast überhaupt nicht mehr bewegen kann. … Der Puls setzt typischerweise jeden dritten Schlag aus. Wässrige Diarrhö, einhergehend mit Rektumprolaps; Stuhl geht unfreiwillig mit ab, wenn er sich bemüht, Wasser zu lassen. Er rutscht im Bett herunter, hat nicht genügend Kraft, den Kopf auf dem Kissen zu halten. Es droht nun Lähmung des Gehirns, welche sich durch ins Leere stierende Augen, Herabsinken des Unterkiefers und Kälte der Extremitäten ankündigt; darauf folgt, wenn der Zustand nicht rechtzeitig gestoppt wird, der Tod. Dies sind die Symptome, die nach Acidum muriaticum verlangen, besonders bei Abdominal-Typhus.“
Hauptsymptome
(Hering, Guiding Symptoms)
Diarrhö, mit Vortreten blauer oder dunkelroter Hämorrhoiden, besonders wenn sie bei schwächlichen Kindern auftritt, die an Magenatonie und Muskelschwäche leiden und marastisch zu werden drohen.
Hämorrhoiden: geschwollen, blau; schmerzhaft bei Berührung; treten plötzlich bei Kindern auf; vortretend, rötlichblau, brennend; so empfindlich, dass die geringste Berührung, selbst die des Bettlakens, unerträglich ist.
Langsames Abgehen des Urins; schwache Blase; muss lange Zeit warten; muss so sehr pressen, dass der After vortritt.
Leukorrhö, mit Rückenschmerzen; Anus aufgrund von Hämorrhoiden oder Fissuren schmerzhaft.
Große Schwäche; sobald er sich hinsetzt, fallen ihm die Augen zu; der Unterkiefer hängt herab; er rutscht im Bett herunter.
Typhus, typhöse Fieber: beständige Unruhe oder wie betäubter Schlaf; bewusstlos; lautes Stöhnen oder wirres Reden; will sich aufdecken; Unterkiefer herabgesunken; aphthöse Geschwüre im Mund, fötider, säuerlicher Geruch; Zunge an den Rändern belegt, geschrumpft, trocken wie Leder, gelähmt; durchfällige, übelriechende Stuhlentleerungen; unwillkürlicher Stuhlabgang beim Wasserlassen; schnelle, schwache, rasselnde Atmung; Herunterrutschen im Bett; Urin dunkel, aber klar; Bluten aus dem After; Hämorrhagien von dunklem, dünnflüssigem Blut; Mund voll von dunkelbläulichen Geschwüren; Puls setzt jeden dritten Schlag aus; Beine gebeugt, Füße hochgezogen; Haut heiß und trocken.
Scharlach: intensive und sich rasch ausbreitende Rötung der Haut; Ausschläge spärlich, durchsetzt mit Petechien; Haut purpurfarben.
Eines der größten Mittel bei sehr schlimmen Fällen von Typhus, Diphtherie, Scharlach etc.
Hauptsymptome
(Hahnemann, Reine Arzneimittellehre und Chronische Krankheiten)
Drehend in der freien Luft und unfest im Gehen.
Ruckweise stoßend reißender Schmerz von der linken Hälfte des Hinterhaupts bis in die Stirne; bald darauf ein ähnlicher Schmerz in der rechten Hälfte.
Schwerheitsgefühl im Hinterhaupte, mit ziehenden Stichen daran, mehr rechts, dicht am Nacken, mit Geschwulst einer Nackendrüse, welche beim Drauffühlen schmerzt; dabei Schwere und Schwindel im Kopfe, mit Düsterheit der Augen, wie bei einem Rausche.
Zuckendes Kneipen tief im linken Ohre, welches nach öfterem Wiederkehren klammartig, fast wie Ohrenzwang, wird.
Leerheits-Empfindung in der Magengegend, besonders in der Speiseröhre, welche nicht durch Essen vergeht, nebst Kollern in den Därmen.
Heftiges Kneipen von der Nabelgegend nach beiden Seiten zu, mit Knurren.
Drückendes Klemmen unter den linken kurzen Ribben, weder durch Ein- noch durch Ausathmen verändert.
Oefteres Drängen zum Harnen, mit vielem Urinabgange.
In der rechten Brust, eine ziehende Empfindung, welche unter der Brustwarze anfing und, sich nach dem Halse zu ziehend, schwächer ward und da verschwand.
Schneidende Stöße in der Mitte, innerhalb des Brustbeins, nebst stumpfem Drücken hinten in der Brusthöhle, allgemeiner Beklommenheit derselben und beengtem Athemholen, den ganzen Tag lang, von Zeit zu Zeit.
Beim Sitzen, in der Mitte des Rückens, ein drückender Schmerz, wie von vielem Bücken, welcher beim Stehen oder Gehen wieder verschwand.
Beim Sitzen, ein drückender Schmerz auf der linken Seite des Rückens, wie von vielem Bücken, welcher bei Berührung, beim Gehen oder Stehen nicht verging.
Beim Sitzen und Schreiben, in den Muskeln des rechten Oberarms, ein ziehendes Reißen, welches bei Bewegung und beim Ausstrecken des Arms wieder verging.
Im rechten Ellbogengelenke, ein ziehend spannender Schmerz, öfters.
Im linken Handteller, ein wohllüstiges Jücken, was zum Kratzen nöthigt.
Im rechten Handteller, ein wohllüstiges, stechendes Kitzeln, was zum Kratzen nöthigt, aber nicht sogleich dadurch getilgt wird.
Beim Schreiben, ein krampfhafter Schmerz, wie Klamm, am Ballen des rechten Daumens, welcher sich bei Bewegung desselben wieder verlor.
Beim Sitzen, ein mit Drücken und Ziehen verbundener, stichartiger Schmerz in den Muskeln des linken Oberschenkels, dicht am Schooße, … welcher sich beim Stehen oder Gehen wieder verlor.
Wankend im Gehen, aus Schwäche der Oberschenkel.
Jückender, anhaltender Stich im linken Fußrücken bei Bewegung, am schlimmsten aber in der Ruhe.
Im Sitzen fielen ihr vor Mattigkeit die Augen zu; stand sie aber auf und bewegte sich, so ward sie gleich munter.
Oefteres Erwachen aus dem Schlafe.
Fieberschauder über den ganzen Körper, Schüttelfrost, mit Gähnen und Dehnen der Glieder, aber ohne Durst und ohne Hitze darauf.
Traurig gestimmt, ohne anzugebende Ursache.
Hahnemann gibt auch einige Gemütssymptome an:
Kurzsylbig, still und mürrisch.
Kleinmüthig, verzagt und ärgerlich über alles.
(Und als Heilwirkung:) Ganz ruhiges, gelassenes und sorgenfreies Gemüth.

Acidum nitricum

Weitere Namen: nitricum acidumacidum nitricumSalpetersäure
Hahnemann weist darauf hin, „dass diese Arznei mehr für Kranke von straffer Faser (Brünette), aber weniger für die von schlaffer Faser (Blondine) wohlthätig wirkt“. Und tatsächlich ist es bei Acidum nitricum die äußere – braunäugige – Erscheinung des Patienten, die einen unmittelbar an dieses als sein mögliches Heilmittel denken lässt; natürlich, die Symptome müssen übereinstimmen, aber häufig tun sie es auch.
In der ambulanten Praxis, wo man ‚vorankommen‘ muss, bringt einen der Symptomenkomplex Verlangen nach Fett, Verlangen nach Salz, Frösteligkeit, Gleichgültigkeit sofort auf die Spur von Acidum nitricum; und in den meisten Fällen wird man feststellen, dass auch die übrigen Symptome auf den Patienten passen und man das heilende Mittel für ihn somit schon gefunden hat. Hinsichtlich des Verlangens nach Fett und Salz wetteifert im Repertorium lediglich sulfurSULFUR mit Acidum nitricum, aber in niedrigerem Grad. Das Repertorium liefert uns nur wenige ‚Fettgierige‘, wobei einzig Acidum nitricum dreiwertig erscheint; es ist nützlich, sie auswendig zu kennen, nämlich: arsenicumArs., hepar sulfurisHep., nitricum acidumacidum nitricum-Nit-ac., nux vomicaNux-v. und sulfurSulf.3

3

Im Synthetischen Repertorium gibt es einige Nachträge, darunter zweiwertig Calc-p., Carc., Mez., Tub. Darüber hinaus gibt es von Vithoulkas einige Ergänzungen: Arg-n., Kali-n., Med., Phos., Ran-b., Sil.

Von diesen haben aber ARSENICUM, HEPAR und NUX nicht das Verlangen nach Salz. Die ‚Mentalität‘ von Acidum nitricum steht, wie mir scheint, der von sepiaSEPIA nahe; doch SEPIA verabscheut Fett und mag kein Salz. Hier ein kleiner Symptomenkomplex von Acidum nitricum, der einen, wenn es schnell gehen soll, zu dem Mittel führen kann – man kann es eigentlich nicht verfehlen!
Acidum nitricum ist, abgesehen von seinem Verlangen nach Fett und Salz, in seiner vollen Ausprägung:
  • Fröstelig.

  • Schwermütig; gleichgültig.

  • Unduldsam gegenüber Mitgefühl.

  • Empfindlich auf Geräusche, Schmerz, Berührung, Erschütterung.

  • Reizbar; misstrauisch; halsstarrig; unruhig.

  • Fürchtet den Tod.

  • Schlimmer: Wind; Gewitter; Nässe.

  • Schwitzt reichlich an Händen und Füßen.

Ein Arzt, der aus einer abgelegenen Gegend kam, bat vor einigen Jahren nach einer unserer Fortgeschrittenen-Vorlesungen den Dozenten wegen eines Kindes um Hilfe, das wegen hartnäckiger Verstopfung in seiner Behandlung war. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen das Acidum-nitricum-Verlangen nach Fett und Salz hatte, und der Dozent fuhr damit fort, dem erstaunten Arzt die Acidum-nitricum-Symptome aus Allens Keynotes vorzulesen. „Ach, Sie kennen das Kind?“ Natürlich kannte er es nicht, aber er kannte Acidum nitricum; und nachdem diese beiden Symptome das Mittel bereits nahegelegt hatten, passte der Rest der Symptome ebenfalls ins Bild. Auf diese Weise wird man auch mit einer überfüllten Ambulanz am Nachmittag fertig: ein kleiner Symptomenkomplex deutet auf ein bestimmtes Mittel hin, Sie schlagen es nach – und stellen glücklich fest, dass Sie genau ‚richtigliegen‘.
Hahnemann sagt, Acidum nitricum eigne sich mehr für Kranke, „welche sehr zu weichen Stuhlgängen geneigt sind“ (pulsatillaPULSATILLA); Clarke aber meint, es sei eines der Mittel, die für ihn auch bei Obstipation sehr nützlich gewesen seien. Clarke beharrte stets darauf, dass das Nichtvorhandensein bestimmter Symptome für die Wahl eines Mittels nicht sehr bedeutsam sei, umso mehr aber ihr Vorhandensein. So weist beispielsweise die Tatsache, dass eine Patientin nicht ohne Schwäche- oder Schwindelgefühl (oder was immer sonst es sein mag) knien kann, stark auf SEPIA hin – das einzige Mittel, das im Repertorium unter „Knien verschlechtert“ erscheint.4

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In den Kent-Repertorien der heutigen Auflagen erscheint unter der Rubrik „Knien verschlechtert“ zusätzlich zu Sep. noch Mag-c. (beide im 1. Grad) sowie Cocc. (zweiwertig). In der entsprechenden Rubrik im Synthetischen Repertorium („Kneeling, ailments on“) sind ferner einwertig aufgeführt: Calc., Puls., Spig., Tarant.

Aber die Tatsache, dass sie ohne solche Beschwerden knien kann, kontraindiziert sepiaSEPIA keineswegs; tatsächlich werden Sie dieses Symptom nur in sehr wenigen sepiaSEPIA-Fällen finden – und noch viel weniger, glaube ich, bei irgendeinem anderen Mittel. (Übrigens bezieht sich dieses „Knien verschlechtert“ auf den Patienten, nicht auf seine entzündeten und geschwollenen Knie; dies wäre bei Arthritis ein gewöhnliches Symptom und somit zur Mittelfindung nicht hilfreich.)
Ein anderes, fast unverkennbares Merkmal der Acidum-nitricum-Beschwerden ist der Charakter der Schmerzen: Sie sind nicht einfach nur stechend, sondern splitterähnlich. Wo immer die Schmerzen auftreten, ob in den Knochen, im Mund, in der Nase oder im Anus, die Empfindung ist die eines Splitters, besonders wenn die wunde Stelle berührt oder gedrückt wird. Clarke gibt in seinem Dictionary of Materia Medica eine hervorragende Einführung zu den Prüfungen dieses Mittels; und bezüglich der stechenden Schmerzen wie von einem Splitter erläutert er: „Dies ist ein höchst wichtiges Leitsymptom von Acidum nitricum, welches dazu beiträgt, die Arzneiwahl zu bestätigen, wo immer es vorkommt. Es bedarf nur einer Berührung oder Bewegung, um dieses Gefühl ‚hervorzulocken‘. Tritt es im Hals auf, reicht der Schluckakt aus, um es hervorzurufen; im Anus ist es der Abgang des Stuhls; bei Geschwüren die Berührung durch den Verband. Es kann in jedem Körperteil vorkommen; im Abdomen; bei eingewachsenen Zehennägeln“ (magnetis polus australisMAGNETIS POLUS AUSTRALIS).
Acidum nitricum beeinflusst darüber hinaus zumeist nur ganz bestimmte, ausgesuchte Stellen des Körpers, und zwar vorzugsweise die Körperöffnungen – Stellen also, wo Schleimhaut in Haut übergeht, Endothel in Epithel. Die Augen, die Nase und besonders der Mund sind betroffen, mit Lippen, Zunge, Zahnfleisch und Mandeln, bis hinab in den Rachen. Ohne größere ‚böse Absicht‘ übergeht es dann den Verdauungstrakt und lässt seine Wut erst wieder an Mastdarm und After aus, an Harnröhre und Genitalien, stets mit Ulzerationen, Fissuren, Stechen, splitterartigen Schmerzen, Blutungen und üblem Geruch. Wie Guernsey sagt: „Diese Arznei ähnelt in vieler Hinsicht so sehr mercurius (solubilis)MERCURIUS, dass es oft äußerst schwierig ist, zwischen beiden zu unterscheiden.“ Gerade deshalb – da wir ja auf Symptome hin verordnen und das beste Antidot zu jedem Medikament oder jeder Krankheit immer das Mittel mit den ähnlichsten Symptomen ist – hat sich Acidum nitricum als das nützlichste Mittel herausgestellt, um den durch Quecksilbermissbrauch hervorgerufenen Vergiftungen und Krankheiten entgegenzutreten. Von daher kommt es, wie wir noch sehen werden, auch für die Behandlung der Syphilis in Frage – weil eben die Symptome von mercurius (solubilis)MERCURIUS und dieser Krankheit fast nicht zu unterscheiden sind.
Acidum nitricum ähnelt MERCURIUS auch hinsichtlich des üblen Geruchs. Es hat einen übel riechenden Mund und ebensolchen Speichel; übel riechenden Schweiß in den Achselhöhlen und an den Füßen; übelriechende Feuchtigkeit im Analbereich; übel und streng riechenden Urin (Urin, der wie Pferdeharn riecht, ist charakteristisch), mit einem eigentümlichen Symptom: „Der Urin geht kalt von ihm“ (Hahnemann). Das einzige andere Mittel hierbei [in der Rubrik „Urin kalt“] ist (einwertig) agaricusAGARICUS.
Ein anderes Symptom weist direkt auf Acidum nitricum hin: Der Stuhlgang ist nicht nur als solcher schmerzhaft, sondern es besteht auch stundenlanger Schmerz nach dem Stuhl. Bei Acidum nitricum hat der After schrecklich zu leiden! Es sind nicht nur Hämorrhoiden vorhanden – schmerzende Hämorrhoiden –, sondern auch auseinanderklaffende, blutende und höchst schmerzhafte Fissuren. Die Untersuchung des Rektums ist bei einem solchen Patienten für das geplagte Opfer und dadurch auch für den Arzt ein einziger Schrecken. Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren einmal gebeten wurde, zur Great Ormond Street hinüberzufahren und eine Dame aufzusuchen, die an qualvollen Schmerzen im After litt und das Krankenhaus gebeten hatte, einen der homöopathischen Ärzte zu schicken. Ihr Heilmittel, Acidum nitricum, brachte schnell Erleichterung, und als ich am nächsten Tag nachfragte, hieß es, sie sei wieder vollkommen in Ordnung.
Lassen Sie mich an dieser Stelle Nash zitieren, der sagt:
„Kein Mittel hat eine entschiedenere Wirkung auf den Anus, und ein sehr charakteristisches Symptom ist ‚großer Schmerz nach Abgang von Stuhl, selbst von weichem Stuhl ‘. Der Kranke geht nach dem Stuhlgang ein bis zwei Stunden von Schmerzen gequält im Zimmer auf und ab (ratanhiaRATANHIA). Bei Ruhr unterscheidet dieses Symptom Acidum nitricum von nux vomicaNUX VOMICA, das nach dem Stuhl Erleichterung findet, und von mercurius (solubilis)MERCURIUS, das die ganze Zeit über, d.h. vor, während und nach dem Stuhlgang Tenesmen hat.“
Acidum nitricum hilft bei allen ‚chronischen Krankheiten‘ Hahnemanns, bei Syphilis, Gonorrhö (Sykose) und jener anderen, die er Psora nennt, ebenso auch bei Überdosierungen oder Vergiftungen mit Quecksilber. Bei Syphilis habe ich bei akuten wie chronischen Fällen seine großartige Wirkung selbst erlebt. Auf eine Patientin, die kürzlich nach zwanzig Jahren Abwesenheit wieder bei uns erschien, war ich besonders gespannt: Sie war ursprünglich wegen einer Leukoplakie gekommen, die durch Acidum nitricum geheilt worden war. Inzwischen ist sie achtzig Jahre alt, von gesundem Aussehen und robust – die anwesenden Ärzte schätzten ihr Alter auf sechzig! –, und (erzählen Sie es nicht weiter!) die Wassermann-Reaktion ist bei ihr immer noch positiv! In diesem Zusammenhang muss ich an die Behauptung Hahnemanns denken, dass die Syphilis ohne schulmedizinische Behandlung keineswegs eine solch tödliche Krankheit ist; und diese jung aussehende und kräftige Frau, die lediglich über geringfügige Beschwerden klagte, war all die Jahre über in keiner Behandlung! … Nun gut, um unserer besorgten schulmedizinischen Brüder willen wollen wir es so sagen: „Ausnahmen bestätigen die Regel.“
Clarke sagt, dass Acidum nitricum auch ein Antidot bei Jodkali-Überdosierungen ist; und er berichtet, dass Burnett einst auf brillante Weise mit Acidum nitricum einen Fall von Aktinomykose geheilt hat, welcher, da er die ‚schulmäßige‘ Behandlungsrunde durchlaufen hatte, zweifellos auch viel mit Jodkali behandelt worden war.
Als Hauptheilmittel der Sykose (bzw. des Trippers) gibt Hahnemann zwei Arzneien an, nämlich thujaTHUJA und Acidum nitricum. Allerdings müssen diese gemäß den Symptomen verabreicht werden, und jedem Mittel muss gestattet werden, auszuwirken, bevor man – bei Wechsel der Symptome – das andere folgen lässt. Nur auf diese Weise hat Hahnemann die Mittel gewechselt (siehe Homœopathy, Bd. 4, S. 202f, bezüglich rhus toxicodendronRHUS und bryoniaBRYONIA bei Kriegstyphus).
Ein weiterer Anwendungsbereich für Acidum nitricum, auf den Clarke hinweist, sind Lungenleiden – Pneumonie und Tuberkulose. Von allen Säuren ist die Salpetersäure die einzige, die bei Einatmung eine rapid einsetzende und lebensbedrohliche Lungenentzündung hervorruft (Clarke führt einen Fall an), und in den Prüfungen lässt eine ganze Reihe von Symptomen ferner an Phthisis denken. Deshalb sollte Acidum nitricum, wann immer die o. g. Leitsymptome vorhanden sind, auch bei Pneumonie und Tuberkulose in Betracht gezogen werden. Ich erinnere mich an einen Fall aus meiner Zeit in der Armenapotheke, wo Acidum nitricum bei einem schwindsüchtigen Patienten überraschend gut wirkte. Dennoch ist, aus irgendwelchen Gründen, Acidum nitricum kein Mittel, an das man bei Lungenerkrankungen, weder bei chronischen noch bei akuten, sofort denken würde – obwohl Kent es bei Lungenentzündung zweiwertig anführt.
Ich weiß nicht warum, aber ich habe eine Art Zuneigung zu Acidum nitricum entwickelt. Es ist so ‚dramatisch‘, und es hat so deutliche und starke Charakterzüge und Wirkungen. So hoffe ich, dass dieses kleine Arzneimittelbild auch anderen dazu verhelfen wird, mit dieser ‚starken Persönlichkeit‘ aus unserem Arzneischatz näher bekannt zu werden.
Hauptsymptome5
Geist und GemütUnheiterkeit.a

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Die mit a gekennzeichneten Symptome sind den Chronischen Krankheiten Hahnemanns entnommen; b bezeichnet Symptome aus Jahrs Symptomencodex.

Gedrücktes, niedergeschlagenes Gemüth …a
Wehmüthig und sehr ängstlich, Abends …a
Aengstlichkeit, als lebe er in einem beunruhigenden Processe oder Streite.a
Aengstlichkeit über seine Krankheit, mit Furcht vor dem Todea; krankhafte Furcht vor Cholera.
Oft ängstlich wegen seiner Krankheit; denkt ständig über seine früheren Leiden nach; Geist schwach und zerstreut.
Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung.a
Ueberreiztheit, besonders nach Quecksilber-Mißbrauch.b
Leicht erregte, angreifende Aergerlichkeit.a
Aergerlich über die geringste Kleinigkeit …a
Arbeits-Unlust.a – Zur ernsten Arbeit unaufgelegt.a
Grosse Gedächtniss-Schwäche.a
Langanhaltende Ängstlichkeit nach fortgesetztem Schlafmangel; Überanstrengung von Geist und Körper durch Krankenpflege (vgl. cocculusCOCCULUS); große seelische Schmerzen nach Verlust eines lieben Freundes.
SchwindelFrüh, beim Aufstehen, … er musste sich setzen.a
KopfSchwere und Eingenommenheit des Kopfes …a
Vollheits-Gefühl im Kopfe.a
Kopfschmerz, als wäre der Kopf fest zusammengebunden.a
Gefühl, als wäre der Kopf über dem Scheitel, von einem Ohr zum anderen, in einen Schraubstock gespannt.
Schmerzhafte Spannung im Innern des Kopfesa, die sich bis zu den Augen erstreckt, mit Übelkeit.
Schmerzhafte Empfindlichkeit der Kopfhaut, selbst die Mütze drückte ihna; < abends und am aufliegenden Kopfteil; Schmerz wie gequetscht, am ganzen äußeren Kopf oder an einzelnen Stellen.
Zerschlagenheits-Schmerz der ganzen rechten Kopf-Seite.a
Starker Haarausfall: besonders am Scheitel; durch Blutandrang zur Kopfhaut; durch Syphilis; nervöse Kopfschmerzen, Schwäche, Abmagerung.
AugenDoppel-Sehen der wagerechten Gegenstände in einiger Entfernung.a – Kurzsichtigkeit.a – Verdunkelung der Augen, beim Lesen.a
Stiche in den Augen.a – Brennen in den Augen …a – Beissen in den Augen.a
Schwieriges Oeffnen und Erheben der obern Augenlider, früh.a (Vgl. sepiaSEPIA, causticumCAUSTICUM)
Ophthalmia: neonatorum; skrofulös; gonorrhoisch; syphilitisch; von Kali- und Quecksilbermissbrauch.
(Ein seltsames Symptom: Die Wimpern der rechten Seite weisen alle steif zur Nase.)
OhrenBrausen vor den Ohren.a – Knacken im Ohre beim Kauen …a
(Taubheit: > beim Fahren in einem Wagen oder Zug [vgl. graphitesGRAPHITES]; durch Verhärtung und Schwellung der Tonsillen; nach Quecksilbermissbrauch; syphilitisch.)
NaseIn der Nase, heftiges Jücken.a
Nasenbluten.a
(Beim Essen drängen sich kleine Stückchen Speise in die Choanen …; sie werden erst später mit dem Schleime herabgezogena [vgl. gelsemiumGELSEMIUM].)
Stiche in der Nase, wie Splitter, beim Berühren derselben.a
Nasenkatarrh: scharfes Wasser läuft nachts aus der Nase; gelblich, von üblem Geruch; die Nasenlöcher anfressender Nasenschleim; mit Geschwulst der Oberlippe; mit nächtlichem Husten; bei Scharlach oder Diphtherie; syphilitisch.
(Ozäna: jeden Morgen grüne Absonderungen; mit Geschwüren; syphilitisch, die Oberlippe einbeziehend, welche geschwollen und von Geschwüren durchsetzt ist.)
Geschwürbildung: an den Nasenlöchern, schorfig; im Innern der Nase, mit häufigem Bluten.
MundGeschwürige, schorfige Mundwinkel.a
Knacken im Kiefer-Gelenke beim Kauen und Essen.a
Lockerheit und Schmerz der Zähne beim Kauen.a (Vgl. mercurius (solubilis)MERCURIUS)
Kleine schmerzhafte Blüthen auf der Zungen-Seite.a
Fauler [aashaft stinkender] Geruch aus dem Munde.a
Geschwüre im Mund: an der inneren Wange, stechenden Schmerzes, wie von einem Splitter; an den Zungenrändern; um sich fressend; zunächst speckig, später dunkel-schmutzig verfärbt; putride; destruierend; syphilitisch.
Mundschleimhaut [Wange]: kommt leicht zwischen die Zähne, sodass er sich beim Kauen darauf beißt; geschwollen, geschwürig; mit stechenden Schmerzen, besonders nach Quecksilbermissbrauch; aphthös; mit einer weißen oder gelblichgrauen, dünnen Membran belegt.
Speichel: reichlich; übelriechend, scharf, macht die Lippen wund; blutig.
Geschwulst der Ohrspeichel- und Unterkieferdrüsen, mit lockeren Zähnen und blutendem Zahnfleisch, nach Quecksilbermissbrauch.
HalsKlemmen des Bissens im Schlunde, beim Essen, als wäre dieser verengert.a
Innere Hals-Geschwulst mit stechenden Schmerzen.a
Stechend schmerzendes Halsweh.a
Schlucken: sehr schwierig; verzerrt das Gesicht und zieht den Kopf herunter; kann nicht mal einen Teelöffel Flüssigkeit schlucken; verursacht heftigen Schmerz, der bis ins Ohr zieht.
Mandeln: rot, geschwollen, zerklüftet, mit kleinen Geschwüren; gelber Streifen; weiße Beläge.
MagenAppetit zu Fettem und Hering.a
Neigung zu Erde, Kreide, Kalk etc.b (calcarea carbonicaCALCAREA)
Brot ist unverträglich.
Nach dem Essen, Uebelkeit.a
Nach dem Essen …, Schweiss über und über.a
Nach und vor dem Essen, viel Aufstossen.a
AbdomenGelbsucht; Schmerz in der Lebergegend; Urin spärlich und streng riechend.
Stiche in der Leber-Gegend …a
Wachte um Mitternacht mit krampfartigen Schmerzen im Dünndarm auf; frostig; Schmerz schlimmer, wenn er sich bewegte.
Blähungs-Erzeugung in grosser Menge …a
Poltern im Unterleibe.a
Rektum, StuhlSteter Drang zu Stuhle, ohne Erfolg.a
Vor dem Stuhle, Bauchweh, auch ziehendes.a
Beim Stuhle, starker Blut-Abgang.a
Beim Stuhle, Stechen im Mastdarme und krampfhaftes Zusammenziehen des Afters, viele Stunden lang.a
Beim Stuhle, Schmerz, als wenn im Mastdarme Etwas zerrissen würde.a
Jücken im Mastdarme.a
Diarrhö: starkes Pressen zum Stuhlgang, doch nur wenig geht ab; Gefühl, als sei Stuhl im Mastdarm geblieben, der nicht ausgetrieben werden kann; mit Wundheit und Roheit am After.
Obstipation: schmerzhaft [Hahnemann: unschmerzhaft6

6

Hahnemanns Symptom bzw. Zitat aus der Sammlung für praktische Aerzte (Chronische Krankheiten, Bd. 4, S. 430) lautet „Unschmerzhafte Leib-Verstopfung, mehrere Tage.“ Es erscheint in Allens Encyclopedia als „Painful constipation for several days“. Da es dort aber, in dieser falschen Übersetzung, fettgedruckt und mit einem Sternchen versehen ist, muss man wohl annehmen, dass die Stuhlverstopfung auch in dieser Form, nämlich als schmerzhaft, klinisch verifiziert worden ist. Auch in Herings Guilding Symptoms ist es so übernommen worden, und Kent führt Nit-ac. dreiwertig in der kleinen Rubrik „Constipation, painful“ auf (die anderen Mittel sind Nat-m., Tub.).

]; harter Stuhl; ungeregelte und schwierige Stuhlausleerung; geht in harten Knoten ab; bei jedem Stuhl treten Hämorrhoiden hervor und bluten reichlich; große Schmerzen [„Schründen“] während und nach dem Stuhl, als ob Analfissuren vorhanden wären; im Stehen drängen die Hämorrhoiden nach unten.
Hämorrhoiden: stetes Herauspressen; schmerzhaft oder unschmerzhaft, treten bei -jedem Stuhl hervor.
Brennen der After-Aderknoten.a
Brennen am After.a – Nässen und Jücken am After.a
HarnorganeEin Geschwür in der Harnröhre.a – Gelbliche Materie läuft aus der Harnröhre.a – Blutiger Schleim-Ausfluss aus der Harnröhre.a
Nadelstiche vorn in der Harnröhr-Mündung.a
GenitalienStark befallen: Kleine, jückende Bläschen an der Vorhaut …a – In der Vorhaut scharfe Stiche.a – Flache Geschwüre auf der Eichelkrone …, übelriechenden Eiter von sich gebend.a – Auswüchse an der Eichelkrone, die … bei Berührung bluten.a
Kondylome (Feigwarzen): stinkende Feuchtigkeit absondernd; bei Berührung blutend; feucht, blumenkohlartig; dünn gestielt; nässend; nach Quecksilbermissbrauch.
Gonorrhö: Absonderung gelblich oder blutig; blutiger Schleimausfluss; sehr schmerzhaftes Harnen; schrecklicher Schmerz in den Hoden, mit Geschwulst derselben; Kondylome im Genital- und Analbereich (thujaTHUJA).
Jucken, Geschwulst und Brennen in Vulva und Vagina.
HustenTrocken, bellend; Kitzelhusten; von Reiz und Kriebeln in der Kehle; krächzig, von der Herzgrube ausgehend; mit vollständiger Lidptosis an beiden Augen aufgrund des starken Hustens; chronisch, trocken, laryngeal, mit stechenden Schmerzen, als ob kleine Geschwüre im Kehlkopf wären, gewöhnlich nur auf einer Seite empfunden; … morgens, mit Schmerz tief unten in den Lungen, als ob etwas abreißen würde …
Haemoptysis.
Sputum: scheint wie Leim festzukleben; grünlich-weiß, sieht aus wie ein Abguss der Lungenbläschen; tagsüber Auswurf von dunklem, mit Koagula vermengtem Blut; von gelbem, scharfem, übel riechendem Eiter.
Herz, Atmung[Ungleicher Puls; nach einem regelmäßigen Schlage folgen zwei kleine schnell hinter einander;] der vierte blieb ganz aus.a
Athemlosigkeit, Herzklopfen und Beängstigung, beim Treppen-Steigen.a
Plötzlicher Athem-Mangel und Herzklopfen beim sachte Gehen.a
Beklemmung auf der Brust …a
Keichender Athem.a
Rücken, ExtremitätenNacken-Steifheit.a
Stechen in der Schulter.a
Schmerz [Stiche] zwischen den Schulterblättern.a
Neuralgische Schmerzen am oberen Rücken, besonders linksseitig.
Flechten zwischen den Fingern.a
Paronychie (bei Beginn angewandt).
Nachts vorzüglich, Reissen in den Beinen.a
Reissen in den Knochen der Beine, dass sie laut wimmern musste.a
Syphilitische Knoten auf den Schienbeinen, mit heftigen nächtlichen Schmerzen.
Ziehen in allen Gliedern, wobei Renken und Dehnen sehr behaglich ist.a
Häufige Zieh-Schmerzen in fast allen Theilen, schnell kommend und schnell vergehend.a
Stiche in allen Theilen des Körpers, bald hie bald da.a
SchwächeSo schwach, dass er fast immer liegen musste.a
Atemlosigkeit, kann nicht sprechen.
Mattigkeit; Zittern; Zucken beim Einschlafen; niedergeschlagen.
Große Schwäche, Schwere und Zittern der Glieder, < am Morgen.
SchweißFrüh-Schweiss.a
Nacht-Schweiss, alle Nächte.a
Nacht-Schweiss, eine Nacht um die andere stark.a
Heftiger Schweiss der Sohlen und davon Wundheit der Zehen und Ballen mit stichlichtem Schmerze, als ginge er auf Stecknadeln.a
SchlafTages-Schläfrigkeit.a
Er wacht alle Nächte um 2 Uhr auf und kann dann nicht wieder einschlafen …a
Seltsame EmpfindungenSchädel wie von einem Band etc. zusammengeschnürt. (sulfurSULFUR)
Schmerzen wie von Splittern in den Hautausschlägen.
Die Zähne sind aufgetreten [vorgetreten] und wie länger.a
Gefühl, als wären die Zähne weich und schwammig; er getraut sich nicht, sie zusammen zu beissen, aus Furcht, sie möchten herausfallen.a
Geschwürige Stelle am innern Backen, stichlichten Schmerzes, wie von einem Splitter.a
Drücken im Halse, beim Schlingen der Speisen, als könnten diese nicht hinunter.a
Krampfartige Schmerzen im Abdomen, als sollte der Bauch platzen.
Leibkollern, als würde ein Dampfkessel in den Därmen kochen.
Brennen über dem Unterleib, wie von einem trockenen, heißen Tuch.
Gefühl, als wäre Stuhl im Mastdarm zurückgeblieben.
Gefühl, als steckten lauter Splitter im Rektum.
Bei der geringsten Berührung Gefühl, als würden spitze Holzstückchen in den After drücken; … oder als würde ein Geschwür am Skrotum durch diese ausgefranst.
Gefühl, als stecke ein Splitter oder Glasstückchen im Finger (Panaritium). (siliceaSILICEA)
Empfindung tief in den Beinen, als würden Hunde an Fleisch und Knochen nagen und dabei die Sehnen hochziehen.
(Bei vermeintlich eingewachsenem Zehennagel:) Gefühl, als würde bei der Berührung ein spitzer Splitter in den großen Zeh getrieben.
Karbunkel mit stechenden Schmerzen, als würden sie von Splittern durchbohrt.
GewebeSyphilitische Knochenschmerzen.
Hämorrhagien: hellrot; profus; dunkel; aus dem Darm; nach einer Fehlgeburt oder post partum; durch körperliche Überanstrengung; Uterusblutung; Nasenbluten; Bluthusten; aus den Rhagaden.
Entzündliche Schwellung, Vergrößerung oder Eiterung der inguinalen oder axillären Lymphknoten, besonders nach Quecksilbermissbrauch oder bei Syphilitikern.
Absonderungen dünnflüssig, übelriechend und wundmachend; wenn eitrig, von schmutzig gelblichgrüner Farbe und alles andere als ‚bonum et laudabile‘.
Krankheiten, die auf das Vorhandensein von syphilitischen, skrofulösen, merkurialen oder gonorrhoischen Giften zurückgehen; zerrüttete, kachektische körperliche Verfassung.
HautTiefe, blutende Rhagaden.
Warzen: stechend, piekend; auf der Oberlippe, beißen und bluten beim Waschen; weich und feucht; groß, gezähnelt, oft gestielt, Feuchtigkeit absondernd und leicht blutend; syphilitische Kondylome7

7

Wahrscheinlich handelt es sich um Condylomata acuminata, welche eher gonorrhoischen Ursprungs sind.

, erhaben, üppig wuchernd, blumenkohlartig.

Acidum phosphoricum

Weitere Namen: Phosphorsäure
Ein weiteres Vermächtnis Hahnemanns aus seiner Reinen Arzneimittellehre [und den Chronischen Krankheiten]. Er gibt zunächst genaueste Anweisungen zur Gewinnung und Zubereitung der Phosphorsäure sowie zu ihrer Potenzierung „bis zum Trillionfachen“; dann fährt er fort: „Beifolgende, merkwürdige, reine, künstliche Krankheitssymptome, von der Phosphorsäure in gesunden Körpern hervorgebracht, sprechen schon für sich die natürlichen Krankheitszustände aus, in denen sie mit homöopathischer Aehnlichkeit specifisch heilsam ist.“
Einige Arzneien haben in ihren Prüfungen anregende, andere wiederum niederdrückende Wirkungen; bei Letzteren kann es auch zu depressiven Zuständen von aktivem Charakter kommen – aurumAURUM ist hier ein extremes Beispiel –, wo die Depression so groß ist, dass sie das Opfer zum Selbstmord treibt. Nicht so bei Acidum phosphoricum. Bei diesem Mittel nimmt die Depression die Form äußerster Gleichgültigkeit an. „Teilnahmslos, apathisch; außerordentliche Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen des Lebens; angezeigt vor allem dann, wenn zugleich Auszehrung und Schwäche vorhanden sind.“ (Hering)
Es ist das Heilmittel bei „Beschwerden infolge von Gram, Sorge, Kummer, Trauer, Verdruss, Heimweh oder enttäuschter Liebe, besonders wenn diese mit Schläfrigkeit, Nachtschweiß zum Morgen hin und Abmagerung einhergehen“. Sowohl die körperlichen als auch die geistig-seelischen Funktionen haben an der Depression und Schwäche teil.
Und dann Hahnemanns freudige Erfahrung einer Simile-Reaktion auf das zu prüfende Mittel: „Er ward sehr heiter und aufgelegt.“ Solche Dinge sind es, die das Leben lebenswert machen!
Acidum phosphoricum ist ein Mittel, das innerhalb seines zwar eher eng, aber klar umrissenen Wirkungskreises von großem Nutzen ist. Sehen wir uns die Menschen an, die seine Hilfe benötigen! Die schlaksigen, aufgeschossenen, überanstrengten Schulkinder mit Wachstumsschmerzen (die aber auch einen Herzschaden bedeuten können8

8

Gemeint sind wahrscheinlich als Wachstumsschmerzen fehlgedeutete rheumatische Erkrankungen, die bereits das Herz in Mitleidenschaft gezogen haben.

). Die Apathischen und seelisch wie körperlich Ermüdeten, die mit widrigen Umständen zu kämpfen haben, denen sie nicht gewachsen sind. Die ‚Neurastheniker‘, die uns plagen – zumindest jene, die erschöpft sind, gleichgültig, teilnahmslos und ausgemergelt. Jene, für die das Leben – die Zivilisation – einfach zu nervenaufreibend ist und für die schließlich die Belastungen und Enttäuschungen des Lebens zu viel geworden sind.
„Verschlechterung der Gesundheit infolge Stillens.“ Hier denkt man in erster Linie an chinaCHINA, das ebenfalls apathisch, gleichgültig und schweigsam ist, jedoch aufgrund des Verlusts von ‚Lebenssäften‘ – Blutungen, übermäßige Laktation, Eiterungen. Wahrscheinlich habe ich oft chinaCHINA verschrieben, wo Acidum phosphoricum die bessere Wahl gewesen wäre, ein Mittel, bei dem der Zusammenbruch in erster Linie auf nervliche Überbeanspruchung zurückzuführen ist. „Schwächung der psychischen Ebene“, so charakterisiert Kent den Zustand von Acidum phosphoricum: eine geistige und seelische Ermüdung und Erschöpfung.
Folgende Differenzialdiagnosen sollten ebenfalls erwogen werden:
„Beschwerden infolge von Gram, Sorge oder Kummer“ – hier denkt man natürlich an ignatiaIGNATIA, doch IGNATIA ist ein Mittel für empfindliche, leicht erregbare Menschen, deren Stimmungen unglaublich raschen Wechseln unterworfen sind. Dies ist der Apathie und Indifferenz von Acidum phosphoricum ganz und gar unähnlich.
„Beschwerden infolge von Kränkung oder Verdruss“ – sofort kommt einem staphisagriaSTAPHISAGRIA in den Sinn, das ebenfalls apathisch, gleichgültig, niedergeschlagen sein kann, aber auch mit Hochmut, Neid und Entrüstung zu kämpfen hat. Kent sagt, dass ein STAPHISAGRIA-Patient, wenn er sich beherrschen muss, zusammenbricht; er zittert von Kopf bis Fuß, verliert seine Stimme, seine Fähigkeit zu arbeiten, etc. STAPHISAGRIA ist sehr viel intensiver und energievoller in seinem Leiden als Acidum phosphoricum.
„Beschwerden durch enttäuschte Liebe“ – man ist versucht, natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, hyoscyamusHYOSCYAMUS oder ignatiaIGNATIA zu verschreiben. hyoscyamusHYOSCYAMUS jedoch ist ausgesprochen eifersüchtig und psychisch wesentlich heftiger – ein völlig anderes Arzneibild; und natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, das möglicherweise ebenso abgemagert ist wie Acidum phosphoricum, ist in seiner Art leidenschaftlicher, ernsthafter, es weint und verträgt kein Mitleid; nichts von der dumpfen Apathie, die geradezu ein Schrei ist nach Acidum phosphoricum.
Kent stellt Acidum phosphoricum und muriaticum acidumacidum muriaticumACIDUM MURIATICUM einander gegenüber. Bei Ersterem sind, wie er sagt, die psychischen Symptome die ersten, die sich entwickeln. Das Mittel geht von der psychischen Ebene auf die physische über, vom Gehirn zu den Muskeln; die Muskeln können noch lange Zeit kräftig bleiben, wenn Geist und Gemüt längst erschöpft sind. Bei muriaticum acidumacidum muriaticumACIDUM MURIATICUM kommt die muskuläre Erschöpfung zuerst, und der Geist scheint noch lange Zeit später klar zu sein.
Kent sagt, der Acidum-phosphoricum-Patient verzehrt sich, er magert ab und wird zunehmend schwächer; sein Gesicht wird welk. Nachtschweiße; kalter Schweiß den Rücken hinunter; kalte Schweiße an Armen und Händen, mehr als an den Füßen. Kalte Extremitäten. Schwaches Herz, schwacher Kreislauf. Erkältet sich beim geringsten Anlass, und die Erkältung setzt sich schnell in der Brust fest … usw., bis hin zur Tuberkulose. Blässe mit allmählich zunehmender Schwäche und Abmagerung.
Die meisten Autoren, die über Acidum phosphoricum geschrieben haben, stellen die seltsame Tatsache heraus, dass bei all der Prostration des Mittels seine Diarrhö, ob akut oder chronisch, keinen weiteren Kräfteverlust bedeutet; und sie verweisen auf calcarea carbonicaCALCAREA, das „sich in jeder Hinsicht besser fühlt, wenn es verstopft ist“. Ähnlich kann es bei Acidum phosphoricum „zu einer Besserung der Beschwerden kommen, wenn endlich Durchfall einsetzt“. Kent schildert das „Kind mit reichlichen, wässrigen Durchfällen im Sommer; sie sind so massiv, dass die Windeln nutzlos erscheinen. Der Stuhl rinnt über das Kleid der Mutter auf den Boden, wo er große Pfützen bildet; er ist fast geruchlos, dünn und wässrig, und der Kleine lächelt, als wenn nichts geschehen wäre. Die Mutter wundert sich, wo das alles nur herkommt, und doch scheint es dem Kind gut dabei zu gehen. Diese Durchfälle bessern häufig viele Symptome, und auch insgesamt fühlt sich der Patient deutlich besser. … Manche Patienten sagen, sie würden sich niemals wohl fühlen, wenn sie keinen Durchfall hätten.“
NB – Acidum phosphoricum hat viel „kneipende und klemmende“ Schmerzen.
Guernseys große Indikation für Acidum phosphoricum ist ein Zustand völliger Gleichgültigkeit gegenüber allem; „kein soporöser, deliranter oder reizbarer Zustand, sondern einfach eine seelische Verfassung, die allem vollkommen indifferent gegenübersteht. Der Patient hat keine Wünsche, möchte auch nicht sprechen; zeigt kein Interesse an der Welt um ihn herum. Bei fieberhaften oder anderen Erkrankungen hat er Schwierigkeiten, etwas zu begreifen; er denkt eine Weile über eine Frage nach, beantwortet sie vielleicht auch noch, doch dann vergisst er sogleich alles wieder.“ Guernsey nennt es eine „Benommenheit [dizziness] des Geistes“.
Neben den Beschwerden aufgrund seelischer Einflüsse benennt er u. a. folgende Verschlimmerungen: „Nach Unterdrückung von Hautausschlägen, d.h., jede nachteilige Wirkung als Folge dieser Unterdrückung; Beschwerden durch Flüssigkeitsverluste, insbesondere von Samenflüssigkeit“, usw.
Nashs Leitsymptome – „Schläfrig, apathisch; ist sich seiner Umgebung nicht bewusst, kann aber zu vollem Bewusstsein erweckt werden.
Chronische Folgen von Kummer: das Haar ergraut; hoffnungsloses, abgehärmtes Aussehen.
Wächst zu schnell, schießt zu hoch auf; junge Leute mit Wachstumsschmerzen in den Knochen“ … und so fort.
Acidum phosphoricum gehört zu den Arzneien, die Besserung nach kurzem Schlaf haben (camphoraCAMPHORA, phosphorusPHOSPHORUS, sepiaSEPIA etc.).
Salziger Auswurf (wieder phosphorusPHOSPHORUS, ferner arsenicumARSENICUM, sepiaSEPIA, lycopodiumLYCOPODIUM, pulsatillaPULSATILLA etc.).
„Der Kranke scheint vor Kummer wie betäubt zu sein, … ein Zustand tiefster Verzweiflung.“
Was das Wachstum betrifft: „Bei calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA werden die Jugendlichen zu dick, bei Acidum phosphoricum zu lang – sie wachsen zu schnell.“
Zum vielen Lernen der Jugendlichen sagt Nash: „Wenn es auch richtig ist, dass die Jugend die Zeit der Ausbildung ist, so ist es doch ebenso wahr, dass in diesem Lebensalter eine zu große Beanspruchung in dieser Richtung einen Geist völlig zugrunde richten und für immer unfähig machen kann, der, hätte man ihm mehr Zeit gegeben und mehr Fürsorge angedeihen lassen, ein Segen für die Welt hätte werden können. Acidum phosphoricum kann in solchen Fällen, in angemessener, sprich potenzierter Form verabreicht, von unermesslichem Nutzen sein.“
Und zum Thema Diarrhö: „Nachdem so viel über die allgemeine Depression oder Schwäche dieses Mittels gesprochen worden ist, erscheint es doch recht seltsam, als Charakteristikum festhalten zu müssen, dass ausgerechnet jener profuse und zuweilen langanhaltende Durchfall den Patienten nicht schwächt. Nun, es gibt bei den Krankheiten wie auch in der Therapie eine ganze Reihe von Phänomenen, die wir nicht erklären können, und dies ist eines davon; aber die Tatsache bleibt, und wir handeln danach. Die profunde Schwäche und Depression von Acidum phosphoricum aber besteht im Sensorium und im Nervensystem, und dort bleibt sie bestehen, unabhängig davon, ob Durchfall vorhanden ist oder nicht.“ Nash weist darauf hin, dass bei chinaCHINA die Entkräftung durch Diarrhö oder allgemein durch Flüssigkeitsverlust verursacht wird. Acidum phosphoricum dagegen greift primär das Nervensystem an, und Flüssigkeitsverluste bedeuten für das Mittel in erster Linie nicht den Verlust von Lebenssäften, wie es bei chinaCHINA der Fall ist.
Hinsichtlich des profusen, wässrigen Urins von ignatiaIGNATIA und Acidum phosphoricum erläutert er, dass dieser bei Ersterem hysterisch bedingt sei, bei Letzterem keineswegs.
Hauptsymptome9
Geist und GemütStill, gleichgültig …a

9

Die mit a bezeichneten Symptome sind von Hahnemann (Reine Arzneimittellehre oder Chronische Krankheiten) übernommen. Ein mit b versehenes Symptom ist von Schelling (A.H.Z. 84, 43) beobachtet worden.

Mangel an Ideen, und Geistes-Schwäche …a
Er kann die Gedanken nicht in gehörige Verbindung bringen.a
Er spricht ungern, das Reden wird ihm sauer.a
Er spricht wenig und beantwortet Fragen ungern.a
Teilnahmslos, apathisch; außerordentliche Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen des Lebens; angezeigt vor allem dann, wenn zugleich Auszehrung und Schwäche vorhanden sind.
Beschwerden infolge von Gram, Sorge, Kummer, Trauer, Verdruss, Heimweh oder enttäuschter Liebe; besonders wenn diese mit Schläfrigkeit, Nachtschweiß zum Morgen hin und Abmagerung einhergehen.
Er sieht sehr übellaunig und mürrisch aus …a
Traurig gestimmt aus Sorge über die Zukunft …a
Er ward sehr heiter und aufgelegt (Gegenwirkung des Organism's, Nachwirkung).a
KopfSchulmädchen-Kopfschmerz; durch Überanstrengung der Augen.
Hinterkopfschmerz und Nackenschmerz infolge erschöpfter Nervenkraft oder übergroßen Kummers.
Eingenommenheit des ganzen Kopfes.a
Kopfweh, wie Dummheit, mit Sumsen im Kopfe …a
Immerwährender Kopfschmerz.a
Bei der geringsten Erschütterung oder bei Lärm wurden die Kopfschmerzen äußerst heftig.a
Harter Druck an der linken Seite der Stirne.a
Klemmender Druck in und an der rechten Schläfe, bei Bewegung heftiger.a
Klemmender Druck in beiden Scheitelbeinen, bei Bewegung heftiger.a
Schmerz, als würden die beiden Schläfen gegen einander wie mit einer Zange heftig -zusammengeknippen.a
Ziehender Druck im rechten Scheitel- und Hinterhauptbeine, bei Bewegung heftiger.a
Reißen und klemmender Druck im Gehirne bald hie, bald da.a
Reißender Druck im Hinterhaupte, bei Lärm und bei der geringsten Bewegung heftiger.a
Heftig stechender Kopfschmerz in der rechten Schläfengegend, der sich bis in's rechte Auge erstreckte.a
Brennender Wundheits-Schmerz seitwärts am Nacken.a
SchwindelGegen Abend, beim Stehen und Gehen …a
Schwindel, früh, zum Umfallen, beim Stehen.a
Augen, NaseSchnell vorübergehendes Brennen im linken Auge, als wenn man etwas Flüchtiges röche.a
Schmerz, als würden die Augäpfel gewaltsam zusammen und in den Kopf gedrückt.a
Jücken in der Nasenspitze; er musste daran kratzen.a
Mund, HalsHeftig brennender Schmerz in der rechten Unterlippe, auch in der Bewegung derselben anhaltend.a
Bluten des Zahnfleisches …a
Trockenheits-Gefühl … am Gaumen …a
Uebelkeit im Gaumen.a
Beim Hinterschlingen des Essens, Stechen im Halse.a
MagenEin kaum zu stillender Durst auf kalte Milch.a
Jedes Mal nach dem Essen, ein Drücken im Magen, wie eine niederdrückende Last darin …a
AbdomenIm Nabel, ein periodisches, drückendes Klemmen.a
Lautes Knurren im ganzen Unterleibe, vorzüglich im Oberbauche …a
Ein ungeheures, kneipendes Zusammenziehn der Gedärme von beiden Seiten der Nabelgegend.a
Druck an mehreren Orten im Unterbauche.a
Klemmendes Bauchweh …a
Rektum, StuhlWeissgraue Durchfall-Stühle.a
Weiße oder gelbe, wässrige Diarrhö, chronisch oder akut, ohne Schmerzen und ohne irgendeine merkliche Schwäche oder Erschöpfung.
Unwillkührlicher … Stuhl …a
Harn- und Geschlechtsorgane
Harndrang, mit wenig Harnabgang.a
Ganz blasser Harn, welcher gleich eine dicke, weißlichte Wolke bildet.a
Allzuhäufige Pollutionen.a
Onanie, mit Bekümmernis über die Schuldhaftigkeit seines Tuns.
Atemwege, BrustStarke Heiserkeit.a
Trockner Husten von Kitzel, tief in der Brust, gleich über der Herzgrube [Magengrube] …a
Drücken und Beklemmung hinter dem Brustbeine, wovon das Einathmen erschwert wird.a
Drückender Schmerz in der Mitte der Brust, beim Ausathmen am heftigsten; es ist, als wenn es ihm den Brustknochen herausdrücken wollte; beim Aufdrücken mit der Hand auf das Brustbein ward der Schmerz heftiger, so wie auch beim Bücken, Husten u.s.w. … a
Brust-Schmerz, wie von Mattigkeit …a
LaktationVerschlechterung der Gesundheit infolge Stillens.
ExtremitätenGefühl, wie zerschlagen in den Hüften, den Oberschenkeln, den Armen und im Nacken, wie vom Wachsthum; dabei zu wiederholten Malen einzelne reißende Stiche in allen diesen Theilen zugleich …a
Mattigkeit in den Unterschenkeln, beim Gehen.a
Kriebeln am rechten Unterschenkel.a
Klemmender Druck auf den Fußsohlen.a
EmpfindungenUeber den Körper, bald hie, bald da, ein Kriebeln (Jücken), wie Ameisenlaufen.a
Jückendes Kriebeln am Körper und an den Händen, abends nach dem Niederlegen.a
SchlafEr ist früh nicht aus dem Schlafe zu ermuntern und noch sehr schläfrig.a
NervenEr ist schwächer und matter.a
Früh matt, unbehaglich, zu nichts aufgelegt.b
Neurasthenie: zerebrospinale Erschöpfung durch Überarbeitung; der geringste Versuch zu studieren ruft Schwere des Kopfes und der Glieder hervor.
GewebeInterstitielle Entzündung der Knochen; skrofulös, syphilitisch oder merkuriell bedingt.
Periostentzündungen, mit brennenden, nagenden, reißenden Schmerzen.
Skrofulöse Affektionen von Kindern; Hüfterkrankungen; Rückgratverkrümmung; Rachitis. Empfindlicher Schmerz, wie Schaben mit einem Messer, auf der Beinhaut aller Knochen.a
Lebensstadien, KonstitutionenKinder und Jugendliche, die zu schnell gewachsen sind: lang, schmal, schmächtig; Schmerzen in Rücken und Gliedern wie zerschlagen; Wachstumsschmerzen.
Hughes schreibt in den Pharmacodynamics: „Versagen des Gedächtnisses wird bei zerebraler Minderfunktion als spezielle Indikation für Acidum phosphoricum angesehen; der emotionale Zustand ist von Apathie und Indifferenz gekennzeichnet. Das Mittel ist bei ‚nervöser Schwäche‘ das, was Eisen bei Anämie ist. … Seine größten Lorbeeren hat Acidum phosphoricum bisher beim Diabetes geerntet. Nicht nur ‚Insipidus‘-Formen …, sondern auch echte Glukosurie ist nach Verabreichung dieser Säure wiederholt geheilt worden. …
Bei schleichenden Fiebern ist es indiziert, wenn mehr das Nervensystem als das Blut durch die Toxine in Mitleidenschaft gezogen wird …; gleichwohl hat es sich auch bei Purpura und passiven Hämorrhagien mehr als einmal als heilsam erwiesen.“
Zum Schluß die Schilderung Herings von einem typischen Acidum-phosphoricum-Bild bei einer Typhuserkrankung.10

10

Aufgrund der Symptome handelt es sich wohl um Typhus abdominalis. Die Unterscheidung zwischen Bauchtyphus (typhoid) und Flecktyphus (typhus) wird ja erst seit dem Ersten Weltkrieg getroffen, nachdem die den Typhus exanthematicus verursachenden Rickettsien entdeckt worden waren. Wenn daher in der früheren medizinischen Literatur von Typhus, typhösem Fieber oder im Englischen von ‚typhoid‘ die Rede ist, kann es sich sehr wohl auch um andere Typhusformen als den Typhus abdominalis handeln.

Typhus abdominalis: Völlige Apathie und Gleichgültigkeit; nimmt von nichts Notiz, selbst wenn er gekniffen wird; achtet nicht im Geringsten auf das, was um ihn herum geschieht; Gesicht blass; Nase spitz; Augen tiefliegend; stierer, stupider, leerer Blick; Augen glasig; wünscht nichts, bittet um nichts; fährt mit den Händen um sich, als wollte er nach etwas greifen; beantwortet Fragen entweder gar nicht oder nur unwillig; gibt kurze, unverständliche Antworten, die zuweilen unpassend sind, wie von einem Schlummernden; Sopor, schläft beim Sprechen ein; wenn er wach ist, beklagt er sich über große und sehr störende Wüstheit und Benebelung im Kopf, mit großer Angst dabei; im Schlummer hat er viele Gesichte; starkes Brausen in den Ohren; Schwerhörigkeit; liegt mit halb geschlossenen Augen da, gleichgültig gegenüber allem um ihn herum; überlegt lange und antwortet dann korrekt, aber langsam; Schwindel; dunkelblaue Ringe um die Augen; rasches Sinken der Kräfte; die Nase blutet, was jedoch in den frühen Stadien die Symptome nicht lindert; bohrt mit den Fingern in der Nase; Jucken der Nase infolge einer Irritation der Peyerschen Plaques; krustige Lippen; Sordes auf den Zähnen; Foetor ex ore; Durst; Abdomen gespannt und aufgetrieben, mit viel Gluckern und Rumpeln; linke Bauchseite berührungsempfindlich; Stühle wässrig, gelegentlich unwillkürlich, enthalten unverdaute Speisereste; Milch passiert mehr oder weniger unverdaut den Verdauungstrakt; reichlicher Abgang von Winden mit dem Stuhl; Stuhl blutig und schleimig; Zunge trocken, evtl. mit dunkelrotem Streifen in der Mitte, ist aber eher blass und klebrig und manchmal mit Schleim bedeckt; beißt sich im Schlaf unwillkürlich auf die Zunge; Urin stark eiweißhaltig, milchig, sich rasch zersetzend, mit Erdalkaliphosphaten gesättigt; Petechien; Ekchymosen; Dekubitus; Milzvergrößerung.

