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B978-3-437-56873-2.00011-1

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978-3-437-56873-2

Lac canium – Lycopodium

Lac caninum

Weitere Namen: Hundemilch
In der ersten Zeit meiner medizinischen Tätigkeit war ich noch nicht willens, mich zu binden, auch nicht durch eine feste Anstellung in einem Krankenhaus; ich wollte nur ‚drinbleiben‘ und Erfahrungen sammeln, indem ich in den Ambulanzen verschiedener Kliniken aushalf (in allgemeinmedizinischen und gynäkologischen Abteilungen sowie jenen für Kinder- und Nervenkrankheiten) und über die ganze Woche verteilt Halbtagsvertretungen für abwesende Kollegen übernahm. Auf diese ungeregelte Art und Weise arbeitete ich vom Tag meiner Approbation im Jahre 1903 an bis 1914, als ich mich um eine feste Stelle bewarb und mir diese auch zögernd zugestanden wurde – zögernd, weil die Klinikleitung damals der Vorstellung anhing, man müsse den ‚Status der Klinik heben‘, und daher eigentlich keine Ärzte mehr annehmen wollte, die sich nicht der ‚höchsten Qualifikationen‘ rühmen konnten; erwünscht war der M. D. von London.
Nun, in jenen weit zurückliegenden Tagen stellte sich eine Patientin in der gynäkologischen Abteilung vor, die über Ovarialschmerzen klagte. Die Beschwerden traten zuerst auf einer Seite auf und wechselten dann zur anderen, danach aber wanderten sie stets wieder auf die ursprüngliche Seite zurück. Der leitende Arzt war über das offensichtlich indizierte Heilmittel – Lac caninum – entsetzt. „Warum geben Sie so ein Mittel?“ – für ihn wohl ein ausgesprochen abstoßender Gedanke. Als die Patientin jedoch nach einem Monat wiederkam, waren die Schmerzen völlig verschwunden. So hat mir gleich meine erste Begegnung mit Lac caninum einen nachhaltigen Eindruck vermittelt, sind es doch gerade solche Erlebnisse, die einem ein Mittel fest einprägen. Zugleich zeigen sie, welch eine Macht ein potenziertes Arzneimittel darstellt und dass es daher gewiß nicht über die Achsel angesehen werden sollte.
Übrigens, wo ich gerade aus der Schule plaudere: Derselbe Arzt war von der Vorstellung, tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM als Heilmittel einzusetzen, regelrecht angewidert. „Ich würde es selbst nicht nehmen und auch meinen Patienten niemals zumuten.“ Winzige Globuli, wohlgemerkt, mit einer hochpotenzierten, alkoholischen Zubereitung imprägniert – in jenen Tagen wahrscheinlich mit der C 30, also einer Verdünnung von eins zu einer Dezillion – und oral verabreicht! Als aber kurz darauf die Wogen der Koch-Begeisterung hoch gingen und wenig später die Almroth-Wright-Demonstrationen1

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Nach Sir Almroth Edward Wright (1861–1947), seit 1902 Lehrstuhlinhaber für Pathologie am Saint Mary’s Hospital in London, Gründer und Leiter des dortigen „Inoculation Department“ (Impfabteilung), begeisterter Anhänger der Autovakzine-Therapie.

unter dem Mikroskop zeigten, wie Tuberkelbazillen von weißen Blutkörperchen sicher umschlossen werden, um dann verdaut bzw. eliminiert zu werden, da begann ebendieser Arzt damit, das, wovor ihm früher gegraut hatte, zu injizieren – die Dosis diesmal unverdünnt, die Methode mithin weitaus fragwürdiger und gefährlicher …
Ja, Mittel wie diese, so wird uns dann erklärt, werden leicht neutralisiert oder verdaut (oder etwas in der Art) – sie gehen schon im Mund, spätestens aber im Magen verloren; man denke allein an die Verunreinigungen der Mundhöhle! Warum also empfindliche Arzneistoffe auf dem so unsicheren oralen Weg (als wäre er nicht von der Natur selbst als Resorptionsweg vorbestimmt!) aufs Spiel setzen?
Tatsache freilich ist, dass Arzneien, sobald sie potenziert sind, nicht mehr den Gefahren der Neutralisation unterliegen. Hahnemann, der bekanntlich äußerst kritisch mit eigenen wie fremden Forschungsergebnissen umging, hat dies vor mehr als 100 Jahren zu seiner eigenen Zufriedenheit nachgewiesen. Wir aber zögern noch heute und begreifen nur widerstrebend die volle Bedeutung seiner Experimente und Lehren. Phosphor z.B. ist ein instabiles Element; es ändert sofort seine Natur und seine Eigenschaften, wenn es der Luft ausgesetzt wird. Es muss unter Wasser aufbewahrt werden, um als Phosphor zu überleben und sich nicht in Phosphorsäure zu verwandeln. Und doch hat Hahnemann gezeigt, dass mit potenziertem Phosphor versehene Streukügelchen jahrelang in einem Papier im Schreibtisch liegenbleiben können; sie behalten ihre arzneilichen Eigenschaften bei, ohne sie gegen jene der Phosphorsäure ‚einzutauschen‘. Er schreibt: „Aber es entziehen sich die so“ (durch Potenzierung) „zubereiteten chemischen Arznei-Substanzen nun auch den chemischen Gesetzen. … Auch findet in diesem ihren erhöheten und gleichsam verklärten Zustande keine Neutralisation mehr statt. Die Arzneiwirkungen des Natrums, des Ammoniums, des Baryts, der Kalkerde und der Magnesie werden in diesem ihren hoch potenzirten Zustande, wenn man eine Gabe einer derselben eingenommen, nicht etwa wie basische Stoffe in rohem Zustande durch einen darauf eingenommenen Tropfen Essig neutralisirt; ihre Arzneikraft wird nicht umgeändert oder vernichtet“ [Chronische Krankheiten, Band 1, S. 181]. An anderer Stelle sagt er, dass neben dem Magen die Zunge und der Mund die für arzneiliche Eindrücke empfänglichsten Körperteile sind. Und Hahnemann war nicht nur ein sorgfältiger Beobachter, sondern galt auch als „einer der großen analytischen Chemiker“ seiner Zeit! Doch all dies ist ohnehin in jüngster Zeit durch Dr. Boyd aus Glasgow physikalisch nachgewiesen worden.
Um nun zu unserem Thema zu kommen: Lac caninum ist, wie wir feststellen müssen, ein sehr mächtiges, zerstörerisches – und daher auch arzneiliches Agens. Falls jemand daran zweifelt, möge er die Prüfungen und hier besonders die Geistes- und Gemütssymptome studieren, von denen ich am Ende dieses Kapitels einige zusammengetragen habe. Sie zeigen, dass Lac caninum ein so breites Spektrum an skurrilen Einbildungen und Ängsten aufweist wie kaum ein anderes Mittel unserer Materia medica; und gerade die ausgeprägten psychischen Symptome sind es ja, wie Hahnemann lehrt, die bei der Verschreibung von größter Bedeutung sind. Dazu eine Anmerkung am Rande: Erst durch Prüfungen in den höheren Potenzen enthüllen die Arzneien ihre feinen Nerven- und Gemütssymptome; niedrigere Gaben oder Vergiftungen bringen dagegen eher grobe Wirkungen hervor, körperliche Veränderungen oder Läsionen. Dass von Mitteln wie lachesisLACHESIS oder Lac caninum so klare, eindeutige und gut verwertbare Symptome bekannt sind, liegt nicht zuletzt daran, dass sie in den höheren Potenzen geprüft wurden.
Die Idee, Hundemilch als Heilmittel zu verwenden, stammt ursprünglich nicht von den Homöopathen. Einige von ihnen aber, in erster Linie jener Pionier der Nosoden, der Amerikaner Dr. Swan, hatten von ihrem außerordentlichen Nutzen bei einer bösartigen Diphtherieepidemie gehört, und so begannen sie, die Hundemilch zu potenzieren und zu prüfen. Nachdem sie auf diese Weise den genauen Wirkungsbereich ermittelt hatten, stellte sich heraus, dass der alte Ruf des Mittels, wie es ja so häufig der Fall ist, mit seinem wissenschaftlichen, auf Prüfungen basierenden Gebrauch weitgehend in Einklang steht.
All diejenigen Mittel, die durch ganz spezielle, einzigartige Wirkungen auffallen, sind dankbare Studienobjekte – es ist einerseits nicht schwierig, andererseits sehr lohnend, sich mit ihnen zu befassen. Im Normalfall werden uns die Polychreste (die „vielnützigen Mittel“) gute Dienste leisten; und wenn wir Mittel wie sulfurSULFUR, sepiaSEPIA, lycopodiumLYCOPODIUM, calcarea carbonicaCALCAREA, nux vomicaNUX VOMICA usw. gut beherrschen, haben wir auf dem Weg, eines Tages eine durchschnittliche homöopathische Praxis2

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Margaret Tyler spricht hier wie selbstverständlich vom „Betreiben einer Poliklinik“; da sich die Zeiten geändert haben, habe ich den Text etwas den heutigen Realitäten angepasst.

relativ leicht und erfolgreich zu betreiben, schon ein gutes Stück geschafft. Aber auch die weniger universellen Mittel, die dafür oft ganz eigentümliche und charakteristische Merkmale aufweisen, können erstaunlich hilfreich sein, wenn sie auch seltener angezeigt sind. Und hat man sie erst einmal begriffen, werden sie ihrer jeweiligen Aufgabe jedesmal spielend gerecht und machen so das Verschreiben zu einer aufregenden und erfreulichen Angelegenheit. Im Allgemeinen stehen sie jedoch nur demjenigen zu Gebote, der das Geheimnis verstanden hat, dass die besten Ergebnisse eher mit wenigen „sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen Zeichen und Symptomen“ erzielt werden, die auf den Fall passen, als mit einem Heer von ziemlich unbestimmten Allgemeinsymptomen, die, wenn man ihnen höflich den Vortritt lässt, häufig nur die diversen Polychreste zur Auswahl lassen und dabei den Blick auf das eine ‚geniale‘ und unverzichtbare Mittel ganz und gar verstellen.
Doch zurück zu den Besonderheiten von Lac caninum. Wie gesagt, es ist ein wichtiges Heilmittel bei Ängsten und furchterregenden Einbildungen, vor allem wenn dabei Schlangen eine große Rolle spielen. Die Gewebe, die es stark reizen und erfolgreich ‚besänftigen‘ kann, sind die Haut, mit rot glänzenden [syphilitischen] Geschwüren, und die Schleimhäute, besonders die des Rachens, z.B. bei Diphtherie, wo es sich als Prophylaktikum wie auch als spezifisches Heilmittel erwiesen hat; ferner ist es dienlich bei Drüsenbeschwerden, Nervenleiden sowie den eben erwähnten psychischen Störungen.
Der Hals ist bei Lac caninum nicht nur gegenüber Berührung von außen (lachesisLACHESIS), sondern auch innerlich höchst empfindlich. Er fühlt sich an, als würde er sich verschließen; der Kranke hat das Bedürfnis, den Mund offenzuhalten, um nicht zu ersticken. Das Schlucken fällt schwer, ist schmerzhaft, fast unmöglich; trotzdem besteht ständige Schluckneigung, wobei jedesmal Schmerzen in die Ohren schießen (phytolaccaPHYTOLACCA). Es wird ein Klumpen im Hals verspürt, der beim Schlucken hinunterwandert, aber bald wiederkehrt. Der schlimmste Schmerz entsteht beim Herunterschlingen fester Speisen. Der Hals kann sich trocken anfühlen, rau, wie verbrüht. Lac caninum ist nicht nur eines der großen Heilmittel der Diphtherie, sondern auch der Syphilis, wenn diese den Hals mit befällt; dann sieht der Rachen glänzend rot aus, wie glasiert, oder er zeigt charakteristische Flecken, die „wie weißes Porzellan“ erscheinen.
Auf den besonderen Charakter der Lac-caninum-Schmerzen habe ich schon hingewiesen: Sie ziehen umher, noch typischer aber wechseln sie von einer Seite zur anderen und wieder zurück. Es kann sich um neuralgische, rheumatische oder auch ovarielle Schmerzen handeln.
Boger (Synoptic Key) nennt als spezifische Wirkungsbereiche „Nerven, Hals, weibliche Fortpflanzungsorgane“. Lac caninum greift nicht nur die Ovarien an, sondern bewirkt auch Entzündung und Kongestion des Uterus; das Blut daraus ist hell und fadenziehend (dunkel und fadenziehend: crocusCROCUS). Es kommt im Schwall, gerinnt aber leicht (anders als bei ipecacuanhaIPECACUANHA). „Die Halsbeschwerden von Lac caninum fangen gewöhnlich mit der Menstruation an und enden damit.“ Die Mammae werden ebenfalls affiziert: vergrößert, fühlen sich an, als seien sie voller Knoten, empfindlich auf geringste Erschütterungen; z.B. können sie beim Treppauf- oder Treppabgehen so schmerzen, dass sie gestützt werden müssen. … Lac caninum ist häufig angezeigt, wenn die Milchsekretion reguliert werden soll, und fast stets ist es beim Abstillen von Nutzen. Darin und in seiner Erschütterungsempfindlichkeit erinnert es an belladonnaBELLADONNA.
Lac caninum ist ein unruhiger Schläfer; kann keine bequeme Lage im Bett finden. „Sie kann ihre Hände nicht so legen, dass sie ihr nicht im Wege sind; endlich schläft sie, auf dem Gesicht liegend, ein“ (medorrhinumMEDORRHINUM, cinaCINA).
Dr. H. C. Allen führt weitere Charakteristika von Lac caninum an:
Für nervöse, ruhelose, hochempfindliche Menschen.
Sehr vergesslich, zerstreut; macht Einkäufe und geht weg, ohne sie mitzunehmen.
Benutzt beim Schreiben zu viele Wörter oder nicht die richtigen; lässt Buchstaben aus.
Kann sich nicht aufs Lesen oder Lernen konzentrieren.
Niedergeschlagen, ohne Hoffnung; es scheint nichts zu geben, wofür es sich zu leben lohnte; hält ihre Krankheit für unheilbar; ihr ist, als hätte sie keinen einzigen Freund in der Welt, könnte jeden Augenblick losheulen.
Mürrisch und reizbar; Kind weint und schreit die ganze Zeit, besonders nachts.
Wutanfälle, mit wüstem Schimpfen und Fluchen beim geringsten Anlass; gemein und gehässig.
Schnupfen: abwechselnd eine Nasenhälfte verstopft, die andere frei und sezernierend.
Sekret so scharf, dass es Nasenlöcher und Oberlippe wund macht.
Kann gar nicht genug essen, um den Hunger zu stillen; nach den Mahlzeiten ebenso hungrig wie zuvor.
Gefühl, als würde es ihr den Atem benehmen, wenn sie liegt; muss aufstehen und umhergehen.
Hat beim Gehen das Gefühl, als ginge sie auf Luft; im Liegen scheint sie das Bett nicht zu berühren.
Rückenschmerzen: heftige, unerträgliche Schmerzen in der Sakralregion; Wirbelsäule schmerzt von der Hirnbasis bis zum Steißbein, ist sehr berührungs- und druckempfindlich.“
In seiner Materia Medica of the Nosodes berichtet derselbe Autor:
„Wie lachesisLACHESIS und viele andere wohlbekannte Polychreste unserer Materia medica stieß auch Lac caninum aus Ignoranz und Voreingenommenheit auf heftigsten Widerstand. Jahrelang sah man auf dieses Mittel als eine Modetorheit oder Wahnidee jener herab, die an seine dynamische Wirkung glaubten und es entsprechend einsetzten; gleichwohl haben seine wundervollen Heilkräfte langsam, aber sicher jedes Hindernis überwunden.
Hundemilch wurde schon im Altertum erfolgreich von Dioscorides, Rhases und Plinius angewandt … Sammonicus und Sextus loben sie bei Photophobie, Otitis und anderen Erkrankungen der Augen und Ohren. Plinius behauptet, dass sie Ulzerationen im inneren Muttermund geheilt habe. Auch wurde sie damals als Antidot für viele tödliche Gifte eingesetzt.
Die Verwendung des Mittels lebte durch Dr. Reisig (New York) wieder auf, der auf einer Europareise gehört hatte, wie es als Heilmittel für Halsentzündungen gepriesen wurde. Nach seiner Rückkehr wandte er es dann selbst erfolgreich bei einer Epidemie maligner Diphtherie an. Er machte Bayard, Wells und Swan auf die wunderbaren Erfolge aufmerksam, die er bei dieser Epidemie erzielt hatte, und veranlasste sie, es einer Prüfung zu unterziehen.
Reisig potenzierte es bis zur 17. Centesimale, aus der dann die weiteren Potenzen von Swan und Fincke hergestellt wurden. Unser Berufsstand ist Swan zu großem Dank verpflichtet für seine unermüdlichen Anstrengungen bei der Arbeit an diesen Prüfungen, die er mit der 30., 200. und höheren Potenzen durchführte. … Die Prüfungen dieses Arzneimittels haben ihm einen Platz unter den Polychresten unserer Schule gesichert, und zugleich haben sie die klinische Exaktheit der Beobachter des Altertums bestätigt.“
Dr. Allen bringt eindrucksvolle Fallbeispiele, die die Wirksamkeit von Lac caninum selbst bei jenem Krankheitsbild aufzeigen, das ich ‚chronische Diphtherie‘ zu nennen pflege; es sind dies – Patienten, die „seit einer Diphtherie nie wieder richtig gesund geworden“ sind.
Nash erzählt, er habe es ursprünglich für schändlich gehalten, der Ärzteschaft so etwas wie Hundemilch als homöopathisches Mittel zumuten zu wollen. Nachdem aber die Beweise zu dessen Gunsten immer zahlreicher geworden waren, beschloss er, lac caniumLAC CANIUM einmal selbst zu erproben, und sein erster Versuch galt einem Fall von entzündlichem Gelenkrheumatismus, bei dem die Beschwerden von Gelenk zu Gelenk wanderten und bei dem pulsatillaPULSATILLA nicht geholfen hatte. Er hatte nämlich bemerkt, dass die Schmerzen nicht einfach nur wanderten, sondern dabei immer auch – nach Art von Lac caninum – regelmäßig die Seiten wechselten. Unter diesem Mittel verschwanden die Beschwerden dann sehr schnell.
Auch in einem schweren Scharlachfall, bei dem die Gliederschmerzen und die Halsentzündung ständig hin und her wanderten, heilte Lac caninum – und nicht rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON, das Nash zunächst aufgrund der großen Unruhe des Kranken angezeigt erschienen war. Dann der Fall einer schlimmen Tonsillitis: Die Patientin konnte selbst einen Löffel Medizin nur mit großer Mühe und viel Würgen herunterbekommen. An einem Tag schwoll die eine Seite an, am nächsten die andere noch mehr, und so wechselte die Verschlimmerung von Tag zu Tag die Seiten. Wieder heilte Lac caninum – innerhalb von sechsunddreißig Stunden.
Schließlich brachte Nash drei Angestellte eines Kurzwarenladens dazu, das Mittel zu prüfen, indem sie alle zwei Stunden ein paar Streukügelchen der 200. Potenz einnahmen. Alle drei Probanden entwickelten daraufhin binnen drei Tagen eine Halsentzündung, einer von ihnen mit daumennagelgroßen Belägen auf beiden Mandeln.
Nash hält Lac caninum nicht nur bei entzündlichen Erkrankungen, die die Seiten wechseln, für besonders nützlich, sondern auch wenn während der Menstruation Brüste und Rachen wund werden. Ferner allgemein bei Mastitis, wobei die Hauptindikation die große Schmerzhaftigkeit und Empfindlichkeit der Brüste ist: Die Patientin verträgt nicht die leiseste Erschütterung des Bettes und keinerlei Auftreten auf den Fußboden; sie muss die Brüste beim Gehen festhalten.
Kent sagt in seiner kleinen Vorlesung über Lac caninum:
„Alle Milcharten sollten potenziert werden, denn sie gehören zu unseren vorzüglichsten Arzneien. Sie sind Tierprodukte und stellen die Nahrung in der Frühphase des animalischen Lebens dar; von daher haben sie einen starken Bezug zur innersten Natur des Menschen. Wenn wir umfassende Prüfungen von Affen-, Kuh-, Stuten- und Muttermilch hätten, dann wären auch diese Mittel sicherlich von großem Wert. lac defloratumLAC DEFLORATUM z.B. hat großartige Dienste geleistet – und so auch Lac caninum. Dieses Mittel steckt noch ganz in seinen Anfängen, auch wenn es bereits einige wunderbare Heilungen bewirkt hat. …
Es ist ein tief- und langwirkendes Mittel; die Prüfer spürten seine Symptome noch Jahre nach der Prüfung. Besonders langwierig und quälend waren die Nerven- und Gemütssymptome, die es in großer Zahl hervorgebracht hat. Nach einer Scharlacherkrankung zurückgebliebene Lymphknotenschwellungen sind durch die Arznei geheilt worden. Es erzeugt und heilt Geschwüre, die eine intensive Röte zeigen und trocken und glänzend aussehen, wie von Epithel überzogen. Es ist ein wichtiges Heilmittel von Beschwerden, die auf eine schlecht behandelte Diphtherie zurückgehen, von Lähmungen und anderen Leiden, die nach einer Diphtherie zurückgeblieben sind. … Es herrscht ein Zustand der Überempfindlichkeit vor, eine allgemeine Hyperästhesie der Haut und aller anderen Körperteile. Frauen macht Lac caninum ausgesprochen hysterisch, es ruft bei ihnen vielerlei seltsame und scheinbar unmögliche Symptome hervor. Zum Beispiel lag eine Frau tagelang mit gespreizten Fingern im Bett und geriet jedes Mal außer sich, wenn sie sich berührten; starker Druck machte ihr nichts aus, aber wenn sie sich nur leicht berührten, fing sie an zu schreien. Ein solcher Zustand ist ohne Lac caninum oder lachesisLACHESIS kaum zu heilen. … Seltsam und eigentümlich ist auch eine Art von Schwindel, die durch das Gefühl gekennzeichnet ist, beim Gehen in der Luft zu schweben oder beim Liegen nicht das Bett zu berühren (LACHESIS).“
Dann das Wechseln der Seiten, das bei fast allen Beschwerden vorkommt: bei Halsentzündungen, rheumatischen Affektionen, Kopfweh und Neuralgien. … Ein wanderndes Erysipel befällt zunächst die eine Seite, dann die andere, dann wieder die erste. Bei Entzündungen und Neuralgien der Ovarien sehen wir das gleiche Phänomen.
„Die Lac-caninum-Patientin bildet sich alle möglichen Dinge ein und wird dauernd von quälenden Gedanken heimgesucht. Auch sind die psychischen Symptome höchst unbeständig und wechseln einander häufig ab. … Glaubt, dass alles, was sie sagt, nicht der Realität entspreche oder gelogen sei, so als gäbe es überhaupt keine Wirklichkeit (vgl. aluminaALUMINA). … Glaubt, sie sei nicht sie selbst, ihre Eigenschaften seien nicht die ihren; oder sie bildet sich ein, sie trage die Nase eines anderen.“ (Und so weiter …)
„Mundfäule. … Auf sämtlichen Schleimhäuten können sich Exsudationen bilden; oft haben sie eine gräulichweiße, flaumige Beschaffenheit, ähnlich den Belägen auf der Zunge.“
Hauptsymptome3
HalsSchlucken sehr schwierig, schmerzhaft, fast unmöglich.

