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B978-3-437-56873-2.00003-2

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Calcarea carbonica – Cyclamen

Calcarea carbonica

Weitere Namen: Calcium carbonicum Hahnemanni; Austernschalenkalk, ‚calcarea carbonicaKalkerde‘
Diese Arznei, chemisch gesehen kein reines Calciumcarbonat, ist eine Verreibung der mittleren Schicht der Austernschale. Sie wurde von Hahnemann geprüft, und Clarke nennt sie „eines der größten Monumente des Hahnemannschen Genius. … Seine Methode der Zubereitung unlöslicher Substanzen“ (durch Trituration) „brachte in diesem Fall eine ganze Welt therapeutischer Kräfte ans Tageslicht, die zuvor völlig unbekannt war.“
Einige Mittel sind schwierig zu erkennen, bei Calcarea carbonica [im Folgenden einfach Calcarea genannt] aber scheint es, wenn das Bild typisch ist, eher schwierig zu sein, es nicht zu erkennen.
Calcarea zeigt in den Prüfungen wenigstens fünf verschiedene Bilder, die aber fließend ineinander übergehen.
  • Da ist das Bild des Zahnens.

  • Das Bild der Rachitis.

  • Das Bild der Anämie.

  • Das Bild der Tuberkulose.

  • Das Bild geistig-emotionaler Schwäche bis hin zum Schwachsinn.

Aus Calcarea-Kindern werden Calcarea-Erwachsene; und wenn Sie das Calcarea-Kind kennen, werden Sie Calcarea auch später im Leben leicht wiedererkennen.
1. Zunächst also das Bild des Zahnens: das dicke, schlaffe Baby mit blondem Haar und großem (oft sauer riechendem) Kopf, der nachts im Schlaf heftig schwitzt und das Kopfkissen in großem Umkreis nass macht. Die Zahnung ist verzögert, die Zähne brechen nicht rechtzeitig durch. Das Zahnfleisch ist geschwollen und empfindlich, und es pocht darin. Man berichtet Ihnen, dass das Kind „die Milch nicht verträgt“, sie wird als saures Wasser und saure, geronnene Milch wieder erbrochen; saure Flüssigkeit rinnt aus dem Mund. Calcarea ist sehr sauer; die Stühle riechen sauer – sauer und stechend – und sind wundmachend. (Bei lycopodiumLYCOPODIUM ist es der Urin, der brennt und wundmacht, bei Calcarea, sulfurSULFUR und anderen der Stuhl.) Bei Calcarea kann der Stuhl (bei Durchfall wie bei Verstopfung) weiß wie Kreide sein. Handgelenke und Fußknöchel sind von ‚Speckringen‘ umgeben; möglicherweise ist auch der rachitische Rosenkranz zu tasten. Die Fontanellen schließen sich nur langsam, die Zähne kommen nur langsam heraus. Die ganze Knochenentwicklung ist verzögert; erst spät können die Knochen das Gewicht des Körpers tragen, sie sind von geringer Festigkeit und verbiegen leicht.
Der Husten dieser Kinder ist oft eine Art ‚Zahnungshusten‘. (Früher pflegte ich immer etwas für die Bronchitis zu geben und zusätzlich Calcarea, um den Zähnen zum Durchbruch zu verhelfen, bis ich herausfand, dass das Mittel – bei einem Calcarea-Kind – beides abdeckte.)
2. All dies geht schließlich in das Bild des rachitischen Kindes über. Das Calcarea-Kind der Prüfungen und der Materia medica ist das typische Rachitis-Kind.
Das dicke, blonde, blasse Kind, das ins Sprechzimmer gebracht und auf einen Stuhl abgeladen wird, bleibt dort sitzen. Kein Herunterwinden, um herumzulaufen und alles im Zimmer anzufassen. Es sitzt einfach nur da, träge und lethargisch. Allenfalls spielt es mit seinen Fingern und zupft an ihnen herum.
Mit der kreidebleichen Gesichtsfarbe gehen einher:
  • Fettleibigkeit ohne Ausdauer.

  • Schwitzen ohne Hitze.

  • Knochen ohne Festigkeit.

  • Gewebe von zu viel Quantität und zu wenig Qualität.

  • Eine schlaffe, massige Gestalt, voller Schwäche und Müdigkeit.

Auf Nachfrage erfahren Sie, dass das Kind am Kopf außerordentlich stark schwitzt. Kopfschweiß bei Kälte, in einem kalten Raum; Kopfschweiß nachts, der das Kissen durchnässt. (Calcarea und siliceaSILICEA schwitzen nachts und im Schlaf das Kopfkissen nass; doch sind ihre Arzneibilder ganz verschieden.)
Bei Calcarea ist alles langsam und verzögert, schwerfällig und schwach.
Die nächtlichen Angstzustände werden Sie sicherlich kennen – wie das Kind aus dem Schlaf hochschreckt und vor Entsetzen schreit; es erkennt niemanden, kann kaum beruhigt werden und zittert vor Angst. Calcarea-Kinder „erleben in ihren Träumen schreckliche Dinge“, sagt Kent. Und das Mittel ist bekannt dafür, dass es solche nächtlichen Angstzustände sehr oft behebt.
Calcarea hat Verlangen nach Eiern; nach unverdaulichen Dingen wie Kalk, Griffeln, Erde, Kreide oder Lehm (aluminaALUMINA); nach rohen Kartoffeln und Mehl; nach Süßigkeiten, Eiscreme, Limonade usw.
Später entwickelt sich eine Abneigung gegen Kaffee, Fleisch und Milch (oder Milch wird gemocht, aber nicht vertragen), ferner gegen Tabak.
Die Magengegend ist angeschwollen – „wie eine umgedrehte Untertasse“.
3. Ein drittes Bild, das sich später im Leben zeigt, ist der „leukophlegmatische Patient“, wie er genannt worden ist – fett, hellhäutig, schlaff. Schnaufend und keuchend betritt er das Zimmer und reicht Ihnen seine froschähnliche Hand, sodass Sie sich schütteln und am liebsten gleich die Hände waschen würden; sie ist feucht und kalt und so kraftlos und weich, als hätte sie keine Knochen. Allein an diesem Händedruck können Sie Calcarea erkennen!
Der Patient wird Ihnen Anämie-Symptome berichten: seine Müdigkeit und Mattigkeit; sein Herzklopfen; seine Kurzatmigkeit bei geringsten Steigungen; seine Empfindung, als wäre die Brust oder der Kopf zu sehr mit Blut gefüllt.
Er wird Ihnen von seiner Frösteligkeit erzählen; von seiner Schweißneigung, besonders an Kopf und Füßen; wie er schwitzt, wenn ihm kalt ist, in einem kalten Raum, im Schlaf; wie die Kälte in bestimmten Bereichen oder auch nur an einzelnen Stellen auftritt – kalter Kopf, kalte Füße, kalter Bauch, kalte Oberschenkel, kalte Kopfhaut; eisige Kälte. (sulfurSULFUR hat stellenweise Hitze, Calcarea stellenweise Kälte und, wie Kent sagt, stellenweises Schwitzen.)
Oder Sie sehen eine überaus korpulente Frau, außer Atem, ohne Kraft, Energie, Festigkeit, Farbe – keine Vitalität. Diese Schwäche! diese Müdigkeit! diese Kurzatmigkeit! dieses Herzklopfen!
Sie wird Ihnen berichten, dass ihre Regel zu früh einsetzt, zu stark ist und zu lange anhält; bei jeder Anstrengung oder Aufregung kann die Blutung wiederkommen.
Und dann ihre Krämpfe! Sie kann sich nicht ins kalte Bett legen, ohne irgendwelche Krämpfe zu bekommen. Sie streckt ein Bein im Bett aus, und schon hat sie einen Krampf darin. Waden, Finger, Zehen – sie alle sind ständig schmerzhaften Krämpfen unterworfen (cuprumCUPRUM).
Wie leicht zieht sie sich Verrenkungen zu! Sie hat Schmerzen im Kreuz, wie verrenkt; kann nichts Schweres heben. Und sie neigt zu plötzlichen Schweißausbrüchen, morgens oder zwischendurch im Laufe des Tages.
Und dann hat sie noch dieses merkwürdige Gefühl, als wäre die Taille zu fest zusammengeschnürt. Das Blut drängt ihr zum Kopf. Wenn sie den Kopf dreht, wird ihr schwindelig. …
Ich habe einmal gesehen, wie Calcarea einen schlimmen Fall von perniziöser Anämie über viele Jahre hinweg enorm gebessert hat. Auf verschiedene Indikationen hin hatte ich es zuvor mit anderen Mitteln probiert, schließlich aber Calcarea gegeben, weil ihr kreidebleiches Gesicht daran erinnerte. Sie lebte noch viele Jahre, doch als sie schließlich die Behandlung abbrach, bekam sie einen Rückfall und starb. Bis dahin aber war sie regelrecht aufgeblüht und wieder zu Kräften gekommen.
4. Dann der Tb-Typ, der sich andeutungsweise auch schon in den Prüfungen zeigt. Darin wird von harten, bis hühnereigroßen Schwellungen der Unterkieferdrüsen berichtet (droseraDROSERA), ferner von Geschwüren mit indurierter Umgebung.
Nachtschweiße.
Unterleib stark aufgetrieben; harte, geschwollene Lymphknoten in beiden Leisten.
All dies sehen wir auch bei Calcarea, bei Erwachsenen gleichermaßen wie bei Kindern.
Kent beschreibt es so: „Kinder mit kalten Füßen, abgemagerten Gliedmaßen und vergrößertem Abdomen; die Magengegend ist aufgetrieben wie eine umgedrehte Untertasse, der Unterleib gebläht. Kalt und empfindlich auf Kälte. Blasse Haut. Bleiches, wächsernes Gesicht.“
Die ganze Brust ist schmerzhaft empfindlich – empfindlich auf Berührung und beim Einatmen. Beengung der Brust, als wäre sie zu voll und mit Blut angefüllt.
Und dann der Husten; Kitzelhusten, mit süßlichem Auswurf und Blutspucken. … In der Tat, die Prüfungen lassen sehr wohl an Rachitis, an Anämie und eben auch an Tuberkulose denken.
5. Schließlich das psychische Bild von Calcarea.
So verängstigt – so furchtsam!
Panische Ängste nachts, nach dem Einschlafen und beim Erwachen aus dem Schlaf.
Befürchtungen über Befürchtungen.
„Befürchtende, bange Ahnung, als ob ihm oder einem Andern ein Unglück begegnen würde …“
Furcht, sie werde den Verstand verlieren und die Leute könnten es bemerken.
„Sie fürchtet, die Leute sehen ihr ihre Verwirrtheit im Kopfe an.“
Ängstlichkeit, mit Unruhe und vagen Befürchtungen.
Furcht vor dem Tod; vor Krankheit und Elend.
Während sie dasitzt, kann sie nicht anders, als ständig an irgendwelchen Gegenständen herumzunesteln oder Nadeln krummzubiegen.
Brütet lange über Kleinigkeiten, die ganz ohne Belang sind.
„Zu aller Arbeit unaufgelegt. – Scheu und Ekel vor der Arbeit …“
Furcht vor Schwindsucht.
Verdrießlich; gereizt; eigensinnig.
Die Gedanken schwinden ihm. Das Gehirn fühlt sich gelähmt an; er kann nicht denken, sich nicht besinnen, bei Eingenommenheit des Kopfes.
Verzweifelt an ihrem Leben und ihrem Verstand.
Die Calcarea-Epilepsie hat als Aura ein ‚Maus-Gefühl‘ – das Gefühl, als würde eine Maus den Arm oder das Bein hinaufkrabbeln (belladonnaBELLADONNA hat dies ebenfalls, ferner siliceaSILICEA).
Nash sagt: „Wenn Calcarea ein Symptom hat, das nicht nur im Vergleich zu seinen übrigen Symptomen, Sondern auch im Vergleich zu allen anderen Arzneien führend ist, so ist es dies: profuse Kopfschweiße bei Kindern mit großem Kopf und offenen Fontanellen. Der Schweiß ist so reichlich, dass er während des Schlafs den Kopf und das Gesicht herunterrinnt und das Kissen rundherum nass macht. So manches Kleinkind konnte davor bewahrt werden, an Hydrozephalus, Zahnungsleiden, Rachitis, Marasmus, Eklampsiefolgen, Cholera infantum etc. zu sterben, wo diese Art von Schwitzen als Leitsymptom für die Anwendung von Calcarea erkannt wurde.“
Nash weist ferner auf die Mangelernährung als eine der Störungen hin, die nach Calcarea verlangen. Er zitiert aus Herings Guiding Symptoms:
„Verzögerte Entwicklung der Knochengewebe, mit Vergrößerung der lymphatischen Organe.“
„Verkrümmungen der Knochen, besonders der Wirbelsäule und der langen Röhrenknochen.“
„Extremitäten deformiert, verkrümmt.“
„Knochenerweichung; die Fontanellen bleiben zu lange offen, bei sehr großem Schädel.“
Und er fügt hinzu: „Diese Symptome zeigen eine mangelhafte oder unvollständige Ernährung der Knochen an. Sie werden nur unregelmäßig oder ungleich versorgt. Ein Teil eines Knochens, z.B. eines Wirbels, erhält ausreichend Nährstoffe, während der andere ‚hungern‘ muss. Gleichzeitig mit dieser gestörten Knochenentwicklung leiden die Weichteile an Überernährung. Daher finden wir in der Pathogenese der Arznei eine Neigung zu Fettleibigkeit verzeichnet, vor allem bei Kindern und Jugendlichen.“
Nebenbei bemerkt ist Calcarea das chronische Mittel von belladonnaBELLADONNA; d.h., wenn belladonnaBELLADONNA wiederholt bei akuten Beschwerden geholfen hat, wird Calcarea eine tiefgreifende Heilung herbeiführen und so Rezidiven vorbeugen.
Lassen Sie uns zum Schluss einige Punkte von Kent durchgehen:
„Calcarea schwitzt an einzelnen Stellen. … Wenn die Füße von Calcarea kalt werden, fangen sie an zu schwitzen. …
Kinder, die eine schwierige Zahnungsphase durchmachen, erleben in ihren Träumen schreckliche Dinge; sie schreien nachts auf, und das Kissen ist um den ganzen Kopf herum nass. …
Calcarea ruft jene Art von Anämie hervor, die als Chlorose [Bleichsucht] bekannt ist. Ferner erzeugt es eine ausgeprägte perniziöse Anämie. …
Kälteempfindlichkeit und Schwäche sind zwei Merkmale, die sich durch das ganze Arzneimittelbild ziehen. … Dicke, schlaffe, blutarme Menschen. … Der Calcarea-Patient ist ein sehr müder Patient. …
Er kommt in einen Zustand, wo die Lymphknoten vergrößert sind und Hals und Glieder abmagern, während das Fett und die Mesenteriallymphknoten im Bereich des Abdomens zunehmen. … Bei Calcarea können die Patienten sowohl fett, schlaff und blass als auch insgesamt sehr abgemagert sein. …
Calcarea-Kinder haben ein starkes Verlangen nach Eiern, und es geht ihnen besser, wenn sie Eier essen.
Sie haben saure, stechend riechende Stühle, die unverdaute Milch enthalten.
Kitzelhusten.1

1

Diesbezüglich erinnere ich mich an eine alte, dicke Frau, eine typische Calcarea-Patientin. Sie hatte seit Jahren nachts einen Kitzelhusten, der ihre Nachbarn störte und ihre Angehörigen nötigte, aufzustehen und ihr heißes Wasser zu trinken zu bringen. Eine Gabe Calcarea in Hochpotenz brachte den Husten für ein ganzes Jahr zum Schweigen.

Erschlaffung der Gewebe überall – Muskeln, Venen –, besonders im Bereich der Beine und des Afters, d.h. Unterschenkelvarizen bzw. Hämorrhoiden. …
Calcarea lässt Polypen wachsen und heilt diese (bei einem Calcarea-Patienten). … Und Calcarea-Babys sind fast stets mehr oder weniger von Würmern befallen.
Es ist hilfreich bei Verhärtungen von Geschwüren – am Geschwürgrund sowie in der Ulkusumgebung –, woraus sein wunderbarer Nutzen bei der Linderung und Eindämmung maligner Ulzera resultiert, denn diese weisen stets eine indurierte Basis auf. Alte Krebsgeschwüre werden in ihrem Wachstum stark eingeschränkt, weil der konstitutionelle Zustand des Patienten verbessert und seine Widerstandskraft deutlich gesteigert wird; die Geschwüre beginnen abzuheilen. Bei einer Krebserkrankung, die in sechzehn Monaten zum Tode führen würde, wird der Patient unter Calcarea noch fünf Jahre weiterleben, wenn Calcarea das indizierte Mittel ist.“
Kent sagt, dass Kleinkinder, die mit Kalkwasserzusatz in der Milch gefüttert werden, nach kurzer Zeit zu ‚Kalkopfern‘ werden, die nicht mehr in der Lage sind, den Kalk aus der natürlichen Nahrung herauszuziehen; sie werden allmählich zu dicken und schlaffen Calcarea-Kindern. Die natürlichen ‚Kalkfälle‘ jedoch werden als solche geboren, mit der Unfähigkeit, Kalk aus der Nahrung zu resorbieren; sie nehmen an Gewicht zu und produzieren nur unzulängliches Knochengewebe und minderwertige oder überhaupt keine Zähne.
Und er meint: „Welch törichte Idee, diese Kinder zusätzlich mit Kalk füttern zu wollen, wenn sie diesen gar nicht verwerten können. … Um so erstaunlicher ist es, dass eine einzige Dosis desselben Stoffs in Potenz bewirkt, dass das Kind seine Nahrung wieder vollständig verdauen und sich allen Kalk daraus zu eigen machen kann, den es für die Knochen und sonstigen Gewebe braucht. Auf einmal fangen die Zähne zu wachsen an, die Knochen wachsen, und die Beine des kleinen Kerlchens werden fest genug, um gehen zu können, und sie werden ihn tragen. …
Es ist ein besonderes Kennzeichen von Calcarea carbonica, dass die Körperoberfläche um so kälter wird, je ausgeprägter die Kongestion im Bereich der inneren Organe ist. Bei Brust-, Magen- oder Darmaffektionen werden Hände und Füße eiskalt und schweißbedeckt. Auch kann der Patient mit Fieber im Bett liegen und am ganzen Körper heiß anzufühlen sein, doch die Kopfhaut ist von kaltem Schweiß bedeckt. Das ist merkwürdig! Man kann es von der Pathologie her logisch nicht ableiten; und wenn ein Sachverhalt so seltsam ist, dass er nicht zu erklären ist, wird er ein sehr wertvolles Kennzeichen für das Arzneimittel und darf bei der Verschreibung für einen Patienten nicht außer Acht gelassen werden.“
Hahnemann prüfte vor Calcarea carbonica, dessen Symptome in Band 2 seiner Chronischen Krankheiten verzeichnet sind, die essigsaure Kalkerde (calcarea aceticaCALCAREA ACETICA) [deren Symptome er aus der Reinen Arzneimittellehre übernahm und jenen von Calcarea carbonica zum Vergleich und unter besonderer Kennzeichnung beifügte]. Zur Zubereitung von Calcarea carbonica schreibt er:
„Man zerbricht eine reine, etwas dicke Austernschale [und] nimmt von der, zwischen der äußern und innern, harten Schale derselben befindlichen, mürbern, schneeweißen Kalk-Substanz einen Gran“, der dann in der bekannten Weise zu verreiben und zu dynamisieren sei.
Und er gibt u. a. folgende Hinweise: „Kommt die weibliche Regel gewöhnlich mehre Tage vor dem vierwöchentlichen Termine und im Uebermaße, so ist die Kalkerde oft unentbehrlich hülfreich, und um so mehr, je mehr Blut abfließt. Kommt die Regel aber stets zum richtigen Termine oder später, so ist, wenn dieselbe dann auch nicht schwach geht, Calcarea doch fast nie wohlthätig.
Selten nur läßt sich bei älteren Personen, selbst nach Zwischenmitteln, die Kalkerde mit Vortheil wiederholen, und höchst selten und fast nie ohne Nachtheil in Gaben unmittelbar nach einander; bei Kindern jedoch kann man sie, wenn sie den Symptomen zu Folge angezeigt ist, mehrmals, und, je jünger die Kinder sind, desto öfterer wiederholen.“
Hauptsymptome2

2

Ein a verweist auf Symptome aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten. Eines der im Folgenden wiedergegebenen Symptome ist ein Prüfungssymptom von CALCAREA ACETICA; es ist mit aa bezeichnet. b steht für Symptome von Bönninghausen (Uebersicht der Eigenthümlichkeiten …), c für Symptome aus Jahrs Symptomencodex.

Geist und GemütSchweres Denken.a
Sieht Gesichter und Personen, wenn die Augen geschlossen sind.
Sie befürchtet, den Verstand zu verlieren.a
Sie fürchtet, die Leute sehen ihr ihre Verwirrtheit im Kopfe an.a
Aengstlichkeit, Schauder und Grausen, wenn der Abend naht.a
Große Angst und Herzklopfen.a – Unruhe im Gemüthe …a
Verzweifelt und ohne Hoffnung, jemals wieder gesund zu werden, mit Furcht vor dem Tode; geht damit Tag und Nacht den anderen auf die Nerven.
Kinder sind eigensinnig und neigen dazu, fett zu werden.
Nach geistiger Anstrengung: Hyperämie des Kopfes; Chorea; Zitteranfälle.
Aufregung verursacht Dysmenorrhö; nach geringster Aufregung droht die Regel wiederzukehren, oder Metrorrhagie setzt ein.
SchwindelBeim Erklimmen von hochgelegenen Orten; beim Treppen- oder Bergansteigen; bei schnellem Heben oder Drehen des Kopfes, und auch in der Ruhe; beim Gehen im Freien, als sollte er taumeln, besonders bei schnellem Wenden des Kopfes; mit Benommenheit und dem Gefühl zu fallen (Herzneurose); mit Neigung, nach hinten oder zur Seite zu fallen; mit Kopfschmerz; mit Übelkeit und Erbrechen bei eingeklemmten Blähungen; begleitet von Übelkeit und dem Gefühl, als sollte er in Ohnmacht fallen; mit Unsicherheit in den Beinen beim schnellen Gehen; bei Morbus Addison; während der Intervalle von epileptischen Krämpfen.
KopfBetäubender, drückender Schmerz in der Stirne, mit Unbesinnlichkeit und Benebelung des ganzen Kopfes, während des Lesens; er mußte im Lesen still halten und wußte nicht, wo er war.aa
Reißender Kopfschmerz über den Augen bis hinunter zur Nase, mit Übelkeit.
Kopfschmerzen beginnen im Hinterkopf und ziehen zum Scheitel; sie sind so heftig, dass sie glaubt, ihr Kopf werde platzen und sie werde noch verrückt werden (Migräne).
Bei jedem Hustenstoße wird der Kopf schmerzhaft erschüttert, als wolle er zerspringen.a
Beim Husten entstehen Stiche im Kopf.a
Klopfender Kopfschmerz …a
Innere und äußere Kälteempfindung an verschiedenen Stellen des Kopfes, als würde ein Stück Eis dagegendrücken, bei blassem, gedunsenem Gesicht.
Blutandrang zum Kopf: mit Hitze und betäubendem Kopfschmerz; mit rotem und geschwollenem Gesicht; mit Zahnschmerzen; während der Nacht; < morgens beim Erwachen und durch alkoholische Getränke.
Chronischer Hydrozephalus.
Brennen am Scheitel; auch nach Kummer.
Eiseskälte im Kopf und an der (rechten) Kopfseite, als würde ein Stück Eis dort liegen; < durch Wetterwechsel, am frühen Morgen, durch Bewegung im Freien; > im Liegen.
Profuses Schwitzen des Kopfes; Schweiß rollt in großen, perlenden Tropfen das Gesicht herunter; das Kissen ist in einiger Entfernung um den Kopf des Kindes nass (Tinea; kreideähnliche Stühle).
Nächtliche Kopfschweiße.
Kopf zu groß, Fontanellen schließen sich nicht (Rachitis etc.).
Offene Fontanellen, mit großem Kopf und starkem Schwitzen desselben; leukophlegmatische Kinder, sehr dick und von bleiernem Gewicht; Bauch hart und aufgetrieben, mit sauer riechendem Durchfall.
Kratzt beim Erwachen, oder wenn er im Schlaf gestört wird, unwillig den Kopf.
Tinea capitis favosa: dicke Schorfe, mit dickem Eiter bedeckt.
Crusta serpiginosa; Herpes circinatus (bei Zahnung).
AugenKatarakt.
Beim Schließen der Augen [abends] erscheinen fatale Gesichter.a
Erweiterung der Pupillen. („Oefterer ist der Gebrauch der Kalkerde nach Anwendung des Schwefels dienlich, und wenn die Pupillen sehr zur Erweiterung geneigt sind.“)a
Große Lichtempfindlichkeit, < abends; Augenlider sind morgens verklebt.
Fungus haematodes oculi, mit Lichtundurchlässigkeit der Cornea.
Trübheit der Cornea; Lichtundurchlässigkeit; Maculae.
Pusteln auf der Hornhaut, mit viel Tränenfluss und ausgeprägter Photophobie; < durch Gaslicht, morgens und bei Wetterwechsel.
Ophthalmie: durch Erkältung; durch Fremdkörper; bei Neugeborenen; skrofulös; arthritisch.
OhrenEntzündung und Schwellung des äußeren und inneren Ohres.
Mukopurulente Otorrhö, hauptsächlich das rechte Ohr befallend; mit Lymphknotenvergrößerung.
Ulzeration, dann Granulation, dann Polypenbildung; großer Gestank.
NaseNasenpolypen, mit Verlust des Geruchssinns.
Schwellung von Nase und Oberlippe bei Kindern.
GesichtSieht alt und runzlig aus (Cholera infantum u.Ä.).
Aufgedunsenes Gesicht bei Kindern.
Lippen rissig und aufgesprungen; geschwürige Mundwinkel.
Kaubewegungen der Kiefer im Schlaf.
UnterkieferdrüsenSchmerzhafte Geschwulst.b
Harte Geschwulst einer Unterkiefer-Drüse, Hühnerei groß, mit schmerzhaftem Spannen beim Kauen und stechendem Schmerze beim Befühlen.a
ZähneKönnen keine Luft und keine Kälte vertragen.a
Schwieriges Zahnen der Kinder (Rachitis; Cholera infantum; Hydrozephalus; Milchschorf; Säuglingskatarrh; Laryngotracheitis; Bronchitis; Bronchialkatarrh; Marasmus; Urtikaria; Chorea).
ZungeTrocken, mag nicht sprechen. (Vgl. phosphoricum acidumacidum phosphoricumACIDUM PHOSPHORICUM und belladonnaBELLADONNA)
HalsStarke Halsschmerzen; Zellgewebe um die zervikalen Lymphknoten angeschwollen; Nase wund, verstopft.
MagenViel Heißhunger, bei schwachem Magen.a
Geringer Appetit, mit Abneigung gegen Fleisch und Verlangen nach gekochten Eiern.
Gänzliche Appetitlosigkeit.a
Verlangen nach gekochten Eiern.
Langwieriger Abscheu vor Fleischspeisen.a
Saures Erbrechen, besonders während des Zahnens.
Erbrechen und Durchfall zahnender Kinder.
Magengrube aufgetrieben, wie eine umgedrehte Untertasse aussehend; druckschmerzhaft.
Aufblähung der Magengegend, dazu nötigend, die Kleidung zu lockern.
AbdomenDie fest anliegende Bekleidung um die Hypochondern ist ihr unerträglich.a
Schmerzen mehr auf der linken Seite, vor allem unter dem linken Hypochondrium; reißende, stechende Schmerzen im linken Thorax, zum Hypochondrium ziehend.
Flatulenz mit Gluckern im rechten Abdomen.
Stark aufgetriebner, … harter Unterleib.a
Geschwollene, harte Gekrösdrüsen bei Kindernb; Bauch fühlt sich an wie mit Steinen oder eiförmigen Körpern gefüllt.
Atrophie des Mesenteriums.
Bis auf die Bauchgegend überall abgemagert.
Wundheit des Nabels; eine feuchte Wucherung aus dem Nabel, wie wildes Fleisch, bei Säuglingen. (kalium carbonicumKALIUM CARBONICUM, natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM)
StuhlSauer riechender Durchfall …b
Wässrige Stühle.
Bandwürmer und Askariden im Stuhl. – Bandwurm (nach graphitesGRAPHITES).
HarnorganePolypen und Varizen der Blase.
Männliche GeschlechtsorganeGeschlechtstrieb sehr erhöht.a
Pollutionen in den ersten Tagen vielmehr …a
Häufige unwillkürliche Samenergießungen im Schlaf.
Beim Beischlafe sehr später Samen-Erguss.a
Nach dem Beischlafe, einige Tage lang sehr matt und angegriffen.a
Impotenz.
Folgen von Onanie oder zu häufigem Koitus: drückender Schmerz in Kopf und Rücken; Mattigkeit und Schwäche in den Beinen, die Knie scheinen nachgeben zu wollen; leichtes Schwitzen, Schwäche, Zittern der Hände.
Jucken und Brennen der Genitalien, bei beiden Geschlechtern.
Weibliche GeschlechtsorganeMetrorrhagie.
Menses: zu früh; zu lange anhaltend; zu stark.
Die geringste Aufregung führt zum Wiederauftreten einer starken Blutung.
Regelblutung will nicht erscheinen, bei plethorischen Individuen.
Leukorrhö: wie Milch, mit Jucken und Brennen; vor oder nach der Regel; während des Harnens; zuweilen profus; stoßweise; stärker nach körperlicher Anstrengung; mit großer Schwäche; mit Stechen in der Vaginalöffnung und Wehtun in der Vagina; mit Brennen im Zervikalkanal; mit Ansammlung von Schleim zwischen den Schamlippen und den Oberschenkeln; mit Chlorose; bei skrofulösen Frauen.
Leukorrhö mit Pruritus; Ausfluss weiß, milchig, aber nicht dickflüssig; mit Hitze des Genitalbereichs.
Dicker und gelber Ausfluss; < tagsüber, beim Urinieren.
Häufiger Ausfluss zwischen den Menses, die zu früh und zu stark auftreten.
Vaginale Polypen und Fisteln.
Während der Schwangerschaft: ungeschickt, unbeholfen, fällt leicht hin; schon nach kurzem Spaziergang ermüdet aufgrund eines Gefühls allgemeiner Lahmheit im Becken; Krämpfe in Zehen oder Fußsohlen.
Falsche Wehen, nach oben ziehend.
MilchsekretionÜbermäßige Sekretion von Milch; Galaktorrhö.
Exzessive Milchabsonderung; Auszehrung und Schweiße; Schwäche als Folge.
Brüste gedehnt, Milch spärlich; sie friert und spürt kalte Luft sehr schnell; es ist nicht genügend Vitalität vorhanden, um die Milch zu sezernieren.
Ungenügende Milchproduktion; Mammae nicht geschwollen.
Brüste hart, aber nicht gerötet.
Der Säugling verträgt die Milch nicht.
Atemwege, BrustMühsames, lautes Athmen durch die Nase …a
Schmerzlose Heiserkeit, daß sie vorzüglich früh gar nicht sprechen kann.a
Heisere, kaum hörbare Stimme.
Nacht-Husten.a
Husten, < morgens beim Erwachen und am frühen Abend.
Schleimrasseln auf der Brust beim Ausatmen, < im Liegen und abends.
Verkürzung des Athems beim geringsten Steigen.a
Kurzatmigkeit nach Spaziergang.
Wundheitsschmerz in der Brust, wie zerschlagen, besonders beim Einatmen.
Die ganze Brust ist bei Berührung und beim Einathmen schmerzhaft empfindlich.a
Wirkt auf das obere und mittlere Drittel der rechten Lunge.
Tuberkulöse Auszehrung.
Äußerer Hals, RückenHalsdrüsen-Geschwülste.a
Lymphknoten im Nacken geschwollen, bei Ausschlag auf dem Kopf.
Leichtes Verheben, wovon das Genick dick und starr wird, mit Kopfschmerz.a
Drücken zwischen und unter den Schulterblättern.
Extremitäten[Nach dem Beischlafe,] Schwäche und Zittern in den Beinen, besonders über und unter den Knieen.a
Geschwulst der Kniee.a
Kalte, feuchte Füße.
Gefühl an den Füßen und Unterschenkeln, als hätte sie kalte, feuchte Strümpfe an.
NervenGroße Schwäche.
Rückfallneigung; die Genesung kommt nicht voran.
Beim Spazieren, große Kraftlosigkeit, besonders in den Beinen, mit mattem Schweiße.a
Sie konnte die Treppe nicht steigen und ward davon ganz erschöpft.a
Epilepsie vor dem Anfall Gefühl, als würde etwas in den Armen laufen oder von der Magengrube durch den Bauch in die Füße ziehen; plötzliche Schwindelanfälle; Bewusstseinsverlust ohne Konvulsionen; pharyngeale Spasmen, gefolgt von einem Bedürfnis zu schlucken. Ursachen: Ärger, Schreck; Onanie; langwieriges Wechselfieber; Unterdrükkung eines chronischen Hautausschlags. Schlimmer nachts, während der Sonnenwende und bei Vollmond; mit Schreien und Rufen.
SchlafSobald die Kranken einschlummern, werden sie immer wieder von denselben unangenehmen Gedanken geweckt.
Beim Schließen der Augen erscheinen fatale Gesichter.a
Das Kind kaut und schluckt im Schlaf.
FieberHektisch: Frost und Hitze abwechselnd; häufige Anfälle fliegender Hitze, mit Angst und Herzklopfen; oder ständiges Schaudern am Abend, mit roten Wangen; Haut trocken, welk; schwitzt leicht; große Schwäche; nach anhaltender oder starker Laktation, nach Flüssigkeitsverlust, nach Tuberkulose etc.
Wechselfieber nach Chinin-Mißbrauchc; chronische Formen mit Skrofeln; Fieberfrost beginnt im Magen mit quälender Schwere, die mit dem Frost zunimmt und mit ihm wieder verschwindet; bei Leuten, die viel in kaltem Wasser arbeiten; bei kachektischen Zuständen; bei unterdrückten Ausschlägen; mit Verlangen nach Eiern.
Typhus: während der Verschlimmerung, die dem Exanthem (am 14. Tag) vorangeht, Herzklopfen, zittriger Puls, Angst, rotes Gesicht, Delirium, Zuckungen; kurzer, trockener Husten; profuse Diarrhö.
Abends im Bett kalte Füße.
Partielle Schweiße: Kopf; Nacken; Brust; Hände; Füße.
Früh-Schweiß alle Morgen.a
TemperaturAbneigung gegen freie Luft; die geringste Kälte geht ihr durch und durch.
PeriodizitätSchlimmer bei Vollmond.
GewebeChlorose.
Variköse Venen; Brennen in den Venen.
Entzündung, schmerzhafte Schwellung und Verhärtung von Drüsen und Lymphknoten.
Zystische Schwellungen.
Verzögerte Entwicklung der Knochengewebe mit Vergrößerung lymphatischer Organe.
Knochenerweichung; die Fontanellen bleiben zu lange offen, bei sehr großem Schädel; Gelenkschwellungen.
Verkrümmung der Knochen, besonders der Wirbelsäule und der langen Röhrenknochen.
Extremitäten deformiert, verkrümmt (Rachitis).
Tuberkulöse Hüftgelenkentzündung: zweites Stadium; kratzt den Kopf beim Erwachen; Verlangen nach gekochten Eiern; geschwollene Lymphknoten; Durchfall etc.
Muskeln weich und schlaff.
Störung der Nährstoffversorgung, mit Neigung zu Drüsenvergrößerungen.
HautHautschrunden, besonders bei Leuten, die im Wasser arbeiten (Töpfern, Lehmtretern etc.).c
Ekzem, mit dünnen, feuchten Schorfen auf dem Kopf, mit geschwollenen Halslymphknoten; Ekzem hinter den Ohren (graphitesGRAPHITES).
Lebensstadien, KonstitutionLeukophlegmasie in der Kindheit.
Erkrankungen bei Kindern, vor allem während der Dentition.
Schwieriges und zögerndes Zahnen der Kinder.b
Kinder: eigensinnig; hellhaarig, blass, pummelig; dick, schlaff, rotes Gesicht, schwitzen und erkälten sich leicht; großer Kopf und dicker Bauch, offene Fontanellen und Suturen, krumme Beine.
Retardation. Spätes Laufenlernen der Kinderc, oder sie scheinen es wieder zu verlernen.
Schorfe auf dem Kopf bei Säuglingen.
Entzündung der Augen bei Neugeborenen.
Jugendliche, die zu dick und schwer werden.
Nervöse, hämorrhoidale, plethorische und lymphatische Konstitutionen; Neigung zum Fettansetzen.
Leukophlegmatische Menschen: heller Teint, blaue Augen, blondes Haar, helle Haut.
ArzneimittelbeziehungenKompatibel vor lycopodiumLyc., nux vomicaNux-v., phosphorusPhos., platinumPlat., siliceaSil., nach chamomillaCham., nitricum acidumacidum nitricumNit-ac., nux vomicaNux-v., pulsatillaPuls., sulfurSulf. (nach SULFUR besonders, wenn die Pupillen erweitert sind).
Inkompatibel vor nitricum acidumacidum nitricumNit-ac. und Sulf., Hahnemann zufolge.

Calcarea phosphorica

Weitere Namen: Calciumhydrogenphosphat; phosphorsaure calcarea phosphoricaKalkerde
Dieses mächtige Arzneimittel betrachte ich immer noch als eines der Gewebesalze Schüßlers, obwohl es von diesem nur ‚adoptiert‘ worden ist, wie Clarke sich ausdrückt, denn es war schon vor Schüßler von verschiedenen homöopathischen Ärzten, unter ihnen Constantin Hering, potenziert und geprüft worden.
Einem 1934 von mir separat veröffentlichten Arzneibild von calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA habe ich damals einen kurzen Artikel von Dr. E. P. Cuthbert, USA, über Calcarea phosphorica beigefügt; ich selbst habe mich aber bisher noch nicht an einer Darstellung dieses Mittels versucht, was ich nun hiermit unternehmen möchte.
Wenn wir Babys und Kinder behandeln, die offensichtlich jenen ‚vitalen Stimulus‘ nötig haben, der eine bessere Assimilation von Kalk für Zahnaufbau, Knochenbildung usw. ermöglichen würde, müssen wir uns fragen: Soll es das durch Hahnemann berühmt gemachte calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA sein oder das oft Schüßler zugeschriebene Calcarea phosphorica? Zwar haben die beiden Mittel eine Reihe von Symptomen gemeinsam, doch zeigen sich in den Prüfungen und im Wirkungsspektrum auch zahlreiche auffallende Unterschiede, die vor allem auf das phosphorusPHOSPHOR-Element des Letzteren zurückzuführen sind. Und da bekanntlich, wenn wir von Heilung sprechen wollen, ein Mittel das andere nicht ersetzen kann, sind wir stets auf die tatsächlichen Prüfungssymptome als unseren einzig sicheren Führer angewiesen.
calcarea carbonicaLassen Sie mich, um für mich selbst wie für andere eine kleine Hilfestellung zu leisten, einmal kurz die beiden Arzneien vergleichen, indem ich Nash, den sorgfältigen Beobachter und hervorragenden Arzt, und daneben H. C. Allens Keynotes zu Rate ziehe.
Calcarea carbonicaCalcarea phosphorica
Unzureichende oder ungleichmäßige Knochenentwicklung (offene Fontanellen, verkrümmte Wirbelsäule, deformierte Extremitäten).Verzögerte Schließung oder erneute Öffnung der Fontanellen bei schlanken, abgemagerten Kindern mit schweißigen Köpfen.
Sehr starker Kopfschweiß im Schlaf, der das Kissen in großem Umkreis nass macht (SILICEA).(Laut Nash ist das Schwitzen am Kopf hier kein so hervorstechendes Symptom wie bei CALCAREA CARBONICA und SILICEA.)
Blond und hellhäutig, schlaff, fettleibig.Typischerweise anämisch, dunklerer Teint, Haare und Augen eher dunkel, Körperbau dünn und hager. Kinder sind abgemagert, können nicht stehen, lernen erst spät laufen und haben einen eingefallenen, schlaffen Bauch.
Unschätzbar bei Rachitis und bei verzögerter oder komplizierter Zahnung.
siliceacalcarea carbonicaNursilicea wenn wir uns nach Hahnemanns Lehren richten, sind wir in der Lage, uns in jedem Fall für das richtige Mittel zu entscheiden und jedesmal ins Schwarze zu treffen!
Beide Mittel zielen auf dieselben Organe und Gewebe, auf Knochen, Drüsen, Lungen usw. – und doch unterscheiden sich die Individuen deutlich voneinander.
Hauptsymptome3

3

Hauptsächlich aus Herings Guiding Symptoms. Herings Prüfung aus dem Jahre 1837 findet sich im Handbuch von Noack/Trinks, die entsprechenden Symptome sind mit a markiert. Im 97. Band der A.H.Z. (S. 102) ist eine Zusammenstellung der Schüßlerschen Symptome und Indikationen veröffentlicht worden, neben denen einiger weniger anderer Autoren, u. a. ebenfalls Hering; die von Hering stammenden sind mit einem b, die von Schüßler stammenden mit einem c gekennzeichnet. Die meisten anderen der hier wiedergegebenen Symptome entstammen einem in Amerika erschienenen Resümee Herings, das leider nicht in deutscher Sprache existiert.

Geist und GemütSie möchte zu Hause sein, und wenn sie zu Hause ist, möchte sie nach draußen; geht von einem Ort zum anderen. (Vgl. arsenicumARSENICUM)
Unwillkürliches Seufzen.
KopfDie Fontanellen bleiben zu lange offenc, oder sie schließen sich und öffnen sich dann wieder.
Kopfschmerz bei Schulmädchen, mit Durchfall.
AugeEmpfindung, als ob etwas darin wäre; tritt selbst nach Tagen erneut auf, wenn nur davon gesprochen wird.
ZahnenLangsam; ebenso langsames Schließen der Fontanellen.
Beschwerden während des Zahnens.c
HalsErschlafft, wund.
Chronische Vergrößerung der Tonsillen.
MagenVerlangen nach Speck, Schinken, gesalzenem oder geräuchertem Fleisch.
AbdomenBei jedem Versuch zu essen Bauchschmerzen.
Schlaffer, eingefallener Bauch.
Viel Blähungen.
Cholera infantum.
RektumAnalfistel im Wechsel mit Brustsymptomen; oder bei Personen, die bei jedem Wetterumschwung oder bei kaltem, stürmischem Wetter Schmerzen in allen Gelenken bekommen.
GeschlechtsorganeChronische Gonorrhöe bei anämischen Subjecten.c
Uterusverlagerung in Verbindung mit rheumatischen Schmerzen.
LaktationNach langem Stillen.
Das Kind lehnt die Brust ab; die Milch hat einen salzigen Geschmack.
BrustBrustbeschwerden in Verbindung mit Analfistel.
Äußerer HalsSteifer Nacken schon von einem geringfügigen Luftzug.
ExtremitätenGelenkrheumatismus mit Kälte- oder Taubheitsgefühl.
Rheumatismus, vor allem im Zusammenhang mit kaltem Wetter; wird besser zum Frühjahr hin und kehrt im Herbst zurück.4

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Nash spricht von Verschlimmerung im Frühjahr und Herbst, insbesondere während der Schneeschmelze („… wenn die Luft von schmelzendem Schnee erfüllt ist“).

NervenMattigkeit beim Treppensteigen.
SchmerzenMit Gefühl von Kriechen, Kälte und Betäubung.c
FieberStarke Nachtschweiße bei Phthisis.
SchlafKann am frühen Morgen nicht wach werden.
WetterVerschlimmerung der Beschwerden durch Kälte und bei Wetterwechsel.
GewebeAnämische Subjecte; … Chlorosis.c
Knochenbrüche, die nicht verheilen wollen.
Bei Knochenbrüchen befördert es die Bildung von Callus.c
Knochenaffektionen entlang den Suturen oder an den Symphysen.
Rachitisc; Fontanellen weit offen; Diarrhö, Auszehrung.
Akute Lungenerkrankungen.
Große, gestielte Nasenpolypen; Rektum- und Uteruspolypen.
Schlaffe, ausgezehrte, abgemagerte Kinder.
Phosphatdiathese.
Guernsey: „Ein Kandidat für diese Arznei zeigt keinen so reinen und weißen Teint, wie wir ihn von calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA erwarten. Der Patient hat eher ein schmutzig-weißes oder bräunlich getöntes Aussehen.“
Weitere wichtige und beachtenswerte Symptome
Ist gern allein.
Das Kind schreit heftig und greift mit seinen Händen nach der Mutter; kalter Schweiß, besonders im Gesicht; ganzer Körper kalt (bei einem Kind mit großem Kopf und offenen Fontanellen).
Ängstlichkeit bei Kindern: in der Magengrube; mit Bauchschmerzen; mit Brustbeschwerden; mit Herzklopfen.
Fühlt sich, als wäre sie erschreckt worden.
Empfindet Beschwerden stärker, wenn sie daran denkt.
Alte Leute taumeln beim Aufstehen vom Sitze.b
Hitze im Kopf; Brennen oben auf dem Kopf, das bis zu den Zehen hinunterläuft.
Hydrocephalus; akutes und chronisches Hydrocephaloid.c
Schmerzhaftes Gefühl von Vollheit im Kopfe, Empfindung, als würde das Gehirn gegen den Schädel gedrückt …a
Wunder Schmerz, Gefühl von Ziehen, Reißen, Zerreißen in den Schädelknochen, am meisten entlang den Suturen …
Gefühl von Kribbeln, das über den Scheitel kriecht; Gefühl, als läge Eis auf dem oberen Teil des Hinterkopfes.
Der Kopf ist heiß, die Haarwurzeln schmerzen.
Schädel sehr weich und dünn; knistert wie Papier, wenn man darauf drückt.
Kein Zusammenwachsen der Knochen nach Schädelfrakturen, besonders bei alten Leuten.
Kann den Kopf nicht aufrecht halten; bewegt ihn von einer Stellung in die andere; Kopf wackelt.
Verschwommenes Sehen, wie ein Schleier vor den Augen.
Sieht schimmernde, glitzernde, feurige Kreise; Träume von Feuer.
Die Augäpfel tun weh; schmerzen wie zerschlagen.
Kältegefühl hinter den Augen.
Schielen; Verdrehung der Augäpfel, wie durch Druck hervorgerufen; sie scheinen aufgequollen zu sein, treten etwas hervor.
Schweiß an Augenbrauen und Lidern.
Flecken auf der Cornea … Krampf der Augenlider.c
Große, gestielte Nasenpolypen.
Geschwollene Nase mit wunden Nasenlöchern …
Nasenspitze: eiskalt; juckend.
Gesicht: blass; bleich; gelblich; erdfahl; voller Pickel.
Gesichtsakne.5

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Das Symptom in den Guiding Symptoms lautet: „Coppery face, full of pimples.“ Gesichtskupfer oder Kupferausschlag im Gesicht sind alte Ausdrücke für Acne vulgaris. Daher ist hier mit ziemlicher Sicherheit kein „kupferfarbenes Gesicht …“ gemeint. Auch die entsprechenden Repertoriumsrubriken (unter „eruption“ und „discoloration“) sind z. T. falsch, z. B. in Bezug auf CARBO ANIMALIS und KREOSOTUM.

Lascher, süßlicher Geschmack im Mund.
Ekliger Geschmack beim Erwachen.
Bitterer Geschmack morgens.
Zunge geschwollen, taub, steif; picklig; an der Wurzel weiß belegt.
Zungenspitze wund, brennend, mit kleinen Bläschen darauf.
Saftiges Obst oder Apfelwein verursachen Durchfall.
Essen von Eiscreme führt zu Bauchschmerzen.
Übelkeit durch Rauchen oder nach Kaffeegenuss.
Bewegung im Bauch wie von einem Lebewesen (vgl. crocusCROCUS, thujaTHUJA).
Äußere Bauchwand: Kribbeln, wie eingeschlafen, taub; Zittern oder Wehtun.
Diarrhö: nach Ärger; mit Kopfschmerzen, bei Schulmädchen; stinkender Eiter mit den Stühlen.
Wässrige, sehr heiße Stühle.
Stühle: grün und durchfällig, manchmal schleimig; weich, aber schwierig abgehend; weiß und breiig.
Morgens reichlicher weicher Stuhl; erneuter Stuhldrang direkt beim Abwischen, wonach noch einmal etwas abgeht.
Sehr stinkende, durchfällige Stühle.a
Zwei Prüfer bekamen einen sehr schmerzhaften kleinen Furunkel rechts neben dem After. Sitzen war nicht möglich; sie mussten stehen oder auf der linken Seite liegen; nach Absonderung von blutigem Eiter blieb eine schmerzlose Fistel zurück.
Analfissuren bei großen, hageren Kindern mit langsamer Zahn- und Knochenbildung.
Heftiger Schmerz in der Nierengegend beim Heben oder Naseschnauben.
Häufiger Abgang vielen Urins bei Abgespanntheit und Mattigkeit des Körpers.a
Nützlich bei Diabetes mellitus, wenn die Lungen mitbetroffen sind; nicht nur hilfreich für die Lungen, sondern auch zur Verringerung von Menge und spezifischem Gewicht des Urins.
Drücken im Unterleib; sie kann nur schwer verhindern, dass Urin abgeht.
Bettnässen und allgemeine Schwäche.c
Uteruspolypen.
Milchbeschaffenheit veränderlich, alkalisch bis neutral oder sauer; wässrig und dünnflüssig.
Mammae berührungsempfindlich, fühlen sich größer an.
Hering meint, dass Buttermilch und Kumyß [alkoholhaltiges Getränk aus vergorener Stutenmilch] wertvolle Nahrungsmittel für ältere Menschen seien, weil die in ihnen enthaltene Milchsäure Calciumphosphat auflöse und dadurch Kalkeinlagerungen in Sehnen, Arterien und anderenorts verhindert würden.
Boericke & Dewey [nicht Schüßler6

6

Wie bei anderen ‚biochemischen‘ Mitteln, die in diesem Buch abgehandelt werden, ist Tyler auch hier eine Verwechslung unterlaufen. Sie zitiert nicht aus dem Originalwerk Schüßlers, Eine Abgekürzte Therapie, sondern aus dem wesentlich umfangreicheren Werk von Boericke & Dewey, The Twelve Tissue Remedies of Schüssler. Immerhin ist mir Schüßlers Buch bei der Übersetzung einiger Ausdrücke dienlich gewesen.

!] schildern, wie diese Arznei von Dr. Hering zubereitet wurde. Weiter berichten sie: „Der phosphorsaure Kalk ist absolut unentbehrlich für das reguläre Wachstum und die richtige Ernährung des Körpers. Er findet sich im Blutplasma, in den Blutzellen, in Speichel, Magensaft, Knochen, Bindegewebe, Zähnen etc.; er hat eine besondere chemische Affinität zum Albumin, das die organische Basis für dieses Salz in den Gewebszellen bildet, und wird benötigt, wo immer Albumin oder sonstige Eiweiße in den Sekreten anzutreffen sind. Er spielt bei der Neubildung der Blutzellen die Hauptrolle und ist daher das erste Heilmittel bei Anämie und Chlorosis. Er ist von größter Wichtigkeit für die weichen und wachsenden Gewebe, indem er für die erste Grundlage der neuen Gewebe sorgt, und somit notwendig, um Wachstum anzuregen. … Er dient als Heilmittel bei Krankheiten, die ihre Ursache in einer gestörten Molekularbewegung des phosphorsauren Kalks im Körper haben, wie es bei der verzögerten Kallusbildung um frakturierte Knochenenden vorkommt oder wie es bei Rachitis und ähnlichen Zuständen der Fall ist, wo Knochen und andere Gewebe unnatürlich wachsen und mangelhaft ernährt werden. Wird aus irgendeinem Grund nicht genügend phosphorsaurer Kalk assimiliert, führt dies zu Mangelernährung, zu unvollkommenem Zellwachstum und nachfolgend zu Verfall und Zerstörung von Geweben, besonders des Knochen- und Drüsenapparats; daher ist er, indem er die Nährstoffversorgung verbessert, u. a. von Nutzen während der Dentition, ferner bei Konvulsionen und Krämpfen von schwachen, skrofulösen Personen.“
Wenn es auch nicht die modernsten Lehren sind, so mag das Obengesagte doch dazu dienen, uns einige Hinweise auf die praktischen Anwendungsmöglichkeiten von Calcarea phosphorica zu geben.
Schüßler hat keine Verwendung für Hahnemanns größtes Polychrest – calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA. Er beschränkt seine ‚Calcareas‘ auf Calcarea phosphorica und calcarea fluoricaCALCAREA FLUORICA, weil Calcium letztlich nur in diesen Verbindungen im Körper vorkommt. Aber das Leben hat keinen Bedarf an vorgefertigten Stoffen, und noch viel weniger zieht es diese vor. Es hat sein eigenes biochemisches Labor, das seiner Doppelfunktion, ab- und wieder aufzubauen, vollauf gewachsen ist. In welcher Form die Baustoffe auch angeliefert werden – es sucht sich zusammen, was es benötigt; es zerlegt die Stoffe in ihre Bestandteile, zieht das heraus, was es brauchen kann, und scheidet den nutzlosen oder schädlichen Abfall wieder aus. Doch auch in schlechten Zeiten hat das Leben seinen eigenen Weg, nach dem Stimulus zu verlangen, den es zur Regeneration braucht – indem es Symptome hervorbringt; und mit Hilfe des Ähnlichkeitsgesetzes sind wir in der Lage, diesen Symptomen angemessen zu begegnen!
Wie gesagt, ein Mittel kann niemals an die Stelle eines anderen treten; und so wird bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen – und auch von alten Leuten! – in den verschiedenen Fällen des Nicht-Gedeihens, betreffe dies Wachstum und Entwicklung oder die Ernährung, immer nur dieses oder jenes Mittel ganz spezifisch angezeigt sein, je nach den tatsächlich vorhandenen individuellen Symptomen. Keine zwei Arzneien sind einander gleich, und so stellt sich, wenn wir gute Arbeit leisten wollen, immer nur die Frage nach diesem oder jenem Mittel.
Schüßler verwarf später wieder eines seiner ursprünglich zwölf Gewebemittel, nämlich calcarea sulfuricaCALCAREA SULFURICA, da es, wie Clarke schreibt, „kein eigentlicher Bestandteil der Gewebe ist, und er teilte seine Funktionen zwischen siliceaSILICEA und natrium phosphoricumNATRIUM PHOSPHORICUM auf. Homöopathen jedoch unterliegen nicht dem Zwang, eine ‚biochemische‘ Theorie aufrechtzuerhalten, und so mögen sie das Mittel guten Gewissens weiter verwenden, zumal es von Hering und anderen geprüft worden ist.“
Nash fasst Calcarea phosphorica in wenigen Worten zusammen:
„Verzögert sich schließende oder wieder öffnende Fontanellen bei schlanken, abgemagerten Kindern (mit schweißigen Köpfen).
Rheumatische Beschwerden, < während der Schneeschmelze. …
Calcarea phosphorica hat ein eigenartiges Verlangen: Der kleine Patient verlangt anstatt nach Eiern (calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA) nach ‚Schinkenschwarte‘, ein höchst sonderbares, aber echtes Symptom. (magnesia carbonicaMAGNESIA-CARBONICA-Kinder essen gerne Fleisch.)
Durchfall ist sehr bezeichnend; die Stühle sind grün und spritzen regelrecht heraus. … Ich habe in solchen Fällen einige sehr schöne Heilungen erzielt, wo nur wenig Hoffnung für das Kind bestand und Hydrozephaloid [Encephaloenteritis acuta, Säuglingstoxikose] zu drohen schien.
Ein ausgezeichnetes Mittel bei Knochenbrüchen, wo die Knochen nicht zusammenwachsen wollen. …
Empfindet Beschwerden stärker beim Darandenken.“
Ein befreundeter Kollege erläutert in Bezug auf Rachitis: „Die orthodoxe Behandlung basiert auf der Tatsache, dass zur Absorption von Calcium Vitamin D erforderlich ist. Daher verabreicht man Lebertran und behandelt mit Sonnenlicht, um die Bildung von Vitamin D zu fördern.
Aber wie kommt es, dass von zwei Kindern in derselben Umgebung und mit derselben Ernährung eines Rachitis entwickelt und das andere nicht?
Die Antwort ist natürlich: konstitutioneller Defekt, und der kann leicht durch passende Mittel wie Calcarea phosphorica oder auch calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA in hoher Potenz geheilt werden.“
Ich erinnere mich noch gut an meinen bisher wohl schlimmsten Fall von Rachitis, den ich vor Jahren mit einer einzigen Gabe calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA CM heilen konnte. Ich habe das Mittel glücklicherweise nicht wiederholt, denn das Kind, das weit entfernt wohnte, erschien viele Monate lang nicht mehr in unserer Ambulanz. Manchmal haben ja unsere besten Verschreibungen nur dadurch Bestand, dass die Patienten nicht wiederkommen! Die sichere Regel zur Frage der Wiederholung ist: Wo es eine eindeutige und kontinuierliche Besserung gibt, hat die Natur die Sache in die Hand genommen, und wir können die unsrigen getrost in den Schoß legen – so lange, bis das Wiederkehren von Symptomen uns zu erneuter Beschäftigung mit dem Fall veranlasst.

Calcarea sulfurica

Weitere Namen: Calciumsulfat; Gips, Alabaster
Ein nützliches Heilmittel oft recht schwerer Leiden, das aber nicht besonders gründlich geprüft und auch nicht sehr bekannt ist.7

7

Die umfassendste Zusammenstellung der Prüfungssymptome und Indikationen von Hering, Schüßler, Conant u. a. findet sich, neben jenen von CALCAREA PHOSPHORICA und CALCAREA FLUORICA, im 97. Band der A.H.Z.

Ich habe es mit Erfolg u. a. in Fällen verschrieben, die fast gleichermaßen auf sulfurSULFUR und calcarea carbonicaCALCAREA hinausliefen: Einige wichtige Symptome scheinen nach der einen, manche wiederum nach der anderen Arznei zu verlangen – bis man plötzlich erkennt, dass es ein Mittel gibt, welches das ganze Bild abdeckt: Calcarea sulfurica.
Calcarea sulfurica gehörte ursprünglich zu den zwölf Gewebemitteln Schüßlers; doch in der letzten Ausgabe seines Buches8

8

Eine Abgekürzte Therapie, Anleitung zur biochemischen Behandlung der Krankheiten, 43. Auflage, Oldenburg und Leipzig 1919.

schreibt er: „Der schwefelsaure Kalk ist zwar gegen manche Krankheiten (Eiterungsprozesse, Haut- und Schleimhaut-Affektionen) mit Erfolg angewendet worden; da er aber … nicht in die konstante Zusammensetzung des Organismus eingeht, so muß er von der biochemischen Bildfläche verschwinden. Statt seiner kommt natrium phosphoricumNATRUM PHOSPHORICUM resp. siliceaSILICEA in Betracht.“
Unser unentbehrliches calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA ereilte das gleiche Schicksal der Verbannung, wahrscheinlich ebenfalls aus dem Grund, dass man es in dieser Form nicht in den Geweben des Körpers antrifft … gerade als ob der Körper nicht das, was er benötigt, auch aus anderen Verbindungen herausholen könnte, indem er diese aufspaltet und wieder zusammensetzt – in einer Weise, mit der auch ein Biochemiker nicht zu konkurrieren vermöchte.
Schüßlers Calciumsalze sind: Calcarea sulfurica, calcarea phosphoricaCALCAREA PHOSPHORICA und calcarea fluoricaCALCAREA FLUORICA. Interessanterweise affizieren all diese Salze die Zunge, wenngleich auf unterschiedliche Weise: Bei calcarea fluoricaCALCAREA FLUORICA ist die Zunge typischerweise rissig und verhärtet, bei calcarea phosphoricaCALCAREA PHOSPHORICA geschwollen, steif, picklig und weiß belegt, während sie bei unserem Calcarea sulfurica schlaff ist und den für das Mittel charakteristischen [engl.: essential] gelben Belag an der Basis aufweist, „einer Lage halbgetrockneten gelblichen Lehms gleichend“. Sie kann aber auch entzündet sein und zu eitern beginnen; der Geschmack ist fade, seifig, sauer-scharf oder bitter.
Als allgemeine Indikation für Calcarea sulfurica gilt das Vorhandensein einer Eiterung, die bereits einen Abfluss gefunden hat.
Das Mittel ähnelt stark hepar sulfurisHEPAR SULFURIS, auf das es gut folgt, „indem es den Fall weiterführt, wo Letzteres aufgehört hat zu wirken“. Freilich sollte man in der Lage sein, zwischen ihnen zu unterscheiden, um gleich von Beginn an ‚richtigzuliegen‘ und so keine Zeit zu verlieren.
Die zwei Mittel gleichen sich auch darin, dass sie Verbindungen von Calcium und Schwefel sind; die Besonderheit von ‚hepar sulfurisHEPAR SULPHURIS CALCAREUM‘ [‚Kalk-Schwefelleber‘] besteht allerdings darin, dass es zum Teil gewissermaßen ein Tierprodukt ist, da es gemäß Hahnemanns genauen Anweisungen ein Gemisch darstellt von „gleichen Theilen feingepülverter, reiner Austerschalen und ganz reiner Schwefelblumen“, das „zehn Minuten … weissglühend erhalten und dann in einem wohlverstopften Glase aufbewahrt“ worden ist.
Farrington nennt hepar sulfurisHEPAR „ein unreines Calciumsulfid“; es ist, so sagt er weiter, „eine wertvolle Ergänzung zu den Heilkräften von Kalk und Schwefel als Einzelmitteln. Dabei bestehen viele Ähnlichkeiten, aber auch deutliche Unterschiede zu seinen Einzelbestandteilen.“
Lassen Sie uns nun versuchen, Calcarea sulfurica und hepar sulfurisHEPAR SULFURIS miteinander zu vergleichen und zwischen ihnen zu differenzieren.
Beide sind überaus empfindlich auf Zugluft und Berührung; ein großer Unterschied liegt jedoch darin, dass hepar sulfurisHEPAR sehr empfindlich ist auf trockene Kälte – besser bei feuchtem Wetter –, wohingegen Calcarea sulfurica durch feucht-kaltes Wetter verschlimmert wird. hepar sulfurisHEPAR ist darüber hinaus auch auf der psychischen Ebene äußerst empfindlich – zornig über die geringste Kleinigkeit und fast mörderisch in seiner Wut.
Beide haben unheilsame Haut, die ‚nicht verheilen will‘; für hepar sulfurisHEPAR ist jedoch typisch, dass kleinste Verletzungen gleich zu eitern anfangen.
Kalte, faulig riechende Fußschweiße sind eher für hepar sulfurisHEPAR kennzeichnend, während Calcarea sulfurica typischerweise die brennenden Fußsohlen von sulfurSULFUR aufweist. Calcarea sulfurica hat auch die Unverträglichkeit von Kleidung mit sulfurSULFUR gemeinsam; wie bei camphoraCAMPHORA besteht selbst in kalter Umgebung die Neigung, diese abzulegen. Demgegenüber muss der hepar sulfurisHEPAR-Patient, obwohl er es wegen seiner ausgeprägten Überempfindlichkeit auf Druck und Berührung kaum aushalten kann, wenn man etwa seine Wunden verbindet, die ganze Zeit warm eingehüllt sein; er kann nicht einmal das geringste Aufdecken oder Entblößen vertragen.
Auch die Schmerzen von hepar sulfurisHEPAR zeichnet eine Besonderheit aus: Sie sind von stechendem, splitterartigem Charakter (nitricum acidumacidum nitricumACIDUM NITRICUM).
In heilendem Sinne kann eine Arznei niemals die andere ersetzen – während es durchaus mehrere geben mag, die mehr oder weniger palliativ wirken, was aber etwas völlig anderes ist.
Dr. Oscar Hansen (Kopenhagen) hat zu Calcarea sulfurica einiges Interessante zu sagen: „Es ist von großem Wert bei Eiterungen; so kann es angezeigt sein, wenn bei einem perforierten oder inzidierten Abszess der Eiter gelb und dick ist. Tonsillenvereiterungen. Abszesse der Cornea. Eiternde Wunden. Eiterprozesse in der Lunge. Oft wirkt es tiefgreifender als hepar sulfurisHEPAR SULFURIS und entfaltet noch eine Wirkung, wenn die von hepar sulfurisHEPAR sich bereits erschöpft hat. … Von Dr. H. Siemsen aus Kopenhagen wird es bei Uterusmyomen und -fibromen, die inoperabel sind und mit übelriechenden Blutungen einhergehen, sehr empfohlen; ferner bei impetiginösen Ekzemen (Milchschorf) und torpiden Drüsenschwellungen. Ich selbst“, so Hansen, „habe es bei trockenen Ekzemen von Kindern sehr dienlich gefunden.“
Nash schreibt: „Wir verstehen die Wirkung dieses Mittels bisher noch nicht besonders gut; so viel lässt sich jedoch bereits sagen, dass es in seiner Wirkungsrichtung hepar sulfurisHEPAR SULFURIS sehr ähnlich ist.“ Er erzählt von einem Fall, bei dem einen Tag und eine Nacht lang heftige Nierenschmerzen bestanden hatten; danach kam es zu einer starken Ausscheidung von Eiter mit dem Urin, welche mehrere Tage anhielt und die Patientin sehr schwächte. Kurze Zeit zuvor hatte ein Spezialist aus Chicago den Harn untersucht und den Fall zur Brightschen Krankheit9

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In Taber's Cyclopedic Medical Dictionary findet sich folgende Erläuterung zu dieser vor allem im alten angelsächsischen Schrifttum verbreiteten Diagnose: „Bright's disease. [Richard Bright, britischer Arzt, 1789–1858]. Ein vager und obsoleter Terminus für eine Krankheit der Nieren. Gewöhnlich bezieht er sich auf nichteitrige, entzündliche oder degenerative Nierenerkrankungen, die charakterisiert sind durch Proteinurie und Hämaturie und gelegentlich durch Ödeme, Hypertension und Stickstoffretention.“ Und im Medical and Pharmaceutical Dictionary von Bunjes heißt es unter dem Stichwort Morbus brightii: „Glomerulo-nephritis [nota: früher gleich Schrumpfniere].“

erklärt. Nash gab schließlich Calcarea sulfurica D 12; unter dessen Wirkung besserte sich ihr Zustand unmittelbar, und es kam zu einer raschen und anhaltenden Genesung. Seither, so Nash, habe er Calcarea sulfurica in verschiedenen Fällen als gutes Mittel bei profusen Eiterungen schätzen gelernt.

Camphora

Weitere Namen: Kampfer
camphoraCamphora gehört zu den Arzneimitteln, die man für Notfälle stets im Haus haben sollte, aber – man bewahre es im Badezimmer auf! Lassen Sie es nicht in die Nähe irgendeines Ihrer homöopathischen Arzneimittel kommen, denn die meisten von ihnen werden durch Camphora antidotiert.
So ist es zum Beispiel völlig sinnlos, ein Kind, das Keuchhusten hat, mit droseraDROSERA behandeln zu wollen, wenn es gleichzeitig mit kampferhaltigen Salben eingerieben wird. Ich habe es selbst versucht! Camphora antidotiert DROSERA, und so werden Sie das Kind bald „nicht besser“ wiedersehen.
In meiner Kindheit gab es bei uns zu Hause immer ein Fläschchen Whisky mit einem Klumpen Kampfer am Boden, das für plötzliche, heftige Erkältungen und für Durchfallerkrankungen bereitstand. Der Whisky löst jeweils nur so viel Kampfer, wie er aufnehmen kann, und der Klumpen am Flaschengrund sorgt stets für eine ‚gesättigte Lösung‘. Ein Tropfen dieser Arznei, auf ein Stückchen Zucker gegeben und bei Bedarf häufiger wiederholt, gibt denen, die sich so verkühlt haben, dass sie sich nicht spontan davon erholen, die nötige Wärme zurück und kann so ein Krankwerden verhindern. Solch rasche Veränderungen des Befindens habe ich viele Male beobachten können.
Ein zehnjähriges Kind musste sich, nachdem es viele glückliche Stunden mit dem Pflücken – und Futtern – von Brombeeren zugebracht hatte, anschließend tagelang übergeben, bis endlich ein Tropfen Kampfer auf Zucker seinen Beschwerden ein Ende setzte.
Geben Sie Kampfer immer auf Zucker! In Wasser eingenommen, kann es Übelkeit verursachen. Mit Zucker schmeckt es köstlich, und zudem hat der Zucker ebenfalls einen stimulierenden und wärmenden Effekt.
Kampfervergiftungen führen zu plötzlicher, intensiver Kälte [vgl. hierzu die Ausführungen Hahnemanns, die in der Einleitung Tylers zu diesem Buch zitiert werden]. Daher ist es oft homöopathisch bei Unterkühlungen und beugt daraus resultierenden Infekten vor.
Doch macht der Kampfer, wie Hahnemann sagt10

10

In seinem Sendschreiben über die Heilung der Cholera und die Sicherung vor Ansteckung am Krankenbette; zitiert nach Richard Haehls Hahnemann-Biographie, Bd. 1, S. 193.

, „auf den menschlichen Körper einen obschon mächtigen, doch nur gleichsam oberflächlichen Eindruck, welcher zugleich so vorübergehend ist wie von keiner andern [Arzneisubstanz], so daß man bei seiner homöopathischen Anwendung die kleine Gabe fast augenblicklich wiederholen muß“ – so lange, bis eine Reaktion eintritt: bei Cholera wenigstens alle 5 Minuten, bis die Wärme zurückkehrt, bei Influenza in wiederholten Gaben oder ständigen Inhalationen.
Die Wirkung von Camphora tritt äußerst rasch ein; es hat ungemein depressorische Eigenschaften, psychisch wie physisch, ruft Eiseskälte und Lividität hervor und kann schreckliche Leidenszustände herbeiführen.
Gleichermaßen rasch ist aber auch seine wiederherstellende, belebende Wirkung, wenn es in kleinen Dosen so lange wiederholt wird, bis die Körperwärme zurückgekehrt ist. Und natürlich wirkt Camphora in kleinen Gaben gerade deswegen stimulierend und erwärmend, weil es in giftigen Dosen die Temperatur und die Funktionen des Körpers so stark herabsetzt.
Leider kann ich von keinen konkreten Erinnerungen an die Heilkräfte des Kampfers berichten, da diese stets so prompt zu Diensten waren, dass sie ebenso prompt wieder vergessen wurden.
Die Triumphe dieser Arznei bei der Bekämpfung der Cholera habe ich ja bereits in der Einleitung geschildert. Sie dürfen in einem Arzneimittelbild von Camphora natürlich nicht fehlen, und so habe ich sie am Ende dieses Kapitels noch einmal kurz zusammengefasst.
Die psychischen Symptome von Camphora sind höchst ungewöhnlich. Sie belaufen sich in Allens Encyclopedia auf mehrere Seiten11

11

Genau genommen auf drei Seiten, von denen allein zwei der sehr lesenswerten Schilderung einer Kampfervergiftung gewidmet sind, die in der gesamten Literatur ihresgleichen sucht (Mezger und Leeser erwähnen sie in ihren Literaturverzeichnissen nicht). Sie findet sich im Original in der Homöopathischen Vierteljahrschrift, Band 1, S. 231–239.

, während andere Arzneimittellehren nur einen schwachen Eindruck von den immensen seelischen Qualen vermitteln, die von Camphora ausgelöst werden können. Vor vielen Jahren hat ein Fall, der mir allerhand Kopfzerbrechen bereitete, meine Aufmerksamkeit auf diese Symptome gelenkt – und diese sind so eigentümlich, dass man sie nicht so leicht vergisst, wenn man sie einmal als Camphora-Symptome erkannt hat.
Es handelte sich um eine 49-jährige Frau, die seit fünf Monaten krank gewesen war … Gebärmutterblutungen. Dann „kam die Herzgeschichte dazu“, wie sie sich ausdrückte. Dann Grippe – dreimal in fünf Monaten. „Mit den Nerven schrecklich herunter!“ Gefühl, als ob das Herz zerspringen wollte, als ob sie jede Minute sterben müsste. Sehr frostig. Keine Energie. Leben nicht mehr lebenswert. Jede Anstrengung erschöpft. Schlimmer durch Baden; muss sich „stückchenweise waschen“. Bei ihrem letzten Bad wurde sie ohnmächtig angetroffen. Qualvolle Nächte, mit dem Gefühl, dass sie jeden Augenblick sterben werde; große Erleichterung, wenn sie erkannte: „Nanu, ich lebe ja noch!“
Ihre Herzaktion war schwach, doch gab es keine Anzeichen für eine manifeste Herzerkrankung, wenngleich sie früher, erstmals mit 18 Jahren, mehrfach Anfälle rheumatischen Fiebers gehabt hatte.
Glücklicherweise fragte ich sie: „Was nehmen Sie denn bei diesen Herzattacken ein?“
Sie nahm Kampfer: acht Tropfen Kampferspiritus in Wasser, und das bis zu sieben-, achtmal täglich! – seit fünf oder sechs Jahren! Sie nahm es immer dann, wenn sie einen Herzanfall hatte. Ihr Doktor wusste davon, und er hatte gesagt, es würde ihr nicht schaden.
Die Gesamtheit ihrer Symptome lief auf lycopodiumLYCOPODIUM oder phosphorusPHOSPHORUS hinaus. Doch obwohl die Wirkung von Camphora durch phosphorusPHOSPHORUS antidotiert werden kann, gab ich ihr (ich war damals noch ein ziemlicher Neuling in der Homöopathie) zunächst lycopodiumLYCOPODIUM 30, drei Dosen; und natürlich sollte sie keinen Kampfer mehr einnehmen.
Nach 14 Tagen kam ihr Mann in großer Besorgnis zu mir. Sie war anscheinend nach lycopodiumLYCOPODIUM ein paar Tage lang etwas heiterer gewesen, doch die Nächte blieben weiterhin sehr schlimm für sie. „Sie hat immer noch das Gefühl zu sterben!“ Sie schluchzt sehr viel. Was er nur tun solle? Wenn sie nun wirklich im Sterben liegen sollte – sie hätten doch die Behandlung bei ihrem Hausarzt abgebrochen! Er selbst glaube zwar nicht, dass sie sterben werde, doch spielten sich nachts immer wieder fürchterliche Szenen ab. Tagsüber gehe es ihr ja leidlich, doch die Nächte seien geradezu entsetzlich.
Unter den Camphora-Symptomen in Allens Encyclopedia fanden sich die folgenden: „Präkordialangst.“ – „Große Angst und Unruhe.“ – „Stickflussartige Brustbeengung.“ – „Ich bin todt, nein, ich bin nicht todt, ja ich bin es doch! … Am Tage bin ich ziemlich ruhig, nur die Nacht und die Einsamkeit schrecken mich. … Seit dieser Zeit bin ich Abends, wenn ich allein bin, derartigen Schrecknissen [„Gefühl ewiger Verdammniss“ etc.] unterworfen. … Ich habe Furcht vor dem Schlafengehen. … Ich litt … so grässliche Qual, wie sie keine Phantasie begreifen kann.“ … Ich las dem Ehemann einige der Camphora-Phantasien vor, und er meinte, das hätte ebenso gut seine Frau sagen können. Dieses Mal gab ich ihm phosphorusPHOSPHORUS C 12 mit, an drei aufeinanderfolgenden Tagen einzunehmen.
Eine Woche später kam sie selbst – so viel besser aussehend, dass ich sie zuerst kaum wiedererkannte. Die letzten vier Nächte seien deutlich besser gewesen, die nervösen Empfindungen weitgehend verschwunden. (Sie erzählte, dass sie es nach dem Tod ihres ersten Mannes „mit den Nerven bekommen“ habe; überall im Bett habe sie Mäuse gesehen. Damals habe sie erstmals Kampfer bekommen und, als sie fand, dass es ihr half, seither immer weiter eingenommen.) Entschiedene Besserung; wirkt wieder ganz normal!
Nach Ablauf einer weiteren Woche kam sie noch einmal vorbei. „Es geht mir bestens. Schlafe sehr gut. Fühle mich prima!“ Vom Aussehen her eine kräftige und gesunde Frau – vollkommen verändert. Bringt eine andere Patientin mit.
Auch im weiteren Verlauf Wohlbefinden …
Es gibt bestimmte Symptome, die nur für eine einzige Arznei typisch sind und die zur Erwägung dieser Arznei führen sollten, wenn sie sich bei einem Patienten häufen.
So ruft Camphora u. a. folgende seltsame Zustände hervor:
Große Kälte der Körperoberfläche, gleichzeitig ein Bedürfnis, sich aufzudecken.
Hitze oder Schweiß mit Scheu vor Entblößung; ihm wird nicht warm.
Oder, in der Darstellung Kents: „Der Camphora-Patient möchte bei akuten (entzündlichen) Erkrankungen während der Hitze und während der Schmerzen zugedeckt sein. Die Kälte des Körpers und der Frost finden auf der anderen Seite durch zusätzliche äußere Kälte Linderung. …
Frost, Hitze und Raserei vermischen sich bei diesem Mittel sehr häufig. Wenn der Camphora-Patient in einen Kältezustand gerät, überlaufen ihn anfallsweise Hitzewellen; diese Hitzewellen gehen oft mit reißenden oder brennenden Schmerzen einher, entweder in dem entzündeten Organ oder im Verlauf von Nerven. Der Camphora-Kranke ist in der Pflege ein höchst schwieriger Patient: nichts und niemand kann es ihm recht machen. Wenn sich etwa eine Blasenentzündung entwickelt, ist dieser Bereich ungemein schmerzhaft und empfindlich, und durch das Übermaß an Leiden verliert er fast den Verstand. Dann kommt der Frost, und der Kranke möchte die Bettdecken fort haben; es verlangt ihn nach kalter Luft, die Fenster sollen geöffnet werden. Doch bevor man ihm diese Wünsche erfüllen kann, überkommt ihn schon wieder eine Hitzewelle; auf einmal möchte er zugedeckt sein, die Heizung soll aufgedreht werden, er verlangt Wärmflaschen im Bett. Bald geht auch dieses Stadium vorüber, und wenn die Schwester gerade die Wärmflaschen bringt, soll sie schon wieder die Fenster öffnen, und alles muss kalt sein. …
Je heftiger der Kranke leidet, desto eher friert er und wird auch objektiv kalt, und trotz dieser Frostigkeit und Kälte will er selbst in einem kühlen Raum nicht zugedeckt sein.“
In Krankheitsfällen mit solch seltsamen alternierenden und widersprüchlichen Symptomen wird Camphora in kleinen Dosen oder in Potenz heilsam sein.
Kein anderes Mittel hat genau diese Symptomatik. Das ihm am nächsten stehende ist secaleSECALE: Hier kann der Patient, obwohl kalt anzufühlen, nicht ertragen, zugedeckt zu sein, weil er heftiges Brennen empfindet, als wenn ständig Funken auf ihn fallen würden; dies kann z.B. bei Gangrän beobachtet werden. Das Brennen von arsenicumARSENICUM wird dagegen durch Wärme gelindert.
Ein weiteres Beispiel für derart sonderbare und unerklärliche Symptome ist das starke Schwitzen nur an unbedeckten Körperteilen von thujaTHUJA, das schon zu wundersamen Heilungen geführt hat.
Kampfer kann zur Antidotierung vieler Gifte verwendet werden.
Hahnemann schreibt: „Seine schnell entweichende Wirkung und der schnelle Wechsel seiner Symptome macht ihn zur Heilung der meisten langwierigen Krankheiten unfähig.“
Kent jedoch, der auf spätere Erfahrungen und vervollständigte Kenntnisse zurückgreifen kann, stellt fest: „Kampfer in potenzierter Form kann sehr viele Beschwerden heilen.“ Und auch andere Autoren berichten von den großen Heilkräften des potenzierten Kampfers.
Hauptsymptome12

12

Die mit a bezeichneten Symptome sind Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre entnommen. Ein mit b versehenes Symptom stammt aus der Homöopathischen Vierteljahrschrift 8, 107; ein c markiert Symptome von Bönninghausen (Uebersicht der Eigenthümlichkeiten …).

Geist und GemütBesserung, wenn er an die bestehenden Beschwerden denkt.13

13

Diese Angabe aus den Guiding Symptoms findet sich bei Hahnemann (Reine Arzneimittellehre) angedeutet im Symptom Nr. (175): „Die meisten Schmerzen … verschwanden, … sobald er sich bewußt ward, daß er Schmerzen habe und darauf genau Acht gab …“ Am nächsten Tag trat jedoch genau der entgegengesetzte Zustand ein, der Prüfer „befand sich daher am wohlsten, wenn er nicht an sich dachte“.

KopfGefühl von Zusammenschnüren im Cerebellum und in der Glabella, mit Kälte des ganzen Körpers.
Klopfen, wie Schläge mit einem Hammer, im Cerebellum, synchron mit dem Puls; Kopf heiß, Gesicht rot, Gliedmaßen kalt, > im Stehen; zumeist bei solchen, die auf den gewohnten Geschlechtsverkehr verzichten mussten.
NaseKalt und spitz (Diarrhö, Cholera).
GesichtKalter Schweiß, mit Erbrechen.
ZungeKalt, breit, zitternd …b
Stuhl, RektumAngst und Unruhe; Fehlen von Stuhlentleerungen; häufig frostig oder Gefühl, als wehe kalte Luft auf bedeckte Körperteile; großes Schwächegefühl und Kollaps (Cholera).
HarnwegeHarnbrennen.a
GenitalienGesteigertes sexuelles Verlangen.
NeugeboreneAsphyxie; harte Stellen in der Haut des Abdomens und der Oberschenkel, rasch sich vergrößernd und härter werdend, gelegentlich mit einer tiefen Rötung, die sich fast über das ganze Abdomen und die Oberschenkel ausdehnt; heftiges Fieber, mit Zusammenfahren und tetanischen Krämpfen, mit Rückwärtsbeugen; lassen kein Wasser.
Atemwege, BrustInfluenza. – Kühler Atem wie aus einem Grabe, der die vor den Mund gehaltene Hand bestreicht. (carbo vegetabilisCARBO VEGETABILIS)
Kongestion der Brust.
PulsSchwach; nicht tastbar; extrem klein.
Frost, SchweißKälte der Gliedmaßen.
Er ist allzu empfindlich gegen kalte Luft.a
Eiskälte des ganzen Körpers, mit Todtenblässe des Gesichts.c
Verminderter Zufluß des Bluts nach den vom Herzen entfernten Theilen.c
Kalter, klebriger, ermattender Schweiß.
HautSämtliche Folgezustände der Masern.
Folgen von VerletzungsschockKörperoberfläche kalt, Gesicht blass und bläulich, Lippen livide; Durchfall; Puls schwach; nervöse Angst und Benommenheit; Seufzeratmung; große Erschöpfung.
Bei der Choleraepidemie von 1831 sah sich Hahnemann dem Problem gegenüber, wie man dieser erfolgreich begegnen könne; er verfasste daher Flugschriften über deren Behandlung, die eine weite Verbreitung fanden. (Selbst in jenen Tagen hatte er bereits Anhänger in der ganzen Welt.) Als ein ‚idiotischer‘ Zensor die Verbreitung seiner Lehren verbot, schrieb er:
„Sie scheinen lieber die ganze Menschheit dem Todtengräber in die Hände spielen zu wollen, als dem treuen Rathe der neuen, geläuterten Heilkunst Gehör zu geben.“ 14

14

Aus seinem Aufruf an denkende Menschenfreunde über die Ansteckungsart der asiatischen Cholera; zitiert nach Richard Haehls Hahnemann-Biographie (Band 1, S. 190).

Die Kampfervergiftung zeigt all die Symptome des Frühstadiums der Cholera, und so schreibt Hahnemann vom Kampfer15

15

In seiner Flugschrift Heilung der asiatischen Cholera und Schützung vor derselben vom 29. August 1831.

: „… nur allein gebraucht und gleich beim Anfang der Krankheit ist er so unglaublich hülfreich.“ Daher dürften die Angehörigen des Patienten nicht auf ärztliche Hilfe warten, sondern müssten „den Kranken selbst besorgen, weil dieser Zeitraum schnell vorübergeht, entweder zum Tode oder in den zweiten Zustand, welcher dann weit schwieriger und nicht durch Campher zu heilen ist“. Hahnemann empfahl, „einen oder zwei Tropfen Campherspiritus … auf einem Stückchen Zucker“ (oder in Wasser) wenigstens alle 5 Minuten einzugeben. „Wenn schon der Mund durch Kinnbackenkrampf verschlossen ist und er nichts mehr einnehmen könnte“, solle man den Spiritus in die Haut einreiben, auch könne man dem Kranken ein Klistier davon „in den Mastdarm einspritzen und von Zeit zu Zeit etwas Campher auf einem heissen Bleche verdampfen lassen, damit … er dennoch Campherdunst genug zur Hülfe mit dem Odem einziehe. Je schneller man dieß alles … ausführt, desto schneller und gewisser geneset der Kranke, oft in einem Paar Stunden. Er bekömmt wieder Wärme, Kräfte, Besinnung, Ruhe, Schlaf und ist gerettet. – [Fußnote:] Es gab Fälle, wo der, aus Mangel des Campher-Gebrauchs im ersten Stadium Verschiedene, und als todt bei Seite geschafft, zuweilen noch die Finger bewegte, da soll etwas Campherspiritus, mit Oel gemischt, in den Mund gegeben, noch den Scheintodten wieder ins Leben gebracht haben.“
Einige Erfolge, kurzgefasst … Der russische Generalkonsul berichtete, dass von 70 Fällen an zwei Orten alle geheilt wurden; anderenorts starben von 1270 Cholerakranken lediglich 108. Im Homöopathischen Krankenhaus Wiens genasen zwei Drittel der dort Behandelten, während in den anderen Spitälern zwei Drittel verstarben. In Südfrankreich, wo die ‚allopathische Mortalität‘ bei 90 Prozent lag, betrug die homöopathische nur 5–7 Prozent. Ein Missionar in Guatemala wurde gar ins Gefängnis gesteckt, weil er viele Cholerakranke kostenlos behandelt (und geheilt) hatte, während durch die Behandlung im Krankenhaus kein einziger gerettet werden konnte. Und selbst in diesem Land [England] wurden unsere Resultate zunächst von der ärztlichen Standesorganisation unterschlagen, sodass das Parlament ihre Nachreichung anmahnen musste. Als Ausrede hieß es seitens der Ärztekammer, dass sie durch die Bekanntmachung derselben „eine nicht zu rechtfertigende Zustimmung zum Ausdruck bringen würde für eine bloß empirische Praxis, welche gleichermaßen der Aufrechterhaltung der Wahrheit wie dem Fortschritt der Wissenschaft entgegengerichtet ist“.

