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Hepar sulfuris – Hypericum

Hepar sulfuris

Weitere Namen: Kalkschwefelleber
Hepar ist ein Mittel, das selbst in der kleinsten homöopathischen Hausapotheke seinen festen Platz hat; so ist es u.a. auch ein Mittel für unsere Kinder, bei Erkältungen – Husten – Krupp – Lymphdrüseneiterungen etc.
Hahnemanns Hepar sulphuris calcareum wird entsprechend seinen Anweisungen zubereitet: „Ein Gemisch von gleichen Theilen feingepülverter, reiner Austerschalen und ganz reiner Schwefelblumen wird zehn Minuten im verklebten Schmelztigel weissglühend erhalten …“, und aus dem so entstandenen Gemisch von Kalzium-Schwefel-Verbindungen werden unsere Potenzen hergestellt.
Hepar ist eine mächtige Arznei, die Geist und Körper gleichermaßen beeinflusst; ein Reizmittel höchsten Grades für das Gemüt ebenso wie für die Nerven und sonstigen Gewebe. Ein Wort – eine Berührung – ein Luftzug kann genügen, um den Prüfer außer sich geraten zu lassen, so empfindlich reagiert er auf seine psychische und physische Umgebung. Und gerade diese Überempfindlichkeit, diese Reizbarkeit ist es, die uns bei vielen Krankheiten einen wertvollen Hinweis auf Hepar sulfuris liefert.
Man neigt dazu, Hepar anstelle von siliceaSILICEA und SILICEA anstelle von Hepar zu verwenden, wenn man diese beiden Arzneien nicht in ihrem Wesen verstanden hat, denn sie gleichen sich in vielen Punkten. Beide wirken sie auf die Haut, auf Drüsen und auf Eiterungen ein, sodass man z.B. bei der Behandlung eines Abszesses leicht ins Schwanken gerät: „Hm … SILICEA? Hepar?“ – als ob zwischen beiden nur das Los entscheiden könnte!
Beide haben eine unheilsame Haut, die zu Eiterungen neigt; jede kleine Verletzung vereitert gleich und will einfach nicht abheilen. Ich sehe das sehr häufig bei den Kindern, die in unsere Ambulanz kommen, wo mal das eine, mal das andere Mittel heilt, je nach den Symptomen. Beide haben stechende Schmerzen, z.B. das Gräten- oder Splittergefühl im Hals, ganz besonders aber Hepar. (argentum nitricumARGENTUM NITRICUM, kalium carbonicumKALIUM CARBONICUM und ACIDUM nitricum acidumNITRICUM haben es ebenfalls.) Beide sind fröstelig, aber hier trennen sich ihre Wege auch: Hepar geht es besser bei nassem Wetter – bei warmem, nassem Wetter; SILICEA hingegen leidet unter nassem Wetter – nasskaltem Wetter –, unter nassen Füßen, und es fühlt sich besser, wenn es warm und trocken ist. Beide schwitzen stark: siliceaSILICEA hat (wie calcarea carbonicaCALCAREA) starken Kopfschweiß nachts, und sein Fußschweiß kann ausgesprochen übelriechend sein. Es sind die unerträglichen ‚Stinkfüße‘, denen man gelegentlich begegnet; auch penetranter Achselschweiß ist häufig. Hepar wiederum neigt bei Tag und Nacht zu sauren, reichlichen, allgemeinen Schweißen, die keine Linderung verschaffen.
So ähnlich sind sich diese beiden Mittel, siliceaSILICEA und Hepar, dass eines als Antidot für das andere verwendet werden kann. Wenn man z.B. bei der Verschreibung einen groben Fehler begangen, etwa SILICEA nach mercurius (solubilis)MERCURIUS gegeben hat und danach schlimme Symptome in alarmierender Weise wiederkommen– dann ist es an Hepar, die Sache wieder ‚geradezubiegen‘. Ich habe solche Dinge selbst erlebt!1

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„Es ist unter homöopathischen Ärzten allgemein bekannt, dass SILICEA nicht gut auf MERCURIUS folgt. SILICEA kann keine sinnvolle Arbeit leisten, wenn MERCURIUS noch wirkt oder zuvor gewirkt hat. SILICEA folgt gut auf Hepar, und Hepar folgt gut auf MERCURIUS, und so wird Hepar zu einem Zwischenmittel in dieser Arzneifolge.“ – Kent.

Beide haben Schwellungen, Entzündungen und Eiterungen sämtlicher (Lymph-)Drüsen des Körpers; aber bei Hepar kommen die Eiterungsprozesse plötzlich und schnell in Gang, während sie sich bei SILICEA langsam entwickeln und auch nur sehr langsam wieder abheilen – bis SILICEA gegeben wird.
Die Absonderungen von Hepar sind übelriechend und haben (typischerweise) den Geruch von altem Käse; Geschwüre stinken wie alter Käse und sind sehr empfindlich. Hepar hat widerlich stinkenden Ausfluss – „man riecht ihn, sobald die Patientin das Zimmer betritt“. Dagegen sind es bei SILICEA eher die Schweißfüße, die ihre Duftnote hinterlassen, und das in allen Räumen und Gängen, die ihr unglücklicher Besitzer durchschritten hat.
„Hepar fördert und reguliert Eiterungen in bemerkenswerter Weise (es wird hier nur noch von SILICEA übertroffen), wird aber im Allgemeinen in einem früheren Stadium als SILICEA benötigt.“ (Farrington)
Der ‚Genius‘ dieser beiden Arzneien ist aber vollkommen verschieden, denn in ihrer Mentalität, ihrem Charakter trennen sie Welten.
SILICEA: Mangel an Selbstvertrauen, schüchtern, der ‚Mumm‘ fehlt; leidet unter Erwartungsangst, z.B. vor öffentlichem Auftreten …
Hepar: über alle Maßen empfindlich, reizbar, ungestüm. Empfindlich auf Zugluft, auf kalte Luft; Geschwüre sind so empfindlich, dass sie nicht die leiseste Berührung vertragen (lachesisLACHESIS); auffahrendes Wesen – bis hin zu plötzlichen Tötungsimpulsen.
Nash sagt von Hepar: „Sein stärkstes Charakteristikum ist Überempfindlichkeit gegenüber Berührung, Schmerz und kalter Luft. Die Patientin ist so empfindlich, dass sie schon bei leichten Schmerzen gleich in Ohnmacht fällt. Jegliche Entzündung oder Anschwellung, selbst ein Hautausschlag ist so empfindlich, dass keine Berührung, ja nicht einmal das Darüberstreichen von kalter Luft vertragen wird. … Diese Hypersensibilität gegenüber Schmerzen zieht sich durch das ganze Mittel; sie zeigt sich nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der seelischen Ebene: Der Patient regt sich über jede Kleinigkeit bis zur größten Heftigkeit auf, verbunden mit schneller, hastiger Sprache.
Das nächste große Charakteristikum von Hepar ist seine Wirkung auf das Eiterungsstadium lokaler Entzündungen. Dabei kommt es nur in Frage, wenn die Eiterbildung entweder unmittelbar bevorsteht oder schon stattgefunden hat. Wenn wir es sehr hoch geben, ehe Eiter entstanden ist, und nicht zu schnell oder zu oft wiederholen, können wir die Eiterung verhindern und dem ganzen Entzündungsprozess Einhalt gebieten. Wenn sich aber schon Eiter gebildet hat, wird Hepar den Prozess des Reifens und der Absonderung beschleunigen und anschließend zur Abheilung des Ulkus beitragen. Übrigens kann ich keineswegs der verbreiteten Ansicht beipflichten, man müsse Hepar, um die Eiterung zu beschleunigen, in niedrigen Potenzen geben. Im Gegenteil: Nie habe ich ein schnelleres Reifen und Aufbrechen und ein vollkommeneres Abheilen gesehen als bei einem Kind mit einer großen Lymphknotenschwellung am Hals unter der Wirkung einer CM-Potenz. Hepar neigt allgemein zur Suppuration; selbst Hautausschläge und geringste Hautverletzungen eitern leicht (siliceaSILICEA, graphitesGRAPHITES, mercurius (solubilis)MERCURIUS, petroleumPETROLEUM).“
Zum Thema Hauterkrankungen gibt uns H. C. Allen (Keynotes) einen nützlichen Hinweis. „Die Hautausschläge von sulfurSULFUR jucken, sind trocken und nicht berührungsempfindlich; die Hepar-Haut dagegen heilt schlecht, eitert leicht, ist feucht und äußerst berührungsempfindlich.“
Der Wirkungsbereich von Hepar umfasst aber auch die Atemwege samt den zugehörigen Nerven.
So ist es z.B. ein Bestandteil der berühmten „Bönninghausenschen Krupp-Pulver“, die viele Jahre unter diesem Namen in unseren Apotheken verkauft wurden und als Päckchen mit fünf einzelnen Pulvern, alle in der 200. Potenz, erhältlich waren; sie waren numeriert, in der Reihenfolge aconitumACONITUM, spongiaSPONGIA, HEPAR, SPONGIA, HEPAR (falls so viele nötig waren, um den Anfall zu beenden). Jeder, der mit diesen beängstigenden Anfällen vertraut ist – sie kommen ‚wie ein Blitz aus heiterem Himmel‘, mitten in der Nacht –, wird begreifen, warum gerade dies die angemessenen Mittel sind … aconitumACONITUM: nachts plötzlich schweres Atmen, mit der Angst und dem Schrecken von ACONITUM; Atembeschwerden als Folge von Verkühlung durch kalten und trockenen Wind. spongiaSPONGIA: Heiserkeit; „schweres Athemholen, als ob ein Stöpsel in der Kehle steckte und der Athem durch die Verengerung des Kehlkopfs nicht hindurch könnte.“ Hepar: erstickender („dämpfiger“) Husten, nicht durch Kitzel, sondern durch Atembeengung hervorgerufen; tiefer, trockener Husten durch die Atembeengung beim Luftholen; der Patient „sprang … aus dem Schlafe auf, rief um Hülfe und es war, als wenn er keinen Athem kriegen könne“.
Diese Arzneifolge erwähnt übrigens bereits Hahnemann im Kapitel „Röst-Schwamm“ (spongiaSPONGIA TOSTA) der Reinen Arzneimittellehre, Band 6: „Die merkwürdigste Heil-Anwendung des Röst-Schwammes hat die Homöopathie gegen die fürchterliche akute Krankheit, häutige Bräune genannt, gefunden, vorzüglich in dem Symptome (145.) 2

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Gemeint ist das oben angeführte Symptom „Schweres Athemholen, als ob ein Stöpsel in der Kehle steckte …“.