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Aus Herings Guiding Symptoms. Eine deutsche Übersetzung der Pathogenese von Lac caninum durch Fincke findet sich in Band 5 der Zeitschrift des Berliner Vereines homöopathischer Ärzte von 1886. Bei der Bearbeitung dieses Kapitels habe ich teilweise auf diese zeitgenössische Übersetzung zurückgegriffen.

Halsentzündungen beginnen mit einem Kitzeln im Hals, das zu ständigem Husten reizt, gefolgt von einem Kloßgefühl auf einer Seite, das zu fortwährendem Schlucken nötigt; dann verschwindet dieses Symptom, und derselbe Zustand beginnt auf der entgegengesetzten Seite und wechselt öfters, indem er zu dem früheren Zustand zurückkehrt; diese Halsbeschwerden fangen gewöhnlich mit der Menstruation an und enden damit.
Diphtheriemembranen, wie weißes Porzellan; Rachenschleimhaut glänzt wie lackiert; wiederholt verschwinden Membranen auf der einen Seite und kehren auf der anderen zurück. Verlangen nach warmen Getränken, diese können aber durch die Nase wieder herauskommen. Postdiphtherische Lähmung.
Tonsillitis: Mandeln entzündet und sehr schmerzhaft, rot und glänzend, verschließen fast den Rachen; Trockenheit von Schlund und Rachen; Schwellung der submandibulären Lymphknoten.
LaktationHilfreich in fast allen Fällen, wo es erforderlich ist, die Milchsekretion zu beenden.
NervenHat beim Gehen das Gefühl, als ginge sie auf Luft; im Liegen scheint sie das Bett nicht zu berühren.
LokalisationNeigung der Symptome, umherzuwandern; Schmerzen ziehen ständig von einem Körperteil zum anderen.
Wichtige oder eigenartige psychische Symptome
Große Angst, die Treppe hinunterzufallen.
Fürchtet, ihren Pflichten nicht mehr nachkommen zu können.
Furcht vor dem Tod, mit ängstlichem Gesichtsausdruck.
Wacht beunruhigt auf, muss aufstehen und sich irgendwie beschäftigen; fürchtet, verrückt zu werden.
Sie kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass alles, was sie sagt, Lüge sei; dass all ihre Symptome unwirklich und bloß das Ergebnis einer krankhaften Einbildung seien; es fällt ihr schwer, die Wahrheit zu sagen, und sie misstraut allem; beim Lesen verändert sie sogleich den Sinn, indem sie Dinge auslässt oder hinzufügt.
Jedesmal wenn ein Symptom auftritt, denkt sie ganz gewiss, dass es nicht von der Arznei kommt, sondern eine bestimmte Krankheit ist.
Glaubt, dass jedermann auf sie herabsieht und dass sie völlig unbedeutend ist.
Bildet sich ein, schmutzig zu sein; die Nase eines anderen zu tragen; Spinnen zu sehen.
Empfindung oder Einbildung, von Myriaden von Schlangen umgeben zu sein; einige von ihnen jagen wie der Blitz in der Haut hinauf und hinunter, andere, lang und dünn, werden in der rechten Seite gefühlt. Sie fürchtet sich davor, ihre Füße auf den Boden zu setzen, weil sie auf die Schlangen treten könnte und diese sich dann um ihre Beine winden würden (vgl. argentum nitricumARGENTUM NITRICUM, sepiaSEPIA); hat Angst, hinter sich zu schauen, weil sie auch dort Schlangen erblicken könnte; wird aber selten nach Einbruch der Dunkelheit von ihnen geplagt.
Beim Zubettgehen mochte sie die Augen nicht schließen aus Angst, dass ihr dann eine große Schlange von der Dicke ihres Arms, welche neben ihrem Kopfkissen lag, ins Gesicht fahren werde. (Vgl. belladonnaBELLADONNA)
Gefühl, als wenn sie verrückt werden sollte (calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA); wenn sie still sitzt und denkt, sieht sie im Geiste die schrecklichsten Dinge (nicht immer Schlangen); ist in der größten Angst, dass dieselben Gestalt annehmen und sich ihren natürlichen Augen zeigen möchten, und sie guckt unter die Stühle, den Tisch, das Sofa und alles, was im Zimmer ist, in der grausigen Erwartung, dass irgendein furchtbares Ungeheuer hervorkriechen werde; hat dabei ständig das Gefühl, dass sie rasend werden würde, wenn dies wirklich geschähe. Sie fürchtet sich nicht im Dunkeln, nur im Lichte meint sie solches zu sehen.
Befürchtet, dass Pickel, die während der Regel auf den Oberschenkeln erscheinen, zu kleinen Schlangen werden könnten, die sich umeinander winden.
Erwachte bei Tagesanbruch mit dem Gefühl, dass ihr Körper eine ekelhafte Masse sei, die nur noch aus Krankheit bestünde, sich und jedem anderen zur Last (dies war, als ihre Brüste affiziert waren); sie konnte keinen Teil ihres Körpers, nicht einmal ihre Hände ansehen, da es das Gefühl von Abscheu und Entsetzen verstärkte; sie konnte es nicht ertragen, wenn ein Teil des Körpers den anderen berührte, musste sogar die Finger gespreizt halten; es war ihr, als müsste sie auf irgendeine Weise aus ihrem Körper heraus, oder sie würde wahnsinnig werden; konnte an nichts anderes als ihren eigenen Zustand denken.
Hat das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren.
Erwacht mit dem Gefühl, dass sich das Bett bewegt.
Bildet sich manchmal ein, dass das Herz oder die Atmung stehenbleiben würde, oder erschreckt sich sonstwie, was zu heftigem Herzklopfen führt. Gelegentlich sehr niedergeschlagen; glaubt dann, den Verstand zu verlieren.
Träumt von einer großen Schlange in ihrem Bett. (belladonnaBELLADONNA)
Träumt oft vom Harnen; erwacht, als sie feststellt, dass sie kurz davor ist, es wirklich zu tun. (sepiaSEPIA)

Lachesis

Weitere Namen: Lachesis muta; Gift der Buschmeisterschlange
Je stärker das Gift, desto größer die Arznei; und bei verzweifelten Krankheitszuständen gehören die Schlangengifte sicherlich zu den am schnellsten wirkenden und mächtigsten Arzneimitteln. Natürlich heilen sie dabei nur solche Leiden, die sie auch hervorrufen können, und sie dürfen zu diesem Zweck nur in kleinen, unschädlichen Dosen und auch nur solchen Menschen verabreicht werden, deren Symptome in körperlicher wie geistig-seelischer (bzw. charakterlicher) Hinsicht den Symptomen der Arznei ähnlich sind. Wo dies aber der Fall ist, ist ihre Heilkraft ganz erstaunlich.
Wir verfügen über eine ganze Reihe geprüfter Schlangengifte, von denen jedes seinen eigenen Stellenwert hat. Eines der wichtigsten von ihnen wollen wir nun näher betrachten – Lachesis.
Lachesis, das Gift der Surukuku- oder Buschmeisterschlange aus Südamerika, wurde erstmals gewonnen und geprüft von Dr. Constantin Hering, einem der brillantesten Köpfe unter Hahnemanns direkten Nachfolgern. Der Umgang mit der lebenden Schlange und ihrem Gift hätte ihn jedoch beinahe das Leben gekostet – er wurde bewusstlos und delirant; doch als er sich wieder erholte, wollte er von seiner Frau genau wissen, was er alles gesagt und getan hatte. So begann die erste schriftlich festgehaltene Lachesis-Prüfung.4

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Ganz so dramatisch wie in dieser Schilderung (die Tyler wohl Clarkes Dictionary entnommen hat) scheinen die Ereignisse nicht gewesen zu sein. Hering selbst berichtet darüber in seiner Mitteilung „Einiges über das Schlangengift“, die im 10. Band des Archivs erschien (Herings Medizinische Schriften, S. 69; hrsg. von K.-H. Gypser). Er schildert darin die Schwierigkeiten der Giftgewinnung, die dann aber doch ohne Komplikationen ablief. Symptome entwickelten sich bei ihm erst durch die Einatmung des Milchzuckerstaubes, der bei der Verreibung entstand: Halsschmerzen, ein quälendes Angstgefühl; abends dann „wahnsinnige Eifersucht“; darauf „größte Erschlaffung und Müdigkeit … in dieser Schläfrigkeit, ja halb schlafend, eine besondere Redseligkeit“; kann schlecht einschlafen wegen Empfindlichkeit und Druck im Halsbereich, frühes Erwachen … usw. Also keine Bewusstlosigkeit, kein Delir! Er wiederholte wenig später die Prüfung mit höheren Verreibungen; die Nachwirkungen davon sollen ihm allerdings ein Leben lang zu schaffen gemacht haben.

