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Gelsemium – Graphites

Gelsemium

Weitere Namen: Gelsemium sempervirens; Gelber Jasmin
Gelsemium, der Gelbe oder auch Wilde Jasmin, ist eine Kletterpflanze, die in den Südstaaten der USA heimisch ist.
Die Einführung von Gelsemium als Heilmittel verdanken wir Dr. E. M. Hale (USA), der stolz war auf den Titel, den seine Kollegen ihm gegeben hatten: „Vater der New Remedies“. Er wurde so genannt, weil er unsere Pharmakopöe um viele wertvolle Arzneien bereichert und ein bedeutendes Buch darüber geschrieben hat, die Materia Medica and Special Therapeutics of the New Remedies.1

1

Eine deutsche Übersetzung der dritten, stark gekürzten Auflage dieses Buches hat 1873 Dr. Oehme besorgt (Kap. A, Fußnote 25).

Clarkes Beschreibung von Gelsemium und seiner Wirkung ist ausgezeichnet. Er hält es für eine der wichtigsten neu hinzugekommenen Arzneien unserer Materia medica, nicht so sehr wegen der vielen Symptome, die es produziert, sondern vor allem wegen der großen Zahl an markanten und sehr charakteristischen Symptomen, denen wir auch in unserer täglichen Praxis ständig begegnen. Hier ein kurzer Auszug:
„Gelsemium ist ein ‚großer Paralysierer‘. Es erzeugt physisch wie psychisch einen Zustand allgemeiner Parese. Der Geist ist träge, die gesamte Muskulatur erschlafft; die Glieder sind so schwer, dass der Patient sie kaum bewegen kann. … Derselbe paretische Zustand zeigt sich auch an den Augenlidern, wo es Ptose hervorruft; an den Augenmuskeln, wodurch es zur Diplopie kommt; am Ösophagus, mit starker Beeinträchtigung des Schlingvermögens; am Anus, der offen steht … Postdiphtherische Lähmungen. … Typische Beispiele für die psychische Asthenie sind der ‚Bammel‘ vor einer Prüfung, das Lampenfieber, ferner die nachteiligen Folgen von Zorn, Kummer oder schlechten Nachrichten; meist geht diese Schwäche mit Herabhängen der Augenlider einher. … Hysterische Dysphagie oder Aphonie nach emotionaler Erregung. … Tremor ist ein Leitsymptom des Mittels.“
Ich erinnere mich, wie ich einmal nach einer Diphtherie ein stechendes Prickeln in den Fingerspitzen und Fußsohlen bekam – als wären lauter kleine, spitze Steine in den Schuhen. Und als ich etwas herunterschlucken wollte, machte ich die unangenehme Erfahrung, dass der Bissen nicht nach unten, sondern nach oben wanderte, in die Nase. All dies wurde, wie zu erwarten, von Gelsemium prompt beseitigt, denn Lähmung der Speiseröhre und Schlingmuskeln ist eines der Charakteristika dieser Arznei; zudem hatte sich Gelsemium bereits als wichtiges Heilmittel bei postdiphtherischen Lähmungen erwiesen.
Influenza. – Es gibt eine Grippeform, die von Gelsemium rasch behoben wird: Wo Frostschauer den Rücken rauf und runter laufen und die Beine so schwer sind, dass man sie fast nicht heben kann, und wo auch Kopf und Gehirn matt, schwer und träge sind, da bringt es die Dinge, oft innerhalb weniger Stunden, wieder ins Lot.
Nach einer Grippeepidemie kommen an manchen Nachmittagen gleich reihenweise Patienten in unsere Ambulanz und klagen: „Nach dieser Grippe vor ein paar Wochen bin ich nicht mehr richtig auf die Beine gekommen; ich fühle mich müde, schlapp und schwer – es will einfach nicht besser werden.“ Die Temperatur ist leicht erhöht, vielleicht 37,2 °C, und immer wieder treten Frostschauer auf. In Fällen wie diesen ist Gelsemium das Mittel der Wahl.
Es hat sich herausgestellt, dass Gelsemium auch eine prophylaktische Wirkung bei Grippeepidemien haben kann. Eine solche Epidemie, die in verschiedenen Schulen schrecklich gewütet hatte, soll, wie ich gehört habe, dank Gelsemium eine große Schule völlig verschont haben. Doch um das Mittel bei Grippe erfolgreich einsetzen zu können, müssen die entsprechenden Symptome vorhanden sein: die Schwere –die Schwäche – das Zittern (häufig) – die Frostschauer – die schlimmen Hinterkopfschmerzen (eventuell). In solchen Fällen wirkt kein Mittel so zuverlässig wie Gelsemium.
Gelsemium gehört zu den wenigen Mitteln mit „Furcht zu fallen“. (boraxBORAX hat etwas Ähnliches, doch ist es hier mehr eine Furcht vor Abwärtsbewegung, die sich z.B. dann zeigt, wenn ein Kind sich in dem Augenblick, in dem es ins Bett gelegt wird, voller Schrecken an die Mutter klammert.) Die Gelsemium-Furcht wird in Herings Guiding Symptoms wie folgt beschrieben:
„Dem Kind wird schnell schwindelig; wenn es getragen wird, hält es sich aus Angst zu fallen krampfhaft am Kindermädchen fest.“
„Gefühl des Fallens bei Kindern; das Kind schreckt hoch und hält sich am Kindermädchen oder am Bettchen fest und schreit auf – aus Angst zu fallen.“
Ich muss da an ein Kind in unserem Krankenhaus denken, das so schreckliche Angst hatte zu fallen, dass es ihm (wie mir berichtet wurde) nicht genügte, sich an seiner Mutter festzuhalten – es musste ein schweres Möbelstück sein. Nach Gelsemium war das nächste, was ich hörte, dass es draußen in den Bäumen herumkletterte … Durch solche Fälle lernt man Materia medica!
Gelsemium neigt zu Durstlosigkeit.
Gelsemium ist auch ein wichtiges Kopfschmerzmittel. Es hat entsetzlichen Kopfschmerz – nervösen Kopfschmerz – plötzlichen Kopfschmerz, mit Trübsehen oder Doppeltsehen – und ganz besonders Hinterkopfschmerz.
Wir haben relativ wenig Masernfälle bei uns im Hospital und hätten gern noch weniger, neigt man doch heute dazu, Masernfälle gleich zu isolieren, und dann setzt die verflixte Quarantäneverordnung unsere ganze Kinderstation gleich für Wochen außer Gefecht. Warum können wir sie nicht einfach behandeln und heilen! All diese Infektionskrankheiten haben wir im Hospital in der ersten Zeit seines Bestehens regelmäßig behandelt und glänzend geheilt! Wie dem auch sei, Gelsemium hat bei Masern einen sehr guten Ruf – bei Ärzten, die die Patienten nicht, so schnell es geht, in Quarantäne stecken, sondern wirklich behandeln. Ich erinnere mich, wie einmal eine ganze Familie mit einer Fischvergiftung bei uns eingeliefert wurde. Die Gesichter hatten ein masernähnliches Aussehen, die Augen waren schmerzhaft angeschwollen und beinahe verschlossen; es bestand das typische mattrote Exanthem, und sogar Eiweiß wurde im Urin gefunden. Nach Gelsemium waren sämtliche Symptome innerhalb weniger Stunden verschwunden; es war die große Ähnlichkeit mit den Masern, die hier zur Wahl von Gelsemium geführt hatte.
Und dann dieses unbehagliche und höchst unangenehme Symptom Erwartungsspannung. Es gibt zwei Mittel im Repertorium, die Durchfall infolge von Erwartungsspannung (schmerzlosen, ‚psychischen‘ Durchfall) haben, nämlich argentum nitricumArg-n. und Gels.2

2

Im heutigen Kent-Repertorium erscheinen unter der Rubrik Diarrhoea, anticipation, after drei Mittel: Arg-n., Gels., Ph-ac. Die Präposition „after“ scheint mir im Übrigen nicht ganz korrekt zu sein, weil sie das Missverständnis erlaubt, der Durchfall setze erst nach Abklingen der Erwartungsspannung ein; präziser wäre from (wie bei M. Tyler). In der deutschen Übersetzung wird „anticipation“ zudem mit „Vorfreude, Erwartung“ wiedergegeben, was den Sachverhalt ebenfalls nicht trifft. Die Rubrik müsste daher richtig lauten: Diarrhö infolge Erwartungsspannung. Vgl. dazu etwa die Rubrik Diarrhö vor der Schlacht im Krieg: Gels.