Acidum picrinicum

Weitere Namen: acidum picrinicumPikrinsäure
Acidum picrinicum nimmt in unserer Materia medica den Rang des vielleicht größten Mittels bei geistiger Erschöpfung (Gehirnermüdung) ein.
Eines seiner sonderbarsten Symptome ist, dass die geringste geistige Anstrengung Brennen entlang der Wirbelsäule verursacht. Andere Mittel, die für Brennen des Rückens oder der Wirbelsäule bekannt sind, sind arsenicumARSENICUM, phosphorusPHOSPHORUS, lycopodiumLYCOPODIUM und zincumZINCUM. Während das Brennen aber bei arsenicumARSENICUM (außer dass es allgemein durch Wärme gelindert wird) nicht näher charakterisiert ist, ist es bei lycopodiumLYCOPODIUM hauptsächlich zwischen den Schulterblättern lokalisiert (wie auch das von phosphorusPHOSPHORUS und kalium bichromicumKALIUM BICHROMICUM); das Brennen von phosphorusPHOSPHORUS hat außerdem pochenden Charakter und ‚möchte‘ gerieben werden. So ist das Brennen von Acidum picrinicum das einzige, das durch geistige Anstrengung hervorgerufen wird.
phosphorusPHOSPHORUS gleicht Acidum picrinicum darin, dass es in Vergiftungsfällen fettige Degeneration verursacht – phosphorusPHOSPHORUS besonders der Leber, Acidum picrinicum besonders des Gehirns und des Rückenmarks.
Alles wird bei Acidum picrinicum – das große Charakteristikum dieses Mittels! – durch Lernen, Studieren etc. verschlimmert, nicht nur die Rückenschmerzen, sondern z.B. auch Gelenkschmerzen.
Wo wir gerade dabei sind, will ich noch erwähnen, dass in der Repertoriumsrubrik „Brennender Schmerz in der Lumbalregion“ als einziges Mittel terebinthinaTEREBINTHINA11

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Statt TEREBINTHINA nennt Margaret Tyler hier irrtümlich THERIDION und erwähnt als vermeintliches Unterscheidungskriterium die extreme Empfindlichkeit des Arzneimittels auf Geräusche und Berührung. Statt die Passage ganz unter den Tisch fallen zu lassen, habe ich sie entsprechend abgewandelt und auf TEREBINTHINA angewandt.

dreiwertig erscheint; doch hier hängen die Beschwerden mit einer Affektion der Nieren und der Harnwegsorgane zusammen und sind so klar von den anderen Arzneimitteln zu unterscheiden.
Die Pikrinsäure ist lange Zeit hauptsächlich bei der Wundversorgung von Verbrennungen angewandt worden (urtica urensURTICA URENS, cantharisCANTHARIS), nachdem ein französischer Arzt entdeckt hatte, dass die von dieser Säure hervorgerufenen Verbrennungen schmerzlos waren.
Ich habe Acidum picrinicum immer in engem Zusammenhang mit phosphoricum acidumacidum phosphoricumACIDUM PHOSPHORICUM gesehen, sind doch ihre Anwendungsbereiche so ähnlich, dass ich mich manchmal wirklich fragte, welches Mittel ich nehmen sollte. Lassen Sie uns daher – ein für allemal – die Unterschiede herausarbeiten, damit wir das eine oder das andere mit einem Höchstmaß an Gewißheit (und Erfolg) verordnen können.
Acidum phosphoricumAcidum picrinicum
Schwäche und Kraftlosigkeit.
Langsamkeit.
Apathie.
Schwach; müde;
schwerfällig,
geistig und körperlich;
durch geistige Anstrengung sehr schnell erschöpft.
Wirkt vor allem aufs Gemüt;
auf Nerven und Rückenmark, mit paralytischer Schwäche;
auf die Knochen.
Wirkt vor allem aufs Gehirn;
Rückenmark; Nerven; Nieren.
Beide beeinflussen die Geschlechtsorgane:
mit Schwäche.mit Reizung bzw. Erregung.
Schlimmer durch Fiebererkrankungen; Flüssigkeitsverlust; sexuelle Ausschweifungen; Ermüdung.Schlimmer durch geistige oder körperliche Anstrengung; durch feuchtes Wetter.
Besser durch Wärme; kurzen Schlaf; Stuhlgang.Besser durch Ruhe; durch kühle Luft und kaltes Wasser; Sonne; Bandagieren.
phosphoricum acidumKeineacidum phosphoricum zwei Arzneien sind in ihrer Wirkung auf die Organe, die Gewebe und besonders auf die Psyche identisch, wie sehr sie auch beide bei ähnlichen Zuständen erforderlich zu sein scheinen. Was nun Erschöpfung und Schwäche anbelangt, so gibt es gleich eine ganze Reihe von ihrem Wesen nach völlig verschiedenen Arzneimitteln, zwischen denen wir wählen müssen; und sie alle haben natürlich ihren eigenen Bezug zur Ursache der Störung, sei diese emotionaler, mentaler oder physischer Natur. Einige Arzneimittel, die hier in Frage kommen, werden in diesem Buch mit den entsprechenden Indikationen dargestellt.
Oft werden wir von Patienten um ein ‚Stärkungsmittel‘ gebeten; doch das einzig wahre Stärkungsmittel ist nun einmal, wie wir wissen, die aufgrund der Symptomenähnlichkeit heilende Arznei. Hierbei müssen wir aber, wie mir immer klarer wird, auch die latenten ‚Dyskrasien‘ infolge lang zurückliegender akuter Krankheiten berücksichtigen; und diese wiederum müssen mit ihren eigenen Heilmitteln angegangen werden – mit Arzneien, die wir möglicherweise nie zuvor zur Heilung eingesetzt haben.
Ein weiterer Anwendungsbereich von Acidum picrinicum sind Furunkel des äußeren Gehörgangs, wo es neben mercurius (solubilis)MERCURIUS und sulfurSULFUR dreiwertig im Repertorium erscheint. Kürzlich hatte ich dagegen einen schlimmen Fall von rezidivierenden Gehörgangsfurunkeln – mit schrecklichen Schmerzen, die den Patienten völlig außer Gefecht setzten –, der durch morbillinumMORBILLINUM bereinigt wurde; ich verschrieb das Mittel wegen einer alten Masern-Vorgeschichte.
Hauptsymptome12
Neurasthenie.

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Herings Guiding Symptoms. Eine ausführliche Zusammenstellung der wichtigsten Symptome von Acidum picrinicum findet sich in der A.H.Z., Bd. 93, S. 37–38; Autor ist Dr. Oehme.

Müdigkeitsgefühl: bei der geringsten Anstrengung; am ganzen Körper; mit Schweregefühl; äußerste Mattigkeit; ohne Bedürfnis, zu reden oder etwas zu tun; gleichgültig gegenüber allem; ist gezwungen, sich hinzulegen; es scheint schwer, die Glieder zu bewegen; große Muskelschwäche; schnell außer Atem beim Bergansteigen; Neigung zu Schläfrigkeit am Tage; schlechter Appetit; allgemeines Trägheitsgefühl.
Weitere wichtige oder sonderbare Symptome
Geist und GemütGeistige Erschöpfung (Gehirnermüdung).
Abneigung gegen geistige oder körperliche Arbeit; will nur still dasitzen, zeigt kein Interesse an seiner Umgebung.
KopfGeistige Erschöpfung von Schriftstellern oder Geschäftsleuten; die geringste Erregung oder geistige Anstrengung oder jegliche Überarbeitung ruft Kopfschmerzen hervor.
Nach jeder größeren geistigen Anstrengung stark klopfender Kopfschmerz, schlimmer an der Gehirnbasis; oft verbunden mit Kongestion der Wirbelsäule, gesteigerter sexueller Erregung und heftigen Erektionen.
Kopfschmerzen: mit dumpfem Pochen, Schweregefühl im Kopf oder heftigem Schmerz; < durch Lernen oder Bewegen der Augen; > durch Ruhe, frische Luft, festes Binden des Kopfes.
Kopfschmerzen bei Studenten oder überarbeiteten Geschäftsleuten, oder wenn Kummer oder andere niederdrückende Emotionen zu nervöser Erschöpfung geführt haben; Sitz des Schmerzes ist die Okzipitozervikalregion.
OhrenFurunkulöse oder umschriebene Entzündung des Meatus.
Chronische oder subakute Formen der Otitis externa.
Furunkel im äußeren Gehörgang.
GenitalienSatyriasis.
Fürchterliche Erektionen mit unruhigem Schlaf.
Priapismus in Verbindung mit spinalen Erkrankungen.
Spermatorrhö.
RückenBrennen entlang der Wirbelsäule und sehr große Schwäche der Beine und des Rückens, mit Schmerzhaftigkeit der Muskeln und Gelenke; < durch geistige Anstrengung.
Hitze im unteren Wirbelsäulenbereich; dumpfer und ziehender Schmerz in der Lumbalregion, < durch Bewegung.
ExtremitätenGroße Schwäche der Beine, besonders des linken, welches zittert; Beine schwer wie Blei; können nur schwer vom Boden gehoben werden.
Große Schwäche im Bereich der Hüften.
Extremitäten kalt.
Große Schwere in den Gliedern, besonders in den Beinen, bei Anstrengung.
NervenMattigkeit, die allmählich fortschreitet, von leichter Erschöpfung bei Bewegung bis hin zu völliger Lähmung.
Nach einem schweren seelischen Schock durch einen Todesfall: Mattigkeit, Erschöpfung; fühlt sich sehr müde, möchte sich hinlegen und die ganze Zeit schlafen – was sie auch täte, wenn man sie nicht wecken würde.
Paralyse infolge Rückenmarkserweichung.
Kribbeln der Lippen; Ameisenlaufen auf der Kopfhaut.
WetterSchmerzen schlimmer bei nassem Wetter.
Besserung durch kühle Luft und kaltes Wasser.
GefühlAls wäre der ganze Körper verbraucht, ‚fix und fertig‘.
Kälte der Genitalien. Frösteln den Rücken hinunter. Große Kälte der Füße.
HautKleine Furunkel, die überall am Körper auftreten können, besonders in den Ohren.
Gewebe‚Stärkungsmittel‘ bei einem ausgelaugten und vollkommen erschöpften Organismus.
Bei fortgeschrittener perniziöser Anämie.
Bei Rückenmarkssklerose.

Acidum salicylicum

Weitere Namen: Salicylsäure
Die Salicylsäure ist ein Arzneimittel, das von der alten Schule viel gebraucht, zuweilen aber auch stark missbraucht wird; von daher verdient es auch aus unserem Blickwinkel ein sorgfältiges Studium. Wenn man nämlich von einem Mittel schon im Voraus und mit Sicherheit wissen möchte, was es zu heilen vermag, muss man vorher herausfinden, welche Schäden es an Leib und Seele anrichten kann. Lassen Sie uns deshalb einmal näher auf seinen Nutzen und seine missbräuchliche Verwendung eingehen, um zu sehen, wie wir es am besten einsetzen können.
Wie uns gelehrt wird, wird das Mittel „hauptsächlich wegen seiner Wirkung bei Gelenkrheumatismus, wo es hochwirksam ist, angewandt“. Bei gonorrhoischer Arthritis oder Arthrosis deformans sei es dagegen wertlos, bei Gicht nur von geringem Nutzen.
„Bei akutem Gelenkrheumatismus lindert es rasch alle lokalen Gelenksymptome, hat aber keinen Einfluss auf die Endokarditis, und in keiner Hinsicht ist es ein spezifisches Heilmittel.“ Jetzt kann man verstehen, warum die Homöopathen mit ihrer großen Zahl von Arzneien für Rheumatismus (oder besser gesagt: für den Patienten mit Rheumatismus) nicht allzu bereit sind, vor einem Arzneimittel, und sei es noch so populär, gleich auf die Knie zu fallen, das zwar die lokalen Beschwerden und das Fieber glänzend bessert, aber die wirkliche Gefahr – die für das Herz – unberührt lässt. Wir dürfen nicht vergessen, dass akuter Gelenkrheumatismus bei Kindern in erster Linie eine das Herz betreffende Krankheit ist und daher jede Unterdrückung äußerer Manifestationen wie Schmerzen oder sonstiger Unannehmlichkeiten eine gefährliche Sache sein muss. Von einem akuten Gelenkrheumatismus kann man sich leicht erholen, wohingegen ein Herzschaden zu einer lebenslangen Strafe und schrecklichen Behinderung werden kann.
Nebenbei bemerkt: Obwohl es heißt, dass es bei gonorrhoischer Arthritis, Arthrosis deformans und Gicht nutzlos sei, hat Acidum salicylicum doch, neben vielen anderen Arzneien, auch bei diesen Leiden seine Heilkräfte bewiesen – wenn es anhand homöopathischer Indikationen und in homöopathischer Zubereitung verabreicht wurde. Und homöopathisch ist es auch schon erfolgreich beim Kindbettfieber angewandt worden, obwohl es ja eher als „Analgetikum, Antipyretikum und nur schwaches Antiseptikum“ bekannt ist.
Im Folgenden zu den zerstörerischen Eigenschaften des Mittels, aus denen wir möglicherweise bereits auf seine homöopathischen Tugenden schließen können.
„Es reizt die Schleimhäute und kann Erbrechen bewirken, wenn es in großen Dosen auf leeren Magen gegeben wird. Ferner heißt es in den Lehrbüchern der alten Schule, dass ‚große therapeutische Gaben‘ Ohrensausen und Übelkeit, gelegentlich Erbrechen sowie ein Ansteigen der Urinmenge hervorrufen können; sie können auch zu einer Nierenreizung mit Albuminurie führen, welche im Allgemeinen nach Ausscheidung der Substanz wieder verschwindet. … In sehr hohen Dosen kann es depressorisch auf das ZNS wirken, selten auch Konvulsionen herbeiführen …; es ist bei manchen Augenkrankheiten von Nutzen. Die Dosis, 15 Gran13

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1 Gran = 64,799 mg; 15 Gran entsprechen also etwa 1Gramm.

, kann jede Stunde wiederholt werden, bis erste Intoxikationserscheinungen auftreten, dann weiter dreimal täglich. Nach dem Tod als Folge einer Salicylvergiftung wurden Ekchymosen und Ulzerationen der Magenschleimhaut gefunden.“
Meine Erfahrungen mit Acidum salicylicum habe ich hauptsächlich bei einigen Fällen von Morbus Menière gesammelt, wo seine Wirkung in den üblichen kleinen Gaben der Homöopathie prompt und zufriedenstellend war. Interessant war übrigens zu sehen, dass auch in manchen Lehrbüchern der alten Schule das Mittel für diese Krankheit empfohlen wird – eben aufgrund seiner Fähigkeit, deren Symptome zu produzieren!
Hauptsymptome; wichtige oder hinweisende Symptome
Ulzerationen der Schleimhäute.
Akuter Gelenkrheumatismus.
DeliriumBenommen, konnte kaum seine Gedanken zusammenbringen; lachte ohne Grund, redete unaufhörlich und zusammenhanglos; schaute, wie es schien, wegen Halluzinationen häufig um sich.
SchwindelNeigung, nach links zu fallen, während die Gegenstände der Umgebung nach rechts zu kippen scheinen.
Menière-Krankheit; Schwindel, kommt und geht ohne Ursache; Kopfschmerz häufig, aber nicht immer vorhanden; Geräusche im Ohr; gestörte oder fehlende Knochenleitung; Magensymptome nicht vorhanden oder zu geringfügig, um die übrigen Symptome erklären zu können; unbestimmter Schwindel in horizontaler Lage, jedoch beträchtlich beim Heben des Kopfes oder Aufsetzen.
Vertigo auralis; eine unangenehme Übelkeit begleitet die Kopfsymptome.
OhrenTaubheit, mit Geräuschen.
NaseBeginnender Katarrh; niest den ganzen Tag.
Mund und HalsTrocken; Brennen und Trockenheit von Mund und Rachen.
Stomatitis; Mund trocken und heiß, Zunge von brennenden Bläschen bedeckt.
Aphthen, mit brennendem Schmerz und fötidem Atem.
Geschwüre in Mund, Magen und Darm.
HalsBrennen. Mandeln rot, geschwollen, mit weißen Tupfen übersät.
Gequält von ziemlich heftigem Schlingdrange … und Beschwerden beim Schlingen, vorzugsweise auf der rechten Seite. … Schwellung und Röthung der Schleimhäute des Halses und hinteren Gaumens, ferner Schwellung der rechten Mandel … und eine leichte, stecknadelkopfgroße, häutige Einlagerung auf derselben.14

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Dieses Symptom ist einem Prüfungsfragment entnommen, veröffentlicht von Lewi in der Neuen Zeitschrift für homöopathische Klinik, Bd. 20, S. 106.

Magen, DarmEkchymosen und Ulzerationen der Schleimhäute von Magen und Darm (postmortal bei Vergiftungen gefunden).
Brennen im Epigastrium.
Dyspepsie mit fauligem Aufstoßen und viel Luftansammlung im Magen.
Diarrhö oder Cholera infantum, wobei das Aufstoßen einen eigenartig fauligen und -widerlichen Geruch hat.
UrinSehr übelriechend, mit Schleim, Eiter und Blut.
Drei Stunden nach dem Wasserlassen hat der Urin einen leichten Grünstich; später lagert sich am Boden ein weißer, federnartiger Niederschlag ab – Salicylharnsäure; wird dieser herausgefiltert, zersetzt sich der Urin sehr schnell, wenn nicht, bleibt er über eine Woche frisch.
ExtremitätenReichliche, faulig riechende Fußschweiße.
Gefühl, als wünschten die Füße zu schwitzen [bei Rheuma nach Unterdrückung von Fußschweiß].
Brennende oder auch schießende und stechende Schmerzen.
Rheumatismus: Hitze, Röte, Schmerz und Schwellung im Bereich der Gelenke; besonders betroffen sind die Knie, mit heftigen, durchbohrenden Schmerzen; < durch Bewegung, durch Berührung mit etwas Kaltem sowie nachts; > durch trockene Wärme, warme Anwendungen.
GewebePurpura haemorrhagica, mit Blutungen aus allen Schleimhäuten; mit ständigem, dumpf schmerzendem Unwohlsein im Magen und gelegentlichem Erbrechen von Blut und Schleim.
Hat eine sehr spezifische Wirkung auf die serösen Häute.
Dr. Hughes, Pharmacodynamics: „Die physiologischen Wirkungen dieser Säure und ihrer Natriumsalze kennen wir hauptsächlich aus Beobachtungen von Überdosierungen. … Acidum salicylicum ähnelt sowohl in pathogenetischer Hinsicht als auch in seiner kurativen Wirkung dem Chinin. … Seine auffallendsten Wirkungen zeigten sich bei einer nicht ansteckenden, fieberhaften Erkrankung, die bisher nicht unter die Infektionskrankheiten eingereiht wurde: Ich meine den akuten Gelenkrheumatismus. Als Mittel gegen dieses Leiden hat es von allen Seiten die wärmsten Empfehlungen erhalten. Seine Chance findet es anscheinend besonders bei hohem Fieber, wenn ein Gelenk nach dem anderen befallen wird und starke Schmerzen bestehen. Wird es zu diesem Zeitpunkt verabreicht, so senkt es fast stets innerhalb von 36 bis 48 Stunden das Fieber und lindert die Schmerzen. … Angesichts dieser Tatsachen hatten wir Schüler Hahnemanns zu überlegen, was wir tun sollten. Unsere Erfolge beim akutem Gelenkrheumatismus waren, wenngleich schon recht zufriedenstellend, sicherlich nicht so gut wie jene, welche dieser Arznei zugeschrieben wurden …“ Hughes führt dann Fälle an, wo Salicin15

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Salicin ist ein Wirkstoff, der aus der Rinde verschiedener Weidenarten (Gattungsname Salix) gewonnen wird. Er wird im Körper zu Salicylsäure metabolisiert.

Fieber hervorgerufen hat; einmal bei einer Prüfung [mit 10 Gran der Rohsubstanz] und einmal in einem Fall von akutem Gelenkrheumatismus durch eine übergroße Dosis [14
00 Gran innerhalb 4–5 Tagen]; in letzterem Fall stieg die Temperatur stetig an, bis schließlich, als das Thermometer 43 °C anzeigte, der Tod eintrat.
Bei Tierversuchen, so Hughes weiter, senkt die Salicylsäure, wenn auch nur in begrenztem Umfang, das Fieber, und zwar sowohl als freie Säure wie auch als Salicylat. In etwas höherer Dosierung bewirkt das Mittel jedoch nicht nur keine Senkung der Temperatur, sondern lässt diese gelegentlich sogar beträchtlich ansteigen.
Weiter führt er aus, dass es drei Arten gibt, auf die akuter Gelenkrheumatismus behandelt wurde und behandelt werden kann; dementsprechend gliedern sich auch die Arzneimittel, die für diese Krankheit bekannt sind, in drei Gruppen. Man kann zum einen versuchen, die mutmaßlich saure Materia morbi auf chemischem Wege zu neutralisieren, wie z.B. durch Alkalien, neutrale Salze oder auch Zitronensaft. Zweitens kann man danach trachten, die Bildung dieser krankmachenden Substanz zu unterbinden [wie es, so Hughes, die geeigneten Homöopathika tun]. Oder man kann – drittens – sozusagen gewaltsam das Fieber unterdrücken und den Schmerz abtöten, während man den fortbestehenden spezifischen Krankheitsprozess unberührt lässt. … Der große Fehler der letzteren Behandlungsart [meist mit Chinin, Salicin und dessen Derivaten] besteht darin, dass sie, indem sie das eigentliche Übel unangetastet lässt und nur dessen äußere Erscheinungsformen unterdrückt, die Rückfallneigung begünstigt und so das Leiden unnötig in die Länge zieht.
Hughes bespricht dann die Symptome, die heutzutage als Salicylismus bekannt sind: Taubheit – Ohrgeräusche – Schwindel. Und ebendies sind ja die wesentlichen Merkmale des Morbus Menière („Vertigo auralis“), bei dem selbst Autoritäten der alten Schule die Salicylsäure für nützlich befunden haben.
Boericke (Materia Medica) schreibt: „Die Symptome deuten auf einen Nutzen des Mittels bei Rheumatismus, Dyspepsie und Menière-Krankheit hin. Erschöpfung nach Influenza; auch Tinnitus aurium und Taubheit. Hämaturie.“
Die Cyclopaedia of Drug Pathogenesy (Hughes) bringt interessante Fälle, besonders wo sie detailliert auf Überdosierungen und Vergiftungen eingeht; deren Hauptmerkmale sind praktisch alle im obigen Auszug aus der Symptomatologie vertreten. Acidum salicylicum wird zu einem wichtigen Heilmittel durch: seine Wirkung auf die Schleimhäute; seine insbesondere brennend schmerzhaften, entzündlichen Schleimhautveränderungen, die schließlich zu Geschwürbildung, Fäulnis und Zersetzung führen; seine spezifischen Wirkungen auf Ohren und Gehör, mit sämtlichen Symptomen der Menière-Krankheit; seine Blutungsneigung, besonders ausgeprägt an Nasenschleimhaut, Zahnfleisch und Magen. In einem Fall wurde eine junge Ehefrau von 27 Jahren wegen eines akuten Gelenkrheumatismus mit Salicylsäure behandelt. Sie entwickelte zunächst die übliche Taubheit, Ohrensausen und akustische Halluzinationen. Einige Tage später begannen Nase und Zahnfleisch zu bluten, Letzteres so schlimm, dass sie blass und schwach wurde, der Puls klein und stark beschleunigt. Große Blutklumpen sammelten sich im Mund, und die Stühle wurden schwarz, offenbar durch heruntergeschlucktes Blut. Daraufhin wurde das Mittel abgesetzt, wenngleich man der Ansicht war, dass es sich hierbei auch um eine purpura- oder skorbutähnliche Krankheit handeln könnte; die Blutung hörte auf. Als nach einigen Tagen wegen eines leichten Rückfalls der Gelenkentzündung das Medikament erneut gegeben wurde, begann das Zahnfleisch gleich am nächsten Tag wieder zu bluten, sodass die Behandlung mit Salicylsäure endgültig eingestellt wurde. Die Patientin hatte, wie sie sagte, niemals zuvor an solchen Blutungen gelitten, noch war das Zahnfleisch zwischen den beiden Blutungsphasen schwammig oder zu Hämorrhagien geneigt gewesen.
In einem anderen Fall wurden einem Patienten, der an einem sehr schweren und schmerzhaften Anfall von akutem rheumatischen Fieber litt, große Dosen Salicylsäure verabreicht; nach der fünften Gabe verschwanden die Schmerzen wie durch ein Wunder. Am dritten Tage verspürte er jedoch auf einmal einen heftigen Schmerz im Oberbauch und verstarb plötzlich. Eine ganze Reihe solch plötzlicher Todesfälle sind mittlerweile überliefert.
Als Folge großer Gaben von Salicylsäure bei akutem Gelenkrheumatismus sind neben Epistaxis oft auch andere Hämorrhagien beobachtet worden, darunter Hämaturie und sogar Netzhautblutungen.
Ich glaube, mittlerweile verwendet man Salicylsäure auch, um Marmelade vor dem Verfall zu bewahren; in kleinen Mengen müsste sie dies auch, da sie in ‚heroischen‘ Dosen überall Zersetzung bewirkt.16

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Diese Übertragung des homöopathischen Prinzips auf nicht-lebendige Stoffe ist sicher nicht zulässig.

Bei empfindlichen Menschen sollte man aber selbst nach solch leichten Salicylatvergiftungen Ausschau halten. – Ich fange allmählich an zu glauben, dass der Teufel heutzutage ganz besondere Methoden hat, um die zivilisierte Menschheit zu quälen und zu schädigen, nämlich durch das Wissen um Gut und Böse, wie es z.B. die Wissenschaft der Chemie mit sich bringt. Je einfacher unsere Ernährung und Lebensweise und je natürlicher, desto sicherer sind sie im Hinblick auf Vitalität und Wohlbefinden. Doch auch dann ist es immer noch eine Frage des Individuums und seiner möglichen Idiosynkrasien: Was viele Menschen ohne erkennbaren Schaden zu tolerieren scheinen, mag für wenige Zerrüttung, eventuell gar den Tod bedeuten. Dennoch müssen auch die Vielen leiden, wenngleich in weniger spürbarem Maße.
Fazit: Je mehr ich dazulerne, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass die raschen, sicheren und erfolgreichen Methoden der Homöopathie bei der Behandlung von Krankheiten jederzeit vorzuziehen sind, selbst bei einem so schmerzhaften Leiden wie dem akuten Gelenkrheumatismus. Auch wo ein nur mittelmäßiger Therapeut keine schnellen und vollkommenen Erfolge erzielen mag, gefährdet er doch zumindest nicht das Leben seiner Patienten!

Aconitum

Weitere Namen: Aconitum napellus; Blauer Eisenhut, Sturmhut

„Mein Herz ängstet sich in meinem Leibe, und des Todes Furcht ist auf mich gefallen.“

„Furcht und Zittern ist mich angekommen, und Grauen hat mich überfallen.“

Der ‚Liebliche Psalmist Israels‘, der Kriegsherr und König David, der vor beinahe dreitausend Jahren all die Gefühle und Erfahrungen des Menschen besang, der in einhundert Generationen Mut, Zuversicht, Vertrauen und Reue erweckt hat, der größte Erhabenheit erreicht und die Tiefen des Leids, der Trauer und der Gewissensqualen durchschritten hat: selbst er hatte seine Aconitum-Momente massiver, blinder Angst.
Seine eingangs zitierten Worte [Psalmen 55, 5–6] sind praktisch die gleichen, wie sie in den Prüfungen von Aconitum auftauchen.
Kent sagt: „Aconitum ist wie ein heftiger Sturm, der aufzieht, über das Land wütet und dann ebenso rasch wieder abflaut, wie er gekommen ist. … Es ist ein kurz wirkendes Mittel: in größeren Dosen ein gewaltiges Gift, dessen Auswirkungen aber, sofern sie das Leben nicht zerstören, sehr bald vorübergehen, sodass, falls sich der Patient erholt, die Genesung nicht lange auf sich warten lässt. Chronische Krankheitsfolgen treten nicht auf.“17

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In erster Linie Georgos Vithoulkas haben wir die Erkenntnis zu verdanken, dass viele jener Arzneien, die bisher nur als ‚Akutmittel‘ gegolten haben, nicht selten auch in chronischen Fällen eine tiefgreifende, mehr oder weniger konstitutionelle Wirkung zeigen können. So ist, wie Vithoulkas in seiner Materia Medica Viva schreibt, das chronische Aconitum-Bild durch Phobien und wiederholte, anfallsweise auftretende Zustände panischer Angst charakterisiert, während der Patient in der Zwischenzeit normal erscheint. Wesentlich für die Aconitum-Angst ist dabei das Bewusstsein der unmittelbaren Konfrontation mit dem Tod (wie es z.B. im psychischen Schockzustand nach einem Autounfall vorherrschend ist).

Die Angst des Aconitum-Patienten steht diesem schon ins Gesicht geschrieben, und das Mittel heilt Beschwerden infolge von Schreck, seien diese seelischer oder körperlicher Natur – bis hin zu Gelbsucht; wie chamomillaCHAMOMILLA Beschwerden von Wut und Zorn heilt oder staphisagriaSTAPHISAGRIA Beschwerden aufgrund von (wirklichen oder eingebildeten) Beleidigungen oder sonstigen als misslich empfundenen Umständen.
Doch die Ängste des Aconitum-Patienten sind mehr oder weniger unbestimmt; das Bekannte, das Bestimmte schreckt ihn nicht so sehr. Er hat nicht die Furcht vor Armut von bryoniaBRYONIA, die Furcht vor Gewitter von phosphorusPHOSPHORUS, die Furcht vor Hunden von belladonnaBELLADONNA, die Furcht, dass man sich ihm nähern könnte, von arnica montanaARNICA, die Furcht vor dem Alleinsein von arsenicumARSENICUM, argentum nitricumARGENTUM NITRICUM etc. Vielmehr hat er Furcht vor dem Tod, Furcht vor Dunkelheit, Furcht, im Bett zu liegen, Furcht vor Geistern. Aconitum hat nicht nur Furcht vor dem Tod, der Patient sagt auch die genaue Stunde seines Todes voraus; wie Kent es schildert: „Befindet sich eine Uhr im Zimmer, wird er sagen, er werde, wenn der Uhrzeiger einen bestimmten Punkt erreicht hat, tot sein.“ Es ist der Aconitum-Kranke, der seine Freunde zu sich kommen lässt, um von ihnen Abschied zu nehmen. Aconitum denkt an den Tod, hat Todesahnungen, sagt seine Todesstunde voraus. Ein solcher Gemütszustand, wie er im Verlauf einer beliebigen Krankheit, nach einem Schock, einem Schreck oder nach einer Operation auftreten kann, verlangt nach Aconitum.
Es ist ein schnell und oberflächlich wirkendes Mittel bei akuten und äußerst qualvollen Zuständen; nach Verabreichung desselben wird sich der Patient niederlegen, entspannen und einschlafen: der Sturm hat sich gelegt.
Gerade die Homöopathie ist in der Lage, sich solcher nicht recht greifbarer, doch um so quälenderer Leiden anzunehmen. Bedenken Sie dabei, dass Aconitum kein Beruhigungsmittel ist – es vermag nur solche Beschwerden zu heilen, die es selbst in Vergiftungsfällen oder Prüfungen [ähnlich] hervorgerufen hat.
Dr. Clarke hat einmal gesagt: „Wenn Sie je ein Buch von Henry N. Guernsey in die Finger bekommen, kaufen Sie es!“ Und Guernsey bringt über Aconitum einen sehr aufschlussreichen Artikel. Er schreibt:
„Der Genius dieser höchst nützlichen Arznei ist in erster Linie auf der psychischen Ebene wirksam, und stets ist es bei diesem Mittel wichtig, die Gemütssymptomatik mit zu berücksichtigen. Fast mit Gewissheit lässt sich sagen, dass Aconitum nie in Fällen zur Anwendung kommen sollte, wo eine Krankheit mit Geduld und Gelassenheit ertragen wird. Doch müssen wir an Aconitum denken, wenn bereits so geringfügige Beschwerden wie eine Entzündung der Augenlider Anlass zu Gemütsunruhe, Besorgnissen oder Befürchtungen sind; und je ausgeprägter dieser Gemütszustand ist, desto sicherer wird Aconitum das indizierte Mittel sein. Große, unbeherrschbare Angst, Sorge und Furcht sind die typischen Zeichen einer Aconitum-Erkrankung. …
Beschwerden, die durch Schreck entstanden sind, wenn die Furcht die auslösende Situation überdauert (OPIUMopium).
Sagt den eigenen Todestag voraus – dies ist sehr charakteristisch.
Im Delirium herrschen Traurigkeit, Sorge, Verzweiflung oder auch Tobsucht vor, verbunden mit einem ängstlichen Gesichtsausdruck; selten nur kommt es zu Bewusstlosigkeit. …
Blutungsneigung: beim Räuspern große Mengen reinen, hellroten Blutes. … Aktive Blutungen aus jedem Bereich des Körpers – Metrorrhagien etc. –, begleitet von Todesfurcht und nervöser Erregbarkeit.“
Die Angst zu sterben kann so groß sein, dass sich Menschen deswegen tatsächlich schon umgebracht haben! (Ich selbst weiß von einem solchen Fall.)
Shakespeare sagt: „Es gibt nichts Gutes oder Schlechtes; erst das Denken macht es dazu.“ Und bei Aconitum ist es eben größtenteils das Denken, das die Dinge so schlimm erscheinen lässt.
Es ist das Unwirkliche, das Unbestimmbare, das Aconitum in panische Angst versetzt, und wenn Sie das Mittel nicht zur Hand haben, müssen Sie vielleicht sogar am Uhrzeiger manipulieren, um ein Leben zu erhalten.
Laut Kent sind es die kräftigen, robusten Menschen, die am ehesten in Aconitum-Zustände geraten können. „Der Patient sieht sich von einem plötzlichen, gewaltsamen Tod bedroht, doch ist er rasch wiederhergestellt. Ein heftiger Sturm – und bald ist alles vorüber.“
Aconitum ist neben HEPARhepar sulfuris, NUX nux vomicaVOMICA und wenigen anderen auch ein Heilmittel bei Beschwerden von kalten, trockenen Wetterlagen, während kaltes und feuchtes Wetter Leuten zu schaffen macht, die dulcamaraDULCAMARA, RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON etc. benötigen.
Für Nash ist Aconitum eines der größten Schmerzmittel; sein führendes Trio hier ist Aconitum, chamomillaCHAMOMILLA und coffeaCOFFEA. Die Schmerzen von chamomillaCHAMOMILLA werden jedoch von äußerster Reizbarkeit begleitet, die von coffeaCOFFEA von Erregung, von „einer unglaublichen Empfindlichkeit der Haut“, und kurioserweise werden die coffea-Schmerzen durch Geräusche verschlimmert, während die Schmerzen von Aconitum schlechthin unerträglich sind und, wie gesagt, mit Furcht und qualvoller Angst einhergehen.
Wie Kent sich ausdrückt: Aconitum „schreit vor Schmerz. Die Schmerzen sind wie von Messerstichen erzeugt. … Etwas Schlimmes muss mit ihm los sein, sonst würde er nicht so schrecklich zu leiden haben. Dass er den eigenen Todestag voraussagt, ist auch in hohem Maße eine Folge des Entsetzens, das ihn zu überwältigen scheint. Stets ist, wo Aconitum sich als hilfreich erweist, dieses psychische Bild zugegen, sei es bei Pneumonien, bei Entzündungen der Nieren, der Leber, des Darms oder welches Organs auch immer.“
Bei Nash heißt es: „Bei Aconitum werden vor allem Herz und Thorax in Mitleidenschaft gezogen, während sich bei BELLADONNA alles Leiden im Kopf zu konzentrieren scheint.“
Bezüglich des Aconitum-Fiebers zitiert er Hering: „Hitze mit Durst; harter, voller und schneller Puls, ängstliche Ungeduld, nicht zu beruhigen, außer sich, wälzt sich vor Qualen hin und her.“
Aconitum wird, wie mir scheint, heutzutage allzusehr vernachlässigt. Die alten Homöopathen wussten noch genau, wie und wann es einzusetzen ist. Irgendjemand aber setzte die unselige Platitüde in die Welt, die seither in vielen Köpfen herumspukt: „Wenn Sie den Fall zu sehen bekommen, ist es für Aconitum bereits zu spät.“ – Purer Nonsens! Der Aconitum-Zustand kann zu jedem Zeitpunkt, bei jeder Krankheit, nach chirurgischen Eingriffen aufkommen, und dann wird das Mittel schnell Ruhe und Frieden bringen und keine Nachwirkungen hinterlassen.
Aconitum ist früher auch als die „homöopathische Lanzette“ bezeichnet worden, denn mehr als jede andere Arznei trug Aconitum dazu bei, der Praxis des Zur-Ader-Lassens ein Ende zu bereiten – durch die beachtliche Erleichterung, die es im Anfangsstadium der meisten entzündlichen Erkrankungen (Pleuritis, Pneumonie etc.) zu bringen vermochte, bei denen keinen Aderlass vorzunehmen bis dahin als gleichbedeutend mit Mord angesehen worden war.
Aconitum ist übrigens auch ein Beispiel dafür, wie nutzlos es ist, seine Arzneikenntnisse aus den Wirkungen der Arzneien auf Tiere abzuleiten. Clarke berichtet von einem Versuch, einen Elefanten zu töten, indem eine Karotte ausgehöhlt und mit soviel aconitinumACONITIN gefüllt wurde, dass die Menge ausgereicht hätte, 2000 Menschen zu vergiften. Der Elefant aß die Möhre bereitwillig, doch nichts geschah, und so musste drei Stunden später eine große Dosis Blausäure verabfolgt werden, die sich bald als tödlich erwies.
Wie Clarke sagt: „Aconitum ist eines der tödlichsten und am schnellsten wirkenden Gifte, doch durch Hahnemanns Entdeckungen ist es zu unserem besten Freund in der Kinderstube geworden.“
„Aconitum ist das Heilmittel des rosigen, pummeligen und plethorischen Babys“, meint Kent. Folgende Szene habe ich noch deutlich vor Augen: Ein kräftiges Baby, ein Mädchen, mit hohem Fieber, das sich laut schreiend in den Armen der Mutter hin und her warf; es war ganz verängstigt und nicht in der Lage, sein Leiden anders als durch solche Schreianfälle auszudrücken. Seine Mutter war der Verzweiflung nahe – „Ich möchte das Kind nicht verlieren!“ Doch dann: eine winzige Gabe süßen Zuckers, getränkt mit einer immateriellen Potenz Aconitum, und unversehens legte sich der Sturm.
Aconitum ist in der Hausapotheke ganz und gar unentbehrlich: für plötzliche, heftige Folgen von Verkühlung und von Schreck, die mit Ruhelosigkeit, Beklemmung, Angst und übersteigerter Empfindlichkeit einhergehen.
Lassen Sie uns nun sehen, was Hahnemann zu Aconitum zu sagen hat …
„So ist auch der Sturmhut in angezeigter, feiner Gabe in der Luftröhr-Entzündung (Croup, häutigen Bräune), in mehrern Arten von Hals- und Rachen-Entzündung, so wie in den örtlichen, akuten Entzündungen aller andern Theile das erste und Haupt-Heilmittel, vorzüglich wo, nächst Durst und schnellem Pulse, eine ängstliche Ungeduld, ein nicht zu besänftigendes Außersichseyn und agonizirendes Umherwälzen zugegen ist. … Bei jeder Wahl des Sturmhuts als homöopathisches Heilmittel ist vorzüglich auf die -Gemüths-Symptomen zu sehen, damit besonders diese recht ähnlich seyen.“ Er weist darauf hin, dass Aconitum „auch in den hartnäckigsten, chronischen Uebeln da eine unentbehrliche Beihülfe [ist], wo der Körperzustand eine Verminderung der sogenannten Straffheit der Faser 18

18

In der englischen Übersetzung der Reinen Arzneimittellehre von R. E. Dudgeon wiedergegeben mit „tension of the blood vessels“. Dieser alte Ausdruck wurde also als Tonus der Blutgefäße verstanden.

(des strictum der Alten) verlangt …“
In Sir John Weirs Schrift Homœopathy, an Explanation of its Principles findet sich eine Fallbeschreibung, die es an dieser Stelle wiederzugeben lohnt. „Eines Abends wurde ich gegen 22 Uhr 30 zu einem Mann gerufen, der an anaphylaktisch bedingter Urtikaria litt, die nach einem Antitetanus-Serum aufgetreten war. Er war fast außer sich vor Angst und so unruhig, dass er sich ständig bewegen musste; er war überzeugt, dass er sterben werde. Er hatte Durst, und ihm war heiß; große Angst, allein zu sein. Sehr furchtsam. Alles musste sofort erledigt werden. Unerträgliche rheumatische Schmerzen; meinte, sie würden ihn noch verrückt machen.
Aconitum in der 30. Potenz brachte ihm fast augenblicklich Erleichterung, und innerhalb 15 Minuten war er wieder völlig normal. Dies war eine der dramatischsten Situationen, die ich je erlebt habe.“
So könnte ich endlos mit Beispielen von Aconitum-Wirkungen fortfahren, wie mit dem wunderbar beruhigenden Effekt bei akut exazerbierten Herzleiden mit Palpitationen, qualvoller Angst und starken Schmerzen. Ein Beispiel hierfür war ein belgischer Flüchtling in den ersten Tagen des Weltkrieges: Der Zustand seiner schweren Herzkrankheit hatte sich gefährlich, ja lebensbedrohlich verschlechtert, während er tagelang auf seine Einschiffung warten musste und am Kai neben der Kälte auch noch mit Erschöpfung und Angstgefühlen zu kämpfen hatte. … Ein Junge in unserem Hospital wiederum litt an einer Nierenerkrankung mit generalisierten Ödemen. Nach Aconitum kam es jeweils zu kurzfristigen Besserungen, eine anhaltende Genesung konnte aber erst durch sulfurSULFUR erreicht werden, das ‚chronische Mittel‘ von Aconitum. Man sollte stets daran denken: Wenn Aconitum für etwas, das schon chronifiziert ist, zu oberflächlich wirkt, ist im Allgemeinen sulfurSULFUR das passende Heilmittel, ähnlich wie calcarea carbonicaCALCAREA als das chronische Mittel von belladonnaBELLADONNA angesehen werden kann. Weiterhin kann Aconitum indiziert sein bei Blasenentzündungen, bei unterdrückter Harnsekretion oder Menstruation – bei unzähligen anderen Beschwerden, die als Folge von Verkühlung, Schock, Schreck oder Angst auftreten oder mit diesen einhergehen.
Wie Sie sicher wissen, ist Aconitum auch ein großes Mittel bei Fieber – doch heilt es dieses nur, wenn es sich um ein Aconitum-Fieber handelt. Kent sagt: „Geben Sie niemals Aconitum bei ‚Blutvergiftung‘, wie wir sie beim Scharlach, bei Typhus etc. sehen. Bei diesen Fiebererkrankungen finden wir nämlich keines der heftigen Symptome von Aconitum. Die nervöse Reizbarkeit des Mittels ist hier nie vorhanden, eher das Gegenteil: Sopor, Trägheit, die purpurne Hautverfärbung; Aconitum dagegen ist leuchtend rot. Es hat nicht die Symptome, wie sie sich in langsamen und anhaltenden Fieberverläufen zeigen. Das Aconitum-Fieber besteht zumeist aus einer einzigen, kurzen und heftigen Fieberattacke. Einige Arzneien weisen Periodizität oder einen wellenförmigen Verlauf auf – Aconitum hat nichts dergleichen. Der heftigste Fieberanfall klingt innerhalb einer Nacht ab, wenn Aconitum das Heilmittel ist.“
Die Empfindungen der verschiedenen Mittel weisen oft bereits auf diese hin und stellen so eine große Hilfe dar; Aconitum z.B. kribbelt, lachesisLACHESIS hämmert, arsenicumARSENICUM kann wie mit heißen Nadeln stechen, bryoniaBRYONIA, kalium carbonicumKALIUM CARBONICUM und spigeliaSPIGELIA stechen (Ersteres und Letzteres vor allem bei Bewegung, kalium carbonicumKALIUM CARBONICUM auch unabhängig von Bewegung) usw.
Wir wollen schließen mit Auszügen aus den Prüfungen von Aconitum, mit jenen Symptomen, die bei Hahnemann gesperrt gedruckt sind, in Allens Encyclopedia in Fettdruck erscheinen oder bei Hering (Guiding Symptoms) mit zwei fetten Balken versehen sind; d.h., es handelt sich um Symptome, die bei gesunden Prüfern wiederholt hervorgebracht und bei den an einer ähnlichen Erkrankung Leidenden immer wieder geheilt worden sind.
Hauptsymptome19
Geist und GemütNächtliches, wüthendes Delirium …a

19

Die mit a bezeichneten Symptome sind aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre zitiert; ein b steht für Symptome aus der 1844 unter Gerstel durchgeführten umfangreichen Nachprüfung durch die österreichische Prüfergesellschaft, veröffentlicht in Band 1, Heft 2 der Oesterreichischen Zeitschrift für Homoeopathie; mit c sind einige Symptome versehen, die von Hencke in Stapfs Archiv (Band 20, Heft 1) beigetragen wurden.

Sehr veränderliche Gemüthsstimmung.b
Gemüth zwischen Exaltation und Depression wechselnd.b
Uebereilt verrichtet er allerlei und läuft im Hause umher.a
Höchst widrige Unruhe; ohne von der Zeit gedrängt zu sein, hatte er die grösste Eile.b Hastigkeit in allen Bewegungen.b
Ärgerlichkeit über ganz unbedeutende Dinge.b
Ärgerlich über die kleinsten Veranlassungen.b
Grosse Ängstlichkeit.b
Er fühlte sich … von innerer Angst beunruhiget …c
Untröstliche Angst und jämmerliches Heulen mit Klagen und Vorwürfen über (oft unbedeutende) üble Ereignisse.a
Sie ist äußerst zur Aergerniß aufgelegt.a
Befürchtung eines nahe bevor stehenden Todes.a
Klagende Befürchtungen eines nahen Todes.a
Bangigkeit.b
Traurige Gemüthsstimmung.b
Kummer, Gram.a
Befürchtung, es möchte ihm ein Unglück begegnen.a
Äußerste Unruhe; wälzt sich stundenlang hin und her.
Herzklopfen und Aengstlichkeit und vermehrte Körperwärme, besonders im Gesichte.a
Es wird ihr wie betäubt von fliegender Gesichts-Röthe.a
Unstätigkeit der Ideen; will sie einen Gedanken festhalten, so verdrängt ihn sogleich ein zweiter, diesen wieder ein dritter, und so fort und fort, bis sie ganz konfus wird.a
Mangel an Gedächtniß; es ist ihm wie ein Traum, was er nur eben erst gethan hat, und er kann sich dessen kaum entsinnen.a
Gedächtniß-Schwäche.a
KopfVorn wie vernagelt, in der warmen Stube.a
Unerträgliche Kopfschmerzen, die ihn zum Wahnsinn treiben.
Vollheits- und Schwerheits-Gefühl in der Stirne, als läge daselbst eine herausdrängende Last und als wollte alles zur Stirne heraus.a
Hitze im Kopfe …a
Brennender Kopfschmerz, als wenn das Gehirn von siedendem Wasser bewegt würde.a
Gefühl von Vollheit im Kopfe.b
Halbseitiges Ziehen im Kopfe.a
Kopfweh; ein Klopfen an der linken Seite der Stirne, während anfallsweise in der rechten Stirn-Seite starke Stöße entstehen.a
SchwindelVorzüglich beim Bücken; sie torkelte hin und her, vorzüglich auf die rechte Seite.a
Wie trunken; … mit Uebligkeit, … am schlimmsten beim Aufstehen vom Sitzen.a
Sehr vermehrter Schwindel beim Schütteln des Kopfs, wobei ihr ganz schwarz vor den Augen wird.a
AugenErweiterte Pupillen.a
Lichtscheu.a
Triefende Augenentzündung, die ihm so schmerzhaft und erschrecklich ist, daß er sich lieber den Tod wünscht.a
Sehr schmerzhafte Augen-Entzündung (chemosis).a
OhrenDas mindeste Geräusch ist ihm unerträglich.a
NaseNasenbluten.a
Aeußerste Empfindlichkeit der Geruchsnerven …a
GesichtKriebelnder Schmerz an den Wangen.a
Hitze im Gesichte, mit Röthe beider Wangen und dem Gefühle von Grösserwerden des Gesichtes.b
MundDurchdringende, feine Stiche in der Zungenspitze.a
Gefühl von Anschwellung der Zunge.b
Trockenheit des innern Mundes.a
HalsBrennen im Schlunde.b
MagenSehr starker Durst.b
Leeres Aufstoßen.a – Häufiges Luftaufstossen.b
Brecherlichkeit.b – Brecherlichkeit, gleich als ob er etwas ekelig Süßlichtes oder Fettiges gegessen hätte.a
Sie bricht Spuhlwürmer aus.a
Heftiges Erbrechen.
Drückender Schmerz im Magen, wie eine Schwere.a
Spannend drückender Schmerz, wie von Vollheit oder einer drückenden Last im Magen und den Hypochondern.a
AbdomenBlähungskolik im Unterbauche, als wenn man eine Blähungen erregende Purganz eingenommen hätte.a
Angeschwollener, aufgetriebener Unterleib, wie Bauch-Wassersucht.a
Starke Auftreibung des empfindlichen Unterleibes.b
Unterleib bei Berührung empfindlich, als wenn das Bauchfell leicht entzündet gewesen wäre.b
Schneiden in den Gedärmen …b
Brennen im Bauche.b
Ein Brennen in der Nabel-Gegend.a
Rektum, StuhlMastdarm-Schmerz.a
Stechen und Drücken im After.a
Weißer Stuhlgang.a
HarnorganeAengstlicher Harndrang.a
Abgang eines heissen dunklen Harns.b
KehlkopfHeiserkeit.b
Empfindlichkeit des Kehlkopfs auf Berührung.
HustenÖfter, trocken, zuweilen mit etwas Auswurf hellrothen Blutes.c
Heiserer, trockener, schallender Husten.b
Bluthusten.a
AtmungMühsamer Athem.b
Stinkender Athem.a
BrustStiche, mit Husten.b
Klemmender Schmerz in der Brust.a
Ein kriebelnder Schmerz in der Brust.a
HerzBeängstigung in der Herzgegend.b
Herzklopfen und Aengstlichkeit …a
Puls zusammengezogen, voll, kräftig, fieberhaft, bei Erwachsenen bis über 100 Schläge in der Minute steigend.b
Äußerer Hals, RückenRheumatischer Schmerz im Nacken, bloß bei Bewegung des Halses merkbar.a
Heftig stechend wühlender Schmerz links am ganzen Rückgrate herunter …a
Schmerz, wie zerschlagen, im Gelenke des mit dem heiligen Beine [Sakrum] verbundenen untersten Lendenwirbels; das Kreutz ist ihm wie abgeschlagen.a
ExtremitätenKühler Schweiß der innern Handflächen.a
Kriebelnder Schmerz in den Fingern.a
Kälte in den Füßen …a
Schwäche und Unfestigkeit der Bänder aller Gelenke.a
SchlafGähnt oft, ohne schläfrig zu seyn.a
Leiser Schlaf.a
Sehr unruhige Nächte.b
Unruhe und Umherwerfen im Bette.b
Nachts, ängstliche Träume und mehrmaliges Erwachen mit Schreck.a
FieberRöthe und Hitze der einen und Kälte und Blässe der andern Wange …a
Gegen Abend brennende Hitze im Kopfe und Gesichte, mit Backen-Röthe und herausdrückendem Kopfweh …a
Gegen Abend, trockne Hitze im Gesichte, mit Aengstlichkeit.a
Frost des ganzen Körpers, mit heißer Stirne, heißen Ohrläppchen und innerer trockner Hitze.a
Gelinder Schweiß über den ganzen Körper.a
EmpfindungenWie in der Haut sitzende, sehr fein stechende oder stechend brennende Schmerzen, an mehreren Körperstellen …b
Bemerkenswerte oder sonderbare Symptome und Indikationen
Zusammenziehendes Gefühl hinten im Halse …a
Kratzen und Zusammenziehen am Zäpfchen und weichen Gaumen …b
Gefühl von Trockenheit, als stäcke etwas im Halse.b
Er zog sich oft am Halse.
Brenngefühl vom Magen durch die ganze Speiseröhre bis in den Mund.b
Der Unterleib war wie von Wasser aufgetrieben.b,20

20

Ein von Matthiolus überliefertes Vergiftungssymptom; entspricht dem Symptom Nr. 194 in der Reinen Arzneimittellehre.

Weiße Stuhlgänge und rother Harn.a
Beim Urinlassen ein leises Gefühl (von Schwappern) in der Blasen-Gegend.a
Taubheitsgefühl im Kreuze bis in die Unterglieder.b
Der ganze Körper ist bei der Berührung schmerzhaft; das Kind läßt sich nicht anfassen, es wimmert.a
Die meisten Symptome sind von Frösteln, Schauer und Ängstlichkeit begleitet.b
Feine Nadelstiche hie und da am Körper.a
Krämpfe bei zahnenden Kindern; Hitze, Aufschrecken, Zucken einzelner Muskeln; das Kind kaut an seinen Fäustchen, jammert und schreit.
Bei Fieber heftige Frostschauer und trockene Hitze.
Nach heftigem Frost trockene Hitze mit schwierigem Atmen und lanzinierenden Schmerzen durch die Brust.
Entzündungsfieber und Entzündungen, mit viel Hitze, trockener, brennender Haut, heftigem Durst, rotem oder abwechselnd rotem und blassem Gesicht; Stöhnen und gequältes Umherwälzen; Kurzatmigkeit; Kopfkongestion.
Üble Folgen von Schweißunterdrückung.
Unerträgliche Schmerzen; Taubheit; Kribbeln, Prickeln; Ameisenlaufen.
Masern: trockener, bellender Husten; schmerzhafte Heiserkeit; kann kein Licht ertragen; Zunge rot …
Lokale Kongestionen und Entzündungen.
Neuritis, mit Kribbeln.
Magenkatarrh durch Verkühlen des Magens mit eiskaltem Wasser bei Erhitzung. (arsenicumARSENICUM)

Aesculus hippocastanum

Weitere Namen: Rosskastanie
Wie Nash sagt, ist Aesculus „eines jener Mittel, die sich weniger durch ein breites Wirkungsspektrum als vielmehr durch ihre Zuverlässigkeit innerhalb eines begrenzten Bereichs auszeichnen“.
Seine Empfindungen sind Schwere und Lahmheit, besonders in der Sakroiliakalgegend. Vollheitsgefühl wie zum Bersten in Schlund, Magen, Darm, Rektum und Brust; Vollheitsgefühl in verschiedenen Körperteilen, als ob diese übergroße Blutmengen enthielten – Herz, Lungen, Magen, Gehirn, Haut. Und, wie Kent betont, bläulichrote Verfärbung der kongestionierten Teile. Er sagt: „Aesculus ist ein venöses Mittel, ‚angeschwollen‘ und ‚voll‘, manchmal bis zum Platzen. Es gibt aber noch ein weiteres Merkmal, das ich hervorheben möchte: Sie werden feststellen, dass seine Kongestionen blau oder purpurfarben erscheinen. … Aesculus zeigt in seinem entzündlichen Zustand keine Aktivität, sondern ist träge und passiv; … das Herz müht sich ab, und die Venen sind gestaut. … Es ist eines der am häufigsten indizierten Heilmittel bei der hämorrhoidalen Konstitution, wie man sie zu nennen pflegte.“
Guernsey (Keynotes) bringt die Sache wie gewohnt gleich auf den Punkt, wenn er konstatiert: „Der Hauptanwendungsbereich dieses Mittels umfasst das Rektum, die Hämorrhoidalgefäße, das Kreuzbein und den Rücken.“
Wie so oft, liefern auch bei Aesculus der Gebrauch als Hausmittel sowie Beobachtungen aus dem Alltagsleben bereits Hinweise auf seinen arzneilichen Nutzen; so, wenn Hering berichtet, „dass es Analprolaps beim Vieh verursacht, das damit gefüttert wird“, oder wenn wir erfahren, dass „die Kastanien in der Hosentasche getragen werden, um Hämorrhoiden zu verhindern bzw. zu kurieren“.
Die (fettgedruckten) Hauptsymptome eines Mittels, also die Symptome, die es auffallend oft hervorgerufen und geheilt hat, geben recht gute Aufschlüsse darüber, in welchen Arten von Fällen die häufigsten und brillantesten Heilungen erzielt werden konnten. Gehen wir diese Symptome von Aesculus einmal durch! – „Rektum fühlt sich voll an … Wundheitsgefühl mit Brennen und Jucken … wie voller kleiner Holzstückchen“ (ein starkes Charakteristikum der Arznei). Dann die zumeist ‚blinden‘ [nicht blutenden] Hämorrhoiden: hervortretend, drückend schmerzhaft, brennend, bläulichrot, mit in Richtung Sakrum und Rücken schießenden Schmerzen. Und schließlich die dumpfen Rückenschmerzen, die das Gehen fast unmöglich machen und die besonders zur Qual werden, wenn man sich nach vorn beugt, sich aufrichtet oder vom Sitzen erhebt; auch das Kreuzbein und die Hüften können dabei mit betroffen sein, und die Schmerzen dort werden ebenfalls durch Gehen und Bücken verschlimmert.21

21

Bei Tyler heißt es fälschlich: „Even the headache appears to affect the sacrum and hips …“ Richtig ist (Hering, Allen): „Constant backache, affecting sacrum and hips …“

Ein weiteres Mittel, das bei derartigen Rückenschmerzen u. a. in Frage kommt, ist agaricusAGARICUS. Beide erscheinen im Repertorium bei Schmerzen im Kreuzbein dreiwertig; doch bei agaricusAGARICUS treten sie im Sitzen auf, bei Aesculus hingegen beim Erheben vom Sitzen, beim Bücken und Gehen, und sie können sich bis in die Hüften erstrecken. Aesculus zieht darüber hinaus auch die Sakroiliakalgelenke in Mitleidenschaft [einziges dreiwertiges Mittel im Repertorium]. Aber: Verwechseln Sie dies nicht mit einer Subluxation in diesem Bereich, wie sie nach einem Sturz entstehen kann, nach einer heftigen Drehbewegung oder schwerem Heben, nach einer Entbindung oder Operation. Hier vermag Aesculus – oder welches Mittel sonst auf die Symptome passend erscheinen mag – allenfalls palliativ zu wirken, doch es wird nicht heilen. Verlieren Sie deswegen nicht den Glauben an das ähnliche Mittel, nur weil es die Blockierung nicht aufheben und das Gelenk nicht zurückschnappen lassen kann. Hahnemann hat schon vor über hundert Jahren die Warnung ausgesprochen, dass mechanische Läsionen mit arzneilichen Mitteln nicht zu beheben sind, sondern eben auch mechanisch behandelt werden müssen. Durch mechanische Wiedereinrenkung des Beckens kann eine so große Zahl von Ischiasfällen geheilt werden, dass man leicht geneigt ist zu meinen, alle Fälle seien so zu kurieren. Doch dann kommt ein Fall, bei dem manuelle Repositionsversuche ohne Erfolg geblieben sind und ein operatives Vorgehen angezeigt ist – oder ein einfaches Arzneimittel wirkt plötzlich ganz vorzüglich, an das Sie schon den Glauben verloren hatten, weil es einmal etwas nicht heilen konnte, was außerhalb seines ‚Zuständigkeitsbereichs‘ lag. Ischias kann viele Gründe haben! Ich erinnere mich gut an einen Fall in unserem Hospital, bei dem eine Anschwellung im oberen Drittel des Femur entdeckt worden war, die röntgenologisch als wahrscheinliches Sarkom diagnostiziert wurde; doch – ausgerechnet! – unter ferrumFERRUM verschwand sie praktisch vollständig. Das Mittel wurde nicht aufgrund des Knochenbefundes verordnet, nicht aufgrund der Verdachtsdiagnose, sondern wegen einiger kleiner, sonderlicher Symptome, die – was immer sonst mit ihm los sein mochte – diesem Patienten eigentümlich waren! Die Krankenhausunterlagen enthalten noch die Aufnahmen, die offenbar ziemlich signifikant waren; denn obwohl der Mann sich so weit erholte, dass man ihn zum Kriegsdienst einberief, wurde er schließlich doch allein aufgrund der hohen Beweiskraft jener Röntgenbilder davon befreit. Aber auch Jahre später ging es ihm, soweit ich weiß, unverändert gut.
Doch wir müssen zu Aesculus zurückkehren; und da entsinne ich mich – es war noch während des Krieges – einer sehr leidenden Krankenschwester, die bei feuchtkaltem Wetter einem Begräbnis beigewohnt hatte; die Folge war, dass sie wegen schrecklicher Kreuzschmerzen nicht mehr wusste, wie sie ihren Pflichten nachkommen sollte. Die Schmerzen machten es ihr unmöglich, sich zu bücken oder sich vom Bücken aufzurichten. Das Repertorium wurde zu Rate gezogen … Aesculus! Sie erhielt eine Dosis, und dann schickte ich sie nach Hause, damit sie sich hinlegen konnte. Nur wenige Stunden später erschien sie glücklich wieder zum Dienst, und seitdem habe ich sie nie wieder über Rückenschmerzen klagen hören. Es gibt ja Leute, die meinen, Homöopathie wirke langsam. Das Gegenteil ist der Fall: Nichts könnte, bei einfachen akuten Erkrankungen, schneller wirken! – nur muss es eben Homöopathie sein, d.h., die Symptome von Patient und Arznei müssen übereinstimmen. Wie es mit Gesetzen nun einmal so ist … sie funktionieren nur, wenn sie auch erfüllt werden! Geben Sie dem Ähnlichkeitsgesetz daher eine faire Chance, wenn Sie es erfolgreich anwenden wollen. Doch ich muss zugeben: Es ist manchmal nicht leicht. Letztlich werden Sie aber sehen: Je mehr Sie in die Sache investieren, desto mehr holen Sie heraus.
Übrigens, wir sollten Aesculus einmal mit nitricum acidumacidum nitricumACIDUM NITRICUM vergleichen. Beide Mittel suchen in leidvoller Weise Rektum und Anus heim, und entsprechend großartig ist ihre lindernde Wirkung in diesem Bereich. Bei Aesculus besteht die Empfindung, als wäre der Mastdarm voller spitzer Holzstückchen (ebenso wie bei collinsoniaCOLLINSONIA22

22

Eine Gegenüberstellung der Rektumsymptome von Aesculus und COLLINSONIA findet sich am Schluss des COLLINSONIA-Kapitels.