Spätere Prüfungen (bei vielen von ihnen wurden die höheren Potenzen verwendet) haben uns dann ein wunderbares Heilmittel an die Hand gegeben, das in vielen schweren und desperaten Zuständen unentbehrlich ist. Im Folgenden will ich versuchen, die auffallenderen Züge des Mittels herauszuarbeiten, wobei ich großenteils auf Kents aufschlussreiche Vorlesung zurückgreife, mich daneben aber auch auf eigene Erfahrungen sowie auf die in Allens Encyclopedia und Herings Guiding Symptoms aufgezeichneten Prüfungen stütze.
Lachesis hat oft ein bläuliches oder blaurotes Aussehen. Bei Herzkrankheiten sollte Sie ein purpurnes, aufgedunsenes Gesicht an Lachesis denken lassen. Ich erinnere mich an eine Patientin, die bei uns im Krankenhaus mit einer Herzkrankheit im Sterben lag, mit Ödemen, Lebervergrößerung und ebendiesem purpurnen Gesicht – einer dieser ziemlich hoffnungslosen Fälle! Lachesis besserte ihren ernsten Zustand so weit, dass sie schließlich entlassen werden und zur weiteren Behandlung in die Ambulanz kommen konnte; die bläuliche Verfärbung ihres Gesichts war spurlos verschwunden!
Ein anderes wichtiges Symptom, das häufig solche schweren Fälle von Herzinsuffizienz begleitet, ist Verschlimmerung im oder nach dem Schlaf. Dies ist – in allererster Linie – Lachesis. Der Lachesis-Patient fürchtet sich, schlafen zu gehen, weil die Beschwerden dann verstärkt auftreten – Schmerzen, Erstickungsanfälle, oder was immer es sein mag. Und gerade Schlaf ist es doch, was diese ‚kranken Herzen‘ vor allem anderen nötig haben.
Auch in anderen Bereichen des Körpers weist diese bläuliche Verfärbung auf Lachesis hin. Kent: „Wenn irgendwo eine Stelle entzündet ist, so erscheint diese blaurot bis düsterrot verfärbt. … Geschwüre sind fressend, granulieren schlecht, stinken faulig, bluten leicht …; dieses Blut ist schwarz, gerinnt schnell und sieht aus wie verkohltes Stroh. Oft wird der Bereich gangränös; das Gewebe verfärbt sich schwarz und wird allmählich abgestoßen. … Variköse Erweiterung der Venen ist ein weiteres hervorstechendes Merkmal des Mittels.“
Zwei Bereiche, der Hals und das Gemüt, werden von Lachesis aufs äußerste in Mitleidenschaft gezogen. Lassen Sie uns zuerst die Halssymptome betrachten: Heftige Beschwerden im Halsbereich, auch wenn kaum etwas zu sehen ist, das diese erklären könnte (doch kann es durchaus eine Menge Gründe geben, wie wir unten sehen werden!). Lachesis ist in dieser Hinsicht ein ganz und gar ‚unverhältnismäßiges‘ Mittel. Ist es bei arsenicumARSENICUM die große Schwäche, die in keinem Verhältnis steht zum sonstigen Gesundheitszustand – soweit man diesen diagnostizieren kann –, so sind es bei Lachesis die Halsbeschwerden, die in keinem Verhältnis zu dem stehen, was lokal zu erkennen ist. Erstickungsgefühle: hat das Gefühl, als ob er am Hals gepackt würde – als ob er einen Kloß im Hals hätte – als ob der Hals zusammengeschnürt würde. Lachesis kann Berührung am Hals nicht vertragen und muss die Kleidung dort lockern; Husten, der durch bloßes Berühren des Halses provoziert wird. Und all dies wird, da es sich um Lachesis handelt, durch Schlaf noch verstärkt. Vollheitsgefühl im Hals bzw. im Rachen, das Atmen fällt schwer; beim Einschlafen meint der Patient, ersticken zu müssen; und – die Halssymptome werden durch heiße Getränke schlimmer.
Bei allen Beschwerden schläft der Lachesis-Patient sich in die Verschlimmerung hinein. Und er mag keine Wärme: heiße Getränke verschlechtern; kann in einem heißen Bad ohnmächtig werden.
Die Halsleiden von Lachesis sind häufig ernst und von destruktiver Natur. Ulzerationen des Rachens – rot – grau – tief – sich ausdehnend. Seltsamerweise ist bei den Halsbeschwerden dieser Arznei, seien sie nervös oder organisch bedingt, leeres Schlucken weitaus schmerzhafter als das Schlucken fester Speisen. Wenn man an die gewaltigen Mahlzeiten denkt, die sich eine Schlange einverleiben kann, dann kann man sich leicht merken, dass das Hinunterschlingen von etwas Festem Lachesis keine Probleme bereitet!
Lachesis ist ein wichtiges Heilmittel bei Diphtherie. Diese beginnt auf der linken Seite (kann dann allerdings auf die rechte übergreifen), denn Lachesis ist in erster Linie ein linksseitiges Mittel. Hierin unterscheidet es sich von lycopodiumLYCOPODIUM, mit dem es viele Anwendungsbereiche einschließlich der Diphtherie gemein hat; nur ist LYCOPODIUM ein rechtsseitiges Mittel, und wenn sich Beschwerden ausbreiten, dann von rechts nach links.
Kürzlich bekam ich auf unserer Kinderstation einen fortgeschrittenen Lachesis-Diphtheriefall zu sehen. Es war ein kleiner Junge von 5¾ Jahren mit einem dicken diphtherischen Belag im Rachen; Temperatur 39,7 °C; der Diphtheriebazillus war in Abstrich und Kultur nachgewiesen worden. Nach sechs Gaben Lachesis 200 verschwand die Membran umgehend, und eine zweite Kultur, vierundzwanzig Stunden später angelegt, erwies sich als steril. Der Junge konnte nach sechs Tagen gesund entlassen werden.
Bei der Gelegenheit kann ich gleich noch von einem weiteren Diphtheriefall berichten, welcher unter mercurius cyanatusMERCURIUS CYANATUS ein ähnlich glückliches Ende nahm:
Einer Krankenschwester mit einem durch Abstrich und Kultur gesicherten Diphtheriebelag auf einer Mandel gab ich vor einigen Wochen sechs Dosen MERCURIUS CYANATUS 10 M; 36 Stunden später schickte ich sie zur Infektionsabteilung eines hiesigen Krankenhauses, wo man feststellte, dass ihr Hals ‚steril‘ war. Überrascht rief mich ein Kollege von dort an und stellte die Diagnose in Frage, woraufhin ich ihm anbot, er solle doch vorbeikommen und sich die Objektträger ansehen, die wir natürlich aufgehoben hatten. Interessant ist auch, dass bei dieser Krankenschwester – sie befand sich noch in der Ausbildung – erst kurz zuvor ein Rachenabstrich gemacht worden war (bevor sie auf den Stationen arbeiten durfte) und dass dieser damals negativ ausgefallen war.
Man beachte, dass mit dem korrekten homöopathischen Mittel dieses „Abstrich negativ“ (bei Diphtherie) in der Regel innerhalb 24–48 Stunden erreicht wird! Die Vorteile solch homöopathischer Behandlung müssten eigentlich für jeden klar auf der Hand liegen: Es besteht ein geringeres Infektionsrisiko für andere; eine sonst höchst qualvolle und gefährliche Krankheit wird rasch geheilt; und es ist, wie Hahnemann sich ausdrückt, eine „schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit … auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege“. Dies kann von der Diphtherieserum-Behandlung ganz und gar nicht behauptet werden – die übrigens heutzutage auch nicht mehr uneingeschränkt empfohlen wird. Eine kleine Anmerkung zur Differenzialdiagnose bei Diphtherie: Fälle, die Lachesis benötigen, haben nicht die schmutzige Zunge der mercurius (solubilis)Quecksilbersalze, und natürlich sind die Lachesis-Beschwerden eher linksseitig bzw. beginnen dort.
Nun zum Geistes- und Gemütszustand des Lachesis-Typs, zu seinen charakterlichen Eigenschaften. Gerade diese hochinteressanten Merkmale haben oft den Weg zu wunderbaren Heilungen gewiesen.
Kent schreibt: „Nichts fällt an diesem Menschen mehr auf als seine Reflektiertheit oder Selbstbezogenheit, die sich zu übermäßiger Eigenliebe, Stolz, Selbstüberhebung und Eigendünkel steigern kann, woraus letztlich auch die für Lachesis typischen Charakterzüge Neid, Hass, Rachsucht und Grausamkeit resultieren. Geistige Verwirrung bis hin zum Wahnsinn. Alle möglichen krankhaften Triebe. … Dunkelrotes bis purpurnes Gesicht und heißer Kopf. Oft besteht das Gefühl zu ersticken, der Kragen fühlt sich zu eng an.“ Außer dem von Kent beschriebenen Wahnsinn gibt es noch einige andere Dinge, die besonders ins Auge fallen und auf das Mittel hinweisen, namentlich die unbegründete Eifersucht und das große Misstrauen. Ein Beispiel von Kent ist das Mädchen, das „keine geflüsterte Unterhaltung von Freundinnen beobachten konnte, ohne gleich zu argwöhnen, dass über sie getuschelt werde, dass irgendetwas Nachteiliges über sie geredet werde“. Lachesis ist ein wichtiges Mittel bei Zuständen, die an Verfolgungswahn grenzen: „Eine Frau bildet sich ein, ihre Angehörigen würden versuchen, ihr Schaden zuzufügen … oder sie zu vergiften, oder sie würden heimlich ihre Unterbringung in einer Irrenanstalt betreiben … . Manchmal fragt sie sich, ob nicht alles, was sie erlebt, nur ein Traum sei oder Illusion. Träumt oder bildet sich ein, sie liege im Sterben … oder sie sei tot und es würden Vorbereitungen zu ihrem Begräbnis getroffen.“
Oder auch: „Die Patientin wähnt sich unter dem Einfluss einer übernatürlichen Macht. … Hört – zum Teil im Traum – Befehle, denen sie gehorchen muss. Die Stimmen gebieten ihr, zu stehlen, zu morden oder Taten zu gestehen, die sie nie begangen hat. Dann findet sie keinen Frieden, ehe sie sich nicht dazu bekannt hat.“ Lachesis hat häufig auch religiöse Zwangsvorstellungen: „Die Kranke glaubt, sie stecke voller Bosheit und habe unverzeihliche Sünden begangen; nun werde sie bald sterben und zur Hölle fahren.“ In diesem Zusammenhang ermahnt uns Kent: „Der Arzt darf solche Vorstellungen nicht leichthin abtun; sie sind für den Patienten sehr real und müssen mit Respekt behandelt werden – als ob sie der Wirklichkeit entsprächen.“
Eifersucht, Misstrauen und – Redseligkeit. Dieser Zug ist so bekannt, dass bei vielen von uns Lachesis für Geschwätzigkeit und Geschwätzigkeit für Lachesis steht … „Hält in gewählten Ausdrücken Vorträge, immer von einem Gegenstand auf den anderen überspringend.“ „Ein einziges Wort führt sie oft mitten in eine andere Geschichte.“ Ferner erwähnt Kent, dass Lachesis-Patienten ungemein empfindlich gegenüber ihrer Umgebung sein können – so sehr, dass man, „nach dem zu urteilen, was sie alles wahrnehmen und welche Geräusche sie schon stören, glauben muss, dass sie selbst das Laufen von Fliegen an der Wand oder das Schlagen weit entfernter Kirchturmuhren hören können“. Darin ähnelt Lachesis einem der opiumOPIUM-Zustände und ist mit lyssinumLYSSINUM zu vergleichen.
Hier nun ein Beispiel für die Eifersucht von Lachesis:
Ein junger Mann mit einer schweren Streptokokken-Infektion des Zungengrundes und Rachens – die infizierten Teile hatten ein fleckiges, an Diphtherie erinnerndes Aussehen – erhielt einige Dosen Lachesis in Hochpotenz. Sein Hals war schnell in Ordnung, doch machte er unerwartet eine außergewöhnliche Lachesis-Prüfung durch. Er wusste gar nicht so recht, was da an jenem Wochenende auf dem Lande in ihn gefahren war: Er war schweigsam geworden, argwöhnisch und so rasend eifersüchtig, dass er seine Verlobung wieder auflöste – vielleicht, im Rückblick, ein heimlicher Segen. Allmählich verloren sich die Prüfungssymptome wieder, aber ich glaube, selbst Lachesis hätte diese Eifersucht nicht hervorrufen können, wenn sie nicht schon latent in ihm vorhanden gewesen wäre. Man kann nicht etwas herausholen, was ‚drinnen‘ nicht zumindest angelegt ist!
Ein zweiter Fall, der, was die Heilkraft von Lachesis selbst bei an Wahnsinn grenzenden Zuständen betrifft, sehr aufschlussreich ist:
Eine junge Kaufmannsgattin litt an wahnsinniger Eifersucht. Sie betrachtete sich ständig im Spiegel, weil sie meinte, dass ihr Gesicht sich verändert hätte. Immer wieder blickte sie verstohlen durch das kleine Fenster in den angrenzenden Laden, um zu sehen, was ihr Mann gerade machte … ob er nicht vielleicht mit der jungen Verkäuferin flirtete. phosphorusPHOSPHORUS half ihr zunächst ein wenig, dann aber nicht mehr. Es ging ihr zunehmend schlechter. Einmal wurde sie mit einem Rasiermesser in der Hand angetroffen, ein anderes Mal kam sie im Nachthemd in den Laden herunter; sie stellte die seltsamsten und verrücktesten Dinge an. Aus Sorge um sie verfolgten mich ihre Angehörigen regelrecht; die Patientin war für sich und andere zu einer Gefahr geworden. Wir diskutierten ihren Fall, und der Arzt, mit dem ich zusammenarbeitete, erkannte ihre Hauptsymptome: Eifersucht und Misstrauen – und natürlich bekam sie Lachesis. Ich glaube, sie brauchte einen Monat später noch einmal eine zweite Gabe. Dann war sie wieder zu ihrem alten, ihrem glücklichen und lächelnden Selbst aufgeblüht, und alle früheren Beschwerden waren vergessen. Auch sieben Jahre später ging es ihr weiterhin gut, danach verloren wir sie aus den Augen.
Eine weitere unfreiwillige Prüfung von Lachesis zeigt folgender Fall:
Jemand hatte wegen chronischer katarrhalischer Beschwerden Lachesis in der 30. Potenz und später noch einmal in der C 200 eingenommen, was einen höchst unangenehmen Effekt hatte: Ein fast unaufhörlicher Stuhldrang stellte sich ein, der aber praktisch ohne Erfolg blieb. Dies ging lästigerweise tagelang so weiter, bis schließlich eine Gabe sepiaSEPIA den Beschwerden ein Ende setzte. In Kents Repertorium finden wir [unter „Rectum, Stuhldrang, Stuhlgang“] die Rubrik „Drängen, doch nicht für Stuhlgang“, die nur ein Mittel enthält: Lach., im höchsten Grad; und anderswo wird SEPIA als Antidot für dieses Symptom von Lachesis genannt. Interessant ist übrigens, dass dieselbe Person dann Lachesis 1 M ohne jegliche Unannehmlichkeiten vertrug. Sicherlich ist es so, dass verschiedene Potenzen sehr unterschiedliche Ergebnisse zeitigen. Vor Jahren pflegte ein deutscher homöopathischer Arzt zu sagen, dass die 200. (bei den meisten Mitteln) eine „schlechte Potenz“ sei – ihr habe er viele starke Verschlimmerungsfälle zu verdanken; es graute ihm davor, sie anzuwenden. Bei manchen Arzneien, wie z.B. lycopodiumLYCOPODIUM, ziehe ich es daher vor, mit einer C 30 oder 1 M zu beginnen und die C 200 strikt zu meiden.
Zum Thema Geschwätzigkeit … Es war an einem Nachmittag in der Ambulanz, als eine höchst anstrengende Patientin in einem unglaublichen Redeschwall von verwirrender Zusammenhanglosigkeit ihre Geschichte über mich ergoss, während ich alle Mühe hatte, wenigstens ein paar Notizen ‚beiseite zu schaffen‘, um mich später darauf beziehen zu können. Endlich, an die Missionsstudenten gewandt, die sich oft an meine Fersen hefteten und mit ihren Arzneien ziemlich ‚auf Draht‘ waren: „Nun, was ist das für ein Mittel?“ „Lachesis!“ kam die Antwort im Chor. Als die Patientin das nächste Mal wieder erschien … ruhige Antworten, Stille … und dann ein nicht zu unterdrückendes Glucksen bei den Missionaren, als sie die ehedem so typische Lachesis-Patientin wiedererkannt hatten.
Viele Arzneien bergen jedoch gegensätzliche Eigenschaften in sich, und so stellen wir – was nur wenige zu wissen scheinen – überrascht fest, dass Lachesis, das unter „Geschwätzigkeit“ und „hastige Sprache“ im höchsten Grad erscheint, in derselben Wertigkeit auch bei „langsame Sprache“ zu finden ist. Und Lachesis hat auch Schweigsamkeit, 5

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„Schweigsamkeit“ (taciturnity) gibt es weder im Kentschen noch im Synthetischen Repertorium als Rubrik, wohl aber bei Knerr und Gentry. Bei Letzteren ist Lachesis nicht erwähnt; im Kent erscheint Lach. allerdings in der Rubrik „Stille Natur“ zweiwertig.

wie wir in dem Fall des jungen Mannes mit der unfreiwilligen Prüfung gesehen haben. Man darf sich durch Halbwissen und vorgefasste Meinungen nicht ins Bockshorn jagen lassen; es ist immer besser, sich genau zu vergewissern.
hyoscyamusHYOSCYAMUS wetteifert mit Lachesis in Geschwätzigkeit und Eifersucht, und pulsatillaPULSATILLA, nux vomicaNUX VOMICA und stramoniumSTRAMONIUM können alle eifersüchtig und misstrauisch sein. Die Verbindung von Eifersucht und Misstrauen mit Geschwätzigkeit gehört aber in erster Linie zu Lachesis und hyoscyamusHYOSCYAMUS und, in geringerem Maße, auch zu opiumOPIUM und STRAMONIUM.
Lachesis geht es im Frühjahr schlechter, bei mildem, regnerischem und besonders bei bewölktem Wetter.
Was die Verschlechterung durch Schlaf oder während des Schlafs betrifft: Ein kleiner Junge in unserem Krankenhaus litt an Asthma und hatte Anfälle im Schlaf, ohne dass er davon wach wurde. Nur zwei Mittel, sulfurSULFUR und Lachesis, haben dieses Symptom. Aus irgendeinem Grund wurde zuerst SULFUR gegeben, doch Lachesis war es schließlich, das ihn heilte. – Dazu einige Symptome aus den Prüfungen:
Sobald er einschläft, hört die Atmung auf.
Angst einzuschlafen, aus Furcht, er könnte sterben, bevor er aufwacht.
Beschwerden kommen im Schlaf, und der Patient wacht mit Schmerzen oder sonstigen Leiden auf, z.B. mit Husten, Asthma oder Krämpfen.
Beim Erwachen: Schwindel; trockener Reizhusten; alle Symptome schlimmer.
(Auf einige der furchterregenden Träume habe ich bereits hingewiesen.)
Bei den Kopfschmerzen – berstenden Kopfschmerzen – scheint es, als ob alles Blut des Körpers in den Kopf gestiegen sei. Pulsierendes Kopfweh, mit allgemeinem Pochen von Kopf bis Fuß.
Hämmernde Kopfschmerzen; und ‚Hämmern‘ ist, wie Kent zeigt, ein sehr charakteristisches Zeichen für Lachesis. Ein entzündeter Eierstock pulsiert, und mitunter fühlt es sich an, als würde bei jedem Pulsschlag ein kleiner Hammer auf die entzündete Stelle schlagen. Analfisteln, so Kent, sind durch Lachesis geheilt worden, wenn sie mit dem Gefühl einhergingen, als würde ständig ein Hämmerchen auf den Fistelgang schlagen. Auch bei Hämorrhoiden oder hartnäckigen Analfissuren kann diese Empfindung auftreten. Bersten und Hämmern! Beim Kopfweh von Lachesis sehen Sie wahrscheinlich außerdem ein bläulichrotes Gesicht, dicke, geschwollene Augen und aufgedunsene Lider; und stets finden Sie die Verschlimmerung beim Erwachen, die Verschlimmerung nach Schlaf.
Andere typische oder eigentümliche Lachesis-Symptome … Störungen des Zeitgefühls: „Ungewöhnliche Verirrung in der Zeit.“ „Erhöhte Tätigkeit der Phantasie.“ „Verschreibt sich mehr wie gewöhnlich“ (lycopodiumLYCOPODIUM). Rasende Schmerzen in Gesicht und Zähnen, die sich bis zu den Ohren erstrecken. „Halsschmerzen in Verbindung mit den Ohren.“ Die Augen fühlen sich an, als ob sie herausgenommen, gequetscht und dann wieder eingesetzt worden wären. „(Beim Husten): Spannen, als würde eine Saite angezogen, vom Nacken … innen zu den Augen.“6

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Tyler bezieht sich hier auf ein Symptom, das in den Guiding Symptoms falsch wiedergegeben worden ist; dort heißt es (unter „Eyes“): „As if a thread was drawn from behind eye to eye.“ Richtig müsste es heißen:“ „ … from behind [nape of the neck] to eyes.“ Die ursprüngliche Fassung ist das Symptom Nr. 1825 in Herings Wirkungen des Schlangengiftes: „Den Husten fühlt er im Kopfe bis in die Augen, es ist ein Spannen, als würde eine Saite angezogen, vom Nacken übers Ohr weg innen zu den Augen.“

„Gefühl, als sollten die Augen herausspringen, wenn am Hals gedrückt wird.“ Enorme Anschwellung der Lippen. Die Zunge kann kaum herausgestreckt werden, sie verfängt sich in den Zähnen. Grätengefühl im Hals (siliceaSILICEA, hepar sulfurisHEPAR).
Einen verdorbenen Lachesis-Fall – verdorben aus (meinem damaligen) Mangel an Kenntnissen – habe ich niemals vergessen und bedaure ihn noch heute. Es handelte sich um eine Patientin mit einem großen, ausgehöhlten Wadengeschwür, wie ich es in meiner Studentenzeit so häufig gesehen hatte. Lachesis war ihr Mittel, und ich gab es ihr. Als sie das zweite Mal erschien, war in dem Ulkus ein erstaunlicher Heilungsprozess in Gang gekommen. Doch anstatt abzuwarten und die Lebenskraft weiter auf die Heilung hinarbeiten zu lassen, unterbrach ich den Heilungsprozess, indem ich die Arznei wiederholte. Als die Patientin wiederkam, war es viel schlimmer geworden – und dann kam sie nicht mehr. Es war eine Tragödie. „Mein Volk wird untergehen aus Mangel an Wissen.“ Gute Arbeit ist nicht immer leicht, aber das Verderben guter Arbeit ist leicht – und beklagenswert. Wenn die Dinge über alle Erwartungen hinaus gut vorankommen, dann lassen Sie ihnen freien Lauf. Salomon sagt: „Jedes Ding hat seine Zeit.“ Gewiss aber ist eine Zeit rascher und außerordentlicher Besserung nicht die Zeit, sich einzumischen.
Im Folgenden einige wichtige Symptome, die bei Allen fettgedruckt erscheinen, also solche, die durch Lachesis wiederholt hervorgerufen und geheilt wurden.7

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In Herings Guiding Symptoms finden sich viele weitere ‚Hauptsymptome‘, die hier nicht berücksichtigt wurden. Die mit a gekennzeichneten Symptome entstammen Herings Monographie Wirkungen des Schlangengiftes.