Neben der Rubrik „Beschwerden durch Erwartung“ unter „Gemüt“ gibt es noch weitere ‚Erwartungs-Rubriken‘ (oder solche, die darauf hinauslaufen), z.T. in anderen Teilen des Repertoriums [siehe dazu und zum Folgenden Kap. S]. Die vollständige Liste der Mittel, soweit ich sie aus dem ‚Kent‘ zusammentragen konnte, lautet:
Argentum nitricumArg-n., arsenicumArs., carbo vegetabilisCarb-v., Gels., lycopodiumLyc., medorrhinumMed., phosphoricum acidumacidum phosphoricumPh-ac., plumbumPlb., siliceaSil.
Carb-v., Gels., Plb. und Sil. erscheinen unter „Zaghaftigkeit in der Öffentlichkeit“3

3

Die Rubrik heißt im Englischen „Timidity, appearing in public“, muss also korrekt lauten „Furchtsamkeit beim Auftreten in der Öffentlichkeit“. Kokelenberg definiert in Kent's Comparative Repertory „Timidity“ so: „Ängstlich, furchtsam, nicht mutig; es fehlt an Mut, einer Gefahr zu begegnen.“

; Ars. unter „Angst, wenn etwas von ihm verlangt [besser: erwartet] wird“; der Rest natürlich unter Erwartung.
Außer bei Erwartungsspannung, welche Examensangst (Argentum nitricumARGENTUM NITRICUM) einschließt, kann Gelsemium auch ein Mittel bei üblen Folgen von Schreck oder Furcht sein, z.B. bei drohendem Abort aufgrund von Furcht. Guernsey sagt: „Dieser Gelsemium-Schreck ist ein Gefühl des völligen Ergriffenseins von Schreck, eine sehr tiefsitzende Erschrockenheit oder eine Furcht, die einen tiefen Eindruck hinterlassen hat.“ Und: „Jede aufregende Neuigkeit führt unmittelbar zu Durchfall. … Fieberhafte Erkrankungen, bei denen in erster Linie die Muskelkraft beeinträchtigt wird; der Patient fühlt sich vollkommen kraftlos.“
Kent: „Eine Gelsemium-Erkältung entwickelt ihre Symptome erst mehrere Tage nach der Kälteexposition, während sich die aconitumACONITUM-Erkältung schon nach wenigen Stunden bemerkbar macht.“ Er nennt Gelsemium „ein nur kurz wirkendes Mittel, trotz seines langsamen Beginns“. Und er sagt: „Alle Fieberzustände von Gelsemium … und selbst ganz gewöhnliche Erkältungen mit Niesen, heißem Gesicht und roten Augen weisen ein gemeinsames, typisches Merkmal auf, nämlich ein Gefühl von großer Schwere und Mattigkeit im ganzen Körper und in allen Gliedern. Der Kopf kann nicht einmal aus dem Kissen gehoben werden, so kraftlos sind die Muskeln, so schwer der Kopf. Der bryoniaBRYONIA-Patient hingegen liegt deshalb still in seinem Bett, weil seine Schmerzen durch Bewegung schlimmer werden.“
Bei Gelsemium ist das Herz schwach, der Puls weich und unregelmäßig. Eigentümlich ist die Empfindung, „als ob das Herz augenblicklich stehenbleiben würde, wenn er nicht beständig herumginge“. Das Herz ist so geschwächt, dass es willentlich und durch Außenreize in Bewegung gesetzt werden muss – so zumindest ist das Gefühl des Patienten.

„Wenn sie sich bewegt, wird ihr Herz versagen“ – Oje!

Dies Gefühl ist für digitalisDIGITALIS ein starkes Plädoyer.

„Muss sich immerfort bewegen – oder das Herz steht still“ –

Hierfür Gelsemium steht ganz klar an erster Stell';

Während bei lobeliaLOBELIA man häufig hört die Klage,

Dass es gleich stehen bleibe, das stehe außer Frage.

Vom cactus grandiflorusCACTUS-Herzen ist die Empfindung wohlbekannt,

Als würd’ es zusammengedrückt von eiserner Hand.

Und hat lachesisLACHESIS beim Erwachen ein Zusammenschnüren,

So wird dieses bei arsenicumARSEN im Gehen mehr passieren.

Ein Herz wie abwechselnd gepackt und losgelassen

Wird hingegen gleich an lilium tigrinumLILIUM TIGRINUM denken lassen.

jodumJODUM hat einfach nur Beklemmung und nicht mehr;

Bei heftigstem Herzweh aber spigeliaSPIGELIA hilft oft sehr.

Übrigens tun Sie gut daran, Ihre homöopathischen Arzneien aus einer erstklassigen homöopathischen Apotheke zu beziehen; und wie mir ein homöopathischer Apotheker vor Jahren einmal erklärte, gilt dies für Gelsemium in besonderem Maße. Billige Homöopathika würden zumeist aus trockenen Pflanzen zubereitet anstatt aus frischen, die zu ihrer besten Zeit gesammelt worden sind. Er sagte, bei Gelsemium sei die minderwertige Tinktur aus der getrockneten Pflanze nahezu wirkungslos, dagegen führten ein oder zwei Tropfen eines guten Präparats schnell zum Kollaps. Einige unfreiwillige Prüfungen von Gelsemium sind sehr aufschlussreich im Hinblick auf dessen paralysierende Eigenschaften. Eine dieser Prüfungen war die folgende (zitiert aus Clarkes Dictionary): „J. H. Nankivell trank zwei Unzen [62,2 g] einer Gelsemium-Tinktur anstelle eines Glases Sherry. Danach konnte er – mit fremder Hilfe – gerade noch ein paar Schritte gehen, doch nach einer weiteren Minute waren seine Beine bereits gelähmt. Er zog sich mit den Armen zum Bett hin, kam aber wegen der Schwäche derselben nicht mehr hinein, sodass man ihn ins Bett heben musste. Solange er still liegen blieb, hatte er keine Beschwerden, doch bei der geringsten Bewegung trat stärkstes Zittern auf. In den folgenden 24 Stunden kam es zu Erbrechen, die Temperatur stieg auf 38,6 °C; die Herztätigkeit war sehr heftig, und der Puls setzte immer wieder aus. … Sämtliche Augenmuskeln waren in ihrer Funktion beeinträchtigt.“
In einem anderen Fall, von dem Clarke berichtet, stand Doppeltsehen im Vordergrund. Einer seiner Patienten hatte wegen Kopfschmerzen eine Drachme [3,9 g] der Urtinktur zu sich genommen. Als er nach draußen ging, konnte er nicht sagen, auf welcher Straßenseite er sich befand. Er war in der Nähe der St. Paul's Cathedral und sah statt einer Kathedrale deren zwei … Heutzutage scheint es daher nicht sehr ratsam zu sein, Gelsemium in der Ø einzunehmen, wenn man sich anschließend den Gefahren des Londoner Verkehrs aussetzen muss!
Hauptsymptome und charakteristische Symptome4
Geist und GemütBenommenheit des Geistes [Kopfeingenommenheit, Duseligkeit], erleichtert durch reichlichen Abgang wässrigen Harns.

4

Die mit a bezeichneten Symptome sind der Homöopathischen Arzneimittellehre aller in den Jahren 1850–1862 geprüften Mittel von Alphons Possart entnommen. Das darin enthaltene Symptomenregister basiert auf der von E. M. Hale 1862 herausgegebenen Monographie über Gelsemium, die von Hering gesichtet, übersetzt und ergänzt wurde. Sie wurde noch im selbem Jahr im 64. und 65. Band der A.H.Z. veröffentlicht.

Unfähigkeit zum Denken und die Aufmerksamkeit auf Etwas zu richten.a
KopfWie zu leicht, mit Schwindel.a
Schwindel und Augenflirren wiederkehrend …, allmählich so zunehmend, dass alle Gegenstände sehr unbestimmt erscheinen.a
Häufiger Abgang wässerigen Harnes, und fast jedes Mal mit [Frostigkeit, Zittern und] -einer entschiedenen Erleichterung der Schwereempfindung im Kopfe, [der Duseligkeit und Trübsichtigkeit].a
Empfindlichkeit und Quetschungsschmerz im Gehirn.a
AugenHerabhängen der Augenlider.
Schwierigkeit, die Augen zu öffnen oder offen zu halten.a
Trübsichtigkeit und Schwindel.a
Wie Rauch vor den Augen, mit Schmerz über denselben.a
Die Gegenstände erschienen doppelt.
GesichtGeröthet und heiss, auch beim Anfühlen …a
Schweres, dummes Aussehen des Gesichts.a
Sein Unterkiefer begann sich seitwärts hin- und herzubewegen; er hatte keine Kontrolle darüber.
MundTaubheit der Zunge.a
Die Zunge fühlte sich so dick an, dass er kaum sprechen konnte.
Er versuchte zu schlucken, konnte aber nicht.
HarnorganeHäufiger Abgang hellen, klaren Harnes mit Erleichterung der Eingenommenheit und Schwere des Kopfes.a
GenitalienHeftige, scharfe, wehenartige Schmerzen in der Uterusgegend, die bis in den Rücken und die Hüften ausstrahlen.
HerzUnregelmäßiger Herzschlag.
Herzklopfen.
(Ausgeprägte Wirkung auf den Puls.)
ExtremitätenZittern in allen Gliedern.
Verliert allmählich die Herrschaft über seine Glieder, sodass er deren Bewegung nicht gehörig zu lenken vermag.
Müdigkeit der Unterglieder bei wenig Anstrengung.a
NervenZittern und Schwäche.
Zittern (das den reichlichen Harnabgang begleitet).
Völlige Erschlaffung des gesamten Muskelsystems, mit vollständiger motorischer Lähmung.
Unaufgelegt und matt.a
Leichtes Ermüden, besonders der Beine.
Schwäche, Zittern … des ganzen Körpers.a
FrostigkeitBesonders den Rücken entlang.a