); nitricum acidumacidum nitricumACIDUM NITRICUM hat dort ein Splittergefühl, welches sich während des Stuhlgangs heftig stechend verstärkt. acidum nitricum hat während und noch Stunden nach der Defäkation quälende Schmerzen zu ertragen; bei Aesculus scheinen sie dagegen erst einige Stunden nach dem Stuhl langsam zu entstehen. nitricum acidumacidum nitricumACIDUM NITRICUM hat Fissuren und blutende Hämorrhoiden; Aesculus hat große, blaurote, hervortretende Aderknoten, die mit sägenden Schmerzen wie von einem Messer einhergehen können und dann weder Stehen noch Sitzen noch Liegen zulassen, sondern ausschließlich Knien. Es sind schon wunderliche ‚Persönlichkeiten‘, unsere Arzneimittel, mit ihren wohldefinierten und eigentümlichen Charakteristika! Keines kann das andere ersetzen: ein höchst kompliziertes Schloss, zu dem nur ein Schlüssel passt – mit entsprechend zahlreichen und feinen Barteinschnitten. Sie machen die Homöopathie zugleich leicht und schwierig, allemal aber sehr interessant.
Bei Aesculus ist nicht nur die Sakralregion, sondern die ganze Wirbelsäule schwach; sie schmerzt dumpf und wird durch Bewegung verschlimmert.
Und nicht nur der Mastdarm, sondern der gesamte Verdauungstrakt mitsamt der Leber (bis hin zur Gelbsucht) wird von brennenden Schmerzen geplagt, mit Vollheitsgefühl, Flatulenz und kolikartigen Schmerzen; und verbunden sind diese Beschwerden sehr wahrscheinlich mit rektalen und hämorrhoidalen Symptomen.
Gleichzeitig mit dem charakteristischen Rückenschmerz kann dunkelgelber, dickflüssiger und klebriger Fluor bestehen. Aesculus hat auch Verlagerung, Vergrößerung und Verhärtung der Gebärmutter hervorgerufen und geheilt, mit großer Empfindlichkeit derselben und mit Hitzegefühl und Pulsieren darin. Doch all dies ist verbunden mit ‚Lähmigkeit‘ der unteren Rückenpartie, deren Kraft beim Gehen rasch nachlässt.
Hale (New Remedies) schreibt über Aesculus: „Ein veritables Polychrest mit einem weiten Wirkungskreis, das aber, wie einige andere Polychreste, einen zentralen Angriffspunkt hat, von dem eine Reihe von Reflexsymptomen ausgeht.
Diesen zentralen Angriffspunkt stellen die Leber und das Pfortadersystem dar, und neun von zehn seiner Symptome sind auf diese Wirkung zurückzuführen. Ich fand es in seinen Wirkungen vergleichbar mit ALOE,aloe collinsoniaCOLLINSONIA, NUX nux vomicaVOMICA, sulfurSULFUR und podophyllumPODOPHYLLUM. …
Ich war mit Aesculus sehr erfolgreich bei folgenden Beschwerden:
Stauungsleber, wenn diese mit Hämorrhoiden verbunden ist. Wahlanzeigend sind hier die Symptome: drückende, kneifende Schmerzen im rechten Hypochondrium, schlimmer beim Gehen; der Schmerz zieht hoch bis zwischen die Schulterblätter.
Obstipation, mit harten, trockenen, knotigen Stühlen von weißer Farbe.
Hämorrhoiden werden durch Aesculus prompt zum Verschwinden gebracht, wenn folgende Symptome vorhanden sind: … die Knoten prolabieren oder verbleiben innerlich; sie sind gewöhnlich bläulichrot, hart und sehr empfindlich (nicht wie roh schmerzend wie bei ALOE,aloe sondern wie gequetscht), mit drückendem Schmerz und Brennen, selten aber blutend. … Besonders charakteristisch sind die Rektumsymptome: Sie bestehen in sehr lästigen Empfindungen von Trockenheit, Wundheit, Zusammenziehen und Vollheit, mit einem Gefühl, als ob dort Holzstückchen, Splitter, Kies oder andere Fremdkörper lagern würden. … Das Vollheitsgefühl kann auch mit Mastdarmvorfall und Tenesmus einhergehen. Gewöhnlich fehlt jedoch bei den Hämorrhoiden von Aesculus, im Gegensatz zu den meisten anderen ‚Hämorrhoidenmitteln‘, jegliche Verstopfung. …
Die Rückenschmerzen, die die rektalen Symptome begleiten, sind recht bemerkenswert; manchmal sind sie schießend oder schneidend, doch zumeist bestehen sie in einer Lahmheit wie nach Überanstrengung, die sich bis in die Hüften oder Beine erstreckt; es können auch dumpfe Schmerzen und Schwäche vorhanden sein, welche durch Gehen, Bücken oder jede andere Bewegung verstärkt werden.“ Dr. Hale ergänzt: „Wie bei RHUS rhus toxicodendronverschwinden Schmerz und Steifheit jedoch oft nach fortgesetztem Bewegen.“
Und er sagt: „Dr. Hart behauptet, mit folgendem Zeichen ein Leitsymptom entdeckt zu haben, das in der Pathogenese der Arznei nicht vorkommt – Pochen in der Bauch- und Beckenhöhle, besonders in Letzterer.“
Bei Aesculus sind nicht nur die Hämorrhoiden, sondern auch die Varizen und Ulzera (oder vielmehr deren Umgebung) blau verfärbt – düsterrot bis purpurfarben.
Selbst Herz und Lungen sind der Einflussnahme von Aesculus nicht entzogen, und wahrscheinlich ist sein tatsächlicher Einflussbereich größer, als wir gemeinhin erkennen. Hering führt es z.B. hochwertig auf bei „Brustbeschwerden von Pferden“ – daher vermutlich sein englischer Name horse-chest-nut; auch die Prüfungen zeigen seine Wirkung auf die Lungen. Nash wiederum hält es bei Schnupfen für ein zweites arsenicumARSENICUM; er schreibt:
„Ich habe Aesculus mit gutem Erfolg bei Schnupfen und Halsschmerzen gegeben. Der Schnupfen ist dem von arsenicumARSENICUM sehr ähnlich: dünn, wässrig und brennend; was hier aber Aesculus charakterisiert, ist die Empfindung von Rauheit sowie eine Empfindlichkeit auf eingeatmete kalte23

23

Der Prüfung von Buchmann zufolge (in: Homöopathische Vierteljahrschrift, Bd. 10, 1859) muss es sich dabei nicht um kalte Luft handeln. Es heißt dort: „Gefühl, als wenn die eingeathmete Luft kälter sei“, oder auch (bei einem anderen Prüfer): „Empfindlichkeit der Nasenschleimhaut gegen das Einathmen der Luft, die das Gefühl von Kälte in der Nase verursacht.“

Luft. Im Rachen besteht das gleiche Rauheitsgefühl, sowohl bei akuten Zuständen als auch bei der chronisch hypertrophischen Pharyngitis [‚Predigerhals‘], für die es oft ein gutes Heilmittel ist.“24

24

Der englische Ausdruck „follicular pharyngitis“ bezeichnet die hypertrophische Form der chronischen Pharyngitis, die mit hirsekorngroßen Lymphfollikelschwellungen in der Schleimhaut der Rachenhinterwand und dementsprechend mit Fremdkörpergefühl, ‚Rauheit‘ etc. einhergeht.

Auch hierauf weisen bereits die Prüfungen hin: Trockenheit der hinteren Nasenöffnungen und des Rachens, mit Niesen, gefolgt von starkem Schnupfen. Stechen und Brennen im Bereich der hinteren Nasenöffnungen und des weichen Gaumens. Prickeln, Kribbeln, Brennen und Beißen im Schlund; linksseitige Stiche. Heftiges Brennen im Hals, mit rauem Gefühl darin. Trockenheit und Rauheit des Rachens wie von einer Erkältung. Trockenheits- und Zusammenschnürungsgefühl des Schlundes. Dunkel kongestionierter Schlund, der sich geschwollen und gereizt anfühlt. Katarrhalische Laryngitis; Kehlkopf fühlt sich trocken und steif an.
Doch bei all diesen Beschwerden werden die eigentümlichen Charakteristika von Aesculus zugegen sein: Vollheit zum Bersten – dumpfe Schmerzen im Rücken usw., die an der Bewegung hindern – und überall Blutandrang mit blauroter Verfärbung, Trockenheit und Brennen.
Kent verrät uns übrigens, dass Aesculus auch „ein wunderbares Augenmittel ist, vor allem wenn die Augen ‚Hämorrhoiden‘, also erweiterte Blutgefäße aufweisen; starke Rötung der Augen, mit Tränenfluss, Brennen der Augäpfel und vaskularisiertem Aussehen; gesteigerter Blutandrang zu den Augen.“ Und Kent legt dar, dass der Aesculus-Patient, wie all die Arzneitypen mit venöser Plethora (pulsatillaPULSATILLA etc.), sich besser fühlt, wenn er sich in kühler Luft aufhalten kann.
Hauptsymptome25
RektumFühlt sich voll an; Trockenheit und Jucken im Rektum.

25

Hering, Guiding Symptoms. Bei der Übersetzung habe ich z.T. auf die zeitgenössische deutsche Bearbeitung von Hales New Remedies zurückgegriffen, die 1873 unter dem Titel Edwin M. Hale's Neue Amerikanische Heilmittel von Willmar Schwabe herausgegeben wurde; sie stammt von Dr. Oehme, einem deutschen Arzt, der damals im Staat New York lebte.

Wundheitsgefühl im Rektum, mit Brennen und Jucken.
Trockenes, unangenehmes Gefühl im Rektum, als wäre es voller kleiner Holzstückchen. (Charakteristisch!) (collinsoniaCOLLINSONIA)
Harter, trockener, schwieriger Stuhl, mit Trockenheit des Mastdarms und Hitzegefühl.
Nach dem Stuhl Vollheitsgefühl im Rektum.
Hämorrhoiden schmerzhaft, blind – selten blutend.
Hämorrhoiden schmerzhaft, brennend, bläulichrot; im Allgemeinen ‚blind‘.
Schmerzen in den Hämorrhoiden wie von einem hin und her sägenden Messer; er konnte nicht sitzen, stehen oder liegen, nur knien.
„Einige tragen die Kastanien in ihren Hosentaschen als Präventivmittel.“
GenitalienLeukorrhö, mit Lähmigkeitsgefühl im Rücken quer über den Sakroiliakalgelenken und großer Ermüdung vom Gehen, denn schon beim Gehen kleiner Wegstrecken verlassen sie die Kräfte in dieser Rückenpartie.
„Brustbeschwerden von Pferden.“
RückenBeständiger dumpfer Rückenschmerz; Gehen fast unmöglich; er ist kaum in der Lage, sich vorzubeugen, aufzurichten oder vom Sitzen zu erheben.
Beständiger Schmerz im Rücken26

26

Siehe Fußnote 21.

einschließlich Kreuzbein und Hüften, sehr verschlimmert durch Gehen oder Bücken.
NervenSchwere- und Lähmigkeitsgefühl.
Lähmungsartiges Gefühl in Armen, Beinen und Rückgrat.
GewebeVollheitsgefühl in verschiedenen Körperteilen, als ob diese eine übergroße Blutmenge enthielten.
Schleimhäute trocken und geschwollen; sie brennen und fühlen sich rau an.
Glanduläre Schwellungen der Knochen. (Was auch immer das bedeuten mag!)
Übrigens führen manche Leute in ihrer Kleidung auch Roßkastanien mit sich, um, wie sie sagen, „das Rheuma zu kurieren“.

Aethusa cynapium

Weitere Namen: Hundspetersilie, ‚Hundsdillgleiß‘
aethusa cynapiumEines unserer kleineren, aber sehr wertvollen Mittel. Gewöhnlich wird es als ein Heilmittel für Kinder angesehen: für Säuglinge, die ihre Milch nicht vertragen, mit plötzlichem Erbrechen großer Flüssigkeitsmengen oder grünlichen Schleims sowie mit Schwäche und Schläfrigkeit nach dem Erbrechen – „entsetzlichem Brechen“ –, das zudem von Durchfall und heftigen Bauchschmerzen begleitet sein kann. Darüber hinaus kann Aethusa bei manchen „schwachsinnigen Kindern“ [Hering] eine große Hilfe sein.
Doch die Heilkräfte von Aethusa beziehen sich durchaus nicht nur auf die Zeit der Kindheit. So war es z.B. Dr. Clarkes großes Mittel bei einer bestimmten Form von Examensangst, wie wir später anhand eines Zitats aus seinem Dictionary sehen werden. Der Zustand, den Aethusa zu beheben vermag, wird in den Arzneiprüfungen wie folgt geschildert: „Unfähig zu lesen, nach Überanstrengung der Geisteskräfte.“ „Unfähig zu denken; benommen, verwirrt.“ „Kann sich nichts merken.“ „Große Bangigkeit.“ „Kopf eingenommen, Hirn wie gebunden.“ „Idiotie …“ „Etwas dummlich im Kopfe, wie Rausch.“ Mit anderen Worten, es ist ein Zustand – wir haben ihn alle schon einmal durchlebt –, wo wir, nachdem wir bis an unsere Leistungsgrenze für ein Examen gebüffelt haben, feststellen müssen, dass es keinen Sinn hat, zu versuchen, noch weiter zu lernen: ein Zustand geistiger Übersättigung, in dem wir nichts mehr aufnehmen können27

27

Auch von Hahnemann sind einige Mitteilungen über Aethusa cynapium überliefert, was wenig bekannt zu sein scheint, weshalb ich sie an dieser Stelle vollständig wiedergebe. Er schreibt in seinem Versuch über ein neues Princip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen … (Kleine medizinische Schriften, Bd. 1, S. 161): „Den Wink, daß der Hundsdillgleiß … außer andern Zufällen, Erbrechen, Durchlauf, Kolikschmerzen, Cholera und einigen, deren Wahrheit ich nicht verbürgen kann, (allgemeiner Geschwulst etc.) so specifisch Blödsinnigkeit, auch mit Raserei abwechselnde Blödsinnigkeit erregt, sollten die behutsamen Aerzte in dieser sonst so wenig heilbaren Krankheit nutzen. Ich hatte ein selbst bereitetes gutes Extrakt (Dicksaft) davon vorräthig, und da ich mich einstmals, durch vielerlei schnell auf einander folgende Kopfarbeiten zerstreut und unfähig fand, etwas zu lesen, so nahm ich einen einzigen Gran davon ein. Der Erfolg war eine ungemeine Aufgelegtheit zu Geistesarbeiten, mehrere Stunden bis zur Zeit des Schlafengehens. Den andern Tag aber war ich weniger aufgelegt.“

und auch die größten Bemühungen, mit Dingen zu ringen, die vielleicht noch ‚drankommen‘ könnten, reine Zeitverschwendung sind – sie wollen einfach nicht mehr in den Kopf hinein. Dann besteht nur noch die Möglichkeit, die Bücher zur Seite zu legen und es darauf ankommen zu lassen – oder Aethusa zu versuchen.
Eine andere Form der Prüfungsangst verlangt nach argentum nitricumARGENTUM NITRICUM. Hier ist der Zustand nicht der einer ‚Pattsituation‘, einer völligen geistigen Unbeweglichkeit, sondern der von akuter Angst und Sorge, verbunden mit der Vorahnung, dass man versagen werde. Der Leidtragende wirkt dabei gehetzt, fahrig, von Angst gequält, mit den Nerven am Ende. Große Befürchtungen, oft auch mit Durchfall, selbst vor harmlosen Bewährungsproben (gelsemiumGELSEMIUM). argentum nitricumARGENTUM NITRICUM ist ein Heilmittel bei starker seelischer Anspannung und großer Besorgnis, Aethusa hat einfach nur ein Gefühl völligen Unvermögens … so zumindest sehe ich den Unterschied zwischen den beiden Mitteln. Aethusa schlägt heftiger auf den Magen und bringt extremes Erbrechen hervor, argentum nitricumARGENTUM NITRICUM hingegen erzeugt Blähungsdyspepsie und treibt den Magen auf, als sollte er vor Luft platzen. Beide haben Durchfall mit grünem Schleim. argentum nitricumARGENTUM NITRICUM ist ein Mittel mit starkem Verlangen nach Zucker und Süßigkeiten, die ihm aber nicht bekommen. Kent erzählt von einem Fall, wo ein Baby grünlichen Durchfall bekam, weil die Mutter ständig Süßigkeiten aß. Er hatte bereits chamomillaCHAMOMILLA, mercurius (solubilis)MERCURIUS und arsenicumARSENICUM gegeben, ohne Erfolg – bis er von den Süßigkeiten erfuhr. Gefragt, ob sie denn süße Dinge, Zucker o. Ä. esse, sagte sie nein. „Aber natürlich tust du das“, warf ihr Mann ein. „Jeden Tag bringe ich doch ein Pfund Naschereien mit nach Hause. Was machst du denn damit?“ „Ach das, das ist doch nichts!“, meinte sie. „Aber“, so Kent, „das Baby wurde erst gesund, als es argentum nitricumARGENTUM NITRICUM bekommen und die Mutter aufgehört hatte, Süßes zu essen.“ Er sagt, zwar habe eine ganze Reihe von Arzneien Verlangen nach Süßem, die meisten jedoch könnten Süßes straflos genießen. Der Aethusa-Patient erfährt eine Verschlimmerung durch Kaffee; er trinkt gern Wein, allerdings verstärken sich die Geistessymptome danach.28

28

Wein verschlimmert ist eine Ergänzung im Repertorium; außerdem besteht (nach Vithoulkas) Verlangen nach Käse, Mehlspeisen und Salz sowie eine Abneigung gegen Obst, ferner (nach Morrison) gegen Fett und natürlich gegen Milch.

An Aethusa sollte man auch als Epilepsiemittel denken. Bei epileptischen Krämpfen werden die Augäpfel nach unten gewendet, die Daumen einwärts geschlagen; das Gesicht ist gerötet, die Pupillen sind unbeweglich und dilatiert; milchiger Schaum vor dem Mund; geschlossene Zähne (Trismus), etc.
Eine Sache, an die man sich bei Aethusa-Kindern erinnern sollte, ist deren große Schwäche sowie die Unfähigkeit, den Kopf gerade zu halten (abrotanumABROTANUM). Alle Symptome von Aethusa neigen zur Verschlimmerung von 3 bis 4 Uhr früh.
„Aethusa cynapium bei Säuglingen, die immer gleich gefüttert werden, wenn sie schreien. Das Kind zieht die Knie an, wenn es getragen wird; es ist die gleiche Haltung, die medorrhinumMEDORRHINUM üblicherweise einnimmt, aber soweit ich weiß, schlafen Aethusa-Patienten nicht in der Knie-Brust-Lage. Ich kannte eine 18-Jährige, die immer noch in dieser Lage schlief und für die medorrhinumMEDORRHINUM das indizierte Mittel war. Es ist das einzige Mal, dass ich diesem Symptom bei Erwachsenen begegnet bin. Das fand ich so interessant, dass ich sie fragte, warum sie denn in dieser Position schlafe. Sie sagte, sie hätte zuzeiten ein Gefühl im Bauch, als würden sich zehntausend Würmer darin herumwinden, und wenn sie die Knie-Brust-Lage einnehme, höre dieses Gefühl sofort auf.“ – Dr. Underhill in einer Diskussion, die in einem alten Heft des Homœopathic Recorder (USA) wiedergegeben wurde.
H. C. Allen lenkt in seinen Keynotes die Aufmerksamkeit ferner auf das völlige Fehlen von Durst und, neben der Milchintoleranz und der Geistesschwäche, auf die große Mattigkeit und Erschöpfung der Kinder.
Nash schreibt: „Aethusa ist eines unserer Hauptmittel bei Erbrechen von Kindern. Die Milch wird gleich nach dem Trinken mit einer großen Anstrengung wieder nach oben befördert, wonach das Kind sehr schlaff und schläfrig wird; oder die Milch kommt, falls sie länger im Magen bleibt, schließlich in sauren, geronnenen Brocken wieder hoch, die so groß sind, dass es fast unmöglich scheint, dass das Kind sie ausgebrochen haben könnte.
Wenn dieses Magenleiden nicht geheilt wird, geht der Fall in Cholera infantum über, mit grünlichen, wässrig-schleimigen Durchfällen, Koliken und Konvulsionen. Die epileptischen Krämpfe dieser Arznei sind insofern eigentümlich, als dabei die Augen nach unten gerichtet sind, anstatt nach oben oder zur Seite. Wenn der Fall weiter ungünstig voranschreitet, sieht das Gesicht bald eingefallen aus, und es entsteht die Linea nasalis, eine deutliche Falte von den Außenrändern der Nasenflügel zu den Mundwinkeln [Nasolabialfalte], die eine perlweiße Verfärbung der Oberlippe begrenzt. Dieses Symptom ist für Aethusa charakteristischer als für irgendein anderes Mittel. … Die Erschöpfung und die Angst sind sehr ausgeprägt, doch wenn es außerdem noch an Durst fehlt, spricht dies mehr für Aethusa als für arsenicumARSENICUM.“
Clarke (Dictionary) berichtet von zwei Fällen, die die Wirkung von Aethusa veranschaulichen; er schreibt: „Die ‚Narren-Petersilie‘ [Fool's Parsley] hat ihren Namen nicht umsonst erhalten – sie ist fürwahr eine Arznei für ‚Dummköpfe‘. Es besteht große Schwäche des Geistes oder des Körpers. Ein sehr charakteristisches Symptom ist Unfähigkeit, zu denken oder sich zu konzentrieren. Geleitet durch dieses Symptom, gab ich das Mittel einmal einem Studenten, der sich auf eine Prüfung vorbereitete. Er hatte sich schon gezwungen gesehen, sein Studium aufzugeben; nach diesem Mittel aber war er in der Lage, es wieder aufzunehmen, und er legte ein glänzendes Examen ab. Für einen kleinen Jungen in einem Waisenhaus, der an heftigen Kopfschmerzen litt und nicht in der Lage war, sich auf seine Hausaufgaben zu konzentrieren, verschickte ich in größeren Abständen Einzeldosen von Aethusa, welche ihm stets große Erleichterung verschafften. Später bat der Kleine dann immer selbstständig um die Medizin, wenn die alten Symptome wiederkehrten.“
Clarke sagt: „Aethusa hat besonders klar umrissene Symptome, wobei Heftigkeit eines der Merkmale seiner Wirkung ist – heftiges Erbrechen, heftige Krämpfe, heftige Schmerzen, heftiges Delirium. … Schwachsinn, der in manchen Fällen auch mit Raserei abwechselt.“ Als weitere Charakteristika erwähnt er die Milchunverträglichkeit sowie die große Schwäche und Erschöpfung nach dem Erbrechen. „Das Kind ist davon so mitgenommen, dass es anschließend sofort einschläft. Es wacht hungrig wieder auf, isst etwas, und sogleich erbricht es erneut. ‚Hungrig nach Erbrechen‘ ist hier das Leitsymptom.29

29

Aethusa sollte im Repertorium in der Rubrik „Appetit vermehrt, nach Erbrechen“ ergänzt werden.

… Erwachsene klagen über ein Gefühl, als drehe sich im Magen etwas um, mit Brennen danach bis in die Brust.30

30

Clarke gibt das Symptom (es stammt von Nenning) nicht korrekt wieder, ich habe daher die Formulierung von Jahr (Symptomencodex) gewählt. Eigentlich heißt es bei Nenning: „Gefühl im Magen, als wenn sich etwas umgewendet hätte, dann aufsteigendes, brennendes Gefühl bis in die Brust.“

… Ausschlag auf der Nasenspitze.“
Ein paar eigentümliche Symptome habe ich noch ausgelassen:
Zunge fühlt sich zu lang an.
Perlenschnurartige Schwellung der Lymphknoten um den Hals.
Bei Fieber völlige Durstlosigkeit, trotz großer Fieberhitze.
Hauptsymptome31
Blödsinnigkeit, auch mit Raserei abwechselnd …0,a

31

Tyler gibt bei den ‚Hauptsymptomen‘ nur die fettgedruckten Symptome aus Allens Encyclopedia an; zwei weitere wichtige Symptome, die in Herings Guiding Symptoms besonders hervorgehoben sind, habe ich ergänzt. Sie sind an einer 0 zu erkennen. Das mit a versehene Symptom stammt von Hahnemann (vgl. Fußnote 27); b steht für Symptome aus der im 4. Band der Annalen der homöopathischen Klinik von Hartlaub und Trinks veröffentlichten Prüfung, die größtenteils von Nenning durchgeführt wurde; und c bezeichnet eine Angabe aus dem Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre von Noack/Trinks/Müller.

Ein Zug, der an dem Nasenflügel anfing und sich nach den Mundwinkeln hinzog und dem Gesichte den Ausdruck von hoher Angst und Schmerzen gab.b, 32

32

Im Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre von Noack/Trinks/Müller findet sich zu diesem Symptom die Anmerkung „(Linea nasalis, charakteristisches Symptom von Unterleibsleiden)“.

Flechtenartiger Ausschlag auf der Nasenspitze.0
Unverträglichkeit von Milch; die Kinder brechen ihre Milch, geronnen oder nicht, fast sobald sie geschluckt ist – innerhalb von zehn bis fünfzehn Minuten –, wieder aus, und das plötzlich und sehr heftig; danach werden sie vor Schwäche einige Minuten lang schläfrig.
Erbrechen geronnener Milch …b
Weitere wichtige, beachtenswerte oder seltsame Symptome
Wahnsinn.b – Wuth.b – Bekommt leicht Wutausbrüche.
Sie bildete sich ein, Ratten durchs Zimmer laufen zu sehen.
Närrische Delirien; eingebildetes Erblicken von Hunden und Katzen.c
Grosse Angst und Unruhe …b
Aergerlich und misslaunig, im Freien. Nach Eintritt ins Zimmer ist ihr wieder besser.b
Ungeschicklichkeit; unzufrieden bis hin zu Verärgerung.
Fehlendes Begriffsvermögen; eine Art Betäubung, als ob sich eine Barriere zwischen seinen Sinnesorganen und der Außenwelt befände.
Er liegt ausgestreckt da, ohne Bewusstsein.
Schwindel mit Schläfrigkeit.b
Er kann sich nicht aufrecht halten.
Gefühl von Trockenheit in der Mundhöhle bei feuchter und von der Milch weiss belegter Zunge.b
Oder: Zunge fühlt sich zu trocken an. Oder: Reichlicher Speichelfluss.
Aphthen im Mund.
Gefühl beißender Hitze in Mund und Rachen, welche das Schlucken erschwert.
Geschmack: süßlich; fade; bitter; salzig; nach Zwiebeln; nach Käse.
Langsames Sprechen.
Sprechen fast unmöglich.33

33

Bei Allen heißt es „speech almost prevented“, bei Clarke „speech embarrassed“. Letzteres findet sich als Rubrik in Kents Repertorium, wo Aethusa nachgetragen werden sollte, außerdem (laut Synthetischem Repertorium) Morph., Nat-m. und Tab. – Die (falsche) Einordnung dieser Rubrik in das Gemüts-Kapitel durch Kent hat offenbar dazu geführt, dass in deutschen Übersetzungen des Repertoriums der Ausdruck embarrassed naheliegenderweise mit verlegen wiedergegeben wurde, was aber, wenn man die Quellen betrachtet, eindeutig für keines der dort genannten Mittel richtig ist. Gemeint ist stets eine Behinderung oder Erschwerung des Sprechens, z.B. durch Trockenheit des Mundes, Schwere, Schwellung oder Steifheit der Zunge, etc. Man sollte daher diese Rubrik aus dem Gemüts-Kapitel streichen und sie in das Kapitel „Mund“ übertragen.

Entzündete Aphthen und Pusteln im Hals, sodass der Patient seinen Zustand als fast unerträglich empfindet.
Jucken und Kratzen in der Speiseröhre.
Unfähigkeit zu schlucken.
Entsetzliches Brechen.b
Massenhaftes grünliches Erbrechen.
Erbricht blutigen Schleim.
Reissende Schmerzen in der Herzgrube, die sich von da bis in die Speiseröhre hinauf -erstreckten.b
Kälte des Abdomens, subjektiv wie auch objektiv, … begleitet von Kälte der unteren -Extremitäten.
Druckgefühl wie von einem Reifen [engl.: band] um den Brustkorb.
Anschwellung der Brustdrüsen.
Heftiges Herzklopfen; hallt im Kopf wider.
Quälender Schmerz in Hinterkopf und Nacken, bis ins Rückgrat hinunterziehend. … Gefühl, als würde der Schmerz im Rücken gebessert durch Ausstrecken und steifes Rückwartsbeugen, wie bei Opisthotonus.
Taubheit der Arme.
Schwere- oder Schwächegefühl des Unterarms.
Schmerzhafte Verkrampfung der Hand.
Kontraktion der Finger.
Ameisenlaufen, das in den Knochen der unteren Gliedmaßen empfunden wird.
Aufschwellen des ganzen Leibes, zuweilen mit schwarzblauer Farbe.b
Aufgedunsenheit.
Heftige epileptische Krämpfe mit eingeschlagenem Daumen, rothem Gesichte, nach unten gewendeten Augäpfeln, unbeweglich erweiterten Pupillen, milchigem Schaum vor dem Munde, geschlossenen Zähnen, unterdrücktem, kleinem, hartem und frequentem Pulse …b
Krämpfe, Irrereden und Betäubung.b
Steifheit des ganzen Körpers.
Unfähigkeit, den Kopf gerade zu halten und aufrecht zu sitzen.
Er kann es nicht ertragen, während des [Fieber-]Schweißes aufgedeckt zu werden.
Anmerkung des Übersetzers: Eine Darstellung von Aethusa wäre unvollständig ohne wenigstens einen Hinweis auf die abgöttische Tierliebe des ‚chronischen‘ Aethusa-Patienten, wie er von Vithoulkas erstmals beschrieben worden ist (zur dahinterstehenden ‚Psychodynamik‘ dieses Phänomens siehe die Schilderung Vithoulkas' in seiner Materia Medica Viva). Eine Patientin (Small Remedies Seminar, Hechtel 1990) erklärte die große Liebe zu ihrem Hund mit den Worten: „Von ihm habe ich mehr Freundschaft und Liebe erfahren als je von einem Menschen. Und je mehr ich die Menschen kennenlernte, desto mehr begann ich, Tiere zu lieben!“
Ein sehr charakteristisches Merkmal des Aethusa-Patienten ist für Vithoulkas auch die Furcht vor dem Schlafengehen; Aethusa erscheint als einziges Mittel in der Rubrik Furcht vor dem Schlaf – Furcht, die Augen zu schließen, er könnte vielleicht nie wieder aufwachen.

Agaricus muscarius

Weitere Namen: Fliegenpilz
agaricusAgaricus muscarius (oder Amanita muscaria, unter welchem Namen das Mittel in Herings Guiding Symptoms erscheint), der Fliegenpilz (engl. ‚fly agaric‘ oder ‚bug agaric‘), der ‚champignon fou‘34

34

Wörtlich ‚Verrückten-Pilz‘; geläufiger ist allerdings der Ausdruck fausse oronge, der ‚falsche Blätterpilz‘ (bei Allen u. a. heißt es fälschlich ‚fausse orange‘).

der Franzosen, hat ganz unverwechselbare Symptome und seinen ureigenen Platz in der homöopathischen Materia medica. Seine Prüfung durch Hahnemann erschien zunächst in Stapfs Archiv, einem zeitgenössischen Periodikum, in dem auch noch einige andere Prüfungen Hahnemanns, vor allem die von psorinumPSORINUM, veröffentlicht wurden; diejenige von Agaricus hat er dann aber später in seine Chronischen Krankheiten aufgenommen.
Hahnemann beschreibt hier Agaricus als einen „stinkenden Pilz mit scharlachrothem, mit weißlichten Warzen besetzten Hute und weißen Blättchen“. Er wird zunächst auf gewöhnliche Weise verrieben und dann, wie er empfiehlt, bis zur 30. Potenz flüssig weiterpotenziert.
Bei Agaricus denke ich hauptsächlich an Chorea, doch sein auffallendes Zucken und Rucken ist nur ein kleiner Teil seines Arzneibildes. Ich erinnere mich, wie Dr. Blackley früher im London Homœopathic Hospital Agaricus für Dinge einsetzte, wofür es meiner profunden Unkenntnis seltsam ungeeignet schien; aber wahrscheinlich kannte er seinen Nutzen besser als die meisten von uns! Zum Beispiel erschien es mir merkwürdig, das Mittel bei Pneumonie zu verordnen; und doch sagt Kent darüber:
„Agaricus ist ein großes Mittel bei Lungenleiden, wenngleich selten daran gedacht wird. Offenbar hat es auch schon Schwindsucht geheilt. Katarrhalische Brustbeschwerden, mit Nachtschweißen und einer Vorgeschichte neurologischer Symptome. Vereinzelt auftretende, heftige Hustenanfälle, die mit Niesen enden. Krampfhafter Husten, mit abendlichem Schwitzen, beschleunigtem Puls und Expektoration eines eiterähnlichen Schleims; schlimmer jeweils morgens und beim Liegen auf dem Rücken. Kommen dann noch die beschriebenen Symptome hinzu, wird Agaricus dem Prozess Einhalt gebieten. Fälle von beginnender Phthisis. Das Mittel hat einen starken Bezug zur tuberkulinischen Diathese.
Ich [Kent] erinnere mich, wie ich begann, tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM bei einem Mann zu prüfen, von dem ich annahm, dass er in Anbetracht seiner Anamnese und Symptome empfindlich darauf reagieren würde. Schon die erste Gabe brachte ihn fast um; dafür, dass die Substanz sonst lediglich zur Diagnose der Krankheit bei Rindern verwendet wird, schien sie ihn doch mächtig aufzuwühlen! Er magerte rapide ab und sah aus, als ob er bald sterben würde. Ich ließ das Mittel aber weiter wirken und beobachtete und wartete geduldig ab; schließlich kamen die Symptome von Agaricus zum Vorschein und stellten so die Verwandtschaft zwischen diesen beiden Arzneien aufs neue unter Beweis; zugleich bestätigten sie Herings Beobachtung, dass Agaricus enge Beziehungen zur tuberkulinischen Diathese aufweist. Agaricus war sein Heilmittel und gab ihm bald sein altes Gewicht zurück.“
Unter Herings Symptomen finden sich: „Brust fühlt sich zu eng an. – Engbrüstigkeit, Zusammenschnürungsgefühl in der Brust. – Krampfhusten mit Angstschweiß. – Nach jedem Hustenstoß heftiges Niesen, manchmal so schnell aufeinanderfolgend, dass er nicht weiß, ob er gerade hustet oder niest. – Lungenentzündung. – Tuberkulöse Schwindsucht.“
Dieser Giftpilz zieht auch die Verdauungsorgane in Mitleidenschaft; so heißt es bei Kent: „Aufruhr im Abdomen. – Viel Bauchschmerzen. – Alles geht in Gärung über. – Entsetzlich stinkende Flatus. – Tympanitisches Abdomen. – Heftiger Stuhldrang. – Gefühl, als ob das Rektum platzen würde, selbst nach Stuhlgang. – Fortbestehen des Drangs nach dem Stuhlgang“ (mercurius corrosivusMERCURIUS CORROSIVUS).
Agaricus hat schlimme, für das Mittel typische Rückenschmerzen, welche vorwiegend im Sakralbereich und verstärkt beim Sitzen auftreten. (Hier denke man aber auch an eine mechanische Ursache, etwa eine sakroiliakale Subluxation.) Ich habe Agaricus wirksam gesehen in einem schwierigen Fall von Rheumatismus, wo die Indikation war: „Diagonale Schmerzen, z.B. linker Unterarm und rechter Oberschenkel – oder rechtes Knie und linke Hand“; und bei Rheumatismus hat Agaricus Verschlimmerung nicht nur im Sitzen, sondern allgemein in Ruhe sowie Besserung durch Umherbewegen.
Ein Großteil der Gift- und Heilwirkungen von Agaricus hat aber mit dem Rückenmark und dem Nervensystem zu tun. Bei Kent heißt es dazu: „Das Auffallendste – etwas, das sich durch das ganze Mittelbild zieht – sind Zuckungen und Zittern: Zucken der Muskeln und Zittern der Glieder. Die Muskelzuckungen können ein solches Ausmaß annehmen, dass ein voll entwickeltes Choreabild entsteht. … Schwierigkeiten, die Muskelbewegungen zu koordinieren. Inkoordination des Gehirns und des Rückenmarks. Unbeholfene Bewegungen. Lässt Gegenstände fallen; beim Festhalten von Gegenständen öffnen sich plötzlich unwillkürlich die Finger.“ Er sagt, manchmal könne man das Küchenmädchen, das ständig Geschirr zerbricht, weil es ihm aus der Hand fällt, mit Agaricus oder APIS apisheilen.35

35

Ein weiteres wichtiges Mittel hierfür ist BOVISTA.

Und als Unterscheidungskriterium zwischen den beiden Mitteln führt er an, dass sich Agaricus gern so nah wie möglich am Herd aufhält, während APIS apisam liebsten der warmen Küche entfliehen würde!
In diesem Zusammenhang muss ich an die klassische Beschreibung des Beginns einer Chorea denken. „Das Kind wird ausgeschimpft, weil es Grimassen schneidet; dann fängt es sich eine Ohrfeige, weil es Tasse und Untertasse zerbrochen hat.“ Schließlich dämmert es auch dem Unaufmerksamsten, dass es sich nicht um Böswilligkeit handelt, sondern um den Veitstanz. So bringt man das arme Ding schleunigst zum Doktor, und der misst die Temperatur, horcht das Herz ab – um am Ende „Bettruhe!“ zu verordnen. Handelt es sich aber um einen Homöopathen, so wird er Agaricus oder auch ein anderes unserer ‚Zuckungsmittel‘ verabreichen, je nachdem, welches die größte Ähnlichkeit mit den individuellen Symptomen des Kindes hat.
Wie Kent sagt: „All unsere Arzneien sind voller ‚Verrücktheiten‘, und diese Eigentümlichkeiten müssen wir herausfinden, um zu guten Verordnungen zu kommen.“
Es gibt jedoch einige andere Mittel – hyoscyamusHYOSCYAMUS, stramoniumSTRAMONIUM, mygaleMYGALE, ignatiaIGNATIA u.a. –, die eher noch stärkere (choreatische) Verzerrungen des Gesichts hervorrufen.
Agaricus greift außerdem das Herz an, mit stechenden Schmerzen, Herzbeklemmungen und Engbrüstigkeit, ferner mit Schock und Palpitationen.
Guernsey (Keynotes) schreibt über Agaricus: „Diese Arznei ist überaus reich an Symptomen an nahezu jedem Organ und jeder Körperfunktion. … Durch das Studium des Mittels und seine Anwendung sehe ich mich immer wieder belohnt, wenn Juckreiz, Röte und Brennen wie von einer Erfrierung an irgendeinem Körperteil zutage treten – oder auch Brennen und Jucken innerer Teile.“
Nash erwähnt die Berührungsempfindlichkeit der Wirbelsäule, wobei sich die Schmerzen bis in die unteren Gliedmaßen erstrecken, und das Zucken von Augenlidern, Gesicht und Extremitäten, das im Schlaf aufhört. Ansonsten hat er, abgesehen von den Hautsymptomen, über Agaricus nicht viel mitzuteilen. „Ohren, Gesicht, Nase und andere Hautareale sind gerötet und jucken und brennen wie Frostbeulen.“ Er sagt, dieses Symptom „Jucken, Brennen und Röte, wie nach Erfrierung“ sei sehr wertvoll und könne bei den verschiedensten Krankheiten zur Wahl dieser Arznei führen.
Natürlich kennen die meisten von uns Agaricus zumindest als Heilmittel bei Frostbeulen. Agaricus leidet zutiefst unter der Kälte36

36

Laut Vassilis Ghegas ist Agaricus, obwohl es in der gesamten Materia medica als kalt beschrieben werde, in den meisten Fällen ein warmblütiges Mittel (Englische Seminare, Sylvia Faust Verlag).

, und seine Frostbeulen schmerzen fürchterlich, wenn Hände oder Füße kalt werden. Im Gegensatz dazu werden sie bei pulsatillaPULSATILLA zur Plage, wenn sie warm werden. Agaricus-Frostbeulen sind äußerst kälteempfindlich, die von pulsatillaPULSATILLA jucken und brennen bei Erwärmung so, dass es zum Verrücktwerden ist. Dies sind die Mittel, die bei Frostbeulen vor allem in Frage kommen … und RUTA!ruta graveolens Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich einem Neffen regelmäßig Rautensalbe zuschickte, weil er so schlimme Frostbeulen hatte, dass er wiederholt nicht zur Schule gehen konnte und im Bett bleiben musste. Seine Mutter fand, dass ihm nichts anderes als Rautensalbe half, und so bat sie mich jedes Jahr um frischen Nachschub.
Aber Rautensalbe ist nicht gleich Rautensalbe. Einer unserer Gärtner kümmerte sich immer um die Zubereitung der Salbe; er baute die Pflanze im Garten an, um für die Kühe eine Salbe herstellen zu können, wenn deren Euter wund geworden waren. Auch heute noch ziehe ich die Raute, jenen Hauptbestandteil der altertümlichen ‚Mithridate‘,37

37

Siehe Kap. R, Fußnote 22.

in meinem Garten; nur bin ich meist zu faul, die Salbe anzufertigen, sodass sie mir oft gerade ausgegangen ist, wenn ich sie benötigte. Die Rautensalbe sollte stets aus der frischen Pflanze zubereitet werden. Und dies ist das Rezept: Man erhitze Schweineschmalz, bis es flüssig ist (ein hoher Suppentopf eignet sich sehr gut für diesen Zweck), und tauche darein einen nicht zu kleinen Strauß der frischen und in voller Blüte stehenden Gartenraute. Dann lasse man, um die Stoffe zu extrahieren, den Topf für einige Stunden an einem warmen Ort stehen, bis die Pflanze blass und das Schmalz grün geworden ist und deren Geruch angenommen hat; man nehme die Zweige heraus und lasse sie abtropfen. Wenn die so gewonnene Masse erkaltet und fest geworden ist, decke man den Topf gut ab. Die Salbe ist nützlich bei geschwollenen Zehenballen, bei Knieschleimbeutelentzündungen – doch hier wirkt RUTA ruta graveolensin Potenz ebensogut, und es ist keine so schmierige Angelegenheit –, bei lokalen Entzündungen und bei Frostbeulen, auch wenn sie schon aufgebrochen sind. Doch zu jener Zeit hatte ich noch nicht die Wirkung von Agaricus und pulsatillaPULSATILLA in dieser Hinsicht kennengelernt, welche länger anhält und weitaus kurativer ist.
Der ‚Verrückten-Pilz‘ wirkt natürlich stark auf das Gehirn und die Sinnesorgane ein – in seinen milderen Stadien mit übler Laune, Gleichgültigkeit, Unlust, zu arbeiten oder auch nur Fragen zu beantworten. Beim Vollbild der Vergiftung kommt es zum Delirium: Das Opfer erkennt niemanden mehr, wirft mit Gegenständen nach Menschen, singt und spricht, antwortet aber nicht. Agaricus gehört somit auch zu den Heilmitteln des Deliriums, selbst des tobsüchtigen, ‚wütenden‘ Deliriums. „Von wilden asiatischen Volksstämmen wird der Pilz in Form eines äußerst berauschenden Getränks verwendet.“ Der Zustand ähnelt dem bei Alkoholismus so stark, dass Agaricus einen festen Platz als eines unserer Heilmittel bei Delirium tremens einnimmt. Und sicherlich lässt Bogers prägnante Beschreibung der Arznei nicht nur an Chorea, sondern auch an einen Alkoholrausch denken: „Agaricus hat ungeordnete, unsichere und übers Ziel hinausschießende Bewegungen; der Kranke greift zu weit – hebt den Fuß beim Treppensteigen zu hoch – lässt Dinge fallen …; undeutliches und ruckartiges Sprechen.“
Hauptsymptome38
Geist und GemütDelirium tremens.

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M. Tyler führt hier nur Symptome aus den Guiding Symptoms an. Ich habe sie um einige weitere „Black Letter Symptoms“ aus derselben Quelle, die Tyler möglicherweise übersehen hat, ergänzt und außerdem die wenigen fettgedruckten Symptome aus Allens Encyclopedia hinzugefügt; diese sind mit einer 0 gekennzeichnet. Ein a bezeichnet Symptome aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten, die mit b versehenen Symptome entstammen der österreichischen Nachprüfung, die 1863 von Zlatarovich in der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Aerzte Oesterreichs veröffentlicht wurde.

Delirium mit beständigem Wüten.
KopfDumpfer, ziehender Kopfschmerz am Morgen, sich bis zur Nasenwurzel erstreckend, mit Nasenbluten oder dicker, schleimiger Absonderung aus der Nase.
Ziehen von beiden Seiten des Stirnbeins, bis zur Nasen-Wurzel.0,a
Kopfschmerzen bei Choreakranken oder solchen Patienten, die bei Fieber oder vor Schmerz schnell delirant werden; Zuckungen oder Grimassen.
AugenEntzündet, mit Tränenfluß durch Gerüche oder Husten.0
OhrenJücken, Röthe und Brennen an den Ohren, als wären sie erfroren gewesen.a
GesichtZuckungen der Gesichtsmuskeln.
ZungeTrocken.
RektumHäufig Abgang von geruchlosen Blähungen.0,b
GenitalienBeschwerden nach Geschlechtsverkehr.0
Furchtbare, fast unerträgliche Schmerzen durch Herabdrängen des Uterus.0
HustenPlötzliche konvulsivische Hustenanfälle, < vormittags oder während des Tages.
RückenSchmerz in der Lendengegend und im Kreuzbein, besonders im Sitzen.
Beim Bücken eine eigene Schmerzhaftigkeit längs der Wirbelsäule.0,b
Heftige, stechend brennende Schmerzen in der Tiefe des Rückgrathes.0,b
Drückender Schmerz entlang der Wirbelsäule und den Gliedern.0
Die Wirbelsäule für die Berührung empfindlich.0,b
ExtremitätenJücken, Röthe und Brennen an den Händen [ebenso an den Fingern und Zehen], wie nach Erfrierung.a
Teile heiß, geschwollen, rot.
Zittern der Hände.a
Steifheit in den Fingern infolge Gicht.
Muskelzucken in beiden Hinterbacken.b
Schmerzen in den Knochen der Unterschenkel, zuweilen so, als säßen sie im Periost.
Schmerz und Entzündung in erfrorenen Zehen.
Frostbeulen.
Reißen in den Gliedern, < in Ruhe und im Sitzen, > bei Bewegung.
Schmerzen in den Gliedern, mit Lahmheit und Taubheit derselben.
Unsicherheit beim Gehen; stolpert über alles, was im Wege liegt.
NervenUnwillkürliche Bewegungen (besonders bei Kindern) im Wachzustand; hören während des Schlafs auf (Chorea).
Zuckungen: der Augenlider und Augäpfel; der Wangen; im hinteren Brustkorb; im Abdomen.
Krampfartige Bewegungen, von einfachen unwillkürlichen Bewegungen und Zuckungen einzelner Muskeln bis hin zum ‚Tanzen‘ des ganzen Körpers (Chorea, Hysterie).
Lähmung der oberen und unteren Gliedmaßen (beginnende Rückenmarkserweichung).
SchlafNicht die geringsten Augenbewegungen zu erkennen (klonische Augenmuskelkrämpfe).
Nach dem Mittagsmahle ungewöhnlich große Schläfrigkeitb; erwachte aus sehr festem Schlafe mit Schmerzhaftigkeit und Lähmigkeit der Glieder.
Temperatur, WetterFrostbeulen, Erfrierungen und sonstige Folgen von Kälteexposition, besonders im Gesicht.
FieberSchauder ziehen von oben nach unten durch den Körper.
Schweiß beim Gehen; nach mäßiger Körper-Anstrengung.a
Profuser Schweiß.
HautJücken, Brennen und Röthe …, wie nach Erfrierung.a
KonstitutionBei Trinkern, besonders für deren Kopfschmerzen.
Einige eigentümliche oder wichtige Symptome
Agaricus ist eines der wenigen Mittel mit kreuzweise auftretenden Symptomen; sie können zur selben Zeit an beiden Seiten des Körpers auftreten – aber diagonal.
Lokale Kälteempfindungen.
An einer kleinen unscheinbaren, etwa kreuzergrossen Stelle der linken Rippenseite, vor dem Schulterblatte ein kurzes eiskaltes Gefühl.b
Ameisenlaufen in den Gesässmuskeln …b
Brennen in den Gesässmuskeln.b
Neuralgische Schmerzen, als würden Körperteile durch scharfe Eisstückchen berührt oder als würden kalte Nadeln durch Nerven stechen (arsenicumARSENICUM: heiße Nadeln).
Es schien, als ob der Körper zu einem Nichts zusammenschrumpfen würde.
Jucken und Brennen am ganzen Körper, sehr quälend.

Ailanthus glandulosa

Weitere Namen: Götterbaum
In unserem alten Garten in Wyvenhoe standen vor vielen Jahren zwei prächtige Ailanthusbäume, deren Andenken wohl dazu beigetragen hat, dass ich dieser wenig bekannten, aber unschätzbaren Arznei besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe.
Die dramatische Geschichte dieser Pflanze als Arznei ist, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, nur von Dr. Hughes überliefert worden. Es lohnt sich, sie an dieser Stelle noch einmal zu erzählen, kann es doch helfen, sich den Nutzen von Ailanthus besser einzuprägen. Wir lernen auf diese Weise gut die Besonderheiten seiner krankmachenden Wirkungen kennen und damit eben auch seine großartigen Heilkräfte in manch verzweifelten akuten Krankheitsfällen.
Hughes berichtet in seinen Pharmacodynamics: „Die Geschichte von Ailanthus ist sehr interessant; und einer unserer besten amerikanischen Ärzte, Dr. Wells aus Brooklyn, schrieb dazu das erste Kapitel. Seine eigene Tochter wurde nämlich plötzlich von sämtlichen Symptomen des Frühstadiums eines malignen Scharlachs befallen; es bestanden: ‚Heftiges Erbrechen; starke Kopfschmerzen; Lichtintoleranz; Schwindel; heißes, rotes Gesicht; Unfähigkeit, aufrecht zu sitzen; schneller, kleiner Puls; Schläfrigkeit bei gleichzeitiger Unruhe; große Angst. Zwei Stunden später war die Schläfrigkeit zur Unbesinnlichkeit39

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Mit diesem Ausdruck übersetzte Oehme hier den Begriff insensibility (in seiner Übersetzung von Hales New Remedies, vgl. Fußnote 25).

geworden, zu einem Delirium, in dem sie fortwährend vor sich hin murmelte und ihre eigenen Familienangehörigen nicht mehr erkannte. Stellenweise war sie von einem miliaren Ausschlag bedeckt, mit einzelnen Effloreszenzen auch zwischen dessen Punkten – all dies von dunkler, fast livider Farbe. Der Ausschlag trat an Stirn und Gesicht stärker auf als anderenorts.‘ Der Vater hielt das Kind schon für verloren, doch nach einigen Stunden trat eine Veränderung ein, die den Fall in einem günstigeren Licht erscheinen ließ. Weiteres Nachforschen ergab dann, dass sie beim Spielen mit Zweigen des Ailanthusbaums eine gewisse Menge Saft aus der Rinde zu sich genommen haben musste. Dr. Wells schließt seinen Bericht mit dem Hinweis, dass wir von dieser Pflanze möglicherweise in jenen schlimmen Scharlachfällen Hilfe erwarten können, welche bereits im ersten Stadium die lebensbedrohlichen Symptome einer zerebralen Intoxikation aufweisen.
Dies wurde im Jahre 1864 geschrieben; da es aber in einem wenig bekannten Journal veröffentlicht wurde, scheint es zunächst keinen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. 1867 machte Dr. Pope die englische Leserschaft auf die Bedeutung und den Wert dieser Fakten aufmerksam, und seine Anmerkungen sollten bald Früchte tragen. Schon 1868 nämlich sah sich Dr. Chalmers einer malignen Scharlachepidemie gegenüber; zu jener Zeit mit der Anwendung homöopathischer Arzneien noch nicht sehr vertraut, war er (wie wohl wir alle) von deren Wirkung in dieser Situation sehr enttäuscht. Dann las er den Artikel Dr. Popes. Er beschaffte sich etwas Ailanthus, und schnell fand er heraus, dass er damit das Agens gefunden hatte, das er benötigte. Das Scharlachfieber war allgemein durch einen dunkelfarbenen und auf einzelne Stellen begrenzten Ausschlag charakterisiert, und konstant zeigte sich dabei die Wirkung der Arznei in einem Wechsel zu einem heller getönten und mehr generalisierten Exanthem; zugleich verringerte sich die Pulsfrequenz, der Puls wurde regelmäßiger und kräftiger, und die Patienten kamen rasch wieder zu Bewusstsein.“
Andere Ärzte, die mit Ailanthus umfangreiche Erfahrungen bei Scharlach gesammelt hatten, erhärteten später die vorteilhaften Berichte über die Anwendung dieses Mittels. Ein australischer Arzt teilte Hughes allerdings mit, er habe es für nötig befunden, es abzusetzen, sobald der Ausschlag zu verblassen beginne; anderenfalls könne es während oder nach der Abschuppung zu pemphigusartigen Hautveränderungen kommen.
Ailanthus ist, wie Hughes weiter schreibt, in Fällen von zerebraler und spinaler Kongestion empfohlen worden. Sein Effekt auf den Kopf und die geistigen Fähigkeiten ähnelt dabei stark der Dumpfheit und Schwere – mit Verwirrtheit und Unfähigkeit zu -arbeiten –, wie sie nach geistiger Erschöpfung und übermäßiger Sorge entstehen; Symptome der spinalen Kongestion sind hingegen Schmerzen im Rücken, die die ganze Wirbelsäule hochziehen, Einschnürungsgefühl in Brust und Abdomen sowie Taubheitsgefühl und Kribbeln in den oberen und unteren Extremitäten (gelsemiumGELSEMIUM).
Das Mittel wird ferner, so Hughes, bei schlimmen Masernfällen empfohlen, wenn der Ausschlag nicht richtig herauskommt, plötzlich wieder zurücktritt oder sich livide verfärbt; darüber hinaus bei diphtherischen oder anderen schweren Halsentzündungen sowie bei epidemischer Zerebrospinalmeningitis.
Wenn ich auch im Allgemeinen um Kürze bemüht bin, so habe ich doch in diesem Fall recht ausführlich zitiert, wegen der Bedeutung der Arznei und weil in Bezug auf ihre faszinierende Geschichte anderenorts nur wenig zu erfahren ist.
In Allens Encyclopedia werden auch einige Prüfungen wiedergegeben, neben den Symptomen jenes dramatischen Vergiftungsfalls, der nachdrücklich auf den Rang des Mittels bei akuten, bösartigen, lebensbedrohlichen und rasanten Krankheitsverläufen hinweist: die Lividität des spärlichen Hautausschlags, der nicht so, wie er sollte, an die Oberfläche tritt; die Schläfrigkeit und das bald folgende murmelnde Delirium, mit Erbrechen, Kopfschmerz, Lichtintoleranz, heißem und rotem Gesicht, raschem und kleinem Puls; die große Unruhe und Angst. … Lassen Sie uns sehen, inwiefern die Prüfungen bestätigen, was wir andeutungsweise schon durch diesen Vergiftungsfall erfahren haben.40

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Unter den im Folgenden aus der Encyclopedia wiedergegebenen Symptomen befinden sich auch einige gut bestätigte klinische Symptome; diese sind von mir (entsprechend den Angaben bei Allen) mit K versehen worden. Die mit V bezeichneten Symptome sind ebenfalls keine Prüfungssymptome, sondern stammen aus dem bereits erwähnten Vergiftungsfall.

Große Angst.V Unfähigkeit, sich zu konzentrieren. Fand es fast unmöglich, eine Zahlenkolonne korrekt zu addieren. Gedächtnisverlust. Irrsinn.41

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Mental alienation; wie Hughes in seiner Cyclopaedia zu diesem Symptom anmerkt, muss es sich dabei wohl um eine eher flüchtige und oberflächliche Störung gehandelt haben.