, doch so daß die Lokal-Entzündung zuvörderst durch eine möglichst kleine Gabe innerlich gegebnen aconitumAKONITS gemindert oder getilgt worden sey. Den Neben-Gebrauch einer kleinen Gabe kalkerdiger Schwefel-Leber wird man selten dabei nöthig finden.“ Und in einer Fußnote fügt er hinzu: „Je kleiner die Arznei-Gaben zum Behufe akuter und der akutesten Uebel sind, desto schneller vollführen sie ihre Wirkung.“
Hepar schwitzt beim Husten; weint während oder vor dem Husten. Husten, sobald irgendein Teil des Körpers Kälte, Zugluft oder überhaupt der Luft ausgesetzt ist. Die Atmung ist rasselnd, ängstlich und pfeifend (bei Bronchitis), bis hin zu drohendem Ersticken – fast asthmatisch. Bei chronischem Asthma bronchiale stellt Nash Hepar natrium sulfuricumNATRIUM SULFURICUM gegenüber, mit folgendem sehr wertvollen diagnostischen Unterschied: Hepar geht es schlechter bei trocken-kaltem und besser bei feuchtem Wetter; NATRIUM SULFURICUM ist das genaue Gegenteil: extrem empfindlich gegenüber Feuchtigkeit. Zu Hepar meint Nash: „Kein anderes mir bekanntes Mittel hat so stark die Besserung bei feuchtem Wetter.“
Hepar sulfuris ist ein großartiges Heilmittel bei Ohrenerkrankungen und bei drohender eitriger Mastoideinschmelzung. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit Hepar in diesem Zusammenhang. Ein Kind mit stinkender Ohrsekretion … ein Zögern … mercurius (solubilis)MERCURIUS? pulsatillaPULSATILLA? Aber eine Ärztin, die ihre homöopathischen Kenntnisse in Indien bei Dr. Younan, einem hervorragenden Homöopathen, erworben hatte, empfahl Hepar, an das ich persönlich damals nicht gedacht hätte, und eine Gabe davon in der C 200 hatte eine ganz erstaunliche Wirkung. Auf diese Weise lernt man Materia medica! Später, während des Krieges, als es Chirurgen nicht gerade wie Sand am Meer gab, hatte ich dann einmal einen ähnlichen Fall. Es handelte sich um ein Mädchen, das eines Tages mit sehr hohem Fieber auf unsere Unfallstation kam; sie hatte Ohrenbeschwerden mit einem höchst empfindlichen Warzenfortsatz. Sie erhielt Hepar CM, und als sie einen Tag (oder ein paar Tage) später wiederkam, war eine Überweisung an den Chirurgen überflüssig geworden, denn mittlerweile war die ganze Angelegenheit auf die erstaunlichste Weise abgeklungen.
Magengeschwüre gehören zu den Leiden, bei denen man normalerweise nicht als erstes an Hepar denkt. Doch bei einem Patienten, der kurz zuvor Blut erbrochen hatte und der nach Essig und Pickles verlangte (was bei Magengeschwüren sicher recht ungewöhnlich ist), heilte unter Hepar, das dieses Verlangen hat, das Ulkus rasch ab. (Nach einer Grippe musste es später noch einmal wiederholt werden.)
Lassen Sie uns zum Schluss noch bei Kent nach ein paar weiteren Tips zu Hepar sulfuris Ausschau halten.
„Hepar verdirbt zuweilen dem Augenarzt das Geschäft. Wenn es indiziert ist, heilt es die Augen sehr schnell, sodass dieser nicht lange mit dem Fall zu tun hat und sich langwierige Augenspülungen erübrigen. Übelriechende, eitrige Absonderungen aus den Augen“ (argentum nitricumARGENTUM NITRICUM). „Augenentzündungen, die mit kleinen Hornhautgeschwüren einhergehen“ (tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM etc.).
„Ein sehr wichtiger Anwendungsbereich von Hepar sind Zustände nach Quecksilberbehandlungen, … z.B. bei syphilitischen Affektionen (Geschwüren) im Bereich des weichen und dann auch des harten Gaumens (ACIDUM nitricum acidumNITRICUM). … Auch hier finden wir wieder das ‚Splitter-Gefühl‘, den üblen Geruch und die extreme Empfindlichkeit. …
Schwitzen die ganze Nacht, ohne Erleichterung, ist bei sehr vielen Beschwerden von Hepar anzutreffen. …
Das Einatmen kalter Luft verstärkt den Husten; selbst wenn der Patient nur die Hand aus dem Bett streckt, verstärkt das den Schmerz im Kehlkopf und den Husten. Überhaupt führt bei Hepar das Herausstrecken einer Hand oder eines Fußes aus dem Bett zu einer allgemeinen Verschlimmerung der Beschwerden. …
Auch psychisch ist der Kranke extrem empfindlich, was in einer überaus großen Reizbarkeit zum Ausdruck kommt. Auf jede Kleinigkeit, die ihn stört, reagiert er ungeheuer wütend, ausfallend und impulsiv. Diese Impulse können so übermächtig werden, dass er einen Augenblick lang sogar in der Lage ist, seinen besten Freund zu töten. Auch ohne jede Veranlassung können solche Impulse gelegentlich bei Hepar an die Oberfläche kommen, … Impulse, Gewalttaten zu verüben oder Dinge zu zerstören …, vorzugsweise in Brand zu setzen.“
Hauptsymptome3
Kopf, GesichtAnhaltender Druck-Schmerz in der einen Gehirn-Hälfte, wie von einem Pflocke oder Nagel.a (thujaTHUJA)

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Die mit a gekennzeichneten Symptome stammen aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten. Einige Symptome, die dort nur stark gekürzt erscheinen, sind nach der Reinen Arzneimittellehre zitiert; sie sind mit b markiert.

Nasenbluten …a (viperaVIPERA etc.)
Starke Geschwulst der Oberlippe …a
HalsStechen im Halse, wie von einem Splitter, beim Schlingen, und bis nach dem Ohre zu beim Gähnen.a
MagenViel Appetit auf Essig.a
Uebelkeit …a
AbdomenAufgetriebener, gespannter Bauch.a
Eiter-Geschwüre der Schooss-Drüsen, Bubonen.a
Rektum, StuhlBei vielem Noththun doch sehr schwieriger Abgang zu wenigen, nicht harten Kothes.a
Noththun zum Stuhle, aber den dicken Därmen fehlt es an der peristaltischen Bewegung, den (nicht harten) Koth heraus zu fördern, von dem er einen Theil nur durch Anstrengung der Bauch-Muskeln herauspressen kann.a
Weicher und doch nur mit vieler Anstrengung erfolgender Stuhl.a
Lehmfarbiger Stuhl.a
HarnorganeHarn-Abgang verhindert; er muss eine Weile warten, ehe der Urin kommt, und dann fliesst er langsam heraus …a
Er kann nie auspissen; es scheint immer noch etwas Harn in der Blase zurück zu bleiben.a
Schwäche der Blase; der Urin fliesst nur senkrecht langsam ab und er muss warten, ehe etwas kommt.a
AtemwegeHusten-Anstoss, wie von Verkältung und Ueber-Empfindlichkeit des Nerven-Systems, sobald nur das geringste Glied kühl wird.a
Kurzäthmigkeit.a
ExtremitätenDie Achselhöhl-Drüsen schwären und eitern.a
Aufgesprungene Haut und Schrunden in Händen und Füssen.a
Wundheit und Feuchten in der Falte zwischen Hodensack und Oberschenkel.a
Zerschlagenheits-Schmerz in den vordern Oberschenkel-Muskeln.a
Geschwulst des Kniees.a
Zieh-Schmerz in den Gliedern …a
FieberKatarrhalisch mit großer Empfindlichkeit der Haut gegenüber Berührung und der geringsten Kälte.
Empfindlichkeit gegen freie Luft.a
Leichtes Schwitzen bei jeder selbst geringen Bewegung.a
Widrig riechendes, anhaltendes Dünsten des Körpers.a
Nacht-Schweiss.a
SchlafAengstliche Träume von Feuersbrunst …a
Die Schmerzen sind Nachts am schlimmsten.a
HautUnheilsam, süchtig; selbst geringe Verletzungen fassen Eiter und schwären.a
Bluten des Geschwüres selbst bei gelindem Abwischen.a
Fressender Schmerz im Geschwüre.a
Eigentümliche Symptome
Bei Hahnemann finden sich außerdem folgende, die sich als diagnostisch bedeutsam erweisen könnten:
Das Geringste brachte ihn bis zur grössten Heftigkeit auf; er hätte Jemand ohne Bedenken morden können.a
Er war ärgerlich und hatte eine solche Gedächtnißschwäche, daß er sich auf alles drei, vier Minuten lang besinnen mußte, und während der Arbeit waren ihm die Gedanken oft auf einmal weg.b
Fürchterliche Angst, Abends …; er glaubte, er müsse zu Grunde gehen, und war traurig, bis zur Selbstentleibung.a
Phantastische Erscheinung, früh, im Bette, nach dem Erwachen und bei Bewusstsein, von einer Verstorbenen, worüber er erschrack; ebenso deuchtete ihm auch, ein Nachbar-Haus brennen zu sehen, was ihn ebenfalls erschreckte.a
Dämpfiger Husten; Husten, dessen Anreizung nicht Kitzel, sondern Athembeengung ist.b [Dämpfung = Atembeengung]
Nachts, von 11 bis 12 Uhr, im Bette, heftiger Husten.a
Vor Mitternacht sprang er voll Aengstlichkeit aus dem Schlafe auf, rief um Hülfe und es war, als wenn er keinen Athem kriegen könne.a (Hepar ist eines der großen Krupp-Mittel!)
Hahnemann bemerkt (in einer Fußnote der Reinen Arzneimittellehre):
belladonnaBELLADONNA hebt … viele … von Schwefelleber entstandne Beschwerden, wo die Symptome einander in Aehnlichkeit entsprechen.“
Hering hebt in den Guiding Symptoms einige weitere (überwiegend klinische), diagnostisch besonders wertvolle Symptome hervor:
Hastiges Sprechen und hastiges Trinken.
Eitrige Konjunktivitis, mit reichlicher Absonderung und größter Empfindlichkeit gegenüber Luft und Berührung.
Zahnfleisch und Mund bei Berührung sehr schmerzhaft, bluten leicht.
Mercurio-syphilitische Erkrankungen des Zahnfleischs.
Chronische Tonsillitis, besonders wenn von Schwerhörigkeit begleitet.
Kehlkopf empfindlich auf kalte Luft.
Krupp …, nachdem man trockenen, kalten Winden ausgesetzt war.
Kruppartiger Husten, mit Rasseln in der Brust, aber ohne Auswurf.
Hustet, wenn irgendein Körperteil unbedeckt ist.
Zäher Schleim auf der Brust.a
Habituelle Bronchialkatarrhe, mit lautem Schleimrasseln.
Lungenabszess, Empyem, Pyothorax.
Starke Frostigkeit im Freien.
Beschwerden durch kalten, trockenen Wind.
Erträgt es nicht, aufgedeckt zu sein.
Will selbst in einem warmen Raum zugedeckt sein.
Frostigkeit mit öfterer Uebelkeit und Empfindlichkeit gegen freie Luft.a
Kalter, klebriger, oft sauer- oder übelriechender Schweiß.