Glonoinum

Weitere Namen: Nitroglyzerin, Glyceryltrinitrat
Glonoinum – Nitroglyzerin – jene hochexplosive Flüssigkeit, die, mit einer porösen inerten Substanz vermischt [etwa Holzkohle oder Kieselgur], das ‚tödliche Dynamit‘ bildet, das die Erde beben macht und Felsen sprengt – wird seinem Ruf selbst noch in potenzierter Form in der medizinischen Anwendung gerecht. Auch hier bewahrt es seine beängstigenden Eigenschaften: seine Plötzlichkeit, seine berstenden Empfindungen und Schmerzen und sein Aufwärtsdrängen, das den Schädel abzuheben und zu zersprengen droht.
Die Chemie ist schon eine faszinierende Sache, und sei es nur wegen ihrer ‚Psychologie‘, wenn ich diesen Ausdruck hier gebrauchen bzw. missbrauchen darf. Aus zwei tödlichen Substanzen kann sie durch Verbindung derselben etwas völlig Harmloses formen, was sogar lebensnotwendig sein mag. Auf der anderen Seite: zwei so milde und ‚sanftmütige‘ Dinge wie das Glyzerin der Frisierkommode, das so inert ist, dass es noch nicht einmal ‚schlecht wird‘, und der Stickstoff, jenes farb-, geschmack- und geruchlose Gas, das durch ein 4:1-Gemisch mit dem Lebenserhalter Sauerstoff dessen Eigenschaften so modifiziert, dass wir, statt innerlich rasch zu verbrennen, mit jedem Atemzug genau die richtige Mischung zu uns nehmen, die unserem Leben förderlich ist und nicht etwa seine Zerstörung vorantreibt. Dass sich diese beiden Stoffe, Stickstoff [bzw. Stickoxid] und Glyzerin, zu einem so hochgefährlichen Sprengstoff verbinden, damit konnte kein Mensch rechnen – es war absolut unvorhersehbar, bis es schließlich ‚entdeckt‘ wurde. Aber, wie ein großer Chemiker einmal sagte, „niemand wäre a priori in der Lage zu sagen, wie auch nur ein Stück Zucker reagieren würde, wenn es in eine Tasse Tee gegeben wird“. Wissenschaft ist die hart arbeitende Tochter des Experiments; und von daher ist die Homöopathie durch und durch wissenschaftlich.
Dr. Hughes (Pharmacodynamics) weist darauf hin, dass die Medizin die Einführung dieser Arznei, auch wenn die alte Schule Glonoinum ebenfalls verwendet und sogar den Namen übernommen hat5

5

Heute ist es in der Schulmedizin nur noch unter dem Namen Glyceryltrinitrat bekannt.

, Constantin Hering verdankt, Hahnemanns bedeutendem Schüler. Doch können wir feststellen, dass die alte Schule – wie immer, wenn sie diese heftigen Arzneisubstanzen verwendet, die so oft die großartigsten Heilmittel der Homöopathie sind – sich notgedrungen ebenfalls in den phantastischen Bereich des Infinitesimalen begeben muss.
„Nitroglyzerin wurde 1847 von Sobrero entdeckt, doch es war zunächst nicht möglich, sich den Stoff für physiologische Experimente zu verschaffen, bis es noch im selben Jahr Morris Davis, einem Chemiker aus Philadelphia, nach langwierigen und mühsamen Versuchen unter der Leitung von Hering gelang, die Substanz in für die Prüfung ausreichender Menge herzustellen. Sie wurde hier und im Ausland umfassend geprüft (siehe Allens Encyclopedia), und die Symptome haben reichliche klinische Bestätigung erfahren.“ – Hering, Guiding Symptoms.
Gerade mit der Abfassung dieses Kapitels beschäftigt, habe ich – hochwillkommen – eine kuriose Bestätigung für die Sorgfalt und Exaktheit erhalten, mit der die Prüfungssymptome seinerzeit beobachtet und aufgezeichnet wurden …
Ein Arzt, der unter Zeitdruck geistig viel zu arbeiten hatte und von einem grässlichen und sehr behindernden ‚Vollheitsgefühl‘ im Hinterkopf und Nacken geplagt wurde, nahm eine Dosis Glonoinum, das, wie wir wissen, eine solche Blutfülle – an ebendiesem Ort – hervorruft. Es waren lediglich ein paar Kügelchen einer C 3-Potenz (das einzige Präparat, das er so schnell auftreiben konnte), wahrscheinlich längst unwirksam, wie er meinte, denn er hatte es unter einer Sammlung homöopathischer Mittel entdeckt, die jemandem gehört hatten, der schon lange, sicher seit 25 oder 30 Jahren tot war.
Nun, die Kopfschmerzen verschwanden bald (post oder propter hoc?), doch einige Tage später, als er gerade in der Ambulanz beschäftigt war, wurde er plötzlich einer unangenehmen Taubheit der linken Hand gewahr, die er nie zuvor verspürt hatte und die ihn ziemlich beunruhigte. Bald verschwand diese wieder, stattdessen aber stellte sich eine Taubheit der Unterlippe ein, ein Gefühl genau wie nach einer Kokaininjektion zur Zahnextraktion. Auch das verging, doch nur, um regelmäßig wiederzukehren: erst die linke Hand und dann die Unterlippe – nirgendwo sonst, stets genau auf diese Bereiche beschränkt. Noch am selben Abend brachten ihn diese recht besorgniserregenden Empfindungen dazu, in Kents Repertorium nachzuschlagen, um dort, falls es erforderlich werden sollte, das Heilmittel zu finden. Unter [Gesicht, Empfindungen] „Taubheit, Unterlippe“ entdeckte er nur zwei Mittel: calcarea carbonicaCalc. und Glon. Dann sah er nach unter „Extremitäten, Taubheit, Pelzigsein, Hand, links“ und fand eine Reihe von Mitteln, darunter Glon. im 2. Grad! So fand diese Missempfindung also eine befriedigende Erklärung; und erst recht interessant war es, dass Glonoinum weder bei Taubheit der rechten Hand noch bei Taubheit der Oberlippe erwähnt ist.

6

Herings Guiding Symptoms und Allens Encyclopedia. Herings umfangreiche Monographie über das ‚Glonoin‘ ist in seinen Amerikanischen Arzneiprüfungen zu finden, die 1857 veröffentlicht wurden; die hieraus entnommenen Symptome sind mit a gekennzeichnet. Allerdings stammen auch die meisten anderen Symptome von Hering und seinen Mitprüfern, und zwar aus der 1874 erschienenen revidierten und erweiterten englischen Fassung, publiziert in der New England Medical Gazette (zitiert nach Allen).