Sopor, Delirium und Unbesinnlichkeit, nach unterdrücktem Scharlachausschlag.K
Stoischer Gleichmuth gegen Alles. [Hahle / Oehme]
Schwankender Gang, mit Neigung zu taumeln. Schwindelgefühl, mit Übelkeit, Würgen und etwas Erbrechen. Die Zahlen im Hauptbuch schienen in den Kolonnen auf und ab zu tanzen. Apoplektische Blutfülle des Kopfes. Empfindung eines elektrischen Stromschlags, vom Gehirn bis in die Extremitäten ziehend. Kribbeln im linken Arm und in der linken Hand, mit dumpfen Kopfschmerzen.
Pupillen stark erweitert.K Photophobie.
Gesicht und Stirn dunkel-mahagonifarben, bei unterdrücktem Scharlachausschlag.K
Zunge trocken, ausgedörrt, aufgesprungen; oder feucht und mit einem weißen Pelz belegt; Zungenspitze und Ränder livide (Scharlach).K Zunge von einem dicken, weißlichen Belag bedeckt, in der Mitte braun.
Im Halse Gefühl von Anschwellung und Trockenheit wie zum Ersticken, nur kurze Zeit in der akuten Form auftretend, dann chronisch werdend.
Beständiges Räuspern und Bemühungen, weißliche Eiterklumpen hochzubringen. Rachen empfindlich und schmerzhaft beim Schlucken oder bei Luftzutritt. Parotiden und Schilddrüse empfindlich und vergrößert.
Hals livide und geschwollen, Tonsillen von zahllosen tiefen, entzündeten kleinen Ulzerationen übersät (Scharlach).K
Übelkeit, mit jener bei Schwangerschaft vergleichbar.
Empfindlichkeit der Lebergegend. Bauchauftreibung. Brennen im Magen und in den Därmen. Ein Gefühl von ‚Unsicherheit‘, als könne er jeden Augenblick Durchfall bekommen.
Häufige wässrige Stühle, die mit großer Kraft ausgetrieben werden. DysenterieK; häufige schmerzhafte Stühle, mit wenig kotigen Bestandteilen, aber viel blutigem Schleim.
Tiefer, erschöpfender Husten, mit asthmatischer Aufblähung der Lungen. Äußerste Schmerzhaftigkeit der Lungen, mit Wundheitsgefühl.
Hautausschlag (wie oben bereits beschrieben) dunkel, fast livide; verstärkt an der Stirn und im Gesicht.V
Unerträgliche Schmerzen im Nacken, in der oberen Rückenpartie und im rechten Hüftgelenk (Fieber).V
„Wenn eine Patientin auf den Geruch des blühenden Baumes reagiert, müsste sich Ailanthus bei ihr als gutes Mittel bei malignem Puerperalfieber erweisen“. (Hering)
Boger hebt folgende Punkte besonders hervor:
Rasche Prostration. Malignität und Sopor nehmen immer mehr zu. Foetor und Lividität. Gesicht und Rachen dunkelrot und geschwollen. Tonsillen von tiefen Ulzera übersät. Ausschläge in Form von vereinzelten dunklen Flecken. Maligner Scharlach; unterdrückt. Affiziert besonders Blut, Rachen, Haut und Psyche.
Kent sagt: „Diese Arznei ist vor allem bei fieberhaften Infektionskrankheiten geeignet, die bösartig verlaufen, wie etwa bei bestimmten Formen von Diphtherie und Scharlach; bei Blutvergiftung (Sepsis); bei typhösen Fiebern, insbesondere jenen Fällen, die durch fleckenweise kapillare Kongestion, durch rote Sprenkel gekennzeichnet sind. Wohl die auffälligste Manifestation eines solchen Krankheitstyps ist der maligne Scharlach, bei dem der reguläre Ausschlag nicht herauskommt, sondern stattdessen roseolaähnliche, rote Flecken erscheinen; … hinzu treten Zahnfleisch- und Nasenbluten sowie starke Anschwellung des Halses. Das Gesicht ist dunkelrot und wie berauscht; die Augen sind so kongestioniert, dass sogar Blut aus ihnen austreten kann. … Betäubung; der Patient erscheint benommen und stumpfsinnig, wie abwesend. Der Rachen zeigt kleine purpurne Flecken und sieht ödematös geschwollen aus. … Rasche Blutzersetzung. … Manchmal bilden sich Blasen an den Fingerspitzen oder auch an anderen Stellen des Körpers. Fötider Geruch aus Mund und Nase. … Wenn ein Fall in einen solchen Zustand großer Erschöpfung gerät, mit schnellem Puls, üblem Geruch, purpurnen oder blauen Flecken, haben wir es mit einem septischen Verlauf zu tun. Wechselfieber oder Diphtherien können plötzlich diese Form annehmen. …
Der Kranke kann sich nicht konzentrieren, kann Fragen nicht korrekt beantworten; er ist wie in einem halbbewussten Zustand. In den ersten Stadien besteht noch große Angst und Unruhe, später nur noch Sopor und Gleichgültigkeit gegenüber allem; schließlich kommt es zu völliger Bewusstlosigkeit. … Bei einer Scharlachepidemie in Brooklyn wurde eine ganze Reihe von Fällen mit Ailanthus behandelt, und viele Patienten konnten so gerettet werden. Das Mittel schien den bösartigen Charakter der Krankheit in einen milden Scharlachtyp umwandeln zu können.
In Ergänzung zu den Symptomen des Textes42

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Gemeint sind Herings Guiding Symptoms.

hat man beobachtet, dass das Haar ausfallen kann und dass abends beim Schließen der Augen Lichtblitze aufleuchten können. … ‚Das Gesicht deutet auf großes Leiden hin; es ist so dunkel wie Mahagoni.‘ … Gesicht purpurfarben, aufgedunsen, wie berauscht. … Diese Arznei passt auf die bösartigsten Scharlachformen. … Bei diesen septischen Zuständen bestehen Schmerzen im Nacken und im Kopf, egal welchen Namen die Krankheit trägt. …
‚Gefühl, als würde eine Ratte das Bein hochlaufen‘ – dieses Symptom kam bei einem meiner Prüfer vor.“
Kent empfiehlt uns: „Wenn Sie an das Krankenbett eines Scharlachpatienten treten, sollten Sie sich nicht die Namen der Arzneien ins Gedächtnis rufen, die Ihnen vielleicht als Scharlachmittel bekannt sind. Lassen Sie sich stattdessen durch die Erscheinung des Patienten an jene Mittel erinnern, die mit diesem Patienten Ähnlichkeit haben – ohne Rücksicht darauf, ob sie schon einmal mit Scharlach in Verbindung gebracht worden sind oder nicht.
Wenn Sie das Scharlachexanthem sehen, meinen Sie vielleicht, dass es wie ein aconitumACONITUM-Ausschlag aussieht; doch bei aconitumACONITUM ist die Sepsisneigung [engl.: zymosis] so gering, dass es außer Betracht bleibt. belladonnaBELLADONNA passt nicht, denn bei diesem ist das Exanthem leuchtend rot und glatt. pulsatillaPULSATILLA wiederum hat ein masernartiges Exanthem, und es geht oft mit einem schleichenden Fieberverlauf einher; doch ist dieser nicht so bösartig wie beim typhösen Typ, und so können Sie auch pulsatillaPULSATILLA wieder vergessen. Schließlich erkennen Sie in der Prostration, der Verschlimmerung nach Schlaf, dem allgemeinen Sopor und dem Delirium fast auf einen Blick das vollkommene Bild von lachesisLACHESIS, das bei solchen Krankheitsformen typisch ist.
Sie sehen einen anderen Scharlachfall mit nur geringfügigem Ausschlag; das Kind zupft ständig die Haut von Lippen und Nase ab, liegt blass und erschöpft in seinem Bett; der Ausschlag ist minimal, kaum der Rede wert; die Harnsekretion liegt fast völlig darnieder: fast augenblicklich denken Sie an ARUM arum triphyllumTRIPHYLLUM. Oft ist es allein der äußere Aspekt, der Sie auf ein bestimmtes Mittel bringt. Bei wieder einem anderen Fall haben Sie all die bläuliche oder purpurne Röte, von der ich bei Ailanthus gesprochen habe; Sie bemerken den entsetzlichen Mundgeruch, und die Halsentzündung ist auch recht massiv. Das Wasser, wonach das Kind verlangt, kann aber gar nicht kalt genug sein, und am liebsten hätte es, wenn ständig etwas Wasser den Hals herunterlaufen würde – jetzt können Sie fest auf phosphorusPHOSPHORUS vertrauen. Bei diesen schweren Krankheitszuständen gibt es immer irgendetwas, was Ihnen das Mittel verraten wird – Sie müssen nur zuhören, beobachten und die Geduld haben, lange genug zu warten.“
(Ich entschuldige mich nicht für die Wiederholungen, dienen sie doch dazu, ungewöhnliche Fakten und Symptome dem Gedächtnis einzuprägen und so das Verschreiben wesentlich zu erleichtern!)

Allium cepa

Weitere Namen: Cepa; Küchenzwiebel
Wir allium cepaalle wissen, was geschieht, wenn wir rohe Zwiebeln schneiden und mit deren Ausdünstungen Bekanntschaft machen – oder wenn wir uns zufällig ein Auge mit der Hand reiben, die mit der Schnittfläche der Zwiebel in Berührung gekommen ist: Die Nase kribbelt, die Augen tränen reichlich, und umgehend haben wir all die Symptome eines akuten Katarrhs.
Daher ist Allium cepa eines unserer besten und am häufigsten indizierten Heilmittel im Frühstadium einer mehr oder weniger oberflächlichen Erkältung.43

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Laut Vithoulkas (Materia Medica Viva) wird Allium cepa bei Erkältungen öfter angewandt, als es angezeigt ist. Er sagt, wenn man sich nur auf die Modalitäten der katarrhalischen Lokalsymptome stütze, bestehe die Gefahr der Unterdrückung. „Wenn es wirklich angezeigt ist, wird sich der Patient richtig scheußlich fühlen, mit Benommenheit, Stumpfheit, Schwierigkeiten beim Denken und großer Schläfrigkeit.“ Diese Symptome haben sich bereits in der Prüfung Herings deutlich gezeigt.

Sehen Sie zu, dass Sie das Mittel einnehmen, solange die Symptome noch übereinstimmen, und Sie werden sich vor weiteren Folgen bewahren.
Kent vermittelt uns die Besonderheiten des Allium-cepa-Schnupfens …
„Niesen, das mit zunehmender Häufigkeit auftritt. Ein wässriges Sekret tropft ständig aus der Nase; es brennt wie Feuer und macht die Oberlippe und die Nasenflügel wund, bis diese ganz rot und empfindlich sind. Man merke sich, dass die Flüssigkeit aus der Nase wundmachend, die aus den Augen aber mild ist. Wenn wir euphrasiaEUPHRASIA studieren, finden wir nämlich genau das Gegenteil: eine gleichermaßen wässrige Absonderung aus der Nase und ebenso reichlichen Tränenfluss – doch hier sind die Tränen scharf, und das Nasensekret ist mild. Das Nasensekret bei Cepa frisst geradezu die Haare von der Oberlippe. Zudem besteht Blutandrang zur Nase, sodass der Patient das Gefühl hat, sie wäre voll; dabei kommt es zu Pochen und Brennen in der Nase und manchmal auch zu Nasenbluten. Schmerzen im Oberkiefer, im Gesicht; in den Kopf hineinziehende Schmerzen. Dumpfe Stirn- und Hinterkopfschmerzen, so heftig, dass die Augen kein Licht vertragen.“
Kent führt noch einen weiteren Aspekt dieser Arznei an: „Warum Cepa auf der linken Seite beginnt und dann auf die rechte hinüberwechselt, weiß ich nicht, aber gewöhnlich ist es so. Verstopfung der linken Nasenhöhle, mit wässriger, beißender Absonderung daraus – und nach 24 Stunden wird die rechte Seite befallen. Profuse Nasensekretion. Erkältungen nach feuchten, kalten Winden. Fließschnupfen mit Kopfschmerzen; tränende Augen; Appetitmangel, Husten und Zittern der Hände; fühlt sich heiß und durstig; schlimmer abends und im Haus; besser im Freien. ‚Jedes Jahr im August morgens Schnupfen mit heftigem Niesen; sehr empfindlich auf den Duft von Blumen und auf die Haut von Pfirsichen.‘ Dies ist eine Form von Heuschnupfen, die von Allium cepa geheilt wird. Es bringt den Heuschnupfenanfall, wenn die Symptome passen, innerhalb weniger Tage zum Stillstand.“
Über Heuschnupfen im Allgemeinen sagt er weiter: „In Wirklichkeit ist er die ‚Explosion‘ einer bereits vorher bestehenden chronischen Krankheit, eine Manifestation der Psora, und so kann er nur durch eine antipsorische Behandlung endgültig ausgelöscht werden. Er mag vielleicht einmal durch ein kurzwirkendes Mittel für eine Saison zum Verschwinden gebracht werden, doch im nächsten Jahr kehrt er genauso stark zurück, und dann ist möglicherweise ein anderes Mittel an der Reihe. Sobald der Heuschnupfen aufgehört hat, müssen Sie mit der konstitutionellen Behandlung beginnen. Es werden, wenn Sie den Fall nur gründlich erforschen, Symptome vorhanden sein, die sich ganz und gar von dem akuten Anfall unterscheiden. Diese Symptome treten nicht zutage, solange der Heuschnupfen besteht. Es ist schwierig, ein Konstitutionsmittel zu finden, wenn sich die Pollinosis gerade auf ihrem Höhepunkt befindet, denn dann ist sie mit einer akuten Krankheit vergleichbar.“
„Beim Cepa-Schnupfen breitet sich die Entzündung bald auf die Ohren, den Rachen und den Kehlkopf aus. Die Mütter pflegten früher Zwiebeln auf das Ohr des Babys zu legen, wenn es Ohrenschmerzen hatte. … In Haushalten mit einem homöopathischen Arzneikästchen ist pulsatillaPULSATILLA das Standardmittel bei Ohrenschmerzen, und tatsächlich braucht unter solchen Umständen nur selten nach einem Doktor geschickt zu werden. Fast bei allen empfindlichen Kindern, die mitleiderregend weinen, wird pulsatillaPULSATILLA die Ohrenschmerzen heilen. Diejenigen aber, die gleich aufbrausen und denen man nichts recht machen kann, die wegwerfen, wonach sie eben noch verlangt haben, und die dem Kindermädchen ins Gesicht schlagen – diese Kinder benötigen chamomillaCHAMOMILLA. Mit pulsatillaPULSATILLA, chamomillaCHAMOMILLA und Allium cepa können Sie einen Großteil der Ohrenschmerzen von Kindern erfolgreich behandeln.“
Kent fährt fort: „Wir alle wissen, was für ein blähendes Gemüse die Küchenzwiebel ist, und so ist sie auch eine wunderbare Arznei für Babys mit Koliken. Schneidende, reißende Schmerzen lassen das arme kleine Ding sich zusammenkrümmen. Das Kind schreit vor heftig schneidenden Schmerzen im Unterbauch. …
Allium cepa ist auch ein wundervolles Mittel bei Keuchhusten, der, wenn es angezeigt ist, oft mit Verdauungsstörungen, Erbrechen und Flatulenz einhergeht; es gehen übelriechende Winde ab, und das Kind krümmt sich vor Bauchschmerzen. Allium cepa kann auch Analbeschwerden bei Säuglingen heilen, wenn der After eingerissen und empfindlich ist und blutet. …
Heftige Kehlkopfentzündungen, die sich sehr rasch entwickeln; typisch ist dabei ein reißendes Gefühl im Kehlkopf, als ob dort etwas losgerissen würde oder als ob bei jedem Hustenstoß ein Haken nach oben zerren würde. Bei Keuchhusten zittert und schaudert das Kind, und Sie können sehen, dass es wegen der reißenden Schmerzen im Kehlkopf regelrecht Angst hat zu husten. … Cepa hat einen Ruf bei kruppösem Husten. Die Mütter pflegten früher eine Zwiebel am Hals des Kindes festzubinden, wenn es an Krupp-husten litt. …
Ein anderes Leiden, über das dieses Mittel großartige Macht besitzt, ist die traumatische Stumpfneuritis nach Amputation [Phantomschmerz]; die Schmerzen sind dabei fast unerträglich, und sie erschöpfen schnell die Kräfte des Patienten.“
H. C. Allen gibt in seinen unschätzbaren Keynotes weitere wertvolle Hinweise zur wissenschaftlichen Verwendung von Allium cepa, der homöopathisch zubereiteten und potenzierten Küchenzwiebel.44

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Hier wie auch im übrigen Text habe ich bei der Übersetzung weitgehend auf die (deutschsprachig veröffentlichte) Prüfung Herings zurückgegriffen (Amerikanische Arzneiprüfungen, Leipzig 1857).

„Es ist ein wichtiges Augenmittel, wo diese brennen und beißen wie von Rauch; die Augen wässern und sind gerötet bis blutunterlaufen; kapillare Gefäßinjektion der Konjunktiva und exzessiver Tränenfluss.“ Er hält es für nützlich bei Nasenpolypen; bei katarrhalischer Laryngitis, wobei „der Husten den Patienten nötigt, sich an den Kehlkopf zu fassen; es ist so, als würde der Husten den Kehlkopf zerreißen. Neuralgische, ‚fadenartige‘ Schmerzen [Hering erläutert: ‚wie in einem Nerven‘] – in Gesicht, Kopf, Hals, Brust etc.
Panaritien (im Wochenbett), mit den Arm hinaufziehenden roten Streifen; ‚mit solchen Schmerzen, dass sie glaubt, rasend zu werden‘.
Schmerzhafte, wunde Stellen an den Füßen, besonders den Fersen, infolge Reibung.“ Und er zitiert Dioscorides: „Wirksam, wenn die Füße wund gescheuert sind.“
Clarke pflegte zu sagen: „Wenn Sie je ein Buch von Henry N. Guernsey in die Finger bekommen, kaufen Sie es!“ Er hatte die größte Achtung vor dessen Wissen und Scharfsinn hinsichtlich unserer Materia medica. Wenden wir uns also Guernsey zu, um von ihm eventuell weitere wertvolle Tipps zu erhalten, wo wir die Zwiebel noch als Heilmittel einsetzen können. Wiederholungen will ich, so gut es geht, vermeiden, lediglich versuchen, den sonderbaren und charakteristischen Symptomen des Mittels ein paar weitere hinzuzufügen.
Er beginnt: „Katarrhalische Beschwerden stehen bei der sinnvollen Verwendung dieser Arznei eindeutig im Vordergrund. Alle katarrhalischen Symptome und Schmerzen sind in der Regel abends schlimmer. Das Tränen der Augen und Laufen der Nase verstärkt sich in der warmen Stube, Husten aber wird schlimmer an der kalten Luft. …
Der Patient hat die Befürchtung, dass die Schmerzen bis zur Unerträglichkeit schlimmer werden könnten. … Schmerz in den Schläfen, verschlimmert beim Blinken mit den Augenlidern.
Sehr starkes Tränen der Augen beim Schnupfen. … Lähmung der linken Gesichtshälfte, auch etwas bemerkbar in den Gliedern derselben Seite, mit allzu reichlichem Harnabgang.
Räuspern von Schleimklumpen aus Rachen und Choanen, manchmal zäh und schwer zu lösen. Schmerz im Hals unterhalb des Kehlkopfes, wie nach dem Verschlucken eines zu großen Bissens; die Schmerzen ziehen einige Male bis ins rechte Ohr. …
Starkes Verlangen nach rohen Zwiebeln; kann nichts anderes essen. Übelkeit, die vom Magen in den Hals aufsteigt. Häufiges Luftaufstoßen, mit Poltern im Bauch und Auftreibung desselben. …
Druckschmerz in der Lebergegend, der sich durch den ganzen Bauch zieht. Heftige Schmerzen in der linken Seite des Unterbauches, mit Harndrang und tropfenweisem, brennendem Abgang desselben. … Er atmet tief ein, erhebt sich und niest herzhaft.
Kalte Schauer den Rücken hinunter, besonders nachts, mit vermehrtem Harnlassen.“
Der alte Culpeper [vgl. S. 2] schrieb vor mehr als 300 Jahren über die Küchenzwiebeln: „Sie blähen den Bauch auf und machen Winde, befördern den Appetit und steigern den Durst; sie führen ab und treiben das Monatliche; sie helfen, zusammen mit Honig und Raute, bei Bissen tollwütiger Hunde und anderer giftiger Tiere. … Sie töten die Würmer der Kinder. … Geröstet unter glühender Asche und mit Honig oder Zucker und Öl gegessen, helfen sie sehr bei hartnäckigem Husten und tragen dazu bei, zähen Schleim herauszubringen.“ (Und nun ein wenig Homöopathie:) „Der Saft, durch die Nase eingezogen, reinigt den Kopf und nützt bei Lethargie; doch zuviel davon gegessen, soll er Kopfschmerzen herbeiführen.“ Er berichtet, der Zwiebelsaft sei auch gut bei Verbrühungen und Verbrennungen. „Mit Essig vermischt, nimmt er alle Makel, Flecken und Male auf der Haut hinweg; und in die Ohren getropft, vermindert er Schmerzen und Geräusche darin. Mit Feigen zusammengerührt und äußerlich aufgetragen, hilft er, Furunkel, Abszesse und sonstige Geschwüre reifen und aufbrechen zu lassen. … Unter Zusatz von etwas Salz zerstoßene Zwiebeln, auf frische Brandwunden gelegt, ziehen das Feuer aus diesen und verhindern Blasenbildung.“

Alumina

Weitere Namen: Aluminiumoxid; Tonerde
Man hat mich um ein Arzneibild von Alumina gebeten. Die Leute sind an diesem Metall und seinen Verbindungen anscheinend sehr interessiert, wird es doch jetzt, da es billig produziert werden kann, als stabiles, leichtes und hitzebeständiges Material für die häuslichen Kochtöpfe weitverbreitet eingesetzt; ja, es soll heute schon fast unmöglich sein, irgendein anderes Material für diesen Zweck zu bekommen. Zwischenzeitlich sind jedoch wiederholt heftige Kontroversen um diese nützlichen Kochutensilien aufgeflammt. Der Öffentlichkeit ist sogar von offizieller Seite deren Harmlosigkeit versichert worden, von Leuten also, die gar nicht unser exaktes Wissen über die Vergiftungssymptome oder über die Kleinheit der Dosen besitzen, die bei Empfindlichen bereits zu Symptomen führen können. Die gelegentliche Aufnahme einer schädlichen Substanz mit der Nahrung mag ja durchaus ungefährlich sein, der Organismus mag leicht damit fertig werden oder darüber hinwegkommen – konstante geringfügige Vergiftungen aber müssen sich letztlich negativ auf die Gesundheit auswirken, in der Art, wie etwa geringste Bleimengen im Trinkwasser zu einer ausgeprägten Anämie führen können. Wenn wirklich keine Gefahr beim Gebrauch von Aluminiumtöpfen für Kochzwecke bestünde, warum müssen dann potenzielle Käufer gewarnt werden, dass zur Reinigung kein Soda verwendet werden darf? Und warum sollte man uns dann versichern, dass weit weniger Gefahren bei der Anwendung der teureren Schmortöpfe aus Aluminium bestünden, da diese aus einem reineren Material hergestellt würden? Wenn überhaupt keine Gefahr besteht, wie kann dann etwas weniger gefährlich sein?45

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Auch in Deutschland scheint das Thema damals die Gemüter erregt zu haben: In der A.H.Z. von 1931 (Band 179, S. 130–146) diskutierte Dr. Bastanier in einem Artikel (Zur Frage der Schädlichkeit des Aluminiumkochgeschirrs vom Standpunkt der Homöopathie) dessen mögliche toxische Einflüsse.

Wie dem auch sei, Aluminium wird nun, da es die meisten von uns Tag für Tag in sich aufnehmen, für uns alle interessant. Es wird für den Aufbau unseres Körpers nicht benötigt, bestenfalls ist es ein Fremdkörper. Selbst wenn wir gescheit gewesen sind und sämtliches Aluminiumkochgeschirr aus unseren Küchen verbannt haben – wer, wie all die Millionen Londoner, in Gaststätten oder Kantinen zur Mittags- und Teezeit zumindest leichte Mahlzeiten und Kaffee zu sich nimmt, bleibt doch der Gefahr ausgesetzt, dass dort die Milch in Aluminiumtöpfen gekocht wird und auch die Eier in gleicher Weise ‚kontaminiert‘ sind. Merkwürdigerweise ist bereits von Fällen berichtet worden, wo Menschen erklärten, sie könnten keine Eier essen – diese seien eindeutig Gift für sie; wenn man sie aber dazu gebracht hatte, es mal mit einem Ei zu versuchen, das in einem emaillierten oder Eisentopf gekocht worden war, so erwies sich dieses stets als gut verdaulich.
Ursprünglich war ich der Ansicht gewesen, die ‚Aluminiumphobie‘ sei lediglich ein momentaner Fimmel von Leuten, die nichts Besseres zu tun hätten, als ständig darüber zu schreiben und viel Wirbel darum zu machen. Meine Skepsis wurde aber vor einigen Jahren erstmals geweckt, als mir eine sehr vernünftige Ärztin den eigenartigen Zustand ihres geliebten Hündchens beschrieb, das mit dreieinhalb Monaten an etwas einzugehen drohte, was niemand, nicht einmal ein sehr angesehener Veterinär, zu diagnostizieren vermochte. Sie hatte seine Mahlzeiten stets selbst gekocht – in dem besten Aluminiumtopf, der erhältlich war –, und nach wenigen Tagen begann der Hund jeweils nach dem Fressen zu kotzen. Nach einem Monat unablässigen Erbrechens war er ganz ausgemergelt, und nach sechs Wochen konnte er sich nicht mal mehr auf den Beinen halten. Er bot „einen schrecklichen Anblick“ und erbrach jetzt sogar schon nach wenigen Schlucken Wasser. Sie stand kurz davor, ihn einschläfern zu lassen, als mit der Post ein Rundschreiben über Aluminiumvergiftungen bei Hunden ins Haus kam. Sogleich besorgte sie sich einen Emailletopf, und von da an besserte sich der Zustand des Hundes, und es ging stetig mit ihm bergauf. Der Hund einer Freundin litt in gleicher Weise, und die Gesundheit des Hundes – wie auch des Ehemanns – besserte sich schlagartig, nachdem alles Aluminiumkochgeschirr ausrangiert worden war.
Aber nicht alle Individuen scheinen unter Aluminium gleichermaßen zu leiden. Warum? Zweifellos, weil hier das ins Spiel kommt, was wir – aus Mangel an breiterem oder auch speziellerem Wissen – Idiosynkrasie zu nennen pflegen. Einer bekommt von Erdbeeren Vergiftungssymptome, von Champignons oder Datteln – tausend andere vertragen sie. „Des einen Tod ist des andern Brot“ 46

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„One man’s meat is another man’s poison.“

… Sind es nicht die Sprichwörter, in denen der kollektiven Erfahrung der Menschheit Ausdruck verliehen wird? Wahrscheinlich ist es die individuelle Beschaffenheit des Blutes, der Sekrete und wohl auch der aufgenommenen Nahrung und Flüssigkeiten, welche bei bestimmten Personen zur Giftigkeit von Aluminiumverbindungen beiträgt.
In einem amerikanischen Medizinjournal wurde jüngst über einen Fall von mutmaßlicher Aluminiumvergiftung berichtet, den ich deshalb besonders interessant finde, weil ich zur Zeit einen ganz ähnlichen Fall in meiner Privatpraxis habe. Es handelte sich in dem Artikel um eine bösartige Ösophaguserkrankung, die vollständig verschwand, nachdem das Kochgeschirr aus Aluminium abgeschafft worden war! Gibt es in den Prüfungen von Alumina irgendwelche entsprechenden Hinweise? Lassen Sie uns in Allens Encyclopedia of Pure Materia Medica nachschlagen [zitiert nach Hahnemann]: „Klemmendes Gefühl im Schlingen jeden Bissens vom Schlunde bis in den Magen. – Verengerung des Schlundes, wie Mangel an Thätigkeit desselben. – Heftig drückender Schmerz, als ob eine Stelle der Speiseröhre verengert oder zusammengedrückt wäre, in der Mitte der Brust, vorzüglich beim Schlingen, doch auch außer demselben mit abwechselnder Brustbeengung und Herzklopfen … – Krampfhaft drückender Schmerz in der Mitte der Brust beim Niederschlingen der Speisen und Getränke.“ Ich möchte anmerken, dass bei all diesen Symptomen das untere Ende der Speiseröhre (die „Mitte der Brust“) Sitz der Störung und somit des Zusammenschnürungsgefühls ist.
Um noch einmal Allen zu zitieren: Eine Aluminiumverbindung, der Alaun (unser alumenALUMEN, ein Doppelsulfat von Aluminium und Kalium), ist verantwortlich für das Folgende (ein Zitat Hufelands bei Allen):
„Alaun führt zu Induration und Szirrhus des Uterus, wenn er ständig wegen starker Menstruations- und anderer Blutungen angewandt wird.“
Offensichtlich ist Alaun ein Reizstoff, der bestimmte Gewebe so alterieren kann, dass sich dadurch Krebsgeschwülste auf diese aufpfropfen.
Alumina ist natürlich eines unserer wichtigsten Heilmittel bei Stuhlverstopfung, d.h. jener besonderen Form von Obstipation, die es induziert: „Kein Stuhldrang; und – keine Kraft, sich beim Stuhlgang anzustrengen, selbst wenn der Stuhl ganz weich ist.“ Hierbei habe ich es von Zeit zu Zeit mit großem Erfolg eingesetzt. Und danach zu urteilen, was ich bisher an Wirkungen von Alumina gesehen habe, meine ich, dass der fast universelle Gebrauch von Aluminiumkochgeschirr den Apothekern, die den Leuten Laxanzien und Purganzien ja in Hülle und Fülle verkaufen, Tausende pro Jahr wert sein muss. Wie gesagt, Idiosynkrasien spielen zweifellos auch eine Rolle; doch was immer sonst die Aluminiumsalze an Beeinträchtigung der Gesundheit anrichten mögen – die Störung der normalen Darmtätigkeit gehört sicherlich dazu. Selbst bei weichem Stuhl besteht nicht die Kraft, diesen auszutreiben; und kein Stuhldrang über ein, manchmal sogar zwei Wochen! Wie ich beobachtet habe, scheint der Stillstand dabei in der Nähe der linken Kolonflexur oder im oberen Abschnitt des Colon descendens lokalisiert zu sein.
Aber nicht nur hier, sondern auch in vielen anderen Bereichen des Körpers ist Alumina eine Arznei der Parese und Paralyse. Seine Ptosis der Oberlider lässt an causticumCAUSTICUM denken, und bei seiner lähmenden Wirkung aufs Intestinum kommt einem plumbumPLUMBUM in den Sinn, zu dem es aufgrund der Symptomenähnlichkeit in antidotischer Beziehung steht. Doch in erster Linie ist es sein bedauernswerter, ständig zunehmender chronischer Zustand von Schwäche und Schwere, vor allem der unteren Extremitäten, der Alumina zu einem interessanten Arzneimittel werden lässt. Alumina schwächt im Übrigen neben der körperlichen auch die geistige Ebene in gleichem Maße. Heutzutage, wo nationale Fitness das große Ideal der Stunde ist, scheint mir daher eine beständige potenzielle Quelle psychischen und physischen Verfalls, wie sie das Aluminiumkochgeschirr darstellt, nicht gerade besonders hilfreich zu sein.
Anscheinend wird auch hier, beim Aluminium, das rohe Gift durch seine Potenzen (C 200 etc.) antidotiert.
Was den Appetit betrifft: Der Alumina-Patient ist bekannt dafür, dass es ihn nach unverdaulichen Dingen verlangt … Griffel, Erde, Kreide, Lehm, saubere Lumpen, Kohle, Gewürznelken, saure Dinge, Tee- und Kaffeesatz, trockener Reis. Neben seiner Aversion gegen Kartoffeln, die er schlecht verträgt, besteht auch Abneigung gegen Fleisch, da es für ihn keinen Geschmack hat; ferner gegen Bier, das bitter schmeckt. Verlangen nach Obst und Gemüse (abgesehen von Kartoffeln). Alumina wird verschlimmert durch alle Reizstoffe, wie Salz, Essig oder Pfeffer; Halsschmerzen durch das Essen von Zwiebeln; wird von den schwächsten alkoholischen Getränken schnell berauscht; Tabakrauchen macht Beschwerden. – Wenn man die Trockenheit und den Reizzustand der Schleimhäute bei Alumina bedenkt, werden einige dieser Symptome durchaus verständlich.
Hauptsymptome47
AugenEntzündet; Jucken in den inneren Augenwinkeln; Augen verkleben über Nacht, tränen am Tage; gelber Hof um das Kerzenlicht. Brennen; Trockenheitsgefühl; Beißen.

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Ein a verweist auf Symptome aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten.

Augenlider verdickt, trocken und brennend.
NaseRöthe.a Nasenspitze aufgesprungen.
GesichtUnwillkürliches, krampfhaftes Zucken des Unterkiefers, mit Blutung aus dem Darm und dunklen, übelriechenden Stühlen.
HalsAbends, Trockenheit im Halse, die zu öfterem Rachsen nöthigt.a
MagenSchlimmer durch Genuss von Kartoffeln.
AbdomenBleikolik.
RektumUntätigkeit des Mastdarms; selbst weicher Stuhl kann nur durch große Anstrengung der Bauchmuskeln ausgeleert werden.
Der Mastdarm ist wie gelähmt.a
Kein Verlangen und auch keine Fähigkeit zum Stuhlgang, ehe sich nicht eine große Menge angesammelt hat.
Stühle: hart und knotig oder schleimbedeckt; wie Schafskot, mit Schneiden im After, gefolgt von Blut; wie Pfeifenstiele.
Weicher und dünner Stuhl, nur schwer abgehend.
Starke Blutung aus dem Darm beim Harnabgang.
Es geht sehr wenig harter Koth ab, mit Drängen und Schrammen im Mastdarme.a
Durchfälliger Stuhl, jedesmal beim Harnlassen.
Beim Pressen zum Stuhl geht Urin ab; oder er kann nicht urinieren ohne solches Pressen.
Verstopfung von Säuglingen.
HustenAnhaltender, trockner Kotzhusten mit Athemversetzung …a
Trockener Reizhusten, mit häufigem Niesen.
Jeden Morgen ein langer Anfall von trockenem Husten, der mit schwierigem Auswerfen von etwas weißem Schleim endet.
ExtremitätenGroße Schwere in den Untergliedern, daß er sie kaum fortziehen kann; im Gehen torkelt er und muß sich niedersetzen.a
Große Mattigkeit der Beine, im Sitzen.a
NervenSchwach und müde; muss sich hinsetzen.
Einige wichtige oder seltsame Symptome
Sie kann kein Blut sehen, kein Messer liegen sehen, ohne daß sich ihr dabei gräßliche Gedanken in die Seele drängen, als sollte sie z.B. einen Selbstmord begehen; obgleich sie den größten Abscheu vor demselben hat.a (Vgl. arsenicumARSENICUM, natrium sulfuricumNATRIUM SULFURICUM, THUJAthuja)
Furcht vor dem Tod, mit Selbstmordgedanken.
Besorgniß, daß ihm die Gedanken, der Verstand vergehen könne.a
Unruhe, Abends, als wenn ihm Böses bevorstände.a
Der Knabe geräth wider Willen in stetes Weinen.a
Er lacht verächtlich über Alles.a
Mißmuthig und verdrießlich; sie brummt in einem fort.a
Unaufgelegtheit zu jeder Beschäftigung …a
Unausstehliche Langeweile, eine Stunde deuchtet ihm wie ein halber Tag.a
Schwindel …a
Unfähigkeit zu gehen, außer tagsüber und mit offenen Augen.
Kopf, wie benebelt und berauscht …; dieß wechselte mit einem Schmerz in den Nieren ab …a
Selbst das schwächste geistige Getränk berauscht ihn.a
Kopfschmerz, starke Stiche im Gehirne …a
Messerstiche, die von Zeit zu Zeit durch den Kopf fahren.a
Schmerz an der linken Scheitelgegend, als wenn sie Jemand bei einem Büschel Haare -zöge.a
Sieht feurige Flecken. – Weiße Sternchen vor den Augen.
Was sie ansieht, kommt ihr gelb vor.a
Trübsichtigkeit, wie durch Nebel.a
Das rechte Auge trübsichtig, als wenn eine Feder oder ein Haar davor wäre …a
Jücken in den Augenwinkeln und an den Lidern.a
Die Oberlider scheinen wie gelähmt herabzuhängen, besonders das linke. (causticumCAUSTICUM, SEPIAsepia etc.)
Viele Abende ein heißes, rothes Ohr.a
Es dünkt ihm … im rechten Ohre, als habe er eine ganz andere Stimme.a
Die Gesichtshaut ist, selbst um die Augen herum, gespannt, als wenn Eiweiß darauf trocknete.a
Stechen im Halse beim (leeren) Schlingen.a
Flüchtige, im Halse hin und her fahrende Stiche und zuweilen, beim Schlingen, ein Gefühl, als ob etwas Spitzes darin stäke.a
Klemmendes Gefühl im Schlingen jeden Bissens vom Schlunde bis in den Magen.a
Heftig drückender Schmerz, als ob eine Stelle der Speiseröhre verengert oder zusammengedrückt wäre, in der Mitte der Brust …a
Heißhunger …a
Oder: Er hat keinen Appetit und isst mit Widerwillen.a
Kein Verlangen zu essen …; die Speisen haben zwar keinen übeln Geschmack, vielmehr gar keinen; es schmeckt Alles wie Stroh oder Sägespäne.a
Ranziges Aufstoßen …a
Soodbrennen mit starkem Ausflusse von Wasser aus dem Munde.a
Schlimmer durch Kartoffeln: Nach Genuß von Erdäpfeln, Wehthun im Magen, übel, brecherlich und dann Bauchschmerzen.a – Bittres Aufstoßen nach Genuß von Erdäpfeln, daß es ihn vor Ekel schüttelte.a
Drückendes Kriebeln in der Herzgrube, wie von einem Wurme.a
Kriebeln im Mastdarme, wie von Würmern.a
Tröpfelnder Blutabgang beim Stuhle.a – Nach schwierigem Abgange harten, lorberartigen Stuhles … Blutabgang in einem Strahle …a
(Die charakteristische Verstopfung von Alumina ist oben bereits geschildert worden.)
Und: „Kann nur urinieren, wenn er sich zum Stuhle anstrengt“ oder „Kann nur im Stehen Stuhl entleeren“ – zwei recht merkwürdige Symptome!
Brust-Beengung.a – Wie zusammengeschnürt um die Brust …a
Unwillkürliche Zuckungen hier und da, und Bewegungen eines Fußes, der Finger u.s.w.a
Schwere der Beine, daß sie sie kaum heben kann.a
Schwere der Füße, mit großer Mattigkeit in den Beinen.a
Schmerz in der Fußsohle, beim Auftreten, als wäre sie zu weich und geschwollen.a
Große Abspannung des Körpers …a – Ungemein matt und müde.a
Langsamer, schwankender Gang …a
Vorzüglich vom Sprechen sehr ermüdet.a
Verschiedene Lehrer heben den einen oder anderen Punkt bei einer Arznei unterschiedlich stark hervor, je nach der Erfahrung, die sie persönlich mit deren Nutzen gemacht haben. Im Folgenden will ich mich bemühen, die Erfahrungen mehrerer Autoren zusammenzutragen.
Hughes sagt: „An den Schleimhäuten scheint das charakteristische Merkmal von Alumina Trockenheit zu sein, bei mehr oder weniger ausgeprägtem Reizzustand derselben. So hat es sich als heilsam erwiesen: bei krankhafter Empfindlichkeit der Nasenschleimhaut auf Kälte; bei chronischem trockenen Bindehautkatarrh, selbst wenn er granulös ist48

48

Gemeint ist wahrscheinlich das Trachom: Conjunctivitis (granulosa) trachomatosa.

; bei chronischer Pharyngitis, wenn die Schleimhaut trocken, rot und wie glasiert aussieht; bei trockenem Reizhusten aufgrund pharyngealer oder laryngealer Reizung; bei Dyspepsie durch ungenügende Magensaftsekretion; bei Obstipation durch mangelnde Sekretion der Darmschleimhaut. Alumina hat auch häufigen nächtlichen Harndrang geheilt. Chronische Leiden bei alten Leuten oder trockenen, mageren Personen.“ Er erwähnt, dass Dunham es empfiehlt bei heftigem Reizhusten, der durch eine verlängerte Uvula hervorgerufen wird.
Guernsey: „Besonderheiten bezüglich Rektum und Stuhlgang liefern Hinweise zum Gebrauch dieser Arznei; zum Beispiel, wenn die Trägheit des Rektums so ausgeprägt ist, dass es der größten Anstrengung bedarf, um selbst weichen Stuhl hinauszubefördern. Über Tage, manchmal auch eine Woche besteht kein Stuhldrang, bis sich schließlich eine große Menge Kot angehäuft hat, und selbst dann geht die Entleerung nur sehr mühsam vonstatten. Auch wenn der angesammelte Stuhl ganz weich ist, ist die gleiche Anstrengung erforderlich, um ihn herauszupressen. Um Wasser lassen zu können, muss der Patient wie zum Stuhlgang drücken. Wir beobachten dies bei Dysenterie, Typhus und vielen anderen Störungen; in einem solchen Fall wird Alumina mit großer Wahrscheinlichkeit das passende Mittel sein.“
Farrington sagt: „Alumina ist bei schwersten neurologischen Erkrankungen eingesetzt worden. Bönninghausen benutzte das metallische aluminium metallicumALUMINIUM bei der gefürchteten lokomotorischen Ataxie, und zwar aufgrund folgender Symptome49

49

In Klammern habe ich die Nummern der vergleichbaren Prüfungssymptome aus den Chronischen Krankheiten angegeben.

: häufige Schwindelanfälle; Gegenstände drehen sich im Kreise (63); Lidptosis (192); Diplopie oder Strabismus (212); Unfähigkeit, im Dunkeln oder mit geschlossenen Augen zu gehen, ohne zu taumeln; hat das Gefühl, auf Kissen zu laufen; Gefühl von Ameisenlaufen an Rücken und Beinen (825, 964); die Gesäßbacken schlafen beim Sitzen ein (9); die Fersen werden taub beim Gehen (974); Gefühl, als wäre das Gesicht von Spinnweben bedeckt oder als wäre Eiweiß darauf eingetrocknet (268); Schmerz im Rücken, als ob ein heißes Eisen in die Wirbelsäule getrieben würde (831). Dies sind Alumina indizierende Symptome, und es sind die Symptome, die Bönninghausen veranlassten, aluminium metallicumALUMINIUM zu verordnen, und ihn in die Lage versetzten, vier Fälle dieser Krankheit zu heilen. …
Hypochondrische Menschen mit großer Mattigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber Arbeit oder sonstiger Beschäftigung. Eine Stunde erscheint ihnen wie ein halber Tag. Sie sind äußerst verdrießlich und gereizt; hier rivalisiert Alumina mit NUX nux vomicaVOMICA und bryoniaBRYONIA. …
Alumina wirkt auf die Haut in gleicher Weise wie auf die Schleimhäute, indem es nämlich Trockenheit und Rauheit hervorruft; wir finden es folglich angezeigt bei rauen, trockenen Ausschlägen, die aufspringen und bluten können – wenn auch nicht oft –, die unerträglich jucken und brennen und die sich in der Bettwärme verschlimmern. …
Zusammenschnürungsgefühl entlang der Speiseröhre beim Schlingen von Speisen. Dem Patienten geht es durch das Essen von Kartoffeln stets schlechter; dies spricht sehr für Alumina. Es besteht Abneigung gegen Fleisch und ein starkes Verlangen nach unverdaulichen Dingen. …
Es gibt Erkrankungen des Blutes, für die es geeignet sein kann: … Anämie bzw. Bleichsucht, vor allem bei jungen Mädchen in der Pubertät, wenn die Menses blass und spärlich sind und ein abnormes Verlangen nach bestimmten unverdaulichen Sachen besteht, wie Griffel, Kreide, Tünche etc. Sie neigen zu Ausfluss, … der so reichlich sein kann, dass er bis zu den Füßen herunterrinnt.“ (syphilinumSYPHILINUM)
Farrington stellt weiter fest: „Alumina wirkt am besten bei älteren Menschen von hagerem Habitus, die ziemlich runzlig sind und ausgetrocknet aussehen, aber auch bei jungen Mädchen in der Pubertät, besonders wenn sie chlorotisch sind. Es kann auch bei zarten Kindern angezeigt sein, vor allem jenen, die künstlich ernährt worden sind, d.h. gefüttert mit der vielfältigen Babynahrung, mit der der Markt heute überschwemmt wird. Diese Kinder sind schwach und sehen verschrumpelt aus; die Ernährung ist entschieden mangelhaft. Der Darm ist träge bis untätig …“ (Es folgt die Beschreibung der bereits erwähnten typischen Verstopfung.) „Beim Zahnen kann es bei den Kindern aufgrund einer Schwäche des inneren Musculus rectus des betroffenen Auges zu Strabismus kommen.“
Wie so oft müssen wir uns auch hier wieder an Kent wenden, um uns von ihm in seiner anschaulichen Art ein lebendiges Bild von Alumina vor Augen führen zu lassen. Von ihm bekommen wir die psychischen Symptome am besten dargestellt: „Alumina greift besonders den Verstand an und bringt die Intelligenz so durcheinander, dass der Patient unfähig ist, Entscheidungen zu treffen. Das Urteilsvermögen wird nachhaltig beeinträchtigt; er ist nicht in der Lage, sich über irgendetwas ein klares Urteil zu bilden. Dinge, die er bisher als wirklich angesehen hat, erscheinen ihm plötzlich unwirklich.“ (Zu diesem Gefühl der Unwirklichkeit siehe auch medorrhinumMEDORRHINUM), Kent zitiert Hahnemann, der in seinen Chronischen Krankheiten diese geistige Verfassung von Alumina von allen am klarsten zum Ausdruck bringt: „‚Wenn er etwas spricht, ist es ihm, als habe es ein Anderer gesagt, und wenn er etwas sieht, als wenn es ein Anderer sähe, oder als wenn er sich in einen Andern versetzen könnte und es dann erst sähe.‘ … Das Bewusstsein der eigenen Identität ist getrübt. Sein Geist ist stumpf, wie benommen; er macht Fehler beim Schreiben und Sprechen: ‚Er verspricht sich stets und wählt andere Worte, als er will.‘ … ‚Unvermögen, zusammenhängend zu denken.‘
Dann kommt ein anderes Stadium, in dem er allzuleicht in Eile gerät: Nichts bewegt sich schnell genug; die Zeit scheint zu langsam zu vergehen; alles kommt ihm verlangsamt vor. Daneben hat er mit bestimmten Impulsen zu kämpfen: Wenn er spitze Gegenstände oder Blut sieht, kommen Impulse in ihm hoch, und es schaudert ihn deswegen. Ein Werkzeug, das auch zum Töten oder Morden benutzt werden könnte, ruft in ihm derartige Impulse wach. Impuls, sich umzubringen. …
Er glaubt, er sei drauf und dran, seinen Verstand zu verlieren. Er denkt über seine Hektik, seine Eile, seine geistige Verwirrung nach – dass er kaum seinen eigenen Namen weiß, wie gereizt und verdrießlich er ist –, und schließlich ist er fest überzeugt, verrückt zu werden.“
Auswirkungen von Aluminium-Ausströmungen auf Empfindliche
Praktisch war er ja, dieser Wärmestrahler! – hell leuchtend gab er eine wohlige Wärme ab. … Jedoch, nach einer Weile fühlte ich mich nicht mehr so recht wohl in dem Raum, und ich war immer froh, ihn abschalten zu können. Warum? Aluminiumtöpfe waren ja mittlerweile tabu, aber der Aluminium- oder aluminiumbeschichtete Radiator erschien mir unverdächtig.
Und was geschah weiter? Ein seltsamer Schwindel trat auf: Die Augen sahen plötzlich nur noch unscharf, sodass ich manchmal Halt machen musste, um nicht zu stürzen; oder ich musste, wenn ich gerade maschineschrieb, innehalten und warten, bis ich wieder normal sehen konnte und das zu Ende ging, was ich meinen ‚visuellen Schwindel‘ zu nennen pflegte. Oft sah ich auch eine gelbgraue Wolke vor meinem rechten Auge und fühlte mich dabei ziemlich unsicher auf den Beinen; ein Regenschirm als Stütze war mir dann höchst willkommen, und schon die bloße Berührung eines Gegenstands im Zimmer gab mir eine gewisse Sicherheit.
Schließlich dämmerte es mir! … Vielleicht waren es Aluminiumsymptome? Die Antwort der Materia medica war ein eindeutiges Ja – was bald durch die Tatsache bestätigt wurde, dass die Beschwerden rasch verschwanden, nachdem ich das Heizgerät wütend zertrümmert hatte. Und als eine ehemalige Krankenschwester mich um Hilfe bat, weil sie allmählich gelähmt werde, waren die Symptome, die sie schilderte, seltsamerweise exakt die gleichen, die ich als Symptome von Aluminium-Ausströmungen herausgefunden hatte. Benutzte sie womöglich auch einen dieser Radiatoren? Nun, die Hausangestellte der Leute, bei denen sie sich um die Kinder kümmerte, hatte, weil es draußen so bitter kalt war, tagsüber ständig einen solchen Heizapparat im Schlafzimmer der Krankenschwester angelassen! … Und so machte sich die Leidgeprüfte erleichtert und glücklich wieder auf den Weg nach Hause.
Seither würde ich die vielen Menschen, die ich auf der Straße vorsichtig mit Hilfe eines Regenschirms spazieren gehen sehe, am liebsten fragen: „Entschuldigen Sie, haben Sie auch einen dieser großartigen Aluminium-Radiatoren?“

Ammonium carbonicum

Weitere Namen: Hirschhornsalz
Es ammonium carbonicumwar ein Tipp Dr. Younans, der mich auf dieses Mittel aufmerksam machte und der besonders unter den heutigen, einigermaßen schwierigen Verhältnissen50

50

Gemeint ist wahrscheinlich der Erste Weltkrieg bzw. dessen Folgen.

, in denen wir leben, von Nutzen sein mag; gemeint ist dessen Hinweis, dass Ammonium carbonicum bei dem Husten, wie er nicht selten nach einer Influenza zurückbleibt, hilfreich sein kann, wenn das scheinbar angezeigte bryoniaBRYONIA nicht geholfen hat.
Er sagt: „Seit meinen ersten persönlichen Erfahrungen mit Ammonium carbonicum habe ich das Mittel in vielen Fällen, vor allem bei Kindern, mit großem Erfolg zur Anwendung gebracht. Es hat Grippehusten geheilt, nachdem alles andere zuvor versagt hatte, und mehr als einmal habe ich eine zweite Gabe nicht mehr für notwendig befunden.“
Ammonium carbonicum ist ein wertvolles Heilmittel bei ernsten, ja desperaten Zuständen. Leider habe ich keine eigenen Erfahrungen damit sammeln können, sodass ich mich an einige unserer großen Meister wenden will, um durch sie das Bild dieser Arznei lebendig werden zu lassen. Als ich erstmals versuchte, Ammonium carbonicum zu verstehen, schien es mir etwas vage und farblos zu sein, doch mit zunehmender Beschäftigung damit gewann es mehr und mehr an Leuchtkraft, bis es schließlich deutliche und unverkennbare Konturen bekam. Nichtsdestoweniger scheinen aber gerade seine Vagheit und sein Mangel an klarer Symptomatik zuweilen zu seiner erfolgreichen Verschreibung geführt zu haben. Seine hervorstechenden Eigenschaften sind: Mangel an Energie, an Kraft, an Stärke, an Tonus. Der typische Ammonium-carbonicum-Patient ist schwach, müde und verbraucht – körperlich wie geistig –, manchmal ohne irgendeine offensichtliche Beschwerde oder Erkrankung, auf die man seinen Zustand zurückführen könnte. Ebenso kann das Mittel aber auch am Ende einer schweren und (ohne seinen Stimulus) tödlichen Krankheit erforderlich werden.
Wenn man ein bisher wenig berücksichtigtes Mittel näher studiert, ist es immer wieder erstaunlich, wie häufig gerade dann der Patient die Szene betritt, der es benötigt – oder wie man sich dann plötzlich an Patienten erinnert, denen dieses Mittel vor langer Zeit wahrscheinlich geholfen hätte. Zum Beispiel hatte ich gerade eine Patientin zu behandeln, die die letzten Monate krank im Bett verbracht hatte und bei der (laut Angaben -ihrer Angehörigen) eine „Herzinsuffizienz“ oder „Herzmuskelschwäche“ diagnostiziert worden war. Sie ist eine Frau in den mittleren Jahren, die zuvor immer gesund und energiegeladen war und jetzt unvermittelt in diesen Zustand geraten ist, aus dem ihr Ammonium carbonicum schnell wieder heraushelfen müsste. Sie ist „völlig verzweifelt und kann einfach nicht mehr!“ Wie es so häufig der Fall ist, möchte sie nun herausfinden, ob die Homöopathie nicht auch bei ihr erfolgreich sein kann. – Sie sollte es!
Ammonium carbonicum ist eine von Hahnemanns Arzneien (siehe seine Chronischen Krankheiten). Er fand es dienlich „vorzüglich in Fällen, wo folgende Symptome hervorragen oder mit zugegen sind“:
„Furchtsamkeit; Ungehorsam; Unlenksamkeit; Lebens-Ueberdruß; Abend-Unruhe; Beängstigungen; Aengstlichkeit bei Schwäche;
Langwieriger Kopfschmerz; Kopfschmerz, als wollte es zur Stirn heraus; hämmernder Kopfschmerz;
Brennen und Kälte-Gefühl in den Augen; Grauer Staar;
Jücken des Ohres;
Jücken der Nase; Eiterblüthen in der Nase; Nasenbluten, früh, beim Waschen (alle Autoritäten betonen diesen Punkt);
Langwierige Lockerheit der Zähne;
Halsweh, wie kratzig; Wundheits-Schmerz im Halse;
Kratzen und Brennen den Schlund herauf, nach dem Essen;
Kopfschmerzen nach dem Essen; Uebelkeit nach dem Essen;
Beim Essen schwindelige Düseligkeit;
Unbändige Neigung zum Zucker-Genuß.“
Viele Magensymptome, einschließlich „Soodbrennen; Magenschmerz; Zusammenzieh-Schmerz in der Herzgrube, beim Dehnen;
Kurzäthmigkeit; Engbrüstigkeit;
Husten; Husten mit Heiserkeit, bei Körper-Wärme; Husten von Kitzel im Halse, mit Auswurf; Tag Husten; Nacht Husten; Stechen im Kreuze, beim Husten;
Brennen in der Brust heran; Stiche in der Fleisch-Brust;
Hals-Kropf;
Schmerz des vorlängst verstauchten Hand-Gelenkes;
Warzen;
Brennend stechende und reißende Schmerzen in den Hühneraugen;
Tages-Schläfrigkeit; Schlaflosigkeit, Nachts;
Fieber-Hitze im Kopfe, bei kalten Füßen.“
Dies sind lediglich Auszüge aus Hahnemanns eigener Zusammenfassung, die bis zu einem gewissen Grad den Umfang der Arzneiwirkung von Ammonium carbonicum aufzeigen.
Bei Noack/Trinks51

51

Noack/Trinks/Müller: Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre. Tyler nennt irrtümlich Hahnemann als Autoren des Zitats.

ist zu lesen:
„Ammonium carbonicum passt vorzüglich für adynamische, schwächliche, nervöse, venöse oder lymphatische Constitutionen, für das torpide, phlegmatische, melancholische Temperament, für Leute, welche eine sitzende Lebensweise führen, und für den weiblichen Organismus, bei leichter Erregbarkeit mit wenig Energie und Stetigkeit der Reaction, Zartheit, Schlaffheit der Faser, Geneigtheit zu lymphatischen Schleim- und Fettanhäufungen und zu Nervenkrankheiten. …
Significant ist die Erfahrung, dass Ammonium carbonicum sich gegen Gangränescenz hilfreich erweist und dass gerade bei krebsigen und brandigen Geschwüren eine reichliche Ausströmung von Ammonium Statt findet; ferner, dass Ammonium carbonicum ganz besonders in der vegetativen Sexualsphäre des weiblichen Organismus eine grosse Rolle spielt und gerade bei der Menstruation die reichliche Ausströmung des Ammonium in der Hautausdünstung sich ankündigt; eben so, dass Ammonium carbonicum gegen Vergiftungen durch Schwämme heilsam befunden ward und gerade die Schwämme sich durch ihren vorwiegenden Ammoniumgehalt auszeichnen. Es ist allbekannt, dass eine analoge Beziehung zwischen Krätze und Schwefel Statt findet, dass das Krätzexanthem einen auffallenden Schwefelgeruch darbietet und gerade sulfurSchwefel ein Specificum in der Krätze ist.“
Es fällt auf, dass viele Symptome von Ammonium carbonicum während oder nach dem Essen verschlimmert werden: „Gefühl, wie von Ueberladung des Magens, bis 3 Stunden nach Tische.“ (Hahnemann) Weitere Verschlimmerungen: durch nasskaltes Wetter; durch Waschen (sulfurSULFUR); während der Menstruation. Besserung: bei trockenem Wetter; beim Liegen auf der schmerzhaften Seite oder auf dem Bauch.
Neben weiteren Unannehmlichkeiten bestehen Juckreiz des Anus sowie blutende und prolabierende Hämorrhoiden.
Ammonium carbonicum befällt vor allem die rechte Seite, und seine schlimmste Zeit ist um 3 Uhr früh.
Alles Übrige sei durch folgende Auszüge und Zitate hervorgehoben.
Hauptsymptome52
KopfDrückende Vollheits-Empfindung in der Stirne …a

52

Symptome mit a sind Hahnemanns Chronischen Krankheiten entnommen.