Hyoscyamus niger

Weitere Namen: Bilsenkraut
Man sagt von Hyoscyamus, dass es vor allem für Hühner giftig sei, daher sein englischer Name henbane [„Hühnerverderbnis“]. Manche anderen Tiere fressen das Kraut ungestraft, vor allem die jungen Triebe; aber auch bei ihnen stellt sich eine mehr oder weniger abführende Wirkung ein.
Hahnemann bemerkt, dass das Bilsenkraut beim Trocknen einen großen Teil seiner Arzneikräfte verliert; dies gilt jedoch für viele pflanzlichen Arzneien, und es ist eigentlich immer notwendig, einen sachkundigen homöopathischen Apotheker mit der Zubereitung der Arzneien zu beauftragen.
Die alte Schule verwendet Hyoscyamus und Hyoscin als „zerebrale Beruhigungsmittel bei akuter Manie, Delirium tremens, fiebrigem Delirium und Schlaflosigkeit mit zuweilen gutem Erfolg; in der Regel kommen die beiden Mittel jedoch nur in Anstalten zur praktischen Anwendung.“ Sie werden ferner „eingesetzt, um Koliken zu beheben, wenn Aloepräparate o.Ä. zum Abführen benutzt worden sind“.
Vergiftungsfälle sowie die Prüfungen und Erfahrungen mit Hyoscyamus zeigen den klar umrissenen Wirkungsbereich dieses Mittels. Gleichwohl lassen sie auch bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit seinen natürlichen Verwandten belladonnaBELLADONNA und stramoniumSTRAMONIUM erkennen. Alles in allem lässt sich Hyoscyamus aber leicht von diesen unterscheiden.
Im Delirium hat Hyoscyamus seine eigenen besonderen Merkmale. Wie BELLADONNA verursacht und heilt es Fälle von gesteigerter zerebraler Aktivität [von „erhöhetem Geisteszustand“, wie es bei Hahnemann heißt], doch im Gegensatz zu BELLADONNA sind diese Fälle bei Hyoscyamus nicht von entzündlichem Charakter. Ein merkwürdiges Symptom, das in erster Linie Hyoscyamus eigen ist, ist das „Verlangen, sich zu entblößen“.
In seinem Wahnsinn kann Hyoscyamus sich verhalten wie ein Marktschreier, kann Grimassen schneiden, lächerliche Gebärden machen, eine „possierliche Geistesverwirrung“ zeigen oder eine schreckliche „wollüstige Manie“ entfalten – all dies ist typisch für das Mittel.
Im Fieber stoßen Hyoscyamus-Patienten die Bettdecke weg, „nicht weil ihnen zu warm ist, sondern weil sie nicht bedeckt sein wollen“ [Hering]. „Ein Leitsymptom von Hyoscyamus bei Fieber ist, dass der Kranke nicht bedeckt sein will.“ (Kent erörtert dieses Bedürfnis, nackt zu sein, näher; wir kommen darauf zurück.)
Was nun die Charakteristika von Hyoscyamus bei Fiebererkrankungen angeht, so können wir vielleicht nichts Besseres tun, als aus Hahnemanns Beschreibung einer Kriegs-typhusepidemie in Leipzig im Jahre 1813 (dem Jahr vor Waterloo) zu zitieren, während derer er 180 Fälle behandelte, von denen „nur eine alte Person“ starb.
Hahnemann spricht von zwei Hauptstadien dieses Fiebers. Im ersten Stadium [u.a. mit den Symptomen „Volles, nur allzu erhöhetes Gefühl der hier gewöhnlichen Schmerzen, Hitzgefühl im Körper und vorzüglich im Kopfe, unablässigen Durst erregendes Trockenheitsgefühl oder wahre Trockenheit im Munde“] können bryoniaBRYONIA und rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON helfen. „Im zweiten Zeitraume aber, dem des Deliriums (einer Metastase des ganzen Uebels auf die Geistesorgane) werden all diese Beschwerden nicht mehr geklagt – der Kranke ist heiß, ohne zu trinken zu verlangen, er weiß nicht, ob er Dies oder Jenes zu sich nehmen will, er kennt die Anverwandten nicht, oder er mißhandelt sie, er antwortet verkehrt, redet mit offenen Augen irre, begeht thörichte Handlungen, will davon laufen, schreit laut oder winselt, ohne zu sagen, warum, röchelt, verzerrt das Gesicht, verdreht die Augen, spielt mit den Händen, geberdet sich wie ein Wahnsinniger, läßt die Excremente unwissend von sich etc.“ Sollte die Krankheit in dieses „zweite Stadium des Deliriums und Wahnsinns übergehen, so erfüllt Bilsenkraut … die ganze Absicht“.
„Doch tritt zuweilen noch ein dritter Zustand ein, eine Trägheit des innern Gemeingefühls, eine Art halber Lähmung der Geistesorgane. Der Kranke … scheint fast Nichts zu fühlen, und fast unbeweglich, und doch nicht ganz gelähmt zu seyn.“ Hier, so Hahnemann, hilft der versüßte Salpetergeist [nitri spiritus dulcisNITRI SPIRITUS DULCIS].4

4

M. Tyler verweist hier auf ihre Veröffentlichung dieses Hahnemannschen Berichts in der Homœopathy (Juli 1935), den es sehr zu studieren lohne. Wir können ihn nachlesen in den Kleinen Medizinischen Schriften (2. Band, S. 155) unter dem Titel „Heilart des jetzt herrschenden Nerven- und Spitalfiebers“.

