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Magnesia phosphorica – Morbillinum

Magnesia phosphorica

Weitere Namen: Magnesiumphosphat
Das phosphorsaure Magnesium ist wahrscheinlich das wichtigste und wertvollste Mittel, das aus den biochemischen Studien Dr. Schüßlers hervorgangen ist. Es ist eines seiner zwölf „Gewebemittel“. Die Patienten wurden damit in tiefen Potenzen und häufigen Gaben regelrecht ‚gefüttert‘; aus langer und vielfacher Erfahrung kann ich jedoch bezeugen, dass es großartige Wirkungen gerade in hohen und höchsten Potenzen und in sehr seltenen Gaben zeigt, wobei eine Wiederholung an ein Wiederkehren der nach dem Mittel verlangenden Symptome geknüpft ist – was durchaus Monate auf sich warten lassen kann. Freilich muss auch hier die Bedingung erfüllt sein, dass die Arznei nach Symptomenähnlichkeit verordnet wird.
Magnesia phosphorica ist eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Heilmittel bei Dysmenorrhö, aber natürlich nur bei bestimmten Formen der Dysmenorrhö: das Opfer krümmt sich vor Schmerzen; diese werden gelindert durch Wärme (heiße Getränke, heiße Anwendungen etc.) und verschlimmert durch Kälte. Hinsichtlich dieser Besserung durch Zusammenkrümmen und Wärme ist es colocynthisCOLOCYNTHIS sehr ähnlich, einem weiteren großen Mittel bei derartigen Menstruationsbeschwerden. Magnesia phosphorica reagiert allerdings deutlich empfindlicher auf Wärme und Kälte, und auch die ‚Mentalität‘ der beiden Mittel ist verschieden. Die Schmerzen von COLOCYNTHIS sind nicht selten auf Ärger zurückzuführen: Zorn und Verärgerung können in jedem Körperteil, selbst in der Wirbelsäule Schmerzen hervorrufen. Dass die Symptome von Magnesia phosphorica und COLOCYNTHIS viele Ähnlichkeiten aufweisen, ist gar nicht so verwunderlich, wenn man weiß, dass COLOCYNTHIS, das zum Pflanzenreich gehört, 3 % Magnesiumphosphat enthält. „Zu den (anderen) Pflanzen, die Magnesiumphosphat enthalten, gehören lobeliaLOBELIA, symphytumSYMPHYTUM, stramoniumSTRAMONIUM und viburnum opulusVIBURNUM, was das Vorhandensein ähnlicher Symptome erklärt“ [Boericke & Dewey]. Es ist eine interessante Sache, den verschiedenen Elementen oder Salzen nachzuspüren, die in pflanzlichen Arzneien enthalten sind. Sie erklären so manches Symptom, das mineralischen und pflanzlichen Mitteln gemeinsam ist. Außerdem sind deren Symptome so leichter im Gedächtnis zu behalten.
Boericke & Dewey berichten in The Twelve Tissue Remedies of Schüssler, dass Schüßler Magnesia phosphorica in der 6. Verreibung [D 6] und in heißem Wasser verabreicht empfohlen hat, worin es seine Heilkraft am besten entfalten könne. … „Aber angesichts der überraschenden und offenbar sehr verlässlichen Symptome, die die Prüfer mit den hohen und höchsten Potenzen hervorbrachten, würden wir diese empfehlen, falls die tieferen versagen sollten.“ (Ich darf hinzufügen, dass meine eigenen Erfolge, wenn ich mich recht entsinne, stets mit Einzelgaben der CM-Potenz erzielt wurden.)
Ein Fall, der bereits viele Jahre zurückliegt, wird mir wegen einer unangenehmen, ja alarmierenden Reaktion immer unvergesslich bleiben: Ein kleines Mädchen kam wegen einer Chorea zu uns in die Ambulanz und erhielt eine Gabe Magnesia phosphorica CM; sie wurde jedoch schnellstens zu uns zurückgebracht, da sich das Leiden anscheinend in den laryngealen Bereich ausgeweitet hatte, d.h., es hatten sich recht beängstigende Spasmen im Bereich der oberen Atemwege entwickelt. Sie wurde umgehend aufgenommen, erhielt aber keine weitere Medikation, und nach wenigen Tagen war sie wiederhergestellt. In einer tieferen Potenz hätte das Mittel wahrscheinlich keine so massive Verschlimmerung – oder Prüfung – bewirkt. Das Ergebnis war allerdings gar nicht so übel: Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass man eine Chorea innerhalb von 14 Tagen vollständig ausheilt, was, soweit ich mich erinnere, hier der Fall gewesen ist.
Zu den Fällen, die mir in Bezug auf Magnesia phosphorica sofort in den Sinn kommen, gehört auch der eines ‚sehr kranken‘ Babys, das aufgenommen wurde wegen Durchfällen mit kolikartigen Schmerzen, die es zwangen, seine Beine anzuziehen. Ich gab dem Kleinen colocynthisCOLOCYNTHIS, und die Durchfälle besserten sich. Die Schmerzen blieben allerdings bestehen, und wir hatten schon die Befürchtung, dass das Baby sterben könnte. Dann fiel uns jedoch auf, dass eine Linderung und Beruhigung eintrat, wenn man eine warme Hand auf seinen Bauch legte; daraufhin erhielt es Magnesia phosphorica, und so wurde der Fall schließlich zu einem guten Ende gebracht.
In erster Linie habe ich Magnesia phosphorica jedoch zur Behandlung von Dysmenorrhöen eingesetzt. Einmalige Gaben der CM-Potenz, die einfach zu dem Zeitpunkt verabreicht wurden, wo die Patientinnen in unserer Ambulanz erschienen, also nicht notwendigerweise während der Schmerzperiode, haben eine beachtliche Zahl von ihnen geheilt – sofern die Indikation lautete: Dysmenorrhö mit heftigen Unterleibschmerzen, die die Patientin zum Zusammenkrümmen zwingen und die nur durch Wärme gebessert werden.
Hauptsymptome1
KopfKrampfartige, neuralgische oder rheumatische Kopfschmerzen, stets durch äußere Wärme gebessert.

1

Hering, Guiding Symptoms, und Boericke & Dewey, The Twelve Tissue Remedies of Schüssler. Ein Teil der Symptome stammt aus der 1889 von H. C. Allen durchgeführten Prüfung; bei deren Übersetzung habe ich mich teilweise auf die deutsche Bearbeitung dieser Prüfung gestützt, die von Hesse in der Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte (Band 11, S. 430) veröffentlicht wurde.

Sehr quälende Krampfneigung.
Blitzartig schießende, stechende, wandernde, intermittierende oder paroxysmale Kopfschmerzen.
Nervöses Kopfweh mit Funken vor den Augen und Doppeltsehen.
Heftige Kopfschmerzen, mehr bei jungen, kräftigen Personen, besonders nach geistiger Arbeit [Schulkinder!].
Neuralgische Schmerzen, besonders hinter dem rechten Ohr; schlimmer in kalter Luft und durch Waschen von Gesicht und Hals mit kaltem Wasser.
OhrenOtalgie, rein nervösen Charakters.
MundZahnschmerzen, besser durch Wärme und heiße Getränke.
Heftige Schmerzen in hohlen oder plombierten Zähnen; Anschwellung der Zunge.
Beschwerden zahnender Kinder.
Krämpfe beim Zahnen, ohne Fiebererscheinungen.
MagenSpasmen oder schmerzhafte Krämpfe im Magen, bei reiner Zunge; Schmerz, als ob ein Band fest um den Körper geschnürt oder gezogen würde.
Schmerzen in der Magengrube, kneifend oder zwickend, mit kurzem Luftaufstoßen, das keine Erleichterung verschafft.
Krampfhafter Schluckauf.
AbdomenDarmschmerzen.
Bauchschmerz, gewöhnlich von der Nabelgegend ausstrahlend.
Blähungskoliken, die den Patienten zwingen, sich zusammenzukrümmen (colocynthisCOLOCYNTHIS); > durch Reiben, Wärme und Druck; begleitet von Luftaufstoßen, das keine Erleichterung verschafft.
Aufgeblähtes, volles Gefühl im Bauch; muss die Kleidung lockern (lycopodiumLYCOPODIUM) und umhergehen.
Blähungskoliken bei Kindern und Neugeborenen, mit Anziehen der Beine; immer wieder aussetzende oder nachlassende krampfartige Bauchschmerzen, mit Hyperazidität.
Blähsucht der Kühe. (colchicum autumnaleCOLCHICUM)
HarnorganeNächtliches Bettnässen von nervöser Erregung.
Weibliche GenitalienMenstruationskolik.
Membranöse Dysmenorrhö.
Ovarialneuralgie, mit blitzartig schießenden, lanzinierenden Schmerzen, besonders auf der rechten Seite.
AtemwegeKrampfartiges, nervöses Asthma.
NervenChorea.
In Intervallen auftretende Neuralgien, durch Wärme gebessert.
Matt, müde, erschöpft.
FrostNach dem Abendessen; kalte Schauder laufen den Rücken rauf und runter (gelsemiumGELSEMIUM), mit Frösteln und Zittern. Fürchtet sich vor dem Aufdecken (nux vomicaNUX VOMICA).
Modalitäten< auf der rechten Seite, durch Kälte, durch Berührung.
> durch Wärme, durch Zusammenkrümmen.
Bei folgenden Krankheitsbildern hat sich Magnesia phosphorica als nützlich erwiesen:2

2

Im Wesentlichen nach Herings Guiding Symptoms zusammengestellt.