Pucken in der Stirn, als wolle sie zerplatzen.a
NaseBeim morgendlichen Waschen des Gesichts oder der Hände blutet die Nase aus dem linken Nasenloch.
Nachts ist die Nase so verstopft, daß sie immer nur durch den Mund athmen konnte.a
MagenSehr starker Hunger und Appetit.a – Heißhunger.a
Mittags vermehrter Hunger, und doch ist sie nach wenigem Essen gleich satt.a
Beim Mittag-Essen, Hitze im Gesichte, auch nach demselben.a
Nach dem Essen, Uebelkeit im Magen.a
MenstruationCholeraähnliche Symptome zu Beginn.
Atemwege, Brust, HerzNachthusten; alle Morgen um 3 Uhr trockener Husten durch Kitzel im Hals, wie von Staub.
Eines der besten Mittel bei Emphysem.
Arge Beängstigung auf der Brust.a – Angina pectoris.
ExtremitätenDer rechte Arm schien zentnerschwer und kraftlos zu seyn.a
Krampf im rechten Arme, der den Arm hinterwärts zog …a
Panaritium: Finger entzündet; tiefsitzender periostaler Schmerz.
Äußerer DruckBessert Kopfschmerz; zusammenziehenden Schmerz im Magen; Schmerz in den Gedärmen.
HautDer ganze Oberleib ist roth, wie mit Scharlach überzogen.a
Maligner Scharlach, mit Somnolenz etc.
EmpfindungenZerschlagenheit des ganzen Körpers …a
Nash schreibt: „Guernsey zufolge scheint das Mittel besonders bei zarten Frauen geeignet zu sein, die leicht ohnmächtig werden und deshalb gern immer irgendein Riechsalz zur Hand haben. Sie sind schwach, von ungenügender Reaktionskraft und gewöhnlich von lymphatischer Konstitution. Diese Patientinnen brauchen Stimulanzien, besonders solche, die über die Geruchsnerven einwirken, wie Salmiakgeist, Kampfer, Moschus, Alkohol etc. Zu Beginn einer so plötzlich zum Zusammenbruch führenden Krankheit wie Zerebrospinalmeningitis ist es ein gutes Mittel, um das Reaktionsvermögen der Kranken anzufachen und sie so in einen Zustand zu versetzen, wo die Wahl des nächsten Mittels durch den Kampf der nun wiedererweckten Lebenskraft mit der (sogenannten) Krankheit erst möglich wird.
Ein Leiden, das Ammonium carbonicum zu heilen vermag, ist der akute oder chronische Stockschnupfen. Der Patientin geht es nachts schlechter, sie muss mit offenem Mund atmen. … Sehr nützlich habe ich es gelegentlich auch bei Scharlach gefunden. Der Körper ist dabei hochrot, fast bläulichrot, das Zentrum der Pathologie aber scheint der Hals zu sein, wo sich die ganze Gewalt der Krankheit in bösartiger Heftigkeit austobt. Das Exanthem hingegen ist nur schwach entwickelt oder scheint wieder zu verschwinden, aus schierem Unvermögen der geschwächten Lebenskraft, dieses an der Oberfläche zu halten. (zincumZINCUM hat Konvulsionen aus demselben Grunde.) … ailanthusAILANTHUS ist hier eine weitere Differenzialdiagnose.“
Lassen Sie mich skizzenhaft einige Dinge aus Farringtons Clinical Materia Medica zusammentragen.
„Die Lebenskraft ist geschwächt. Hämorrhagien von dunklem, dünnflüssigem Blut treten in Erscheinung. Die Blutzellen sind degeneriert. Die Muskeln werden weich und schlaff. Die Zähne lockern sich und zerfallen, das Zahnfleisch ulzeriert und tritt zurück. …
Die Symptome von Ammonium carbonicum bei Urämie sind sehr wichtig; doch sind sie nicht nur bei Urämie für das Mittel charakteristisch, sondern auch bei jeder anderen Erkrankung, bei der es angezeigt ist. Wir können sie bei Scharlach finden und ebenso bei Herzkrankheiten. Diese Symptome sind: Somnolenz oder Schläfrigkeit, mit grobblasigen Rasselgeräuschen in den Lungen; Flockenlesen; bläuliche oder purpurne Verfärbung der Lippen aufgrund Sauerstoffmangels im Blut; bräunliche Farbe der Zunge. … Die nächsten Mittel, an die hier zu denken ist, sind antimonium tartaricumANTIMONIUM TARTARICUM, CARBOcarbo vegetabilis VEGETABILIS und arsenicumARSENICUM, ferner arnica montanaARNICA bei typhösen Zuständen …
Denken Sie an Ammonium carbonicum auch bei Lungenödem oder Lungenemphysem, wenn derartige Symptome bestehen.
Es ist auch von Nutzen bei Vergiftung durch Holzkohlenrauch.
Einen weiteren Anwendungsbereich stellt die beginnende Zerebrospinalmeningitis dar, wenn der Patient durch die Heftigkeit des Gifts niedergestreckt wird und in einen betäubten, reaktionslosen Zustand verfällt. Er ist kalt, die Körperoberfläche zyanotisch. Der Puls ist sehr schwach. In solchen Fällen wird Ammonium carbonicum die Reaktionsfähigkeit wiederherstellen …
Nützlich ist es ferner bei Herzdilatation. Der Patient leidet vor allem, wenn er Treppen steigen oder einen Hügel hinaufgehen muss. Unerträglich ist für ihn auch ein warmer Raum. Oft besteht Husten mit blutigem Auswurf. Herzklopfen mit Dyspnoe und Einziehung des Epigastriums. Zyanosesymptome können ebenfalls vorhanden sein.
Ammonium carbonicum kann auch bei Pneumonie indiziert sein, wenn große Schwäche und Symptome für ein Blutgerinnsel im Herzen vorliegen.
Die chronische Bronchitis mit Erschlaffung der Bronchialäste und demzufolge Neigung zu Emphysembildung stellt eine weitere Indikation für Ammonium carbonicum dar. Massenhafte Ansammlung von Schleim in den Lungen, Erweiterung der Bronchien und Lungenödem. Der Kranke ist in solchen Fällen schwach und in seinen Bewegungen träge, er hustet unentwegt, bringt aber nichts oder nur mit Schwierigkeiten etwas heraus. Er kann schläfrig oder sogar delirant sein und vor sich hin murmeln.“
Sodann – Scharlach (alle Autoren sprechen davon): „Hier ist es zweifellos ein hilfreiches Mittel, selbst wenn die Krankheit einen eher bösartigen Verlauf nimmt. … Der Hals ist innerlich und äußerlich geschwollen; die Lymphknoten sind vergrößert, die Tonsillen bläulich oder dunkelrot angeschwollen. Zusätzlich zur Schwellung der Halslymphknoten ist auch das umgebende Gewebe entzündet, sodass der Hals insgesamt an Umfang zunimmt. Die Nase ist typischerweise verstopft, besonders nachts, sodass das Kind aus dem Schlaf hochschreckt, als müsste es ersticken. Meistens muss es mit weit geöffnetem Mund liegen, um atmen zu können. … Oft finden wir auch die rechte Parotis vergrößert. … Einige Ähnlichkeiten bestehen beim Scharlach mit APIS;apis doch APIS apishat mehr ödematöse Symptome, vor allem ist die Uvula ödematös geschwollen.“
Zum Schluss ein Auszug aus Kents Lectures …
„Wenn wir noch in der altmodischen Art und Weise praktizieren würden, so würden wir Ammoniumcarbonat in Anbetracht der flüchtigen Natur mancher seiner Existenzformen nur als ein Mittel ansehen, um Schwächezuständen, Ohnmachten und dergleichen entgegenzuwirken, und es beispielsweise als Hirschhornsalz verwenden, um alten Jungfern und manchen anderen Frauen Beistand zu leisten. Es ist aber ein tiefwirkendes Konstitutionsmittel, ein Antipsorikum. Es bewirkt eine rasche Veränderung des Blutes, beeinträchtigt den gesamten Organismus und etabliert eine skorbutische Konstitution. All seine Absonderungen nehmen einen scharfen Charakter an. Der Speichel wird bitter und macht die Lippen wund, sodass sie in der Mitte und in den Mundwinkeln aufspringen und rau, trocken und schorfig werden.
Die Augenlider schwären und werden trocken und schrundig durch die wundmachende Tränenflüssigkeit. Der Stuhl ist scharf und wundmachend. Wundheit auch der weiblichen Genitalien aufgrund scharfer Regelblutungen und brennenden Ausflusses. Wo immer sich ein Geschwür auf der Haut bildet, macht die austretende Flüssigkeit die Umgebung wund.
Blutungen von schwarzem, oft dünnflüssigem Blut, das nicht gerinnen will. … Die Haut hat ein fleckiges Aussehen, mit einigen sehr blassen Stellen dazwischen.
Ammonium carbonicum hat eine heftige Wirkung auf das Herz, mit hörbarem Herzklopfen, welches durch jede Bewegung verstärkt wird. Interessanterweise war bereits im Altertum bekannt, dass Ammoniumcarbonat Schweratmigkeit nach Herzanfällen überwinden hilft … (wenn es indiziert ist, ist natürlich die Einzeldosis, hoch gegeben, völlig ausreichend). Die Alten wussten offenbar auch genug, um Hirschhornsalz bei fortgeschrittenen Lungenentzündungen einzusetzen; das ist eine alte allopathische Praxis, in Wirklichkeit aber stand das Mittel zu einigen dieser Fälle in homöopathischer Beziehung. Hin und wieder kurierten sie damit das schreckliche Stadium völliger Entkräftung mit Herzinsuffizienz am Ende einer Pneumonie, und weil sie dies vermochten, etablierten sie es gleich auch als Heilmittel für alle zukünftigen Fälle dieser Art.
Ammonium carbonicum hat auch sepsisähnliche Zustände, wie wir sie beim Erysipel und bei den bösartigsten Scharlachverläufen antreffen, mit Prostration und starker Dyspnoe, als ob das Herz versagen würde; dabei wird die Haut fleckig, … das Gesicht düsterrot und aufgedunsen. …
Herzschwäche, weitgehendes Fehlen von Symptomen und mangelhafte Reaktion auf Arzneien. Der Patient kann wegen des Herzklopfens und schweren Atmens bei Bewegung nur noch im Bett liegen und nichts tun.“
„Ein solcher Fall“, erzählt Kent, „bereitete mir eineinhalb Jahre lang viel Freude. Es handelte sich um eine Frau, die genau dieser Beschreibung entsprach – ihr Zustand war von der typischen Herzschwäche mit Atemnot und Herzklopfen bei Bewegung gekennzeichnet. Ich hatte sie behandelt, doch ihren Fall nicht ausreichend studiert, sodass sie keinerlei Fortschritte machte. Schließlich brachte man sie zu einem unserer fähigsten Neurologen, der ihr eine ‚Liegekur‘ verordnete und versprach, sie werde in sechs Wochen völlig wiederhergestellt sein. Am Ende dieser Kur aber ging es ihr schlechter als je zuvor, und so wurde ein Herzspezialist hinzugezogen, um sie zu untersuchen. Er sagte, das Herz sei zwar nicht besonders kräftig, es liege aber kein organisches Leiden vor, weswegen dieser Fall nicht in sein Fachgebiet falle. Danach kamen ein Lungenfacharzt und alle möglichen anderen Spezialisten an die Reihe, die ihre übrigen Organe vollständig untersuchten, doch auch sie fanden nichts – die arme Frau konnte wegen ihres Leidens auch weiterhin nicht laufen.“
Nachdem sich ihr Zustand während dieser Monate stetig verschlechtert hatte, wurde erneut Dr. Kent gerufen. Der Fall war äußerst vage, und außer den bekannten Symptomen hatte er nichts, worauf er sich stützen konnte. „Schließlich entschied ich mich für Ammonium carbonicum, welches in den nächsten achtzehn Monaten ihr Heilmittel blieb. Die Wirkung einer Einzeldosis hielt bei ihr jeweils sechs bis acht Wochen an, wobei es jedesmal zu einer weiteren Besserung kam. Sie kann jetzt Berge ersteigen und auch sonst alles tun, wonach ihr der Sinn steht. … Dies zeigt, wie tief diese Arznei bei ihr gewirkt hat.“
Folgen wir weiter Kents Arzneimittelbild: „Erschöpfung, die bei jeder Menstruation auftritt. Choleraähnlicher Durchfall jeweils am ersten Tag der Periode. Zeitweise geht die Erschöpfung mit Erbrechen einher, zeitweise mit Kälte, Zyanose, Schwächegefühl im Magen und Dyspnoe (veratrum albumVERATRUM).
Neben der kardialen Dyspnoe, von der bisher die Rede war, kann aber auch asthmatische Dyspnoe bestehen, die folgende Besonderheit aufweist: In einem warmen Raum steigert sich die Atemnot, bis der Patient zu ersticken droht. … Andererseits verschlimmern sich aber Kopfschmerzen und andere körperliche Beschwerden durch Kälte.
Wehtun der Knochen; die Knochen schmerzen, als würden sie brechen. Die Zähne schmerzen bei jeder Änderung des Wetters oder auch der Temperatur im Mund. … Ein hervorstechendes Merkmal ist das Ausfallen der Haare; die Nägel werden gelblich, das Zahnfleisch tritt zurück und blutet leicht – eine skorbutische oder skrofulöse Konstitution.
Das Mittel beinhaltet auch hysterische Zustände, und so ist es nicht überraschend, wenn nervöse Frauen oft ein Fläschchen Hirschhornsalz an ihrer Halskette tragen. …
Eine starke Ähnlichkeit besteht zwischen den Symptomen dieser Arznei und dem Vergiftungsbild nach Schlangenbissen, wo Ammonium carbonicum einen guten Ruf hat. …
Viele Beschwerden vom Baden …
Bei Diphtherie und Atemwegsbeschwerden Verschlimmerung nach Schlaf. …“ (Auch sonst große Ähnlichkeit mit lachesisLACHESIS bei vielen Symptomen.)
„Wichtig ist auch ein Wundheitsgefühl in den Beckeneingeweiden; zuweilen besteht die Empfindung, als ob all ihre inneren Organe wund wären, besonders während der Menstruation. …
Ammonium carbonicum hat viele katarrhalische Symptome und viel Husten, mit Schleimrasseln überall in der Brust. Atembeengung – eine katarrhalische Dyspnoe. Hypostatische Lungenanschoppung. Anfüllung der Brust mit Schleim, der nur schwer zu expektorieren ist. … Große Kälte, Prostration, Schwäche in der Brust. …
Die Beschwerden dieser Arznei kommen vor allem um 3 Uhr nachts auf, … die Patienten erwachen mit kaltem Schweiß und Atemnot; fast pulslos; schwaches Herz. Blasses und kaltes Gesicht. …
Wenn in der Literatur der alten Schule von ‚Herzversagen‘ die Rede ist, heißt es oft, der Patient habe gute Fortschritte gemacht, sei dann aber schließlich an Herzversagen gestorben. In vielen dieser Fälle hätte Ammonium carbonicum, rechtzeitig gegeben, die Patienten vor dem Tod bewahren können.“

Anacardium orientale

Weitere Namen: Malakkanuss, ‚Tintennuss‘
Die anacardiumIndikationen für Anacardium sind so auffallend und so eindeutig, dass es kaum noch nötig erscheint, von ihm ein Arzneibild zu zeichnen.
Erlauben Sie mir zunächst ein warnendes Wort: Ich habe mich einmal bei einem sehr klugen und gelehrten homöopathischen Apotheker darüber beklagt, dass Anacardium in einigen Fällen von Verdauungsstörungen fehlgeschlagen hatte. Natürlich konnte es zwei Gründe dafür geben: Das Mittel konnte falsch verschrieben worden sein, oder die Zubereitung war nicht in Ordnung. Der alte Mann war zu höflich, um etwas anderes als die zweite Alternative zu unterstellen; und dann erklärte er, dass sich der dunkle Saft, von dem sich der Name [‚Tintennuss‘; engl. ‚marking nut‘] herleitet, nicht in der Nuss selbst, sondern unter der Schale befindet. Ignoranten hingegen brächten Tinkturen auf den Markt, die aus der Nuss hergestellt würden und für medizinische Zwecke völlig unbrauchbar seien. Der Nachfolger dieses Apothekers, mit dem ich kürzlich über dieses Thema sprach, sandte mir daraufhin zwei Proben der Urtinktur zu, die jetzt beim Schreiben vor mir liegen – die wirksame Zubereitung nahezu schwarz, das angebliche Anacardium von blass-bräunlicher Farbe. Daher noch einmal die Warnung: Beziehen Sie Ihre homöopathischen Arzneien von homöopathischen Apothekern, die auch wissen, was sie verkaufen, und besorgen Sie sich keine billigen, schlecht zubereiteten und womöglich unwirksamen Mittel! Um Erfolge zu erzielen, müssen die Mittel aus den arzneilichen Teilen einer Pflanze hergestellt werden, die Arzneipflanzen müssen an ihrem ursprünglichen Standort gewachsen sein, zur besten Zeit gesammelt und ohne Verunreinigungen zubereitet und konserviert werden. Wir sind unseren Apothekern darin praktisch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert – und wir schulden ihnen großen Dank für ihre Mühen.
Anacardium ist am besten wegen seiner eigentümlichen und extremen psychischen Symptome bekannt, von denen besonders auffallen: seine große Gedächtnisschwäche; sein Gefühl von Dualität und Unwirklichkeit (Letzteres lässt einen auch an medorrhinumMEDORRHINUM denken); seine blasphemischen und grausamen Anwandlungen; seine Phantasien, Sinnestäuschungen und Ängste; seine seltsamen Empfindungen – von Zerspringen oder Einschnüren, von Drücken „wie von einem Pflocke“. Wir wollen uns an verschiedene hervorragende Homöopathen wenden, um von ihnen zu erfahren, wann sie das Mittel hilfreich fanden und auf welche Indikationen sie sich dabei stützten.
Zunächst wollen wir jedoch, da Anacardium eine von Hahnemanns Arzneien ist, im zweiten Band seiner Chronischen Krankheiten nachlesen, was er darüber zu sagen hat.
Er berichtet, dass Anacardium zu den Arzneimitteln gehört, welche über die Araber zu uns gekommen sind. Er schreibt: „Die letzten tausend Jahre war dieser so kräftige und heilsame Arzneistoff in gänzliche Vergessenheit gerathen, so wie mehre andre, deren das aufmerksamere Alterthum sich mit Nutzen bedient hatte.“ Und er kennzeichnet und beschreibt die „Malacka-Nuss“ oder „Anakardien-Herznuss“ wie folgt: „Die Frucht … enthält zwischen der äußern, schwarzglänzenden, herzförmigen, harten Schale und dem mit einem dünnen braunröthlichen Häutchen bekleideten, süßen Kerne, in einem Zell-Gewebe einen dicklichen schwärzlichten Saft, womit die Indianer [= Inder] ihre Wäsche unauslöschlich bezeichnen, und von einer Schärfe, dass Muttermäler damit weggebeizt werden können.“ Und: „Diese Frucht, so wie der Baum, der sie trägt, ist wohl von einem, der einen ähnlichen Namen, anacardium occidentaleANACARDIUM OCCIDENTALE, führt, zu unterscheiden, dessen Frucht nierenförmig ist und den Arabern unbekannt war, die uns auf die Arzneikräfte jener herzförmig gestalteten Frucht zuerst aufmerksam machten.“
Bei Noack/Trinks53

53

M. Tyler schreibt das Zitat irrtümlich Hahnemann zu; zu finden ist es jedoch bei Noack/Trinks/Müller, Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre.

lesen wir: „Berühmt als ein vorzügliches Heilmittel bei Verstandes-, Gedächtniss- und Sinnenschwäche war die Confectio anacardina seu sapientium.“ Gleichwohl habe Caspar Hoffmann sie eine Latwerge der Schwachsinnigen genannt, da viele aufgrund ihres zu häufigen und unüberlegten Gebrauchs ihr Gedächtnis verloren hätten und rasend geworden seien. „Also nur der unangemessene und zu häufige Gebrauch bedingte die Schädlichkeit des Anacardiums; richtig angewendet, wurde es heilsam.“ Mit anderen Worten, auch hier haben wir wieder ein Beispiel für Hahnemanns Entdeckung: Das, was Krankheit erregen kann, kann auch heilen; und um zu heilen, wähle man „in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden für sich erregen kann“.
Hauptsymptome54
Geist und GemütGroße Gedächtniss-Schwäche.a – Gedächtnisverlust.

54

Mit a versehene Symptome stammen aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten.

Unwiderstehliches Bedürfnis, zu fluchen und zu schwören.
Hypochondrie.
Beim Spazierengehen, im Stehen, Aengstlichkeit, als wenn Jemand hinter ihm käme; alles um ihn her kam ihm verdächtig vor.a
Er ist mit der ganzen Welt entzweit und hat so wenig Vertrauen zu sich, daß er verzweifelt, das leisten zu können, was man von ihm verlangt.a
Schwäche aller Sinne.
KopfKopfschmerzen, während des Essens völlig verschwindend; schlimmer bei Bewegung und Arbeit.
Gastrische und nervöse Kopfschmerzen.
Stumpfer Druck, wie von einem Pflocke, auf der linken Seite des Scheitels.a
AugenStumpfer Druck, wie mit einem Pflocke, auf dem Rande der rechten obern Augenhöhle …a
Undeutliches Sehen.
Mund, MagenFader, fauler Geschmack der Speisen, auch im Munde für sich.a
Während des Mittag-Essens verschwinden fast alle Beschwerden; 2 Stunden nachher beginnen sie von neuem.a
Abdomen, RektumUm den Nabel, Schmerz, als würde ein stumpfer Pflock in die Eingeweide eingedrückt.a
Anregung zum Stuhle …; es that ihm Noth, und wenn er sich dazu setzte, war stets der Trieb weg; der Mastdarm that seine Schuldigkeit nicht …a
Nöthigung zum Stuhle, ohne daß er etwas verrichten kann; es ist ihm, als wäre im Mastdarm alles eingepfropft.a
BrustDumpfes Drücken, wie von einem Pflocke, in der rechten Brustseite.a
ExtremitätenWaden-Klamm, beim Gehen.a
GefühlWie von einem Reifen oder Band um Körperteile.
Einige wichtige oder eigenartige Symptome von Anacardium
Nachmittags ist das Gedächtniß besser als Vormittags, obschon es erst später giebt, was es sogleich geben sollte …a
Er hat ein kleines Teufelchen im Ohr, das ihm gotteslästerliche Dinge einflüstert.
Alles Wahrgenommene erscheint ihm unwirklich, wie ein Traum.
Fixe Ideen: Er glaubt, doppelt zu sein; Gefühl, als sei der Geist ohne Zusammenhang mit dem Körper; ein Fremder sei ständig an seiner Seite; fremde Gestalten würden ihn begleiten, die eine links, die andere rechts.
Ihr Ehemann ist nicht ihr Ehemann, ihr Kind nicht ihr Kind.
Schreit laut, als würde er jemanden rufen.
Flucht gotteslästerlich, schwört, hält sich für einen Dämon.
Widerstreit zwischen der Vernunft und dem Willen.
Zustand, als habe er zwei Willen, von denen der eine rückgängig macht, wozu ihn der andere treibt.a
Im einen Ohr ein Teufel, im anderen ein Engel, die ihn dazu bewegen wollen, einen Mord zu begehen bzw. Gutes zu tun.
Feigheit.
Er nimmt Alles übel und wird heftig.a
Verstopftheitsgefühl im Ohr wie von Baumwolle oder einem Pfropfen.
Gefühl … beim Husten, als wollte der Bauch zerspringen.a
Durch und durch fahrende Stiche am Herzen, jedes Mal zwei kurz auf einander folgende.a
Schläfrigkeit nach Husten.
Steifheitsgefühl in den Unterschenkeln, als wären sie umwickelt.
Spann-Schmerz in der Wade …, als wären die Muskeln zu kurz.a
Wellenförmiges Zucken hie und da in den Unterschenkeln.a
Drückender oder durchdringender Schmerz wie von einem Pflocke in verschiedenen Körperteilen.
Stuhl-Drang, öfters des Tages, ohne daß er etwas los werden kann, viele Tage.a
Jeder Theil, den er unbewegt liegen läßt, schläft ihm ein.a
Guernsey schreibt: „Es gibt nur wenige Arzneien in der ganzen Materia medica, die Gedächtnisschwäche als so ausgeprägtes Charakteristikum aufweisen wie Anacardium; und indem es das Gedächtnis wiederherstellt, heilt es den Patienten oft auch von allen anderen Leiden. …
Vergisst alles; das Bewusstsein davon nimmt ihm jeglichen Appetit.
Er hat den Eindruck, als würden ihm ständig blasphemische Worte eingeflüstert, mit Bedürfnis, zu fluchen und zu schimpfen.
Fixe Ideen: doppelt zu sein; die Dinge sind nicht wirklich, alles erscheint wie ein Traum; Geist und Körper sind ohne Zusammenhang; ständig sind zwei Fremde an seiner Seite, einer links, der andere rechts; ihr Mann ist nicht ihr Mann, ihr Kind nicht ihr Kind; … er wird verfolgt; alles kommt ihm verdächtig vor; erwartet immer nur Ärger von allem. …
Er scheint gleichzeitig zwei verschiedenen Einflüssen unterworfen; der eine drängt ihn zum Töten, der andere, Gutes zu tun. …
Oftmals schreit er laut, wie um jemanden zu rufen. …
Gegenstände erscheinen zu weit entfernt. …
Alle Symptome verschwinden beim Essen, um anschließend wiederzukehren.“
(Dann die überall anzutreffenden Empfindungen ‚wie von einem Pflocke‘ und die eines Reifens oder Bandes um Körperteile.)
Kent betont folgende Punkte: Voller merkwürdiger Vorstellungen und fixer Ideen. Geistes- und Verstandesschwäche, bis hin zu völligem Schwachsinn. – Fühlt sich von allem und jedem belästigt; unwiderstehliche Neigung zu fluchen. – Liegt in ständigem Widerstreit mit sich selbst; Kontroverse zwischen zwei Willen, zwei Impulsen. – Halluzinationen: ein Dämon sitzt auf einer Schulter, ein Engel auf der anderen. – Wille und Vernunft sind einander entgegengesetzt.
„Von Mitteln wie Anacardium, AURUMaurum und argentum nitricumARGENTUM habe ich viel über die seltsamen Auswirkungen von Arzneien auf die menschliche Psyche gelernt. Die Psychologie des Menschen sollte viel mehr aus diesen Arzneiwirkungen auf Geist und Gemüt verstanden und entwickelt werden; denn dadurch kommen wir an Fakten heran und können viele Hypothesen ad acta legen.
Nichts ist wirklich; alles erscheint ihm wie in einem Traum. Fixe Ideen, dass er doppelt vorhanden sei … dass ein Fremder an seiner Seite sei. Einmal sieht er etwas und versteht es, ein andermal nicht mehr. Einmal sieht er, dass es sein Kind ist, und dann wieder nicht. … Einen Moment glaubt er, dass etwas so und nicht anders ist, doch im nächsten Augenblick findet er genügend Gründe, dass es nicht so ist. Wahnideen sind ein fortgeschrittenes Stadium der Sinnestäuschungen. Im Repertorium haben wir für beide Stadien oft dieselben Mittel; es ist nur eine Frage des Grades. … Er sieht z. B. einen Dämon, und zunächst sagt ihm sein Verstand, dass ein solcher natürlich nicht existiert – später aber möchte er, dass Sie ihn vertreiben. …
Fürchtet alles und jedes, hat Angst vor jedermann; Ängstlichkeit, als ob er verfolgt würde; glaubt, von lauter Feinden umgeben zu sein; voll innerlicher Angst, die ihn nicht ruhen lässt. … Jegliches Moralgefühl ist ihm abhanden gekommen. Ihm ist bisweilen nach Grausamkeiten zumute; er kann jemandem körperliche Verletzungen zufügen, ohne dabei etwas zu empfinden. Unbarmherzig, gehässig, bösartig.55

55

Hahnemann nennt in seinem Vorwort als bestätigendes Symptom: „Mangel an moralischem Gefühle (Verruchtheit, Gottlosigkeit, Unmenschlichkeit, Hartherzigkeit).“ Und eines der wenigen von Hahnemann hervorgehobenen Gemütssymptome, welches gewissermaßen die Voraussetzung für diesen Zustand darstellt, lautet: „Sehr gleichgültig und gefühllos; weder angenehme noch unangenehme Gegenstände erregen seine Theilnahme.“

… Geeignet bei religiösem Wahn, wobei auch hier ein Konflikt zwischen dem äußeren und dem inneren Willen besteht. …
Zittern und lähmungsartige Schwäche treffen wir bei Anacardium sehr häufig an. Tetanus. Epilepsie. …
Hauterkrankungen gleichen in vielerlei Hinsicht denen von RHUS.rhus toxicodendron TOXICODENDRON; erysipelähnliche Ausschläge … Anacardium ist ein häufiges Antidot bei RHUS-Vergiftungen. … Es scheint in seinen Symptomen nah mit der RHUS-Familie verwandt zu sein. “
Nash meint: „Anacardium orientale ist ein sehr wertvolles Mittel, doch weiß man es meines Erachtens in unserer Schule im Allgemeinen nicht genügend zu schätzen. So müsste es z.B. häufiger bei jener hydraköpfigen Beschwerde namens Dyspepsie zum Einsatz kommen, für die man so unterschiedslos NUX nux vomicaVOMICA verwendet.“ Und er hebt hervor, dass Anacardium nur dann Magenschmerzen hat, wenn der Magen leer ist, und dass diese durch Essen gelindert werden; NUX nux vomicaVOMICA dagegen geht es erst dann besser, wenn der Verdauungsvorgang vorüber ist. Die Schmerzen von NUX nux vomicaVOMICA sind die ersten zwei oder drei Stunden nach den Mahlzeiten am schlimmsten, doch halten sie nur so lange an, bis die Verdauung beendet ist, und dann kommt Erleichterung, während dies bei Anacardium genau die Zeit ist, wo das Leiden am größten ist. Nash fand in dieser Beziehung fast ebenso viele Anacardium- wie NUX-nux vomicaVOMICA-Fälle, und bei diesem Krankheitsbild hielt er die 200. Potenz für wirksamer als die niedrigeren. „Die Potenzwahl hat hier wie auch in anderen Fällen und wie bei allen Arzneien mehr mit dem Heilerfolg zu tun, als sich manche das vorstellen.“
Und bezüglich des Stuhlgangs stellt er fest: „NUX nux vomicaVOMICA hat zwar Stuhldrang, aber mit ungeordneter und oft auch übermäßiger Darmtätigkeit. Anacardium hat Stuhldrang, jedoch ohne ausreichende Peristaltik, um den Stuhl auszutreiben. Außerdem hat Anacardium das Gefühl eines zu entfernenden Klumpens oder Pfropfens im After, das der NUX-nux vomicaVOMICA-Patient nicht kennt.“

Anacardium, die Tintennuss,

Hat Pflockgefühle – von Kopf bis Fuß.

Lassen Sie sich hiervon leiten:

Innen Pflöcke, außen Reifen.

Unter zwei Willen muss er leiden,

Kann sich aber nicht entscheiden.

Das Simile ist nicht lang zu suchen,

Wo Patienten schimpfen oder fluchen;

Wo sie aber beten unaufhörlich,

Bleibt stramoniumSTRAMONIUM unentbehrlich.

Anacardium ist auch näher zu studieren,

Will man ein schwaches Gedächtnis kurieren.

Das Mittel wetteifert zuweilen mit nux vomicaNUX

Bei Dyspepsie – doch da liegt auch die Crux:

Bei Schmerzen, bis die Speisen sind verdaut,

Man auf die Brechnuss nicht umsonst vertraut;

Macht aber der leere Magen mehr Verdruss,

Heilen Sie den Kranken mit der Tintennuss!

Antimonium crudum

Weitere Namen: ‚Stibium sulphuratum nigrum‘; Schwefelspießglanz
antimonium crudumHahnemann schreibt in seinen Chronischen Krankheiten, der „gegrabene Schwefel-Spießglanz, diese aus fast metallisch glänzenden, parallelen, schwarzen Nadeln von der Natur zusammengefügte Verbindung von etwa 28 Theilen Schwefel mit 100 Theilen Spießglanz-Metall“ werde in gleicher Weise wie die übrigen trockenen Arzneistoffe für den homöopathischen Gebrauch zubereitet. Aus den Wirkungen desselben im gesunden menschlichen Körper werde man „dessen kleinster Gabe öftere Dienlichkeit in den geeigneten Fällen chronischer Krankheiten leicht wahrnehmen“.
Und weiter: „Wo der rohe Schwefel-Spießglanz nach seinen reinen Wirkungen homöopathisch befunden wird, da ist er desto dienlicher, wenn folgende Symptome mit zugegen sind:
Unleidlichkeit des Angreifens und Ansehens bei einem Kinde;
Blutdrang nach dem Kopfe;
Lästiges Jücken auf dem Kopfe, mit Ausfallen der Haare;
Röthe und Entzündung der Augenlider;
Böse Nasenlöcher;
Hitze und Jücken am Backen;
Schmerzen in hohlen Zähnen;
Langwieriger Appetit-Verlust;
Aufstoßen mit Geschmack des Genossenen;
Ekel, Uebelkeit und Brecherlichkeit von Magen-Verderbniß“, etc.
Mir ist leider nur eine begrenzte Zahl von Arzneien derartig zu Freunden geworden, dass sie stets zur Hand sind, um mir ihre Dienste anzubieten, während auf der anderen Seite Unmengen von ihnen bloße Namen geblieben sind und jeweils mühsam nachgeschlagen werden müssen. Antimonium crudum gehört dabei für mich mehr oder weniger in letztere Kategorie; genauer gesagt reduziert sich meine Vorstellung von der Antimonium-crudum-Persönlichkeit im Wesentlichen auf folgende Punkte: gefräßig, fett, sentimental, mit wunden Mundwinkeln und ‚kaputten‘ Füßen.
Doch das Mittel sollte auch in Erwägung gezogen werden in Fällen von „rheumatischen Entzündungen der Muskeln; gichtischen Leiden, auch mit Geschwulst und selbst mit Gichtknoten; … rheumatischen Muskelverkürzungen, mit Krümmung des Gliedes“ (Jahr, Symptomencodex der homöopathischen Arzneimittellehre). Sodann hat es, in Zusammenhang mit seiner Sentimentalität, das unwiderstehliche Bedürfnis, in Reimen zu reden oder ständig Verse aufzusagen; und angesichts seiner ‚schwärmerischen Liebe‘ soll es auch bei Folgen von enttäuschter Zuneigung von Nutzen sein (natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, calcarea phosphoricaCALCAREA PHOSPHORICA). Laut H. C. Allens Keynotes wechseln bei Antimonium crudum die Symptome häufig den Ort oder ziehen von der einen Körperseite zur anderen. (Vgl. hierzu lachesisLACHESIS – von links nach rechts; lycopodiumLYCOPODIUM – von rechts nach links; oder LAC lac caninumCANINUM – wenn die Symptome die Seite wechseln und wieder zurückkehren. Ich habe dies bei einer Diphtherie in Bezug auf lycopodiumLYCOPODIUM und bei einem Fall von Ovarialschmerzen in Bezug auf LAC lac caninumCANINUM bestätigt gefunden.)
Hauptsymptome56
Geist und GemütVerdrießlich, ärgerlich, ohne Ursache.a

56

Die Zusammenstellung habe ich um einige von Hahnemann, Allen oder Hering hervorgehobene Symptome ergänzt, die von M. Tyler wohl übersehen wurden (sie sind mit einer 0 markiert). Das a steht für Symptome aus den Chronischen Krankheiten Hahnemanns. Der Großteil der dort aufgeführten Symptome stammt aus der Prüfung von Caspari und Hartlaub, die erstmals 1828 im 1. Band der Reinen Arzneimittellehre von Hartlaub/Trinks veröffentlicht wurde, wo sie mit einer lesenswerten, ausführlichen Einleitung versehen ist. Hahnemann hat die Symptome wie üblich etwas gestrafft wiedergegeben; dabei sind in einigen Fällen wichtige Informationen unter den Tisch gefallen (vgl. Fußnote 57). In solchen Fällen habe ich den originalen Wortlaut bevorzugt und die entsprechenden Symptome mit einem b versehen.

Mürrisch, will mit Niemand reden.a
Lebensüberdruss.
Das Kind ist gereizt und quengelig, wendet sich ab und schreit, wenn es berührt wird.
Unleidlichkeit des Angreifens und Ansehens bei einem Kinde.0,a
Sentimentale Stimmung bei Mondschein, besonders in Form von schwärmerischer, ekstatischer Liebe.0
KopfschmerzenNach Baden in einem Fluss; von einer Magenverstimmung; von alkoholischen Getränken; nach Unterkühlung; nach Unterdrückung von Hautausschlägen; durch Erkältung.
AugenWundheit der äußeren Augenwinkel.
Röthe und Entzündung der Augenlider.a
Chronische Blepharo-Ophthalmie bei Kindern.
Nase, GesichtStockschnupfen.0,a
Wunde, aufgesprungene, schorfige Nasenlöcher.
Eiternder und langwieriger Ausschlag auf den Wangen.
ZähneZahnschmerz in einem hohlen Zahn, welcher manchmal in den Kopf zieht; < nachts, nach dem Essen, durch kaltes Wasser; das Berühren mit der Zunge tut weh, als wenn der Nerv geritzt würde; > in freier Luft.
Nagender Schmerz in kariösen Zähnen; nach jeder Mahlzeit.
MundWeiße Zunge (Magenkatarrh).
Zunge belegt: dick weiß; milchig weiß; gelb.
Wund schmerzende Risse in den Mundwinkeln …a
Die Lippen sind trocken.a
MagenHeftiger Durst mit Trockenheit der Lippen.a
Abends Durst und Neigung zum Trinken.a
Aufschwulken von Feuchtigkeit, mit Geschmack der genossenen Speise.a
Brot und besonders Gebäck verursachen Übelkeit und Leibschneiden.0
Erbrechen nach Genuss von saurem Wein.
Nach Genuss von Essig oder saurem Wein sehr dünner Stuhl.
Ständiger Abgang von Winden, nach oben und unten, sich sofort wiedererzeugend, jahrelang (geheilter Fall).
Aufstoßen mit Geschmack des Genossenen.a
Ekel, Uebelkeit und Brecherlichkeit …a – Erbrechen.
Magensymptome vorherrschend; Widerwille gegen Speisen und Getränke; Bitterkeit des Mundes, bitteres Erbrechen.
Schwacher Magen, leicht zu störende Verdauung.
Magenkatarrh: weiße Zunge, Übelkeit und Erbrechen; … verursacht durch Überessen, sauren Wein, heißes Wetter oder Baden; während Masern; als Metastase von Gicht oder Rheumatismus.
Rektum, StuhlSehr dünner Stuhlgang.a
Durchfall: Wässrig, mit unverdauten Speisen; wässrig, mit kleinen harten Klumpen; < durch Essig und andere Säuren, durch sauren Wein, durch Überhitzung, nach kaltem Baden, nachts und früh.
Diarrhö bei älteren Leuten.
Abwechselnde Diarrhöe und Verstopfung älterer Personen.a
Sehr schwerer, harter Stuhl.a
Ältere Leute mit Durchfall, die auf einmal verstopft werden.
Hämorrhoiden: mit Kriebeln und Brennen darin; mit beständiger geringer Absonderung gelbliche Flecken hinterlassenden Schleims; manchmal Blutwasser ausschwitzend.
Kehlkopf, Husten, BrustVerlust der Stimme, so oft er heiß ward …0,a
Husten …; der erste Hustenstoß ist jedesmal der stärkste, die folgenden werden immer schwächer, so daß der letzte nur einem kleinen Kächzen gleicht.a
Schmerz in der Brust, bei Fieberhitze.
Blennorrhoea pulmonum oder Phthisis mucosa.
Starkes, anhaltendes Jücken auf der Brust, den ganzen Tag über.a
RückenHeftiges Jücken.a
ExtremitätenArthritische Schmerzen in den Fingern.
Zieh-Schmerzen in den Fingern und ihren Gelenken.a
Gequetschte Fingernägel wachsen gespalten, wie Warzen, mit hornigen Tupfen.0
Zieh-Schmerz im linken Hüftgelenke …a
Große hornartige Stellen in der Fußsohle, nah an den Zehen.a
Große Empfindlichkeit der Fußsohlen gegen das Gehen …a
SchlafGroße Schläfrigkeit am Tage und früh nach dem Erwachen …a
Temperatur, WetterKann die Sonnenhitze nicht vertragen.
Erschöpft bei warmem Wetter.
Schlimmer durch Überhitzung in der Nähe eines Feuers.
Nach Überhitzung: Diarrhö.
Empfindlichkeit gegen Kälte; gegen das Einatmen kalter Luft; nach Erkältung.
Kaltes Waschen verschlimmert den Keuchhusten.
Kaltes Baden verursacht: heftige Kopfschmerzen; Kälte im Kopf; Magenkatarrh; Durchfall; Unterdrückung der Menses.
Gastrische FieberFieberhitze geht mit Schweiß einher.
Heftiger Frost ohne Durst; Hitze mit Durst, gefolgt von Schweiß.
Nachdem der Schweiß vorüber ist, kehren Hitze und Durst zurück.
GewebeSchleimhäute allgemein affiziert.
HautBeulen und Blasen, wie von Insekten-Stichen …, besonders im Gesichte und in den Gelenken der Gliedmaßen …0,a
Hornartige Gewächse.
Masernähnliche Ausschläge; verzögerte Masern; Erbrechen während der Masern.
Wichtige, bemerkenswerte oder sonderbare Symptome
(Hahnemann, Chronische Krankheiten)
Entschiedene Neigung, sich zu erschießen, Nachts, nicht zu einer andern Art des Selbstmordes; es nöthigte ihn, aus dem Bette zu steigen, weil er den Gedanken gar nicht los werden konnte.
Anhaltender Zustand schwärmerischer Liebe und ekstatischer Sehnsucht zu einem idealen weiblichen Wesen, das seine Phantasie ganz erfüllte; mehr beim Gehen in freier, reiner Luft als in der Stube; nach einigen Tagen, unter scheinbarer Verminderung des Geschlechtstriebes verschwindend.57

57

Antimonium crudum ist, orientiert man sich am Synthetischen Repertorium, das sentimentalste von allen Mitteln (Vithoulkas hat in der entsprechenden Rubrik Nux-v. in den 3. Grad und Staph. in den 2. Grad erhoben und Nat-m. zweiwertig ergänzt). In der Kent-Rubrik „Sentimentale Stimmung bei Mondschein“ erscheint Ant-c. als einziges Mittel und dreiwertig. Diese Einstufung beruht ursprünglich wohl darauf, dass Hering das hier angeführte Symptom in seinen Guiding Symptoms wie folgt wiedergegeben und besonders hervorgehoben hat: „Sentimental mood in the moonlight, particularly ecstatic love.“ Das Element des Mondscheins wird von Hahnemann nirgends erwähnt, weil es ihm offenbar nicht wichtig erschien. Das originale Symptom von Caspari lautet jedoch in seiner vollen – und zur Kürzung einladenden – Länge:„Nach einigen Tagen, während des Mondscheines, entstand ein mehre Tage anhaltender Zustand von ekstatischer, wiewohl nicht ganz rein geistiger Liebe zu einem ihm ganz unbekannten, blos idealen weiblichen Wesen, dessen Besitz er sehr sehnlich wünschte und sich sehr lebhaft vorstellte, deren Bild auch bisweilen seiner Fantasie äusserst lebhaft selbst geschaffen vorschwebte und sie ganz erfüllte. Beim Gehen in freier, reiner Luft war dieser Zustand am deutlichsten, weniger in der Stube, und machte ihn da äusserst heiter und schwärmerisch sanft. Einmal trat auch seiner Phantasie der Gedanke entgegen, dass er dieses Wesen vielleicht nicht erlangen könnte, und versetzte ihn in eine düstere, wilde Stimmung, oder dass er es durch den Tod verloren habe, und stimmte ihn höchst wehmüthig. Nach einigen Tagen verlor er sich allmählig und schien eine Verminderung des Geschlechtstriebes zurückzulassen.“

Größte Niedergeschlagenheit und traurige Stimmung.0
Wehmüthige, gereizte Stimmung …; der Ton der Glocken wie der Anblick seiner ganzen Umgebung rührt ihn bis zu Thränen …
Wüstheits-Gefühl im Kopfe …
Kopfschmerz, als wollte es die Stirn zersprengen; dabei war sie wie betrunken, saß allein und wollte nicht reden.
Kleine, Linsen große, platte Knötchen hie und da auf dem Haarkopfe, die beim Drücken schmerzen und im Umkreise kriebeln.
Brausen in den Ohren.
Arges Getöse in den Ohren, als wenn Jemand an das Hausthor klopfte.
Eine Art Taubheit des rechten Ohres, als wenn sich ein Blättchen vor das Trommelfell legte …
Schnupfen mit bösen, krustigen Nasenlöchern.
Aufgesprungenheit beider Nasenlöcher, mit Krusten.
Bluten der Nase …
Die Nase schmerzt beim Athmen, wie von Einathmen kalter Luft oder von Einziehen scharfer Dämpfe.
Brennendes Stechen, wie von einem Feuerfünkchen, am Kinne und auf der Oberlippe.
An dem Kinne und unter demselben, beim Befühlen, Empfindung, als streiche man über viele kleine wunde Stellen weg …
Mund-Trockenheit.
Kratzen am Gaumen …
Das Zahnfleisch klafft von den Zähnen ab und blutet leicht.
Viel salziger Speichel im Munde.
Schlucksen.
Uebelkeit mit Schwindel.
Heftiges Erbrechen mit Bangigkeiten.
Furchtbares, durch nichts zu stillendes Erbrechen.
Furchtbares Erbrechen mit Zuckungen.
Heftiges Erbrechen und Durchfall mit der größten Angst.
Gefühl im Magen, als hätte man zu viel gegessen, ohne Vollheit und bei Appetit.b
Schmerz im Magen, wie nach zu vielem Essen, bei aufgetriebenem, doch nicht hartem Leibe.
Brennen in der Herzgrube, wie Sood, bei gutem Appetite.
Brennend krampfhafter Schmerz in der Herzgrube …, der ihn zur Verzweiflung trieb und zum Entschluß, sich zu ersäufen.
Lautes Knurren im Unterbauche.
Sehr aufgetriebener Unterleib …
Vorfall des Mastdarmes beim Stuhlgange …
Ausleerung schwarzen Blutes durch den Mastdarm.
Stuhl erst natürlich, dann mehre kleine weiche, darauf eben so kleine harte Abgänge, mit heftigem Pressen …
Heftiger Kehl-Krampf in der Luftröhre und dem Schlunde, als wenn ein bald dicker, bald dünner werdender Pflock die Kehle ausfüllte, mit Wundheits-Gefühl.
Tod, durch Steckfluß [Erstickungskatarrh] … von einigen Granen Spießglanz.
Gefühl, als ob die Gliedmaßen vergrößert wären.58

58

Dieses Symptom ist Allens Encyclopedia entnommen.

Die Fingernägel wuchsen nicht so stark als sonst, und als beim Abschneiden die Scheere unter sie gedrückt ward, so war die Haut daselbst sehr empfindlich …b
Bläuliche Flecke auf den Schenkeln und Schienbeinen …b
Brand des Fußes, welcher ganz schwarz ist.
Unerträgliche brennende, stechende und reißende Schmerzen in einem brandig gewordenen Fuße, bei Unempfindlichkeit desselben gegen äußere Berührung und Stiche mit der Nadel hinein.
Hornartiger Auswuchs vorn unter dem Nagel der großen Zehe.0
Der Fuß ist so schwer, daß sie ihn nicht heben kann.
Stets kalte Füße, wie Eis.
Beide Fußsohlen bleiben sehr lange gegen das Steinpflaster empfindlich, und es bildeten sich nahe am Anfange der Zehen große, hornartige Stellen, die wie Hühneraugen schmerzten und nach dem Ausschneiden immer von Neuem entstanden.b
Ungeheure Geschwulst des ganzen Leibes.
Wassersüchtige Geschwulst des Leibes.
Fettwerden. – Oder: Abmagerung und Entkräftung.
Schlagfluss mit so gewaltigem Speichelflusse, dass er durch Nase und Mund wohl ein Maß schäumendes Wasser von sich gab.
Große Schläfrigkeit am Tage …
Abends 7 Uhr befällt sie ein fast unüberwindlicher Schlaf …
Nash macht uns besonders auf die folgenden Charakteristika aufmerksam:
  • auf den dicken, milchig-weißen Belag auf der Zunge, der bei vielen Beschwerden vorkommen kann;

  • auf die Störungen aufgrund von Überfüllung des Magens, besonders mit fetten Speisen; Übelkeit;

  • auf die Fingernägel, die, wenn sie verletzt worden sind, warzenähnlich zersplittert weiterwachsen und hornige Tupfen aufweisen;

  • auf die Hühneraugen und Schwielen an den Fußsohlen, die höchst empfindlich sind, sodass er nur unter Schmerzen gehen kann;

  • auf das Abwechseln von Verstopfung und Durchfall bei älteren Leuten, besonders wenn sie die typische (weiße) Zunge zeigen.

  • auf die Abneigung der Kinder, angefasst oder angesehen zu werden; sie reagieren schnell ärgerlich und gereizt.

Er sagt, viele Mittel haben eine weiße Zunge, doch dieses führt sie alle an; es ist eine dick belegte, weiße Zunge, so weiß wie Milch. (Einmal habe ich eine nicht belegte, aber ganz weiße Zunge gesehen; soweit ich mich erinnere, war auch in diesem Fall Antimonium crudum das Mittel, das rasche Heilung brachte.)
„Antimonium crudum ist ein großes Magenmittel – bei Störungen, die durch Überessen entstehen. … Vor allem ist es in Betracht zu ziehen, wenn die Magenverstimmung noch nicht lange zurückliegt. Der Verdauungsprozess ist noch nicht recht in Gang gekommen, und das Aufstoßen schmeckt noch nach den Speisen, die er zu sich genommen hat. Der Leidende hat das Gefühl, sich unbedingt übergeben zu müssen, bevor er sich erleichtert fühlen könne. Ein paar Kügelchen Antimonium crudum auf die Zunge werden diesem Vorgang oft einen Riegel vorschieben; sie werden verhindern, dass er die Mahlzeit wieder von sich geben muss, und ihm weiteres Leid ersparen.“
Dann die eigentümlichen Stühle, die (z.B. bei Sommerdiarrhö) teils fest und teils flüssig sind. Eine weitere Form der Diarrhö alterniert mit Obstipation; diese findet sich zumeist bei alten Menschen, und hier ist Antimonium crudum das einzige Mittel.
„Auch einige Gemütssymptome sind sehr typisch: die große Niedergeschlagenheit und traurige Stimmung; die sentimentale Stimmung bei Mondschein, besonders ekstatische Liebe; ‚das Kind erträgt es nicht, berührt oder angesehen zu werden‘. … Das letztere Symptom ist ein wahres Juwel.“
Durch ebendiesen Gemütszustand, so Nash, sei er nämlich oft in Fällen von Wechselfieber oder gastrischem Fieber zu Antimonium crudum geführt worden. „Das Kind ist quengelig, doch möchte es nicht, wie chamomillaCHAMOMILLA, umhergetragen und beruhigt werden, im Gegenteil: bei der geringsten Aufmerksamkeit, die man ihm schenkt, schreit und heult es und wird wütend. In vielen dieser Fälle wird das Fieber nachts höher und ist mit Durst verbunden; und fast immer ist auch die weiße Zunge vorhanden.“
Er erwähnt die gespaltenen Fingernägel mit hornigen Tupfen und die Fußnägel, die sich verformen oder zusammenschrumpfen und überhaupt nicht mehr wachsen; ferner die sehr empfindlichen Hühneraugen und Schwielen. (Hier erinnere ich mich an einen mit Antimonium crudum geheilten Fall.) Einige der schlimmsten Fälle von chronischem Rheumatismus sind, wie er weiter schreibt, durch dieses Mittel geheilt worden, wobei die große Empfindlichkeit der Fußsohlen das Leitsymptom war. „Hornartige Gewächse, wo immer sie auf der Haut entstehen, lassen einen an Antimonium crudum denken.
Das Mittel wird sehr häufig am Anfang und Ende des Lebens, bei Kindern und bei alten Leuten, benötigt.“
Bezüglich der Modalitäten weist er besonders auf die Entstehung oder Verschlimmerung von Beschwerden durch Sonnenhitze oder die Strahlungswärme eines Feuers hin. Auch kaltes Baden kann zu Beschwerden führen oder sie verschlimmern. Nash sagt: „Wenn wir ein bereits lange bestehendes Leiden zu behandeln haben und der Patient dieses darauf zurückführt, dass er schwimmen gegangen oder ins Wasser gefallen ist, müssen wir an Antimonium crudum denken und nach weiteren Hinweisen forschen.“ (NB – Burnetts großes Mittel hierfür war bellis perennisBELLIS PERENNIS.)
Hughes bringt in seinen Pharmacodynamics nur eine sehr knappe Darstellung dieses Mittels; doch er zitiert Dr. Clotar Müller hinsichtlich seiner außerordentlichen Wirksamkeit bei Hauterkrankungen: „Ich habe Grund zu der Annahme, dass Antimonium crudum ein unschätzbares Heilmittel ist, wo papulöse, pustulöse, blatternartige oder furunkulöse Ausschläge primär oder sekundär entstehen, besonders wenn zur gleichen Zeit starkes und anhaltendes stechendes Jucken der Haut besteht und nach Reiben Empfindlichkeit und Wundheitsgefühl derselben zurückbleibt; vor allem ist es von Nutzen, wenn diese Erscheinungen im Gesicht oder an den Genitalien auftreten.“
In Bezug auf die hornigen Stellen auf den Fußsohlen zitiert Hughes einen Fall aus der Literatur, bei dem eine solche Verhornung, die seit zwanzig Jahren bestanden hatte und sehr empfindlich war und sich über die ganze Sohle erstreckte, innerhalb kurzer Zeit durch dieses Mittel behoben wurde.
Kent betont, dass die meisten Symptome von Antimonium crudum direkt oder indirekt mit dem Magen in Zusammenhang stehen. An welchen Beschwerden die Patienten auch leiden mögen, der Magen ist fast immer mit beteiligt.
„Es ruft eine gravierende Gemütsstörung hervor, nämlich ein Fehlen des Wunsches zu leben. Wenn ich einen Patienten klagen höre: ‚Ach, Herr Doktor, wenn ich doch nur sterben könnte‘, dann mag ich einen solchen Fall nicht – dann gibt es irgendeine tiefsitzende Störung im Organismus, die nur schwer zu beheben ist. … Der Erschöpfungszustand ist mit dem von arsenicumARSENICUM vergleichbar, doch arsenicumARSENICUM hat überwältigende Angst vor dem Tod, während diese Arznei von Lebensüberdruss gekennzeichnet ist. … Diese übererregbaren, ernsten, nervösen, hysterischen Mädchen und Frauen sind zutiefst ergriffen von dem warmen Licht, das durch ein farbiges Glasfenster fällt, oder von dem sanften Licht des Mondes. Das ist es, was mit ‚sentimentale Stimmung bei Mondschein‘ gemeint ist; es ist ein hysterischer Zustand, ein wirrer Ausbruch der Gefühle, von Gefühlen, wie sie nur bei jemandem zu erwecken sind, der krank ist oder dessen Nervensystem allgemein aus dem Gleichgewicht geraten ist. …
Schlimmer durch feuchtkaltes Wetter, durch kaltes Baden. … Dennoch treten viele Symptome im Sonnenschein oder am offenen Kaminfeuer auf. Ein Kind mit Keuchhusten hustet mehr, wenn es vor einem Kaminfeuer sitzt. …
Anhaltende Übelkeit, ein ständiges Gefühl von Überladung des Magens, als hätte er zu viel gegessen, selbst dann, wenn er gar nichts zu sich genommen hat. Er fühlt sich aufgebläht, obwohl der Bauch ganz flach ist. … Gichtkranke, bei denen die Knoten an Fingern und Gelenken plötzlich nicht mehr weh tun, dafür aber Magen und Därme aufgetrieben werden und schmerzen. …
Die Haut ulzeriert leicht und neigt zu Warzen- und Schwielenbildung, zu minderwertigen Nägeln und Haaren. … Die dicke Hornhaut an den Fußsohlen ist beim Gehen sehr empfindlich, weil sie an vielen Stellen kleine Hühneraugen aufweist. … Warzen an den Händen. … Nägel spröde, missfarbig oder schwarz, können kaum geschnitten werden.“

Antimonium tartaricum

Weitere Namen: Tartarus emeticus (stibiatus); Brechweinstein
antimonium tartaricumHering sagt von diesem Arzneimittel: „Eine Erfindung der Alchimisten; bei diesen sehr beliebt, wurde es bald von der französischen Akademie der Wissenschaften verboten, um schließlich doch von der alten Schule eingeführt zu werden, welche dann häufig Gebrauch davon machte – und ebenso häufig Missbrauch damit trieb.“
Heutzutage, schreibt Farrington, macht die alte Schule nicht mehr viel Aufhebens von Tartarus emeticus. Auch die gegenwärtige Lehrmeinung in der Schulmedizin geht in diese Richtung, heißt es doch bei Hale White 59

59

Sir William Hale White: Materia Medica, Pharmacy, Pharmacology and Therapeutics; viel benutztes schulmedizinisches Lehrbuch, das von 1892 bis 1963 32 Auflagen erlebte.

: „Tartarus emeticus wurde vor vielen Jahren in Form einer Salbe als Gegenreizmittel angewandt; es verursacht jedoch zu viel Schmerzen und wird jetzt nur noch selten gebraucht.“ Auch als Brechmittel könne Tartarus emeticus „nicht empfohlen werden; seine Wirkung ist langsam, umso größer aber seine allgemein depressorische Wirkung. Niemals sollte es als Abführmittel benutzt werden.“ Ebenso hält man es für ein „nicht wünschenswertes Expektorans“. All diese Warnungen sind durchaus berechtigt! „Die einzigen Fälle, wo es erlaubt ist, sind die, bei denen ein Emetikum benötigt wird wegen Laryngitis, Bronchitis oder anderer akut entzündlicher Zustände der Atemwege, denn dann ist eine depressorische Wirkung auf den Kreislauf möglicherweise von Vorteil; gewöhnlich ist in diesen Fällen aber ipecacuanhaIPECACUANHA vorzuziehen.“
Von seiner Verwendung für das Muskel- und Nervensystem habe man „inzwischen wieder Abstand genommen“, und insgesamt werde es „heute in der Medizin viel seltener gebraucht als in früheren Zeiten“.
Wie wir sehen, ist die alte Schule mit ihren primitiven Methoden und groben Dosierungen nicht in der Lage zu erkennen, welch wertvolle Lebensretter ihr zu Gebote stehen, und so überlässt sie die nützlichsten Heilmittel ganz den Jüngern Hahnemanns.
Antimonium tartaricum, „weinsteinsaures Spießglanz“, wurde von Hahnemann und einigen seiner Schüler geprüft, doch wurden diese Prüfungen nur in Stapfs Archiv60

60

Gesammelte Arzneimittelprüfungen aus Stapfs „Archiv für die homöopathische Heilkunst“ (1822 – 48) (-Gyspser, Waldecker, Wilbrand), Bd. 1–4, Heidelberg 1991–94.

veröffentlicht. Auch in unserer Krankenhausbibliothek ist dieses Archiv vorhanden, nur stöbere ich nicht gern in den alten deutschen Büchern, wenn ich das gewünschte Material ebenso in späteren englischen Werken nachschlagen kann – denn natürlich erscheint Hahnemanns [bzw. Stapfs] Prüfung auch bei Allen, Hering usw.
Hering (Guiding Symptoms) macht zudem „von der meisterlichen Monographie von Dr. K. Hencke aus dem Jahre 1874 Gebrauch, der darin alle Vergiftungen, Prüfungen und Heilungen zusammengetragen hat“.61

61

Henckes Zusammenstellung wurde im 88. Band der A.H.Z. veröffentlicht; sie erscheint teilweise auch in Allens Encyclopedia.