Hauptsymptome6
Geist und GemütMaulfaul, wollte kaum Antwort geben.a
Es scheinen bekannte Strassen fremd, der Heimweg zu lang.a
KopfPulsiren im Vorderkopfe.a
[Fliegende Hitze … und] deutliches Fühlen der Pulsschläge im Kopfe.a
Sogleich Gefühl, als wäre der Kopf zu gross.a
Der Kopf fühlte sich enorm groß an.
Drücken und Klopfen in den Schläfen.a
Pressender Schmerz von innen nach außen in beiden Schläfen.a
Vollheit im Kopfe und Klopfen, ohne Schmerz.a
Kopf sehr voll; Puls voll und schnell; Gesicht rot.
Als stiege das Blut nach dem Kopfe.a
Gefühl, als hinge er mit dem Kopf nach unten und als bestünde infolgedessen ein großer Blutandrang zum Kopf.
Der Schädel schien zu klein zu sein, mit einem Gefühl, als wollte das Gehirn diesen sprengen.
Wundheitsschmerz durch den ganzen Kopf; er fürchtet sich, den Kopf zu schütteln, es ist ihm, als würde er in Stücken fallen.a
Hält den Kopf mit beiden Händen.a
Presst die Hände auf den Vorderkopf.a
Schlagen im Gehirn, synchron mit jedem Pulsschlag der Arterien.
Wellenförmiger oder wogend sich bewegender Schmerz im Kopf.
Klopfen im Kopfe.a
Klopfen in den Schläfen.a
Pochen in den Schläfenarterien, die herausgetreten waren und sich wie Peitschenschnüre anfühlten.
Vollheitsgefühl im Scheitel und in der Stirn.
Schütteln [des Kopfes] verschlimmert den Kopfschmerz.a
Kopfweh an feuchten regnichten Tagen, nach Erkältung und nach vielem Sitzen und Geistanstrengen.a
AugenSehr geröthet, mit wildem Ausdruck, beim Kopfweh.a
Rothe, injicirte Augen beim Kopfweh.a
MundPulsirender Schmerz in allen Zähnen.a
Weibliche GenitalienHeftige Kopfkongestion bei Plethorischen durch abrupte Unterdrückung der Menses – oder anstelle der Menses erscheinend.
Kopfschmerzen, die nach profusen Uterusblutungen auftreten.
Blutandrang nach dem Kopfe bei Schwangern, besonders mit Gesichtsblässe, Sinnevergehen, bewusstlosem Hinsinken, kaltem Schweisse.a
HerzHeftiges Herzklopfen mit Pochen der Karotiden und pulsirendem Kopfweh in der Stirngegend und zwischen beiden Schläfen.a
Mühsam arbeitende Thätigkeit des Herzens mit einer eigenthümlichen Oppression, bei sehr frequentem Pulse.a
Das Blut scheint zum Herzen zu drängen und dann rasch in den Kopf aufzusteigen.
Klopfen im ganzen Körper, [besonders im Scheitel].a
ExtremitätenBeim Versuch aufzustehen solche Schwäche der Beine, dass er nicht stehen konnte.
NervenEpileptische Krämpfe, bei abwechselndem Blutandrang zum Kopf und zum Herzen.
Temperatur, WetterFolgen der heftigen Einwirkung der Sonnenstrahlen.a
FieberFliegende Hitze; aufsteigende Hitzewellen.
Andere wichtige oder sonderbare Symptome
Kannte Niemand, stiess ihren Mann und ihre Kinder zurück, raste, schrie, wollte zum Hause hinauslaufen; springt aus dem Bette, fällt, weil die Knie versagen.a
Grosse Furcht bei dem Gefühle, als wäre die Brust wie zusammengeschraubt; beim Gefühle, als wäre der Hals angeschwollen.a
Fürchtet, der Tod stünde kurz bevor; vergiftet zu sein.
Folgen geistiger Erschütterungen, Schreck, Furcht, Beleidigung, und mechanischer Erschütterung mit langwierigen Folgen in den erschütterten Theilen.a
Verlust des Orientierungssinns, der zehn Jahre zuvor begonnen hat; verläuft sich selbst in Straßen, die er seit Jahren entlanggeht; in Bezug auf alles andere keine Probleme (geheilter Fall).
So schweres Besinnen, dass er nicht einmal sagen konnte, wo er war.
Als er (nach dem Kopfweh) durch die Strassen nach Hause ging, kamen ihm alle Dinge fremdartig vor, nicht so wohlbekannt wie sonst, alle paar Augenblicke musste er sich umsehen, ob er auch in der rechten Strasse sei; es schien ihm, als ob die Häuser nicht recht gestellt wären. Auf einem Wege, den er seit Jahren täglich wenigstens viermal zurücklegt.a
Vertrug es nicht, wenn sich sein Kopf auf einer Ebene mit dem Körper befand, der Kopf musste hochgelagert sein.
Hinfallen ohne Bewusstsein, mit Zuckungen und Schaum vor dem Munde, nach Wechsel von Herzklopfen und Kopfcongestionen.a
Häufiger Blutandrang zum Kopf, der jedesmal ein Kältegefühl verursacht.
[Spannungskopfschmerz, gefolgt von] Enge- und Erstickungsgefühl um den Hals, wie von Strangulation.
Gefühl von Steifheit oder Spannung am Kopfe und Halse, als ob dieselben eingeschnürt worden wären; die Kleidung scheint zu eng.a
Schmerz in … Balggeschwülsten auf der Kopfschwarte, als … würde ein Fingerhut fest darauf gedrückt.a
Jede Seitwärtsbewegung des Kopfes erhöhte den Kopfschmerz, nicht aber die Bewegung des Kopfes vorwärts und rückwärts.a
Kopfschmerz: vergeht im Schlaf; besser im Freien; besser durch Kaffeetrinken, nach wenigen Stunden; Tee lindert noch mehr.
Hat das Gefühl, als wäre eiskalter Schweiß auf der Stirn, was aber nicht der Fall ist.
Er vertrug es nicht, wenn ihm die Sonne auf den Kopf schien, ebenso wenig wenn der Kopf von einem Hut berührt wurde.
Schrecklicher Kopfschmerz, läuft im Zimmer umher und presst den Kopf mit beiden Händen zusammen; hat das Gefühl, als wollte der Kopf zerspringen; schlägt mit dem Kopf gegen die Wand.
Gehirnhyperämie durch den Einfluss übermäßiger Kälte oder Hitze.
Folgen des Haarabschneidens.a
Sonnenstich.a
Sagt: ihre Augen fielen heraus; sagt: es risse ihr die Augen heraus.a
Augenschwäche …, die Buchstaben wurden zu klein …a
Blitze, Funken, Nebel oder schwarze Flecken vor den Augen.
Drehen vor den Augen; undeutliches, verschwommenes Sehen.
Stierer, wilder Blick; Vortreten der Augen.
Supraorbitalneuralgie; Schmerz beginnt gewöhnlich um 6 Uhr morgens und hält bis 11 oder 12 Uhr an.
Kalter Schweiss im Gesicht bei Blutandrang nach dem Kopfe.a
Taubheit in der Unterlippe mit einem Gefühl, als wäre dieselbe bedeutend angeschwollen.a
Seltsames Gefühl im Kinne; es fühlte, als ob es verlängert würde bis herunter zu den Knieen; er musste immer wieder mit der Hand nach dem Kinne fahren, um sich zu überzeugen, dass es nicht so sei. Hatte das Kinn vor 20 Jahren bei einem Falle darauf bedeutend erschüttert und verletzt.a
Zunge etwas taub.a
Zunge und Mund wie verbrannt.a
Stechen … Sticheln … Stechendes Beissen auf der Zunge.a
Zusammenschnürungsgefühl am oberen Kehlkopf; im Hals, als würde er erdrosselt.
Wein verschlimmert alle Symptome; alkoholische Getränke verursachen Delirium, Kongestion, Sopor etc.
Seekrankheit.a
Flaues, warmes, Übelkeit erregendes Gefühl in Brust und Magen, ähnlich dem bei drohender Seekrankheit; auch leichtes Schwindelgefühl, besonders beim Umherbewegen.
Störungen der Blutzirkulation im Gehirn zur Zeit der Menopause.
Hitzewallungen zum Kopf während des Klimakteriums.
Heftiges Herzklopfen; Gefühl, als würde sie sterben; Taubheit im ganzen linken Arm.
Pressen im Herzen und wie Zusammenziehen desselben.a
Wechselnd Blutandrang nach dem Herzen und im Kopfe.a
„Als interkurrentes Mittel bei Angina pectoris, um den Organismus daran zu hindern, sich an den Einfluss von aurum muriaticumAURUM MURIATICUM zu gewöhnen.“
Ein Hitzegefühl erstreckt sich vom Nacken den Rücken hinunter.a
Brennende Hitze zwischen den Schultern.a
Alte Kontusionen und Erschütterungen (des Kopfes und der Wirbelsäule).
Die Kniee versagen (beim aus dem Bettesteigen wegen Kopfweh).a
Unsicher im Gehen.a
Schlottern der Knie und Schenkel bei Kopfweh.a
Epileptische Konvulsionen, mit geballten Fäusten und Hochschnellen der Hände und der Beine.
Spreizt während der Krämpfe Finger und Zehen auseinander.
Convulsionen, besonders links, mit gespreizten Fingern.a, 7

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Dieses (von Hering selbst beobachtete) Symptom ist in den Guiding Symptoms nicht richtig wiedergegeben; es heißt dort: „Convulsions, especially left fingers spread apart.“ In der Condensed Materia Medica, die Hering noch selbst redigiert hat, entspricht der Sinn dem in den Amerikanischen Arzneiprüfungen: „Convulsions …; left-sided, with fingers spread.“