Cannabis indica

Weitere Namen: Indischer Hanf, Haschisch
Escannabis indica heißt, diese Arzneipflanze sei botanisch identisch mit cannabis sativaCANNABIS SATIVA; verantwortlich für deren unterschiedliche arzneiliche Eigenschaften sei „die Verschiedenheit des Bodens und des Klimas“. Und viele Autoren werfen sie sogar in einen Topf, als ob es keine Unterschiede zwischen ihnen gäbe! Doch nur Cannabis indica ruft einen so außerordentlichen Reichtum an psychischen Symptomen hervor, und nur Cannabis indica erweist sich als so erstaunlich heilsam, wo immer diese psychischen Symptome die Indikation für das Mittel liefern.
Viele unserer Autoren scheinen vor Cannabis indica kapituliert zu haben – vermutlich aus Verzweiflung angesichts der Überfülle seiner geistigen ‚Aberrationen‘, widmet doch Allen in seiner Encyclopedia den 275 Geistes- und Gemütssymptomen des Mittels siebenundzwanzig lange, dichtbedruckte Seiten. Von den übrigen Autoren ist Hughes (Pharmacodynamics) der aufschlussreichste; bevor wir zu diesen und zu Allen übergehen, wollen wir zunächst ihm das Wort erteilen.
Hughes schreibt: „Einige Prüfungen des Indischen Hanfs, die an sieben Personen mit der Urtinktur und niedrigen Verdünnungen durchgeführt wurden, wurden 1839 von der American Provers Union veröffentlicht. Seither hat eine große Zahl von Prüfern die merkwürdigen Wirkungen dieses Mittels an sich selbst getestet; auch die Erfahrungen des Haschischessens sind schriftlich festgehalten worden, und zwar durch einen Autor, dessen deskriptive Fähigkeiten und großartige sprachliche Begabung denen des ‚englischen Opiumessers‘16

16

Gemeint sind De Quinceys Confessions of an English Opium-Eater (siehe die Zitate im opium-Kapitel).

kaum nachstehen. Aus den Ergebnissen, die so erzielt wurden, hat Dr. Allen eine erschöpfende Sammlung zusammengetragen; so erscheinen in seiner Encyclopedia 918 Symptome der Arznei, inklusive der psychischen Phänomene, die in voller Länge beschrieben werden.
Um den Charakter der Haschischintoxikation ganz zu verstehen, ist es erforderlich, dass Sie deren Symptome bis ins Detail studieren. Keine Skizze kann sie adäquat wiedergeben. Es ist ein Zustand großer Exaltiertheit, in dem alle Wahrnehmungen und Vorstellungen, alle Empfindungen und Gefühle in höchstem Maße verstärkt bzw. übertrieben werden. Entfernungen scheinen riesengroß, die Zeit unendlich zu sein; eine kleine Freude gewinnt gleich paradiesische Züge, und jeder schmerzliche Gedanke, jede schmerzhafte Empfindung gerät unmittelbar zu schlimmsten Höllenqualen. Halluzinationen aller Sinnesorgane treten häufig auf; die kleinste Idee setzt sogleich eine ganze Kette lebhafter geistiger Trugbilder in Gang. Die ganze Zeit über ist dabei ein gespaltenes Bewusstsein vorhanden: Die Versuchsperson spürt immer wieder, dass sie mit dem Subjekt des Haschischtraums nicht identisch ist, und sie ist durchaus in der Lage, rational zu denken. Die körperlichen Empfindungen, die mit diesen Phänomenen einhergehen, sind nicht sehr zahlreich. Kopfschmerzen, ein Trockenheitsgefühl im Mund und im Hals sowie Unempfindlichkeit der Körperoberfläche sind nicht selten. Recht häufig beinhaltet der Kopfschmerz das Gefühl, als würde das Gehirn überkochen und das Schädelgewölbe wie den Deckel eines Teekessels abheben. Der Anästhesie können Empfindungen am ganzen Körper wie von kleinen elektrischen Funken vorangehen. Auf der motorischen Ebene wird zuweilen jener eigenartige Zustand erlebt, den man als kataleptisch bezeichnet. Dr. O'Shaughnessy beschreibt diese Wirkung des Cannabis-Harzes auf einen Inder folgendermaßen: ‚Um 20 Uhr fanden wir ihn ohne Bewusstsein vor; er atmete aber vollkommen regelmäßig, Puls und Hautfarbe waren normal, ebenso die Pupillenreaktion auf Licht. Zufällig ergab es sich, dass ich den rechten Arm des Patienten anhob, und der fachkundige Leser wird sich meine Überraschung vorstellen können, als ich sah, dass der Arm in der Stellung verharrte, in die ich ihn bewegt hatte. Es bedurfte nur einer sehr kurzen Überprüfung der anderen Extremitäten, um zu erkennen, dass der Patient durch den Einfluss dieses Rauschgifts in jenes seltsamste und ungewöhnlichste aller Nervenleiden versetzt worden war – jenen Zustand, den erst so wenige beobachten konnten und dessen Existenz immer noch von vielen Kollegen angezweifelt wird: die echte Katalepsie des Nosologen.‘ …
Dr. Ringer und andere empfehlen das Mittel bei Kopfschmerzen, wobei Ersterer es als das nützlichste ansieht, das wir haben, um die Häufigkeit von Migräneanfällen zu verringern.17

17

Zweifel dürften angebracht sein.

Wir sollten an Cannabis indica denken, wenn wir jemals auf einen Fall von Katalepsie stoßen. Ich selbst [Hughes] hatte eine Patientin, bei der es, vermutlich auf der Grundlage einer hysterischen Störung, immer wieder zu Anfällen von kataleptiformem Charakter kam und wo sich das Mittel als rasch heilend erwies. …
Es wird vielleicht von Nutzen sein, einmal die Wirkungen von Cannabis indica auf das Gehirn mit denen von agaricusAGARICUS, belladonnaBELLADONNA, camphoraCAMPHORA, crocusCROCUS, hyoscyamusHYOSCYAMUS, opiumOPIUM und stramoniumSTRAMONIUM zu vergleichen. In seiner Fähigkeit, Katalepsie hervorzurufen, ist allerdings sein einziger Rivale stannum muriaticumSTANNUM MURIATICUM.18

18

Wie Hughes zu dieser Ansicht kommt, ist nicht erfindlich. Immerhin sind im Kentschen Repertorium (das freilich erst später erschienen ist) unter der Rubrik Katalepsie insgesamt 31 (!) Mittel aufgeführt, darunter als einziges dreiwertiges Graph., und Cann-i. erscheint einwertig. STANNUM MURIATICUM wird auch im Synthetischen Repertorium in dieser Rubrik überhaupt nicht erwähnt.

Kent bringt in seinen Lectures on Homœopathic Materia Medica eine kurze, lebendige Beschreibung der Wirkung von Cannabis indica. Einige Zitate daraus:
„Ein eigenartiges ekstatisches Gefühl durchdringt den Körper und die Sinne. Gliedmaßen und andere Körperteile erscheinen vergrößert. Ein Schauder der Glückseligkeit durchläuft die Glieder; sie zittern. Der ganze Körper wird von großer Schwäche befallen. Katalepsieähnliche Symptome. Unempfindlichkeit der Haut und Ausfall der Tiefensensibilität. Die Beschwerden werden allgemein durch Ruhe gebessert. Exaltierte Stimmung mit großer Fröhlichkeit. Wundersame Phantasien und Halluzinationen. Ungemeine Ausdehnung von Raum und Zeit. Der Patient hat das Gefühl, als würde er durch den Weltraum fliegen. Es kommt ihm vor, als hätte er zwei verschiedene Existenzen oder als lebte er in zwei Sphären; in seinem Bewusstsein existieren zwei verschiedene Zustände. Wahnvorstellungen. Zusammenhangloses Reden. Lacht über ernstgemeinte Bemerkungen. Lacht und weint. … Furcht vor dem Tod, vor Dunkelheit; hat die Befürchtung, verrückt zu werden. Qualvolle Angst und Traurigkeit. Die psychischen Symptome bessern sich beim Gehen im Freien. Schwächezustände werden dagegen zumeist durch Gehen im Freien verschlimmert: Ihm schwinden die Sinne, und er fällt hin. In raschem Wechsel schwankt er zwischen Vernunft und Unvernunft hin und her. Vergisst Worte und Gedanken und ist unfähig, auch nur einen Satz zu Ende zu bringen. Die Gedanken drängen so verwirrend auf ihn ein, dass er nicht vernünftig reden kann. Sein Kopf ist voller unfertiger Ideen und Phantasiegebilde. Ständig produziert sein Gehirn neue, großartige Theorien. Redseligkeit. Er hat seinen Geist nicht so weit unter Kontrolle, dass er rational über eine Sache nachdenken kann. Jede gedankliche Anstrengung wird sofort von abenteuerlichen Theorien und geistigen Höhenflügen abgelöst. Vor seinem inneren Auge jagt eine Vision die andere. In seiner verzückten Verwirrtheit hört er Stimmen, Glockenläuten oder Musik.“
„Bei Epilepsie: Exaltation aller Kräfte des Geistes und des Körpers vor dem Anfall.“
Farrington gibt einige wertvolle klinische Hinweise, die in seiner Comparative Materia Medica verstreut zu finden sind. Er hält Cannabis indica für eines der wichtigsten Mittel bei Delirium tremens, mit Wahrnehmungsstörungen hinsichtlich Raum und Zeit; bei Sinnestäuschungen, was das Einschätzen von Entfernungen und Zeitspannen betrifft. „Ein Patient erzählt Ihnen beispielsweise, er sei hungrig und habe seit sechs Monaten nichts mehr zu sich genommen, während die Teller, von denen er gerade gegessen hat, noch auf dem Nachttisch stehen; oder er meint, wenn er aus dem Fenster schaut, gleich dahinter befindliche Dinge lägen viele Meter weit entfernt.“
Sodann die Harnwegssymptome: „Brennen, Stechen und drückender Schmerz in den Nieren; sie tun weh, wenn er lacht. Urämie, mit der Empfindung, als ob sich der Scheitel öffnen und schließen würde.“ Und schließlich: „Lähmungen, mit Kribbeln in dem betroffenen Körperteil.“
Nash hat mit Cannabis indica nicht viele Erfahrungen gemacht. Doch berichtet er über einen Fall, der ein Merkmal der Arznei veranschaulicht, nämlich: „Vergesslichkeit; er beginnt einen Satz und kann ihn dann nicht zu Ende bringen, weil er vergessen hat, was er sagen oder schreiben wollte.“
Der Fall war folgender: „Eine Dame mit Ödemen infolge einer Herzklappenaffektion war, nachdem man sie von der Wasseransammlung befreit hatte, plötzlich nicht mehr in der Lage, sich zu unterhalten. Wenn sie eine Frage beantworten wollte und zu sprechen begann, konnte sie den Satz nicht beenden, weil sie sich nicht mehr entsinnen konnte, was sie sagen wollte. Darüber wurde sie dann meist sehr ungehalten und musste weinen, aber sie konnte den Satz einfach nicht zu Ende bringen; immerhin konnte sie ihre Zustimmung zum Ausdruck bringen, wenn jemand anderes den Satz für sie vollendete. Dieser Zustand hielt mehrere Tage an, bis sie schließlich Cannabis indica erhielt, was ihre Fähigkeit, sich auszudrücken, rasch wiederherstellte.“
Ich selbst erinnere mich an zwei eindrucksvolle Erlebnisse mit Cannabis indica; das eine betraf eine Heilung, bei dem anderen handelte es sich offensichtlich um eine unfreiwillige Prüfung von Haschisch.
Ein hübsches, rundliches und gesund aussehendes Mädchen mit blonden Haaren und rosigen Wangen (es war noch vor dieser verrückten ‚Make-up‘-Zeit) kam völlig verzweifelt in unsere Ambulanz.
Sie war Stenotypistin und hatte für eine große Eisenbahngesellschaft gearbeitet. Sie berichtete: „Ich weiß gar nicht, wie ich es Ihnen sagen soll, aber ich habe in letzter Zeit wie in einem Traum gelebt und habe deswegen auch schon meinen Job verloren. Jeden Abend habe ich nach der Arbeit zu Hause erzählt: ‚Ich bin fix und fertig; den ganzen Tag bin ich mit den Zügen herumgefahren und habe dabei an der Schreibmaschine gesessen.‘ Es bedurfte dann der stärksten Beweise, um mich davon zu überzeugen, dass dies nicht stimmte. Ich glaubte es wirklich. Manchmal verfolgte mich auch ein Rhinozeros überall hin, bis in die Geschäfte, und ich habe es den Leuten erzählt. Es war für mich Wirklichkeit. Was soll ich nur tun? Wenn ich auf der Straße an einem parkenden Auto vorbeikomme, muss ich immer an mich halten, um nicht jemanden einzuladen: ‚Kommen Sie, ich nehme Sie ein Stückchen in meinem Wagen mit!‘ Natürlich besitze ich gar keinen Wagen und kann auch nicht Auto fahren. Was soll ich nur machen?“ … Ich stand vor einem Rätsel, und so ging ich hinüber zu dem Kollegen, mit dem ich zusammenarbeitete. Er empfahl Cannabis indica; ich gab ihr eine Dosis davon, und danach kam sie nur noch ein- oder zweimal vorbei. Sie hatte „all den Unsinn längst vergessen“ und war wieder völlig in Ordnung.
Der andere Fall betraf einen glücklosen Landpfarrer, der einen schlauen, skrupellosen und entschlossenen Feind hatte, welcher sich geschworen hatte, ihn aus seiner Gemeinde zu vertreiben (es hatte mit irgendwelchen Streitigkeiten über religiöse Bräuche zu tun). Die Streiche, die diesem armen Mann gespielt wurden, waren unglaublich und erinnern eher an eine Schauergeschichte oder ein Melodram. Uns interessiert in diesem Zusammenhang allerdings nur einer dieser Streiche:
Eines Tages führte ihn sein Küster (der in den Diensten seines Feindes stand) mit einem wundervollen Tabak in Versuchung, der ihm von seinem Herrn als Geschenk für den Pfarrer mitgegeben worden war. Der Pfarrer sagte, er habe gar keine Pfeife, doch der Küster konnte auch damit dienen. So verstaute er den Tabakklumpen in seiner Manteltasche, und da er einige Meilen entfernt zu tun hatte, machte er sich zu Fuß auf den Weg dorthin. Oben auf einem steilen Hügel angekommen, rastete er und erinnerte sich an das Geschenk; er musste es von ganz unten aus dem Mantelfutter hervorkramen, wohin es durch ein Loch in der Tasche gewandert war. Er konnte den Klumpen nur mit Schwierigkeiten auf einem Gatterpfosten zerschneiden, denn er war recht hart, ganz anders als die Tabaksorten, die er bis dahin kennengelernt hatte. Dann stopfte er damit seine Pfeife, zündete sie an und begann zu rauchen.
Es dauerte nicht lange, und er fing an, sich ‚irgendwie komisch‘ zu fühlen. Fast unvermittelt trat bald ein heftiger Schwindel ein; besonders grauenhaft war es, wenn er sich zu bewegen versuchte …
Mehrere Stunden muss er dort wohl hilflos gesessen haben, bevor sich Vorbeifahrende seiner annahmen, ihn in ihrem Wagen nach Hause brachten und den Arzt am Ort zu ihm bestellten. Auch in der folgenden Nacht war er noch delirant und in einem sehr beunruhigenden Zustand. „Die ganze Nacht habe ich in einem fort Elefanten gezählt“, wie er es hinterher beschrieb.
Später kam es noch einmal zu zwei kleineren Attacken, nachdem er bestimmte Zigaretten geraucht hatte. Unterdessen war in dem Dorf das Gerücht umgegangen, dass der Pfarrer sehr krank sei und sein Amt aufgeben und fortziehen müsse. Doch als er die Zigaretten aus dem Dorfladen mied und sie woanders kaufte – außerhalb der Reichweite irgendwelcher üblen Streiche –, hörten die Anfälle auf.
Seltsam! – diese Einbildungen von Elefanten und Nashörnern. Wie um alles in der Welt bringt eine Droge es fertig, solche Ideen in jemandem hervorzurufen? Sie erinnern an die Ängste, Phantasien und Träume von Schlangen, wie sie von hyoscyamusHYOSCYAMUS, LAClac caninum CANINUM und wenigen anderen Mitteln bekannt sind.
Hauptsymptome19

19

Aus Allens Encyclopedia; bei der Übersetzung habe ich mich teilweise auf Oehmes deutsche Bearbeitung von Hales New Remedies (vgl. S. 58) gestützt.

Geist und GemütEr vermeint, Musik zu hören; schließt seine Augen und ist für einige Zeit in den schönsten Gedanken und Träumen versunken.
Unzusammenhängendes Reden.
Fixe Ideen.
Überschwengliche Stimmung und größte Schwatzhaftigkeit.
Übertriebenes, unmäßiges Lachen.
Unbezähmbares Lachen, bis das Gesicht hochrot wird und der Rücken und die Lenden wehtun.
Qualvolle Angst, begleitet von starkem Beklemmungsgefühl; besser im Freien.
Beständige Furcht, verrückt zu werden.
Alle Augenblicke verfiel er in seine Träumereien und kam dann wieder zu sich (wie es den ihn Umgebenden vorkam).
Sehr zerstreut, geistesabwesend.
KopfSchwindel.
Häufiges unwillkürliches Schütteln des Kopfes.
Wenn er wieder zu sich kommt, gehen ihm heftige Schläge durch den Kopf.
AugenStierer Blick.
Konjunktivale Gefäßinjektion an beiden Augen.
Beim Lesen laufen die Buchstaben zusammen.
OhrenKlopfen und Vollheitsgefühl in beiden Ohren.
Klingen und Summen in den Ohren.
GesichtEr sieht schläfrig und benommen aus.
Die Lippen kleben zusammen.
MundTrockenheit von Mund und Lippen.
Weißer, dicker, schaumiger und klebriger Speichel.
HalsAusgetrocknet, einhergehend mit großem Durst auf kaltes Wasser.
MagenVermehrter Appetit.
Heißhunger.
Schmerz im Bereich der Kardia.
HarnorganeStechender Schmerz vor, während und nach dem Harnen.
Brennender Schmerz – wie verbrüht – vor, während und nach dem Harnen.
Profuse Mengen farblosen Urins.
Nachtröpfeln von Urin nach Beendigung des Wasserlassens.
Beim Drücken auf die Eichel kommt weißer, eiweißartiger Schleim heraus.
GeschlechtsorganeSatyriasis.
HustenRau mit kratzendem Gefühl direkt unter dem Brustbein.
PulsNiedriger als normal, nur 46.
RückenSchmerz quer über Schultern und Wirbelsäule, zum Bücken nötigend und am aufrechten Gehen hindernd.
ExtremitätenAngenehmes Schaudern durch Arme und Hände.
Lähmung der unteren Extremitäten und des rechten Arms.
Völlige Lähmung der unteren Extremitäten.
Angenehmes Schaudern in beiden Beinen von den Knien abwärts, mit einer Empfindung, als würden die Klauen eines Vogels die Knie umklammern.
Zutiefst erschöpft von einem kurzen Spaziergang.
SchlafTief, fest.
Außerordentliche Schläfrigkeit.
SchweißReichlich, klebrig, steht ihm in Tropfen auf der Stirn.
Lassen Sie mich nun, da ein adäquates Verständnis der Wirkung von Cannabis indica nur aus Allens Encyclopedia gewonnen werden kann, daraus die 27 langen Seiten der Geistes- und Gemütssymptome zusammenfassen. Es sei noch darauf hingewiesen, dass diese Prüfungssymptome oder Vergiftungswirkungen aus etwas mehr als vierzig verschiedenen Quellen stammen, die Allen im Einzelnen anführt, wobei die gleichen Erfahrungen und selbst ganze Reihen von Empfindungen von verschiedenen Personen fast in denselben Worten beschrieben wurden. [Die Gedankenstriche zwischen einzelnen Symptomen eines Absatzes trennen jeweils verschiedene Quellen voneinander.]
Sehr erregt; tanzte im Zimmer umher; lachte viel; redete Unsinn und wusste es, konnte aber nicht ohne Willensanstrengung damit aufhören, was ihn auch nicht weiter kümmerte. – Er ruft, springt in die Luft und klatscht vor Freude in die Hände. – Singt, wobei er Worte und Musik improvisiert. – Als er zur Besinnung kommt, findet er sich tanzend, lachend und singend vor einem Spiegel wieder.
Unzusammenhängendes Reden. – Neigung zu Gotteslästerung.
Während der Visite bei Patienten kann er es sich nur mit großer Mühe verkneifen, ungewöhnliche Dinge zu sagen oder zu tun. – Hatte das bestimmte Gefühl, sich bis zum Schlafengehen zur Vernunft zwingen zu müssen, weil er sonst vielleicht etwas Törichtes tun würde.
Betont bei allen Wörtern die letzte Silbe und lacht übertrieben.
Rasche Ideenfolge und angenehme Empfindungen. – Ständige Aufeinanderfolge neuer Ideen, deren jede er fast sofort wieder vergisst.
Sein Kopf ist voll von lächerlichen theoretischen Ideen. – Fixe Ideen. – Lebhafte Gedanken in rascher Folge, die gleich bei ihrem Aufkommen wieder vergessen wurden.
Ständiges Theoretisieren. – Träumereien. – Wunderschöne Träume überkamen ihn.
Hatte nur die eine Vorstellung, dass er bald sterben und seziert werden würde.
Wusste nicht, ob er selbst wirklich existiert oder ob überhaupt Menschen existieren oder zu welchem Zweck er lebt.
Er war besessen von der Vorstellung, dass er im Begriff sei zu sterben.
Bildet sich ein, fremde Geräusche zu hören, Diebe seien im Haus; schaut unter Betten und Tischen nach, schließt Türen auf und wieder zu.
Meint, es wären Leute bestochen worden, um ihn zu töten; – er könnte fliegen wie ein Vogel; – er sei in den Himmel aufgefahren, und seine sonst alltägliche Ausdrucksweise wurde ganz enthusiastisch.
Alles um ihn her und in ihm erschien ihm wie ein großes und furchterregendes Geheimnis.
Verzweiflung und Furcht, auf ewig verloren zu sein. Als er den Namen Gottes vernahm, schrie er: „Aufhören! Dieser Name ist mir ein Graus, ich kann ihn nicht ertragen. Ich sterbe.“ Dann schnappten dämonische Gestalten, in tintenschwarze Sargtücher gehüllt, aus der Dunkelheit nach ihm und starrten ihn mit glühenden Augen unter ihren Kapuzen hervor wütend an. Er schien sich in einer riesigen Arena zu befinden, die von gewaltigen Mauern umgeben war; die Sterne sahen mit einem mitleidigen, menschlichen Antlitz auf ihn herab. … Die Sonne drehte sich und die Wolken hüpften wie eine Tanzgruppe um ihn herum.
„Ich konnte die Blutzirkulation jeden Zentimeter ihres Fortschreitens verfolgen. Ich bemerkte von jeder Herzklappe, wann sie sich öffnete und wann sie sich wieder schloss. Das Schlagen meines Herzens war so deutlich zu hören, dass ich mich wunderte, warum es nicht auch von anderen gehört wurde.“
Er schien von zwei verschiedenen Personen besessen zu sein, von denen die eine von einer Anhöhe herab die andere beobachtete, wie diese durch die einzelnen Phasen des Haschischdeliriums hindurchging. – Er hatte ein Gefühl von Dualität; wenn der eine Teil von ihm an etwas dachte, lachte der andere darüber. – Er fühlte sich wie eine dritte Person, die ihn selbst und seinen Freund beobachtete.
Die Seele schien vom Körper getrennt zu sein, auf diesen herunterzusehen und dabei sämtliche Regungen der Lebensvorgänge zu betrachten; auch schien sie durch die Wände des Zimmers hin und her wandern zu können.
Extreme Ausdehnung von Zeit und Raum: ein paar Sekunden scheinen Ewigkeiten zu dauern, das Aussprechen eines Wortes so lang wie ein Drama zu sein; wenige Meter sind wie eine riesige Strecke, die man niemals hinter sich bringen kann. Das Zimmer expandiert, die Decke ist nach hoch oben verlagert; er befindet sich in einer riesigen Halle. – Das Wohnzimmer schien sich ungeheuer tief unterhalb seines Standortes zu befinden (in Wirklichkeit lag es auf derselben Etage). – Die Zeit schien sich unendlich hinzuziehen. – Minuten scheinen Tage zu dauern. – Ein Freund im selben Zimmer war sehr weit von ihm entfernt. – Ein seltsames Gefühl der Isolation und großer Einsamkeit, obwohl er von Freunden umgeben war.
Bildet sich ein, über unbegrenztes Wissen zu verfügen, alles sehen zu können; dann, Christus zu sein, um der Welt vollkommenen Frieden zu bringen. – Er glaubt, in seinen Worten liege eine Schöpferkraft: er brauche nur zu sprechen, und es werde geschehen. – Er besitzt alle Reichtümer der Welt und überhäuft damit die Bedürftigen um ihn herum.
Hat das Gefühl, durchsichtig zu sein: „Das Feuer im Kamin schien durch mich hindurchzuleuchten und mein Knochenmark zu erwärmen. Ich spürte das Blut in meinen Adern strömen.“ – Meint, er schwelle allmählich an, sein Körper werde immer größer. – Halluzinationen: er sitzt auf einem Pferd; ist auf der Jagd; sieht blaues Wasser; schwimmt; ist Kapitän eines Schiffes; ist auf Reisen; hat kein Gewicht.
Einbildungen: Er wäre die Spritzdüse einer Pumpe, durch die ein Strahl heißes Wasser rauscht, das seine Freunde nass zu machen droht. – Er wäre ein Tintenfass und die Tinte könnte, da er auf dem Bett liegt, sich über die weiße Tagesdecke ergießen. Als Tintenfass öffnete und schloss er seinen Messingdeckel, der mit einem Scharnier befestigt war; er schüttelte sich und sah und fühlte, wie die Tinte gegen seine Glaswände platschte. – Er ist das Subjekt seltsamster Transformationen: bald ist er eine riesige Säge, die hin und her schnellt, während beiderseits von ihm die Bretter fix und fertig herunterfallen; dann wieder ist er eine umherwandelnde Sodawasserflasche; ein riesiges Nilpferd; eine Giraffe. Er ist ein riesiges Farnkraut, das von Duftschwaden umgeben ist. Er lacht unbändig über den Eindruck, sein Bein wäre ein Zinnbehälter voller Teppichstangen, die er beim Gehen klappern hört; dann verlängert sich plötzlich sein anderes Bein, er wird Hunderte von Metern in die Luft gehoben und muss nun auf diesem Bein neben seinen Freunden herhüpfen.
Alle Sinneseindrücke sind extrem gesteigert.
Die Zimmerwände sind plötzlich voll von tanzenden Satyrn und nickenden Mandarinen. – Er sieht zahllose diabolische Kobolde mit blutigen Gesichtern und ungeheuer schwarzen Augen, die ihn so erschrecken, dass ihm der kalte Schweiß ausbricht und er zu ersticken meint.
Alle Begebenheiten seines bisherigen Lebens, selbst die längst vergessenen und die trivialsten, wurden in Symbolen von einem sich schnell drehenden Rad geschleudert; jedes von diesen Symbolen erkannte er als eine frühere Lebenssituation wieder, und es traten auch alle in der richtigen Reihenfolge heraus.
Groteske Visionen von alten, runzligen Frauen, die bei näherem Hinsehen aus Strickgarn bestehen.
Sinnestäuschungen: Er hört Stimmen und die schönste Musik; hat Visionen von Pracht und Herrlichkeit, wie sie nur noch im Paradies zu finden ist, von Landschaften erhabenster Schönheit, mit einer verschwenderischen Fülle von Blumen in den leuchtendsten Farben; Architektur von prachtvoller Schönheit und Großartigkeit. All dies versetzt ihn in einen Zustand von Glück und Zufriedenheit.
Eine schweigende Armee marschierte an ihm auf der Straße vorbei. – Beim Gehen im Freien dehnte sich plötzlich die Ebene aus und war mit einer Horde von Tataren überzogen, die in wilder Hast an ihm vorbeistürmten, wobei ihre Kopfbedeckungen mit den Federn und Pferdehaaren im Winde flatterten. – Häuser fangen auf einmal an zu nicken, sich zu verbeugen und zu tanzen.
Als er die Straße entlanggeht, sieht er plötzlich, wie eine verhüllte Männergestalt sich von einer Mauer löst. Diese Erscheinung versetzt ihn in Angst und Schrecken: „Jeder seiner Gesichtszüge war gezeichnet von den Spuren eines Lebens, das reich an scheußlichen Verbrechen war. Er starrte mich mit grimmiger Bösartigkeit und versteinerter Verzweiflung an. Es schien mir wie eine Gotteslästerung, ihn anzusehen …“ – Er wachte auf und erblickte auf einer Bahre einen furchterregenden Leichnam, dessen livides Gesicht noch verzerrt war von dem plötzlichen Schmerz eines Mordanschlages. Jeder Muskel des Toten war angespannt, und die Fingernägel hatten sich beim Faustballen im Todeskampf in die Handflächen gebohrt. Zwei Kerzen am Kopfende und zwei an den Füßen tauchten die ganze Grausigkeit der Bahre in ein noch schaurigeres Licht, und ein unterdrücktes Hohngelächter von einem unsichtbaren Beobachter machte sich über den Toten lustig. „Dann begannen die Wände des Raumes langsam aufeinander zu zu gleiten, die Decke senkte sich, der Boden hob sich: Näher und näher wurde ich an den Leichnam herangeschoben. Ich versuchte zu schreien, doch meine Stimme war wie gelähmt. Die Wände kamen immer näher, bis meine Hand auf der Stirn des Toten zu liegen kam. Ich meinte, in dem engen Zwischenraum ersticken zu müssen …, auf allen Seiten spürte ich die Wände der entsetzlichen Presse. Dann gab es einen großen Krach, und ich fühlte, wie all meine Sinne in Dunkelheit entschwanden. Ich erwachte, und die Leiche war verschwunden, doch nun hatte ich ihren Platz auf der Bahre eingenommen. Der Raum war zu einer gigantischen Halle angewachsen, mit einem von eisernen Bögen gestützten Dach. … (Sodann dämonische Gestalten und Gesichter …) Plötzlich stieß der nächststehende Teufel eine Mistgabel aus weißglühendem Eisen in meine Seite und schleuderte mich in eine feurige Wiege. ‚Lasst uns für ihn‘, sagte einer der Teufel, ‚das Schlaflied der Hölle singen‘, als ich, vom Feuer unverzehrt, durch das Wiegen des feurigen Gestells von einer Seite auf die andere geworfen wurde. … Bald darauf fand ich mich auf einem kolossalen Platz wieder, der von hundertstöckigen Hochhäusern umgeben war. Heftigen Durst leidend, lief ich zu einem Brunnen aus Eisen, bei dem ein jeder Strahl als Blendwerk von Wasser geformt war, so trocken wie die Asche eines Ofens. Ich rief nach Wasser, und sogleich flogen sämtliche Fenster der Hochhäuser jenes Platzes auf, und in jedem dieser Fenster stand ein Wahnsinniger. Sie fletschten die Zähne, starrten mich wütend an, brabbelten, heulten, kicherten, zischten und fluchten fürchterlich. Bei diesem Anblick wurde ich selbst verrückt, und auf und ab hüpfend äffte ich sie alle nach. …“
Dann wurde die Szene theatralisch, und als Schauspieler improvisierte er seine Tragödie und versetzte sein riesiges Publikum in Verzückung. Auf einmal kam über jedes Gesicht ein argwöhnischer Zug. … „Oh! Jetzt haben sie mein Geheimnis entdeckt; und ein unerträglicher Chor brach im ganzen Theater aus: ‚Haschisch! Haschisch! Er hat Haschisch gegessen!‘ Ich kroch von der Bühne mit einem unbeschreiblichen Gefühl von Scham und kauerte mich in einem Versteck zusammen. Ich sah mir meine Kleider an, und siehe da! sie waren schmutzig und zerlumpt wie die eines Bettlers; von Kopf bis Fuß bot ich ein einziges Bild der Verwahrlosung. … Kinder zeigten mit den Fingern auf mich, Müßiggänger standen herum und musterten mich mit neugieriger Verachtung. Die meisten Menschen und Tiere schauten auf mich herab, selbst die Pflastersteine mokierten sich über mich mit menschlicher Stichelei, wie ich dort in meinen verschmierten Lumpen hockte.“
Er bildet sich ein, jemand rufe nach ihm. – Hört Musik mit süßesten und anmutigsten Melodien und Harmonien und sieht ehrwürdige Barden mit ihren Harfen, die spielen, als wäre es die Musik des Himmels. – Ein einzelner Ton erschien wie die göttlichste Harmonie. – Er vermeint, Musik zu hören; schließt seine Augen und ist für einige Zeit in den schönsten Gedanken und Träumen versunken. – Er hört das liebreizendste Geläut zahlloser Glocken. – Noch gute zwei Wochen später hörte er, als er in seinem Büro saß, großartige Harmonien, wie von Meisterhand auf einer Orgel und nur in den weicheren Registern gespielt. Mit dem Hören dieser Musik hatte es eine besondere Bewandtnis: Man musste in einem Zustand des Halbträumens sein; dann folgten die göttlichen, weichen und wunderbar lieblichen Klänge einander in einem vollkommeneren Legato, als es menschliche Fingerfertigkeit jemals zustande bringen könnte. Wenn man sich aber darauf zu konzentrieren versuchte und das Ohr anstrengte, um auch ja jeden Akkord mitzubekommen, verstummte die Musik sofort.
Hörte die Klänge der Farben: grüne, rote, blaue und gelbe Töne, die in ganz verschiedenen Wellen zu ihm drangen.
Nach dieser Erfahrung von Ekstase hörte er, als er aus einem dichten Wald heraustrat, ein zischendes Flüstern: „Töte dich! Töte dich!“ Und bald wiederholten es unsichtbare Zungen von überall her und in der Luft über ihm: „Der Allerhöchste befiehlt dir, dich zu töten.“ Als er aber ein Messer an seine Kehle setzte, schlug ihm eine unsichtbare Hand gegen den Arm, und das Messer flog wirbelnd in die Büsche.
Körperliche Empfindungen von außerordentlicher Leichtigkeit und Luftigkeit; geistig eine wundersam scharfe Wahrnehmung des Grotesken bei einfachen und vertrauten Gegenständen. Dinge, von denen er umgeben war, nahmen einen so seltsamen und wunderlichen Ausdruck an und wurden so unsagbar komisch und absurd, dass er in einen lang anhaltenden Lachanfall ausbrach.
Es schien ihm, als existiere er gestaltlos in der unermesslichen Weite des Raums. Sein Körper schien sich auszudehnen, die Krümmung seines Schädels breiter zu sein als das Himmelsgewölbe.
Seine Freude an den Visionen war vollkommen, nicht von den geringsten Zweifeln an ihrer Realität getrübt. Unterdessen saß in einem anderen Winkel seines Gehirns die Vernunft, beobachtete die Visionen kühl und überhäufte deren phantastische Übertreibungen mit lebhaftestem Spott. Eine Gruppe von Nervenzellen war durchdrungen von allem Glück des Himmels, während eine andere sich über ebendieses Glück schüttelte vor Lachen. Seine schönsten Verzückungen konnten die Wucht seines Spotts nicht niederhalten und zum Schweigen bringen, welcher seinerseits aber auch machtlos dagegen war, dass er in immer andere und noch groteskere Absurditäten verfiel.
Er lachte, bis seine Augen tränten; jede Träne, die herunterkullerte, wurde sogleich zu einem großen Laib Brot, der auf die Theke eines Bäckers fiel. Je mehr er lachte, desto schneller fielen die Brote herab, bis sich schließlich ein solcher Haufen um den Bäcker aufgetürmt hatte, dass kaum noch dessen Scheitel zu sehen war. – Sein Rachen war so hart wie Messing, seine Zunge wie eine rostige Eisenstange. Doch obwohl er einen Krug Wasser nahm und lange und viel daraus trank, signalisierten sein Gaumen und Hals nicht, dass er überhaupt getrunken hatte. – Er riss seine Weste auf, legte seine Hand aufs Herz und versuchte, die Herzschläge zu zählen; es gab aber zwei Herzen: das eine schlug mit einer Frequenz von tausend Schlägen pro Minute, das andere mit langsamer und träger Bewegung. Sein Hals war angefüllt mit Blut, und Blutströme ergossen sich aus seinen Ohren. (Bei der Genesung, mehrere Tage später, fand er keinen Geschmack an allem, was er aß, und keine Erfrischung in allem, was er trank; auch musste er sich sehr bemühen, um zu begreifen, was man ihm gesagt hatte, und um halbwegs zusammenhängende Antworten zu geben.)
Mein Gang war unsicher, und zwar so wie bei jemandem, der diesen zu bremsen oder niederzuhalten versucht; denn ich hatte das Gefühl, als befänden sich Sprungfedern in meinen Knien, und ich musste an die Geschichte des Mannes mit dem mechanischen Bein denken, das mit diesem davonmarschierte.“
„Es waren die ganze Zeit reale wie auch imaginäre Gegenstände vorhanden; aber zuweilen zweifelte ich, welche was waren, und dann befand ich mich in einer seltsamen Unsicherheit.“
Eine Schwäche des ganzen Körpers stellte sich ein, seine Beine wollten ihn nicht mehr tragen, und die Arme wurden schwer. Er musste sich aufs Sofa legen; seine Gliedmaßen wurden steif, er verlor sämtliche Empfindungen und geriet in einen kataleptischen Zustand. … Diese Empfindungslosigkeit dehnte sich noch ein zweites Mal auf den ganzen Körper aus, diesmal begleitet von automatenhaften, raschen Bewegungen der Hände, wobei eine Hand auf die Brust gedrückt wurde und die andere mit der Innenfläche auf dieser Hand rieb. Wechselweise schienen mal der rechte Arm oder das rechte Bein, mal die rechte Gesichtshälfte und dann wieder all diese Teile zusammen wie versteinert zu sein, sodass er sie nicht bewegen konnte, und dann erschlafften sie wieder. Plötzlich schien seine Gehirnmasse bis auf einen kleinen Rest in Marmor verwandelt zu sein; (in seinem rechten Auge erhielt sich dieses Gefühl von marmorner Härte noch über längere Zeit.)
Er verfiel in extreme Geschwätzigkeit und Ideenflucht; sorgte sich um das Schicksal seiner Kameraden, von denen er befürchtete, ihre Haschischdosis könnte zu groß gewesen sein und sich als giftig erweisen.
Er wurde von einer Art gestikulierender Konvulsionen in Armen und Beinen erfasst, und seine Symptome glichen allmählich jenen, die für Tollwut charakteristisch sind: Angstanfälle beim Anblick glänzender Gegenstände, bei der Empfindung eines jeden kleinen Lufthauchs oder beim Herannahen von irgendjemandem. Er bat um Wasser, doch nur um es, ohne zu trinken, gleich wieder wegzuschütten, weil er auch mit der größten Anstrengung keinen einzigen Schluck herunterbekommen konnte. Danach hatte er das Gefühl, als wären Zunge und Hals von einer trockenen, weichen Masse bedeckt.
Ein drängendes Verlangen, festgehalten, geführt und umsorgt zu werden, damit er nicht aus dem Bett steige und irgendwelche törichten Dinge anstelle.
Druckgefühl am Hinterkopf, sodass er automatisch die Hände dahin führte und dort liegenließ, als hätte er Schwierigkeiten, sie wieder von der Stelle loszulösen.
Krämpfe in den Waden, die das Bewegen der Beine unmöglich machten oder diese anschwellen oder ruckartig hochschnellen ließen.
Seltsame, beunruhigende Schauder. … Beim Treppensteigen schien er die Stufen nicht zu berühren. „Ich trat in die Luft, wie ein Schwimmer gegen das Wasser tritt; meine Füße kamen in die Nähe der Stufen, hatten aber keinen Kontakt mit ihnen.“
„Dachte an Katalepsie; nein, ich muss mit Willenskraft meine Seele im Körper halten, sonst kehrt sie vielleicht nie wieder zurück; und ich spürte, dass sie versuchte, sich davonzuschwingen. … Bald wurde ich von einem Gefühl der Einsamkeit übermannt. Ich warf meinen Körper durch eine scheinbar undurchdringliche, unsichtbare Barriere, bahnte meinen Weg durch eine widerstrebende Atmosphäre; ein ätherisches Fluidum schien es zu sein, nicht so dicht wie Wasser, aber auch nicht so dünn wie Luft; dennoch leistete es großen Widerstand. Die beiden Seiten meines Seins agierten getrennt; mein Wille oder meine spirituelle Existenz war von meinem körperlichen Dasein getrennt, spornte es an und trieb es vorwärts, wobei sie den Körper benutzte wie ein Handwerker sein Werkzeug; sie drängte ihn voran und schien dabei über ihre Vormachtstellung zu frohlocken. …
Alles war unwirklich; ich selbst kam mir nicht real vor, selbst meine Stimme schien nicht meine eigene zu sein. …
Da man mich überredete, aß ich ein Stück Fleisch; um dies zu bewerkstelligen, musste ich mir zunächst die verschiedenen Prozesse und den Modus operandi des ‚Nahrungzuführens‘ ins Gedächtnis rufen. ‚Zuerst‘, überlegte ich, ‚legt man die Substanz in den Mund, und man kaut sie, indem man den Unterkiefer auf und ab bewegt und unter Bewegung der Zunge den Speichel damit vermischt.‘ Dies war leicht getan. Die Spucke schien Beine und Arme zu haben, und ich konnte spüren, wie sie sich durch das Fleisch drängte; doch als es genügend gekaut war, entsann ich mich nicht mehr bzw. konnte den Zeitpunkt nicht mehr zurückdatieren, da ich das Fleischstück in den Mund gesteckt hatte. Das Kauen, so hatte ich den Eindruck, war seit ewigen Zeiten meine einzige Beschäftigung gewesen. Nun war es Zeit, den Schluckakt zu vollziehen, aber die Herrschaft über meine Schlingmuskulatur zu gewinnen widerstand gänzlich all meinen Bemühungen.“
„Wenn die von ihrer körperlichen Hülle Befreiten jemals zurückkehren, um über ihrem Zuhause zu schweben, das sie einst beherbergte, werden sie ihre Angehörigen wohl so anschauen, wie ich nun die meinen betrachtete: eine Nähe des Ortes bei einer unendlichen Distanz des inneren Zustandes, eine Isolation, die nichtsdestoweniger bestens geeignet ist für scheinbare Gesellschaft.“
„Ein böiger Wind hatte den ganzen Abend durch den Schornstein geseufzt, und jetzt wuchs das Geräusch zu einem beständigen Summen an wie dem eines riesigen Rades in sich beschleunigender Umdrehung. … Allmählich wurde dieses monotone Geräusch abgelöst von dem nachhallenden Dröhnen einer großen Kathedralenorgel. Das An- und Abschwellen ihres unvorstellbar feierlichen Klangs erfüllte mich mit übermenschlichem Schmerz.“
„Endlich war ich auf der Straße. Vor mir erstreckte sich die Perspektive ins Unendliche – es war ein nicht konvergierender Blick, bei dem die nächsten Laternen Wegstunden von mir entfernt zu sein schienen. Eine gerade befreite Seele, die zu ihrem Flug hinter die weitesten sichtbaren Gestirne aufbricht, könnte von ihrer neu gewonnenen Vorstellung von der Erhabenheit der Entfernung nicht mehr überwältigt sein, als ich es in diesem Augenblick war. Feierlich trat ich meine unendliche Reise an. … Ich befand mich in einer phantastischen inneren Welt, existierte abwechselnd an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zuständen meines Seins. Mal glitt ich in einer Gondel durch die mondhellen Lagunen von Venedig, mal türmten sich die Alpen vor meinen Augen, und die Pracht der aufgehenden Sonne warf purpurnes Licht auf die höchsten eisigen Gipfel. Dann wieder breitete ich, ein gigantischer Farn, im urzeitlichen Schweigen eines unerforschten tropischen Urwaldes meine gefiederten Blätter aus und schwankte und nickte in den würzigen Schwaden über einem Fluss, dessen Wellen Wolken der Musik und des Wohlgeruchs zu mir heraufsandten. Meine Seele verwandelte sich, von einer fremdartigen und ungeahnten Ekstase ergriffen, in ein pflanzliches Wesen.“
„Meine Stimme schien wie Donner aus jedem Winkel des Gebäudes widerzuhallen. Ich war erschrocken über den Lärm, den ich gemacht hatte. (Später erfuhr ich, dass dieser Eindruck nur eines von vielen Resultaten der ungeheuren Empfindlichkeit des Sensoriums ist, wie sie vom Haschisch hervorgerufen wird.)“
„Ich stand in einer abgelegenen Kammer auf der Spitze eines kolossalen Gebäudes, und das ganze Bauwerk unter mir wuchs beständig gen Himmel. Höher, höher, weiter, immer weiter in die einsame Kuppel von Gottes unendlichem Universum türmten wir uns ohne Unterlass. Die Jahre flogen vorbei. Ich hörte das melodische Brausen ihrer Flügel in dem Abgrund, der mich umgab, und durchraste einen Lebenszyklus nach dem anderen, ein Staubkorn in der Ewigkeit und im Weltall.“
„Nun zog eine bewaffnete Heerschar durch die Straße gemessenen Schrittes an mir vorbei. Allein der schwere Takt ihres Schrittes und das Schleifen ihrer ehernen Harnische durchbrachen die Stille, denn bei ihr gab es so wenig Reden oder Musik wie bei einem Todesbataillon. Es war die Armee der Zeitalter, die vorüberging in die Ewigkeit. Eine gottähnliche Erhabenheit verschlang meine Seele. Ich war in den abgrundtiefen Hades der Zeit geworfen, doch verließ ich mich auf Gott und war so durch all die Verwandlungen hindurch unsterblich.“ … Als er auf seine Uhr schaute, erkannte er, dass er durch die ganze lange Kette von Träumen in dreißig Sekunden gegangen war. „‚Großer Gott‘, rief ich, ‚ich bin in der Ewigkeit!‘ Angesichts dieser ersten erhabenen Offenbarung der eigenen Zeit der Seele und ihrer Fähigkeit, unendlich zu leben, stand ich zitternd da, von tiefer Ehrfurcht erfüllt. Bis ich sterbe, wird dieser Moment der Enthüllung sich deutlich von meinem restlichen Leben abheben. Ich halte ihn noch heute in ungetrübtem Angedenken als ein unbeschreibliches Heiligtum meines Daseins.“
(Es folgen weitere Schilderungen ekstatischer Zustände, u. a. mit himmlischer Musik, „wie ich sie in Abwesenheit des Allmächtigen nie wieder hören werde“.)
Unter vergleichbaren äußeren wie inneren Umständen wird die gleiche Dosis Haschisch zu unterschiedlichen Zeiten nicht selten diametral entgegengesetzte Wirkungen hervorrufen. Es ist auch möglich, dass eine relativ große Dosis Haschisch einmal kaum wahrnehmbare Phänomene zeitigt, während zu einem anderen Zeitpunkt die Hälfte dieser Dosis genügt, um ein Martyrium von Qualen oder auch einen wahren Freudentaumel zu bewirken. Wird aber während des Haschischdeliriums eine auch noch so kleine zweite Dosis eingenommen, um den Zustand zu verlängern, wird daraus unweigerlich solches Leid erwachsen, dass es die Seele erschaudern lässt und verzagen an ihrer Fähigkeit, diese Qualen durchzustehen, ohne zugrunde zu gehen. Der Gebrauch von Haschisch direkt nach jeder anderen Art von Stimulus hat gleichermaßen entsetzliche Folgen.
„Ich wurde wieder in jene ungeheure Höhe gehoben, wie sie oft so typisch ist für die Haschischphantasien. Meine Fähigkeiten wurden übermenschlich: Mein Wissen umfasste das ganze Universum, mein Gesichtskreis dehnte sich ins Unendliche. …
Wiederholt bin ich an Türen und Häusern vorbeigelaufen, die ich im Normalzustand so gut kannte wie mein eigenes Haus, und habe schließlich die Suche nach ihnen völlig verzweifelt aufgegeben, da ich auch nicht das geringste vertraute Merkmal an ihrem Aussehen wiedererkennen konnte. Zweifellos sollte ein Haschischesser niemals allein auf sich gestellt sein!“
Dann wird ein außergewöhnlicher Fall von Hellsichtigkeit geschildert …
Er ließ sich auf ein Sofa fallen und bat den Pianisten, ihm ein Musikstück vorzuspielen, ohne ein bestimmtes zu nennen. Das Vorspiel begann, und sogleich wurde der Träumende auf die Empore einer gewaltigen Kathedrale versetzt. Die Fenster des Mittel- und Querschiffs waren in den prächtigsten Farben mit Episoden aus dem Leben von Heiligen ausgemalt. Weit vorn im Altarraum schwängerten Mönche die Luft mit Essenzen, die aus ihren goldenen Weihrauchfässern strömten; auf dem Boden, der aus einem unnachahmlichen Mosaik bestand, knieten viele Andächtige in stillem Gebet. Plötzlich begann die große Orgel hinter ihm in elegischem Moll zu spielen, wie das Murmeln eines Barden, der sein Herz in einem Klagegesang erleichtert. Zu dem Spiel der Orgel gesellte sich alsbald ein sanfter Knabensopran aus der Mitte eines Chores heraus. Das leise Klagen schwoll an und ab, mit einem zutiefst menschlichen Gefühlsausdruck. Einer nach dem anderen stimmten auch die übrigen Chorsänger ein, und nun hörte er ein wunderbares Miserere, welches noch das letzte Gewölbe der Kathedrale erzittern ließ. … Am anderen Ende des Mittelschiffs wurde langsam das große Kirchenportal geöffnet und eine Bahre hereingetragen, gestützt von feierlich gekleideten Trägern. Darauf befand sich ein Sarg, bedeckt von einem schweren Sargtuch, das man, als die Bahre vor dem Altar abgesetzt wurde, herunternahm. Jetzt war das Antlitz des Verblichenen enthüllt: es war der tote Mendelssohn! Der Schlussakkord des Totengesangs war verhallt; die Träger trugen den Sarg mit schwerem Schritt durch eine Eisentür zu seinem Platz in einer Gruft. Einzeln verließen die Menschen langsam den Dom, bis der Träumende schließlich allein zurückblieb. So wandte auch er sich zum Gehen, und, zu vollständigem Bewusstsein wiedererwacht, sah er, wie der Pianist gerade seine Hände von den Tasten nahm. „Was für ein Stück haben Sie gespielt?“ fragte er. Die Antwort war: „Mendelssohns Trauermarsch!“ Dieses Stück hatte er niemals zuvor gehört. … „Dies ist mit Sicherheit eines der bemerkenswertesten Beispiele für empathische Hellsichtigkeit, die ich je erlebt habe.“
„Eine gewaltige Musik erfüllte die gesamte Hemisphäre über mir, und ich durchflog ihre Umhüllung aufwärts auf unsichtbaren Flügeln. Es war kein Gesang, es waren keine Instrumente: es war der unbeschreibliche Geist sublimen Klangs, mit nichts zu vergleichen, was ich je gehört hatte; intensiv, aber nicht laut; das Ideal einer Harmonie, jedoch deutlich unterscheidbar in eine Vielzahl erlesener Töne. … Wie eine Landkarte lag das Mysterium des Universums unverhüllt vor mir. Ich sah, wie eine jede Kreatur, jedes erschaffene Ding nicht nur ein mächtiges geistiges Gesetz versinnbildlicht, sondern diesem auch tatsächlich entspringt: als sein Abkömmling, seine notwendige äußere Entfaltung; nicht als die bloße Hülle der Essenz, sondern als die Fleisch oder Gestalt gewordene Essenz.“
„Von den himmlischen Höhen des Olymp wurde ich mitten in die Nebel des Acheron20

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In der griechischen Sage der Fluss der Unterwelt, „Fluss des Jammers“.

gestürzt. … Ich erwartete, jeden Augenblick ausgelöscht zu werden. Die Gestalten, die sich um mich her in der äußeren Welt bewegten, schienen mir kurzfristig zum Leben erweckte Leichen zu sein. Die lebendige Seele der Natur, mit der ich so lange verkehrt hatte, war verloschen wie die Flamme einer Kerze. … Die ganze Existenz der Außenwelt erschien mir als eine einzige Farce, als die gemeine Vortäuschung einer erinnerten Möglichkeit, die einst in stummer Schönheit großartige Realität gewesen war. Ich hasste Blumen, denn ich hatte die wie mit Emaille überzogenen Wiesen im Paradies gesehen; ich verfluchte die Felsen, denn sie waren sprachloses Gestein, den Himmel, weil er nicht voller Glocken hing; und Himmel und Erde schienen meine Verwünschungen zurückzuschleudern.“
Ganz gewiss ist Cannabis indica ein wichtiges Arzneimittel – für diejenigen, die es anzuwenden verstehen, zur Heilung dessen, was es auch zu erzeugen vermag.
Unter seinen Empfindungen fällt die Unwirklichkeit auf, die Einsamkeit, das gespaltene Bewusstsein, die Levitation; und man erkennt seinen Wert bei Delirium oder Delirium tremens, bei den grandiosen Wahnvorstellungen der progressiven Paralyse, bei Tollwut, bei Katalepsie. Aus dem „Stoff, aus dem die Träume sind“ bestehend, müsste es auch hilfreich sein bei Menschen, die jahrein, jahraus unter schrecklichen Angstträumen zu leiden haben. … Ein solcher Patient kam erst gestern in unsere Ambulanz!

Cantharis

Weitere Namen: Cantharis (Lytta) vesicatoria; „Spanische Fliege“ (ein Käfer)
Eine weitere heftige ‚Sturm-und-Drang‘-Arznei, die von Hahnemann21

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Hahnemanns Prüfung erschien erstmals 1805 in seinen Fragmenta de viribus medicamentorum; in deutscher Sprache hat er sie dann etwas erweitert 1833 im Archiv für die homöopathische Heilkunst (Band 13, Heft 1) veröffentlicht. Die wichtigste und mit 1098 Symptomen (inklusive jener Hahnemanns aus den Fragmenta) umfangreichste Darstellung von Cantharis verdanken wir jedoch Hartlaub und Trinks; sie findet sich im 1. und 2. Band ihrer Reinen Arzneimittellehre von 1828/1829 (ein 3. Band erschien 1831). – Viele der dort erstmals veröffentlichten Arzneimittelprüfungen und Nachträge zu schon bekannten Mitteln hat Hahnemann in die Chronischen Krankheiten und die 3. Auflage von Band 1 und 2 der Reinen Arzneimittellehre übernommen. Für die Nachträge zu den Mitteln im 3. bis 6. Band der Reinen Arzneimittellehre Hahnemanns (die keine dritte Auflage mehr erlebten) bleibt das Werk von Hartlaub/Trinks jedoch die einzige Quelle; ferner für folgende Originalprüfungen: BOVISTA, Cantharis, GRATIOLA, KALIUM JODATUM, LAUROCERASUS, OLEUM ANIMALE, PHELLANDRIUM, PLUMBUM, RATANHIA, STRONTIUM CARBONICUM und TABACUM.

gebändigt wurde, bis sie fürwahr als glättendes Öl auf den Wogen wirken konnte.
Cantharis hat in mancher Hinsicht sehr viel Ähnlichkeit mit lilium tigrinumLILIUM TIGRINUM, in anderer freilich ist es völlig verschieden. So ist das entzündliche Element bei Cantharis weit stärker ausgeprägt, und es hat eine sehr rasche und zerstörerische Wirkung. Es ist daher heilsam bei stark entzündlichen, plötzlich auftretenden und destruktiven Erkrankungen (hier ist es mit mercurius corrosivusMERCURIUS CORROSIVUS und arsenicumARSENICUM vergleichbar).
Betrachten wir zunächst die fettgedruckten22

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Es sind auch einige kursiv gesetzte Symptome darunter. – Ein mit a bezeichnetes Symptom stammt aus der im Archiv veröffentlichten Prüfung Hahnemanns (s.o.); die mit b versehenen Symptome sind der Reinen Arzneimittellehre von Hartlaub/Trinks entnommen; ein c kennzeichnet Symptome aus einem Vergiftungsfall, der 1857 von Huber in der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Ärzte Oesterreichs (Band 1, S. 561) mitgeteilt wurde; ein d schließlich verweist auf ein Vergiftungssymptom aus einem Fall, über den Kurtz in der Oesterreichischen Zeitschrift für Homoeopathie (Band 3, S. 629) berichtet.

Symptome in Allens Encyclopedia, d.h. jene Symptome, die wiederholt von Cantharis hervorgerufen und geheilt worden sind.
Obwohl Cantharis heftige Entzündungen und Brennen allgemein an Haut und Schleimhäuten verursacht, kann man an diesen Symptomen doch deutlich erkennen, dass es seine größte Wirkung am Urogenitalsystem und dort vor allem an Nieren und Blase entfaltet:
RektumDiarrhö, aus Blut und Schleim bestehend.
Heftiger Durchfall mit unerträglichem Brennen im After.b
Harn- und GeschlechtsorganeHeftige Schmerzen in der Blase, öfteres Drängen zum Harnen, unerträglicher Harnzwang.d
Entsetzliche Blasenschmerzen.b
Tenesmus und Strangurie; der Urin kann nur tropfenweise herausgepresst werden.
Heftige brennend-schneidende Schmerzen im Blasenhalse …c
Vor, während und nach dem Harnen grausam schneidende Schmerzen in der Harnröhre.b
Gefühl, als verbrühe ihn der Urin; er geht nur tropfenweise ab.
Harndrang, mit Brennen in der Harnröhre.
Beständiger Harndrang; konnte nur tropfenweise Wasser lassen, verbunden mit größtem Schmerz.
Priapismus.b
Dies sind nur die wichtigsten von insgesamt 1651 Cantharis-Symptomen, die Allen aufführt; es gibt darunter noch zahlreiche kursiv hervorgehobene. Lassen Sie mich nun durch Zitate von Nash und Kent die Wirkung des Mittels zusammenfassen; diese beiden Autoren stellen Wirkung und Heilkräfte dieser großartigen Arznei in anschaulichen Bildern dar, die man so schnell nicht vergisst.
Nash schreibt: „Wenn ich ein Mittel zu wählen hätte, um damit die Wahrheit des Satzes Similia similibus curentur zu beweisen, so wäre es wohl dieses. Es gibt kein anderes Mittel, das so gewiss und so heftig die Harnwegsorgane reizt und entzündet, und keines, das solche Reizzustände so prompt heilt, wenn diese – wie sie es so häufig tun – den Typus oder die Form von Cantharis annehmen.“
Es ist amüsant (oder auch zum Weinen!), daran zu denken, dass man uns als Studenten beibrachte: „Cantharis wird kaum innerlich angewandt, da es ein starkes Reizmittel ist.“
„Es erzeugt schwere gastrointestinale Reizungen; der Patient leidet an Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen. … Der aktive Wirkstoff wird in die Blutbahn aufgenommen, und innerhalb weniger Stunden klagt der Patient über starke Schmerzen in der Lendengegend und über Strangurie – d.h., es besteht ein imperatives Verlangen zur Miktion, wobei das Bemühen aufgrund von Blasentenesmen mit großen Schmerzen einhergeht, die ausgeschiedene Harnmenge aber sehr gering ist; dabei können Eiweiß und Blut im Urin vorhanden sein.
In schweren Vergiftungsfällen können bestehen … post mortem: Ausgeprägte gastrointestinale Entzündung und in deren Gefolge Schwellung, Ekchymosen und Hyperämie der Schleimhäute des Verdauungstrakts. Die Nieren sind stark kongestioniert und befinden sich in den ersten Stadien einer akuten Nephritis. Die Schleimhäute der Harnwege und Genitalorgane weisen ebenfalls starke Entzündungszeichen auf.“
Die alte Schule benutzt Cantharis heute hauptsächlich äußerlich, um – als Gegenreiz – Blasen zu ziehen [Kanthariden-Pflaster]. Aber auch so muss es vorsichtig eingesetzt werden, damit es nicht von der Haut resorbiert wird. „Es ist die Basis vieler Präparate mit dem Zweck, das Haarwachstum anzuregen.“ (Zitate von Hale White; vgl. Kap. A, Fußnote 59)
Wie arm ist doch die alte Schule an wirklich heilenden Arzneien!
Kents Beschreibung von Cantharis gehört zu seinen lebendigsten Arzneibildern … „Das wichtigste Merkmal dieses Mittels ist die Entzündung, und deren wichtigstes Charakteristikum ist die erstaunliche Geschwindigkeit, mit der sie in Gangrän übergeht. …
Innerlich eingenommen, greift es fast unmittelbar den Harntrakt an und führt einen urämischen Zustand herbei, der für die psychischen Symptome verantwortlich ist; die lokale Entzündung lässt den Patienten umgehend heftig erkranken. …
Zu den führenden Geistes- und Gemütssymptomen gehören: Plötzlicher Bewusstseinsverlust, dabei Röte des Gesichts. … Seine Gedanken gehen mit ihm durch, er hat keinen Einfluss mehr auf sie – als wären sie von außen gesteuert. Wahnsinn, Delirium, mit starker Erregung und Wutanfällen, die jeweils durch blendende oder glänzende Gegenstände ausgelöst werden können … Oft gehen die Gedanken in eine Richtung, die von den entzündeten Geschlechtsteilen nahegelegt wird. Blase und Genitalien sind entzündet, und die Erregung und Kongestion dieses Bereichs wecken häufig den Sexualtrieb, was zu sexuellen Gedanken bis hin zu sexuell bestimmtem Wahnsinn führt. …
Brennen ist ein Kennzeichen, das sich durch das gesamte Mittelbild zieht. Brennen im Kopf, Klopfen und Stechen. … Hautausschläge brennen bei der leisesten Berührung. … Erysipel des Gesichts mit großen Blasen; Erysipel der Augen, mit Neigung zu Gangränbildung. Auch rhus toxicodendronRHUS hat bei diesem Leiden Blasen und Brennen, bei Cantharis jedoch ist das Erysipel in der Zeit bis zu Ihrer nächsten Visite fast schwarz geworden; es sieht jetzt dunkel aus, ein rascher Wandel hat stattgefunden, und es hat den Anschein, als würde der Bereich gangränös. … Cantharis entspricht Krankheiten, wie sie bei völlig darniederliegender Abwehrkraft entstehen, bis hin zu heftiger Entzündung und Gangränbildung von Darm, Blase, Gehirn, Wirbelsäule und Lungen, mit großer Prostration und hippokratischem Antlitz. Lungengangrän; die befallene Lunge brennt dabei, als wäre sie mit kochendem Wasser gefüllt, oder sie brennt wie Feuer.“ Kent erzählt: „Ich erinnere mich an einen Patienten, der gerade aus einem längeren Alkoholrausch erwacht war; ich verließ ihn abends in einem Zustand, wie ich ihn eben beschrieben habe. Die Harnproduktion war zum Erliegen gekommen. Blutiger Speichel lief aus seinem Mund – er lag im Sterben. Der Zustand hatte sich innerhalb einer Nacht entwickelt, weil er in seinem trunkenen Zustand beinahe erfroren wäre. Es konnte nur heißen: Cantharis – oder Tod noch vor dem Morgengrauen. Dank Cantharis wachte er am nächsten Morgen wieder auf, hustete ein rostfarbenes Sputum ab und machte gute Fortschritte in Richtung Genesung. … Heftige Arzneien wie Cantharis oder arsenicumARSENICUM werden in Fällen benötigt, die sonst sterben würden.
Heftigkeit und Plötzlichkeit sind weitere Merkmale dieses Mittels. Es bringt solche Schmerz- und Erregungszustände hervor, wie man sie bei keiner anderen Arznei findet. …
Wann immer eine rasche Entzündung des Darms auftritt, kommt es zu Durchfall von blutigem Schleim oder Serum; ähnliche wässrig-blutige Flüssigkeiten werden u. a. von den Augen abgesondert. Und wo immer diese Flüssigkeit mit der Haut in Kontakt kommt, führt dies zu Brennen und zu Exkoriationen. … Die gesamten Harnwegsorgane und die Genitalien befinden sich in einem entzündlichen Reizzustand, bei dem es jederzeit zu Gangränbildung kommen kann.“
Dies also sind die Dinge, die Cantharis hervorrufen kann und die einzig und allein Cantharis zu heilen vermag.
Nash zitiert H. N. Guernsey: „Es ist eine eigenartige, wenn auch den meisten Praktikern bekannte Tatsache, dass bei häufigem oder auch weniger häufigem Urinieren, das mit brennenden, schneidenden Schmerzen verbunden ist, Cantharis fast stets das Heilmittel ist23

23

Leider ist dies wohl nicht so einfach (zumindest heute nicht mehr). Es sei daher auf die sehr aufschlussreichen Informationen verwiesen, die V. Ghegas in seinen „Englischen bzw. Augsburger Seminaren“ (Sylvia Faust Verlag) zur Differenzialdiagnose der Zystitiden gegeben hat. Danach ist das Brennen kein sonderlich charakteristisches Symptom für irgendeines der in Frage kommenden Mittel. Typisch für Cantharis sind vor allem der Priapismus, das – während der Zystitis verstärkte! – sexuelle Verlangen und die Besserung durch Kälte. Nach Ghegas ist Cantharis in weniger als 10 % der Fälle indiziert; das weitaus häufigste ist mit ca. 50 % SARSAPARILLA (was ich aus eigener, seither gemachter Erfahrung bestätigen kann), das zweithäufigste NUX VOMICA.

welche Leiden auch sonst noch bestehen mögen, und sei es eine Gehirn- oder Lungenentzündung.“ Und Nash ergänzt: „Er hätte hinzufügen können: Entzündungen des Rachens, der Schleimhäute des gesamten Verdauungstrakts bis hin zu Rektum und Anus, Pleuritis oder auch Hautentzündungen.“
Guernsey schreibt ferner: „An Cantharis sollte stets auch bei der Behandlung von Atemwegserkrankungen gedacht werden, wenn der Schleim zäh ist.“
Hierzu führt Nash als Beispiel den Fall einer Dame an, die seit langer Zeit an Bronchitis gelitten hatte. Der Auswurf war so reichlich, zäh und fadenziehend, dass er an kalium bichromicumKALIUM BICHROMICUM dachte, welches aber nicht die geringste Besserung bewirkte. Es ging ihr immer schlechter, bis sie eines Tages erwähnte, dass sie beim Wasserlassen ein starkes Schneiden und Brennen verspüre und dass sie sehr häufig zur Toilette müsse. „Aufgrund der Intensität und Deutlichkeit dieser Symptome gab ich ihr Cantharis, wobei ich zu jener Zeit noch nichts von dessen heilsamen Wirkungen auf die Atemwege wusste. Das Ergebnis war ein wahres Wunder.“
Die psychischen Symptome von Cantharis sind von ebenso heftiger Art wie die physischen:
„Wütendes Delirium, mit Schreien, Bellen und Beißen …“
„Wutanfälle, erneuert jeweils beim Anblick von blendenden, glänzenden Gegenständen (belladonnaBELLADONNA, hyoscyamusHYOSCYAMUS), beim Versuch zu trinken oder bei Berührung der Kehle.“ (Dies sind Indikationen für das Mittel bei Tollwut.)
„Furchtbare Satyriasis.“
Cantharis gehört zu den Mitteln, an die man bei Pruritus vulvae als erstes denken muss. Es hat all das Brennen und Jucken, und es entzündet Vulva und Vagina; entsprechend hat es sich hierbei, neben einigen anderen Arzneien, als heilsam erwiesen.
Cantharis ‚brennt‘ und bildet Blasen, die schmerzhaft sind. Daher wetteifert es – in unserer Ambulanz – mit urtica urensURTICA URENS in der Behandlung von Verbrennungen. Und wie urtica urensURTICA lindert es fast augenblicklich die Schmerzen bei Verbrennungen. Nash erzählt, Hering habe Skeptiker [um das Ähnlichkeitsgesetz zu demonstrieren] oft dazu aufgefordert, sich einmal die Finger zu verbrennen und sie dann in mit Cantharis behandeltes Wasser zu tauchen – so stark war sein Vertrauen in das Mittel.
Ein Medizinstudent in Chicago war einmal tief beeindruckt von einem Fall schmerzhafter Verbrennungen, bei dem die Schmerzen nach ein paar Globuli von hochpotenziertem Cantharis schnell verschwanden; der Arzt, der sie dem Patienten auf die Zunge legte, hieß Dr. Kent. Cantharis, innerlich in ‚homöopathischer‘ Potenz verabreicht, ist ein alter Tipp, um Verbrennungsschmerzen ‚wegzuzaubern‘.
In unserer Ambulanz-Abteilung bekommen Zystitispatienten, die unter quälendem Harndrang mit häufigem, tropfenweisem Abgang ‚brennenden‘ Urins leiden, einige Gaben Cantharis 200, was den Beschwerden bald ein Ende bereitet.
„Die Homöopathie kennt keine Spezifika“ – außer dem spezifischen Mittel für das Individuum. Doch wie schon Hahnemann feststellte: Manche Arzneien ahmen so exakt bestimmte Krankheitsbilder nach, dass sie für diese zu Spezifika werden. So ist es mit Cantharis bei Zystitis [siehe jedoch Fußnote 23], belladonnaBELLADONNA bei Scharlach, mercurius corrosivusMERCURIUS CORROSIVUS bei Ruhr und latrodectus mactansLATRODECTUS bei Angina pectoris.
Doch sollte man immer daran denken, dass auch andere Arzneien ähnliche Zustände hervorgerufen haben – und stets sind dabei unterscheidende Merkmale vorhanden, die den Ausschlag für das eine oder andere Mittel geben.
Cantharis kann auch bei vergleichsweise kleinen Übeln wie Mückenstichen indiziert sein. … Ich gebe zu diesem Thema (mit der freundlichen Erlaubnis des Betreffenden) die persönlichen Erfahrungen eines ‚Mückenopfers‘ wieder, die seinerzeit von ihm aufgezeichnet wurden. Solche Dinge sind es ja gerade, die im Gedächtnis haften bleiben und einem beim Verschreiben mehr Sicherheit geben.
Dies ist der Bericht: „Es geschah am letzten Dienstag, abends um zehn Uhr: Ein feiner, spitzer Stich genau oberhalb meines rechten Handgelenks – und ein zarter, kleiner Teufel flog fröhlich davon. Fast unmittelbar darauf erschien ein harter Pickel an der Stelle, beißend und sich vergrößernd. In der folgenden Nacht wurde ich von einem Stich in einen Finger der linken Hand geweckt, und noch ein zweiter Finger kam an die Reihe. Den ganzen Mittwoch – diese verdammten Mückenstiche! Am Donnerstag konnte ich schon an nichts anderes mehr denken und für nichts mehr Interesse aufbringen, so besessen war ich von dem unaufhörlichen, hartnäckigen Zwang, die peinigenden Stellen anzufassen und irgendwie zu besänftigen, gleichzeitig immer gegen den Impuls ankämpfend, an ihnen zu kratzen und zu reiben. Am Handgelenk, um das Handgelenk, den Arm hinauf, immer weiter ums Handgelenk herum, immer höher den Arm hinauf, an den Fingern, über dem Handrücken: überall ein Brennen, Jucken und Anschwellen, das sich immer weiter ausbreitete! Mittlerweile war es Donnerstagnachmittag – die Sache hatte ihren Höhepunkt erreicht –, als beim Aufbruch nach Wembley ein Freund in der Not ein paar Kügelchen Cantharis C 30 hervorholte, die ich folgsam lutschte; eine zweite Dosis steckte ich für später ein. Die Erleichterung trat mit unglaublicher Geschwindigkeit ein; bald war mein Leiden nicht mehr von Bedeutung, und dann vergaß ich es vollständig. Konnte mich endlich wieder auf etwas anderes konzentrieren! – konnte das Erlebnis der Musikparade von Wembley richtig genießen. Und an diesem (Freitag-)Morgen sind Arm und Finger, abgesehen von einigen Kratzspuren, wieder normal. Aber warum all dies aufschreiben? Weil diese Ungeheuer der Lüfte nicht die letzten ihrer Art sein werden, und weil vielleicht eines Tages irgendjemand froh sein wird, die Vorzüge von potenziertem Cantharis bei Mückenstichen an sich selbst erproben zu können.“
Ein Privatdetektiv hatte sich für einen Beobachtungsauftrag stundenlang an einer höchst ungemütlichen Stelle postieren müssen, die Füße durchnässt von feuchtem Salpeter. Er kam mit großen Schmerzen zu uns und führte sie uns vor: rot, geschwollen, sehr schmerzhaft – schwere Zellulitis bis hinauf zu den Knien. Ich wollte den Patienten stationär aufnehmen, doch dies war „absolut unmöglich!“ So erhielt er Cantharis C 200, nur wenige Gaben, und erstaunlicherweise verschwand die Entzündung sehr schnell, ohne weitere Probleme – zur großen Erleichterung der Frau Doktor!
Cantharis, dessen üble Effekte – d.h. die Verursachung zerstörerischer Entzündungen – so erschreckend plötzlich auftreten, ist also auch genauso rasch in seiner Wirkung, wenn es zu Heilzwecken eingesetzt wird.
Man sollte immer daran denken: Auch in der Geschwindigkeit ihres Verlaufs bzw. ihrer Wirkung müssen Krankheit und Arznei übereinstimmen.
Hauptsymptome
Geist und GemütGroße Sinnlichkeit; Liebestollheit [Erotomanie].
AugenEntzündung, besonders wenn durch Verbrennung verursacht.
HalsBrennende Empfindung im Schlund, als stehe dieser in Flammen.
MagenHeftiges Brennen.b
RektumAbgang durch den Stuhl von weißem, festem Schleime, wie Abschabsel von Gedärmen mit Blutstreifen.a
HarnorganeAnfallsweise heftig schneidende und brennende Schmerzen in beiden Nieren, wobei die Gegend sehr empfindlich auf geringste Berührung war; dies wechselte mit gleichermaßen starken Schmerzen und Brennen in der Penisspitze ab, mit Harndrang und sehr schmerzhaftem, tropfenweisem Abgang von blutigem Harn, zuweilen auch reinem Blut.
Tenesmus der Harnblase.b – Gewaltige Strangurie.b
Schmerzhafte Absonderung weniger Tropfen blutigen Urins, was sehr starke, scharfe Schmerzen bereitete, als würde ein rotglühendes Eisen durch die Harnröhre gezogen; der Schmerz wurde am heftigsten in der Pars membranacea der Urethra und an der Harnröhrenmündung empfunden.
Heftige brennend-schneidende Schmerzen im Blasenhalse, bis in die nachenförmige Grube der Harnröhre reichend, vorzugsweise vor und nach dem Uriniren auftretend.c
Heftige Schmerzen in der Blase, öfteres Drängen zum Harnen, unerträglicher Harnzwang.d
Harndrang von der geringsten Urinmenge in der Blase.
Beständiger schmerzhafter Harndrang mit tropfenweisem Abgang wenigen röthlichen, zuweilen mit etwas Blut untermengten Harns.c
Ardor urinae.b – Harnbrennen.b
Vor, während und nach Harnen grausam schneidende Schmerzen in der Harnröhre; sie musste sich zusammenbeugen und schreien vor Schmerzen.b
Brennen beim Harnen und auch ausser demselben.b
Schmerzmachende Harnverhaltungb (Unterdrückte Gonorrhö).
Männliche GeschlechtsorganeFurchtbare Satyriasis.b
Heftigster Priapismus mit grausamen Schmerzen.b
Sexuelles Verlangen gesteigert; stört den Nachtschlaf.
Weibliche GeschlechtsorganeRetention der Plazenta oder von Membranen, gewöhnlich mit schmerzhaftem Wasserlassen.
BrustBrennen.b
RückenSchmerz in den Lenden, Nieren und im ganzen Bauche, mit so schmerzhaftem Harnen, dass er ohne Heulen und Schreien nicht einen Tropfen Harn lassen konnte.b
Schmerz in den Lenden, mit unaufhörlichem Bedürfnis zu urinieren.
GelbfieberIm dritten Stadium, wenn völlige Bewusstlosigkeit besteht; Krämpfe in Bauchmuskeln und Beinen; Versiegen der Harnsekretion; Blutungen aus Magen und Intestinum; kalter Schweiß an Händen und Füßen.
VerbrennungenUnd Verbrühungen. Verbrennungen, bevor oder auch nachdem sich Blasen gebildet haben.

Capsicum

Weitere Namen: Capsicum annuum; Spanischer oder Roter Pfeffer
Hahnemann schreibt, dass „der spanische Pfeffer, wie man ihn nennt, … als Gewürz zu Tütsch-Brühen (Saucen) für den Hochgeschmack leckerer Tafeln eingeführt ward (wofür man auch oft den gepülverten Samen des noch schärfern Capsicum baccatum, Cayennepepper nahm), um den Gaumen zu widernatürlich starker Eßlust zu reizen und so – die Gesundheit zu untergraben.
Vom arzneilichen Gebrauche dieser heftigen Substanz hörte man indeß wenig. Bloß Bergius … versichert, mehre alte Wechselfieber mit drei zweigranigen Gaben Kapsikum geheilt zu haben, doch auch nicht mit ihm allein; denn die alte Erbsünde des bisherigen Arztthums, die Mischgierde verleitete auch ihn, Lorbeeren dazu zu setzen … Auch beschreibt er die damit geheilten Wechselfieber nach der Gesamtheit ihrer Symptome nicht, sondern läßt es bei dem Namen ‚alte Wechselfieber‘ bewenden, wie die übrige Zunft seiner Kollegen, so daß die virtus ab usu des Gemisches zu dieser Absicht im Dunkeln bleibt.
Unendlich zweifelloser und sichrer schreitet dagegen der homöopathische Arzt zu Heilungen mit Kapsikum, indem er nach dem Vorgange der eigenthümlichen, reinen Krankheits-Zustände, welche von dieser kräftigen Arzneisubstanz in gesunden Körpern erregt wird …, nur solche natürliche Krankheiten damit zu heben unternimmt, deren Symptomen-Inbegriff in den Symptomen des Kapsikums in möglichster Aehnlichkeit enthalten ist.
Man findet solche durch Kapsikum heilbare Krankheiten bei Personen von straffer Faser seltener.“
Die brennenden Schmerzen von Capsicum, die vornehmlich an den Schleimhäuten auftreten, werden nicht selten empfunden als „ein Brennen wie von Cayennepfeffer, der auf die Stelle gestreut wird“. Sie kommen vor allem im Mund vor, auf der Zunge, in Magen, Abdomen, Darm, Rektum und in der Blase; doch auch Brustkorb, Lungen und Haut können in dieser Weise betroffen sein.
Des Weiteren werden oft drückende Schmerzen in den Augen wahrgenommen, bis hin zum Hervortreten der Augen, mit Brennen, Rötung und Tränen derselben.
Und bei Otitis kommt es nicht nur zu Taubheit und Ohrenschmerzen, sondern es wird auch speziell der Processus mastoideus in Mitleidenschaft gezogen – mit Schwellung hinter dem Ohr, Periostitis und Knochenkaries. Dies scheint mir besonders erwähnenswert zu sein, wird doch in Kents Repertorium hierfür als einziges Mittel Capsicum aufgeführt.24

24

Dies ist so nicht richtig; als einziges Mittel rangiert Capsicum in den Rubriken „Entzündung, Felsenbein“ (einwertig) und „Knochen, Caries, Felsenbein“ (dreiwertig). In der Rubrik „Schwellung hinter dem Ohr“ ist es das einzige dreiwertige von insgesamt 27 Mitteln. Die Rubrik „Knochen, Caries, Processus mastoideus“ besteht aus acht Mitteln, mit Aur., Caps., Sil. in Fettdruck; Kokelenberg (Comparative Repertory) nennt hier als Ergänzungen Stram. und Syph., und Capsicum sollte in den vierten Grad erhoben werden.Eine interessante Klarstellung Kokelenbergs möchte ich an dieser Stelle, da der von Kent benutzte Begriff sicherlich häufig missverstanden wird, nicht unerwähnt lassen: „Entzündung, innen im Ohr“ (inflammation, inside) bedeutet nicht Innenohrentzündung, sondern Gehörgangsentzündung, Otitis externa.

Ferner treten bei dieser Arznei berstende Schmerzen auf: im Kopf, im Bauch usw. Ein Ex-Marinearzt unseres Hospitals erzählte mir von einem Patienten mit beginnenden Mastoidbeschwerden (und ausgeprägtem Heimweh), dem er Capsicum verabreicht hatte. Es wirkte sehr gut.
Capsicum ist auch eines jener Mittel, die bei Seekrankheit in Frage kommen; vor allem aber ist es ein einzigartiges Mittel bei Heimweh. Einer unserer jungen Assistenzärzte kam zu einem erst kürzlich aufgenommenen Kind, das sich untröstlich schluchzend die Seele aus dem Leib weinte. Er gab ihm Capsicum, und als er bald darauf zurückkam, spielte es glücklich mit seinem Spielzeug.
Es gibt noch ein sonderbares Symptom, das ich ebenfalls bestätigt gefunden habe: Husten verursacht Schmerz in irgendeinem entfernten Körperteil.
Solche Arzneien mit einem begrenzten Wirkungskreis, aber seltsamen und einzigartigen Symptomen sind äußerst nützlich – wo sie passen; man mag sie selten benötigen, und doch kann nichts auf der Welt sie ersetzen, wenn die Symptome danach verlangen. Glücklicherweise kann man sie gut im Gedächtnis behalten.
Hauptsymptome25

25

Mit a bezeichnete Symptome sind Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre entnommen.

Geist und GemütHeimweh mit Backenröthe.26

26

Dieses klassische Leitsymptom von Capsicum, das von Hering in den Guiding Symptoms hervorgehoben wird, geht ebenfalls auf Hahnemann zurück. Allerdings steht es nicht in der Reinen Arzneimittellehre, sondern im acht Jahre später erschienenen ersten (!) Band der Chronischen Krankheiten, S. 164.

Er ist zufriedenen Gemüths, ist spaßhaft und trällert und ist dennoch, bei der mindesten Veranlassung, geneigt, böse zu werden.a
Schreckhaftigkeit.a – Berauschung.a
Nach Gemütserregung Fieber mit roten Wangen.
KopfEingenommenheit des Kopfs.a
(Oder, als Heilwirkung:) Alle Sinne sind schärfer.a
Bei Bewegung des Kopfs und beim Gehen, Kopfweh, als wenn die Hirnschale zerspringen sollte.a
Klopfendes, pochendes Kopfweh in einer der beiden Schläfen.a
Pochendes Kopfweh in der Stirne.a
Drückender Kopfschmerz in der Stirne …a
Ziehend reißender Schmerz in der linken Kopfseite.a
Ein mehr stechender als reißender Kopfschmerz, welcher in der Ruhe schlimmer, bei Bewegung aber gemäßigter ist.a
Ein ausdehnender Kopfschmerz, oder als wenn das Gehirn zu voll wäre.a
Ziehend reißende Schmerzen im Stirnbeine, mehr rechter Seite.a
AugenDrückender Schmerz, wie von einem fremden Körper.a
OhrenPeriostitis und Karies des Mastoids.
Am Felsenbeine hinter dem Ohre, eine bei Berührung schmerzhafte Geschwulst.a
Reißen in der Ohrmuschel.a
Ein jückender … [oder] drückender Schmerz ganz tief im Ohre.a
NaseNasenbluten …a
Kriebeln und Kitzeln in der Nase, wie bei Stockschnupfen.a
MundBrennende Blasen.
Zäher Schleim im Munde.a – Trockenheit im Munde.a
Geschmack im Munde, wie von verdorbnem (faulen) Wasser.a
Schrunden in der Lippe, aufgesprungene Lippen.a
HalsZäher Schleim in den Choanen, morgens beim Aufstehen, nur schwer durch Räuspern zu lösen.
Tonsillitis, mit brennenden, beißenden Schmerzen.
Starke Schmerzen im Hals, mit Beißen (Scharlach).
Schmerz im Schlucken …a
Brennende und andere Schmerzen im Rachen, schlimmer zwischen den Schluckakten.
Hals entzündet, dunkelrot, mit brennendem, drückendem Schmerz.
MagenSoodbrennen.a
Brecherlichkeit.a
Dyspepsie aufgrund träger Verdauung, besonders bei alten Leuten.
Eisige Kälte im Magen; oder Brennen darin.
AbdomenBrennende oder schneidende Schmerzen im Bauch.
Nach jedem Stuhlgange, Durst und nach jedem Trunke, Schauder.a
Eine drückende Spannung im Unterleibe, besonders der epigastrischen Gegend …, welche vorzüglich durch Bewegung sich vermehrt, zugleich mit einer drückenden Spannung im Untertheile des Rückens.a
Ein spannender Schmerz von dem Unterleibe nach der Brust zu, wie von Auftreibung des Unterleibes.a
Gefühl, als wenn der Unterleib bis zum Zerplatzen aufgetrieben wäre, wodurch der Athem bis zum Ersticken gehemmt wird.a
Ein Ziehen und Umwenden im Unterleibe …a
Rektum, StuhlNach einiger Blähungskolik im Unterbauche, kleine, öftere Stuhlgänge, welche aus Schleime, zuweilen mit Blut untermischt bestehen und Stuhlzwang erregen.1
Stuhlzwang.a – Heftiger Tenesmus.
Brennender Schmerz im After.a
Dysenterie: Tenesmus und Strangurie; Schmerz < selbst durch einen warmen Luftzug.
Beißender und brennender Schmerz in Anus und Rektum (Diarrhö).
Tenesmus des Rektums und der Blase gleichzeitig.
Hämorrhoiden: brennend, als würde Pfeffer darauf gestreut, geschwollen, juckend, klopfend; mit Wundheitsgefühl im After; blutend oder blind; mit Schleimabsonderung; mit blutigen, schleimigen Stühlen; mit ziehendem Schmerz im Kreuz und schneidendem Bauchschmerz.
Harn- und GeschlechtsorganeBrennen in der Harnblase.
Nach dem Harnen, ein brennend beißender Schmerz in der Harnröhre.a
Harnzwang, Tenesmus des Blasenhalses; es treibet ihn zu öfterm, fast vergeblichem Harnen.a
Harnbrennen.a
Gonorrhö: zweites Stadium; weißliche Absonderung; äußerste Empfindlichkeit der Genitalien auf Berührung; schmerzhafte Abwärtskrümmung des erigierten Penis, nur durch kaltes Wasser abzumildern.
Kehlkopf, Husten, BrustHeiserkeit durch Überanstrengung der Stimme, bei Sängern, Predigern etc.
Beim Husten, Kopfweh, als wenn die Hirnschale zerspringen sollte.a
Der Husten stößt einen übelriechenden Athem aus der Lunge.a
Nervöser, krampfartiger Husten.
Engbrüstigkeit, welche aus dem Magen zu kommen scheint.a
Schmerz, als wenn die Brust zusammengeschnürt wäre, welcher den Odem beengt und sich selbst bei geringer Bewegung vermehrt.a
Ein klopfender Schmerz in der Brust.a
Rücken, ExtremitätenFrost beginnt im Rücken.
Ziehend reißender Schmerz in und neben dem Rückgrate.a
Spannender Schmerz im Knie.a
SchlafGähnen …a
Großes Verlangen, sich hinzulegen und zu schlafen.
Traumvoller Schlaf.a
Er ist in der Nacht munter und kann nicht schlafen.a
Nerven, GewebeSeekrankheit.
Mangelndes Reaktionsvermögen, besonders bei dicken Personen.
‚Schlaffe Faser‘; Fettleibigkeit.
Ungeschicklichkeit, sodass sie überall anstieß.a
Er scheut alle Bewegung.a
Träge, dicke, unsaubere Menschen, die frische Luft scheuen.
Hämorrhoidale Konstitution.
FrostEr zittert vor Schauder.a
Kinder, die immer fröstelig sind, eigensinnig und unbeholfen.
Nach jedesmaligem Trinken, Schauder und Frostschütteln.a
HautBrennen.
Empfindung, als würde Cayennepfeffer auf die schmerzenden Stellen gestreut.
Einige wichtige sowie ‚sonderliche, ungewöhnliche und eigenheitliche‘ Symptome
Kinder werden plump und ungeschickt.
Heimweh, mit roten Wangen und Schlaflosigkeit; mit Hitzegefühl im Hals.
Erwacht mit Schrecken und schreit; bleibt nach dem Erwachen weiter voller Angst.
Alle Sinne sind abgestumpft.
Kopfschmerz: als wenn das Gehirn zu voll wäre; als wenn die Hirnschale zerspringen sollte; Schädel fühlt sich wie zerschlagen an.
Drückender Kopfschmerz in der Stirne, als wenn es vom Hinterhaupte vor zur Stirne heraus drückte …a
Heftiges, tief eindringendes Stechen im Scheitel.a
Der Kopf scheint zu groß zu sein.
Es affiziert besonders den Warzenfortsatz.
Flackern vor den Augen, bei Kopfschmerzen.
Alle Gegenstände erscheinen schwarz vor den Augen.a
Zum Kopfe herausgetretene Augen, mit Gesichtsblässe.a
Augen treten aus den Höhlen hervor.
Bei jedem Mal Husten, ein drückender Schmerz im Ohre, als wenn da ein Geschwür aufgehn wollte.a
Heiße Ohren und heiße, rothe Nasenspitze, gegen Abend.a
An der linken Gesichtsseite, Blüthen mit salzbeißiger Empfindung.a
Vorne auf der Zunge, ein Trockenheits-Gefühl, ohne Durst.a
Ein Heilmittel bei Cancrum oris.
Weißliche Flecken im Rachen, mit rotem Hof.
Maligne oder gangränöse Pharyngitis.
Nach jedem Stuhlgange, Durst und nach jedem Trunke, Schauder.a
Nach Trinken muß er, bei aller Hartleibigkeit, zu Stuhle …a
Hämorrhoiden brennen, als würde Pfeffer darauf gestreut.
Außer dem Uriniren, Stechen wie mit Nadeln im vordern Theile der Harnröhre.a
Während der Schwangerschaft: Ohrenaffektionen etc.
Kitzelnde Empfindung in der Luftröhre, so daß er einige Male heftig nießen muß.a
Es scheint, als könnte sie die Luft nicht tief genug in die Lungen bekommen.
Husten in plötzlichen Anfällen, welche den ganzen Körper erschüttern.
Husten mit Kopfschmerz, als würde der Kopf entzweispringen.
Bei jedem heftigen Hustenstoß (und sonst nicht) entweicht fötide Luft von durchdringendem Geruch.
Vom Husten und Nießen fährt ein Schmerz in dieses oder jenes Glied.a
Beim Husten Stiche in den leidenden Teilen.
Beim Husten: berstender Schmerz in Kopf, Brust oder Blase; Stiche im Rücken; drückender Schmerz im Ohr oder im Hals; Schmerz in den Knien oder Beinen; Husten erregt ‚Brecherlichkeit‘.
Husten <: nach Zorn; nach warmen Getränken; abends, nachts; im Liegen; bei trockenem, kaltem Wetter; durch jeglichen Luftzug, warm oder kalt.
Ein Schmerz in der Brust beim Sitzen, als wenn die Brust zu voll und nicht Raum genug darin wäre.a
Fettige Herzdegeneration bei fettleibigen Personen.
Ungewöhnlich starkes Pulsiren der Blutgefäße des Unterleibes.a
Glucksendes Schnell-Klopfen in einigen großen Adern.a
Frösteln zwischen den Schulterblättern.
Empfindung, als würde kaltes Wasser den Rücken heruntertröpfeln.
Nash fasst die Besonderheiten von Capsicum so zusammen:
„Brennende Schmerzen, vor allem der Schleimhäute, oder Beißen wie von rotem Pfeffer auf den betroffenen Stellen.
Husten mit Schmerzen in entfernten Körperteilen, wie Kopf, Blase, Knie, Beine etc.
Schauder und Frostschütteln nach jedem Trinken; Frost beginnt zwischen den Schulterblättern und breitet sich von dort über den ganzen Körper aus.“
Sind obengenannte Symptome zugegen, ist es ein gutes Mittel bei Ruhr, in späteren Stadien der Gonorrhö oder bei Halsbeschwerden. Man muss an das Mittel denken bei allen Leiden, die mit Brennen der Schleimhäute einhergehen. Dieses Brennen wird typischerweise so beschrieben, als würde roter Pfeffer darauf gestreut.
Nash schildert einen Fall: „Ich habe einen schlimmen Fall von berstendem Kopfschmerz geheilt, der schon jahrelang bestanden hatte; der Patient schrie bei jedem Hustenstoß auf und hielt dabei mit beiden Händen den Kopf fest. Schließlich wurde der Zustand so schlimm, dass er im Bett liegen musste, weil der Schmerz im Sitzen unerträglich wurde. Capsicum heilte ihn umgehend.“
Guernsey: „Capsicum greift in ganz besonderem Maße die Schleimhäute an.
Der Kopf schmerzt, als ob er platzen wollte; oder es schlägt, pocht darin; stechender Kopfschmerz, besser durch Bewegung. Fressendes, brennendes, fein stechendes Jukken der Kopfhaut, als wenn sie mit Cayennepfeffer eingerieben worden wäre. …
Sodbrennen und Aufstoßen mit der Empfindung und dem Geschmack von rotem Pfeffer. Gefühl von kaltem Wasser im Magen. …
Abdomen wie zum Zerplatzen aufgetrieben. …
Gähnen bei Tage und Schlaflosigkeit nachts. Gefühl im Schlaf, als falle er von einer Höhe herab (dies ist für thujaTHUJA besonders typisch). …
Die Symptome erscheinen gewöhnlich auf der linken Seite.
Capsicum passt vor allem für hellhaarige Menschen mit einer Neigung, dick zu werden, mit schlaffen Muskeln und aufgedunsener Haut.“
Farrington spricht von der ausgeprägten Neigung des Nachtschattengewächses Capsicum, die Gewebe zu reizen; nur wenig von der Substanz werde benötigt, um diesen Reizzustand herbeizuführen. „Es wird durch die Nieren eliminiert, wodurch es Strangurie mit Brennen beim Wasserlassen hervorruft. Diese Arznei wirkt am besten bei Personen von ‚schlaffer Faser‘ und eher korpulentem Körperbau … Der Capsicum-Patient hat eine schwache Verdauung oder einen schwachen Magen, daher ist der ganze Mensch schwach. Erwachsene und Kinder sind gleichermaßen reizbar und werden schnell zornig. Durch die geringste Zugluft geht es ihnen schlechter, selbst wenn diese warm ist. Sie sind unbeholfen und ungeschickt in ihren Bewegungen. …
Auch wenn der Patient durstig ist, verursacht Trinken Schauder. …
Capsicum hat ein Symptom, dem man in der Praxis nicht oft begegnet, und zwar: Sehr übelriechender Atem nur beim Husten. …
Bei Diphtherie ist es indiziert, wenn brennende Blasen am Gaumen und ein aashafter Geruch aus dem Mund bestehen. Der Schlund fühlt sich wie krampfhaft zusammengezogen an, besonders wenn er nicht schluckt.“
Zum Schluss einige Passagen aus Kents Lectures. Er sagt:
„Die meisten Substanzen, die bei Tisch als Gewürze oder Anregungsmittel dienen, werden im Verlauf von ein oder zwei Generationen sehr nützliche Arzneien sein, denn die Menschen vergiften sich mit ihnen, etwa mit Tee, Kaffee oder Pfeffer27

27

Kent nennt in der von M. Tyler zitierten 1. Auflage auch noch den Tabak, hat diese Passage aber später wieder gestrichen.