Bei Nystagmus, Strabismus, krampfhaftem Schielen, Lidptose; bei tonischem und klonischem Stottern; bei krampfhaftem Zusammenschnüren des Halses beim Versuch, etwas Flüssiges zu schlucken, mit Erstickungsgefühl.
Bei unaufhörlichem Schluckauf, Tag und Nacht, mit gelegentlichem, schmerzhaftem Erbrechen.
Bei Blasenneuralgie im Anschluss an Katheterisieren, mit einem Gefühl, als würden sich die Muskeln nicht zusammenziehen.
Bei Laryngospasmus; bei Krampfhusten und Keuchhusten; bei Angina pectoris; bei Interkostalneuralgie von zusammenschnürendem Charakter.
Bei grobem Zittern oder Schütteln der Hände und Gliedmaßen; bei Ischias; bei Wadenkrämpfen; sogar bei den heftigen Schmerzen des akuten Gelenkrheumatismus; bei Krampfanfällen mit Krummziehen der Finger und starren, offenen Augen; bei Konvulsionen mit Steifheit der Glieder, eingeschlagenen Daumen und zur Faust geballten Fingern (cuprumCUPRUM); bei Schreibkrämpfen oder Krämpfen von Pianisten und Geigern; bei Chorea mit Herzsymptomen, als wären die Herzmuskelfasern in die allgemeinen Spasmen mit einbezogen; bei Epilepsie; bei Schüttellähmung (M. Parkinson).
Heftige Schmerzen; zum Wahnsinn treibende Schmerzen; quälende Schmerzen; schreckliche Schmerzen; starke Schmerzen mit Würgen.
Schmerzen: scharf; schießend; blitzartig, lanzinierend; schneidend; stechend; krampfartig; bohrend; kneifend, kolikartig; ziehend; zusammenschnürend; fein stechend.
Es heißt, Magnesia phosphorica sei „ein Nähr- und Funktionsmittel für die Nervengewebe“.
Nash: „Wir kommen nun zum ungekrönten König unter den Magnesiumsalzen. Es ist ein verhältnismäßig neues Mittel, und bisher ist ihm noch keineswegs ein seiner Bedeutung und seinen Vorzügen angemessener Platz in unserer Materia medica eingeräumt worden. …
Magnesia phosphorica nimmt den ersten Rang unter unseren wichtigsten Neuralgie- oder Schmerzmitteln ein. Und keines weist eine größere Vielfalt an Schmerzen auf “ (er nennt sie im Detail). „Am charakteristischsten sind meiner Meinung nach Krampfschmerzen, die besonders häufig in Magen, Bauch und Becken auftreten. … Bei Dysmenorrhö neuralgischer Art mit den typischen krampfhaften Schmerzen kenne ich kein Mittel, das ihm gleichkommt.“ (Übrigens, Nash verabreichte es bei letzterem Krankheitsbild für gewöhnlich in hoher Potenz, der 55 M, die er mit seiner eigenen Potenziermaschine herstellte.)
„Neben den charakteristischen Krampfschmerzen von Magnesia phosphorica steht seine ebenso charakteristische Modalität Besserung durch warme oder heiße Anwendungen.“ Hier zieht Nash einen sehr wichtigen Vergleich zu arsenicumARSENICUM. Er sagt: „Kein Mittel hat die Besserung durch heiße Umschläge deutlicher als ARSENICUM ALBUM. Doch werden Sie bemerken, dass unter all den verschiedenen Schmerzarten, die wir als zu Magnesia phosphorica gehörig erwähnt haben, gerade der für ARSENICUM so typische Schmerz durch Abwesenheit glänzt: das Brennen. Ich habe einmal näher auf diesen Unterschied geachtet und herausgefunden, dass dann, wenn brennende Schmerzen durch Wärme gelindert wurden, fast mit Sicherheit arsenicumARSENICUM Abhilfe schaffte, wohingegen nichtbrennende, aber gleichfalls durch Wärme gebesserte Schmerzen mit Magnesia phosphorica geheilt wurden. Ich glaube, dass sich dies als wertvolles Unterscheidungskriterium zwischen den beiden Mitteln erweisen wird. …
Bei schmerzhafter Menstruation wirkt Magnesia phosphorica schneller als pulsatillaPULSATILLA, caulophyllumCAULOPHYLLUM, cimicifugaCIMICIFUGA oder jedes andere mir bekannte Mittel. CIMICIFUGA scheint mir dabei eher die Fälle rheumatischer Natur abzudecken, während Magnesia phosphorica eher jene rein neuralgischen Charakters heilt. … Der Schüßlerschen Theorie hinsichtlich der fast universellen Anwendbarkeit des Mittels bei Krämpfen schenke ich keinen Glauben. Similia similibus curentur hat den Test bei anderen Mitteln bestanden – und wird es auch bei den sog. Gewebemitteln, ungeachtet aller Theorien.“
Auch auf die Gefahr der Wiederholung hin wollen wir nun den Scharfsinn und die Klarheit Kents bemühen, um weitere Hinweise zu erhalten; ich fasse zusammen:
„Magnesia phosphorica ist vor allem wegen seiner Krampfbeschwerden und Neuralgien bekannt. … Ein Schmerz kann sich entweder in einem Nerven festsetzen und dann allmählich immer stärker werden, oder er kann anfallsweise auftreten, dann aber gleich so heftig, dass er den Kranken fast rasend macht. Die Schmerzen werden in der Regel durch Wärme und Druck gebessert; … sie entstehen, wenn der Patient sich verkühlt oder auch nur etwas länger an einem kalten Ort aufhält. …
Die Schmerzen können sich überall bemerkbar machen … im Magen, in den Eingeweiden, und immer unterliegen sie den gleichen Modalitäten; Schmerzen selbst im Rückenmark, und auch sie werden durch Wärme gelindert. … Schmerzhafte Krämpfe durch fortgesetzte Überanstrengung einzelner Muskeln, z.B. Krämpfe in den Fingern durch Schreiben oder Spielen eines Musikinstruments. Wenn ein Pianist jahrelang viele Stunden täglich geübt hat, kann es passieren, dass seine Finger plötzlich verkrampfen und steif werden und nicht mehr zu gebrauchen sind. … Die Hand eines Arbeiters, eines Zimmermanns verkrampft sich beim Benutzen eines Werkzeuges … Dies ist ein ausgeprägter Zug des Mittels, bei jeder Art von Überanstrengung.
Heftige Krämpfe bei Dysenterie und Cholera nostras, die den Patienten laut aufschreien lassen. … Magnesia phosphorica war Schüßlers Hauptmittel beim Veitstanz, wir verwenden es hingegen nur gemäß seinen Prüfungen. Schüßler verschrieb es bei allen rein nervösen Affektionen, von den Prüfungen her gesehen ist sein Einsatz jedoch nur bei Neuralgien gerechtfertigt, die durch Wärme und Druck gebessert werden, des weiteren bei Krampfschmerzen und Zuckungen [mit diesen Modalitäten]. … Reißende Schmerzen, als ob der Nerv entzündet wäre und gedehnt würde. Schüttelnde Bewegungen wie bei der Parkinson Krankheit. Allgemeine Besserung durch Wärme und Druck; Verschlimmerung durch jede Art von Kälteeinwirkung (kaltes Baden, kalter Wind, kaltes Wetter, unzureichende Bekleidung). Schmerzen überall, wahrscheinlicher aber auf einen Körperteil beschränkt.
Nennenswerte Gemütssymptome sind von Magnesia phosphorica nicht hervorgebracht worden. Das Mittel wurde erfolgreich eingesetzt, wenn bei Cholera infantum die Durchfälle plötzlich aufhörten und dann Gehirnstörungen auftraten. Hirnkongestion – auch dies ein klinisches Symptom. …
Kongestiver Kopfschmerz, mit Gesichtsröte und Klopfen fast wie bei belladonnaBELLADONNA, aber gebessert durch festes Bandagieren und in einer warmen Stube.
Krämpfe und Zuckungen im Bereich der Augen; auch anhaltende tonische Krämpfe, die zu Strabismus führen. Heftige supra- und infraorbitale Neuralgien; … Gesichtsneuralgien, besonders auf der rechten Seite; alles besser durch Wärme und [weniger deutlich] durch Druck, schlimmer durch Kälte. …
Krampfhafte Magenschmerzen bei reiner Zunge. Kolikartige Bauchschmerzen, die zum Zusammenkrümmen nötigen, wie bei colocynthisCOLOCYNTHIS, besser durch Wärme. Bei COLOCYNTHIS ist die Linderung durch Wärme nicht ganz so ausgeprägt, dafür umso deutlicher die Linderung durch Druck. Ausstrahlende Bauchschmerzen. Sehr schmerzhafte Bauchauftreibung; der Patient wandert umher und stöhnt dabei vor Schmerzen. Magnesia phosphorica hat binnen weniger Stunden Blähsucht von Kühen geheilt. colchicum autumnaleCOLCHICUM heilt eine solche Blähsucht, wenn sie nach Austrieb der Kühe auf eine Weide mit jungem Klee entstanden ist.“
Nervenschmerzen im Verein mit Spasmen, Crampi und Koliken weisen also auf Magnesia phosphorica hin. Doch meine ich beobachtet zu haben, dass es nicht angezeigt ist, wenn Fieber besteht – ausgenommen bei einigen Fiebererkrankungen, die mit schmerzhaften Krämpfen einhergehen.
Der große Wirkungsbereich des Mittels ist das Nervengewebe, das es ebenso zu martern wie zu besänftigen vermag.