Kann die Zunge nicht gerade herausstrecken.
Unruhiger Schlaf; erwacht mit Furcht vor Schlaganfall.
Kongestionen: das Blut drängt aufwärts; Gefäße pulsieren; Venen (Jugularis, Temporalis) vergrößert.
Passt mehr bei scheinbarer Blutfülle als bei wirklicher; am allermehresten bei solchen, die zu schnellen Schwankungen in der Blutvertheilung sehr geneigt sind.a
Nützlich als Ersatz für Aderlässe.
Antidotiert durch: aconitumACON., camphoraCAMPH., coffeaCOFF., NUX- V.nux vomica
Vergleiche: amylenum nitrosumAML-N., belladonnaBELL., ferrumFERR., gelsemiumGELS., kalium nitricumKALI-N., natrium carbonicumNAT-C., natrium nitricumNAT-N., opiumOP., stramoniumSTRAM.
Wie aus Obigem zu ersehen, ist die Wirkung von Glonoinum so deutlich lokalisiert, so plötzlich, so fest umrissen, so beängstigend und quälend und darum so arzneilich, dass man sie nur schwer vergessen kann, wenn man sie einmal begriffen hat. Ja, es lohnt sich kaum, noch viel Worte darüber zu verlieren!
Dennoch wollen wir einmal sehen, was unsere Arzneimittellehren, was unsere großen Meister darüber zu sagen haben. Der eine legt, entsprechend seinen Erfahrungen, mehr Wert auf diesen Punkt, der andere mehr Wert auf jenen; und so lernt man doch manches dazu.
Hughes schreibt: „Der Name Glonoin wurde von Dr. Constantin Hering, der es in die medizinische Praxis eingeführt hat, aus der ‚chemischen Formel‘ (GlON3O5) 8

8

Die eigentliche chemische Summenformel lautet C3H5N3O9.

gebildet, die seine Zusammensetzung beschreibt. Hering prüfte es im Jahre 1848 an sich selbst und anderen. …
Die Wirkung von Glonoinum ist auf einen sehr kleinen Bereich begrenzt. Wenn jemand seine Zunge mit einer 5 %igen Nitroglyzerinlösung in Berührung kommen lässt, wird er mit ziemlicher Sicherheit innerhalb weniger Minuten feststellen, dass sein Puls um 20, 40 oder sogar 60 Schläge pro Minute gestiegen ist. Möglicherweise wird er am ganzen Körper ein Klopfen verspüren, fast stets aber im Kopf, und dort wird es immer weiter pulsieren, bis sich schließlich heftige, berstende Kopfschmerzen entwickeln. Gleichzeitig wird sich wahrscheinlich ein leichtes Schwindelgefühl einstellen, ein Gefühl von Vollheit im Kopf und am Herzen sowie ein Zusammenschnürungsgefühl im Halsbereich. … All das erinnert uns an amylenum nitrosumAMYLENUM NITROSUM, … wenngleich die Wirkungen der beiden Mittel nicht identisch sind. AMYLENUM NITROSUM ruft eine allgemeine Rötung hervor, ohne deutliche Klopfempfindung oder besondere Lokalisation im Kopf; auch wird der Puls nicht wesentlich beeinflusst. … Es scheint nachgewiesen zu sein, dass AMYLENUM NITROSUM seinen dilatierenden Effekt direkt auf die Arterien ausübt, indem es deren Muskelwandungen paralysiert, … während Nitroglyzerin auf die Nervenzentren des Kreislaufs einwirkt und sich auf diese Sphäre beschränkt.“
Dann unterscheidet er zwischen der Wirkung von Glonoinum und belladonnaBELLADONNA. „Bei BELLADONNA wird die Blutzirkulation im Kopf angeregt, weil das Gehirn gereizt ist; bei Glonoinum wird das Gehirn gereizt, weil die Zirkulation angeregt ist. Es ist oft bei Hyperämiezuständen angezeigt, wie sie von übergroßer Hitze oder Kälte verursacht werden können, durch starke Emotionen, durch mechanische Erschütterungen oder durch Unterdrückung der Menses oder anderer Blutungen und Ausscheidungen.“
Als Beispiel für eine zerebrale Hyperämie aufgrund von Hitzeeinwirkung nennt Hughes den Sonnenstich; doch nicht nur hier, sondern auch bei den quälenden Nachwirkungen desselben sowie bei Kopfschmerzen infolge übermäßiger Sonneneinstrahlung hat er es als sehr nützlich befunden.
Und er meint: „Der vielleicht größte Segen, den Dr. Hering den Patienten gebracht hat, als er Glonoinum in die Medizin einführte, ist die Linderung, die es bei menstruationsbedingten Störungen der Gehirndurchblutung verschafft, wie beispielsweise bei der starken Gehirnkongestion, die bei plethorischen Frauen durch plötzliche Unterdrückung der Menstruation induziert wird. Hier ist Glonoinum ein wirkliches Simillimum; bei einer Prüferin von Dr. Dudgeon, die das Mittel während ihrer Regel einnahm, stoppte diese unmittelbar darauf, und Kopfschmerzen setzten ein, welche zum Abend hin an Heftigkeit immer mehr zunahmen. … Glonoinum wirkt nicht, wie lachesisLACHESIS oder amylenum nitrosumAMYLENUM NITROSUM, auf die allgemeinen Hitzewallungen des Klimakteriums, doch ist es von größtem Wert, wenn diese im Kopf lokalisiert sind.“
Weiter schreibt er: „Es war die Feststellung seines Entdeckers Sobrero, dass ‚selbst eine winzige auf die Zunge gebrachte Menge heftige Kopfschmerzen von mehreren Stunden Dauer hervorruft‘, welche Dr. Hering veranlaßte, die Wirkung dieser Substanz zu erforschen. …
Vollheit, Spannung, Klopfen, Zerspringen – dies sind die Ausdrücke, die von den Prüfern benutzt wurden, um die Art ihrer Kopfschmerzen zu beschreiben. … Ebenso rasch, wie es bei Gesunden Symptome hervorruft, scheint es auch heilend auf Kranke zu wirken [nämlich innerhalb von 5–20 Minuten].“
Hughes spricht ferner von der bemerkenswerten Fähigkeit der Arznei, paroxysmale Neuralgien zu bessern, und in manchen Fällen seien diese sogar auf Dauer geheilt worden.
Guernsey stellt uns Glonoinum und seine Nutzanwendungen in Kurzfassung vor: „Beschwerden infolge Überhitzung des Kopfes bei Schriftsetzern, bei Menschen, die ständig unter einer (Gas-) Lichtquelle arbeiten, deren Hitze ihnen direkt auf den Kopf strahlt; üble Folgen von Sonnenstich; kann keinerlei Wärme am Kopf vertragen; kann nicht in der Sonne gehen, muss sich im Schatten aufhalten oder einen Sonnenschirm tragen; verträgt keine Ofenhitze; starker Schwindel, wenn er sich aufrichtet: beim Aufsetzen im Bett, beim Aufstehen vom Sitzen, etc.
Hitze im Kopf; klopfender Kopfschmerz. Der Patient fühlt sich selbst in einer vertrauten Straße oder Umgebung verloren oder fremd, alles erscheint ihm fremdartig und unbekannt.“
Für Nash ist Glonoinum in erster Linie eines unserer großen ‚Kopfmittel‘. Er sagt, er habe zu Beginn seiner Praxis immer ein kleines Fläschchen der 1. Dilution in seinem Koffer dabeigehabt – für diejenigen, die meinten, über den jungen Doktor und seine Zuckerpillen spötteln zu müssen. Und fast immer habe er die Zweifler innerhalb fünf oder zehn Minuten davon überzeugen können, dass auch kleinste Dosen eine große Macht besitzen können; indem er ihnen einen Tropfen davon auf die Zunge gab, wurde sehr schnell der typische klopfende Kopfschmerz erzeugt. Nie habe jemand nach diesem Experiment noch nach einem weiteren Beweis für die Wirksamkeit homöopathischer Arzneien verlangt.
(Eine junge Ärztin im ‚Neuen‘, wie wir das Elizabeth Garrett Anderson Hospital damals nannten, hat mir einmal sehr eindrucksvoll die schrecklichen Kopfschmerzen geschildert, die sie bekommen hatte, nachdem sie mit der Zunge ein Nitroglyzerin-Präparat berührt hatte.)
Die Schmerzen von belladonnaBELLADONNA setzen plötzlich ein und hören plötzlich auf – bei Glonoinum ist dies sogar noch ausgeprägter.
Nash sagt: „Glonoinum passt besser für das erste bzw. das kongestive Stadium entzündlicher Gehirnkrankheiten, während BELLADONNA weiter reicht und auch dann noch das geeignete Mittel sein kann, wenn sich die Entzündung voll entwickelt hat.“ Beide Mittel können nicht die geringste Erschütterung vertragen. Aufwärtsdrängende ‚Wellen‘ von Schmerzen sind jedoch höchst charakteristisch für Glonoinum.
Farrington betont, dass die Leitidee für die gesamte Symptomatologie dieser Arznei sich in diesem einen Satz ausdrücken lasse: Neigung zu plötzlichen und heftigen Schwankungen des Blutkreislaufs. Auf dieser Grundlage könnten wir die anderen Symptome leicht verstehen.
„Glonoinum wirkt sehr schnell und sehr heftig. … Das Pochen (im Kopf) ist keine bloße Empfindung, es ist eine Tatsache. Es hat wirklich den Anschein, als würden die Blutgefäße jeden Augenblick platzen, so heftig ist die Wirkung des Mittels. … Das Blut scheint in einem einzigen mächtigen Strom das Rückgrat hinauf in den Kopf zu drängen. Die äußeren Jugularisvenen sehen aus wie zwei gewundene Stränge; die Karotiden pulsieren heftig, sind hart und gespannt und lassen sich kaum komprimieren. Das Gesicht ist tiefrot. Dieses Pochen geht entweder mit dumpfen, quälend drückenden oder mit scharfen, heftigen Schmerzen einher.
Sonnenstich … Glonoinum ist auch unser bestes Mittel bei den Folgen übermäßiger Hitzeeinwirkung, ob die Beschwerden nun von direkter Sonnenstrahlung, von heißem Wetter oder z.B. vom Arbeiten in der intensiven Hitze eines Hochofens herrühren, wie es bei Gießern oder Maschinisten der Fall ist. Diese Hitzefolgen beschränken sich nicht allein auf den Kopf, sondern können den ganzen Körper mit einbeziehen; es kommt zu Atembeklemmungen, mit Herzklopfen, Übelkeit und Erbrechen. Die Übelkeit ist allerdings nicht gastrischen, sondern zerebralen Ursprungs … Neben Appetitlosigkeit besteht ein scheußlich flaues Gefühl in der Magengegend, außerdem oft Durchfall. … Die Augen fühlen sich zu groß an und treten hervor, als wollten sie aus dem Kopf springen. Augenerkrankungen infolge sehr heller Lichteinwirkung …; die Blutgefäße der Retina sind erweitert, in Extremfällen kann es auch zu Netzhautblutungen kommen. … Glonoinum ist außerdem ein großartiges Mittel bei Konvulsionen während der Wehen oder im Wochenbett; das Gesicht ist dabei leuchtendrot und gedunsen, der Puls voll und hart, der Urin eiweißhaltig. …
Wohlbekannte Straßen kommen dem Patienten plötzlich völlig fremd vor (petroleumPETROLEUM). … Nehmen wir an, jemand, der zu apoplektischen Kongestionen neigt, bekommt plötzlich auf der Straße eine solche Attacke und weiß nicht mehr, wo er ist. In einem solchen Fall ist Glonoinum das passende Heilmittel.
Üble Folgen von Furcht oder Schreck (opiumOPIUM). Schreckliche Befürchtungen, manchmal auch die Furcht, vergiftet zu werden. …
Ein weiterer Anwendungsbereich von Glonoinum sind Traumata. Es ist ein exzellentes Heilmittel bei Schmerzen und anderen abnormen Empfindungen, die als Spätfolgen lokaler Verletzungen auftreten. Noch lange Zeit nach der Verletzung schmerzt der betroffene Körperteil oder fühlt sich wund an; oder eine alte Narbe bricht wieder auf.“
Farrington weist auf die Unterscheidungskriterien von belladonnaBELLADONNA und Glonoinum hin, „weil sie ansonsten bezüglich der Kongestionen und Entzündungen des Gehirns bei Kindern und alten Leuten viele Gemeinsamkeiten zeigen. Was die Zahl der bestätigten Heilungen betrifft, teilen sie sich hier die Lorbeeren.“
GlonoinumBelladonna
Cri encéphalique.(Weniger ausgeprägt.)
Rückwärtsbeugen des Kopfes:
Verschlimmert.Bessert.
Kopf fühlt sich enorm groß an.(Nicht so charakteristisch.)
> Entblößen des Kopfes.
Besser im Freien.
> Bedecken des Kopfes.
Ich belladonnamöchte schließen mit einigen Schlaglichtern auf Kents sehr lebendige Schilderung unseres Mittels. Wiederholungen sind hier nicht zu vermeiden – aber sie dienen schließlich auch dazu, die wichtigsten Tatsachen noch einmal hervorzuheben und dem Gedächtnis einzuprägen.
„Blutwallung zum Kopf und zum Herzen. Gefühl, als würde alles Blut des Körpers zum Herzen drängen. … Hereinfluten des Blutes in den Kopf; ein warmes, glühendes Gefühl im Kopf; oder intensives Glühen von Magen oder Brust bis in den Kopf hinein, was nicht selten zu Bewusstseinsverlust führt. Wellenartige Empfindungen im Kopf, als würde die Schädeldecke angehoben und wieder gesenkt – oder als würde der Schädel gedehnt und wieder zusammengezogen; dabei sehr starke Schmerzen, als ob der Schädel platzen wollte. Heftiges Klopfen, manchmal wie das Schlagen von Hämmern; jeder Pulsschlag schmerzt im Kopf; selbst Finger und Zehen können pulsieren. …
Die Kopfbeschwerden finden Erleichterung in der freien Luft; schlimmer durch Wärme, oft besser durch kalte Anwendungen; schlimmer im Liegen, vor allem wenn der Kopf niedrig liegt. Während die Gliedmaßen blass und kalt sind und von Schweiß bedeckt, ist der Kopf heiß und das Gesicht rot oder purpurfarben. … Mund ausgetrocknet; Augenlider innen trocken, kleben an den Augäpfeln fest. … Alle Grade der Benommenheit, bis hin zur Bewusstlosigkeit.
Sonnenstich. … Plötzlicher Blutandrang zum Kopf. … Krämpfe setzen ein. … Kälte ist dabei angenehm am Kopf, Wärme angenehm an den Gliedern. In einem kühlen Raum, bei offenem Fenster und mit einer Decke über den Beinen werden die Krämpfe gemildert, und der Patient kann leichter atmen. …
Bei Apoplexie vermindern Arzneien wie OPIUMopium und Glonoinum den Blutdruck, wenn die Symptome übereinstimmen. Sie normalisieren die Blutzirkulation, und der Patient kann möglicherweise gerettet werden. …
Bei den Kopfschmerzen sitzt der Patient oft aufrecht im Bett und presst mit aller Kraft die Hände gegen den Kopf, bis die Arme erschöpft heruntersinken. Er möchte den Kopf nach Möglichkeit von allen Seiten gedrückt haben, z.B. durch Bandagieren oder eine stramm anliegende Kappe. … Schlimmer durch Wein; schlimmer im Liegen. … Es ist erstaunlich, wie lange ein Glonoinum-Patient dasitzen kann, ohne einen einzigen Muskel zu bewegen – so schmerzhaft ist jede Bewegung. … Der ganze Scheitelbereich fühlt sich an, als wäre er von einem heißen Eisen bedeckt oder als befände er sich in der Nähe eines Ofens.“