. Die giftigen Wirkungen auf die Eltern führen bei den Kindern zu einer Anfälligkeit für Krankheiten, die den durch diese Stoffe ausgelösten Arzneikrankheiten sehr ähnlich sind.
Fette, schlaffe, rotwangige Kinder von ‚überstimulierten‘ Eltern, die gern Bier trinken und viel mit Pfeffer würzen, benötigen sehr häufig Capsicum als Heilmittel. Capsicum-Patienten zeichnen sich durch allgemeine Reaktionsschwäche und eine schlaffe Konstitution aus, verbunden mit einer Neigung zu variköser Venenerweiterung. Das Gesicht sieht rosig aus, aber es ist nicht warm, sondern kalt, und bei näherer Betrachtung erkennt man, dass es von einem feinen System erweiterter Kapillaren durchzogen ist. Capsicum-Menschen sind ohne jede Ausdauer, von weicher, rundlicher Gestalt, mit einem pausbäckigen Gesicht, das durch eine falsche Plethora gekennzeichnet ist – wie bei calcarea carbonicaCALCAREA. Die Nasenspitze und die Backen sind rot; Rötung über den Wangenknochen; rote Augen. Solche Konstitutionstypen erholen sich nach Krankheiten nur langsam und reagieren nicht auf Arzneien; sie sind schlaff, matt und träge. Schulmädchen können nicht lernen, bekommen schnell Heimweh und wollen nach Hause. Gichtneigung mit Ablagerungen in den Gelenken, die steif sind, unförmig und schwach. … Es sind fröstelige Menschen, mit großer Empfindlichkeit gegen frische Luft, gegen Kälte und Baden.
Hinsichtlich ihres Gemütszustandes tritt kein Symptom so deutlich hervor wie dieses: Heimweh. … Sie sind überempfindlich, leicht beleidigt, übelnehmerisch, misstrauisch. Hartnäckigkeit und Eigensinn bis ins Extrem. Ihr Verhalten kann abscheulich sein; selbst wenn sie etwas Bestimmtes wollen, sind sie dagegen, wenn der Vorschlag von jemand anderem kommt.
Ihr Geist wird ständig von Selbstmordgedanken gepeinigt. …
Kopfschmerzen: als würde der Schädel zerspringen, wenn er den Kopf bewegt; als würde er in Stücke fliegen; hält den Kopf mit beiden Händen fest. Kopf fühlt sich zu groß an. … Beim Bücken ein Gefühl, als würden das Gehirn oder die Augen herausgepresst. …
Capsicum hat eine besondere Wirkung auf die Knochen des inneren Ohres und auf den Processus mastoideus28

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Kürzlich hatte ich ein Mädchen im Krankenhaus zu behandeln, das seit einer Mastoid-Operation vor einigen Jahren eine konstante Temperatur um 37,8° aufwies. Ich hatte gerade an diesem Arzneimittelbild gearbeitet und kam daher gleich auf Capsicum; seit sie das Mittel bekommen hat, also seit jetzt drei Monaten, ist die Temperatur normal.

. Abszesse im Bereich der Ohren und unterhalb davon; Knochenkaries. Nekrosen des Felsenbeins. Es ist ein häufig angezeigtes Mittel bei Mastoidabszess und Mastoiditis, welche die Ärzte der alten Schule aus Furcht vor den Komplikationen (wie Meningitis usw.) gerne operativ angehen, um die pneumatischen Zellen auszuräumen – eine furchtbare Praxis, denn sie können den Patienten leicht damit umbringen, und wenn nicht, trägt er nicht selten ein Krampfleiden davon! Aber auch dann heißt das indizierte Mittel immer noch Capsicum: Es wird den Kranken heilen, samt den Krämpfen und den Ohrenbeschwerden.
Alte, chronische Katarrhe …, die auf sorgfältig gewählte Mittel nicht ansprechen. Auf einmal wird dem Doktor bewusst, dass der Patient ein rotes, aber dennoch kaltes Gesicht hat, und ebenso ist es mit der Nasenspitze. Auch ist er dick und schlaff und hat nur wenig Ausdauer; in der Schule konnte er schlecht lernen. Wenn er sich anstrengt, bricht er gleich in Schweiß aus, und in kalter Luft friert er schnell. … Wenn er dem Patienten jetzt Capsicum verabreicht, wird es ihn ‚aufwecken‘. Das Mittel mag ihn vielleicht nicht vollständig heilen, doch danach wird sich siliceaSILICEA, kalium bichromicumKALIUM BICHROMICUM oder eine andere tiefgreifende Arznei, die möglicherweise zuvor erfolglos gegeben worden war, seiner annehmen und die endgültige Heilung herbeiführen. …
Alle Körperteile, die Sie berühren, sind schlaff, rot, fett und kalt. …
Dysenterie; nach dem Stuhlgang Tenesmus und Durst, und Trinken ruft Schauder hervor. … Hämorrhoiden beißen und brennen, als ob Pfeffer darauf gestreut worden wäre. … Alte, reaktionslose Fälle von Gonorrhö: Die Absonderung ist cremefarben; Sie bemerken die Gesichtsröte bzw. die falsche Plethora des Gesichts und stellen fest, dass der Patient korpulent, schlaff und kälteempfindlich ist und keinerlei Ausdauer besitzt. … Hier wird Capsicum nicht selten dem Prozess ein rasches Ende setzen. …
Chronische Heiserkeit; ist der Patient rundlich, fröstelig und rotwangig, dann verschwindet die Heiserkeit oft unter Capsicum. …
Husten in plötzlichen Anfällen, die den ganzen Körper durchschütteln. Jeder Hustenstoß erschüttert die leidenden Teile. Stiche in den leidenden Teilen beim Husten.“

Carbo vegetabilis

Weitere Namen: Carbo ligni; Holzkohle
Von jeher, so erzählt Hahnemann [Reine Arzneimittellehre, Band 6], hielten die Ärzte die Kohle für unarzneilich und kraftlos.
„Erst in den neuern Zeiten, als Lowitz in Petersburg die chemischen Eigenschaften der Holzkohle, besonders ihre Kraft, den fauligen und moderigen Substanzen den übeln Geruch zu benehmen und die Flüssigkeiten davor zu bewahren, gefunden hatte, fingen die Aerzte an, sie äußerlich anzuwenden. Sie ließen den übelriechenden Mund mit Kohlenpulver ausspühlen und die alten faulen Geschwüre damit belegen und der Gestank ließ in beiden Fällen fast augenblicklich nach. Auch innerlich zu einigen Quentchen auf die Gabe eingenommen nahm es den Gestank der Stühle in der Herbstruhr weg.“
Doch dies, so schreibt er weiter, „war nur ein chemischer Gebrauch der Holzkohle, welche dem faulen Wasser schon ungepülvert und in ganzen Stücken beigemischt, ihm den stinkenden Geruch benimmt und zwar in groben Stücken am besten.
Diese medicinische Anwendung war, wie gesagt, bloß eine chemische, keine dynamische, in die innere Lebens-Sphäre eindringende. Der damit ausgespühlte Mund blieb nur einige Stunden geruchlos – der Mundgestank kam täglich wieder. Das alte Geschwür ward davon nicht besser und der chemisch vor der Hand ihm benommene Gestank erneuerte sich immer wieder. Das in Herbstruhr eingenommene Pulver nahm nur auf kurze Zeit den Gestank der Stühle chemisch hinweg; die Krankheit blieb und der ekelhafte Geruch der Stühle kam schnell wieder.
In solcher gröblichen Pulvergestalt kann auch die Kohle fast keine andre, als eine chemische Wirkung äußern. Man kann eine ziemliche Menge Holzkohle in gewöhnlicher, rohen Gestalt verschlucken, ohne die mindeste Aenderung im Befinden.“
Und doch ist Carbo vegetabilis eines unserer machtvollsten und kostbarsten Arzneimittel und, wie ich selbst erlebt habe, zuweilen ein wahrer ‚Totenerwecker‘! Zugleich stellt es einen weiteren schlagenden Beweis für den Wert von Hahnemanns großer Entdeckung dar: die Befreiung der Arzneikräfte inerter Substanzen durch Dynamisation, d.h. die immer weitere Zerteilung der Partikel durch Reiben und Verschütteln.
Er beschreibt es so: „Einzig durch anhaltendes Reiben der Kohle (so wie vieler andern, todt und kraftlos scheinenden Substanzen) mit einer unarzneilichen Substanz, wie der Milchzucker ist, wird seine, innen verborgne und im rohen Zustande gebundene (latente) und gleichsam schlummernde und schlafende, dynamische Arzneikraft zum Erwachen und zum Leben gebracht.“ Er fand, dass bereits die Einnahme eines sehr kleinen Teils eines Grans der „millionfachen Pulververdünnung … große arzneiliche Wirkungen und Umstimmung des menschlichen Befindens hervorbringt.“ Einer stärkeren Potenzierung der Holzkohle zum homöopathischen arzneilichen Gebrauch bedürfe es „auf keine Weise“29

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In seinem Vorwort zu Carbo vegetabilis in den Chronischen Krankheiten ändert Hahnemann diesbezüglich seine Meinung; dort schreibt er: „Man bedient sich der verschiednen Potenz-Grade, je nach der verschiednen Absicht im Heilen von der Decillion-Potenz [C 30] an bis zur Million-Pulver-Verreibung …“

; auch die Prüfungen wurden mit dieser 3. Centesimalpotenz vorgenommen.
Kent sagt über Carbo vegetabilis: „Die Kohle ist eine vergleichsweise inerte Substanz, die erst arzneilich und kraftvoll und in ein großartiges Heilmittel verwandelt wird, wenn man sie fein genug verreibt. Erst durch ausreichende Zerteilung kann sie für die Natur mancher Krankheiten zum Simile werden und dementsprechend Menschen heilen. … Carbo vegetabilis ist ein großartiges Denkmal für Hahnemann und seine Lehren: Weitgehend wirkungslos im rohen Zustand, werden seine wahren Heilkräfte erst durch genügende Potenzierung herausgebracht. Es ist ein tief und lange wirkendes Antipsorikum. … Carbo vegetabilis beeinflusst vor allem das Gefäßsystem und dort besonders den venösen Teil des Kreislaufs: das rechte Herz und das gesamte Venensystem. Trägheit ist ein guter Ausdruck für das, was beim Studium der Pathogenese am meisten imponiert. Trägheit, Schwerfälligkeit, Turgeszenz … Alles am Organismus ist träge, schwerfällig, blutüberfüllt, erweitert, angeschwollen, gedunsen. Die Hände sind geschwollen, die Venen gestaut; der ganze Körper fühlt sich voll und aufgedunsen an. Im Kopf ein Gefühl von Blutfülle, ebenso in den Beinen, sodass der Patient das Bedürfnis hat, die Füße hochzulagern, um das Blut besser abfließen zu lassen. Die Venen reagieren äußerst träge, sind erschlafft und weitgehend gelähmt. Vasomotorische Paralyse; … variköse Venen an den Extremitäten.
Die geistige Verfassung ist, wie die körperliche, von Langsamkeit geprägt. Der Patient denkt langsam, ist geistig träge, schwerfällig und ‚dummlich im Kopfe‘. … Die Glieder sind ihm schwer, fühlen sich vergrößert an. Die Hautfarbe ist dunkel, der kapillare Kreislauf gestaut, das Gesicht düster bis purpurfarben.“
Carbo vegetabilis hat Brennen – und Kälte. „Brennen in den Venen, in den Kapillaren, im Kopf; Jucken und Brennen der Haut; Brennen von entzündeten Körperteilen. Inneres Brennen und äußere Kälte. Kälte mit schwacher Blutzirkulation, schwachem Herz. Eiseskälte. Hände und Füße kalt, Knie kalt, Nase kalt, Ohren kalt, Zunge kalt. Kälte im Magen mit Brennen. Überall mit kaltem Schweiß bedeckt. Kollaps mit kaltem Atem, kalter Zunge, kaltem Gesicht (camphoraCAMPHORA). Sieht aus wie eine Leiche, dennoch möchte der Patient bei all diesen Zuständen angefächelt werden.“
Oder wie Nash es ausdrückt … „Lebenskraft nahezu erschöpft; Kreislaufkollaps. Das Blut stagniert in den Kapillaren; venöse Stauung; Körperoberfläche kalt und blau.
In den letzten Stadien einer Krankheit, die mit profusem kalten Schweiß, kaltem Atem, kalter Zunge und Stimmlosigkeit einhergehen, kann diese Arznei Leben retten.“
Ich habe solche Fälle gesehen; insbesondere erinnere ich mich an einen extremen Fall – einer von denen, die man nie wieder vergisst! –, den ich hier wiedergeben will, um zu zeigen, was Carbo vegetabilis auch in hoffnungslosesten Fällen noch ausrichten kann, wenn die Symptome übereinstimmen. Es handelte sich um ein kleines Mädchen mit einer Herzerkrankung, die akut exazerbiert war und das junge Leben der Patientin abrupt zu beenden drohte; es bestand eine Pneumonie mit Pleuraerguss sowie eine Endo- und Perikarditis mit Perikarderguss. Eines Morgens, als der Stationsarzt in Begleitung mehrerer Kollegen seine Runde machte, traf er sie über ihren Kissen liegend an (sie hatte mehrere Stützkissen bekommen, weil sie sonst nicht liegen konnte) – kalt, weiß, bewusstlos. Sie lebte noch, denn von Zeit zu Zeit konnte man die gepressten, tiefen Atemzüge hören, wie sie bei Sterbenden auftreten. Rasch wurde ihr Carbo vegetabilis (ich glaube, in der C 200) verabreicht, wobei ein Kollege, der große Erfahrung besaß, meinte: „Ich fresse einen Besen, wenn die Kleine durchkommt!“ Aber noch bevor die Stationsrunde beendet war, war sie wieder warm geworden und hatte das Bewusstsein wiedererlangt – der Tod war an ihr vorübergegangen! Und unter kalium carbonicumKALIUM CARBONICUM (einem Komplementärmittel übrigens!) machte sie, soweit ihr geschädigtes Herz dies zuließ, weitere Fortschritte. Erlebnisse wie dieses sind es, die Carbo vegetabilis den Namen Totenerwecker verschafft haben.
Es ist eigentümlich und daher wichtig festzuhalten, dass solche Carbo-vegetabilis-Patienten noch in den extremsten Situationen, bei schon bestehender Todeskälte, lufthungrig sind und angefächelt werden wollen.
Abgesehen von solchen desperaten Zuständen gehört Carbo vegetabilis aber auch zu den nützlichen Arzneien unseres Alltags.
Zum Beispiel ist es eines unserer großen Flatulenz-Mittel30

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Bei exzessiven Blähungen scheint CARBO ANIMALIS gleichwertig mit Carbo vegetabilis zu sein, wenn nicht noch wirksamer. Nichts könnte beeindruckender sein als die prompte Linderung flatulenter Auftreibung durch CARBO ANIMALIS nach Bauchoperationen. Ich habe dies mehrfach beobachtet.

(lycopodiumLYCOPODIUM, chinaCHINA). Die Magengegend fühlt sich durch starke Luftansammlung voll und gespannt an, was sich vor allem nachts und im Liegen verschlimmert. Meiner eigenen Erfahrung nach kann es dabei auch zu stundenlangem, quälendem Luftaufstoßen kommen. Nach einer Gabe Carbo vegetabilis verschwindet dies ein für allemal. Wir wissen, dass pflanzliche Kohle im Rohzustand eine außergewöhnliche Fähigkeit besitzt, Gase zu binden – wobei die Mengen, die sie adsorbieren kann, phänomenal sind; doch würden wir nicht erwarten, dass sich diese seltsame Kraft auch auf das Reich der Potenzen überträgt! Es mag schwierig sein, das zu erklären; schließlich aber sind es immer nur die Fakten, die zählen. In gleicher Weise vermag Carbo vegetabilis in Potenz auch den üblen Geruch weit effektiver zu bannen als die rohe Holzkohle. Ich möchte allerdings zu bedenken geben: Carbo vegetabilis mag das Wunder an den Blähungen Nacht für Nacht bewirken, doch wird es, wenn es kein Carbo-vegetabilis-Fall ist, dieses Wunder jede Nacht aufs neue vollbringen müssen. Wohingegen ein anderes Mittel – vielleicht argentum nitricumARGENTUM NITRICUM –, dessen Symptome mit jenen des Patienten wirklich in Deckung zu bringen sind, heilen wird: Die Beschwerden werden nicht wiederkehren, zumindest nicht vor Ablauf etwa eines Monats und auch dann nicht mit derselben Intensität. Bei einer korrekt gewählten Arznei ist die Wirkung kurativ, nicht bloß palliativ.
Guernsey erwähnt auch „Beschwerden infolge von eingeklemmten Blähungen (es können Schmerzen im Kopf sein, in der Herzgegend oder wo immer, erleichtert durch Windabgang). Die Flatus haben einen fauligen und sehr stinkenden Geruch.“
Bezüglich der Magensymptome des Mittels ist der entsprechende Abschnitt in Kents Vorlesung sehr aufschlussreich – wie diese überhaupt ein wundervolles Bild der Arznei und ihrer Anwendungen vermittelt! Er sagt: „Der Carbo-vegetabilis-Typ hat ein Verlangen nach Kaffee, nach sauren, süßen und salzigen Dingen. Widerwille gegen die bekömmlichsten und am leichtesten verdaulichen Speisen …, z.B. gegen Fleisch oder gegen Milch, welche Blähungen hervorruft. Wenn ich jemanden in einen Carbo-vegetabilis-Zustand bringen wollte, würde ich mit dem Magen anfangen. Wenn ich die varikösen Venen und das schwache rechte Herz hervorrufen wollte, die Blutfülle und Kongestion, die Flatulenz, die Magen- und Darmstörungen, die Kopfschmerzen und die geistig-seelischen Störungen – kurz: die allgemeine Trägheit –, dann würde ich damit beginnen, ihm den Magen vollzustopfen. Ich würde ihn mit fetten Speisen füttern, mit Süßigkeiten, mit Puddings und Kuchen, mit dicken Soßen und all diesem schwerverdaulichen Zeug, und ich würde ihm reichlich Wein zu trinken geben: Dann hätte ich über kurz oder lang einen Carbo-vegetabilis-Kranken vor mir. Bekommen wir es überhaupt je mit solchen Patienten zu tun? Ganz gewiss – und es sind nicht wenige! Sobald sie anfangen, ihre Geschichte zu erzählen, wissen Sie genug über ihre Lebensweise, um voraussagen zu können, dass sie Fans von süßen Pasteten sind; zwanzig Jahre haben sie davon gelebt, und nun kommen sie und klagen: ‚Ach, Herr Doktor, ich hab's mit dem Magen, nur mit dem Magen; wenn Sie bloß meinen Magen wieder in Ordnung bringen könnten.‘ … Brennen im Magen, Auftreibung des Magens mit ständigem Aufstoßen, Blähungen und Abgang fürchterlich stinkender Winde.“
Nash und andere zitieren H. N. Guernsey, „einen unserer besten Praktiker“, hinsichtlich der chronischen Beschwerden, welche Carbo vegetabilis erforderlich machen können: „Nie wurde ein richtigerer Satz geschrieben als der, dass Carbo vegetabilis vorzüglich geeignet ist ‚für herabgekommene, kachektische Individuen‘ [Noack/Trinks]. Diese Bemerkung wird besonders verständlich im Lichte jener Fälle, wo der Keim der Krankheit durch den schwächenden Einfluss einer früheren Störung in den Organismus eingepflanzt worden ist. So erzählt uns der Patient beispielsweise, dass er seit seinem Keuchhusten in der Kindheit ständig an Asthma zu leiden habe; oder er habe Verdauungsprobleme seit einem Trinkgelage vor etlichen Jahren; seit einer starken Überanstrengung fühle er sich nicht mehr recht wohl (rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON, calcarea carbonicaCALCAREA) – körperliche Anstrengung stelle im Augenblick kein Problem für ihn dar, doch rührten all seine jetzigen Beschwerden von dieser früheren Belastung her. Oder auch: Er habe vor einigen Jahren eine Verletzung erlitten, von der jetzt keine Spuren mehr vorhanden seien, doch all seine gegenwärtigen Beschwerden datierten aus der Zeit jenes Unfalls. … Der Arzt wird gut daran tun, in ähnlichen Fällen – sie sind zahlreich und können die unterschiedlichsten Erscheinungen darbieten – an Carbo vegetabilis zu denken, da solche Umstände auf das Mittel hinweisen und dieses sich daher aller Wahrscheinlichkeit nach als das passende erweisen wird, was durch die Übereinstimmung der übrigen Symptome des Falles mit denen des Mittels zu untermauern sein wird.“
Der Kursivdruck der letzten Passage stammt von mir, und dies aus gutem Grund: Ich habe früher Carbo vegetabilis ‚versucht‘, wenn die gegenwärtige Beschwerde seit einer vorangegangenen Krankheit oder einem Unfall bestand oder diesem Umstand zugeschrieben wurde; doch die Resultate waren sehr bescheiden, und so ließ ich die Idee wieder fallen. Wo aber eine solche Vorgeschichte Sie an Carbo vegetabilis denken lässt und Sie anhand der Materia medica feststellen, dass auch die Symptome übereinstimmen, werden Sie unweigerlich Ihre Erfolge haben. Das aber ist etwas völlig anderes – und das ist es auch, worauf Guernsey in seinem letzten Satz abhebt! Es ist ja oft so, dass irgendein seltsames Symptom oder ein Hinweis wie der obige ein bestimmtes Mittel in den Vordergrund rückt, das Ihnen sonst nie in den Sinn gekommen wäre. Wenn Sie dann die Materia medica konsultieren und herausfinden, dass sich die übrigen Symptome ebenfalls decken, werden Sie auch erfolgreich sein. Es gibt mehr als einen Weg, die heilende Arznei zu finden, die letzte Instanz aber ist stets die Materia medica. Kein Repertorium wird je an die Stelle der tatsächlichen Prüfungssymptome treten können; nicht selten jedoch wird es uns mit Hilfe eines eigentümlichen Symptoms zum richtigen Mittel führen.
Ich habe einmal die erstaunliche Wirkung einer Einzelgabe Carbo vegetabilis bei einem Fall von Gangrän erlebt, die einen entsetzlichen Gestank verbreitete. Kent sagt zu diesem Thema: „Bei Ulzerationen brauchen Sie angesichts der Gewebsschwäche und der völligen Erschlaffung der Blutgefäße nicht überrascht zu sein, wenn die Heilungsvorgänge und die Bildung neuen Gewebes nicht in Gang kommen. Eine Stelle, die verletzt worden ist, neigt daher zu nekrotischem Zerfall; und hat sich erst ein Geschwür gebildet, so wird dieses nicht mehr ausheilen. Die Gewebe sind indolent. … Nur mäßige oder überhaupt keine Bildung von Granulationsgewebe. ‚Das Blut stagniert in den Kapillaren.‘ Sie sehen, wie leicht diese geschwächten Teile gangränös werden können. Jede kleine Entzündung oder Kongestion wird schwarz oder purpurn und geht bald in Nekrose über – das ist alles, was zur Ausbildung einer Gangrän erforderlich ist.“
Doch abgesehen von solchen Endprozessen wie Gangrän findet man Carbo vegetabilis auch in manchen Fällen von Varizen oder varikösen Ulzera außerordentlich hilfreich. Man erkennt in solchen Fällen schwärzliche Flecken oder Areale, die durch Stauung in den Venulae und Kapillaren bedingt sind. Gerade hier ist Carbo vegetabilis besonders angezeigt (auch thujaTHUJA hat etwas in dieser Art); die schwarze Verfärbung geht zurück, und das Ulkus heilt ab.
Im Folgenden nun einige Indikationen und Symptome von Carbo vegetabilis, wie sie von den Prüfungen nahegelegt werden bzw. in diesen herausgebracht worden sind.
Kopfschmerzen; alle Prüfer klagten über Kopfschmerzen, zumeist im Hinterkopf; manche konnten keine Kopfbedeckungen ertragen.
Haare fallen handvollweise aus.
Gesicht blass, kalt; kalter Schweiß im Gesicht (veratrum albumVERATRUM).
Zunge kalt und zusammengezogen; weiß belegt; bläulich; ausgedörrt; klebrig; schwarz (arsenicumARSENICUM).
Lockere Zähne und blutendes Zahnfleisch.
Fauliger Mundgeruch und Mundgeschmack.
Eines der Mittel bei Mumps. (pilocarpinumPILOCARPINUM)
Viele katarrhalische Beschwerden.
Kälte: „Kalte Glieder, kalte Knie, kalte Nase, kalte Füße, kalter Schweiß. Gesicht blass, kalt, mit Schweiß bedeckt.“
Bei Lungenerkrankungen mit viel Atemnot, großen Mengen Auswurf, erschöpfendem Schweiß, großer Kälte – und der Patient muss Luft zugefächelt bekommen.
Kalter Atem; auch Kältegefühl in Hals, Mund und Zähnen; Patient möchte dennoch angefächelt werden: er braucht mehr Luft.
Kalte Knie nachts.
Geschwüre brennen nachts; Absonderungen übelriechend.
Blutungen: indolentes Heraussickern von Blut … „Auf der Zunge sammelt sich schwärzliches Exsudat, aus den Venen ausgetretenes dunkles Blut an.“ „Erbrechen von Blut, bei eiskaltem Körper und Atem.“
Wie Kent sagt, verschlimmert die exzessive Gasbildung im Bauch sämtliche körperlichen Beschwerden. Zuweilen kann es auch zu „Gasbildung in den Geweben kommen, unter der Haut, sodass es krepitiert“.
„Äußerst faulig riechende Winde; inkarzerierte Flatus; sie können sich hier und da sammeln, sodass sie sich wie ein Knoten anfühlen.“
„Ekelhaft stinkende Durchfälle, verbunden mit putridem Blähungsabgang.“
„Eine der wichtigsten Arzneien, die wir für das Anfangsstadium von Keuchhusten haben.“
„Häufige, langanhaltende, heftige Attacken von krampfhaftem Husten, mit kaltem Schweiß und kaltem, erschöpftem Gesicht.“
„Drittes Stadium der Pneumonie, mit fötider Expektoration, kaltem Atem, kaltem Schweiß sowie Verlangen, Luft zugefächelt zu bekommen.“
„Empfindungen von innerer Hitze und innerem Brennen bei äußerer Kälte – ein häufiges Merkmal von Carbo vegetabilis.“
Brennen im Magen. Große Ansammlung von Winden; Auftreibung von Magen und Unterleib.
Asthma bronchiale. Kent schildert das typische Carbo-vegetabilis-Bild eines Asthmaanfalls: „Wir sehen den Patienten, auf einen Stuhl gestützt, am offenen Fenster sitzen, oder ein Familienmitglied fächelt ihm so schnell wie möglich Luft zu. Das Gesicht ist kalt, die Nase spitz; die Extremitäten sind kalt, und er ist totenblass. Halten Sie die Hand vor seinen Mund, und Sie werden feststellen: auch der Atem ist kalt; er ist faulig, übelriechend.“
Hauptsymptome31

31

Mit a versehene Symptome stammen aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten.

Geist und GemütGleichgültig hört er Alles, ohne Wohl- oder Missbehagen mit an, und ohne dabei Etwas zu denken.a
Ängstlichkeit: wie beklommen; mit Hitze im Gesicht; mit Zittern am ganzen Leibe; beim Schließen der Augen; abends, nach dem Niederlegen; beim Erwachen.
OhnmachtOhnmachtsähnliche Schwäche: nach Schlaf; beim oder nach dem Aufstehen oder auch schon im Bett; morgens; durch Aufstoßen; aufgrund von schwächendem Säfteverlust oder nach Quecksilbermissbrauch.
KopfDumpfer Kopfschmerz am Hinterhaupte.a
Heftig drückender Schmerz an und in dem Hinterhaupte, ganz unten.a
Schwere im Kopfe.a
Der Kopf ist ihm so schwer wie Blei.a
Der Hut drückt auf dem Kopfe, wie eine schwere Last, und wenn er ihn abnimmt, behält er doch das Gefühl, als sei der Kopf mit einem Tuche zusammen gebunden.a
Schweiß auf der Stirn, oft kalt.
AugenBrennen.a
GesichtParotitis.
MundLockerheit der Zähne, mit Bluten des Zahnfleisches, das sehr empfindlich ist.
Die Zunge wird schwarz.
Zunge kalt.
Mundfäule.a
MagenWie gespannt und volla; Blähungen.
Große Ansammlung von Luft im Magen.
Auftreibung von Magen und Unterleib.
RektumBrennen.
Afterjücken.a
Wundscheuern und Wundheit von Kindern bei heißem Wetter.
Cholera asiatica, Kollapsstadium.
GenitalienNach sexuellen Exzessen und Onanie.
Wundheit, Jucken, Brennen und Schwellung der Schamgegend.
LaktationSchwäche durch Stillen (Gastralgie).
Kehlkopf, Atmung, BrustStarke Rauhheit der Kehle mit tiefer Rauhheit der Stimme, die ihm versagt, wenn er sie anstrengt; doch ohne Schmerz im Halse.a
Kurzatmig, mit kalten Händen und Füßen.
Möchte angefächelt werden – braucht mehr Luft.
Gefühl von Schwäche und Angegriffenheit der Brust.a
Beim Erwachen fühlt er die Brust wie ermüdet.a
Pneumonie: drittes Stadium, fötides Sputum; kalter Atem und kalter Schweiß; möchte angefächelt werden; drohende Paralyse der Lunge.
ExtremitätenFeiner, jückender Ausschlag an den Händen.a
Kalte Knie, besonders in der Nacht.
Geschwür am Unterschenkel: brennt nachts; mit übelriechenden Absonderungen; gefleckt, dunkelrot.
SchlafNachts erwacht sie oft mit Kälte in den Beinen und Knien.a
FieberAdynamische und gastrische Fieber, die bei heißem Wetter durch zu häufigen Genuss von Eiswasser oder anderen Sommererfrischungen auftreten.
Typhus- und Gelbfieberpatienten: zyanotisch, Kälte der Gliedmaßen, fast in Agonie; drohendes Herzversagen und Kollaps.
Gelbfieber: drittes Stadium, Hämorrhagien, mit starker Gesichtsblässe, heftigen Kopfschmerzen, großer Schwere in den Gliedern und Zittern des ganzen Körpers.
GewebeSchwellung der Drüsen und Lymphknoten bei skrofulösen oder syphilitischen Personen.
Sepsis: eingefallene Gesichtszüge, fahle Gesichtsfarbe, Schwindsucht- und Typhussymptome.
HautBlaue Verfärbung des Körpers, mit schrecklicher Herzangst und eisiger Kälte der gesamten Körperoberfläche (Zyanose).
Geschwüre mit brennenden Schmerzen.
KonstitutionDie Lebenskraft liegt darnieder; Vorherrschen der venösen Tätigkeit des Blutes [Noack/Trinks].

Caulophyllum

Weitere Namen: Caulophyllum thalictroides; Frauenwurzel
Wenn es den konventionellen Praktiker, vollgestopft mit schulmedizinischem Wissen, unter ‚Eingeborene‘ oder ähnliche ‚Wilde‘, wie er sie nennt, verschlägt, ist er nur allzu geneigt, die überlieferte Heilkunde, die er dort vorfindet, unduldsam abzutun, unabhängig davon, wie nützlich oder schädlich sie ist. Oft mag sie ja vielleicht tatsächlich eher nachteilige Folgen haben – aber keineswegs immer! Nur weil er seine vergleichsweise leichten, bequemen – und von den medizinischen Autoritäten sanktionierten! – Behandlungsmethoden sicher beherrscht, neigt er dazu, von oben herab vieles von dem verächtlich zu machen und mit Füßen zu treten, was zu erforschen und zu studieren für ihn von großem Vorteil wäre.
Seine geliebten Antiseptika zum Beispiel stellen für ihn die wertvollen ‚Wundkräuter‘ der Gegend selbstverständlich weit in den Schatten. Dabei würden gerade diese (statt seiner plumpen und ängstlichen Bemühungen, die gefürchteten Mikroben abzutöten oder zumindest fernzuhalten – mehr oder weniger auf Kosten der dem Organismus innewohnenden Heilkräfte) ihm viel Arbeit abnehmen, auf die sanfte und wirkungsvolle Art, wie sie diesen Kräutern eigen ist, nämlich einfach dadurch, dass sie die normalen Heilprozesse in beschädigten Geweben anregen und so den Feind in die Flucht schlagen. Weil darüber hinaus auch noch Chinin (ein Mittel übrigens, das er Beobachtungen aus der Volksmedizin verdankt) und einige andere gängige Medikamente zu seinem Arsenal gehören, die im Wesentlichen von palliativer Wirkung sind, glaubt er nur zu gern, alles nötige Wissen bereits zu besitzen. Das, was er nicht über Medizin weiß, lohnt sich auch nicht zu wissen oder ist für ihn kein Gegenstand ernsthafter Betrachtung. Dabei vergisst er:
Wissen ist stolz, weil es so viel weiß;
Weisheit ist bescheiden, weil sie nicht mehr weiß.
Ganz anders, Gott sei Dank, die Haltung des Homöopathen. Stets ist er auf der Suche nach dem, was heilt. Sein unstillbarer Durst nach Kraft hat ihn gelehrt, nichts zu verachten und alles Erreichbare aufzunehmen und zu prüfen. Daher wurden aus aller Welt, von den nordamerikanischen Indianern, aus Südamerika, besonders Brasilien, von Martinique und den Westindischen Inseln – von überall her – nicht nur wertvolle Heilkräuter, sondern auch jene großartigen Spinnen- und Reptiliengifte (von Schlangen, Kröten, Echsen) in die Materia medica aufgenommen, welche in ihrer Gesamtheit der Homöopathie eine Breite des Heilungsspektrums ermöglichen, von der die alte Schule nur träumen kann. Einige Mittel aus der Volksmedizin sind nur langsam als Nachzügler in die Materia medica eingesickert, wie z.B. hamamelisHAMAMELIS (der Virginische Zauberstrauch oder die ‚Hexenhasel‘), das 1850 von Constantin Hering eingeführt wurde und mittlerweile zum Gemeingut geworden ist. … Beim Durchsehen der Arzneimittelliste im ‚Hale White‘, jenem allopathischen Lehrbuch, anhand dessen sich die Medizinstudenten ‚Mat. med.‘ einpauken, kann man diese importierten homöopathischen Arzneien übrigens immer schnell daran erkennen, dass sie als einfache Tinkturen angegeben werden und nicht in jene zusammengesetzten Rezepte ‚eingearbeitet‘ sind, wie sie längst der Vergangenheit angehören sollten. Um so amüsanter ist es, gelegentlich mitzuerleben, wie man ausgerechnet uns vor der Giftigkeit dieser Mittel warnen will, mit denen wir tagtäglich umgehen. Gerade aus diesem triftigen Grund unterliegen ja, wie Clarke betont, unsere Arzneimittel, wenn sie heilsam sein sollen, einem doppelten Gesetz: dem Ähnlichkeitsgesetz und dem der Dynamisation – um nicht nur effektiv, sondern auch sicher zu sein. Es versteht sich von selbst, dass es eines sorgfältigen Umgangs und Verschreibens bedarf, wenn man Arzneien, die großes Unheil anrichten können, einsetzt, um etwas Ähnliches zu heilen. Wir füttern unsere Patienten nicht damit!
Jetzt hat die alte Schule endlich auch die Schlangengifte für ihre Zwecke entdeckt und ergeht sich in Bewunderung für die gewaltigen Möglichkeiten, die sie sich von ihnen verspricht. Aber auch hier hat die Sache wieder einen Haken! – denn diese potentesten aller potenten homöopathischen Mittel müssen entsprechend den Methoden Hahnemanns angewandt werden, wenn sie ein Maximum an Nutzen und ein Minimum an Schaden bewirken sollen. Und einmal mehr ist zu sagen, dass nur durch die ‚Prüfungen‘ derselben herausgefunden werden kann, wozu sie wirklich fähig sind, und ebenso, welches von ihnen für diesen Fall – für diesen Zweck – geeignet ist und welches für jenen!
Doch um endlich auf unser Thema zu kommen … Die Frauenwurzel (‚Squaw-Root‘) aus Nordamerika ist eine wunderbare Hilfe bei der Behandlung von Schmerzen und Erkrankungen, „denen das (weibliche) Fleisch unterworfen ist“. Es fällt auf, dass Caulophyllum, wie die anderen Mittel aus diesen späteren Quellen, oft – zumindest anfänglich – in niedrigen Potenzen und materiellen Dosen verwendet worden ist. Doch es kann, wie ein Fall von Nash am Ende des Kapitels zeigen wird, in den höheren Potenzen wahrscheinlich viel bessere Dienste leisten.
Dr. Borland (Homœopathy for Mother and Infant) schreibt:
„Es ist eine Erfahrung, die homöopathische Ärzte mit einer Allgemeinpraxis allenthalben häufig machen, dass ihre Patientinnen nicht unter schweren Geburten zu leiden haben. Dies beweist noch nichts, ist aber für die Patientinnen eine angenehme Tatsache. Zwei Faktoren tragen zu dieser glücklichen Erfahrung bei: Eine schwangere Frau, die durch die ganze Schwangerschaft hindurch homöopathisch betreut wird, wird ihrer Entbindung befreit von körperlichen und seelischen Beschwerden entgegengehen können, von Umständen also, die sonst durchaus nicht selten dazu führen, dass die Geburt selbst zu einem wenig erfüllenden Erlebnis wird. Zum zweiten gibt es eine Arznei – Caulophyllum –, die die Fähigkeit besitzt, regulierenden Einfluss auf die Wehentätigkeit zu nehmen. Dies ist eine Tatsache, die den Homöopathen schon vor vielen Jahren bekannt war und von ihnen genutzt wurde, und sie ist heute nicht weniger real als früher.
Eine Patientin von mir wurde kürzlich von ihrem ersten Kind entbunden. Schon ihre Mutter hatte Caulophyllum bekommen, bevor sie sie auf die Welt brachte. Nun erhielt die Patientin selbst vor der Geburt ihres Kindes dieses Mittel. Während der Entbindung wurde sie von einer sehr erfahrenen Geburtshelferin betreut. Der Fötus war recht groß, und es war ihre erste Geburt. Als die Wehen einsetzten, wurde sie untersucht. Die zuständige Gynäkologin meinte, es verlaufe alles sehr gut, doch würden noch einige Stunden vergehen, bevor Hilfe nötig werden könnte, und so ging sie erst einmal nach Hause. Sie hatte gerade ihre Wohnung betreten, als das Telefon klingelte: Sie möge bitte sofort zurückkommen … Sie kam gerade noch rechtzeitig in die Klinik, um zu sehen, wie das Kind geboren wurde. Der Mutter waren alle Komplikationen erspart geblieben – Zangengeburt, Stunden des Leidens und langanhaltende Wehen samt den damit einhergehenden zunehmenden Gefahren für das Kind. Sie hatte vorher einen Monat lang täglich kleine Dosen Caulophyllum eingenommen. Zufall? Vielleicht – aber ein Zufall, den man mittlerweile erwartet.32

32

NB: Auf unserer Farm hilft es auch den Kühen beim Kalben. – Ed.

(Und weiter:)
Als Vorbereitung für komplikationslose Wehen
Caulophyllum (die ‚Squaw-Root‘ der nordamerikanischen Indianer).
  • Besorgt – ängstlich.

  • Uterus fühlt sich kongestioniert an; Spannungs- und Vollheitsgefühl.

  • Krampfschmerzen im Uterus (auch sonst während der Menses).

  • Leukorrhö; ‚Bearing-down‘-Schmerzen.

  • Drohender Abort (VIBURNUM OPULUS).

  • Krampfartige Rigidität des Muttermundes, die Wehen hinauszögernd.

  • Wehen kurz, unregelmäßig, spasmodisch; machen keine Fortschritte.

Caulophyllum ist noch nicht ausreichend geprüft; doch hat sich herausgestellt, dass es die Wehen erleichtert, wenn es in den letzten zwei, drei Wochen der Schwangerschaft einmal täglich eingenommen wird. 12. oder 30. Potenz.“
Es war Edwin M. Hale, der in seinen New Remedies erstmals auf diese unschätzbare Arznei aufmerksam machte. Er schreibt:
„Dies ist eines aus einer ganzen Gruppe von Arzneimitteln, deren Heilkräfte den Ureinwohnern dieses Landes offenbar wohlbekannt waren. Sie nannten die Pflanze ‚Squaw-Root‘, unter welchem Namen sie auch einer breiten Bevölkerung geläufig ist. Die frühen Pioniere, Laien wie Ärzte, legen sämtlich Zeugnis ab von der hohen Wertschätzung, die sie bei den Indianern zur Linderung von Leiden und Gebrechen der Frauen dieser Rasse genoss. Sie hat noch einen anderen Namen, ‚Blue Cohosh‘, dessen Ursprung ich aber nicht ermitteln konnte.33

33

Laut Webster’s Dictionary ist der Name „Cohosh“ indianischen Ursprungs. Er bezeichnet zum einen Caulophyllum, zum anderen aber auch noch mehrere andere Arten aus der Familie der Hahnenfußgewächse. Leesers Lehrbuch der Homöopathie nennt Caulophyllum auch den „Blauen Hahnenfuß“.

Der Wirkungsbereich von Caulophyllum, soweit er gegenwärtig bestimmt werden kann, ist nicht sehr umfangreich und beschränkt sich im Wesentlichen auf die kleinen Muskeln und Gelenke sowie die Muskelgewebe der Fortpflanzungsorgane; eventuell sind auch die motorischen Nerven und die Schleimhäute mit einbezogen.
Die Prüfungen, die durchgeführt wurden, werfen nicht viel Licht auf die allgemeinen Wirkungen des Mittels. Fast sämtliche Daten, auf denen unser Wissen basiert, haben wir aus seiner klinischen Anwendung gewonnen.
Sein am meisten hervorstechender Nutzen scheint darin zu liegen, daß es intermittierende Kontraktionen des graviden Uterus hervorzurufen vermag, möglicherweise auch des nichtgraviden Uterus. Hierin unterscheidet es sich von ergotinumERGOTINUM, das persistierende Kontraktionen verursacht bzw. dazu neigt. Die Arzneimittel, die ihm in dieser Hinsicht am ähnlichsten sind, sind viburnum opulusVIBURNUM, cannabis indicaCANNABIS INDICA und cimicifugaCIMICIFUGA. …
Es ist ein mächtiges Mittel zur Verhinderung vorzeitiger Wehen und von Fehlgeburten, vorausgesetzt, die Vorzeichen sind Uterusschmerzen von spasmodischem Charakter.
Die Ureinwohner und frühen Siedler schrieben ihm die Fähigkeit zu, langwierige und schmerzvolle Wehen zu verhüten. Dieses Zeugnis ist von vielen hervorragenden und vertrauenswürdigen Ärzten sowohl der eklektischen als auch der homöopathischen Schule bekräftigt worden. …
Meine eigenen diesbezüglichen Erfahrungen mit dem Mittel sind in einem Maße gleichbleibend gut und überzeugend, dass ich nicht zögere zu behaupten, dass es nicht nur allzu schmerzhafte Wehen, sondern auch jene vorzeitigen Wehen verhindert, wie sie unter den schwächlichen Frauen unserer Zeit so weit verbreitet sind. …
Caulophyllum scheint homöopathisch zu sein zum Rheumatismus der kurzen Muskeln und kleinen Gelenke der Extremitäten, und es sind eine Reihe von Fällen dieser Art überliefert.“
Bei Farrington (Clinical Materia Medica) heißt es: „Ein weiteres Arzneimittel, das man mit pulsatillaPULSATILLA vergleichen muss, ist Caulophyllum. Es ist ein Mittel, das wir noch nicht lange besitzen, und doch hat es sich bereits als so hilfreich erwiesen, dass wir jetzt ohne es nicht mehr auskommen könnten.
Sein Hauptcharakteristikum ist das Intermittieren der Schmerzen. Sind die Schmerzen neuralgischer Art und Reflex einer uterinen Störung, so treten sie intermittierend auf. Gewöhnlich sind sie scharf und krampfartig und beziehen die Blase, die Leisten und die unteren Extremitäten ein.
Während der Wehen ist Caulophyllum indiziert bei extremer Uterusatonie. Die Schmerzen können noch so stark sein, und doch ist keinerlei Austreibungseffekt festzustellen. Es ist oft angezeigt bei nervösen Frauen, denen die Schmerzen unerträglich erscheinen. Sie sind krampfartiger Natur und wechseln ständig den Ort; mal treten sie in den Leisten auf, dann im Abdomen, dann wieder in der Brust, doch nie haben sie die Richtung der normalen Wehen. Die Patientin macht einen sehr erschöpften Eindruck; es besteht eine starke Erschöpfung des ganzen Organismus. Zuweilen kann sie kaum sprechen, so schwach ist ihre Stimme. Dies sind die Symptome, die nach Caulophyllum verlangen. Von den meisten Ärzten ist das Mittel in solchen Fällen in niedrigen Potenzen angewandt worden, doch kann es in allen Potenzen gegeben werden. Darüber hinaus ist Caulophyllum häufig in den letzten Wochen der Schwangerschaft indiziert, wenn die Patientin an falschen Wehen leidet, die durch schmerzhafte Empfindungen des Herabdrängens im Hypogastrium gekennzeichnet sind. Mir ist ein Fall bekannt, wo eine einzige Dosis diese Beschwerden beseitigte, nachdem sie bereits stundenlang angehalten hatten. …
Ein anderes Mittel, das ich bei Leukorrhö junger Mädchen sehr wertvoll gefunden habe, ist Caulophyllum, und zwar wenn die Absonderung profus ist und das Kind sehr schwächt. …
Wir sehen, dass bei Uterusspasmen Caulophyllum und ACTAEA RACEMOSA [cimicifugaCIMICIFUGA] wie magnesia muriaticaMAGNESIA MURIATICA wirken. Meiner Meinung nach ist hier aber Caulophyllum das führende Mittel. Ich kenne keine anderes Arzneimittel, das so langwierige Krampfzustände der Gebärmutter hervorruft, allenfalls noch secaleSECALE. …
Caulophyllum passt besonders bei Rheumatismus der phalangealen und metakarpalen Gelenke, vor allem bei Frauen.“
Auch Guernsey (Keynotes) würdigt Caulophyllum in einem kurzen Kapitel:
„Rheumatismus der kleinen Gelenke. Bei Gebärenden finden wir aufgrund der Erschöpfung der Patientin nur eine unzureichende Wehentätigkeit; Caulophyllum wird ihre Kräfte umgehend wiederherstellen und zu effizienten Wehen führen.“
Guernseys Zusammenfassung der Anwendungsmöglichkeiten des Mittels bei Frauenleiden ist es wert, an dieser Stelle wiedergegeben zu werden.
„Außerordentliche Rigidität des Muttermundes.
Krampfartige, heftige Wehen – ohne Fortschritte.
Die Wehen werden sehr schwach, weil die Patientin von deren langer Dauer erschöpft ist.
Durst und Fieberhaftigkeit.
Falsche Wehen: die Schmerzen sind krampfartig, erscheinen in verschiedenen Bereichen des Abdomens.
Patientin stark erschöpft, die Wehen sehr ineffizient.
Menorrhagien; oder Blutungen nach den Wehen, insbesondere nach vorzeitigen Wehen; sehr starkes Bluten infolge von mangelndem Muskeltonus der Gebärmutter, die relaxiert und nur zu schwachen Kontraktionen fähig ist.
Krämpfe bei sehr schwachen und unregelmäßigen Wehen; Patientin fühlt sich sehr geschwächt.
Plazentaretention, mit dem charakteristischen Schwäche- oder Erschöpfungsgefühl und zu schwachen Nachgeburtswehen.
Nachwehen nach einer langwierigen und erschöpfenden Geburt; krampfartige Schmerzen quer durch den Unterleib, können sich auch in die Leisten erstrecken.
Blutige Lochien, halten zu lange an; passives Heraussickern von Blut aus dem relaxierten Uterus, dabei große Erschöpfung.
Drohender Abort, bei unzureichendem Uterustonus; Uteruskontraktionen schwach.
Neuralgie der Vagina; dabei ist die Vagina äußerst empfindlich, die Schmerzen und Spasmen heftig und anhaltend.
Hysterie und Uterusverlagerungen – mit den o. g. Charakteristika.
Brennender Ausfluss, zu der typischen Schwäche führend.“
Und weiter: „Extremitäten: Sehr starke rheumatische Schmerzen, von drückendem, ziehendem Charakter; umherwandernd – mal hier, mal dort.
Rheumatismus besonders in den kleinen Gelenken, in den Fingern, Handgelenken, Zehen, Fußgelenken. Große, schmerzhafte Steifigkeit der befallenen Gelenke.
Schlimmer: im Freien; durch Kaffee.“
Schwäche, Erschöpfung, Tonusmangel sind, wie man sieht, die Keynotes dieses Mittels. Auch Kent arbeitet dies [im Rahmen seines Arzneimittelbildes über CIMICIFUGA] heraus:
„Schwäche in den weiblichen Fortpflanzungsorganen.
Sterilität infolge dieser Schwäche oder Abort in den ersten Monaten der Schwangerschaft.
Bei der Geburt sind die Uteruskontraktionen zu schwach, um den Fötus auszutreiben, sie quälen die Patientin nur.
Wehenartige Uterusschmerzen während der Menstruation, mit ziehenden Schmerzen in die Ober- und Unterschenkel, selbst in Füße und Zehen.
Uterusblutungen aufgrund der Inaktivität dieses Organs.
Erschlaffung des uterinen Muskel- und Bandapparats.
Schwere des Uterus, bis hin zum Prolaps.
Subinvolution.
Wundmachender Ausfluss.
Menses zu früh oder zu spät.
Die Patientin ist kälteempfindlich und braucht warme Kleidung, ganz im Gegensatz zu pulsatillaPULSATILLA.
Sie ist hysterisch – wie ignatiaIGNATIA.
Besorgt und ängstlich.
Sie hat rheumatische Beschwerden wie cimicifugaCIMICIFUGA, allerdings werden bevorzugt die kleinen Gelenke befallen.
Nach der Geburt leidet sie sehr unter Nachwehen, die bis in die Leisten verspürt werden.
Rheumatische Steifheit des Rückens und große Empfindlichkeit der Wirbelsäule.
Sie kann nicht schlafen, ist unruhig und überdies sehr reizbar.
Caulophyllum hat Chorea in der Pubertät geheilt, wenn sie in Verbindung mit verspäteter Menstruation auftrat.“
Es kommt immer zu Wiederholungen, wenn man mehrere Autoren zitiert, doch von jedem kann man etwas lernen, und jeder setzt die Akzente etwas anders. – „Lerne von vielen, wenn Du mehr als nur ein bisschen wissen willst.“
Nash schließlich spricht von Caulophyllum als „einem weiteren, sehr wertvollen ‚Frauenmittel‘ – wegen seiner spezifischen Wirkung auf den Uterus“; es verdiene eine gründliche Prüfung. Und zu seiner eigentümlichen Wirkung auf Uterus und kleine Fingergelenke bringt er einen lehrreichen und interessanten Fall, den ich hier kurz wiedergeben will.
„Eine verheiratete 40-jährige Frau mit einem seit langem bestehenden Schiefhals war im siebten Monat schwanger, als sie von starken Schmerzen und Schwellungen in sämtlichen Fingergelenken befallen wurde. Die einzige Weise, wie sie sich Linderung verschaffen konnte, um überhaupt ruhen oder schlafen zu können, war eine Senfpackung um ihre Finger. Ich verschrieb Caulophyllum D 3, was die Fingerschmerzen besserte, aber zu so heftigen Wehen führte, dass ich es aus Furcht vor einer Frühgeburt wieder absetzen musste. Daraufhin hörten die herabdrängenden Schmerzen im Unterleib auf, die Fingerschmerzen kehrten zurück und blieben so heftig, wie sie waren, bis die Patientin von ihrem Kind entbunden wurde; danach ließen auch die Fingerschmerzen für ein oder zwei Tage nach. Dann wurde der Wochenfluss, statt allmählich abzunehmen, immer stärker, bis er sich schließlich zu einer Metrorrhagie entwickelte. Die Blutung war passiv, dunkel und flüssig. Es bestand ein großes Schwächegefühl und innerliches Zittern, und nun stellten sich auch die Schmerzen in den Fingern wieder ein.
Ich scheute mich, obgleich es angezeigt schien, ihr noch einmal Caulophyllum zu geben, da es zuvor diese Wehen hervorgerufen hatte. Aber nachdem ich ohne die geringste Besserung arnica montanaARNICA, sabinaSABINA, secaleSECALE und sulfurSULFUR verabreicht hatte, beschloss ich, es noch einmal mit Caulophyllum in hoher Potenz zu versuchen. Ich gab es ihr in der 200. Potenz und heilte so sämtliche Beschwerden prompt und dauerhaft. Nun, dies war demnach ein perfekter Caulophyllum-Fall, und hätte ich das Mittel gleich von Anfang an in der richtigen Potenz gegeben, so wären dieser Frau zweifellos all die unnötigen Leiden erspart geblieben.“
Nash fügt hinzu: „Ich habe Caulophyllum bei langanhaltenden, passiven Uterusblutungen nach Fehlgeburten eingesetzt, wenn die charakteristische Schwäche und ein Gefühl von innerlichem Zittern vorhanden waren. Es hat oft unregelmäßige, krampfartige Wehen normalisiert und häufig auch gleichartige Schmerzen bei Dysmenorrhö gelindert.“
Viele Fälle rheumatoider Arthritis bei Frauen beginnen in der Menopause. Wann immer dies der Fall ist und die kleinen Gelenke von Händen und Füßen betroffen sind, sollte Caulophyllum eines der Mittel sein, die man in Betracht zieht; desgleichen bei allen Fällen außerhalb der Menopause, wo der Uterus und die kleinen Gelenke gleichzeitig in Mitleidenschaft gezogen werden.
Hier nun ein kleiner Fall, mit dem ich erst neulich wieder in unserer Ambulanz zu tun hatte; und weil er mich an Caulophyllum erinnerte, dachte ich, dieses Mittel müsste eigentlich einmal in einem Arzneibild dargestellt werden, ist es doch nur wenig bekannt und könnte doch so nützlich sein. Daher also dieser Versuch!
Mrs. X, 52, kam im April 1936 in die Ambulanz und klagte über rheumatoide Arthritis. Hände und Füße waren deformiert. Die Symptome ließen an causticumCAUSTICUM oder medorrhinumMEDORRHINUM denken, und so erhielt sie beides nacheinander – ohne Besserung. Später bekam sie aufgrund der ausgeprägten Verschlimmerung durch Gewitter über einige Monate rhododendronRHODODENDRON in verschiedenen Potenzen, was eine deutliche Besserung brachte.
Im Februar 1937 waren die Hände „weniger gut“, wieder mehr Schmerzen. rhododendronRHODODENDRON half nicht mehr; erneut causticumCAUSTICUM.
März 1937. Ich fand heraus, dass ihre Hände „schlimmer während der Periode und drei Tage vorher“ waren und „gut hinterher“, und ich gab ihr Caulophyllum, eine Dosis in der C 30.
April. „Viel besser, Fingerknöchel weniger geschwollen.“
Mai. Viel besser.
20. Juli. „Weiter deutlich gebessert.“ Und innerlich ebenfalls: „Nicht mehr so niedergeschlagen; kann meine Hände wieder gebrauchen.“
17. August. Sagt, nachdem sie erstmals hier gewesen war, „wurden die Hände viel besser, dann wieder schlecht. Nun sind sie sehr gut.“ Sie fühlt sich wohl, sieht gut aus; und die Beweglichkeit ihrer Hände ist wieder normal, mit nur noch geringen Anzeichen ihres früheren Zustandes.

Causticum

Weitere Namen: Causticum Hahnemanni; ‚Ätzstoff‘
Einer der Geniestreiche Hahnemanns! Ein Produkt des Chemikers und des Arztes Hahnemann.
Farrington sagt: „Causticum ist offenbar ein Kalipräparat, doch seine genaue Zusammensetzung ist mir nicht bekannt. Hahnemann selbst war nicht in der Lage, sie anzugeben, und auch die Chemiker nach ihm konnten nicht exakt feststellen, woraus es besteht.34

34

Eine jüngste Untersuchung von Dr. Wagner (Basel) ergab neben Spuren von Kalium eine Mischung von Ammoniumhydrat und Ammoniumsulfit (das Vorhandensein dieser Ammoniumsalze wird mit tierischen Einschlüssen in dem für die Zubereitung verwendeten Marmorkalk erklärt). Wie Mezger schreibt, weist Causticum dementsprechend in seinem Arzneibild Ähnlichkeiten mit KALIUM CARBONICUM und AMMONIUM CARBONICUM auf. Letzteres könne nach seinen Erfahrungen bei manchen Indikationen sogar ersatzweise für Causticum gegeben werden, während er dies für KALIUM CARBONICUM nicht habe feststellen können.

Nichtsdestoweniger ist es ein einzigartiges Mittel, ohne das wir in der Praxis nicht auskommen könnten.“
Hahnemann nennt das für die homöopathische Zubereitung verwendete Destillat wässeriges Causticum; was aber wichtiger ist, er gibt uns eine ausführliche Anleitung zur Herstellung „dieses mächtigen Antipsorikums“:
„Man nimmt ein Stück frisch gebrannten Kalk von etwa zwei Pfunden, taucht dieses Stück in ein Gefäss voll destillirten Wassers, eine Minute lang, legt es dann in einen trocknen Napf, wo es bald, unter Entwickelung vieler Hitze und dem eignen Geruche, Kalk-Dunst genannt, in Pulver zerfällt. Von diesem feinen Pulver nimmt man zwei Unzen, mischt damit in der (erwärmten) porcellänenen Reibeschale eine Auflösung von zwei Unzen bis zum Glühen erhitztem und geschmolzenem, dann, wieder erkühlt, gepülvertem, doppelsaurem schwefelsaurem Kali (bisulphas kalicus) in zwei Unzen siedend heissem Wasser, trägt diess dickliche Magma in einen kleinen gläsernen Kolben, klebt mit nasser Blase den Helm auf, und an die Röhre des letztern die halb in Wasser liegende Vorlage, und destillirt unter allmäliger Annäherung eines Kohlenfeuers von unten, das ist, bei gehörig starker Hitze, alle Flüssigkeit bis zur Trockenheit ab. Dieses etwas über anderthalb Unzen betragende Destillat, von Wasser-Helle, enthält in konzentrirter Gestalt jene erwähnte Substanz, das Causticum, riecht wie Aetz-Kali-Lauge und schmeckt hinten auf der Zunge schrumpfend und ungemein brennend im Halse, gefriert nur bei tiefern Kälte-Graden als das Wasser und befördert sehr die Fäulniss hinein gelegter thierischer Substanzen; auf Zusatz von salzsaurem Baryt lässt es keine Spur Schwefelsäure, und auf Zusatz von Oxal-Ammonium, keine Spur von Kalkerde wahrnehmen. …
Ein, höchstens zwei feinste Streukügelchen … (der 30. Potenz) ist die Gabe …, deren Wirkungs-Dauer oft weit über 50 Tage reicht.“
In Herings Guiding Symptoms heißt es: „Welche Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der chemischen Natur dieser Substanz theoretisch auch bestehen mögen …, die unzweifelhaft guten Erfolge, die von der Mehrzahl unserer besten Praktiker bei ihrer Anwendung in potenzierter Form erzielt wurden, machen sie zu einem Polychrest höchsten Ranges.“
Und Nash nennt Causticum „ein ganz einzigartiges Mittel, das von Hahnemann geprüft und unter die Antipsorika eingereiht wurde. Seine genaue chemische Zusammensetzung ist nicht bekannt, doch nimmt man an, dass es sich um eine Art Kalipräparat handelt. Es hat eine stattliche Anzahl eigentümlicher Symptome, die gleichwohl sehr verlässlich sind.“
Vom Gemüt her ist Causticum ein unglücklicher Typ: leicht zum Weinen aufgelegt, melancholisch und ohne Hoffnung; er sieht alles schwarz, hat dunkle Vorahnungen und Befürchtungen. Er ist verdrießlich, reizbar und tadelsüchtig; sehr argwöhnisch und misstrauisch. Causticum ist ein Mittel bei Geistesstörungen nach Unterdrückung von Hautausschlägen.
Es wirkt besonders auf dunkelhaarige und dunkeläugige Menschen von gleichermaßen düsterer Stimmung und finsterem Naturell – keine Spur von Heiterkeit oder Fröhlichkeit.
Kent sagt: „Causticum hat Geisteskrankheiten geheilt; nicht die akuten Formen mit heftigem Delirium, sondern Geistesverwirrung von eher passiver Art, bei der das Gehirn müde geworden ist. Die Konstitution ist von langem Leiden und vielem Kummer zermürbt worden, und schließlich ist auch der Geist in Unordnung geraten, er ist verwirrt.“
Noch einmal Farrington: „Causticum ist besonders für furchtsame, nervöse und ängstliche Patienten geeignet, die voller furchterregender Einbildungen sind, besonders am Abend in der Dämmerung, wenn die Schatten länger werden und die Phantasien überhandnehmen. Das Kind beispielsweise fürchtet sich, im Dunkeln ins Bett zu gehen.“
Weiter entnehmen wir Farringtons Vorlesung: „Der Patient hat eine recht seltsame Empfindung, der man nicht oft begegnet: das Gefühl, als befände sich ein Hohlraum zwischen Gehirn und Schädelknochen. Diese Empfindung wird durch Wärmeanwendung gemildert. So wunderlich Ihnen das Symptom erscheinen mag, es ist immerhin nicht so selten, dass Sie es sich nicht merken sollten. …
Sehr charakteristisch für das Mittel sind Lähmungen einzelner Körperteile oder einzelner Nerven. Sie benötigen es daher möglicherweise bei einer Fazialisparese, wenn diese auftritt, nachdem man trockenen, kalten Winden ausgesetzt gewesen ist. … Diese Lähmungen können verursacht sein durch tiefsitzende Nervenleiden oder, was sehr typisch ist, durch Kälteexposition, vor allem gegenüber großer Winterkälte, wenn der Patient rheumatisch veranlagt ist.“ (aconitumACONITUM hat dieselbe Causa: bitterkalte, trockene Winde; bei Lähmung des N. facialis wird daher oft aconitumACONITUM heilen, wenn diese aber chronisch zu werden droht, Causticum.)
„Causticum kann auch bei Kindern indiziert sein. Obwohl diese allgemein und besonders an den Füßen abgemagert sind, ist der Bauch dick und aufgetrieben. Sie lernen langsam sprechen. … Ausschlag auf der Kopfhaut, besonders hinter den Ohren; Augenentzündungen; oft besteht eitrige Otorrhö. Das Kind stolpert beim Versuch zu gehen. …
Aphonie oder Versagen der Stimme. … NB: Heiserkeit tritt bei phosphorusPHOSPHORUS zumeist abends verstärkt auf, bei Causticum ist sie typischerweise morgens schlimmer. …
Die paralytische Tendenz zeigt sich auch beim Husten. Der Patient kann nicht tief genug husten, um den Schleim herauszubefördern; oder der Schleim schlüpft, halb herausgebracht, wieder in den Rachen zurück. … Sehr charakteristisch für Causticum ist ferner das Herausspritzen von Urin bei den Hustenstößen.“ („Diese Unfähigkeit zu expektorieren findet man bei jeder Art von Husten, bei Keuchhusten etc.“)
Farrington erwähnt, dass er einmal auch einen Fall von Morbus Menière mit Causticum geheilt habe (salicylicum acidumacidum salicylicumACIDUM SALICYLICUM).
Und weiter: „Epilepsie, insbesondere Petit mal; Urinabgang während der Bewusstlosigkeit. Causticum kommt aber auch in Betracht, wenn die Anfälle konvulsiver Natur sind, vor allem wenn diese zur Neumondzeit35

35

Bei Tyler heißt es Vollmond, Farrington spricht jedoch von Neumond. Das Synthetische Repertorium führt Causticum in beiden Rubriken auf: Konvulsionen bei Vollmond: Calc., Caust., Nat-m.;Konvulsionen bei Neumond: Bufo, Caust., Cupr., Kali-br., Sil.

wiederkehren (siliceaSILICEA). …
Rheumatismus, rheumatoide Arthritis, vor allem wenn die Gelenke steif und die Sehnen verkürzt sind, sodass die Glieder deformiert werden.“ (Dabei fällt mir eine alte Patientin ein, der Causticum sehr gut getan hatte; zum Schluss benötigte sie noch droseraDROSERA, wonach fast all die Gelenke rasch ihre Beweglichkeit wiedererlangten, welche jahrelang ‚eingerostet‘ gewesen waren. Sie hatte zusätzlich Schmerzen in der Tibia entwickelt, was den entscheidenden Hinweis auf droseraDROSERA lieferte: droseraDROSERA hat vorzugsweise „Schmerzen in den langen Röhrenknochen“.)
Rheumatoide Beschwerden also, mit Kontrakturen und Deformierungen36

36

Laut Vithoulkas (Esalen-Seminare) gehört Causticum neben CALCAREA PHOSPHORICA, GUAJACUM und VIOLA ODORATA zu den Mitteln bei der Dupuytrenschen Kontraktur und beim Karpaltunnel-Syndrom.

; < kalte, trockene Winde, > warmes, feuchtes Wetter.
Nun zu Kent: „Causticum ist ein sehr tiefwirkendes Mittel, das auch in Fällen, wo die Gesundheit schon längere Zeit zerrüttet ist und sich bereits chronische Krankheiten entwickelt haben, noch helfen kann. … Seine Beschwerden nehmen langsam, aber stetig zu und gehen mit allgemeinem Verfall der körperlichen und seelischen Verfassung einher. Allmähliche Abnahme der Muskelkraft. Alles tendiert in Richtung Paralyse.
Lähmung des Ösophagus; Lähmung des Schlundes, wie sie nach Diphtherie auftreten kann“ (gelsemiumGELSEMIUM); „Lähmung der oberen Augenlider; Lähmung der Blase; Lähmung der Gliedmaßen, der unteren Extremitäten. Große Mattigkeit; Muskelerschlaffung; unbeschreibliche Müdigkeit und Schwere des Körpers“ (gelsemiumGELSEMIUM). „Es besteht Zittrigkeit, ein Beben, Rucken und Zucken der Muskeln; Zuckungen im Schlaf.“
Sodann: „Kontrakturen von Sehnen und Muskeln, die Glieder an den Körper heranziehend. …
Nahe damit verwandt ist ein rheumatischer Zustand der Sehnen und Bänder im Bereich der Gelenkkapseln, was zuweilen mit Schwellung, stets aber mit Schmerzen verbunden ist; der Prozess endet mit Schrumpfung und schließlich Ankylosierung der Gelenke. Große Steifigkeit der Gelenke; der Patient wird dabei immer schwächer und gerät in einen Zustand von Schwermut, Hoffnungslosigkeit und Ängstlichkeit. Er hat das Gefühl, dass bald etwas Schlimmes passieren wird. …
Bei rheumatischen Zuständen verträgt er weder Wärme noch Kälte; und stets geht es ihm schlechter bei trockenem Wetter, ebenso bei kalten, trockenen Winden“ (aconitumACONITUM). „Fazialisparese auf der Gesichtsseite, die kalten, trockenen Winden ausgesetzt gewesen ist“ (aconitumACONITUM). „Eine solche Lähmung wird durch Causticum fast immer rasch behoben. …
Allmählich zunehmende Hysterie; sehr schreckhaft; hysterische Krämpfe. … Konvulsionen nach Schreck. Epilepsie durch Schreck, durch Unterkühlung, bei größeren Wetterumschwüngen oder nach Baden in kaltem Wasser. … ‚Befürchtende Ängstlichkeit‘; fürchtet ständig, dass etwas passieren könnte; es mangelt dem Patienten an Gelassenheit, alles regt ihn zu sehr auf. …
Die Unterdrückung von Hautausschlägen führt leicht zu psychischen Symptomen. … Es ging ihm zufriedenstellend, solange er den Ausschlag hatte, sobald dieser aber verschwunden war, ließ ihn sein Geist im Stich. … Das Zurücktreiben eines Gesichtsausschlags resultiert häufig in einer Gesichtslähmung. Ähnlich können heftige Kopfschmerzen entstehen; diese sind gewöhnlich mit rheumatischen oder gichtigen Erkrankungen des Körpers verbunden, welche auch die Kopfhaut in Mitleidenschaft ziehen. Die Kopfhaut zieht sich stellenweise zusammen und spannt, wie die Kontrakturen in anderen Bereichen.
Torticollis. … Causticum ist oft die heilende Arznei bei dieser Sehnen- und Muskelverkürzung.
Lähmung des Sehnervs. … Taubheit durch Lähmung des Gehörnervs. …
Fissuren scheinen schon bei geringsten Anlässen zu entstehen. Fissuren im Bereich der Lippen, der Nasenflügel, der Augenwinkel. Fissuren des Anus; an den Gelenken. Alte Ekzemfälle mit Fissuren in den Gelenkbeugen. …
Stammelnde, undeutliche Sprache infolge Lähmung der Zunge. Vollständige Lähmung von Pharynx und Ösophagus, z.B. nach Diphtherie. Speisen gehen den falschen Weg, sie geraten in den Kehlkopf oder die Choanen. Paralyse der Sprachorgane; unbeholfen beim Sprechen, ungeschickt beim Kauen; beißt sich beim Kauen auf die Zunge oder die Wangen. …
Der Causticum-Patient setzt sich hungrig an den Tisch, doch beim Anblick oder Geruch der Speisen oder auch nur beim Denken daran verliert er jeglichen Appetit (arsenicumARSENICUM, sepiaSEPIA, cocculusCOCCULUS). Dies ist ein häufiges Symptom bei Schwangeren. …
Im Magen kann die seltsame Empfindung bestehen, als ob dort Kalk gelöscht würde. …
Bei dieser Arznei werden viele Symptome durch einen Schluck kaltes Wasser gelindert. Der heftige, krampfartige Husten kann dadurch sofort gestoppt werden. Kaltes Wasser scheint den paralytischen Zustand teilweise zu beheben. …
Paralytische Schwäche auch des Rektums; es ist inaktiv und füllt sich mit hartem Kot, der unwillkürlich und unbemerkt abgehen kann (aloeALOE). Als Folge dieser Schwäche ist der Stuhl leichter im Stehen abzusetzen. Ähnlich ist es bei sarsaparillaSARSAPARILLA mit dem Wasserlassen: Harnverhaltung – außer im Stehen.37

37

Tyler bezieht dieses SARSAPARILLA-Symptom versehentlich auch auf Causticum.

Causticum hat zwei Arten von Blasenlähmung; die eine betrifft die austreibenden Muskeln, was zu Harnverhaltung führt, die andere in erster Linie den Schließmuskel, mit unwillkürlichem Harnabgang. …
Causticum ist ein tiefwirkendes Mittel; es vermag Tuberkulose und besonders Schleimschwindsucht oder galoppierende Schwindsucht zu heilen. ‚Husten mit der Empfindung, als ob er nicht tief genug husten könnte, um den Schleim herauszubringen.‘ … Der Husten wird durch einen Schluck kaltes Wasser gebessert, durch Vornüberbeugen verschlimmert. Fortwährender Husten; bei jedem Hustenstoß Herausspritzen von Urin.“
So viel aus der Vorlesung Kents, bei der es mir wirklich schwerfällt, mit dem Zitieren ein Ende zu finden!
Als nächstes das Thema Warzen. Causticum ist eines der großen Heilmittel für Warzen (thujaTHUJA, dulcamaraDULCAMARA etc.). Man überfliege nur einmal die Prüfungssymptome: Warzen – Warzen – Warzen. Alte Warzen auf den Augenlidern, den Augenbrauen, der Nase … Warzen im Gesicht … Ich erinnere mich an ein Erlebnis auf unserer Farm in Surrey, wo eines Tages eine Reihe von Kälbern Warzen zu entwickeln begannen, an Gesicht, Nase, Ohren und Hals. Als mein Vater wie üblich samstags zu ihnen hinaus auf die Weide ging, verrührte er zuvor in einem Becher etwas Causticum in niedriger Potenz und gab es zu der Kleie, die als besonderer Genuss für das Vieh gedacht war: Es brachte die Warzen bald zum Verschwinden, und von gleicher Wirkung war die Prozedur seitdem auch bei anderen Tieren.
Ich habe bestätigt gefunden, dass sowohl Causticum als auch thujaTHUJA Warzen hervorzurufen und zu heilen vermögen. Eines unserer Pferde, das eine unbeabsichtigte ‚Prüfung‘ von thujaTHUJA in Urtinktur durchmachte38

38

Vgl. die Beschreibung dieses Vorfalls im THUJA-Kapitel.

, entwickelte verblüffenderweise Warzen im Bereich des Afters und der Genitalien, den Prädilektionsstellen für diese Gewächse bei thujaTHUJA. Und ein Mädchen, dem ich in meiner Anfängerzeit – mehr aus Eifer als aus Klugheit – Causticum verabreicht hatte, produzierte zusätzlich zu ihren ein, zwei Warzen auf der Hand gleich dutzendweise solche an Händen und Armen. Als ich daraufhin das Mittel absetzte, verschwanden sie alle miteinander, einschließlich der ursprünglichen, derentwegen sie zur Behandlung gekommen war.
Farrington berichtet von einer ähnlichen Erfahrung: „Causticum wirkt auf die Haut, wobei Warzen zu den typischsten Symptomen des Mittels gehören; … insbesondere ist es von Nutzen, wenn diese an den Händen und im Gesicht auftreten. Ich entsinne mich, dass ich einmal einem Kind Causticum gab, das zwei Warzen auf einem unteren Augenlid hatte. Am Ende der dritten Woche nach Einnahme des Mittels erschien eine ganze Warzenkette über dem inneren Canthus des anderen Auges. Ich hielt dies für eine Folge von Causticum und setzte es natürlich sofort ab. Nach einigen weiteren Wochen waren sämtliche Warzen verschwunden, und seither hat das Kind keine mehr gehabt. Dies zeigt Ihnen, dass Causticum wirklich Warzen hervorbringt und heilt.“
Nash meint (Leitsymptome in der homöopathischen Therapie): „Wenn Hahnemann der Homöopathie kein anderes Mittel hinterlassen hätte als Causticum, so wäre ihm die Nachwelt dennoch zu bleibendem Dank verpflichtet.“
Vermischtes – und einige Charakteristika39

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Mit a versehene Symptome sind Hahnemanns Chronischen Krankheiten entnommen; ein b bezeichnet ein Symptom von Nenning, das in der Reinen Arzneimittellehre von Hartlaub/Trinks erscheint; auf Symptome aus Jahrs Symptomencodex wird mit c verwiesen.

Außergewöhnlich mitfühlend mit dem Leid anderer. (H. C. Allen)
Dunkle Ahnungen von drohender Gefahr, mit Stuhldrang. (Hering) (Vgl. argentum nitricumARGENTUM NITRICUM, gelsemiumGELSEMIUM)
Alte Narben, besonders von Verbrennungen (urtica urensURTICA URENS) und Verbrühungen, brechen wieder auf und entzünden sich; oder die Patienten sagen, sie hätten sich seit jener Verbrennung nie mehr richtig wohl gefühlt. (Hering, H. C. Allen)
Causticum kann bei Koliken vonnöten sein, nachdem colocynthisCOLOCYNTHIS versagt hat. Die Schmerzen sind dabei kneifend und schneidend und werden durch Zusammenkrümmen gebessert. Alle Beschwerden hören nachts völlig auf. (Farrington)
Menses: zu früh; zu schwach; nur während des Tages; kommen im Liegen zum Stillstand. (H. C. Allen)
Besser bei feuchtem, nassem Wetter; bei warmer Luft. (H. C. Allen)
Kaffee scheint alle Zufälle vom Aetzstoff zu erhöhen.b
Causticum darf nicht vor oder nach phosphorusPHOSPHORUS gegeben werden – stets unverträglich. (H. C. Allen)
Hahnemann führt ein kurioses Geistessymptom an, das wir als ‚lustigen Versprecher‘ bezeichnen würden:
„Er spricht oft Worte verkehrt aus und verwechselt die Silben und Buchstaben, (wie z.B. schnaufender Lupfen, statt: laufender Schnupfen), mehrere Tage lang.“
Nash schreibt: „Causticum ist eines unserer bedeutendsten Mittel bei Analbeschwerden, wo es sehr charakteristische Symptome hat:
‚Stuhlverstopfung mit häufigem, aber vergeblichem Stuhldrang.‘ …
‚Hämorrhoiden: brennend; wundschmerzhaft, < beim Gehen, beim Darandenken40

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Bei Hahnemann heißt es Nachdenken; die meisten Autoren haben diesen Begriff mit reflecting übersetzt, Hering in den Guiding Symptoms jedoch mit thinking of them, also Darandenken, was wahrscheinlich von Hahnemann gemeint war.

; hervorgerufen durch Predigen oder sonstiges Anstrengen der Stimme.‘
Diese Symptome sind, so Nash, immer wieder bestätigt worden.
Hauptsymptome
Geist und GemütHysterisches Weinen nach Krämpfen.
Das Kind ist weinerlich über jede Kleinigkeit.a
Uebertrieben mitleidig; bei Erzählungen Anderer und ihnen angethaner Grausamkeiten ist sie ausser sich vor Weinen und Schluchzen und kann sich nicht zufrieden geben.a,41

41

Dieses Symptom aus den Chronischen Krankheiten wird weder von Allen noch von Hering besonders hervorgehoben. Ich habe es an dieser Stelle ergänzt, da das mitfühlende Element bei Causticum sehr bedeutsam ist und das Symptom sehr schön dessen Empfindlichkeit auf „soziale Ungerechtigkeit“ (Vithoulkas) erahnen lässt.

Schwermüthige Stimmung.a – Traurigkeit.
Seelische und andere Beschwerden infolge von lange bestehendem Gram und Kummer.
Hoffnungslosigkeit.a
Melancholie aufgrund von Sorge, Gram oder Kummer.
Aergerliche, gereizte Stimmung.a – Sehr ärgerlich.a – Tadelsüchtig.
Die grösste Angst …a
Voll furchtsamer Ideen, Abends.a
Unaufgelegt zur Arbeit.a
Gedächtniss-Schwäche.a – Zerstreutheit …a
Er ist unaufmerksam und zerstreut.a
KopfRheumatische Kopfschmerzen, so schlimm, dass sie Übelkeit erregen.
Tinea capitis in der Okzipitalregion.
AugenHang zum Schliessen der Augen; sie fielen ihm unwillkührlich zu.a
Schwere-Gefühl im obern42

42

Bei Hahnemann heißt es versehentlich „untern“.