Medorrhinum

Weitere Namen: Gonorrhö-Nosode
Medorrhinum ist das sterilisierte und potenzierte Produkt einer jener „nicht zu besänftigenden“ akuten Krankheiten, die Hahnemann als allen chronischen Krankheiten zugrundeliegend erkannte und die den Patienten zu lebenslänglichem Leiden verurteilen, wenn sie nicht mit Hilfe ihrer passenden homöopathischen Arzneien bekämpft und „ausgelöscht“ werden. In Bezug auf den Tripper, die „Feigwarzen-Krankheit“, stellte Hahnemann zwei Arzneien, thujaTHUJA und nitricum acidumacidum nitricumACIDUM NITRICUM, besonders heraus, da sie den Manifestationen einer akuten Gonorrhö ähnliche Symptome erzeugten und somit potenziell heilsam sein mussten. Von beiden Mitteln verabreichte er dann dasjenige, das am meisten indiziert war.
Seit der Vollendung von Hahnemanns irdischem Lebenswerk haben wir in der Richtung, die er gewiesen hatte, weitere Fortschritte gemacht, indem wir die Krankheitsprodukte selbst prüften und bei ihrer Anwendung enorme Wirkungen erzielten. Selbstverständlich wurden auch sie durch die von Hahnemann beschriebenen Methoden der Zubereitung und Verabreichung ‚gezähmt‘ und so selbst für Neugeborene vollkommen harmlos gemacht. Dies konnte ich einmal an einem wenige Tage alten Säugling beobachten: Seine Mutter hatte ihn zu uns gebracht, weil er sich ständig herumwälzte, um auf dem Gesicht zu liegen (ein Medorrhinum-Symptom); sie hatte schreckliche Angst, dass er dabei ersticken könnte. Aber nachdem er eine winzige Dosis Medorrhinum bekommen hatte, war er wie ausgewechselt und schlief fortan friedlich und normal.
Die Homöopathie hat seit mehr als hundert Jahren die tödlichsten Gifte angewandt, und dies nicht nur mit einem Höchstmaß an Sicherheit, sondern auch an Erfolg. Allerdings: Hahnemanns Lehren hinsichtlich ihrer Anwendung mussten schon genau beachtet werden, sollten sie nicht den Weg so vieler neuer und vielversprechender Arzneimittel gehen: Anpreisung der großen Vorzüge; ausgedehnte Experimente – an Kranken; Verordnung nach Gutdünken oder irgendwelchen Vorlieben des behandelnden Arztes oder auch gemäß den Vorstellungen bestimmter Sponsoren; Entdeckung, dass sie nicht ungefährlich sind; Enthüllungen und Herabsetzungen seitens medizinischer Journale; und schließlich die Preisgabe der Mittel zugunsten noch neuerer und noch vielversprechenderer Präparate. Und dabei mag die Homöopathie die gleichen Mittel seit über hundert Jahren erfolgreich angewandt haben – in geeigneten Fällen und mit dem genauen Vorher-Wissen, wann man sicher sein kann, dass sie lediglich die Lebenskraft zu heilsamen Reaktionen veranlassen und keinen Schaden anrichten.
Medorrhinum wurde vor über hundert Jahren als homöopathisches Arzneimittel eingeführt, und zwar von Dr. Swan, USA, dem großen Pionier in der Anwendung von Krankheitsprodukten zur Vorbeugung und Heilung von Krankheiten. Das Mittel wurde von einer Reihe hervorragender, zumeist amerikanischer Ärzte geprüft. Die zahlreichen durch diese Prüfungen an Gesunden hervorgerufenen und durch nachfolgende klinische Erfahrungen bestätigten Symptome, kurz gesagt, die „verifizierten pathogenetischen Symptome“ von Medorrhinum sind höchst bemerkenswert und auffallend, vor allem jene auf der geistig-emotionalen Ebene. Ich will mich bemühen, Letztere besonders zu berücksichtigen, da man als Student der Materia medica nicht so leicht an sie herankommt, andererseits aber gerade sie den Genius der Arznei offenbaren.
Lassen Sie mich aber zunächst Folgendes betonen: Niemand soll glauben, dass ein Patient die Gonorrhö selbst gehabt haben muss, nur weil Medorrhinum das durch die Symptome des Falles angezeigte Mittel ist. Sicher, ich habe während des Krieges mit eigenen Augen gesehen, wie diese Nosode auch bei manchen scheußlichen akuten Tripperfällen glänzend gewirkt hat; weitaus häufiger aber ist, dass die Ansteckung durch mehrere Generationen hindurch ‚gefiltert‘ worden ist. In solchen Fällen kann es dann völlig unmöglich sein, ohne einige Zwischengaben Medorrhinum wirklich befriedigende Fortschritte in Richtung Gesundheit zu erzielen, vorausgesetzt natürlich, es sind entsprechende Symptome vorhanden. Und wie gesagt, wir können sicher sein, dass wir keinen Schaden damit anrichten, wenn das Mittel gemäß den Methoden Hahnemanns zubereitet worden ist und wir es entsprechend seinen Anweisungen verschreiben. Außerdem kann Medorrhinum ja nur auf einen Patienten heilend einwirken, der für dessen Wirkung abnorm empfänglich gemacht worden ist – durch irgendeine Krankheit mit ‚ähnlichen‘ Symptomen. Diese Symptome können unter Umständen auch nur auf der psychischen Ebene vorhanden sein, denn Medorrhinum ist auch eines der größten ‚Psychopharmaka‘, die wir haben.
Burnett, der große Erfahrung mit den Nosoden hatte – nicht zuletzt ihnen verdankte er seine gutgehende Praxis, ja zum Teil fast die Verehrung von Patienten, die bei ihm jene Hilfe fanden, welche ihnen sonst nirgends zuteil wurde –, pflegte stets zu betonen, dass „der scheußlichste Dreck, nach homöopathischer Art zubereitet, nicht nur völlig harmlos, sondern reinstes Gold sein kann, wenn er homöopathisch angewandt wird“.
Einige Symptome von Medorrhinum finden wir, soweit wir das heute wissen, nur bei diesem Mittel. Und ganz obenan steht dabei die Besserung an der Küste, wo es das einzige Mittel ist, das Kent in seinem Repertorium anführt.3

3

In der englischen Ausgabe, unter „Generalities, air, seashore, amel.“. Die deutsche Bearbeitung von Keller führt unter dieser Rubrik („Modalitäten, Luft, Seeluft an der Küste bessert“) außer Med. auch Brom. und Nat-m. an, das Synthetische Repertorium fügt noch Carc., Lyc. und Tub. hinzu (und erhebt Med. und Nat-m. in den zweiten Grad). Vithoulkas-Nachträge sind ferner: Bor., Iris und Sulf-ac. Laut Vithoulkas (Esalen-Seminare) findet sich dieses Symptom bei Medorrhinum in 98 % aller Fälle, wobei es so sein soll, dass es Medorrhinum direkt am Strand besser geht, nicht unbedingt, wenn er sich nur in einem Küstenort aufhält.

(bromumBrom. ist einziges und dreiwertiges Mittel unter einer anderen, in eine ähnliche Richtung weisenden Rubrik, nämlich „Atmung, Asthma bei Seeleuten, sobald sie an Land gehen“. Dies habe ich in dem einen BROMUM-Fall, an den ich mich aus meiner persönlichen Praxis erinnern kann, erfreut verifizieren können [Kap. B, Bromum].) Von diesem „Besser an der Meeresküste“ ist einer unserer eifrigen jungen Ärzte ganz besonders angetan, da es ihm immer wieder geholfen hat, eindrucksvolle Heilungen mit Medorrhinum zu erzielen. „Dieses Symptom“, sagt er, „hat sich als das große Charakteristikum der Arznei bewährt.“ Hier einige von ihm geheilte Fälle:
60-jähriger Mann; klagt über Furcht vor dem Tod; schlimmer, wenn er allein ist; schlimmer nachts. Rheumatische Beschwerden, die an der See vollständig verschwinden. Medorrhinum 30 nahm ihm fast augenblicklich seine Ängste, und auch insgesamt geht es ihm jetzt seit vier Monaten deutlich besser.
38-jährige Frau; Ulcus duodeni mit den üblichen Symptomen; Schmerzen zwei Stunden nach dem Essen; übermäßige Blähungen. Der Zustand war bereits seit acht Jahren mehr oder weniger unverändert. Da all ihre Verdauungsprobleme sich an der Küste besserten, erhielt sie Medorrhinum CM. Danach rasche Besserung sämtlicher Beschwerden, die auch drei Monate später weiter anhielt.
40-jährige Frau, abgemagert, mit juckender Kopfhaut und Haarausfall. An der See geht es ihr immer besser; Kälte der Brüste, während der übrige Körper warm ist; Verlangen nach Salz – alles Medorrhinum-Symptome. Sie erhielt das Mittel in der 10 M. Das Jucken und der Haarausfall hörten auf; sie nahm an Gewicht zu und sah auch deutlich besser aus.
Der Kollege hält die Indikation „Körperliche Beschwerden verschwinden an der Küste“, also eine Besserung, die deutlich über den allgemein tonisierenden Effekt eines Urlaubs hinausgeht, für höchst wertvoll.
Die gute Wirkung von Medorrhinum bei rheumatoiden Beschwerden habe auch ich mehrfach erlebt, ebenso seine Heilkraft bei vielen anderen schwer zu behandelnden Leiden; die Verschreibung erfolgte jeweils aufgrund der Symptome oder auch der Vorgeschichte.
Ich erinnere mich an den Fall eines schlimmen Augenleidens infolge einer gonorrhoischen Infektion in der frühen Kindheit, wo eine ältere Frau unter Gaben von Medorrhinum und syphilinumSYPHILINUM in großen Abständen einen Großteil ihres Sehvermögens wiedererlangte und die Augen auch äußerlich wieder vergleichsweise normal wurden.
Ein befreundeter Kollege hatte es einmal bei einer älteren Dame mit rätselhaften psychischen Störungen zu tun, unter denen ihre Angehörigen sehr zu leiden hatten. Er verabreichte Medorrhinum – mit großartigem Erfolg.
Medorrhinum hat, wie bereits angedeutet, eine Fülle von psychischen Symptomen, so unter anderem:
Seltsame hellseherische Fähigkeiten; sieht ständig Dinge vorher; empfindet die meisten von ihnen feinfühlig, bevor sie eintreffen, und meistens richtig – Vorahnung des Todes.
Eigentümliche Veränderung des Zeitgefühls, „als ob Dinge, die heute geschehen sind, vor einer Woche stattgefunden hätten“.
Verliert den Faden im Gespräch; Schwierigkeiten, korrekte Angaben zu machen; beginnt einen Satz und weiß dann nicht, wie sie ihn zu Ende bringen soll.
Einbildung, es wäre jemand hinter ihr, hört ein Flüstern; Gesichter hinter den Möbeln starren sie an; Leute kommen herein, sehen sie an, flüstern und sagen: „Komm!“
Sieht große Menschen im Zimmer; riesige Ratten rennen umher; fühlt, wie eine zarte Hand ihr von vorn nach hinten über den Kopf streicht.
Gefühl, als ob das ganze Leben unwirklich wäre, wie ein Traum.
Ist in großer Eile. – Sehr ungeduldig.
„Suizidneigung; steht nachts auf und holt seine Pistole, wird aber von seiner Frau daran gehindert, sich umzubringen.“
Alles erschreckt sie; Neuigkeiten, die auf sie zukommen, scheinen ihr Herz zu ergreifen, bevor sie sie vernimmt.
Furcht vor der Dunkelheit.
Gefühl, als hätte er eine unverzeihliche Sünde begangen und würde in die Hölle kommen.
Hoffnungslosigkeit; es kümmert ihn nicht, ob er in den Himmel oder in die Hölle kommt.
Sehr selbstsüchtig.
Gefühl, als würde sie alle Dinge anstarren, als stünden die Augen hervor. Ptosis der äußeren Enden der beiden Oberlider.
Nahezu völlige Taubheit auf beiden Ohren. Partielle oder vorübergehende Taubheit. Sonderbares Taubheitsgefühl von einem Ohr zum anderen, als ob ein Rohr durch den Kopf verliefe. Beim Pfeifen erklingt der Ton doppelt, mit einer Schwingung, als würden zwei Leute in Terzen pfeifen. Zischende Geräusche, wie beim Braten, scheinbar in den Mastoidzellen. Empfindung, als würde ein Wurm im rechten Ohr kriechen und beginnen, die Vorderwand des Gehörgangs zu durchbohren.
Bluten der Nase. Gefühl von Wundheit und Krabbeln im linken Nasenloch, wie von einem Tausendfüßler.
Kupferartiger Geschmack im Mund. Zunge belegt; mit Blasen besetzt. Blasen auf den Lippen- und Wangenschleimhäuten, wobei sich die Haut in Fetzen ablöst. Reichlicher Speichelfluss. Im Schlaf läuft fadenziehender Schleim aus dem Mund.
Reizung im Rachen, wie abgeschabt.
Gänzlich ohne Appetit. Oder Heißhunger direkt nach dem Essen. Ungeheuer durstig; träumt sogar, dass sie trinkt.
Verlangen nach Salz, Süßigkeiten, grünem [unreifem] Obst, Eiswürfeln, Saurem, Orangen. Unstillbares Verlangen nach alkoholischen Getränken, die sie zuvor nicht mochte.
Erbrechen von dickem Schleim und schwarzer Galle, zumeist ohne Übelkeit.
Starke Schmerzen im Magen und Oberbauch, verbunden mit einem Gefühl von Enge. Flaues, elendes Gefühl und quälende Übelkeit in der Magengegend, mit dem Bedürfnis, dort etwas fortzureißen. Gefühl in der Magengrube wie von vielen Stecknadeln, die sich durch das Fleisch zu zwängen schienen; musste aufstehen, sich zusammenkrümmen und schreien (Leberabszess).
Greifender Schmerz in Leber und Milz. Schreckliche Schmerzen in der Leber, so schlimm, dass sie glaubte sterben zu müssen. Leberabszess, mit Klopfen und Pochen in der rechten Nebennierengegend; ferner überlaufende Frostschauer in der rechten Nierengegend, mit Klopfen und Kontrahieren daselbst oder Ziehen und Loslassen, wie von den Klauen eiskalter Insekten. Quälender Schmerz im Solarplexus; er hielt die rechte Hand an die Magengrube und die linke an die Lendengegend.
Pochen des Pulses im Bauch und in vielen anderen Körperbereichen.
Kann nur Stuhl absetzen, wenn er sich weit zurücklehnt. Ausschwitzen von Feuchtigkeit aus dem After, übelriechend wie Fischlake.
Hering berichtet von geheilten Fällen: „15-monatiges Kind, das scheinbar tot auf einem Kissen in die Klinik gebracht wurde; Augen glasig und starr; konnte keinen Puls tasten, fühlte aber das Herz schlagen; aus dem After rann grünlichgelber, dünnflüssiger, entsetzlich stinkender Stuhl.“ „Ein 7 Monate altes Baby, stark abgemagert nach Sommerdiarrhö; Durchfall grün, wässrig, schleimig, gelb, mit Stückchen wie von geronnener Milch, … nach faulen Eiern riechend; unwillkürlicher Stuhlabgang; wie leblos, außer dass es den Kopf im Kissen dreht.“ „Cholera infantum mit Opisthotonus, Erbrechen und wässrigem Durchfall, dabei reichlicher Abgang von Blut und Eiter.“
Medorrhinum hat viele Symptome in Bezug auf die Harnwege: Gefühl von Sprudeln bzw. sich bewegenden Blasen in der rechten Niere (Leberabszess); dumpfer, kneifender Schmerz in der Gegend der Nebennieren. Streng riechender Urin; farbloser Urin; Urin mit darauf schwimmendem, fettigem Häutchen. Das Mittel hat manche Fälle von nächtlicher Enuresis, ja sogar von Diabetes geheilt.
Leukorrhoe: Ein Symptom, das an Medorrhinum als Heilmittel denken lässt, ist die anamnestische Angabe einer scharfen, übelriechenden, möglicherweise grünlichen Absonderung aus der Vagina.
Medorrhinum affiziert die Mammae; z.B.: „Brüste bei Berührung eiskalt, besonders die Brustwarzen, während der übrige Körper warm ist.“ Oder auch: „Brustwarzen wund, empfindlich, entzündet.“ „Eigentümliche Empfindlichkeit der Brüste.“ „Große, aber nicht schmerzhafte Schwellung der linken Mamma.“
Von den Symptomen seitens der Atemwege wollen wir festhalten … Erschwertes Atmen und Atembeklemmungen; muss tief einatmen, hat aber keine Kraft auszuatmen. Glottisspasmus; Luft kann nur schwer ausgestoßen werden, ist aber leicht einzuatmen (chlorumCHLORUM). Bei Asthma und zur Linderung des Hustens liegt Medorrhinum auf dem Gesicht. „Brennende Hitze in der Brust“ ist eines der Lungensymptome; und das Mittel hat sogar einen guten Ruf bei beginnender Phthisis.
Schmerzen in der Brust, im Herzen, in den Gliedmaßen.
Ich habe Medorrhinum hilfreich gefunden, wenn Gelenke mit Flüssigkeit prall gefüllt waren – bei dieser Art von rheumatoider Arthritis. Dabei denke ich an den Fall einer Köchin, die ihre Arbeit aufgeben musste, da sämtliche kleinen Gelenke sie schmerzten und angeschwollen und voller Flüssigkeit waren. Eine Gabe ‚Gonorrhinum‘ 30, und als ich sie das nächste Mal sah, hatte sie ihre Wanderschuhe angezogen und war, sozusagen als Test, durch die Heide von Hampstead gelaufen. Kurz danach nahm sie ihre Arbeit wieder auf.
Mit sulfurSULFUR , pulsatillaPULSATILLA und chamomillaCHAMOMILLA erscheint Medorrhinum dreiwertig im Repertorium bei „… [Füße], Brennen der Fußsohlen, streckt sie nachts aus dem Bett.“ 4