Graphites

Weitere Namen: Graphit, Reißblei
Hahnemann stellt uns diese wertvolle Arznei im 3. Band seiner Chronischen Krankheiten vor. Er sagt:
„Man pülvert einen Gran des reinsten Reissbleies aus einem sehr feinen, englischen Bleistifte und verfertigt … zuerst die millionfach potenzirte Pulver-Verdünnung.“ Die so entstandene C 3-Potenz wird dann in gewohnter Weise flüssig weiter verdünnt und potenziert bis zur C 30 („Decillion“), „in welchen Formen und Potenz-Graden dann diese Arznei zu homöopatisch antipsorischem Gebrauche angewendet wird, zu 1, 2, damit befeuchteten, kleinsten Streukügelchen auf die Gabe.
Der reinste Graphit ist eine Art mineralischer Kohle, deren geringer Gehalt an Eisen wohl nur als Beimischung und nicht zum Wesen des Graphits gehörig anzusehen ist“, was dadurch bestätigt werde, dass auch der (reine) Diamant „bei der Behandlung mit Kali-Metall“ in Graphit übergehe.
Hahnemann wurde auf das Mittel aufmerksam durch die Beobachtungen eines deutschen Arztes bei Arbeitern „in einer Spiegel-Manufaktur in Venedig, die er den Graphit äusserlich zur Vertreibung der Flechten anwenden sah. … Wir gehen etwas weiter – und finden den Graphit als ein sehr dienliches Antipsorikum, es mögen nun bei der (unvenerischen) chronischen Krankheit Flechten mit zugegen seyn oder nicht …“
Es wurde erstmals von ihm selbst und vier Mitarbeitern geprüft.
Graphites wirkt besonders auf die Ohren, die Haut und die Nägel; und Guernsey sagt: „Es passt sehr gut auf Frauen mit einer Neigung zu ungesunder Korpulenz, die u. U. deformierte Nägel haben und die von den charakteristischen Exsudationen, von Menstruationsbeschwerden usw. betroffen sind.“
Nash entwirft von Graphites wieder eine seiner großartigen Skizzen:
„Hautausschläge, die eine dicke, honigähnliche Flüssigkeit absondern.
Körperöffnungen: Augenlider (Lidränder) entzündet, mit Pusteln besetzt; Ausfluss aus den Ohren, nässende, wunde Stellen hinter den Ohren; Mundwinkel eingerissen; am After Ausschläge, Jucken, Fissuren.
Die Nägel verdicken sich, verkrüppeln, reißen schnell ein.
Stuhlverstopfung; Stühle knotig, mit großen, durch Schleimfäden verbundenen Kotballen.
Diarrhö; Stühle braun und flüssig, mit unverdauten Substanzen vermischt und von unerträglichem Gestank.
Traurig und wehmütig, zum Weinen geneigt; muss dauernd an den Tod denken.
Besonders geeignet für Menschen mit Neigung zur Fettsucht und Obstipation, vor allem bei Frauen mit verzögerter Regelblutung.
Hört besser bei Lärm, beim Fahren in einem Wagen …
Gefühl von Spinnweben im Gesicht; ist sehr bemüht, sie abzuwischen.“
Er berichtet von zwei Fällen:
(1) Ein seit zwanzig Jahren bestehendes Unterschenkelekzem bei einer alten, fettleibigen Frau; sulfurSULFUR CM brachte einen Ausschlag am ganzen Körper hervor, der eine zähe, klebrige Flüssigkeit absonderte. Eine Gabe Graphites CM heilte dieses Übel ebenso wie das Ekzem und „hinterließ ihre Haut so glatt wie die eines Kindes“.
(2) Ein dreijähriges Kind litt an einem Ekzem der Kopfhaut, das unter allopathischer Lokalbehandlung verschwand. Bald darauf trat jedoch eine höchst hartnäckige Enterokolitis auf, und so kam es, dass Nash hinzugezogen wurde. Das Kind war bereits sehr abgemagert, und die Stühle waren braun und flüssig, vermischt mit unverdauten Nahrungsbestandteilen und von unerträglichem Gestank. Wegen der Unterdrückung des Ausschlags in der Vorgeschichte entschied sich Nash für Graphites (anstelle von CHINAchina, das ähnliche Stühle haben kann), und nach einer Dosis 6 M erholte sich das Kind vollständig und sehr schnell.
Hinsichtlich der Lidekzeme vergleicht er Graphites mit sulfurSULFUR: „Bei Graphites ist der Ausschlag feucht, und die schrundigen Lidränder sind von Schuppen und Krusten bedeckt; bei SULFUR sind die Lidränder – wie alle anderen Körperöffnungen – sehr rot. …
Alte, harte Narben werden unter der Wirkung von Graphites weich und verschwinden, insbesondere solche, die nach Abszessen oder Eiterungen der Brustdrüsen zurückgeblieben sind.“
Nash schließt mit den Worten: „Graphites heilt Beschwerden vielerlei Art, wenn zwei Dinge vorhanden sind:
  • 1.