Die choreatischen Symptome von Hyoscyamus sind unverwechselbar. „Jeder Muskel des Körpers zuckt, von den Augen bis zu den Zehen.“ „Beständiger Erethismus: Kein einziger Teil des ganzen Körpers, kein einziger Muskel ist auch nur einen Moment lang ruhig. Konvulsivische Bewegungen. Krämpfe; klonische Krämpfe.“
Die Hyoscyamus-Chorea hat, im Gegensatz zu den milderen, ‚graziösen‘ Drehbewegungen von stramoniumSTRAMONIUM, eher grobes, eckiges, ruckartiges Zucken, welches die Patientin ständig hin und her schleudert. Diese Zuckungen lassen sie wie eine bemitleidenswerte Kreatur aussehen, die Gefahr läuft, ihr Inneres mit einem Ruck nach außen zu stülpen, wenn man sie nur bittet, ihre Zunge herauszustrecken. Hughes erwähnt darüber hinaus „lokale Chorea“ – Schielen, Stottern, Zuckungen des Gesichts.
Bei der Epilepsie von Hyoscyamus bestehen vor dem Anfall Schwindel, Klingen in den Ohren, Funken vor den Augen und nagender Hunger; während des Anfalls ein dunkelrotes Gesicht, hervortretende Augen, schrilles Schreien, Zähneknirschen und Harnabgang, gefolgt von Sopor und Schnarchen. belladonnaBELLADONNA hat während des Anfalls Kehlkopfspasmen und „Zusammenziehung des Schlundes“. Bei stramoniumSTRAMONIUM besteht Risus sardonicus und plötzliches Schleudern des Kopfes nach rechts. STRAMONIUM kann auch einen „stupide-freundlichen Blick“ haben.
Natürlich ist Hyoscyamus auch ‚wunderbar homöopathisch‘ bei Delirium tremens und bei Tollwut. Hierzu möchte ich ausführlich aus einer Fußnote Hahnemanns zitieren [Reine Arzneimittellehre, Band 4, S. 45]:
In einigen Fällen von Tollwut [„Wasserscheu“], so sagt er dort, ist BELLADONNA oder STRAMONIUM das treffende Heilmittel, während es bei anderen (wenn sie die von ihm aufgezählten Symptome aufweisen) Hyoscyamus ist. Weiter schreibt er: „Schon hat die BELLADONNA einige vollständige Heilungen bewirkt und sie würde es noch öfterer ausgerichtet haben, wenn man nicht theils andre, die Hülfe störende Mittel dabei angewendet, theils aber und vorzüglich, wenn man sie nicht in so ungeheuern Gaben angewendet und so die Kranken nicht zuweilen mit dem Heilmittel gemordet hätte.“ Und er fügt, was besonders interessant und wichtig ist, in Sperrdruck hinzu:
Große Gaben homöopathisch angemessener Arzneien sind weit gewisser schädlich, als wenn sie ohne ähnlichen (homöopathischen) Bezug oder in entgegengesetzter (antipathischer) Beziehung auf den Krankheitsfall, das ist, ganz am Fehlorte (allopathisch) angewendet werden. Im homöopathischen Arzneigebrauche, wo die Gesammtheit der Krankheitssymptome von der Arzneiwirkung in großer Aehnlichkeit erreicht wird, ist es ein wahres Verbrechen, nicht ganz kleine, möglichst kleine Gaben zu geben; da sind Gaben in der Größe, wie Arzneien in der Schlendrianspraxis verordnet werden, wahre Gifte und Mordmittel. Dies erkläre ich, aus tausendfältiger Erfahrung überzeugt, für jede homöopathische Anwendung der Arzneien im Allgemeinen und durchgängig, vorzüglich wo die Krankheit acut ist, hier insbesondere aber für den Gebrauch der BELLADONNA, des Stechapfels [stramoniumSTRAMONIUM] und des Bilsenkrautes in der Wasserscheu, eines jeden an seinem Orte. Man komme also nicht und sage: ‚Man habe für den geeigneten Fall eine dieser drei Arzneien, selbst in der stärksten Gabe und nicht zu selten, sondern alle 2, 3 Stunden gegeben und der Kranke sey dennoch gestorben.‘ Eben deswegen, sage ich aus voller Ueberzeugung, eben deswegen ist er gestorben und du hast ihn umgebracht. Hättest du ihm den kleinsten Theil eines Tropfens der quintilion- oder decillionfachen Verdünnung des Saftes einer dieser Kräuter zur Gabe nehmen lassen (in seltnen Fällen eine zweite Gabe, nach 3 oder 4 Tagen wiederholt), dann wäre der Kranke mit leichter Mühe und gewiß gerettet worden.“
Hier die Schilderung einer unbeabsichtigten Prüfung von Hyoscyamus:
Ein Arzt erzählt, wie er einst einer Frau mit hysterischer Lähmung, die schon einen Monat lang bettlägerig gewesen war, eine Injektion von …/þ“ Gran Hyoscin gab. Innerhalb von zehn Minuten stand sie auf und lief wie berauscht und unter großem Gelächter im Zimmer umher; kreischend vor Lachen sprang sie auf der einen Seite ins Bett und auf der anderen wieder heraus; es war unmöglich, sie im Bett zu halten. Am nächsten Tag konnte sie sich an nichts mehr erinnern – außer dass sie irgendetwas Närrisches getan hatte. Dann kehrte sie allmählich in ihren alten, gesunden Zustand zurück.
Hyoscyamus ist eine Arznei mit auffallend wechselnden Symptomen. Hahnemann erläutert dies in diversen Fußnoten:
„Die Anregungen zum Stuhle und die öftern Ausleerungen von Bilsen stehen mit der Verzögerung des Stuhlganges und dem Mangel an Triebe dazu in Wechselwirkung; doch scheinen jene die vorzüglichere Erstwirkung zu seyn.“ Tatsächlich vermutet Hahnemann eine zweifache Wechselwirkung: „Viel Anregung mit seltnerem … und häufigerem Abgange [–] und zu wenig Anregung, mit wenig oder keiner Ausleerung …, auch mit häufiger Ausleerung …; doch ist das öftere Noththun mit dem geringern und seltnern Abgange die vorzüglichere Wechselwirkung.“
Oder: „Die Anregung der Blase zum Harnen und die Reizlosigkeit derselben – die geringe Harnabsonderung und der reichliche Harnfluß stehen gegen einander bei Bilsen in Wechselwirkung, so daß viel Harntrieb mit wenigem und vielem Harnabgange – so wie Unthätigkeit der Blase bei weniger und sehr vieler Harnabsonderung zugleich gegenwärtig seyn kann; doch scheint viel Drängen zum Harnen mit wenigem Harnabgange die vorzüglichere, häufigere Erstwirkung zu seyn.“
Oder auch: „Die Uebermunterkeit … steht bei Bilsen mit Schläfrigkeit und Schlaf in Wechselwirkung, doch scheint die Uebermunterkeit die vorzüglichere Erstwirkung zu seyn.“
Die Anwendung von Hyoscyamus ist jedoch keineswegs auf die bisher beschriebenen, recht desperaten Zustände beschränkt. Zum Beispiel ist es ein promptes und effektives Heilmittel bei einer nicht sehr ernsten, aber höchst lästigen Form von Husten. Viele Male habe ich es hierbei mit Erfolg eingesetzt und von dem dankbaren Patienten ein „Sie sind wunderbar!“ vernommen. Doch es ist die Homöopathie, die wunderbar ist – wenn Arzneibild und Krankheitsbild übereinstimmen. Der Husten von Hyoscyamus ist ein spastischer oder trockener und kitzelnder Reizhusten, der vorzugsweise nachts und im Liegen auftritt. Der Patient legt sich hin – und hustet und hustet; er setzt sich auf, und der Husten verschwindet. Er legt sich hin, und der Husten fängt wieder an und will gar nicht mehr aufhören; wieder setzt er sich auf, und wieder findet er Ruhe. Die ganze Nacht kann dies so weitergehen und sich Nacht für Nacht wiederholen, bis endlich Hyoscyamus gegeben wird, das dem ganzen Spuk ein Ende bereitet.
Die bedeutendsten Arzneien für Argwohn und Eifersucht sind lachesisLach., Hyos., pulsatillaPuls., nux vomicaNux-v. und stramoniumStram. Dazu ein interessanter Fall …
Ein geistig behinderter Junge war, neben anderen Dingen, schrecklich eifersüchtig, vor allem auf den Verlobten seiner Schwester. Jedesmal wenn dieser ins Haus kam, war der Junge „sehr ungezogen und machte sich die Hosen voll “. Hyoscyamus hat unwillkürlichen Stuhlgang durch Erregung 5

5

Kents Repertorium: „Anus, Lähmung, unwillkürlicher Stuhlgang durch Erregung“: Hyos. als einziges Mittel und im zweiten Grad.

, und so erhielt er eine Dosis Hyoscyamus 1 M. Danach wurde mir berichtet, den Angehörigen sei schon aufgefallen, wie viel ruhiger der Junge geworden sei; und „obwohl der Verlobte der Schwester sich im Hause aufhielt, war er überhaupt nicht eifersüchtig“.
Zu den Befürchtungen bzw. Verdächtigungen von Hyoscyamus gehört die Furcht, vergiftet zu werden – „klagt, man habe ihn vergiftet“. Diese Furcht teilt es mit LACHESIS und rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON sowie mit belladonnaBELLADONNA und kalium bromatumKALIUM BROMATUM.
Ein komisches Hyoscyamus-Symptom – „Meinte einen Polizisten hereinkommen zu sehen“ – führte mich einmal zur erfolgreichen Verschreibung des Mittels bei einer schweren Lungenentzündung. (kalium bromatumKALIUM BROMATUM hat dieses Symptom ebenfalls.)
Zum Schluss einige Passagen aus Kents Lectures: „Hyoscyamus ist voller Konvulsionen und Verkrampfungen; Zittern, Beben und Zucken der Muskeln. … Choreatische Bewegungen; eckige Bewegungen der Arme … Das Gemisch aus ruckartigen Bewegungen, Zuckungen, Beben, Zittern, Schwäche und konvulsiver Muskeltätigkeit ist ein auffallendes Kennzeichen des Mittels. …
Der besondere Gemütszustand spielt bei Hyoscyamus jedoch die größte Rolle. … Im Delirium gehen Illusionen und Halluzinationen fließend ineinander über. … Argwöhnisch gegenüber jedem: Verdächtigt seine Frau, dass sie ihn vergiften will oder dass sie ihm untreu ist. ‚Lehnt die Arznei ab, weil sie vergiftet sei.‘ ‚Bildet sich ein, er werde verfolgt und alle hätten sich gegen ihn verschworen …‘ Führt Gespräche mit imaginären Personen. Es scheint, als spreche er mit sich selbst, doch in Wirklichkeit wähnt er, es säße jemand neben ihm. Manchmal unterhält er sich mit längst Verstorbenen und schwelgt mit ihnen in Erinnerungen. Ruft seine tote Schwester oder Ehefrau herbei und beginnt ein Gespräch mit ihr, so als wäre sie wirklich anwesend. … Ein anderes grilliges Verhalten in diesem Gemütszustand: Er liegt da, starrt auf die bunte Tapete an der Wand und versucht tagelang, die Muster in irgendwelche Reihen zu ordnen …; oder er hält die Figuren für Würmer, Ungeziefer, Ratten, Katzen oder Mäuse und führt sie herum, wie Kinder es mit ihrem Spielzeug tun. … Ein Patient sah eine Reihe von Wanzen, die, mit einem Faden zusammengebunden, die Wand hochmarschierten, und nun ärgerte er sich, dass er die letzte nicht dazu bringen konnte, Schritt zu halten. … Er liegt im Bett und zupft an irgendwelchen Dingen herum.“
Im Mund zeigen sich bei Hyoscyamus viele Symptome. Die Zunge kann „im Mund rasseln, so trocken ist sie“, oder sie kann wie angesengtes Leder aussehen. Die Schlingmuskeln des Halses – Zunge, Rachen, Schlund und Speiseröhre – werden steif und gelähmt, sodass das Schlucken schwerfällt. Flüssigkeiten kommen wieder zur Nase heraus (gelsemiumGELSEMIUM) oder geraten in den Kehlkopf.
Kent vergleicht belladonnaBELLADONNA, stramoniumSTRAMONIUM und Hyoscyamus nach Art und Höhe ihres Fiebers: BELLADONNA ist sehr heiß; STRAMONIUM ist äußerst gewalttätig und aktiv, hat aber in der Regel nur mäßiges Fieber; Hyoscyamus hat während des Deliriums oder Wahnsinns nur geringes, manchmal auch gar kein Fieber.
In Hinsicht auf die Gewalttätigkeit ihres Verhaltens wäre die Reihenfolge: stramoniumSTRAMONIUM, belladonnaBELLADONNA, Hyoscyamus. Letzteres ist eher eine passive Arznei, während die anderen beiden aktiv sind. Hyoscyamus neigt nicht sehr zur Gewalttätigkeit, und wenn, dann am ehesten gegen sich selbst.
Was ihre Reaktion auf Wasser (und ihre Beziehung zur Tollwut) betrifft, so zeigen alle drei Mittel (sowie cantharisCANTHARIS und lyssinumLYSSINUM) neben allgemeiner Wasserscheu regelrechte Furcht vor Wasser, besonders vor fließendem Wasser. stramoniumSTRAMONIUM hat daneben auch noch Furcht vor glänzenden Gegenständen, vor Feuer und Spiegeln, vor allem, was wie Wasser aussieht oder in irgendeiner Weise daran erinnert, wie z.B. das Geräusch von etwas Fließendem (lyssinumLYSSINUM). „LYSSINUM hat unwillkürlichen Harn- oder Stuhlabgang beim Hören von fließendem Wasser geheilt.“
Kent erklärt das Bedürfnis von Hyoscyamus, nackt zu sein, folgendermaßen: „Der Patient hat am ganzen Körper so empfindliche Hautnerven, dass er die Berührung der Haut durch die Kleidung nicht ertragen kann und sie deshalb auszieht. … Er scheint vollkommen ohne Schamgefühl zu sein, aber er hat keinerlei ‚schamlose‘ Hintergedanken und kommt gar nicht auf die Idee, dass sein Verhalten ungewöhnlich sein könnte; er zieht sich aus, weil seine Haut so überempfindlich ist.“
Ich frage mich, wie wohl ‚Nudisten‘ auf Hyoscyamus in Potenz reagieren würden! Andererseits aber kann der Wahnsinn des Mittels auch durch wirkliche Obszönität gekennzeichnet sein, durch heftige sexuelle Erregung, Nymphomanie, Exhibitionismus oder wollüstige Manie. Doch auch solche Dinge sind für die, „die reinen Herzens sind“, lediglich das Stadium einer Krankheit oder einer Geistesstörung.
„‚Er wird gewalttätig, schlägt, kratzt und beißt; singt ständig und spricht hastig.‘ … Nach Konvulsionen oder fieberhaften Erkrankungen können paralytische Augenbeschwerden wie Schielen oder andere Sehstörungen zurückbleiben. Bei Strabismus ist Hyoscyamus eines der am häufigsten indizierten Mittel. … ‚Gegenstände fangen beim Betrachten scheinbar an zu hüpfen.‘ … Sowohl Stuhl als auch Harn können abgehen, ohne dass er es bemerkt. … Viele Beschwerden treten während des Schlafs auf. … ‚Schlaflos oder ständiges Schlafen.‘ … Schreckt aus dem Schlaf hoch, schaut umher und erkennt nichts von dem wieder, was er geträumt hat. Dann legt er sich wieder hin und schläft weiter. So geht es die ganze Nacht hindurch. … Zähneknirschen oder Lächeln im Schlaf.“