Augenlide, als wenn er es nicht gut aufheben könnte oder es angeklebt wäre an das untere Lid und nicht gut los zu machen.a
Lähmung der Augenmuskeln, vor allem als Folge von Kälteexposition.
Brennen in den Augen …a
Sichtbares Zucken der Augenlider …a
Trübsichtigkeit, wie von einem dicken Nebel vor den Augen …a
Anfangender schwarzer Staar.a
Drücken in den Augen, als wenn Sand darin wäre.a
Trockenheit [der Augen] … nebst Lichtscheu.a
OhrenTaubheit.
Wiederhall in den Ohren von ihren Worten und Tritten.a
Ansammlung von Ohrenschmalz, gelegentlich übel riechend.
NaseStock-Schnupfen, mit starker Verstopfung der Nase …a
Arger Fliessschnupfen …a
Arger Schnupfen und Husten, mit Schmerzen in der Brust, Ziehen in den Gliedern …a
Jücken an der Nasenspitze und den Nasenflügeln.a
Jücken an den Nasenlöchern.a – Jücken in der Nase.a
Starkes Nasenbluten.a
Ausschlags-Blüthena, Geschwüre oder Krusten auf der Nasenspitze; entzündet, geschwollen und schorfig.
Alte Warzen an der Nase …a
GesichtWarzen.
Rosacea auf Wangen und Stirn, in verstreuten Gruppen.
Halbseitige Lähmung des Gesichtes, von der Stirn bis zum Kinne.c
Prosopalgie und Rheumatismus des Gesichts.
Sehr gelbe Gesichtsfarbe.a
Gefühl von Spannung und Schmerz in den Kinnbacken, dass sie den Mund nur schwierig aufthun konnte und nicht gut essen, weil ein Zahn zugleich so hoch stand.a
Gichtische Schmerzen in der Unterkinnlade.a
ZähneSchmerzhafte Lockerheit und Verlängerung der Zähne.
Bohrender Schmerz in einem untern Backzahne, bis in die Nase und das Auge.a
Stechender Zahnschmerz.a – Reissender Zahnschmerz …a
Klopfender Zahnschmerz …a
Schmerz in einem gesunden Zahne, beim Eindringen kalter Luft.a
Zahn-Fistel.a
Geschwulst des Zahnfleischesa, leicht blutend und mit langwieriger Eiterung.
Häufig rezidivierende Zahnfleischabszesse.
MundOben am Gaumen eine wundschmerzende Stelle.a
Zunge weiß belegt, mit rotem Mittelstreifen.
Lähmung der Zunge; Sprache stammelnd, schwierig, zischend und sehr undeutlich.c
Unvermögen zu sprechen aufgrund einer Lähmung der Sprachorgane.
HalsBrennender Schmerz im; nicht durch Schlucken ausgelöst; auf beiden Seiten, schien aus der Brust emporzusteigen.
Rauheit und Kitzeln im Hals, mit trockenem Husten und etwas Auswurf nach längerem Husten.
Halsschmerzen, schlimmer durch Bücken.
Sie muss immer schlingen; es ist ihr, als wäre der Hals nicht gehörig weit …a
Schleim kommt ihr in den Hals, den sie durch Rachsen nicht herausbringen kann, sondern hinunter schlucken muss.a
Schleim-Räuspern, mit Schmerz im Halsgrübchen.a
Trockenheit des Halsesa, muss ständig schlucken.
MagenDrücken nach Brod-Essen.a
Heftiger Durst, viele Tage lang.a
Ein Schluck kaltes Wasser lindert die Spastik (Keuchhusten).
Saures Erbrechen und darauf oft noch saures Aufstossen.a
Magen-Krampf.a
Ein kneipendes Raffen in der Herzgrube [Magengrube], bei tief Athmen.a
Rektum, AnusWundschmerzhaftigkeit der After-Aderknoten, durch Gehen und Nachdenken43

43

Siehe Fußnote 40; Caust. ist das einzige Mittel in der Rubrik „Hämorrhoiden, Denken daran verschlechtert“!

unerträglich erhöht.a
Hämorrhoiden: behindern den Stuhlgang; … stechend, brennend, schmerzhaft, besonders bei Berührung, Gehen, Darandenken; ausgelöst durch Predigen oder sonstiges Anstrengen der Stimme.
Der Stuhl geht besser im Stehen ab.a
Vergeblicher Stuhldrang, öfters, mit vielen Schmerzen, Aengstlichkeit und Röthe im Gesichte.a
Schmerz im Mittelfleische [Perineum].a – Im Mittelfleische starkes Pulsiren.a
HarnorganeOefteres, sehr vermehrtes Harnen …a
So leichtes Harnen, dass er den Strahl fast gar nicht empfindet und im Finstern nicht weiss, dass er harnt.a
Unwillkührlicher Abgang des Harns beim Husten und Schnaubena; beim Niesen; nachts, im Schlaf.
Harnverhaltung, mit häufigem und starkem Harndrang; gelegentlich können ein paar Tropfen oder geringe Mengen abgehen.
GenitalienJücken an der Mündung der Harnröhre.a
In den Hoden, drückender Schmerz.a
BrustwarzenWund, rissig und mit Flechten umgeben.c
KehlkopfDie Stimme hallt im Kopf wider.
Plötzliche Stimmlosigkeit.c
Starke Heiserkeit, besonders früh und Abends, mit Kratzen im Halse.a
Die Kehl-Muskeln versagen ihre Dienste; er kann trotz aller Anstrengung die Worte nicht laut hervorbringen.a
HustenMit einem Gefühl, als könne er nicht tief genug husten, um den Schleim zu lösen, von Kitzel im Halse erregt und mit Rauheit daselbst verbunden.
Trockner, hohler Husten, … mit Wundheits-Gefühl auf einem Streifen im Innern der Luftröhre …, wo es bei jedem Husten-Stosse schmerzt …a
Hohler, angreifender Husten.
Husten wird durch einen Schluck kaltes Wasser gelindert.
Husten von Kriebeln erregt, oder wenn er sich bückt, um Etwas aufzuheben.a
Anhaltender, lästiger Husten; bei jedem Hustenstoß entweicht etwas Urin.
Influenza, mit Müdigkeitsgefühl, Glieder wie zerschlagen; rheumatische Schmerzen.
BrustBeengung; er muss öfter tief athmen.a
Kurzathmigkeit.a
Wundheitsgefühl in der Brust.
Stechen im Brustbeine, beim tief Athmen und Heben.a
Schmerzhaftes Zusammendrücken der Brust von beiden Seiten, nach dem Brustbeine zu, mit Beengung des Athems und Schwäche der Stimme.a
Empfindung auf der Brust, als wären die Kleider zu enge.a
PulsZum Abend hin beschleunigt, mit Blutwallungen.
Äußerer Hals, RückenSteifheit des Nackens und Halses, mit Schmerz am Hinterkopfe; die Muskeln waren wie gebunden, so dass sie den Kopf fast gar nicht bewegen konnte.a
Schmerzhafte Steifheit im Rücken [und im Kreuzbein], besonders bei Aufstehen vom Sitze.c
Ein drückender Klamm-Schmerz im Kreuze und der Nieren-Gegend …a
Zuckender Schmerz im Steissbeine.a – Zerschlagenheits-Schmerz im Steissbeine.a
In der Steissbein-Gegend, dumpfziehender Schmerz.a
ExtremitätenDumpfes Reissen [und Ziehen] in Armen und Händen.a
Lähmung des rechten Arms, verbunden mit Glossoplegie.
Lähmung der oberen Extremitäten.
Lähmiges Gefühl in der rechten Hand.a
Zittern der Hände.a
Vollheits-Empfindung in der Hand, beim Zugreifen.a
Ziehende Schmerzen in den Finger-Gelenken.a
Kontrakturen und Indurationen der Fingersehnen.
Warzen an den Fingerspitzen; fleischige Warzen nahe den Fingernägeln.
Wundheit oben, zwischen den Beinen.a
Ziehen und Reißen in Ober- und Unterschenkeln, Knien und Füßen; < im Freien, > in der Bettwärme.
Zerschlagenheits-Schmerz in den Ober- und Unterschenkeln, früh im Bette.a
Marmorirte Haut, voll dunkelrother Aederchen, auf den Ober- und Unterschenkeln.a
Knacken in den Knien beim Gehen oder Abwärtsgehen.
Die Sehnen an den Knien scheinen zu kurz zu sein.
Gonagra (Kniegicht).
Klamm in der Wade, früh im Bette.a
Klamm in den Füssen.a – Klamm in der … Fusssohle.a
Gichtiges Reißen im Bereich der Knöchel, besonders in den kleinen Fußgelenken, mit Schwellung der Teile.
Abmagerung der Füße.
Kinder lernen langsam laufen, mit unsicheren, tapsenden Schritten.
Unsicherheit des Gehens eines Kindes und leichtes Fallen desselben.a
Lähmige Schwäche der Gliedmassen.a
Schwäche und Zittern in allen Gliedern.a
Unerträgliche Unruhe in den Gliedern Abends.a
NervenSchwäche und Zittern …a
Ohnmachtsartiges Sinken der Kräfte.a
Chorea, selbst nachts; die rechte Seite von Gesicht und Zunge kann gelähmt sein.
Paralyse: der Stimmbänder; halbseitig; der Zunge; der Augenlider; des Gesichts; der Extremitäten; der Blase.
Allmählich zunehmende Paralyse.
EmpfindungenReißende Schmerzen.
Anfallsweise auftretende, schreckliche Empfindung von Reißen; zieht oft nach vorn, lässt dann nach und beginnt wieder von derselben Stelle; neuralgische Schmerzen, die vom Hinterkopf nach oben und vorn ziehen, über den Scheitel.
GewebeKontrakturen von Beugesehnen; Spannen und Kürzerwerden von Muskeln.
Gestörte Funktion des Gehirns und der Spinalnerven, führt schließlich zu Lähmung.
SchlafBettnässen während des ersten Schlafs.
Grosse Schläfrigkeit, dass er … kaum widerstehen kann und sich legen muss.a
Gähnen, Dehnen und Renken der Glieder, öfters.a
Schlaflosigkeit, Nachts, wegen trockner Hitze.a
Nachts kann er keine ruhige Lage bekommen und keine Minute still liegen.a
Üble Folgen von Nachtwachen. (cocculusCOCCULUS)
HautSubakute und chronische Ausschläge, ähnlich den Blasen nach Verbrennungen.
Verbrennungen und Verbrühungen.
Große, gezackte, oft gestielte Warzen, die nässen und leicht bluten.
Warzen und skrofulöse Hautaffektionen.
Variköse und fistelnde Geschwüre.
KonstitutionDunkelhaarige Menschen mit straffer Faser sind am meisten betroffen.
Kinder mit schwarzem Haar und dunklen Augen.
ArzneimittelbeziehungenGegenmittel bei Bleivergiftungen (Lähmung), z. B. Zungenlähmung bei Schriftsetzern, vom Halten der Lettern zwischen den Lippen; bei Missbrauch von Quecksilber und Schwefel bei Skabies.
Denken Sie aber auch an Causticum bei jenen ‚rheumatoiden‘ Arthritisfällen, wo Deformationen und Kontrakturen bestehen und der Patient mehr bei kalten, trockenen Winden zu leiden hat und weniger an warmen und feuchten Tagen.

Ceanothus americanus

Weitere Namen: Seckelblume; ‚Theeseckelblume‘ (Hahnemann)
Dies ist eine von Dr. James Compton Burnetts ganz speziellen Arzneien. Burnett war nicht nur ein besonderes Genie, was die Behandlung von Kranken betraf, sondern auch im Verfassen eindrucksvoller kleiner Monographien. Seiner Intuition, seiner Initiative und seinem unermüdlichen Fleiß haben wir viel zu verdanken. Ebenso wie in Brighton, seinem Zuhause, übte er auch in London, wo er sich an bestimmten Tagen aufhielt, eine umfangreiche Praxis aus. Es heißt, dass er dort in den frühen Morgenstunden regelrecht belagert wurde; als man ihn dann eines Tages in seinem Hotelzimmer tot auffand, muss dies ein furchtbarer Schlag für die vielen Patienten gewesen sein, denen er geholfen und in schwierigen und scheinbar hoffnungslosen Fällen Heilung gebracht hatte.
In Hales New Remedies finden wir in der Ausgabe von 1880 aus Dr. Burnetts Feder ein ausführliches Zitat von fünf langen, dicht bedruckten Seiten aus einem homöopathischen Journal des vorangegangenen Jahres. Hale schreibt dazu: „Es blieb einem englischen Arzt, Dr. J. C. Burnett, vorbehalten, die Affinität von Ceanothus zu Milzerkrankungen zu entdecken.“ Und in Burnetts Büchlein Diseases of the Spleen and their Remedies (1900) spielt Ceanothus die größte Rolle, mit einer Anzahl detaillierter Fallbeschreibungen, nicht nur von Milzvergrößerung, sondern auch von Schmerzen tief im linken Hypochondrium. Einige dieser Fälle waren gar als Herzkrankheiten diagnostiziert worden, heilten aber rasch und vollständig unter Ceanothus aus. Das Ganze ist ein Zeugnis der Erfolge eines Arztes, der einfach ein wenig mehr wusste als seine Kollegen und sein Wissen mit Freuden in die Praxis umsetzte, zur Linderung von Leiden und zur Beseitigung selbst schwerer Gebrechen.
Burnett erwies stets demjenigen die Ehre, dem sie gebührte – wie der Putzfrau, die sein Wissen bereicherte, indem sie eine seiner Malariapatientinnen mit Brennnesseltee kurierte. So war ihm von Zeit zu Zeit auch die ‚Organtherapie‘ (oder ‚Organopathie‘) eine große Hilfe, und darüber schreibt er: „Der eigentliche Vater der Organopathie ist Hohenheim gewesen, ein bedeutender und gelehrter Arzt, der Paracelsus genannt wurde. Zum Beweis dessen schlage man in seinen Werken nach und lese auch das, was mir der knappe Raum in diesem kleinen Band über die Milzerkrankungen unterzubringen erlaubt hat.“ Burnett vertritt den Standpunkt, dass die Organopathie Teil dessen ist, was in verallgemeinerter und ausgebauter Form als Homöopathie bekannt ist; denn während die Organopathie lediglich die These aufstellt, dass bestimmte Arzneien heilend auf bestimmte Organe bzw. Körperteile einwirken, vorzugsweise oder spezifisch – wie z.B. digitalisDIGITALIS auf das Herz –, lehrt die Homöopathie, dass es für den Gebrauch zu Heilzwecken nicht ausreicht zu wissen, dass digitalisDIGITALIS das Herz beeinflusst. Soll eine Heilwirkung erzielt werden, so muss die natürliche Organkrankheit in ihren Äußerungen ähnlich sein zu dem therapeutischen Organmittel, d.h. zu dessen Arzneiwirkung. „Von der Homöopathie könnte man sagen“, so fügt er hinzu, „dass sie auf der Organopathie gründet; denn eine Arznei muss, um das Herz spezifisch von seiner Krankheit heilen zu können, dieses notwendigerweise auch in der gleichen Art zu affizieren in der Lage sein.“
Burnett schreibt, dass er, bevor er in einer früheren Ausgabe des ‚Hale‘ einen kurzen Bericht über Ceanothus gelesen habe, häufig Schwierigkeiten bei der Behandlung von Schmerzen in der linken Rumpfseite gehabt habe, die ihren Sitz offenbar in der Milz hatten. „myrtus communisMYRTUS COMMUNIS hat einen linksseitigen Schmerz, aber der ist hoch oben unterhalb des Schlüsselbeins angesiedelt; der Schmerz, der etwas darunter liegt, gehört zu sumbulusSUMBULUS; noch weiter unten ist der von hydrofluoricum acidumFluoricum acidumacidum fluoricumACIDUM FLUORICUM und etwas nach links der von oxalicum acidumacidum oxalicumACIDUM OXALICUM lokalisiert; mehr nach rechts sitzt der Schmerz von aurumAURUM, direkt unter der linken Mamma der von cimicifugaCIMICIFUGA. All diese Mittel können prompte Wirkungen zeigen, wenn linksseitige Schmerzen ein Teil des Krankheitsbildes sind; an dem Schmerz tief hinter den Rippen der linken Seite werden sie jedoch nichts ändern; … wirkliches Stechen in der Milz benötigt chinaCHINA, chelidoniumCHELIDONIUM, berberisBERBERIS, chininum sulfuricumCHININUM SULFURICUM oder coniumCONIUM – oder eben Ceanothus americanus.“
In den niedrigen Potenzen, in denen er es anwandte, fand Burnett, „dass es häufig den Stuhlgang fördert, und ich habe gesehen, dass das bis hin zu Durchfall gehen konnte.“
Eine Patientin hatte Ceanothus etwa zwei Wochen lang eingenommen, als sie eines Tages eine starke nervöse Erregung zu verspüren begann. Diese verlor sich, als sie mit dem Mittel aussetzte; die Erregung kam zurück, als sie es wieder einnahm, und hörte nach erneutem Absetzen prompt wieder auf. Sie hatte auch häufigeren Stuhlgang, und ihre Menses kamen zwei Tage zu früh und sehr stark – etwas, was ihr nie zuvor passiert war.
Lassen Sie uns nun zu Ceanothus einige Informationen und Schlussfolgerungen aus Burnetts kleinem ‚Milzbuch‘ zusammentragen.
„Der Tod“, so sagt er, „findet zu Beginn oft in einem einzelnen Organ, d.h. lokal statt, und wenn dieser Teil rechtzeitig vor diesem Schicksal bewahrt werden kann, kann auch das Leben des Patienten gerettet werden. Bei akuten Prozessen wird einem der Wert bestimmter Organe oft sehr nachdrücklich bewusst, und es mag dabei durchaus kein Bedarf für irgendeine konstitutionelle Therapie bestehen: Der eine leidende Teil kann schon der ganze Fall sein. Und auch in vielen chronischen Fällen kommt es vor, dass bestimmte Organe ganz besondere Aufmerksamkeit beanspruchen und benötigen. …
Um irgendwelchen Missverständnissen in dem einen oder anderen Punkt vorzubeugen … Erstens: Was ich unter einem Organmittel verstehe, ist nicht eine Arznei, die aufgrund ihrer physikalischen oder chemischen Wirkungen topisch auf ein erkranktes Organ angewandt wird, sondern eine Arznei, die eine selektive Affinität zu einem solchen Organ hat, wodurch sie dieses auf dem Blutwege44

44

Die Tatsache, dass die sog. Organmittel, wenn sie indiziert sind, auch in hohen Potenzen ihre Selektivität nicht verlieren, legt den Schluss nahe, dass der Blutweg nicht die primäre Art und Weise ihrer Wirkungsentfaltung ist.

selbständig ausfindig zu machen vermag. … Zum zweiten halte ich die Organopathie nicht für etwas außerhalb der Homöopathie Stehendes, sondern sie wird von dieser umschlossen, ist darin inbegriffen, wenngleich sie mit dieser nicht identisch oder deckungsgleich ist. Ich würde sagen – Organopathie ist Homöopathie auf der ersten Stufe. Drittens aber möchte ich nachdrücklich betonen: Wo das homöopathische Simillimum gefunden werden kann, das die Totalität der Symptome abdeckt – und zugleich den darunterliegenden pathologischen Prozess, der solche Symptome hervorruft –, da hat die Organopathie entweder überhaupt keine Daseinsberechtigung, oder sie ist bestenfalls von zeitlich begrenztem Nutzen, um einem schmerzenden Organ Erleichterung zu verschaffen. …
Ich bin sehr beeindruckt von der Lehre Rademachers45

45

Die Schüler von Rademacher, dem Exponenten der Organopathie, bildeten eine Schule und riefen 1847 eine Zeitschrift ins Leben [die Zeitschrift für Erfahrungsheilkunst]. Burnett sagt, sie seien allerdings bald in das Feld der experimentellen Pharmakologie abgewandert, hätten dieses jedoch bereits besetzt gefunden – Von wem? Von den Homöopathen! Die Wanderer seien danach nie wieder zurückgekehrt, sondern hätten ihre neue Heimat im Reich der Prüfungen gefunden, Seite an Seite mit den Nachfolgern Hahnemanns.

, dass ein großer Prozentsatz der Ödemerkrankungen durch Milzarzneien heilbar sei.“
„Seit ich das Vorangegangene46

46

Bezieht sich nicht auf die obigen Zitate, sondern auf einen früher geschriebenen Artikel über Ceanothus, mit dem Burnett sein Buch einleitet.

im Jahre 1879 schrieb, sind mir eine ganze Reihe chronischer Fälle von Milzaffektionen begegnet, die zum größten Teil vorher unerkannt geblieben waren.“
In einem dieser Fälle „hörte die Milz nicht auf, zu gewissen Zeiten anzuschwellen, bis ich die zugrunde liegende Vakzinose [vgl. zu diesem Begriff und Thema das thujaTHUJA-Kapitel] zur Ausheilung gebracht hatte. Der König der Milzmittel, Ceanothus americanus, beseitigte zwar jeweils prompt die Milzvergrößerung, hatte aber keinen Einfluss auf die Bluterkrankung, die die Ursache dafür war. Dies ist der der Organopathie inhärente Defekt, dass sie nämlich die Wurzel eines Übels nicht genügend berücksichtigt; aber Ähnliches gilt – mehr oder weniger – für jede andere ‚Pathie‘ auch, denn die eigentliche Ursache eines Leidens ist ja zumeist nur schwer fassbar und im Allgemeinen ganz jenseits strenger Wissenschaft. Bekanntlich lässt diese nur gelten, was sie weiß, und trachtet nicht danach, durch Denkprozesse und Schlussfolgerungen das Unbekannte in sich aufzunehmen. Weil in früheren Zeiten die Philosophie der Wissenschaft das Leben schwer gemacht hat, schmähen die Jünger der Wissenschaft heute die Philosophie und drängen sie höhnisch lächelnd an den Rand. Versuche, an der Oberfläche liegende Wirkungen auf entfernte Ursachen zurückzuverfolgen, werden heutzutage in der Medizin verlacht, denn bloße Wissenschaft führt zu einer groben Gesinnung, die unfähig ist, den feinen Fäden höherer Wahrnehmung zu folgen.“
In einem anderen Fall Burnetts bestanden linksseitige Schmerzen, die schon seit 25 Jahren ständig wiederkehrten. Sie traten immer plötzlich auf, besonders wenn die Patientin etwas Kaltes trank. Dann pflegte sie unbeschreibliche Schmerzen hinter dem linken Rippenbogen zu bekommen, und sie musste nach Atem ringen. Zuweilen war die Atemnot so schwer, dass es im Nachbarzimmer zu hören war und allen einen Schrecken einjagte. Dreißig Jahre zuvor hatte sie eine Malaria durchgemacht. … Bevor sie Ceanothus erhielt, war sie viele Jahre lang gezwungen gewesen, morgens beim Anziehen immer wieder Pausen einzulegen und sich auszuruhen, weil sie keine Luft bekam und das Herz so klopfte, dass sie nicht selten eine Dreiviertelstunde dafür benötigte. Es handelte sich um einen Fall massiver Milzvergrößerung. Der ganze Bereich war so empfindlich, dass sie nicht den geringsten Druck ertrug, selbst den der Kleider nicht. Ceanothus heilte sie; und Burnett berichtet von „einem der rührendsten Augenblicke in meinem beruflichen Leben: Die alte Dame (und welch eine Dame!) legte ein winziges Päckchen auf meinen Schreibtisch und versuchte etwas zu sagen; dann brach sie in Tränen aus und eilte hinaus! Ich habe sie nie wiedergesehen, und oft habe ich mir seither gewünscht, ich hätte diesen besonderen Sovereign [20-Shilling-Münze] aufgehoben und in Diamanten fassen lassen.“ (Die Patientin war eine Putzfrau, und Burnett war gebeten worden, ihr zu helfen, da sie angeblich an einer unheilbaren Herzkrankheit litt. Nach einer Untersuchung versprach er, sie zu heilen, doch die Dame, die ihn um Hilfe für die arme Frau gebeten hatte, bezichtigte ihn der Grausamkeit, dass er solche Hoffnungen in ihr geweckt hätte, wo er „doch hätte wissen müssen, dass eine Heilung unmöglich sei“. Seiner Erklärung, dass es sich um eine Vergrößerung der Milz handele und das Herz überhaupt nicht krank sei, schenkte sie keinen Glauben. „Sie ist bei verschiedenen Doktoren gewesen, und alle haben ihr Leiden als unheilbare Herzkrankheit diagnostiziert.“ Sie wurde geheilt – trotz alledem!)
In Bezug auf Herzbeschwerden verrät uns Burnett: „Wenn Herzstörungen gleichzeitig mit einem Milzleiden bestehen, ist die Linderung, die durch die Gabe von Ceanothus (oder anderer Milzmittel) zu erzielen ist, oft höchst bemerkenswert.“
Und: „Was die Wassersucht betrifft – sofern sie nicht auf eine Infektionskrankheit zurückzuführen ist –, so schreibe ich, grob geschätzt, etwa ein Drittel aller Fälle einer Milzaffektion zu.“
Weitere nützliche Empfehlungen:
„Manche Fälle von Varikose werden nicht in Ordnung kommen, solange Sie nicht die Milz von ihrer – vielleicht nur geringfügigen – Vergrößerung heilen.“
In einem Fall von chronischem Erbrechen, wo die Patientin von einem tüchtigen Homöopathen lediglich symptomatisch behandelt worden war, „schlug dies fehl, weil die behandelten Symptome Sekundärsymptome einer Splenomegalie waren. … Es sollte einleuchten, dass Erbrechen als Folge einer Milzvergrößerung niemals durch Arzneien geheilt werden kann, die auf physiologischem Wege Erbrechen hervorrufen, sondern nur durch solche, die die zu große Milz auf ihr normales Maß zurückführen.“
Hale zitiert den Bericht eines amerikanischen Arztes: „Im vergangenen Bürgerkrieg habe ich diese Pflanze bei Splenitis benutzt, und von den Erfolgen dieser Behandlung war ich so angetan, dass ich mich nicht entsinnen kann, in den vergangenen sechs Jahren bei vergrößerter Milz etwas anderes angewandt zu haben. Ich habe sie in den schlimmsten Fällen eingesetzt, die ich je gesehen habe, vom Kindes- bis zum Greisenalter. Und ich warte noch immer auf den Fall – wie hartnäckig er auch sei –, bei welchem das Mittel versagt.“
Dazu Hale: „Dies ist ein ziemlich eindeutiges und gewichtiges Zeugnis; und zudem bestätigt der Autor meine Überzeugung, dass eine Arznei, die heilt, stets homöopathisch ist, denn weiter berichtet er:
‚In chronischen Fällen, bei denen das Organ nicht mehr empfindlich ist, wird die Milz unter der Anwendung der Tinktur, auch wenn diese nicht zusätzlich lokal eingerieben wird, bald wieder schmerzhaft und empfindlich; dann geht sie rasch auf ihre normale Größe zurück und verbleibt so, und der Patient spürt sie überhaupt nicht mehr.‘
Wir sehen hierin eine regelrechte homöopathische Erstverschlimmerung, die anzeigt, dass die Arznei eine spezifische Affinität zu diesem Organ hat. Ich rate Ihnen, Ceanothus zu verwenden, wenn Ihnen Fälle von Vergrößerung und Verhärtung der Milz begegnen, wie sie in Malariagegenden ja nicht selten sind. …
Dr. Carroll Dunham teilte mir mit, dass ein Arzt aus seiner Bekanntschaft eine enorme Splenomegalie mit Hilfe dieses Mittels geheilt habe.“
Dr. Oscar Hansen nennt folgende Indikationen für Ceanothus: „Chronische Entzündung und Hypertrophie der Milz; Schmerz in der ganzen linken Seite, mit starker Dyspnoe. Persistierende Schmerzen im linken Hypochondrium, profuse Menses und gelber Ausfluss.“
Boger (Synoptic Key) fügt noch etwas hinzu: „Periodische Neuralgien. Linksseitiger Schmerz, mit Dyspnoe, Diarrhö oder Leukorrhö. Geschwollene Milz oder Leber. Grüner Urin. Schlimmer bei kaltem Wetter, beim Liegen auf der linken Seite. Komplementär zu natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM.“
Clarke (Dictionary) schließt dieses wertvolle Mittel ebenfalls in seine umfangreiche Arzneisammlung ein.
Sie mögen vielleicht sagen: „Na ja, aber wer bekommt schon mal einen Ceanothus-Fall zu sehen?“ In den letzten zehn Tagen musste ich es gleich zweimal verschreiben! Offenbar sind Milzschmerzen doch nicht so selten, wie man meinen könnte.

Chamomilla

Weitere Namen: Matricaria chamomilla; Echte Kamille
Ein bescheidenes, genügsames Kraut, das besonders auf Mietenhöfen inmitten der Streu vom Dreschen blüht und gedeiht. Es hat einen durchdringenden, aromatischen Geruch und weiße Blütenblätter, die sich zurückbiegen, als wollten sie ihre Händchen hinter sich verstecken; dies unterscheidet die Echte Kamille von jenen anderen ‚Kamille‘-Arten, deren Blüten ansonsten recht ähnlich sind. Wie mein ‚Kräuterweib‘ zu sagen pflegte: „Es gibt meist zwei von jeder Art“ – das Kraut von großer Nützlichkeit und das ‚unechte‘ Kraut, das diesem so ähnlich sieht, aber ohne arzneilichen Nutzen ist. In der Regel kann man sie jedoch an ihrem Geruch oder Duft bzw. an dessen Fehlen leicht unterscheiden.
Ein vortrefflicher Name für Chamomilla wäre Kann-es-nicht-ertragen …
  • Kann sich selbst nicht ertragen.

  • Kann andere Leute nicht ertragen.

  • Kann Schmerzen nicht ertragen (coffeaCOFFEA, aconitumACONITUM).

  • Kann Dinge ‚nicht ertragen‘: möchte sie erst, doch schleudert sie dann in die Ecke.

  • Alles ist einfach unerträglich.

Wenn Sie sich das Chamomilla-Baby ansehen, fällt Ihnen oft sogleich ins Auge, dass eine Wange leuchtend rot ist; Sie berühren seinen Kopf und finden ihn warm und feucht.
Chamomilla ist eines von Clarkes „ABC-Mitteln fürs Kinderzimmer“ – ACONITUM, belladonnaBELLADONNA, CHAMOMILLA. – aconitumACONITUM bedeutet Aufruhr im Blutkreislauf, belladonnaBELLADONNA Aufruhr im Gehirn und Chamomilla Aufruhr im Gemüt.47

47

ACONITUM und Chamomilla haben viele charakteristische Symptome gemeinsam; was sie unterscheidet, ist vor allem ihre Gemütsart.

Ein krankes Chamomilla-Baby ist sehr leicht zu erkennen: Es plärrt und heult und möchte unbedingt getragen werden. Sobald die erschöpfte Mutter oder der abgespannte Vater versucht, sich einmal hinzusetzen oder das Baby abzulegen, geht das Theater von neuem los; und nachts ist alles noch schlimmer!
Oder (abgesehen davon): Es streckt sein Händchen aus und will dies haben und das haben, und gibt man es ihm endlich, so stößt es das Gewünschte angewidert von sich. „Das Kind weiß nicht, was es will“, sagt Nash, „aber der Doktor weiß es – Chamomilla.“
Wenn es etwas älter ist, schickt das kranke Chamomilla-Kind das Kindermädchen oder die Mutter aus dem Zimmer. Ich habe miterlebt, wie eine Mutter vor einer geschlossenen Tür hockte, hinter der ihr kleiner, kranker Sohn sogleich zu toben begann, wenn sie es wagte, einmal die Nase hineinzustecken.
Ist das Kind noch etwas älter, weigert es sich sogar, den Doktor zu empfangen. Ich glaube, es war Nash, der gesagt hat: „Wenn Sie wissen, Sie haben einen höchst übelgelaunten Patienten zu besuchen, der Sie nicht sehen will oder grob und unhöflich zu Ihnen sein wird, schicken Sie als erstes eine Dosis Chamomilla, und Sie werden Ihre Ruhe haben.“ Chamomilla ist ausgesprochen unhöflich!
Die Chamomilla-Schmerzen sind „einfach nicht auszuhalten“. Ich habe gesehen, wie jemand nach einer Zahnextraktion vor Schmerzen dauernd auf den Fußboden stampfte; eine kleine Dosis Chamomilla brachte ihm fast augenblicklich und vollständig Erleichterung.
Ich hatte einen Grippepatienten, der nicht so schnell gesund wurde, wie er es sich gedacht hatte, und nun plötzlich ungeduldig und höchst reizbar wurde; eine Gabe Chamomilla, und das Fieber ging prompt herunter.
Vor einiger Zeit veröffentlichte ich den Fall eines Asthmapatienten, der so reizbar war, dass Chamomilla einem förmlich in die Augen sprang. Es wurde verabreicht – und das Asthma geheilt.
Hahnemann sagt, man solle aconitumACONITUM nicht verabreichen, wo eine Krankheit mit Gelassenheit und Geduld ertragen werde, und ähnlich schreibt er auch von Chamomilla, es scheine „bei im Schmerze gelassenen und geduldigen Personen nicht anwendbar zu seyn“.
In akuten Fällen, wo der Gemütszustand dringend nach Chamomilla verlangt, können Sie auf die Uhr schauen und die wenigen Minuten zählen, die bis zur vollständigen Behebung der Beschwerden vergehen. Die Art des Leidens tut dabei nicht viel zur Sache, es ist die spezifische Gemütsverfassung, die nach Chamomilla gleichsam schreit.
Chamomilla ist nicht nur übellaunig, es hat auch üble Folgen von übler Laune.
Eine Chamomilla-Frau bekommt einen Wutanfall – und schon kommt es zu einer Blutung aus der Gebärmutter. Oder eine Chamomilla-Frau gerät in Rage – und der Lohn ist eine Gelbsuchtattacke. Ich habe solche Fälle selbst gesehen. Oder eine stillende Mutter hat einen Zornesausbruch – und ihre Milch vergiftet das Baby.
Und Hahnemann schreibt in einer Fußnote der Reinen Arzneimittellehre [Band 3, S. 94]: „Die oft einem acuten Gallenfieber gleichende, zuweilen lebensgefährliche Krankheit, die auf eine heftige, zornmüthige Aergerniß unmittelbar zu folgen pflegt, mit Gesichtshitze, unauslöschlichem Durste, Gallengeschmacke, Brecherlichkeit, Angst, Unruhe u.s.w. hat so viel homöopathische Aehnlichkeit mit den Chamillensymptomen, daß es gar nicht anders sein kann, die Chamille muß ganz schnell und specifisch das ganze Uebel heben, was auch ein Tropfen von oben erwähntem, verdünntem Safte wie durch Wunder leistet.“
Chamomilla ist eine der ‚unverhältnismäßigen‘ Arzneien. arsenicumARSENICUM hat Entkräftung, die, wie es scheint, in keinem Verhältnis steht zur Krankheit, und bei Chamomilla sind es in erster Linie die Schmerzen (Wehenschmerzen – Zahnschmerzen – Rheumatismus etc.), welche unverhältnismäßig stark empfunden werden.
Ein weiterer Hinweis auf Chamomilla ist Taubheitsgefühl mit Schmerz (platinumPLATINUM, -cocculusCOCCULUS).
Hahnemann schreibt dazu [ebd., S. 86, Fußnote]: „Die lähmige Empfindung von Chamille in irgend einem Theile ist wohl nie ohne gleichzeitigen ziehenden oder reißenden Schmerz, und der ziehende oder reißende [Schmerz] von Chamille ist fast nie ohne eine gleichzeitige lähmige oder taube Empfindung in dem Theile.“
Etwas anderes, was Chamomilla ‚nicht ertragen‘ kann, ist das Bett
Der Patient streckt (wie sulfurSULFUR, pulsatillaPULSATILLA und medorrhinumMEDORRHINUM) die Füße aus dem Bett.
Oder er wird durch den Schmerz oder durch großes Unbehagen und Leiden aus dem Bett getrieben.
„Ueberhaupt haben die Chamille-Schmerzen das Eigne, daß sie in der Nacht am wüthendsten sind, und dann oft bis zu einem Grade von Verzweiflung treiben, nicht selten mit unablässigem Durste, Hitze und Röthe der einen Backe, auch wohl heißem Kopfschweiße selbst in den Haaren.“ [Hahnemann, ebd., S. 75]
Zweimal hat Chamomilla meines Wissens Schützengrabenfieber [Wolhynisches Fieber] vortrefflich geheilt. In dem einen Fall war ein Offizier ein Jahr lang krank gewesen; sein Fieber kam jeweils gegen 9 Uhr morgens (die Hauptverschlimmerungszeit von Chamomilla), und der ‚Aufruhr in seinem Gemüt‘ war so groß, dass er getrennt von seiner Familie im Hotel leben musste. Er wollte nur noch Tische und Stühle zertrümmern.
Kürzlich klagte eine Ambulanzpatientin über rheumatische Beschwerden; sie konnte deswegen oft nicht schlafen und pflegte dann aufzustehen und im Zimmer umherzulaufen; außerdem war sie fürchterlich reizbar. Sie erhielt Chamomilla 200. Bei ihrem nächsten Besuch: „Viel besser; fühle mich besser als seit Monaten“; und nun gestand sie ein, dass sie häufig so außer sich gewesen sei, dass sie „am liebsten irgendwas kaputtgeschlagen hätte“. Wenn Schmerzen oder Fieber dazu führen, dass jemand Gegenstände zertrümmern möchte, denken Sie an Chamomilla!
Hauptsymptome48

48

Die mit a bezeichneten Symptome entstammen Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre. Mit b versehene Symptome sind der umfangreichen Prüfung entnommen, die von Hoppe 1862–1864 in der Homöopathischen Vierteljahrschrift veröffentlicht wurde. c kennzeichnet Symptome aus Bönninghausens Uebersicht der Eigenthümlichkeiten und Hauptwirkungen der homöopathischen Arzneien, d Symptome aus Jahrs Symptomencodex.

Geist und GemütStumpfsinnigkeit, verminderte Fassungskraft.a
Freudenlose Stumpfsinnigkeit mit Schläfrigkeit, ohne jedoch schlafen zu können.a
Er versteht und begreift nichts recht, gleich als wenn ihn eine Art Taubhörigkeit oder ein wachender Traum daran hinderte.a
Weinen und Heulen.a
Nur wenn man es auf dem Arme trägt, kann das Kind zur Ruhe kommen.a
Das Kind möchte nicht angefasst werden.
Sehr reizbar und quengelig; das Kind muss getragen werden.
Jämmerliches Heulen des Kindes, weil man ihm das Verlangte abschlug.a
Weinerliche Unruhe; das Kind verlangt dieß und jenes, und wenn man's ihm giebt, so will es dasselbe nicht oder stößt es von sich.a
Redet mit Widerwillen, abgebrochen, kurz.a
Er kann es nicht ausstehen, wenn man ihn anredet, ihn im Reden unterbricht, vorzüglich nach dem Aufstehen vom Schlafe …a
Patient kann niemanden in seiner Nähe haben und antwortet schnippisch.
Mürrische Verdrießlichkeit; alles, was Andre machen, ist ihm nicht recht; Niemand macht ihm etwas zu Dank.a
Zank-Aergerlichkeit; sie sucht alles Aergerliche auf.a
Kann keine höfliche Antwort geben.
Das Gemüth gereizt und leicht ungeduldig.b
Heulen wegen geringer, auch wohl eingebildeter Beleidigung, die wohl gar von alten Zeiten her ist.a (staphisagriaSTAPHISAGRIA)
Schnell verärgert oder zornig erregt.
Ungeheuere Unruhe, ängstliches, agonisirendes Umherwerfen, mit reißenden Schmerzen im Unterleibe …a
Das Gemüth … wurde durch die Schmerzen zuweilen ganz ärgerlich gestimmt …b
Ueberempfindlichkeit für Schmerz, welcher unerträglich scheint und zur Verzweiflung bringt.c
KopfHalbseitiger, ziehender Kopfschmerz.a
Klopfendes Kopfweh.a
Ueberhingehende Anfälle von Klopfen in der einen Gehirnhälfte.a
Blutandrang zum Kopf: nach Zorn; mit Drücken im Kopf im Liegen; mit Drücken auf dem Scheitel; mit Stichen im Kopf.
Blutwallungen gegen den Kopf mit Gefühl von Hitze im Gesicht, und Brustbeklemmung und öfters Stechen in der Brust.b
[Das Drücken und Pressen im Kopf] verstärkte sich jedoch …, sobald die Aufmerksamkeit darauf gerichtet wurde …b
Warmer Schweiß am Kopf, der das Haar nass macht.
AugeFrüh geschwollen und mit eiterartigem Schleime zugeklebt.a
Starkes Pressen in der Orbitalgegend, mit dem Gefühl im Bulbus, als würde er von allen Seiten fest zusammengepresst, und mit momentaner Verdunkelung des Gesichts.b
OhrenSausen, wie von Wasserrauschen.a
Einzelne große Stiche im Ohr, besonders im Bücken, bei Uebelnehmigkeit und Aergerlichkeit über Kleinigkeiten.a
Anfallsweise drückender Ohrenschmerz, mit Reißen in den Ohren, das ihn aufschreien lässt.
Besonders an den Ohren empfindlich auf freie Luft.
GesichtNach Essen und Trinken, Hitze und Schweiß des Gesichts.a
Rotes Gesicht; oder Röte und Hitze der einen Wange, während die andere blass ist.
Anfallsweise wiederkehrende Röthe in dem einen Backen, ohne Schauder und ohne innere Hitzea (Hemikranie).
Eine Backe rot und heiß, die andere blass und kalt.
Die Unterlippe theilt sich in der Mitte in eine Schrunde.a (natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, sepiaSEPIA, graphitesGRAPHITES)
MundFrüh, bitterer Geschmack im Munde.a
Zusammenfluss eines metallisch süsslich schmeckenden Speichels im Munde.b
Es riecht ihm faul aus dem Munde …a
Auf und unter der Zunge Bläschen mit stechendem Schmerze.a
ZähneZahnweh, wenn man etwas Warmes in den Mund bringt.a
Zahnweh, nach warmen Getränken vorzüglich arg, besonders nach Kaffeetrinken.a
Zahnweh erneuert sich in der warmen Stube.a
[Schwaches Wühlen in einigen Backzähnen …] diese Empfindungen erschienen unausstehlich und stimmten ganz ärgerlich.b
Ziehender Zahnschmerz …, welcher … vorzüglich die Nacht tobt, wobei die Zähne wie zu lang sind.a
Zahnfleisch gerötet und empfindlich (Dentition).
Zahnende Kinder: mit wässrigem, grünlichem Durchfall, auch wie zerhackt aussehend [wie zerhackte Eier oder Spinat] und nach faulen Eiern stinkend; Zucken der Glieder oder Zusammenfahren; Krämpfe; das Kind krümmt sich zusammen und zieht die -Beine auf den Bauch; Stöhnen; möchte getragen werden; trockener Husten; unruhig in der Nacht; möchte trinken; rasche, rasselnde Atmung.
HalsKrampfhaftes Zusammenschnüren im Schlunde.b
Brennende Hitze im Schlunde, bis in Mund und Magen.d
Halsweh mit Geschwulst der Ohrdrüsea, der Unterkieferdrüsen oder der Mandeln.d
Essen und TrinkenMangel an Appetit.a
Großer Durst auf kaltes Wasser und Verlangen nach sauren Getränken.
Behält beim Trinken gern lange das kalte Wasser im Mund (Dentition).
Nach Essen und Trinken, Hitze und Schweiß des Gesichts.a
Durstig und heiß bei den Schmerzen.
Vergebliche Bemühungen zu erbrechen.
MagenMagendrücken, wie wenn ein Stein herabdrückte.a
Magenkrämpfe, besonders bei Kaffeetrinkern.d
AbdomenGluckern in der Seite bis in den Unterleib.a
Nach dem Essen treibt's ihm den Unterleib auf.a
Von Zeit zu Zeit wiederkehrende Kolik; in den Hypochondern häufen sich die Blähungen und es fahren Stiche durch die Brust.a
Blähungskolik; Abdomen aufgetrieben wie eine Trommel, es gehen nur wenige Winde ab, ohne Erleichterung; > durch Anwendung warmer Tücher.
Abdomen tympanitisch und berührungsempfindlich.
Rektum, StuhlBlos weißschleimiger Durchfall mit Leibweh.a
Leibesverstopfung von Unthätigkeit des Mastdarms …a
Ein Drängen nach dem Bauchringe, als wenn jetzt dieser Theil zu schwach wäre zu widerstehen, wie wenn ein Darmbruch entstehen will.a
Stühle: grün, wässrig; wundmachend; mit Kolik, Durst, bitterem Mundgeschmack und bitterem Aufstoßen; wie gehackte oder verrührte Eier; sauer riechend; heiß, durchfällig, von Fauleiergestank; veränderlich; mit unverdauten Speiseresten; schleimig und blutig.
Geschwürige Schrunden am After.d
MenstruationMenstruationskolik als Folge von Zorn.
Membranöse Dysmenorrhö.
Unter starken Schmerzen wie zum Kinde und wie Geburtswehen in der Bärmutter, häufiger Abgang geronnenen Geblütes …a
Es zieht vom Kreuze vor, packt und greift ihr in die Bärmutter ein, und dann gehen allemal große Stücken Blut ab.a
Gelber, beißender Mutterscheidenfluß.a
SchwangerschaftDie Wehen pressen nach oben; sie ist heiß und durstig, mürrisch und zum Zanken geneigt.
Rigidität des Os uteri; sie kann die Wehen kaum aushalten.
Nachwehen sehr heftig und quälend.
Puerperalkrämpfe: nach Zorn; eine Wange rot, die andere blass.
Brüste hart und berührungsempfindlich, mit ziehenden Schmerzen; sie ist gereizt und verdrießlich und kann nicht schlafen.
Säuglinge bekommen Krämpfe, weil sie mit Milch gestillt wurden, die durch einen Wutanfall der Mutter verdorben war.
Kehlkopf, HustenHeiserkeit von zähem, im Kehlkopfe sitzendem Schleime, der nur durch starkes Räuspern wegzubringen ist.a
Steckflußartige49

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Steckfluss bedeutet erstickender Katarrh.

Engbrüstigkeit (es will ihm die Kehle zuschnüren) in der Gegend des Halsgrübchens, mit beständigem Reize zum Husten.a
Fast ununterbrochener, kitzelnder Reiz zum Husten unter dem obern Theile des Brustbeins, ohne daß es jedoch allemal zum Husten käme.a
Gefühl von Rauhigkeit und Kratzen im Kehlkopfe.b
Kitzel in der Halsgrube, ruft trockenen, kratzenden Husten hervor.
Kratzender, trockener Husten von Kitzel im Halsgrübchen; < nachts, selbst im Schlaf; besonders bei Kindern nach Erkältung im Winter.
Atmung, BrustAsthma nach einem Zornesausbruch.
Erstickungsanfälle infolge Zurücktretens eines Masernausschlags durch eine Erkältung.
Stechen in der Brust, wie Nadelstiche.a
Zu Zeiten einzelne, starke Stiche in der Brust.a
RückenZiehender Schmerz.a
Schmerz im Kreuze, vorzüglich in der Nacht.a
ExtremitätenDie Arme schlafen ihr gleich ein, wenn sie derb zufaßt; sie muß sie gleich sinken lassen.a
Knacken in den Gelenken, vorzüglich der Untergliedmaßen, und Schmerzen darin, wie zerschlagen …a
Klamm in den Waden.a – Vorzügliche Neigung zu Wadenklamm.a
In der Nacht brennen die Fußsohlen und er steckt die Füße zum Bette heraus.a
Heftige rheumatische Schmerzen treiben ihn nachts aus dem Bett und zwingen ihn umherzugehen.
SchlafSchlaflos und unruhig die Nacht.
Wimmern im Schlafe.a – Weinen und Heulen im Schlafe.a
Auffahren, Aufschreien, Umherwerfen und Reden im Schlafe.a
Schläfrig, kann aber nicht schlafen.
Frost, Hitze, SchweißKälte des ganzen Körpers, mit brennender Gesichtshitze, welche zu den Augen herausfeuert.a
Kalte Gliedmaßen, mit brennender Gesichtshitze, brennender Hitze in den Augen und brennendem Athem.a
Ungemeine Empfindlichkeit gegen frische Luft und großer Abscheu vor Windc; besonders empfindlich im Bereich der Ohren.
Schmerzen werden durch Wärme verschlimmert (doch warme Tücher bessern Bauchkoliken).
Innere Hitze mit Schauder.a
Hitze und Schauder vermischt, zumeist mit einer roten und einer blassen Wange.
Abends Brennen in den Backen, mit fliegenden Frostschaudern.a
Gefühl von äusserer Hitze, ohne äussere Hitze.a
Lang währende Fieberhitze, mit heftigem Durst und häufigem Auffahren im Schlaf.
Heiß und durstig bei den Schmerzen.
Fieber …a
Heftiger Schweiß der bedeckten Theilea (der unbedeckten Teile: thujaTHUJA).
Schweiß im Schlaf, besonders am Kopf, gewöhnlich sauer riechend.
PeriodizitätSchmerzen kehren am Abend wieder und verschlimmern sich vor Mitternacht.
EmpfindungenUeberempfindlichkeit der Sinnes-Organe (besonders auch von Kaffeetrinken oder von narkotischen Palliativen).c
Die lähmige Empfindung … ist wohl nie ohne gleichzeitigen ziehenden oder reißenden Schmerz, und der ziehende oder reißende [Schmerz] … ist fast nie ohne eine gleichzeitige lähmige oder taube Empfindung in dem Theile.a
LebensstadienBesonders häufig angezeigt bei Kindern, Neugeborenen und während der Zahnungsperiode.
Kinder empfinden Erleichterung, wenn sie umhergetragen werden.
Das Kind macht sich steif und biegt sich zurück, strampelt mit den Füßen auf dem Arme, schreit unbändig und wirft alles von sicha (bei Zahnung).
Erwachsene und auch alte Menschen mit arthritischer oder rheumatischer Diathese.
Boericke charakterisiert Chamomilla so:
„Chamomilla ist empfindlich, reizbar, durstig, heiß und zu Taubheitsgefühlen geneigt.“
„Ein mildes, sanftes und gelassenes Gemüt kontraindiziert Chamomilla.“
Der folgende Beitrag stammt aus Amerika (Homœopathic Recorder, USA, Nr. 4, 1934), und ich möchte ihn gern unserem ‚Arzneimittelbild‘ von Chamomilla hinzufügen.
In der Diskussion über eine interessante Abhandlung über Chamomilla kam es zu folgenden unterhaltsamen und aufschlussreichen Anmerkungen der einzelnen Gesprächsteilnehmer:
Dr. Farrington: Vor vielen Jahren las ich eine Geschichte über Wesselhöft und Lippe … Als die beiden alten Herrschaften einmal zusammentrafen, führten sie ein paar sehr gute Gespräche über die Materia medica. Zu schade, dass man diese nicht aufzeichnen konnte oder dass wir sie nicht dabei belauschen konnten. Hin und wieder wetteiferten die beiden miteinander, wer von ihnen sich besser in der Materia medica auskannte.
Der alte Wesselhöft sah Lippe schon im Hintertreffen, als er ihn fragte: „Dr. Lippe, ich hatte eine Patientin mit folgendem merkwürdigen Symptom: Hat das Gefühl, als ob sie auf den Enden ihrer Unterschenkelknochen laufen würde und keine Füße mehr hätte – als ob diese fort wären. Welches Mittel habe ich ihr gegeben?“
Darauf Lippe: „You gave her de Chamomilla, by Gott.“
Nun, vor ungefähr einem Jahr machte ich einen Hausbesuch bei einer 80-jährigen Frau. Sie klagte über ihre Füße, dass sie ihr wehtäten – ihre Hühneraugen „zwickten immer bei feuchtem Wetter“. Und dann sagte sie: „Das Komische ist, dass ich das Gefühl habe, als würde ich auf den Enden meiner Unterschenkelknochen laufen!“
Ich gab ihr Chamomilla, und das beseitigte nicht nur diese Empfindung – von der ja vielleicht jemand sagen könnte, sie sei Einbildung –, sondern kurierte auch ihre Hühneraugen.
Dr. Grimmer: Ich möchte Ihnen einen Fall von Strychninvergiftung erzählen. Kurz nach meinem Abschlussexamen wurde ich in den frühen Morgenstunden zu einer jungen Dame gerufen, die gerade heftigste Strychninkrämpfe durchmachte. Ich hatte kein Antidot bei mir und konnte auch keines bekommen, da die Apotheken noch geschlossen hatten. Ich hatte nicht einmal eine Magenpumpe dabei, und wenn, hätte ich damit wohl auch nichts ausrichten können; sie war nämlich in diesen Zustand geraten, weil sie das Strychnin über einen längeren Zeitraum – ich glaube, in …/”‘-Gran-Dosen – eingenommen hatte. Sie hatte von ihrem Hausarzt ein Fläschchen bekommen und sollte zwei oder drei Pillen daraus beim Auftreten von Kopfschmerzen einnehmen; sie aber nahm sie regelmäßig weiter, bis sich eine große Dosis im Körper angehäuft hatte.
Ihre Zähne waren zusammengebissen, ihr Kopf nach hinten gezogen, und sie war blass, nicht rot. Ich begann ein paar Fragen zu stellen, doch sie fauchte durch die Zähne: „Warum tun Sie nichts? Ich halte das nicht länger aus … Tun Sie was!“
Nun, ich hatte Chamomilla in der tausendsten Potenz bei mir, und so gab ich ihr davon ein Pülverchen in den Mund. Ich sage Ihnen, kein chemisches Antidot könnte mit einem solchen Erfolg aufwarten, wie ihn diese Chamomilla-Dosis bewirkte: Sie entspannte sich bald; nach etwa fünf Minuten erbrach sie, und wenige Minuten später hatte sie den Drang, sich auch in der anderen Richtung zu entleeren. Bei Tagesanbruch war sie, bis auf einen ungeheuren Muskelkater infolge der Krämpfe, wiederhergestellt. Danach traten noch eine Menge Herpesbläschen um den Mund herum auf, derer sich rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON annahm, ebenso wie des Wundheitsgefühls in den Muskeln.
Dr. Edwards: Dr. Tyrell sagte mir einmal: „Wenn sich ein Ehemann beklagt, dass seine Frau so verdrießlich und reizbar ist und er mit ihr nicht mehr auskommt, geben Sie ihm [!] eine Dosis Chamomilla.“ – Und das klappt! Ich habe es viele Male so gemacht.

Chelidonium majus

Weitere Namen: chelidoniumSchöllkraut
„Eine perennierende Pflanze von scharfem, bitterem und brennendem Geschmack, aus der beim Pressen ein gelborangefarbener, ätzender, milchiger Saft austritt. Sie wächst an Hecken und Zäunen, in verwilderten Gärten, inmitten von Steinen und Schutt.“
Einer unserer guten alten Apotheker (viele von ihnen bereiteten ihre homöopathischen Arzneien noch selber zu) pflegte immer zum Box Hill in Surrey zu pilgern, wo das Schöllkraut prächtig gedieh, um die besten Tinkturen der Pflanze an deren bevorzugtem Standort zu bekommen. Die Tinktur wird aus der Wurzel oder aus der ganzen Pflanze gewonnen.
Hering schreibt: „Diese schon im Altertum berühmte Arzneipflanze konnte sich auch durch das Mittelalter hindurch ihren Ruf erhalten. Die Arznei wurde bei ernsten Beschwerden, insbesondere Leberstörungen verabreicht, entsprechend der Signaturenlehre: der gelbe Saft der Pflanze gegen die gelbe Galle und ein gelbsüchtiges Aussehen. Sie wurde von Hahnemann und später noch umfassender von Otto Buchmann geprüft. Ihr Platz in der Materia medica ist gut abgesichert durch zahlreiche klinische Berichte, die die Prüfungen bestätigen.“
Culpeper, 1616–1654, The Herbal, erzählt: „Das Kraut wird Chelidonium genannt, nach dem griechischen Wort ‚chelidon‘ für ‚Schwalbe‘, weil man sagt, dass, wenn man jungen Schwalben im Nest die Augen aussticht, die Alten sie mit diesem Kraut wiederherstellen …“ (Chelidonium hatte auch einen guten Ruf bei Augenerkrankungen und Katarakt.) Culpeper sagt, es sei „eines der besten Heilmittel für die Augen“. – „In einer Salbe, um wunde Augen damit zu bestreichen. … Nach meiner und der Erfahrung jener, die ich es gelehrt habe, sind die schlimmsten Augenentzündungen mit dieser Medizin geheilt worden“, und er meint, dies sei „weit empfehlenswerter, als die Augen durch die Kunst der Nadel50

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Gemeint sind wohl operative Eingriffe am Auge und hier vor allem die übliche Praxis des Starstechens.

zu gefährden“. Und in der Tat ist Chelidonium ein großartiges Augenmittel: Durch die Prüfungen sind etwa 130 Augensymptome herausgebracht worden.
Hahnemann sagt in seiner Einleitung zu den Prüfungen des Schöllkrauts:
„Die Alten wähnten, die Gelbheit des Saftes dieser Pflanze sey ein Zeichen (Signatur) ihrer Dienlichkeit in Gallenkrankheiten. Die Neuern dehnten daher ihren Gebrauch auf Leberkrankheiten aus, und ob es gleich Fälle gab, wo der Nutzen dieses Gewächses bei Beschwerden in dieser Gegend des Unterleibes sichtbar ward, so sind doch die Krankheiten dieses Theils, ihr Ursprung und das dabei gegenwärtige Uebelbefinden des übrigen Lebens unter sich so verschieden, die Fälle auch, wo es geholfen haben soll, von den Aerzten so wenig genau beschrieben worden, daß sich Krankheitsfälle, worin diese Arznei fortan mit Gewißheit dienlich seyn müßte, unmöglich aus ihren Angaben im voraus bestimmen lassen – wie doch so unumgänglich bei Behandlung der so wichtigen Menschenkrankheiten geschehen sollte. Eine solche Lobpreisung (ab usu in morbis) bleibt also nur allgemein, unbestimmt und zweideutig, zumal da dieses Kraut von den Aerzten so selten einfach, sondern fast immer in Vermischung mit andersartigen, wirksamen Dingen (Löwenzahn, Erdrauch, Brunnkresse) und unter Beigebrauche von den sogenannten (höchst abweichend wirkenden) bittern Dingen angewendet worden ist.
Die Wichtigkeit der menschlichen Gesundheit verstattet keine so ungewisse Bestimmung der Arzneien. Nur der leichtsinnige Frevler kann sich mit solcher Vermuthlichkeit am Krankenbette begnügen. Es kann also nur das, was die Arzneien von ihrer eigenthümlichen Wirkungsfähigkeit unzweideutig bei ihrer Einwirkung auf gesunde Körper selbst offenbaren, das ist, nur ihre reinen Symptome können uns laut und deutlich lehren, wo sie mit Gewißheit heilbringend seyn müssen, wenn sie in sehr ähnlichen Krankheitszuständen eingegeben werden, als sie selbst eigenthümlich im gesunden Körper erzeugen können.
Man wird aus folgenden Symptomen des Schöllkrauts, deren Vervollständigung noch von andern redlichen, genauen Beobachtern zu erwarten ist, eine viel mehr erweiterte Aussicht auf bestimmte Hülfskräfte dieses Gewächses bekommen, als man bisher geahnet hatte; aber bloß der in die homöopathische Lehre eingeweihete Arzt wird diesen gesegneten Gebrauch von ihm zu machen verstehen. Der Schlendrianist mag sich mit den ungewissen Nutzanwendungen des Schöllkrautes begnügen, wozu ihn seine, im Finstern tappende Materia medica anleitet.“
Gehen wir einmal einige der von Culpeper niedergelegten Dikta und Erfahrungen durch und vergleichen wir sie mit den Prüfungssymptomen von Chelidonium, insbesondere mit den vielfach bestätigten „Hauptsymptomen“ am Ende dieses kurzen Resümees!
Er sagt: „Das Kraut oder der Wurzelstock, mit ein paar Anissamen in Weißwein gekocht, eröffnet Obstruktionen im Bereich der Leber und der Gallengänge und hilft so bei Gelbsucht; öftere Anwendung hilft bei Wassersucht und Juckreiz, ferner denen, die alte Geschwüre an den Unterschenkeln oder anderen Körperteilen haben. … Der Saft, in die Augen getropft, reinigt diese von Schleiern und Trübungen, die das Gesicht verdunkeln, aber am besten mildert man zuvor die Schärfe des Saftes mit ein wenig Brustmilch (!). Es ist gut für alte, schmutzige und fressende Geschwüre, wo sie auch sitzen mögen, um ihrem bösen Nagen und Eitern Einhalt zu gebieten und sie zu schnellerer Ausheilung zu bringen. Der Saft, auf Flechten und Ringelflechten oder andere krebsartig sich ausbreitende Ausschläge gebracht, wird diese rasch heilen; und oft auf Warzen getupft, nimmt es diese hinweg.“ Er beschreibt seinen Gebrauch bei Zahnschmerzen und meint: „Das Pulver der getrockneten Wurzel, auf jedweden schmerzenden, hohlen oder losen Zahn gebracht, wird diesen zum Ausfallen (!) bringen.“
Augen – Leber – Gelbsucht – Geschwüre … Culpeper hatte recht damit, wie die Prüfungen zeigen!
Burnett (Diseases of the Liver) macht viel Aufhebens von Chelidonium. Hahnemann rät uns bekanntlich ab, Lieblingsmittel zu haben – doch zweifellos ist Chelidonium einer der Favoriten Burnetts gewesen. Er meint: „Es ist wohl die größte Lebermedizin, die wir in diesem Lande haben, und es besteht wahrhaftig kein Mangel an Lebererkrankungen! Einige meiner ersten Erfolge in der Praxis waren auf die Verwendung von Chelidonium zurückzuführen. … Meine Auffassung über den eigentlichen Ort seiner Wirkung ist, dass es die Leberzellen angreift. … Es darf allerdings nicht als Universalheilmittel der Leber angesehen werden – das ist es keinesfalls. …
Von seinem Ursprung, der Signaturenlehre, zieht sich der Gebrauch des Schöllkrauts durch die Jahrhunderte hindurch bis in unsere Tage. … Seine Wirkung ist sanft und mild, und bereits kleinste Gaben genügen, um die volle Wirkung zu erzielen.“
Burnett berichtet, dass es eines der Organmittel von Paracelsus und Rademacher gewesen ist; und von Letzterem zitiert er folgenden Ausspruch:
„Unwäg- und unmessbare Arzeneigaben können, wenn das durch Krankheit veränderte Verhältniss des Körpers zur Aussenwelt sich dazu eigene, wundervolle Heilwirkungen äussern“, welche Wahrheit aber „mit der sogenannten homöopathischen Theorie gar nicht in Berührung“ komme.51

51

Zitiert nach Burnett, der diese Passage im Original wiedergibt.

Rademacher scheint auf Hahnemann eifersüchtig gewesen zu sein und angenommen zu haben, sich mit ihm messen zu können. Doch armer Rademacher! – jetzt überlebt er für uns fast nur noch in den Schriften Dr. Compton Burnetts.
Nashs Beitrag zu Chelidonium ist nicht sehr umfangreich, doch, wie gewohnt, sehr prägnant und auf den Punkt gebracht.
„Das Wirkungszentrum dieses bemerkenswerten Mittels liegt in der Leber, und sein charakteristischstes Symptom ist ein festsitzender Schmerz (dumpf drückend bis heftig stechend) unter dem unteren inneren Winkel des rechten Schulterblattes. Dieses überaus charakteristische Symptom kann im Zusammenhang mit Gelbsucht, Husten, Diarrhö, Pneumonie, Menstruation, Agalaktie, Erschöpfung usw. auftreten. Doch gleichgültig, wie der Name der Krankheit ist: Wenn dieses Symptom vorhanden ist, sollte man immer an Chelidonium denken, und gewöhnlich wird eine nähere Untersuchung ein Leberleiden oder eine Leberkomplikation erkennen lassen – wie man es bei einer solchen Arznei natürlich auch erwarten würde. … Wenn wir drückende Schmerzen in der Lebergegend finden, sei die Leber angeschwollen und druckempfindlich oder nicht, bitteren Geschmack im Mund, dicken, gelben Zungenbelag mit rotem Zungenrand und sichtbaren Zahneindrücken, Gelbfärbung von Skleren, Gesicht, Händen und Haut, hellgraue, lehmfarbene oder goldgelbe Stühle, desgleichen goldgelben, zitronengelben oder dunkelbraunen Urin, der beim Ausleeren eine gelbe Farbschicht im Gefäß hinterlässt52

52

Bei Buchmann heißt es: „Die innere Fläche des Geschirrs ist mit rothgelben Krystallen von Harnsäure bedeckt …“

, Appetitlosigkeit, Ekel und Übelkeit oder Erbrechen galliger Flüssigkeit, so haben wir es, besonders wenn der Patient nichts als heißes Wasser im Magen behalten kann, mit einem klaren Fall von Chelidonium zu tun, selbst wenn der Schmerz unter dem rechten Schulterblatt fehlen sollte.“
Gelbsucht. Ich entsinne mich, einmal von einem Mann gehört zu haben, der seit langem an Gelbsucht erkrankt war und für den der Arzt am Ort nichts tun konnte. Schließlich wurde er durch wenige Gaben Chelidonium geheilt, und zwar durch einen jugendlichen Neuling ohne Qualifikation, der dadurch um so mehr in seiner Ansicht bestärkt wurde, dass es ein Leichtes wäre und eine feine Sache, diesem Doktor ‚mal eins auszuwischen‘. Oder: Der Manager einer Eisenhütte erkrankte, was sehr ungelegen kam, an einer Gelbsucht, die keinerlei Besserungstendenz zeigte. „Was soll ich ihm schicken?“, fragte mich der Chef der Hütte, selbst ein guter und erfahrener Laienhomöopath. „Chelidonium!“ – und einmal mehr wurde das Mittel seinem Ruf gerecht.
Was Gallensteinkoliken betrifft, so habe ich Fälle gehabt (ein Patient von vor einigen Jahren erschien kürzlich wieder in unserer Ambulanz), bei denen Chelidonium zunächst in der C 6 (für eine gewisse Zeit) und danach in gelegentlichen Gaben der CM-Potenz die Beschwerden beseitigte; und zumindest bei diesem Patienten kamen die Koliken auch niemals wieder.
Hughes erwähnt die Prüfungen, Experimente und Beobachtungen von Dr. Buchmann, die viel zu unserem Wissen über die Wirkung dieses Mittels beigetragen haben … „und zeigen, dass auch diese arzneiliche Kraft dem Ähnlichkeitsgesetz gehorcht. Die Wirkung auf die Leber ist in seinen Prüfungen sehr stark ausgeprägt. Scharfe oder auch dumpf-drückende Schmerzen und große Empfindlichkeit des Organs, Schmerzen in der rechten Schulter [bzw. am rechten Schulterblatt], Stühle entweder weich und hellgelb oder hart und weißlich sowie dunkel verfärbter Urin: diese Symptome tauchten fast bei jedem Prüfer auf. Bei dreien wurde die Haut gelb oder dunkel, und bei einem Prüfer entwickelte sich eine regelrechte Gelbsucht. … Mittlerweile ist Chelidonium eines meiner Hauptmittel bei Gelbsucht geworden.
Dann brachten die Untersuchungen, die Teste durchführte, diesen darauf, Chelidonium eine spezifische Affinität zu den Atemwegsorganen zuzuschreiben. Die beiden Erkrankungen, auf welche die Symptome des Mittels seiner Ansicht nach besonders hinweisen, sind der Keuchhusten und die Pneumonie, und die seither gemachten Erfahrungen haben seine Voraussage über den diesbezüglichen Wert der Arznei vollauf bestätigt. … Dr. Buchmann zeigte, dass bei Tieren, die mit Chelidonium vergiftet wurden, die Lungen gewöhnlich angeschoppt und gelegentlich auch hepatisiert waren. Bei mehreren seiner Prüfer traten all die Symptome einer beginnenden Lungenentzündung in Erscheinung, und auch aus seiner eigenen Praxis konnte er Pneumonie-Fälle beisteuern, bei denen die vorteilhafte Wirkung von Chelidonium offenkundig war.“
In einem alten Homöopathie-Lehrbuch über Kinderkrankheiten – ich habe es verschenkt und seinen Autor leider vergessen – stand geschrieben, dass die meisten Pneumoniefälle bei Kindern gut auf Chelidonium ansprechen, womit der Autor die Behandlung seiner Fälle stets begann. Es ist eines der großen Pneumonie-Mittel, besonders bei Affektion des rechten Unterlappens. Man wird feststellen, dass es fast ausschließlich ein rechtsseitiges Mittel ist. Es erscheint mir sinnvoll, an dieser Stelle einmal Dr. Kents anschauliche Schilderung einer Chelidonium-Pneumonie wiederzugeben.
„Was Lungenentzündungen angeht, so befallen diese im Allgemeinen die rechte Seite, oder sie beginnen dort und gehen dann auf die linke über. Die Rechtsseitigkeit ist ausgeprägt, und meist sind nur kleine Bereiche der linken Lunge mitbeteiligt. Gewöhnlich ist auch die Pleura betroffen, sodass stechend-reißende Schmerzen vorhanden sind. Man wird wahrscheinlich nicht lange praktizieren müssen, um einem Chelidonium-Patienten zu begegnen, wie er mit hohem Fieber aufrecht in seinem Bett sitzt und sich vornüber auf die Ellbogen stützt, jede Bewegung tunlichst meidend, denn dieses Mittel hat eine ebenso starke Verschlimmerung durch Bewegung wie bryoniaBRYONIA. All seine Schmerzen und Leiden werden durch Bewegung extrem verstärkt. Der Patient hat Schmerzen, die ihn wie angewurzelt sitzen lassen; er kann sich nicht rühren, sich nicht bewegen, ohne dass ihn sofort Schmerzen wie Messerstiche durchfahren. Am nächsten Tag werden Sie bemerken, dass seine Haut sich gelb zu färben beginnt. Wenn Sie ihn gleich zu Beginn behandeln können, wird ihm Chelidonium helfen und die Pneumonie noch verhindern. Bei Lungenentzündungen von Kindern ist das Mittel nicht selten und bei solchen von Erwachsenen sogar außerordentlich häufig angezeigt.“
Er fügt hinzu: „Verwechseln Sie bei einer Lungenentzündung Chelidonium aber nicht mit BRYONIA! Beide werden durch Bewegung bedeutend verschlimmert. BRYONIA aber möchte, im Gegensatz zu Chelidonium, auf der schmerzhaften Seite liegen – oder auf dem Rükken, wenn die Entzündung hauptsächlich den hinteren Teil der rechten Lunge befallen hat. Chelidonium muss dagegen aufrecht sitzen, weil es außer Bewegung auch keinerlei Berührung des Brustkorbs verträgt. … belladonnaBELLADONNA hat bei rechtsseitiger Pleuritis äußerst schmerzhaftes Reißen, doch darf, im Gegensatz zu BRYONIA, diese rechte Seite weder berührt noch gedrückt werden; der Patient muss auf der anderen Seite liegen und darf sich nicht regen. Er erträgt aufgrund der extremen Empfindlichkeit auf Bewegung nicht einmal die geringste Erschütterung des Bettes.“
Burnett sagt zum Thema Lungenerkrankungen: „Ich möchte aber noch einmal die Tatsache betonen, dass Chelidonium sehr häufig Anschoppung der rechten Lunge heilt, selbst wenn diese eine Begleiterscheinung von Lungentuberkulose ist; doch hat die Arznei keinen Einfluss auf den allgemeinen phthisischen Zustand, nur auf das, was zur unteren Hälfte der rechten Lunge und zur Leber gehört bzw. sich daraus ergibt. Als interkurrentes Mittel bei hepatischen Komplikationen einer Tuberkulose ist es jedoch durchaus in der Lage, bedeutsame Dienste zu leisten.“
Chelidonium hat auch einen sehr heftigen, krampfhaften Husten, und so wird es, wenn die Symptome übereinstimmen, bei Keuchhusten für nützlich befunden.
Bei Rheumatismus ebenfalls – doch es fehlt hier an Platz dafür!
Hughes erwähnt seinen „bisher unbekannten Einfluss auf die Nieren: renale Reizung, Zylinder, erhöhte Harnsäure, verminderte NaCl-Ausscheidung, ödematöse Schwellungen der Extremitäten.“
Die Kopfschmerzen, die durch Chelidonium geheilt werden, können sehr heftig sein. Ich erinnere mich an eine Cottagebewohnerin auf dem Land – es ist viele Jahre her – mit solch rasenden Kopfschmerzen, dass sie den Drang verspürte (weiß der Himmel, warum!), sich die Hand abzuhacken. Die Indikationen, weshalb ich ihr Chelidonium gab, weiß ich nicht mehr, aber es befreite sie schnell von ihrem Leiden.
Ein kleiner Symptomenkomplex, der auf Chelidonium hinweist und bei eher vagen und unbestimmten Fällen, wie sie gelegentlich in unserer Ambulanz auftauchen, sehr von Nutzen sein kann:
Schmerz am rechten unteren Schulterblattwinkel;
Zahneindrücke an der Zunge;
Große Schläfrigkeit am Tage.
(Man könnte noch hinzufügen:)
Besser durch Milch und heiße Getränke, vor allem durch heiße Milch.
Wir wollen schließen mit einem Zitat aus Guernseys Keynotes:
„Das stärkste Charakteristikum, das nach dieser Arznei verlangt, ist ein heftiger Schmerz am unteren inneren Winkel des rechten Schulterblattes, der in die Brust zieht. Dieses Zeichen liefert den Schlüssel zur Heilung einer fast endlosen Vielfalt von Beschwerden. Chelidonium hat eine sehr spezifische Wirkung auf die Leber und den Pfortaderkreislauf.“
Hauptsymptome53

53

Die mit a bezeichneten Symptome sind Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre entnommen, die mit b gekennzeichneten Symptome stammen aus der umfangreichen Prüfung von Dr. Otto Buchmann, die 1865–66 in der A.H.Z. veröffentlicht wurde (zitiert nach dem Symptomenregister im Monatsblatt zum 71. Band, S. 21). Ein mit c markiertes Symptom stammt von Nenning, der zu Chelidonium ebenfalls viele Symptome beigetragen hat (abgedruckt in der Reinen Arzneimittellehre von Hartlaub/Trinks); d steht für ein Symptom aus Bönninghausens Uebersicht der Eigenthümlichkeiten und Hauptwirkungen der homöopathischen Arzneien. Die nicht markierten Symptome stammen aus Herings Guiding Symptoms; wo sie teilweise auf Hahnemann oder Buchmann zurückgehen, habe ich den Originalwortlaut berücksichtigt. – Anm. d. Ü.

Geist und GemütUnlust zu geistiger Beschäftigungb und Konversation.
AllgemeinesGroße Trägheit und Schläfrigkeit, ohne Gähnen.a
Große Schwäche und Mattigkeit.
Lethargie.
Große Unbehaglichkeit: es ist ihm gar nicht wohl, ohne daß er weiß, was ihm eigentlich fehlt.a
Müdigkeit und Trägheit der Glieder …a
SchwindelMit Galleerbrechen und Schmerz in der Leber; mit Stolpern, als müsste er vorwärtsfallen; beim Schließen der Augen; etc.
KopfDrückender Schmerz über dem linken Auge, der das obere Augenlid herabzudrücken schien.a
Drückender Schmerz in der rechten Stirn.b
Schwere im Hinterkopf.b
(Kopfschmerzen, Migräne, Neuralgien.)
(Ein seltsames Symptom:) Ein Drängen im großen Gehirn, als wenn es im Schädel nicht Raum hätte und sich durchs Ohr drängen wollte, worin ein Geräusch, wie von einem entfernten Wasserwehre, gespürt wird.a
Rechtsseitige Supraorbitalneuralgie.
AugenDas Weisse im Auge ist schmutzig-gelb gefärbt.b
Stiche im Knochen über dem linken Auge.b
Vermehrte Sekretion der Meibom-Drüsen.
OhrenEin lang anhaltender Stich im äußern rechten Ohre, der allmälig verschwindet.a
Unleidliches Gefühl in beiden Ohren, als strömte aus ihnen Wind aus …a
In beiden Ohren, Getön, wie sehr weit entfernter Kanonendonner.a
Gesicht:
Auffallend gelbe Färbung des Gesichts wie bei Gelbsuchtb, besonders der Stirn, der Nase und der Wangen.
Das Wangenroth ist durch die Mischung mit Gelb dunkeler gefärbt.b
Graugelbes … blasses … eingefallenes Gesicht.b
MundZunge dick gelb belegt, mit rotem Rand, der die Eindrücke der Zähne zeigt.
Schleim im Munde.b
Zäher schleimiger Speichel.b
Bittrer Geschmack im Munde …a
HalsEmpfindung, als würde der Kehlkopf von außen auf die Speiseröhre gedrückt, wodurch nicht das Athmen, sondern das Schlingen erschwert wird.a
Starke Spannung an und in dem Halse, über der Kehlkopfgegend, als wenn er zugeschnürt wäre, wodurch jedoch nur der Schlund verengert ward.a
Ein Würgen im Halse, als wenn man einen zu großen Bissen allzuschnell hinter schlingt.a
MagenVerlust des Appetits, mit Ekel und Übelkeit.
Schlucksen [Schluckauf].a
Alle Beschwerden werden nach dem Essen geringer.
Übelkeit bei Hepatitis; Erbrechen in der Schwangerschaft.
Galleerbrechen.
Heftiger Schmerz in der Herzgrube [Magengrube], als werde der Magen zusammengeschnürt.b
Ein spitziger, schmerzhafter Stich in die Herzgrube hinein, der durch den Körper bis in den Rücken geht.c
Empfindlichkeit der Magengegend und des rechten Hypochondriums.
AbdomenEin Spannen über die Oberbauchsgegend.a
(Gefühl von Drehen und Bewegen oberhalb des Nabels, als schlängele sich ein Thier durch die Gedärme.)b
Stiche in der Leber.b
Drückender Schmerz in der Lebergegend, am Rande der Rippen.b
Schmerzen, die von der Lebergegend in Richtung Rücken und Schulter schießen.
Ziehender Schmerz über dem Nabel.b
Zusammenschnürungsgefühl quer über den Nabel weg, als werde der Leib durch einen Strick zusammengeschnürt.b
Abdominalplethora (Hämorrhoiden, Leberaffektionen).
Anhaltendes Schneiden in den Gedärmen, unmittelbar nach dem Essen, welches doch gut geschmeckt hatte.a
Rektum, StuhlAbwechselnd Diarrhö und Obstipation.
Dünner oder breiiger, hellgelber Stuhlgang.b
HarnDunkelgelb, klar.b
Von dem Urin röthlich braun, nach dem Trocknen noch dunkler gefärbte Windeln.b
Dunkelbrauner, trüber, am Rande Blasen bildender Urin, wie Braunbier.b
Atemwege, BrustEngbrüstigkeit.a
Er kann nicht mit jedem Athemzuge so viel Luft einathmen, als er braucht, athmet deshalb schnell aus, um bald wieder einathmen zu können. Einige recht tiefe Athemzüge bessern diese Beschwerde.b
Nächtliche Asthmaanfälle, mit Zusammenschnürungsgefühl auf der Brust – in der Zwerchfellgegend.
(Behinderung der Atmung wie durch einen zu festen Gürtel.)
Die Kleidungsstücke verursachen ihr Beklemmung auf der Brust, so dass sie dieselben lösen muss.b
Stiche in der rechten (unteren) Brustseite – unter (oder hinter) den rechten Rippen.
Dumpfer, tiefsitzender Schmerz in der ganzen rechten Brust.
Wundheitsschmerz in den unteren rechten Rippen.
Hepatisation; Hämoptysis (bei Pneumonie).
RückenSteifigkeit des Nackens.b
Stiche unter dem rechten Schulterblatte.b
[Sie erwacht mit] Schmerzen im rechten Schulterblatt …b
Kneipend krampfartiger Schmerz am innern Rande des rechten Schulterblattes …a
Reißender Druck an den untersten Lendenwirbeln bis vor in die Nähe der Schaufelbeine; es ist, als ob die Wirbelbeine von einander gebrochen würden, bloß beim Vorwärtsbiegen und wenn er sich dann wieder zurückbeugt …a
ExtremitätenSchmerz … Stiche in der rechten Schulter.b – Die vordern Glieder der Finger der rechten Hand wurden gelb, kalt und wie abgestorben, die Nägel blau.a
Ziehende Schmerzen in den Hüften, Oberschenkeln, Knien, Waden und Füßen, mehr auf der rechten Seite.
Eine Art Lähmung und Unvermögen im linken Oberschenkel und Knie beim Auftreten.a
Harter Druck, zwei Finger breit, unter der rechten Kniescheibe.a
Harter Druck, zwei Finger breit, unter der linken Kniescheibe …a
Schmerz im rechten Kniegelenk, durch Bewegung verschlimmert.b
Steifheitsgefühl (im linken Knie) mit Brennen im Gelenk.b
Neuralgie in den Gliedmaßen.
Rheumatismus, jede Berührung irgendeiner Stelle des Körpers ist außerordentlich schmerzhaft; dabei heftiges Fieber mit nicht erleichterndem Schweiß.
Die Glieder fühlen sich schwer, steif und lahm an.
Glieder schlaff.
NervenZittern der Glieder.b
Zucken in den Muskeln hier und dort.b
FieberBrennende Hitze der Hände, die sich von dort über den Körper ausbreitet.
Schweiße im Schlaf, nach Mitternacht und früh; bald nach dem Erwachen vergehend.
GewebeChronische gastrische und intestinale Katarrhe, mit verminderter Gallensekretion …
Hepatitis; Gelbsucht; Fettleber; schmerzhafte Lebervergrößerung; Gallensteine; biliöse Zustände im Allgemeinen.
Aufgetriebenheit der Hautvenen b; Abdominalplethora b;
Hämorrhoiden.
Gelbe Färbung der Haut …b
HautGelblichgrau, welk.
Jucken in der Haut bald hier, bald dort …b
Rote und schmerzhafte54

54

Häufiger ist in den Prüfungen von unschmerzhaften Ausschlägen die Rede; so heißt es etwa bei Buchmann: „Zerstreute, indolente, rothe Knötchen.“

‚Blüthen‘ und Pusteln an verschiedenen Stellen.
Alte, faule, um sich fressende Geschwüre.d

China

Weitere Namen: Rinde des Chinarindenbaums (Cinchona succirubra)
Obwohl Hahnemann in seinem wunderbaren Vorwort zu den Prüfungen von China – Cinchona officinalis – Chinarinde – schreibt: „Nächst dem Mohnsafte kenne ich keine Arznei, welche in Krankheiten mehr und häufiger gemißbraucht und zum Schaden der Menschen angewendet worden wäre, als die Chinarinde“, so war es doch das Chinin, das ihm die Homöopathie offenbarte.
Er beschreibt diese epochemachende Entdeckung wie folgt [Reine Arzneimittellehre, Band 3, S. 99]:
„Schon im Jahre 1790 (s. W. Cullen's Materia medica, Leipzig …) machte ich mit der Chinarinde den ersten reinen Versuch an mir selbst in Absicht ihrer Wechselfieber erregenden Wirkung, und mit diesem ersten Versuche ging mir zuerst die Morgenröthe zu der bis zum hellsten Tage sich aufklärenden Heillehre auf: daß Arzneien nur mittels ihrer den gesunden Menschen krankmachenden Kräfte Krankheitszustände und zwar nur solche heilen können, die aus Symptomen zusammengesetzt sind, welche das für sie zu wählende Arzneimittel ähnlich selbst erzeugen kann im gesunden Menschen, – eine so unumstößliche, so über alle Ausnahme erhabene, wohlthätige Wahrheit, daß aller von den mit tausendjährigen Vorurtheilen geblendeten ärztlichen Zunftgenossen darüber ergossene Geifer sie auszulöschen unvermögend ist, eben so unvermögend, als weiland Riolan's und seiner Consorten über Harvey's unsterbliche Entdeckung des großen Blutumlaufs im menschlichen Körper ergossene Schmähungen Harvey's Wahrheitsfund vernichten konnten. Auch diese Gegner einer unauslöschlichen Wahrheit fochten mit denselben elenden Waffen, wie die heutigen gegen die homöopathische Heillehre. Sie vermieden ebenfalls wie die heutigen, treue, genaue Nachversuche (aus Furcht durch sie factisch widerlegt zu werden) und verließen sich bloß auf Schmähworte und auf das hohe Alter ihres Irrthums (denn Galens Vorfahren, und Galen vorzüglich, hatten nach willkührlicher Meinung festgesetzt, daß nur geistige Luft, pneuma, in den Arterien wehe, und das Blut seine Quelle nicht im Herzen, sondern in der Leber habe) und schrieen: malo cum Galeno errare, quam cum Harveyo esse circulator.55

55

Lieber mit Galen irren als mit Harvey ein Anhänger des Blutkreislaufs sein.

Diese Verblendung … war damals nicht thörichter, als die jetzige Verblendung und der jetzige, eben so zwecklose Groll gegen die Homöopathie, welche auf den schädlichen Tand alter und neuer willkührlicher Satzungen und unhaltbarer Observanzen aufmerksam macht und lehret, wie man bloß nach deutlichen Antworten der befragten Natur, mit voraus zu bestimmender Gewißheit, Krankheiten schnell, sanft und dauerhaft in Gesundheit umwandeln könne.“ [Letzte Hervorhebung durch M. Tyler]
„Durchgängig ging man hier“, so schreibt er, „von einem falschen Grundsatze aus, und bestätigte damit die schon oft von mir beim vernünftigern Theile des Publicums angebrachte Rüge, daß die gewöhnlichen Aerzte bisher fast bloß in hergebrachten Meinungen, vom Trugscheine geleiteten Vermuthungen, theoretischen Satzungen und ungefähren Einfällen suchten, was sie in einer reinen Erfahrungswissenschaft, wie die Heilkunst ihrer Natur nach einzig seyn darf, bloß durch unbefangene Beobachtungen, lautere Erfahrungen und reine Versuche hätte finden können und sollen.“ [Hervorhebung M. Tyler]
Er berichtet, dass zu seiner Zeit die Chinarinde „nicht nur als eine ganz unschädliche, sondern auch fast in allen Krankheitszuständen, vorzüglich wo man Schwäche sah, als eine heilsame und allgemein heilsamste Arznei angesehen“ wurde; er hingegen ging, „unter Vermeidung aller Vermuthungen und aller traditionellen, ungeprüften Meinungen“, den Weg des Experiments (wie bei allen anderen Arzneien) und fand, „daß sie, so gewiß sie in einigen Fällen von Krankheit äußerst heilsam ist, eben so gewiß auch die krankhaftesten Symptome eigner Art im gesunden menschlichen Körper hervorbringe, Symptome oft von großer Heftigkeit und langer Dauer“, wie es die Prüfungen zeigten. Dadurch sei „zuvörderst der bisherige Wahn von der Unschädlichkeit, kindlichen Milde und Allheilsamkeit der Chinarinde widerlegt“.
Und er schreibt weiter …
  • 1.

    „Die Chinarinde ist eine der stärksten vegetabilischen Arzneien. Ist sie genau als Heilmittel angezeigt, und ist der Kranke von seiner durch China zu hebenden Krankheit stark und innig ergriffen, so finde ich einen Tropfen so verdünnter Chinarinden-Tinctur, der ein Quadrilliontel (1/1000000.000000.000000.000000) eines Grans Chinakraft enthält, als eine (oft noch allzu) starke Gabe, welche allein alles ausrichten und heilen kann, was im vorliegenden Falle überhaupt durch China bewirkt werden konnte, … so daß selten, sehr selten eine zweite nöthig ist. – Zu dieser Kleinheit von Gabe bestimmte mich weder hier, noch bei andern Arzneien eine vorgefaßte Meinung oder ein wunderlicher Einfall; nein, vielfältige Erfahrungen und treue Beobachtungen stimmten nur allmählig die zu gebrauchende Gabe so weit herunter; … so entstanden die noch kleinern und kleinsten [Gaben], die mir nun zur vollen Hülfe gnüglich sich beweisen, ohne die, Heilung verzögernde, Heftigkeit größerer Gaben äussern zu können.

  • 2.

    Eine ganz kleine Chinagabe wirkt nur auf kurze Zeit, kaum ein Paar Tage; eine große, in alltäglicher Praxis gewöhnliche aber oft mehre Wochen lang, wenn sie nicht durch Erbrechen oder Durchlauf ausgespült und so vom Organism ausgespuckt wird. …

  • 3.