4

Dieses höchst wichtige und praxisrelevante Symptom gibt es in dieser Form nicht im Repertorium. Die einzige Rubrik, in der die genannten vier Mittel dreiwertig erscheinen, lautet „Neigung zum Entblößen der Füße“ (sie findet sich unter „Extremititäten, Modalitäten …“). In der Rubrik, die Tylers Formulierung am nächsten kommt („Extremitäten, Hitze, Fußsohle, entblößt sie“), fehlt Medorrhinum und darf dort sicher ergänzt werden. Eine weitere, ähnliche Rubrik ist „Extremitäten, Hitze, Fuß, brennend, entblößt sie“ mit Med., Puls., und Sulf. als dreiwertigen und Cham., Sang. und Sanic. als zweiwertigen Mitteln. In beiden Rubriken kann (nach Vithoulkas) Phos. ergänzt werden. (Kap. S, Fußnote 35)

Hering erwähnt einen Fall, bei dem die Füße nach Unterdrückung einer Gonorrhoe so empfindlich wurden, dass der Mann auf den Knien gehen musste.
Bei neurologischen oder nervösen Leiden sollte man, den Prüfungen zufolge, immer auch an Medorrhinum denken: Allgemeines Gefühl von starkem, innerem Zittern; selbst die Zunge scheint zu zittern. Taubheitsempfindungen. Fast völliger Kräfteverlust der Extremitäten.
Am wichtigsten bei Medorrhinum sind jedoch die folgenden Modalitäten5

5

Die mit 0 versehenen Modalitäten wurden vom Übersetzer nach den einschlägigen Arzneimittellehren ergänzt. Tylers Angabe „better bending backwards“ habe ich dagegen fortgelassen, da sie zu speziell ist und sich praktisch nur auf den Stuhlgang bezieht.

, die sich auf viele Beschwerden beziehen:
  • besser an der Küste;

  • besser bei feuchtem Wetter;

  • besser beim Liegen auf dem Bauch, auf dem Gesicht 0,

  • in Knie-Ellenbogen-Lage 0;

  • schlimmer beim Darandenken 0;

  • schlimmer am Tage, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang

    (Gegenteil von syphilinumSYPHILINUM), wenngleich sich einige Symptome

    auch nachts verschlimmern können.