    die eigentümliche Neigung zu Fettleibigkeit;

  • 2.

    die charakteristischen klebrigen Ausschläge.“

Was die Wirkung des Mittels auf Narbengewebe angeht, die ich mehr als einmal bestätigt gefunden habe, möchte ich gern eine längere Passage aus Kents Vorlesung zitieren, denn in der letzten Ausgabe seiner Lectures scheint dieser Abschnitt unerklärlicherweise verschwunden zu sein. 9

9

Kent hat für die 2. Auflage der Lectures ein ganz neues Arzneimittelbild von Graphites entworfen, das speziell für die Buchausgabe verfasst und keine Vorlesung zu sein scheint. In meiner Übersetzung der Kentschen Arzneimittelbilder (Haug) sind beide Versionen berücksichtigt.

Er sagt dort von Graphites: „Bei diesem schlechten Zustand der Ernährung und der Blutbildung regeneriert sich der Organismus nur notdürftig, und daher sind auch die Narben von minderwertiger Qualität; sie indurieren und bilden Kontrakturen. Alte Narben bereiten bei diesem Mittel viele Beschwerden, besonders durch ihre Neigung, Verhärtungen und Knoten zu entwickeln. Denken Sie an Graphites bei Frauen, die vor Jahren an Mammaabszessen litten und bei denen nun mit dem Einsetzen der Milchsekretion für ein Neugeborenes an dem Ort eines alten Abszesses ein neuer zu entstehen droht oder im Bereich der alten Narbe die Brust unter Bildung einer knotigen Verhärtung entzündet und schmerzhaft empfindlich wird, während das übrige Brustdrüsengewebe weich bleibt und normal erscheint. Das minderwertige Narbengewebe hat sich mit der Zeit immer mehr verhärtet, und diese Indurationen bilden nun kleine Strikturen, die den Abfluss der Milch behindern. In solchen Fällen wird Graphites häufig den Verhärtungsprozess stoppen, die Härte der alten Narbe beseitigen und die Gesundheit der Patientin wiederherstellen. Wenn Sie eine Schwangere betreuen, die an einer alten, kurz vor der Entbindung knotig sich verändernden Narbe leidet, geben Sie ihr rechtzeitig Graphites, es sei denn, der Zustand verlangt eindeutig nach einem anderen Mittel.“
Neben dem feucht-klebrigen Charakter der Graphites-Ausschläge betont Kent auch, dass diese bevorzugt an den Gelenkbeugen auftreten (SEPIAsepia), namentlich den Ellbeugen, Leisten und Kniekehlen, aber auch hinter den Ohren sowie in den Mund- und Augenwinkeln. Auch andere Orte können betroffen sein, etwa die Kopfhaut beim Milchschorf der Kleinkinder; unter den Krusten bildet sich eine zuweilen übelriechende (mezereumMEZEREUM) Flüssigkeit, die die Krusten langsam von der Haut abhebt.
Graphites ist für Kent ein „sehr lang wirkendes, nützliches und wertvolles Heilmittel“.
Hinsichtlich des Narbengewebes erinnere ich mich vor allem an zwei Fälle, bei denen durch Graphites-Gaben durchschlagende Besserungen erzielt werden konnten (in beiden Fällen durch CM-Potenzen). Bei einem Mädchen mit einem steifen Ellbogengelenk nach einer Entzündung (soweit ich mich entsinne, war sie rheumatischer Natur) waren die Adhäsionen chirurgisch durchtrennt worden, dann aber zurückgekehrt, sodass sich die Patientin nach einem Jahr erneut bei uns vorstellte. Diesmal erhielt sie Graphites, und innerhalb eines Monats war der Ellbogen frei beweglich. In dem anderen Fall konnte die Mobilisierung eines kleinen Fingers erreicht werden, der nach einer Entzündung durch eine Kontraktur völlig unbeweglich geworden war.
In der Literatur heißt es: „Graphites ist fett, frostig, verstopft. Es wirkt am besten, wenn eine Neigung zu Fettleibigkeit besteht.“
In unserer Ambulanzabteilung sehe ich des Öfteren, dass Graphites in hoher Potenz bei fettleibigen älteren Frauen eine bemerkenswerte Wirkung zeigt.
Farrington ergänzt: „Diese Fettleibigkeit ist nicht das gesunde, feste Fleisch eines zwar stämmigen, aber kräftigen und robusten Menschen, sondern jene Art Fett, die wir auch bei calcarea carbonicaCALCAREA sehen und die ein Zeichen mangelhafter Ernährung ist.“
Er stellt folgende Punkte heraus:
„Die Patienten frieren ständig, ob sie im Hause sind oder draußen.
Neigung zu Blutandrang zum Kopf, mit Erröten des Gesichts, genau wie es auch ferrumFERRUM eigentümlich ist. Die Patienten empfinden einen plötzlichen Ruck am Herzen, und dann strömt das Blut zum Kopf.
Anämie. Die Schleimhäute neigen zu Blässe – ebenso wie bei FERRUM. 10

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Diese Symptome sind interessant im Hinblick auf die „Beimischung von Eisen“ im Graphit. Graphites hat wie FERRUM „Besserung beim Gehen im Freien“ (wie auch PULSATILLA – das ebenfalls Eisen enthält).

Blepharitis. Verdickung der Augenlider, besonders entlang den Lidrändern, die mit Schorfen und Schuppen bedeckt sind.
Die Blepharitis ist schlimmer in den Augenwinkeln, den Canthi. Wenn darüber hinaus die Lidränder die Tendenz haben, aufzuspringen und zu bluten, brauchen Sie nicht länger zu zögern, Graphites zu geben.
Die Augenwimpern ‚verwildern‘, drehen sich nach innen zum Augapfel und reizen die Conjunctiva. Verhärtete Gerstenkörner. Doppeltsehen.
Die Augensymptome ähneln in vielem CALCAREA; doch hat CALCAREA Kopfschweiß und feuchte, kalte Füße, was bei Graphites nicht so hervortritt.
arsenicumARSENICUM hat die gleichen brennenden und wundmachenden Absonderungen aus den Augen wie Graphites, unterscheidet sich aber darin, dass die Lider krampfartig verschlossen sind; ansonsten sind die Symptome oft frappierend ähnlich.
Bei sulfurSULFUR sind die Lidränder röter, bei Graphites blasser als normal.“
Und zum Thema Narben sagt Farrington: „Schon vor langer Zeit hat man beobachtet, dass bei Graphit-Arbeitern wunde Stellen an den Händen meist rasch abheilten und Narben verschwanden. … Einem Kind mit Narbenkontrakturen nach einer Augenoperation konnte durch Graphites so weit geholfen werden, dass die betroffenen Teile wieder ihre Normalposititon einnahmen.“
Ich kenne drei ‚Narbenmittel‘, von denen jedes seine eigenen Indikationen hat: droseraDROSERA, siliceaSILICEA und Graphites; doch ich habe keinen Zweifel, dass auch andere Arzneien das Kunststück fertigbringen, auf Narben einzuwirken – wenn sie indiziert sind. 11

11

DROSERA ist in keiner der ‚Narben-Rubriken‘ im Repertorium vertreten. Nach dem im DROSERA-Kapitel Gesagten dürfte es zumindest in der Rubrik Narben, eingezogen ergänzt werden; darüber hinaus nennt Tyler als besondere Indikation „tuberkulöses Narbengewebe“, und Boger führt es als Nachtrag unter dem Begriff Narben, adhärent auf. Im Synthetischen Repertorium, Band 2, findet sich die Rubrik Tumoren, Narbenkeloide mit den dreiwertigen Mitten Fl-ac., Graph., Nit-ac., Sil.; eine wichtige Ergänzung hierzu ist Carc.