    Ist das homöopathische Gesetz richtig – wie es denn ohne Ausnahme und unumstößlich richtig und rein aus der Natur geschöpft ist –: daß Arzneien nur nach den von ihnen im gesunden Menschen wahrzunehmenden Arzneisymptomen Krankheitsfälle, aus ähnlichen Symptomen bestehend, leicht, schnell, dauerhaft und ohne Nachwehen heilen können, so finden wir bei Ueberdenkung der Chinarinde-Symptome, daß diese Arznei nur in wenigen Krankheiten richtig paßt, wo sie aber genau indicirt ist, der ungeheuern Größe ihrer Wirkung wegen, oft durch eine einzige, sehr kleine Gabe Wunder von Heilung verrichtet.“

Dann definiert Hahnemann Heilung.
„Ich sage Heilung, und verstehe darunter eine ‚nicht von Nachwehen getrübte Genesung.‘ Oder haben die gewöhnlichen Praktiker einen andern, mir unbekannten Begriff von Heilung? Will man z.B. die nicht für Chinarinde geeigneten Wechselfieber, mit dieser Arznei unterdrückt, für Heilungen ausgeben? Ich weiß gar wohl, daß fast alle typische Krankheiten und fast alle, auch nicht für China geeigneten, Wechselfieber vor der übermächtigen Rinde in, wie gewöhnlich, so ungeheuern, und so oft wiederholten Gaben gereicht, verstummen und ihren Typus verlieren müssen; aber sind dann die armen Leidenden nun auch wirklich gesund? Ist nicht eine Umwandlung ihrer vorigen Krankheit in eine andre, schlimmere … bewirkt worden? Wahr ist's, sie können nicht mehr klagen, daß der Paroxysm ihrer vorigen Krankheit zu gewissen Tagen und Stunden wieder erscheine; aber seht, wie erdfahl sind ihre gedunsenen Gesichter, wie matt sind ihre Augen! Seht, wie engbrüstig sie athmen, wie hart und aufgetrieben ihr Oberbauch, wie hart geschwollen ihre Lenden, wie verdorben ihr Appetit, wie häßlich ihr Geschmack, wie belastend und hart drückend in ihrem Magen jede Speise, wie unverdauet und unnatürlich ihr Stuhlgang, wie ängstlich, traumvoll und unerquickend ihre Nächte! Seht, wie matt, wie freudenlos, wie niedergeschlagen, wie ärgerlich empfindlich oder stupid sie umherschleichen, von einer weit größern Menge Beschwerden gequält, als bei ihrem Wechselfieber! Und wie lange dauert oft nicht dergleichen China-Siechthum, wogegen nicht selten der Tod ein Labsal wäre!
Ist das Gesundheit? Wechselfieber ist's nicht, das gebe ich gern zu, sage aber – und Niemand kann widersprechen – Gesundheit ist's warlich nicht, vielmehr eine andere, aber schlimmere Krankheit, als Wechselfieber, eine Chinakrankheit ist's …“ Und er stellt fest: „Erholt sich der Organism dann auch zuweilen von dieser Chinakrankheit nach mehren Wochen, so kommt das, von der stärkern, unähnlichen Chinakrankheit bis dahin suspendirt gebliebene Wechselfieber leibhaftig wieder – in etwas verschlimmerter Gestalt – da der Organism durch die unrechte Cur so viel gelitten hatte. Wird dann mit Chinarinde noch stärker wieder hinein gestürmt, und sie noch länger fortgesetzt, um, wie man sagt, die Anfälle zu verhüten, dann entsteht ein chronisches China-Siechthum …“
Es fällt mir schwer, hier eine Pause zu machen; am liebsten würde ich dieses herrliche und aufschlussreiche Vorwort Satz für Satz wiedergeben! Doch zunächst möchte ich resümieren: Das oben beschriebene Bild dessen, was China an Untergrabung der Gesundheit anrichten kann, ist zugleich das exakte Bild dessen, was es zu heilen vermag, vorausgesetzt, es wird nach der Art und Weise Hahnemanns verabreicht.
Und warum sollten wir hier schon abbrechen? Warum nicht weiter exzerpieren? Schließlich handelt es sich um Hahnemanns Arzneibild von China! Wie so oft bei Hahnemann wirkt der Stil aufgrund der unbedingten Präzision des Meisters zuweilen etwas schwierig und verschachtelt; daher will ich mich bemühen, den Sinn des Folgenden möglichst klar herauszuarbeiten, indem ich einige Kürzungen vornehme – ohne aber die Idee zu opfern.
In bezug auf die Schwäche, wo Hahnemann China so nützlich fand und wo auch die Praktiker der alten Schule es hochschätzten, sagt er:
„Wie mögen sie [besagte „Praktiker“] wohl glauben, einen kranken Menschen stärken zu können, während er noch an seiner Krankheit, der Quelle seiner Schwäche leidet? Haben sie je einen Kranken durch passende Hülfe von seiner Krankheit schnell heilen sehen, der nicht schon während der Entfernung seiner Krankheit von selbst wieder zu Kräften gekommen wäre? … Krankheiten heilen können diese Praktiker nicht, aber die ungeheilten Kranken mit Chinarinde stärken wollen sie. Wie können sie sich so etwas Thörichtes auch nur einfallen lassen? Die Rinde müßte ja, um alle Kranke kräftig, munter und heiter zu machen, auch das Universal-Heilungsmittel seyn, was zugleich alle Kranke frei von allen Beschwerden … machen könnte! Denn so lange die Plage der Krankheit noch den ganzen Menschen verstimmt, seine Kräfte verzehrt und ihm jedes Gefühl von Wohlseyn raubt, ist es ja ein kindisches, thörichtes, sich selbst widersprechendes Unternehmen, einem solchen ungeheilten Menschen Kräfte und Munterkeit geben zu wollen.“
Die wirkliche China-Schwäche definiert er so:
„Es giebt allerdings Fälle, wo in der Schwäche die Krankheit selbst liegt, und hier ist die Rinde das passendste Heil- und Stärkungsmittel zugleich. Dieser Fall ist, wo die Leiden des Kranken allein oder hauptsächlich aus Schwäche von Säfteverlust entstehen, durch großen Blutverlust (auch vieles Blutlassen aus der Ader), starken Milchverlust der Säugenden, Speichelverlust, häufigen Saamenverlust, große Eiterung, (heftige Schweiße) und Schwächung durch öftere Laxanzen, wo dann fast alle übrige Beschwerden des Kranken mit den Chinasymptomen in Aehnlichkeit überein zu stimmen pflegen.“ (Aus der Anmerkung zum Symptom Nr. 299, auf die er hier verweist: „In den anders gearteten Krankheitsschwächen, wo die Krankheit selbst ihr Heilmittel nicht in dieser Arznei findet, ist die Chinarinde stets von den nachtheiligsten … Folgen, ob sie gleich auch in diesen ungeeigneten Fällen eine Aufreizung der Kräfte in den ersten Paar Stunden hervorbringt …“) Er fährt fort: „Ist dann hier keine andere, den Säfteverlust dynamisch erzeugende oder unterhaltende Krankheit im Hintergrunde, dann sind zur Heilung dieser besondern Schwäche (aus Säfteverlust), die hier zur Krankheit geworden ist, ebenfalls nur eine oder ein Paar eben so kleine Gaben, als die obenerwähnten, bei übrigens zweckmäßigem Verhalten, durch nahrhafte Diät, freie Luft, Aufheiterung u.s.w. zur Genesung so hinreichend, als größere und öftere Gaben Neben- und Nachtheile erzeugen müssen …“
Zu diesem Punkt scheint mir eine Stelle aus Hughes' Pharmacodynamics von Interesse zu sein: „Hahnemann fand die Chinarinde für zwei große Zwecke in Gebrauch vor: als Tonikum und als Malariamittel. Er prüfte sie, um herauszufinden, aufgrund welcher Prinzipien sie so wirkte. Dass sie fieberhafte Anfälle hervorrief, war schließlich der Newtonsche Apfel, der ihn dazu führte, sein Similia similibus curentur zu formulieren – als das Gesetz für unsere spezifische Heilweise. … Doch er entdeckte ebenfalls, dass sie bei Gesunden eine eigentümliche Art von Schwäche erzeugte [„als wäre ein großer Säfteverlust vorgegangen“] und dass ihren ‚tonisierenden‘ Eigenschaften bei Krankheiten genaugenommen nur bei Schwächezuständen dieser besonderen Art Geltung zukam. … Wo die Schwäche selbst die Krankheit ist, ist China das heilende Mittel, weil es zu dieser homöopathisch ist. … Scharfsinnig legte er dar, dass die besten Erfolge mit der Chinarinde bei der Genesung von akuten Krankheiten zu beobachten waren und genau mit der zusätzlichen Schwächung korrelierten, die durch die damals übliche entkräftende Behandlung verursacht wurde. Bezüglich all dieser Dinge sollten Sie unbedingt seine Einführung zu dieser Prüfung lesen, die eine Meisterleistung der Beobachtungsgabe und des logischen Denkens darstellt.
Dieser Gedanke Hahnemanns war so originell wie brillant und fruchtbar. Er beruhte auf reiner Induktion aus seinen Prüfungen. Der einzige frühere Versuch, die tonisierende Wirkung der Chinarinde präziser zu erfassen, war die Lehre, dass sie am besten bei Erschlaffung der festen Teile des Körpers wirke. … Hahnemanns Lehre war sehr viel klarer, und zugleich legte sie exakt den genuinen Wirkungsbereich des Mittels fest. Es heilt keine anämische Schwäche wie ferrumFERRUM, keine nervöse Schwäche wie phosphoricum acidumacidum phosphoricumACIDUM PHOSPHORICUM; doch bei der durch Blutverlust, Diarrhö, übermäßige Diurese, Transpiration oder Laktation etc. verursachten Schwäche ist es ein höchst wirksames Mittel. … In diesen Fällen pflegen, wie Hahnemann sagt, fast alle übrigen Beschwerden des Kranken mit den Symptomen von China übereinzustimmen. Und besonders in einem Punkt tun sie dies, nämlich in ihrer Neigung, in ein hektisches Fieber überzugehen. Wir sehen dabei die für dieses Mittel charakteristische Abfolge von Frost, Hitze und Schweiß, welche ihm ja auch bei der Behandlung der Malaria seinen festen Platz einräumt. Man kann es sich nicht fest genug einprägen, dass China ein außerordentlich wichtiges Mittel bei Schwindsucht und hektischem Fieber ist. … Doch mit oder ohne hektisches Fieber, stets denke man daran, dass Schwäche infolge von Säfteverlust die Sphäre, gewissermaßen die Basis seiner tonisierenden Wirkung ist; und innerhalb dieser Sphäre vermag es Heilkräfte zu entfalten, die zu den wunderbarsten der ganzen medizinischen Kunst zählen. Wir sehen sie gleichermaßen bei den akutesten wie chronischsten Formen dieser besonderen Art von Schwäche am Werk.“
Was die Schwäche von China betrifft, so habe ich den Wert der Arznei immer wieder bei Patienten bestätigt gefunden, die nach einer Grippe ‚frostig‘ und schwach blieben und nicht mehr recht auf die Beine kamen; sie hatten das Gefühl, nie wieder Sommerkleidung tragen zu können oder nie mehr ganz in Ordnung zu kommen. Potenziertes China stellte ihren Normalzustand umgehend wieder her, und die Beschwerden waren rasch vergessen. In anders gelagerten Fällen, wo sich die Patienten nach einer Influenza einfach nur „irgendwie unwohl“ fühlen, noch leicht erhöhte Temperatur haben (bei mir selbst waren es mal 37,2 °C) und ein Gefühl von Schwere sowie eine gewisse Zittrigkeit bestehen bleibt, wird gelsemiumGELSEMIUM für baldige Genesung sorgen. Wo nervöse Unruhe oder nervöse Schwäche fortbesteht, ist scutellariaSCUTELLARIA in Betracht zu ziehen. Oder auch influenzinumINFLUENZINUM! Ich habe es stets in der 200. Potenz gebraucht und beobachten können, wie es solche Überbleibsel wie unerträgliche Wutanfälle – dem Patienten bis dahin gänzlich fremd – beseitigt hat, ferner epileptische Anfälle. INFLUENZINUM hat mir nach durchgemachten Grippen manch gute Dienste geleistet, wenngleich ich seine Möglichkeiten keineswegs genau benennen könnte – außer dass diese Dinge eben „alle nach dieser Grippe aufgetreten“ sind. Chacun a son métier56

56

Abwandlung von chacun à son goût – jeder nach seinem Geschmack; also etwa: Jeder hat sein eigenes Metier.

– und dies gilt auch für unsere Arzneien. Man kann von einem Klempner nicht erwarten, dass er die Feinarbeit eines Möbeltischlers übernimmt, und von einer Stenotypistin nicht, ein Paderewski57

57

Berühmter polnischer Klaviervirtuose.

zu sein.
Unter den Patienten, die in unsere Ambulanz kommen, gibt es immer eine Reihe von Menschen, die nicht nachweisbar krank sind, aber doch müde und „irgendwie nicht auf der Höhe“; für sie wirkt China in Potenz oft wie ein wahrer ‚Muntermacher‘. „Also diese letzte Medizin von Ihnen hat mir unheimlich gut getan! Kann ich die nicht noch mal haben?“ Wenn die Probleme allerdings nach Besorgnis und Nachtwachen entstanden sind, als Folge von Schlafmangel oder häufig unterbrochenem Schlaf, denke ich eher an cocculusCOCCULUS; oder handelt es sich um einen ‚Umzugsfall‘ – um Beschwerden von Überanstrengung und Muskelermüdung nach einem Wohnungswechsel –, so wird arnica montanaARNICA wieder auf die Beine helfen; dies sind keine Indikationen für China.
Es ist wundervoll, was ARNICA bei Überlastungen aller Art bewirken kann: bei körperlicher Überanstrengung, selbst des Herzens; ebenso aber auch bei seelischer Belastung durch Überarbeitung und große Sorge um andere! Ein Beispiel hierfür ist der überlastete Arzt, der sich zu fragen beginnt, ob er dieses oder jenes getan oder gelassen hat – er muss umkehren und nachschauen; hier gebe man stets als erstes ARNICA. Es sind nicht nur die schweren und gefährlichen Krankheiten, wo die Homöopathie gefragt ist; sie ist gleichermaßen von enormem Nutzen bei der Wiederherstellung der Erschöpften, der „Müden und Beladenen, die ihr Kreuz zu tragen haben – zu schwer für einen einzelnen Menschen“. Es lohnt sich, an einem echten Verständnis für das Wesen unserer Arzneien zu arbeiten! Und denken Sie daran: Das, was Sie nicht heilen können, wird ein anderer vielleicht mit Leichtigkeit zuwege bringen, weil er – im Gegensatz zu Ihnen – die benötigte Arznei wirklich verstanden hat; ein anderer Fall hingegen, der diesem unzugänglich bleibt, mag für Sie aus demselben Grund ein Kinderspiel sein. Einige unserer Arzneimittel sind für uns lediglich Grußbekanntschaften: Wir kennen ihren Namen und sind ihnen ein-, zweimal begegnet. Andere hingegen – Freunde – sind fest in unserem Herzen verankert, weil sie uns in verzweifelten Situationen zur Seite gestanden haben; wir haben ihre Fähigkeiten schätzen gelernt und können ihnen blind vertrauen. Doch all dies ist nur eine Frage der Übung und der Erfahrung.
In Bezug auf Diarrhö, wo wir einige der herausragendsten Heilwirkungen von China beobachten können, schreibt Hahnemann:
„Man wird die Chinarinde, als in erster Wirkung ungemein leiberöffnend (m. s. die unter 178. angeführten Symptome), deßhalb auch in einigen Fällen von Durchfall sehr hülfreich finden, wo dem übrigen Befinden die andern Chinasymptome nicht unangemessen sind.“
Die Prüfungssymptome, auf die er sich bezieht, sind folgende:
Durchfall unverdauten Kothes, auf Art einer Lienterie.
Dreimaliger weicher Stuhlgang mit beißend brennendem Schmerze im After, und mit Leibweh vor und nach jedem Stuhlgange.
Dünnleibigkeit, wie Durchfall.
Stuhl dünner als gewöhnlich.
Bauchflüsse.
Oeftere, durchfällige, schwärzliche Stühle.
Starkes Purgiren.
Durchfall: es ist, als ob der Koth unverdaute Speisen enthielte; er geht in einzelnen Stückchen ab; und wenn er fertig ist, reizt es ihn noch zum Stuhle, es geht aber nichts ab.
Hinsichtlich der extremen Hyperästhesie von China weiß er zu berichten:
„Ich habe zuweilen Schmerzanfälle, die bloß durch Berührung (oder geringe Bewegung) des Theils erregt werden konnten, und dann allmählig zu der fürchterlichsten Höhe stiegen, und nach den Ausdrücken des Kranken denen sehr ähnlich waren, die China erzeugen kann, durch eine einzige kleine Gabe dieser verdünnten Tinctur auf immer gehoben, wenn der Anfall auch schon sehr oft wiedergekommen war; das Uebel war homöopathisch (s. Anm. zu [426.]) wie weggezaubert und Gesundheit an seiner Stelle. Kein bekanntes Mittel in der Welt würde dieß vermocht haben, da keins dieses Symptom ähnlich, in erster Wirkung, zu erzeugen fähig ist.“ (Die Fußnote, auf die er verweist, lautet: „Der Chinarinde ist es charakteristisch eigenthümlich, daß nicht nur durch Bewegung, und vorzüglich durch Berührung des Theils ihre Schmerzen sich verschlimmern“ [er verweist auf einige Prüfungssymptome], „sondern auch, wenn sie eben nicht vorhanden sind, durch blose Berührung der Stelle sich erneuern … und dann oft zu einer fürchterlichen Höhe steigen, daher diese Rinde oft das einzige Hülfsmittel in so geeigneten Fällen ist.“)
Alle Autoren seit Hahnemann legen besonderen Nachdruck auf diese äußerste Empfindlichkeit auf Berührung, die Schmerzen verschlimmert oder erst erzeugt; gleichzeitig besteht aber oft Linderung durch festen Druck. Wie Guernsey es ausdrückt: „Verschlimmerung durch sanftes Berühren der Teile.“
Zur günstigen Wirkung von China bei Malaria gibt Hahnemann in seinem Vorwort auch praktische Hinweise:
„Ein Wechselfieber muß demjenigen sehr ähnlich seyn, was China bei Gesunden erregen kann, wenn diese das geeignete, wahre Heilmittel dafür seyn soll, und dann hilft eine einzige Gabe in obgedachter Kleinheit“ (d.h. in der C 12) „– doch am besten gleich nach Vollendung des Anfalls eingegeben, ehe sich die Veranstaltungen der Natur zum nächsten Paroxysm im Körper anhäufen.“ Hahnemann konnte noch nicht den Malaria-Parasiten und dessen natürliches Habitat kennen; dennoch trifft die folgende Beobachtung wie gewohnt den Kern der Sache: „Chinarinde kann einen Wechselfieberkranken in Sumpfgegenden nur dann von seiner mit Chinasymptomen in Aehnlichkeit übereinkommenden Krankheit dauerhaft heilen, wenn der Kranke während seiner Cur und seiner gänzlichen Erholung bis zu vollen Kräften außer der Fieber erzeugenden Atmosphäre sich aufhalten kann. Denn in dieser bleibt er der Wiedererzeugung seiner Krankheit aus derselben Quelle immerdar ausgesetzt …“
Ein weiteres kleines Hahnemann-Zitat …
„Daß die gewöhnlichen Aerzte oft durch einen Zusatz von Eisen in demselben Recepte dem Kranken eine sehr widrig aussehende und schmeckende Dinte auftischen, möchte noch hingehen, aber daß daraus eine Substanz wird, die weder die Kräfte der Chinarinde, noch die des Eisens besitzt, das muß ihnen gesagt werden.“ Diese Behauptung erhellet aus der Thatsache, daß, wo Chinarinde geschadet hat, Eisen oft das Gegenmittel ist und die schädliche Wirkung jener aufhebt, so wie Chinarinde die des Eisens, je nach den durch die unpassende Arznei erzeugten Symptomen.
Dieses Vorwort Hahnemanns, aus dem ich zitiert habe, ist wirklich eine ergötzliche Lektüre, und es sollte „in seiner Gesamtheit“ gelesen werden – so wie die Theater sich immer ausdrücken, wenn sie ausnahmsweise einmal den ungekürzten Hamlet – „in seiner Gesamtheit“ – auf die Bühne bringen.
Guernsey schreibt: „Die Hauptindikation für den Einsatz von China stellen die Leiden dar, die aufgrund von Flüssigkeitsverlust entstanden sind, durch Blutungen, Galaktorrhö, Samenergüsse, Durchfall etc.; Schwäche, ob nun viel Körpersäfte verloren gingen oder nur wenig. Weiter kann es bei jeder Krankheit oder Beschwerde angezeigt sein, die periodisch auftritt, in bestimmten, festen Zeitabständen. … Übergroße Empfindlichkeit und Überreiztheit der Nerven oder Erschlaffung der festen Teile.58

58

So heißt es bei Noack/Trinks, worauf sich Guernsey stellenweise bezieht; Jahr spricht von Erschlaffung des Körpers.

Besondere Merkmale der Durchfälle von China: „mit großer Schwäche einhergehend; scharf; unverdaut; wässrig; gallig; schwärzlich; unwillkürlich; schmerzlos; faulig; profus.“
Bei Diarrhö dieser Art habe ich China hervorragend wirksam gefunden; ich erinnere mich an einen sehr heißen Sommer mit vielen epidemischen Durchfällen bei kleinen Kindern. Die schmerzlosen, unverdauten Stühle, die sehr reichlich und erschöpfend waren, verschwanden unter wenigen Gaben China sehr rasch. Ich konnte ohne Probleme ambulant damit fertig werden.
Und Kent …
„Menschen, die bedingt durch Malaria viel unter Nervenschmerzen gelitten haben oder die durch wiederholte Blutungen anämisch und kränklich geworden sind, werden wahrscheinlich Symptome entwickeln, die nach China verlangen. China ruft allmählich zunehmende Anämie mit großer Blässe und Schwäche hervor. … Die Symptome tendieren in Richtung Kachexie, welche durch die prompte Wirkung der Arznei vermieden werden kann. … Das Nervensystem ist chronisch angespannt und aufgereizt. ‚Was ist nur los mit mir, Herr Doktor, ich bin so fürchterlich nervös?‘ … Der China-Patient reagiert zunehmend empfindlich auf Berührung, Bewegung und Kälte; er schaudert, wenn er kalter Luft ausgesetzt ist; … allgemeiner Kräfteverfall, bis er schließlich ständig erkältet ist, an Leberbeschwerden, Magenverstimmungen, Darmstörungen leidet und fast von allem, was er tut, krank und elend wird. … Schwach, schlapp, abgemagert, blass; Herz- und Kreislaufschwäche mit Ödemneigung. … Typisch für China ist das Auftreten von Wassersucht nach Blutungen; in dem anämischen Zustand, der direkt auf den Blutverlust folgt, erscheint die Wassersucht. Das ist charakteristisch für China. …
China hat Periodizität, aber nicht in größerem Maße als viele andere Mittel auch …; dennoch ist Periodizität ein starker Zug dieses Mittels. Schmerzen treten regelmäßig zu einer bestimmten Tageszeit auf. Wechselfieber erscheinen und verlaufen mit großer Regelmäßigkeit. Teil dieser Periodizität ist eine Verschlimmerung in der Nacht, manchmal genau um Mitternacht.“ (Kent berichtet von einer Patientin mit Koliken und Bauchauftreibung jede Nacht um 24 Uhr. „Nach vielen durchlittenen Nächten verhütete schließlich eine Einzelgabe China alle weiteren Beschwerden.“)
„Vergessen Sie nicht, dass es sich um leicht frierende Patienten handelt; sie sind empfindlich auf kalte Luft und Zugluft, auf Berührung und Bewegung.“ (Ich erinnere mich an einen Malariafall, wo die geringste Abkühlung durch Zugluft einen Anfall provozierte; immer wieder nahm der Patient Chinin ein, bis er schließlich Schwarzwasserfieber bekam.59

59

Siehe die ausführliche Schilderung dieses Falles im Kapitel über CROTALUS HORRIDUS.

)
Bei Fiebererkrankungen hebt Kent hervor: „Durst vor und nach dem Frost und Durst während des Schweißes. Im Hitzestadium hört der Durst auf, doch während der ganzen Schweißphase kann er gar nicht genug Wasser bekommen.“
„Flatulente Bauchauftreibung – fast bis zum Platzen (colchicum autumnaleCOLCHICUM, carbo vegetabilisCARBO VEGETABILIS, lycopodiumLYCOPODIUM); schlimmer durch Fisch, Obst und Wein.“
Wir wollen nun Nash bitten, für uns zusammenzufassen:
„Schwäche und andere Beschwerden nach großen Flüssigkeitsverlusten.
Starke Blutungen, mit Ohnmachtsanwandlungen, vorübergehendem Verlust des Sehvermögens und Klingen in den Ohren.
Große Flatulenz, mit Vollheitsgefühl im Unterleib, als wäre dieser voller blähender Speisen; nicht > durch Aufstoßen oder Windabgang.
Schmerzlose Durchfälle (gelb und wässrig; bräunlich; unverdaut).
Periodische Affektionen, besonders jeden zweiten Tag.
Übergroße Empfindlichkeit, vor allem auf leise Berührung und Zugluft; fester Druck lindert.
Wassersucht im Gefolge von großem Säfteverlust; große Schwäche …
Gesicht blass, hippokratisch; Augen eingefallen und von blauen Ringen umgeben; bleich, kränklich aussehend …
Hämorrhagien: aus allen Körperöffnungen (crotalus horridusCROTALUS HORRIDUS, sulfuricum acidumacidum sulfuricumACIDUM SULFURICUM, ferrumFERRUM); Blut dunkel, zuweilen geronnen; mit Ohrensausen, Sehschwäche, allgemeiner Kälte und manchmal mit Konvulsionen.
Schüttelfrost am ganzen Körper.
Schweiß mit großem Durst; Schwitzen im Schlaf und allein schon vom Zudecken.“

Cicuta virosa

Weitere Namen: Wasserschierling, „Wütherich“
cicuta virosaHahnemann gibt für den „Wütherich“, wie er Cicuta auch nennt, Symptome an, die „nur als ein Anfang der Ausprüfung der eigenthümlichen Wirkungen dieses mächtigen Gewächses in Umänderung des menschlichen Befindens angesehen werden“ können.
„Weitere und vollständigere Prüfungen“, so sagt er weiter, „werden zeigen, daß es in seltnen Fällen hülfreich ist, wo kein andres Mittel homöopathisch paßt und zwar in chronischen Fällen …
Die bisherige Arzneikunst hat nie innerlichen Gebrauch von der Cicuta virosa gemacht; denn wenn sie Cicuta verordnete, was vor mehren Jahren sehr häufig geschah, so verstand man nie etwas anderes unter diesem Namen, als coniumCONIUM MACULATUM. …
Der Saft der frischen Wurzel (denn getrocknet hat sie wenig Wirkung) ist so kräftig, daß die bisherige Praxis sie in ihren gewohnten, stets sehr gewichtigen Gaben innerlich zu gebrauchen, gar nicht wagen konnte, also sie und ihre Hülfskraft ganz entbehren mußte.
Einzig die Homöopathie weiß sich dieses heilkräftigen Saftes in decillionfacher Verdünnung (Verdünnung 30) mit Nutzen zu bedienen.“
Guernsey schreibt: „Man denke an dieses Mittel bei Krämpfen, die außerordentlich heftig verlaufen – seien sie epileptisch oder kataleptisch, klonisch oder tonisch; Eklampsie.“
Nash: „Ein weiteres Mittel, das durch äußerst heftige Krämpfe charakterisiert ist. Der Patient wird in alle möglichen seltsamen Stellungen und extremen Verdrehungen versetzt, doch eine der häufigsten Deformierungen ist die Rückwärtsbeugung von Kopf, Hals und Wirbelsäule, der Opisthotonus. Dies ist der Grund, warum Cicuta immer wieder bei Zerebrospinalmeningitis versucht wurde. Dr. Baker aus Moravia, N. Y., heilte während einer Epidemie dieser furchtbaren Krankheit 60 Fälle aller Schweregrade, ohne einen einzigen Patienten zu verlieren. … Er hält es nahezu für ein Spezifikum bei dieser Krankheit. …
Es ist ferner hervorragend geeignet bei den Folgen von Gehirn- und Rückenmarkserschütterung, wenn Krämpfe zu den chronischen Nachwirkungen gehören und arnica montanaARNICA nicht bessert. Bei den Leiden, in denen Cicuta dienlich ist, sind die Handlungen und Äußerungen des Patienten ebenso heftig wie seine Krämpfe – er wimmert und heult, gestikuliert und macht absonderliche Bewegungen; große Agitiertheit etc.
Cicuta ist auch ein vortreffliches Mittel bei manchen Hauterkrankungen, insbesondere bei ‚Pusteln, die zusammenfließen und dicke, gelbe Grinde bilden, im Gesicht, auf dem Kopf und an anderen Teilen des Körpers.‘ Ich behandelte einmal eine junge Frau wegen eines langwierigen Eczema capitis, das die ganze Kopfhaut wie eine Mütze dicht bedeckte. Ich verabreichte ihr Cicuta 200 und heilte sie damit in kürzester Zeit vollständig.“
Hauptsymptome60

60

Die mit a bezeichneten Symptome stammen aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre, b markiert ein Vergiftungssymptom aus Franks Magazin für physiologische und klinische Arzneimittellehre und Toxikologie, Band 1, Leipzig 1845–1854, ein mit c versehenes Symptom ist der Reinen Arzneimittellehre von Hartlaub/Trinks entnommen, ein d steht für ein Symptom aus der Prüfung von Lembke (A.H.Z., Band 51, S. 109), und e zeigt Symptome aus Jahrs Symptomencodex an.

Geist und GemütGedankenlosigkeit, Unbesinnlichkeit, Sinnen-Beraubung.a
Gemüths-Ruhe: er war mit seiner Lage und mit sich selbst höchst zufrieden und sehr heiter (Heil-Nachwirkung).a
Spielt mit Kinderspielzeug; springt aus dem Bett und benimmt sich wie ein Kind, lacht und treibt allerlei Narrheiten.61

61

Zu dieser Angabe aus den Guiding Symptoms vgl. die Symptome 36 und (202) in Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre.

Sehr heftig in all seinen Handlungen.
Er dachte mit Aengstlichkeit an die Zukunft und war immer traurig.a
Aengstlichkeit; er wird von traurigen Erzählungen heftig angegriffen.a
Wimmern, Winseln und Heulen.a
Mangel an Zutrauen zu den Menschen und Menschen-Scheu …a
Geringschätzung und Verachtung der Menschheit …a
KopfSchwindel, Taumel.a
Drückend betäubendes Kopfweh äußerlich an der Stirne, mehr in der Ruhe.a
Gehirnerschütterungen und chronische Folgen davon, insbesondere Krämpfe.
Rückwärtsbiegung des Kopfes; mit Krämpfen.e
Öftere Rucke, wie elektrische Schläge, durch Kopf, Arme und Beinee; heißer Kopf (Tetanus).
AugenErst verengerte, dann sehr erweiterte Pupillen.a
Sehr erweiterte und unbewegliche Pupillen.b
Strabismus convergens bei Kindern, wenn dieser periodisch auftritt und von krampfartigem Charakter ist oder wenn er von Krämpfen hervorgerufen wird.
Strabismus nach einem Schlag oder Fall.
GesichtKinnbacken-Zwang.a
Krämpfe der Gesichtsmuskeln; das Gesicht ist grässlich oder lächerlich verzerrt.
HalsNach Verschlucken eines scharfen Knochenstückchens oder anderen Verletzungen der Speiseröhre verschließt sich der Hals, und es besteht Erstickungsgefahr.
Unvermögen zu schlingen.a
MagenSchlucksen.a
Brennender Druck im Magena und im Unterleib.
Klopfen in der Herzgrube, welche eine Faust hoch aufgelaufen war.a
Ein plötzlicher Stoß tief in der Magengrube, Opisthotonus verursachend.
AbdomenAuftreibung und Schmerzhaftigkeit des Unterleibes.c
Bauchweh mit Konvulsionene und Erbrechen.
HarnorganeOefterer Harndrang.a
HerzZitterndes Herzklopfen.
Beim Gehen plötzlich eigenes Gefühl, als bleibe der Herzschlag ausd; dabei manchmal Empfindung von großer Schwäche.
Äußerer Hals, RückenEine Art Klamm in den Hals-Muskeln: wenn er sich umsieht, kann er mit dem Kopfe nicht gleich wieder zurück …a – Schmerz im Nacken, krampfhaftes Ziehen des Kopfes nach hinten, mit Tremor der Hände.
Rückwärts beugende Rückenstarre (Opisthotonus).a
Wie ein Bogen gekrümmter Rücken.a
Schmerzhafte Empfindung auf der innern Fläche der Schulterblätter.a
Ein rothes Bläschen auf dem rechten Schulterblatte, was beim Anfühlen sehr schmerzt.a
NervenAllgemeine Convulsionen.a – Ungeheure Convulsionen.a
Fallsucht.a – Entsetzliche Fallsucht …a
Schreckliche Verdrehungen der Gliedmaßen und des ganzen Körpers.
Krämpfe mit wunderlichen Verdrehungen der Glieder; Kopf nach hinten gebeugt, Rücken gebogen wie bei Opisthotonus.
(Epileptische Anfälle, mit Anschwellen des Magens, wie von einem heftigen Zwerchfellkrampf); Schluckauf; Schreien; Gesichtsröte; Trismus; Besinnungslosigkeit und Verdrehungen der Glieder.
Tonische Krämpfe, durch die leiseste Berührung erneuert, durch Öffnen der Tür, durch lautes Reden.
Völlige Kraftlosigkeit in den Gliedern, nach krampfartigen Zuckungen.
Oefteres, unwillkürliches Zucken und Rucken in den Armen und Fingern.a
HautLinsen große Ausschlags-Erhöhungen im ganzen Gesichte (und an beiden Händen), welche bei ihrem Entstehen62

62

Bei Allen, Hering und Tyler heißt es irrtümlich „… when touched“.

einen brennenden Schmerz verursachten, dann in Eins zusammenflossen, von dunkelrother Farbe …a,63

63

Hahnemann sagt dazu in einer Anmerkung: „Ich habe langdauernde, eiterig zusammenfließende Gesichts-Ausschläge, bloß brennenden Schmerzes mit Beihülfe einer bis zwei Gaben von einem kleinen Theile eines Tropfens Saft geheilt, aber unter 3 bis 4 Wochen durfte ich die zweite Gabe nicht reichen, wenn die erstere nicht hinlänglich war.“

SchlafLebhafte, aber unerinnerliche Träume.a
Nachts, lebhafte Träume, welche die Begebenheiten des vergangnen Tags enthalten.a
Oefteres Aufwachen aus dem Schlafe, wo er jedesmal über und über schwitzte, wovon er sich aber gestärkt fühlte.a
FrostSie verlangen alle nach dem warmen Ofen.a
Weitere wichtige oder sonderbare Symptome
Geistesverwirrung; singt, vollführt höchst groteske Tanzschritte, schreit.
Alles, was ihm begegnen könnte, stellte er sich gefährlich vor.a
Hat das Gefühl, als ob er sich an einem fremden Ort befände. (opiumOPIUM; vgl. bryoniaBRYONIA)
Er glaubte nicht, in den gewöhnlichen Verhältnissen zu leben; es deuchtete ihm alles fremd und fast furchtbar …a
Geringschätzung und Verachtung der Menschheit; er floh die Menschen, verabscheute ihre Thorheiten …a
Mangel an Zutrauen zu den Menschen und Menschen-Scheu; er floh sie, blieb einsam und dachte über die Irrthümer derselben und über sich selbst ernsthaft nach.a
Er deuchtete sich wie ein Kind von 7, 8 Jahren, als wären ihm die Gegenstände sehr lieb und anziehend, wie einem Kinde das Spielzeug.a
Kommt plötzlich wieder zur Besinnung und erinnert sich an nichts, was vorgefallen war (periodische Ekstase).
Starrsehen: sie sieht unverwandten Blicks auf eine und dieselbe Stelle hin und kann nicht anders, so gern sie auch wollte – sie ist dabei ihrer Sinne nicht ganz mächtig …; zwingt sie sich mit Gewalt, durch Wegdrehen des Kopfs, den Gegenstand mit den Augen zu verlassen, so verliert sie ihre Besinnung, und es wird ihr Alles finster vor den Augen.a
Stierer Blick.a – Starres Hinblicken nach einer und derselben Stelle …a
Schwindel.a – Alle Gegenstände scheinen ihm, sich in einem Kreise zu bewegen …a
[Schwindel …] Er fällt zur Erde und wälzt sich umher.a – Es bewegen sich ihm alle Gegenstände herüber und hinüber, … obgleich Alles die gehörige Gestalt hat.a
Sie glaubt sich fester stellen oder setzen zu müssen, weil sie nichts Stetes oder Festes vor sich sieht und sie also wähnt, sie selbst wanke …a
Es kömmt ihr vor, … Alles werde, wie ein Perpendikel, hin und her gewiegt.a
Wenn sie stehen soll, wünscht sie sich anhalten zu können, weil ihr die Gegenstände bald nahe zu kommen, bald sich wieder von ihr zu entfernen scheinen.a
Früh, beim Erwachen, Kopfweh, gleich als wäre das Gehirn locker und würde erschüttert beim Gehen.a
Zucken und Rucken des Kopfs.a
Hilfreich nach Gehirnerschütterungen; nach Verletzungen des Ösophagus, wenn Krämpfe bestehen, die am Schlucken hindern.
Der Hals scheint innerlich wie zugewachsen zu seyn …a
Kopf zurückgezogen; oder nach vorne gebeugt und steif.
Der Hals fühlt sich steif an und die Muskeln zu kurz.a
Gefühl, als bleibe der Herzschlag aus.d
Geht mit einwärts gedrehten Füßen und schwingt diese bei jedem Schritt nach außen, einen Kreisbogen beschreibend.
Die heftigsten (tonischen) Krämpfe, so daß weder die gekrümmten Finger aufgebogen, noch die Gliedmaßen weder gebogen, noch ausgedehnt werden konnten.a
Daumen während des epileptischen Anfalls einwärts geschlagen.
Epilepsie: Krämpfe kehren bei der leichtesten Berührung oder Erschütterung wieder. (NUXnux vomica vomica, strychninumSTRYCHNINUM, belladonnaBELLADONNA)
(Obwohl die epileptischen und andere Krämpfe sehr heftig sind, weisen doch viele Symptome auf Petit Mal hin.)
„Cicuta wirkt insbesondere auf das Nervensystem; es ist ein zerebrospinales Reizmittel, das Tetanus, epileptische und epileptiforme Krämpfe, Trismus sowie allgemein lokale tonische und klonische Krämpfe hervorruft.“
Kent schreibt: „Dieses Arzneimittel ist vor allem wegen seiner Krampfneigung von Interesse. Es versetzt das gesamte Nervensystem in einen solchen Zustand gesteigerter Erregbarkeit, dass bereits Drücken oder Berühren eines Körperteils Krämpfe auslöst.
Die Krämpfe breiten sich vom Zentrum zur Peripherie … und von oben nach unten aus, und das ist das genaue Gegenteil von cuprumCUPRUM; dort beginnen sie an den Extremitäten und greifen dann auf das Zentrum über, d.h., es werden zunächst auf die Finger begrenzte Crampi verspürt, die dann auf die Hände übergehen, und erst später kommt es zu Krämpfen in der Brust und am ganzen Körper. Bei Cicuta hingegen beginnen die Krämpfe im Bereich von Kopf, Augen oder Hals und breiten sich von dort über den Rücken bis zu den Extremitäten aus, verbunden mit gewaltsamen Verdrehungen derselben.“
Zu den Geistes- und Gemütssymptomen: „Zuweilen erkennt der Patient niemanden, doch wenn man ihn berührt und anspricht, antwortet er korrekt. Das Bewusstsein kehrt plötzlich zurück, wobei er sich an nichts mehr von dem erinnert, was vorgefallen ist. … Er bildet sich ein, ein kleines Kind zu sein. … Alles kommt ihm verwirrend und fremdartig vor. … Vertraute Orte erscheinen ihm fremd, Stimmen klingen anders. … Nach einem kataleptischen Zustand fühlt er sich wie ein Kind und benimmt sich auch so, spielt mit Kinderspielzeug … Im Zusammenhang mit Krampfzuständen, aber auch unabhängig davon, ist das Gedächtnis für Stunden oder Tage wie ausgelöscht. … Ähnlich kann die natrium muriaticumNATRIUM-MURIATICUM-Patientin geschäftig herumlaufen und die ganze Hausarbeit erledigen, ohne am nächsten Tag noch etwas davon zu wissen. NUXnux moschata MOSCHATA ist ein weiteres Mittel, das derartige Gedächtnislücken haben kann. …
Möchte Kohlen essen und rohe Kartoffeln. …
Zwischen den Krampfanfällen ist der Patient mild und sanft, friedfertig und nachgiebig, ganz im Gegensatz zu NUXnux vomica VOMICA und strychninumSTRYCHNINUM. NUX-VOMICA-Konvulsionen befallen den ganzen Körper und verschlimmern sich durch Berührung und Zugluft, verbunden mit allgemeiner Zyanose, doch zwischen den Anfällen ist der Kranke äußerst reizbar. …
Beschwerden, die nach Verletzung des Schädels aufkommen, nach einem Schlag auf den Kopf. … Gemüts- und Kopfsymptome nach Verletzungen. … Zerebrospinalmeningitis. … Cicuta hat Epitheliom der Lippen geheilt. … Nach Verschlucken von Gräten o.Ä. verkrampft sich der Hals. Nach Cicuta hört der Spasmus auf und die Gräte kann entfernt werden. …
Bartflechten; Hautprobleme vom Rasieren.“
Ich frage mich, warum ich Cicuta eigentlich nicht häufiger angewandt habe – nachdem ich doch mit diesem Mittel eine der erstaunlichsten Erfahrungen meines Lebens gemacht habe. Ich habe sie kürzlich im Correspondence Course for Doctors veröffentlicht.
Cicuta bei Epilepsie und Geistesschwäche seit zwanzig Jahren
Es liegt viele Jahre zurück … Charlotte E., eine epileptische Schwachsinnige von 23 Jahren. Ich sah die Patientin erstmals 1909.
Vorgeschichte. – Mit 3 ¾ Jahren auf den Kopf gefallen. Vier Monate bettlägerig, „bewusstlos und blind“. Bei der Genesung pustulöser Ausschlag am ganzen Kopf, mit Salben ‚geheilt‘.
Seither epileptische Anfälle mit Einnässen, wobei der ganze Körper heftig geschüttelt wird. Schläft nach den Anfällen, manchmal den ganzen Tag.
Kann 20–30 Anfälle pro Nacht haben. Manchmal 14 Tage anfallsfrei, dann wieder eine Woche lang jede Nacht Anfälle.
Vor dem Sturz (mit 3 ¾ Jahren) war sie sehr intelligent; jetzt ist sie wie ein Baby – mit 23 Jahren.
Kann sich nicht allein waschen oder anziehen, kann aber mittlerweile selbständig essen. Wenn sie gefragt wird, ob sie etwas zu essen möchte, sagt sie „Nein“ – wenn man ihr dann etwas vorsetzt, isst sie es.
Kann nie allein gelassen werden.
Wegen
  • a)

    der Heftigkeit der Konvulsionen

  • b)

    der pustulösen Hautveränderung

  • c)

    der „Folgen von Schlag auf den Kopf“

erhielt sie Cicuta 200, eine Gabe.
Die Wirkung war verblüffend, fast unglaublich!
Drei Wochen später lautete der Bericht …
Viel besser. Weniger Anfälle und weniger heftig, nicht mehr diese Quälerei.
Viel intelligenter. Kann sich jetzt an manches erinnern!
Gedächtnis so gut wie seit der Babyzeit nicht mehr.
Hat sich heute selbständig gewaschen und angezogen – zum ersten Mal in ihrem Leben. – Keine Wiederholung der Arznei.
Nach fünf Wochen …
Besser. Geht die Treppe hinauf, um etwas für ihre Mutter zu holen.
Anfälle? „Nicht im Entferntesten so schlimm wie vorher. Erst sechs Anfälle, seitdem sie hier ist“ … früher manchmal 20–30 pro Nacht!
Vor dem Gang zum Krankenhaus hat sie sich selbständig angezogen. Sie versteht mehr und erinnert sich besser.
Kann sich schon richtig über Dinge unterhalten.
Die Mutter sagt: „Es ist kaum zu glauben, aber sie redet jetzt mit uns und sagt ganz vernünftige Sachen.“
Im Gesicht haben sich jetzt ein paar eitrige Stellen gebildet.
Das Mädchen spricht mit mir. Sie erzählt, dass sie gern den anderen Mädchen beim Handarbeiten zusieht. Sie zeigt mir die Pennies, die diese ihr gegeben haben. Die Mutter berichtet: „Sie hat sich nie zugetraut, selber etwas zu tun; das hat sich jetzt auch geändert!“ – Keine Arznei.
Nach zwei Monaten …
Sehr viel besser. Nur zwei leichte Anfälle.
Gedächtnis macht weiter Fortschritte. Sie freut sich, hierher zu kommen. Hat tatsächlich ihre Mutter daran erinnert, dass sie den Krankenschein nicht vergessen soll!
Bedient sich bei Mahlzeiten jetzt selbst; schneidet Brot.
Wieder eitrige Stellen im Gesicht. – Keine Arznei.
Nach drei Monaten …
Weiterhin rasche Verbesserung der Intelligenz.
Erinnert sich daran, dass sie vergessen hat, mir Blumen mitzubringen.
Zwei leichte Anfälle gehabt. – Keine Arznei.
Nach fünf Monaten …
Überhaupt keine Anfälle mehr.
Kann Betten machen und saubermachen. Näht Knöpfe an. – Keine Arznei.
Nach sechs Monaten …
Hat eine schlimme Erkältung gehabt; der Hausarzt habe es Pleuritis genannt; ein schwerer epileptischer Anfall. – Cicuta 200, eine Gabe (die zweite in sechs Monaten).
Nach sieben Monaten …
Das Mittel hat, wie ich höre, eine Verschlimmerung hervorgerufen (wie beim ersten Mal). Zwei schreckliche Tage, an denen sie von niemandem Notiz nahm.
Seither wesentlich besser. Verrichtet Hausarbeit. Liebt Handarbeiten. – Keine Arznei.
Nach acht Monaten …
Kein Anfall, bis sie sich einmal die Hand verbrannte. Sie hatte einen Kessel vom Feuer genommen und dabei ein Stück Papier benutzt, um den heißen Griff anzufassen. Dieses fing Feuer und verbrannte ihre Hand. Sie schrie vor Schmerzen. Am nächsten Tag dann drei leichte Anfälle.
Sie macht sich im Haushalt sehr nützlich. Hat mir heute eine Menge erzählt. – Keine Arznei.
Nach elf Monaten …
„Macht ungeheure Fortschritte.“
Macht Handarbeiten. Geht außer Haus und kauft Gemüse ein.
Eine leichte Attacke. – Cicuta 200 zum dritten Mal, eine Gabe.
Nach zwölf Monaten …
Ein leichter Anfall. – Keine Arznei.
Nach vierzehn Monaten …
Besser als je zuvor. Überhaupt keine Anfälle.
Erzählt mir eine lange Geschichte über ihre Schwester.
Fängt Unterhaltungen an. Nachdem sie Wäsche ausgewrungen und zum Trocknen aufgehängt hatte, sagte sie: „Ich bin fix und fertig, ich muss mich ins Bett legen. Mutter will das zwar nicht, aber meine Nerven brauchen das; bin todmüde.“ – Keine Arznei.
Nach siebzehn Monaten …
Sie versteht, dass ihre Sonntagsschullehrerin gestorben ist. Meinte, „sie ist nicht mehr da, und wir werden sie nie wiedersehen“. Seitdem hat sie sie nie wieder erwähnt. – Keine Arznei.
Nach neunzehn Monaten …
Ich bekam einen Brief von ihrer Mutter: „Sie ist krank; hat zehn Anfälle gehabt.“ – Schickte ihr Cicuta 200, eine Dosis.
Nach zwei Jahren …
Mehrere ziemlich schwere Anfälle. – Cicuta 200, eine Gabe.
Nach drei Jahren …
Hatte mit Grippe im Bett gelegen; in einer Nacht zehn schlimme Anfälle. Ansonsten geht es ihr gut. Spült das Geschirr. Fegt die Treppe. Geht einkaufen. – Cicuta 200, eine Gabe.
Danach für sechs Monate keine Anfälle.
Nach vier Jahren …
Die Mutter erzählt, dass sie jetzt manchmal Sprichwörter oder Redensarten benutzt; so habe sie sie neulich gefragt: „Was bedeutet es, Mutter, wenn man sagt: ‚Das hab ich im Urin‘?“ – Keine Arznei.
Nach fünf Jahren …
Sie flickt ihre Kleider selbst. Mangelt die Wäsche für die ganze Familie und hängt sie draußen auf der Leine auf. Erinnert sich gut, wo sie Gegenstände hingelegt hat.
Ich habe die Patientin seither in großen Abständen wiedergesehen. Es war ein sehr beglückender und aufschlussreicher Fall. Aufregungen oder Krankheiten können immer mal wieder zu epileptischen Anfällen führen. Vor Beginn der Behandlung war sie – mit 23 Jahren – auf der psychischen Entwicklungsstufe eines Babys stehengeblieben: Sie war nicht in der Lage zu sagen, ob sie etwas zu essen wollte, konnte sich nicht allein waschen und anziehen; wenige Einzelgaben Cicuta in der 200. Potenz verwandelten sie in relativ kurzer Zeit in ein nützliches und recht intelligentes Mitglied der Gesellschaft.
Ich denke an Cicuta bei extremer Heftigkeit der Konvulsionen, doch hat es, wie gesagt, auch all die Symptome von Petit mal; und wenn ich bei diesem Leiden von Cicuta mehr Gebrauch gemacht hätte, hätte ich mir wahrscheinlich eine Menge Probleme ersparen können. In der Regel sind diese Petit-mal-Fälle nämlich schwieriger zu behandeln als die größeren Attacken.
Als ich vor kurzem noch einmal meine Aufzeichnungen über diesen alten, wirklich wunderbaren Fall durchging, brachte mich das auf die Idee, Cicuta in einem anderen, ähnlich schwierigen und scheinbar hoffnungslosen Fall zu verschreiben.
Der Fall war der folgende: Ein schmächtiges, zierliches ‚Mädchen‘, beinahe 40 Jahre alt. Praktisch schwachsinnig wegen Epilepsie, und zwar seit einem Sturz im Alter von 12 Jahren, nach dem sie bewusstlos liegen geblieben war. Bereits als Baby war sie einmal gefallen, was bei ihr „eine Delle oben auf dem Kopf“ hinterlassen hatte. (Sie hat einen seltsam geformten Schädel, mit einer tiefen, breiten Delle, die vom Scheitel aus nach hinten verläuft.) Vor manchen Anfällen gibt sie ungewöhnliche Laute von sich, oder sie stürzt ohne einen Laut zu Boden; während der Anfälle Einnässen.
Sie hatte sehr häufig größere Attacken, ebenso aber auch kleinere (Absencen); ferner bestanden Hautveränderungen.
Ihre Symptome wiesen auf sulfurSULFUR hin, das eine schreckliche Erstverschlimmerung bewirkte; dann besserte sich ihr Zustand bis zu einem gewissen Grad.
Immer noch viele Anfälle, teilweise mit Schreikrämpfen verbunden. Mal besser, mal schlechter, ohne einschneidende Veränderung – bis zum 29. Januar 1937, als sie Cicuta 30 erhielt.
Einen Monat später: „Wesentlich besser; zwei Wochen sind es jetzt her seit dem letzten Anfall – ihre bisher längste beschwerdefreie Zeit. Sie ist ein ganz anderer Mensch geworden, zeigt nun an allem Interesse. Sie achtet mehr auf ihre Kleidung, sieht besser aus. Hat auch an Gewicht zugenommen.“
Warum hat sie bloß Cicuta nicht früher bekommen?
In der Cyclopaedia of Drug Pathogenesy werden einige Vergiftungsfälle durch den Wasserschierling angeführt. Hier ist einer von ihnen: Ein gesunder Mann von 20 Jahren aß von der Wurzel der Pflanze und erkrankte kurz darauf. Er ging nach draußen, und etwas später wurde er gefunden, ausgestreckt auf dem Boden liegend, als ob er sterben würde; das Gesicht war kongestioniert, die Augen hervorgetreten; er hatte Schaum vor dem Mund und atmete kaum noch. Dann kam es zu einem heftigen epileptischen Anfall, bei dem sich die Gliedmaßen nacheinander schrecklich verdrehten und die Atmung aussetzte. Er erlangte das Bewusstsein nicht wieder und starb bald danach.
Ein weiterer Fall: Ein 6-jähriger Knabe klagte kurz nach der Vergiftung über Schmerzen in der Herzgegend; kaum hatte er das ausgesprochen, fiel er auf die Erde und urinierte heftig. Er sah schrecklich krank aus, und bald verlor er das Bewusstsein; biss den Mund so fest zusammen, dass er nicht geöffnet werden konnte; knirschte mit den Zähnen. Die Augen waren stark verdreht, Blut quoll aus den Ohren, und in der Herzgegend bildete sich eine große Schwellung. Häufiger Schluckauf; erfolglose Versuche zu erbrechen. Er warf die Gliedmaßen umher und verdrehte sie; der Kopf wurde häufig nach hinten geschleudert, und der ganze Rücken war wie ein Bogen gespannt. Als die Krämpfe aufhörten, schrie das Kind nach seiner Mutter um Hilfe; bald aber kehrten sie mit um so größerer Macht zurück. Der Junge konnte auch durch lautes Anrufen nicht mehr erweckt werden, und nach einer halben Stunde starb er. … Die anderen Fälle verliefen ähnlich.
Bei einem Prüfer des Mittels [Lembke] hatten – neben einer Unmenge anderer Symptome – die Stühle die Eigentümlichkeit, „dass sie sich ohne Vorboten plötzlich mit einem Drang meldeten, den zurückzuhalten kaum die Kraft hinreichte, zugleich Zerschlagenheitsschmerz im Kreuz und allgemeines Kraftlosigkeitsgefühl. … Fast stündlich Stuhl von schwarzem, aashaft riechendem Schleim in kleiner Menge, mit Drängen. … Beim Gehen plötzlich eigenes Gefühl, als bleibe der Herzschlag aus.“ (Und so weiter.)

Cimicifuga

Weitere Namen: Cimicifuga oder Actaea racemosa; Wanzenkraut
Diese Arznei erscheint in unseren Arzneimittellehren unter zwei verschiedenen Namen und daher auch an verschiedenen Stellen im Alphabet, was gelegentlich zu Verwirrung führen kann. Hughes sagt, er ziehe den Linnéschen Namen vor – Actaea racemosa. Hering führt das Mittel in den Guiding Symptoms unter ‚Actea‘ auf; er meint: „Es hat so viele ungeeignete Namen bekommen, dass der älteste von ihnen vorzuziehen ist.“ Clarke, H. C. Allen, Kent und Guernsey nennen es ‚Actaea‘, Nash, Boericke und Boger Cimicifuga. Letzteres ist heute geläufiger; auch T. F. Allen führt es in seiner Encyclopedia unter diesem Namen.
Seltsam mutet mich an, dass ich nicht schon früher versucht habe, ein Arzneibild von Cimicifuga zu Papier zu bringen, wo es doch ein so nützliches Mittel ist, ganz besonders in der Praxis jener, die eher mit Hughes als mit der reinen Lehre Hahnemanns groß geworden sind. Hahnemann war ein gewissenhafter Experimentator und Chronist, dessen geniales Werk in meinen Augen durch Modifikationen nicht zu verbessern ist und keiner Rechtfertigung bedarf. Hughes’ Manual of Pharmacodynamics, auf seine Art ein ausgezeichnetes Werk, erhielt den Spitznamen Homöopathische Milch für allopathische Babys, denn sein großes Anliegen war offensichtlich, die seinerzeitigen Praktiker der alten Schule mit der Homöopathie zu versöhnen oder sie ihnen zumindest akzeptabel zu machen. Doch hat die alte Schule in letzter Zeit bereits selbst einige Fortschritte in ihren Grundanschauungen gemacht. Inzwischen gelten die Lehren Hahnemanns vielen schon eher als erklärender Beitrag zum gegenwärtigen Denken denn als unversöhnliche Gegenkraft, und die jüngst approbierten Ärzte ‚schlucken‘ sie schon recht bereitwillig; ja, wie ich gehört habe, soll unter den naturwissenschaftlichen Dozenten einer medizinischen Schule von der Homöopathie bereits als der „Medizin der Zukunft“ gesprochen werden. Doch sowohl das harte Brot als auch die ‚Milch‘ der Homöopathie werden für die meisten älteren Herrschaften, von denen manche schon „aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters“ davor zurückschrecken, sich noch einmal auf etwas ganz Neues einzulassen, auch weiterhin nicht leicht zu verdauen sein. Und in der Tat bedeutet es ja sehr viel Umlernen und Neulernen, nicht nur hinsichtlich der Art des Verordnens, sondern auch was das Vertiefen in die riesige, unbekannte Materia medica homöopathica betrifft. … „Wäre ich doch nur vierzig Jahre früher darauf gestoßen!“ Aber die ernsthafteren Sucher nach der Wahrheit, die Rebellen gegen das Unvermögen finden in der Homöopathie die Erklärung für viele ihrer Schwierigkeiten, Zweifel und Bedenken – etwas, das tiefer geht als bloße Palliation, etwas, das zeigt, dass abseits von den gewagten und oft gefährlichen Experimenten in den Laboratorien viel Gutes bewirkt werden kann. Darüber hinaus befreit sie die Homöopathie von den Versuchungen und Diktaten der pharmazeutischen Industrie, deren Musterpräparate täglich massenweise mit der Post ins Haus kommen, um ausprobiert und im Erfolgsfalle für weitere Experimente ausersehen oder bei Misserfolg eben als nutzlos ausrangiert zu werden. Hat all dies etwas mit gesetzmäßiger Heilung, mit wissenschaftlicher Medizin zu tun, jener Idee, der Hahnemann sein ganzes Leben gewidmet und um die er lange, beschwerliche Jahre mit Gott und der Natur gerungen hat? Ist es nicht vielmehr ein Akt der Verzweiflung – ein Eingeständnis des Nichtwissens und Versagens?
Um aber auf Cimicifuga zurückzukommen …
Die Nerven bzw. das neuromuskuläre System – und hier vor allem Myalgien – scheinen die ganz spezielle Sphäre von Cimicifuga zu sein, wie ein interessanter Fall, der von Dr. Hughes zitiert wird, beispielhaft zeigt [s.u.]. Es befällt auch in starkem Maße die Augen, dies offenbar jedoch in erster Linie über die Augenmuskeln. Boger nennt als Hauptangriffspunkte „Nerven und Muskeln, das Zentralnervensystem, die Augäpfel, Ovarien und Uterus, das Herz“, ferner – „bei Frauen“ – die Gelenke (wie bei caulophyllumCAULOPHYLLUM). Und überall zeigt sich Besserung durch Wärme in jeder Form; besser auch im Freien, durch Druck und durch fortgesetzte Bewegung.
Cimicifuga ist ein Heilmittel bei dem „Gefühl, verrückt zu werden“ und ebenso beim Veitstanz; außerdem gehört es zu jenen Mitteln, die besonders auf die Gebärmutter wirken, samt all den Beschwerden, die durch Fehlfunktionen derselben bedingt sind. Es ist ein Rheuma-, Chorea-, Krampf-, Hysterie- und Uterusmittel. Studiert man seine Pathogenese, so erinnert es mal an ignatiaIGNATIA, mal an gelsemiumGELSEMIUM, mal, wie gesagt, an caulophyllumCAULOPHYLLUM, mal an lachesisLACHESIS. Es ist ein hilfreiches Mittel bei mehr oder weniger oberflächlichen Störungen – wenngleich es aber auch einen gewissen Ruf bei Tuberkulose hat.
Zu den widersprüchlichen Symptomen von Cimicifuga gehört es, dass einerseits „Besserung durch Ausscheidungen“ – aus Darm, Uterus etc. – stattfindet, dass andererseits aber auch viele Beschwerden während der Regelblutung schlimmer werden können. Seine Besserung durch Absonderungen aller Art erinnert in erster Linie an sepiaSEPIA, lachesisLACHESIS und zincumZINCUM.
Ich denke an Cimicifuga vor allem bei steifem Hals und bei Ischias (vorausgesetzt, diese Leiden sind nicht Folge kleiner Dislokationen und somit nur der Chirotherapie zugänglich); bei Chorea; bei Hysterie; auch bei so obskuren Zuständen wie Myalgien des Zwerchfells, auf die Hughes aufmerksam macht.
Hering zeigt am Beispiel von Cimicifuga, wie wichtig es ist, dass die Prüfungen der verschiedenen Arzneien an Männern und Frauen durchgeführt werden. Bei den sechs Frauen einer Prüfung, so schreibt er, rief das Mittel Übelkeit, Erbrechen und starke Magenreizung hervor, während vierzig Männer kaum einen Einfluss auf den Magen bemerkten. Er folgert: „Da es ein wichtiges Heilmittel der Morgenübelkeit von Schwangeren ist, können wir schließen, dass all die gastrischen Symptome, die von den Prüferinnen beobachtet wurden, im Zusammenhang mit der Gebärmutter stehen.“ So habe man etwa auch feststellen können, dass cuprumCUPRUM mehr auf die weiblichen und ferrumFERRUM mehr auf die männlichen Geschlechtsorgane einwirkt.
Hauptsymptome
Geist und GemütGlaubt, sie würde verrückt werden.
Wahnsinn, der nach Verschwinden einer Neuralgie auftritt.
Wochenbettpsychosen.
Unaufhörliches Reden, dabei von einem Thema zum nächsten springend.
Fühlt sich bekümmert und betrübt, mit Seufzen; am nächsten Tag zittert sie vor Freude, ist heiter, ausgelassen und bei klarem Verstand.
Furcht vor dem Tode.
Kopf[Schwindel, mit] Vollheitsgefühl und dumpfem Schmerz am Scheitel.
Starke Schmerzen in der rechten Seite des Kopfes, hinter der Augenhöhle.
Gehirn wie zu groß für den Schädel; von innen nach außen drückende Kopfschmerzen.
Beständiger dumpfer Kopfschmerz, besonders im Hinterkopf; erstreckt sich bis zum Scheitel.
Ein Drücken nach außen und oben, als ob für den oberen Teil des Gehirns nicht genügend Raum da wäre – ein grausamer Schmerz, fast unerträglich.
Ausgesprochenes Wundheitsgefühl im Hinterkopfbereich, schlimmer durch Bewegung.
AugenDumpfer Schmerz in beiden Augäpfeln.
Magen, AbdomenNausea, Würgen, erweiterte Pupillen, Zittern der Glieder (Delirium tremens).
Bei tiefem Einatmen tun die Bauchmuskeln weh.
Scharfer Schmerz quer durch den Unterbauch.
Weibliche GenitalienMenses unregelmäßig, verzögert oder unterdrückt, Chorea, Hysterie, Migräne, Geisteskrankheit etc. veranlassend.64

64

Modifiziert nach Angaben in Hale’s Neue Amerikanische Heilmittel (Kap. A, Fußnote 25).

Schmerzen in der Uterusgegend, von einer Seite zur anderen schießend.
Schauder im ersten Stadium der Wehen.
Schmerzen unterhalb der Brüste, schlimmer links.
HustenNächtlich, trocken, unaufhörlich, kurz.
Äußerer Hals, RückenKopf und Hals nach hinten gezogen.
Rheumatische Schmerzen in den Muskeln von Hals und Rücken, mit Steifigkeits- und Verkrampfungsgefühl.
[Beim Vorbeugen des Kopfes] ein heftiger, ziehend-spannender Schmerz an den Enden der Dornfortsätze der ersten drei Brustwirbel.
ExtremitätenAußerordentliche Schmerzhaftigkeit der Muskeln.
KonstitutionRheumatiker.
Andere wichtige, sonderbare oder charakteristische Symptome
Gefühl, als ob eine schwere, schwarze Wolke sich über sie gesenkt und ihren Kopf eingehüllt hätte, sodass ihr alles finster und verwirrend vorkam, während es ihr gleichzeitig wie Blei auf dem Herzen65

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Bei Tyler und in den Guiding Symptoms heißt es irrtümlich „head“ statt „heart“ (Quelle: Hale, New Remedies, Bd. 1, S. 201 und Bd. 2, S. 162).

lag.
Oft aufgeschreckt durch die Einbildung, eine Maus krabble unter ihrem Stuhl hervor.
Sieht seltsame Dinge um das Bett herum, wie Ratten, Schafe etc. (Delirium tremens).
Furcht vor dem Tod; befürchtet, dass die anderen Hausbewohner ihn umbringen werden (Delirium tremens).
Wollte nicht antworten; zu anderen Zeiten aber sehr geschwätzig.
Niedergeschlagenheit mit suizidaler Stimmung; auch nach unterdrückter Neuralgie.
Argwöhnisch gegenüber allem, wollte keine Medizin nehmen.
Geistesverwirrung durch enttäuschte Liebe, geschäftliche Fehlschläge etc.
Flauheit in der Magengegend, wenn sie einen Freund trifft.
Blutandrang zum Kopf; das Gehirn fühlt sich zu groß für den Schädel an.
Wogende Empfindung im Gehirn.
Gefühl von Öffnen und Schließen des Schädels beim Bewegen des Kopfes oder der Augen.
Gefühl im Kopf, als ob die Schädeldecke wegfliegen wollte.
Empfindung, als öffnete sich der Scheitel und ließe kalte Luft herein.
Gefühl von Vergrößerung der Augäpfel, als ob diese herausgepresst würden.
Gefühl, als würden Nadeln durch die Hornhaut in den linken Augapfel gestochen.
Kupferiger Geschmack im Munde.
Sie kann keine Silbe sprechen, obwohl sie sich bemüht.
Eine trockene Stelle im Hals, die zum Husten reizt.
Abwechselnd Diarrhö und Obstipation.
Schauder während der ersten Wehen; während der Menses.
Wochenbettpsychose: weiß nicht, was mit ihrem Kopf los ist, so seltsam fühlt er sich an; spricht unzusammenhängend; schreit; greift sich an die Brüste, als hätte sie dort Schmerzen; versucht, sich zu verletzen.
Heftiger, scharfer Schmerz in der rechten Lunge, von der Spitze bis zur Basis, verstärkt bei jeder Einatmung.
Angina pectoris: Schmerz in der Herzgegend, über die ganze Brust und den linken Arm hinunterziehend; Herzklopfen; Bewusstlosigkeit; Gehirnkongestion; Dyspnoe; livides Gesicht; kalter Schweiß auf den Händen; Taubheit des Körpers; linker Arm taub und wie an der Seite festgebunden. (Geheilter Fall von Hering.)
Das Herz bleibt plötzlich stehen; drohendes Ersticken.
Gefühl, als hätte sich eine schwere, schwarze Wolke über sie gelegt und lastete nun wie Blei auf ihrem Herzen.
Steifer Nacken infolge kalter Luft; schmerzt selbst vom Bewegen der Hände.
Gefühl einer Last sowie Schmerzen im Lumbal- und Sakralbereich, die sich manchmal auf den ganzen Körper ausdehnen.
Heftiger Schmerz im Rücken, durch die Hüften bis in die Oberschenkel hinein, mit schwerem Herabdrücken.
Starker Schmerz die Arme hinab, mit Taubheit, als wäre ein Nerv gequetscht.
Der linke Arm fühlt sich an, als wäre er an die Seite gefesselt.
Kalter Schweiß an den Händen.
Muss im Bett die Lage wechseln, um das Rucken der Glieder zu besänftigen.
Kann kaum gehen, weil die Beine so zittern.
Muss umhergehen, wenn sie unruhig und ungeduldig ist.
Treppensteigen verstärkt das Gefühl, als ob die Schädeldecke wegfliegen wollte.
Bewegen des Kopfes bewirkt die Empfindung von Öffnen und Schließen des Schädels sowie schmerzhafte Verkrampfungen in den Halsmuskeln.
Augenbewegungen führen zu dem Gefühl von Öffnen und Schließen des Schädels.
Unwillkürliche Bewegungen der Gliedmaßen, < links; unsicher auf den Beinen (Chorea).
Epilepsie. Hysterische Krämpfe.
Komatöser Zustand.
Affiziert die Nerven, besonders die motorischen Nerven. Myalgien.
Ähnlichkeit mit caulophyllumCAULOPHYLLUM, was die Uterus- und die rheumatischen Beschwerden betrifft.
Hughes (Pharmacodynamics) weiß über Actaea, wie er Cimicifuga lieber nennt, vieles von großem Interesse zu berichten. Er schreibt: „Es ruft keine Fiebersymptome hervor“ (dies müssen wir allerdings in Frage stellen, nach den Prüfungssymptomen zu urteilen und nach den Fällen der Besserung von Fieber unter seiner Anwendung!), „… doch ist es ein wertvolles Mittel bei einigen Rheumatismusformen, besonders wo Nervenzentren und Muskeln der Sitz der Störung sind. … Beim akuten und lokalen Muskelrheumatismus, etwa bei Pleurodynie, Lumbago und Torticollis, wird Actaea allseits empfohlen. … Bei rheumatoider Arthritis, vor allem wenn diese uterinen Ursprungs ist und wenn die Schmerzen nachts und bei nassem oder stürmischem Wetter schlimmer sind … Eine andere Form ahmt gonorrhoischen Rheumatismus nach, doch ohne die entsprechende Vorgeschichte. Hier können nicht nur die Schmerzen fast augenblicklich gelindert, sondern auch die Gelenke wieder beweglich und brauchbar werden. …
Es kommt ferner in Betracht, wenn Herz und Uterus durch das rheumatische Gift in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Prüfungen … zeigen deutlich, dass Actaea einen mächtigen Einfluss auf das Herz ausübt. Wenn der Rheumatismus dieses Organ befällt – nicht in Form einer Entzündung, sondern in der gleichen Weise, wie er auch andere Muskeln affiziert –, haben wir in dieser Arznei ein wertvolles Heilmittel. Bei einem geheilten Fall ähnelten die Symptome denen bei Angina pectoris, wobei die Schmerzattacken mehrmals täglich wiederkehrten.“ Ferner erwähnt Hughes den Einfluss des Mittels auf Chorea; dabei zitiert er die Ansicht Dr. Ringers, es wirke bei dieser Krankheit nur in den Fällen heilend, die rheumatischen Ursprung sind.
Sodann „Fälle, bei denen die Gebärmutter den Ausgangspunkt der Pathologie bildet. Actaea hat eine unbestrittene Wirkung auf dieses Organ – als ein Abort herbeiführendes und Wehen beförderndes Mittel. … Seine therapeutischen Kräfte in diesem Bereich sind vielfältig und gut dokumentiert. Besonders wenn der Uterus rheumatisch affiziert zu sein scheint, hat es positive Wirkungen; es lindert Dysmenorrhö und Nachwehen, beseitigt Abortneigung und erleichtert die Entbindung. … Wenn sich uterin bedingte Krankheitszustände woanders als in dem Organ selbst manifestieren – durch die für diese Arznei charakteristischen Schmerzen und Erregungszustände –, kommt es rasch zu einer durchschlagenden Besserung derselben. Actaea heilt uterusbedingte Epilepsie und Hysterie; puerperale Melancholie; Nervosität bei Schwangeren sowie die Unruhe und den unglücklichen Gemütszustand, die so häufig bei ‚Uteruspatientinnen‘ zu beobachten sind, insbesondere aber auch deren Schlaflosigkeit. Darüber hinaus vermag es bei unverheirateten Frauen die inframammären Schmerzen zu beheben, deren Beziehung zum Uterus vergleichbar ist mit der Beziehung der Schmerzen am rechten Schulterblatt zur Leber [vgl. chelidoniumCHELIDONIUM]; auch Schmerzen in den Brüsten selbst, die auf diese Weise entstehen. Klimakterische Beschwerden gehören ebenfalls zum Wirkungskreis des Mittels; es bessert das flaue Gefühl im Magen (eines seiner markanten Prüfungssymptome), den Schmerz am Scheitel und das reizbare Wesen der Patientin mehr als irgendein anderes Mittel.“
Bezüglich Actaea bei Zwerchfellschmerzen zitiert Hughes einen interessanten und aufschlussreichen Artikel von Dr. Madden aus dem British Journal of Homœopathy, Band 25. „Hier war der Doktor nicht nur Arzt, sondern zugleich Patient.“ … Der Schmerz hatte sein Zentrum im Brustkorb66

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Die folgende Schilderung dieses Falls stammt nicht mehr von Hughes, sondern wohl aus dem British Journal of Homœopathy.

; „es war, als ob jemand seine Faust fest auf das Brustbein pressen und nach innen zur Wirbelsäule drücken würde.“ Gehen begünstigte gewöhnlich solche Anfälle. Waren diese heftig, so dehnte sich der Schmerz auf den Ösophagus aus bis hinauf in den Pharynx, wo er an der Rachenhinterwand ein eigenartiges Prickeln auslöste, das wiederum in den oberen Brustraum und die Schultern und dann die Arme hinunter bis in die Fingerspitzen zog. Ein paar Augenblicke völliger Ruhe brachten den Schmerz in der Regel wieder zum Verschwinden. In Ruhe traten die Beschwerden nie auf, außer bei zwei Anlässen starker Gemütserregung; und stets waren sie nach dem Essen schlimmer.
Das Leiden hielt jahrelang an, ungeklärt und allen Behandlungsversuchen trotzend – bis er etwas las, was ihn auf die Idee brachte, dass es sich dabei um eine Myalgie des Zwerchfells handeln könnte; und diese Erklärung schien einleuchtend zu sein. arnica montanaARNICA wurde verworfen; schließlich entschied er sich für Actaea, da es sowohl auf das Nervensystem als auch auf die Muskulatur einwirkt.
Actaea in der Urtinktur, 3 oder 4 Minims67

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Das kleinste Flüssigkeitsmaß, einem Gran (= 64,8 mg) entsprechend.

, linderte – ohne die Diurese, die gewöhnlich nach Aufhören der Schmerzen einsetzte; doch es musste wieder abgesetzt werden, da es die Kopfschmerzen von Actaea und den schmerzhaften Druck auf die Augäpfel zu erzeugen begann.
Actaea C 12 blieb ohne Effekt, wohingegen die 1. Centesimalpotenz ohne Beschwerden eingenommen werden konnte und bald zur Heilung führte.
(Offensichtlich war Dr. Madden ein Anhänger der niedrigen Potenzen. Wahrscheinlich wäre es ihm mit einer höheren Potenz – und diese nur bei Bedarf wiederholt – besser ergangen!? Wie dem auch sei – er wurde geheilt!)
Unter den Dingen, die Guernsey in Bezug auf Actaea besonders vermerkt, finden wir: Geistesgestörtheit und die Angst, verrückt zu werden; bildet sich alle möglichen seltsamen Erscheinungen ein; Furcht, dass jemand sie ermorden wird; unaufhörliches Schwatzen, wobei sie ständig von einem Gegenstand zum anderen springt; Niedergedrücktheit und das Gefühl, eine schwere, schwarze Wolke liege auf ihr.
Viel Kopfschmerzen; hat das Gefühl, als wollte die Schädeldecke wegfliegen; Schmerz, als wäre ein Bolzen vom Nacken zum Scheitel getrieben worden; oder auch Schmerzen, die vom Hinterkopf den Nacken herunterschießen; Kopfschmerz bis zur Nase herab.
Schmerzen in den Augäpfeln; in die Augen fahrende Schmerzen, so heftig, dass es ihr schien, als müsste sie verrückt werden; Empfindung, als würden Nadeln ins linke Auge gestochen.
[Bei Schnupfen] Gefühl, als ob jeder Atemzug die kalte Luft mit dem Gehirn in Berührung bringen würde.
Gesicht bläulich. Wilder, furchterfüllter Gesichtsausdruck. Stirn kalt, Gesicht leichenblass. Plötzliche, große Schwäche; Gesicht wird kreidebleich.
Schmerzen in der Uterusgegend, von einer Seite zur anderen schießend. Gefühl des Herabdrängens, auch im Kreuz – als würde etwas nach außen pressen. … Wehen mit Ohnmachtsanfällen und schmerzhaften Krämpfen. Krämpfe während der Wehen durch nervöse Erregung. Wochenbettpsychose; fühlt sich fremd, redet wirr, schreit, versucht, sich zu verletzen. … Ähnlichkeit mit caulophyllumCAULOPHYLLUM hinsichtlich der uterinen und rheumatischen Affektionen.
Clarke (Dictionary) schreibt: „Vor dem Geburtstermin gegeben, macht es die Wehen leichter erträglich; es kuriert Schwangerschaftsübelkeit und bewahrt vor Nachwehen und Überempfindlichkeit. Lippe zufolge“, so schreibt er weiter, „ist eine charakteristische Indikation: ‚Der Uterus wird kurz nach der Entbindung im Becken eingeklemmt, was mit großen Schmerzen verbunden ist.‘ … Es hat bei Frauen Lebendgeburten sichergestellt, die zuvor ohne erkennbare Ursache nur tote Kinder geboren hatten; eingenommen wurde es zwei Monate lang vor dem Termin in täglichen Dosen der D 1.“
Wie gewohnt wollen wir Kent für uns zusammenfassen lassen; es ist ja häufig sinnvoll, ihm das letzte Wort zu geben.
„Dieses Mittel ist noch wenig geprüft, … doch erkennen wir bereits, dass es besonders zu jenen Krankheitszuständen von Frauen Ähnlichkeiten aufweist, die hysterischer und rheumatischer Natur sind.
Die Patientin fröstelt immer und ist besonders empfindlich gegen feuchtkaltes Wetter, das nicht nur in den Muskeln und Gelenken, sondern auch entlang den Nerven rheumatische Beschwerden hervorbringt.
Mit dem Rheumatismus gehen nervöse Störungen einher: Die willentliche Steuerung von Bewegungen, das willkürliche Nervensystem, ist erheblich beeinträchtigt – die der Hysterie zugrunde liegende Störung. Zu den lokalen Schmerzen gesellt sich ein Wundheits- und Zerschlagenheitsgefühl am ganzen Körper. Zittern, Taubheit, Muskelzuckungen. Die Kontrolle über die dem Willen unterworfene Muskulatur ist verlorengegangen; es herrscht gewissermaßen Aufruhr im willkürlichen Nervensystem, verbunden mit Steifheit und Verspannung einzelner Muskelpartien. … Die Patientin ist allgemein kälteempfindlich, außer am Kopf. …
Die körperlichen Beschwerden wechseln mit einer schrecklichen Gemütsverfassung, einer ungeheuren Niedergedrücktheit ab; die Patientin wirkt bisweilen zutiefst schwermütig, von Gram gebeugt. Dieser Zustand kann dann ganz plötzlich wieder vorübergehen; hervorgebracht oder verschlimmert wird er zumeist durch Bewegung, Furcht, Aufregung oder Erkältung. … Die Symptome der körperlichen und der psychischen Ebene sind einem dauernden Wandel unterworfen. Der Rheumatismus kann innerhalb eines Tages in Chorea übergehen, ... oft bestehen bei Cimicifuga aber Muskelzuckungen, rheumatische Schmerzen und Taubheitsempfindungen zur gleichen Zeit fort.“
Kent erläutert bezüglich der Chorea: „Die Muskelzuckungen entstehen, wenn die Patientin aufgeregt ist oder sich verkühlt hat. Durch Pressen auf einen beliebigen Körperteil kommt es zum Zucken der Muskeln in diesem Bereich. Die ganze Seite, auf der sie liegt, fängt an zu zucken und hindert sie am Einschlafen. Sie dreht sich auf die andere Seite oder auf den Rücken, und bald beginnen auch dort die gedrückten Muskeln zu zucken. Allmählich wird sie dadurch so ruhelos und nervös, dass es sie zur Verzweiflung treibt. Ihr Geist wird von allen möglichen Einbildungen gequält und ihr Körper von allen nur erdenklichen Formen von Unbehagen, weil es keine Lage gibt, in der sie Ruhe findet. Mal ist es das Wehtun der Muskeln, mal die Taubheit, mal das Muskelzucken, was ihr den Schlaf raubt. …
Die Patientin ist voller Furcht, quälender Angst und Unruhe. Furcht vor dem Tod; allgemeine Erregung. Mißtrauisch gegenüber allem und jedem; nimmt nicht einmal die verordneten Medikamente, weil damit etwas nicht in Ordnung sein könnte. … Actaea ist in erster Linie ein Frauenmittel, denn seine Symptome sind sehr häufig mit Frauenleiden verbunden. Psychische Störungen nach dem Verschwinden von rheumatischen Beschwerden sind ein typisches Merkmal des Mittels; der Rheumatismus bessert sich, aber der Gemütszustand wird schlechter. … Linderung des Rheumatismus durch Diarrhö, durch Blutungen aus der Gebärmutter; irgendein ‚Ausfluss‘, ein Ventil muss geschaffen werden, anderenfalls entstehen Probleme auf der psychischen Ebene. …
Ein Routinesatz bezüglich Actaea besagt, dass es Entbindungen erleichtere, … doch trifft dies nur zu, wenn das Mittel in Übereinstimmung mit den Symptomen gegeben wird. … Wiederholen Sie dies im Geiste immer wieder: wenn die Symptome übereinstimmen – wenn die Symptome übereinstimmen! Es heilt, und es erleichtert die Geburt – wenn die Symptome übereinstimmen; dies gilt gleichermaßen für alle anderen Arzneien. …
Sodann zeigen die ‚Bearing-down‘-Empfindungen des Mittels, dass es sehr hilfreich bei Uterusprolaps sein kann. Actaea hat diese Erschlaffung im Bereich der Geschlechtsorgane. … Homöopathische Arzneien können Gebärmuttervorfall heilen, aber nur dann, wenn die Symptome passen – und niemals sonst. Nur wenn das Mittel insgesamt zu der Patientin passt, wird dieses Senkungsgefühl verschwinden; die Patientin wird sich allgemein wohler fühlen, und schließlich wird auch die lokale Untersuchung zeigen, dass sich der Uterus wieder in der normalen Position befindet. Sie können nicht für den Prolaps verschreiben, Sie müssen für den ganzen Menschen verordnen! Sie können nicht auf der Basis dieses einen Symptoms Ihre Wahl treffen, da es wahrscheinlich fünfzig Mittel gibt, die dieses Symptom haben.“
In Bezug auf die Menstruation gilt: „Je stärker der Blutfluss, desto stärker die Schmerzen. … Viele Beschwerden bei Actaea racemosa verschlimmern sich während der Regel: das Rheuma, die Zuckungen, die schmerzhaften Krämpfe, die Schlaflosigkeit. Es kann während der Menses zu epileptischen Konvulsionen kommen, zu dem typischen Wundheits- oder Zerschlagenheitsgefühl in den Muskeln und Gelenken. … Jemand hat diese schmerzhafte Menstruation einmal ‚rheumatische Dysmenorrhö‘ genannt – kein schlechter Name! …
‚Frostschauer in der ersten Phase der Wehentätigkeit.‘ ‚Hysterische Reaktionen während der gesamten Wehen.‘ Die Wehen sistieren vollständig oder kommen nur noch sehr unregelmäßig … Wenn aber regelmäßige Wehen kommen, zeigen sich einige wichtige Symptome … Eine Wehe setzt ein und scheint auch zufriedenstellend zu verlaufen, … doch dann schreit die Patientin urplötzlich auf und greift sich an die Hüfte: Der Schmerz hat den Uterus verlassen und sich auf die Hüfte verlagert, welche jetzt schmerzhaft verkrampft ist. … Die Patientin ist während der Entbindung so empfänglich für emotionale Eindrücke, dass ihre Wehen sofort aufhören, wenn sie z.B. eine bewegende Geschichte mitbekommt, die jemand im Kreißsaal erzählt, oder wenn sonst etwas Aufregendes geschieht. Aus demselben Grund können nach der Entbindung die Lochien zum Stillstand kommen, der Milchfluss kann versiegen, und sie wird sich wie zerschlagen fühlen und Fieber bekommen.“
Kent sagt, die besten Erfolge hätten sich bei Actaea mit der 30., 200., 1000. oder noch höheren Potenzen und bei Verabreichung von Einzeldosen gezeigt.

Cina

Weitere Namen: Artemisia cina; Knospen des Zitwerbeifuß, sog. ‚Wurmsamen‘
Hahnemann schreibt im Vorwort zu seiner Prüfung der ‚Cinasamen‘ [Reine Arzneimittellehre, Band 1]: „Man hat von dieser so viel bedeutenden Gewächssubstanz seit Jahrhunderten keinen andern Gebrauch gekannt, als zur Austreibung der Spulwürmer bei Kindern, in Gaben von 10, 20, 30, 60 und mehr Granen. Ich übergehe die nicht selten lebensgefährlichen, auch wohl tödtlichen Erfolge solcher Gaben, auch bringe ich nicht in Erwähnung, daß ein paar Spulwürmer bei muntern Kindern noch nicht als bedeutende Krankheit anzunehmen und dem Kindesalter (bei noch schlummernder Psora) gewöhnlich fast ohne Beschwerde, eigen sind; dagegen ist so viel wahr, daß wo sie in Menge vorhanden waren, der Grund davon stets in einer krankhaften Beschaffenheit des Körpers, nämlich in der sich dann entwickelnden Psora lag, ohne deren Heilung die, auch in Menge mit Cina ausgetriebenen Spulwürmer, sich bald wieder zu erzeugen pflegen, daher durch solche Wurm-Austreibungen nicht nur nichts gewonnen wird, sondern solche fortgesetzte, zweckwidrige Curen sich oft mit dem Tode der gequälten Kinder zu endigen pflegen.68

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Und Clarke sagt über SANTONIN (den aktiven Wirkstoff von Cina): „Das bevorzugte Anthelmintikum der alten Schule, hauptsächlich gegen Spulwürmer gegeben. 2–5 Gran sind die üblichen Dosen, doch haben diese schwere und in ein oder zwei Fällen sogar tödliche Vergiftungserscheinungen hervorgerufen – Konvulsionen, linksseitige Paralyse, Delirium, Erbrechen, Laxation.“ In den Materia-Medica-Vorlesungen während des Studiums wurden wir vor dieser Dosierung von 2–5 Gran gewarnt, wie sie im ‚Hale White‘ [Kap. A, Fußnote 59] für SANTONIN angegeben wird. „Sie hat“, so hieß es, „zum Tod von Kindern geführt, und wir sollten sie daher reduzieren.“Kürzlich hatten wir ein Kind bei uns, das nach Verabreichung von SANTONIN taub geworden war. Die Prüfungen zeigen sehr wohl Wirkungen auf die Ohren, verständlicherweise aber keine Taubheit.

Diese Gewächssubstanz hat noch weit schätzbarere Heilkräfte, welche aus folgenden, eigenthümlichen Krankheitssymptomen, die sie bei Gesunden erzeugt, leicht abgenommen werden können.
Wie viel sie nur, z.B. im Keuchhusten auszurichten vermag, und in gewissen mit Erbrechen und Heißhunger vergesellschafteten Wechselfiebern, wird man mit Verwunderung in der Erfahrung wahrnehmen. …
Ehedem bediente ich mich einer trillionfachen potenzirten Verdünnung der Tinktur, finde aber daß letztere gleichfalls bis zur decillionfachen Kraft-Entwickelung [C 30] erhöhet, ihre Arznei-Kräfte desto vollständiger zeigt.“
Cina und santoninumSANTONIN scheinen hauptsächlich zur Austreibung von Spulwürmern verwendet worden zu sein. Diesbezüglich hatte ich einmal ein eindrucksvolles Erlebnis, allerdings nicht mit Cina, sondern mit natrium phosphoricumNATRIUM PHOSPHORICUM, verabreicht in wenigen Gaben der D 6. NATRIUM PHOSPHORICUM ist Schüßlers großes Mittel bei Gicht und Gelenkrheumatismus – und bei Spulwürmern.69

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Schüßler spricht in seiner Abgekürzten Therapie neben den Spulwürmern (Ascaris lumbricoides hominis; engl.: ‚round-worm‘) auch noch von Madenwürmern (Enterobius vermicularis; engl.: ‚thread-worm‘). Beide gehören zur Klasse der Fadenwürmer im eigentlichen Sinne (Nematoden), diese wiederum zum Stamm der Rund-, Faden- oder Schlauchwürmer (Nemathelminthes).

Einem Hausmädchen mit einem akut geschwollenen und entzündeten Knie gab ich eines Abends NATRIUM PHOSPHORICUM; am nächsten Morgen war das Knie praktisch beschwerdefrei, und sie hatte einige Spulwürmer ausgeschieden. Daraufhin ging ich das Mittel natürlich auf Wurmsymptome hin durch – und dann wurde mir alles klar. Bei Madenwürmern jedoch, mit den Cina-Symptomen unruhige Nächte, erweiterte Pupillen, Zähneknirschen, Bohren in der Nase und Juckreiz am After, habe ich immer wieder Cina 200 verschrieben, und soweit ich mich entsinne, sind in den späteren Berichten der Patienten ‚Würmer‘ nicht wieder aufgetaucht.
Es gibt aber noch einen anderen Trick, der helfen kann, Madenwürmer loszuwerden: Man schmiere den After innen und außen mit Olivenöl oder (besser?) Vaseline ein, wobei man darauf achte, gut in die Falten zu kommen. Es heißt – ob es wahr ist, weiß ich nicht [es ist wahr] –, dass die Würmer dorthin zur Eiablage kriechen, und dabei sollen sie sich festbeißen, was den Juckreiz erklären könnte; ist der After nun mit einem Gleitmittel versehen, finden die Weibchen dort keinen Halt; sie werden allmählich ausgeschieden, und das Leiden hat ein Ende. Vielen Müttern habe ich bereits zu dieser einfachen Maßnahme geraten, und soviel ich weiß, ist noch stets entweder das Cina oder die Vaseline oder beides zusammen erfolgreich gewesen. Ich weiß von keinem Problemfall, der wegen der Würmer ein zweites Mal zur Behandlung kommen musste. Beim ersten Besuch wurde darüber geklagt, und dann wurden sie entweder nicht mehr erwähnt, oder es hieß: „Keine Würmer mehr gesehen.“
Wo wir gerade beim Thema Würmer sind: Nicht jeder dürfte den Trick kennen, wie man einen Bandwurm fängt! Es ist die einfachste Sache der Welt – und der Trick funktioniert. Der Bandwurm scheint nämlich großes Gefallen an Kürbiskernen zu finden! Man nehme daher eine Unze [etwa 30 g] frische Kürbiskerne, entferne die Schale, zerstoße sie und vermische sie mit zwei Unzen Honig. Diese Mixtur wird nun morgens auf nüchternen Magen in drei Gaben (mit jeweils einer Stunde Abstand) eingenommen. Wenn der Wurm nicht bereits dadurch abgeht, bedarf es einer Dosis Rizinusöl. Hier noch eine Warnung: Wenn der Wurm ausgeschieden wird, soll man sich keinesfalls an ihm zu schaffen machen, solange er nicht ganz – samt Kopf – herausgekommen ist; anderenfalls wird er vom Kopf her wieder nachwachsen. Ich habe mir solche Bandwürmer immer in einer Flasche bringen lassen, um sie auf das Vorhandensein des winzigen Kopfes zu überprüfen. Die Erklärung der Wirkung der Kürbiskerne soll sein, dass der Bandwurm diese gierig verspeist, bis er benommen oder betäubt ist; dann erschlaffen seine Häkchen am Kopf, und er wird mit dem Darminhalt hinausbefördert.
Es ist, gelinde gesagt, immer ein Fehler, „zu schaden, damit es nützen möge“ – und schädliche Methoden anzuwenden, wo auch einfache und harmlose zum Erfolg führen. Geben Sie Kindern mit den lästigen Cina-Symptomen Cina 200, und die Kleinen werden nicht nur ihre Madenwürmer los, sondern auch all die nervösen Symptome, die mit den Würmern zusammenhängen, sie begleiten oder ihr Fortbestehen erst möglich machen. Gesunde Kinder machen vermutlich mit Würmern ‚kurzen Prozess‘; eine gesunde Schleimhaut ist für diese offenbar keine geeignete ‚Behausung‘. Wie Kent sagt: „Die alte Routine, Cina gegen Würmer zu verabreichen, brauchen Sie sich nicht zu merken, denn wenn Sie sich von den Symptomen leiten lassen, wird der Patient durch das indizierte Mittel geheilt – und dann verschwinden auch die Würmer.“
Hughes sagt in seinen Pharmacodynamics: „Hahnemann bezieht sich auf diesen Gebrauch von Cina“ (Würmer auszutreiben), „und sehr zu Recht warnt er vor dessen Gefahren, wurde es doch zu seiner Zeit in Dosen von zehn bis sechzig Gran gegeben. … Er sagt nichts über den dynamischen Gebrauch der Arznei bei Helminthiasis. Aber seine Prüfungen und Zitate bringen die merkwürdige Tatsache ans Licht, dass Cina am Gesunden nahezu, wenn nicht sogar vollständig, all jene Symptome hervorruft, deren Vorhandensein uns die Existenz von Würmern vermuten lässt. Da sind die dilatierten Pupillen, das Trübsehen, das Kribbeln70

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Hughes schreibt, wahrscheinlich irrtümlich, twitching, also Zucken (der Augenlider); dies geht aus den Prüfungen nicht hervor und steht auch so nicht im Repertorium. Wohl hat es „kitzelndes (tickling) Jücken“ in den Augenwinkeln und „Kriebeln (tingling, crawling) in den Augenlidern, daß er daran reiben muß“. Daneben beschreibt Hahnemann jedoch „eine Art Konvulsionen des Augenbrau-Muskels“.