Geist und GemütBesondere Redseligkeit …a
SchwindelMorgens beim Erwachen.a
Leise, momentane Schwindel, zumal beim Schließen der Augen.a
KopfKopfschmerzen gehen bis in die Nase.a
Leiser Kopfschmerz über den Augen, bis in die Nasenwurzel …a
Reißen aus dem Jochbein ins Ohr …a
HalsUnd Kehlkopf schmerzen selbst beim Hinterbiegen des Kopfes.a
Halsschmerzen in Verbindung mit den Ohren.a
Schleimrachsen und rauher Hals nach Tagesschlaf.a
Trockenheit im Halse, ohne Durst; Nachts beim Erwachen sticht es wie mit tausend Nadeln und will sie ersticken.a
Der Schlund scheint etwas geschlossen, als kämen zwei faustgroße Klumpen zusammen, nur beim Leerschlingen, nicht beim Essen, welches gegen dies Gefühl wohl thut.a
Empfindung, als ob ein Krümchen Brod im Halse wäre sitzen geblieben, mit Nöthigung zum Schlingen …a
Ein so wunder und geschwüriger Hals, dass sie nur mit großen Schwierigkeiten schlucken konnte.
Empfindlichkeit wie wund im Halse, wie nach Erkältung oft, mit Schmerz links; ärger des Abends.a
Flüssigkeiten machen [beim Schlingen] Beschwerden, mehr als feste Speisen.a,8

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Tyler führt hier irrtümlich entgegengesetzte Modalitäten an.

Äußerer HalsKann nichts festes an der Kehle vertragen …a
Der Hals ist sehr empfindlich gegen äußeren Druck.a
Hals und Nacken so empfindlich gegen den geringsten äußern Druck, daß Alles am Halse ihn belästigt …a
Wenn Abends beim Liegen etwas an den Hals oder Kehlkopf trifft, so will es ihn ersticken und schmerzt stärker.a
Hals empfindlich selbst gegen die antreffende Wäsche …a
Kehlkopf und ganzer Hals schmerzen beim Befühlen.a
Im Halsgrübchen als wäre etwas geschwollen, wollte ersticken, läßt sich nicht hinunter schlingen, bei Wundheit im Halse.a
RektumDurchfall, … nachher Klopfen im After wie mit einem Hämmerchen.a
HustenÄrger nach jedem Schlaf.a
Druck auf den Kehlkopf macht Husten.a
Beim Befühlen des Halses entsteht trockner kächender Husten; auch Morgens nachm Schlaf, Nachts und durch Tabakrauch …a
AtmungMehre Tage lang immer genöthigt, von Zeit zu Zeit tief aufzuathmen, besonders im Sitzen …a
Bei der Hitze, wie von Blutwallung, ist er genöthigt, die Halsbedeckung loszumachen, es ist dem Gefühle nach, als würde der Umlauf des Blutes gehemmt, mit einer Art Erstickungsgefühl.a
HerzKrampfhafter Schmerz in der Herzgegend, der Herzklopfen macht, mit Angst.a
NervenMattigkeit im ganzen Körper, früh beim Aufstehen, besonders in Armen und Füßen …a
Größte Abgespanntheit des Körpers und Geistes, besonders Morgens.a
Muß die Kleider öffnen, worauf es besser wurde, bei Ohnmächtigkeit.a
Muß die Kleider besonders um den Magen sehr locker tragen, selbst im Bette die Nachtjacke losbinden und lüften, um Beklemmung zu verhüten, selbst den Arm darf sie nicht über den Leib legen, des Druckes wegen.a
Weitere beachtenswerte Symptome9
(bei Lachesis sind sie allerdings endlos!)

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Hering, Guiding Symptoms; von Hering besonders hervorgehobene Symptome sind hier kursiv gedruckt.

Rasche Auffassungsgabe; rege geistige Aktivität, mit fast prophetischem Wahrnehmungs-vermögen; eine Art Ekstase oder Trance.
Oder: Geist verwirrt, Gedanken schweifen ab.
Glaubt: sie sei jemand anders und in den Händen einer höheren Macht; sie sei tot und es würden Vorbereitungen zu ihrem Begräbnis getroffen; sie sei fast tot, wünscht sich, dass ihr jemand helfen möge; sie werde von Feinden verfolgt; fürchtet, die Medizin könnte Gift sein; ihm ist, als brächen Räuber ein und er müsste aus dem Fenster springen; sie unterliege einem übernatürlichen Einfluss.
Religiöser Wahnsinn; … glaubte verdammt zu sein.a
Nach Ueberstudiren geisteskrank: redselig, hält in gewählten Ausdrücken Vorträge, immer von einer Materie auf die andere überspringend; dabei Stolz und Mistrauen gegen seine Umgebungen.a
Große Neigung zur Mittheilung, außerordentlich lebhaft im Entwickeln; dabei höchst ungeduldig bei langweiligen, trocknen Dingen.a
Krankhaft geschwätzig; gibt einen weitschweifigen Bericht über ihre Beschwerden.
Redet, singt oder pfeift ständig.
Erwacht mit dem Gefühl, ohne Freunde und verlassen zu sein.
Hoffnungslosigkeit.
Todesfurcht, Furcht vor Niederlegen, es möchte Anfall (Apoplexie) kommen und sie sterben.a
Fürchtet, vergiftet zu werden.
Nächtliche Furchtanfälle z.B. vor der Cholera, so daß er von bloßer Angst schon Wadenkrämpfe bekommt …a
Bei Folgen langen Grams; von Schreck; von unglücklicher Liebe oder von Eifersucht.
Stechen wie mit Messern vom Kopf nach Augen, Nase, Schläfen …a
Stiche von den Augen her zu Schläfen, Scheitel oder Hinterkopf.
Beim Husten: Spannen als würde eine Saite angezogen, vom Nacken übers Ohr weg innen zu den Augen.a [Vgl. Fußnote 6]
Als sollten sie [die Augen] aus dem Kopfe springen, bei Druck an Hals.a
Die Augen fühlen sich an, als wären sie herausgenommen, gequetscht und wieder eingesetzt worden.
Arges Kopfweh, als wollte das Hirn hinausspringen, besonders in den Schläfen …a
Kopfschmerz, als schnitte jemand vom rechten Scheitelbein ein Stück ab.a
Vom Hinterkopfe bis in die Augen gehende Kopfschmerzen.a
Drücken wie von einem Gewicht auf dem Scheitel.
Schwere wie Blei im Hinterkopfe, kann ihn des Morgens nachm Erwachen kaum vom Kissen erheben …a
Lippen trocken, schwarz, aufgesprungen, blutend (bei Fieber).
Kann die Zunge nur schwer herausstrecken; Zunge zittert.
Blasen auf der entzündeten Zunge, die ihn zu ersticken drohen; verwandeln sich in Geschwüre.
Gangrän der Zunge.
Verlangen nach Austern, Wein, Kaffee.

Ledum palustre

Weitere Namen: Sumpfporst
Wir haben einen solchen Reichtum an ‚Wundkräutern‘, an Mitteln, die die unterschiedlichsten Arten von Verletzungen der verschiedenen Gewebe heilen können, dass wir je nach Jahreszeit immer das eine oder andere vor unserer Haustür finden können, und das überall auf der Welt. Da bleibt es nicht aus, dass der eine diese Arznei besser kennengelernt hat (und auf ihre Heilkraft schwört), der andere jene; und in der Tat überlappen sich ihre Anwendungsbereiche. Und doch gibt es in jedem Fall ein Mittel, nach dem die Symptome ‚rufen‘, das ideale Mittel für diesen Fall, das in kürzester Zeit ein kleines Wunder bewirken kann – wenn wir es denn kennen und zur Hand haben.
Zur Zeit schwört man in unserer Unfallabteilung auf Ledum und macht immer neue Entdeckungen, was seine herausragenden Heilkräfte betrifft. Wie wir (natürlich!) alle wissen, ist es ein Heilmittel bei Insektenstichen und Stichverletzungen, bei Bissen von wütenden Tieren, bei dem rostigen Nagel, der gefährlich tief in Fußsohle oder Handfläche eingedrungen ist. Aber wir – oder jedenfalls die meisten von uns – haben wahrscheinlich nur eine schwache Vorstellung von seiner ganzen ‚inneren Natur‘, von der ganzen Bandbreite seines praktischen Nutzens.
Ein Unfallarzt unseres Krankenhauses, der immer mit Begeisterung bei der Sache ist und daher auch die großartigen Erfolge hat, die er verdient, teilt uns die folgenden Erfahrungen mit …
Seine Indikationen für Ledum sind insbesondere Stichwunden oder sehr berührungsempfindliche Wunden. Abszesse und septische Prozesse, höchst empfindlich und durch Kälte gebessert. Wenn sich der Patient über die Auswirkung von Wärme und Kälte nicht sicher ist, lässt er ihn die betroffene Stelle unter den Kaltwasserhahn halten: Wird dies als angenehm empfunden, ist er sich des Mittels sicher.
Er führt eine Reihe von Beispielen aus der letzten Zeit an:
Kratzer am Finger von einem rostigen Nagel; die Wunde hatte sich infiziert. Patient hatte den Finger schon im Hotel unter warmes Wasser gehalten – ohne Erleichterung. Es handelte sich um eine beginnende Wundsepsis; keine starke Schwellung, aber die Wunde sah ‚böse‘ aus. Ledum C 12 wurde verordnet, sechs Gaben in vierstündlichen Abständen, doch sollte die Einnahme bei Besserung eingestellt werden. Zwei Stunden nach der ersten Dosis war jeglicher Schmerz verschwunden; 24 Stunden später war nichts mehr zu sehen.
Ein weiterer Fall: Gequetschte Finger mit üblen Risswunden, die schon anderenorts genäht worden waren. Konnte nicht schlafen. Der Schmerz war klopfend und stechend, mit Ausstrahlung in den Arm; besser durch Kälteanwendung; konnte Berührung nicht ertragen. Nach Ledum keine Schmerzen mehr. … Und so weiter.
Aber natürlich – Linderung durch Kälte! Wer erinnert sich da nicht an den eindrucksvollen Fall jenes Patienten Kents, der bei dessen Eintreffen die Unterschenkel in einem Kübel Eiswasser stecken hatte, um die starken Schmerzen in seinen Füßen zu lindern … Vielleicht haben deswegen die meisten von uns die zutiefst irrige Vorstellung, dass Ledum ein ‚warmes‘ Mittel sei. Doch wir brauchen nur zu Hahnemann und seinen Prüfungen zurückzugehen, um das gerade Gegenteil bestätigt zu finden. Und wir erkennen, dass Ledum zu jenen Arzneimitteln gehört, deren Indikationen sich scheinbar widersprechen – eine unschätzbare Eigenschaft, die die Arzneimittelwahl erheblich erleichtert.
Ledum ist also kein warmblütiges, sondern ein entsetzlich frostiges Mittel – dessen Schmerzen jedoch durch Kälte gebessert werden. Wie Guernsey sagt: „Bei Beschwerden von Menschen, denen ständig zu kalt ist – im Bett, im Haus etc.; sie frieren und frösteln die ganze Zeit.“
Aber Ledum hat noch andere auffällige und oftmals widersprüchliche Symptome, wie z.B.:
Steifheit aller Gelenke; konnte sie erst wieder bewegen nach Anwendung kalten Wassers. Dabei ist doch Gelenksteifigkeit sonst eher durch Eintauchen in warmes Wasser zu bessern, nicht wahr?
Und weiter: Verletzte Teile fühlen sich bei Berührung und auch subjektiv für den Patienten kalt an, und doch werden die Schmerzen darin durch Kälte gemildert. Genauso wie arsenicumARSENICUM Brennen hat, > durch Wärme, so hat Ledum Kältegefühl, > durch Kälte.
Ledum kann auch einen kalten Körper haben, ohne dabei zu frieren. [Hahnemann: „Früh, kalt am Körper, ohne Frostempfindung.“] Doch auch das Gegenteil kommt vor: „Schauder und Frost … mit Gänsehaut, ohne äußere Kälte.“ Sonderbar ist auch das folgende Symptom: „Frost, als wenn er an diesem oder jenem Theile mit kaltem Wasser begossen würde.“ (secaleSECALE kann hingegen das Gefühl haben, es fielen glühende Kohlen auf Körperstellen, die dann beim Anfassen aber kalt sind.)
Oder der fröstelige Ledum-Patient „schwitzt und kann das Zudecken dabei nicht leiden“. „Die ganze Nacht hindurch, von Abend bis früh, Schweiß.“
Sein Rheumatismus beginnt nicht nur in den Füßen und Beinen und wandert dann nach oben (umgekehrt: kalmiaKALMIA), sondern ist auch überhaupt in den unteren Extremitäten weit stärker ausgeprägt.
Ferner vergleiche man lachesisLACHESIS – aufgedunsen, bläulichrot und heiß – mit Ledum: aufgedunsen, bläulichrot und kalt.
Und, wie schon erwähnt, sind Wunden, Abszesse und Sepsisherde bei Ledum sehr empfindlich, kalt und besser durch Kälte, während sie bei arsenicumARSENICUM brennen und durch Wärme Linderung finden.
Hahnemann, der eine kurze Prüfung der Arznei vornahm, sagt über Ledum palustre [‚Porst‘; Reine Arzneimittellehre, Band 4]: „Aus diesen Symptomen wird man … gnüglich ersehen, daß diese sehr kräftige Arznei größtentheils nur für langwierige Uebel, bei welchen vorzüglich Kälte und Mangel an thierischer Wärme vorwaltet, passend ist …“
Und: „Man kann aus diesen Symptomen, verglichen mit den ähnlichen und gleichen Nachtheilen vieler stark berauschender Biere, schließen, daß sie mit Porst schädlicher und verbrecherischer Weise angemacht sind, worauf die Policeibehörden billig mehr achten sollten.“
Clarke weiß in seinem Dictionary viel über Ledum zu berichten und zitiert sehr aufschlussreiche Fälle.
Er schreibt, dass auch in Schweden die Blätter des Sumpfporsts benutzt werden, um die berauschende Wirkung des Bieres zu erhöhen. … „Ledum nimmt in Testes arnica montanaARNICA-Gruppe, zu der noch croton tigliumCROTON TIGLIUM, ferrum magneticumferrumFERRUM MAGNETICUM, rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON und spigeliaSPIGELIA gehören, den zweiten Platz ein. Der Wirkungsbereich von Ledum ist, Teste zufolge, oft mit dem von ARNICA identisch, doch hat Ledum eine spezielle Wirkung auf das Kapillarsystem in Körperbereichen, wo nur wenig Fettzellgewebe vorhanden ist [engl.: where cellular tissue is wanting] und stattdessen trockenes, widerstandsfähiges Gewebe dominiert, wie in den Fingern und Zehen. ‚Dies ist vielleicht auch der Grund, warum es besser auf die kleinen als auf die großen Gelenke wirkt.‘ … Die typische Hautaffektion von Ledum wird von Teste so beschrieben: ‚Weniger ein Furunkel, wie bei ARNICA, als vielmehr eine Art bläulicher oder violettfarbener Knoten, vor allem auf der Stirn. Ferner ruft es einen ekzematösen Ausschlag hervor, der mit kribbelndem Jucken einhergeht und sich über den ganzen Körper ausbreitet; er kann auch in den Mund und wahrscheinlich sogar in die Atemwege eindringen und dort einen krampfartigen Husten auslösen, der zuweilen sehr heftig ist und fälschlich für Keuchhusten gehalten werden kann.‘ … Ledum ist besonders nützlich bei älteren Menschen mit Bronchitis und Lungenemphysem; es verflüssigt die Bronchialsekrete, verringert die Dyspnoe, regt den Kreislauf an und reduziert die Zyanose. … Hämoptysis, abwechselnd mit Rheumaattacken. … ,Ledum hat man häufig Pferden gegeben, wenn diese anfingen zu lahmen und ein Bein nachzuziehen‘ (Hering). … Es hat die Heilung eines Syphilisfalls (nach aurumAURUM) zu Ende geführt, bei dem die Empfindung bestand, als würden die Füße, wenn er sie bewegen wollte, wie von einem Magneten auf der Erde festgehalten; bei Bewegung verspürte er Nadelstiche in den Füßen, wobei der Schmerz allmählich von den Füßen bis zum Kopf hochstieg.“
Ein paar Sätze aus Guernseys Keynotes:
„Stichwunden von scharfen, spitzen Werkzeugen, wie Ahlen oder Nägeln, von Rattenbissen etc.; vor allem wenn die verwundeten Teile kalt sind. Beispielsweise aber auch: ‚Vor zehn Jahren bin ich auf einen Nagel getreten, und seitdem habe ich ständig mit Schmerzen zu tun, die bis in den Oberschenkel ziehen.‘ Allgemein üble Folgen von frischen oder schon lange zurückliegenden Verletzungen, insbesondere Stichverletzungen. …
Wenn man sich die Zehen angestoßen hat, besteht Kälte darin, und ein gichtartiger Schmerz schießt durch den Fuß und das ganze Bein. Knacken der Gelenke. …
Nagelbettentzündungen oder Nagelgeschwüre bei Näherinnen werden oft durch Nadelstiche hervorgerufen. …
Beschwerden fangen an oder werden < nach Warmwerden im Bett; muss das Bett verlassen, was Erleichterung bringt. … Beschwerden von Menschen, denen ständig zu kalt ist – im Bett, im Haus etc.; sie frieren und frösteln die ganze Zeit. …
Schlimmer durch Bewegen, besonders der Gelenke; beim Gehen; durch Warmwerden im Bett. Besser in Ruhe.
Kent hat in seiner lebendigen und praxisorientierten Art eine Menge zu dieser Arznei zu sagen. Hier eine zusammenfassende Auswahl:
Er entdeckt in Ledum viele Merkmale, die denen von lachesisLACHESIS ähneln, z.B. das flekkige und aufgedunsene Gesicht. Es ist daher ein Antidot für LACHESIS, ebenso wie für apisAPIS und die meisten anderen Tier- bzw. Insektengifte.
Ledum ist für Kent ein unentbehrliches Mittel in der Chirurgie und hat bei Verletzungszuständen einen festen Platz neben arnica montanaARNICA und hypericumHYPERICUM. Besonders geeignet ist es bei bestimmten Stichverletzungen, wie etwa durch Treten auf eine Heftzwecke oder durch einen Nadelstich. Es sind Wunden, die nur wenig bluten, aber Schmerz, Schwellung und Kälte des betroffenen Körperteils nach sich ziehen. Wenn nach einer Verletzung durch einen Splitter unter dem Fingernagel der Finger kalt wird, blass, fleckig und gelähmt, denke man an Ledum. Wenn ein Pferd auf einen Nagel tritt und dieser durch den Huf hindurchgeht und an das Hufbein schlägt, kommt es meist zu Tetanus, was für das Tier den fast sicheren Tod bedeutet. Verabfolgt man ihm aber Ledum auf die Zunge, wird es keinerlei Komplikationen geben, denn die Arznei verhütet derartige Verletzungsfolgen.
Wenn sich nach einer Stichwunde Tetanus entwickelt, denke man vor allem an HYPERICUM. Gibt man aber nach der Verletzung sofort Ledum, wird es gar nicht erst so weit kommen. Bei abgerissenen Fingernägeln oder anderen Verletzungen von reich mit Nerven versorgten Teilen ist HYPERICUM das Mittel der Wahl. Bei Prellungen einzelner Körperteile mit großem Zerschlagenheitsgefühl am ganzen Körper (unabhängig vom Ausmaß der Kontusionen) ist gewöhnlich ARNICA die passende Arznei. Bei offenen Riss- oder Schnittwunden erwäge man calendulaCALENDULA.
Kent sagt: „Behandeln Sie Symptome, die innere Ursachen haben, innerlich und Symptome, die äußere Ursachen haben – wenn alles, was den Fall ausmacht, äußerlich ist – mit lokalen Mitteln.“ (Doch ist, wie wir gesehen haben, Ledum, innerlich in Potenz gegeben, auch bei rein äußerlich bedingten Verletzungssymptomen erstaunlich hilfreich und lindernd.) Weiter rät er: Wenn eine sorgfältig verbundene und versorgte Wunde nicht primär verheilt, suche man nach der konstitutionellen Ursache und ermittele das entsprechende Heilmittel.
Der Ledum-Patient ist oft einer ‚konstitutionellen Kälte‘ unterworfen: Gliedmaßen und Rumpf sind objektiv kalt (mit oder ohne Frostempfindung), während das Gesicht oder der Kopf heiß ist (arnica montanaARNICA). Aber auch das andere Extrem kommt vor, mit großer Hitze des ganzen Körpers einschließlich des Kopfes. Allenthalben bestehen dann klopfende, pulsierende Empfindungen; die Haut ist übermäßig gerötet oder purpurn verfärbt, und nachts kann der Patient kein Zudecken vertragen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Ledum-Patienten mit Kopfschmerzen den Kopf aus dem Fenster in die kalte Luft strecken (arsenicumARSENICUM, phosphorusPHOSPHORUS) oder ihn in eiskaltem Wasser baden.
Ödematös geschwollene, bläulichrote, fleckige Hände und Füße; die Schwellung ist so stark, wie es die Haut erlaubt, und die Schmerzen sind fürchterlich. Erleichterung findet der Kranke nur, indem er die Glieder stundenlang in eiskaltem Wasser badet. Dazu bringt Kent den bereits erwähnten Fall eines alten, syphilitischen Alkoholikers: „Als ich ihn das erste Mal sah, saß er vor einem dieser großen, altmodischen Waschzuber und hatte die Unterschenkel zu zwei Dritteln in Eiswasser getaucht. Obenauf schwammen Eisstücke, wobei er es besonders gern hatte, wenn sie die Haut berührten. Wenn sie weggeschmolzen waren, füllte er sofort neue nach. Nach Angaben seiner Frau litt er ‚entsetzliche Qualen‘. Nun, nach einer Gabe Ledum 2 M nahm er die Füße aus dem Wasser – und stellte sie nie wieder hinein. Die blaurote Verfärbung verschwand, die Schwellung ging zurück, und – er gab das Trinken auf. Ledum befreite ihn sogar von vielen seiner syphilitischen Beschwerden.“ Und Kent kommentiert: „pulsatillaPULSATILLA und Ledum sind die beiden Hauptmittel für das Bedürfnis, die Füße in sehr kaltes Wasser zu tauchen. Bei diesem Mann war Ledum das Mittel der Wahl.“
Ledum-Patienten sind meist kräftig und plethorisch, von robuster Natur. Solche Plethoriker bluten leicht und haben ein rotes Gesicht. Entzündete Areale neigen zu Blutungen, und das Blut ist schwarz. Neigung zu Nasenbluten, zu Blutungen in Körperhöhlen, mitunter sogar in die Augenkammern; Hämaturie.
Chronische, schmerzhafte, sich ausbreitende Geschwüre, > durch Kälte.
Rheumatische und gichtige Zustände. Gicht mit schmerzhaften Knoten und Tophi an den Gelenken, vor allem Hand-, Finger- und Zehengelenken. Die Gichtablagerungen breiten sich von unten nach oben aus. Die von der Gicht befallenen Gelenke entzünden sich plötzlich, und kalte Anwendungen tun ihnen gut. Die Kniegelenke sind bei Ledum besonders betroffen. „Diese Patienten setzen ihr entzündetes Knie mit Vorliebe der Kälte aus, sie fächeln es an oder reiben es mit verdunstenden Flüssigkeiten wie Chloroform oder Äther ein.“
Das Gesicht ist aufgedunsen (lachesisLACHESIS) und sieht aus wie das eines Betrunkenen, eines alten Säufers. Ledum wirkt den Folgen des Alkoholkonsums entgegen und nimmt sogar das Verlangen nach Alkohol hinweg. Kent sagt: „Ledum ist für Whiskyabusus das, was caladiumCALADIUM für das gewohnheitsmäßige Rauchen ist. Mit CALADIUM kann man den Patienten das Rauchen oft so radikal abgewöhnen, dass sie sogar eine Abneigung dagegen entwickeln.“
Dann kommt Kent auf die Harnwegssymptome des Mittels, auf den Harnsand zu sprechen: „Wenn es dem Patienten gut geht, gehen stets auch große Mengen solcher Harnkonkremente ab. Wenn sich nur wenig Bodensatz im Harn bildet, sind die Uratablagerungen in den Gelenken umso intensiver, und der Patient fühlt sich nicht mehr so wohl.“
Als Heilmittel eingesetzt, treibt Ledum die Beschwerden des Patienten tendenziell vom Zentrum in die Peripherie – umgekehrt zur Richtung ihrer Entwicklung. Dies sollte man gerade einem Gichtpatienten von vornherein klarmachen. Auch lycopodiumLYCOPODIUM hat das Bestreben, nach innen verlagerte Übel wieder nach außen zu treiben, an ihren Ursprungsort. So bewirkt es z.B. häufig ein Wiederauftreten von rotem Sand im Urin.
Abmagerung der leidenden Teile – nach einer Verletzung, aufgrund einer Infektion mit nachfolgender Neuritis der die Muskeln versorgenden Nerven.
Nash hebt einige zusätzliche Punkte von Ledum hervor:
Ekchymosen: Zuweilen ist Ledum aufgerufen, einen arnica montanaARNICA-Fall zu vollenden; selbst wenn ARNICA zunächst das beste Mittel war, beseitigt Ledum oft die Blutunterlaufungen und Verfärbungen rascher und vollständiger.
„‚Blaues Auge‘ durch Schlag oder Prellung – besser als ARNICA.“ Hierfür, so Nash, kommt kein Mittel Ledum in der C 200 gleich. Wenn allerdings große Schmerzen im Augapfel selbst bestehen, ist möglicherweise symphytumSYMPHYTUM angezeigt. „Bei all diesen Affektionen“, fügt er hinzu, „halte ich die 200. Potenz für besser als niedrigere Zubereitungen.“
Er berichtet von Ledum bei akutem Gelenkrheumatismus: „Die Gelenke sind geschwollen und heiß, aber nicht gerötet. Die Gelenkschwellungen sind blass und die Schmerzen schlimmer nachts, besonders in der Bettwärme; der Patient möchte die betroffenen Gliedmaßen nicht zugedeckt haben. …
Bei chronischem Rheumatismus ist das Mittel ebenso wirksam. Auch hier sind die Gelenke geschwollen und schmerzhaft, besonders in der Bettwärme, und es bilden sich schmerzhafte, harte Knoten und Tophi, zuerst an den Fuß-, dann an den Handgelenken. Das Periost der Phalangen schmerzt auf Druck. Die Knöchel sind geschwollen und die Fußsohlen so schmerzhaft und empfindlich, dass der Kranke kaum auftreten kann. … Bei diesen rheumatischen Beschwerden friert der Patient ungewöhnlich stark; es mangelt ihm an Lebenswärme. … Gleichzeitig ist bei Ledum die Besserung durch Kälte so ausgeprägt, dass der Patient oft nur Linderung findet, wenn er seine Füße in Eiswasser badet.“ In allen Fällen von Rheumatismus der Füße, so Nash, sollte man an Ledum denken und das Mittel gründlich studieren.
Hauptsymptome10
GemütDen ganzen Tag Unzufriedenheit mit seinen Nebenmenschen, die zuletzt in Menschenhaß überging.a