6

Die mit einem a versehenen Symptome stammen aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre; ein b bezeichnet ein Symptom aus der A.H.Z (Band 19, S. 63), ein c Symptome aus Jahrs Symptomencodex.

Hauptsymptome6
Geist und GemütIrrereden.a
Fieberphantasien. – Delirium.
Er wird sehr unruhig, phantasiert, will nicht im Bette bleiben.b
Will aufstehen und sich um seine Geschäfte kümmern oder nach Hause gehen. (bryoniaBRYONIA)
Delirium: spricht von Geschäften; von vermeintlichem Unrecht.
Ungereimtes Lachen.a
Er spricht mehr als sonst, und lebhafter und übereilter.a
Albern; lächelnd; lacht über alles; alberner Gesichtsausdruck.
Possierliche Geistesverwirrung: sie begehen allerlei lächerliche Handlungen, wie Affen.a
Er macht lächerliche Geberden, wie ein tanzender Narr.a
Er macht sich nackt.a
Er liegt nackt im Bette und schwatzt.a
Wollüstige Manie: entblößt sich; singt Liebeslieder.
Er murmelt und schwatzt vor sich hin.a
Er … greift auf dem Bette umher, wie im Flockenlesen.a
Er übt Gewaltthätigkeit aus und schlägt auf die Leute.a
Eifersucht: mit Raserei und Delirium; versucht jemanden umzubringen.
Böse Folgen von unglücklicher Liebe mit Eifersucht.c
Argwöhnisch.
Ängste: allein gelassen zu werden; vergiftet zu werden (lachesisLACHESIS, rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON etc.); verletzt oder gebissen zu werden. Möchte fortlaufen.
Unfähig zu denken; kann die Gedanken nicht ordnen oder kontrollieren.
Beantwortet keine Fragen; kann es nicht haben, angesprochen zu werden.
AugenPupillen erweitert; lichtstarr.
Gesichtstäuschung: was klein ist, dünkt ihm sehr groß.a (Gegenteil von platinumPLATINUM)
In einem stieren, gedankenlosen Hinschauen auf die Gegenstände, Neigung, sich selbst zu vergessen.a
Nase, OhrenDrückendes Klemmen an der Nasenwurzel …a
Taubheit (durch Lähmung des Hörnervs).
MundSchaum vor dem Munde.c
Sordes auf den Zähnen und im Mund.
Zähneknirschen.
Zunge: rot oder braun, trocken, rissig, hart; weiß; zittrig; sieht wie angesengtes Leder aus.
Reine, dürre Zunge.a
HalsWie zusammengeschnürt, mit Verhinderung des Schlingens.a
Unvermögen, zu schlingen.a
Erschwertes Schlucken.
Magen, AbdomenWasserscheue.a (stramoniumSTRAMONIUM)
Oefteres Schlucksen.a
Magenentzündung oder Peritonitis mit Schluckauf.
Schneiden, tief im Unterleibe.a – Kneipen im Bauche.a
RektumOefteres Drängen zum Stuhle.a
Unwissend läßt er den Stuhlgang von sich, im Bette.a
WochenbettMag oder kann kein Wasser lassen.
Puerperalkrämpfe mit schrillem Schreien und quälender Angst; Brustbeklemmung; Bewusstlosigkeit.
AtemwegeViel Schleim in der Luftröhre und im Kehlkopfe, der die Sprache und Stimme unrein macht.a
Während des Liegens fast unaufhörlicher Husten, der beim Aufsitzen vergeht.a
Nachts, trockner Husten.a – Nachthusten.a
Er hustet oft die Nacht, wacht aber jedesmal darüber auf und schläft dann wieder ein.a
NervenFlechsenzucken [Sehnenhüpfen].a
Eckige Bewegungen; Zuckungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen.
Convulsionen.a Erstickungsanfälle und Konvulsionen während der Wehen.
Epilepsie: vor dem Anfall Schwindel, Funken vor den Augen, Klingen in den Ohren, nagender Hunger; während des Anfalls blaurotes Gesicht, hervorgetretene Augen, Schreien, Zähneknirschen, Harnabgang.
Epilepsieähnliche Krämpfe.
SchlafSehr tiefer Schlummer.a
Schlaflosigkeit.a – Lang anhaltende Schlaflosigkeit.a
Schlaflosigkeit wegen einer ruhigen Geisteserheiterung.a
Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen; er mochte sich auf diese oder jene Seite legen, so konnte er nicht zur Ruhe kommen …a (arsenicumARSENICUM)
Aufschrecken aus dem Schlafe.a
Ausgeprägte Schlaflosigkeit empfindlicher, erregbarer Personen aufgrund geschäftlicher Probleme, die oft nur eingebildet sind.
Schlaflos oder ständiges Schlafen, mit Murmeln.
FieberErträgt während des Frostes nicht das leiseste Geräusch und mag auch nicht angesprochen werden.
Sonderliche oder charakteristische Symptome
Sie plappern fast alles aus, was ein Kluger sein Leben lang verschwiegen haben würde.a
In seiner verwirrten Einbildung sieht er Menschen für Schweine an.a
Sie rannten an alle Gegenstände an, die ihnen im Wege standen, mit offnen, wilden Augen.a
Mit Wuth untermischte, lächerlich feierliche Handlungen in einer unschicklichen Bekleidung. [Fußnote:] „In einem Priesterrocke, über das bloße Hemd gezogen, und in Pelzstrümpfen will er in die Kirche, um da zu predigen und das geistliche Amt zu verrichten, und fällt diejenigen wüthend an, welche ihn davon abhalten wollen.“a
Aeußerste Wuth: er geht mit Messern auf die Menschen los.a
Er schlägt und will die ihm Begegnenden ermorden.a
Sonderbare Furcht, von Thieren gebissen zu werden.a
Er macht sich selbst Vorwürfe und Gewissensskrupel.a
Er macht Andern Vorwürfe und beklagt sich über vermeintlich ihm angethanes Unrecht.a (staphisagriaSTAPHISAGRIA)
Verzweifelt, er will sich das Leben nehmen und in's Wasser stürzen.a
Ernste Erkrankung infolge Eifersucht und Kummer über einen untreuen Geliebten …
Will nackt sein (Hyperästhesie der Hautnerven).
Nach einem Zornesausbruch und plötzlicher Furcht wurde er so ängstlich, dass er sich in allen möglichen Ecken versteckte; er fürchtete sich selbst vor Fliegen und lief vor ihnen davon.
Beständiges Zählen.
Schaut häufig auf ihre Hände, weil sie ihr zu groß scheinen.
Die Finger fühlen sich zu dick an.
Lockerheitsgefühl der Zähne, besonders beim Kauen, als sollten sie ausfallen.c
Syphilisphobie.
Das Gehirn fühlt sich lose an.
Gefühl, als würde Wasser im Kopf schwappen.
Schüttelt den Kopf hin und her; dabei ein schwappendes Gefühl im Gehirn.
Gesichtstäuschung: die Gegenstände sehen feuerrot aus.a (belladonnaBELLADONNA; schwarz: stramoniumSTRAMONIUM)
Stupider Gesichtsausdruck.
Zucken der Gesichtsmuskeln; schneidet Grimassen.
Beißt sich beim Sprechen auf die Zunge.
Lähmung der Zunge.c
Nach Schreck Verlust der Sprache; Bewegung der Zunge sehr behindert, mit Gefühl von Taubheit und Lahmheit.
Krampf oder Zusammenschnüren im Halse, mit Unfähigkeit zu schlucken, besonders Flüssigkeiten.
Unwillkürlicher Stuhlabgang beim Urinieren.
Lähmung der Schließmuskeln: unwillkürlicher Stuhl- und Harnabgang.
Häufiges Harnen wasserhellen Urins …a
Jeder Muskel des Körpers zuckt, von den Augen bis zu den Zehen (Chorea).
Klonische Krämpfe.
Bei Fieber stoßen die Patienten die Bettdecke von sich, nicht weil ihnen zu warm ist, sondern weil sie nicht bedeckt sein wollen.