In den Händen von Homöopathen ist Antimonium tartaricum ein sehr wertvolles und unverzichtbares Heilmittel. Es hat unzählige Menschenleben gerettet, vor allem Säuglinge und Kleinkinder, die wegen Bronchitis und Bronchopneumonie zyanotisch waren und dem Tode nahe schienen; und – am anderen Ende des Lebens – alte Menschen, mit Rasseln und Giemen auf der Brust, die Lungen voller Schleim und ohne die Kraft, diesen herauszubefördern. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die an einen kleinen Bruder: wie er nach Luft schnappte und wie blau seine Lippen und Nägel waren – das Sorgenkind unserer Mutter! Und ich erinnere mich, wie sie unserem Hausarzt das Heft aus der Hand nahm und dem Baby ein paar von den süßen kleinen Kügelchen in den Mund schob – so machtlos scheinbar! – und doch so mächtig, wenn sie dem Krankheitsbild entsprachen. Und dann die Überraschung des allopathischen Doktors bei seiner nächsten Visite … wonach er nur noch zusah, während unsere Mutter die Verordnungen traf!
Mit dem Wissen um das Ähnlichkeitsgesetz könnte man mit einer allopathischen Materia medica, wenn man auf eine solche angewiesen wäre, recht gute und sogar heilende Dienste leisten, sofern man nur die Contraria-Regel, was deren Deduktionen und Lehren betrifft, außer Acht lässt und sich hütet vor den allopathischen Hinweisen und Dosierungsempfehlungen. Sie sind für uns nicht maßgebend!
Die alte Schule bezeichnet Tartarus emeticus als starkes Hautreizungsmittel … Gerade diese Wirkung nutzen wir und geben das Mittel innerlich bei ebenjenen heftigen Reizzuständen der Haut, die es hervorrufen kann. So habe ich beispielsweise wiederholt beobachtet, wie ein oder zwei Gaben Antimonium tartaricum CM eine Impetigo contagiosa innerhalb weniger Tage zur Abheilung brachten, ohne irgendwelche äußerlichen Anwendungen, abgesehen von ein wenig einfachem Stärkemehl, um die Absonderungen aufzusaugen. Ich erinnere mich, wie einmal ein junger Mann mit seinen zwei kleinen Schwestern zu uns in die Ambulanz kam; alle drei hatten ausgedehnte Herde dieser infektiösen Pyodermie im Gesicht, und bei einem der Mädchen war sogar schon der Hals befallen. Wie gewöhnlich reichte bei ihnen Antimonium tartaricum CM völlig aus. Pustulöse Ausschläge – wie z.B. die Pocken, wo Antimonium tartaricum zu unseren nützlichsten Arzneien gehört. Zu unseren großen Heilmitteln bei pustulösen Ausschlägen zählen daneben cicuta virosaCICUTA, RHUS,rhus toxicodendron THUJAthuja und vor allem variolinumVARIOLINUM – Burnetts großes Herpesmittel, nebenbei bemerkt! –, je nachdem, inwieweit sie jeweils mit den übrigen Symptomen übereinstimmen. Darüber hinaus werden wir, wie ja auch immer wieder in der Literatur hervorgehoben wird, Antimonium tartaricum bei Magen-Darm-Erkrankungen angezeigt finden, ganz zu schweigen von seinem großartigen Nutzen bei Atemwegs- und Lungenleiden und hier besonders bei den Pneumonien und Bronchopneumonien der Kleinkinder. Die hohe Mortalität der alten Schule bei diesen Erkrankungen ist unter homöopathischer Behandlung praktisch kein Thema mehr.
Hughes schreibt (in seinen Pharmacodynamics): „Die am besten bekannte Wirkung von Tartarus emeticus – die, welcher es seinen Namen verdankt – ist seine Fähigkeit, Übelkeit und Erbrechen zu erzeugen. Die Übelkeit, die es erregt, ist sehr intensiv und langanhaltend“; und er zitiert ein hilfreiches kleines Arzneibild:
„‚Das Gesicht ist blass, die Haut kühl, feucht und schlaff, der Puls schwach, beschleunigt, oft unregelmäßig. Der Speichel fließt reichlich, und gewöhnlich werden Empfindungen von Unbehagen im Magen, von Trägheit und ungewohnter Mattigkeit wahrgenommen, die zuweilen höchst quälend sind; das kann so weit gehen, dass sie, wenn sie lange fortbestehen, den Patienten körperlich und seelisch aufs äußerste erschöpfen und allen Dingen, ja selbst dem Leben gegenüber gleichgültig werden lassen.‘ Zu diesen Symptomen sollte ergänzt werden: allgemeine Muskelerschlaffung.“
Hughes zitiert Vergiftungsfälle bei Hunden: „Die Lungen waren stets mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen: durch und durch orangerot oder violett verfärbt, ohne Crepitatio, blutgefüllt und in einigen Bereichen hepatisiert. … Lepelletier bestätigte unabhängig davon diese Beobachtungen und bemerkte naiv: ‚Man sollte meinen – unterstellt, seine Wirkung auf den Menschen ist ähnlich –, dass die Verabreichung des Mittels bei Lungenentzündungen alles andere als nützlich, vielmehr unbedingt schädlich sein müsse; aber dem ist keineswegs so, denn anstatt die Anschoppung der Lungen zu begünstigen, treibt es deren Lösung voran.‘“
Farrington nennt die Charakteristika dieses Mittels und gibt wertvolle Hinweise: „Benommenheit des Kopfes; Hitze der Stirn; der Kopf ist wie betäubt, mit einem Gefühl, als solle er schlafen (ein häufiges Symptom passiver Hirnkongestion). … Handelt es sich um ein Kind, bemerken wir, dass es nicht angesehen oder angefasst werden will. Beharren Sie auf Ihrer unwillkommenen Zuwendung, können Sie damit durchaus einen Krampfanfall auslösen.
Beim Erwachen aus dem Schlaf scheint das Kind ganz benommen zu sein; gleichzeitig ist es so überaus reizbar, dass es zu heulen anfängt, wenn man es nur ansieht.
Antimonium tartaricum ist oft indiziert bei unterdrückten Hautausschlägen, wenn daraus die oben angegebenen Kopfsymptome … und/oder Atembeschwerden resultieren. Das Gesicht ist bläulich oder hochrot, das Kind wird immer schläfriger, und Zuckungen treten auf. Es besteht rasselnde Atmung. … Diese Symptome begleiten zwei große Gruppen von Phänomenen, wo Antimonium tartaricum sich als nützlich erweisen kann, nämlich Lungen- und Magen-Darm-Affektionen.
Bei Kindern ist es ein unschätzbares Mittel bei Lungenerkrankungen, … wenn, was sehr oft der Fall ist, das Kind husten muss, sobald es zornig wird. Auch nach jedem Essen kann Husten auftreten, der mit Erbrechen des Genossenen und von Schleim endet. …
Ein Säugling lässt plötzlich von der Brust ab und schreit wie außer Atem; es scheint ihm besser zu gehen, wenn er aufrecht gehalten und umhergetragen wird. Nun, dies ist möglicherweise der Beginn einer Bronchiolitis. Bei der Auskultation finden Sie wahrscheinlich über der ganzen Brust einzelnes Knisterrasseln. Hier kupiert Antimonium tartaricum den gesamten Krankheitsprozess und erspart so dem Kind viel Leid. Es gibt noch eine andere Hustenform …, nämlich Husten, der mit ausgeprägtem Pfeifen beim Atmen einhergeht. Der Husten hört sich locker an, und doch bringt das Kind keinen Schleim heraus. Dies verstärkt sich immer mehr, bis das Kind schließlich schläfrig wird. Sein Kopf ist heiß und schweißgebadet. Dann kommt der Husten immer seltener, der Puls wird schwach und Zyanosezeichen erscheinen. Je schneller Sie in solchen Fällen Antimonium tartaricum verabreichen, desto besser ist es für Ihren Patienten.
Das Mittel ist auch bei Erkrankungen alter Leute häufig angezeigt, insbesondere bei Orthopnoe oder drohender Lungenlähmung. Sie hören laute Rasselgeräusche in der Brust, und doch kann der Kranke den Schleim nicht herausbringen. Hier ist baryta carbonicaBARYTA CARBONICA komplementär zu Antimonium tartaricum und folgt oft, wenn Letzteres nur teilweise geholfen hat. …
Bei drohender Lungenlähmung muss Antimonium tartaricum mit mehreren anderen Arzneien verglichen werden: mit lachesisLACHESIS, das Verschlimmerung beim Erwachen aus dem Schlaf hat; mit kalium jodatumKALIUM JODATUM, vor allem wenn Lungenödem und viel Schleimrasseln in der Brust bestehen und das bisschen Auswurf, das herauskommt, grünlich ist und schaumig wie Seifenwasser.
CARBOcarbo vegetabilis VEGETABILIS kann ebenfalls in solchen Fällen geeignet sein, aber hier ist das Rasseln verbunden mit kaltem Atem und Kälte der unteren Extremitäten, von den Füßen bis zu den Knien.
moschusMOSCHUS kommt in Frage, wenn lautes Schleimrasseln besteht und der Patient unruhig ist. Es ist besonders nach Typhus indiziert. Der Puls wird immer kraftloser, und schließlich wird der Kranke ohnmächtig (ammonium carbonicumAMMONIUM CARBONICUM). …
Antimonium tartaricum produziert ein vollkommenes Bild der Pleuropneumonie. Bestimmte Bereiche der Lunge sind paralysiert. Feine Rasselgeräusche sind selbst über den hepatisierten Teilen zu hören. Starke Atembeklemmung, besonders gegen Morgen. Der Kranke muss aufsitzen, um atmen zu können. …
Es erzeugt Pusteln, die nahezu identisch sind mit jenen der Pocken. …
Bei Erkrankungen des Darmtrakts … hat es große Ähnlichkeit mit veratrum albumVERATRUM ALBUM; der Unterschied ist: veratrum albumVERATRUM hat mehr kalten Schweiß auf der Stirn, Antimonium tartaricum hat mehr Schläfrigkeit.“
Nash fasst wie gewöhnlich die Wirkung von Antimonium tartaricum in wenigen wichtigen Sätzen zusammen:
„Starke Schleimansammlung in den Atemwegen, mit groben Rasselgeräuschen und Unfähigkeit zu expektorieren; drohende Lungenlähmung.
Gesicht sehr blass oder zyanotisch infolge ungenügend oxidierten Blutes.
Große Schläfrigkeit bei den meisten Beschwerden, bis hin zu Sopor und Koma.
Heftige Übelkeit und viel Erbrechen, mit großer Erschöpfung; allgemeine Kälte, kalte Schweiße und Schläfrigkeit.
Zittern: innerlich; Kopf und Hände.
Dicke, pockenähnliche Ausschläge oft erbsengroßer Pusteln.
Linderung durch Expektoration.
Ein Mittel für Lebensanfang und Lebensende – Kindheit und Alter.
Das Kind klammert sich an die Umstehenden; will ständig getragen werden; lässt sich nicht anfassen, ohne jämmerlich zu schreien; will Sie nicht den Puls fühlen lassen.“
Und Nash sagt: „Die Übelkeit dieses Mittels ist genauso groß wie die von ipecacuanhaIPECACUANHA, aber nicht so beständig, und es besteht Erleichterung nach dem Erbrechen. …
Wenn Antimonium tartaricum nur die eine Heilkraft besäße, die es auf die Atmungsorgane ausübt, so wäre es für uns bereits unentbehrlich. Wie auch immer der Name der Krankheit ist, ob Bronchitis, Pneumonie, Keuchhusten oder Asthma: Wenn starke Schleimansammlung mit grobem Rasseln besteht oder langsames Anfüllen mit Schleim, dieser aber anscheinend nicht abgehustet werden kann, dann ist Tartarus emeticus das erste Mittel, an das wir denken müssen. Dies gilt für jedes Lebensalter und für jede Konstitution, vor allem aber gilt es für Kinder und für alte Menschen.
Es gibt ein Symptom, das in solchen Fällen sehr wahrscheinlich anzutreffen ist, und das ist große Schläfrigkeit oder Schlafsucht, die manchmal bis zum Koma gehen kann. …
Bei Pneumonie können sowohl Tartarus emeticus als auch OPIUMopium soporös sein; doch um die richtige Mittelwahl braucht man nicht verlegen zu sein, denn bei OPIUMopium ist das Gesicht düsterrot bis purpurfarben, und möglicherweise ist auch stertoröse oder Seufzeratmung vorhanden. Bei Tartarus emeticus hingegen ist das Gesicht stets blass oder zyanotisch, ohne jede Röte62

62

Dies steht in scheinbarem Widerspruch zu den Angaben Farringtons. Wenn man sich aber die Fallbeschreibungen bei Hencke ansieht, scheint ein rotes oder hochrotes Gesicht nur bei kruppösem oder katarrhalischem Husten (wohl durch die Anstrengung) aufgetreten zu sein. In einem Fall von Pneumonie war das Gesicht allerdings von livider Röte. In allen anderen Fällen, bei Durchfall, Cholera, fieberhaftem Bronchialkatarrh sowie bei allen Vergiftungen war das Gesicht dagegen bleich, bläulich, erdfahl, leichenfarbig etc.

, und die Atmung ist nicht stertorös.“
Er sagt ferner: „Antimonium tartaricum ist auch eines unserer Hauptmittel bei Hepatisation der Lunge, die nach einer Pneumonie bestehen bleibt. Bei der Perkussion findet sich gedämpfter Klopfschall, die Atemgeräusche sind schwach oder fehlen ganz; der Kranke ist kurzatmig und weiterhin blass, schwach und schläfrig.“
Kents Arzneibild von Antimonium tartaricum ist wundervoll; lassen Sie mich daraus in geraffter Form zitieren. Er schreibt: „So ziemlich das erste, was wir bei einem Antimonium-tartaricum-Patienten sehen, drückt sich in seinem Gesicht aus. Es ist bleich und kränklich – die Nase spitz und zusammengezogen – die Augen eingefallen und mit dunklen Ringen darum – die Lippen blass und schrumpelig – die Nasenlöcher weit geöffnet, flatternd und innen dunkel und rußig aussehend. Es ist ein leidender Gesichtsausdruck! Die Luft im Krankenzimmer ist mehr stechend als übelriechend und lässt Sie die Anwesenheit des Todes spüren. …
Wir finden diesen Zustand, dieses Aussehen bei katarrhalischen Patienten, bei Menschen mit völlig zerrütteter Gesundheit, bei schwächlichen Kindern, bei alten Leuten. Katarrhalische Zustände der Luftröhre und der Bronchien. Und wir hören grobes Rasseln oder Blubbern in der Brust – grob wie das ‚Todesröcheln‘ eines Sterbenden. Die Lunge füllt sich ständig wieder mit Schleim; anfangs ist der Kranke vielleicht noch in der Lage, diesen auszuwerfen, schließlich aber erstickt er daran aufgrund der zunehmenden Schwäche von Brust und Lungen. Es ist ein paralytischer Zustand der Lungen, wie er bei schweren Grippeverläufen eintreten kann. … Die ersten Tage der Krankheit weisen noch nicht auf Antimonium tartaricum hin. Solange die Reaktionsfähigkeit gut ist und die Kräfte des Patienten vorhalten, werden Sie dieses hippokratische Gesicht nicht sehen, ebenso wenig die Entkräftung, die Kälte, den kalten Schweiß. Sie werden auch das Rasseln in der Brust nicht hören, denn all dies sind Symptome, die eine Passivität der Lebenskraft anzeigen. Antimonium tartaricum aber beinhaltet Schwäche und Reaktionsmangel!“
Kent vergleicht Antimonium tartaricum mit ipecacuanhaIPECACUANHA, das (wie auch bryoniaBRYONIA) nur im ersten Stadium der Erkrankung in Frage kommt. Er sagt: „ipecacuanhaIPECACUANHA hat auch etwas von diesen groben Rasselgeräuschen, doch gehen sie mit großer Expulsivkraft der Lungen einher. Antimonium tartaricum hat grobes Rasseln, das erst nach vielen Tagen entsteht, ipecacuanhaIPECACUANHA hat es in den ersten Krankheitstagen. Wie dieses hat auch Antimonium tartaricum Husten, Würgereiz, das würgende Erbrechen, jedoch erst später, im Stadium der großen Erschlaffung, Erschöpfung und Kälte. Wenn Sie einen solchen Patienten husten hören, drängt sich Ihnen unmittelbar der Eindruck auf, dass bei ihm eine tiefgehende Schwäche der Lungen bestehen muss. Die Lungen haben die Kraft verloren, mit Hilfe tiefen Einatmens eine austreibende Hustenaktion herbeizuführen. So ist die Brust voller Schleim, und es rasselt darin; der Husten ist ein röchelnder Husten, aber der Schleim kommt nicht oder nur in so geringen Mengen heraus, dass es keine Erleichterung bringt. Langsam geht es mit dem Patienten zu Ende, er erstickt durch Kohlendioxidvergiftung als Folge der ungenügenden Kraft zur Expektoration. …
Ungleich aconitumACONITUM, belladonnaBELLADONNA, ipecacuanhaIPECACUANHA und bryoniaBRYONIA, bei denen die Krankheit mit Gewalt hereinbricht, ist bei Antimonium tartaricum das genaue Gegenteil zu beobachten: geringes Fieber, kalter Schweiß, Kälte, Erschlaffung, hippokratisches Antlitz. … Die meisten schweren Fälle von Bronchitis oder Pneumonie sterben in einem Antimonium-tartaricum-Zustand. … Diese Schwäche finden wir oft bei sehr alten Leuten, die seit Jahren an Bronchialkatarrhen zu leiden hatten. Jeder stärkere Kälteeinbruch im Winter lässt den Katarrh exazerbieren, mit dickem, weißem Schleim sowie mit Dyspnoe; der Kranke muss aufrecht sitzen und will angefächelt werden; er kann nicht liegen, weil er dann nur schwer atmen kann und sich noch mehr Schleim in der Brust ansammelt. Antimonium tartaricum wird ihm, bevor ihn endgültig der Tod ereilt, noch über viele Zustände dieser Art hinweghelfen. … Ist der Auswurf gelb und eitrig, so wird ammoniacumammoniacum den Patienten viele Winter überstehen lassen; und Antimonium tartaricum, wenn er weiß ist und verbunden mit Erschöpfung, Schweiß, Kälte und blass-zyanotischem Gesicht.“ Merke: Bei Antimonium tartaricum ist das Sputum weiß.
Weiter schreibt Kent: „Der Patient mag es nicht, wenn man sich mit ihm beschäftigt oder ihn belästigt. Alles fällt ihm schnell zur Last. Das kranke Kind will nicht, dass man es anfasst, anspricht oder auch nur ansieht. Es möchte in Ruhe gelassen werden. Der Säugling jammert und wimmert unaufhörlich. … Der Antimonium-tartaricum-Patient ist immer schlechter Laune, soll heißen, er ist extrem reizbar, wenn er gestört wird. …
Bei den meisten Beschwerden dieser Arznei besteht kein Durst. Im Allgemeinen stehen die Angehörigen bei solchen Atemnotanfällen um den Kranken herum und haben das Bedürfnis, irgendetwas zu tun, und sei es nur, ihm ein Glas Wasser zu reichen. Dieser Patient aber reagiert gereizt, wenn man ihm einen Schluck Wasser anbietet. Er fühlt sich belästigt und macht aus seiner Verärgerung kein Hehl. Das Kind knurrt beleidigt, wenn man ihm etwas zu trinken geben will. Durstlosigkeit bei all diesen Bronchialbeschwerden mit starker Schleimabsonderung und Rasseln auf der Brust. …
Verlangen nach sauren Dingen, saurem Obst, doch es wird ihm nur übel davon. Magenbeschwerden von Essig, von Saurem – saurem Wein, saurem Obst. Abscheu gegen Milch und jede andere Art von Nahrung; vor allem aber von Milch wird ihm elend, sie verursacht Übelkeit und Erbrechen, Magen und Bauch werden von Blähungen aufgetrieben. …
Mit den Magen-Darm-Symptomen geht diese beständige Übelkeit einher, doch es ist mehr als bloße Übelkeit, es ist ein ungeheurer Ekel vor jeglichen Speisen und Nahrungsmitteln: Nausea mit einem Gefühl, sterben zu müssen, wenn nur irgendetwas in seinen Magen gelangt; keine bloße Abneigung gegen Speisen, keine gewöhnliche Übelkeit, wie sie Erbrechen vorangeht, sondern regelrechter Ekel, etwas zu sich zu nehmen. Wohlmeinende Angehörige möchten oft, dass er etwas isst, denn möglicherweise hat er den ganzen Tag noch nichts gegessen; doch allein beim Gedanken daran bekommt er bereits schlechter Luft. Der bloße Gedanke ans Essen verstärkt seine Dyspnoe, seine Übelkeit, seinen Widerwillen: sein gesamtes Leiden.“
In gleicher Weise, wie Schleimexpektoration für Antimonium tartaricum eine schwierige Angelegenheit ist, so ist auch Erbrechen für dieses Mittel nicht leicht. Es ist nicht einfach eine Sache von Mund-Öffnen, kurzem Würgen und Entleeren des Magens: „Das Erbrechen geht mehr oder weniger krampfhaft vor sich. ‚Heftiges Würgen. Brechreiz, Würgen und starke Anstrengungen zu erbrechen. Erstickungsgefühl und Würgen unter großen Qualen.‘ Der Magen scheint krampfartige Bewegungen zu vollführen, und nur unter größten Schwierigkeiten und nach vielen Anstrengungen dieser Art gibt er hin und wieder etwas von sich, mal mehr, mal weniger, und dieser Zustand hält eine ganze Weile so an. ‚Erbrechen von allem, was in den Magen gelangt, mit Massen von Schleim.‘ Dicker, zäher, weißer Schleim, zuweilen mit Blut vermischt. … Alte, gichtische Patienten; alte Säufer; Zustände zerrütteter Gesundheit, die schon längere Zeit bestehen. Auch Kinder mit angegriffener Gesundheit – als wären sie plötzlich sehr alt geworden. Bei all diesen Konstitutionen schlagen sich Erkältungen sogleich auf die Brust, und es ist starkes Schleimrasseln vorhanden. Hier ist Antimonium tartaricum das Mittel der Wahl. … Alle Antimonverbindungen haben die Tendenz zu Wassersucht, Erschlaffung und Schwäche, und besonders Antimonium tartaricum ist voll davon.“
Eigentümliche und charakteristische Symptome
(aus Guernseys Keynotes u. a.)63

63

Die mit a markierten Symptome sind der bereits erwähnten, in Stapfs Archiv veröffentlichten Prüfung entnommen (vgl. Fußnote 60). Viele der „eigentümlichen und charakteristischen Symptome“ habe ich bei Hencke (vgl. Fußnote 61) gefunden, aber nicht eigens kenntlich gemacht.

Jämmerliches Schreien und Heulen vor und bei den Anfällen oder Paroxysmen, welcher Art diese auch immer sein mögen. Verzweiflung an der Genesung.
Wenn das Kind böse wird, bekommt es Husten.a (Wichtiges Symptom bei Keuchhusten etc.)
Bei Pneumonie, wenn die Lidränder mit Schleim überzogen sind, wenn die Augen entzündet, stier, glanzlos, nur halb geöffnet oder einseitig geschlossen sind. Kann nur wie durch einen dichten Schleier sehen.
Nasenflügelatmung. (lycopodiumLYCOPODIUM)
Das Gesicht bietet ein einziges Bild von Angst und Verzweiflung: kalt, entstellt, bleich, bläulich gefleckt; in kaltem Schweiß gebadet; von livider Farbe.
Zuckungen der Gesichtsmuskeln.
Kränkliches, eingefallenes, blass-bläuliches oder auch zuckendes Gesicht, von kaltem Schweiß bedeckt.
Zunge von einem dicken, weißen, pappigen Überzug bedeckt. Mund ausgetrocknet, offen, die Oberlippe weit heraufgezogen.
Oder: Zunge hochrot, in der Mitte trocken; rot gestreift; gelbbraun belegt und trocken.
Verlangt nach Äpfeln, Früchten, sauren Dingen, kalten Getränken und anderen kühlen, erfrischenden Sachen. Widerwille gegen Milch. Durstlosigkeit oder heftiger Durst. Anhaltende, beängstigende Übelkeit, mit großen Anstrengungen zu erbrechen, dabei Schwitzen auf der Stirn. Die kleinste Menge eines Getränks wird erbrochen, gleich danach aber begieriges Verlangen nach mehr. Übelkeit mit großem Schwächegefühl.
Wellen von Übelkeit, mit Schwäche und kaltem Schweiß.
Heftiges Drücken im Unterleibe …a
Der Leib ist wie mit Steinen vollgestopft, … ohne daß er hart anzufühlen ist.a
Kind bei der Geburt blass, ohne Atem oder nach Atem ringend, obwohl die Nabelschnur noch schwach pulsiert.
Beschleunigtes, kurzes, schweres und ängstliches Atmen. Es scheint ihm, als müsste er ersticken, würde er nicht die ganze Nacht aufrecht sitzen; manchmal kommt der Anfall gegen 3 (oder 4) Uhr, und er muss sich aufsetzen, um Luft zu bekommen.
Starkes Schleimrasseln in den Bronchien, vor allem direkt unterhalb des Kehlkopfes – wie eine volle Tasse, die dabei ist, überzulaufen; aber nur wenig wird ausgeworfen.
Sehr schläfrig; starke Kurzatmigkeit; Bronchialäste verschleimt.
Atem sehr ungleich, bald kürzer, bald länger; schlimmer im Liegen, besser, wenn das Kind aufrecht getragen wird. … Es ringt zu Beginn eines jeden Hustenanfalls nach Atem. Geräuschvolles, pfeifendes, schnurrendes, bellendes oder sägendes Atmen; mit starkem Schleimrasseln, als müsste das Kind ersticken, stets gebessert durch Ausspucken oder Ausbrechen des Schleims. Husten stellt sich oft nach dem Essen ein.
Beim Schweratmen kann das Gesicht blass oder dunkelrot64

64

In diesem Fall vermutlich eher blass (siehe Fußnote 62).

sein, die Lippen blau, der Kopf heiß und schweißig; Gesichtsmuskeln können zucken.
Husten nötigt zum Aufsitzen; klingt feucht und rasselnd, ohne dass etwas expektoriert wird; mit großen Schmerzen in Brust oder Kehlkopf, Patient ruft um Hilfe und fasst sich an die Kehle.
Hustet und gähnt abwechselnd.
Bei Krupp finden wir den Hals oft ausgestreckt, den Kopf nach hinten gebogen.
Viel Herzklopfen und ein unangenehm warmes oder heißes Gefühl, das vom Herzen herkommt.
Somnolenz; beim Schließen der Augen schwindet das Bewusstsein.
Schwach, schläfrig; es mangelt an Reaktionskraft.
Ein Hauptcharakteristikum dieser Arznei an der Haut ist die Erzeugung pustulöser Ausschläge.
Hauptsymptome65
Geist und GemütÜble Laune.

65

Im Folgenden sind die Symptome aus Henckes Monographie mit b gekennzeichnet; c bezeichnet ein Symptom aus dem Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre von Noack/Trinks/Müller. Die mit einem versehenen Symptome sind, anders als es bei den Tylerschen „Hauptsymptomen“ sonst der Fall ist, weder bei Allen noch bei Hering im höchsten Grad hervorgehoben.

Das Kind möchte getragen werden (chamomillaCHAMOMILLA); schreit, wenn es jemand anrührt; will sich nicht den Puls fühlen lassen.
AugenSchwimmend, trübe …a
GesichtBlass, eingefallen …a
Auffallend blasse Gesichtsfarbe.a
ZähneRheumatische Zahnschmerzen mit intermittirendem Typus.b
Affection der Bronchialschleimhaut, welche unter der Form katarrhalischer Hyperämie in der Zahnperiode bei Kindern bis zum zweiten Jahre vorzukommen pflegt.b
ZungeRot gestreift.
Die Zunge ist hochroth und in der Mitte trocken.†,b
Zunge mit einem dicken, weissen, pappigen Ueberzug bedeckt.†,b
HalsViel Schleim im Halse und kurzes Athmen.b
MagenDurstlosigkeit.a
Den ganzen Tag Durstlosigkeit.a
Ekel vor Speisen, bei häufigen Uebelkeiten und Erleichterung durch Erbrechen.b
Aufstoßen, welches erleichtert.
Beängstigende Übelkeit.b – Anhaltende, beängstigende Übelkeit; Anstrengungen zu erbrechen, mit Ausbruch von Schweiß auf der Stirn.
Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit.
Erbricht unter großer Anstrengung.
Nach dem Erbrechen große Mattigkeit, Müdigkeit und Schläfrigkeit, Ekel vor allen gewöhnlichen Speisen, blasses, eingefallenes Gesicht, schwimmende, trübe Augen, doch Appetit auf Kühlendes, z.B. Aepfelmuß.a
Grosse Präcordialangst, zweimaliges Erbrechen von vielem Schleim und Galle.b
AbdomenHeftiges Leibschneiden vor der Stuhlentleerung.
Atemwege, Husten, BrustKind bei der Geburt blass, ohne Atem oder nach Atem ringend, obwohl die Nabelschnur noch pulsiert (Asphyxia neonatorum).
Der Schleim röchelt so in der Brust …a
Atmung von starkem Schleimrasseln begleitet.
Schleimrasseln beim Husten oder Atmen.
Das Schleimrasseln ist schon in weiterer Entfernung hörbar und geht von den oberen Bronchialverzweigungen aus.b
Schleimrasseln …, das beim Aufrechttragen geringer ist als beim Liegen, wo auch die Oppression vermehrt erscheint.b
Viel Schleimrasseln in der Luftröhre; kann den Schleim aber nicht heraufbringen.
Kurzatmigkeit aufgrund verhinderter Expektoration, besonders wenn er schläfrig ist.
Beim Liegen geht der ungleiche, bald kürzere, bald längere Athem viel rascher als beim Aufrechttragen.b
Früh um 3 Uhr stöckte es ihr und benahm ihr den Odem, sie mußte sich aufsetzen, um Luft zu bekommen: erst da Husten und Auswurf kam, ward es ihr besser.a
Husten, der zum Aufsitzen nöthigt, feucht und rasselnd, ohne dass etwas expectorirt wird.b
Wenn das Kind hustet, scheint eine große Menge Schleim in den Bronchien zu sein, und es scheint, als könnte viel ausgeworfen werden – aber nichts kommt heraus.
Husten und Gähnen nacheinander, besonders bei Kindern; mit Schreien oder Dösen und mit Zuckungen im Gesicht.
Reichlicher Schleim, mit wenig Kraft zur Expektoration (Bronchitis bei Kindern und alten Leuten).
Profuser, schleimiger Auswurf; wird leicht expektoriert.
Husten wird immer seltener; Patient zeigt Anzeichen von ‚karbonisiertem Blut‘.
Sputa blutgestreift, rostfarben, wie Leim am Glase anhaftend (Pleuropneumonie).
Entzündung der Atemwegsschleimhäute.
Atelektase, mit den dem Mittel eigenen Erstickungszeichen; mit Ödem der nicht-hepatisierten Lungenbereiche; erschwertes Atmen, Orthopnoe; schleimige Rasselgeräusche (Pneumonie).
Lungenödem. Lungenemphysem. Drohende Lungenlähmung.
Grippe. Akute Pneumonie. Bronchopneumonie. Pleuropneumonie.
PulsHart, voll und kräftig; manchmal zitternd; von jeder Bewegung stark beschleunigt.
Geschwinder, schwacher, zitternder Puls.a
Rücken, ExtremitätenHeftiger Schmerz in der Lumbosakralgegend; die geringste Bemühung, sich zu bewegen, verursacht Würgen und kalten, klebrigen Schweiß.
Zittern der Hände.b
SchlafGroße Schläfrigkeit; unüberwindliche Neigung zum Schlaf (bei fast allen Beschwerden).
Koma.
Oder: Schlaflosigkeit.b
NervenProstration und Kollaps.
Ängstliche Unruhe und Umherwerfen.b – Große Unruhe.
TageszeitNachts schlimmer, und schlaflos (Bronchialkatarrh).
Temperatur:
[Rheumatische Zahnschmerzen] durch alles Warme sowie durch das Erwärmen im Bette verschlimmert, durch kaltes Wasser gelindert.b
SchweißHaut mit oft fliessendem und klebrigem Schweiss bedeckt.b
GewebeAnsammlung von Synovia in Gelenken.
Schleimhäute: katarrhalische Entzündungen; Konjunktivitis; Gastritis, Enteritis; Laryngitis, Tracheitis; Bronchitis, die sich sogar bis in die Lungenalveolen erstreckt; Zystitis.
Pustulöse Ausschläge: auf der Konjunktiva; im Gesicht; in Mund und Rachen; in Ösophagus, Magen und Jejunum; an den Genitalien.
HautDie Brust und die vordere Fläche der Oberarme, die Handgelenke, der Unterleib und die innere Seite der Schenkel waren dicht mit einem Ausschlag von hellrothen, kleinen, konischen, harten Pusteln bedeckt, die eine entzündete, flechtenartige Basis hatten und unausstehlich juckten.†,b
Variola: Rückenschmerzen, Kopfschmerzen; vor oder zu Beginn des Ausschlagstadiums Husten und Gefühl eines erdrückenden Gewichts auf der Brust; Diarrhö etc.; auch angezeigt, wenn der Ausschlag nicht richtig herauskommt.
Der pustulöse Ausschlag hinterlässt bläulichrote Stellen im Gesicht (und anderenorts); schmerzhaft.
Ausschlag erscheint nicht und Konvulsionen setzen ein; bei Windpocken etc.
Ein reichlicher, den Pocken gleicher Ausschlag oft erbsengroßer, mit Eiter gefüllter Pusteln.a
Einige bemerkenswerte oder eigentümliche Symptome
(Allen, Encyclopedia)66

66

Es handelt sich um die bei Allen kursiv gedruckten Symptome – bis auf die beiden letzten Angaben, die aus Herings Guiding Symptoms stammen.

Tobsüchtiges Delirium.
Das Kind läßt sich nicht angreifen, ohne jämmerlich zu schreien.a
Wenn man ihn ansah, fing er an zu heulen.a
Es flirrt ihr vor den Augen …a
Funken vor den Augen.67

67

Eine Dame, die schwer an Bronchitis erkrankt war (ich erinnere mich sehr gut an den lange zurückliegenden Fall), erhielt Antimonium tartaricum in mehreren niedrigen Gaben und begann das Mittel daraufhin mit seltsamen und sehr quälenden Lichtblitzen zu prüfen. „Was ist das? Was ist das? Da, schon wieder!“ In ihrem geschwächten und leidvollen Zustand versetzten sie sie jedesmal in Angst und Schrecken. Die Arznei wurde abgesetzt, und von den Blitzen war nie wieder die Rede.

Konvulsivisches Zucken in fast jedem Muskel des Gesichts.a
Grosse Schlingbeschwerde, unmögliches Schlingen …c
Außerordentlicher Appetit auf Aepfel …a
Erbrechen bis zum Ohnmächtigwerden.b
Uebelkeit, darauf Gähnen mit starkem Wässern beider Augen, hierauf Erbrechen.a
Der Leib ist wie mit Steinen vollgestopft, ohne daß er etwas gegessen hat und ohne daß er hart anzufühlen ist.a
Heftiges Drücken im Unterleibe – wie von Steinen, wie voll, beim Sitzen, besonders beim gebückten, viel schlimmer.a (colocynthisCOLOCYNTHIS ist > durch gebücktes Sitzen, Zusammenkrümmen und Druck.)
Abends im Bette will er ganz ersticken, es will ihn zuknüpfen, er kann keinen Odem bekommen, er muß die ganze Nacht aufsitzen.a
Schweräthmigkeit, sie mußte im Bette in die Höhe gelehnt sitzen.a
Kalte Hände und eiskalte Fingerspitzen.a
Die Füße schlafen unmittelbar nach jedem Niedersitzen ein.a
Kaum eingeschlafen, bekam er wie elektrische Stöße und Rucke, die alle vom Unterleib ausgingen …a
Kalter Schweiß am ganzen Körper.
Wenn die Anwendung von Antimonium tartaricum fortgesetzt wurde, nachdem es bereits einen pockenähnlichen Ausschlag hervorgerufen hatte, vergrößerten sich die Pusteln; sie füllten sich noch mehr mit Eiter an, vertieften sich im Zentrum und konfluierten; unter großem Schmerz bildeten sich Krusten, die tiefe Narben hinterließen.
Folgen von Pockenimpfung, wenn THUJAthuja versagt und siliceaSILICEA nicht angezeigt ist.
Halten Sie also bei der Verschreibung von Antimonium tartaricum Ausschau nach Schläfrigkeit – Übelkeit – Reizbarkeit. Der Patient ist so reizbar, dass er sich nicht anfassen oder ansehen lassen mag. Gewöhnlich werden Sie auch Durstlosigkeit finden – und bei Atemwegserkrankungen sind Atmen und Expektoration im Liegen fast unmöglich.
Sie haben gesehen, wie unschätzbar das Mittel bei verzweifelten Zuständen ist und wie es, neben CARBOcarbo vegetabilis VEGETABILIS, eines der Mittel ‚für die letzten Atemzüge‘ sein kann.68

68

„… one of the ‚last gasp‘ remedies.“

Apis

Weitere Namen: Apis mellifica; Gift der Honigbiene
(Zu apisdiesem Arzneimittelbild hat mich der folgende Artikel veranlasst, auf den ich zufällig gestoßen bin.)69

69

Eine etwas abgewandelte Darstellung dieses Falls mit einigen Kommentaren Herings findet sich in dessen Amerikanischen Arzneiprüfungen (S. 283).

„Es war im Jahre 1847, als die Aufmerksamkeit des Autors erstmals auf Apis mellifica als Heilmittel gelenkt wurde, und zwar durch folgende einzigartige Heilung.
Ein zwölfjähriger Knabe litt seit mehreren Monaten an Aszites und Hydrothorax. Er war zuvor wegen Ruhr drei Monate lang allopathisch behandelt worden, und daraufhin hatte sich die Wassersucht eingestellt; danach war er in homöopathische Behandlung gekommen. Keine der beiden Behandlungsmethoden hatte jedoch eine bleibende Besserung bei dem Jungen bewirkt. Schließlich wurden die Symptome so bedrohlich, dass ich zu Rate gezogen wurde, und ich nahm umgehend eine Punktion vor, um ihn aus der kritischen Situation zu befreien. Wieder wurden geeignet erscheinende Homöopathika [arsenicumARSENICUM und digitalisDIGITALIS] verordnet, ohne jedoch das Fortschreiten des Krankheitsprozesses aufhalten zu können. In kürzester Zeit sammelte sich die Flüssigkeit wieder an. Die Urinsekretion war nahezu aufgehoben, die Haut trocken und heiß; Puls beschleunigt und schwach; kurze und schwere Atmung; große Empfindlichkeit des Abdomens; Trockenheit von Mund und Rachen; Durst; größte Unruhe und Angst; kurzer, quälender Husten; der Junge bekam fast überhaupt keinen Schlaf mehr.
In diesem Krankheitsstadium empfahl eine umherziehende Indianerin, eine der wenigen Überlebenden des Narragansett-Stammes, der Familie die Anwendung der Honigbiene. Sie sperrte mehrere Bienen in einen zugedeckten Blecheimer und stellte diesen so lange in einen Backofen, bis sie abgetötet waren. Dann pulverisierte sie die Bienen und gab dem Knaben jeden Abend und Morgen von dem in etwas Saft aufgelösten Pulver. Bereits nach 24 Stunden wurde die Haut weicher und weniger heiß, die Atmung freier und weniger schwer; der Puls verlangsamte sich und wurde kräftiger, und es kam zu einem deutlichen Anstieg der Urinmenge. Von dieser Zeit an besserten sich die Symptome zusehends, der Erguss verringerte sich Tag um Tag, und nach Ablauf weniger Wochen war der Patient völlig geheilt.
Dies war die erste bekannt gewordene Heilung einer Wassersucht mit Apis. Aufgrund dieser empirischen Tatsache – dieses usus in morbis – erkannte ich, dass unserem Berufsstand bis dahin ein machtvolles Heilmittel verborgen geblieben war, und entsprechend begann ich, eine Reihe von Prüfungen und klinischen Versuchen damit anzustellen.“ (Dr. E. E. Marcy und andere, in Elements of a New Materia Medica, S. 442.)
Und Kent sagt: „Es ist schon eigenartig, woher alte Frauen wussten – lange bevor Apis geprüft wurde –, dass sie einem Neugeborenen, das kein Wasser ließ, helfen konnten, indem sie nach draußen zum Bienenstock gingen, ein paar Bienen einfingen, heißes Wasser darüber gossen und dann dem Baby einen Teelöffel des Aufgusses verabreichten. Dieses Hausmittel ist, wie manches andere, vielen Familien und Ammen stets bekannt gewesen, und sein Einsatz ist auch völlig gerechtfertigt, entspricht er doch genau dem, wofür auch wir Apis verwenden.“
Einige unserer wertvollsten Arzneien entstammen dieser Hausmittelpraxis, darüber hinaus der Pflanzenheilkunde, versehentlichen Vergiftungen, der Beobachtung von Biss- und Stichwirkungen giftiger Reptilien und Insekten, schließlich Überlieferungen der Landbevölkerung und wilder Volksstämme.
Die Homöopathie greift jedes Wissen dieser Art dankbar auf, und durch das Testen oder ‚Prüfen‘ der giftigen Substanzen (vergessen wir nicht: alle Arzneien sind Gifte, und alle Gifte können arzneilich verwendet werden) schafft sie eine wissenschaftliche Grundlage, indem sie deren wahren Nutzen und genaue Symptome enthüllt, aufgrund derer sie erst mit einiger Gewissheit verordnet werden können.
Von Apis gibt es höchst unterschiedliche Zubereitungen. „Jedoch“, so Hering, „es gibt nur eine richtige Art. Es ist das reine Bienengift, das gewonnen wird, indem man die Biene mit einer kleinen Zange ergreift und den winzigen Gifttropfen, der an der Spitze des Stachels hängt, in einem kleinen Gefäß oder Uhrglas auffängt. Nachdem man eine genügende Menge gesammelt hat, kann es potenziert werden …“ Hering hält es für töricht, die ganze Biene mit allen Fremdsubstanzen und Verunreinigungen zu verwenden.
Guernsey, Kent und Nash liefern uns wertvolle Arzneibilder von Apis.
Guernsey schreibt: „Schmerzen wie Bienenstiche – mit dem Einstichschmerz samt dem nachfolgenden Brennen; Durstlosigkeit; spärlicher Urin; plötzliche, schrille, durchdringende Schreie im Schlaf oder beim Erwachen: dies sind unschätzbare Leitsymptome für das Mittel.“
Herings Beschreibung ist: „Rötung und Schwellung, mit stechenden und brennenden Schmerzen in Augen – Lidern – Ohren – Gesicht – Lippen – Zunge – Hals – Anus – Hoden“, mit Besserung durch Kälte und Verschlimmerung durch Wärme.
Apis hat klar umrissene Symptome, und ebenso eindeutig ist es hinsichtlich der Gewebe, die es befällt, sowie in der Art und Weise, wie es sie befällt.
Es affiziert, wie Kent darlegt, die Umhüllungen des Körpers: nicht nur die Haut und die Schleimhäute, sondern auch die äußeren Häute der Organe – die Meningen des Gehirns – das Perikard – das Peritoneum etc.; und dies stets in der gleichen Weise, mit Schwellung, Ödem- bzw. Ergussbildung und dem charakteristischen stechenden und brennenden Schmerz. Dieser scharf stechende Schmerz nötigt dem Kranken oft einen schrillen Schrei ab – wie der Cri encéphalique bei Meningitis. Und bei jeder Apis-Schwellung, jedem Apis-Ödem, jedem Stech- und Brennschmerz von Apis besteht auch die typische Apis-Verschlimmerung durch Wärme bzw. Hitze: schlimmer in einem warmen Raum, schlimmer durch Feuerhitze, schlimmer durch ein heißes Bad. Kent erläutert: „Wenn Sie einen Apis-Patienten mit Gehirnkongestion in ein heißes Bad legen, wird er in Krämpfe verfallen. Sie sehen also, heißes Baden ist nicht immer ‚gut für epileptische Anfälle‘. Dies wird in den Lehrbüchern der alten Schule so durchgängig vertreten, dass schon die alten Kinderfrauen und Ammen ‚wissen‘: Ein heißes Bad hilft bei Anfällen – doch in diesem Fall ist es durchaus möglich, dass das Baby noch vor Ihrem Eintreffen stirbt. Der Blutandrang zum Gehirn, begleitet von kleinen Zuckungen als Vorboten von Konvulsionen, veranlasst die Frauen, das Baby heiß zu baden, und wenn Sie an Ort und Stelle sind, befindet sich das Kind, wenn es nicht bereits zu spät ist, in einem schrecklichen Zustand. Wird bei Gehirnkongestion OPIUMopium oder Apis benötigt, so werden die Anfälle durch heißes Baden schlimmer; hat sich die Amme so verhalten, kennen Sie das Mittel, sobald Sie das Haus betreten, denn sie wird Ihnen berichten, dass es dem Kind seit dem heißen Bad schlechter geht, dass es leichenblass geworden ist und dass sie schon fürchtete, es würde sterben. Konvulsionen, die durch Wärme deutlich verschlimmert werden, weisen also besonders auf OPIUMopium und Apis hin.“
Weiter sagt Kent: „Im Bereich der äußeren Körperoberfläche ist das Apis-Bild durch Ödeme, rote Exantheme, Ausschläge, Urtikaria oder auch durch ein Erysipel gekennzeichnet, … und bei all diesen entzündlichen Veränderungen besteht Stechen und Brennen; zuweilen ist es ein Brennen wie von glühenden Kohlen und ein Stechen, als würden Nadeln oder kleine Splitter eindringen.“
„Die Beschwerden von Apis gehen mit (mehr oder weniger großer) Heftigkeit und Schnelligkeit einher.“ Kent beschreibt die Wirkungen eines Bienenstichs auf empfindliche Menschen: Die meisten Leute reagieren nur mit lokalen Entzündungserscheinungen; ein Empfindlicher aber „liegt mit Übelkeit und Angstzuständen darnieder, die ihm das Gefühl vermitteln, sterben zu müssen, und innerhalb von zehn Minuten ist er von Kopf bis Fuß mit Quaddeln übersät. Überall sticht es und brennt es, er möchte in kaltem Wasser baden. Er fürchtet zu sterben, wenn nichts zur Linderung seines Leidens geschieht; er wälzt sich umher, als wollte er sich in Stücke reißen. All diese Symptome habe ich nach einem Bienenstich selbst beobachtet. Das Antidot dafür heißt carbolicum acidumacidum carbolicumACIDUM CARBOLICUM – gleichviel, in welcher Potenz. Ich habe einmal erlebt, wie in einem solchen Zustand die Arznei verabreicht wurde und der Patient daraufhin von einem Gefühl sprach, als würde die Karbolsäure wie ein kühlendes Labsal seinen Rachen herunterrinnen. Er sagte: ‚Herr Doktor, ich kann regelrecht spüren, wie das Mittel bis in meine Fingerspitzen zieht.‘“ (Natürlich spricht Kent hier von potenziertem carbolicum acidumacidum carbolicumACIDUM CARBOLICUM! Die unverdünnte Säure wäre „eine Arznei, schlimmer als die Krankheit“.)
Apis ist durstlos, vor allem bei Wassersucht und Fieber.
Hier ein Beispiel, wie Apis bei Hautleiden wirken kann:
W. S., ein Patient, der vor einiger Zeit als arbeitsunfähig nach Hause geschickt worden war, nachdem er sich 13 Jahre in den Tropen aufgehalten und dort oft Malaria gehabt hatte, die mit hohen Chinindosen (4 g pro Tag) behandelt worden war. Er suchte mich zuletzt im September auf, wegen eines seit drei Wochen bestehenden Ausschlags am ganzen Körper. Exzessiver Juckreiz; schlimmer nachts, schlimmer durch Wärme. „Es juckt und sticht, als würde ich in einem Bett aus Brennesseln liegen.“ Er erhielt Apis CM.
Später schrieb er mir: „Die äußere Hautschicht blätterte überall, wo sie befallen war, wie weißes Pulver ab. Die neue Haut darunter ist ganz rein, die Heilung so gut wie abgeschlossen. Die entscheidende Wende kam, nachdem Sie mir das Apis gegeben hatten!“
Apis ist ein wichtiges Mittel bei Halsentzündungen, z.B. auch bei Diphtherie. Stets aber müssen die typischen Apis-Symptome vorhanden sein: Schwellung, Ödem, Wärmeverschlimmerung und brennende, stechende Schmerzen (laut Nash kann allerdings auch Schmerzlosigkeit bestehen).
Nash beschreibt den ‚Apis-Hals‘ so: „Kein Mittel kommt Apis gleich bei jenen äußerst heftigen und rasant verlaufenden Diphtheriefällen, wo der ganze Rachen von einer ödematösen Schwellung regelrecht ausgefüllt wird; die Uvula hängt wie ein durchscheinender Wassersack herunter, und der Patient befindet sich in akuter Gefahr, an einem vollständigen Verschluss von Hals und Kehlkopf zu ersticken.“ Und er berichtet von einer Diphtherieepidemie:
„Vor einer Reihe von Jahren wurde ich nach Watkins Glen, N. Y., gerufen, wo ich wegen einer schweren Diphtherie konsultiert wurde. Ein Kind war in der Familie schon daran gestorben, und im ganzen Ort waren es an jenem Tag bereits vier. Über vierzig Todesfälle hatte es bisher in diesem Ort gegeben, und aus Angst hatte schon ein Exodus aus der Gegend eingesetzt. Der behandelnde Arzt des Mädchens, ein nobler, weißhaariger alter Herr und zugleich ein tüchtiger und fähiger Mann, sagte zu mir, als ich zu ihm aufschaute und meinte, ich sei doch vielleicht noch ein wenig zu jung, um ihm Ratschläge erteilen zu können: ‚Doktor, ich falle vor jedem auf die Knie, der hier helfen kann, denn bisher ist noch jeder, der von der Krankheit befallen wurde, daran zugrunde gegangen.‘ Die Patientin befand sich zwei Zimmer von uns entfernt, aber selbst so konnte ich schon ihr schweres Atmen hören. Apis war zu jener Zeit für diese Krankheit ein relativ neues Mittel, aber als ich mir den Hals des Mädchens anschaute, erkannte ich Apis auf den ersten Blick, und ein paar zusätzliche Fragen bestätigten es. Ich sagte dem Doktor, was ich dachte, und fragte ihn, ob er es schon damit versucht habe. Nein, war die Antwort, daran habe er noch nicht gedacht; doch sei es ein starkes Blutgift – ich solle es probieren. Apis heilte den Fall, und fortan starb keiner mehr, der diese Arznei von Beginn an und konsequent bis zum Ende einnahm. Apis war das Heilmittel für den Genius epidemicus.“
Apis wirkt auch auf den Gemütszustand ein. Der Apis-Patient ist traurig und weint viel. Niedergeschlagenheit mit ständigem Weinen. Findet keinen Schlaf, weil er sich Sorgen macht. Sehr reizbar und (wie lachesisLACHESIS und NUX nux vomicaVOMICA) argwöhnisch und eifersüchtig. Gänzlich freudlos und gleichgültig. (Bei alldem aber stets: schlimmer durch Hitze – warme Räume – heißes Baden.) Furcht vor dem Tod, vor einem Schlaganfall.
Zu den Besonderheiten der Arznei gehört weiterhin eine Hyperästhesie. „Schlimmer durch Berührung; selbst das Haar scheint empfindlich zu sein“, sagt Nash.
Und hier ein Tipp Nashs: „Bei allen Entzündungen und fieberhaften Erkrankungen denken Sie an Apis, wenn bei dem Patienten abwechselnd trockene Hitze und dann wieder Schwitzen besteht!“
Homöopathie wirke „langsam“, sagen Leute, die nicht viel von der Sache verstehen. Langsam? – dies ist sicher nur in einigen chronischen Fällen zu erwarten, die jahrelang unwirksam oder falsch behandelt wurden. In solchen Fällen bedarf es, selbst in den Augen Hahnemanns, möglicherweise einiger Jahre, um sie ganz zu heilen. Sie können aber auch unheilbar geworden sein, und dann ist, zumindest nach unserem heutigen Wissensstand, das Höchste, was man sich erhoffen darf, eine Linderung der Beschwerden. Wie aber sieht es mit akuten Erkrankungen aus? Nehmen wir folgenden Fall, der sich kürzlich zugetragen hat: Wir alle wissen, dass eine der Plagen von Ägypten heute das Trachom ist. Fahren Sie einmal dorthin, wenn Sie studieren wollen, wie Augen zerstört werden können und welche Ursachen daran beteiligt sind. Nun, vor einem Jahr besuchte eine ehemalige Missionarin (die jetzt im dritten Jahr Medizin studiert) im Spätsommer während der Semesterferien ihre frühere Wirkungsstätte Ägypten. Sie infizierte sich an einem Auge, und zum Schrecken der Missionsärzte entwickelte sich ein Trachom. Sie kratzten die Innenflächen der Lider aus und ‚behandelten‘ die Krankheit mit Hilfe eines kompetenten Ophthalmologen; langsam bildete sich das Leiden zurück, und das Auge blieb unversehrt. Man sagte ihr jedoch, dass sie mit Rückfällen rechnen müsse – und diese stellten sich auch prompt ein. Als Anfall Nr. 3 begann, hielt sie sich zufällig im Hause eines Homöopathen auf, dem es nicht um Behandlung, sondern um Heilung zu tun war; entsprechend wurde das Repertorium nach dem Arzneimittel befragt, das ihre Symptome abdeckte. Es lief auf Apis hinaus, und sie erhielt es noch am selben Abend in der CM-Potenz. Am nächsten Morgen war sie überglücklich – der Schrecken war praktisch überstanden, das Auge über Nacht gesund geworden. Da sie gerade wieder im Begriff war, nach Ägypten zu reisen, versorgte man sie reichlich mit Apis CM für die Augenentzündungen, die sie dort antreffen mochte. Der Erfolg? – einfach verblüffend! Und sie, die ja noch gar nicht approbiert war, durfte in einer Armenapotheke sämtliche Konjunktivitiden – und es waren schlimme darunter! – behandeln, denn nach Einzelgaben von Apis heilten diese innerhalb 24 Stunden wieder und wieder völlig aus!
Ein seltsames Symptom, das zu Apis gehört, ist: „After weit offen, mit unwillkürlichem, durchfälligem Stuhlabgang.“ (Auch phosphorusPHOSPHORUS hat offenen Anus, aus dem dünner Stuhl heraussickert.) Bei Apis „kommen die Stühle bei jeder Bewegung des Körpers, als ob der After stets offen stünde“.
Schließlich die sonderbare Empfindung von Spannung oder Enge:
  • Fürchtet zu husten, weil etwas platzen oder weggerissen werden könnte.

  • Mag sich beim Stuhlgang nicht anstrengen, aus Angst, es könnte etwas zerreißen.

Hier sind Allens (fettgedruckte) Hauptsymptome70

70

Die mit a bezeichneten Symptome sind der großen Monographie Das Bienengift von C. Hering entnommen, veröffentlicht in den Amerikanischen Arzneiprüfungen, Leipzig 1857.

:
Schwindel.a – Kopfweh mit Schwindel.a
Augenlider stark geschwollen, gerötet und ödematös.
Durstlos, bei [Fieber-] Hitze.a
Rohheitsgefühl im After, beim Durchfall.a
Die Stühle kommen bei jeder Bewegung des Körpers, als ob der After stets offen stünde.a
In den Zehen und den ganzen Füssen ein Gefühl, als wären dieselben zu gross, geschwollen und steif.a
Allgemeine Lassheit [Mattigkeit] mit Zittern.a
Grosses Verlangen nach Schlaf, bis zur äussersten Schläfrigkeit.a
Geschlossene Zimmer, besonders wenn sie überheizt waren, sind ihm völlig unerträglich …a
Im warmen Zimmer Kopfweh.a
Sicherlich sind hiermit genügend Anregungen gegeben, um Sie an Apis denken zu lassen, wann und wo immer Sie SchwellungÖdemKältebesserungWärmeverschlimmerungbrennende und stechende Schmerzen vorfinden!

Von Apis, der Biene, die Tugend wir schätzen,

Zu lindern das Brennen und Stechen von Schmerzen.

Bei Schwellungen wie auch bei Ödemen – immer

Wird's durch jede Art von Wärme schlimmer.

Zur Wiederholung: Die Biene macht das Rennen

Bei allen Schmerzen, die stechen und brennen.

Die Biene ist auch führend bei Ergüssen! –

Wobei man aber wird drauf achten müssen,

Dass stets es fehlt an Durst – bei Wassersucht und Fieber,

Bei Ödem des Rachens, Rumpfes und der Glieder.

Auch der Niereneffekt ist groß, was man bemerkt,

Wenn durch Apis der Harnfluss sich deutlich verstärkt.

Wenn Sie einmal den ‚Cri encéphalique‘ erleben,

Sie rasch sich auf die Suche nach Apis begeben;

Desgleichen, wo Spannung, Schwellung oder Steifheit regiert –

Meint ‚zu platzen‘: beim Husten oder wo's zum Stuhl pressiert.

Das Bienengift wirkt schließlich auch ganz wunderbar

Bei Schmerzen wie von Stichen und bei Brennen im Ovar.

Argentum nitricum

Weitere Namen: Silbernitrat; ‚Höllenstein‘
argentum nitricumArzneien entlocken ihren Prüfern oft sonderbare und charakteristische Symptome, körperlich wie seelisch-geistig; und stimmen diese Symptome mit den sonderbaren und charakteristischen Symptomen von Kranken überein, so können die Arzneien heilen. Dabei ist der Heilerfolg um so gewisser, je größer die Übereinstimmung zwischen den Symptomen ist.
Argentum nitricum, das salpetersaure Silber, ist der ‚Lapis infernalis‘ oder ‚Höllenstein‘ der alten Schule, die aber nicht viel Verwendung dafür hat, außer als Mittel zur Kauterisation. In allopathischen Dosen nämlich, oder wenn es beim Kauterisieren im Rachenbereich versehentlich verschluckt wird, führt es bei den bedauernswerten Opfern zu irreversiblen, blauen bis schiefergrauen Verfärbungen der Haut, der Schleimhäute und anderer Organe – ein Zustand, der als Argyrie bekannt ist. Für uns jedoch ist es ein höchst wertvolles Heilmittel, und kein anderes vermag es zu ersetzen.
Die frühen Prüfungen von Argentum nitricum, die in Allens Encyclopedia erscheinen, enthalten, wie wir sehen werden, im Wesentlichen dessen körperliche Symptome; diese sind z.T. sehr markant und von besonderer Eigenart, und so haben sie bereits bei Magenleiden u. v. a. m. zu glänzenden Heilungen geführt. Doch erst späteren Prüfungen und Erfahrungen, wie sie von Hering in den Guiding Symptoms mitgeteilt werden, blieb es vorbehalten, die interessanten und einzigartigen psychischen Aspekte der Arznei ans Licht zu bringen; und diese sind es, die schließlich unsere wertvollsten Indikationen zur Verwendung von Argentum nitricum wurden.
Arzneien, wie wir Homöopathen sie wahrzunehmen lernen, treten uns als Persönlichkeiten entgegen. Wir begegnen ihnen in Bus und Straßenbahn, und sie stehen uns als Patienten gegenüber. Sie werden zu lebendigen Wesen, mit jeweils unterschiedlicher Veranlagung und unterschiedlichem Temperament. Sie haben Neigungen und Abneigungen, Verlangen und Widerwillen; sie sind empfindlich auf bestimmte Wetterlagen, und ebenso empfindlich können sie auf bestimmte Menschen reagieren, die sie umgeben, mit denen sie verkehren. Wir lernen ihre – realen oder eingebildeten – Ängste kennen, ihre seltsamen Obsessionen und Leidenschaften. Und in dem Maße, wie wir all dies erkennen, sind wir auch imstande, unsere Arzneien erfolgreich einzusetzen und Menschen mit ähnlichen Idiosynkrasien, Sorgen oder Leiden beizustehen.
Argentum nitricum ist nun, ganz im Gegensatz zu den meisten anderen, eine Arznei von sehr impulsiver Persönlichkeit. Wie merkwürdig sind doch seine Schwächen – seine Selbstquälereien! Und da ich es sehr gut kenne und seine großartigen Heilkräfte vielfach erfahren habe, betrachte ich es, so seltsam es klingen mag, mit so etwas wie Liebe oder Zuneigung.
Die alte Schule hat keinen Begriff von der wunderbaren Fähigkeit des ‚Höllensteins‘, jene ungeheuren emotionalen Nöte und intellektuellen Schwierigkeiten zu besänftigen und zu erleichtern, von denen der Argentum-nitricum-Mensch geplagt wird.
Lassen wir uns von Kent in seiner anschaulichen Art einige Einzelheiten schildern, die den psychischen Hintergrund, die innere Natur dieser Seelenqualen erhellen können!
Kent spricht von „Gedächtnisstörungen“, von „Störungen des Verstandes, des logischen Denkens“. Er sagt: „Argentum nitricum ist irrational; der Patient tut seltsame Dinge und kommt zu seltsamen Schlussfolgerungen; zuweilen sind seine Handlungen regelrecht töricht. …
Er wird von sich ihm aufdrängenden, lästigen Gedanken gequält, … welche ihn in Angst und Schrecken versetzen und hastig, nervös und ruhelos werden lassen; so geht er nach draußen und macht einen Spaziergang, und je schneller er geht, desto schneller meint er gehen zu müssen; immer weiter geht er, bis er müde und völlig erschöpft ist. Eigenartige Vorstellungen, Ideen oder Ängste bemächtigen sich seiner; z.B. kann er urplötzlich befürchten, er könnte von einer schlimmen Krankheit befallen werden oder einen Anfall bekommen. Der seltsame Gedanke kommt ihm in den Sinn, dass er, wenn er um eine bestimmte Straßenecke biegt, Aufsehen erregen werde, indem er einen Anfall bekommt und zu Boden stürzt. So macht er, um dies zu vermeiden, einen großen Bogen um den ganzen Block; er meidet diese Straßenecke – aus Furcht, er könnte etwas Verrücktes anstellen.
Sein Geist ist so schwach, dass alle möglichen Impulse in sein Bewusstsein vordringen können. … Wenn er eine Brücke überquert oder sonst einen hochgelegenen Ort passiert, wird er von der Vorstellung heimgesucht, er könnte sich das Leben nehmen, indem er von dort herunterspringt; oder er malt sich aus, wie es wohl wäre, wenn er wirklich springen würde; und gelegentlich kommt sogar der Impuls in ihm hoch, sich von der Brücke ins Wasser zu stürzen. Wenn er aus einem hohen Fenster nach unten schaut, überkommt ihn der Gedanke, wie schrecklich es wohl wäre, aus dem Fenster zu springen, und zuweilen verspürt er den Impuls, es tatsächlich zu tun.
Es besteht Furcht vor dem Tod – eine übertriebene Ängstlichkeit, dass sein Tod kurz bevorstünde (aconitumACONITUM). … Wenn er an etwas denkt, was er sich vorgenommen oder zu tun versprochen hat, oder wenn er etwas Bestimmtes erwartet, so ist er ängstlich besorgt. Ist er mit jemandem verabredet, sorgt er sich bis zum letzten Augenblick. … Oft bricht ihm vor Angst der Schweiß aus … Wenn er irgendwo hingeht – zu einer Hochzeit, in die Oper oder zu einem sonstigen ungewohnten Ereignis –, wird dies von Besorgnissen und Befürchtungen begleitet, die nicht selten so groß sind, dass er wegen Durchfalls mehrfach die Toilette aufsuchen muss (gelsemiumGELSEMIUM).
So haben wir es bei Argentum nitricum mit einer ebenso wunderbaren wie wunderlichen Arznei zu tun. …
Das Mittel kann – mit seiner geistigen Erschöpfung und nervösen Erregung, seinem Kopfschmerz und Zittern, seinen organischen Herz- und Leberleiden – besonders angezeigt sein bei Geschäftsleuten, Studenten und Kopfarbeitern, bei Menschen, die vielen und langanhaltenden Aufregungen ausgesetzt sind, bei Schauspielern, die ihr Lampenfieber vor öffentlichen Auftritten über lange Zeit hinweg nicht ablegen konnten. …
Wie pulsatillaPULSATILLA verlangt es Argentum nitricum nach kühler Luft, nach kalten Getränken, kalten Speisen; … in warmen Räumen ‚erstickt‘ er, ebenso bei Zusammenkünften vieler Menschen; kann keine Kirche, keine Oper besuchen; … er fürchtet Menschenmassen, hat Angst vor bestimmten Orten.“
Nun zur körperlichen Seite … Überall finden wir Ulzerationen, besonders an den Schleimhäuten. Kent wundert sich über diese Neigung zur Geschwürbildung: „Eigenartig, dass es in seiner Pathogenese eine solche Tendenz aufweist, wo doch die alte Schule Silbernitrat zur Kauterisation von Geschwüren benutzt und sie damit zur Abheilung bringt.71

71

Die Verwunderung Kents rührt, wenn ich es recht verstehe, von der Tatsache her, dass auch Allopathen zuweilen homöopathisch handeln, ohne dass es ihnen bewusst wird. Normalerweise wird ja die Kauterisation allopathisch eingesetzt, um z.B. überschießendes Granulationsgewebe wegzuätzen. Gelegentlich aber wird, wie ich es selber in einer Hautklinik erlebt und praktiziert habe, ‚Höllenstein‘ verwendet, um z.B. Wundränder von Ulcera crurum zur Granulation anzuregen – und dies häufig mit Erfolg! Dass diese Methode in gewisser Weise eine homöopathische ist, ahnte ich damals noch nicht.