10

Die mit a markierten Symptome sind Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre entnommen, ein mit b bezeichnetes Symptom entstammt Jahrs Symptomencodex.

SchwindelDer Kopf will rückwärts sinken.a
AugenBedeutende Erweiterung der Pupillen.a
Kontusionen oder Wunden im Bereich der Augen und Lider, besonders wenn diese mit Blutaustritt ins Gewebe verbunden sind.
OhrenEin Getöse, wie von Läuten mit Glocken oder wie von Sturmwind.a
Ohrenbrausen, wie vom Winde.a
Gesicht, MundHarter Druck am linken Unterkiefer, nach innen.a
Ein jählinges Herauslaufen eines speichelartigen Wassers aus dem Munde, mit Kolik – Würmerbeseigen [Kap. S, Fußnote 3].a
HalsBöse mit fein stechendem Schmerze.a
HustenChronisch, typischerweise einhergehend mit allgemeiner Kälte und Mangel an Lebenswärme.
Auswurf hellrothen Blutes bei heftigem Husten.a
AtmungBeengtes, schmerzhaftes Athmen.a
Engbrüstige Zusammenschnürung der Brust, die sich durch Bewegung und Gehen verschlimmert.a
RückenLendenweh nach dem Sitzen.a
Obere ExtremitätenDruck in beiden Schultergelenken, bei Bewegung heftiger.a
Zittern der Hände beim Anfassen und beim Bewegen derselben.a
Die Beinhaut der Finger-Glieder schmerzt beim Draufdrücken.a,11

11

Ergänzung d.Ü.; dies ist eines der wenigen Symptome, die bei Allen in Fettdruck erscheinen.

Nagelbettentzündungen durch kleine Stichwunden, wie z.B. durch Nadeln, Splitter etc.
Reißender Druck im linken Schultergelenke, bei Bewegung heftiger.a
Bei Aufhebung des Arms, ein höchst schmerzhaftes Stechen in der Schulter.a
Untere ExtremitätenDruck am linken Oberschenkel, nach hinten; es ist, als ob die Muskeln nicht ihre gehörige Lage hätten, wie Verrenkungsschmerz, in jeder Lage, doch bei Berührung und im Gehen vorzüglich heftig.a
Zittern der Kniee (und Hände) im Sitzen und Gehen.a
Schwäche in den Kniegelenken, und beim Gehen ein reißender Druck darin.a
Reißender Druck im rechten Kniegelenke und weiter hinunter, bei Bewegung heftiger.a
Geschwulst und spannender und stechender Schmerz im Kniee, beim Gehen.a
Druck über dem innern, linken Fußknöchel, bei Bewegung heftiger.a
Ungeheures, fressendes Jücken auf dem Rücken beider Unterfüße [Füße]; nach dem Kratzen wird es immer heftiger; nur dann ließ es nach, als er sich die Füße ganz wund gekratzt hatte; in Bettwärme weit heftiger.a
Hartnäckige Fußgeschwulst.a
Druck am innern Rande des linken Unterfußes [Fußes].a
Die Fußsohlen schmerzen beim Gehen, als wenn sie mit Blut unterlaufen wären.a
Der Ballen der großen Zehe ist weich, dick und schmerzhaft beim Auftretena; Sehnen steif.
Gicht, schlimmer in den Füßen; Gichtknoten an den Gelenken; feines Reißen in den Zehen.
Schmerz im Fußgelenke, wie vom Vertreten, Verknicken.a
Rheumatische Schmerzen, die von unten nach oben wandern; Gelenke blass, geschwollen, gespannt, heiß; stechende, ziehende Schmerzen; < durch Wärme des Bettes bzw. der Zudecken, durch Bewegung, abends.
Rheumatismus und rheumatische Gicht; beginnt in den unteren Gliedmaßen und steigt dann höher; besonders wenn es durch Missbrauch von colchicum autumnaleCOLCHICUM zu einem schlechten, asthenischen Allgemeinzustand gekommen ist; die Gelenke werden zum Sitz von schmerzhaften, harten Knoten und Tophi.
Schwellung der Füße und Unterschenkel bis zu den Knien, purpurfarben und fleckig, auf Fingerdruck Dellen bildend, mit reißenden Schmerzen im Periost; nur zu lindern, wenn die Füße in Eiswasser gehalten werden.
Extremitäten allgemeinHitze an Händen und Füßen, Abends.a
Die Bettwärme kann er nicht vertragen wegen Hitze und Brennen in den Gliedmaßen.a
Lang anhaltender, warmer Schweiß an Händen und Füßen.a
Eingeschlafenheit der Glieder.a
Rheumatismus beginnt in den unteren Gliedmaßen und steigt dann höher.
Befällt in erster Linie die linke Schulter und das rechte Hüftgelenk.
SchlafSchlaflosigkeit mit Unruhe und Umherwerfen.a
Unruhige Träume: bald ist er an diesem, bald an jenem Orte, bald mit diesem, bald mit jenem Gegenstande beschäftigt.a
Beim Aufwachen aus dem Schlafe, gelinder Schweiß über und über, mit Jücken am ganzen Körper, was zum Kratzen nöthigte.a
FrostOhne nachfolgende Hitze; der übrige Körper war warm, nur die äussern Gliedmaßen kalt.a
Frostschauder über den ganzen Rücken, mit etwas heißen Backen und heißer Stirne, ohne Gesichtsröthe und ohne Durst, bei kalten Händen.a
VerletzungenVerstauchungen von Knöcheln und Füßen.
Stichwunden von scharfen, spitzen Werkzeugen, wie Ahlen oder Nägeln, von Rattenbissen etc.; vor allem wenn die verwundeten Körperteile sowohl beim Anfassen kalt sind als auch vom Patienten als kalt empfunden werden.
Insektenstiche, besonders von Moskitos.
GewebeAbmagerung leidender Teile. (plumbumPLUMBUM)
KonstitutionRheumatische, gichtige Diathese; von Alkohol zerrüttete Gesundheit.
Andere erwähnenswerte Symptome
(Der Gemütszustand ist durch folgende auffallende Symptome charakterisiert:)
Verdrießlichkeit, mürrisches Wesen.a
Verdrießlich: es ist ihm alles zuwider.a
Mürrisches Wesen mit vieler Unruhe und Unbeständigkeit; er konnte nichts beharrlich überdenken oder ruhigen Gemüths arbeiten.a
Verdrießlich: er zog sich in die Einsamkeit zurück, und, fast weinend, wünschte er sich den Tod.a
Jede Kopfbedeckung ist unerträglich.b
Modriger Geschmack im Mund, jedesmal wenn sie hustet; ruft Übelkeit hervor.
Ein krampfhaftes, doppeltes Einathmen und Schluchzen (wie bei Kindern, welche heftig geweinet und sich sehr erboset haben).a
Das Kind wird vor dem Hustenanfall ganz steif; biegt sich nach hinten, gefolgt von Auswurf eines hellfarbigen, schaumigen Bluts (Keuchhusten).
Auswurf reichlichen, hellroten Bluts, mit starkem Husten, Rasseln und Pfeifen in den Atemwegen; brennender Schmerz an einer fixen Stelle in der Brust.
Starke Schwellung der Knie mit rheumatischen Schmerzen; Linderung nur durch Kälteanwendung möglich.
Steifheit aller Gelenke; konnte sie erst wieder bewegen nach Anwendung kalten Wassers.
Allgemeine Kälte, bei Hitze und Röte des Gesichts.
[Fieber:] Körperteile kalt bei Berührung, aber subjektiv nicht kalt für den Patienten. (arnica montanaARNICA)
Die Glieder und der ganze Körper sind schmerzhaft …, als wenn sie zerschlagen und zerstoßen wären.a (ARNICA)
Bläuliche Flecke am Körper, wie Petechien.a (ARNICA2, phosphorusPHOSPHORUS, crotalus horridusCROTALUS HORRIDUS)
Blutschwärea [Furunkel].
Ausschlag nur an bedeckten Körperteilen. (thujaTHUJA: Schweiß nur an unbedeckten Körperteilen.)
Ausschlag: Empfindung, als würden Läuse auf der Haut krabbeln; < durch Wärme, Bewegung, nachts.

Lilium tigrinum

Weitere Namen: Tigerlilie
Lilium tigrinum ist ein wertvolles Heilmittel bei höchst qualvollen Zuständen; es ist gut geprüft und hat fest umrissene und charakteristische Symptome, und doch wird sein Bild oft nicht erkannt und nicht ausreichend verstanden.
Die Tigerlilie ist sehr giftig und somit auch von großer arzneilicher Kraft. Ein vierjähriges Mädchen, das einen Staubbeutel der Lilienblüte ins rechte Nasenloch gesteckt hatte, ist daran gestorben, wie ich gelesen habe.12

12

Dieser Vergiftungsfall wurde 1862 von Dr. Warren beobachtet und im Boston Med. and Surg. Journal veröffentlicht; zugänglich ist er u. a. in Hughes Cyclopaedia, Band 3, S. 138 f.