Hypericum

Weitere Namen: Hypericum perforatum; Johanniskraut, Tüpfelhartheu
Hypericum, das Johanniskraut, ist eine Pflanze, die wegen ihrer schmerzlindernden Eigenschaften vielfach gepriesen wird. Durch die Jahrhunderte hindurch wurde sie nach dem geliebten Jünger benannt – womöglich weil sie von ihm für Heilzwecke verwendet wurde?7

7

Der Name soll auf den Beginn der Blütezeit Ende Juni (Johannistag = 24. Juni) hinweisen.

(Ich könnte viele Kräuter aufzählen, die ihren volkstümlichen Namen auf ähnliche Weise erhalten haben.) Wäre der Name allerdings rein kirchlichen Ursprungs, so wäre Hypericum sicherlich ‚Lukaskraut‘ genannt worden, denn schließlich ist Lukas „der geliebte Arzt“ gewesen.8

8

Kolosser 4, 14: „Es grüßt Euch Lukas, der geliebte Arzt … “

Unter den Wundkräutern hierzulande kommt keines Hypericum gleich in seiner heilenden Wirkung auf verletzte Nerven und bei Verletzungen vor allem von Körperteilen mit reicher Innervation. Hier verwenden wir es sowohl innerlich als auch äußerlich.
Ich erinnere mich noch an die glücklichen Stunden, in denen ich die Wildnis und die Wälder von Surrey durchstreifte, zusammen mit einer Kräuterfrau, deren Mutter Dienstmädchen bei einer Lady Shrewsbury gewesen war, einer großen Herbalistin, die ihr Wissen an sie weitergegeben hatte. Von dieser Kräuterfrau habe ich die Gewohnheit übernommen, Kräuter zwischen den Fingern zu zerreiben, um ihre – mehr oder weniger angenehmen – Gerüche freizusetzen und einzuatmen. Gesundheit warte, wie sie meinte, auf diejenigen, die auf diese Weise in den Wäldern umherwandern und deren herbe Frische in sich aufnehmen. Sie pflegte zu sagen: „Von jedem Kraut gibt es zwei verschiedene Arten“, nämlich das echte (arzneiliche) Kraut und seinen ‚Doppelgänger‘, welcher für den Uneingeweihten zwar verblüffend ähnlich aussieht, als Arznei jedoch völlig wertlos ist. Zerdrücken Sie aber die Pflanze, so werden Sie den Unterschied erkennen! Zerreiben Sie Johanniskraut – Blüten, Stiel oder Blätter – zwischen Ihren Fingern, und Sie werden niemals das eigenartige, fast harzige Aroma vergessen, das auch in den Tinkturen erhalten bleibt. Zerdrücken Sie die kleinen, gelben Blüten, und zu Ihrer Überraschung hinterlassen sie dunkelrote Flecken auf den Fingern. Sie entstammen vielen kleinen Drüsen auf dem Blütenboden; und diese Drüsensekrete sind es, die den Tinkturen (‚Stinkturen‘ wurden meine gern genannt!) ihr wunderschönes rotes Aussehen verleihen. Mit Sicherheit aber werden Sie wissen, dass Sie unser arzneiliches Hypericum perforatum gefunden haben, wenn Sie seine schmalen Blätter gegen das Licht halten und die durchscheinenden Tüpfelchen [Öldrüsen] sehen, von denen sie durchsetzt sind. Diese ‚Löcher‘ gaben, zusammen mit den ‚Blutflecken‘, den alten Signaturen-Suchern Hinweise auf den Nutzen der Pflanze – bei Verwundungen und besonders bei Stichverletzungen.
Diese „Signaturenlehre“! – man darf sie ja eigentlich in dieser materialistischen Zeit gar nicht mehr erwähnen; denn ist sie nicht fast ebenso absurd wie die Homöopathie? Tatsächlich aber verdanken wir ihr die Entdeckung vieler heute gebräuchlicher Arzneimittel. Man hatte die Vorstellung, dass der Allmächtige den heilkräftigen Substanzen und Pflanzen Sein Siegel aufgedrückt habe, damit sie von Seinen leidenden Kindern in ihrer Not erkannt werden könnten.
Das erinnert mich an einen armen alten Mann, der immer zu mir kam und um ein paar Berberitzenzweige bat, um damit seine „Jälbsucht“ zu kurieren. Was er mit ihnen machte? Nun, er schabte die gelbe Substanz direkt unter der Rinde ab und tauchte sie in sein Bier; dies, so hatte er herausgefunden, war stets ein zuverlässiges Heilmittel für sein Leiden. Und in der Tat: Die meisten Leberarzneien sind gelb – berberisBERBERISchelidoniumCHELIDONIUM usw., während Arzneien, die auf das Blut wirken, vorzugsweise rot sind – die Eisensalze – hamamelisHAMAMELIS – Hypericum u.a.m.
Wie dem auch sei, die Schreiberin obiger Zeilen reagiert auf Spott seltsam empfindlich – und so möge man sie als nicht geschrieben ansehen!
Zu unseren einheimischen Wundkräutern gehört ferner das Gänseblümchen, bellis perennisBELLIS PERENNIS, von dem Culpeper sagt: „Dies ist eine weitere Pflanze, die die Natur, weil sie so nützlich sein kann, weit verbreitet hat.“ Das Gänseblümchen ist unser englisches arnica montanaARNICA, und es ähnelt jenem bis hin zur Erzeugung und Heilung von Furunkeln. Außer diesem wäre noch die Schafgarbe zu nennen, die man nur ach so schwer wieder los wird! Ja, in einem Jahr besaß sie sogar die Frechheit, den Rasen vor der National Gallery zu ruinieren – mitten im Herzen Londons! Doch hat sie für ihre Allgegenwart gute Entschuldigungen. Seit den Tagen, da sie (wie in der Ilias erwähnt) von Achilles verwendet wurde, um die Wunden seiner Soldaten zu heilen, ist sie unter dem Namen Achillea millefolium bekannt; und auch für uns ist millefoliumMILLEFOLIUM ein großartiges Heilmittel – bei blutenden Wunden und [arteriellen] Hämorrhagien.
In der guten alten Zeit lag die Heilkunst wie selbstverständlich zum größten Teil in den Händen weiser Frauen, die wiederum von älteren weisen Frauen im Gebrauch der Kräuter aus Feld, Wald und Wiese unterrichtet worden waren. Aber das war vor der ‚schlechten neuen Zeit‘, wo auf jedem Strauch ein studierter Doktor wächst, die Taschen prall gefüllt mit Aspirin – Morphium – Phenol – Jod etc., um die einfacheren, gesünderen und wohltätigeren Kräuter zu verdrängen. Dabei stumpfen beispielsweise Aspirin und Morphium, wie bekannt, lediglich das Empfindungsvermögen ab, niemals aber heilen sie den Schmerz – was, wie wir im Folgenden sehen werden, Hypericum sehr wohl vermag.
Culpeper beschreibt Hypericum, dessen Nützlichkeit ihm vor mehr als 300 Jahren bereits sehr gut bekannt war, folgendermaßen: „Die Pflanze überdauert mehrere Jahre im Boden und sprießt in jedem Frühling aufs neue … Die zwei kleinen Blätter, die überall“ (auf den Stielen) „eines gegen das andere gesetzt sind, sind von tiefgrüner Farbe, schmal und voller kleiner Löcher, die man am besten erkennen kann, wenn man sie gegen das Licht hält. An den Spitzen der Stengel und Verzweigungen stehen gelbe Blüten mit fünf Blütenblättern und vielen gelben Köpfchen in der Mitte, die einen rötlichen, wie Blut aussehenden Saft absondern, wenn sie gequetscht werden. …
Es ist eine hervorragende Wundheilpflanze …; äußerlich gebraucht, ist sie von großer Hilfe bei Quetschungen, Prellungen und Wunden, besonders an nervenreichen Körperteilen. … Die Salbe öffnet Verstopfungen, lässt Schwellungen verschwinden und schließt die Wundränder.“
Und Kent gibt uns zu Hypericum wieder eine seiner anschaulichen Darstellungen: „Nehmen wir an, Fingerspitzen oder Zehen wurden gequetscht oder aufgerissen, ein Nagel wurde abgerissen oder ein Nerv über einem Knochen durch Hammerschlag gequetscht: Wenn sich jetzt der betroffene Nerv noch entzündet und der Schmerz die Nervenbahn entlang nach oben ausstrahlt, entsteht eine gefährliche Situation. Vom verletzten Körperteil schießt der Schmerz in Richtung Körper, oder er breitet sich – kommend und gehend, stechend und lanzinierend – allmählich zum Zentrum hin aus. In einer solchen Situation ist vor allen anderen Mitteln an Hypericum zu denken … Es braucht wohl kaum betont zu werden, dass Wundstarrkrampf droht.“
Oder: „Ein bösartiger Hund beißt jemanden in Daumen, Hand oder Handgelenk, jagt seine Zähne durch den Radialisnerv oder einige seiner Verzweigungen und verursacht eine Risswunde. … Eine Wunde klafft, schwillt an, zeigt keine Heilungstendenz und sieht an den Rändern trocken und glänzend aus; sie ist rot und entzündet und geht mit brennenden, stechenden, reißenden Schmerzen einher – ein Heilungsprozess will nicht in Gang kommen: eine solche Wunde benötigt Hypericum! Hypericum verhindert Tetanus. … Ein Schuster sticht sich mit der Ahle in den Daumen, ein Zimmermann treibt versehentlich einen Nagel in den Finger, ohne sich weiter darum zu kümmern; doch in der folgenden Nacht fahren heftigste Schmerzen den Arm hinauf. Den Allopathen stimmt dies äußerst bedenklich, denn er muss Wundstarrkrampf befürchten. Wenn Schmerzen dieser Art entstehen, wird Hypericum sie kupieren; für diesen Zustand bis hin zu fortgeschrittenen Tetanusstadien mit Opisthotonus und Kieferklemme ist Hypericum das Mittel der Wahl. …
Stichwunden, Rattenbisse, Katzenbisse etc. werden durch ledumLEDUM, wenn es sofort gegeben werden kann, sicher versorgt; … strahlt der Schmerz aber bereits von der Wunde den Armnerv hinauf, dann ist es Zeit für Hypericum. … Wirbelsäulenverletzungen … Steißbeinverletzungen …“
Kents Vorlesung über Hypericum, worin er dieses mit anderen Verletzungsmitteln vergleicht, ist ein Meisterwerk, und wir werden gelegentlich in anderem Zusammenhang darauf zurückkommen.
Wundstarrkrampf … Einer der Fälle, wo Hypericum Tetanus geheilt hat, wird in Clarkes Dictionary wiedergegeben. Es handelte sich um einen Jungen, der von einer zahmen Ratte in den Finger gebissen worden war. Kurz darauf erkrankte er schwer. Er konnte nur noch mit großer Mühe sprechen, denn die Kiefer waren fest aufeinandergepresst; Nacken so steif, dass der Kopf kaum bewegt werden konnte; unverhältnismäßig große Empfindlichkeit im Bereich der äußerlich unscheinbaren Bisswunde. Daher gab Guernsey Hypericum den Vorzug vor ledumLEDUM und verabreichte es, als C 500 in Wasser aufgelöst, um 20 Uhr, zuerst alle fünfzehn Minuten, später alle zwei Stunden. Um 3 Uhr früh besserte sich der Zustand, der Junge schlief ein, und am nächsten Morgen war er praktisch wieder gesund.
Zur Veranschaulichung nun einige Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung (z.T. aus meinem Elternhaus), die zeigen, dass Hypericum nichts von seiner Heilkraft verloren hat und sein alter Ruf wohlbegründet ist.
„Bei Nervenverletzungen …“ Es war in der Frühzeit des Automobils, als unser Kutscher und der Stallknecht Fahrunterricht erhielten. Der Stallknecht war an der Reihe, das Lenkrad zu übernehmen. Der Kutscher, ein großer Schotte, erhob sich vom Rücksitz und lehnte sich vor, um zuzusehen. In einer Kurve brach der Wagen gegen eine seitliche Hecke aus, und dabei wurde der Kutscher hinausgeschleudert und blieb weit hinten neben der Straße liegen. Er hatte starke Schmerzen; eine sorgfältige Untersuchung ergab jedoch, dass weder Knochen noch Gelenke in Mitleidenschaft gezogen waren. Zwei, drei Tage später waren die Schmerzen (trotz arnica montanaARNICA) sehr heftig geworden. Die Beine hatten nicht mehr die Kraft, ihn zu tragen, und wenn er im Bett lag, fuhren bei jeder Bewegung stechende Schmerzen in beide Beine, bis hinunter zu Knien, Knöcheln und Füßen. Mehrmals schrie er vor Schmerzen laut auf, wenn er auf die Seite gedreht wurde. Es bestand eine empfindliche Schwellung über dem Kreuzbein und über dem rechten Ischiasnerv. Wegen der lanzinierenden Schmerzen erhielt er dann zwei Tropfen Hypericum in Urtinktur.
Drei Stunden später traf ich meinen Vater, als er gerade von einem Ausritt heimkehrte. „Ich mache mir ziemliche Sorgen um F.“, sagte ich zu ihm, „ich glaube, wir sollten doch lieber noch mal Dr. --- holen. Wir wollen doch nicht, dass er eine Lähmung davonträgt!“ „Oh, der ist schon wieder ganz in Ordnung“, war die Antwort. „Ich habe ihn gerade besucht – es geht ihm viel besser. Er ist schon aufgestanden, hat sich angezogen und ist ein bisschen herumgelaufen.“ Nach einigen weiteren Gaben Hypericum und äußerlichen Einreibungen mit einer Hypericum-Lotion war er am selben Abend nochmals auf den Beinen und ging mit Krücken auf dem Korridor auf und ab. Am nächsten Tag kam er die Treppe herunter und ging zu den Ställen. Am übernächsten Tag war er schon wieder ohne Krücken an der Arbeit; er fuhr die Kutsche hinaus und reinigte sie eigenhändig.
Einen Monat später traten mit Aufkommen der kalten Witterung erneut stechende Schmerzen auf, die vom Kreuzbein seitlich zum Hals und auch wieder in die Beine schossen; außerdem klagte er jetzt über leichte Taubheitsgefühle in den Beinen und hatte Schwierigkeiten, die Füße zu heben. Hypericum in Tinktur und in der C 30 besserte diese Symptome rasch, und nach wenigen Tagen war er wiederhergestellt. Das war 1907, und seither sind die Beschwerden nicht mehr aufgetreten.
Auch hier rechtfertigte Hypericum einmal mehr seine Reputation bei „lanzinierenden Schmerzen, die von dem Ort der Verletzung ausgehen“. Aspirin oder Morphium hätten dem Kutscher vielleicht eine vorübergehende Schmerzlinderung verschafft, aber nur Hypericum konnte zugleich mit der Linderung eine Heilung erzielen. Was ist nun wissenschaftlich: zu betäuben und zu dämpfen – kurzfristig! – oder zu heilen?
Bei der Gelegenheit beachten Sie bitte den Unterschied: arnica montanaARNICA ist das Heilmittel für verletzte Weichteile, Hypericum für verletzte Nerven!
„Bei Risswunden …“ Eines unserer Kutschpferde war auf einem schlechten Straßenabschnitt gestürzt und hatte sich mächtig die Knie aufgeschlagen. Der Kutscher meinte, die Knie wären jetzt wohl ‚hinüber‘; die Wunden würden zwar abheilen, aber die Haare dort nie mehr richtig nachwachsen, es würden immer die verräterischen Narben zurückbleiben. In einer Flasche mit einer Sprühvorrichtung schüttelte ich daraufhin Hypericum mit etwas Wasser auf und gab die Anordnung, die Knie nicht zu bedecken, sondern ständig mit der Flüssigkeit einzusprühen. In der Folge heilten die Knie rasch ab, und es blieb nichts zurück, was darauf hingedeutet hätte, dass das Tier jemals gestürzt war. Und, nebenbei gesagt, dies war sicher auch die sauberste und einfachste Methode, die man sich denken kann, um einen solchen Patienten im Stall zu behandeln.
„Um die Wundränder zu schließen …“ Zur Weihnachtszeit verbrachte einmal ein Universitätsprofessor mehrere Wochen bei uns im Hospital9