… Argentum nitricum hat die hartnäckigsten Magengeschwüre geheilt, wenn diese geblutet haben und Bluterbrechen aufgetreten ist. …
Vergessen Sie nicht, dass Argentum nitricum zu den Mitteln mit der größten Flatulenz in der ganzen Materia medica gehört. Der Patient ist aufgetrieben bis zum Platzen; durch Windabgang oder Aufstoßen bekommt er kaum Erleichterung. …
Starkes Verlangen nach Zucker. Er hat das Gefühl, dass er den Zucker unbedingt braucht, dabei macht er ihn nur krank, ruft Aufstoßen hervor, vermehrte Blähungen und Magenübersäuerung. Er kann Zucker nicht richtig verdauen; dieser wirkt wie ein Abführmittel und verursacht Durchfall. So stark ist die Verschlimmerung durch Zucker, dass ein Säugling grünen Durchfall bekommt, wenn die Mutter Süßigkeiten isst.“ Kent erzählt von einem Fall, wo einem Baby durch nichts zu helfen war, bis er schließlich herausfand, dass die Mutter Süßigkeiten aß – ihr Mann brachte ihr jeden Tag ein Pfund davon mit nach Hause. „Das Baby wurde erst gesund, als es Argentum nitricum bekommen und die Mutter aufgehört hatte, Süßes zu essen.“72

72

Vgl. dazu die etwas ausführlichere Beschreibung dieses Falles im AETHUSA-Kapitel.

Argentum nitricum hat massive Augensymptome, angefangen bei katarrhalischen Beschwerden über Ulzerationen bis hin zu Hornhauttrübungen. All diese Augensymptome werden durch Wärme verschlimmert und durch Kälte gebessert. Reichliche eitrige Absonderungen von den Lidern.
Nash zitiert Allen und Norton in Bezug auf Augenerkrankungen: „Größte Dienste leistet Argentum nitricum bei eitrigen Augenentzündungen. Bei reicher Erfahrung aus Krankenhaus- wie Privatpraxis haben wir kein einziges Auge aufgrund dieser Erkrankung verloren, und jeder Fall ist mit innerlichen Mitteln, die meisten mit Argentum nitricum in höheren Potenzen, der 30. oder 200., behandelt worden. Wir sind Zeuge geworden, wie heftige Chemosis, mit eingeschnürten Gefäßen, profuser Eiterung und sogar mit beginnender Eintrübung der Hornhaut, welche aussah, als ob sie sich ablösen wollte, unter Argentum nitricum innerlich sehr schnell abklang. Subjektive Symptome sind dabei fast nicht vorhanden, und gerade ihr Ausbleiben – trotz der starken Eiterabsonderung, der durch Eiteransammlung im Auge vorgetriebenen Lider oder der Schwellung des subkonjunktivalen Gewebes der Lider selbst – stellt eine Indikation für dieses Mittel dar.“ (Ich möchte noch einen solchen Fall erwähnen, aus der Zeit des Krieges 1914–18. Es handelte sich um ein Kind, das ich lediglich mit Argentum nitricum 200 sowie Augenbädern mit physiologischer Kochsalzlösung behandelt hatte; bereits am nächsten Tag war eine erstaunliche Besserung festzustellen, und bald war das Auge ganz wiederhergestellt. Dieser Fall hat sich mir besonders eingeprägt, da ich sonst mit -Augenerkrankungen nur selten zu tun habe.)
Argentum nitricum hat einige eigentümliche körperliche Symptome, so vor allem das typische Gräten- oder Splittergefühl im Hals (HEPARhepar sulfuris SULFURIS etc.); oder auch gleichzeitiges Erbrechen und Abführen – das ‚Herausschießen in beide Richtungen‘, wie bei arsenicumARSENICUM.
All diese Dinge hat Argentum nitricum in Prüfungen hervorgerufen, und all dies vermag es zu heilen und hat es wieder und wieder geheilt.
Im Folgenden weitere wichtige körperliche Symptome, zusammengetragen aus Allens Encyclopedia.73

73

Das mit einem a versehene Symptom gehört zu den wenigen von Hahnemann beobachteten Prüfungssymptomen der „salpetersauren Silberauflösung“ (Reine Arzneimittellehre); ein b steht für Symptome aus der Prüfung von J. O. Müller (laut Hering „eine der gelehrtesten Abhandlungen in der Medizinliteratur“), veröffentlicht 1845 im 2. Band der Oesterreichischen Zeitschrift für Homöopathie; das c bezeichnet Symptome aus einer kurzen Prüfung Herings (Homöopathische Vierteljahrschrift, 10. Band, 1859), und d steht für ein Symptom aus einem Prüfungsfragment Müllers, veröffentlicht 1857 in der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Aerzte Oesterreichs (Band 1, S. 45).

Aengstlichkeit, die zum Geschwindgehen zwingt.a
Schwindel.b
Schwindel und Ohrensausen, bei allgemeiner Abgeschlagenheit der Glieder und Zittern.b
Festes Zusammenbinden erleichtert die Kopfbeschwerden. b
Augenentzündung im Kühlen und in freier Luft gebessert, in der warmen Stube unerträglich.b
Augenentzündung mit lebhaften Schmerzen.b
Vor der Sehaxe bewegten sich geschlängelte Körper und graue Puncte.b
Blutrothe Augenwinkel, Geschwulst der Thränenkarunkel: sie ragt wie ein rothes Fleischklümpchen aus dem Augenwinkel hervor; lebhaft rothe Gefässbündel ziehen sich aus dem inneren Winkel gegen die Cornea hin; Auflockerung und Aufwulstung der Bindehaut; vermehrte Schleim- und Thränensecretion.b
Vergehen des Gesichts: er muss stetig den vor die Sehaxe tretenden Schleim abwischen.b
Sehr kränkliches Aussehen.b
Altes Aussehen: die Gesichtshaut spannt sich straffer auf die Gesichtsknochen …b
Zahnbeschwerden, die sich besonders beim Kauen, bei Genuss von Saurem oder bei Contact mit Kaltem deutlich kund geben …b
Rothe, schmerzhafte Zungenspitze; aufgetretene [angeschwollene] Zungenwärzchen.b
Rauhheit und Wundheit im Halse.c
Dicker, zäher Schleim im Halse nöthigt zum unaufhörlichen Raksen.b
Halsweh …; beim Schlucken, Aufstossen, Athmen, Dehnen und Bewegen des Halses war es, als stecke ein Splitter im Halse.b
Dunkle Röthe des Zäpfchens und Racheneingangs.b
Unwiderstehlicher Appetit auf Zucker.b
Arges Luftaufstossen.b
Uebelkeit nach jedem Essen …c
Beständiger Ekel und häufige, höchst beschwerliche Brechanstrengungen.b
Erbrechen und Durchfall unter heftigen Colikschmerzen.b
Brechreiz, zitterige Mattigkeit und Zusammenschrauben des Kopfes.b
Heftige Cardialgie [Magenschmerz].b
Anfall von Speiseröhrenkrampf: Nach vorgängigem Gähnen entsteht ein Gefühl in dem aufgeblähten Magen, als drohe er zu platzen; Ructus streben nach oben, die Speiseröhre aber ist bei ihrem Eingange wie spastisch geschlossen …b
Schmerzhafte Geschwulst der Herzgrube mit grosser Ängstlichkeit.d
Der Unterleib ist geschwollen und aufgetrieben.c
Abgang vieler Blähungen …b
Leichtes Bauchgrimmen weckt ihn aus dem unruhigen Schlummer, und er musste die Nacht hindurch 16 Male grünlichen, sehr stinkenden Schleim entleeren, der unter vielem Blähungsgetöse abging.2
Diarrhoische, grünschleimige Stuhlentleerungen mit Würgen, Schleimerbrechen, Magen- und ziehendem Bauchweh, bei Unleidlichkeit der Bindbänder um die Hypochonder.b
Nachdem er abends mit grosser Begierde Zucker genossen hatte, trat um Mitternacht Durchfall wässerigen Stuhls in geringer Menge mit Blähungskolik vorher und vielem Blähungsgetöse während Entleerens ein.b
Durchfall mit grünem Schleim, wie Brocken von zerhacktem Spinat.
Herzklopfen.b
Unregelmäßiger Herzschlag.
Im Freien Wanken und schwankender Gang.b
Lähmige Schwere und Mattigkeit der Beine, dass sie nicht wusste, wohin damit.b
Sie ist so abgeschlagen und hinfällig, dass sie kaum über das Zimmer schreiten kann, bei vielem Geklage über Strammen in den Waden.b
Grosse Abgeschlagenheit und Müdigkeit in den Waden, wie nach weiter Fussreise.b
Zitterige Schwäche, bei allgemeiner Abgeschlagenheit … b
Zitterigkeit und Zittern. b
Convulsionen.b
Eigenthümliche Hautdiscoloration (Argyria), die, nach dem Sättigungsgrade, von den blasseren, blaugrauen, violetten oder bronzefarbigen Tinten sich bis zum tiefdunkelsten Schwarz … steigert.b
Haut braun, gespannt und hart.
Argentum nitricum ist, wie erwähnt, eines der großen Mittel für jene schrecklichen Zustände von Erwartungsspannung. Prüfungsangst; die Nervosität in Erwartung einer bevorstehenden Prüfung ist so groß, dass es zu Durchfällen kommt (gelsemiumGELSEMIUM). Einer unserer Ärzte macht immer viel Aufhebens von seinen ‚Schisspillen‘ – es handelt sich um Argentum nitricum! Die Erwartungsangst-Mittel sind in Kents Repertorium ziemlich verstreut, daher habe ich einmal die folgenden zusammengestellt; sie sollten als Rubrik eingefügt werden74

74

Nähere Einzelheiten siehe im SILICEA-Kapitel.

:
Arg-n., Ars.,arsenicum Carb-carbo vegetabilisv., Gelsgelsemium., Lyc.,lycopodium Med.,medorrhinum Plb.,plumbum Ph-phosphoricum acidumacidum phosphoricumac., Sil.
siliceaArgentum nitricum hat auch stark unter Klaustrophobie zu leiden.75

75

Zu dieser bei Kent sehr kleinen Rubrik („Furcht im engen Raum“) gibt es im Synthetischen Repertorium viele wichtige Ergänzungen.Weitere Nachträge sind (Vithoulkas): Ambr., Calc., Ign., Nat-m.Kokelenberg (Comparative Repertory) nennt darüber hinaus: Ars., Bry., Carb-an., Carc., Caust., Kali-c., Lach., Med., Merc-j-f., Nat-s., Sep., M-b. (morgan bach), Dys-co.

In einer Sitzreihe wird er sich stets an den Rand setzen, in der Kirche oder im Theater möglichst nah zum Ausgang, denn er braucht einen schnellen Fluchtweg. Selbst auf der Straße „lässt ihn der Anblick hoher Häuser schwindelig werden und ins Wanken geraten; die Häuserreihen scheinen sich ihm von beiden Seiten zu nähern und ihn zu erdrücken“ [Hering, Guiding Symptoms]. Argentum nitricum kann nicht in die Tiefe sehen – und ebenso wenig in die Höhe.
Hier einige geheilte Symptome [Hering]: „Beim Gehen wird ihm vor Angst ganz elend, was ihn immer schneller gehen lässt.“ … „Weckt oft seine Frau oder sein Kind auf, um jemanden zu haben, mit dem er reden kann.“ … „Fürchtet das Alleinsein, weil er denkt, er werde dann sterben.“ … „Beim Gehen wird er nervös, glaubt, er werde einen Anfall bekommen oder plötzlich tot umfallen, und so geht er immer schneller.“ … „Er ist von der quälenden Vorstellung besessen, dass all seine Unternehmungen fehlschlagen würden und fehlschlagen müssten.“ … „Arbeitet nicht, weil er meint, es würde ihm schaden oder er könnte es nicht aushalten.“ … „Fürchtet, dass er beim Passieren einer bestimmten Straßenecke oder eines bestimmten Gebäudes zu Boden stürzen und großes Aufsehen erregen werde; ist erleichtert, wenn er dann eine andere Richtung einschlägt.“
Ein bedauernswertes Schulmädchen von sechs Jahren hatte solch panische Erwartungsängste, dass sie, wenn die Schulglocke läutete, den Kopf zwischen die Hände nahm und sich übergeben musste. Argentum nitricum setzte ihrem Leid ein Ende, rasch und vollständig, sodass sie wieder gern zur Schule ging und dort bestens zurechtkam.
Ein kleiner Junge, 4 ¾ Jahre alt, war auf eine seltsame Art geistig krank. Die Vorgeschichte war folgende: Masern, bevor er zwei Jahre alt war; dann beidseitige Pneumonie und (fraglich) Meningitis. Er hatte damals „seinen Kopf hin und her gerollt“ und hatte offenbar einen ausgesprochenen Opisthotonus („er war von Kopf bis Fuß wie ein Bogen nach hinten gespannt“). „Als er anfing zu gehen, ging er rückwärts.“ Jetzt hatte er „schreckliche Nächte, wo er viel schreit“, und „verrückte Anfälle“ am Tage. Er hatte nachts oft panische Angst vor seinem Vater – „Daddy könnte mich ansehen!“ Von anderen Leuten sagte er: „Sie machen, dass ich blute, und darum mache ich, dass sie bluten.“ Er bildete sich ein, das Nachbarhaus würde auf ihn stürzen oder die Wolken würden auf ihn herunterfallen. Er hatte große Angst vor Geräuschen.
Die erste Arznei half nicht viel; aber nach einigen Gaben Argentum nitricum lautete der nächste Bericht: „Sehr viel besser. Er hat nicht mehr dieses Gefühl, dass Dinge auf ihn herunterfallen. Die Ängste sind alle verschwunden.“ Später benötigte er noch einige Gaben belladonnaBELLADONNA, dann dessen ‚chronisches Mittel‘ calcarea carbonicaCALCAREA; und innerhalb weniger Monate war er ein gesundes und normales Kind. Dass aber ein kleiner Junge durch so eigentümliche und charakteristische Symptome einen solchen ‚Hilferuf ‘ nach Argentum nitricum aussenden konnte, das war schon recht ungewöhnlich!
Die Homöopathie kann wunderbare Dinge bewirken, indem sie Kindern wieder zu einem glücklichen und normalen Leben verhilft.
Einer Jugendlichen, die an Verdauungsstörungen mit fast täglichen starken Blähungen und einem Gefühl des Platzens litt – schlimmer jeweils durch den Nachmittagstee, bis spät in die Nacht hinein –, konnte eine Zeitlang mit pulsatillaPULSATILLA oder CARBOcarbo vegetabilis VEGETABILIS geholfen werden, doch kehrten die Beschwerden immer wieder zurück. Daraufhin erhielt sie Argentum nitricum, mit dem Ergebnis, dass die Magen-Darm-Symptome aufhörten und sie nie mehr in diesem Maß belästigten. Während pulsatillaPULSATILLA und CARBOcarbo vegetabilis VEGETABILIS lediglich palliativ gewirkt hatten, erwies sich Argentum nitricum als ihr Heilmittel.
Da ihr das Mittel aber so gut getan hatte, nahm sie es noch einige Zeit weiter ein, bis schließlich ein neues, sehr lästiges Symptom auftauchte: Taubheitsgefühl in den Unterarmen nachts. Die Ärmelbündchen ihres Nachthemds mussten durchtrennt und beide Ärmel ganz nach oben gekrempelt werden; nichts durfte die Unterarme berühren oder darauf drücken. Sie hatte offenbar begonnen, Argentum nitricum zu prüfen, und nach Absetzen des Mittels war die Beschwerde bald vergessen und kam nie wieder. … Seit dieser Zeit habe ich, wenn Patienten über derartige nächtliche Taubheitsempfindungen in den Armen klagten, wiederholt Argentum nitricum mit Erfolg verordnet.
Das Symptom findet sich übrigens in Clarkes Dictionary. Er schreibt dort: „Bei einer Prüfung an mir selbst war eines der ausgeprägtesten Symptome eine Art tauber Empfindlichkeit der Haut an den Armen – ein hyperästhetisch-anästhetischer Zustand; gesteigerte Berührungsempfindlichkeit, dabei aber eine verminderte Fähigkeit, Empfindungen zu unterscheiden.“
Oft deuten bestimmte Symptomengruppen auf das richtige Mittel hin. Verlangen nach Süßem, Verlangen nach Salzigem und Wärmeunverträglichkeit – diese Kombination muss einen sofort an Argentum nitricum denken lassen. Wenn man dann noch herausfindet, dass der Patient nicht von einem hochgelegenen Ort hinabschauen kann, kann man so gut wie sicher sein. Keine andere Arznei hat genau diesen Symptomenkomplex.
Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass für Dr. Clarke ein wichtiges Mittel bei Prüfungsangst aethusa cynapiumAETHUSA CYNAPIUM war, ‚Fool's parsley‘ [‚Narren-Petersilie‘] – welch trefflicher Name! Eines der charakteristischen Symptome des Mittels ist die „Unfähigkeit, zu denken oder sich zu konzentrieren“. Clarke erzählt: „Geleitet durch dieses Symptom, gab ich das Mittel einmal einem Studenten, der sich auf eine Prüfung vorbereitete. Er hatte sich schon gezwungen gesehen, sein Studium aufzugeben; nach diesem Mittel aber war er in der Lage, es wieder aufzunehmen, und er legte ein glänzendes Examen ab. Für einen kleinen Jungen in einem Waisenhaus, der an heftigen Kopfschmerzen litt und nicht in der Lage war, sich auf seine Hausaufgaben zu konzentrieren, verschickte ich in größeren Abständen Einzeldosen von aethusa cynapiumAETHUSA, welche ihm stets große Erleichterung verschafften. Später bat der Kleine dann immer selbständig um die Medizin, wenn die alten Symptome wiederkehrten.“
Bei Argentum nitricum ist der Zustand der einer vorwegnehmenden Befürchtung: Der Patient ist krank vor Angst in Bezug auf das, was ihm bevorsteht; es ist eine Furcht zu versagen. Bei aethusa cynapiumAETHUSA hingegen handelt es sich einfach um eine Unfähigkeit, zu denken oder sich über längere Zeit auf etwas zu konzentrieren.
In der Homöopathie muss man sehr genau sein, und so kann man nicht einfach ein Mittel durch ein anderes ersetzen – auch dann nicht, wenn beide als ‚Prüfungsangst-Mittel‘ gelten!

Arnica montana

Weitere Namen: Bergwohlverleih
Der arnica montana‚Wohlverleih‘ – das ‚Fallkraut‘ – ‚Panacea lapsorum‘ – gehört in jeden Haushalt, und jeder sollte über seine Anwendungsmöglichkeiten Bescheid wissen.
Arnica wächst in gebirgigen Gegenden auf der ganzen Welt. Ich erinnere mich noch gut an einen Urenkel Nelsons, der in den Anden lebte und den ich vor Jahren einmal getroffen habe. Er erzählte mir Geschichten über Arnica: von den schrecklichen Stürzen in diesen Bergen – und wie die Indios dort Arnica sammeln, die Pflanze mit kochendem Wasser übergießen und den Verletzten diesen Aufguss einflößen – mit erstaunlichem Erfolg.
Im Plan des Allmächtigen ist Hilfe zu finden, wo immer sie benötigt werden mag, sei es als Pflanze oder als tierisches Gift – stets ist sie zur Hand.
Wir verdanken dieses wundervolle Arzneimittel der uralten Tradition seines Gebrauchs als Hausmittel. Erst Hahnemann jedoch hat seine Anwendung zur Wissenschaft erhoben und gezeigt, dass es sich mit seiner Fähigkeit, auch hervorzurufen, was es zu heilen vermag, von den übrigen Arzneien nicht unterscheidet. Das heißt, er ‚prüfte‘ Arnica, indem er es außer sich selbst noch sieben76

76

In die 3. Auflage von Band 1 der Reinen Arzneimittellehre hat Hahnemann darüber hinaus (neben den Zitaten zahlreicher älterer Autoren) auch die Prüfungen von Stapf (aus Band 5 des Archivs) und Bähr mit aufgenommen.

weiteren Personen (zumeist Ärzten) verabreichte und dann getreu aufzeichnete, inwiefern es bei diesen gesunden Prüfern das Befinden veränderte und welche ungewohnten Beschwerden und Empfindungen es bei ihnen entstehen ließ.
Lassen Sie uns einen Blick auf die Prüfungssymptome77

77

Die mit a bezeichneten Symptome sind der Reinen Arzneimittellehre entnommen.

von Arnica werfen und sehen, welche Hinweise sie uns auf seine Nutzanwendung geben können – stets dessen eingedenk, dass eine Arznei das, was sie hervorrufen kann, auch zu heilen imstande ist.
Er fühlte sich am ganzen Körper wie zerschlagen.
Mattigkeit, Müdigkeit, Zerschlagenheita
Schmerz im Rücken, wie nach einem schweren Sturz.
In der Gegend des Herzens, Schmerz, als würde es zusammengedrückt oder als bekäme es einen Stoß.a
Alle Gelenke und Zusammenfügungen der zur Brust gehörigen Knochen und Knorpel schmerzen bei Bewegung und Athmen wie zerschlagen.a
Stiche in der Brust.
Kurzer, keuchender Atem. – Brustbeengung.
Bluthusten.a
Husten, welcher Zerschlagenheit aller Ribben erzeugt.a
Das Kreutz schmerzt wie abgeschlagen.a
Ein gleichsam lähmiger Schmerz in allen Gelenken und wie von Zerschlagenheita
Schmerz in allen Gliedern, wie Zerschlagenheita
An der Vorder-Seite der Arme, Schmerz wie zerschlagen.a
Die Arme sind laß [matt, müde], wie zerprügelta
Schmerz wie von Verrenkung der Handwurzel.a
Schmerz in beiden Daumenballen, als hätte man sie auf etwas Hartes geschlagen.a
Schmerz wie von Verrenkung in den Hüften.a
Es finden sich auch Symptome, die uns an Typhus denken lassen, wie unwillkürlicher Stuhlabgang im Schlaf, fauliger Geschmack im Mund, faul riechender Atem, Auftreibung des Unterleibs etc., und dabei stets der typische Gemütszustand des Mittels.
Einige eigentümliche Symptome:
Kalte Nase.
Brennen im Gehirne …, bei übrigens kühlem … Körper.a
Gedächtnißmangel …a – Zerstreutheit des Geistes.a
Grausen vor sofortigem Tod.
Furcht, berührt zu werden.
Hahnemann sagt über Arnica, es sei nicht nur bei Verletzungen von „starken Quetschungen und Zerreißungen der Faser“, sondern „selbst in den größten Verwundungen durch Kugeln und stumpfe Werkzeuge sehr heilsam – so wie in den Schmerzen und anderm -Uebelbefinden nach Ausziehn der Zähne, und nach andern chirurgischen Verrichtungen, wobei empfindliche Theile heftig ausgedehnt worden waren, wie nach Einrenkungen der Gelenke, Einrichtungen von Knochen-Brüchen, u.s.w.“ … Weiterhin sei es hilfreich „gegen einige Arten unächten Seitenstichs 78

78

„Seitenstich“ ist ein alter Ausdruck für Brustfellentzündung.

…, in denen nämlich, deren Symptome den Symptomen dieser Wurzel in Aehnlichkeit entsprechen“.
Bei großen Quetschungsverletzungen empfiehlt er, neben der innerlichen Einnahme „einer kleinen Gabe … Arnica (wo nöthig, alle 3 Tage eine)“, auch äußerlich die verletzten Teile in den ersten 24 Stunden zu befeuchten, und zwar „mit Wein oder mit gleichem Wasser verdünntem Branntwein“, nachdem dieser „mit 5 bis 10 Tropfen der hundertfachen potenzirten Wohlverleih-Verdünnung gemischt und etwa 10 Mal stark zusammengeschüttelt“ wurde. (Also nicht mit der Urtinktur, sondern der C 1, und die Tropfenzahl pro halben Liter gerechnet.)
Natürlich sind etwa nach Zahnextraktionen ein paar innerliche Gaben Arnica gängige Praxis bei uns allen.
Kent bringt einige eindrucksvolle Schilderungen des Arnica-Zustandes. „Nach einem Eisenbahnunglück“ (oder Autounfall), bei dem er sich Verletzungen zugezogen hat, „wacht der Patient nachts auf, greift sich ans Herz und hat entsetzliche Angst zu sterben. Immer wieder zieht das schreckliche Erlebnis, das er gehabt hat, an ihm vorüber. Er fällt in einen Schlaf voller Angstträume zurück, doch bald schreckt er wieder in plötzlicher Todesfurcht auf und sagt: ‚Der Doktor muss sofort kommen.‘ Obwohl es ihm tagsüber recht gut geht, kann sich dieser Zustand Nacht für Nacht wiederholen.“
Andererseits sagen Arnica-Patienten, die schwer krank und mit Fieber im Bett liegen, auch oft: „Ich bin nicht krank. Ich brauche keinen Arzt.“
(Ich hatte während des Krieges 19–18 einen solchen Fall in unserem Krankenhaus; es handelte sich um eine Französin mit einem schweren Unterleibstyphus, den sie sich in Frankreich während einer Epidemie zugezogen hatte. Sie bekam einen Rückfall nach dem anderen. Der Fall war sehr besorgniserregend; doch als es der Patientin am schlechtesten ging, begann sie zu versichern, es gehe ihr bestens … „Ça va si bien, Mademoiselle! si bien.“ So erhielt sie Arnica, und rasch war ihre Gesundheit wiederhergestellt.)
Ein anderes Bild Kents ist das des Arnica-Zustandes bei alten Gichtfällen: Der alte Großvater sitzt in der hintersten Ecke des Zimmers, in steter Sorge, dass man sich ihm nähern oder ihn gar berühren könnte; er hat das Gefühl, dass jeder, der auf ihn zukommt, ihm wehtun könnte, so empfindlich sind seine Gelenke. Wenn er den kleinen Johnny auf sich zurennen sieht, ruft er: „Junge, bleib mir ja vom Leibe weg!“ „Geben Sie ihm eine Dosis Arnica“, sagt Kent, „und er wird Johnny auf sich herumturnen lassen.“
Typisch ist auch das Gefühl, als ob das Bett zu hart sei. Bei allen möglichen Krankheiten entspricht dieses Symptom gewissermaßen einem Schrei nach Arnica. Der Patient ist unruhig, aber nur deshalb, weil sich das Bett so hart und klumpig anfühlt, dass er ständig gezwungen ist, neue Lagen auszuprobieren. (Dies ist nicht die ängstliche Unruhe von aconitumACONITUM oder arsenicumARSENICUM und auch nicht das schmerzhafte Unbehagen von RHUS,rhus toxicodendron das den Eindruck vermittelt, als ob es durch Bewegung gemildert würde – was nicht immer der Fall sein muss.)
Von großem Nutzen ist Arnica des Weiteren bei zerebralen Blutungen, wo es gewöhnlich als erstes Mittel zur Anwendung kommt. Dies wird bereits in den Prüfungen angedeutet: „Drückender und ausdehnender Kopfschmerz …“ „Kopfschmerz …, als wäre das Gehirn zu einem Klumpen zusammengeballt.“ „Im linken Stirnhügel, ein schnelles Stechen, mit dem Gefühle, als wäre die Stirne blutrünstig 79

79

sdruck für ‚blutunterlaufen‘; in den englischen Übersetzungen dieses von Hahnemann angegebenen Symptoms lautet die Passage: „… as if beaten bloody“ (korrigierte Version bei Allen) bzw. „as if an extravasation of blood had taken place“ (bei Hering). Tatsächlich gilt der Austritt von Blut ins Gewebe als die wichtigste Indikation für Arnica.

.“
Einige aufschlussreiche Fälle:
(1) Sie bekam eines Nachts stechende Schmerzen in der Brust, die das Atmen erschwerten. Ihr Mann versuchte, ihr mit verschiedenen Arzneien zu helfen, wahrscheinlich mit aconitumACONITUM, sicher aber mit bryoniaBRYONIA – doch vergeblich. Dann entdeckte er in einem Heft der Domestic Homœopathy die Indikation „unechte Pleuritis“ mit ihrem Heilmittel Arnica, und er gab ihr davon ein paar Globuli. Sie hatte sie kaum im Mund, als sie mit einem tiefen Seufzer und den Worten „Das ist der erste richtige Atemzug, den ich diese Nacht getan habe!“ fast augenblicklich einschlief.
(2) Er war Arzt und schrieb, dass er seit mehr als einem Monat große Schwierigkeiten mit der Atmung habe, und zwar seit einem 80-Yards-Lauf. Nachts wache er stets „mit beängstigender Brustbeengung“ auf. Wegen einer Herzschwäche rechne er mit seinem baldigen Ende, doch sei er „ruhig und gefasst und auch nicht sonderlich besorgt“. „Beine schwer; nicht ganz klar im Kopf; schnelles Treppensteigen unmöglich. Das Herz klingt schwach, aber keine manifeste Herzerkrankung.“ Ich empfahl ihm, Arnica einzunehmen, und er schrieb zurück: „Arnica hatte den gewünschten Effekt! Alle Symptome verschwanden innerhalb 48 Stunden. Es geht mir jetzt sehr gut.“
(3) Sie hatte sperrige Gegenstände die Treppe hinuntergetragen, war ausgerutscht und hatte sich den Knöchel schwer verstaucht. Nach Auflegen einer Kompresse, getränkt mit einer offenbar ziemlich konzentrierten Arnica-Lösung, war der Knöchel am nächsten Tag wieder in Ordnung, doch am ganzen Fuß bestand nun ein glänzender Ausschlag, der nach Absetzen von Arnica langsam abklang.
Dazu eine Anmerkung: Arnica kann eine scheußliche Dermatitis bewirken, wenn es äußerlich zu lange oder zu konzentriert angewandt wird, bis hin zu einer Zellulitis, wenn es auf offene Wunden appliziert wird; in solchen Fällen ist es immer besser, hypericumHYPERICUM zu nehmen. Sicher wäre aber auch die erste Centesimalpotenz Hahnemanns (die ‚C 1‘) eine Verbesserung gegenüber der Urtinktur, die gewöhnlich in Gebrauch ist.
(4) Ein anderer Arzt war geistig und körperlich überanstrengt und verlor alles Interesse an seiner Arbeit. Sein gewohntes Selbstvertrauen schwand dahin, sodass er begann, seine Verordnungen anzuzweifeln und sich zu fragen, ob er nicht zu viel oder gar die falschen Arzneien gegeben haben könnte. Er war sich nie sicher, ob er die Haustür verschlossen oder das Licht ausgemacht hatte: Er musste zurückgehen und sich vergewissern. Von seinem Naturell her war er eigentlich sehr achtsam, und so registrierte er diese Veränderung seines Wesens mit einiger Besorgnis. Arnica 1000 brachte ihn innerhalb weniger Tage ins Gleichgewicht und stellte sein Gedächtnis und sein Selbstvertrauen vollkommen wieder her.
(5) Eine Frau, die sehr leicht ermüdete und z.B. nach einem Tag Einkaufen in London völlig ‚geschafft‘ war. Überanstrengung bedeutete für sie stets eine schlimme Nacht – es sei denn, sie nahm Arnica. Einmal schwoll nach einer Pockenimpfung ihr Arm an; er war sehr empfindlich, und die Lymphknoten in der Achselhöhle schmerzten; zu alledem hatte sie auch noch einen mühsamen Tag in der Stadt gehabt, und so nahm sie abends wieder einmal Arnica. Zu ihrer Überraschung hatte sie danach keine Impfbeschwerden mehr! (Arnica ist in der Lage, Zellulitis und sepsisähnliche Zustände hervorzurufen, und so linderte es hier prompt.) Einige Kollegen verschreiben es nach jeder Pockenimpfung, doch im Gegensatz zu THUJAthuja, das den Prozess vollständig aufhebt, vermag Arnica lediglich die Beschwerden abzumildern, während es die Pustelbildung ihren normalen Verlauf nehmen lässt.
(6) Zwei kleine Mädchen von neun und fünf Jahren wurden von der Polizei ins Hospital gebracht, nachdem sie von einem Taxi angefahren worden waren. Beide waren komatös und schlaff. In beiden Fällen hatten Chirurgen die Verletzungsopfer kurz nach der Einlieferung gesehen – und als hoffnungslos beurteilt. Beide erhielten Arnica innerlich, und beide saßen am nächsten Morgen zu einem herzhaften Frühstück aufrecht in ihren Betten.
(7) Ein Patient schreibt aus dem Ausland: „Meine Frau ist hier in Straßburg sehr krank geworden, … aber ich bin glücklich, sagen zu können, dass alles höchst zufriedenstellend verlaufen ist. Dass die tausendste Potenz von Arnica – eingenommen sechs Stunden nach einer mit Komplikationen verbundenen beidseitigen Ovariotomie – so großartig gewirkt hat, hat hier viele Leute ziemlich verblüfft. phosphorusPHOSPHORUS verhinderte Übelkeit und Schock, durch das Arnica wurden Morphiumgaben vollkommen überflüssig gemacht. All das grenzt an ein Wunder!“
(8) Eine Frau vertrat sich eines späten Abends auf der Treppe schlimm den Fuß. Glücklicherweise war sie so klug und versuchte nicht, damit zu laufen: Sie setzte sich hin und bewegte den Fuß in alle Richtungen; dann schleppte sie sich irgendwie zu ihrem Bett und nahm Arnica. Am nächsten Tag noch einmal Arnica – und beim Wackeln mit dem Fuß spürte sie, wie ein Gelenkknochen nach dem anderen an seinen Platz zurückschlüpfte. Nach etwa 24 Stunden war der Fuß wieder in Ordnung.
Und hier ein Tipp! Versuchen Sie nicht, auf einem Fuß zu gehen, dessen ‚Gelenkpuzzle‘ am vorderen Sprunggelenk auch nur geringfügig verschoben sein könnte. Es würden dadurch Nerven gequetscht, Sie hätten Schmerzen, Schwellung und Entzündung zu ertragen und wären unter Umständen wochenlang ans Bett gefesselt. Schütteln oder wackeln Sie stattdessen die Puzzleteile wieder an ihren Platz! Beugen Sie Ihr Knie, halten Sie sich an etwas fest und rollen Sie Ihren Fuß mit den Zehen am Boden nach hinten und vorne und nach allen Seiten: dadurch kommen die Fußwurzelknochen am besten wieder in die richtige Position! Arnica wird dann den Rest erledigen.
Arnica ist ein nur kurzzeitig, aber prompt wirkendes Mittel.
Insektenstiche
Ich habe vergessen, die Rolle von Arnica bei Insektenstichen zu erwähnen. Die starke Tinktur [wohl die oben beschriebene C 1-Auflösung], bei einem Wespenstich äußerlich angewandt, verhindert Schmerz und Schwellung, und innerhalb weniger Stunden ist der Stich vergessen.
urtica urensURTICA soll Ähnliches bei Bienenstichen bewirken.
(Und cantharisCANTHARIS C 200 innerlich heilt rasch die starken, entzündlichen Schwellungen, die nach Mückenstichen entstehen können. – Ed.)
Hauptsymptome80
Geist und GemütSopor, mit unwillkürlichem Stuhlabgang.

80

Herings Guiding Symptoms; die mit einer 0 versehenen Symptome sind in Allens Encyclopedia fettgedruckt und wurden vom Übersetzer ergänzt; b markiert Symptome aus Jahrs Symptomencodex, c aus Bönninghausens Uebersicht der Eigenthümlichkeiten

Vergesslich; was er liest, entschwindet rasch seinem Gedächtnis; vergisst sogar das Wort im Munde.
Sagt, mit ihm sei alles in Ordnung, es fehle ihm nichts.
Delirium tremens.
Hoffnungslosigkeit; Gleichgültigkeit (nach Gehirnerschütterung).
Gleichgültigkeit gegen Geschäfte; es ist ihm alles gleichgültig.a
Fürchtet, von denen, die auf ihn zukommen, gestoßen zu werden; fürchtet sogar, dass man ihn berühren könnte (bei Gicht).
Starke Aengstlichkeiten.a – Heftige Angstanfälle (Angina pectoris).
KopfSchwindel beim Schließen der Augen.
Drückender und ausdehnender Kopfschmerz, wie von etwas Weichem im Scheitel, mit Ziehen im Hinterhaupte und Rissen nach den Schläfen.a
Mechanische Kopfverletzungen; besonders bei Sopor infolge Gehirnerschütterung; Schädelfrakturen oder auch Gehirnkontusionen. (Man wende äußerlich warme Tücher an, die mit der verdünnten Tinktur aus der Wurzel getränkt sind; gleichzeitig verabreiche man Arnica innerlich.)
Meningitis nach mechanischen Verletzungen oder traumatischen Schädigungen wie Stößen, Schlägen, Stürzen, Gehirnerschütterungen etc., wenn der Verdacht besteht, dass es zu Exsudation von Blut, Fibrin oder Leukozyten gekommen ist. In solchen Fällen finden wir starken Sopor und partielle Lähmungen der Zunge, des Oculomotorius, der Iris oder der Gliedmaßen.
Meningitis nach Läsion oder Commotio des Gehirns, vorausgesetzt, es besteht keine vollkommene Reaktionslosigkeit.
Apoplexia sanguinea.
Kopf fühlt sich zu groß an.
AugenEntzündungen mit Blutunterlaufen nach mechanischen Verletzungen.b,c
Retinale Blutungen; beschleunigt die Resorption von Blutgerinnseln.
Diverse Augenbeschwerden, die von Schlägen oder anderen Verletzungen herrühren; manchmal lokal angewandt (mit Wasser verdünnte Tinktur), manchmal innerlich gegeben.
Ohren, Nase, MundSchwerhörigkeit als Folge einer Gehirnerschütterung.
Nasenbluten: davor Kribbeln in der Nase; infolge mechanischer Ursachen; bei Keuchhusten; bei Typhus.
Zahnschmerzen nach Zahnoperationen, Zahnfüllungen etc.
Faul riechender Athem geht aus dem Munde.a
Magen, AbdomenAufstoßen: häufig; leer; bitter.
Aufstoßen wie nach faulen Eiern.a
Erbrechen dunkeln, geronnenen Blutesc; bitterer Mundgeschmack; allgemeines Wundheitsgefühl (nach Verletzungen).
Dyspepsie (Prolapsus ani).
Blähungen, die wie faule Eier riechen.a
RektumUnwillkürlicher [Urin- und] Stuhlabgang die Nacht im Schlafea (bei fieberhaften Erkrankungen, Apoplexie etc.).
Dysenterie mit Harnverhaltung oder mit Tenesmus des Blasenhalses und vergeblichem Harndrängen.
Eine sehr starke Indikation sind lange Intervalle (4–6 Stunden) zwischen den Stühlen (bei Dysenterie).
HarnorganeBlasenaffektionen nach mechanischen Verletzungen.
Tenesmus infolge Spasmen des Blasenhalses.
Harndrängen, mit unwillkürlichem Harntröpfeln.a
Häufige Versuche zu urinieren.
Muß beim Urinlassen lange stehen, bevor etwas abgeht.a
Harnverhaltung infolge körperlicher Anstrengung.
Ischurie bei Dysenterie.
Brauner Harn mit ziegelrothem Satze.a
Hämaturie aufgrund mechanischer Ursachen.
Urin trübe, mit viel Eiter und einigen Erythrozyten, aber ohne Zylinder (Nephritis).
Urin sehr sauer, mit Anstieg des spezifischen Gewichts.
Genitalien, SchwangerschaftRothblaue Geschwulst der Ruthe und des Hodensackes, entzündliche der Hoden, nach mechanischen Verletzungen.b
Phimose durch Reibung; Teile gequetscht und stark geschwollen.
Drohender Abort durch Sturz, Schock etc.; nervös, aufgeregt; fühlt sich wie zerschlagen.
Angegriffenheit und Verletzung der Theile nach schwerer Niederkunftb; [Arnica] verhindert Blutungen.
Wundheit der Brustwarzen.b
Husten, BrustNach Weinen und Wimmern, Husten bei Kindern.0,a
Bluthustena, nach mechanischen Verletzungen; auch mit Auswurf hellrothen, schäumigen Blutes, untermischt mit geronnenen Klumpen und Schleimb; selbst ohne Husten, Auswurf schwarzer Blutklumpen, bei jeder Körper-Anstrengung.b
Keuchhusten: Das Kind schreit vor dem Hustenanfall, als hätte es Angst vor den damit verbundenen Schmerzen; vom Husten blutunterlaufene Augen und Nasenbluten; Expektoration von schaumigem Blut oder von Blutklumpen.
Alle Gelenke und Zusammenfügungen der zur Brust gehörigen Knochen und Knorpel schmerzen bei Bewegung und Athmen [und Husten] wie zerschlagen.a
Pleuritis nach mechanischen Verletzungen; muss beständig die Lage wechseln, weil sich das Bett so hart anfühlt.
Pneumothorax nach äußeren Verletzungen.
Herz‚Überanstrengung des Herzens‘ von heftigem Rennen.
Fettige Herzdegeneration. – Asthma [cardiale] infolge fettiger Herzdegeneration.
Puls in Ruhe unter 60, nach Bewegung über 120 (Nephritis).
ExtremitätenHygroma patellae.
Ein Splitter, den er sich vor Monaten in die Fußsohle getreten hatte und der schon eine Menge ‚wildes Fleisch‘ hervorgerufen hatte, kam nach innerlicher und äußerlicher Anwendung von Arnica heraus.
Es liegt ihm in allen Gliedern; ein gleichsam lähmiger Schmerz in allen Gelenken und wie von Zerschlagenheit, bei der Bewegung.a
Beschwerden nach ÜberanstrengungHeiserkeit von Überbeanspruchung der Stimme; Herzklopfen; Ameisenlaufen, Lahmheit; Lähmung; Zerschlagenheitsgefühl; Ischias; Mattigkeit, Schwäche; Harnverhaltung; Nasenbluten.
NervenAllgemeines Sinken der Kräfte; er glaubt kaum ein Glied regen zu können.a
SchlafWährend der Antwort fällt er, ohne sie zu Ende zu bringen, in tiefen Schlaf (Typhus).
FieberSchauder über den ganzen Körper, zugleich Hitze im Kopfe und Röthe und Hitze im Gesichte, bei kühlen Händen und Zerschlagenheits-Gefühle in den Hüften, dem Rücken und an der vordern Seite der Arme.0,a
Der Kopf ist ihm zu heiß, und am Körper fröstelt's ihn; < zwischen häufigen Krampfanfällen.
Häufige, heftige Anfälle von Frostschauern (Nephritis).
Frostig, mit Hitze und Röte einer Wange.
Malaria.
Traumatische Fieber.
Typhöse Fieber.b
Faulfieber.
Hitze in oft wiederkehrenden, kurzen Anfällen.
GewebeErschütterungen, Quetschungen.
Unterhöhlende, nicht schmerzhafte Eiterung.
Verhindert Eiterung.
Hyperinose [Hyperfibrinogenämie] ist eher eine Kontraindikation für Arnica.
Septikämie; Neigung zu typhösen Verläufen.
Myalgien, vor allem nach Überanstrengung.
Rheumatische und gichtische Beschwerden.b
Entzündung von Haut und Zellgewebe; empfindlich auf Druck.
VerletzungenAlles, worauf er liegt, scheint zu hart zu sein.
Verrenkungen, mit starker Schwellung, bläulicher Röte und großer Schmerzhaftigkeit.
Verwundungen, vorzüglich durch stumpfe Werkzeuge, mit mehr oder weniger Quetschung.b
Erschütterungen; Stürze; mechanische Verletzungen.
Kontusionen ohne Zerreißung der Haut.
Bienen- oder Wespenstiche; Splitterverletzungen.
Komplizierte Frakturen und deren profuse Eiterung.
Mechanische Verletzungen: Gehirnerschütterung mit Bewusstlosigkeit, Blässe oder Schläfrigkeit; schwacher, intermittierender Puls; kalte Körperoberfläche und andere Hinweise auf schockbedingte Vitalitätsminderung; drohender Abort; Ovarialbeschwerden; Orchitis; Mastitis etc.
HautViele kleine, schmerzhafte Furunkel, einer nach dem anderen erscheinend; höchst empfindlich.
ArzneimittelbezeichnungenKomplementär zu aconitumACONITUM.
Arnica folgt gut auf: aconitumACONITUM, ipecacuanhaIPECACUANHA, veratrum albumVERATRUM; nach APIS apisbei Hydrozephalus.

Arsenicum

Weitere Namen: Arsenicum album; weißes Arsenik, arsenige Säure
Arsenicum ist eines der wichtigsten homöopathischen Arzneimittel; doch wie jedes andere Mittel muss es, wenn es erfolgreich sein soll, auf der Basis der ihm eigenen auffälligen und charakteristischen Symptome verschrieben werden, die zuvor in den Prüfungen und Vergiftungsfällen beobachtet wurden.
Ich erinnere mich an einen Mann, der vergiftet worden war und sterbend in unser Krankenhaus eingeliefert wurde. Nach den Symptomen zu urteilen, musste es sich bei dem Gift entweder um Arsenik oder Phosphor handeln. Als Dr. (inzwischen Sir) Bernhard Spilsbury einige Stunden später Organe zur Untersuchung fortbrachte, vermutete er: „Wahrscheinlich Arsenik, weil es weiter verbreitet ist“, und er sollte recht behalten.
Der Mann war bewusstlos und stark ikterisch; von Zeit zu Zeit traten Konvulsionen auf, und einige Male würgte er mundvollweise dunkles Blut heraus. Arsen (Arsenik) ist ein schreckliches Gift. Es ist kaum zu glauben, dass Menschen sich selbst oder andere zu einem solchen Tod verurteilen können – aber sie tun es! Giftmischer und Selbstmörder sind da anscheinend nicht wählerisch. Auch bei langsamen Arsenvergiftungen sind die Symptome unglaublich quälend: enorme Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle, unbeschreiblich große Angst und Unruhe, verbunden mit Schwäche und Hinfälligkeit, etc.; Und ebenjene schrecklichen Fälle ähnlichen Leidens, ähnlicher Entkräftung sind es, wo Arsenicum album die schnellsten und überzeugendsten Heilungen bewirkt. Vor Jahren gab mir ein homöopathischer Arzt dieses Mittel wegen einer Leichenvergiftung, und seither habe ich seine geradezu magischen Kräfte auch bei anderen Intoxikationen mit Ptomainen erleben können.
Die leidvollen Zustände und Symptome, bei denen wir Homöopathen Arsenicum mit einiger Aussicht auf Erfolg verschreiben, sind: Ruhelosigkeit – Verzweiflung – unerträgliche, qualvolle Angst. Die Unruhe ist so groß, dass der Patient es nicht erträgt, in seinem Zimmer oder Bett zu bleiben. Hinzu kommt ein Maß an Erschöpfung, das in keinem Verhältnis zu dem äußerlich erkennbaren Zustand des Patienten steht. Bei jeder Krankheit haben solche Fälle, wenn kein homöopathisches Arsen verabreicht wird, eine schlechte Prognose.
Zu dem Symptom „Er kann auf keiner Stelle Ruhe finden, verändert beständig die Lage im Bette, will aus einem Bette in das andere und bald hier, bald dort liegen“ merkt Hahnemann in einer Fußnote an: „Fast bei keinem andern Arzneimittel so bedeutend anzutreffen.“ [Reine Arzneimittellehre, Band 2, S. 113]
In diesem Zusammenhang muss ich an die Wirkung denken, die ein Zeppelin-Angriff in den ersten Tagen des Weltkrieges auf eine unserer Krankenhauspatientinnen hatte. Stundenlang war sie vollkommen außer sich und nicht zu beruhigen: Hier könne sie auf keinen Fall bleiben! Doch wohin? Wenn sie aufs Land ginge, kämen sie ja vielleicht dorthin! Und so weiter … bis sie eine Gabe Arsenicum erhielt; danach war sie ruhig und gefasst und, was die Zeppeline anging, nicht aufgeregter als die anderen Patienten auch.
„Heftiger Schwindel, gänzliche Mattigkeit, anhaltendes Erbrechen, Blutharnen und schnelles Auslöschen des Lebens …“ Hier ergänzt Hahnemann: „So starb Gehlen von eingeathmetem Arsenikwasserstoffgas.“ [ebd., S. 104]
Zu den eher trivialen Symptomen „Er muß sich Uebelkeit und Brecherlichkeit wegen niederlegen, Vormittags …“ – „Ziehender Schmerz zwischen den Schulterblättern, welcher zum Niederlegen nöthigt“ – „Der Schweiß mattet ihn, im Bette liegend, bis zur Ohnmacht ab“ etc. macht Hahnemann die wichtige Anmerkung: „Daß nicht sehr bedeutende Symptome und sonst geringfügige Umstände ein jählinges und gänzliches Sinken der Kräfte nach sich ziehen, ist eine sehr bedeutende, charakteristische Eigenschaft des Arseniks.“ [ebd., S. 71]
Zu dem Symptom „Nächtlicher, plötzliche Erstickung drohender Katarrh“ erwähnt er in einer Fußnote: „Von einem ähnlichen, alle Abende nach dem Niederlegen immer stärker erscheinenden Erstickungskatarrh, welcher mich dem Tode ganz nahe brachte, habe ich mich selbst mit Arsenik schnell geheilt, und zwar mit einer Gabe desselben, deren Kleinheit allen Glauben übersteigt. Die übrigen Symptome meines Uebels waren freilich ebenfalls unter den Arseniksymptomen anzutreffen.“ [ebd., S. 88]
Arsenicum ist eines unserer großen Asthmamittel, und auch in den Prüfungen sind asthmatische Symptome deutlich herausgekommen: „Zusammenschnürende Empfindung in der Brust“ – „Schmerzhaftes Athemholen“ – „Brustbeklemmung“ – „Schwieriges Athmen“ – „Jämmerliche Weheklage, daß ihm eine unerträgliche Angst und eine sehr beschwerliche Empfindung im Unterleibe den Athem hemme“ – „Oefters wiederkehrende Engbrüstigkeit“ etc. Hierzu Hahnemann: „Da die genannten Symptome in der Masse von keinem andern bekannten Arzneimittel wahrgenommen werden, so ist es einleuchtend, wie Arsenik die sogenannte Brustbräune homöopathisch und so zu sagen specifisch heilen kann und heilet.“ [ebd., S. 88]81

81

Diese Fußnote Hahnemanns bezieht sich, wie es scheint, lediglich auf das ‚Symptom‘ Nr. 583, wo es heißt: „Bei Bewegung (im Gehen) jählinge Engbrüstigkeit und Athemmangel, Schwäche und äußerste Ermattung.“ „Die genannten Symptome“ wären demnach nur die innerhalb von Nr. 583 aufgeführten Einzelsymptome! Dies ist insofern wichtig, als mit der „sogenannten Brustbräune“ sehr wahrscheinlich nicht Asthma bronchiale, sondern Angina pectoris gemeint ist (in der englischen Übersetzung der Reinen Arzneimittellehre durch Dudgeon, die von Tyler zitiert wird, ist der Begriff – noch abwegiger – mit „inflammation of the chest“ wiedergegeben worden). In der Tat sprechen die o. g. Beschwerden, einmal abgesehen von der fehlenden Schmerzsymptomatik, mehr für die letztere ‚Diagnose‘! Unterstützt wird diese Deutung dadurch, dass Arsenicum in den verschiedenen Repertorien als eines der wichtigsten Mittel bei Angina pectoris herausgestellt wird; umgekehrt gilt die Arsenvergiftung als eine der möglichen Ursachen, an die man bei Angina pectoris denken muss (siehe dazu das Kapitel „Brustbräune“ [sic!] in Stauffers Homöotherapie).