Es reagierte mit reichlicher Schleimsekretion aus der Nase, Erbrechen und Schläfrigkeit, und fünf Stunden später entwickelten sich blutige Durchfälle, die vergeblich mit Opium und Branntwein behandelt wurden; nach 59 Stunden trat der Tod ein.
Lilium ist der alten Schule nicht bekannt, und vielleicht ist das ganz gut so. Es ist ein Mittel mit so heftigen Wirkungen, dass es nur in den Händen derer, die von Hahnemann die Zubereitung und Verordnung solcher Arzneien gelernt haben, sicher und nutzbringend angewandt werden kann.
Hahnemann gab die Anweisung, dass Arzneien sowohl von Männern als auch von Frauen geprüft werden sollten, um herauszufinden, welche geschlechtsspezifischen Wirkungen sie hervorbringen [Organon, § 127]. So zeigte die Tigerlilie, die von einigen Ärztinnen für Carroll Dunham geprüft wurde, besonders auf Frauen fürchterlichste Wirkungen (neben den Symptomen, die sie bei Männern verursachte). Und niemand, der Dunhams Prüfungsbericht 13

13

In: Carroll Dunham, The Science of Therapeutics.

über Lilium gelesen hat, wird wohl die erstaunlichen Charakteristika dieses Mittels je wieder vergessen.
Einige Prüfungen wurden mit einer Tinktur allein aus den Pollen vorgenommen, andere mit einer Tinktur aus den frischen Stielen, Blättern und Blüten. Das Mittel wurde in der Ø sowie in der 1., 3., 5., 30. und 500. Potenz geprüft.
Wie wir sehen werden, hat Lilium tigrinum auffallend viele Symptome mit sepiaSEPIA gemein, ebenso hat es aber auch ganz eigentümliche Symptome, die es klar von SEPIA unterscheiden. Es sollte daher nicht schwerfallen, zwischen den beiden Arzneimitteln zu wählen
Die seelischen und körperlichen Symptome von Lilium tigrinum sind ebenso heftig wie besorgniserregend, und mit Ausnahme der tiefen Niedergeschlagenheit und des starken ‚Herabdrängens‘ [bearing-down], die beiden Mitteln gemeinsam sind, unterscheiden sie sich deutlich von den sepiaSEPIA-Symptomen.
Doch lassen wir Lilium selbst zu Wort kommen! … Dies ist die Antwort der Arznei, wenn sie von reiner Wissenschaft befragt wird, welche Symptome sie hervorzurufen und zu heilen vermag:
Depression. Ständige Neigung zu weinen, voller Furcht und Besorgnis, an einer schlimmen inneren Krankheit zu leiden.
Wildes Gefühl im Kopf, als sei sie im Begriff, verrückt zu werden; ihr Geist ist in einer solchen Verfassung, dass sie noch nicht einmal ihre Symptome aufzeichnen konnte. Unbeschreibliches Gefühl im Kopf, das sie als „verrücktes Gefühl“ zu beschreiben versucht. Furcht, wahnsinnig zu werden. Selbstmordgedanken. Verzweiflung an ihrem Seelenheil. Abneigung, allein zu sein.
Mag nicht lesen. Kann nicht denken. Geht ständig zu schnell; fühlt sich getrieben, weiß aber nicht, warum. Alles erscheint ihr unwirklich. Macht Fehler beim Sprechen. Mag nicht reden aus Furcht, etwas Falsches zu sagen; würde sich aber doch gern unterhalten.
Phasen sexueller Erregung im Wechsel mit Phasen von Niedergedrücktheit, in denen sie unter dem Gefühl leidet, diese Erregung sei moralisch verwerflich; diese abwechselnden Zustände halten noch Monate nach Beendigung der Prüfung an.
Dauerndes Gefühl von Gehetztsein, wie von drängenden Pflichten, gleichzeitig ein Gefühl völliger Unfähigkeit, diesen nachzukommen; während sexueller Erregung.
Empfindung im Becken, als ob alles durch die Scheide nach außen treten wollte. Das Abwärtszerren zum Becken hin wird bis in Höhe des Magens, ja selbst der Brust und der Schultern empfunden; schlimmer im Stehen, gleichwohl durch Liegen nicht gebessert. Möchte die Hand auf den Unterbauch legen und nach oben drücken, um das herabziehende Gefühl zu erleichtern (saniculaSANICULA). Möchte tiefe Atemzüge machen, um die Eingeweide zu heben.
Herabdrängen, mit dem Gefühl eines schweren Gewichts oder Drucks in der Uterusgegend, als ob der gesamte Bauchinhalt durch die Vagina nach außen drücken würde. Im Stehen ein Gefühl, als würde der ganze Inhalt des Beckens herauskommen, wenn sie dem nicht durch Gegendruck der Hand auf die Vulva oder durch Hinsetzen vorbeugen würde. Brennende und scharfe Ovarialschmerzen. Unfähig, sich zu bewegen; fürchtet, die Gebärmutter könnte herausfallen.
Damit aber noch nicht genug! – Heftiges Pressen im Rektum und am After, mit fast beständigem Stuhldrang. Diarrhö; besonders morgendlicher Durchfall, mit Bauchkneifen und beißenden Schmerzen beim und nach dem Abgang.
Auch die Blase entgeht dem nicht! – Druck auf die Blase. Sie könnte alle Viertelstunde Wasser lassen. Beständiger Druck auf die Blase, will immerzu urinieren; es geht aber nur wenig ab, hinterher Beißen in der Harnröhre und Tenesmus.
Das Herz ist ebenfalls betroffen. – Scharfe, plötzliche Schmerzen in der linken Brust, mit ‚Flattern‘ des Herzens. Drückende Herzschmerzen, als würde es kräftig gepackt und dann allmählich wieder losgelassen. Herzklopfen. Jedes Aussetzen des Herzens wird von einem heftigen Schlag gefolgt.
Gieriger Appetit aufs Mittag- und Abendessen. Vermehrtes Verlangen nach Fleisch. Abneigung gegen Brot – Kaffee – die gewohnte Zigarre.
Die o. a. Symptome sind die wichtigsten und charakteristischsten des Mittels; die meisten von ihnen sind [in Herings Guiding Symptoms bzw. in Allens Encyclopedia] besonders hervorgehoben, was bedeutet, dass sie in den Prüfungen wiederholt hervorgebracht und immer wieder durch Lilium geheilt wurden.
Während der Prüfungen soll es auch zu tatsächlichen Uterusverlagerungen gekommen sein.
Eine Prüferin hatte unter der Prüfung seelisch wie körperlich so stark zu leiden, dass diese abgebrochen werden musste. platinumPLATINUM C 200 in wiederholten Gaben verschaffte ihr rasche Erleichterung. (PLATINUM war ihren psychischen Symptomen, ihrem ‚Überlegenheitskomplex‘ am ähnlichsten.)
Lassen Sie uns einmal Lilium sepiaSEPIA gegenüberstellen:
LiliumSepia
HerabdrängenHerabdrängen
Alles drängt nach unten, als würde der Beckeninhalt durch einen Trichter hinuntergedrückt, dessen Öffnung die Vagina ist.Druck vom Rücken zum Bauch.
Muss die Vulva mit der Hand -stützen oder die Beine kreuzen.Muss die Beine kreuzen, um einen Vorfall von Organen zu verhindern.
Empfindet Hitze stärker.Empfindet Kälte stärker.
Erträgt Mitgefühl nicht.Erträgt Mitgefühl nicht.
Gehetzt, bedrückt (argentum nitricum) von drängenden Pflichten, denen sie nicht nachkommen kann.Gleichgültig.
Verlangen nach Fleisch.Abneigung gegen Fleisch.
Schreckliche Diarrhö und Tenesmus
(mercurius corrosivus).
(Nicht vorhanden.)
Lilium mercurius corrosivusargentum nitricumtigrinum neigt zu hochakuten und überaus heftigen Beschwerden. Das Herabdrängen von Lilium ist etwas anderes als die eher passive Empfindung eines nach unten drückenden Gewichts, unter dem SEPIA-Patientinnen leiden. Vielmehr haben Lilium-Patientinnen das Gefühl, sie würden gewaltsam ihrer Eingeweide beraubt.
Laut sepiaDunham ist der SEPIA-Zustand mehr chronischer Natur.
Es soll ja noch ein paar arme Kreaturen geben, die, ebenso wie die Autorin, Dinge besser begreifen und sich merken können, wenn sie gereimt sind. Für diese möchte ich nun ein kleines Gedicht über die Tigerlilie einfügen. Wer über solchen Dingen steht, möge das Folgende bitte überspringen:

Tigerlily – stets gehetzt –

Fühlt ihr Inn'res rausgepresst;

Und ihr häuf'ger Drang zu urinieren

Kann mit canthariscantharis fast konkurrieren.

Schmerz im Rektum (mercurius corrosivusmerc-c.), und ein Band

Schnürt das Herz zusammen – wie cactus grandifloruscactus grand.

Sorgt mit pulsatillapulsatilla-Tränen sich um ihr Heil;

Und mit Bruder Höllenstein teilt sie Pflicht und Eil.

Ausgezeichnete Wirkungen von Lilium tigrinum habe ich bei den Leiden nach Fehlgeburten gesehen; sie wurden rasch durch das Mittel behoben.
Sehr eindrucksvoll war auch die Heilung einer Colitis ulcerosa, die bereits zehn Jahre bestanden und häufige Behandlungen seitens ‚führender Kapazitäten‘ erfahren hatte. Zu Beginn ihrer Krankheit hatte die Patientin wohl an die dreißig Stühle pro Nacht gehabt. Als ich ihre Behandlung übernahm, war ihr Teint von durchscheinendem Weiß, ähnlich einem Blatt Papier. Die Anzahl ihrer morgendlichen Stuhlgänge und die dabei ausgestandenen Qualen und Anstrengungen machten es ihr unmöglich, früher als nachmittags zu erscheinen; sie war so schwach, dass eine Krankenschwester bei ihr sein musste.
Sie zeigte einige sehr eigentümliche und charakteristische Symptome – charakteristisch für sie, nicht für die mit dem Etikett ‚Colitis‘ versehene Krankheit. Sie hatte großen Appetit und war vor allem hungrig auf das Mittagsmahl; starkes Verlangen nach Fleisch. Es bestand nicht nur der schmerzhafte Stuhldrang, sondern auch Abwärtsdrängen des Uterus. So erhielt sie Lilium tigrinum in hoher Potenz, auf das sie unmittelbar ansprach, und bald war sie eine gesunde junge Frau mit frischer Gesichtsfarbe, die Tennis spielte und das Leben genoß. Später heiratete sie.
Dass wir in der Lage sind, selbst mit solch schweren Krankheitszuständen schnell, sanft und erfolgreich umzugehen (was denjenigen, die Hahnemanns Lehren verschmähen, versagt bleibt), ist für mich immer wieder ein Quell der Freude – und der Dankbarkeit!
Kent stellt fest: „Lilium tigrinum hat hartnäckigste Fälle von hervortretenden und brennenden Hämorrhoiden geheilt.“
Es gibt eine ganze Reihe anderer Mittel, die Empfindungen des Herabdrängens hervorgebracht haben und die – jedes an seinem Platz – bei solchen Beschwerden von Nutzen sind; keines aber ist von solcher Intensität wie Lilium und SEPIA. sepiabelladonnaBELLADONNA und pulsatillaPULSATILLA sind zwei weitere Mittel, weisen aber ganz andere Modalitäten auf. Wie oben ausgeführt, kann Lilium ebenso wie SEPIA schlecht stehen; die Kranken müssen sich setzen, die Beine übereinanderschlagen oder den Genitalbereich auf andere Weise stützen, um ein Vorfallen der Gebärmutter zu verhindern – zumindest ist dies das Gefühl, das sie haben. Das BELLADONNA-Drängen wird dagegen durch Stehen gebessert, während es bei PULSATILLA im Liegen verschlimmert wird. Phänomene dieser Art sind höchst seltsam und unerwartet, und gerade deshalb sind sie so wichtig.
Ich erinnere mich an eine arme Frau, eine unserer ambulanten Patientinnen, die nach einer Fehlgeburt erkrankte und uns mit beunruhigend hohem Fieber aufsuchte. Sie klagte über quälend herabdrängende Empfindungen, die im Sitzen und Liegen schlimmer waren und nur im Stehen gebessert wurden. Eine Einweisung lehnte sie ab; so gab ich ihr pulsatillaPULSATILLA (das ganz offensichtlich ihr Heilmittel war) und trug ihr auf, am nächsten Tag Bericht zu erstatten: Die Temperatur hatte sich normalisiert, alle Beschwerden waren vorüber.
Die Modalitäten, d.h. die die Symptome modifizierenden Umstände der Besserung oder Verschlechterung, sind für die korrekte Verschreibung enorm hilfreich; ohne sie gäbe es die schönen Erfolge der Homöopathie nicht. Sie sind es, die uns die Differenzialdiagnose zwischen ähnlichen Arzneien erst ermöglichen.
An dieser Stelle will ich noch ein selten gebrauchtes Arzneimittel erwähnen, das schon in der Antike bekannt war und ‚Bearing-down‘-Schmerzen hervorgerufen und geheilt hat, selbst Uterusprolaps, wie ich feststellen konnte. Es handelt sich um LAPPA arctium lappaARCTIUM bzw. LAPPA MAJOR, die große Klette. Es ist eines jener ungewöhnlichen Mittel, um die sich Dr. Compton Burnett immer so bemüht hat. Die Heilkräfte dieses Arzneimittels haben ihm den Namen ‚Uterusmagnet‘ eingetragen.
Hauptsymptome
Geist und GemütDauerndes Gefühl von Gehetztsein, wie von drängenden Pflichten, gleichzeitig ein Gefühl völliger Unfähigkeit, diesen nachzukommen.14

14

Ein wichtiges Symptom, das ich aus Allens Encyclopedia nachgetragen habe.

Quält sich wegen ihres Seelenheils (Uterusbeschwerden).
Niedergeschlagene Stimmung: zutiefst niedergedrückt; kann kaum die Tränen zurückhalten; große Neigung zum Weinen, mit Übelkeit und Rückenschmerzen; Abneigung gegen Essen; weint viel und ist sehr furchtsam; gleichgültig gegenüber allem, was für sie getan wird.
AbdomenGefühl von Herabzerren der gesamten Eingeweide, einschließlich selbst der Brustorgane, mit starkem Bedürfnis, den Unterleib zu unterstützen; Gefühl, als würde der gesamte Bauchinhalt nach unten in einen Trichter gedrückt; sie muss ihre Beine übereinanderschlagen aus Angst, dass alles herausgepresst werden könnte.
Herabdrängende Empfindung im Becken, als ob alles durch die Scheide nach außen treten wollte.
RektumDrücken im Mastdarm, mit fast beständigem Stuhldrang.
HarnorganeBeständiger Druck auf die Blase, will immerzu urinieren; es geht aber nur wenig ab, hinterher Beißen in der Harnröhre und Tenesmus.
Häufiges Wasserlassen den ganzen Tag über, mit dumpfem Kopfschmerz, der fortwährend vom (linken) Vorderkopf zum Hinterkopf zieht und sich schließlich in der linken Schläfe festsetzt.
Wenn dem Bedürfnis zu harnen nicht nachgegeben wird, Gefühl von Kongestion in der Brust.
Weibliche GenitalienHeftige Schmerzen in der Eierstockgegend: brennend, stechend, schneidend oder greifend; ziehen quer durch den Unterbauch – oder zur Leiste und dann das Bein hinunter; mit herabdrängenden Schmerzen im Stehen; Ovarialregion druckempfindlich; Ovar beinahe auf Kindskopfgröße geschwollen.
Heftige neuralgische Schmerzen im Uterus; konnte keine Berührung ertragen, nicht einmal das Gewicht der Bettdecke oder die geringste Erschütterung des Bettes; Anteversio uteri.
Anteversion oder Retroversion des Uterus; fast alle Patientinnen leiden unter Verstopfung.
HerzGefühl, als ob das Herz abwechselnd kräftig gepackt und wieder losgelassen würde.
Gefühl, als ob das Herz in einen Schraubstock eingespannt wäre; als ob alles Blut zum Herzen geströmt wäre, was ein Gefühl erzeugt, als müsste sie sich zusammenkrümmen; kann kaum aufrecht gehen.

Lycopodium

Weitere Namen: Lycopodium clavatum; Bärlappsporen
Eines von Hahnemanns wertvollsten Geschenken – und eines, das seine Lehren von der Potenzierung sehr schön veranschaulicht und rechtfertigt. Er schreibt über Lycopodium:
„Dieses gilbliche, glatt anzufühlende, staubähnliche Pulver … wird in Russlands Wäldern und in Finland15

15

Lycopodium wächst in ganz Europa, meist in Nadelwäldern an trockenen, nicht allzu sonnigen Stellen.

aus den Kolben-Aehren des Bärlapp-Kolbenmooses (Lycopodium clavatum), nach Dörren und Ausklopfen der Kolben desselben, zu Ende des Sommers gewonnen.
Ausser dass es, in eine Lichtflamme gestreut, ein Blitzfeuer erzeugt, diente es bisher zum Bestreuen leicht an einander klebender Pillen und faltiger, wunder Stellen des Körpers, um das schmerzhafte aneinander Reiben derselben zu verhindern. Es schwimmt auf den Flüssigkeiten, ohne sich darin aufzulösen, ist ohne Geschmack und Geruch und in gewöhnlichem rohen Zustande fast ohne arzneiliche Wirkung auf das menschliche Befinden …
Wenn aber dieser Bärlapp-Staub auf die Art, wie die homöopathische Kunst die rohen Naturstoffe aufschliesst, … behandelt wird, so entsteht eine wundervoll kräftige Arznei …
Eine mässige Gabe wirkt an 40, 50 Tage und länger. Es lässt sich nach Zwischen-Gebrauch anderer antipsorischer Mittel wohl wiederholen, doch mit weit weniger Vortheil.
Vorzüglich wirkt es heilbringend, wenn es nach verflossener Wirkung der calcarea carbonicaKalkerde homöopathisch angezeigt ist.“
Kent sagt: „Obwohl es zu den inerten Substanzen gerechnet wurde und man glaubte, es sei nur zum Drehen allopathischer Pillen zu gebrauchen, machte Hahnemann den ‚Bärlapp-Staub‘ nutzbar, indem er durch die homöopathische Potenzierung seine Heilkräfte entfaltete. So ist Lycopodium zu einem Denkmal für Hahnemann geworden. Es greift tief in den Organismus ein; … tatsächlich gibt es nichts, was Lycopodium beim Menschen nicht in Aufruhr versetzen könnte …“
Dieses „nicht anfeuchtbare Pulver“, inert und doch hell auflodernd, wenn es in eine Flamme geworfen wird, wurde auch bei der Herstellung von Feuerwerkskörpern verwendet. Wenn man die Sporen zerquetscht, wird eine ölige Substanz freigesetzt. Das Pulver muss, wie es heißt, zwei volle Stunden mit Milchzucker verrieben werden, um eine erste Zubereitung dieses Arzneimittels, das ebenso mächtige wie einzigartige Heilkräfte in sich birgt, zu gewinnen.16

16

Laut Hahnemann (Chronische Krankheiten, Band 1, S. 183 ff.) dauert der Verreibungsprozess bis zur 3. Centesimal-Potenz drei Stunden.