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Wahrscheinlich ein Medizinprofessor als eine Art Hospitant!

; und wenn es etwas gibt, was er von dort wieder mitgenommen hat, so war dies sicherlich ein tiefer Respekt vor der Heilkraft von Hypericum … Ein Mädchen war durch eine Scheibe gefallen und hatte neben anderen Verletzungen auch eine böse Schnittwunde an der Lippe davongetragen, von der ein kleines Stück fehlte. Nichts weiter als eine Kompresse mit Hypericum, über Nacht aufgelegt – und am nächsten Morgen war die Lippe verheilt!
„Anstelle von arnica montanaARNICA, wenn die Haut geplatzt und die Verletzung sehr schmerzhaft ist …“ Ein Fall: Ein alter Herr verbrachte wie gewöhnlich sein Wochenende auf der Farm. Am Samstagmorgen stieg er von seinem Einspänner, um die Pferde auf der Weide zu begrüßen. Sie waren an diesem Tag ziemlich unruhig, weil ein fremdes Pferd mit ihnen zusammen auf die Weide gelassen worden war. Plötzlich schlug ein junges Zugpferd aus und traf ihn an der Außenseite des Beins, direkt unterhalb des Knies. Er fiel hin, und so verfehlte ihn glücklicherweise ein zweiter Tritt, den die entsetzte Zuschauerin im Wagen10

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Offenbar Margaret Tyler selbst.