Medorrhinum ist ein Mittel von großer Heilkraft und breitem Anwendungsbereich – wenn es auf seine wohldefinierten Indikationen hin verschrieben wird.
H. C. Allen, der uns mit seiner Materia Medica of the Nosodes viele dieser Krankheitsprodukte zugänglich gemacht hat, bringt darin ein langes Kapitel über Medorrhinum. Ihm zufolge gibt es zwei verschiedene Präparate, eines aus dem akuten und ein anderes aus dem chronischen Stadium.
Er schreibt ferner: „Wie jede andere Nosode sollte Medorrhinum streng nach den Indikationen verordnet werden, genauso wie wir auch arsenicumARSENICUM, opiumOPIUM oder sulfurSULFUR verordnen – ohne Rücksicht auf die Herkunft des Mittels oder auf die Diagnose.“
Allen berichtet von einem „hartnäckigen Fall von akutem Gelenkrheumatismus bei einem 60-jährigen Mann“, den er von Juni bis September 1875 behandelt hatte. „Er litt an grässlichen Nervenschmerzen. Nach einem verzweifelten Kampf um sein Leben in der ersten Septemberwoche ging es ihm besser, sodass er aufstehen konnte – doch körperlich war er zu dieser Zeit ein einziges Wrack. Ich erwartete, dass die Zeit, viel frische Luft und beste hygienische Bedingungen ihn allmählich wiederherstellen würden. Aber Wochen und Monate vergingen, ohne irgendeine Veränderung. Auf einen Stock gestützt, ging er vornübergebeugt die Straßen entlang, bis zu den Ohren dick eingehüllt, sodass er aussah wie ein alter Mann, der bereits am Rande des Grabes stand. Drei Monate nach meiner letzten Visite sah ich ihn an meiner Praxis vorbeigehen, und seine frühere gute Gesundheit und robuste Natur bedenkend, drängte sich mir die Frage auf: Warum kommt er aus diesem Zustand nicht heraus? Gibt es noch irgendein ungeheiltes – ererbtes oder erworbenes – Miasma, welches die Hartnäckigkeit dieses Falles erklären könnte? Könnte es eine verborgene gonorrhoische Ansteckung oder Belastung sein? Aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, konnte ich ihn nicht danach befragen.
Da kam mir Dr. Swans Empfehlung in den Sinn:
Ein hartnäckiger Fall von Rheumatismus kann auf eine latente Gonorrhö zurückzuführen sein, und dann wird Medorrhinum in hoher Potenz heilen. In vielen Fällen, wo die Besserung nur bis zu einem bestimmten Punkt voranschreitet und dann zum Stillstand kommt, räumt Medorrhinum das Hindernis beiseite, und der Fall kann ausgeheilt werden; und dies auch dann, wenn eine Gonorrhö als Ursache höchst unwahrscheinlich ist. Wenn überhaupt irgendetwas, so lehrt uns dies den alles durchdringenden Charakter der latenten Gonorrhö – und die heilenden Kräfte des dynamisierten Trippergifts.
Seine Frau konsultierte mich kurz darauf wegen einer anderen Angelegenheit und meinte, ihrem Gatten gehe es wohl so gut, wie man es in Anbetracht seines Alters erwarten könne. Sie glaube nicht, dass er von sich aus noch irgendetwas unternehmen werde, da er seinen gebrechlichen Zustand auf sein Alter zurückführe. Doch am nächsten Tag kam er selbst bei mir vorbei, und ich gab ihm drei Dosen Medorrhinum, die er jeweils morgens einnehmen sollte. Nach zehn Tagen stellte er sich wieder vor: Er fühlte sich wohl und sah auch deutlich besser aus. Ich gab ihm für später noch eine Dosis mit, und dies war die letzte Verschreibung, die er benötigte. Innerhalb eines Monats nach Medorrhinum ließ er Stock und Schal zu Hause und ging aufrecht und festen Schrittes die Straßen entlang – ein Mann bei bester Gesundheit; sein Gewicht hatte von 63 auf 96 kg zugenommen.“
Nash schreibt (Leitsymptome in der homöopathischen Therapie): „Die Nosode des Tripper-Erregers ist zweifellos ein großes Heilmittel. Jeder Kenner der Gonorrhö weiß um die schwere Form von Rheumatismus, die so oft Folge der Einbringung dieses Erregers in den Organismus ist. Ich habe von der Anwendung dieses Mittels bei chronischem Rheumatismus einige außergewöhnliche Erfolge gesehen.“
Nash bringt zwei aufschlussreiche Medorrhinum-Fälle und stellt dann fest, dass er bei den Patienten, denen er mit diesem Mittel helfen konnte, niemals eine Vorgeschichte von Gonorrhö gefunden hat. „So stellt sich die Frage: Ist Swans Nosodentheorie richtig, oder heilen Krankheitsprodukte homöopathisch nur solche Fälle, die ihnen zwar ähnlich sind, aber keine entsprechende Vorgeschichte aufweisen? …
Seit ich dies niederschrieb, habe ich mit den sogenannten Nosoden weiter experimentiert und sowohl mit Medorrhinum als auch mit syphilinumSYPHILINUM schöne Erfolge in hartnäckigen Fällen von chronischem Rheumatismus erzielt. Der charakteristischste Unterschied zwischen den beiden Mitteln ist, dass bei Medorrhinum die Schmerzen tagsüber schlimmer sind, bei SYPHILINUM aber nachts.
Es besteht kein Zweifel, dass diesen beiden Krankheitsgiften große Heilkräfte innewohnen, und sie sollten nicht verworfen werden, nur weil sie die Produkte einer Krankheit sind.
Auch von den anderen Nosoden habe ich in den vergangenen zwei Jahren einige bemerkenswerte Wirkungen gesehen.“
Hauptsymptome6
Geist und GemütZeit vergeht zu langsam.

6

Die kursiv gedruckten Symptome entsprechen den wenigen mit zwei fetten Balken versehenen Beobachtungen in Herings Guiding Symptoms; die beiden übrigen „Hauptsymptome“ – ein Prüfungssymptom und ein bei Hering nicht erwähntes Symptom – sind in den Nosodes von H. C. Allen hervorgehoben.Leider folgt Tyler in der Auswahl ihrer „Hauptsymptome“ den Bewertungen des Letzteren; Allen ist bei der Übertragung der Symptome aus den Guiding Symptoms jedoch einem Missverständnis erlegen. Aus dem Vorwort des Medorrhinum-Kapitels der Guiding Symptoms geht nämlich hervor, dass bei diesem Mittel (anders als sonst) die mit zwei dünnen Balken bezeichneten Symptome rein klinischen Ursprungs sind; Allen hat das offenbar übersehen und stellt diese den am höchsten bewerteten, also den immer wieder klinisch bestätigten Prüfungssymptomen gleich. Das ergibt ein falsches Bild, auch deshalb, weil die in den Guiding Symptoms mit einem fetten Balken markierten Symptome (klinisch bestätigte Prüfungssymptome) bei Allen nun im Wert unter den rein klinischen Beobachtungen rangieren – und somit nicht in Tylers Liste der „Black Letter Symptoms“ erscheinen, obwohl sie als durch Medorrhinum hervorgerufene und geheilte Symptome dort sicherlich mehr am Platz gewesen wären als die nur an Kranken beobachteten.Um die Proportionen etwas zurechtzurücken – und im Sinne von Tylers Absicht, gerade die vielfach hervorgerufenen und geheilten Symptome als „Hauptsymptome“ zusammenzufassen –, habe ich einen großen Teil der von Tyler aufgezählten „Hauptsymptome“ ausgegliedert und unter der Überschrift „Einige klinische Symptome“ gesondert aufgeführt. Wurden derartige klinische Symptome bereits weiter oben zitiert, habe ich sie hier weggelassen.

Ist in großer Eile; wenn sie etwas tut, tut sie es so hastig, dass sie bald ganz erschöpft ist.
Fürchtet, er werde sterben.
NaseNasenbluten.
RektumKann nur Stuhl absetzen, wenn er sich weit zurücklehnt; sehr schmerzhaft, als wäre ein Knoten an der hinteren Sphinkterfläche; so schmerzhaft, dass es ihm Tränen in die Augen treibt.
GenitalienImpotenz.
LungenBeginnende Schwindsucht.
Einige klinische Symptome
Schwerfälliges Gedächtnis; Neigung, Arbeiten vor sich her zu schieben, weil sie zu langwierig erscheinen, so als könnte man niemals damit fertig werden.
Im Gespräch hielt er gelegentlich inne, und wenn er den Faden wieder aufnahm, sagte er, er habe nicht mehr gewusst, welches Wort er benutzen wollte.
Ständiges Tränen der Augen, mit großer Hitze und Gefühl von Sand unter den Lidern.
Große Blässe; Gelbfärbung des Gesichts, besonders um die Augen herum, wie nach einem Schlag oder Stoß (grünlichgelb); gelber Streifen quer über die Stirn, nahe dem Haaransatz.
Neuralgie des rechten Ober- und Unterkiefers; zieht bis in die Schläfe.
Harte Schwellung am rechten Oberkiefer, etwa im Bereich der Höhle eines Zahns, der vor Jahren gezogen wurde.
Blasses Zahnfleisch.
Mund sehr wund; Geschwüre auf der Zunge und der Wangenschleimhaut, wie von Blasen.
Heftiges Würgen und Erbrechen, 48 Stunden lang; zuerst eiweißartiger Schleim …, zuletzt kaffeesatzähnliche Massen; begleitet von starken Kopfschmerzen, mit großer Niedergeschlagenheit und einem Gefühl, als stünde der Tod kurz bevor; während des Anfalls ständiges Beten.
Schmerzhafte Magenkrämpfe, wie von Blähungen.
Brennende Hitze im rechten Hypochondrium, bis in den Rücken sich erstreckend, wie von glühenden Kohlen (Leberabszess).
Leberkongestion.
Aszites; Abdomen stark ausgedehnt; … Urin sehr spärlich und dunkel.
Cholera infantum mit Opisthotonus, Erbrechen und wässriger Diarrhö, dabei reichlicher Abgang von Blut und Eiter.
Schwarzer Stuhl.
Weißer Durchfall.
Hämorrhoiden, die anfallsweise schmerzen, nicht blutend, mit heißer Schwellung der linken Seite des Anus; Madenwürmer.
Glinicum 1000
Glinicum ist nichts anderes als Medorrhinum; warum also die Namen vermehren? Nur deshalb, weil ich die Ausgangssubstanz hierfür von einem typischen Fall selbst gewonnen und mit Weingeist selbst mazeriert habe, sodass ich weiß, was es ist und wie es zubereitet wurde; und jeder andere kann das gleiche tun, jederzeit und überall auf der Welt. …
Meine Indikationen für Glinicum sind: Erwachen durch Schmerzen in den frühen Morgenstunden; Magenübersäuerung; belegte Zunge; widerlicher Mundgeschmack und Atem; nicht zu säubernde, schmutzige Zunge; Schwäche; Blässe; Frösteligkeit; schlimmer durch kalte Nässe. Darüber hinaus ist Glinicum größtenteils ein linksseitiges Mittel.
Glinicum bringt die Hälfte der Ischiaserkrankungen, die mir unterkommen, zum Verschwinden. Welch eine Bilanz!“ – Burnett.

Mercurius

Weitere Namen: mercurius solubilis hahnemanniMercurius solubilis Hahnemanni; „schwarzes Quecksilberoxyd“
Um durch Prüfungen dieses Metalls ein exaktes Wissen über dessen Wirkungen auf den menschlichen Organismus zu erlangen – auf welche Weise es ihn zu schädigen und somit zu heilen vermag –, verwandte Hahnemann große Mühe darauf, das Quecksilber in zugleich reiner und löslicher Form zu gewinnen.
Eines seiner Präparate, mercurius vivusmercurius vivusMERCURIUS VIVUS, war metallisches (von Zusätzen wie Blei u. a. gereinigtes) Quecksilber, das durch Trituration und Potenzierung aktiviert worden war – denn, wie er sagt, „im fließenden Metallzustande hat Quecksilber wenig dynamische Einwirkung auf das Befinden des Menschen, bloß die Zubereitungen desselben haben große Wirkungen“.
Er spricht kurz die verschiedenen Salze des Quecksilbers an, um dann festzustellen: „Nur so viel läßt mich sorgfältige Prüfung in der Erfahrung aussprechen, daß sie wohl sämtlich etwas Gemeinsames in ihrer Wirkung als Quecksilbermittel bewirken, im Besondern hingegen ungemein von einander abweichen und auch sehr in der Heftigkeit ihres Eingriffs auf das menschliche Befinden …“
Hahnemann, der zu seiner Zeit einen Ruf als großer analytischer Chemiker hatte, machte sich daher an die Aufgabe, „das reine Quecksilbermetall in einen Zustand zu versetzen, daß es bloß seine wahren, reinen, eigenthümlichen Wirkungen auf den menschlichen Organism und zwar heilkräftiger äußern könne, als die übrigen bekannten Zubereitungen und salzigen Verbindungen desselben“.
Das Ergebnis war mercurius solubilis hahnemanniMERCURIUS SOLUBILIS HAHNEMANNI oder „schwarzes Quecksilberoxyd“7

7

Laut Mezger, Gesichtete Arzneimittellehre, ist Mercurius solubilis chemisch kein einheitlicher Körper, sondern ein Gemisch aus Mercuroamidonitrat (NH2Hg2NO3) mit Quecksilber und Mercurooxid (Hg2O).