Lassen Sie mich zunächst eine kurze Beschreibung von Lycopodium nach Art jener prägnanten alten Arzneimittelbilder geben: eine Zusammenfassung dessen, was wir von dem Mittel wissen und als unabdingbar für seinen Einsatz erachten, auf möglichst engem Raum …
Lycopodium gehört zu den Mitteln, die wir am häufigsten verwenden. Es springt einem nicht immer gleich ins Auge, wenn der Patient hereinkommt, doch wird man im Allgemeinen schon durch wenige Fragen auf die heiße Spur gebracht.
Stellen Sie recht bald die Frage nach der Tageszeit seiner Beschwerden. Dieser Patient wird antworten: „Schlimmer nachmittags – oder schlimmer gegen 16 Uhr – oder auch schlimmer von 16 bis 20 Uhr“, und nun können Sie nach weiteren Anzeichen dafür suchen, dass Ihr Patient dem Lycopodium-Typ entspricht.
Bei Lycopodium ist der Geist besser entwickelt als der Körper. Lycopodium neigt dazu, krank und runzlig auszusehen – er ist abgemagert, besonders in der oberen Körperhälfte. Die Stirn kann gerunzelt oder faltig sein, und bald nach Tische werden Wangen oder Nase leicht rot, sehr zum Verdruss des Patienten.
Beschwerden durch Erwartung [anticipation] ist eine sehr nützliche kleine Rubrik.17

17

Im Synthetischen Repertorium ist diese Rubrik erheblich erweitert; Näheres zu diesem Thema im silicea-Kapitel (Kap. S).

Jeder weiß, daß gelsemiumGELSEMIUM und argentum nitricumARGENTUM NITRICUM sie haben. Aber Lycopodium hat ebenfalls darunter zu leiden, wie auch arsenicumARSENICUM, medorrhinumMEDORRHINUM und phosphoricum acidumacidum phosphoricumPHOSPHORICUM ACIDUM; und auch (was schon weniger bekannt ist) CARBO carbo vegetabilisVEGETABILIS, PLUMBUMplumbum, SILICEAsilicea und THUJA. thujaLetztere müssen in anderen Teilen des Repertoriums aufgespürt werden – man sollte sie der Rubrik hinzufügen.
Vor Jahren machte mir einer unserer fähigsten Kollegen einen bestimmten Zug der Lycopodium-Psyche verständlich. Er erklärte mir die Schrecken des Lampenfiebers, wie sie diese Menschen befallen: Lycopodium muss vor seinen Aktionären oder Wählern eine wichtige Rede halten und ist sich ganz sicher, dass er steckenbleiben, ins Schwimmen geraten, die entscheidenden Punkte vergessen wird; er ist von der Vorstellung ganz besessen, seine Ansprache zu vermasseln. Der gefürchtete Augenblick kommt … mit weichen Knien geht er zum Rednerpult. Es dauert jedoch nicht lange, und er findet Gefallen an der Sache. In seliger Selbstvergessenheit fliegt die Zeit dahin, und schließlich nimmt er mit dem Gefühl wieder Platz, die Rede seines Lebens gehalten zu haben. Alles hat bestens geklappt, er hat sehr flüssig gesprochen. Nicht nur hat er alles gesagt, was er sich vorgenommen hatte, er konnte auch noch neue Ideen anbringen, die ihm beim Reden eingefallen sind! Aber das nächste Mal wird er, wenn er nicht den richtigen Stimulus bekommt, denselben Torturen ausgesetzt sein – denn er ist Lycopodium.
Ein weiteres Symptom: Lycopodium möchte allein sein – doch nebenan soll sich jemand aufhalten, denn zugleich fürchtet er sich auch vor dem Alleinsein! Sein „Streben nach Einsamkeit“ [Hahnemann] erscheint im Repertorium [„Abneigung gegen Gesellschaft“] kursiv, seine „Furcht vor dem Alleinsein“ fettgedruckt. Wo solch gegensätzliche Zustände in hohem Grade vorhanden sind, handelt es sich immer um sehr interessante Arzneien. (Ein anderes Beispiel: lachesisLACHESIS hat „hastige Sprache“ und „Geschwätzigkeit“ im höchsten Grad; aber auch, und dies ebenfalls im höchsten Grad, „langsame Sprache“! Das macht man sich oft nicht klar.)
Lycopodium hat viele Ängste und Befürchtungen – Furcht vor dem Alleinsein, vor Menschen, in einer Menschenansammlung, vor Dunkelheit, vor dem Tod, vor Geistern oder Gespenstern.
Lycopodium hat alle nur denkbaren Arten von Dyspepsie. Es wetteifert mit CARBO carbo vegetabilisVEGETABILIS und CHINA chinaum die höchste Wertigkeit bei Flatulenz. Oft wird ein Lycopodium-Patient Ihnen erzählen, dass er tagelang aufgetrieben sei wie eine Trommel und deshalb seine Kleidung lockern müsse. Nach dem Essen ist der Bauch aufgebläht und fast bis zum Platzen gespannt; jeder Druck und jede Einengung durch die Kleidung ist ihm zuwider. Oder er fühlt sich halb verhungert, und doch ist er bereits nach wenigen Bissen so satt, dass er nichts mehr zu sich nehmen kann. Andererseits kann er sich ‚voll bis oben hin‘ fühlen und doch hungrig sein. So finden wir Lycopodium dreiwertig in der Rubrik „Appetit, schnell satt“, desgleichen aber auch in der Rubrik „Appetit, vermehrt nach dem Essen“. Ein starkes Symptom ist auch „Hunger, gleich nach dem Essen wieder, obgleich Magen und Bauch voll und gespannt war“ [Hahnemann, Chronische Krankheiten, Symptom 513].18

18

Tyler spricht hier von einer Rubrik, in der Lycopodium dreiwertig erscheine; eine solche ist im Repertorium aber nicht zu finden. Vergleichbar wären etwa: „Magen, Appetit vermehrt, Essen vermehrt den A.“ – mit Lyc. als einzigem und dreiwertigem Mittel; „Magen, Empfindungen, Leere, nicht besser durch Essen“ – mit Lyc. als einem von mehreren dreiwertigen Mitteln.

Verlangen und Abneigungen. Der Lycopodium-Patient hat ein starkes Verlangen nach Süßigkeiten und nach heißen Getränken. Er mag gern Austern, wird aber krank davon. Abneigung gegen Kaffee und Fleisch.
Die Rechtsseitigkeit von Lycopodium kennen wir alle, ebenso wie die Richtung der Symptome: von rechts nach links oder von oben nach unten.
Die Harn-Symptome sind wichtig: rotes Sediment im klaren Harn; scharfer und wundmachender Harn … So kann man ein Lycopodium-Baby am roten Sediment in der Windel erkennen oder am Ausschlag dort, wo der Urin die Haut entzündet hat – und dadurch z. B. in die Lage versetzt werden, die Nephritis und Wassersucht eines solchen Babys auszuheilen, wie ich es selbst gesehen habe.
Lycopodium ist ein Intellektueller, dem es an Selbstvertrauen mangelt. Wenn er krank ist, treten Störungen, Fehlleistungen und Verwirrung des Verstandes auf. Gedächtnisschwäche. Er benutzt beim Sprechen falsche Wörter und Silben; macht Fehler beim Schreiben: Rechtschreibfehler, lässt Wörter oder Buchstaben aus. Diese Probleme können ein solches Ausmaß annehmen, dass er nicht mehr in der Lage ist, zu lesen. „Er weiss z.B., dass Z der letzte Buchstabe im Alphabete ist, hat aber vergessen, wie derselbe heisst; er kann schreiben, was er schreiben will, schreibt die gehörigen Buchstaben, kann aber sein Geschriebenes selbst nicht lesen“ (Hahnemann).
Unsere Ärzte berichten von großen Heilerfolgen mit Lycopodium bei Schriftstellern und anderen Literaten, die nach einer Grippe ihre Arbeit nicht mehr fortsetzen konnten. Die intellektuellen Folgeerscheinungen einer Grippe verlangen häufig nach Lycopodium, während die neurotischen (fast bis zum Wahnsinn reichenden) Grippefolgen scutellariaSCUTELLARIA benötigen; die durch anhaltende Schwäche und Frösteln geprägten Nachwirkungen sind indes meist rasch mit CHINA chinazu beheben.
Es gibt keine Krankheit, ob akut oder chronisch, für die Lycopodium nicht das Heilmittel sein kann – wenn wir es mit einem Lycopodium-Patienten zu tun haben! Zahnschmerzen gegen 16 Uhr (ich habe es erlebt). Hautausschläge, die um 16 Uhr fürchterlich exazerbieren (auch dies). Sich hinschleppende Lungenentzündungen, wo das Fieber um 16 Uhr steigt und nach 20 Uhr wieder fällt. Diphtherien, bei denen die Pseudomembranen auf der rechten Seite beginnen und dann zur linken überwechseln – sofern Mund und Zunge nicht nach mercurius (solubilis)MERCURIUS verlangen; oder auch postnasale Diphtherien, die abwärts wandern. Lycopodium hat auch die postdiphtherische Lähmung (gewöhnlich ist ihr großes Heilmittel gelsemiumGELSEMIUM), bei der Speisen und Flüssigkeiten wieder durch die Nase austreten. Nierenbeschwerden, bei denen der Urin die Haut rötet und entzündet, wo immer er mit ihr in Berührung kommt.
Zwei nützliche kleine Rubriken bringen Sie vielleicht auf die Spur von Lycopodium: Rechter Fuß kalt, linker normal.19

19

Gemeint ist wahrscheinlich die Rubrik „Extremitäten, Kälte, Fuß, rechts“, mit Chel., Lyc., Sulf. als zweiwertigen Mitteln. – Es gibt eine ähnliche Rubrik: „Ein Fuß kalt, der andere heiß“, mit Lyc. als einzigem dreiwertigen Mittel.

– „Brennender Schmerz zwischen den Schulterblättern“ (phosphorusPHOSPHORUS und KALIUM kalium bichromicumBICHROMICUM haben das ebenso, und noch einige andere Mittel in geringerem Grad). Diese kleinen Rubriken sind oft sehr nützlich, und sei es nur, um die Diagnose des Mittels abzusichern.
Wenn Sie folgende Symptome erhalten:
  • < nachmittags;

  • < gegen 16 Uhr;

  • < von 16 bis 20 Uhr;

  • Verlangen nach heißen Getränken;

  • starkes Verlangen nach Süßigkeiten;

  • Hyperazidität und Blähungen;

  • Bauchauftreibung

und zusätzlich die typischen Harnwegsbeschwerden, werden Sie nicht allzu falsch liegen, wenn Sie sich Lycopodium auf Ihrem Zettel vormerken.
Hauptsymptome20
Geist und GemütReizbarkeit.a
Melancholie.a

20

In erster Linie handelt es sich um die fettgedruckten Symptome aus Allens Encyclopedia. Neben den Hahnemannschen Symptomen aus den Chronischen Krankheiten, die mit a markiert sind, werden noch einige Symptome aus weiteren Publikationen aufgeführt; es stehen b für die Prüfungen von Huber (mitgeteilt von Dr. Raidel), veröffentlicht in der Zeitschrift des Vereins homöopathischer Aerzte Oesterreichs (1857), c für Baumgartners Prüfungen aus dem Jahrgang 1862 derselben Zeitschrift, d für von Schelling in der A.H.Z. 82, 121 mitgeteilte Symptome und schließlich e für Prüfungsberichte von Martin, Homöopathische Vierteljahrschrift 10, 52.

Furcht vor Alleinseyn.a
Leute-Scheu.a
Traurige Stimmung, sie musste den ganzen Tag weinen und konnte sich nicht zufrieden geben, ohne Veranlassunga; < 16–20 Uhr.
Höchst empfindlich am Gemüthe; sie weint über Dank.a
Verliebtheit oder Schwärmerei.
Lebensüberdruß, besonders morgens im Bett.21

21

Bei Hahnemann (Symptom Nr. 1568) heißt es: „Nachts wohl Schlaf, aber nicht erquickend, und früh ist er müde und lebenssatt.“

Empfindlich, reizbar; mürrisch und schlechtgelaunt beim Erwachen.
Leichte Erregbarkeit zu Aerger und Zorn.a
Sie kann nicht die mindeste Widerrede vertragen und kommt gleich ausser sich vor Aergerlichkeit.a
Beschwerden von Schreck, Zorn, Kränkung oder Ärgernis, mit verhaltenem Missfallen.
Überempfindlich gegen Schmerz; Patient ist außer sich. (chamomillaCHAMOMILLA)
Versprechen mit Worten und Sylben.a
Wählen falscher Worte.a
Er kann über höhere, selbst abstrakte Dinge, ordentlich sprechen, verwirrt sich aber in den alltäglichen; so nennt er z.B. Pflaumen, wenn er Birnen sagen sollte.a
Grosse Bangigkeit in der Herzgrube …a (KALIUM kalium carbonicumCARBONICUM)
SchwindelFrüh, bei und nach Aufstehn aus dem Bette, dass er hin und her taumelte.a
KopfPochen im Gehirn, beim zurück Lehnen des Kopfes, am Tage.a
Klopfendes Kopfweh, nach jedem Husten-Anfalle.a
Beim Husten, Erschütterung, wie ein Stoss, in den Schläfen und zugleich in der Brust.a
Bei der Regel, zusammenschraubendes Kopfweh in den Schläfen, als sollte die Stirn springen.a
Blutdrang nach dem Kopfe, früh, beim Erwachen.a
Die Haare auf dem Kopfe gehen ungeheuer aus.a
Sie bekommt viel graue Haare.a
AugenEntzündung der Augen mit … storrendem Schmerze22

22

Wohl eine Art Steifheitsschmerz nach dem Austrocknen.

, wenn sie trocken geworden, und nächtlichem Zuschwären.a
Gerstenkörner an den Augenlidern, nach dem innern Winkel zu.a
Geschwürigkeit und Röthe der Augenlider …a
Das Abend-Licht blendet ihn sehr; er kann dann Nichts auf dem Tische sehen.a
OhrenSchwerhörigkeit oder Taubheit, bedingt durch Ohrenfluss, besonders nach Scharlach und bei Skrofulösen.
Brausen, Brummen, Pfeifen, Sausen etc. in den Ohren.
Ekzem der Ohren, mit dicken Krusten und mit Fissuren in der Haut.
NaseHeftiger Schnupfen, mit Nasen-Geschwulst.a
Stock-Schnupfen, dass er Nachts davor keine Luft bekommen kann.a
Gänzliche Verstopfung der Nase; des Kindes Athem stockte im Schlafe oft wohl 15 Sekunden lang, selbst bei offnem Munde.a
Fächerartige Bewegung der Nasenflügel.
GesichtGelbgraue Gesichts-Farbe.a
Krampfhaftes Zucken der Gesichtsmuskeln.
MundViel Bläschen auf der Zungenspitze, welche wie roh und verbrannt schmerzt.a
Geschwüre auf und unter der Zunge.
Die Zähne schmerzen beim Berühren und Kauen …a
HalsEs steigt ihr von unten herauf bis in den Schlund wie eine Kugel.a
Wie zu eng im Halse, beim Schlingen; die Speisen und Getränke kommen wieder zur Nase heraus.a (gelsemiumGELSEMIUM, diphtherinumDIPHTHERINUM)
Wie zusammengezogen im Schlunde, es geht Nichts hinunter.a
AppetitUngeheuer, und hintenher Aufblähung des Bauches.c
Hunger, gleich nach dem Essen wieder, obgleich Magen und Bauch voll und gespannt war.a
Sie kann gar nicht essen, ist immer satt und ohne Appetit, und wenn sie etwas isst, wird es ihr zuwider bis zum Erbrechen.a
Plötzliche Sättigung; grosser Durst.b
Gleich nach dem Essen ist der Bauch immer voll, gedrungen und aufgespannt …a
Vergehen des Appetits beim ersten Bissena; nach dem Essen Schwere im Magen.
AufstossenSauer, wovon der Geschmack nicht im Munde bleibt, aber die Säure im Magen nagt.a
Unvollkommenes, brennendes Aufstossen, das nur bis zum Schlundkopfe kommt, wo es mehrere Stunden Brennen macht.a
MagenEpigastrium extrem empfindlich gegen Berührung und enge Kleidung.
Die Verdauung scheint nur langsam von Statten zu gehen.a
Nach wenigem Essen Unbehaglichkeit im Magen.b
Krampf des sehr aufgeblähten Magens.
Drücken im Magen, als ob sie zu viel gegessen hätte.
Abends nach wenig Essen, Druck im Magen, wie überfüllt.d
Nachmittag. Drücken, Schwere im Magen nach wenig Essen.d
Vom Husten schmerzt ihr die Magen-Gegend.a
HypochondrienEin wundartiger Druck-Schmerz, wie von einem Stosse, in der rechten Hypochonder-Gegend, durch Befühlen vermehrt.a
Nachmittags 3 Uhr Schmerz in der regio hypochondriaca sinistra.e
Sie darf sich nicht satt essen, weil sie sich sonst in der Leber-Gegend unbequem und aufgetrieben fühlt.a
Druck-Schmerz in der Leber-Gegend beim Athmen.a
Die Leber ist schmerzhaft beim Befühlen.a
Heftige Gallensteinkolik.
Aszites durch Lebererkrankung nach Alkoholabusus.
AbdomenAufgetriebenheit des Bauches von Winden.a
Aufgetriebenheit des Bauches und Herumkollern, durch Blähungenabgang erleichtert.b
Knurren und Gurksen im Bauche.a
Nach dem Stuhle, Blähungs-Auftreibung des ganzen Bauchs.a
Viele Blähungen scheinen bald da, bald dort, im Bauche, den Hypochondern, selbst im Rücken, der Ribben-Gegend und der Brust, Spannen und Glucksen zu erregen, welches stets durch leeres Aufstossen gemildert wird.a
Spannung des Bauches mit Blähungs-Versetzung.a
Empfindung, als bewege sich etwas in Magen und Eingeweiden auf und ab. (Vgl. CROCUS,crocus THUJA, thujasaniculaSANICULA)
Wie etwas Schweres liegt es ihm in der linken Bauch-Seite, worauf Athmen keinen Einfluss hat, was er aber ununterbrochen beim Gehen, Sitzen und Liegen gleich stark fühlt.a
Rechtsseitiger Leistenbruch.
Rektum, StuhlMastdarm oft so beengt, dass er bei hartem Stuhle austritt.a
Schmerzhaft verschlossner After.a
Die Aderknoten am After schmerzen bei Berührung.a
Im Analbereich starke Neigung zu Exkoriationen, welche leicht bluten; juckender und feuchter, empfindlicher Ausschlag.
Der erste Theil des Stuhles ist knollig, der zweite weich.a
HarnorganeNierenkolik, besonders im rechten Ureter, zur Blase ziehend.
Dumpfer, drückender Schmerz in den Nieren, < vor und > nach dem Harnen.
Harndrang: muss lange warten, bis der Urin kommt; oder Unfähigkeit zu harnen, mit beständigem Herabdrängen; unterstützt die Bauchmuskeln mit den Händen.
Etwas rother Satz im Harne.a – Rother Sand im Urine.a – Rothgelber Sand im Urine.a
Trüber, milchiger Urin, mit übelriechendem, eitrigem Sediment; Neigung zu Steinbildung.
HustenSehr angreifend, Abends vor Schlafengehn, als wenn der Kehlkopf mit einer Feder gekitzelt würde, mit wenig Auswurfe.a
Nächtlicher, den Magen und das Zwergfell angreifender Husten, meist vor Sonnen-Aufgang 23

23

Bei Allen und Hering heißt es fälschlich „sunset“ (statt sunrise).