[und Jucken] der Augenlider, der Heißhunger, das Bauchkneifen, das Jucken an Nase und Anus, das häufige Wasserlassen, der krampfhafte Husten mit Erbrechen, der unruhige Schlaf, das Fieber und das Zucken an verschiedenen Stellen des Körpers. Generalisierte Krämpfe waren ebenfalls häufig Folge von starken Wurmkuren mit Cina oder santoninumSANTONIN. So kamen auch homöopathische Ärzte dazu, das Mittel in geringsten Dosen Kindern zu verabreichen, die an Wurmbeschwerden litten. Sie nahmen an, dass es auf der Basis des Similia similibus zumindest die Symptome lindern müsste, die durch die Anwesenheit der Parasiten verursacht wurden, auch wenn diese selbst an Ort und Stelle verblieben. Es erfüllte voll ihre Erwartungen, doch nicht nur das … die seltsame Folge war: Durch irgendeinen unerklärlichen Einfluss linderten diese infinitesimalen Gaben von Cina nicht nur die Wurmsymptome, sondern beförderten sogar das Absterben und die Austreibung der Würmer selbst. Dies geschah so häufig, dass es schließlich anerkannte homöopathische Praxis wurde, auf wurmtreibende Mittel ganz zu verzichten und sich allein auf dynamische Arzneien zu verlassen. …
Cina scheint bei allen Arten dieses Leidens von Nutzen zu sein, da Dr. Bayes sagt, dass er auch wiederholt Bandwürmer damit abgetötet habe, ebenso wie Spul- und Madenwürmer, für die es gewöhnlich gegeben wird; und es wirkt in jeder Dosierung, von der 12. Dilution von Cina (wie bei Bayes) bis zum Zwanzigstel eines Grans santoninumSANTONIN, wie von Dr. Dyce Brown empfohlen.“
Nash schreibt über Cina sehr amüsant: „Hier haben wir es mit einem in seiner Art wahrhaft einzigartigen Mittel zu tun, das nur der Homöopath richtig anzuwenden versteht. Die alte Schule, ärgerlich über unsere Erfolge damit, aber nicht willens, zu unseren kleinen Dosen Zuflucht zu nehmen, hat mit seinem Alkaloid71

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Gemeint ist wohl das SANTONIN; allerdings handelt es sich dabei nicht um ein Alkaloid, sondern, wie in den modernen Lehrbüchern zu lesen ist, um ein Anhydrid der Santoninsäure, eines Naphthalinderivats.

herumgepfuscht und dabei mehr Schaden angerichtet als Gutes bewirkt, und zuletzt sind sie darauf verfallen, über die Idee zu spötteln, dass Kinder überhaupt von Würmern befallen sein könnten. Ich habe tatsächlich von mehreren Vorkommnissen dieser Art erfahren, und in der Gegend, wo ich praktiziere, ist diese Meinung mittlerweile so weitverbreitet, daß die Leute mich oft fragen: ‚Doktor, glauben Sie an Würmer? Die anderen Ärzte tun es nämlich nicht! Nun habe ich aber mehrere Würmer im Stuhl meines Kindes gefunden und wollte Sie fragen, ob Sie was dagegen tun können.‘ Es ist für uns Homöopathen von großem Vorteil, diese kleinen Patienten zu heilen, ob wir nun an Würmer glauben oder nicht.“ Und er sagt: „Etwas anderes habe ich zu meiner vollen Genugtuung nachweisen können, und zwar dass Cina in diesen Fällen in der C 200 oder noch höheren Potenzen wirksamer ist als das Alkaloid oder Tiefpotenzen.“ Hier folgt Nash Hahnemann; wenn man nur im Sinn hätte, die Würmer zu vergiften, würde man natürlich die größte Dosis geben, die man riskieren zu können meint; will man dagegen den Patienten lediglich mit dem vitalen Stimulus versehen – mit dem seinen Symptomen ähnlichsten Mittel – und ihn so in die Lage versetzen, mit den Symptomen selber fertigzuwerden und damit zugleich den lästigen Parasiten den günstigen Nährboden zu entziehen, dann muss man das bezüglich Zubereitung und Dosierung à la Hahnemann tun. Und es reicht dazu meiner Erfahrung nach eine Einzeldosis in der unglaublich verfeinerten Gabe, wie sie die 200. Potenz darstellt, im Allgemeinen völlig aus.
Wir wollen Nash die Leitsymptome von Cina beschreiben lassen. Er sagt: „Das Wurmkind ist in der Regel nachts sehr unruhig, ‚schreit im Schlaf gellend auf‘, sodass man schon an apisAPIS denkt; doch dann tauchen andere Symptome auf, die APIS wieder ausschließen. Das Kind ist verdrießlich und garstig wie chamomillaCHAMOMILLA. Es tritt und schlägt nach dem Kindermädchen, möchte umhergetragen (CHAMOMILLA) oder geschaukelt werden, oder es möchte nicht einmal angesehen oder berührt werden (antimonium crudumANTIMONIUM CRUDUM); es begehrt Dinge, die es aber verschmäht, sobald man sie ihm anbietet (bryoniaBRYONIA, staphisagriaSTAPHISAGRIA). Oder auch, ungleich CHAMOMILLA: Es schreit, wenn jemand versucht, es hochzunehmen und umherzutragen. Ist das nicht ein vollkommenes Bild des Gemütszustands eines Wurmkindes?“ Dann geht er näher auf den Unterschied zwischen CHAMOMILLA und Cina ein … Das CHAMOMILLA-Gesicht ist oft auf einer Seite rot und heiß – und blass und kalt auf der anderen. Bei Cina ist das Gesicht rot-heiß, wobei beide Wangen leuchtend rot glühen, oder es sieht blass und kränklich aus, mit dunklen Ringen um die Augen; diese beiden Aspekte können einander abwechseln. Es ist aber auch möglich, dass das Kind rot im Gesicht ist und zugleich sehr blass um Mund und Nase. Es bohrt viel in der Nase, knirscht nachts mit den Zähnen und zuckt im Schlaf zusammen; es schluckt andauernd, als ob ihm etwas in den Hals ‚hochkäme‘, bis hin zu Würgen und Husten aus diesem Grund. Eine solche Kombination von Symptomen findet man bei keinem anderen Mittel. Außerdem hat Cina noch abwechselnd Heißhunger und völlige Appetitlosigkeit.
Clarke schreibt: „Cina ist in erster Linie ein Wurmmittel, da es all die Symptome hervorruft, welche Wurmerkrankungen charakterisieren, seelisch-nervlich wie körperlich. … Es besteht eine Reizung der Nase, mit dem ständigen Bedürfnis, diese zu reiben, darin zu bohren oder den Finger hineinzupressen. Kinder sind extrem übellaunig und ungezogen; nichts vermag sie auch nur kurzfristig zufriedenzustellen. Zähneknirschen während des Schlafs; Bettnässen (wenn mit Nasebohren, großem Hunger und unruhigem Schlaf einhergehend); Herumwerfen im Bett im Schlaf; Aufschreien wie im Delirium. Sherbino fand als starke Indikation für Cina ‚Hocken auf Händen und Knien im Schlaf‘. … Das Kind liegt im Schlaf auf dem Bauch oder ‚auf allen vieren‘ …“ (medorrhinumMEDORRHINUM hat das ebenfalls.)
H.C. Allen [Keynotes] hebt unter den Cina-Symptomen besonders hervor: „Heißhunger; schon bald wieder hungrig nach einer reichlichen Mahlzeit; Verlangen nach Süßigkeiten; verweigert die Muttermilch.“
Des Weiteren führt er an …
„Husten: trocken, mit Niesen; krampfhaft …; periodisch im Frühjahr und Herbst wiederkehrend. Das Kind mag aus Angst, einen Hustenanfall auszulösen, nicht sprechen oder sich bewegen.“
(Hughes ergänzt: „Hahnemann hält es für ein mögliches Heilmittel bei Keuchhusten – wo Dr. Jousset es als Hauptmittel ansieht – sowie ‚in gewissen mit Erbrechen und Heißhunger vergesellschafteten Wechselfiebern‘. … Dr. Bayes empfiehlt es bei Gastralgie des leeren Magens.“)
Bei Reizbarkeit von Kindern vergleicht Allen Cina mit antimonium crudumANTIMONIUM CRUDUM, antimonium tartaricumANTIMONIUM TARTARICUM, bryoniaBRYONIA, chamomillaCHAMOMILLA, kreosotumKREOSOTUM, siliceaSILICEA und staphisagriaSTAPHISAGRIA.
„Bei Keuchhusten kann es angezeigt sein, nachdem droseraDROSERA die schwere Symptomatik gebessert hat.
Es hat witterungsbedingte Aphonie geheilt, nachdem aconitumACONITUM, phosphorusPHOSPHORUS und spongiaSPONGIA versagt hatten.
Muss oft bei Kindern als epidemisches Mittel in Betracht gezogen werden, auch wenn die Erwachsenen andere Mittel benötigen.“
Und Guernsey fügt hinzu: „Beschwerden, die jedes Mal auftreten, wenn man gähnt. … Beschwerden, die ein ständiges Bedürfnis hervorrufen, die Nase zu reiben oder in ihr zu bohren“ (arum triphyllumARUM TRIPHYLLUM).
Hauptsymptome72

72

Die mit a versehenen Symptome sind Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre entnommen.

Geist und GemütBegehrt viel und mancherlei.a,73

73

Allen und Hering führen dieses Symptom unter „Appetit“ auf, während Hahnemann es bei den Gemütssymptomen einordnet.

Das Kind ist äußerst verdrießlich, heult und schlägt nach jedem, der in seiner Nähe ist.
Erwacht unter jämmerlichem Weinen, Stöhnen und Schluchzen …a
Läßt sich durch kein Zureden beruhigen, taub gegen Liebkosungen.a
Kinder erwachen abends oder vor Mitternacht vor Furcht oder Schreck, springen auf, sehen Gesichte, schreien, zittern und sprechen mit großer Angst darüber.
KopfDumpfer Kopfschmerz mit Angegriffenheit der Augen, früh.a
Beim Gehen im Freien betäubendes, inneres Kopfweh, besonders des Vorderhaupts, dann auch des Hinterhaupts.a
AugenOptische Täuschungen in leuchtenden Farben: blau, violett, gelb oder grün.
Palpitiren des Augenbrau-Muskels; eine Art Konvulsionen.a
OhrenIm äußern Ohre, klammartiges Zucken …a
Unterm Warzenfortsatze, stumpfes Stechen, wie ein klemmendes Drücken; beim darauf Drücken, wie von einem Schlage oder Stoße.a
NaseDas Kind bohrt oft so lange in der Nase, bis Blut heraus kömmt.a
Jucken der Nase. Das Kind fasst sich viel an die Nase, ist sehr unruhig, jammert und ist höchst unliebenswürdig.
GesichtBlass, kalt.a
Er sieht krank [aus] um die Augen und blaß im Gesichte.a
Weiß und blaulicht um den Mund.a
Brennende Hitze übers ganze Gesicht …
Nach dem Schlafe übersteigende Hitze und glühende Röthe der Wangen, ohne Durst.a
MagenStarker Hunger kurz nach der Mahlzeita; mit Leeregefühl im Magen.
Nagendes Gefühl im Magen, wie von Hunger.
Husten, AtmungMorgens, nach dem Aufstehen hängt in dem Luftröhrkopfe Schleim, daß er öfters räuspern muß, wonach er sich aber bald wieder erzeugt.a
Heiserer Kotz-Husten von wenigen Stössen, der seinen Erregungs-Reitz nur durch eine längere Pause erhält; Abends.a
Vor dem Husten richtet sich das Kind jähling auf, sieht sich starr um; der ganze Körper hat etwas starres; sie ist bewußtlos, gleich als wenn sie die Fallsucht bekommen sollte und so kömmt darauf der Husten.a
Nach dem Husten wimmert das Kind: Au, au! man hört ein herabglucksendes Geräusch; sie ist ängstlich, schnappt nach Luft und wird dabei ganz blaß im Gesicht.a
Sehr kurzer Athem, zuweilen mit Unterbrechungen, so daß einzelne Odemzüge fehlten.a
Eine Art von Brust-Beklemmung; das Brustbein scheint zu nahe anzuliegen und der Athem wird etwas beklemmt.a
Rücken, ExtremitätenZiehend reißender Schmerz im ganzen Rückgrate hinunter.a
Zerschlagenheits-Schmerz im Kreuze, durch Bewegung nicht vermehrt.a
Bohrend klammartiger Schmerz im linken Oberarme …a
Einzelne, kleine, zuckende Stiche bald in der rechten, bald linken Hand.a
Lähmiger Schmerz im linken Oberschenkel, unweit dem Kniee.a
Stumpfe Stiche hie und da am Körper.a
Hie und da am Körper, bald an den Gliedmaßen, Armen, Füßen, Zehen, bald in der Seite, oder am Rücken, bald am Nasenbeine, besonders aber am hintern Kamme des Beckens (an der Hüfte) stumpfe Stiche, bisweilen wie ein Klemmen, bisweilen wie Drücken, bisweilen wie Stöße oder Rucke, bisweilen wie ein Jücken geartet; beim darauf Drücken schmerzt die Stelle wie wund oder zerschlagen.a
NervenKrämpfe der Streckmuskeln; das Kind wird plötzlich steif; ein glucksendes Geräusch ist zu hören, wie wenn Wasser aus einer Flasche gegossen wird, vom Hals bis hinunter zum Unterleib.
Wurmkrämpfe; der Körper des Kindes streckt sich und wird ganz steif.
Beim Gähnen, Zittern des Körpers mit Schauder-Empfindung.a
Einige eigenartige oder charakteristische Symptome
Das Kind möchte umhergetragen werden.
Kann nicht die geringste Berührung ertragen; kann es nicht haben, wenn der Kopf berührt wird; Choreaanfälle, die jeweils durch Berührung auszulösen sind.
Weint jämmerlich, wenn man ihn anfassen oder führen will.a
Muss gewiegt, umhergetragen oder ständig auf dem Knie geschaukelt werden, Tag und Nacht. Das Kind schläft nicht, wenn es nicht gewiegt oder ständig in Bewegung gehalten wird.
Oder: Will ganz still im Dunkeln liegen.
Das Kind scheidet Würmer aus; bohrt in der Nase oder am After; hat einen Räusperhusten; macht ständig Bewegungen, wie um etwas zu schlucken; ist nur sehr schwer zufriedenzustellen.
santoninumSANTONINUM, ein Derivat von Cina, hat bei Kindern nächtliche Enuresis hervorgerufen und geheilt – „nicht notwendigerweise mit Würmern einhergehend“.
Wie Cina beeinträchtigt es das Sehvermögen. Sieht Farben, besonders gelb und grün. Es hat auch einiges Ansehen als Heilmittel bei Katarakt. Vor einigen Tagen sagte eine Kataraktpatientin, als ihr eine grüne Farbkarte gezeigt wurde, ungehalten: „Ja, grün – das kann ich immer sehen!“ Es bleibt abzuwarten, ob SANTONINUM ihr helfen kann. Sie hatte nach einer Kataraktoperation die Sehkraft auf dem operierten Auge völlig verloren, und auf dem anderen war sie nahezu blind.
Hughes (Pharmacodynamics, S. 392) berichtet von einigen interessanten Experimenten mit santoninumSANTONINUM als ‚Augenmittel‘: Dr. Dyce Brown behandelte in Zusammenarbeit mit einem Augenarzt 42 Fälle, von denen 31 geheilt oder gebessert wurden. Es waren Erkrankungen darunter wie Chorioiditis, Retinitis, Sehnervenatrophie, echte Amblyopie sowie ‚retinale Anästhesie‘. Und in einem Fall von unzweifelhaftem beidseitigen Katarakt konnte das Sehvermögen stark verbessert werden.

Cistus canadensis

Weitere Namen: Helianthemum canadense; Felsröschen, Frostkraut
Das erste, was einem an Cistus, dem ‚Frostkraut‘, auffällt, ist, dass es seinen volkstümlichen Namen nicht ohne Grund trägt. Clarke sagt, es habe die seltsame Eigenschaft, im frühen Winter die Bildung von Eiskristallen um seine Wurzeln herum zu begünstigen. Und Hering erläutert: „Es heißt, dass die Wurzeln dieser Pflanze an frostigen Morgen der Monate November und Dezember von dünnen, gebogenen Eiskristallen von etwa 2,5 cm Breite besetzt sind, während an anderen Pflanzen bereits Tautropfen hängen; sie schmelzen im Laufe des Tages, um sich dann über Nacht jeweils neu auszubilden74

74

Dieses Zitat aus den Guiding Symptoms ist von mir nach den Angaben Herings in seiner Cistus-Monographie (siehe Fußnote 78) etwas abgeändert worden.

.“
Hering verweist auf diverse Veröffentlichungen über das Frostkraut75

75

In erster Linie auf seine Monographie, wo die meisten dieser Indikationen im Einzelnen nachzulesen sind.

, die dessen Einsatzmöglichkeiten aufzeigen: bei Halsschmerzen – bei Koliken nach saurem Obst – bei chronischer Dysenterie – bei Mastitis – bei Husten mit Geschwülsten und Geschwüren am äußeren Hals – bei Kropf und Erysipel – bei weißer Kniegeschwulst76

76

Im Englischen „white swelling of knee joint“; unter dem oben benutzten Begriff ist dieses Symptom im Repertorium zu finden – allerdings fehlt Cistus in der Rubrik. Gemeint ist damit eine tuberkulös oder skrofulös bedingte Gelenkschwellung, die zumeist das Knie befällt. Im Roche Lexikon Medizin ist diese Erscheinung unter dem Stichwort Gelenkfungus wie folgt beschrieben:„Fungus articuli, Synovialitis fungosa: die trocken-granulierende Form der Gelenktuberkulose mit überschießender Bildung schwammiger, grauroter Granulationen. Klinisch durch Blässe des geschwollenen Gelenkes (‚Tumor albus‘) imponierend.“

– bei Wechselfieber – bei Skrofeln – bei Flechten.
Cistus ist ein wirklich erstaunliches Heilmittel bei Katarrh der nasalen und postnasalen Atemwege, des Rachens und des Kehlkopfes. Ich selbst habe es erst in letzter Zeit kennengelernt und gleich Freundschaft mit ihm geschlossen, ist es doch, wo die Symptome übereinstimmen, ein schnell und tiefwirkendes Mittel.
Meine erste Erfahrung mit dieser Arznei sah so aus: Ein kleines, zartes Mädchen wurde im Sommer (August 1931) in unsere Ambulanz gebracht, weil sie sich ständig erkältete und diese Erkältungen immer sehr lange anhielten; waren sie um diese Jahreszeit schon schlimm, so erging es ihr im Winter noch viel schlechter. Sie hatte also: Verschlimmerung bei kaltem Wetter; ferner Abneigung gegen Fett, Fleisch und Salz und nur ein einziges starkes Verlangen – nach Käse.
Dies war so ausgeprägt, dass ich im Repertorium nach den Mitteln suchte, die Verlangen nach Käse haben, und fand: Argargentum nitricum-n., asterias rubensAster., Cist., Ignignatia., moschusMosch., pulsatillaPuls.77

77

Nachträge im Synthetischen Repertorium: Calc-p., Coll., Mand., Sep. Vithoulkas' Ergänzungen: Aeth., Calc., Caust., Chel., Nit-ac., Phos.

– Cistus war also offenbar das Mittel mit dem stärksten Verlangen.
So schlug ich Cistus in der Materia medica nach und stellte fest, dass es den Fall rundum abdeckte.
Es hat „häufiges heftiges Niesen – chronischen Schnupfen; Verschlimmerung durch Kälte, durch Einatmen kalter Luft“, usw. Sie erhielt also mehrere Tage lang Cistus 6, dreimal täglich; danach trat umgehend Besserung ein, und das Mädchen wurde rasch größer und kräftiger. Im Winter hieß es: „Sie erkältet sich nicht mehr.“ Sieben Monate später kam sie noch einmal vorbei – „wieder erkältet“ –, und das Mittel wurde wiederholt. … So lernen wir aus diesem Fall unter anderem, dass selbst Tiefpotenzen eine anhaltende Wirkung haben können – wenn wir das richtige Mittel treffen; oder besser: Die Reaktion auf Tiefpotenzen kann auch einmal anhaltend sein.
Solche Fälle von chronischem Schnupfen und ständigen Erkältungen sind manchmal nicht leicht zu behandeln.
Seither hatte ich noch mehrere Fälle dieser Art: Ein kleines, ‚ewig erkältetes‘ Schulmädchen erhielt ebenfalls Cistus – auch sie hatte eine große Vorliebe für Käse! –, und ihre Mutter berichtete später, dass sie jetzt ihre Beschwerden los sei und dass sie auch in der Schule besser mitkomme, weil sie nicht immer wieder durch die Erkältungen zurückgeworfen werde. Und noch später: „Alle anderen Kinder hatten fürchterlichen Schnupfen, aber sie ist davon völlig verschont geblieben.“ Auch hier musste das Mittel nach vielen Monaten wiederholt werden.
In unserer Zeitschrift Homœopathy habe ich weitere bemerkenswerte Fälle aufgeführt; doch ein Arzneimittel wie dieses lohnt eine eingehendere Betrachtung, und sein Nutzen erschöpft sich durchaus nicht in der Anwendung bei chronischen Nasen-Rachen-Katarrhen, wie wir noch sehen werden.
Als hervorstechende Empfindung von Cistus fällt seine Kühle auf:78

78

Die beiden einzigen Prüfungen von Cistus sind in den Jahren 1835–1837 (unter der Supervision Herings) von Bute und Gosewisch durchgeführt worden. Die umfangreichste und wohl auch verlässlichste Symptomensammlung findet sich, angereichert mit klinischen Erfahrungen, in der Monographie, die 1866 im 72. Band der A.H.Z. als ‚Originalmitteilung‘ Herings veröffentlicht wurde. Die daraus entnommenen Symptome sind mit 1 bezeichnet.

Stirn nicht nur äusserlich kühl, sondern auch innerlich ist ein Gefühl von Kühle.a
In der Nase kühles Gefühl.a
Gleich nach dem Einnehmen [der C 30] … wird die Zunge kühl, dann der Athem durch den Mund, nachher durch die Nase, dann deutliches Kühlheitsgefühl am Kehlkopfe und am Schildknorpel und in der Luftröhre (phosphorusPHOSPHORUS, rumexRUMEX); viel Speichel im Munde, der auch kühl ist …a
Die Kühle hält besonders im Halse den ganzen Tag an.a
Jedes kalte Lüftchen macht beim Einathmen Halsweh, in der warmen Stube nicht.a
Vor und nach dem Essen, Kältegefühl, auch im Magen, kühles Aufstossen.a
Kältegefühl im ganzen Unterleibe.a
Empfindlichkeit auf kalte Luft.79

79

Bezieht sich in der Condensed Materia Medica Herings wahrscheinlich auf die Mammae während der Schwangerschaft.

Die Fingerspitzen waren sehr empfindlich gegen Kälte, und der Schmerz wurde schärfer beim Kaltwerden derselben.a
Kalte Füsse.a
Cistus hat aber auch brennende Empfindungen. (Bei den meisten Arzneien gibt es diese entgegengesetzten Zustände.)
Als nächstes die katarrhalischen Symptome:
Drücken über den Augen und in der Stirne.a
Abends und Morgens häufiges heftiges Niesen.a
Chronischer Schnupfen.
Die linke Nasenseite wurde schmerzhaft, entzündet und geschwollen.a
Brennen im linken Nasenloche.a
Im Halse ein Gefühl von Weichheit.a
Gefühl, als wäre Sand im Halse.a
Anhaltendes Trockenheitsgefühl und Hitze im Halse.a,80

80

In den Guiding Symptoms wird irrtümlich ergänzt „< Essen u. Trinken“, was aber im Gegenteil Linderung bringt.

Ein trockenes Fleckchen im Munde …, dann allgemeine Trockenheit im Halse, besser nach Essen, schlimmer nach Schlafen …; sie muss aufstehen und … trinken. Das innere Ansehen des Halses hat etwas Glasiges, hinten sieht man Streifen zähen Schleims.a
Zeitweise Jucken im Halse.a
Juckendes Kratzen am Kehlkopfe.a
Rohheitsgefühl in der obern Brust, bis zum Halse herauf sich erstreckend.a
Stiche im Halse, welche Husten erregen, bei jeder Gemüthsaufregung.a
Kitzeln im Halse und Wundheit darin.a
Einathmen kalter Luft macht Schmerz im Halse.a
Rachen entzündet und trocken ohne Trockenheitsgefühl, mit zähem, Gummi ähnlichem Auswurfe, dick, geschmacklos, durch Räuspern herausgebracht, mehr Morgens.a
Bittrer Schleimauswurf.a
Nach Auswurf fühlt er stets viel erleichtert.a
Husten mit schmerzhaftem Reissen im Halse.a
Skrophulöse Drüsenschwellungen im Halse und Eiterung derselben.a
Chronisches Jucken in Larynx und Trachea.
Abends nach dem Niederlegen und Nachts im Bette … Anfall, wo er mit lautem Giemen athmet … Er hat das Gefühl, als wäre nicht genug Raum in der Luftröhre.a
(Ein seltsames Gefühl:) Abends … nach dem Niederlegen, Ameisenkriebeln durch den ganzen Körper mit ängstlicher Schwerathmigkeit. Er musste aufstehen und das Fenster aufmachen, um Luft zu schöpfen, was besserte. Sobald er sich aber wieder ins Bett legte, kamen dieselben Gefühle wieder.a
Drücken auf der Brust.a
Brustkorb schmerzt bei Berührung.
(Husten – mit den oben geschilderten Symptomen.)
Außer dem Verlangen nach Käse hat Cistus Verlangen nach sauren Speisen; ferner nach (saurem) Obst, wonach aber Schmerzen und Durchfall auftreten. Durchfall auch nach Kaffeetrinken und bei feuchtem Wetter.
Drüsenaffektionen; Kropf. Cistus hat sogar einen Ruf bei Krebs.
Böse Folgen von Aerger.a
Jede Gemüthsaufregung verschlimmert das Leiden ungemeina, den Husten eingeschlossen.
Kent fügt in seiner kurzen Vorlesung über Cistus canadensis noch ein paar interessante Punkte hinzu … Er nennt es ein tiefwirkendes Mittel, das calcarea carbonicaCALCAREA sehr nahe kommt, aber milder in der Wirkung ist. Es hat die Erschöpfung durch Anstrengung – die Atemnot – das Schwitzen – die Kälte von calcarea carbonicaCALCAREA.
Er berichtet von seiner ersten Erfahrung mit Cistus: „Häufig ist es die Heilung eines schlimmen und typischen Falls, welche die Aufmerksamkeit nachdrücklich auf ein bestimmtes Arzneimittel lenkt. So war es auch in diesem Fall: Ich hatte das nähere Studium von Cistus immer wieder aufgeschoben …, bis ich schließlich ein neunzehnjähriges Mädchen zu behandeln hatte. Sie litt an vergrößerten und harten Halslymphdrüsen, unter besonderer Beteiligung der Parotiden; hinzu kamen ein fötider Ohrenausfluss sowie entzündete und eiternde Konjunktiven mit Fissuren in den Augenwinkeln; ihre Lippen waren aufgesprungen und bluteten leicht, und an den Fingerkuppen bestand ein nässendes Ekzem. Ich konnte das Bild nicht mit calcarea carbonicaCALCAREA zur Deckung bringen; daraufhin studierte ich eingehend die Materia medica und kam zu dem Schluss, dass das kleine Mittel Cistus genau das zu sein schien, was sie benötigte. Die Patientin hatte schon eine Unmenge homöopathischer Mittel bekommen, aber erst Cistus brachte die erhoffte Heilung.“ Kent erzählt, er habe sich seither näher mit diesem Mittel beschäftigt und es auch ein- oder zweimal zu prüfen versucht – jedoch ohne Erfolg. „Es sollte weiter geprüft werden.“
Er beschreibt das Cistus-Bild folgendermaßen: „Die Lymphdrüsen entzünden sich, schwellen an und eitern. Es hat Knochenkaries und alte Geschwüre geheilt. … Sämtliche Schleimhäute sondern einen dicken, gelblichen, übelriechenden Schleim ab, weswegen es bei lange bestehenden und lästigen katarrhalischen Beschwerden mit Vorteil eingesetzt werden kann. Die Brust füllt sich mit Schleim; nach Expektoration desselben geht es dem Kranken deutlich besser, doch bleibt danach ein rohes und wundes Gefühl in der Brust zurück. … Kältegefühl oder Brennen in der Nase – was nicht leicht auseinander zu halten ist: Bei akutem Schnupfen füllt sich die Nase mit dickem, gelbem Schleim, und wenn dieser ausgeschneuzt wird, befindet sich die entleerte Nasenhöhle in einem gereizten Zustand, der mal als Wundheits-, mal als Kältegefühl, mal als Brennen beschrieben wird. Dieser Zustand bessert sich, wenn sich wieder Schleim in der Nase angesammelt hat. Die genannten unterschiedlichen Empfindungen bei leerer Nase werden durch das Einziehen der Atemluft ausgelöst. …
‚Scharf stechende, unerträglich juckende, dicke Krusten auf dem rechten Jochbein, mit Brennen in diesem Bereich.‘ Cistus hat Lupus des Gesichts geheilt, Karies (Knochenfraß) des Unterkiefers und blutende Krebsgeschwüre an der Unterlippe. … Es hat alte, tiefreichende, fressende Geschwüre der Knöchel- und Schienbeingegend mit reichlichen, ätzenden Absonderungen geheilt; schlimmer durch Baden und größte Empfindlichkeit gegen freie Luft; nur beschwerdefrei, wenn es sehr warm ist. …
Jede Erkältung setzt sich im Hals fest. Warme Luft wird überall als angenehm empfunden; … der Patient geht zum Ofen und dreht ihn auf, er möchte die Wärme in Nase, Hals und Lungen spüren. …
‚Chronische Verhärtungen und Entzündungen der Mammae.‘ … Bösartige Wucherungen mit Vergrößerung der regionalen Lymphknoten. Die Halslymphdrüsen sind vergrößert und perlschnurartig aneinandergereiht, wie z.B. beim Morbus Hodgkin. Nur wenige Arzneien zeigen dieses Phänomen‘.“ … Und so weiter.
Cistus canadensis bedarf noch weiterer Prüfungen; doch was bereits als gesichert gelten kann und was das Markanteste an dieser Arznei ist, habe ich herauszustellen versucht. Offensichtlich ist Cistus innerhalb seines Wirkungskreises ein geradezu heroisches Heilmittel.
Übrigens ist Cistus auch ein ‚Rheumamittel‘. Ein Patient (und Kollege), der „bei jeder Mahlzeit Käse“ aß, war durch Cistus von einem chronischen Schnupfen mit plötzlichen, unkontrollierbaren Niesanfällen geheilt worden (die Anfälle pflegten jeweils zehn bis zwanzig Minuten anzuhalten, wenn sie nicht durch Schnupfen von Kokain oder Schnüffeln an Chloroform gestoppt wurden). Geraume Zeit später entwickelte er Schmerzen in der rechten Schulter, „die auch durch wochenlange elektrische u.ä. Behandlungen unbeeinflusst blieben, ja stattdessen immer schlimmer und quälender wurden.“ Ich fand heraus, dass Cistus genau solche Schmerzen hervorgerufen hatte, und nach einer neuerlichen Gabe dieses Mittels „waren sie innerhalb einer Stunde verschwunden“.
Clarke sagt: „Cistus ist ein uraltes Heilmittel bei skrofulösen Erkrankungen, ebenso bei skorbutischen Zuständen und gangränösen Geschwürbildungen.“
Nachtrag des Übersetzers: Da die deutsche Fassung der Heringschen Monographie (siehe Fußnote 78) nicht so leicht zugänglich ist, möchte ich an dieser Stelle noch einige Symptome nachtragen, die im Text nicht erwähnt wurden, aber von Hering, Allen oder Hale hervorgehoben wurden.
Die meisten Kopfschmerzen erhöhen sich Abends und dauern die Nacht hindurch fort.
Niesen; – ohne Schnupfen oder irgendeine andere Ursache.
Im höchsten Grade skorbutisches Zahnfleisch … [Parodontose!].
Wehe Zunge, wie roh auf der Oberfläche.
Chronischer Durchfall.
Bis Tagesanbruch sehr dünner Stuhl, es spritzt ab, graulich gelb; bis Mittag noch 3 Stühle.
Knieschmerzen, Abends.
Skrofeln; extrem empfindlich auf kalte Luft.
Grosse Empfindlichkeit gegen jede Zugluft.
Drüsen geschwollen, entzündet, verhärtet oder eiternd; Skrofeln; Knochenkaries; alte Geschwüre.
Starker Frost, darauf Fieberhitze mit Zittern; dabei schnelle Geschwulst der Ohr- und Halsdrüsen mit hoher Röthe derselben.
Morgens Alles ärger.
Abschließend zwei Fallbeschreibungen aus Herings Monographie:
Ein von den Aerzten aufgegebener siebenjähriger Knabe hatte seit 3 Jahren die sog. Luxatio spontanea … In der Hüftgegend fanden sich drei Geschwüre, das eine bis auf den Knochen gehend, so gross, dass es mit den Fingern untersucht werden konnte. Nach einer Abkochung der Cistrose hörten binnen zwei Tagen seine Nachtschweisse auf. Er bekam drei Mal täglich einen Theelöffel voll und war nach 39 Tagen vollständig geheilt.
Herr C. hatte seit den Kinderjahren Skrofeln: Drüsengeschwulst am Halse, in seinem 16. Jahre am Schlimmsten, acht Abscesse am Halse und Nacken, drei offene Geschwüre an der Schulter und drei in der Hüftgegend. In seinem 40. Jahre war sein Kopf auf eine Seite gezogen, so dass er nicht arbeiten konnte. Als er eine Woche hindurch Cistus gebraucht hatte, waren alle Geschwülste aufgegangen, hatten sich entleert und heilten, die Verhärtungen waren kleiner, er konnte den Kopf wieder bewegen und arbeiten. …

Cocculus

Weitere Namen: Cocculus indicus (Früchte von Anamirta cocculus); Kockelskörner
Hahnemann sagt von Cocculus indicus: „Diese bisher bloß zur Vertilgung einiger schädlichen Thiere und zur Betäubung der Fische, um sie mit Händen fangen zu können, gebräuchliche Gewächssubstanz ward (so wie die Stephanskörner) zuerst von mir als Arznei angewendet, nachdem ich vorher ihre dynamischen Wirkungen am gesunden menschlichen Körper ausgeforscht hatte. Es liegen viele Heilkräfte in ihr, wie schon folgende von derselben erfahrne Symptome lehren, und die Tinktur, in hoher Verdünnung und Potenzirung nach der Wirkungs-Aehnlichkeit angewendet, ist in nicht wenigen Fällen gewöhnlicher Menschenkrankheiten zur Hülfe unentbehrlich, besonders in einigen Arten schleichender Nervenfieber, in mehrern sogenannten Krämpfen im Unterleibe und sogenannten krampfhaften Schmerzen andrer Theile, wovon das Gemüth ungemein zur Traurigkeit verstimmt wird, insonderheit beim weiblichen Geschlechte, in nicht wenigen Anfällen von Lähmung der Glieder und in Gemüthsverstimmungen, dergleichen Kockel in Aehnlichkeit selbst erregen kann.“
Hering (Guiding Symptoms) schreibt: „Es wird die Tinktur aus den pulverisierten Früchten verwendet, die einen kristallisierbaren Stoff enthalten: picrotoxinumPICROTOXIN, ein starkes Gift.
Cocculus wurde vor Jahrhunderten als Gift für Fische eingesetzt; es betäubte diese, sodass sie leicht zu fangen waren.
Es wurde und wird noch immer“, so fügt er hinzu, „in großem Umfang zum Panschen alkoholischer Malzgetränke benutzt.“
Welch angenehme Vorstellung! Falls dieser Brauch noch fortbesteht, erklärt das ja vielleicht das eine oder andere Symptom der Biertrunkenheit. Die Verhaltensweise und die Mentalität dieser torkelnden und krakeelenden Ungeheuer, die ich – jedenfalls vor dem Krieg, durch den das Bier dann glücklicherweise teurer wurde und schwieriger zu bekommen war – auf der Straße anzutreffen pflegte, erinnern doch sehr stark an die Symptome einer Cocculus-Vergiftung: der mühsame, unsichere Gang; die schwerfällige Sprache und Artikulation; die lärmende, streitsüchtige Laune der taumelnden, brüllenden Sänger – kein Wunder, dass Cocculus „eines der Heilmittel für die typischen Säuferkrankheiten“ ist.
Aber, wie Tennyson sagt, „Vergangenheit kann wieder auferstehen“, und vielleicht werden wir die guten alten Zeiten noch einmal aufs neue erleben, nun, da Bier von allen großen Plakatwänden marktschreierisch angepriesen wird: „Bier ist gut für Dich!“, und wie die Brauerei-Slogans sonst noch lauten. Wie eine amerikanische Zeitschrift zum Thema ‚Patentierte Arzneimittel‘ schrieb, werden diese ja nicht aus Liebe zu den Mitmenschen oder zu deren Wohl und Heil auf den Markt gebracht und beworben, sondern einzig und allein zu dem betrügerischen Zweck, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. … Nun ja, es dreht sich halt alles um ‚Industrie‘ und ‚Dividenden‘ – und die Steuereinnahmen durch Bier steigen, was dem Schatzkanzler sicher nicht ungelegen kommt. Nur, es gibt eben auch noch die andere Seite der Medaille: Der Appetit wird angeregt; das Trinken kann zur Gewohnheit werden, welche, einmal entwickelt, nur schwer wieder auszurotten ist; und natürlich stellt es eine ständige Versuchung dar für die Schwachen und Wankelmütigen, die es an jeder Straßenecke gibt. Aber dies ist ein freies Land – zumindest wurde es dafür gehalten, bis „DORA“ [„Defence of Realm Act“, Erlass zum Schutz des Königreichs] kam – und blieb; und solange der ausgelassene Brite sich nur betrinkt und sich auf der Straße nicht zu ungebührlich oder störend aufführt, solange er außerdem nur bis zu einer bestimmten nächtlichen ‚Geisterstunde‘ trinkt, wird ihm die freundliche Polizei keine übermäßigen Unannehmlichkeiten bereiten. Und in der Zwischenzeit können wir Homöopathen Cocculus studieren: in der Spastizität des Betrunkenen, im Kontrollverlust über seine Gliedmaßen, in seinen ungelenken Fortbewegungsversuchen; und wir haben hinreichend Gelegenheit, uns die Eigentümlichkeiten des Mittels einzuprägen und sie zur Heilung anzuwenden.
Einige Geistes- und Gemütssymptome, die stark auf Cocculus hinweisen:81

81

Die mit a markierten Symptome sind Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre entnommen; mit b versehene Symptome stammen aus Jahrs Symptomencodex. Ein mit c bezeichnetes Symptom findet sich bei Rückert, Kurze Uebersicht der Wirkungen homöopathischer Arzneien (zitiert nach Kellers Cocculus-Monographie, Haug Verlag).

Mühsames Sprechen; Schwierigkeiten beim Lesen und beim Denken.
Denkt folgerichtig, antwortet korrekt, braucht aber lange Zeit zum Überlegen.
Langsames Begriffsvermögen: kann das richtige Wort nicht finden, ist in Gedanken versunken, kann sich nicht klar ausdrücken.
Oder: Ist reizbar, spricht hastig, kann nicht das leiseste Geräusch, den geringsten Widerspruch ertragen.
Er wird witzig und macht Spaß.a – Unwiderstehliche Neigung zu trällern und zu singen; wie eine Art Wahnsinn.a – Sehr gesprächig.
Melancholisch und traurig; empfindlich auf Vorhaltungen, Kränkungen, Enttäuschungen; schnell beleidigt; ärgert sich über Kleinigkeiten.
Sie ist trödelig, kann in Geschäften nichts zu Stande bringen und mit nichts fertig werden …a
Ängstliches, erschrockenes Aussehen.
Über seine Gesundheit wenig besorgt, ist er sehr ängstlich über Unpäßlichkeiten Andrer.a (arsenicumARSENICUM, phosphorusPHOSPHORUS, sulfurSULFUR)
Furcht vor dem Tod und unbekannten Gefahren.
Clarke (Dictionary) berichtet von picrotoxinumPICROTOXIN, dem Alkaloid von Cocculus, und seiner Wirkung auf Fische: „Wenn picrotoxinumPICROTOXIN Wasser zugesetzt wird, in dem Fische schwimmen, machen diese sich windende und bohrende Bewegungen, die mit ruhigem Schwimmen abwechseln, öffnen häufig das Maul und die Kiemenhöhlen, fallen zur Seite und sterben rasch an Sauerstoffmangel.“ Er erzählt von einem Arzt, der picrotoxinumPICROTOXIN an sich selbst prüfte und so beängstigende Symptome bekam, dass er Zuflucht zu Opium, Chloroform und Kampfer nehmen musste, um das Mittel zu antidotieren. Er litt an „Brechübelkeit, Ohnmachtsneigung, heftigen Darmschmerzen, ruhrartigen Durchfällen, exzessiver Harnsekretion sowie Krämpfen (Crampi) und Lähmungsempfindungen in den Beinen. Während der Leibschmerzen hatte er das Gefühl, als wolle am linken Leistenring der Darm hervortreten.“ (Cocculus bzw. picrotoxinumPICROTOXINUM haben sich bei linksseitiger Leistenhernie als nützlich erwiesen!)
Cocculus hat, laut Clarke, einen Fall von Delirium bei Einsetzen der Regel geheilt; die Patientin schilderte: „Ständig sehe ich etwas Lebendiges an den Wänden, am Boden, auf Stühlen oder sonstwo; immer ist es in Bewegung und will sich auf mich wälzen.“ (Cocculus ist, wenn die übrigen Symptome passen, ein Heilmittel bei Menstruationsbeschwerden und Unregelmäßigkeiten der Menses.)
Clarke berichtet von der Heilung einer Lebervergrößerung durch den großen Lippe; sie war nach einer Geburt aufgetreten, und seine Indikation war die „größere Schmerzhaftigkeit der Leber nach Zorn oder Ärger“. Ein wichtiges Charakteristikum von Cocculus ist ferner die große Berührungsempfindlichkeit – und: die geringste Erschütterung ist unerträglich (belladonnaBELLADONNA).
Hughes (Pharmacodynamics) zitiert einen Vergiftungsfall durch Cocculus, den Hahnemann in Hufelands Journal veröffentlichte.82

82

Die ausführliche Schilderung dieses Falls findet sich auch in den Kleinen Medizinischen Schriften Hahnemanns (1. Band, S. 208), in dem Artikel „Gegenmittel einiger heroischen Gewächssubstanzen“.

Ein Apotheker wollte den Geschmack der Kockelskörner probieren „und wog, da er sie für eine heftige Substanz hielt, einen einzigen Gran ab, nahm aber davon nicht völlig die Hälfte, spühlte diese Kleinigkeit über den Gaumen hin mit der Zunge, und eben da er es hinterschlang, also kaum nach zwei Sekunden, fieng schon die fürchterlichste Bangigkeit an, ihn zu überfallen. Mit jeder Sekunde nahm diese Aengstlichkeit zu; er ward über und über kalt, seine Glieder wurden gleichsam paralytisch steif, mit ziehenden Knochenschmerzen darin und im Rücken. Die Zufälle stiegen von Stunde zu Stunde, bis nach sechs Stunden die Angst, die Betäubung, die sinnlose Dummheit und Unbeweglichkeit auf den äußersten Grad gestiegen waren, mit starrem, mürrischem Blicke, eiskaltem Schweiße an der Stirne und den Händen und größter Abneigung gegen alles Getränk oder Nahrung.“ (Letzteres ist ein häufiges und für Cocculus charakteristisches Symptom.) „Jedes laute Wort empörte ihn. Was er zu dieser Zeit noch sagen konnte, war, daß ihm das Gehirn wie mit einem Bande zusammengeschnürt sey und er seiner Auflösung entgegen sehe. … Er wollte schlummern …, aber, während er die Augen zuthat, mußte er sich auch sogleich wieder in die Höhe richten lassen, so fürchterlich, versicherte er, sey die Empfindung gewesen, die er vom Einschlummern in seinem Gehirn gefühlt habe, dem schreckhaftesten Traume ähnlich.“ [Hahnemann kurierte ihn durch Einflößung einer starken Kampferemulsion.]
Hughes schreibt: „Die in letzter Zeit an Tieren vorgenommenen Versuche mit dem in Cocculus enthaltenen Alkaloid picrotoxinumPICROTOXIN machen deutlich, dass Krämpfe, tonische wie klonische, besonders typisch für dessen Wirkung sind. Letztere weisen viele jener sonderbaren Merkmale auf, die man als Verletzungsfolge der Crura cerebri beobachtet hat, wie etwa halbkreisförmige und rückwärtsgerichtete Bewegungen oder Herumrollen um die Körperlängsachse. Gleichzeitig damit tritt eine starke Verlangsamung von Puls und Atmung auf, was auf eine Störung am Ursprung des Vagusnervs hindeutet.“
Und weiter: „Cocculus scheint die motorischen Nervenbahnen entlang der gesamten kraniospinalen Achse zu beeinflussen. Ich denke, die ganze Bandbreite seiner heilenden Wirkung ist auf diesen Einfluss zurückzuführen. Es leistet große Dienste bei bestimmten Formen des Erbrechens, welches bei näherer Untersuchung eher zerebralen als gastrischen Ursprungs zu sein scheint, so wie es bei Seekrankheit und bei manchen Leuten auch durch Fahren im Wagen oder ähnliche Fortbewegungsarten auftreten kann. Auch Erbrechen bei Migräne oder zerebralen Tumoren gehört hierher; … bei Ersterem ist Cocculus wohl allen anderen Mitteln überlegen. Bei dem häufig mit der Übelkeit einhergehenden, aber auch unabhängig davon auftretenden Schwindel gehört Cocculus zu den Hauptmitteln.“ Die abdominellen Krämpfe des Mittels, so Hughes, werden gewöhnlich von Flatulenz begleitet, die nicht Folge von Gärungsprozessen ist, sondern anscheinend von den Darmwänden erzeugt wird.
Farrington (Clinical Materia Medica) sagt in Bezug auf unser Mittel, „dass es seine Eigenschaften dem Wirkstoff picrotoxinumPICROTOXIN (wörtlich: ‚Bittergift‘) verdankt“:
„Wir finden bei Cocculus Symptome, wie wir sie auch bei vielen anderen Mitteln antreffen, doch nirgends stehen sie in dem gleichen Zusammenhang wie hier.
Der allgemeine Effekt von Cocculus ist seine wohlbekannte Einwirkung auf das zerebrospinale Nervensystem, … wo es zu großer Schwäche führt. Es verursacht paralytische Schwäche des Rückenmarks und ganz besonders seiner motorischen Nervenbahnen, und daher ist es ein zuverlässiges und häufiges Heilmittel bei Lähmungen, die von einer Erkrankung des Rückenmarks herrühren. Indiziert ist es hier vor allem zu Beginn des Leidens, ob dieses nun aus einer funktionellen oder aus einer schweren organischen Erkrankung der Medulla resultiert – sei es eine Spinalirritation, Rückenmarkserweichung oder auch lokomotorische Ataxie [Tabes dorsalis bei Lues IV]. Cocculus ist in solchen Fällen besonders angezeigt, wenn die Lumbalregion betroffen ist, mit Schwäche im Kreuz, als wäre es gelähmt; das Kreuz versagt beim Gehen. Es besteht Schwäche der Beine, beim Gehen geben die Knie nach; die Oberschenkel schmerzen wie zerschlagen; die Fußsohlen fühlen sich an, als wären sie eingeschlafen. … Erst schläft die eine Hand ein, dann die andere; manchmal schläft auch der ganze Arm ein, wobei sich die Hand wie geschwollen anfühlen kann.
Es gibt ein Begleitsymptom, das fast immer in Verbindung mit den eben erwähnten Beschwerden auftritt, und zwar ein Gefühl von Hohlheit in einer der Körperhöhlen – in Kopf, Brust oder Bauch. Dies ist mehr als ein Flauheits- oder Schwächegefühl, es ist wirklich das Gefühl, als ob diese Teile leer und hohl wären.
Die Schwäche von Cocculus ist spinalen Ursprungs. Sie tritt vorzugsweise infolge Schlafmangels auf; der Patient kann abends nicht einmal ein oder zwei Stunden länger als gewöhnlich aufbleiben, ohne sich den ganzen nächsten Tag müde und erschöpft zu fühlen. …
Der Bauch ist [beim Cocculus-Unterleibstyphus] stark aufgetrieben und tympanitisch; dieser Meteorismus von Cocculus ist nicht der gleiche wie bei chinaCHINA, carbo vegetabilisCARBO VEGETABILIS, colchicum autumnaleCOLCHICUM, sulfurSULFUR oder auch lycopodiumLYCOPODIUM.
Es gibt verschiedene Ursachen des Meteorismus: Er kann von den Blutgefäßen herrühren, von der mit der Nahrung verschluckten Luft, von Veränderungen der Nahrung selbst oder auch von Retention der Flatus. Letzteres ist die Ursache der Blähsucht von Cocculus indicus. Es kommt als Heilmittel nicht in Betracht, wenn die Blähungen durch Nahrungszersetzung entstehen; dies würde nach carbo vegetabilisCARBO VEGETABILIS VERLANGEN.“
Bezüglich der okzipitalen Kopfschmerzen von Cocculus steuert Farrington interessante Informationen bei: „Vor ein paar Jahren gab es eine Fleckfieberepidemie in dieser Stadt. Viele Kinder starben daran, vor allem in den ersten Tagen. Nach einer Weile entdeckte man ein für diese Epidemie typisches Symptom, nämlich ‚heftiger Schmerz in der unteren Gegend des Hinterkopfs und im Nacken‘. Bei soporösen Kindern zeigte sich dies dadurch, dass sie den Kopf nach hinten streckten, um so die Spannung an den Hirnhäuten zu verringern; andere, die bei Bewusstsein waren, legten ihre Hände hinten an den Kopf, und wieder andere klagten über Schmerzen am Hinterkopf, als ob dieser sich abwechselnd öffnen und schließen würde! Dieses Symptom nun hatte sich auch unter Cocculus gezeigt, und so gab es nach dessen Einsatz nur noch sehr wenige Todesfälle. Hinterkopfschmerzen sind nicht leicht zu heilen – Cocculus ist hier ein wichtiges Mittel … (weitere sind gelsemiumGELSEMIUM und juglans cinereaJUGLANS CINEREA).“
Hier nun Nashs kurzer Abriss von Cocculus:
Schwäche der Halsmuskeln; kann kaum den Kopf aufrecht halten.
Schwäche im Kreuz, wie lahm; es versagt beim Gehen seine Dienste; kann vor Schwäche kaum stehen, gehen oder sprechen.
Hände und Füße wie gefühllos: und eingeschlafen .
Allgemeines Schwächegefühl; oder lokale Empfindungen von Schwäche, Leere oder Hohlheit – in Kopf, Magen, Bauch und anderen Organen; schlimmer durch Schlafmangel oder nächtliches Wachen.
Starke Bauchauftreibung bei Blähungs- oder Menstruationskoliken; Unterleibskrämpfe; Neigung und Vorboten zu einem Leistenbruch.
Modalitäten: < Aufsetzen im Bett83

83

Bezieht sich vor allem auf den Schwindel. Es gibt im Repertorium die Rubrik Vertigo, (worse) sitting up in bed, wo Cocc. neben Chel. als einziges Mittel dreiwertig erscheint. Diese Rubrik ist in der deutschen Übersetzung irrtümlich mit „Aufsitzen im Bett verschlechtert“ wiedergegeben; richtig muss es heißen „Aufsetzen im Bett …“ – im Sinne der Bewegung des Hinsetzens oder Aufrichtens (rising up) im Bett (vgl. auch Fußnote 102).

, Bewegung, Fahren in einem Wagen, in der Eisenbahn oder auf einem Schiff, Tabakrauchen, Sprechen, Essen, Trinken, Nachtwachen; > bei ruhigem Liegen.
Kents Lectures, wie gewohnt die aufschlussreichste Darstellung des Mittels:
„Cocculus verlangsamt alle körperlichen und geistigen Aktivitäten, indem es eine Art paralytischer Schwäche hervorruft. In all seinen Wirkungen zeigt sich diese verzögernde Tendenz. Alle Sinneseindrücke erreichen nur stark verlangsamt das Gehirn. Zwickt man den Patienten zum Beispiel in den großen Zeh, dauert es eine halbe Ewigkeit, bis er endlich ‚Au‘ sagt. Antwortet nur langsam auf Fragen, scheint vorher lange nachdenken zu müssen, was ihn einige Mühe kostet. …
Er ist matt und abgeschlagen. Zuerst kommt diese Langsamkeit, dann eine Art ‚lähmiger Schwäche‘ und schließlich vollkommene Lähmung, lokal oder allgemein. … Ein solcher Zustand kann ausgelöst werden durch das Pflegen von Angehörigen; Angst, Sorge und Schlafmangel führen dann zu völliger Erschöpfung.“84

84

Ich behandelte einmal einen spastisch gelähmten Jungen, der in aufopferungsvoller Hingabe von seiner Mutter umsorgt wurde. Tagsüber wurde er zumeist von einer Krankengymnastin betreut, nachts aber musste sich die Mutter häufig um ihn kümmern. Sie klagte über einige Beschwerden, darunter ein drückender Schmerz unterhalb des rechten lateralen Rippenbogens. Fast all ihre Beschwerden einschließlich der obengenannten fand ich bei Hahnemann beschrieben, und so waren nach einer Gabe Cocculus M bereits am nächsten Tag sämtliche Beschwerden verschwunden.

Seit der Zeit Hahnemanns bis in unsere Tage ist Cocculus, so Kent, ein Heilmittel für Beschwerden durch Krankenpflege gewesen – aber nicht so sehr durch professionelle, sondern eher durch familiäre Krankenpflege, denn um in einen Cocculus-Zustand zu geraten, bedarf es eines Zusammenwirkens von Bedrückung, Besorgnis und länger bestehendem Schlafdefizit. … „Am Ende stehen dann geistige und körperliche Erschöpfung, Schlaflosigkeit, kongestive Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Dies ist der typische Gang der Dinge in einem Cocculus-Fall.“
„Der Cocculus-Patient steigt in einen Wagen, und kurz nach der Abfahrt treten Übelkeit, Erbrechen und Migräne oder auch Schwindel auf.
Cocculus kann Bewegung nicht vertragen; schlimmer durch Fahren und andere Fortbewegungsarten; schlimmer vom Bewegen der Augen; schlimmer durch Sprechen. Will er etwas ansehen, so braucht er viel Zeit, um den Kopf vorsichtig zu drehen; braucht viel Zeit, sich zu bewegen, viel Zeit zu denken; alles erfordert sehr viel Zeit. Der ganze Organismus arbeitet langsam und träge.“
Sodann Inkoordination; Kent sagt, dass es erfolgreich bei lokomotorischer Ataxie angewandt wurde; ferner Taubheit von Körperteilen.
Steifigkeit der Gelenke ist ein häufiges und starkes Charakteristikum von Cocculus – eine paralytische Rigidität, wie sie bei einigen Nervenkrankheiten auftritt. Kent beschreibt dies klar und einprägsam: „Werden Gliedmaßen ausgestreckt und einige Zeit in dieser Position belassen, so können sie nur unter Schmerzen wieder gebeugt werden. Wenn eine von Angst und Sorge bedrückte Patientin sich erschöpft hinlegt und die Glieder von sich streckt, kommt sie danach kaum mehr auf die Beine. Der Doktor kommt und sieht, was los ist; er beugt Arme und Beine, sodass sie vor Schmerzen schreit, doch danach geht es ihr besser – sie kann aufstehen und umhergehen.“ Kent sagt: „Dieses Phänomen finden Sie bei keinem anderen Mittel! Es spielt sich ganz ohne Entzündung ab. Es ist eine Art paralytischer Steifheit, eine Lähmung des ermüdeten Körpers und Geistes. … Ein Mann legt seine Beine ausgestreckt auf einen Stuhl, und bald sind diese so steif, dass er sie nur unter Zuhilfenahme der Hände beugen kann. … Bei aller Verlangsamung der Gedanken und Handlungen bleibt der Patient dennoch höchst empfindlich gegenüber Leiden und Schmerzen.“
Krämpfe mit einzelnen Rucken, die wie elektrische Schläge durch den ganzen Körper fahren; Konvulsionen nach zu wenig Schlaf. Tetanus, Chorea, Anfälle von lähmungsartiger Schwäche mit Schmerzen. Lähmung des Gesichts, der Augen, der Gliedmaßen – jeder Muskel kann betroffen sein. Kent schildert einen Fall von Lähmung beider Beine nach Diphtherie bei einem kleinen Mädchen, welcher als hoffnungslos betrachtet wurde. Dr. Moore aber (ein damals bereits 80-jähriger Kollege Kents und Schüler Lippes und Herings) studierte den Fall sorgfältig und verabreichte schließlich Cocculus CM. „Nur wenige Tage später begann das Kind, die Beine zu bewegen; das Leiden wurde vollkommen behoben – und ich habe niemals aufgehört, darüber zu staunen“, sagt Kent.
(Hier wie auch bei anderen Aspekten von Cocculus muss ich immer wieder an gelsemiumGELSEMIUM denken. Beide lähmen die Augenlider und den Hals, indem sie Lidptose bzw. Schlucklähmung hervorrufen; Parese der Gliedmaßen; und beide Mittel können bei Lähmungen nach Diphtherie hilfreich sein und heilen. Man kann Cocculus auch mit plumbumPLUMBUM vergleichen, bei dem, worauf Nash aufmerksam gemacht hat, mit dem Verlust der Muskelkraft zugleich eine Hyperästhesie der Haut besteht; dies ist ein ausgezeichneter und sehr ‚fruchtbarer‘ Hinweis, wie ich selbst erleben konnte, namentlich in einem Fall von Landry-Paralyse („aufsteigender Paralyse“), wo uns der Zustand der Patientin große Sorge bereitete, da die Lähmung rasch fortschritt. Die Hyperästhesie war so ausgeprägt, dass die Schwestern es sogar aufgeben mussten, ihren Puls zu fühlen. Wenige Gaben plumbumPLUMBUM in Hochpotenz, und die Patientin konnte wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. – Es war einer jener Fälle, die ich nie vergessen werde … Bei Cocculus hingegen kommt es in Verbindung mit der Lähmung zu Spastizität; von daher dürfte es beispielsweise bei spastischer Paraplegie von Nutzen sein.)
Kent fährt fort: „Im fortgeschrittenen Cocculus-Zustand scheint der Geist sich der Imbezillität zu nähern, … der Kopf fast völlig leer zu sein. Wenn man ihn etwas fragt, starrt er zunächst eine Weile in die Ferne und dreht dann den Kopf langsam zum Fragenden, um endlich unter großen Schwierigkeiten eine Antwort herauszubringen. … Prostration und nervöse Erschöpfung begleiten die meisten Cocculus-Beschwerden.“
Nun zu Schwindel und Übelkeit: „Ein Cocculus-Patient kann nicht aus dem Wagenfenster schauen oder vom Schiff hinunter auf das sich bewegende Wasser blicken, ohne dass ihm gleich schlecht wird. Hat er Kopfschmerzen, so gehen diese mit Schwindelgefühl, extremer Übelkeit und Magenbeschwerden einher. … Unfähig, die Augen an sich bewegende Gegenstände zu akkommodieren. … Kopfschmerz, als ob der Schädel zerspringen oder als ob eine große Klappe sich am Hinterhaupt öffnen und schließen würde“ (oder, wie wir gehört haben, ein eigenartiges Gefühl von Hohlheit und Leere im Kopf). … „Sie treten an das Bett des Patienten und fragen die Krankenschwester: ‚Was haben Sie ihm zu essen gegeben?‘, und sofort fängt der Patient an zu würgen. Die Schwester sagt, selbst wenn sie Essen nur erwähne, bekomme er gleich Brechreiz. Allein von dem Gedanken an Essen oder auch durch Speisegerüche aus dem Nebenzimmer oder der Küche wird ihm übel (colchicum autumnaleCOLCHICUM).“ (Außerdem auch arsenicumARSENICUM und sepiaSEPIA.)
Kent erwähnt u.a. noch das Symptom „Gefühl im Magen , als ob ein Wurm sich darin bewegte“, was an die „Bewegung im Bauch wie von etwas Lebendigem“ erinnert (thujaTHUJA und crocusCROCUS). Und er schließt mit einem Zitat aus den Guiding Symptoms: „Das geringste Schlafdefizit nimmt ihn sichtlich mit.“
Cocculus durchzuarbeiten, wie es sich in den Erfahrungen verschiedener alter Meister spiegelt, ist außerordentlich interessant und lehrreich, und mit Bedauern erinnere ich mich jetzt an Fälle, wo Cocculus hätte nützlich sein können. Tatsächlich aber waren meine häufigsten Erfahrungen mit dieser Arznei, dass ich damit Menschen geholfen habe, die durch lange Nachtwachen bei der Krankenpflege und den damit verbundenen Schlafmangel am Ende ihrer Kräfte waren; … da, wo

„‚Glamis mordet den Schlaf!‘ Und drum wird Cawdor

Nicht schlafen mehr, Macbeth nicht schlafen mehr.“

Hauptsymptome
Geist und GemütAuf einen einzigen unangenehmen Gegenstand gerichtete Gedanken; sie ist in sich vertieft und bemerkt nichts um sich her.a
Sie sitzt in tiefen Gedanken.a
Üble Folgen von Ärger und Kummer.
Plötzliche, heftigste Angst.a
Er erschrickt leicht.a
Die Zeit vergeht ihm zu schnell …a
KopfDumm im Kopfe.a
Kopf-Benebelung, am meisten durch Essen und Trinken vermehrt.a
Trunkenheits-Schwindel und dumm in der Stirne, als hätte er ein Bret vor dem Kopfe.a
Wenn er sich im Bette aufrichtet, entsteht drehender Schwindel und Brecherlichkeit, die ihn nöthigt, sich wieder niederzulegen.a
Schwindel: wie berauscht; mit Benommenheit; mit Übelkeit; Dinge wirbeln von rechts nach links; mit Röte des Gesichts und Hitze des Kopfes; nach Herzklopfen.
Kopfweh, als wenn die Augen herausgerissen würden.a
Brecherlichkeits-Kopfschmerz …, mit Übelkeit.a
Migräne durch Fahren in Kutsche, Schiff, Eisenbahn, Wagen etc.
Seekrankheit.b
AugenTrübsichtigkeit.a
MundMetallischer Geschmack im Munde, mit Appetitlosigkeit.a
HalsTrockenheit im Schlunde.a
MagenHöchster Ekel vor dem Essen, schon der Geruch der Speisen erregt ihn, und dennoch Hunger dabei.a
Durst auf Kaltes, besonders Bier.a
Häufiges leeres Aufstoßen.a
Beim Fahren im Wagen ungemeine Uebelkeit und Brecherlichkeit.a
Wenn er kalt wird oder sich erkältet, entsteht eine Brecherlichkeit, welche einen häufigen Zufluß des Speichels erregt.a
Brecherlichkeit im Zusammenhange mit Kopfweh und einem Schmerze in den Eingeweiden wie von Zerschlagenheit.a
Heftiger Magenkrampf, Magenraffen.a
Magenkrampf, Magenklemmen.a
Ein Zusammenkneipen im Oberbauche, was den Odem benimmt.a
AbdomenStarke Auftreibung des Unterleibes.a
Blähungskolik um Mitternacht; er erwacht und unaufhörlich erzeugen sich Blähungen, die den Leib auftreiben, bald hie, bald da drückenden Schmerz verursachen und ohne sonderliche Erleichterung einzeln abgehen, während sich immer wieder neue erzeugen mehrere Stunden lang; er muß sich im Bette von einer Seite auf die andre legen, um sich zu erleichtern.a
Schmerzhafte Neigung zu einem Leistenbruche, besonders nach Aufstehen vom Sitze.a
Harnorgane, GenitalienWässeriger Harn.a
Jücken im Hodensacke.a
Monatzeit sieben Tage zu zeitig mit Auftreibung des Unterleibes und schneidend zusammenziehendem Schmerze im Bauche bei jeder Bewegung und jedem Athemzuge; zugleich ein Zusammenziehen im Mastdarme.a
BrustSpannende Zusammenschnürung der rechten Brust-Seite, welche das Athemholen beklemmt.a
ExtremitätenSchmerzhafte Steifigkeit der Gelenke.a
Knacken und Knarren in den Gelenken.a
Im Achsel-Gelenke und in den Muskeln des Oberarms einzelne Stiche, in der Ruhe.a
Stiche im rechten Oberarme.a
Bald die eine, bald die andere Hand ist abwechselnd heiß oder kalt.a
Knacken des Kniees bei der Bewegung.a
Paralytische SymptomeSchwäche der Halsmuskeln mit Schwere des Kopfs …a
Anfälle von lähmiger Schwäche mit Rückenschmerz.a
(Schwäche in den Gliedern, als ob sie gelähmt wären.)
Hie und da in den Gliedmaßen ein empfindliches lähmiges Ziehen anhaltend und ruckweise, gleichsam wie im Knochen.a
Große Mattigkeit des Körpers, so daß es ihm Mühe machte, fest zu stehen.a
Er möchte für Müdigkeit in den Knieen zusammensinken; beim Gehen wankt er, und will auf die Seite fallen.a
Beschwerden im Arme, wie von Eingeschlafenheit und Lähmung.a
Bald die eine, bald die andre Hand ist wie gefühllos und eingeschlafen.a
Eingeschlafenheit bald der Füße, bald der Hände, wechselweise, in bald vorübergehenden Anfällen.a
Neigung zum Zittern.a
Zittern infolge Erregung, Überanstrengung oder Schmerzen.
Die Hand zittert ihr beim Essen, und zwar desto mehr, je höher sie sie hebt.a
Im Sitzen schlafen ihm beide Unterfüße85

85

Symptom Nr. 382 (381) in der Reinen Arzneimittellehre, Band 1; „Unterfuß“ ist laut G. v. Keller ein Dialektausdruck für „Fuß“, er wurde bei Allen wie Hering fälschlich mit „Fußsohle“ wiedergegeben. Ähnlich soll in Hahnemanns Symptomen 361–363 „Füße“ Dialektausdruck für „Beine“ sein; demnach wären bei Allen die Symptome 452–454 zu korrigieren.

ein.a
NervenGefühl von Seekrankheit.
Hysterische Beschwerden, mit Traurigkeit.
Konvulsionen nach zu wenig Schlaf.
SchlafGestört durch übermäßige Sorge und Unruhe.
Schlaflosigkeit durch lange Krankenpflege; durch Nachtwachen.
Ängstliche, furchterregende Träume.
Schlimme Folgen von Schlafentzug und Nachtwachen.
Die mindeste Abbrechung vom Schlafe erzeugt Kräfteverlust; er vermißt jede Stunde Schlaf.a 86

86

Vom Übersetzer ergänzt.

Hitze, Frost, SchweißFliegende Hitze …a
Schneller Wechsel von Hitze und Frost …a
Brennende Hitze in den Backen, bei ganz kalten Füßen.a
Heimtückische Nervenfieber, besonders Fälle, die durch häufige Zornesausbrüche hervorgerufen wurden oder bei denen die Patienten eine ausgeprägte Neigung zeigen, sich zu ärgern.
Ausdünstung und matter Schweiß über den ganzen Körper bei der mindesten Bewegung.a
ModalitätenUnerträglichkeit der kalten und der warmen Luft87

87

Jahr gibt dieses Symptom folgendermaßen wieder: „Unerträglichkeit der freien Luft, der kalten, wie der warmen; [die freie Luft scheint ihm zu kalt; kalte Luft erhöht alle Beschwerden …].“

.a
Alle Symptome und Beschwerden, vorzüglich im Kopfe, erhöhen sich durch Trinken, Essen, Schlafen und Sprechen.a
Erregt in kalten Drüsen-Geschwülsten stechende Schmerzen und Hitze, wenigstens wenn sie berührt werden.a
Eigentümliche, charakteristische Symptome88

88

Etwa die Hälfte der von M. Tyler genannten Symptome gehören nicht zu Cocculus, sondern zu coccus cacti; sie sind daher hier nicht mit aufgeführt. Aus demselben Grund habe ich auch bei den „Hauptsymptomen“ zwei Auswurfsymptome weggelassen.

Schmerz im Hinterkopf, als würde sich dieser wie eine Tür öffnen und schließen (Scheitel öffnet und schließt sich: cannabis indicaCANNABIS INDICA).
Alle Beschwerden, vorzüglich im Kopfe, erhöhen sich durch Schlafen.c
Die Augen geschlossen, die Augäpfel … in steter Rotation begriffen.89

89

In einem durch Cocculus geheilten Fall von Apoplexie; veröffentlicht 1833 in den Annalen 4, 48.

Kältegefühl durch die Zähne hindurch.
Übelkeit, die im Kopf empfunden wird.
Nach jedem Trinken Nachmittags Uebelkeit, die meist im Munde zu seyn scheint.a
Gefühl von Leere oder Hohlheit in Kopf, Brust, Magen etc.
Es ist ihr im Unterleibe so leer und hohl, als ob sie kein Eingeweide hätte.a
Krampfartiges inneres Heben im Epigastrium.
Schmerzhaftigkeit der Leber nach Zorn oder Ärger.
Schmerz, als würden bei jeder Bewegung im Bauch scharfe Steine aneinanderreiben.
Schauder über die Brüste.a
Die Zeit vergeht ihm zu schnell und mehre Stunden däuchten ihm so kurz wie nur eine Stunde.a
Was die Orte angeht, wo Patienten Übelkeit empfinden können, so bin ich ständig dabei, neue hinzuzufügen:
  • Übelkeit wird im Kopf oder im Mund empfunden: Cocculus;

  • im Rektum: ruta graveolensRUTA GRAVEOLENS;

  • in den Ohren: dioscoreaDIOSCOREA.

(Abgesehen von den gewöhnlicheren Lokalisationen – Magen, Brust, Abdomen.)

Coffea cruda

Weitere Namen: Ungeröstete Bohne von Coffea arabica
Eines unserer nützlichsten Hausmittel! Kaffee bewirkt ja bei vielen Menschen Schlaflosigkeit – nicht durch ängstliche Unruhe, nicht durch körperliches Unbehagen, nicht durch Schmerzen. Nein, es ist die Schlaflosigkeit eines zu wachen und munteren Geistes, bedingt durch Freude, Erregung oder durch geistige Anspannung und Aktivität. In solchen Fällen verhilft Coffea, der potenzierte Kaffee, zu einem Schlaf, der natürlich, erholsam und erfrischend ist, und – das Mittel hinterlässt keine Nachwirkungen! Es ist das wunderbarste Sedativum, das wir kennen, und zugleich haben wir es hier mit der vollkommensten homöopathischen Reaktion zu tun, die man sich vorstellen kann.
Dazu ein einschlägiger Fall: Eine unserer Patientinnen war schwerkrank und so mitgenommen und schwach, dass der sie behandelnde Arzt sagte, man solle ihr eine Tasse starken Kaffee geben. So geschah es; anschließend war ich die halbe Nacht damit beschäftigt, immer wieder nach ihr zu sehen – und jedesmal traf ich sie munter und fröhlich in ihrem Zimmer an. Es schien ihr nicht das Geringste auszumachen, sie konnte nur einfach nicht schlafen. Schließlich gab ich ihr aus lauter Verzweiflung eine Dosis Coffea 200, und innerhalb weniger Minuten war die Patientin fest eingeschlafen. Dieser Fall birgt drei Lektionen in sich: die rasche Wirkung von Coffea – in einem Coffea-Fall; die Macht, die eine potenzierte Arznei entfalten kann; und die Eigenschaft eines potenzierten Mittels, sich als das beste Antidot gegen jene Symptome zu erweisen, die es in seinem Rohzustand selbst hervorgerufen hat.
Hauptsymptome90

90

Die mit a markierten Symptome der Prüfung Stapfs bzw. Hahnemanns finden sich im Archiv für die homöopathische Heilkunst, 2. Band, 3. Heft, S. 150. (Eine um 57 Symptome erweiterte Fassung hat Stapf später in seinen Beiträgen zur reinen Arzneimittellehre veröffentlicht.) Einige mit b versehene Symptome habe ich aus Jahrs Symptomencodex ergänzt.

Ungemeine Munterkeit des Geistes und Körpers …a
Er ist voller Ideen; will alles schnell in die Tat umsetzen und findet daher keinen Schlaf.
Aufregung der Geistes- und Gemüthsthätigkeit.b
Schlaflosigkeit wegen einer übermäßigen Aufregung des Geistes und Körpers.a
Nachtheile von zu großer Freude.b – Beschwerden nach plötzlichen Gemütserregungen, besonders nach angenehmen Überraschungen.
Schreck durch plötzliche angenehme Überraschungen.
Alle Sinne sind schärfer; liest Kleingedrucktes leichter; … im Besonderen auch eine überstarke Wahrnehmung leichter passiver Bewegungen (Schaukeln etc.), die als gewaltig erlebt werden.
Schmerzen scheinen unerträglich, treiben zur Verzweiflung.
Drohende Apoplexie; übererregt, redselig, voller Angst, Gewissensangst, Abneigung gegen freie Luft, schlaflos, krampfhaftes Zähneknirschen.
Halbseitiger Kopfschmerz, als wenn ein Nagel in das Seitenbein eingeschlagen wärea (thujaTHUJA); schlimmer im Freien.
Neuralgischer Zahnschmerz, der völlig ausbleibt, solange kaltes Wasser im Mund ist, aber wiederkehrt, sobald dieses warm wird.
Während der Geburts- oder Nachwehen äußerste Todesangst.
Große Agitiertheit und Unrast.
Würde eine Körperstelle gerne reiben oder kratzen, aber sie ist zu empfindlich.
Üble Folgen nach Trinken von Wein oder Spirituosen.
Nachtdurst; er erwacht oft, um zu trinken.a
Durst während der Fieberhitze eher selten, fast ständiger Durst nach der Hitze und während des Schweißes.
Das eigenartige Symptom „Zahnschmerz besser, solange kaltes Wasser im Mund ist; kommt wieder, sobald dieses warm wird“ habe ich mehr als einmal beobachtet, und Coffea hat jedesmal prompt geheilt.
Anmerkung des Übersetzers: Eine prägnante Zusammenfassung der Coffea-Wirkung findet sich bei Noack/Trinks (Handbuch); danach passt Coffea „vorzüglich bei krankhafter Aufgeregtheit des Nervensystems, Ueberempfindlichkeit aller Nerven und Sinnesorgane, bei allzugrosser Empfindlichkeit und Schmerzhaftigkeit der kranken Theile, innerer Aengstlichkeit und Schlaflosigkeit, bei Zuständen einer sehr exaltirten Geistes- und Gemüthsstimmung, bei üblen Folgen einer unerwarteten und übermässigen Freude …“

Colchicum

Weitere Namen: Colchicum autumnale; Herbstzeitlose
Im Plan der Schöpfung scheinen die Heilpflanzen an dem Ort und zu der Zeit zu wachsen, wo sie gebraucht werden. So rankt sich dulcamaraDULCAMARA zu einer Zeit an den Gebüschen empor, da die Tage noch heiß, die Nächte aber schon kalt sind. arnica montanaARNICA wächst in den Alpen, den Anden und anderen Gebirgsregionen, am rechten Ort, um die Folgen von starker Ermüdung oder von Stürzen und Prellungen zu lindern und zu deren Heilung beizutragen; ‚Fallkraut‘ nennt man es in Deutschland deshalb auch. Die Schlangengifte sind von besonderer Bedeutung bei Schlangenbissen und bei den heftigen und rasanten Verläufen von Tropenkrankheiten. Und nicht ohne Grund treibt Colchicum autumnale im Herbst seine Blüten aus, ist es doch ein großartiges Heilmittel für die Diarrhöen und Dysenterien, die im Herbst auftreten, und ebenso für den akuten Rheumatismus dieser Jahreszeit.
Hering (Guiding Symptoms) schreibt, dass es von Hahnemann, Stapf und vielen anderen geprüft worden ist, doch ist diese Prüfung weder in die Reine Arzneimittellehre noch in die Chronischen Krankheiten eingegangen. Zweifellos wird sie in Stapfs Archiv zu finden sein, aber sie ist wahrscheinlich nie ins Englische übersetzt worden, da Allen (Encyclopedia) von Hahnemann keine Symptome zitiert.91

91

Das ist nicht richtig; die Quellenangaben zu dieser Prüfung sind allerdings von Allen nicht an erster Stelle aufgeführt worden, sie finden sich unter den Nummern 51–64. Die von Stapf durchgeführte Prüfung erschien 1826 im Archiv für die homöopathische Heilkunst, Band 6, Heft 1, S. 136; Hahnemann ist darin übrigens nur mit wenigen Symptomen vertreten.

Die alte Schule hat diese Arznei in großem Umfang eingesetzt – und nicht weniger Missbrauch damit getrieben. Im Folgenden nun einige Passagen aus dem, was Hale White in seiner [allopathischen] Materia Medica Studenten und Ärzten über Colchicum beibringt …
Er beginnt sein kurzes Kapitel mit der Behauptung: „Der einzige Wert dieses Mittels ist, dass es ein Spezifikum für Gicht ist.“ Und er nennt als Wirkung des Mittels (von der wir wissen, dass sie zugleich seine Heilwirkung ist, wenn es in geringer Dosierung gegeben wird und die Symptome von Patient und Arznei übereinstimmen): … Appetitlosigkeit; Übelkeit; Erbrechen; Koliken und starke Leibschmerzen; profuse Durchfälle mit Abgang von Blut; großer Kräfteverfall; Haut kalt und mit Schweiß bedeckt; langsame Atmung; Tod infolge Kreislaufversagens. (Genau dies sind, wie wir sehen werden, auch seine homöopathischen Anwendungsbereiche.)
Hinsichtlich seiner therapeutischen Verwendung sagt er: „Colchicum wird kaum je für etwas anderes als für Gicht eingesetzt. … Es ist oft sehr nützlich bei Dyspepsie, Ekzem, Kopfschmerz, Neuritis, Konjunktivitis, Bronchitis und anderen Beschwerden, die bei Gichtkranken auftreten und wahrscheinlich mit der Gicht in Zusammenhang stehen.
Es ist ein echtes Spezifikum; doch wie es wirkt, ist nicht bekannt.“
Heute begegnet man der echten, ‚altmodischen‘ Gicht unserer Großeltern allerdings nur noch selten. Ich erinnere mich, wie ich sie einmal bei einer Frau vorfand, die mich eines Sonntags, als sie ihren Hausarzt nicht erreichen konnte, um Hilfe bat. Sie hatte einen geschwollenen, rot glänzenden Fuß, wobei der Großzehenbereich deutlich stärker betroffen und sehr schmerzhaft und empfindlich war. Einen Moment lang dachte ich schon an einen bakteriellen Prozess, war aber bald aufgeklärt und erleichtert, als sie sagte, dass sie „diese Gichtanfälle immer habe“. Das Mittel, das sie dann wieder in Ordnung brachte (bereits am nächsten Tag, wie ich später erfuhr), war allerdings nicht Colchicum, sondern Burnetts geliebtes urtica urensURTICA URENS – als Brennnesseltinktur. Die erfolgreiche Anwendung dieses einfachen Krauts bei Gicht ist es gewesen, so wurde mir erzählt, die Burnett damals in den Londoner Clubs den Namen „Dr. Urtica“ eingetragen hatte. Er pflegte etwa fünf Tropfen der Urtinktur mehrmals täglich einnehmen zu lassen, und zwar in heißem Wasser aufgelöst.
Wenn man die fettgedruckten Symptome der Prüfungen durchsieht, erkennt man schnell, dass die wichtigsten Wirkungsbereiche von Colchicum neben den Gelenken (die es, oft eines nach dem anderen, entzündet und steif werden lässt) der Magen und der Darm sind.
Es hat heftigste Übelkeit, die durch den Anblick oder den Geruch von Speisen, ja selbst durch den bloßen Gedanken daran erregt werden kann (arsenicumARSENICUM, sepiaSEPIA, cocculusCOCCULUS). Dieses charakteristische Symptom hat nicht selten zu seiner erfolgreichen Anwendung geführt. Ein Beispiel hierfür ist jener klassische Fall von Dr. Nash, wo eine alte Dame durch eine extreme Diarrhö schnell verfiel und dem Tode nahe war. Zuletzt hatte sie 65 Stühle innerhalb von 24 Stunden, die sie direkt auf spezielle Tücher im Bett entleerte. Sie war so schwach, dass sie nicht einmal mehr ihren Kopf aus dem Kissen erheben konnte (auch ein Colchicum-Symptom), und von Essensgerüchen wurde ihr so übel, dass sämtliche Türen zwischen ihrem Zimmer und der Küche ständig geschlossen sein mussten. Nach zwei Dosen Colchicum 200 (weitere Gaben waren nicht erforderlich) hörten die Durchfälle auf – und Nash lernte, wie er schreibt, bei der Gelegenheit erstmals den Wert hoher Potenzen schätzen.
Neben Durchfällen und Ruhrerkrankungen, besonders solchen, die im Herbst auftreten, ist Colchicum oft auch bei Kolitis, vor allem bei mukomembranöser Kolitis von Nutzen.
Colchicum ist ein Mittel, an das bei dem Phänomen der Metastasis zu denken ist, so z.B., wenn die Gicht die Gelenke verlässt und auf das Herz oder den Magen schlägt. Von solchen Fällen hören wir heutzutage allerdings nur noch selten; doch müsste es bei Rheumatismus, Herz- oder Nierenleiden von Kindern gichtkranker Eltern oder Großeltern hilfreich sein – wenn die Symptome passen.
Zusammen mit dulcamaraDULCAMARA, einem weiteren ‚Herbstmittel‘, ist es nützlich bei Beschwerden infolge feuchtkalten Wetters oder Schweißsuppression.
Wie bryoniaBRYONIA wagt Colchicum nicht, sich zu bewegen; und wie dieses ist es von höchst reizbarem Gemüt.
Bei Pleurodynie lässt es sich mit arnica montanaARNICA vergleichen, ebenso in seinen Empfindungen von Zerschlagenheit.
Lassen wir Nash zu Wort kommen:
„Dieses Mittel hat eines der verlässlichsten Charakteristika der ganzen Materia medica, das von keinem mir bekannten pathologischen Standpunkt aus zufriedenstellend erklärt werden kann …: ‚Der Geruch von Speisen greift bis zur Übelkeit an oder bringt ihn der Ohnmacht nahe.‘ Ich erwähne dies hier, weil offenbar bei manchen Kollegen das Bedürfnis besteht, all ihre Verschreibungen auf pathologische Indikationen zu gründen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn sie es denn können und damit wirklich zur Heilung ihrer Patienten beitragen. Auf der anderen Seite beanspruche ich volle Anerkennung für den Wert jener subjektiven Empfindungssymptome und Modalitäten, die sich eben nicht erklären lassen. Ja, ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass man sich bei der Heilung unserer Patienten auf die gut bestätigten subjektiven Symptome häufiger verlassen kann als auf all die pathologischen Zustände, die wir kennen.“ Und es folgt der bereits erwähnte Fall der alten Dame.
Nash weist darauf hin, dass Colchicum zwei einander entgegengesetzte Symptome hat, nämlich heftiges Brennen und eisige Kälte im Magen.
Wie Kent betont er den Wert von Colchicum bei meteoristischer Auftreibung des Bauches. „In der 200. Potenz ist es ein gutes Mittel gegen die Blähsucht von Kühen, die zu viel frischen Klee gefressen haben.“
Was seinen Nutzen bei wanderndem und gichtigem Gelenkrheumatismus angeht, so hat Nash, wie er sagt, es oft mit Colchicum versucht, aber nie auch nur annähernd mit dem gleichen Erfolg wie mit den anderen Rheumamitteln.92

92

Andere Ärzte schätzen es sehr bei akutem Gelenkrheumatismus: mit Rötung des befallenen Gelenks; mit Tendenz, von Gelenk zu Gelenk zu wandern; mit Überempfindlichkeit und Schmerzen, die durch Kälte und Feuchtigkeit verschlimmert werden.