, das rasch „seiner weit mildern, hülfreichern, antisyphilitischen Wirkung wegen allen übrigen, mit Säuren verbundnen, bisher gebräuchlichen Quecksilber-Mitteln in fast allen Ländern vorgezogen“ wurde und das bis auf den heutigen Tag auf der ganzen Welt in der Medizin in Gebrauch geblieben ist.
Aber auch dieses Präparat stellte Hahnemanns Streben nach dem „höchsten Grad von Reinheit“ noch nicht ganz zufrieden, und so verfertigte er in Form des dunkelgrauen Quecksilber-Niederschlags „ein völlig reines Quecksilber-Oxydul“. Da jedoch dessen Zubereitung sehr umständlich und mühsam8

8

In der Reinen Arzneimittellehre beschreibt er die Prozesse der verschiedenen Zubereitungen.

und seine Wirkungen von denen des schwarzen Oxids kaum zu unterscheiden waren, war es ebendieses schwarze Quecksilberoxid, das von Hahnemann und seiner Gruppe einer drastischen Prüfung unterzogen wurde. Dieses Präparat ist es, welches wir als Mercurius solubilis oder einfach Merc.9

9

Kent verwendet in seinem Repertorium diese Abkürzung für Mercurius vivus, worunter er allerdings die Symptome von Mercurius solubilis subsumiert.

verschreiben. Allen anderen Zubereitungen fügen wir dann zur näheren Bestimmung spezielle Kennzeichnungen bei: Merc-v., mercurius dulcisMerc-d., mercurius corrosivusMerc-c., mercurius cyanatusMerc-cy., mercurius jodatus ruberMerc-j-r. etc.
Hering (Guiding Symptoms) schreibt: „Die durch reguläre Prüfungen gewonnenen Symptome von Mercurius solubilis und die Wirkungen von mercurius vivusMercurius vivus, die aus sorgfältig gesichteten und klinisch bestätigten toxikologischen Berichten zusammengetragen wurden, sind hinreichend ähnlich, um sie gemeinsam in einer Gruppe zusammenzustellen.“ Dennoch setzt er, wo ihm die Herkunft bekannt war, ein „s.“ oder „v.“ an das Ende eines jeden Symptoms, um anzuzeigen, zu welchem Mittel dieses spezielle Symptom gehört. Clarke (Dictionary) folgt Hering darin, dass er die Symptome gemeinsam aufführt10

10

Allerdings macht Clarke nur bei seinen klinischen Angaben und Diagnosen sowie zu Beginn des Textes differenzierende Angaben; in seiner Symptomenzusammenstellung unterscheidet er nicht zwischen den Mitteln.

, während Allen in seiner Encyclopedia die Symptome von Mercurius [vivus] und Mercurius solubilis getrennt auflistet.
Mercurius ist eines jener „vielnützigen Mittel“, ohne die wir kaum auskommen könnten. Dementsprechend hat es seinen angestammten Platz in der kleinsten Taschenapotheke, und kein homöopathischer Arzt würde seine Visitenrunde machen ohne ‚Merc.‘ in seinem Arzneiköfferchen. Bei der Behandlung leichter Erkrankungen wie auch schwerster Krankheiten hat es seinen eigenen und einzigartigen Rang: bei Erkältungen und Husten, Zahnschmerzen und Ohrenschmerzen, Kopfweh, Augen- und Nasenleiden; bei Erkrankungen von Mund, Zahnfleisch und Zunge, wo seine Wirkung besonders ausgeprägt ist; bei Halsentzündungen, Leber- und Bauchbeschwerden sowie bei Stuhlproblemen – mit Verstopfung und Durchfall; bei Erkrankungen der Harnwegs- und Geschlechtsorgane, der Lungen, Gliedmaßen, Drüsen und der Nerven – mit Tremor; bei Hautaffektionen – mit Ausschlägen, Geschwüren und übermäßigen Schweißen. Überall aber hat es seine hervorstechenden Besonderheiten, und hat man erst einmal sein Wesen, sein ‚Sosein‘ ergründet, wird man es kaum verfehlen können.
Mercurius macht vor allem durch seinen fauligen und abstoßenden Geruch auf sich aufmerksam, durch den Gestank seines Atems – seines profusen Speichels – seiner durchnässenden Schweiße. Merkwürdigerweise sind jedoch Stuhl, Urin, Menses und Ausfluss nicht besonders übelriechend, ausgenommen die Stühle im Fall von mercurius corrosivusMERCURIUS CORROSIVUS.
Drei weitere wichtige Merkmale:
  • Schlimmer in der Bettwärme.

  • Schlimmer nachts.

  • Übermäßige Sekretionen der Schleimhäute.

Lassen Sie uns nun sehen, wie Mercurius sich einigen unserer großen Meister darstellte, welchen Nutzen sie daraus gezogen haben und welche Tipps sie uns diesbezüglich geben können.
Hier zunächst Nashs kleine Zusammenfassung …
„Geschwollene, schlaffe Zunge, an den Rändern Zahneindrücke aufweisend; Zahnfleisch ebenfalls geschwollen, schwammig und blutend; fauliger Gestank aus dem Mund.
Reichliche Schweiße bei Tag und Nacht, ohne Erleichterung der Beschwerden.
Überlaufende Kälte oder Frostschauder zu Beginn einer Erkältung oder bei drohender Eiterung.
Übermäßige Schleimabsonderung der Schleimhäute.
Feuchte Zunge bei heftigem Durst.
Kalte Drüsenanschwellungen [= ohne Entzündung] mit Neigung zur Eiterung; Geschwüre mit speckigem Grund.
Modalitäten: < abends und besonders nachts, in der Bettwärme, beim Schwitzen, beim Liegen auf der rechten Seite.
Knochenkrankheiten, besonders entzündliche, nächtliche Schmerzen.
Dysenterie: scharfe, blutig-schleimige Stühle, mit Leibschneiden und Ohnmachtsanwandlungen; heftiger Tenesmus während und nach dem Stuhlgang, gefolgt von Frösteln und einem Gefühl des ‚Niemals-fertig-Werdens‘ (deutlicher noch bei mercurius corrosivusMERCURIUS CORROSIVUS).
Je mehr Blut und Schmerzen beim Stuhlgang, desto eher ist Mercurius indiziert.
Affiziert besonders den rechten unteren Lungenlappen; Stiche in der Brust bis zum Rücken hindurch (chelidoniumCHELIDONIUM, kalium carbonicumKALIUM CARBONICUM).
Heftiger Durst, obwohl die Zunge feucht aussieht und reichlicher Speichelfluss besteht.“
Und, so Nash: „In niedrigen Potenzen beschleunigt es die Eiterbildung, in hohen verhindert es sie, z.B. bei Mandelentzündung.“
Nun wollen wir H. C. Allen (mit seinen Keynotes) zu Wort kommen lassen:11

11

M. Tyler schreibt irrtümlich, dass sie Boger zitiere; die Zitate stammen jedoch aus dem Mercurius-(vivus-) Kapitel von H. C. Allen.

„Reichliches Schwitzen bei fast jeder Beschwerde, das aber nicht erleichtert.
Schnupfen: … Nasenlöcher wund, geschwürig“ (aurumAURUM, sulfurSULFUR).
„Ptyalismus: … fötider, kupferig-metallisch schmeckender Speichel.
Zunge: groß, schlaff, zeigt Zahneindrücke (chelidoniumCHELIDONIUM, podophyllumPODOPHYLLUM, rhus toxicodendronRHUS TOX.).
Großer Durst trotz feuchter Zunge und Speichelfluss (pulsatillaPULSATILLA: trockene Zunge und durstlos; desgleichen nux moschataNUX MOSCHATA).
Dysenterie: Stühle schleimig und blutig, mit Kolik und Ohnmacht.
Keine Erleichterung des Tenesmus durch Stuhlgang“ (mercurius corrosivusMERCURIUS CORROSIVUS); „Gefühl des ‚Niefertig-Werdens‘“ (MERCURIUS CORROSIVUS).
„Starker Speichelfluss, der im Schlaf das Kopfkissen nass werden lässt.
Zittern der Hände.“
Nash erörtert die einzelnen Punkte und erläutert sie näher; er schreibt:
„Der Frost von Mercurius ist, wie ich beobachtet habe, recht eigenartig. Es ist kein Schüttelfrost, sondern lediglich ein über die Haut kriechendes oder überlaufendes Frösteln12

12

Engl. creeping chilliness. Dieser Begriff ist bei den Übersetzungen der Materia medica ins Englische verwendet worden, wenn es bei Hahnemann heißt, „es überläuft ihn kalt“ oder „es überläuft ihn Frost“.