Hinsichtlich des Symptoms „Traurigkeit und Unruhe und Umherwerfen im Bette, mit unersättlichem Durste“ merkt er an: „Von äußerlicher Anwendung [des Arseniks] auf den Kopf bei zwei Kindern. Nach dem zwei Tage darauf erfolgten Tode Entzündung der Lunge und starke Entzündung am Magen und in den dünnen Därmen.“ [ebd., S. 113]
Und wenn er die – nicht selten tödlichen – Leiden von Menschen beschreibt, denen gegen ihre Geschwüre Arsenik verordnet wurde, prangert er damit zugleich die „Quacksalberei“ an, die zu seiner Zeit allenthalben üblich war.
Von einem Patienten berichtet Hahnemann: „Beängstigung, daß er mehrmals in Ohnmacht fiel, nebst einem heftigen Schmerz an dem Orte und schwarzen Blattern an der Stelle, da Arsenik in einem Säckchen auf bloßer Brust 4 Tage lang getragen worden war.“ [ebd., S. 113]
Arsenicum wirkt nicht nur ‚ätzend‘ auf das Gemüt ein, indem es Ruhe, Hoffnung und Sicherheit untergräbt, auch all seine Sekrete und Absonderungen sind scharf und ätzend: scharfe Tränen und Absonderungen aus den Augen; beißender Nasenschleim; wundmachende Leukorrhoe; ätzende, brennende, zerfressende Sekrete aus Geschwüren, die sich ständig ausdehnen – mehr in die Breite als in die Tiefe.
Dann seine charakteristischen brennenden Schmerzen, die durch Wärme (!) gelindert werden: brennende Schmerzen in Kopf – Augen – Nasenlöchern – Mund – Hals – Magen – Darm – Hämorrhoiden – Blase – Urethra – Ovarien – Genitalien – Brüsten – Thorax – Herzgegend – Wirbelsäule – Rücken – Blutgefäßen – Geschwüren – Haut; bei Krebs – Milzbrand – Karbunkeln usw. Adern brennen wie Feuer, besonders nachts.
Das Mittel zeigt ausgeprägte zeitliche Verschlimmerungen – Periodizität. Verschiedene Symptome und Leiden treten zu verschiedenen Stunden oder Zeiten auf, am stärksten jedoch um und nach Mitternacht. Sie können auch die ganze Nacht hindurch bestehen, aber nach Mitternacht – und hier besonders gegen 1 Uhr – wird der Höhepunkt des Leidens erreicht.
Arsenicum hat ein sehr breites Anwendungsspektrum, von mehr oder weniger trivialen, gewöhnlichen Beschwerden bis hin, wie wir gesehen haben, zu den schrecklichsten Leiden. Es kommt bei Kinderkrankheiten ebenso in Betracht wie bei schwersten Erkrankungen, und auch in der Linderung der körperlichen wie seelischen Schmerzen und Leiden bei unheilbaren Krankheiten hat es seinen festen Platz. Arsenicum ist eines unserer großen Heilmittel der Gürtelrose. Und wie es Ödeme und Aszites hervorgerufen hat, so ist es auch bei deren Behandlung von so großem Wert, dass es sich den Namen „homöopathischer Trokar“ verdient hat. Nur müssen stets seine Hauptsymptome vorhanden sein: die quälende Angst – die Unruhe – die große Erschöpfung – die brennenden, durch Wärme gebesserten Schmerzen.
Hahnemann schreibt: „Ein verständiger homöopathischer Arzt wird dieses Mittel, auch in dieser so verkleinten Gabe, nicht eher reichen, als bis er überzeugt ist, daß dessen eigenthümliche Symptome mit denen der zu heilenden Krankheit die möglichste Aehnlichkeit haben. Hat es sie aber, so hilft es auch gewiß. …
Ein solcher Gebrauch des Arseniks hat sich in unzähligen Krankheits-Zuständen hülfreich erwiesen, und unter andern: bei mehren eintägigen Fiebern und Wechselfiebern besondrer Art; bei Krampf- und Weh-Adern (varices), bei Stichen im Brustbeine, Erbrechen nach fast jeder Speise, allzugroßem Blutverluste bei der Regel und andern Beschwerden beim Monatlichen, bei Leibverstopfung, bei Schärfe des Scheide-Flusses und dem Wundwerden davon, bei Leber-Verhärtungen, Beklemmung der Brust beim Steigen, Uebelriechen aus dem Munde, Bluten des Zahnfleisches, Bluthusten, Drücken im Brustbeine, Magen-Drücken, ziehendem Stechen hie und da im Gesichte, abendlicher Schlafsucht, Abend-Schauder und Glieder-Renken mit bänglicher Unruhe, schwerem Einschlafen nach nächtlichem Erwachen, Müdigkeit in den Füßen, Zerschlagenheits-Schmerze im Knie-Gelenke, jückenden Flechten in der Kniekehle, beim Gehen wie wund aufgerieben schmerzenden Zehballen, alten Schenkel-Geschwüren (brennenden und) stechenden Schmerzes, reißendem Stechen in der Hüfte, im Schooße und dem Oberschenkel, nächtlichem ziehendem Reißen vom Ellbogen bis in die Achsel, schmerzhafter Geschwulst der Leisten-Drüsen, u.s.w.“ [Reine Arzneimittellehre, Band 2, S. 54–55]
Ich selbst kann mich an eindrucksvolle Fälle mit typischen Arsenicum-Symptomen erinnern, die durch dieses Mittel geheilt wurden: ständig rezidivierende Wechselfieberanfälle; Erbrechen nach jeglichen Speisen; Leichenvergiftungen; Asthmaleiden; Gastralgien; Fazialisneuritis nach Herpes zoster und eine weitere Neuritis gleicher Genese, u. v. a. m. Wenn die Symptome deutlich auf das Mittel hinweisen, wirkt Arsen in homöopathischer Zubereitung bei allen Arten von Krankheit und Leiden rasch und heilend; selbst in manchen inoperablen Karzinomfällen lindert es die Schmerzen und verlängert – auf unerklärliche und erstaunliche Weise – das Leben der Patienten.
Guernsey schreibt über Arsenicum: „Wir finden sehr viel Angst bei dem Patienten, und je größer das Leiden, desto größer ist die Angst. Sehr große Unruhe, die sich darin zeigt, dass sich der Kranke ängstlich und ruckartig hin und her wirft, wobei jeder Bewegung eine Phase der Erschöpfung folgt. Die Erschöpfung wird vom Patienten nicht empfunden, solange er ruhig liegenbleibt, doch sobald er sich bewegt, bemerkt er verwundert seine große Schwäche. Intensiv brennende Empfindungen, wie von glühenden Kohlen – Letzteres zumeist in der Bauchhöhle. Furcht vor dem Tod; dies ist nicht die aconitumACONITUM-Furcht [vor dem nahen Tod], sondern eher eine allgemeine Angst, verbunden mit dem Gefühl, dass es sinnlos sei, noch irgendeine Medizin einzunehmen, da er ohnehin bald sterben werde.“
Wie man sieht, behandelt die Homöopathie eher krankhafte Zustände als mit irgendwelchen Namen versehene Krankheiten. Und ob leichter oder schwerer Natur, es gibt keine Krankheit, die Arsenicum nicht heilen könnte, vorausgesetzt, die Krankheitssymptome stimmen mit den Arzneisymptomen überein.
Kent sagt: „Seit der Zeit Hahnemanns ist Arsenicum eines der Polychreste, eines der am häufigsten indizierten und am meisten verwendeten Arzneimittel. In der alten Schule ist es – in Form der Fowlerschen Lösung – ausgiebigst missbraucht worden [als ‚Roborans‘].
Arsen wirkt auf den ganzen Menschen ein; fast all seine Kräfte scheint es zu stärken oder niederzudrücken, fast alle körperlichen Funktionen anzuregen oder zu beeinträchtigen. … Es hat jedoch bestimmte vorherrschende und auffallende Merkmale, von denen Angst, Unruhe, Prostration, Brennen und aashafter Geruch besonders hervorstechen. Die Oberfläche des Körpers ist blass, kalt, klamm und schweißig, das Aussehen leichenhaft. …
Der Arsenicum-Patient, der sich in diesem Gemütszustand befindet, friert ständig, hält sich dauernd in der Nähe des Ofens auf und kann sich nicht warm genug anziehen; Kälte ist es, worunter er besonders zu leiden hat. …
Arsen ruft eine Neigung zu Blutungen hervor. Der Patient blutet leicht, an jeder Körperstelle kann es zu Blutungen kommen. … An allen Schleimhäuten können Hämorrhagien auftreten (phosphorusPHOSPHORUS). …
Viele psychische, aber auch physische Beschwerden entstehen zu bestimmten Zeiten oder treten dann verstärkt auf. … Die meisten Arsenicum-Leiden sind schlimmer von 13 bis 14 Uhr mittags und von 1 bis 2 Uhr nachts; nach Mitternacht, manchmal schon sehr bald danach, beginnen sie, und von 1–2 Uhr sind sie am heftigsten. …
Empfindlichkeit ist ein weiteres Charakteristikum des Arsenicum-Menschen. Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen und Berührung – auf alles und jedes. Es ist eine Überempfindlichkeit aller Sinne; besonders empfindlich jedoch reagiert er auf jedwede Unordnung in seiner häuslichen Umgebung. Er ist ein extrem pingeliger Mensch und nur äußerst schwer zufriedenzustellen. Hering beschrieb ihn einmal als ‚den Patienten mit dem Goldknauf am Spazierstock‘. Wenn es sich um eine kranke und bettlägerige Frau handelt, bedeutet es für sie die größten Seelenqualen, wenn nicht jedes Bild vollkommen gerade an der Wand hängt. … Eine krankhafte Ordnungsliebe findet ihr Simillimum häufig in Arsenicum album.“ (NUX nux vomicaVOMICA)
Arsenicum hat „Schüttelfrost und Kälteschauer heftigster Art, und in solchen Phasen schildert der Kranke die Empfindung, als ob das Blut, das durch seine Adern rinnt, Eiswasser wäre; oder er fühlt eiskalte Wellen durch seinen Körper ziehen. Wenn aber das Fieber kommt und er von Kopf bis Fuß erhitzt ist, hat er, bevor der Schweiß ausbricht, das Gefühl, als würde kochendes Wasser durch die Blutgefäße strömen.“
Kent weist auf eine Eigentümlichkeit des Arsenicum-Durstes hin: „Während des Froststadiums besteht kein Durst, allenfalls auf heiße Getränke; während der Fieberhitze möchte er zwar häufiger etwas Wasser haben, doch gerade so viel, um den Mund damit anzufeuchten – was man kaum als Durst bezeichnen kann; während des Schweißes dagegen ist der Durst so groß, dass er kaum genug bekommen kann. Dann hört man von dem Patienten: ‚Bringen Sie mir einen Eimer Wasser!‘ oder: ‚Ich könnte einen ganzen Brunnen leertrinken.‘“
Nash fasst die typischen Symptome von Arsenicum so zusammen:
„Große Angst und Unruhe, die ihn von einem Ort zum andern treibt.
Große und plötzliche Erschöpfung; Schwinden der Lebenskraft.
Heftige, brennende Schmerzen.
Großer Durst; trinkt oft, aber wenig; verträgt kein kaltes Wasser.
Erbrechen und Stuhlgang gleichzeitig; < nach Essen oder Trinken.
Atemnot < bei Bewegung, besonders beim Steigen.
Schlimmer an der kalten Luft (außer Kopfschmerzen), durch Kaltes, durch kalte Anwendungen; von 1–3 Uhr; durch Bewegung.
Besser durch warme Luft, im warmen Zimmer, durch heiße Anwendungen; Schwitzen lindert.“
Arsenicum ist führend unter den Mitteln, die heilen, indem sie alte, unterdrückte Hautleiden zurückbringen. Sogar Asthma kann man unter Rückkehr eines früheren Ausschlags durch Arsenicum ausheilen sehen. Nash berichtet von einem solchen Fall …
Es handelte sich um eine Patientin mit heftigen Magenschmerzen, der er Arsenicum verordnet hatte, weil die Schmerzen regelmäßig um Mitternacht begannen und bis 3 Uhr anhielten; während dieser Zeit musste sie vor Qualen ständig auf und ab gehen. Für das Mittel sprach ferner das starke Brennen, das die Patientin im Magen empfand. Nach der Einnahme von Arsenicum hatte sie nur noch einmal eine leichte Schmerzattacke. Als Nash sie aber das nächste Mal sah, fragte sie ihn, ob die Medizin vielleicht ihren alten „Salzfluss“ [ein Hautausschlag] wieder herausgebracht haben könnte – und so erfuhr Nash, dass sie früher an den Händen ein Ekzem gehabt hatte, das mit einer Salbe unterdrückt worden war. Er erklärte ihr, sie könne ihre Magenschmerzen jederzeit wiederhaben, sie brauche nur den Ausschlag noch einmal zu unterdrücken. „Sie wollte es nicht.“
Weiter schreibt Nash: „Die Magenschmerzen sind schrecklich und verschlimmern sich durch geringste Mengen Essen oder Trinken, vor allem wenn dieses kalt ist. Auch die Bauchschmerzen sind heftig und nötigen den Patienten, sich in alle möglichen Stellungen und Richtungen zu drehen und zu winden. Durchfälle aller Art treten auf, von einfachen wässrigen bis hin zu schwarzen, blutigen und grässlich stinkenden Stühlen; und am Ende des Darmkanals schließlich finden wir Hämorrhoiden. Bei all diesen Erkrankungen im Bereich des Verdauungstrakts werden wir jedoch wahrscheinlich das charakteristische Brennen des Mittels antreffen … sowie die nicht weniger charakteristische Besserung durch Wärme und – wenn auch nicht ganz so durchgängig – die Verschlimmerung nach Mitternacht. …
Arsenicum ist besonders wirksam bei Lungenaffektionen, die mit starken Atembeklemmungen einhergehen, mit giemender Atmung, Husten und schaumigem Auswurf. Der Patient kann nicht liegen, er muss aufrecht sitzen, um atmen zu können; er ist nicht in der Lage, sich zu bewegen, ohne gleich außer Atem zu kommen. Die Atemwege scheinen stark verengt zu sein. Von besonderem Nutzen ist Arsenicum bei asthmatischen Beschwerden, die durch Unterdrückung eines Hautausschlags verursacht oder verschlimmert wurden, bei Pneumonien infolge nach innen geschlagener Masern und selbst bei chronischen Lungenleiden aufgrund eines unterdrückten Ekzems.“
Das Symptom „Heftiger, scharfer, festsitzender oder schießender Schmerz in der Spitze und durch das obere Drittel der rechten Lunge“ ist für Nash „ein Juwel“. (Auch Burnett weist auf diesen Punkt besonders hin!)
Und hinsichtlich der Schwäche von Arsenicum erläutert Nash: „Sie mögen vielleicht sagen, dass es für kranke Menschen normal ist, schwach zu sein. Richtig, aber die Schwäche des Arsenicum-Patienten steht in keinerlei Verhältnis zu seinen übrigen Beschwerden – oder zumindest scheint es so zu sein. Hinzu kommt, dass es sich dabei um eine allgemeine Erschöpfung handelt und nicht um ein lokales Schwächegefühl …“
Arsenicum affiziert, wie er im Folgenden aufzählt, nahezu sämtliche Gewebe …
„Es greift das Blut an, indem es sepsisähnliche Veränderungen, Exantheme, Ekchymosen, Petechien u.Ä. hervorruft.
Es greift die Venen an; Krampfadern brennen wie Feuer, besonders nachts.
Es greift die serösen Häute an, erzeugt reichliche seröse Ergüsse.
Es greift die Drüsen und Lymphknoten an, welche verhärten oder eitern.
Es greift das Periost an.
Es greift die Gelenke an, mit blassen Schwellungen, brennenden Schmerzen, etc.
Es ruft entzündliche Schwellungen hervor, mit brennenden, lanzinierenden Schmerzen.
Es verursacht allgemeine Hautwassersucht; Haut blass, wächsern oder erdfahl; großer Durst (APIS:apis durstlos).
Es bewirkt rasche Auszehrung; Atrophie bei Kindern.
Es ruft Ulzerationen hervor, die sich immer weiter ausbreiten. Die Geschwüre brennen wie Feuer und schmerzen selbst im Schlaf; Sekrete können reichlich oder spärlich sein, der Geschwürgrund blau, schwarz oder speckig.
Milzbrandkarbunkel, die wie Feuer brennen (anthracinumANTHRACINUM); kalte, blaue Haut, trocken wie Pergament, schält sich in großen Schuppen ab.
Gangrän, besser durch Wärme (schlimmer: secaleSECALE).“
(In der Tat – eines von Hahnemanns „Polychresten“!)
Nash fügt hinzu: „Gleichwohl ist Arsenicum natürlich kein Allheilmittel. Wie jedes andere Mittel muss es durch die Ähnlichkeit seiner Symptome indiziert sein, anderenfalls ist der Misserfolg vorprogrammiert. Seine großen Leitsymptome sind
Unruhe – BrennenErschöpfungmitternächtliche Verschlimmerung.
Hauptsymptome82
Geist und GemütSehr starke Delirien, besonders des Nachts, mit sehr grosser Unruhe verbunden.b

82

Allens Encyclopedia. Die mit a bezeichneten Symptome sind den Chronischen Krankheiten Hahnemanns entnommen; mit b versehene Symptome stammen aus der umfangreichen Sammlung von Vergiftungssymptomen (insgesamt 1053 Symptome bei 95 Vergiftungsfällen), die Roth 1861 im 12. Band der Homöopathischen Vierteljahrschrift veröffentlicht hat. Im 10. Band derselben Zeitschrift berichtet Buchmann über eine versehentliche Arsenikprüfung, deren Symptome hier mit c gekennzeichnet wurden, und ein d markiert ein Symptom aus einem Bericht Bürkners über eine chronische Vergiftung durch arsenikhaltige Tapeten, erschienen in der Zeitschrift für homöopathische Klinik (Band 3, S. 137).

Ihr Verlangen ist grösser, als ihr Bedürfnis; sie isst und trinkt mehr, als ihr gut ist; sie geht weiter, als sie braucht und vertragen kann.a 83

83

Dieses Symptom erinnert an einen Aphorismus, mit dem Catherine Coulter das zentrale Thema der Arsenicum-Persönlichkeit zu erfassen sucht: Alles, was es wert ist, getan zu werden, ist es auch wert, übertrieben zu werden.

Verzweifelt und weinend, glaubt er, es könne ihm Nichts helfen, und er müsse doch sterben; dabei ist er kalt und friert, mit nachfolgender allgemeiner Mattigkeit.a
Aengstlichkeiten, Angst.a – Grosse Angst …a
Angst und Verzweiflung treiben ihn von einem Ort zum andern, auf der Suche nach Erleichterung.
Unter grosser Angst wälzt und wirft er sich im Bette hin und her.a
Aengstlichkeit, Abends, nach dem Niederlegen und nach Mitternacht, um 3 Uhr, nach dem Erwachen.a
Arge Aengstlichkeit, Nachts um 3 Uhr, und es ward ihr bald heiss, bald wie zum Erbrechen.a
Furcht zu sterben, die plötzlich in ihm aufkam, als er allein war.
Die grösste Furcht und Angst; er sieht Tag und Nacht Gespenster.a
Kopf, Augen, NaseGrosse Schwere im Kopfe …; sie vergeht im Freien, kommt aber beim Eintritt in die Stube sogleich wieder.a
Brennen in den Augen.a
Augenlider ödematös geschwollen, oft die Augen völlig verschließend.
Scharfe Thränen, welche die Backen wund machen.a
Thränen, welche die Augenlider anfrassen.b
Wundmachende, scharfe Absonderung aus der Nase.
Starke Nasensekretion, stets < morgens; im Freien vergehend.
Der ausfliessende wässrige Nasen-Schleim beisst und brennt an den Nasenlöchern, als wenn sie davon wund würden.a
GesichtAusdruck einer wahren Seelenangst.b
Todten-Farbe des Gesichtes.a
Blasses, gelbes, cachektisches Ansehen.a
Das Gesicht ist eingefallen.a
Geschwulst des Gesichtes.a
MundTrockenheit der Zunge.a
Trockne und braun belegte Zunge.b
Zunge belegt, mit rotem Streifen in der Mitte und Röte der Zungenspitze.
Grosses Trockenheits-Gefühl im Munde, mit heftigem Durste; er trinkt jedoch nur wenig auf einmal.a
Brennen im Munde, längs dem Schlunde und in der Herzgrube.b
MagenEkel vor Speisen.a
Aeusserst heftiger Durst, und Trinken, ohne dass es Erquickung und Labung gewährte.a
Er trinkt, bei grossem Durste, oft, aber immer wenig auf einmal.a
Langdauerndes Schlucksen, in der Stunde, wo das Fieber kommen sollte.a
Uebelkeit.a
Heftiges und unaufhörliches Erbrechen; wird von allem hervorgerufen, was in den Magen gelangt.
Selbst Wasser wurde fast im Augenblick, wo es den Magen berührte, wieder weggebrochen.d
Erbrechen jedesmal nach dem Trinken.b
Das Erbrechen bringt keine Erleichterung.
Oefteres Erbrechen mit Todes-Befürchtung.a
Beängstigung in der Herzgrube …a
Brennen im Magen.b – Heftige brennende Schmerzen im Magen.b
Im Magen fürchterliche brennende Schmerzen.b
AbdomenGeschwollener Unterleib.a
Auftreibung und Schmerzen im Unterleibe.a
Leibschmerzen und eine unerträgliche Angst.b
Jämmerliches Wehklagen, daß ihm die unerträglichste Angst, bei höchst widriger Empfindung im ganzen Unterleibe, den Odem benehme …a
Brennende Leibschmerzen.b
Rektum, StuhlDie Stuhlentleerungen machten die Haut um den After wund.
Schwarze, im After wie Feuer brennende Flüssigkeit geht … durch den Stuhl ab.a
Starkes Abführen und äußerste Kälte der Extremitäten.
Stuhl-Verstopfung.a
HarnorganeBeim Harnen, Brennen in der Harnröhre.a
Unwillkürlicher Harn-Abgang.a
Es geht wenig Wasser fort, und beim Abgange brennt es.a
Atmung, BrustEngbrüstigkeit, Atemnot; ein nächtlicher Asthmaanfall lässt ihn um Mitternacht hochfahren.
Oft beängstigende, drückende Kurzäthmigkeit in allen Lagen.a
Erschwertes Athmen, mit grosser Angst.a
Beklemmung der Brust beim schnell Gehen …a
HerzDer Herz-Schlag ist gereizt.a – Herz-Klopfen.a
Unregelmässiges, aber so starkes Herzklopfen, Nachts um 3 Uhr, dass er es zu hören glaubt, mit Angst verbunden.a
Nach dem Stuhlgange, Herzklopfen und zittrige Schwäche; er muss sich legen.a
Schneller, schwacher und aussetzender Puls.a
Rücken und ExtremitätenIm Kreuze, Kraftlosigkeit.a
Ungemeine Schwäche und Abgeschlagenheit der Glieder, welche zum Liegen nöthigt.a
Unruhe in den Beinen, dass er Nachts nicht liegen kann, er muss die Füsse bald da, bald dorthin legen oder herum gehen, um sich zu lindern.a
Sehr grosse Unruhe, dass sie keine Minute ruhig liegen konnte.b
NervenUnruhe und Angst.c
Unruhe, Werfen von einer Seite zur andern.b
Auch bei geringfügigen Beschwerden, ein ungeheures Sinken der Kräfte, und Niederliegen.a
Vor Schwäche fällt ihm das Gehen ausserordentlich schwer; er glaubt hinstürzen zu müssen.a
Schwäche, dass er, ohne niederzusinken, kaum über die Stube gehen kann.a
Andauernde Schwäche und Abspannung.b
Grosse Müdigkeit nach dem Essen.a
Sinken der Kräfte.a – Ermattung.a
Tiefe Ohnmacht.a – Ohnmächtig, früh, und ängstlich und schwach.a
BrennenWie Feuer, rings um das Geschwür …a
Brennen im Geschwüre, wie von einer glühenden Kohle.a
Brennendes Jücken am Körper.a
Brennende Schmerzen, besonders in innern Organen, in der Haut und in Geschwüren.a
Ausschlag am Munde, brennenden Schmerzes.a
HautJucken, durch Kratzen verschlimmert.
SchlafZuckungen verschiedner Art, beim Einschlafen, Abends.a
Nach Mitternacht, von 3 Uhr an, wirft sie sich umher und schläft nur abwechselnd.a
FieberNachts 2 Uhr …a
Typhusähnliches Fieber mit extremer Unruhe.
Innerlich brennende Gluth.c
Glaubt innerlich zu verbrennen.c
Nach Mitternacht, Gefühl von ängstlicher Hitze …a
Beim Gehen in freier Luft entstehen Schauder.a
Schauder, ohne Durst.a
Kalter, klebriger Schweiss.a
Seltsame Arsenicum-Symptome
Er sieht Tag und Nacht Gespenster.a
Aengstlich und zitternd fürchtet er von sich selbst, er möchte sich nicht enthalten können, Jemanden mit einem Messer ums Leben zu bringen.a
In der Nacht läuft er im ganzen Hause herum und sucht die Diebe.a
Er sieht lauter Spitzbuben in seiner Stube und kriecht desshalb immer unter das Bett.a
Vor Furcht springt er aus dem Bette und verkriecht sich in den Kleider-Schrank, wo man ihn nur mit grosser Mühe wieder herausbekommen kann.a
Er sieht lauter Gewürme und Käfer auf seinem Bette herumlaufen, vor denen er ausreissen will und von denen er immer ganze Hände voll herausschmeisst.a
Heftiger Schwindel: „Das Bett kippt um – ich werde auf den Boden fallen.“
Bei Bewegung des Kopfes scheint das Gehirn zu schwappern …, beim Gehen.a
Bei Bewegung, Gefühl, als wenn das Gehirn sich bewegte und an den Schädel anschlüge.a

Asa foetida

Weitere Namen: Ferula asa foetida; Stinkasant
„Einasa foetida Gummiharz, das durch Inzision der lebenden Wurzel verschiedener Ferula-Arten gewonnen wird.“ Fam. nat.: Umbelliferae. Wir verwenden die Art Ferula asa foetida.
Das im frischen Milchsaft enthaltene ätherische Öl soll „nicht unangenehm riechen; doch wenn es sich zersetzt, wird Schwefelwasserstoff freigesetzt“ – der bezaubernde und durchdringende Geruch zuweilen Wahlhilfe leistender fauler Eier. Es war früher nicht ungewöhnlich, dass politische Wahlveranstaltungen abgebrochen werden mussten, weil ein paar Rowdys, die zur Anhängerschaft des Gegenkandidaten gehörten, den Saal mit Asa foetida verpestet hatten. Hale White [vgl. Fußnote 59] berichtet von einer anderen drastischen Verwendung der Arznei: „Gelegentlich können Simulanten geheilt werden, wenn man sie dreimal täglich einen Schluck eines sprudelnden Getränks zu sich nehmen lässt, das jeweils einige Tropfen Baldrian- und Asa-foetida-Tinktur enthält. Das Moussieren bewirkt, dass der widerliche Geschmack dieser Medizin auch noch geraume Zeit nach der Einnahme im Mund bestehen bleibt.“ In der alten Schule gibt es Pillen, die aus Asa foetida, Aloe, harter Seife und einer Rosenmixtur bestehen; dazu habe ich mit Bleistift an den Rand meines Exemplars des ‚Hale White‘ gekritzelt:

„Stinkt und führt ab, nehm ich mal an,

Doch wozu die Seife – und wozu die Rosen?“84

84

„Stinks and aloes, one supposes; But why hard soap, and why the roses?“

Diese kleinen Albernheiten pflegten die Examina sehr zu erleichtern!
Kent erzählt noch von einem weiteren beliebten Verwendungszweck, und zwar als mutmaßlicher Schutz vor Krankheit, weswegen es noch von unseren Großvätern in den Pferdeställen eingesetzt worden sei. „Kleine Stückchen ‚Foety‘, wie sie es nannten, wurden unter den Hafer gemischt, um die Druse85

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Katarrhalische Pferdekrankheit.

von den Pferden fernzuhalten.“ Und er sagt: „Es ist auch von Laien gebraucht worden, als Mittel gegen Ohnmacht, Hysterie und alle möglichen anderen nervösen Symptome und Beschwerden – eine Anwendung, die durch die Prüfungen gedeckt wird.“
In der Cyclopaedia of Drug Pathogenesy finden wir neben den Prüfungssymptomen auch ein paar Vergiftungsfälle mit Asa foetida aufgeführt.86

86

Die hier von Tyler angeführten Symptome stammen aus der 1825 von Jörg in den Materialien zu einer künftigen Arzneimittellehre veröffentlichten Prüfung (zitiert nach der Reinen Arzneimittellehre von Hartlaub und Trinks, Band 2).

In einem Fall verursachte es „drückenden Schmerz in der Herzgegend, wie von Ueberfüllung und Ausdehnung des Herzens“, in einem anderen Kopfschmerzen mit dem Gefühl, „als wäre ein Tuch über das Gehirn hingezogen und als würde dieses mit jenem zusammengepresst“. „Krampfhafte Beengung der Brusthöhle …, als könnten sich die Lungen nicht gehörig ausdehnen“, bei normaler Respiration. Oder auch: Drückender Kopfschmerz, „als wäre eine Schnur über das Gehirn gezogen …“ „Beengung der Brust, als würde dieselbe durch einen schweren, auf dem Brustknochen aufliegenden Körper zusammengepresst.“ Und – immer wieder – Auftreibung des Bauches, mit „Kollern und Poltern im Unterleibe“.
Hauptsymptome87
Kopf, AugenDrückender Schmerz in der Stirne von innen nach außen.a

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Die mit a bezeichneten Symptome sind der Prüfung von Franz entnommen, erschienen 1822 im Archiv für die homöopathische Heilkunst; Jörgs Symptome (vgl. vorige Fußnote) sind mit einem b versehen, und ein c markiert ein Symptom von Lembke, dessen Prüfung 1868 in Band 13 der Neuen Zeitschrift für homöopathische Klinik veröffentlicht wurde.

Nervöse Kopfschmerzen hysterischer oder skrofulöser Personen.
Nächtliche pochende Schmerzen in den Augen, um die Augen sowie im Kopf.
Ausgedehnte oberflächliche Ulzerationen der Hornhaut, mit brennenden, stechenden oder drückenden Schmerzen von innen nach außen; > durch Ruhe, Druck, im Freien; Taubheitsgefühl um das Auge.
GesichtAnschwellung der Unterlippe …b
NaseAusfluss sehr stinkenden Eiters; mit Karies der Nasenknochen (Ozäna).
Hals, AufstoßenScheinbares Aufsteigen eines Körpers aus der Speiseröhre, sogar bis in den Schlund …; es nöthigte dieses Gefühl zum öfteren Hinterschlucken …b
Empfindung einer im Schlund aufsteigenden Kugel, was Schwierigkeiten beim Atmen verursacht (Globus hystericus).
Oefteres Aufstossen einer nach Knoblauch [oder auch kothartig] riechenden und ekelhaft schmeckenden Luft.b
Aufstossen von scharfem, ranzigem Geschmacke.b
Flatus gehen nach oben, keine nach unten ab.
AbdomenWärme bzw. Brennen in der Milz oder im Unterleib.
Stuhl, UrinWässrige oder flüssige Stuhlausleerungen höchst ekelhaften Geruchs; Bauchschmerzen und Abgang vieler übelriechender Winde.
Profuse wässrige und grünliche Entleerungen von widerwärtigem Gestank.
Urin brennend; von ammoniakalischem oder scharf stechendem Geruch.
Atmung, Brust, HerzKrampfhafte Beengung der Brusthöhle, der zu Folge es schien, als könnten sich die Lungen nicht gehörig ausdehnen …b
Asthmatisches Gefühl in der Luftröhre, mit trockenem Reizhusten.
Nervöses Herzklopfen, bei kleinem Puls; durch Überanstrengung oder durch Unterdrückung von Absonderungen.
ExtremitätenSchmerz und Empfindlichkeit der Tibia, fast unerträglich in der Nacht.
NervenHysterie, mit viel Beschwerden im Bereich des Halses oder der Speiseröhre; stark ausgeprägtes Globusgefühl; Spasmen der Lunge, etc.
Nervöse Affektionen nach unterdrückten Absonderungen. – Nervöse Veranlagung.
Weitere wichtige oder seltsame Symptome
Empfindung im Gehirn unter dem obern Theile des Stirnbeins, wie Schwappen und Gluckern.a
Schmerz, als ob ein Nagel oder Pflock ins Gehirn getrieben würde.
Im rechten Scheitelbeine ein Schmerz, wie von einem tief eingedrückten Pflocke.a
In der linken Schläfe plötzlich ein Schmerz wie von einem eingedrückten spitzen Pflocke.a
Drücken in der Nase, als wenn sie platzen sollte …a
Bei fortbestehender Hitze des Gesichtes und der Ohren und bei noch warmen Händen, Frösteln im Rücken …c
Ranzig-fettiger Geschmack … im Munde.b
Abscheu vor Bier, es schmeckt ihm schleimig.a
Krämpfe der Speiseröhre, wie bei Hysterie.
Winden und Drehen in den Därmen, wie von umgekehrter Peristaltik.
Gefühl, als sei die peristaltische Bewegung des Darmkanales umgekehrt und als wirke die Speiseröhre gleich einem dünnen Darme vom Magen aus nach der Mundhöhle herauf.b
Gefühl, als ob das Herz zerspringen wollte.
Gefühl von Zusammenziehen oder Beengung der Brusthöhle; des Halses; in der Herz-gegend.
In der Augenbraungegend klammartiges Queerüberziehn.a
Pochen (Pulsieren): im Kopf; in den Augen und um die Augen; in der Magengrube; im großen Zeh.
Taubheitsgefühl: Nasenbein; Gesichtsknochen; Kinn.
Dr. Clarke entwirft ein ausgezeichnetes kleines Portrait der Arznei: „Die Symptome von Asa foetida bieten ein fast vollkommenes Bild von Hysterie und Flatulenz. Umgekehrte Peristaltik des Magens und Darms. Stärkste Auftreibung des Abdomens, mit dem Gefühl, als wollte alles im Bauch durch den Mund herausbrechen. Nach Aufstoßen von Luft ein scharfer, ranziger Geschmack im Mund. … Viele Absonderungen von Asa foetida sind übelriechend: Wässrige Stühle von höchst widerwärtigem Gestank; profus und grünlich; stinkende Blähungen. … Den fötiden Geruch der Arznei könnte man als eine ihrer ‚Signaturen‘ ansehen. … Knochenhautaffektionen gehen in Geschwüre über, die so empfindlich sind, dass keine Kleidung darüber toleriert wird.“ (HEPARhepar sulfuris)
Guernsey schreibt: „Eine ungemeine Überempfindlichkeit, besonders in den Fällen, wo das venöse System gegenüber dem arteriellen vorherrscht. … Es affiziert das linke Hypochondrium, das linke Abdomen, die linke Seite von Hals und Nacken, die linken Gliedmaßen, das linke Ohr; allgemein mehr linksseitige Symptome.
Stete Selbstunzufriedenheit mit Klagen über seine Beschwerden [Jahr]. …
Fötide oder purulente Absonderungen aus den Ohren.
Ozäna, mit grünlichem, stinkendem Eiterausfluss aus der Nase.
Fettiger Geschmack im Mund. Empfindungen von Aufsteigen in den Schlund. Ekel und Brechreiz. … Pulsieren in der Herzgrube, auch sicht- und fühlbares.“
Asa foetida ist also eine Arznei mit klar umrissenen Lokalisationen und Modalitäten. Es affiziert das Gemüt, die Nerven, die speziellen Sinnesorgane, den Verdauungstrakt, das Periost – und besonders die linke Seite. Es ist eigenartig, dass sich manche Arzneien die rechte, andere dagegen die linke Seite aussuchen. Warum? Aber bei den Patienten ist es doch genauso: Der eine kommt und klagt nur über linksseitige Beschwerden, der andere nur über rechtsseitige. Ein Studium dieser Mittel ist daher für die Praxis oft sehr hilfreich.
Die dreiwertigen Mittel, die vorzugsweise die linke Seite befallen, sind Arg-nargentum nitricum., Asaf., Asarasarum europaeum., Capscapsicum., Cina,cina Clemclematis., Croccrocus., Eupheuphorbium., Graphgraphites., Kreoskreosotum., Lachlachesis., Olndoleander., Phosphosphorus., Scilscilla maritima., Sel.,selenium Sep.,sepia Stannstannum., Sulf.sulfur
Von den mehr ‚rechtsseitigen‘ Mitteln werden in Fettdruck angegeben: Apis,apis Arg-margentum metallicum., Ars.,arsenicum Aur.,aurum Baptbaptisia., Bellbelladonna., Bor.,borax Bry.,bryonia Calccalcarea carbonica., Canthcantharis., Chelchelidonium., Coloccolocynthis., Con.,conium Crot-crotalus cascavellac., Crot-crotalus horridush., Lyc.,lycopodium Lysslyssinum., Nux-vnux vomica., Pulspulsatilla., Ran-sranunculus bulbosus., Ratratanhia., Sarssarsaparilla., Secsecale., Sulf-sulfuricum acidumacidum sulfuricumac.
Dann gibt es wieder andere, die vorzugsweise rechts- oder linksseitig sind, wie Apis,apis Arg-argentum metallicumm., Bry.,bryonia Calccalcarea carbonica., Chelchelidonium., colocynthisColoc., Ran-sranunculus sceleratus., Sulfsulfur.88

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Tylers Liste der „rechts- oder linksseitigen“ Mittel ist offensichtlich aus jenen Arzneien zusammengestellt, die in einer der beiden obengenannten Rubriken dreiwertig und in der anderen wenigstens zweiwertig erscheinen; nach diesen Kriterien müsste allerdings auch Mez. mit genannt werden. Die beiden anderen Rubriken habe ich um einige Mittel ergänzt, die möglicherweise in früheren Auflagen des Kent-Repertoriums noch nicht dreiwertig aufgeführt waren.

Einige hingegen (jeder kennt sie natürlich) beginnen auf der rechten Seite und gehen später auf die linke über – wie lycopodiumLYCOPODIUM; oder umgekehrt, von links nach rechts – wie lachesisLACHESIS; oder sie ziehen – wie LAC lac caninumCANINUM – von einer Seite zur anderen und wieder zurück. Ich habe dies bei Halsentzündungen beobachtet, bei Diphtherie und, in Bezug auf LAC lac caninumCANINUM, bei Ovarialschmerzen. Es gibt so viele interessante und faszinierende Dinge in der Homöopathie, die uns beim Verschreiben eine Hilfe sein können!
Der Asa-foetida-Patient (d.h. der Patient, der am stärksten durch Asa foetida beeinflusst wird und daher auch am meisten für dessen Heilwirkung zugänglich ist) wird als von plethorischem Aussehen beschrieben: das Gesicht aufgedunsen, verquollen bis ödematös – „geschwollen, venös, düsterrot“. Kent nennt es „ein sehr bedenklich stimmendes Gesicht, das an eine Herzstörung und an venöse Stase denken lässt“. (Diese Patienten haben auch die extreme Empfindlichkeit, die einen an Mittel wie HEPARhepar sulfuris erinnert.) „Dick, schlaff, purpurfarben; dabei höchst schmerzempfindlich, voller Hysterie.“ Solche Menschen können Ulzera haben, die sehr empfindlich und äußerst übelriechend sind. Periostitis, besonders der Tibia (Asa foetida gehört zu den auf die Tibia wirkenden Mitteln, wobei es konkurriert mit agaricusAGARICUS, lachesisLACHESIS, RHUS rhus toxicodendronetc. – und mit droseraDROSERA). Ich erinnere mich an einen schlimmen Fall von Osteodystrophia deformans (Morbus Paget) des Schienbeins; der Patient hatte grässliche Schmerzen, und keines dieser Mittel half – außer droseraDROSERA, mit seinen Schmerzen in den langen Röhrenknochen; es wirkte großartig und verhalf dem Leidgeprüften wieder zu Schmerzlosigkeit und Schlaf. Außer Hahnemann scheint niemand mehr die Heilkraft von droseraDROSERA bei Knochenerkrankungen erkannt zu haben! Jetzt, da sie in einer Faksimileausgabe zu einem moderaten Preis wieder erhältlich ist, lohnt es sich sehr, Hahnemanns Reine Arzneimittellehre zu erstehen; es ist ein Werk, auf das ich unter keinen Umständen verzichten möchte!
Asa foetida ist eines der Heilmittel von „alten Narben, wenn diese sich bläulich verfärben und zu eitern drohen“ oder „ein venöses Aussehen annehmen, zu schmerzen anfangen und schwarz werden“.
Wir wollen die meisterliche Schilderung Kents weiter durchforsten; hier einige Zitate und Zusammenfassungen …
Absonderungen sind ein weiteres Merkmal des Mittels; katarrhalische oder wässrige Absonderungen an den verschiedensten Orten, bis hin zu wässrigen Stühlen, und all diese Absonderungen sind jauchig und stinken entsetzlich. Blutige, übelst riechende Sekrete aus Nase, Augen, Ohren, Bronchien, Darm, Fistelöffnungen und Geschwüren. … Der Phlegmatiker mit dunkelrotem Gesicht, der, wenn er krank ist, durch sein wohlgenährtes Aussehen nur wenig Mitgefühl erfährt und der wegen seiner schrecklich stinkenden Absonderungen der Verzweiflung nahe ist. Selbst die Sekretionen aus den Augen können blutig und fötide sein.“
Die meisten Schmerzen scheinen bohrenden [oder stechenden] Charakters zu sein, „als würden sie von den Knochen zur Oberfläche, von innen nach außen ziehen. …
Dann Taubheit, ein häufiges Merkmal dieser Arznei: Taubheit der Kopfhaut oder tief im Schädel; … Empfindungen von Taubheit und Abgestorbensein begleiten die Schmerzen (chamomillaCHAMOMILLA, platinumPLATINUM); oft ein taubes Gefühl nach Schlaf.“ Taubheit der Nase.
Hysterie: „Empfindung eines in den Hals aufsteigenden (runden) Körpers, wie beim Globus hystericus. … Hysterische und choreatische Störungen von Ösophagus und Trachea. … Dieser ‚Klumpen im Hals‘ mit dem damit einhergehenden Erstickungsgefühl wird durch eine Art hysterischer Spasmus der Speiseröhre hervorgerufen.
Magen. – Wenn Sie je einen typischen Asa-foetida-Fall gesehen haben, werden Sie sich gefragt haben, wo bei diesem wohl die ganze Luft herkommen mag; sie kommt in Massen heraus. … Choreatische Zuckungen des Zwerchfells, mit Austreibung von Winden wie das Knallen einer Spielzeugpistole, die fast in jeder Sekunde losgeht. … Lautes Rülpsen, lautes Aufstoßen von Luft aus dem Magen. … Flatus gehen nicht nach unten, sondern nach oben ab; … stets äußerst übelriechend. ‚Meteorismus des Magens.‘ … ‚Flüssige Stuhlausleerungen höchst ekelhaften Geruchs.‘“
Asa foetida gehört zu den Mitteln mit nächtlicher Verschlimmerung [Kent rechnet es zu den ‚syphilitischen‘ Mitteln].
Die Richtung [von Schmerzen etc.] geht bei Asa foetida von innen nach außen: Das Herz fühlt sich übervoll an, wie zum Zerspringen; in der Nase ein Drücken, als wenn sie platzen wollte; Auftreibung des Abdomens, als ob alles im Bauch zum Mund herausbrechen wollte.
Asa foetida hat ein Symptom, das ich woanders noch nicht gefunden habe, das aber unter den Vergiftungssymptomen89

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Es handelt sich um ein Symptom, das in der Prüfung von Franz aufgetreten ist.

in der Cyclopaedia of Drug Pathogenesy aufgelistet ist: Wellenförmiges Zucken in Muskeln. Ich habe dieses Symptom kürzlich bei einer Patientin beobachtet, als ich gerade dabei war, das Mittel durchzuarbeiten. Besonders im Oberarm traten bei ihr undulierende Zuckungen auf: ein Wogen von kleinen Wellen in den vorderen und hinteren Armmuskeln. Die Patientin schien sie anfangs eher gesehen als gefühlt zu haben. Ich gab ihr Asa foetida, und es wird interessant sein, das Ergebnis zu erfahren. Nervenspezialisten in London und Belgien hatten erklärt, dass sie dieses Phänomen nie zuvor gesehen hätten, und sie stellten ihr eine ziemlich schreckliche Diagnose, die sich jedoch bisher nicht durch weitere Symptome zu bestätigen scheint.
Asa foetida gehört zu den Mitteln, die sich auf die Milchsekretion auswirken; es kann diese zum Versiegen bringen (alumina phosphoricaALUMINA PHOSPHORICA), der Milchfluss kann aber auch gesteigert werden. Selbst bei nichtschwangeren oder älteren Frauen kann die Milchproduktion wieder in Gang kommen, wie das Beispiel einer Fünfzigjährigen zeigt, bei der „die Brüste so stark anschwollen und eine milchige Feuchtigkeit absonderten, als wäre es der neunte Monat der Schwangerschaft“.90

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Aus einem Vergiftungsfall in Franks Magazin (Band 1, S. 201).

Aurum

Weitere Namen: Aurum metallicum; Gold
Wennaurum wir Hahnemanns Vorwort zum Gold („das bekannte Metall“) in seiner Reinen Arzneimittellehre aufschlagen, finden wir dort eine Darstellung von dessen bewegter medizinischer Geschichte: wie es von den arabischen Ärzten und anderen Autoren des Altertums geschätzt wurde; wie es von der Schulmedizin91

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In unserer Zeit benutzt die Medizin alter Schule das Gold, nachdem sie es in seiner kolloidalen Form entdeckt hat, für einen Bluttest bei Syphilis; ferner in Form des Sanocrysin, eines Thiosulfats von Gold und Natrium, welches „angewandt werden kann bei Patienten“ (mit Lungentuberkulose), „die auf andere Behandlungsformen nicht gut angesprochen haben“. Es wird intravenös verabfolgt, die Dosis „entsprechend dem Gewicht des Patienten und der Art der Läsionen“ (Taylor's Practice of Medicine, 1930). In den älteren Lehrbüchern wird Gold überhaupt nicht erwähnt!Aber auch bei dieser Verwendungsweise wird das Gold nicht mit Hahnemanns Genauigkeit und Vorherwissen verabreicht – als Antwort auf den Ruf der Symptome, um die Widerstandskraft des Patienten zu erhöhen und eine Heilreaktion herbeizuführen –, sondern lediglich mit der Absicht, die Tuberkelbazillen zu zerstören, und nur unter Berücksichtigung des Gewichts des Patienten und der Art der Gewebeschädigung! … Die Medizin muss noch einen weiten Weg gehen, um Hahnemann einzuholen!

, die auf „theoretische Muthmaßungen“ größeren Wert lege als auf die Erfahrung, „die einzig mögliche Offenbarerin in der bloß auf Erfahrung beruhenden Heilkunst“, wegen seiner Unlöslichkeit und Unzerstörbarkeit als nicht heilkräftig und nutzlos abgetan wurde. Und wir erfahren, dass Hahnemann seine ersten Versuche mit der salzsauren Goldauflösung machte und davon bereits sehr heilkräftige Wirkungen erfuhr 92

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Die Einleitung ist von mir entsprechend den Angaben Hahnemanns etwas abgewandelt und um diese Information ergänzt worden; Hahnemann stellt seiner Prüfung des Blattgoldesin der Reinen Arzneimittellehre eine kurze Prüfung von aurum muriaticum (das er dort nur „Gold-Auflösung“ nennt) voran.

, dass er aber schließlich, arabischen Überlieferungen folgend, mit niedrigen Verreibungen des reinen Goldpulvers zu behandeln begann und später seine besten Erfolge mit den höheren Potenzen erzielte.
Einige von uns könnten in diesen Tagen weltweiter Wirtschaftskrise so manche Geschichte erzählen von Patienten, die wegen finanzieller Not und ängstlicher Besorgnis verzweifelt und selbstmordgefährdet waren und die dennoch durch einige Gaben homöopathischen Goldes rasch wiederhergestellt wurden – zum Leben, zur Hoffnung und zu neuen Anstrengungen. Ich sage „homöopathisches Gold“, weil Aurum, als es an normalen, gesunden Personen geprüft wurde, ebensolche Zustände suizidaler Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit hervorgebracht hat und weil sich andererseits dieses Edelmetall – edel erst recht zu diesem seinem höheren Zweck! – durch seine Reduktion zum Infinitesimalen über Masse, Gewicht, Sichtbarkeit und Reaktionsträgheit erhebt und in eine mächtige Energie verwandelt, welche den Willen stärkt und die natürlichen emotionalen Neigungen und Zuneigungen wiederbelebt, selbst die tiefste und fundamentalste von allen – die Liebe zum Leben.
Hier nun einige Gemütssymptome, wie sie von Hahnemann ans Licht gebracht wurden, als er die Fähigkeiten des Goldes, zu schaden und zu heilen, prüfte [Chronische Krankheiten, Band 2]:
Niedergeschlagen und wehmütig; … sucht die Einsamkeit.
Er glaubt der Liebe Anderer verlustig zu seyn, und dieß kränkt ihn bis zu Thränen.
Unzufriedenheit mit allen Verhältnissen; er glaubt überall etwas Hinderndes im Wege zu finden, und dieß bald von einem widrigen Schicksale, bald durch ihn selbst veranlaßt, welches letztere ihn sehr kränkend niederschlägt.
Melancholie; er glaubt nicht in die Welt zu passen, und sehnt sich daher nach dem Tode, an den er mit inniger Wonne denkt.
Große, bis zur Selbst-Entleibung steigende Angst …
Gall- und zanksüchtig. – Widerwärtige Gemüthsstimmung. – Aergerlich und auffahrend; der geringste Widerspruch kann ihn zum größten Zorne reizen. – Jähzorn und Heftigkeit. (Und so fort …)
Große Bangigkeit, die aus der Gegend des Herzens entspringt …
Als Burnett, wie es seine Art war, eine kurze Prüfung des Goldes an sich selbst vornahm – „denn um eine konkrete Vorstellung zu bekommen, was ein bestimmtes Arzneimittel vermag, gibt es nichts Besseres, als dieses am eigenen Leibe zu erproben“ –, waren dessen erste Wirkungen auf ihn „anregend und belebend“ (Hahnemann: „Gute Laune den ganzen Tag, mit Gesprächigkeit und Selbstzufriedenheit. – Wechselwirkung.“). Aber nach einigen Tagen fühlte sich Burnett „nicht mehr auf dem Posten; sehr deprimiert und mutlos; nichts scheint der Mühe wert zu sein!“ Er schlief auch schlecht, träumte vom Tod, von Verstorbenen, von Leichen. … „Ich sehe krank aus, fühle mich auch krank und müde; dennoch keine Neigung, zu ruhen oder zu schlafen.“ Als schließlich auch noch sein sonst so gutes Gedächtnis ihn im Stich zu lassen begann, brach er die Prüfung ab – „in der Befürchtung, dass sonst die Nebenwirkungen in dieser Richtung gravierend sein könnten.“ Es dauerte mehr als zehn Wochen, bis sich sein Gedächtnis wieder normalisiert hatte. Doch nachdem er bis zum 12. Tag des Versuchs insgesamt 1,6 Gran verriebenes Gold zu sich genommen hatte, stellte er fest: „Ich bin zutiefst befriedigt, dass es mich krank machen kann. Meine allopathischen Brüder behaupten ja, dass Gold inert sei! Nun, dies ist ein sicherer Beweis, dass sie es niemals in korrekt durchgeführter Verreibung am eigenen Leibe erprobt haben.“
Im Folgenden einige Dinge, die Burnett uns in seiner ausgezeichneten kleinen Monographie Gold as a Remedy in Disease über Aurum zu sagen hat.
„Bei der Behandlung mancher Herz- und Knochenerkrankungen sowie der Sarkozele macht die Kenntnis oder Unkenntnis vom arzneilichen Wert des Goldes den Unterschied zwischen Heilung und Misslingen aus. Selbstredend muss das Metall zunächst verrieben worden sein, damit sich seine Heilkräfte entfalten können.“
„Drüsen und Lymphknoten, Knochen, Haut und Nase werden gleichermaßen von Skrofeln und Syphilis befallen – und von Gold.“
„Gold hat eine bedeutende Stellung in der Behandlung schwerster Herzkrankheiten.“
„Gold bei Angina pectoris. … Bei mir ist es neben arnica montanaARNICA (ein großes Herzmittel!) das am häufigsten verordnete Mittel, und es hat mir dabei bedeutende Dienste geleistet …“
„Kein Wunder, dass Hahnemann betont: ‚Das Gold hat große, unersetzliche Arzneikräfte.‘“
„Gold stört nicht bloß Funktionen, sondern es verursacht auch organische Veränderungen; daher ist es ausgezeichnet wirksam bei organischen Läsionen. Die vaskuläre Turgeszenz von belladonnaBELLADONNA und jene von Aurum sind zwei ganz verschiedene Dinge.“
Er zitiert Hahnemann: „Von Melancholien, welche der von Gold erregten sich näherten, habe ich seitdem mehre Personen, die mit Selbsttödtung sehr ernstlich umgingen, bald und dauerhaft befreit.“
Burnett benutzte Gold unter anderem bei „siechen Zuständen von Knaben, die nicht recht gedeihen wollen; sie sind niedergeschlagen, teilnahmslos und haben ein schlechtes Gedächtnis, es fehlt der jungenhafte Schwung.“
Nash berichtet: „Ich heilte einst eine junge Frau (mit Aurum), die sich durch Ertränken hatte das Leben nehmen wollen. Nachdem sie geheilt war, lachte sie über den Vorfall und sagte, sie habe sich nicht anders zu helfen gewusst. Es sei ihr so vorgekommen, als ob sie zu nichts nütze wäre in der Welt. So hatte sie es empfunden.
(Ich erinnere mich an einen Mann, der vor Jahren zutiefst deprimiert und hoffnungslos in unsere Ambulanz kam und dem ich Aurum verschrieb. Als er hinausging, sagte ich: „Kommen Sie bitte in einem Monat wieder zu mir!“ Seine Antwort: „Dann werde ich nicht mehr am Leben sein!“ Aber er kam wieder, und er meinte: „All diesen Unsinn habe ich längst vergessen!“)
Gold ist auch ein großartiges Mittel bei Überdosierungen des Quecksilbers in der Behandlung venerischer Krankheiten. Hierzu Nash: „Die Ärzte hätten deutlich weniger zu tun, wenn die alte Schule lernen könnte, ihre Patienten zu heilen, anstatt sie mit ihren Medikamenten zu vergiften.“
Er sagt: „Aurum ist eines unserer Hauptmittel bei Knochenschmerzen. Vergessen Sie das nie.“
Und nun wollen wir James Tyler Kent, den großen Meister der Verordnung und der lebendigen Schilderung, weitererzählen lassen …
„Bei Aurum sind all jene Gefühle von Zuneigung, die für einen gesunden Menschen natürlich sind, pervertiert. Das geht so weit, dass selbst eine so fundamentale Liebe wie die Liebe zum Leben, das Bestreben zur Selbsterhaltung in ihr Gegenteil verkehrt wird. Der Aurum-Mensch verabscheut das Leben, ist des Lebens überdrüssig; er sehnt sich nach dem Tod und sucht nach einer Methode, Selbstmord zu begehen. … Gänzlicher Verlust der Freude – an allem und jedem. Selbstverdammung, fortgesetzte Selbstvorwürfe und Selbsttadel, ein beständiges In-sich-Hineinschauen. Er glaubt, alles verkehrt zu machen, es gerate ihm nichts, es könne ihm nichts gelingen. Hoffnungslosigkeit. … Er glaubt, immer etwas zu versäumen – seine Freunde zu vernachlässigen; … er sei im Unrecht oder durch und durch böse; er habe das ewige Leben durch zu viele Sünden verspielt, sei der Erlösung nicht würdig: Dies sind die Gedanken, die ihm ständig durch den Kopf gehen. … Brütet vor sich hin …; meint, er passe nicht in diese Welt, sehnt sich danach zu sterben. …
Nun, was sind die Ursachen für diesen Zustand von Geistesgestörtheit, Gram und Hoffnungslosigkeit? Es sind z.B. anhaltende Besorgnis oder ungewohnte Verantwortung. Auch Syphilis ist eine häufige Ursache, Vermögensverlust eine andere. Menschen, die in jungen Jahren wiederholt mit Quecksilber behandelt worden sind oder im Frühjahr immer Quecksilberpillen eingenommen haben, weil es gut für die Leber sein soll, haben sich damit oft ein Merkurialleiden mit Vergrößerung der Leber zugezogen, und dieses Leiden ist fast stets mit mehr oder minder tiefer Schwermut, Traurigkeit und ebenjener Hoffnungslosigkeit verbunden, wie wir sie bei Aurum finden. Aurum ruft Erkrankungen der Leber hervor, die mit Herzleiden wie Endokarditis oder Herzwassersucht einhergehen oder mit rheumatischen Erkrankungen, die ‚aufs Herz geschlagen‘ sind. …
Beachten Sie die eigentümliche Beziehung zwischen den Lungen und dem Verstand einerseits und zwischen dem Herzen und dem Willen andererseits. Jede kleine Herzbeschwerde geht mit Hoffnungslosigkeit einher; manifestiert sich die Krankheit jedoch an den Lungen, ist der Kranke hoffnungsvoll. … Herz- und Leberaffektionen sind mit Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung verbunden. …
Bei Aurum wandern die Schmerzen von Gelenk zu Gelenk und lokalisieren sich schließlich am Herzen. Angina pectoris ist oft das Endergebnis eines alten Rheumatismus, der von einem Gelenk zum anderen gewandert ist.
Die Arznei ist voller rheumatischer Beschwerden: Rheumatismus mit Anschwellung der Gelenke, Affektionen der Knorpel und Knochen, Entzündungen des Periosts, Verdickung und Verhärtung des Periosts. … Wie bei Syphilis und Quecksilbervergiftung werden die Beschwerden nachts schlimmer …“
Aurum beeinflusst und heilt Erkrankungen der Knochen, insbesondere des Nasenbeins und der Schädelknochen; krankhafte Veränderungen im Bereich der Augen und der Nase. Ich erinnere mich an die verblüffende Wirkung von Aurum bei einem kleinen Kind mit Geschwüren an den Nasenlöchern und scheußlichen Absonderungen aus der Nase, wo sulfurSULFUR versagt hatte. Wie Kent sagt: „Aurum hat viele Nasenbeschwerden, die mit übelriechenden Sekreten einhergehen. Das Nasenbein nekrotisiert (wie bei Syphilis und Quecksilberintoxikation). … Aber bei all diesen Beschwerden ist der Patient von Kummer gebeugt, voller Gram; schwarze Wolken hängen über ihm, und er würde am liebsten sterben.“
Kent fasst Aurum wie folgt zusammen: „Wir sehen hier die vollständige Perversion all jener Gefühle von Liebe, die die Menschheit kennt, und letztendlich ihre völlige Zerstörung.“
Ist es nicht ein seltsames Phänomen, dass potenziertes Gold homöopathisch sein kann beim Verlust von materiellem Gold? Möglicherweise ist Aurum hier das einzige Mittel, das in der Lage ist, die geistige Gesundheit wiederherzustellen – mit der Erkenntnis, dass „das Leben mehr bedeutet, als nur zu essen, und der Körper mehr als das Gewand, das man trägt“.
Dr. H. A. Roberts fasst in seinen Rheumatic Remedies die Herzsymptome und den Wirkungsbereich von Aurum bei akutem Gelenkrheumatismus so zusammen:
„Heftige Herzschmerzen. Muss sich aufsetzen. Gefühl, als ob das Herz stillstehen würde; dann tut es plötzlich einen kräftigen Schlag. Herzstolpern. Laute endokardiale Geräusche. Puls unregelmäßig. Bei entzündlichem Rheumatismus ist Aurum metallicum nützlich, wenn hohes Fieber besteht, extreme Empfindlichkeit gegen Berührung, profuser Schweiß und Beteiligung des Endokards mit den charakteristischen Herzsymptomen.“
Hauptsymptome93
Geist und GemütAbscheu vor dem Leben; Selbstmordneigung.

93

Mit a bezeichnete Symptome stammen aus Hahnemann, Chronische Krankheiten. Ein mit b versehenes Symptom ist Jahrs Symptomencodex entnommen.

Muthloser Mißmuth …a – Hoffnungslosigkeit.
Stete, mürrische Ernsthaftigkeit und Verschlossenheit.a
Verdrießlichkeit: er ist nicht zum Sprechen aufgelegt.a
Große, bis zur Selbst-Entleibung steigende Angst …a
Ängstliches Herzklopfen und Wunsch, Selbstmord zu begehen.
Aergerlich und auffahrend; der geringste Widerspruch kann ihn zum größten Zorne reizen.a
Hitze und Zorn, wo er sich ganz vergißt, Anfangs mit Streit [und vielem Gerede, später mit wenigen, abgebrochenen Worten].a
Den ganzen Tag über gute Laune: er war gesprächig und mit sich selbst zufrieden (Wechselwirkung?).a
KopfBlut-Andrang nach dem Kopfe.a
Reißender Druck [bzw. Schmerz] im Kopfe, hie und da … [linke Stirn, linker oder rechter Scheitel], bei Bewegung heftiger.a
AugenDrückender Schmerz auf dem rechten [linken] Augapfel, von außen nach innen, bei Berührung heftiger.a
Ungeheures Spannen in den Augen mit Verminderung der Sehkraft; er kann nichts genau unterscheiden, weil er alles doppelt sieht und sich ihm ein Gegenstand mit dem andern vermischt darstellt; der Spannschmerz ist heftiger, wenn er die Augen auf etwas heftet, und weniger heftig, wenn er sie zuschließt.a
Halbsichtigkeit, als ob die obere Hälfte des Auges mit einem schwarzen Körper bedeckt wäre, so daß er nur mit der niederen Hälfte die unteren Gegenstände sehen kann, die oberen hingegen unsichtbar bleiben.a
NaseEr hat keine Luft durch die Nase; die Nasenlöcher sind geschwürig und zugebakken und thun weh.a
Wundheitsschmerz in beiden Nasenlöchern [besonders beim Anfassen].a
Das Nasen-Bein rechter Seite und der angrenzende Theil des Oberkiefers ist schmerzhaft bei Berührung …a
Ein kitzelndes Kriebeln inwendig in den Nasenflügeln, was zum Kratzen zwang.a
Mund, HalsSyphilitische Geschwüre am Gaumen und im Rachen.
AbdomenSpannender Druck im Unterbauche und den Lenden-Gegenden, mit Noththun zum Stuhle.a
Spannender Druck im Unterbauche, gerade unter dem Nabel und zu beiden Seiten in den Lenden-Gegenden, mit Gefühl von Vollheit.a
Kneipender Schmerz im Unterbauche, bald hie, bald da.a
Knurren und Kollern im Unterbauche.a
Abgang vieler und sehr übelriechender Blähungen.a
Unbehaglichkeit im Unterbauche und Empfindung, als sollte er zu Stuhle gehen, besonders nach Tische.a
GenitalienVorfall und Verhärtung des Uterus.b
Atmung, BrustUngeheure Beengung der Brust, mit Erschwerung des Athmens, Nachts.a
Engbrüstigkeit, auch im Sitzen und ohne Bewegung und durch keine Lage erleichtert; er holt immer tief Athem und kann nicht genug Luft schöpfen.a
Gefühl einer großen Last auf der Brust, vor allem auf dem Brustbein.
HerzHeftiges Herzklopfen.a
ExtremitätenAufgeweckt durch Knochenschmerzen, leidet er so stark, dass er verzweifelt und nicht mehr leben will.
Schmerz in den Knieen, als wären sie stark unterbunden …a
(Viele Schmerzen in Knochen und Gliedern werden detalliert aufgeführt.)
SchlafSchreckhafte Träume, Nachts.a
GewebeAuffallende Wallung im Blute [als kochte es in allen Adern].a

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