Allerdings … „Sollte ich bei diesem oder anderen Leiden sein Hauptcharakteristikum vorfinden“ (Übelkeit durch Essensgerüche), „würde ich nicht zögern, es zu geben, und zuversichtlich gute Resultate erwarten.“
Farrington (Clinical Materia Medica) meint dagegen: „Ich bin davon überzeugt, dass Colchicum in der Praxis nicht die Stelle einnimmt, die ihm zukommt. Sicher, es ist aus der allopathischen Schule zu uns gekommen, als ein Mittel, das wärmstens für Gichtzustände empfohlen wird; doch sollten wir wegen der maßlosen Anwendung von Colchicum durch jene Schule nicht in das andere Extrem verfallen und es als Heilmittel völlig vernachlässigen.“
Er spricht von seinem Nutzen bei Schwäche, insbesondere bei Schwäche infolge von Schlafmangel. „Kann morgens kaum einen Fuß vor den anderen setzen, kein Appetit, schlechter Geschmack im Mund, Übelkeit. Die Schwäche hängt demnach mit der Verdauung zusammen oder bezieht diese mit ein, als Folge von zu wenig Schlaf. … Zuweilen finden wir Colchicum auch bei Typhus (in seiner Eigenart als schwächendes Fieber) indiziert; … die Pupillen sind weit und nur wenig lichtempfindlich; kalter Schweiß auf der Stirn. Wenn der Patient versucht, den Kopf aus dem Kissen zu heben, fällt dieser gleich wieder zurück, wobei sich der Mund weit öffnet. Leichenhaftes Gesicht, mit scharfen und spitzen Gesichtszügen; die Nase sieht aus, als wäre sie zusammengedrückt worden; die Zunge ist schwer und steif, kann kaum herausgestreckt werden (lachesisLACHESIS) und ist im Extremfall bläulich verfärbt, besonders an der Wurzel. Fast vollständiger Sprachverlust; der Atem ist kalt. All diese Symptome gehen einher mit Unruhe und schmerzhaften Krämpfen in den Beinen. … Wir sehen bei Colchicum jedoch nicht die Furchtsamkeit und Todesangst, wie sie für einige andere Typhusmittel so charakteristisch ist. …
Colchicum ist mit carbo vegetabilisCARBO VEGETABILIS vergleichbar, was den kalten Atem, die Tympanie und die große Kraftlosigkeit betrifft. …
Meteorismus; die Stühle sind wässrig, häufig und gehen unwillkürlich ab. Bei Dysenterie können sie auch blutig sein und Schleimfetzen enthalten; ist dann auch noch Tympanie vorhanden, so ist Colchicum umso mehr indiziert und cantharisCANTHARIS, mercurius (solubilis)MERCURIUS und jedem anderen Mittel bei weitem vorzuziehen.“
Bei Gelenkrheumatismus und Gicht ist Colchicum, so Farrington, äußerst empfindlich gegen die geringste Berührung und Bewegung. Der Patient ist außerordentlich reizbar; der geringste äußere Sinneseindruck ärgert ihn: Licht – Geräusche – starke Gerüche; und die Schmerzen scheinen ihm ganz und gar unerträglich (chamomillaCHAMOMILLA).
Auch bei der Metastasis der Gicht oder des Rheumatismus zur Brust kann Colchicum heilend wirken. Bei Herzklappenaffektionen oder Perikarditis im Gefolge einer rheumatischen Erkrankung ist es indiziert durch die heftig schneidenden und stechenden Schmerzen in der Brust und besonders in der Herzgegend; dabei kommt es zu starker Atembeklemmung und Dyspnoe, die Brust kann sich wie fest bandagiert anfühlen. …
Guernsey (Keynotes) sagt, dass wir an dieses Mittel denken müssen, wenn wir einen Patienten haben, der an den Folgen von Nachtwachen (cocculusCOCCULUS ist hier das klassische Mittel – Ed.) oder angestrengtem Lernen leidet. „Arthritische Gelenkschmerzen, besonders wenn der Patient bei Stoß gegen ein Gelenk vor Schmerz laut aufschreit oder wenn es übermäßig schmerzhaft ist, mit dem Zeh gegen etwas zu stoßen. Colchicum greift in hohem Maße das Periost und die Synovialis der großen und kleinen Gelenke an. Röte, Hitze und Schwellung der betroffenen Teile. …
Erleichterung nach Darmentleerung; aber manchmal kommt es nach dem Stuhlgang zu entsetzlichen Krampfschmerzen im Sphincter ani.“
Kent – ein kurzer Auszug:
„Es ist schon recht ungewöhnlich, in welchem Umfang die traditionelle Medizin bei Gicht auf Colchicum zurückgegriffen hat. In allen alten Lehrbüchern wurde es gegen diese Krankheit empfohlen, und auch die Prüfungen untermauern die Tatsache, dass Colchicum auf viele Gichtzustände passt. … Aber die traditionelle Medizin verriet uns nicht, bei welcher Art von Gicht oder Rheumatismus wir es geben sollten. Es war die reinste Erfahrungsheilkunde: ‚Wenn es Gicht ist, versuchen Sie es mit Colchicum.‘ Was man mit dem Patienten machen sollte, wenn das Mittel versagte, diese Frage stellte sich nie. Stets hieß es: ‚Treffen Sie Ihre Verordnung und bleiben Sie dabei‘, und die Medikamente wurden immer weiter verabreicht. Dem Patienten ging es dabei ständig schlechter, und schließlich wurde er von einem Doktor zum anderen weitergereicht. …
Colchicum erfährt Verschlimmerungen bei kaltem, feuchtem Wetter, an den kalten Regentagen im Herbst, ebenso aber auch in der heißen Jahreszeit. Es hat einen ‚Sommerrheumatismus‘: Die Hitze vermindert die Harnsekretion beziehungsweise die Menge der festen Bestandteile, die mit dem Urin ausgeschieden werden.
Ein auffälliges Merkmal, das sich durch das ganze Arzneimittelbild zieht, ist die Neigung der Schmerzen, von einem Gelenk zum anderen zu wandern, von einer Seite zur anderen, von unten nach oben oder von oben nach unten. Rheumatische Beschwerden mit oder ohne Schwellung, erst hier, dann dort.
Auffallend und typisch ist auch die allgemeine Wassersucht des Patienten. Hände und Füße schwellen an, auf Fingerdruck bleibt eine Delle zurück; Hydrops der Bauchhöhle, des Perikards, der Pleura, der serösen Beutel … mit hellem Urin. Ob reichlich oder spärlich, der Urin ist immer blass.
Colchicum hat Wassersucht nach Scharlach geheilt.
Rheumatische Leiden, die schon einige Zeit bestanden haben, gehen schließlich aufs Herz über; … das Herzleiden ist nichts anderes als eine Fortsetzung des rheumatischen Zustandes auf einer tieferen Ebene.
Fast alle Schmerzen und Beschwerden – an Kopf, Leber, Magen, Darm – werden durch Bewegung so verschlimmert, dass der Kranke Angst hat, sich zu bewegen; dies ist ähnlich stark ausgeprägt wie bei bryoniaBRYONIA. Zudem ist der Colchicum-Patient überaus fröstelig und kälteempfindlich, und seine Schmerzen werden gebessert, wenn ihm warm ist, durch äußere Wärme, durch warmes Einhüllen (umgekehrt: ledumLEDUM).“
Ein eigenartiges Symptom: „Berührung und auch Bewegung bewirken ein schmerzhaftes Gefühl im Körper, als würde dieser in elektrische Schwingungen versetzt.
„Der Colchicum-Patient schwitzt fast ständig, selbst bei Fieber, und manchmal ist der Schweiß kalt. …
Übelkeit, Brechreiz und Würgen bei der bloßen Erwähnung von Essen. … Gerüchen gegenüber ist er so empfindlich, dass er Dinge riecht, die andere überhaupt nicht wahrnehmen (ähnlich wie coffeaCOFFEA Geräusche hört, die andere nicht hören können). Selbst relativ indifferent riechende Dinge greifen ihn bis zur Übelkeit an. … Bei Typhus ist die Erschöpfung noch größer, als sie es ohnehin bei dieser Krankheit ist; er kann keine Milch, keine Eier, keine Suppe zu sich nehmen, weil er schon bei dem Gedanken daran Brechreiz bekommt. Tagelang geht dies mit ihm so weiter, und seine Familie befürchtet schon, dass er sich zu Tode hungern wird. … Diese Verschlimmerung durch Gerüche wirkt sich auf sein innerstes Wesen, auf das Leben selbst aus, weil sie schließlich auch Hass auf Gerüche mit sich bringt, und damit wird sie zu einem Allgemeinsymptom. … Erwähnen Sie niemals das Wort ‚Essen‘ in Gegenwart eines Colchicum-Patienten; geben Sie ihm erst Colchicum, und schon bald wird er etwas zu essen haben wollen. Colchicum beseitigt diese Abscheu vor Speisen und deren Gerüche. Wie lebensbedrohend ist es, wenn jemand genau das hasst, was ihn am Leben erhält! …
Der Patient kann großen oder auch gar keinen Durst haben, oder beides kann miteinander abwechseln. … Übelkeit und Brechreiz selbst dann, wenn er Speichel schluckt.“
Kent beschreibt die Blähsucht von Colchicum, wie sie z.B. bei Rindern auftreten kann, die sich an frischem Klee vollgefressen haben: „Sie werden davon so stark aufgetrieben, dass man fürchtet, sie könnten platzen. Manche Farmer sollen in solchen Fällen schon zum Messer gegriffen und es in die Bauchhaut zwischen den letzten kurzen Rippen des Tieres gestoßen haben, um die Luft abzulassen. Geben Sie stattdessen jeder Kuh ein paar Kügelchen Colchicum auf die Zunge, und in nur wenigen Minuten werden die Winde auf natürliche Weise abgehen – zu Ihrem und des Farmers Erstaunen. … Wenn der Leib gewaltig aufgetrieben und gespannt ist, ist Colchicum oft das passende Heilmittel. …
„Schleimige Durchfälle, die in der Bettpfanne eine feste Gallertmasse bilden . … Fauliger, dunkler, blutiger Schleim. … Wässriger, gelatinöser Schleim geht in dünnem Fluss ab, doch sobald er abkühlt, erstarrt er zu einer gallertartigen Masse.“
Junge Ärzte, die über den Prüfungssymptomen der Materia medica brüten, haben oft den Eindruck, dass sie bei jeder Arznei jedes Symptom finden können. Die Mittel sind sich so ähnlich – wie soll man zwischen ihnen unterscheiden? Finden Sie das Charakteristische an ihren Wirkungen heraus, ihre besonderen Merkmale! Dann werden Sie bald sehen, wie sich jedes von ihnen deutlich von den anderen abhebt, als eigenständige Wesenheit, ja fast wie eine Persönlichkeit. Und haben Sie diese Persönlichkeit erst einmal verstanden, haben Sie sich gewissermaßen mit dem Arzneimittel angefreundet, werden Sie es – wie Ihre Freunde im Leben – nicht nur an seiner äußeren Erscheinung erkennen, sondern auch an seinen kleinen Eigenheiten in Verhalten und Sprache, daran, wie es bei welchen Anlässen reagiert, in Bezug auf Geräusche – Essen – freundliche Annäherungen – Grobheiten – Mitgefühl; Sie werden es erkennen an seiner Unruhe oder Gelassenheit – an seiner peniblen Sauberkeit und Ordnung oder auch am Gegenteil davon – an der leichten Erregbarkeit seiner Gefühle – an seiner Frösteligkeit – an seinen plötzlichen Reaktionen – kurz: an seinem Verhältnis zur ganzen physischen und psychischen Umwelt. Sie werden es in Freunden und Patienten wiedererkennen, und dann wird die Verschreibung vergleichsweise einfach sein – und erfolgreich.
Hauptsymptome93

93

Die mit a gekennzeichneten Symptome entstammen der Prüfung von Stapf (Archiv, Band 6, Heft 1, S. 136). Mit b ist ein Vergiftungssymptom aus der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Ärzte Oesterreichs (1857) gekennzeichnet; mit c zwei Symptome aus dem Symptomencodex von Jahr; mit d ein Symptom aus Hartmanns Specielle Therapie, Bd. 2, S. 342.

Geist und GemütSehr vergessen und zerstreuet.a
Gedächtnißschwäche; er vergißt die Worte, indem er sie aussprechen will und kann nur mühsam … den früheren Ideengang wiederfinden …a
Aeußere Veranlassungen, z.B. helles Licht, starke Gerüche, Berührungen, Ungezogenheiten anderer, bringen ihn ganz außer sich.a
MagenAppetitlosigkeit.a
Hat zu diesem und jenem Appetit, so wie er es aber sieht oder noch mehr riecht, schüttelt ihn Ekel und er kann nichts genießen.a
Kein Durst. – [Unlöschbarer Durst.94

94

Die Angabe ‚Kein Durst‘ stammt aus den Guiding Symptoms. In Allens Encyclopedia findet sich nichts darüber, im Gegenteil: mehr als 13 Prüfer berichten über großen Durst.

]
Gerüche kochender Speisen erregen Übelkeit und bringen ihn der Ohnmacht nahe.
Übelkeit, Aufstoßen und reichliches Erbrechen von Schleim und Galle.
Heftiges Brechwürgen, gefolgt von reichlichem und gewaltsamem Erbrechen, erst von Speisen, dann von Galle.
Lebhaftes Brennen im Epigastrium.b
Rektum, StuhlHöchst schmerzhafter Stuhlgang.a
Tenesmus im Rektum. Sehr schmerzhafter Stuhlzwang; anfangs nur geringer Kotabgang, dann Stühle durchsichtigen, gallertartigen und mit Häutchen gemischten Schleims, gehen mit Erleichterung des Leibwehs ab.
Gallertartige Absonderung aus dem Darm.
Wässriger, gallertartiger Schleim tritt unter heftigen Sphinkterkrämpfen aus dem After aus.
Blutige Stühle mit Gedärm-Abschabsel gemischt … (und mit) Vorfall des Afters.a
Stuhlentleerungen, die eine große Menge kleiner, weißer Fetzen enthalten.
Herbstruhren, mit Ausleerungen bloßen weißen Schleimes und heftigem Zwängenc; blutige Stühle, mit einer schleimigen Substanz vermischt.
Blutige Darmentleerungen, mit extremer Übelkeit durch Kochgerüche.
HarnorganeSchmerzen in der Nierengegend.
Urin wie Tinte.
BrustPleurodynie.
Stechen und Reißen in den Muskeln der Brust.
Brustbeklemmung, Schweratmigkeit; Gefühl von Spannen auf der Brust, manchmal oben, machmal tief unten.
Brustbeklemmung mit heftigem Herzklopfen.
Hydrothorax mit Ödemen an Händen und Füßen.
HerzPerikarderguss nach entzündlichen Herzerkrankungen.
Puls fadenförmig, kaum tastbar.
ExtremitätenIn den Armen so heftiger Lähmungsschmerz, daß er selbst leichte Dinge nicht recht halten kann.a
Schmerzen in Schulter- und Hüftgelenken sowie in allen Knochen, dabei Bewegen von Kopf und Zunge schwierig.
Im Anfangsstadium von akutem Gelenkrheumatismus, bevor dieser voll entwickelt ist.
Rheumatische Schmerzen, die durch kaltes oder feuchtes Wetter entstehen oder schlimmer werden.
Schmerz wandert bei Gicht von links nach rechts.
NervenGroße Schwäche und Erschöpfung, wie nach körperlicher Anstrengung; kann den Kopf nicht ohne Hilfe vom Kissen heben.
Lähmungen nach plötzlich unterdrückter Transpiration des ganzen Körpers oder auch der sehr schweissigen Füsse durch Nasswerden des Körpers.d
FrostStändiges Frostgefühl, sogar in der Nähe des Ofens; mit Hitzewallungen.
Gewebe, KonstitutionAkute Wassersucht bei Nierenleiden.
Harnsaure Diathese.
Gicht bei Menschen von kräftiger Konstitution.
Wichtige oder ‚eigenheitliche‘ Symptome
Er kann zwar lesen, aber nicht einmal einen kurzen Satz verstehen; kann die Worte nicht verstehen. Übermäßige Schärfe der Sehkraft bei gleichzeitiger Schwäche der intellektuellen Fähigkeiten.
Seine Leiden scheinen ihm unerträglich zu seyn.a
Der Geruch ist so krankhaft gesteigert, daß ihm schon etwas sonst ganz indifferentes, z.B. Fleischbrühe, bis zum Uebelseyn angreift.a
Der Geruch eines frisch aufgeschlagenen Eies brachte ihn der Ohnmacht nahe.a
Zunge: hellrot; kalt und blass; kann nur schwer bewegt und herausgestreckt werden.
Erst schwere, dann steife, endlich … empfindungslose Zunge.a
Er muß ganz zusammengekrümmt und ohne die mindeste Bewegung den ganzen Tag still liegen, indem sonst das, ohne dieß heftige, Erbrechen noch heftiger wird …a
Schmerz im Epigastrium, wie von einem Messer durchbohrt.
Magenverstimmung nach Essen von zu viel Eiern.
Koliken: schlimmer durch Essen; nach blähenden Speisen; mit starker Auftreibung des Bauches; besser durch Zusammenkrümmen.
Ausdehnung eines Gases unter den kurzen Rippen, wie nach Überessen.
Bei entzündlicher Reizung der Bauchhöhlenorgane durch Metastasis der Gicht.
Profuse, wässrige Stühle bei feuchtheißem Wetter oder im Herbst.
Langanhaltender, quälender Schmerz im Mastdarm und im After nach dem Stuhlgang, der ihn zum Schreien und Weinen bringt.
Blutung aus dem After bei herbstlichem, feuchtkaltem Wetter.
Kind schläft auf dem Töpfchen ein, sobald der Tenesmus aufhört.
Nephritis; blutiger, tintenfarbiger, eiweißhaltiger Urin.
Harndrang; Abgang von heißem, stark gefärbtem Urin; Brennen und Strangurie.
Nachthusten, mit unwillkührlichem Fortspritzen des Harnes.c
Stechender Schmerz oder Schmerz wie von einem Messer in der Herzgegend.
Seröser Pleuraerguss bei Rheumatikern oder Gichtkranken.
Hydroperikard.
Herzkrankheit nach Gicht oder akutem Rheumatismus.
Heftig windender Schmerz in der Gegend der Lenden und Harnwege.
Die Knie schlagen zusammen, er kann kaum gehen.
Die Füße fühlen sich schwer an; es fällt ihm schwer, die Füße zu heben oder Treppen zu steigen.
Sehr schmerzhafte Krämpfe in den Füßen, besonders in den Sohlen; Sehnenkontraktur an den Fersen.
Schmerz im Ballen der linken Großzehe.
Heftige Schmerzen in Armen und Beinen; kann die Glieder nicht benutzen.
Ziehende, reißende Gliederschmerzen, wechseln den Ort.
Steifheit der Gelenke und Schwellung von Händen und Füßen.
Rheumaanfälle treten plötzlich auf und verschwinden plötzlich; wandernde Schmerzen; akute Anfälle gehen in die chronische Form über, oder während des chronischen Zustands setzen akute Anfälle ein.
Schmerzen in den Gelenken, besonders wenn dagegengestoßen wird; Anstoßen der Zehen ist übermäßig schmerzhaft.
Große Reizbarkeit während der Schmerzen; sehr berührungsempfindlich; die geringste Erschütterung lässt die Schmerzen unerträglich werden.
Metastasis zu den inneren Organen.
Wassersucht innerer Organe und Höhlen: Hydroperikard – Hydrothorax – Aszites – Hydrometra.
Steht in enger Beziehung zum fibrösen Bindegewebe; Rötung, Wärme, Schwellung etc., ohne Eiterungstendenz; rasch wechselnde Lokalisation.
Gelenkentzündungen mit extremer Hyperästhesie; die leiseste Erschütterung von Luft, Fußboden oder Bett lässt die Schmerzen unerträglich werden; … große Gelenke hochrot und heiß. … Wirkt mehr auf die kleinen als auf die großen Gelenke.
Bei Missbrauch beschleunigt es Gichtrückfälle.

Collinsonia canadensis

Weitere Namen: Grießwurzel
collinsoniaIch kann mich noch gut an meine erste Bekanntschaft mit Collinsonia erinnern. Ein Gynäkologe, in dessen Klinik ich viele Jahre gearbeitet hatte und dem ich eine gute Ausbildung verdanke, führte mich in den Gebrauch der Arznei ein. Er hatte eine sehr hohe Meinung vom Wert dieses Mittels in ‚Gyn‘-Fällen mit Hämorrhoiden, wo es sich anscheinend stets als nützlich erwiesen hat. Es scheint jedoch niemals angemessen geprüft worden zu sein.
Im Anhang zu Band 10 von Allens Encyclopedia findet sich eine Einzelprüfung von Collinsonia in Rohsubstanz, die von einem amerikanischen Arzt mit eineinhalb Teelöffeln der pulverisierten Wurzel vorgenommen wurde. Clarke (Dictionary) führt eine weitere Prüfung auf, diesmal der Tinktur.95

95

Hierbei handelt es sich um die erste (!) Prüfung von Collinsonia. Sie wurde von Burt durchgeführt, und zwar mit der 3. Dezimalpotenz und mit der Urtinktur. Sie ist in Band 3 von Allens Encyclopedia wiedergegeben, allerdings nicht an der alphabetisch richtigen Stelle: Sie erscheint nach COLOCYNTHIS auf S. 507! Erstmals wurde sie jedoch bereits in Hales New Remedies veröffentlicht.

Darüber hinaus hat eine Reihe von Autoren seinen Wert bei Obstipation während der Schwangerschaft beschrieben, bei Prolapsus ani sowie Prolapsus uteri mit Pruritus und Dysmenorrhö, ferner bei Dysmenorrhö mit mensuellen Krämpfen; selbst bei sympathetischer Aphonie und bei Lungenblutungen soll es hilfreich gewesen sein. In Herings Guiding Symptoms, aus denen ich unten die wichtigsten und auch einige sonderbare Symptome zitiere, scheint die Prüfung der pulverisierten Wurzel nicht berücksichtigt zu sein. Ich möchte sie jedoch ausführlicher wiedergeben, denn sie vermittelt ein eigentümliches Bild der Arzneiwirkung, das an die (zuweilen) recht unangenehmen Zustände erinnert, wie sie unter den Begriffen ‚Urtikaria‘ und ‚angioneurotisches Ödem‘ zusammengefasst werden.
Im Folgenden also ein längeres Zitat aus diesem Prüfungsbericht, dessen eigenartige Symptome weder bei Clarke noch bei Hering zu finden sind.
„Etwa eine halbe Stunde nach Einnahme des Pulvers wurde ein Wärmegefühl in den Lippen empfunden, zugleich ein spannend-drückender Kopfschmerz an der Austrittsstelle des linken Supraorbitalnervs. … Ungefähr zehn Minuten später hatte der Schmerz aufgehört, doch das Wärmegefühl nahm zu und breitete sich entlang der inneren Oberfläche der Lippen aus; es verstärkte sich rapide und nahm schließlich die Form eines Vergrößerungsgefühls der Teile an, verbunden mit der Empfindung, als wären die Lippen mit unzähligen vor- und zurückschnellenden Nadeln besetzt.
Dieses durch nadelartiges Stechen charakterisierte Taubheitsgefühl befiel nun auch das Gesicht, besonders die Wangen, die Stirn und die behaarten Bereiche unter dem Kinn von einem Ohr zum anderen, und erstreckte sich bis fast zum Brustbein hinunter. Die Zunge war davon seltsamerweise nicht betroffen. (Beim Schlucken des Pulvers hatte sich eine ‚kaustische‘, ätzende Empfindung im Rachen eingestellt, aber zu keinem Zeitpunkt der Prüfung war allgemeines Brennen in der Halsgrube oder im Schlund zu verzeichnen.) Während die Innenseite der Lippen und die gesamte Wangenschleimhaut eine intensive Reizung erfuhren, schien das Gesicht breiter und breiter zu werden, wobei der Geist angenehm erregt war.
Nun wurde der gesamte rechte Unterarm taub und schwer, vom Ellbogen bis zu den Fingerspitzen, dann der linke Arm und die linken Finger, wobei auf beiden Seiten die Daumenballen stärker betroffen waren als die Finger. Ein Übelkeitsgefühl kam hinzu, sodass ich meinte, mich übergeben zu müssen; frische Luft besserte nicht. Die Lippen schienen währenddessen immer weiter an Größe zuzunehmen und der Mund wie der eines großen Welses offenzustehen. Lippen trocken; kein Speichelfluss während der gesamten Prüfung. …
Im Liegen pflegte der Puls unter dem Finger fadenförmig zu werden, um dann mit um so größerem Volumen wiederzukehren. Heiße Speisen und Getränke verstärkten offenbar die Wirkung der Arznei. Es war, als ob aconitumACONITUM oder arum triphyllumARUM TRIPHYLLUM eingenommen worden wäre. NUXnux vomica VOMICA erwies sich schließlich als Antidot; die Auswirkungen von Collinsonia schienen sich darunter wie Nebel oder Dunst von oben nach unten aufzulösen. Man konnte diesen Auflösungsprozess richtig spüren: Zuerst wurde die Besserung an der Stirn verspürt, dann verloren die Wangen ihre groteske Größe, die Lippen ihr stechendes Glühen, und schließlich wurden die Arme nacheinander bis hinunter zu den Fingerspitzen besser. Die Taubheit in den Daumenballen jedoch blieb zunächst bestehen, der rechte Ballen fühlte sich sogar am nächsten Tag noch unnatürlich an. …
Beim Gehen an der kühlen, frischen Luft fühlten sich die Gliedmaßen, besonders die Füße seltsam leicht an, so als könnte ich rennen wie ein Reh. Ich hatte das Gefühl, die unteren Extremitäten gehörten nicht mehr zu meinem Körper bzw. zu mir als Person. … Dann Vergrößerungs- und Taubheitsgefühl von Hüfte zu Hüfte, ebenso am rechten Oberschenkel, während der linke ‚übersprungen‘ wurde; Empfindung von Vergrößerung und ‚Einschlafen‘ der Waden. NUXnux vomica VOMICA C 1, in Wasserauflösung schlückchenweise getrunken, rief das Gefühl hervor, als ob eine Windel entfernt würde, die durch ihre Enge und ihr Gewicht die Nervenfunktionen behindert hatte.“
Hauptsymptome96

96

Hering, Guiding Symptoms. Bei der Übersetzung habe ich z.T. auf Oehmes deutsche Bearbeitung von Hales New Remedies zurückgegriffen (Kap. A, Fußnote 25).

Schleimige oder aus schwarzen und kotigen Stoffen bestehende Durchfälle, mit Kolik und Tenesmus (nach der Entbindung).
Ruhr mit Hämorrhoiden, dabei Tenesmus.
Hartnäckige Verstopfung mit Hämorrhoiden; Stühle sehr träge und hart, begleitet von Schmerzen und Flatulenz.
Hämorrhoiden bei Obstipation oder selbst bei Diarrhö: blutend oder blind und hervortretend; Gefühl von Holzstückchen, Steinchen oder Sand im Rektum; < gegen Abend bis spät nachts, > früh.
Abwechselnd Durchfall und Verstopfung, dabei beständig, wenn auch nur mäßig blutende Hämorrhoiden.
Chronische, schmerzhafte, blutende Hämorrhoiden.
Kardiale Ödeme.
Weitere wichtige oder sonderbare Symptome
Gastrische oder hämorrhoidale Kopfschmerzen, mit Schwindelgefühl.
Die Zunge entlang der Mitte und an der Wurzel gelb belegt, mit bitterem Mundgeschmack.
Übelkeit: mit krampfartigen Schmerzen im Magen; bei hartnäckiger Verstopfung während der Schwangerschaft.
Dyspepsie mit Sodbrennen und Hämorrhoiden.
Blutstauung im Pfortadersystem und in den Beckenorganen, mit Blähungskollern in Magen und Därmen; träger Stuhl mit aufgetriebenem Abdomen; Hämorrhoiden.
Chronische Diarrhö bei Kindern.
Hellfarbiger, klumpiger Stuhl, der mit großer Anstrengung entleert wird, danach dumpfe Schmerzen im After und im Hypogastrium, die ungefähr eine halbe Stunde anhalten.
Durch Kongestion bedingte Untätigkeit des unteren Teils des Darmkanals.
Schweregefühl oder Drücken im Rektum, mit heftigem Reizzustand oder Jucken dieses Bereiches.
Starkes Jucken oder Brennen im After; Schwellung von Rektum und Anus.
Varikozele mit äußerster Stuhlverstopfung.
Fürchterliche Dysmenorrhö mit Hämorrhoiden, beständigem Durchfall und Appetitverlust.
Heftige Krämpfe in der Uterusgegend, denen starke Schmerzen vorangehen.
Pruritus vulvae, begleitet von Hämorrhoiden.
Hartnäckige Obstipation während der Schwangerschaft.
Kann weder gehen, liegen noch sitzen (außer auf einer Stuhlkante), so geschwollen und entzündet sind die Geschlechtsteile (im 8. Schwangerschaftsmonat).
Schwere Atemnotanfälle mit großer Schwäche. Reizung der Herznerven. Herzaktion anhaltend schnell, aber schwach.
Nach Besserung der Herzbeschwerden treten alte Hämorrhoiden wieder auf, oder unterdrückte Menses kehren zurück.
Herzklopfen bei Leuten, die zu Hämorrhoiden, Dyspepsie und Flatulenz neigen.
Die geringste Aufregung verschlimmert die Herzsymptome.
Periodische Anfälle von Schwäche und Oppression; Ohnmachtsanfälle mit Vollheit in der Brust und erschwerter Atmung (infolge Reizung der Herznerven).
Gefühl, als steckten Holzstückchen, Steinchen oder Sand im unteren Teil des Rektums und im After. Rektum extrem empfindlich.
Brennen im After. Hitzegefühl im Magen, im After.
Bei diesen ‚Indikationen‘ fällt auf, dass es sich hauptsächlich um geheilte Zustände handelt; sie wurden nicht ‚hervorgerufen und geheilt‘. Diesbezüglich gab es einmal eine große Kontroverse. Es wurde die umstrittene Auffassung vertreten, dass ein Mittel vom wissenschaftlich-homöopathischen Standpunkt her nicht akzeptiert werden sollte, wenn von ihm nicht bekannt war, dass es die Symptome, die es geheilt hatte, auch hervorgerufen hatte. Grimmig betrat Dr. Clarke die Arena und meinte, dieses Mittel sei dann eben verkehrt herum, sozusagen in Steißlage auf die (homöopathische) Welt gekommen – und später konnte er zeigen, dass das betreffende Mittel bei der Prüfung genau die Symptome hervorrief, für die es als heilsam erkannt worden war. Begreifen wir es doch endlich: Was ein Mittel heilen kann, das kann es auch hervorrufen; und was ein Mittel hervorrufen kann, das – und nur das – vermag es auch zu heilen! Dies ist das eigentliche Wesen der Homöopathie.
Unzweifelhaft aber ist: Collinsonia hat einen enormen Einfluss auf die Beckenorgane und einen großen Wirkungskreis bei Erkrankungen des Rektums. Außerdem wirkt es auf den Blutkreislauf, indem es Kongestionen und Blutungen unter Kontrolle bringt.
Dr. W. J. Guernsey97

97

Nicht H. N. Guernsey, der Autor der Keynotes.

beschreibt in Homœopathic Therapeutics of Haemorrhoids die Collinsonia-Hämorrhoiden als mit wunden, dumpfen Schmerzen einhergehend, die verstärkt nach hartem Stuhl auftreten.
Gefühl von Brennen, Hitze, Schwere; Juckreiz.
Stechendes Gefühl im Rektum, als wäre es mit Holzstückchen, Steinchen oder Sand gefüllt.
Unablässiges, wenn auch nicht starkes Bluten.
Blind; chronisch; hartnäckig; äußerlich; vortretend.
Mit Paralyse und kongestiver Trägheit des Rektums.
Schlimmer: abends, nachts; während der Schwangerschaft; nach hartem Stuhl.
Begleiterscheinungen: Obstipation, Schmerzen im Epigastrium, Appetitlosigkeit.
Viel Flatulenz. Blutandrang in den Beckenorganen, verbunden mit Hämorrhoiden, besonders in den letzten Schwangerschaftsmonaten.
Blasenkatarrh mit Hämorrhoiden.
Stühle meist nur abends.
Heftige, kolikartige Schmerzen im Hypogastrium, alle paar Minuten, mit Ohnmacht; muss sich setzen, um sich Erleichterung zu verschaffen.
Farrington erwähnt Collinsonia nur kurz. Es ist, wie er sagt, bei Hämorrhoiden indiziert, wenn ein Gefühl wie von Holzsplittern im Rektum vorhanden ist. Zumeist besteht Stuhlverstopfung. Die Darmsymptome sind abends und nachts schlimmer.
Collinsonia ist auch bei Prolapsus uteri, der durch Hämorrhoiden kompliziert wird, hilfreich. Für diesen Zustand ist es ebenso häufig angezeigt wie podophyllumPODOPHYLLUM bei Prolapsus uteri mit Diarrhö und Prolapsus recti.
Wir finden bei Collinsonia auch eines der opiumOPIUM-Symptome: Aus dem Rektum werden trockene Kotballen ausgeschieden; doch unterscheiden sich diese von jenen bei OPIUM dadurch, dass sie hell gefärbt sind.
Nash schreibt: „Collinsonia ist noch nicht gründlich geprüft worden, doch reicht das, was wir bis heute darüber wissen, neben unserer klinischen Erfahrung allemal aus, um es als ein Mittel von großem Wert zu erkennen. Als Heilmittel bei Hämorrhoiden oder Mastdarmbeschwerden kann es mit aesculus hippocastanumAESCULUS HIPPOCASTANUM verglichen werden, denn beide haben ein Gefühl, als ob das Rektum mit kleinen Holzstückchen angefüllt wäre.“ Es folgen einige Unterschiede:
AesculusCollinsonia
Ausgeprägtes Vollheitsgefühl im Rektum.(So nicht vorhanden.)
Hämorrhoiden bluten in der Regel nicht.Hämorrhoiden bluten oft anhaltend.
Wundheitsgefühl und starke, dumpfe Schmerzen im Rücken.(Hat sich – bisher – noch nicht gezeigt.)
Mal Verstopfung, mal nicht.Stark verstopft, leidet deswegen an Bauchschmerzen.
Nash berichtet über zwei von ihm geheilte Fälle:
Seit Jahren immer wieder auftretende, heftigste Bauchschmerzen, die allen Bemühungen seitens der Schulmedizin getrotzt hatten. Nash entschied sich für das Mittel aufgrund der hartnäckigen Obstipation, der starken Flatulenz und der bestehenden Hämorrhoiden.
Der zweite Fall, den er mit Collinsonia heilte, war einer seiner hartnäckigsten Obstipationsfälle. In den beiden Jahren zuvor hatte der Patient im Schnitt nur alle zwei Wochen eine Darmentleerung gehabt – und auch diese nur unter Zuhilfenahme stärkster Abführmittel; danach musste er regelmäßig zwei oder drei Tage halbkrank im Bett verbringen. Collinsonia heilte ihn innerhalb eines Monats vollkommen; danach hatte er täglich normalen Stuhlgang, und die Beschwerden „sind seitdem in all den Jahren nicht wiedergekehrt“.
Wahrlich ein Mittel, das es verdient hätte, bekannter zu sein. Sie haben seine Bekanntschaft gemacht – lassen Sie nun Ihrerseits andere daran teilhaben!

Colocynthis

Weitere Namen: Citrullus colocynthis; Koloquinte
Ich nehme an, wir alle sind schon einmal Zeuge der erstaunlich prompten Wirkung von Colocynthis bei Krämpfen und Koliken gewesen, die durch Vornüberbeugen und festes Pressen in den Bauch gelindert wurden. Das könnte auch der Grund sein, warum viele von uns Colocynthis nur noch mit diesem einen Symptom in Verbindung bringen.
Doch Colocynthis steht für sehr viel mehr als für dieses „Klemmen im Bauche, als würden die Därme zwischen Steinen eingeklemmt …“, wobei „nur ein Druck auf den Bauch mit der Hand und die Einbiegung desselben den Schmerz minderten“ [Hahnemann].
Das Mittel neigt zu schrecklichen Nervenschmerzen – in der Wirbelsäule, in den Gliedmaßen, im Kopf, in den Ovarien; und besonders typisch ist es, wenn diese durch Zorn und Entrüstung ausgelöst werden.
Nash sagt: „Kein Mittel erzeugt heftigere Leibschmerzen als dieses, und kein Mittel heilt sie geschwinder. Dr. T. L. Brown sagte einmal sinngemäß zu mir: ‚Wenn ich der Heilkraft kleiner Gaben noch skeptisch gegenüberstünde, so würde mich Colocynthis endgültig überzeugen; denn in vielen Fällen heftigster Koliken habe ich umgehende Linderung damit erreicht, bei Kindern wie auch bei Erwachsenen und sogar bei Pferden.‘ – Natürlich wird jeder wahre Homöopath das nur unterstreichen können.
Die Koliken von Colocynthis sind furchtbar und nur zu ertragen, indem man sich zusammenkrümmt und etwas Hartes fest gegen den Leib presst: Der Kranke beugt sich über die Stuhllehne, die Tischkante oder den Bettpfosten, um sich Erleichterung zu verschaffen. Diese Bauchschmerzen sind von neuralgischem Charakter und werden oft von Erbrechen und Durchfall begleitet, was allerdings eher eine Folge der großen Schmerzen zu sein scheint als irgendeine spezielle Störung seitens des Magens oder Darms.“ Wie wir später sehen werden, hebt auch Kent diesen Punkt besonders hervor.
Nash vergleicht Colocynthis mit chamomillaCHAMOMILLA: „Sowohl CHAMOMILLA als auch Colocynthis haben Koliken oder andere neuralgische Beschwerden nach Wutausbrüchen. CHAMOMILLA schlägt bei Bauchschmerzen von Kindern an, wenn der Leib von Blähungen aufgetrieben ist; das CHAMOMILLA-Kind wirft sich vor Schmerzen hin und her, krümmt sich aber nicht wie Colocynthis zusammen.“
Guernseys besondere Gabe ist es, mit wenigen Worten das Wesen einer Arznei zu erfassen; bei Colocynthis sieht das so aus:
„Das stärkste Charakteristikum, das nach diesem Mittel verlangt, ist ein quälender Bauchschmerz, der den Patienten zwingt, sich zusammenzukrümmen. Erleichterung wird durch Bewegung erreicht, etwa indem er sich hin und her windet und dreht, und solange die Schmerzen anhalten, behält er auch diese Bewegungen bei. Durch geringste Mengen von Speisen oder Getränken werden die Schmerzen verstärkt. Sie können für sich allein bestehen oder auch in Verbindung mit Ruhr, akuter Gastroenteritis etc. auftreten; das Zusammenkrümmen und Pressen auf den Bauch ist hierbei das Hauptcharakteristikum. … Gefühl, als ob im Bauch Steine aneinanderreiben und dabei die Weichteile bearbeiten würden; – als wären die Muskeln zu kurz; – von Spannen in den äußeren Körperregionen … Schlimmer: durch ärgerliche Erlebnisse; durch Zorn mit Entrüstung; nach Demütigung oder Kränkung.“
Doch einmal mehr ist es Kent, der uns das klarste Bild von Colocynthis vermittelt; dabei arbeitet er bestimmte Züge des Mittels heraus, die anderenorts kaum zu finden und auch aus dem Repertorium nur schwer abzuleiten sind (ich habe es erst kürzlich versucht!).
Er sagt: „Das Hauptmerkmal von Colocynthis sind seine heftigen, reißenden, neuralgischen Schmerzen; so heftig sind diese, dass der Patient außerstande ist, ruhig zu bleiben. Bisweilen werden sie durch Bewegung auch gemildert – zumindest scheint Ruhe das Leiden eher zu verstärken; besser durch Druck und gelegentlich auch durch Wärme. Die Schmerzen treten im Gesicht auf, im Abdomen, entlang den Nervenbahnen.
All diese Schmerzen sind oft auf eine ganz spezifische Ursache zurückzuführen, nämlich Zorn oder Ärger in Verbindung mit Entrüstung. Deshalb neigen Menschen, die überheblich sind und schnell beleidigt oder verärgert reagieren, nicht selten zu Colocynthis-Beschwerden. Ärger oder Zorn kann eine heftige Neuralgie zur Folge haben, sei es im Bereich des Kopfes, der Augen, des Intestinums oder der Wirbelsäule.
Der Kranke schreit vor Schmerzen, geht im Zimmer auf und ab und wird immer unruhiger, je länger diese anhalten. … Seine Freunde gehen ihm auf die Nerven, er möchte nur allein sein. Er hat schließlich genug damit zu tun, diese schrecklichen Schmerzen auszuhalten. …
Häufig kommt es auch zu Erbrechen und Durchfall, besonders wenn die Schmerzen im Bauch lokalisiert sind. Die Koliken treten in Anfällen auf und nehmen an Heftigkeit immer mehr zu. Schließlich wird dem Patienten übel, und er muss sich übergeben; er würgt und würgt immer weiter, auch wenn der Magen längst leer ist. …
Der Arzt fragt: ‚Was ist denn passiert, dass Sie solche Schmerzen haben?‘ Und nicht selten wird er eine Antwort bekommen wie diese: ‚Ach, mein Diener hatte schmutziges Wasser auf einem hübschen Teppich verschüttet; wir hatten eine kurze Auseinandersetzung darüber – und dies ist nun das Ergebnis!‘ …
Das Erbrechen von Colocynthis ist anders als bei den meisten anderen Mitteln: Es kommt nicht zuerst zu Übelkeit, sondern Übelkeit und Erbrechen treten, wenn der Schmerz eine bestimmte Intensität erreicht hat, gleichzeitig auf; der Mageninhalt wird herausbefördert, und der Patient würgt so lange weiter, bis die Heftigkeit der Schmerzen nachlässt.“
Während ich mit dem Schreiben dieses Artikels beschäftigt war, begegnete mir ein Fall, der das perfekte Colocynthis-Bild bot, wie es von Kent so eindrücklich dargestellt wird.
Man hatte die sich vor Schmerzen krümmende Patientin aus ihrem Bett geholt und zu mir gebracht. Auf der Fahrt hatte sie eine bittere, gelbe Flüssigkeit erbrochen, und ihr Gesicht war von schwerem Leiden gezeichnet. „Sie hat schon viele solcher Anfälle gehabt, und alle beginnen und verlaufen in der gleichen Art und Weise: Zuerst bekommt sie Schmerzen im Rücken, zwischen den Schultern; dann breiten sie sich zum Kopf und über den ganzen Rücken aus, und schließlich fängt sie an zu erbrechen. Dieser Anfall jetzt hat vor neun Tagen angefangen. Wenn sie sich aufregt, bekommt sie einen Anfall. Ist sie dann krank, wälzt sie sich im Bett umher; sie steht auf, legt sich wieder hin; sie möchte ständig aus dem Bett und umhergehen, aber wenn sie dann auf ist, muss sie für gewöhnlich erbrechen.“
Auch Kent weist darauf hin, dass das Gesicht des Colocynthis-Patienten Angst und Leiden widerspiegelt. „Wo die Schmerzen auch lokalisiert sind, das Gesicht ist stets verzerrt. …
Alle Schmerzen werden durch Druck gebessert, aber dies ist nur zu Anfang so; haben sie erst einmal mehrere Tage mit zunehmender Heftigkeit gewütet, wird der betroffene Bereich so empfindlich, dass auch Druck nicht mehr vertragen wird. …
Die Magenschmerzen sind krampfartig, zusammenschnürend, kneifend oder zwickend, wie von den Fingern einer kräftigen Hand gepackt.
Ähnliche Schmerzen können im Unterleib auftreten; hier ist die Besserung durch starken Druck und durch Zusammenkrümmen (was ja ebenfalls auf Druck hinausläuft) noch ausgeprägter. Sie kommen anfallsweise, mit zunehmender Heftigkeit, bis dem Patienten übel wird und er erbricht. … Der Gepeinigte beugt sich über eine Stuhllehne oder das Fußende seines Bettes, oder er krümmt sich, wenn er nicht aufstehen kann, über seinen Fäusten zusammen. …
Koliken durch Zorn oder Ärger mit Entrüstung; besser durch Zusammenkrümmen und schlimmer in aufrechter Haltung, im Stehen und beim Zurückbiegen des Oberkörpers.
Bei den heftigen Ovarialneuralgien von Colocynthis presst die Patientin den Oberschenkel der schmerzenden Seite kräftig gegen den Bauch und hält ihn dort fest.
Blähungskoliken bei Säuglingen, wenn die Schmerzen durch Liegen auf dem Bauch gelindert werden; sobald ihre Lage verändert wird, fangen sie wieder an zu schreien. …
Colocynthis versetzt das Nervensystem in einen Zustand, wie er bei Menschen zu finden ist, die seit Jahren unter ständigem Ärger und Verdruss zu leiden hatten. Ein Geschäftsmann, der immer wieder berufliche Fehlschläge einstecken musste, wird mürrisch und reizbar und gerät schließlich in einen Zustand nervöser Erschöpfung. Eine Frau, die Tag und Nacht auf ihren untreuen Gemahl achtgeben musste, um ihn von anderen Frauen fernzuhalten, entwickelt nach und nach einen empfindlichen, reizbaren Gemütszustand, und dann reicht schon der geringste Anlass, um sie aus der Fassung zu bringen. Und genau in einem solchen Zustand befindet sich auch der Colocynthis-Prüfer.
Dagegen werden Sie diese Arznei selten angezeigt finden bei kräftigen und vitalen Personen, die plötzlich krank geworden sind.“
Hahnemann schreibt: „Die Alten hatten die Koloquinte, durch Anwendung großer, gefährlicher Gaben zum Purgiren, sehr verdächtig gemacht. Ihre Nachfolger, durch diese fürchterlichen Beispiele abgeschreckt, verwarfen dieselbe entweder ganz, wodurch die in ihr liegende Hülfe für die Menschen verloren ging, oder wagten sich nur äußerst selten, sie zu gebrauchen, wenigstens nie anders, als nach vorgängiger Aenderung und Schwächung ihrer Eigenschaften durch alberne Vorrichtungen, die sie Korrektion nannten, wodurch das eingebildete Giftige derselben gezähmt und gebändigt werden sollte. Man knetete mittels Gummi-Schleims andre purgirende Arzneien darunter, oder man zerstörte zum Theil ihre Kraft durch Gährung oder durch langwieriges Abkochen mit Wasser, Wein, ja selbst Urine, so wie die Alten schon thörichter Weise gethan hatten. Aber auch nach aller solcher Verstümmelung (sogenannter Korrektion) blieb die Koloquinte stets noch in den großen Gaben der Aerzte ein gefährliches Mittel.
Ueberhaupt ist es zu verwundern, daß man in der Arzneischule von jeher das Nachdenken mied und auch bei solchen Gegenständen, wie dieser, nie auf den kinderleichten, einfachen Gedanken kam, daß, wenn die heroischen Arzneisubstanzen in einer gewissen Gabe durchaus allzu heftig wirkten, dieß weniger an der Arzneisubstanz selbst, als vielmehr an der übertriebnen Größe der Gabe liege, die sich doch vermindern läßt, so viel es nöthig ist, und daß eine solche Minderung der Gabe, während sie die Arzneisubstanz unverändert in ihren Eigenschaften läßt, bloß ihre Stärke bis zur unschädlichen und zweckmäßigen Brauchbarkeit herabstimme, und so das natürlichste und zweckmäßigste Korrigens aller heroischen Arzneimittel abgeben müsse.
Es ist einleuchtend, daß wenn ein Pfund Weingeist, auf einmal getrunken, einen Menschen tödten kann, dieß nicht an der absoluten Giftigkeit des Weingeistes, sondern der allzu großen Gabe liege, und daß ein Paar Tropfen Weingeist dem Menschen unschädlich gewesen seyn würden – es ist einleuchtend, daß, während ein Tropfen starker Schwefelsäure sogleich die Stelle der Zunge, auf die er gebracht wird, zu einer Blase aufzieht und aufätzt, er dagegen, mit 20, oder 100.000 Tropfen Wasser verdünnt, eine milde, bloß säuerliche Flüssigkeit darbiete und daß so überhaupt das natürlichste, einfachste Korrigens aller heroischen Substanzen einzig in der Verdünnung und Verkleinerung der Gabe bis zur unschädlichen Brauchbarkeit zu finden seyn müsse.
Auf diese, und bloß auf diese einzige Weise lassen sich die für die unheilbarsten Krankheiten vorzüglich in den heroischen – weit weniger in den schwachen – Arzneisubstanzen (von den Armen an Geiste Gifte genannt) bisher verborgen gelegenen, unschätzbaren Heilkräfte auf ganz sicherm, mildem Wege zum Wohle der leidenden Menschheit zu Tage fördern und damit in akuten und chronischen Krankheiten ausrichten, was die ganze Arzneischule bisher auszurichten nicht vermogte, da ihr die kinderleichte Weise, die überkräftigen Arznei-Substanzen gelind und brauchbar zu machen, nicht in den Sinn kam und sie folglich die größten und hülfreichsten Heilmittel entbehren mußte.
Nach Anleitung folgender, von Koloquinte eigenthümlich bei Gesunden erzeugter Krankheits-Zufälle habe ich mit ihr ungemeine Heilungen homöopathisch verrichten können durch Anwendung von einem kleinen Theile eines Tropfens oktillion- oder decillionfacher Verdünnung obiger Tinktur zur Gabe.
So werden, um nur einer Einzelheit zu gedenken, manche der heftigsten Koliken … oft sehr schnell geheilt, wenn zugleich auch die übrigen charakteristischen Krankheitszustände unter den Symptomen der Koloquinte in Aehnlichkeit, wenigstens zum Theil, anzutreffen sind.“
Hauptsymptome98

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Mit a bezeichnete Symptome sind Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre entnommen. Die in den Chronischen Krankheiten gesperrt gedruckten Symptome hat M. Tyler nicht berücksichtigt; ich habe sie hinzugefügt und mit b versehen. Ein c markiert Symptome aus der zweiten großen Colocynthis-Prüfung, die von Watzke durchgeführt und 1844 im 1. Band der Oesterreichischen Zeitschrift für Homoeopathie veröffentlicht wurde. Eine mit d bezeichnete Beobachtung stammt aus einem Prüfungsfragment J. O. Müllers, veröffentlicht 1857 in der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Aerzte Oesterreichs (Band 1, S. 43)

(Hahnemann und Allen)
Geist und GemütGrosse Angst.b
Beschwerden mannichfacher Art von Indignation und Erbitterung [und Aergerniss], oder innerer, nagender Kränkung über unwürdige Behandlung seiner selbst oder anderer, sein Mitleid erregender Personen.b
KopfPressend drückender Kopfschmerz im Vorderhaupte, am heftigsten beim Bükken und im Liegen auf dem Rücken …a
Reißender Kopfschmerz im ganzen Gehirne, was in der Stirne zu einem Drücken wird, als wenn es die Stirne herauspreßte, – heftiger bei Bewegung der Augenlider.a
Brennender Schmerz in der Stirnhaut, über den Augenbrauen.a
AugenScharf schneidender Schmerz im rechten Augapfel.a
NasePochender und wühlender Schmerz von der Mitte der linken Nasenseite bis in die Nasenwurzel.a
ZähneSchmerz in der untern Reihe, als würde der Nerve gezerrt und angespannt.a
MagenHeftiger Durst.b
Leeres Aufstoßen.a
AbdomenSie wird von fürchterlichen zusammenziehenden oder drehenden Schmerzen in den Gedärmen gepackt, direkt am Nabel …
Zusammenziehender Schmerz in der Nabelgegend, gleich nach dem Mittagsessen.c
Grimmen um den Nabel.c
Kneipen um den Nabel, durch Obstgenuss vermehrt.c
Grimmen und Schneiden in der Nabelgegend …c
Heftiges Bauchkneipen in der Nabelgegend.c
Heftige, vom Nabel ausgehende kolikartige Bauchschmerzen mit häufigem erleichterndem Blähungsabgange.c
Grimmen im Bauche, besonders um den Nabel …c
Heftige, kneipende Schmerzen im Bauche, am ärgsten drei Finger unter dem Nabel, zum Vorbeugen nöthigend …c
Deutlich auf die Ovarien zu beziehende einzelne tiefgehende Stiche, wie von einer Nadel, bald in der linken, bald in der rechten Weiche.c
Kneipende und raffende Schmerzen im Unterleibe.a
Das Bauchkneipen ist zuweilen sehr heftig und nöthigt zum Vorwärtsbeugen.c
Leibschmerz …, der ihn nöthigt, sich zusammen zu krümmen …b
Empfindliche Schmerzen, als würde im ganzen Unterleibe mit Gewalt eingegriffen – ein Raffen in die Eingeweide …a
Schmerzen, als würden die Gedärme eingeklemmt und gepreßt; dabei schneidender Schmerz gegen die Schamgegend hin; unter dem Nabel waren die Schmerzen so heftig, daß es ihm die Gesichtsmuskeln gewaltig verzog und die Augen zuzog; bloß ein Druck mit der Hand auf den Unterleib und die Einbiegung des Unterleibes minderte diesen Schmerz.a
Empfindung im ganzen Unterleibe, als würden die Gedärme zwischen Steinen eingeklemmt …a
Kolik.b – Klammartiges Bauchweh …b
Leibschmerzen der heftigsten Art.a
Schneidende99

99

Bei Allen heißt es fälschlich „griping“ statt „cutting“ (Symptom-Nr. 517).

Bauchschmerzen.a – Leibschneiden [gleich nach dem Essen].c
In der Leiste, Schmerz, als drücke sich da ein Bruch heraus, und beim Aufdrücken, Schmerz, als gehe ein Bruch hinein …b
Zurückbleibende, versetzte Blähungen.b
Bauch stark aufgetrieben und schmerzhaft.
RektumNach dem Essen flüssiger Stuhl [mit Blähungsabgang, und den ganzen Nachmittag schmerzhaftes Gefühl im Unterleibe, das erst Abends in der Bettwärme vergeht].c
HarnorganeÖfterer Drang zum Harnen [bei wenig Abgange].c
AtemwegeHüsteln beim Tabakrauchen.a
RückenStark ziehender, strenger Schmerz in den linken Halsmuskeln, stärker noch bei Bewegung.a
Wundheits-Schmerz im linken Schulterblatt, in der Ruhe.a
In der Gegend des rechten Schulterblattes, eine innere ziehende Empfindung, als würden die Nerven und Gefäße angespannt.a
Stumpfe Stiche in der Hüftgegend rechter Seite [beim Gehen]; … im Sitzen besser, aber stattdessen … eine schwere Last in der Lumbodorsalgegend. … Dabei schien mir … die Wärmeentwickelung in dem leidenden Theile gesteigert, das Betasten empfindlich. … Nachts in der Bettwärme beruhigte sich der Schmerz, weckte mich aber … etwa um vier Uhr aus dem Schlafe. Nun hatte er seinen Charakter insoferne geändert, als er sich nicht mehr stechend oder drückend, sondern klopfend, fast bohrend äusserte. … Der Ausgangspunkt des Leidens lag in der Sacralgegend, entsprechend der Bildungsstätte des Plexus ischiadicus, zog sich von da durch die Incisura ischiadica major gegen das Hüftgelenk, von welchem der Schmerz an der hinteren Seite des Schenkels gegen das Kniegelenk, die Fossa poplitea, hin ausstrahlte.d
Spannend stechender Schmerz in der rechten Lende, fühlbar bloß beim Einathmen, und am heftigsten beim Liegen auf dem Rücken.a
ExtremitätenHeftig ziehende Schmerzen im Daumen der rechten Hand …a
Bloß beim Gehen, Schmerz im rechten Oberschenkel, als wenn der ihn hebende Psoas-Muskel zu kurz wäre; beim Stehen ließ er nach, beim Gehen aber kam er wieder.a
Klamm in den Unterschenkeln.b
Reißender Schmerz in der rechten Fußsohle, in der Ruhe am heftigsten.a
Einschlafen des linken Fusses …b
NervenUngemeine Neigung der Muskeln aller Körpertheile, sich schmerzhaft zu Klamm zusammen zu ziehen.b
[Der Haupt-Charakter der Koloquinte ist, Klamm-Schmerzen zu erregen, in innern und äussern Theilen, d. i. tonische Krämpfe, mit klemmend drückenden Schmerzen …]b
Dr. George Royal (Iowa) schreibt über Colocynthis: „Nur wenige Mittel sind so gründlich geprüft worden wie Colocynthis. Hahnemann prüfte es und hielt die Wirkungen auf sich selbst, sechs Mitprüfer und fünfzehn weitere Autoren fest. … Wir können wahrhaftig sagen, dass Colocynthis einen größeren Prozentsatz an bestätigten Symptomen aufweist als irgendein anderes Mittel unserer Materia medica.“

Conium maculatum

Weitere Namen: Gefleckter Schierling
In der Reinen Arzneimittellehre hat Hahnemann bereits eine erste Prüfung von Conium veröffentlicht, die er für die Chronischen Krankheiten noch einmal erheblich erweitert hat. Aus den einführenden Bemerkungen zu dieser zweiten Fassung möchte ich zitieren.
Nachdem Hahnemann die Zubereitung des Schierlings nach Art der ‚Homöopathik‘ beschrieben hat, fährt er fort:
„Aus dem, was in den sechsziger und siebenziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Störck und seinen vielen Nachahmern in zahlreichen Büchern von den grossen Erfolgen des conium maculatum geschrieben worden ist, ersieht man gar leicht die nicht geringe Arzneikräftigkeit dieser Pflanze. Allein, so oft auch wunderbare Hülfe durch ihren Gebrauch bei den scheusslichsten Krankheiten, wenigstens anfänglich, zuwege gebracht ward, so oft, ja noch weit öfter, stiftete auch ihre Anwendung in den beliebten grossen, oft wiederholten Gaben Schaden, nicht selten unersetzlichen Schaden, und tödtete Menschen in nicht geringer Zahl.
Das Räthsel, so viel Aufsehn erregende, so freudige als traurige Erfahrungen meist redlicher Beobachter sich dergestalt in's Angesicht einander widersprechen zu sehen, konnte bloss in den neuern Zeiten die Homöopathie lösen, welche zuerst zeigte, dass, um mit heroischen Arzneien wohlthätig zu verfahren und wirklich zu heilen, nicht (wie leider bisher) jede unerkannte Krankheit so geradezu mit öftern, möglichst grossen Gaben des heftigen, ungekannten Mittels bestürmt werden dürfe, sondern: ‚dass nach vorgängiger Ausprüfung und Erforschung der eigenthümlichen Wirkungen desselben an gesunden Menschen das Arzneimittel nur in solchen Krankheits-Zuständen, deren Symptome mit denen der Arznei grosse Aehnlichkeit haben, anzuwenden sei mittels kleinster Gaben der höhern und höchsten Verdünnungen mit angemessener Kraft-Entwickelung bereitet.‘
So Etwas kontrastirt freilich ungemein mit jenen halsbrechenden, bis zu 140 Granen des Dicksaftes (Extraktes) oder bis zu einem Weinglase voll frisch ausgepressten Schierlings-Saftes gesteigerten, und wohl sechs Mal täglich wiederholten Gaben jener Zeit; dafür wird aber auch vom ächten Homöopatiker keine Fehl-Cur mehr damit gemacht – werden nicht ferner Kranke zu Hunderten, wie damals, mit dieser Arznei zu Tode gemartert.
Jene vielen, abschreckenden Beispiele liessen mich nicht eher, als seit einigen Jahren, diese Pflanze als eine der wichtigsten antipsorischen Arzneien erkennen, und ich gebe ihr seitdem hier die rechte Stelle.
Oft müssen ihrer Anwendung erst einige andre antipsorische Mittel vorangegangen sein, wenn sie ihre Wohlthätigkeit zeigen soll. Man giebt sie in den kleinsten Gaben.“
Ich erinnere mich noch gut, wie ich vor Jahren das Gefängnis des Sokrates in Athen besichtigte, in dem der alte Philosoph ruhig seinem Tode entgegengesehen hatte. Ich habe das Bild noch vor mir: eine Aushöhlung im massiven Fels, ein Stück den Hang hinauf gelegen, lang und flach (so habe ich es – nach all den Jahren – zumindest in Erinnerung), ein Ort, der für uns Homöopathen von ganz besonderem Interesse ist – wegen der Todesart des Sokrates. Bekanntlich war er zum Tode verurteilt worden, und zwar durch Trinken eines Glases ausgepressten Schierlingssaftes. Die Vorbereitungen brauchten einige Zeit, und so fragte er seinen Henker, was er zu tun habe. „Gehen Sie umher“, war die Antwort, „und wenn Sie eine Schwere in den Beinen verspüren, legen Sie sich hin.“ Er nahm den Todestrank zu sich, während seine treuen Freunde zusahen und um ihn trauerten; und er ging auf und ab, bis ihm schließlich die Beine versagten und er das Gefühl darin verlor; dann legte er sich nieder. Sein Henker untersuchte ihn und stellte fest, dass seine Beine kalt und empfindungslos waren; bald war auch der Bauch betroffen – die Taubheit stieg immer höher – und am Ende verlor er mit einem konvulsiven Zucken das Bewusstsein und verschied. Genau dies ist das Typische beim Schierling: Er tötet sozusagen von den Extremitäten an aufwärts, wobei der Kopf bis zum Schluss klar bleibt.
Wer war es doch gleich, der seine Verfolger verspottete: „Ihr könnt meinen Körper töten, und ihr könnt auch meine Seele töten – wenn ihr sie fangen könnt!“? Etwas Ähnliches sagte auch Sokrates, als er gefragt wurde: „Wie sollen wir dich begraben?“ „Wie ihr wollt – wenn ich euch nicht entkomme; denn wenn ich das Gift getrunken habe, werde ich nicht mehr bei euch sein. … Keiner möge bei der Beerdigung sagen, er bestatte Sokrates; er sage, dass er meinen Körper begrabe, und den begrabe er, wie er will.“
Wenn ich an Conium denke, fällt mir immer sogleich Sokrates ein, und damit dann auch, wie dieses Gift lähmt – nach Art einer aufsteigenden Paralyse.
Der psychische Zustand von Conium ist träge und wenig anregend – das genaue Gegenteil von cannabis indicaCANNABIS INDICA:
„Gedächtnisschwäche. Vergesslichkeit. Unfähigkeit zu jeder längeren geistigen Anstrengung. Er mag nicht in Gesellschaft sein und scheut doch das Alleinsein. Unlust zur Arbeit. Stumpfheit aller Sinne. Dummheit. Gleichgültigkeit. Hypochondrie und Hysterie infolge Unterdrückung oder zu ungehemmter Befriedigung des Geschlechtstriebes, mit Niedergeschlagenheit, Ängstlichkeit und Traurigkeit.“
Wir sehen also: Auch der Geist ist ‚paralysiert‘ – das Denken verlangsamt, die geistigen Energien abgestumpft und gelähmt. Zwischenzeitlich kann es aber auch zu Zuständen kommen wie diesem:
„Zehn Tage hindurch ist er sehr aufgeregt, heftig, gebieterisch …, zankt mit den Dienstleuten und mit seinen Eltern, zieht gerne seine beste Kleidung an, hat keine Lust zur Arbeit, geht aber gern ins Wirtshaus, spielt und führt darin das erste Wort, wobei es auch wohl zu Schimpfreden kommt; er kauft unnötige Sachen ein, die er dann nicht weiter achtet, selbst wieder verschenkt oder bei einem kleinen Anlasse ruiniert. Widerspruch kann er nicht vertragen und ist durch denselben wohl zu Schlägereien geführt worden.“100

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Es handelt sich hier um den geheilten Fall eines 16-jährigen Jungen aus dem Jahre 1836 (veröffentlicht in der A.H.Z. 9, 196; zitiert aus der Conium-Monographie von Georg von Keller, Haug Verlag, Fall 1098, Seite XI). Dieser Zustand wechselte jahrelang mit einer stillen Periode ab, deren Symptome den zuvor beschriebenen ähnlich waren.

Lassen Sie uns sehen, was Kent zu Conium zu sagen hat! Ich werde das Wichtigste herauspicken und zusammenfassend zitieren.
„Diese Arznei ist ein tief- und langwirkendes Antipsorikum. … Beschwerden aufgrund von Erkältungen, wobei allenthalben Drüsen und Lymphknoten in Mitleidenschaft gezogen werden. … Infiltration der Umgebung von Geschwüren und entzündeten Körperteilen; perlschnurartig schwellen die Lymphknoten entlang den ableitenden Lymphbahnen an. …
Conium ist häufig bei malignen Erkrankungen der Drüsen und Lymphknoten verwendet worden, was nicht verwundert, denn von Beginn an werden diese mit affiziert und infiltriert; so werden sie allmählich steinhart, wie beim Szirrhus.
(Zur Wirkung auf das Nervensystem:) Die Nerven befinden sich in einem Zustand großer Schwäche, wodurch es zu Zittern und Muskelzuckungen kommt. … Allmählich zunehmende lähmungsartige Schwäche, etwa in der Art von cocculusCOCCULUS. … Die Leber ist verhärtet und vergrößert und arbeitet nur sehr träge. Die Blase kann wegen der Schwäche nur einen Teil des Harns austreiben, oder die Expulsivkraft ist durch Lähmung der Blase völlig verlorengegangen. …
Conium ist von so tiefgreifender Wirkung, dass es allmählich einen Zustand der Imbezillität herbeiführt. Die Geisteskräfte lassen immer mehr nach, sie sind ermüdet, wie die Muskeln des Körpers. … Die Unfähigkeit, irgendeine geistige Anstrengung durchzuhalten oder sich auf etwas zu konzentrieren, gehört zu den wichtigsten Symptomen dieser Arznei. … Psychosen von mehr passivem Charakter. Der Conium-Patient ist in seinem Denken verlangsamt, und er verbleibt in diesem Zustand über Wochen und Monate, wenn er sich überhaupt je erholt. Die durch Übererregbarkeit, Gewalttätigkeit und erhöhte Phantasie gekennzeichneten Fälle entsprechen eher Mitteln wie belladonnaBELLADONNA, hyoscyamusHYOSCYAMUS, stramoniumSTRAMONIUM oder arsenicumARSENICUM; bei Conium finden Sie nur wenig davon101

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101 Siehe z.B. den auf der vorigen Seite zitierten Fall.

. … Voller psychischer Eigenheiten und Marotten, die sich so schleichend entwickelt haben, dass die Angehörigen es gar nicht bemerkt haben. … Conium zeichnet sich durch Langsamkeit und Passivität aus. Vollkommene Teilnahmslosigkeit.
‚Große Niedergeschlagenheit, alle vierzehn Tage wiederkehrend‘ – dies zeigt eine zweiwöchentliche Periodizität an.“
An dieser Stelle wiederholt Kent eine grundsätzliche Regel: „Wann immer sich unter einer homöopathischen Behandlung die körperlichen Symptome bessern und die psychischen verschlimmern, wird der Patient nicht geheilt werden. … Dies bezieht sich natürlich nicht auf die Erstverschlimmerung, wie sie von der richtigen Arznei hervorgerufen wird, sondern es bezieht sich auf die Zeit danach, wenn das Mittel seine ‚reguläre Arbeit‘ aufgenommen hat. Wenn die Psyche mittelfristig nicht gebessert wird, bedeutet dies, dass es dem Patienten insgesamt schlechter geht. Es gibt keinen besseren Beweis für die gute Wirkung eines Arzneimittels als eine Besserung auf der geistig-seelischen Ebene.
Conium-Patienten vertragen überhaupt keinen Alkohol. Wenn sie Wein oder irgendein anderes ‚geistiges Getränk‘ auch nur in kleinsten Mengen zu sich nehmen, zittern sie vor Aufregung, können nicht mehr klar denken und sind völlig kraftlos. …
Taubheit, Empfindungslosigkeit – dies ist ein Allgemeinsymptom. Wo immer sich Beschwerden zeigen, kann sich auch Taubheit einstellen; Taubheit bei Schmerzen (platinumPLATINUM, chamomillaCHAMOMILLA); sehr oft bringt auch die beschriebene Schwäche Taubheit mit sich.
Schwindel beim Drehen des Kopfes; Schwindel, als würde man sich im Kreise drehen; Schwindel beim Erheben vom Sitzen. Schlimmer im Liegen102

102

Dieses Hahnemannsche Symptom lautet im Englischen (bei Allen): „Vertigo, worse when lying down …“ Zieht man die modernen Wörterbücher zu Rate, würde man dies rückübersetzen mit „Schlimmer beim Hinlegen“, was natürlich etwas vollkommen anderes ist. Tatsächlich kann to lie down aber auch liegen, ruhen, niederliegen bedeuten. Dieser Fehler ist bei Übersetzungen homöopathischer Bücher aus dem Englischen häufig gemacht worden; man sollte daher bei solchen Formulierungen immer vorsichtig sein. (Ähnliche Probleme gibt es nicht selten mit „Sitzen, Hinsetzen, Aufsetzen, Aufsitzen“ etc.) Manchmal lässt sich die Bedeutung aus der Präposition erschließen: „On lying down“ steht meist (aber nicht immer!) für den Vorgang des Hinlegens, „while lying down“ eher für den Zustand des Liegens. Im Kent-Repertorium, das in dieser Frage meistens glücklicherweise klar ist (was nicht ausschließt, dass es im Vorfeld bereits zu Verwechslungen gekommen ist), findet sich Conium nun als einziges Mittel dreiwertig in der Rubrik „Schwindel, im Liegen schlechter“, in der Rubrik „Schwindel beim Hinlegen“ ist es dagegen überhaupt nicht vertreten – und dies ist m. E. eine Fehlbewertung, aus folgenden Gründen:

  • 1

    Schon Nash relativiert die Bedeutung des Liegens im Bett für den Schwindel von Conium und hebt vor allem die seitliche Bewegung des Kopfes als das auslösende Moment hervor (s.u. das Zitat von Nash).

  • 2

    Georg von Keller bringt in seiner Conium-Monographie auf den Seiten XXIII–XXIV mehr als 20 eigene Fälle von Schwindel, die mit Conium geheilt wurden. In den allermeisten dieser Fälle ging der Schwindel mit Bewegung (des Körpers, des Kopfes, der Augen) einher, nur jeweils einmal wird u. a. auch von Schwindel bei Kopftieflage, bei Rückenlage (aber: besser im Liegen auf der Seite), bei Föhnwetter sowie bei Aufregung gesprochen. Fast durchgängig trat er aber auf beim Aufstehen und Hinlegen, beim Umdrehen im Bett, beim Gehen und Treppensteigen, beim Bücken und Aufrichten vom Bücken, gelegentlich auch beim Aufwärtssehen; einmal heißt es: „Schwindel besser beim ganz ruhig Sitzen, ich darf den Kopf nicht bewegen.“Versucht man, aus all diesen Angaben (einschließlich der Vergiftungsfälle am Ende dieses Kapitels) eine allgemeine Tendenz zu destillieren, so scheint der Conium-Schwindel in erster Linie dann aufzutreten, wenn die Augenmuskeln, insbesondere jene der Akkommodation, tätig sind. Dies kann ja auch bei geschlossenen Augen (etwa, wenn man sich im Bett umdreht) unwillkürlich der Fall sein.

, als ginge das Bett im Kreise herum; beim Umdrehen im Bett oder beim Umhersehen. Am häufigsten tritt bei Conium Schwindel auf, wenn man im Bett liegt und die Augen rollt oder verdreht (vgl. cocculuscocculusCOCCULUS). … Schwäche der Augenmuskeln, sodass der Patient nicht in der Lage ist, sich bewegende Objekte zu beobachten, ohne einen Migräneanfall, Sehstörungen oder psychische Störungen zu erleiden (z.B. beim Fahren im Wagen). Ursache ist die langsame Akkommodation – die Unfähigkeit, rasch zu fokussieren.
Visus. ‚Gegenstände sehen rot aus; sind (außerhalb des Hauses) von Spektralfarben umgeben; farbige Streifen vor den Augen.‘ … Doppeltsehen; Sehschwäche. … ‚Lichtscheu, ohne Entzündung der Augen‘ [Conium hat aber auch schwerste Augenentzündungen geheilt, die Betonung liegt auf der Photophobie]. … Die Lider verdicken und verhärten sich; sie fühlen sich schwer an und fallen leicht zu. … Conium hat Epitheliome der Lider, der Nase und der Wangen geheilt. Krebsgeschwür an der Unterlippe. Tief unter dem Geschwür kann man eine Verhärtung tasten; auch die Lymphknoten entlang den ableitenden Lymphgefäßen sind vergrößert und verhärtet.
Parese des Ösophagus, bis hin zur Paralyse: Schluckbeschwerden; Speisen gehen beim Schlingen nur einen Teil der Strecke hinunter und bleiben dann stecken; Durchtritt durch die Kardia nur unter großen Schwierigkeiten. … ‚Drücken von der Herzgrube herauf bis in den Schlund, als wollte ein runder Körper heraufsteigen‘ (Globus hystericus). …
Unfähigkeit, beim Stuhlgang zu pressen und den Darm zu entleeren, infolge paralytischer Schwäche der an der Austreibung des Stuhls beteiligten Muskeln. … Der Harnfluss ist intermittierend – er stoppt plötzlich und kommt dann wieder in Gang, ohne dass irgendein Druck ausgeübt worden wäre; dies geschieht zwei- oder dreimal während des Harnens.“
Kent berichtet, dass Conium Uterusmyome geheilt hat. „Es hat kanzeröse Wucherungen der Zervix zum Stillstand gebracht. … Und in seinen Prüfungen hat es auch Induration und Infiltration der Zervix hervorgebracht.
Trockener, fast steter Husten, schlimmer beim Liegen im Bett. ‚Husten, fast nur zu Beginn des Liegens; er muss sich aufsetzen, um abzuhusten, dann hat er Ruhe.‘ Husten von tiefem Atmen. …
‚Üble Folgen von Prellung der Wirbelsäule, von Stoß dagegen.‘ Rückenverletzungen, besonders der Lumbalregion, mit Schmerzen und Venenstauung in den Beinen.
Bei den Beschwerden der Beine unterscheidet sich Conium in seinen Modalitäten von den meisten anderen Arzneien. Normalerweise werden Schmerzzustände in den Beinen gelindert, wenn man die Füße auf einen Stuhl legt oder im Bett hochlagert. Bei Conium hingegen werden die Beschwerden gebessert durch Herunterhängenlassen der Gliedmaßen. Der an Rheumatismus, Unterschenkelgeschwüren oder sonstigen Beinleiden Erkrankte legt sich hin und lässt seine Beine bis zu den Knien aus dem Bett baumeln. … Bis heute haben wir keine rechte Erklärung dafür.
Ein anderes wichtiges Merkmal des Mittels: Der Patient schwitzt sehr stark im Schlaf. Manchmal sagt er auch, dass er schon anfange zu schwitzen, wenn er bloß die Augen schließe. Ganz sicher aber trifft dies zu, wenn er die Augen schließt und bald darauf einschläft. …
Es bilden sich leicht Stenosen und Strikturen an Stellen, die entzündet gewesen sind.“
Burnett erzählt eine drollige kleine Geschichte: Er hatte für die Frau eines Bischofs, die ein Malignom auf der Zunge entwickelt hatte, Conium verordnet. Als er sie das nächste Mal besuchte, war die Dame fürchterlich wütend. „Ich erkundigte mich nach dem Grund ihrer Erregung, und sie schrie mich an: ‚Ich habe Ihre Medizin nicht genommen, keinen einzigen Tropfen.‘ ‚Warum nicht?‘ ‚Warum nicht! Es ist Conium, und Sie haben es verschrieben, weil ich eine alte Frau bin!‘ – Meine Proteste waren vergeblich.“ Burnett fügt in einer Fußnote an: „Dem Uneingeweihten darf ich erklären, dass in den homöopathischen Büchlein, die so erhältlich sind, verschiedentlich angegeben wird, dass Conium gut sei für Beschwerden alter Frauen.“ Und ich darf ergänzen, dass es auch mit dem Stempel versehen worden ist, ein gutes Mittel für alte Junggesellen und alte Jungfern zu sein!
So veranschaulicht der obige Fall sehr gut einen der Gründe, Patienten nicht zu sagen, was man ihnen gibt. Die ‚Wissenden‘ unter ihnen, d.h. die Besitzer jener kleinen homöopathischen ‚Ratgeber‘, schlagen die Arzneien darin nach und kritisieren Ihre Verschreibung, wobei sich Billigung oder Missbilligung auf etwas so Gefährliches stützt wie eben – das Halbwissen. Oder sie kommen zu falschen, zuweilen gar katastrophalen Schlussfolgerungen aus dem, was sie dort über die diversen Nutzanwendungen der Arznei nachlesen können. Oder auch, sie treiben, wenn ihnen das Mittel gutgetan hat, Missbrauch damit und erkennen nicht, dass eine Arznei nicht nur heilen kann, was sie hervorruft, sondern auch hervorrufen kann, was sie zu heilen imstande ist. Die Arznei ist in der Homöopathie nicht alles, man muss auch wissen, wie sie zu verordnen ist.
Nun ein Resümee des Beitrags von Nash zu unserem klinischen Wissen über Conium. Seine Zusammenfassung des Mittels kann hier stellvertretend für die anderer Autoren wiedergegeben werden, weil die Unterschiede recht gering sind. Er schreibt:
Schwindel: < durch Drehen des Kopfes, durch Seitwärtssehen oder durch Umdrehen im Bett [s. Fußnote 102].
Geschwulst und Verhärtung von Drüsen, besonders nach Stoß oder Quetschung.
Krebsartige oder skrofulöse Leiden, mit harten, geschwollenen Drüsen.
Aussetzender Harnfluss, besonders bei Prostata- und Uterusleiden.
Brüste empfindlich, hart und schmerzhaft während der Menses.“
Nash nennt Conium „eines der sog. Rückenmarksmittel“ (cocculusCOCCULUS). Alle Autoren stimmen offenbar darin überein, dass es von unten nach oben paralysiert (wie bei Sokrates). Er sagt: „Conium müsste von seinen Symptomen her ein Heilmittel der lokomotorischen Ataxie103

103

Hinterstrangataxie, namentlich bei der syphilisbedingten Rückenmarksschwindsucht (Tabes dorsalis).

sein. Das stärkste Charakteristikum, das ich aus homöopathischer Sicht kenne, ist sein eigentümlicher Schwindel, der durch Seitwärtsdrehen des Kopfes am meisten verschlimmert wird. Gleiches gilt für das Umdrehen im Bett, das ja letztlich auch eine seitliche Bewegung des Kopfes ist. Manche sagen, es sei das Liegen im Bett und das Umdrehen. Ich habe jedoch herausgefunden, dass es nicht so sehr das Liegen ist, sondern vielmehr das Drehen des Kopfes zur Seite, welches Probleme bereitet, sei es in aufrechter oder in horizontaler Position.
Ich behandelte mit Conium einmal einen Fall, der eine Rückenmarksschwindsucht zu sein schien. Der Patient hatte allmählich die Fähigkeit verloren, seine Beine zu gebrauchen. Er konnte nicht stehen, wenn es dunkel war. Auf der Straße ließ er seine Frau entweder vor oder hinter sich gehen, denn wenn er sie seitwärts ansah oder auch nur geringfügig den Kopf oder die Augen zur Seite drehte, bewirkte dies, dass er zu taumeln begann und hinfiel. Conium heilte ihn binnen eines Jahres; zunächst verschlimmerte das Mittel, das er in ein- bis vierwöchigen Abständen einnahm, stets seinen Zustand, doch danach, also jeweils in dem ‚mittellosen‘ Intervall, kam es jedesmal zu einer erheblichen Besserung.“
Bezüglich der Augen-Symptome von Conium betont Nash als eigentümliches, hervorstechendes und ungewöhnliches Symptom: Starke Lichtscheu, die in keinem Verhältnis steht zu den objektiven Entzündungszeichen in den Augen.
Bei allen Szirrhus-Erkrankungen sind, wie er schreibt, die Schmerzen bei Conium von brennendem oder stechendem Charakter (APIS).
apisSchweiß, sobald man schläft oder auch nur die Augen schließt, ob tags oder nachts ist ein Charakteristikum, das man meines Wissens bei keinem anderen Mittel so findet (sambucus nigraSAMBUCUS hat das Gegenteil [reichlichen Schweiß nur im Wachzustand, aber trockene Hitze im Schlaf]).“ Er berichtet von Dr. Lippe, der mit Conium einmal, geleitet durch dieses Schweißsymptom, bei einem 80-jährigen Mann mit vollständiger Halbseitenlähmung eine glänzende Heilung erzielte. „Es dürfte schwierig sein, für ein solches Phänomen eine korrekte pathologische Erklärung zu geben. Irgendeinen Grund wird es natürlich schon haben, doch ob wir ihn nun benennen können oder nicht, wir können jedenfalls, sofern eine Heilung überhaupt möglich ist, den Fall heilen, wenn wir ein entsprechendes Symptom unter einer Arznei wiederfinden.“
Conium und phosphorusPHOSPHORUS sind die Arzneien, die mir als Heilmittel bei einfachem Schwindel sofort in den Sinn kommen (wenn dieser nicht auf eine Subluxation des Atlas, also auf eine winzige, aber folgenreiche Verdrehung desselben zurückzuführen ist). Sehr oft habe ich Fälle von Schwindel im Repertorium ausgearbeitet, wo eines dieser beiden Mittel ‚durchging‘; doch es gibt natürlich viele andere Mittel, die in vergleichbarem Maße Vertigo hervorrufen und heilen können.
Von diesen beiden Mitteln hat PHOSPHORUS Schwindel beim Aufwärtssehen, beim Abwärtssehen [kann Conium beides auch haben], im Freien104

104

Diese Angabe findet sich nur in den Guiding Symptoms (in Verbindung mit abends), nicht bei Allen und auch nicht im Repertorium; bekannt ist dagegen eine Besserung im Freien (die bei Conium fehlt).

, nach dem Essen sowie am Abend [aber auch zu jeder anderen Tageszeit, besonders morgens nach dem Aufstehen].
Conium wird schwindlig beim Drehen oder Wenden, beim Drehen des Kopfes oder der Augen, beim Seitwärtsblicken, im Liegen [siehe Fußnote 102]. Besser in völliger Ruhe, wenn dabei die Augen geschlossen sind. Conium kann, wie wir gesehen haben, keine sich bewegenden Gegenstände beobachten – infolge einer Parese der Akkommodation.
Apropos Schwindel, es gibt ein Heilmittel für das, was man vielleicht als ‚transparenten Schwindel‘ bezeichnen könnte; diese Form habe ich einst am eigenen Leibe erfahren – und seine Heilung durch cyclamenCYCLAMEN: Beim Erwachen, beim Geradeaussehen oder auch beim morgendlichen Aufsetzen oder Aufstehen sieht man die Objekte, auf die man die Augen richtet, unstet herumwirbeln und zu einer Seite (der rechten) wegdriften, und durch diesen Wirbel hindurch kann man die ganze Zeit die Gegenstände im Hintergrund unerschüttert und unbeweglich dastehen sehen (etwa einen großen Kleiderschrank). Zweimal hatte ich bisher in meinem Leben solche Anfälle, und jedesmal beendete eine Dosis cyclamenCYCLAMEN prompt diese unangenehme Erfahrung.
Ein weiteres missliches persönliches Erlebnis mit Schwindel hatte ich während einer Prüfung von ceanothusCEANOTHUS, nachdem ich einige Dosen der Urtinktur eingenommen hatte. Beim Liegen auf der linken Seite geschah gar nichts, wenn ich mich aber auf die rechte Seite drehte, wurde ich von einem furchterregenden Schwindel erfasst: Alles drehte sich und stürzte immer wieder nach rechts, während ich mich in dem Bemühen, meine Lage beizubehalten, krampfhaft an der Bettkante festhielt. Dieser Zustand kehrte noch einmal in geringerem Maße in der nächsten Nacht wieder, und danach habe ich nie mehr etwas davon bemerkt. Es war eine höchst unangenehme, regelrecht beängstigende Erfahrung, und sie lehrte mich, dass Schwindel wirklich etwas Entsetzliches sein kann. Ich nehme nicht an, dass Vertigo als Symptom von CEANOTHUS besonders beachtet wird – aber man sollte es! Persönliche Erfahrungen sind das, was einen am meisten beeindruckt und was am besten im Gedächtnis bleibt. Daher rät Hahnemann ja auch, der Arzt solle sich in der für ihn so wichtigen Beobachtungskunst üben, indem er an sich selbst Prüfungen anstellt und dabei „sich selbst, als das Gewissere, ihn nicht Täuschende, zu beobachten fortfährt“ [Organon, Fußnote zu § 141].
Was den Schweiß betrifft – selbst dieses so alltägliche Symptom kann, wenn es näher bestimmt ist, ein sehr hilfreicher Hinweis auf ein Arzneimittel sein. Dabei mag sich durchaus herausstellen, dass dieses Mittel dann auch die übrigen charakteristischen Symptome des Patienten aufweist und somit zur Heilung führen muss.
Schweiß, sobald man schläft oder auch nur die Augen schließt, ob tags oder nachts. Wie wir gesehen haben, hat Conium dieses Symptom in hohem Maße, doch Kent nennt in der Rubrik „Schweiß beim Augenschließen“ in geringerem Grad auch noch Bry. bryoniaund Lach. (lachesisund einwertig Calc., calcarea carbonicaCarban.carbo animalis und Thuj.).thuja
Schweiß an unbedeckten, kein Schweiß an bedeckten Körperteilen105

105

Dieses Symptom findet sich so nicht im Kent-Repertorium (und könnte daher nachgetragen werden). Es gibt aber die Rubrik „Reichlicher Schweiß, entblößte Körperteile, nur nicht am Kopf “, mit Thuj. als einzigem Mittel.

: ein höchst merkwürdiges und unerklärliches Symptom, das schon oft zur erfolgreichen Verwendung von THUJA geführt hat – wie ich selbst beobachtet habe und wie auch in Fallberichten überliefert ist.
Reichlicher Schweiß an den erkrankten Körperteilen: Ant-t. antimonium tartaricum(Vgl. die Rubrik „Schweiß, erkrankte Körperteile“, mit mehreren weiteren Mitteln, unter denen Ambr., ambraMerc. mercurius (solubilis)und Rhus-t.rhus toxicodendron ebenfalls dreiwertig sind.)
Schweiß an schmerzenden Körperteilen: Kali-c.kalium carbonicum
Reichlicher Schweiß, nur im Wachen: Samb.106

106

Samb. erscheint in dieser Rubrik nur zweiwertig; es gibt aber noch eine zweite Rubrik, wo es als einziges Mittel und dreiwertig angeführt ist, nämlich „Schweiß, tagsüber, im Wachen“.

Der einzige Rivale hier ist Sep., sepiadas aber nur einwertig erscheint. (SEPIA gehört ja zu den ‚schwitzenden Mitteln‘, und besonders ist es ein Heilmittel bei übel riechenden Schweißen bzw. Achselschweißen.)
Lach. lachesisschwitzt bei Herzklopfen [Agar., agaricusArs.].
arsenicumKalter Schweiß beim Essen; Angst und kalter Schweiß beim Essen: jeweils nur Merc.
Reichlicher Schweiß durch Musik: Tarant. tarantula
Bei jeder Bewegung verschwindet der Schweiß, und Hitze tritt auf: Lyc.
lycopodiumSchweiß, der die Fliegen anzieht: Calad. caladium[Puls., pulsatillaSumb., sumbulusThuj.].thuja Mit Schaudern habe ich dies bei einigen alten Bewohnern von Armenhäusern beobachtet, denen es unmöglich war, die Fliegen von ihrem Gesicht fernzuhalten!
Dann gibt es die einseitigen Schweiße; – die Schweiße einzelner Bereiche: Vorderseite des Körpers, Ober- oder Unterkörper, der Teile, auf denen man liegt oder nicht liegt.
Ferner gibt es Schweiße, die die Wäsche unterschiedlich färben – z.B. blutig (vor allem Lach. und Nux-mnux moschata.).
Doch vielleicht am nützlichsten von all diesen ‚Schweiß-Besonderheiten‘ ist der Kopfschweiß im Schlaf, der das Kissen durchnässt, von calcarea carbonicaCALCAREA und SILICEAsilicea; bei der Behandlung von Babys und kleinen Kindern ist dieses Symptom oft von unschätzbarem Wert.
Eine der paralytischen Wirkungen von Conium ist: „Kann nicht expektorieren; verschluckt das Sputum.“
Hauptsymptome107

107

Die Angaben sind größtenteils Herings Guiding Symptoms entnommen, aus denen ich noch einige weitere wichtige angeführt und mit einer 0 markiert habe. Die mit a gekennzeichneten Symptome stammen aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten, die mit b versehenen aus einer Prüfung von Lembke, veröffentlicht in der A.H.Z. 47, 177; ein c markiert Symptome aus Jahrs Symptomencodex. Die eingeklammerten Zahlen hinter einigen Symptomen bezeichnen geheilte Fälle aus der deutschsprachigen Literatur (A.H.Z. etc.), die G. v. Keller zu Beginn seiner Conium-Monographie zusammengestellt hat. Sie sind dort im Zusammenhang nachzulesen.