.“ (gelsemiumGELSEMIUM: starke Frostschauder bei schweren Gliedern; nux vomicaNUX VOMICA: Frostschauder durch jede Bewegung, durch Weggehen vom Ofen.) „Oft ist diese Empfindung das erste Symptom einer gerade in Gang gekommenen Erkältung, auf die dann, wenn man nichts unternimmt, ein Schnupfen, eine Halsentzündung, eine Bronchitis oder gar eine Pneumonie folgen kann. Doch frühzeitig eingenommen, vermag eine Gabe Mercurius all diese Übel abzuwenden. Dieses Frösteln wird zumeist am Abend empfunden und steigert sich zur Nacht hin, wenn es nicht durch Mercurius behoben wird. … Oft wird es auch nur an einzelnen Körperteilen wahrgenommen; es kann aber auch nur im Bereich von Abszessen verspürt werden, oder es ist der Vorbote einer Abszessbildung.“
Ich erinnere mich an einen Fall, wo ein Chirurg mehrere Fisteln an einem Schultergelenk zu versorgen hatte. Der Patient klagte über dieses Frostgefühl in den Wunden, und so erhielt er Mercurius, das sich dann (wie mir später berichtet wurde) sehr günstig auf das ganze Leiden auswirkte. (Man vergleiche hier auch siliceaSILICEA, das ein Gefühl von Kälte in Geschwüren hat.)
„Nun zu den Schweißen von Mercurius. Sie sind sehr profus und verschaffen keinerlei Linderung, wie es die Schweiße bei entzündlichen Erkrankungen normalerweise tun; im Gegenteil, die Beschwerden nehmen mit der Schweißsekretion sogar noch zu (tiliaTILIA). Bei welchen Krankheiten finden wir nun dieses Phänomen? Es ist bei fast jeder Krankheit anzutreffen: bei Halsentzündung, Bronchitis, Pneumonie, Pleuritis, Peritonitis, Abszessen, Rheumatismus und unzähligen anderen. Kurz, bei jeder Krankheit, die dieses profuse und anhaltende Schwitzen ohne Erleichterung aufweist, ist Mercurius das erste Mittel, an das man denken muss.
Verschlimmerung nachts und besonders in der Bettwärme ist ein weiteres herausragendes Charakteristikum von Mercurius (ledumLEDUM). Es gibt eine lange Reihe von Arzneien mit nächtlicher Verschlimmerung, aber nicht so viele mit Verschlimmerung durch Bettwärme. Ich habe schon oft Hautkrankheiten der verschiedensten Art mit Mercurius geheilt, indem ich mich von dieser Modalität leiten ließ.“
H. C. Allen vergleicht in dieser Hinsicht Mercurius mit arsenicumARSENICUM:
„Mercurius ist < durch Bettwärme, aber > durch Bettruhe.
ARSENICUM ist > durch Bettwärme, aber < durch Bettruhe.“
Es ist das Wissen von solch kleinen Dingen, das so häufig ein erfolgreiches und zugleich rasches Verschreiben in akuten Fällen ermöglicht. Ein weiterer Punkt, auf den Allen hinweist, ist die „Verschlimmerung beim Liegen auf der rechten Seite“ – nur wenige Mittel haben das!
Und nun einige Zitate von Kent.
„Mercurius hat ähnlich viel stechende Schmerzen wie apisAPIS. Routinemäßig wird hier von vielen APIS gegeben, und doch ist es sehr häufig Mercurius, das der Patient benötigt. …
Purulente, übelriechende Otorrhö. … Furunkel im äußeren Gehörgang. Schwammige Auswüchse oder Polypen im Gehörgang. …
Die Zunge ist schlaff, oft blass und wie mit Mehl bestäubt. Überall am Zungenrand kann man Zahneindrücke erkennen. Da die Zunge geschwollen ist wie ein Schwamm, drückt sie von innen gegen die Zähne und formt sich so nach den Zwischenräumen der Zähne. … Bei Gichtkranken schwillt die Zunge nachts an, und wenn sie aufwachen, ist der ganze Mund damit ausgefüllt“ (vgl. crotalus horridusCROTALUS HORRIDUS). „Reichlicher Fluss fötiden Speichels. …
Milcheinschuss in den Brüsten während oder auch anstelle der Menstruation. Ich behandelte einmal einen 16-jährigen Jungen, der Milch in seinen Brustdrüsen produzierte; er konnte durch Mercurius geheilt werden. …
Der Urin brennt und beißt. … Jucken der Genitalien durch den Kontakt mit dem Urin; er muss abgewaschen werden. …
Die Beschwerden verschlimmern sich allgemein, wenn der Kranke schwitzt, und je mehr er schwitzt, desto schlechter geht es ihm. …
Die Haut exkoriiert, wo immer zwei Körperteile einander berühren. …
Mercurius zieht besonders die Gelenke in Mitleidenschaft; akuter Gelenkrheumatismus mit starker Anschwellung der Gelenke, schlimmer einerseits durch Bettwärme und andererseits durch Entblößen der befallenen Teile, sodass es schwierig ist, die richtige Dicke der Zudecken herauszufinden. Rheumatische Beschwerden allgemein weichen Mercurius, wenn die ausgeprägte Schweißneigung zugegen ist, die Verschlimmerung in der Nacht, durch Bettwärme und durch Schwitzen, und wenn sie insgesamt mit einem kränklichen Aussehen einhergehen. Mercurius befällt vor allem die oberen Extremitäten, spart aber auch die unteren nicht aus. …
Mercurius ist eines unserer wichtigsten Palliativa bei Uterus- und Mammakarzinomen. Es hemmt die Ausdehnung von Epithelgeschwülsten, und manchmal heilt es sie auch. Ich weiß von einem Fall, der mit mercurius jodatus flavusMERCURIUS JODATUS FLAVUS geheilt wurde: Es handelte sich um einen ulzerierten und indurierten Knoten in der Mamma, so groß wie ein Gänseei, mit vergrößerten axillären Lymphknoten, bläulicher Verfärbung der Ulkusumgebung und infauster Prognose. Die 100. Potenz, verabreicht immer dann, wenn die Schmerzen sehr schlimm wurden, beseitigte den Tumor, und die Patientin blieb gesund. …
[Fieber:] … Nach Mercurius lässt das biliöse Fieber nach und ebenso der dicke Zungenbelag. Mercurius ist auch bei hektischem Fieber in den letzten Stadien der Schwindsucht und bei anderen stark entkräftenden Krankheiten von Nutzen, die mit solchen Fieberschüben einhergehen. Auch bei Krebs kann es hilfreich sein, wenn die Knochenschmerzen, der faulige Schweiß etc. zugegen sind. … Es passt bei typhusähnlichen Erkrankungen …, wenn der Patient ikterisch ist, kraftlos und zittrig, mit Muskelzuckungen, großer Erschöpfung und kontinuierlichem Fieber.“
Übrigens: Mercurius und siliceaSILICEA verhalten sich ‚feindlich‘ zueinander. Ich habe schwere Verschlimmerungen bei Abszessen gesehen, wenn das eine Mittel nach dem anderen gegeben wurde. In solchen Fällen bringt hepar sulfurisHEPAR die Dinge wieder in Ordnung.
Mercurius kann neben dem fauligen Mundgeschmack und dem übermäßigen Speichelfluss auch salzigen, süßen oder metallischen Geschmack haben, ferner Geschmack nach faulen Eiern und „schleimigen“ Geschmack.
Guernsey, Keynotes: „Beschwerden an den Lidern oder Lidrändern; an Stirn, Kopfhaut, Schädelknochen; am äußeren, oberen Kopf; an den Drüsen und Lymphknoten in der Umgebung der Ohren. …
Scharfe Nasensekrete, die Nase ständig rot und wund; ‚schmutznasige‘ Kinder“ (sulfurSULFUR). „Der Nasenrücken kann oben und an beiden Seiten stark anschwellen. … Nur selten verabreiche man Mercurius, wenn die Zunge trocken ist.“
Auf Mercurius als Mittel bei der Behandlung venerischer Krankheiten, wie es im ersten Band der Chronischen Krankheiten niedergelegt ist, kann ich hier nicht näher eingehen (Hahnemanns Werk spricht ja schließlich auch genügend für sich selbst); doch möchte ich nicht darüber hinweggehen, ohne es wenigstens erwähnt zu haben. Wen das Thema interessiert: Ich habe dazu eine kleine Schrift verfasst, die von der British Homœopathic Association veröffentlicht wurde; der Titel ist: Hahnemann's Conception of Chronic Dis-ease as Caused by Parasitic Micro-organisms.
Ich erinnere mich gerade an den Fall einer schlimmen ‚Grippepneumonie‘ – es war direkt nach dem Krieg –, die durch wenige Gaben Mercurius C 30 rasch abklang. Die Indikation für Mercurius war einmal mehr der widerliche Mund- und Atemgeruch sowie der profuse und übelriechende Schweiß.
Hauptsymptome13
Geist und GemütHastigkeit und Geschwindigkeit im Reden.a

13

Die mit a gekennzeichneten Symptome sind der Prüfung des „schwarzen Quecksilberoxyds“ in Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre entnommen.