.a
Kitzel-Husten, wie von Schwefeldampf in der Kehle …a
Grauer, salzig schmeckender Husten-Auswurf.a
Atmung, BrustBeklommenheit der Brust und wie roh innerlich.a
Schweres Athmen, als hätte ich Schwefeldampf eingeathmet.c
Engbrüstigkeit, als wäre die Brust von Krampf zusammengezogen.a
Kurzatmigkeit: während des Schlafs; durch jede Anstrengung.
Stechen in der linken Brust, auch beim Athmen.a
HerzHydroperikard (von Hering angegeben). (arsenicumARSENICUM)
RückenBrennen, wie von glühenden Kohlen, zwischen den Schulterblättern.a (phosphorusPHOSPHORUS, KALIUM kalium bichromicumBICHROMICUM etc.)
Starke Rückenschmerzen, besser durch Wasserlassen.
ExtremitätenEin Fuß heiß, der andere kalt.
Temperatur, WetterDrang, ins Freie zu gehen.a (pulsatillaPULSATILLA etc.)
TageszeitIhre Beschwerden vermehren sich Nachmittags, 4 Uhr, aber Abends, 8 Uhr, ist es ihr, ausser der Schwäche, wieder besser.a
Kopfschmerz, Husten, Fieber, Frost: alles schlimmer von 16–20 Uhr.
NervenNervöse Erregung; große körperliche und geistige Erschöpfung; nervöse Schwäche.
SchlafUnerquickend.a
Er erwacht die Nacht oft aus schreckhaften Träumen.a
Nachts, beim Erwachen, Hunger.a
Beim Erwachen mürrisch; tritt, schimpft.
Zu diesem letzten Symptom eine kleine Geschichte: Vor vielen Jahren wurde ich gebeten, weit nach draußen aufs Land zu fahren, um einem Knaben ein Mittel zu verordnen. Er war zwar noch sehr klein, für seine fünf Jahre aber bereits ein großer Kricketspieler. Sein Problem – es bestand erst seit kurzem – war nur, dass er dabei quälend häufig austreten musste. Als ich ihm und den anderen Jungen beim Kricketspielen zuschaute, musste er alle paar Minuten fortlaufen, um sich zu erleichtern. Seinen Eltern kam dies alles sehr rätselhaft vor. Einige Lycopodium-Symptome kamen zum Vorschein, so unter anderem, ebenfalls erst in der letzten Zeit entstanden, dass er griesgrämig („ugly“, wie die Amerikaner es nennen) aufwachte, weinerlich und verdrießlich. Lycopodium heilte ihn umgehend – und damit wurde nebenbei ein Punkt untermauert, auf den ich an dieser Stelle aufmerksam machen möchte: Dem Lycopodium-Patienten geht es in fast jeder Hinsicht abends schlechter und morgens besser, mit der einen Ausnahme, wie ich an diesem Fall lernte, dass er beim Erwachen mürrisch und schlecht gelaunt ist.
Gerade solche kniffligen Fälle sind es, die sich uns ins Gedächtnis eingraben und durch deren Bewältigung wir allmählich zu Arzneimittelkennern werden.
Hughes zitiert Dr. David Wilson zu der fächerartigen Bewegung der Nasenflügel, die in der Pathogenese von Lycopodium vermerkt ist: „Wenn dieses Symptom deutlich ausgeprägt ist, an welchem Organ oder Gewebe sich die Symptome einer beliebigen Krankheit bei Kindern oder Jugendlichen auch immer manifestieren mögen, so wage ich zu behaupten, dass in solchen Fällen die gesamte Gruppe der Krankheitserscheinungen unter Lycopodium zu finden sein wird.“ Dr. Wilson war ein erfahrener Praktiker, und man beachte, er sagt nicht: „Wenn sich die Nasenflügel bewegen, geben Sie Lycopodium“, sondern: „Ich behaupte, dass in solchen Fällen die gesamte Gruppe der Krankheitserscheinungen unter Lycopodium zu finden sein wird.“
Am häufigsten wird man dieses Symptom natürlich bei Erkrankungen der Atemwege vorfinden. Dies z.B. ist das klassische Erscheinungsbild einer Lycopodium-Pneumonie:
  • Runzeln der Stirn;

  • Nasenflügelatmen;

  • die Temperatur steigt jeden Tag von 16 bis 20 Uhr und fällt dann wieder ab.

Bei einer Lungenentzündung, die sich nur zögernd entwickelt, führt uns letzteres Symptom direkt zu Lycopodium, und dann bringt dieses Mittel den Fall zum Abschluss. Kent spricht von seinem Nutzen „bei fortgeschrittener Lungenentzündung – dem Stadium der Hepatisation –, wenn faltiges Gesicht, gerunzelte Stirn, flatternde Nasenflügel und spärlicher Auswurf vorhanden sind. … Die rechte Lunge ist am meisten bzw. mit größerer Wahrscheinlichkeit betroffen als die linke, oder sie wird bei doppelseitiger Pneumonie zuerst befallen.“
Bei einer Lycopodium-Diphtherie beginnen die Beschwerden, wie gesagt, auf der rechten Seite und können sich dann auf die linke ausbreiten. Ich habe einen solchen Fall gesehen, und zwar einen Fall ohne irgendwelche Fäulnisprozesse an Mund und Zunge, die ja nach einem der mercurius (solubilis)Quecksilbersalze verlangt hätten.
Lycopodium ist eines unserer großen Polychreste, jener „vielnützigen“ Mittel mit sehr breitem Anwendungsbereich; doch weisen die obengenannten Hauptsymptome (die „hervorgerufenen und viele Male geheilten Symptome“), die in unserer Schule klassisch sind, auf seine wichtigsten Angriffspunkte hin.
Das Mittel passt, wie bereits erwähnt, zu Intellektuellen (und zwar zu eher mageren und alt aussehenden), die mehr geistige als körperliche Energie besitzen. Daher erweist es sich natürlich besonders auf der geistigen Ebene als zerstörisch bzw. heilbringend; es wirkt auf das Gedächtnis und stellt jene wieder her, die nach Krankheit oder Überlastung unter Verwirrtheitszuständen, geistiger Ermüdung und Verstandesschwäche leiden.
Seine zerstörerischen und somit heilenden Kräfte kommen auch am Verdauungs- und Harntrakt stark zur Geltung.
Ich erinnere mich da besonders an eine ‚neue‘ Patientin, die tagelang das Gefühl gehabt hatte, vor lauter Blähungen fast zu platzen, und alle Kleider hatte lockern müssen – und daran, wie schnell Lycopodium sie wiederherstellte.
Nash sagt: „Lycopodium bildet zusammen mit SULFUR sulfurund calcarea carbonicaCALCAREA CARBONICA die führende Trias unter Hahnemanns antipsorischen Arzneien. Alle drei haben tiefgreifende Wirkungen. … Lycopodium kann in jedem Lebensalter hilfreich sein, besonders wird es aber von alten Leuten und Kindern benötigt. Es wirkt vor allem auf Menschen mit scharfem Verstand, aber schwacher Muskulatur; magere Personen … Der Lycopodium-Typ hat typischerweise ein blassgelbes, eingefallenes, faltiges Gesicht, mit dem er älter aussieht, als er in Wirklichkeit ist. Lycopodium-Kinder sind schwächlich, haben wohlgeformte Köpfe, aber unterentwickelte, kränkliche Körper. … Lycopodium ist eines der drei führenden Flatulenzmittel, CARBO carbo vegetabilisVEGETABILIS und CHINA chinasind die beiden anderen. … Merken Sie sich: CHINA bläht den ganzen Bauch gleichmäßig auf, CARBO VEGETABILIS hingegen vorzugsweise den oberen und Lycopodium den unteren Bereich.“ (Guernsey hebt diesbezüglich hervor: „CHINA hat Völlegefühl nach einer vollständigen, normalen Mahlzeit, Lycopodium schon nach Essen geringster Mengen.“) „Verstopfung ist bei Lycopodium vorherrschend, und wie bei NUX nux vomicaVOMICA kann häufiger, vergeblicher Stuhldrang bestehen; doch während die Verstopfung von NUX VOMICA durch eine irreguläre Peristaltik bedingt ist, scheint die Lycopodium-Obstipation von einer krampfhaften Verengerung des Mastdarms und Afters herzurühren, welche den Stuhl zurückhält und große Schmerzen verursacht. … Lycopodium hat vernachlässigte, unzureichend behandelte oder unvollkommen geheilte Fälle von Pneumonie nicht selten davor bewahrt, in Schwindsucht überzugehen.“ (Die charakteristischen Indikationen hierbei sind auf der vorigen Seite nachzulesen.)
Lycopodium gilt als ein frostiges Mittel; und doch ist es eines der wenigen, die im Repertorium in der Rubrik Abkühlung [Kaltwerden] bessert dreiwertig erscheinen (Jod., jodumPuls.; pulsatillaLach., lachesisNat-m.,natrium muriaticum Sulf. sulfurund eine Reihe anderer Mittel sind zweiwertig). Im Allgemeinen aber geht es Lycopodium besser durch Warmes oder Heißes: Speisen, Getränke etc., und auch Bettwärme kann bessern.
Nun soll uns Kent noch einige Punkte näher erläutern: „Lycopodium magert am Oberkörper und besonders am Hals ab, während die Beine recht wohlgenährt sind. … Der Lycopodium-Patient kann keine Austern essen, sie machen ihn krank. Nach Genuss von Austern können alle möglichen Beschwerden entstehen, seien es Kopfschmerzen, Ovarialschmerzen oder Husten. Austern scheinen wie Gift auf ihn (sie) zu wirken, wie der THUJA-thujaPatient keine Zwiebeln und der ACIDUMacidum oxalicumoxalicum acidum-OXALICUM-Patient keine Erdbeeren vertragen kann. Sollten Sie jemals in die Verlegenheit kommen, kein homöopathisches Mittel zur Hand zu haben, wenn ein Patient nach dem Genuss von Erdbeeren, Tomaten oder Austern Beschwerden bekommt, ist es hilfreich zu wissen, dass ein Stück Käse innerhalb weniger Minuten die Verdauung dieser Speisen herbeiführt. …
Die Hautausschläge und bisweilen auch die Geschwüre und Abszesse bessern sich bei Lycopodium durch Kälteanwendung. Ist es hier Kühle, welche Linderung verschafft, so ist es bei arsenicumARSENICUM die Anwendung von Wärme. … Unsere Großmütter wollen gewöhnlich etwas tun, und so legen sie warme Tücher oder feuchtwarme Umschläge auf die betroffene Stelle – doch davon geht es dem Lycopodium-Patienten gerade schlechter. …24

24

Dieser Absatz ist Teil einer Passage, die Kent später für die 2. Auflage der Lectures wieder gestrichen hat. Ich habe diese Passage bei meiner Übersetzung der Kentschen Arzneimittelbilder ebenfalls nicht berücksichtigt, weil sie dem übrigen Text keine wesentlichen neuen Informationen hinzufügt. Hier im Zusammenhang der Zitate durch Tyler hat der Absatz aber seine Berechtigung.

Der Lycopodium-Patient ist müde, besonders geistig ermattet und chronisch erschöpft; er ist vergesslich und zerstreut. Er hat eine ausgeprägte Abneigung, irgendetwas Neues zu unternehmen oder sich in eine neue Rolle hineinzufinden, woraus nicht selten eine Aversion gegen seine berufliche Tätigkeit entsteht. …
‚Rede-Unlust; Streben nach Einsamkeit.‘ … Er mag es aber nicht, völlig allein zu sein, er muss das Gefühl haben, dass noch jemand anderes im Haus ist. … Gibt es zwei aneinandergrenzende Räume im Haus, wird sich der Lycopodium-Mensch in den einen zurückziehen und dort bleiben, dabei aber froh sein, in dem anderen jemanden zu wissen. Das ist ein typisches Verhalten von Lycopodium, bei Kindern wie auch bei Erwachsenen.
Bricht oft in Tränen aus, wenn er einen Freund empfängt oder einen alten Bekannten wiedertrifft. Schenkt man ihm etwas, ist er zu Tränen gerührt, und es überkommt ihn eine seltsame Traurigkeit. Schon bei der kleinsten Freude fängt er an zu weinen … ‚Höchst empfindlich am Gemüthe; sie weint über Dank.‘ …
Kälte des rechten Fusses, bei Hitze des linken. … Roter Sand im Urin.“
Kent macht beim Thema Halsentzündungen und Diphtherie auf die typische ‚Rechts-nach-links-Richtung‘ von Lycopodium aufmerksam und unterscheidet sie von der ‚Links-nach-rechts-Richtung‘ bei lachesisLACHESIS. In diesem Zusammenhang weist er darauf hin, dass „der LACHESIS-Patient durch Kälte Besserung erfährt und dass er Krämpfe im Hals bekommt, wenn er versucht, warme Getränke zu sich zu nehmen, wohingegen Lycopodium Erleichterung findet durch warme Getränke, wenngleich gelegentlich auch einmal kalte Getränke lindern können.“ [Hervorhebung M. Tyler]. Es ist wichtig, auch diese letzte Modalität zu kennen, denn sonst könnte man dazu neigen, Lycopodium wieder fallen zu lassen, obwohl es durch andere Symptome angezeigt ist.
Um rasch und stets korrekt verordnen zu können – für das Gros der Patienten, die in unsere Krankenhaus-Ambulanzen drängen, oder für die Arbeit als Kassenarzt –, muss man sich mit ein paar Dutzend Mitteln so gut vertraut machen, dass man fähig ist, sie schon nach wenigen Blicken und Fragen zu erkennen. Zu diesen zählen außer Lycopodium SEPIA, sepiaSULFUR,sulfur calcarea carbonicaCALCAREA, SILICEAsilicea, NATRIUMnatrium muriaticum MURIATICUM, arsenicumARSENICUM, BRYONIAbryonia – sie alle zu Hahnemanns Antipsorika zählend! – und dann für akute Fälle aconitumACONITUM, belladonnaBELLADONNA, wiederum BRYONIA, RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON, gelsemiumGELSEMIUM, baptisiaBAPTISIA sowie einige weitere unentbehrliche Mittel. Dies sind alles Arzneien mit einer ganz eigenen, klar umrissenen Persönlichkeit, die man, wenn man ihr Wesen erst einmal erfasst hat, kaum mehr verwechseln dürfte. Wenn in meinen kleinen Arzneiporträts Wiederholungen vorkommen, dienen sie allein dem Zweck, diese Arzneien möglichst leicht erkennbar zu machen. Oft versuche ich, sie und ihre diversen Anwendungsmöglichkeiten wie in einem Schnappschuss einzufangen. Wenn man eine solche Auswahl an Arzneien erst einmal wie aus dem Handgelenk beherrscht, sollte die homöopathische Verschreibung bei der Mehrzahl der häufigsten Beschwerden relativ leicht und sicher sein.
Lycopodium bei Aneurysma
Dr. Hughes erwähnt in seinen Pharmacodynamics einen „merkwürdigen Aspekt“ von Lycopodium. Er sagt: „Lycopodium ist gelegentlich als Heilmittel von Aneurysmen vorgeschlagen worden; ich habe allerdings nur wenig davon gehalten, obschon in einem Fall, den Dr. Madden und ich behandelten, ein vermutetes Aortenaneurysma auf einmal nicht mehr auffindbar war, nachdem wir Lycopodium für den Allgemeinzustand des Patienten gegeben hatten. Inzwischen habe ich aber mit Lycopodium ein höchst bemerkenswertes Ergebnis bei einem eindeutigen Carotisaneurysma einer alten Dame erzielt, für deren Verdauungsbeschwerden sich das Mittel oft als hilfreich erwiesen hatte. Die stechenden Schmerzen, die mit der Schwellung einhergingen, verschwanden in den ersten drei Tagen der Einnahme von Lycopodium. Nach 14 Tagen hatte sich die Ausbuchtung der Arterie auf die Hälfte zurückgebildet, und seitdem blieb der Zustand konstant, ohne der Patientin irgendwelche Schmerzen oder Beschwerden zu bereiten.“

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