Geist und GemütGedächtniss-Mangel.a
Unfähigkeit zu jeder längeren geistigen Anstrengung.
Ausserordentliche Unbesinnlichkeit.a
Dummheit; schweres Begreifen dessen, was man liest, mit Kopf-Eingenommenheit.a
Hypochondrische oder hysterische Beschwerden infolge Unterdrückung oder zu ungehemmter Befriedigung des Geschlechtstriebes, mit Niedergeschlagenheit, Ängstlichkeit und Traurigkeit.
Kopf, SchwindelKopfweh, wie zu voll, als wollte der Kopf platzen …a
Migräne, mit Unfähigkeit zu urinieren; starkes Schwindelgefühl, schlimmer im Liegen, wobei sich alles im Kreise zu drehen scheint.
Schwindel im Kreise herum …a
Das mindeste Geistige berauscht ihn.a
AugenGesichts-Schwäche.a – Blindheit …a
Gegenstände sehen rot aus; von Regenbogenfarben umgeben; dunkle Punkte und farbige Streifen vor den Augen.
Schwäche der Augen, wie geblendet, mit Schwindel und Kraftlosigkeit des ganzen Körpers, besonders der Muskeln von Armen und Beinen, sodass ich, als ich zu gehen versuchte, geneigt war zu schwanken, wie jemand, der zu viel Alkohol getrunken hat.
Scrophulöse Lichtscheu. Mir ist öfters die bedeutendste Lichtscheu mit Augenliderkrampf vorgekommen, wo nach mühsamen Versuchen, die Augenlider von einander zu ziehen, dieses endlich unter Hervorstürzen eines Stromes heißer Tränen gelang, aber sowohl Hornhaut als Sclerotica frei von Entzündung sich zeigten. (1091)
Brennen in den Augen.a
Brennen auf der innern Fläche der Augenlider.a
Hornhautulzera, erst am rechten, dann auch am linken Auge.
Er konnte kaum die Lider heben; sie schienen von einem schweren Gewicht niedergedrückt zu werden.
OhrenViel Ohrenschmalz von Aussehen wie zerfaultes Papier, mit eiterähnlichem Schleim vermischt … (1085)
Anhäufung von Ohrschmalz.a
Blutrothes Ohrschmalz.a
RektumNach jedem Stuhle, zittrige Schwäche … Herzklopfen …0,a
HarnorganeBeim Wasserlassen, Schneiden in der Harnröhre.a
Intermittierender Harnfluss, mit Schneiden in der Harnröhre nach der Miktion.
Der Harn-Abgang stockt plötzlich beim Uriniren und fliesst nur erst nach einer Weile wieder.a
GenitalienÜble Folgen von Unterdrückung des sexuellen Verlangens oder übermäßigem Ausleben desselben.
Hypochondrie von Enthaltsamkeit bei ehelosen Manns-Personen.0,a
Reger Geschlechtstrieb, ohne Erektion.0,a
Schon beim Tändeln mit Frauenzimmern entgeht ihm der Samen.0,a
Bei jeder Gemüths-Bewegung entgeht ihm Vorsteherdrüsen-Saft, ohne wohllüstige Gedanken …0,a
Induration und Vergrößerung der Ovarien oder des Uterus, mit lanzinierenden Schmerzen.0
Brennende, stechende Schmerzen im Gebärmutterhals, bei Indurationen und szirrhösen Geschwülsten.0
Verlust des sexuellen Verlangens, mit Schrumpfen der Brüste.
MammaeStechen wie mit Nadeln in der linken Brustdrüse.b
Härte ihrer rechten Brust, mit Schmerz beim Befühlen und nächtlichen Stichen darin.a
Wehtun der weiblichen Brüste, welche oft anschwellen und hart werden.
Skirrhöse Verhärtung der Brustdrüsenc [besonders nach Stoß].
HustenIm Kehlkopfe ein trocknes Fleckchen, wo es kriebelt und zu trocknem, fast stetem Husten reizt.a
Husten, fast bloss zu Anfange des Liegens, am Tage oder Abends; er muss sich aufsetzen, um abzuhusten, dann hat er Ruhe.a
Mächtige, krampfartige Hustenanfälle, die durch Jucken und Kitzeln in Brust und Hals oder durch eine trockene Stelle im Kehlkopf erregt werden; < nachts und im Liegen; stark erschöpfend.
Liegen und tiefes Atmen verursachen Husten.
Äußerer HalsIndurierte und geschwollene zervikale Lymphknoten bei skrofulösen Kindern.
NervenNach jedem Stuhle, zittrige Schwäche, die sich im Freien legt.a
Hysterische und hypochondrische Paroxysmena, infolge sexueller Enthaltsamkeit.
HitzeGroße innere und äußere Hitze, mit starker Nervosität.
SchweißSobald man schläft oder auch nur die Augen schließt, ob tags oder nachts.
GewebeGeschwulst und Verhärtung von Drüsen, mit Kribbeln und Stechen darin, nach Stoß, Quetschung oder Prellung.
SchlafSpätes Einschlafen, erst nach Mitternacht.a
Schlafsucht, Nachmittags; er musste trotz aller Gegenwehr sich legen und schlafen.a
Seltsame, hinweisende oder geheilte Symptome
Zieht gerne seine beste Kleidung an, hat keine Lust zur Arbeit, geht aber gern ins Wirtshaus, spielt …; er kauft unnötige Sachen ein, die er dann nicht weiter achtet, selbst wieder verschenkt oder bei einem kleinen Anlasse ruiniert. (1098)
Scheu vor Menschen …, und dennoch Scheu vor Alleinsein.a
Abergläubisch und voller Furcht, mit häufigen Gedanken an den Tod.
Gefühl in der rechten Gehirnhälfte, als wenn ein grosser fremder Körper darin wäre.a
Zuweilen ein Gefühl wie von einem Fremdkörper unter dem Schädel, im Scheitel.
Kopfschmerzen mit Unfähigkeit zu urinieren.
Zitternder Blick, als wenn das Auge zitterte.a
Gefühl, als würden die Augen von der Nase weg nach außen gezogen.
Die Lider können nur mühsam auseinander gezogen werden, und wenn es gelingt, quillt ein Strom heißer Tränen heraus.
Eine Art Theer-Geruch108

108

Von Allens Encyclopedia über Herings Guiding Symptoms bis in das Kentsche Repertorium hat sich hier ein Übersetzungsfehler fortgepflanzt, indem Hahnemanns „Theer-Geruch“ als Tiergeruch („animal smell“) missverstanden wurde. Richtig müsste es smell of tar heißen, wie auch in der späteren Hahnemann-Übersetzung von 1896 durch Prof. Tafel zu lesen ist. Im englischen wie im deutschen ‚Kent‘ finden sich übrigens beide Versionen.

hinten in der Nase, den er auch zu schmecken wähnt.a
Ulzera an Gesicht und Lippen; Wangenkrebs; kanzeröse Tumoren der Lippen und des Gesichts; Lippenkrebs vom Druck der Pfeife (1079).
Krampfhaftes Zusammenziehen des Halses.
Gefühl eines Klumpens im Hals, mit unwillkürlichen Versuchen zu schlucken.
Großes Verlangen auf Kaffee, auf Saures oder auf salzige Speisen.c
Brod will nicht hinunter, es schmeckt nicht.a
Erbrechen: heftig; von Schleim; schwarzer Massen, wie Kaffeesatz; schokoladenfarbener Massen.
Schmerzen in der Leber, mit Anhäufung von Ohrenschmalz.
Akute Pankreatitis.
Schmerzen im Hypogastrium, bis in die Beine ziehend.
Ein eigentümliches Leiden, das darin bestand, dass man in seiner Nähe ein im Kehlkopf sich befindendes, klappendes Geräusch vernahm … Nebenbei gerieten die Muskeln der rechten Gesichtshälfte in auffällige, krampfhafte Zuckungen, die meist dem anomalen Exspirationsgeräusche vorausgingen. (1143)
Lockerer Husten, ohne dass sie etwas auswerfen kann.a
Husten, muß schlucken, was heraufkommt.
Die Kleider liegen wie eine Last auf Brust und Achseln.a
Kitzeln hinter dem Brustbein.
Scharfer Stoß, mitten durch die Brust, vom Brustbein gegen die Wirbelsäule, im Sitzen.b
Kopfschmerz und Herzklopfen im höchsten Grade; bei jedem Schlage des Pulses schien es ihm, als würde der Hinterkopf mit einem Messer durchbohrt …a
Jücken der Brüste und Brustwarzen.c
Mastitis mit Stechen über den Brustwarzen.
Brustverhärtung nach Abszess der rechten Brustdrüse, welche zwei Jahre unverändert bestehen blieb.
Harte und schmerzhafte Knoten in den Mammae.
Eine 30-jährige Frau stieß sich an die rechte Brust. Nach einem halben Jahre bildete sich daselbst eine steinharte, unebene Geschwulst, worin öfter stechende Schmerzen, und auf ihr eine rauhe, warzenähnliche, etwas nässende Erhabenheit; Geschwulst der Achseldrüsen, Abendfieber (nach Conium alles verschwunden). (1123)
Hypertrophie der Mamma, gefolgt von Atrophie.
Völlige Atrophie der Brustdrüse, einen schlaffen, beutelähnlichen Hautlappen hinterlassend.
Ein eigenartiger, kirschgroßer Tumor mitten auf dem Rücken, auf einem etwa einen Zentimeter langen Stiel wachsend; Tumor und Stiel von bläulicher Farbe.
Nach einem Sturz aus der Höhe auf den Rücken heftiger Schmerz im unteren Rückenbereich bzw. im Kreuz, < besonders beim Lachen, Niesen und schnellen Einatmen.
Axilläre Lymphknoten geschwollen.
Die Arme fallen, wenn sie angehoben werden, wie eine träge Masse herunter, der Patient kann sie nicht aktiv bewegen.
Unschmerzhafter Kraftverlust der unteren Extremitäten; zögerlicher, schwankender Gang; taumelt wie betrunken, die Beine hinter sich her ziehend.
Schwere, Mattigkeit und Zerschlagenheitsgefühl in allen Gliedern.
Lähmungsgefühl in allen Gliedern. Schmerzlose Lahmheit der Glieder.
Schwierigkeiten, die Gliedmaßen zu gebrauchen; unfähig zu gehen.
Zittern aller Glieder.a
Lähmung der unteren, dann der oberen Extremitäten (oder umgekehrt).
Taubheit der Finger und Zehen, Erstere wie abgestorben aussehend.
Schmerzhafte röthliche Flecke an den Waden, die später grün oder gelb werden, wie nach Contusionen, und die Bewegung des wie von Flechsenverkürzung gekrümmten Fußes hindern.c
Herunterhängenlassen der Glieder lindert die Schmerzen.
Liegen im Bett verschlimmert Migränekopfschmerz.
Patient < nach dem Zubettgehen; er muss sich aufsetzen oder umhergehen, um sich Erleichterung zu verschaffen.
Knie-Ellbogenlage bessert die Magenschmerzen. (1136)
Abwärtsbewegung verschlimmert Schwindel.
Lähmungen alter Leute, besonders alter Frauen.
Paraplegie nach Erschütterung der Wirbelsäule.
Fünf Minuten nach dem Einschlafen wacht er schweißgebadet auf; am stärksten ist das Schwitzen an Kopf und Oberkörper.
Bläue des ganzen Körpers.a
Bluten der Geschwüre.a
Schwarzwerden der Ränder des Geschwüres, mit Ergiessung stinkender Jauchea, besonders nach Kontusionen.
Im Repertorium finden wir: „Kältegefühl im Anus bei Blähungen und Stuhlgang: Con.“ [Con. ist auch das einzige Mittel in der Rubrik „Flatus kalt“]. Und Clarke berichtet von der Heilung einer Diarrhö mit Conium, wo die Stühle kalt waren [unter diesem Symptom nennt das Repertorium nur Lyc.; lycopodiumConium wurde wegen der Analogie zum „Abgang kalter Blähungen“ (Hahnemann) gewählt]. (ACIDUM nitricum acidumacidum nitricumNITRICUM hat „kalten Urinabgang“.)
Hale White bespricht in seinem allopathischen Lehrbuch für Medizinstudenten (Materia Medica, Pharmacy, Pharmacology and Therapeutics) auch Conium und seine Bestandteile. Dessen therapeutische Anwendungen, innerliche wie äußerliche, werden auf gerade einer halben Seite abgehandelt; das Hauptanliegen des Autors scheint darin zu bestehen, die Nutzlosigkeit und Unzuverlässigkeit der Schierlingsderivate darzustellen. Er schließt seinen kleinen Abschnitt über Sinn und Unsinn dieses Mittels mit den Worten: „Conium ist bei spasmodischen Erkrankungen verabreicht worden, wie Keuchhusten, Chorea, Tetanus, Asthma und Epilepsie, doch bei all diesen bewirkt es nur wenig oder gar nichts.“ … Kein Wunder, dass die Verordnungen der Schulmediziner so sehr zu wünschen übriglassen! Was ihnen alles über Materia medica nicht beigebracht wird, würde ein ganzes Bücherbord mit dicken Wälzern füllen.
Natürlich hatte die Wirkung von Conium dennoch stets seinen Reiz für das uneingeweihte Medizinerhirn – als Krampfmittel aufgrund seiner lähmenden Eigenschaften; uns dagegen spricht es gerade als ‚Lähmungsmittel‘ an. Offensichtlich ist es bei Krämpfen auch nur ein dürftiges Palliativum; wo aber die Symptome von Arznei und Patient übereinstimmen, ist es ein großartiges Heilmittel! – Im Dunkeln zu tappen ist, verglichen mit dem Wandeln im Licht, ein recht armseliges Vergnügen, zumindest für diejenigen, die vorankommen wollen. Jene geistige Finsternis aber, die überhaupt das Licht scheut und sich weigert, zu diesem vorzudringen, ist von aller Finsternis die hoffnungsloseste; die Dunkelheit der Nacht wird immerhin von der aufgehenden Sonne vertrieben und weicht dem heiteren Licht des Tages.
Die Cyclopaedia of Drug Pathogenesy (Hughes) bringt neben einigen Prüfungen auch eine Reihe von Vergiftungsfällen mit dem Schierling, von denen manche tödlich endeten. Sie alle bestätigen zugleich auch die Erfahrung von Sokrates … Im Folgenden einige (leicht gekürzte) Beispiele:
„Nach Einnahme von drei Drachmen [11,7 g] ‚succus conii‘ brach ich zu einem Spaziergang auf. Nach einer Dreiviertelstunde verspürte ich ein hinderliches Schweregefühl in den Fersen, das mit einer deutlichen Abnahme der Muskelkraft einherhing. Jeglicher Schwung war mir abhanden gekommen; ich hatte das Gefühl, als hätte ich einen Klotz am Bein und als könnte ich unmöglich schneller gehen. … Als ich einen Fuß auf den Fußabstreifer des Krankenhausportals stellte, war das andere Bein wackelig und beinahe zu schwach, um mich zu tragen. All meine Bewegungen schienen mir schwerfällig und unbeholfen, und es bedurfte ungewöhnlicher Anstrengungen, um sie unter Kontrolle zu halten. Gleichzeitig bemerkte ich eine Trägheit der Adaptation meiner Augen; unbewegte Gegenstände konnte ich gut sehen, wenn ich aber auf sich bewegende Dinge blickte, konnte ich sie nur schwach und verschwommen erkennen, was mir einiges Schwindelgefühl bereitete. Die Akkommodation war mehr oder weniger paralysiert, auf jeden Fall verlangsamt. Nach einer weiteren Stunde waren sämtliche Beschwerden verschwunden, und ich fühlte mich so wohl wie immer.“
Das nächste Experiment wurde eine Woche später mit fünfeinhalb Drachmen des Saftes durchgeführt. – „Beim Aufblicken von einem nahen zu einem entfernteren Gegenstand wurde das Sehen unscharf, und mich überkam plötzlich ein Schwindelgefühl. Solange meine Augen auf einen bestimmten Gegenstand fixiert waren, verschwand der Schwindel, und die Sehschärfe und das Sehvermögen für die winzigsten Dinge waren ungemindert; alles war dagegen verschwommen, wie hinter einem Schleier, wenn der Blick zu einem anderen Gegenstand wechselte, was so lange anhielt, bis die Augen wieder sicher auf dem Objekt ruhten. … Zehn Minuten später kam es zu einer allgemeinen Muskelträgheit, mit schweren Lidern und erweiterten Pupillen, nach weiteren 20 Minuten zu einer ausgesprochenen Schwäche in den Beinen. … Ich wurde kalt und blass und begann zu schwanken. … Die Beine fühlten sich an, als würden sie bald zu schwach sein, um mich zu tragen. Am ganzen Körper war die Muskelkraft vermindert, und die an den Knien ansetzenden Muskeln sowie die Hebemuskeln der Augenlider waren nahezu gelähmt. Es bedurfte bereits beträchtlicher Anstrengungen, die Lider zu öffnen. Ich war bei klarem und ruhigem Verstand, das Gehirn arbeitete die ganze Zeit über ‚einwandfrei‘ – nur der Körper war schwer und fast eingeschlafen.“ (Danach gingen die Symptome rasch zurück, und nach insgesamt 2¾ Stunden waren sie gänzlich verschwunden.)
Eine junge Frau war (nach Einnahme von 2 Drachmen des Schierlingssaftes) nach anfänglicher, emotional bedingter Erregung vollkommen ruhig, doch fehlte ihr jegliche Kraft, Arme oder Beine zu bewegen.
So oder ähnlich sehen die Auswirkungen großer Dosen des Schierlingssaftes immer wieder aus: rasche Ausdehnung der Lähmungserscheinungen – nach oben; diese betreffen nicht nur die Muskeln der Extremitäten, sondern ebenso sämtliche Augenmuskeln einschließlich jener der Lider; der Puls beschleunigt sich gewöhnlich und sinkt dann wieder rasch auf die normale Frequenz; und der Geist bleibt bei alledem gelassen, der Verstand klar!
Bei einem anderen Prüfer hatte sich die Parese eine Zeitlang auf die Augenmuskeln beschränkt; er war völlig beschwerdefrei gewesen, solange die Augen geschlossen waren. Dann aber stellte er fest, dass auch mit geschlossenen Augen jede Bewegung, die das Gleichgewicht des Körpers veränderte, mit einer eigenartigen Unsicherheit verbunden war und nicht den gewünschten Effekt hatte, und jedesmal gingen solche Bewegungen unweigerlich mit einem neuen Ansturm von Seekrankheitsgefühlen einher. So ließ er sich schließlich in einen Sessel nieder und verhielt sich zehn Minuten vollkommen still und entspannt; das seekranke Gefühl verschwand, und bald verspürte er nicht mehr den geringsten Einfluss des Giftes. „Schließlich musste ich schon die Augen öffnen und versuchsweise umherschauen, um zu erfahren, ob der Feind überhaupt noch da war oder nicht.“
Bei einigen der von Hughes zitierten Vergiftungsfälle kam es zu Delirien, bei manchen sogar zu Konvulsionen. Ein Arzt, der mit Conium experimentierte, stellte fest, dass er, sofern seine Augen geschlossen waren, aufrecht und sicher gehen konnte; wenn er aber versuchte, mit offenen Augen zu gehen, überkamen ihn Schwindel und Übelkeit, und der Gang wurde schwankend (umgekehrt wie bei der lokomotorischen Ataxie).
Abgesehen von seiner Wirkung auf die Muskeln (einschließlich der Augenmuskeln und hier besonders jener der Akkommodation) sollten wir Conium aber auch nicht vergessen als Heilmittel bei Indurationen, Infiltrationen, Stenosen und Strikturen.
Nebenbei bemerkt: Der Conium-Tod tritt ein infolge einer Lähmung des Zwerchfells und der Atemmuskulatur; das Mittel müsste demnach bei einigen Formen der Asphyxie von Nutzen sein.

Crotalus cascavella

Weitere Namen: Crotalus terrificus terrificus; Südamerikanische Klapperschlange
Diese crotalus cascavellaKlapperschlange stammt aus Brasilien. Ihr Gift ist ebenso tödlich wie das der nordamerikanischen Klapperschlange – was nichts anderes bedeutet, als dass es potenziert ein ebenso mächtiges Heilmittel ist wie CROTALUS HORRIDUS, und zwar für jene Krankheitszustände, die den von ihm hervorgerufenen ähnlich sind. Aber es gibt auffallende Unterschiede in der Pathogenese dieser beiden Arzneien.
Mures Materia Medica of the Brazilian Empire 109

109

Im Original Doctrine de l'école de Rio de Janeiro et pathogénésie brésilienne, Paris 1847.

mit den Prüfungen der wichtigsten in Brasilien heimischen Tier- und Pflanzengifte ist die Originalquelle für den Gebrauch dieses Schlangengifts. Clarkes Dictionary bringt viele Symptome von Crotalus cascavella110

110

Ausführlich ist Crotalus cascavella in Allens Encyclopedia vertreten, allerdings hinter der Prüfung von CROTALUS HORRIDUS. Im Anhang, Band 10, findet sich eine weitere Prüfung von S. B. Higgins (Bissfolge). Leeser hält die Prüfung Mures für fragwürdig, da es sich großenteils um „Schilderungen von offenbar hysterischen Zuständen bei einer Prüferin“ handele.

, und da die meisten von ihnen einzigartig und nur diesem Schlangenbiss und der Prüfung dieses Gifts eigen sind, will ich hier die wichtigsten von ihnen wiedergeben.
Crotalus cascavella unterscheidet sich von der bekannteren nordamerikanischen Klapperschlange darin, dass ihr Gift in geringerem Maß die Gewebe angreift, dafür aber weit stärker die Psyche und die Empfindungen beeinflusst. Es bringt offenbar eine weniger starke Blutungsneigung hervor als andere Schlangengifte; die Empfindlichkeit und Intoleranz gegenüber Kleiderdruck ist dagegen genauso groß wie bei crotalus horridusCROTALUS HORRIDUS und lachesisLACHESIS. Lebersymptome und Ikterus gehören ebenfalls zu seinen Wirkungen, jedoch nicht so ausgeprägt. Blutiges Serum tropft aus der Nase, deren Spitze sich hochgezogen anfühlt, wie wenn sie mit einem straff gespannten Faden an der Stirnmitte befestigt wäre.
Es induziert Hellsichtigkeit und ‚magnetische‘ Zustände:
Sieht die Erscheinung des Todes – in Gestalt eines riesengroßen, schwarzen Skeletts.
Hört eine seltsame Stimme hinter und links von ihr.
Wirft sich gegen geschlossene Türen.
Versucht, aus dem Fenster zu springen.
Selbst im Wachzustand hat er das Gefühl, als fiele er aus dem Bett.
Hört gar nichts; oder glaubt, er höre Stöhnen.
Empfindung, als stäke ein rot glühendes Eisen im Scheitel.
Das Schädeldach drückt wie ein Eisenhelm das Gehirn zusammen.
Gefühl, als ginge etwas Lebendiges im Kopf im Kreise herum.
Bildet sich ein, die Augen fielen ihr aus den Höhlen.
Gefühl, als würde ein Augapfel von einem Faden zur Schläfe gezogen.
Drückendes Zusammenziehen des rechten Augapfels, mit einem Gefühl, als würde dieser herausgezogen.
Blendendes blaues Licht erscheint vor den Augen.
Gesicht rot; oder gelb.
Lähmung der Zunge, kann nicht sprechen.
Brennen und Prickeln an der Zungenspitze.
Jucken der Zunge. (Bei crotalus horridusCROTALUS HORRIDUS ist die Zunge enorm vergrößert.)
Ausspeien von schwarzem Blut.
Geschmack: salzig; faulig; nach Zwiebeln.
Durst: großes Verlangen nach Schnee, will weder Wasser noch Wein.
Gefühl wie von einer Öffnung in der Magengrube, durch die Luft hindurchzieht.
Jeder Speisebissen fällt plötzlich wie ein Stein in den Magen.
Kältegefühl im Magen nach dem Essen.
Empfindung, als stäke ein Pflock in der Mitte der Leber.
Brust und Kopf wie von einem Eisenpanzer eingezwängt.
Stiche wie von Nadeln in der Brustwirbelsäule.
Zusammenschnürender Schmerz um die Schilddrüse.
Schmerzen in den Jugularisvenen.
Mehrmals ein Gefühl, als stiege Blut in den Karotiden auf; dann Ohnmachtsanwandlung; schließlich Empfindung, als öffnete sich plötzlich ein Ventil oder eine Klappe.
Gefühl von Wasser in den Lungen; Schwächegefühl, als wäre das Herz in eine Flüssigkeit getaucht.
Gefühl, als ob das rechte Bein zu kurz wäre, was ihn zum Hinken veranlasst.
Und so weiter …

Crotalus horridus

Weitere Namen: Gift der Nordamerikanischen Klapperschlange
Es crotalus horridusgibt Arzneimittel, deren maligne Wirkungen auf den menschlichen Körper fast perfekt das Bild einer bestimmten Krankheit nachahmen. Einige hervorstechende Beispiele:
  • belladonnaBELLADONNA und Scharlach;

  • arsenicumARSENICUM und Ptomainvergiftung;

  • mercurius corrosivusMERCURIUS CORROSIVUS und Dysenterie;

  • latrodectus mactansLATRODECTUS MACTANS und Angina pectoris;

  • Crotalus horridus und Schwarzwasserfieber [bei Malaria tropica].

Wer könnte hier schon ohne zusätzliche Hinweise aus der Vorgeschichte zwischen Arzneiwirkung und Krankheit unterscheiden?
Wo es solche Übereinstimmungen gibt, haben wir es, wie Hahnemann sagt, mit spezifischen Mitteln zu tun. Andererseits wird es aber unweigerlich zu Enttäuschungen führen, wenn wir uns damit begnügen, bloßen Krankheitsnamen bestimmte Mittel zuzuordnen, die sich bei diesen Krankheiten des Öfteren als nützlich erwiesen haben bzw. den Ruf haben, dabei nützlich zu sein. Nur wo Krankheitsbild und Arzneibild in ihren Symptomen zur Deckung zu bringen sind, können wir zuversichtlich positive Resultate erwarten.
Natürlich kann jedes einzelne dieser Arzneimittel auch in Teilbereichen seiner Symptomatologie, die man vollständig in der normalen Praxis ja nur selten zu sehen bekommt, hilfreich sein. Man wartet nicht auf das komplette Scharlachbild, bevor man belladonnaBELLADONNA verschreibt, denn diese Arznei ist bekanntlich auch bei einer Vielzahl von alltäglichen Beschwerden von Nutzen. Nur: Die Besonderheiten, die ‚Modalitäten‘ von belladonnaBELLADONNA müssen vorhanden sein, um das Mittel zu indizieren. So ist es beispielsweise eines unserer wichtigsten Mittel bei Kopfschmerzen; deren Charakteristika jedoch müssen die von belladonnaBELLADONNA sein, nämlich berstende, klopfende Schmerzen, die gewöhnlich mit einem heißen und glühend roten Gesicht einhergehen. Hier wird belladonnaBELLADONNA heilen, auch wenn keine Halsschmerzen, kein Fieber, kein roter Ausschlag bestehen. Andererseits weist ein sehr trockener, roter, glatter, sich steif anfühlender und geschwollener Rachen auf belladonnaBELLADONNA hin – auch ohne den berstenden Kopfschmerz oder die glänzenden Augen mit den geweiteten Pupillen. Doch Kopf- oder Halsbeschwerden (oder was immer es sein mag) müssen vom BELLADONNA-Typ sein, wenn eine Reaktion eintreten soll. Eine septische Angina mit Membranbildung und übermäßigem, gegebenenfalls übelriechendem Speichelfluss wird durch BELLADONNA nicht zu beeinflussen sein; sie liegt außerhalb der Pathogenese und somit des Wirkungsbereichs dieses Mittels.
Arzneien bleiben einem besonders gut in Erinnerung, wenn man einmal erlebt hat, wie sie einen Menschen, der einem sehr nahe steht, mit unglaublicher Schnelligkeit aus einem bedrohlichen Zustand errettet haben. Eine solche Erfahrung habe ich mit Crotalus horridus gemacht.111

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M. Tyler schildert den folgenden dramatischen Fall in ihren Homœopathy Introductory Lectures etwas ausführlicher. Zum besseren Verständnis habe ich diese frühere Version bei der Übersetzung mit berücksichtigt.

Einer meiner Brüder, Offizier bei den Royal Engineers [Pioniere], war aus Afrika von seinem Grenzposten am Fluss Gambia zurückgekehrt, an dessen Ufern er sich die Malaria zugezogen hatte. Von der leichtesten Verkühlung bekam er immer wieder Malariaanfälle, die er jedesmal mit großen Dosen Chinin behandelte. Er war bereits einige Zeit wieder zu Hause gewesen, als es ihn wie ein Schlag traf – nie werde ich vergessen, mit welch ungeheurer Geschwindigkeit das nun folgende Leiden einsetzte. Er war eines Abends ungewöhnlich reizbar, und am nächsten Morgen bekamen wir seinen Hilferuf: „Ich habe Schwarzwasserfieber!“ … Überall kam es zu Blutungen; der Urin bildete eine schwarze, fast gallertige Masse; Teerstühle setzten ein. Der ganze Körper war gelb, die Brust grünlich verfärbt. Bald konnte er nicht einmal mehr den Kopf vom Kissen heben. Abends begann dann das gefürchtete schwarze Erbrechen, das so oft zum Tode führt, verbunden mit ganz eigentümlichen, unbeschreiblichen Würgegeräuschen. In unserer Nachbarschaft lebte ein Enkel Hahnemanns, ein alter Mann. Mitten in der Nacht sandten wir einen Boten zu ihm, um etwas Crotalus von ihm zu erbitten. Wenige Gaben Crotalus, im Wechsel mit phosphorusPHOSPHORUS – auf Anraten eines homöopathischen Arztes, den wir hinzugezogen hatten und der mit diesem Mittel bei hämorrhagischen Zuständen mehr Erfahrung hatte –, und auf wundersame Weise klangen nun all die schrecklichen Symptome rasch ab, sodass die nächsten Stunden – diese so kurze schicksalhafte Spanne – dem Patienten das Leben wiedergaben, statt ihm den Tod zu bringen.
Natürlich spielt in solchen Fällen die ‚Geschwindigkeit‘ einer Arznei eine bedeutsame Rolle, und die Geschwindigkeit von phosphorusPHOSPHORUS als alleinigem Mittel wäre bei einer solchen Krankheit wohl nicht ausreichend gewesen. … Ein paar Wochen später trat ein großer Palmarabszess auf, sehr heftig und schmerzhaft und von hohem Fieber begleitet, und erneut kam Crotalus zu Hilfe und setzte der Not rasch ein Ende, nachdem der Chirurg, wie er sagte, „eine ganze Schüssel voll Eiter“ abgelassen hatte. Nie zuvor habe ich einen Abszess so schnell und vollständig abheilen sehen. So dürfte es nicht verwundern, dass ich dieses Schlangengift fortan mit besonderer Ehrfurcht betrachtete und es bei septischen Prozessen immer wieder erwartungsfroh einsetzte: bei Sepsisherden, selbst im Zahnfleisch; bei Nagelbettentzündungen und Abszessen, vor allem wo viel ‚verdorbenes‘, dunkles, ungerinnbares Blut anzutreffen war. Sein Rivale hierbei könnte lachesisLACHESIS sein, doch habe ich den Eindruck, dass Crotalus einen rascheren und noch lebensbedrohlicheren Verlauf zeigt und auch die Gelbfärbung ausgeprägter ist.
Ein anderer, Jahre zurückliegender Fall: Ein junges Mädchen lag mit einer malignen Erkrankung bei uns im Sterben, mitleiderregend ausgezehrt, mit dunkelgelb, fast braun verfärber Haut. Crotalus besserte ihr Aussehen und ihren Zustand in wahrhaft erstaunlichem Maße – wenn auch nur vorübergehend.
Und ein weiterer ‚Triumph der Klapperschlange‘, an den ich mich lebhaft erinnere: In meinen Studententagen geriet ein Chirurgiedozent einmal mitten in einer Vorlesung plötzlich ins Stocken und musste sich setzen; sein Gesicht wurde ganz gelb, und er vergrub den Kopf zwischen den Knien, um nicht das Bewusstsein zu verlieren. Er erklärte, er habe den Nachmittag zuvor eine schlimme septische Peritonitis operiert und sich dabei in den Finger gestochen und in die andere Hand geschnitten; in beiden Achselhöhlen seien bereits Lymphknoten zu tasten. Da erzählten wir ihm von der wunderbaren Wirkung von Crotalus, „einem von diesen homöopathischen Mitteln“, – und dann schnell nach Hause gerannt, das versprochene Mittel besorgt und ihm ins Haus gebracht! Am nächsten Morgen drang die frohe Botschaft zu uns: „Sagen Sie den Studenten, dass es mir viel besser geht.“ Vierzehn Tage später hielt er wieder seine Vorlesung – und sprach uns etwas zögerlich seine Anerkennung aus: „Ich habe Ihre Medizin eingenommen; Chinin habe ich auch genommen; aber der Mann, der im Charing Cross Hospital nur Chinin bekommen hat, der ist gestorben.“
So habe ich zu Crotalus in gewisser Weise ein besonders inniges Verhältnis gewonnen, und wenn ich über diese Arznei schreibe, wünsche ich mir, dass auch andere erkennen mögen, welche Macht dem Gift der Klapperschlange innewohnt, einem der stärksten und am schnellsten zum Tode führenden Schlangengifte überhaupt; die Cyclopaedia of Drug Pathogenesy gibt in reichem Maße Zeugnis davon. Je stärker aber das Gift, desto größer auch seine Heilkraft, vorausgesetzt, man weiß, wie das Mittel zubereitet werden muss und wie es anzuwenden ist. An dieser Stelle mag es hilfreich sein, daran zu erinnern, dass, wie wir seit Hahnemann wissen, ab der dritten Centesimalpotenz kein Gift mehr gefährlich ist (d.h. ein Teil auf 1003 bzw. eine Million). Doch es darf nicht, wie sorgfältig auch immer, einfach nur vermischt werden! Die bloße Vermischung einer Substanz könnte ungleichmäßig, unvollkommen sein – mithin nicht sicher; sie muss daher gleichzeitig, nach der Methode Hahnemanns, ‚potenziert‘ werden, d.h., ein Tropfen Arznei wird in 99 Tropfen Wasser oder Alkohol (je nach Löslichkeit) mit mehreren Schüttelschlägen kräftig verschüttelt; hiervon (von der ersten Centesimalpotenz – C 1) wird wiederum ein Tropfen in 99 Tropfen des Lösungsmittels verschüttelt, um die zweite C-Potenz herzustellen; die Wiederholung des gleichen Vorgangs ergibt schließlich die C 3 – 1:1 000 000. Jetzt können Sie beruhigt die giftigsten Arzneien verordnen; ihre Fähigkeit, Schaden zuzufügen, ist ihnen genommen, und zurück bleibt nur ihre Kraft zu heilen.
Unsere ‚Sepsismittel‘ sind so zahlreich und von so überzeugender Wirkung, dass viele es schwierig finden, zwischen ihnen zu unterscheiden. Die am häufigsten in Betracht kommenden sind lachesisLACHESIS, Crotalus horridus, tarantula cubensisTARANTULA CUBENSIS, anthracinumANTHRACINUM, pyrogeniumPYROGENIUM und septicaeminumSEPTICAEMINUM, während die Fälle mit weniger lebensbedrohlichem oder jedenfalls weniger rasantem Verlauf hervorragend durch HEPAR, hepar sulfurisSILICEAsilicea, mercurius (solubilis)MERCURIUS etc. beherrscht werden. Jedoch muss, wie schon erwähnt, die Geschwindigkeit der Krankheit berücksichtigt werden; die am schnellsten zum Tode führenden Krankheiten sind die Tropenkrankheiten, und die am schnellsten wirkenden Arzneien, die wir haben, sind die tropischen Schlangen- und Spinnengifte.
Lassen Sie mich einige Kriterien anführen, anhand derer Sie zwischen den obengenannten Sepsismitteln differenzieren können. Bei PYROGENIUM findet sich in der Regel unaufhörliche Bewegung; Puls und Temperatur klaffen deutlich auseinander: Meist besteht hohes Fieber bei niedrigem Puls, weniger häufig ist das Gegenteil der Fall. Bei Axillarabszessen denke ich – nach einigen sehr erfreulichen Erfahrungen – zunächst immer an TARANTULA CUBENSIS, ebenso bei bösartigen Insektenstichen in heißen Sommern. Da TARANTULA CUBENSIS, wie es heißt, aus einer verwesten kubanischen Tarantel112

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Die ‚kubanische Tarantel‘ ist keine eigentliche Tarantel. Dazu und zur Präparation vgl. Kap. T, Fußnoten 1, 2.

zubereitet wurde, gehört es wahrscheinlich in die Nähe von pyrogeniumPYROGENIUM und septicaeminumSEPTICAEMINUM. Letzteres hat sich seine Sporen im Burenkrieg verdient, wo es sich als außerordentlich heilsam erwies bei der Dysenterie, die im dortigen Lagerleben an der Tagesordnung war (siehe Clarkes Dictionary). Aber auch anthracinumANTHRACINUM darf nicht vergessen werden, mit seinem großartigen Ruf nicht nur bei Milzbrand, sondern auch allgemein bei septischen Krankheitsbildern und vor allem bei Furunkeln und Karbunkeln mit brennenden Schmerzen (arsenicumARSENICUM).
Ich will nun versuchen, anhand der Darstellungen verschiedener Autoren die wesentlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten unserer beiden gebräuchlichsten Schlangengifte herauszuarbeiten: Crotalus und LACHESIS.
H. C. Allen (Keynotes) sagt: „Bei lachesisLACHESIS ist die Haut kalt und feucht, bei Crotalus kalt und trocken. … Bei Crotalus besteht größte Blutungsneigung; Blut dunkel, flüssig, übelriechend. … Hämorrhagische Diathese; Blut fließt aus Augen, Ohren, Nase, allen Körperöffnungen; blutiger Schweiß. … Purpura hämorrhagica; tritt plötzlich an allen Körperöffnungen auf, ferner an Haut und Zahnfleisch sowie unter den Nägeln.“
Beides sind jedoch ‚Blutungsmittel‘, nur dass bei Crotalus diese Tendenz eher noch stärker ausgeprägt ist. Viele weitere Symptome sind ihnen gemein: beide haben Geschwätzigkeit; beide werden durch Schlaf verschlimmert und schlafen in die Verschlimmerung hinein; beide vertragen keinen Druck und keine enge Kleidung um den Bauch – lachesisLACHESIS aufgrund seiner allgemeinen großen Empfindlichkeit gegenüber Berührung, Druck und Zusammenschnürung, Crotalus wohl mehr wegen seiner spezifischen Beeinträchtigung der Leber. Beide haben Blaufärbung betroffener Teile, vorzugsweise aber LACHESIS; beide haben gelbe Verfärbungen bzw. Ikterus, ganz besonders aber Crotalus. Crotalus befällt mehr die rechte Seite113

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Leeser (Lehrbuch der Homöopathie, Haug Verlag) schreibt dazu: „Die Behauptung, die seit Hering ständig wiederholt wird, dass Crotalus im Gegensatz zu LACHESIS vorzugsweise auf die rechte Körperseite wirke, ist weder durch die Prüfungen gestützt noch durch die Erfahrung bestätigt.“

, lachesisLACHESIS mehr die linke.
Für Nash scheint der größte Nutzen von Crotalus horridus sich bei Krankheiten zu zeigen, „in deren Gefolge es zu einer Zersetzung des Blutes kommt, welche sich dadurch äußert, dass Blutungen aus allen Körperöffnungen auftreten können; selbst der Schweiß kann blutig sein. … Es ist auch ein Hauptmittel bei Diphtherie, wenn das profuse Nasenbluten einsetzt, das so viele Fälle des malignen Typs kennzeichnet.
Bei dem starken Nasenbluten eines alten Mannes von elender Verfassung, wo keines der üblichen Mittel auch nur das geringste ausrichtete, wirkte Crotalus prompt und rettete ihm zweifellos das Leben. Er war einer meiner eigenen Patienten, und obwohl er zuvor viele solcher Blutungen gehabt hatte, trat nach Crotalus keine einzige mehr auf. Wie bei einem solchen Mittel nicht anders zu erwarten, gehen derartige Hämorrhagien mit großem Kräfteschwund einher.“
Hauptsymptome114

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Die Symptome sind den Guiding Symptoms Herings entnommen, dem wir bekanntlich die wichtigsten Schlangengiftprüfungen verdanken. Ca. 50 Jahre vor dem Erscheinen dieses Werks, im Jahre 1837, war Herings berühmte Monographie Wirkungen des Schlangengiftes gleichzeitig in Deutsch und Englisch herausgekommen. Diejenigen Symptome, die bereits in dieser Schrift aufgeführt sind, habe ich unverändert übernommen und mit a gekennzeichnet.

Gelbe Farbe der Augen.a
Blut aus den Ohren.a
Bluten aus der Nase und allen Oeffnungen des Körpers.a
Hervortreten der Zunge.
Schwarzes Erbrechen.
Gelbsucht; akute gelbe Leberdystrophie; dunkle Blutungen aus Nase, Mund etc.; dunkler, spärlicher Urin.
Schnell ermüdet durch die geringste Anstrengung.
Mattigkeit und geschwindes Abnehmen der Lebenskräfte.a
Gelbfieber; Blutungsneigung, Blut tritt aus allen Körperöffnungen hervor, selbst aus den Poren der Haut; Haut gelb; Erbrechen von Galle oder Blut; fötide, gallige oder blutige Stühle; Leber empfindlich; Herz schwach; Ohnmacht.
Septische Fieber; Infektionskrankheiten, die mit Purpura einhergehen; Wochenbettfieber.
Gelbe Farbe des ganzen Körpers.a
Zerrüttete Gesundheit, darniederliegende Lebenskraft.
Weitere wichtige oder eigentümliche Symptome
Sinnestäuschungen: macht z.B. Fehler in der Buchführung oder beim Briefeschreiben; Vergesslichkeit für Zahlen, Namen und Orte; wacht nachts auf und kämpft mit eingebildeten Feinden; wähnt sich von Feinden oder scheußlichen Tieren umgeben.
Geschwätziges Delirium, mit Bedürfnis, dem Bett zu entfliehen.
Argwöhnisch und auffahrend.
Schrecklicher Kopfschmerz.
Blutandrang zum Kopf.
Nasenbluten: bei zerrütteter Gesundheit; oder bei schlechtem Zustand des Blutes und wo das Blut dünn, ungerinnbar, dunkel erscheint; in Verbindung mit Gesichtsröte, Schwindel oder Ohnmacht.
Gelbes Gesichta; oder livide und aufgedunsen; rothes aufgetriebenes Gesichta; Bläue um die Augen bei weißem Gesichtea; kreideweißes Gesichta; todtblasses Angesichta; Bleifarbe des Angesichtsa.
Kann nicht sprechen, es ist, als ob Zunge und ganzer Schlund fest zugeschnürt wäre.a
Zunge fast bis zur doppelten Größe angeschwollen.
Zungengeschwulst, hat nicht mehr Platz im Munde, bei Entzündung desselben.a
Zungenkarzinom, mit starker Blutungstendenz.
Empfindung engen Zusammenschnürens im Halse.
Das Herunterschlingen aller festen Speisepartikel ist unmöglich (Krampf der Speiseröhre).
Maligne Diphtherie; lebensbedrohlich durch Blutvergiftung; Gangrän oder starkes Ödem des Schlundes oder der Tonsillen; starke Schwellung am Unterkieferwinkel.
Unlöschbarer, brennender Durst.a
Übelkeit bei Bewegung; galliges Erbrechen.
Kann nicht auf der rechten Seite oder auf dem Rücken liegen, ohne sogleich dunkelgrünes Erbrechen auszulösen. … Licht tut den Augen weh, und alles sieht gelb aus (zuerst hatte alles blau ausgesehen).
Pylorus zusammengezogen.
Quälende Schmerzen … oder heftige Krämpfe im Magen.
Unerträglichkeit der Kleidung um die Magengegend und unter den Hypochondern (in der Taille).a
Unangenehmes Schwächegefühl in der Magengegend, Verlangen nach Stimulanzien.
Hämatemesis; das Blut zeigt wenig oder keine Gerinnungsneigung.
Schmerzen in der Lebergegend und oben auf der Schulter.
[Leberschmerzen und galliges Erbrechen;] Haut dunkelbraun.
Stiche in der Lebergegend … mit gallertartigem, blutrotem Urin.
Gelbsucht; akute gelbe Leberatrophie.
Typhlitis … mit roter Zungenspitze.
Dysenterie: septischen Ursprungs; starker Fluss von dunklem, flüssigem (nicht geronnenem) Blut; unwillkürliche Entleerungen; große Mattigkeit und Schwäche.
Harn: äußerst spärlich, dunkelrot von Blut; gallertartig; grüngelb von viel Galle.
Dumpfer, beständig drückender Schmerz in der Herzgegend, den linken Arm hinunter und durch den Brustkorb zum linken Schulterblatt ziehend.
Während und nach dem Gehen ein Gefühl, als zöge sich eine Sehne von der rechten Fußsohle durch den Unterschenkelknochen.
Hering vergleicht in den Guiding Symptoms Crotalus mit den verwandten Schlangengiften.
„Antidotiert durch lachesisLACHESIS. – Vergleiche: lachesisLACHESIS, NAJA naja tripudiansund ELAPS. elapsCrotalus ist vorzuziehen bei nicht gerinnenden Blutungen, bei gelber Haut (daher bei Gelbfieber mit schwarzem Erbrechen etc.), bei Nasenbluten in Verbindung mit Diphtherie. NAJA naja tripudiansTRIPUDIANS hat mehr Störungen im Bereich des Nervensystems. Bei lachesisLACHESIS ist die Haut eher kalt und feucht als kalt und trocken [wie es bei Crotalus der Fall ist]; es hat Blutungen mit Sediment, das wie verkohltes Stroh aussieht; seine Beschwerden sind ausgeprägter auf der linken Seite. ELAPS elapsist bei Otorrhö und Affektionen der rechten Lunge vorzuziehen. Das Kobragift [NAJA] naja tripudianslässt das Blut in langen Fäden gerinnen. Das Crotalus-Gift ist sauer, das der Viper [VIPERA]vipera neutral. Die ‚Rotten-Snake‘115

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Damit dürfte Crotalus gemeint sein; ‚Rotten-Snake‘ (‚verfaulte, verdorbene Schlange‘) ist wohl ein Wortspiel mit ‚Rattlesnake‘ (Klapperschlange), das sich sowohl auf die Neigung zur raschen Nekrotisierung an den Bisswunden als auch auf die Affektion der Leber beziehen könnte („the rot“ ist die „Leberfäule“ bei Schafen).

verursacht mehr Gewebszerfall mit Abstoßung des toten Gewebes116

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Engl. „sloughing“; der Begriff ist, wo er im Repertorium auftaucht, von Keller mit Demarkation übersetzt worden; gemeint ist damit die (laut Roche Lexikon Medizin) „im Rahmen einer eitrigen Entzündung erfolgende Abgrenzung intakten bzw. erholungsfähigen Gewebes gegen gangränös-nekrotische Bereiche“. Allerdings ist Crotalus in keiner dieser Rubriken zu finden, wohl aber u.a. LACHESIS.

als jeder andere Schlangenbiss.“
Kent hat zu Crotalus horridus eine Menge zu sagen, und er erkennt klar die einzigartige Bedeutung dieser Arznei …
„Die Krankheiten, die nach der Verwendung von Arzneien wie Crotalus verlangen, sind ernst und schwerwiegend. … Crotalus zeigt Symptome ganz eigener Art. Es ist durch nichts zu ersetzen, da es kein anderes Mittel gibt, das ihm, als Ganzes gesehen, ähnlich ist. Am nächsten stehen ihm noch die anderen Schlangengifte, doch Crotalus ist das schrecklichste von allen …
Bei Schlangenbissen wurde früher in großen Mengen Alkohol getrunken, und in vielen Fällen hat dies das Leben verlängert oder sogar gerettet. Wenn der Gebissene den akuten Zustand überlebt, hat er meist ein Leben lang unter den chronischen Auswirkungen der Vergiftung zu leiden. … Dazu gehört eine seltsame Periodizität der Beschwerden an der Bissstelle; sie treten jedes Frühjahr wieder auf, wenn die Winterkälte vergeht und die wärmeren Tage beginnen. … Die Periodizität bezieht sich bei den Schlangengiften auf den Frühling, auf den Beginn des warmen Wetters.
Ein weiteres markantes Merkmal von Crotalus wie auch der meisten anderen Schlangengifte ist, dass der Patient in eine Verschlimmerung seiner Symptome hineinschläft.
Die ersten Vergiftungszeichen nach einem Klapperschlangenbiss ähneln den septisch-toxischen Veränderungen, wie sie z.B. auch bei Scharlach, Diphtherie, Typhus und bei schweren Blutvergiftungen stattfinden. Es sind Zustände, die mit großer Geschwindigkeit entstehen und mit Blutzersetzung und Erschlaffung der Gefäßwände einhergehen, sodass die Bissopfer aus allen Körperöffnungen bluten. Rasch zunehmende Bewusstseinseintrübung, die Kranken wirken wie berauscht oder betrunken. … Bösartige Verlaufsformen von Scharlach, Typhus und Diphtherie mit Hämorrhagien und Neigung zur Putreszenz. Blaue und gelbe Flecken am ganzen Körper. Gelbsucht entwickelt sich mit erstaunlicher Schnelligkeit; … blaue und grüne Flecken zeigen sich auf der gelben Haut, als wäre er verprügelt worden. Nach den Blutungen wird die Haut extrem anämisch, blassgelb bis wächsern. … Crotalus ist indiziert bei schwersten Krankheitsverläufen, die in ungewöhnlich kurzer Zeit das Fäulnisstadium erreichen. … Sobald das Blut an die Oberfläche gelangt, wird es schwarz. …
Ein schrecklicher Zustand nervöser Erregbarkeit herrscht vor. Zittern der Glieder, zittrige Schwäche. … Plötzliches und ungeheures Sinken der Lebenskräfte. … Formen des Gelbfiebers, die mit größter Prostration einhergehen. …
Die Geschwätzigkeit von Crotalus unterscheidet sich ziemlich von der bei lachesisLACHESIS. Die Redseligkeit des lachesisLACHESIS-Patienten ist so ungehemmt, dass er, wenn jemand etwas zu erzählen beginnt, sogleich den Faden aufnimmt und die Geschichte zu Ende erzählt, obwohl er von der Sache überhaupt nichts versteht. Niemand kommt in Gegenwart eines lachesisLACHESIS-Menschen dazu, eine Geschichte zu Ende zu erzählen. … Der Crotalus-Patient handelt zwar ähnlich, aber wenn er sich in eine solche Geschichte stürzt, nuschelt er vor sich hin, bringt alles durcheinander und stolpert über seine eigenen Worte. Es ist ein ‚herabgesetzter‘, ein passiver Zustand, wie der eines stark Betrunkenen; bei lachesisLACHESIS dagegen ist der Geist aktiv und wild erregt. …
Crotalus schläft in seine Beschwerden hinein, wie mehr oder weniger alle Schlangengifte. Kopfschmerzen treten nach Schlaf auf. … ‚Dumpfe, schwere, klopfende Schmerzen im Hinterkopf‘, oder der ganze Kopf ist in einem kongestionierten Zustand … Der Kopf fühlt sich voll an, als müsste er platzen. Kopfschmerzen in Wellen, die vom Rücken aufzusteigen scheinen – ein Aufwärtsdrängen des Blutes, das durch jede Lageänderung hervorgerufen oder verschlimmert wird. …
Crotalus ist ein wunderbares Gallenmittel; Migräne mit Erbrechen großer Mengen Galle; kann nicht auf der rechten Seite oder auf dem Rücken liegen, ohne sogleich eine dunkelgrüne Flüssigkeit zu erbrechen. …
Kälte wie von einem Stück Eis im Magen oder im Abdomen. Crotalus hat Magengeschwüre geheilt; es hat das Wachstum von Magenkarzinomen zurückgedrängt, wenn diese mit Erbrechen von Galle und Blut verbunden waren. … Uteruskarzinome mit starken Blutungen etc. …
Furunkel, Karbunkel und andere Ausschläge, die von einer blaurot verfärbten, gesprenkelten, fleckigen oder marmorierten Haut umgeben sind. … Charakteristisch ist die teigig-weiche Beschaffenheit des Zentrums dieser Eiterbeulen. In großem Umkreis um einen solchen Furunkel oder Karbunkel ist die Haut ödematös, auf Fingerdruck bleiben Dellen zurück. Aus den Beulen selbst kommt dickes, schwarzes Blut, das nicht gerinnt. … Auch bei Puerperalfieber sickert ständig schwarzes, stinkendes, nicht gerinnendes Blut aus dem Uterus, aber auch aus anderen Körperöffnungen. Nach einem Abort kann eine ähnliche Blutung auftreten; das Blut fließt immer weiter, und die Patientin scheint verbluten zu müssen. Auch die Menstruationsblutung bei einer an Typhus erkrankten Frau kann ähnlichen Charakter haben. …
In den mehr chronischen Fällen gerät der Kranke im Schlaf in schreckliche Zustände, aus denen er oft in Panik erwacht. Er hat scheußliche Träume von Mord, Tod und Leichen …; selbst der Geruch der Leichen wird im Traum deutlich wahrgenommen. …
Misstrauisch selbst gegenüber seinen Freunden und Angehörigen, sodass man mit ihm nicht mehr vernünftig reden kann.
Unwiderstehliches Verlangen nach alkoholischen Getränken. Diese große Ähnlichkeit von Crotalus mit dem Erscheinungsbild eines notorischen Trinkers war der Anlass für die Verwendung der Arznei beim Delirium tremens.“
Kent meint, dass Crotalus, richtig angewandt, das Verlangen nach starken alkoholischen Getränken beseitigen kann.

Cuprum

Weitere Namen: Metallisches Kupfer
Hahnemann, der das Problem gelöst hat, unlösliche Stoffe in reiner Form in Lösung zu bringen, nämlich mittels seines Potenzierungsverfahrens, beschreibt die Zubereitung des metallischen Kupfers zu Heilzwecken so:
„Ein Stück reines Kupfer-Metall wird auf einem harten, feinen Abzieh-Steine unter destillirtem Wasser in einem porzelänenen Napfe gerieben und das feine zu Boden sinkende Pulver getrocknet und wie andre mettallische Pulver erst durch dreistündiges Reiben mit Milchzucker zur Million-Potenz gebracht117

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Hahnemann geht hier nicht näher auf die Details ein. Seine Methode zur Herstellung der „Million-Potenz“ bei unlöslichen Stoffen [wesentlich ausführlicher erläutert in Band 1 der Chronischen Krankheiten, S. 182ff.] ist die folgende:Ein Gran des Pulvers wird eine Stunde lang kräftig mit 99 Gran Milchzucker verrieben; das Ergebnis ist die erste Centesimal-Potenz – eins zu 100. Von dieser C 1 wird wiederum ein Gran eine Stunde mit 99 Gran Milchzucker verrieben, um die zweite Centesimal-Potenz zu erhalten – eins zu 10 000. Und eine dritte Trituration, ein Gran der C 2 auf 99 Gran Milchzucker, ergibt die dritte Centesimal-Potenz – eins zu eine Million. Hahnemann hat festgestellt, „daß alle Arzneistoffe, durch Reiben in Pulver [zu dieser] Potenz gebracht, sich in Wasser und Weingeist auflösen“ [ebd., S. 185].

, dann durch Verdünnung und potenzirendes Schütteln der Auflösung eines Grans dieses Pulvers bis zur decillionfachen Kraft-Entwickelung gebracht. Man bedient sich zur Gabe eines oder zweier, feiner Streukügelchen befeuchtet mit der Arznei-Flüssigkeit eines dieser Potenz-Grade, je nach den Umständen des Kranken.
Nicht seltene zufällige Vergiftungen mit diesem Metalle und seinen Auflösungen schreckten durch die davon entstandnen, grausamen, meist tödlichen Zufälle die Aerzte von jeher ab von seinem innern Gebrauche in Krankheiten.“
Er zitiert aus einer Arzneimittellehre einige Vergiftungssymptome des Kupfers, die auch für uns von Bedeutung sind, denn – was ein Gift zu erzeugen vermag, das vermag es auch zu heilen
„Ekel, Uebelkeiten, Beängstigungen und Erbrechen schon nach wenigen Minuten, lästiges Brennen im Munde, fruchtloses Würgen, heftige Schmerzen im Magen nach einigen Stunden, Verschlossenheit der Darm-Ausleerungen, oder allzuheftige Ausleerungen, wohl auch blutige Durchfälle, stete Unruhe, Schlaflosigkeit, Ermattung, schwacher und kleiner Puls, kalter Schweiss, Gesichts-Blässe, Schmerzen im ganzen Körper oder in einzelnen Theilen, Schmerz im Schildknorpel, schmerzhafte Hypochondrien, kriebelndes Gefühl im Scheitel, Herzklopfen, Schwindel, schmerzhaftes Schnüren der Brust, Husten mit unterbrochenem, fast unterdrücktem Athemholen, schnellestes Athmen, Blutspeien, Schlucksen, Bewusstlosigkeit, umher irrende Augen – auch wohl Zuckungen, Raserei, Schlagfluss, Lähmung, Tod.“
(Hier sind die wichtigsten Heilanwendungen von Cuprum bereits angedeutet – bei Krankheiten oft sehr ernster Natur und bei schweren Leidenszuständen. Die Aufzählung legt nahe, dass es eines der großen Heilmittel bei Cholera, bei Keuchhusten, bei Crampi und Spasmen, bei Konvulsionen und Epilepsie sein müsste – und genau das ist es ja auch geworden.)
Hahnemann fährt fort: „Nur die Homöopathik vermag durch die ihr eigne Bereitungs-Art der Arzneien und die hochgeminderte Gaben-Grösse derselben selbst die, auch in geringer Menge fast unbezwinglich schädlich sich erwiesenen Natur-Körper zum Heile anzuwenden.
Die meisten jener heftigen Beschwerden bei mit Kupfer Vergifteten pflegen in Gruppen zusammen zu erscheinen, die eine halbe bis ganze Stunde dauern und als erneuerte Anfälle von Zeit zu Zeit wieder zu kommen pflegen in fast gleicher Zusammensetzung der Symptome, z.B. Herzklopfen, Schwindel, Husten, Blutspeien, schmerzhafte Brust-Zusammenziehung, ausbleibender Athem – oder: drückender Brustschmerz, Müdigkeit, Wanken der Augen, Verschliessung derselben, Bewusstlosigkeit, schnelles, wimmerndes Athmen, Umherwerfen, kalte Füsse, Schlucksen, Athem hemmendes Hüsteln, u.s.w. Das Kupfer ist daher in Krankheiten desto homöopathischer angezeigt, wenn sie in solchen unregelmässigen Anfällen von ähnlichen Symptomen-Gruppen [Hervorhebung M. Tyler], wie Kupfer thut, sich äussern:
Mehre Arten theilweiser oder allgemeiner, klonischer Krämpfe, Arten Veitstanz, Epilepsieen, Keichhusten, Haut-Ausschläge, alte Geschwüre, vorzüglich auch krampfhafte Beschwerden bei allzu feinen und allzu empfindlichen Sinnen scheinen die Haupt-Sphäre seiner passenden Anwendung zu seyn, wie es denn auch in der mörderischen Cholera theils zur Verhütung, theils zur Heilung derselben, wenn sie sich schon entwickelt hatte, nicht zu entbehren war.“
Er sagt: „Die Wirkungsdauer der Kupfer-Arzneien beträgt, wie es scheint, nur wenige Tage.“ Spätere Erfahrungen jedoch, die vielleicht bei chronischen Krankheiten, vielleicht auch mit den höheren Potenzen gewonnen wurden, haben gezeigt, dass die Wirkung durchaus vierzig bis fünfzig Tage anhalten kann.
Im Handbuch von Noack/Trinks heißt es: „Das Kupfer entspricht vorzüglich schlaffen, reizbaren und nervösen Constitutionen, mit Schwäche und Ueberempfindlichkeit des Nervensystems, mit Neigung zu krampfhaften Affectionen, Convulsionen und typischen, vorzüglich chronischen Krankheiten, deren Anfälle in unregelmässigen Paroxismen erscheinen.“
Guernsey, Keynotes, sagt: „Eine der stärksten Indikationen für dieses Mittel ist ein starker metallischer Geschmack im Mund. RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON ist das einzige andere Mittel, das dieses Symptom in ähnlich ausgeprägter Form zeigt.“ (Das Repertorium nennt an dreiwertigen Mitteln: Cocc., cocculusMerc., mercurius (solubilis)Nat-c.,natrium carbonicum Rhus-t., Seneg. senega[Cupr. erscheint, neben vielen anderen Mitteln, nur zweiwertig])
„Krämpfe. – Krampfhafte Affektionen im Allgemeinen; Keuchhusten, wo die Anfälle in katalepsieähnliche Zustände übergehen; … Epilepsie; Krämpfe, besonders solche, die in den Fingern und Zehen beginnen und sich dann über den ganzen Körper ausbreiten. …
Wo Hautausschläge nach innen schlagen, wie bei Scharlach etc., und dann starkes Erbrechen, Sopor, Konvulsionen etc. resultieren, ist Cuprum eines der hochrangigen Mittel, um den Ausschlag wieder nach außen zu bringen.“
Nash: „Krämpfe ist das Wort, das diese Arznei am meisten kennzeichnet. Schmerzhafte tonische Krämpfe in Gliedmaßen, klonische Krämpfe oder allgemeine Konvulsionen – bei Meningitis, Cholera asiatica, Cholera nostras118

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Engl. cholera morbus; hauptsächlich im Sommer und Herbst auftretende akute Gastroenteritis, laut Roche Lexikon Medizin „die ‚Brechruhr‘: eine meist durch Salmonellen oder deren Toxine hervorgerufene Krankheit, mit Erbrechen, Durchfällen, Exsikkation, Wadenkrämpfen und Kräfteverfall.“ Auch ‚Sommerdiarrhö‘ oder ‚Sommercholera‘ genannt. Vgl. dazu die Repertoriumsrubrik „Rectum, Cholera nostras“.

, Keuchhusten, Scharlach etc.
Krämpfe, die in den Fingern und Zehen beginnen und von dort ausgehend generalisieren. …
Bei der asiatischen Cholera, bei Cholera nostras oder Cholera infantum sind die Krampfschmerzen zumeist schrecklich. Dunham sagt (in Bezug auf Cholera): ‚Bei camphoraCAMPHORA steht der Kollaps ganz im Vordergrund, bei veratrum albumVERATRUM ALBUM sind es die Ausleerungen und das Erbrechen, bei Cuprum die schmerzhaften Krämpfe.‘“
Kent: „Cuprum ist in erster Linie eine konvulsive Arznei. Die Krampfneigung zeigt sich bei fast jeder Beschwerde, die Cuprum hervorruft und heilt. Es hat Krampferscheinungen in allen Heftigkeitsgraden, vom bloßen Zucken einzelner Muskeln bis hin zu Konvulsionen des ganzen Körpers. Wenn sich Letztere entwickeln, sind die ersten Anzeichen ein Ziehen in den Fingern, Einschlagen der Daumen oder Muskelzuckungen. …
Bei tonischen Krämpfen sind die Daumen zuerst betroffen; sie werden in die Handteller gezogen, und erst danach schließen sich die Finger mit großer Kraft über ihnen zusammen. … Nach manchen Krampfanfällen können die Patienten wie tot aussehen.“
Kent beschreibt den Keuchhusten, der nach Cuprum verlangt, mit den Worten der Mutter. „Sie sagt: ‚Wenn der Kleine von einem solchen Hustenanfall gepackt wird, wird das Gesicht ganz blau, und die Fingernägel verfärben sich. Die Augen dreht er dabei immer nach oben. Er hustet und hustet, bis er keine Luft mehr kriegt, und dann liegt er lange bewusstlos da, dass ich schon Angst bekomme, er könnte für immer aufhören zu atmen. Dann aber kommt er unter gewaltigem, krampfhaftem, kurzem Schnappen nach Luft wieder zu sich, so als würde er gerade zum Leben erweckt.‘ Hier finden Sie all die heftigen Merkmale eines konvulsiven Keuchhustens versammelt. … Wenn die Mutter schnell genug mit etwas kaltem Wasser zur Stelle ist, kann sie den Husten noch zum Stillstand bringen, denn gerade Trinken von kaltem Wasser vermag den Bronchospasmus zu lindern. …
Wann immer die Atmungsorgane in Mitleidenschaft gezogen sind, besteht eine ausgesprochen spastische Atmung. Nach den Anfällen starkes Schleimrasseln in der Brust. Und je größer die Atemnot, desto wahrscheinlicher, dass die Daumen eingeschlagen werden und die Finger verkrampfen. …
Cuprum ist alles andere als ein passives Mittel. Alles ist von großer Heftigkeit gekennzeichnet: Heftigkeit des Durchfalls, des Erbrechens, der Krämpfe; seltsame und heftige Aktionen in den Phasen des Wahnsinns und des Deliriums. …
Epileptische Anfälle, die nach Cuprum verlangen, weisen oft als Vorboten Kontraktionen und Zuckungen an Fingern und Zehen auf. Der Patient kann aber auch urplötzlich mit einem Schrei zu Boden stürzen und sich während der Krämpfe einnässen und einkoten. Cuprum ist ferner angezeigt bei Epilepsien, die mit heftiger Konstriktion des unteren Thorax beginnen oder mit Kontraktionen der Finger, die sich von dort auf den ganzen Körper, auf alle Muskeln ausbreiten.
Cuprum wird gelegentlich vor oder nach der Niederkunft benötigt. Die Patientin kann dabei urämisch sein …; der Urin ist spärlich und eiweißhaltig. Im fortgeschrittenen Stadium der Wehen wird die Gebärende plötzlich blind: Es kommt ihr vor, als würde sich der Raum verdunkeln; die Wehen hören auf, und Krämpfe stellen sich ein, beginnend an Fingern und Zehen. Wenn Sie so etwas sehen, denken Sie sofort an Cuprum. Sie werden Schwierigkeiten haben, einen Fall wie diesen ohne Cuprum in den Griff zu bekommen.“
Kent bespricht auch die Cholera119

119

Zur Cholera und ihren Heilmitteln und zu den großartigen Erfolgen ihrer homöopathischen Behandlung verweise ich auf meinen Artikel in der Homœopathy vom April 1932 [in diesem Buch kurz am Ende der Einleitung referiert].

. Er sagt: „Ohne selbst je einen Cholerafall zu Gesicht bekommen zu haben, erkannte Hahnemann aus den Beschreibungen dieser Krankheit, dass sie Erscheinungen hervorrief, welche den Symptomen von Cuprum120

120

Was das Kupfer bei Cholera betrifft: Von Arbeitern in Kupferminen heißt es, dass sie immun gegen diese Krankheit sind. Oft werden als Schutzmaßnahme auch kleine Kupferplättchen direkt auf der Haut getragen. Andererseits sollen einige der sporadischen ‚Cholera‘-Erkrankungen in Indien, wo ganze Gesellschaften wenige Stunden nach einem Picknick mit choleraähnlichen Symptomen darniederlagen, auf schlecht gereinigte Kupferkannen zurückzuführen sein, in denen die einheimischen Diener den Tee kochten.

, camphoraCAMPHORA und veratrum albumVERATRUM ALBUM ähnlich waren …; dies sind die drei Hauptmittel bei der asiatischen Cholera. … Mehr als bei den anderen Arzneien steht bei Cuprum die Krampfsymptomatik im Vordergrund; es hat von allen die heftigsten Krämpfe. … Alle drei Mittel tendieren zu Kollaps und baldigem Exitus. Eine Zusammenfassung der Unterschiede: Cuprum für Fälle von konvulsivem Charakter; CAMPHORA in Fällen, die durch extreme Kälte und (mehr oder weniger) durch Trockenheit gekennzeichnet sind; und VERATRUM, wo starke Schweiße, Erbrechen und Durchfälle die Hauptmerkmale sind. Das ist leicht zu merken, erlaubt es uns aber, einer Choleraepidemie zuversichtlich entgegenzutreten.“
In Bezug auf choleraähnliche Zustände vergleicht Kent auch podophyllumPODOPHYLLUM und phosphorusPHOSPHORUS mit Cuprum. Die profusen Stühle von PODOPHYLLUM (das ebenfalls Krämpfe hat) stinken entsetzlich; und bei PHOSPHORUS macht sich, wie bei Cuprum, ein Gluckern der aufgenommenen Flüssigkeiten bemerkbar. „Bei PHOSPHORUS beginnen alle Getränke zu gluckern, sobald sie in den Magen gelangt sind, und das geht auf dem ganzen Weg durch den Darm weiter. Dieses Gluckern fängt bei Cuprum schon im Hals an: Das Schlucken ist bereits damit verbunden, und es tritt auch auf der ganzen Länge der Speiseröhre auf. …
Absonderungen hören auf oder werden unterdrückt, und plötzlich treten Krämpfe auf; in solchen Fällen stellt Cuprum die Absonderung wieder her und setzt den Krämpfen ein Ende. … Entzündungen klingen plötzlich ab, und Sie fragen sich schon, was geschehen ist. Doch auf einmal kommt es zu Wahnsinn, Delirium, Konvulsionen, Blindheit …; hier haben wir es mit dem Phänomen der Metastasis zu tun, dem ‚Szenenwechsel‘ von einem Bereich des Körpers zu einem anderen. Dasselbe kann als Folge eines unterdrückten Hautausschlags auftreten, einer unterdrückten Absonderung, eines unterdrückten Durchfalls. Das Übel schlägt auf das Gehirn, auf die Psyche und führt Geisteskrankheit herbei – ein wildes, aktives, manisches Delirium. …
Konvulsionen, bei denen Gliedmaßen abwechselnd gebeugt und gestreckt werden. Sie sehen, wie ein Kind mit großer Heftigkeit ein Bein von sich stößt, dann ebenso heftig an den Leib zieht und dann wieder von sich stößt. Man findet kaum ein anderes Mittel, das dieses Symptom aufweist (TABACUMtabacum). Konvulsionen mit Flexion und Extension von Gliedmaßen sind bei Cuprum häufig anzutreffen. …
Krampfhafte Augenbewegungen, Zucken oder Zwinkern der Lider. … Gesicht und Lippen blau; bei Konvulsionen und Keuchhusten ist das Gesicht purpurn verfärbt. … Lähmung der Zunge (nach Konvulsionen). …
Viele Beschwerden werden durch Trinken kalten Wassers gelindert. Der Husten wird manchmal durch Einatmen kalter Luft ausgelöst, aber durch einen Schluck kalten Wassers gebessert, wie bei COCCUS coccus cactiCACTI. … Cuprum ist auch, was nur wenig bekannt ist, ein wundervolles Mittel bei Anämie.“
Es fällt mir, wie so häufig, wenn ich Kent zitiere, schwer, ein Ende zu finden! Je mehr ich im ‚Kent‘ lese, desto mehr staune ich über sein Erkennen von Charakteristika einer Arzneiwirkung und über seine Fähigkeit, die Dinge anschaulich darzustellen. Einer unserer besten Kollegen trug während des ganzen Krieges Kents Arzneimittelbilder mit sich herum, und seine Fähigkeit, das darin enthaltene Wissen ‚aufzusaugen‘, muss enorm gewesen sein, nach der Schnelligkeit zu urteilen, mit der er die homöopathischen Mittel bestimmen konnte.
Für Anfänger wird es allerdings wohl besser sein, mit Nashs Buch Leitsymptome in der homöopathischen Therapie zu beginnen. Es ist nicht so umfangreich, und der Anfänger wird nicht gleich von der Fülle des Materials erschlagen. Es lehrt, homöopathisch zu denken, und ist voll von unschätzbaren Arzneivergleichen. – Aber unser einzigartiger Kent! … Er hat einmal versichert: „Nichts von alledem stammt originär von mir. Es ist ganz und gar Hahnemanns Lehre.“ Sicher aber ist der Mantel Hahnemanns auf ihn gefallen – und eine doppelte Portion seines Geistes dazu!
Um aber auf den Boden der alltäglichen Erfahrungen zurückzukommen: Patienten, die uns aufsuchen und über heftige Krämpfe klagen, besonders in den Waden, brauchen sehr oft entweder Cuprum oder calcarea carbonicaCALCAREA. CALCAREA-Krämpfe verschlimmern sich vor allem nachts im Bett, beim Ausstrecken der Beine im Bett. Ich erinnere mich an einen Fall, wo ich bei einer malignen Erkrankung (ich glaube, des Uterus) Cuprum gegeben habe, und zwar wegen der heftigen Krämpfe, unter denen die Patientin litt. Danach verschwanden nicht nur ihre Krämpfe, sondern es besserten sich – für eine gewisse Zeit – auch die Symptome ihrer eigentlichen Krankheit.
Ich entsinne mich eines kleinen Jungen, der mit einer schweren Pneumonie bei uns im Hospital lag; sie wurde kompliziert durch Diarrhöen und heftige Krampfschmerzen. Cuprum brachte sehr schnell die Temperatur herunter und beseitigte die Lungensymptomatik ebenso wie die Durchfälle und die Krämpfe.
Eigentümliche und unterscheidende Symptome
Das Kind gerät bei jedem Keuchhustenanfall in eine vollständige kataleptische Starre.
Husten schlimmer durch Einatmen von kalter Luft; besser durch Trinken von kaltem Wasser.
Husten bei Kindern, der sie zu ersticken droht.
Bei Asthma: greift mit den Händen in die Luft; unfähig, zu sprechen oder zu schlucken.
Spasmen und schmerzhafte Krämpfe (Crampi) in den Waden.
Wadenmuskeln knotenförmig verkrampft.
Krämpfe mit blauem Gesicht und in die Handteller eingeschlagenen Daumen.
Krämpfe nach Ärger oder Schreck.
Kind liegt auf dem Bauch und streckt krampfartig das Gesäß in die Höhe.
Konvulsionen mit Beißen.
Cuprum aceticum und Pocken
(Nachdruck eines Briefes an The Homœopathic World)

Als ich kürzlich in Gloucester war, während in der südlichen Hälfte der Stadt eine Pockenepidemie herrschte, interessierte ich mich sehr für die Behandlungsmethoden, die dort praktiziert wurden. Vielleicht würden Ihre Leser (da es in dieser Stadt keinen homöopathischen Arzt gibt) gern die Eindrücke erfahren, die ich dort als Laie mit einigen geringen Kenntnissen über Hahnemanns Ähnlichkeitsgesetz gesammelt habe.

Die tödlichen Verläufe unter den verschiedenen Behandlungen variierten beträchtlich, wie die folgende ungefähre Übersicht zeigt:

Im Isolierten-Krankenhausunter der alten Leitung54 %
unter Dr. Brooke8 %
Mit Hydropathie unter Mr. Pickering10 %
Mit ‚Crimson Cross‘-Salbe unter Captain Feilden2 %

Ich stellte bei meinen Besuchen fest, dass die anfängliche Skepsis gegenüber der ‚Crimson Cross‘-Salbe allmählich einem zunehmenden Vertrauen in diese Behandlung wich, was im Hinblick auf den o. g. groben Erfolgsmaßstab ja auch durchaus gerechtfertigt erscheint. Da ich das sichere Gefühl hatte, dass, wenn von dieser Salbe irgendwelche heilenden Wirkungen ausgingen, diese auf unser Gesetz zurückzuführen sein müssten, bat ich Captain Feilden, mir zu verraten, welches die Bestandteile seiner Salbe seien. Er entsprach meiner Bitte bereitwillig, und ich erfuhr, dass die grüne Salbe, mit der seine Patienten von Kopf bis Fuß eingeschmiert wurden, ihre Heilkräfte dem darin enthaltenen Kupferacetat verdanke. Als ich dann letzten Montag von Dr. Hadwen die oben aufgeführten ungefähren Erfolgsquoten in Erfahrung brachte, war mir klar, dass es wünschenswert wäre, einmal die Symptome der Pocken mit jenen aus den Prüfungen von Cuprum aceticum zu vergleichen. Im Folgenden nun die Ergebnisse:

Symptome der Pocken
aus H.  v.   Cyclopedia
Prüfungen von Cuprum aceticum
aus Allens Encyclopedia
Fieber und Störung des Allgemeinbefindens.Haut warm und trocken – oder mit Schweiß bedeckt.
Puls beschleunigt.Puls beschleunigt: 120–140.
Initiales (prodromales), flüchtiges Exanthem.(Fraglich.)
Mattigkeit.Außerordentliche Schwäche. Prostration.
Schwindel und Synkope.Erschöpfung und ohnmächtige Schwäche.
Foetor ex ore. Heiserkeit.
Aphonie.
Fleckige Röte des Rachens.
(Sprechen entweder behindert oder ganz unmöglich – Jahr.)
Übelkeit, Würgen, Erbrechen.Gelbsucht, mit Erbrechen und Aufstoßen.
Übelkeit und Erbrechen.
Anorexie.Appetitlosigkeit.
Abneigung gegen Speisen.
Verstopfung,
gelegentlich Durchfall.
Durchfall,
gelegentlich Verstopfung.
Schwerer Kopfschmerz.Quälender Kopfschmerz.
Gesicht rot und aufgedunsen; heftiges Pulsieren in den Karotiden.Gesicht sehr rot und geschwollen. Gesicht aufgedunsen, rot, heiß.
Delirium, Schlaflosigkeit, Unruhe.Delirium. Sopor. Koma.
Rückenschmerz (weniger konstant als die gastrischen Symptome und der Kopfschmerz).Schmerzen in den Lenden und im Kreuzbein, am Nabel und in der Leistengegend.
Ziehende, reißende Schmerzen in den Extremitäten.Schmerzhafte Krämpfe in den Waden. Tetanische Krämpfe in den großen Zehen, dabei sehr heftige Schmerzen in den Fußsohlen.
Bronchitis, weniger konstant.(Fraglich.)
Hautausschlag, fast stets schlimmer im Gesicht und auf der Kopfhaut.Ausschlag scheinbar lepröser Art, aus unterschiedlich großen Stellen bestehend, von denen die größten weiß und schuppig waren, mit feuchter Basis, als ob eine scharfe Flüssigkeit unter dem Häutchen sezerniert worden wäre; mehr oder weniger am ganzen Körper und sehr stark zwischen den Kopfhaaren.

Die obigen Symptome und Prüfungen sind einander zu ähnlich, als dass es, alles zusammengenommen, Zufall sein könnte; und der erstaunliche Erfolg der ‚Crimson Cross‘-Salbe zeigt einmal mehr die Richtigkeit des Gesetzes Similia similibus curentur. Die homöopathische Ärzteschaft hat eine große Chance vertan, als sie nicht einmütig die Pockenschutzimpfung für irrelevant erklärte. Um diese verpasste Gelegenheit wiedergutzumachen, steht ihr nun wahrscheinlich mit Cuprum aceticum ein Heilmittel für Variola zu Gebote, das möglicherweise auf einer Stufe steht mit aconitumaconitum bei Fieber oder mit camphoracamphora in den frühen Stadien der Cholera.

Hochachtungsvoll,

A. Phelps

Edgbaston, 11. September 1896

Cyclamen

Weitere Namen: Cyclamen europaeum; Alpenveilchen, „Erdscheibe“
Dieses ziemlich vernachlässigte, aber bei Sehstörungen sehr nützliche Mittel hat bei mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen, als es mich vor Jahren rasch von einer solchen geheilt hat. Cyclamen ist, wie Vergiftungsfälle, Prüfungen und Heilungen belegen, innerhalb seines speziellen Wirkungskreises eine Arznei von großer Heilkraft und prompter Wirkung. Meine persönliche Erfahrung damit sah, soweit ich mich nach all den Jahren noch daran erinnern kann, folgendermaßen aus:
Als ich eines Morgens erwachte und im Zimmer umherschaute, schien sich alles, was ich ansah, zu bewegen; alles drehte sich (nach rechts, wenn ich mich recht entsinne), während ich durch all die Bewegung hindurch große Möbel im Hintergrund, wie z.B. den Kleiderschrank, ganz normal und unbewegt dastehen sah.121

121

Vgl. Tylers Schilderung dieses Cyclamen-Schwindels im CONIUM-Kapitel, wo sie ihn als „transparenten Schwindel“ bezeichnet.

Es war ein ebenso eigenartiger wie quälender Zustand; doch Cyclamen ‚nahm die Sache in die Hand‘ und setzte ihr umgehend ein Ende.
Ich möchte daher die funktionellen Augensymptome von Cyclamen besonders hervorheben; fast alle sind sie von ‚flimmerndem‘ Charakter: „Flimmern vor den Augen wie von verschiedenfarbigen, glänzenden Nadeln, Sehen wie durch Rauch oder Nebel.“ „Brennen der Augen und Flimmern vor denselben“ (als er abends im Bett zu lesen versuchte). „Leichtes Flimmern vor den Augen und Eingenommenheit des Kopfes.“ Trübsichtigkeit. Doppeltsehen.
In der Cyclopaedia of Drug Pathogenesy werden viele Fälle detailliert geschildert122

122

Hughes gibt dort die wichtigsten Ergebnisse der österreichischen Prüfung wieder (vgl. die Fußnote auf der folgenden Seite).

, bei denen Schwindel, visuelle Eigentümlichkeiten, Kopfschmerzen und gelegentlich auch (bitteres, schwarzes, gelbes oder grünes) Erbrechen auftraten, was auf eine Wirkung der Arznei auf die Leber schließen lässt. Ein Teil dieser Fälle geht auf „Versuche mit Cyclamen-Urtinktur in der Heilanstalt für Syphilitische an Mädchen“ zurück, „die sich grösstentheils bereits in der Rekonvaleszenz nach Blennorrhöe, Kondylomen oder Exkoriationen der Scheide befanden“; bei den meisten von ihnen war die Regel zuvor entweder ausgeblieben oder verstärkt und verlängert aufgetreten. Neben Farben-, Nebel- oder Doppeltsehen brachte der Schwindel u. a. mit sich, dass Gegenstände wie im Kreis herumflogen oder schaukelnde Bewegungen vollführten, und in einem Fall bestand das Gefühl, als drehe sich der Kopf im Bett herum.
Es heißt in der Literatur, dass Cyclamen auf das zentrale Nervensystem einwirkt und außerdem Sensorium, Augen, Gastrointestinaltrakt und in ganz besonderem Maße die weiblichen Geschlechtsorgane in Mitleidenschaft zieht.
Es ruft drückende, ziehende oder reißende Schmerzen in jenen Bereichen hervor, wo Knochen direkt unter der Körperoberfläche liegen.
Die Prüfungen legen darüber hinaus nahe, dass es bei Schreibkrämpfen hilfreich sein könnte.
Hauptsymptome123

123

Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre sind (neben den im Anschluss folgenden „sperrgedruckten Symptomen“) die mit a markierten Symptome entnommen. Mit b versehene Symptome stammen aus der Nachprüfung, die 1857 von Hampe im 2. Band der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Ärzte Oesterreichs veröffentlicht wurde. c steht für zwei Symptome aus einer Prüfung Lembkes, veröffentlicht in der Neuen Zeitschrift für homöopathische Klinik, Band 7, Nr. 9.

KopfMorgens beim Aufstehen starke Kopfschmerzen und Flimmern vor beiden Augen.b
SchwindelUnd Trübsichtigkeit.b
Gefühl, als wenn sich die Gegenstände um ihn her im Kreise drehten; … nimmt bei der Bewegung im Freien zu, im Zimmer und im Sitzen ab.a
Die Gegenstände drehten sich wie im Kreise herum … [oder] schienen eine mehr schaukelnde Bewegung zu machen.b
AugenSie sieht trübe …; hat wieder zeitweise Flecke vor den Augen und ist schwindelig, besonders beim Gehen124

124

Allen und Hering haben dieses Symptom in zweifacher Hinsicht falsch wiedergegeben: „Dimness of vision and spots before the eyes, especially on waking.“ Nicht nur muss es „Gehen“ statt „Erwachen“ heißen, es fehlt auch die Angabe des Schwindels, auf den sich die Verschlimmerung wohl hauptsächlich bezieht. Entsprechend müssen die dreiwertigen Eintragungen von Cycl. in den Repertoriumsrubriken „Sehen, Illusionen, Flecke, beim Erwachen“ bzw. „Schwachsichtigkeit, Trübsehen, beim Erwachen“ korrigiert werden.

.b
Trübsichtigkeit bei Kopfschmerzen.
Flimmern vor den Augen wie von verschiedenfarbigen, glänzenden Nadeln, Sehen wie durch Rauch oder Nebel.b
Strabismus convergens.
Mund, MagenSalziger Geschmack alles Genossenen.c
Der Speichel von salzigem Geschmack, welcher sich jedem Genossenen mittheilt.c
Den ganzen Tag hatte er keinen Durst, aber Abends, als Gesicht und Hände warm wurden, stellte er sich ein.a
Schweinefleisch wird nicht vertragen.
MenstruationSie trat … vier Tage früher ein, worauf die melancholische Stimmung und die Schwere in den Füssen etwas nachliessen.b
Spärliche oder unterdrückte Menstruation, mit Kopfschmerz und Schwindel.
[Periode unter heftigen, wehenartigen Schmerzen …;] das Blut ging in grosser Menge, schwarz und in Klumpen ab …b
Hahnemanns sperrgedruckte Symptome
Feines, scharfes, jückendes Stechen auf dem Haarkopfe, welches, wenn er kratzt, immer wieder an einer andern Stelle anfängt.
Erweiterung der Pupillen.
Verdunkelung des Gesichts.
Anschwellen der obern Augenlider.
Ziehender Schmerz im rechten, innern Gehörgange.
Wenig Hunger und wenig Appetit.
Keine Neigung zum Frühstücke.
Genießt er von einer Speise auch nur wenig, so widersteht ihm das Uebrige und ekelt ihm an, und er empfindet Uebelkeit im Gaumen und Halse.
Völlige Appetitlosigkeit; vorzüglich will ihm das Frühstück und Abendessen nicht schmecken; sobald er zu diesen Zeiten zu essen anfängt, so ist er auch sogleich gesättigt.
Gegen Butterbrod hat er Widerwillen …
Die Speisen haben ihm einen faden und fast gar keinen Geschmack.
Schlucksen nach dem Essen.
Sogleich nach Tische Knurren im Unterbauche und dieß kehrte täglich wieder.
Unbehaglichkeit im Unterbauche mit einiger Uebelkeit darin.
Eine Art lähmiger, harter Druck am rechten Ober- und Unterarme, dem Gefühle nach in der Beinhaut und ganz innerlich in den Muskeln; er zieht sich von da bis in die Finger und hindert ihn am Schreiben.
Schmerzhaftes Ziehen in der innern Fläche der Ellbogenröhre und im Handgelenke.
Eine Art lähmigen, harten Drucks, der [ … ] im Vorderarme nur schwach anfängt, sich dann aber bis in die Finger zieht, wo er so heftig wird, daß er nur mit der größten Anstrengung schreiben kann.
Klammartiger Schmerz hinten am Oberschenkel, über der rechten Kniekehle.
Verrenkungsschmerz im rechten Unterfuße [Fuß] …
Neben diesen seinen Hauptsymptomen und neben seinen Sehstörungen zeigt Cyclamen auch manch
Seltsame, beachtenswerte oder einzigartige Symptome
Vom Gemüt her erinnert Cyclamen an DROSERAdrosera mit seinen „Einbildungen, allein gelassen oder von jedermann verfolgt zu werden“; oder auch an staphisagriaSTAPHISAGRIA – mit seinen „Beschwerden durch inneren Gram und Gewissensangst“.
Höchste Traurigkeit, als wenn er eine böse Handlung begangen und seine Pflicht nicht erfüllt hätte.a
Gefühl, als ob der Raum zu klein wäre, doch widerstrebt es ihr, ins Freie zu gehen.
Plötzliche Stimmungswechsel, z.B. Heiterkeit abwechselnd mit Reizbarkeit und Verdrießlichkeit.
Verdrießliches, mürrisches Wesen; er konnte leicht jede Kleinigkeit übel nehmen und darüber sehr ergrimmen.a
Druck im Scheitel, als wenn das Gehirn mit einem Tuche umzogen … würde.a
Schwindel: beim Stillstehen, wenn er sich angelehnt hat, ist es ihm, als wenn sich das Gehirn im Kopfe bewegte oder als ob er mit verschlossenen Augen in einem Wagen führe.a
Gefühl, als ob das Gehirn im Gehen hin und her schlackern würde.
Bewegungen im Unterleib, als ob sie schwanger sei. (Vgl. CROCUS, crocusTHUJA)
thujaEin Laufen und Krabbeln in den Gedärmen, als sei etwas Lebendes darin.b
Gefühl, als wenn ein Thier in das Herz herauflaufen möchte.b
Aufgeregte Herzthätigkeit; Schwirren in der Gegend des Herzens.b
Im rechten Ohre ist es, als ob es mit Baumwolle verstopft wäre …a
Brausen, Summen oder Klingen in den Ohren.
Neben dem salzigen Geschmack des Speichels oder der Speisen ist auch bitterer oder „übler, fauler Geschmack im Munde“a möglich; Speisen können fade schmecken.
Verlangen nach Limonade. Abneigung gegen Butterbrot, Bier, fette Speisen; gegen normales Essen, bei gleichzeitigen Gelüsten nach ungenießbaren Dingen.
Anhaltender Widerwille gegen Fleisch; starkes Verlangen nach Sardinen.
Brennender Wundheitsschmerz an den Fersen …a (PETROLEUMPetroleum)

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