schon in seinem Bauch hatte landen sehen. Es gelang ihm, in den hohen Wagen zurückzuklettern, und unter großen Schmerzen fuhr er nach Hause. Die Haut war aufgeplatzt, daher war es kein Fall für arnica montanaARNICA. An einer bestimmten Hecke suchte ich eilig nach Johanniskraut, übergoss es mit kochendem Wasser und brachte den Aufguss auf die Wunde. Der Schmerz verschwand wie durch Zauberei. Der alte Herr war fast achtzig, er hatte nur wenig Gewebe zwischen Haut und Knochen, und so wäre die Heilung normalerweise schwierig und langwierig gewesen; dennoch war bis zum Montag alles verheilt, und er konnte, wenn auch noch humpelnd, zu seiner Arbeit nach London zurückkehren. Wie schwer die Verletzung gewesen war, konnte man an der Verfärbung sehen, die sich allmählich wie ein riesiger blauer Fleck den Oberschenkel hinauf ausgebreitet hatte (der Tritt hatte ihn unter dem Knie erwischt).
„Bei Abszessen …“ Während des Krieges wurde ein Mädchen mit einem Abszess an der ulnaren Handinnenfläche, der sehr gespannt und schmerzhaft war, von einem hiesigen Arzt in unser Krankenhaus überwiesen. Er hatte ihn inzidiert und dann das Mädchen, nachdem kein Eiter kam, zur weiteren Behandlung zu uns geschickt. Sie kam morgens an und erhielt lediglich Hypericum innerlich und eine Hypericum-Kompresse für die ganze Hand. Bereits bei der Visite am Nachmittag waren Schmerz und Spannung verschwunden, und der Eiter lief nur so heraus. Danach heilte die Wunde schnell ab. Ist es dies, was Culpeper meint, wenn er sagt, „es öffnet Verstopfungen und lässt Schwellungen verschwinden“? Jedenfalls – diese ließ es verschwinden!
Ein Bühnenarbeiter wollte gerade für einen Theatereffekt ein Gewehr abfeuern und hatte noch die Hand am Ende des Laufs, als es versehentlich losging, sodass der Ladepfropf im Handteller stecken blieb. Woche um Woche ließ er sich in einem Krankenhaus behandeln, wo man tat, was man für nötig hielt: Mal wurde die Wunde feucht gehalten, dann wieder wurde er mit einem trockenen Verband nach Hause geschickt. Der Mann litt fürchterlich und hatte schlaflose Nächte voller Schmerzen zu ertragen. Dann riet ihm jemand auszuprobieren, ob nicht vielleicht die Homöopathen etwas für ihn tun könnten. Er erhielt siliceaSILICEA innerlich und eine Hypericum-Kompresse, was umgehend seine Schmerzen linderte und ihn wieder schlafen ließ. Ein paar Tage später begann die eiternde Wunde so faulig zu riechen, dass versuchsweise eine Lysol-Kompresse aufgelegt wurde; dies brachte jedoch keinerlei Erleichterung, und so wurde wieder Hypericum angewandt. Nach wenigen Tagen kam beim Ausdrücken der Wunde mit einem Schwall von Eiter ein stinkendes Pfropfenstück heraus, am nächsten Tag ein weiteres, und dann heilte die Hand wunderbar ab. Leider aber war eine Sehne eingeschmolzen, oder sie war durchschossen worden, sodass er nun einen Finger nicht mehr gebrauchen konnte – eine bleibende Erinnerung an die Zeit, wo er um ein Haar seine ganze Hand verloren hätte.
Ein eifriger Laienhomöopath, der inzwischen lange tot ist, schickte einmal den schottischen Sergeants an der Front Hypericum. Er erhielt folgenden Antwortbrief, den er in den Oban Times vom 1. Mai 1915 veröffentlichen und später als Merkblatt nachdrucken ließ.
Hypericum auf dem Schlachtfeld
Brief eines Highland Sergeant
Mr. Campbell aus Barbreck erhielt folgenden Brief:

Britisches Expeditionskorps, 19. April 1915

Lieber Mr. Campbell!

Ich möchte Ihnen für die Schachtel mit den großartigen Kügelchen danken, die Sie mir freundlicherweise zukommen ließen. Ich hätte Ihnen schon viel früher zu diesem Thema geschrieben, doch ich wollte das Mittel gründlich testen, bevor ich Ihnen meine Meinung darüber mitteile. Nun aber kann ich Ihnen Tatsachen berichten, die für Sie sehr zufriedenstellend sein müssen. Das Resultat meiner Beobachtungen ist dieses: Ungefähr eine Woche, nachdem ich Ihren Brief und die Kügelchen erhalten hatte, wurde ein Soldat meiner Kompanie von einem Scharfschützen verwundet, während er im Schützengraben auf Beobachtungsposten war. Die Wunde war schlimm; es war ein Schulterdurchschuss, und er hatte eine Menge zu leiden. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, und ich sah ihn schon jeden Augenblick in Ohnmacht fallen. Dann dachte ich an Ihre Pillen, die ich in meiner Provianttasche bei mir trug, und beschloss, ihm zwei davon zu geben.

Ich bin sicher, dass ich Ihnen die Wirkung nicht zu beschreiben brauche, dennoch – ich war sprachlos vor Erstaunen. Es ist etwas Wunderbares zu sehen, wie ein schwer verwundeter und schreckliche Schmerzen leidender Mann von zwei kleinen Pillen so verwandelt wird, dass er auf einmal wieder mit den Kameraden lacht und scherzt und Späße treibt.

Dies ist nur ein Fall von vielen, über die ich Ihnen berichten könnte; und obwohl ich hoffe, dass ich die Kügelchen niemals selbst benötigen werde, bin ich doch froh, sie dabei zu haben, um sie anderen geben zu können.

Damit will ich es fürs Erste bewenden lassen; ein andermal werde ich Ihnen von weiteren Fällen berichten.

Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich

Ihr Sergeant W. M.

Beglaubigte Abschrift. J. A. Campbell, Barbreck, Craignish, 23. April 1915.
In den Prüfungen von Hypericum findet man Nervenschmerzen – stechende Schmerzen – und paralytische Symptome.
Hering bringt in seinen Guiding Symptoms durch Hypericum geheilte Fälle, so u.a. von Commotio spinalis: Ein Mann, der aus seinem Wagen gefallen und mit dem Rücken heftig gegen einen Bordstein geschlagen war. Im ersten Moment verspürte er in beide Beine schießende Schmerzen, anschließend kam es zu partiellen Lähmungserscheinungen. – Ein Junge mit traumatischer Meningitis nach einem Sturz auf den Kopf. – Eine Frau mit Kopfschmerz nach einem Fall auf den Hinterkopf, verbunden mit dem Gefühl, hoch in die Luft gehoben zu sein; sie war von der größten Angst erfüllt, dass die geringste Berührung oder Bewegung sie von dieser Höhe herunterstürzen lassen würde. … Und so weiter.
Es gibt nur wenige Personen, die auf Hypericum überempfindlich reagieren. Zu ihnen gehörte die Frau eines Arztes unserer Klinik, bei der Hypericum zunächst ganz eigentümliche Symptome hervorrief, ehe es sie schließlich heilte.
Als sie nach dem Krieg mit ihrem Mann die Schlachtfelder besuchte, durchbohrte ein Stück Stacheldraht ihren Strumpf, drang ziemlich tief in das Bein ein und hinterließ auf der Haut einen großen, tiefen Kratzer. Die Verletzung wurde verbunden und heilte zu.
Einige Zeit später begann diese Stelle in unregelmäßigen Abständen scharf und stechend zu schmerzen. Der Schmerz war sehr heftig, beschränkte sich aber auf die verletzte Stelle. Eine Reihe von Mitteln wurde versucht, aber keines bewährte sich. Dann wurde wegen der Intensität der Schmerzen – als wäre die Verletzung gerade erst frisch entstanden – Hypericum C 30 gegeben, und daraufhin machte sie eine unfreiwillige Prüfung des Mittels durch.
Innerhalb von zwei Stunden trat große Schwäche auf: Sie wurde blass im Gesicht, hatte das Gefühl, als wollte das Herz aufhören zu schlagen; Übelkeit; die Beine zitterten, sie konnte nicht gehen, ohne sich an etwas festzuhalten. Erschöpft, matt und einer Ohnmacht nahe, musste sie sich schließlich hinlegen. Dieser Zustand hielt bis zum späten Abend an. Zwei Tage lang hatte sie überhaupt keinen Appetit. Ihr Mann stellte jedoch abschließend fest:
Seitdem sie Hypericum C 30 bekommen hat, hat sie an dieser Stelle nie wieder irgendwelche Schmerzen gehabt. Andere Mittel sind weder in den Monaten vor noch nach Hypericum gegeben worden.“
Wenig bekannt ist auch der Nutzen von Hypericum bei Hämorrhoiden. Clarke (Dictionary) zitiert Röhrig, der „Hypericum äußerlich wie innerlich fast als ein Spezifikum für blutende Hämorrhoiden ansieht“. Und es wirkt tatsächlich – was auch zu erwarten ist, denn Hypericum ist das Mittel par excellence für nervenreiche Gewebe, und dazu zählt der Anus ganz gewiss! In den Prüfungen zeigte Hypericum ferner einen deutlichen Einfluss auf das Rektum.
Neben Hypericum perforatum gibt es noch eine Reihe weiterer Hypericum-Varietäten mit arzneilichen Eigenschaften. Eine davon trägt den Namen Tutsan11

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Laut Hahnemanns Apothekerlexikon handelt es sich dabei um HYPERICUM ANDROSAEMUM (Cunradhartheu).

(Allesheiler); eine andere, hübsche und großblütige Abart bedeckt die Bahndämme in der Nähe von Leatherhead. Früher einmal bekam unser Krankenhaus jedes Jahr eine große Schachtel mit diesen Blumen geschickt, und die gute Schwester Olivia pflegte sie dann über einem Feuer in Öl zu verrühren, um eine Wundsalbe daraus zu bereiten.
Hauptsymptome
Folgen von Wirbelsäulenerschütterung (Commotio spinalis).
Folgen von Nervenschock.
Tetanus nach Verletzungen.
Nervenverletzungen, die mit starken Schmerzen einhergehen.
Stich-, Schnitt-, Quetsch- oder Risswunden, wenn die Schmerzen sehr heftig sind, besonders wenn sie lange anhalten bzw. schon lange bestehen; Schmerzen wie z.B. starke Zahnschmerzen; Schmerzen, die in die Umgebung ausstrahlen oder die Gliedmaßen hinaufziehen.
Stichwunden, die äußerst empfindlich sind; Wunden durch Treten auf Nägel, Nadeln, Splitter o. Ä.; Bisswunden durch Ratten etc.: hier verhindert Hypericum Tetanus.
Wunden von Durchschüssen; Wunden von Durchstichen mit einem scharfen, spitzen Gegenstand.

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