Graphites ist eines der Heilmittel bei Psoriasis palmaris.
Von großem Wert ist es vor allem bei Magen- und Duodenalulzera. Tatsächlich sind dies auch die Indikationen, für die ich Graphites am meisten gebraucht habe, und in früheren Ausgaben der Homœopathy habe ich mehrfach Fälle veröffentlicht, die seine erfolgreiche Anwendung bei diesen Leiden illustrieren. Die Indikationen für Graphites sind hier ganz eindeutig, und soweit mir bekannt ist, gibt es kein anderes Mittel mit exakt diesem kleinen Symptomenkomplex:
  • Magenschmerzen, gebessert durch Essen oder Trinken;

  • gebessert durch heiße Speisen oder Getränke;

  • gebessert im Liegen.

Wenn man es schafft, sich solche kleinen Symptomenkomplexe anzueignen, gehen einem die Verschreibungen schnell, leicht und sicher von der Hand! Graphites hat sogar Magen- und Darmkrebs geheilt.
Einer der Rivalen von Graphites ist hierbei das nur wenig geprüfte ornithogalumORNITHOGALUM (Doldenmilchstern – „nahe verwandt mit Knoblauch“), dessen großen Wert bei Magengeschwüren ich mehrfach beobachten konnte, selbst wenn diese mit starkem Bluterbrechen einhergingen; und es hat eben auch Magenkrebs geheilt (siehe Clarkes Dictionary).
Die Hauptindikationen für ornithogalumORNITHOGALUM sind: starke Auftreibung des Bauchs und Magens, mit häufigem Aufstoßen von übelriechender Luft, was zum Lockern der Kleidung nötigt (lycopodiumLYCOPODIUM); quälende Schmerzen. Besserung durch warme Speisen (wie bei Graphites), aber starke Verschlimmerung nachts (im Liegen, ganz im Gegensatz zur Graphites-Besserung im Liegen), wobei ORNITHOGALUM das Gefühl haben kann, ein Wassersack sei in seinem Inneren und drehe sich immer mit, wenn er sich im Bett umdreht. ORNITHOGALUM hat außerdem „scheußliche Depressionen mit dem Wunsch, Selbstmord zu begehen“.

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Die mit a markierten Symptome sind Hahnemanns Chronischen Krankheiten entnommen; ein b bezeichnet zwei Symptome aus Jahrs Symptomencodex.

Hauptsymptome12
Geist und GemütTraurigkeit, mit lauter Todesgedanken.a
Traurig, wehmüthig, sie muss weinen.a
Sie muss bei Musik weinen.a
Bangigkeit, mit Neigung zum Weinen, in öfteren Anfällen.a
Fühlt sich elend und unglücklich.
KopfEin Schmerz, wie taub und boll im Kopfe.a
Schmerz, wie zusammengeschnürt, besonders im Hinterkopfe …a
Ausfallen der Kopfhaare.a
Jücken auf dem Haar-Kopfe.a
Viel Schuppen auf dem Kopfe, welche ein sehr lästiges Jücken verursachen und zu Schorfen werden, die beim Waschen abgehen und dann nässen.a
Ausschlag auf dem Scheitel, der beim Berühren schmerzt und nässt.a
Ekzema capitis der ganzen Kopfhaut, welches massive, schmutzige Krusten bildet, die das Haar verfilzen lassen; schmerzhaft und berührungsempfindlich.
AugenSehr entzündete Augenlid-Ränder.a
Entzündung des äussern Augenwinkels.a
Äußere Canthi: wund und schrundig; eingerissen und leicht blutend.
Trockne Augenbutter an den Wimpern.a
OhrenNässen und wunde Stellen hinter beiden Ohren.a
Der Schwerhörige hört besser beim Fahren im Wagen.a
NaseIm Innern schmerzhaft.a
Wundheits-Gefühl in der Nase, beim Schnauben.a
Trockenheit der Nase, manchmal schmerzhaft.
Nase von einem zähen, übelriechenden Schleim verstopft.
Trockne Schorfe in der Nasea, mit wunden, rissigen und geschwürigen Nasenlöchern.b
Geruch allzu empfindlich; sie kann keine Blumen vertragen.a
GesichtBeständiges Gefühl wie von Spinnweben im Gesichte.a
Wundheit und Aufgesprungenheit der Lippen und Nasenlöcher, wie von Frost.a
MundBrennende Bläschen an der untern Seite und der Spitze der Zunge.a
Geschmack im Mund wie von faulen Eiern, sodass ihr übel wird, morgens.
MagenSüssigkeiten sind ihr widrig und ekelhaft.a
Widerwille gegen gekochte Speisea; gegen Fleisch und Fisch.b
Zusammenzieh-Schmerz im Magen.a
Greifender Schmerz im Magen …, der bei und nach dem Essen vergeht.a
AbdomenHartleibigkeit und Härte in der Leber-Gegend.a
[Bei der Regel,] Schmerz im Oberbauche, als wollte Alles zerreissen.a
Starke Auftreibung des Bauches …a
Dicker Bauch, wie von angehäuften und verstopften Blähungen …a
Brennende Schmerzen, die in den ganzen Bauch ausstrahlen (Gastralgie).
Schwere im Unterleibe.a
Rektum, StuhlJücken am After.a
Schründender Wundheits-Schmerz am After, beim Abwischen.a
Brennend schmerzender Riss zwischen den Afterknoten.a
Hämorrhoiden mit brennenden Rhagaden am Anus.
Dunkelfarbiger, halb unverdauter Stuhl von unerträglichem Geruche.a
Knotiger, mit Schleimfaden verbundener Stuhl …a
Harter Stuhl, mit vielem Noththun und Stechen im After.a
Schleim-Abgang aus dem Mastdarme.a
UrinTrübe und setzt einen weissen Satz ab.a
Weibliche GenitalienStarker Scheidefluss ganz weissen Schleimes.a
Scharfer, wundmachender Ausfluss …
Einige Tage vor der Regel, starkes Jücken in den Schamtheilen.a
Zu späte Regel …a
MammaeHarte Narben, die nach Mammaabszessen zurückbleiben und den Milchfluss behindern.
Brustkrebs auf dem Boden alter Narben, die nach wiederholten Abszessbildungen zurückgeblieben sind.
BrustZusammenschnürungsgefühl in der Brust, als wäre sie zu eng.
Äußerer HalsUnschmerzhaft geschwollene Lymphknoten an der Seite des Halses.
ExtremitätenTaubheit mit Kälte der Finger; erstreckt sich bis zur Mitte des Oberarms.
Spröde, an mehreren Stellen aufgesprungene Haut der Hände.a
Die Nägel der Finger verdicken sich.a
Fingernägel schwarz und rauh, Matrix entzündet …
Wundheit oben zwischen den Beinen …a
Schründende Wundheit zwischen den Hinterbacken.a
HautAusschlag am Mundwinkel.a
Jückende Ausschlags-Blüthe im Gesichte, die nach Kratzen nässt.a
Jückende Knötchen voll beissenden Wassers, an mehreren Stellen des Körpers.a
Jücken und nässender Ausschlag am Hodensacke.a
Risse oder Fissuren an Fingerspitzen, Brustwarzen, Kommissuren der Labien, am After, zwischen den Zehen, etc.
Ausschlag hinter den Ohren, aus dem eine klebrige Flüssigkeit sickert …
Ekzeme, mit reichlichen serösen Exsudaten; bei Blonden, die zu Fettsucht neigen.
NervenMatte Abspannung im ganzen Körper …a
Kataleptischer Zustand; ist bei Bewusstsein, jedoch ohne die Kraft, sich zu bewegen oder zu sprechen.
GewebeAbmagerung der leidenden Körperteile. (plumbumPLUMBUM)

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