Schwaches Gedächtnis; vergisst alles mögliche.
KopfBlutandrang.
Vollheit im Gehirne, als wenn der Kopf zerspringen sollte.a
Ziehende, reißende Schmerzen im Kopf, die ihren Sitz im Periost und in den Gesichtsknochen haben; rheumatische Kopfschmerzen.
Kopfweh, als wenn das Gehirn ringsum mit einem Bande zusammen geschnürt wäre.a
Zusammenziehender Kopfschmerz, der Kopf ist wie eingeschraubt …a
Der ganze äußere Kopf ist schmerzhaft bei Berührung.a
Jücken auf dem Haarkopfe.a
AugenTrübsichtigkeit.a
Es fliegt ihm immer vor dem Gesichte, wie schwarze Insekten oder wie Fliegen.a
Nebel vor dem einen oder vor beiden Augen.a
Feuer-Licht blendet Abends sehr.a
Die Augen können den Feuer-Schein und das Tageslicht nicht vertragen.a
Wenn sie etwas sehen will, kann sie es nicht recht erkennen, und da ihr die Augen fast immer unwillkürlich zugezogen sind, so kann sie, je mehr sie das Zuziehen abwehren will, es desto weniger hindern; sie muß sich legen und die Augen schließen.a
Starkes Tränen der Augen, brennend und wundmachend.
Blepharitis: Lider rot, dick, geschwollen …; schlimmer im Freien, durch Anwendung von kaltem Wasser.
Schleimig-eitrige Absonderungen, dünnflüssig und scharf.
Drücken in den Augen.a
Jücken in den Augäpfeln.a
OhrenBrausen …a
Das Ohr ist wie äußerlich und inwendig entzündet, mit theils klammartigen, theils stechenden Schmerzen und wie von Geschwulst verstopft.a
Blut mit übelriechendem Eiter kömmt aus dem rechten Ohre geflossen und reißender Schmerz darin.a
NaseGeruch aus der Nase, wie bei einem heftigen Schnupfen, fauliger Art.a
Scharfes, wie alter Käse riechendes Eiter fließt aus der Nase.a
Grünlicher, fötider Eiter aus der Nase; Nasenbein geschwollen.
Nasenbluten von verschiedner Heftigkeit.a
Nasenbluten während des Schlafes.a
Das Nasenbein ist beim Anfassen schmerzhaft.a
Zähne, ZahnfleischGefühl, als wären alle Zähne los.a
Wackeln der Zähne, welche von der Zunge berührt schmerzten.a
Die Nacht arger Zahnschmerz, und wie er verging, großer Frost darauf durch den ganzen Körper.a
Zuckender Zahnschmerz, vorzüglich die Nacht.a
Zahnweh, pulsartige Rucke von den Zähnen des Unterkiefers aus bis ins Ohr und vom Oberkiefer aus bis in den Kopf, mit Schmerzhaftigkeit des Zahnfleisches …a
Zahnfleisch ist geschwollen, steht von den Zähnen ab.a
Bluten des Zahnfleisches beim leisesten Berühren …a
Das Zahnfleisch schmerzt bei Berührung und beim Kauen …a
MundWeißbelegte Zunge, mit weißlichem, geschwollenem Zahnfleische, das bei Berührung blutet.a
Wie mit Pelz belegte, weiße Zunge …a
Starke Geschwulst der Zunge.a
Die Zunge ist geschwollen und an den Rändern so weich, daß sie sich nach den Zwischenräumen der Zähne formt, in Zacken, die schwürig aussehen.a
Eine Art Schwämmchen im Munde.a
Schmerz und Geschwulst der Speicheldrüsen.a
Beständiges Spucken.a
Süßer Geschmack im Munde.a
Sehr salzig auf der Mund-Lippe.a
Salziger Geschmack auf der Zunge …a
Salziger Auswurf.a
Geschmack wie faule Eier im Munde, sobald er die Zunge bewegt, und dann unwillkürliches Schlingen.a
Schleimiger Geschmack im Munde.a
Nachts (1 Uhr) läuft ihr viel Wasser im Munde zusammen, dabei Uebelkeit, daß sie darüber aufwacht und sich erbrechen muß; es kömmt sehr Bitteres heraus.a
Geschwüriger Mundwinkel, der wie wund schmerzt.a
HalsImmer trocken, er that weh, als wenn er hinten enger wäre, es drückte darin, wenn er schluckte, und doch mußte er immer schlingen, weil er immer den Mund voll Wasser hatte.a
Es kömmt ihr heiß zum Halse heran.a
Beim Schlingen stechender Schmerz in den Mandeln des Halses.a
Verschwärung der Mandeln, mit scharf stechenden Schmerzen im Rachen beim Schlingen.a
(Schmerz im Halse, als wenn ein Apfelkröbs darin stäcke.a)
MagenOefteres Schlucksen …a
Außerordentlich arger Durst.a
Brennender Schmerz in der Herzgrube [Magengrube].a
AbdomenGeschwulst der Leisten-Drüse, die Haut darum herum roth …a
Die Schoß-Drüse schwillt an und wird roth und entzündet und ist beim Befühlen und starkem Gehen schmerzhaft.a
Rektum, StuhlEs thut ihm alle Augenblicke Noth, zu Stuhle zu gehen, mit einem Zwängen auf den Mastdarm, ohne etwas verrichten zu können.a
Blutige Stühle mit schmerzhafter Empfindung von Schärfe am After.a
Grüne, schleimige, scharfe Stühle, welche den After anfressen.a
Bei weichen Stühlen, brennender Schmerz im After.a
Durchfall grünen Schleims mit Brennen am After und Heraustreten des Afters.a
Grüner Durchfall …a
HarnorganeBrennen in der Harnröhre …a
Beständig Drang zum Harnen, wohl alle 10 Minuten, es ging aber nur wenig ab.a
Harn gleich beim Abgange höchst trübe und macht Bodensatz.a
Er läßt weit mehr Harn, als er getrunken hat.a
Allzu oftes, übermäßiges Harnen.a
Männliche GenitalienNächtliche Samenergießung, mit Blut gemischt.a
Grünlicher, schmerzloser Harnröhr-Tripper, vorzüglich Nachts.a
Weibliche GenitalienDas Monatliche geht zu stark …a
Weißfluß …, der … grünlich aussieht und Beißen vorne in den Geburtstheilen verursacht, so daß sie besonders Abends und die Nacht viel kratzen muß; nach dem Kratzen brennt es heftig.a
Atemwege, BrustOefteres Nießen, ohne Fließ-Schnupfen.a
Stiche in der rechten Brust beim Nießen und Husten.a
Außer dem Athmen, bloß beim Nießen und Husten, ein Stich vorne und oben in der Brust durch und durch bis in den Rücken …a
Beim Husten Brecherlichkeit.a
RückenStechen im Kreutze beim gewöhnlichen Athmen.a
ExtremitätenMattigkeit und Müdigkeit in allen Gliedern.a
Wie zerschlagen in den Gliedern …a
Zittern der Hände …a
Das rechte Unterfuß-Gelenk [Fußgelenk, Sprunggelenk] schmerzt wie verstaucht.a
Beständig kalte Hände und Füße.a
SchweißStark im Gehen.a
Schweiß bei jeder Bewegung.a
Die Beschwerden nehmen während des Schwitzens zu.
Tag und Nacht sehr zum Schweiße geneigt, die Nacht noch mehr.a
Starker Nacht-Schweiß.a
Starker Früh-Schweiß.a
Nachts sehr starker, wie fettiger und öliger Schweiß …a
Heftige stinkende Schweiße, so daß Unter- und Deckbette wie durch's Wasser gezogen waren.a
Geschwüre[Mehrere kleine rothe Bläschen am Ende der Eichel unter der Vorhaut, welche nach 4 Tagen zu Geschwürchen aufbrachen …; später] bluteten die größern Geschwürchen, und erregten beim Anfühlen einen Schmerz, der den ganzen Körper angriff; … ihre Ränder, wie rohes Fleisch, lagen über, und ihr Boden war mit einem käsigen Ueberzuge bedeckt.a
Das (vorhandene) Geschwür blutet.a
Sogenannte Wassersüchtige verloren sehr schnell die Geschwulst und bekamen übelriechende, schnell faulende Schenkel-Geschwüre dafür.a
SchlafGroße Müdigkeit.a
Oefteres Aufwachen aus dem Schlafe wie von Munterkeit.a
Sobald er Abends in's Bett kömmt, fängt der Schmerz wieder an und vertreibt den Schlaf.a
NervenNach einem [mit vielem Kneipen verbundenem] Stuhlgange ist er sehr erschöpft.a
Seltsame Empfindungen
Kopf ist wie eingeschraubt …a
Kopf fühlt sich schwer und geschwollen an; Gefühl, als würde er immer größer.
Es scheint ihm, als würden Feuerfunken von den Augen ausgesendet.
Federn scheinen aus den Augenwinkeln herauszuragen und die Sicht zu behindern.
Verstopftes Gefühl im Ohr, als wäre dort ein Keil hineingetrieben worden.
Gefühl, als hätte sie Eis im Ohra; als wenn kaltes Wasser herausliefe.a
Von der Nase herab ein Drücken, als wäre etwas Schweres darauf gebunden.a
Gefühl, als wären alle Zähne los.a
Gefühl, als wären die Zähne in einer Breimasse befestigt.
Es kömmt ihm wie ein Wurm in die Höhe gestiegen, daß er immer schlingen muß …a
Schmerz im Halse, als wenn ein Apfelkröbs darin stäcke.a
Einige psychische Symptome und Wahnzustände
Auf kleine Ueberraschung höchster Schreck, sie zittert am ganzen Leibe, ist wie gelähmt, es steigt ihr eine ungeheure Gluth in die rechte Wange, welche sogleich schwoll und blauroth ward und zwei Stunden so blieb; sie war so angegriffen, daß sie sich gar nicht wieder beruhigen konnte, alle Glieder waren wie zerschlagen, heftiges Frostschütteln, Schwanken der Kniee nöthigte sie, sich vor der Zeit zu legen.a
Unaussprechliches Gefühl eines innern, unerträglichen Uebels, wobei er Stillschweigen beobachtet und das Bett nicht verlassen will.a
Glaubt Höllenmarter auszustehen …a
Angst, als wenn er etwas verbrochen hätte.a
Bedürfnis zu fliehen, bei nächtlicher Angst und Beklommenheit.
Höchste Unruhe die Nacht hindurch …, bald stand er auf, bald legte er sich, er fand nirgends Ruhe.a
Er glaubt, seinen Verstand zu verlieren, glaubt zu sterben; mit Täuschungen der Phantasie, sieht z.B. Wasser fließen, wo keins fließt.a
Er achtet nichts und ist gleichgültig gegen Alles.a
Sehr ärgerlich und unverträglich, leicht reitzbar, sehr argwöhnisch.a
Streitsüchtig, zanksüchtig.a
Er ist albern, macht Faxen und dummes, widersinniges Zeug …a
Wahnsinn; sie deckt sich des Nachts auf, reißt das Stroh umher und schimpft dabei; am Tage springt sie hoch in die Höhe (wobei sie einer muthwilligen, ausgelassenen Person gleicht) im Freien sowohl als in der Stube; sie redet und schimpft viel vor sich hin, kennt ihre nächsten Anverwandten nicht, schmiert den häufig ausgeworfenen Speichel mit den Füßen aus einander und leckt es zum Theil wieder auf; auch leckt sie oft Kuhmist und den Schlamm aus Pfützen auf (vgl. veratrum albumVERATRUM ALBUM); sie nimmt oft kleine Steine in den Mund, ohne sie zu verschlucken, und klagt dabei, daß es ihr die Gedärme zerschneide; … sie thut niemand etwas Leides, wehrt sich aber heftig, wenn man sie anrührt; sie folgt keinem Geheiße …a
Beim Spazierengehen hatte er große Neigung, die ihm begegnenden fremden Leute mit zwei Fingern bei der Nase zu fassen.a
Mercurius cyanatus
Nahezu spezifisch bei Diphtherie.mercurius cyanatus
Mercurius vivus – Hauptsymptome14
Gedächtniss geschwächt.mercurius vivusa

14

Aus Allens Encyclopedia. Die mit a bezeichneten Symptome entstammen dem Werk Untersuchungen über den constitutionellen Mercurialismus und sein Verhältniss zur constitutionellen Syphilis von Adolph Kussmaul, Würzburg 1861. Die Symptome wurden teils vom Autor selbst (Professor an der Universität Erlangen), teils von anderen Ärzten beobachtet, zumeist an Arbeitern in Spiegelfabriken. Ein mit b markiertes Symptom wurde von Oppolzer an einer Barometermacherin beobachtet; der ausführliche Vergiftungsbericht findet sich in der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Ärzte Oesterreichs von 1857, Band 1, S. 119.

Langsames Beantworten von Fragen.
[Gesicht] erdfarben, gedunsen.15

15

Bei Allen bezieht sich die Verfärbung etc. nur auf das Gesicht; im originalen Vergiftungsbericht (Hygea 11, 514) wird dagegen vom „erdfarbenen, gedunsenen Patienten“ gesprochen.

Zähne schwarz, locker.
Verfall der Zähne; sie lockerten sich nacheinander [… und fielen aus; die stehengebliebenen Zähne waren] geschwärzt, bloßgelegt, lose und kariös.
Cariöse Zähne.a
Die Zähne lösen sich vom Zahnfleisch und werden schwarz, mit nächtlichen Schmerzen in Zähnen, Kiefern und Kopf.
Häufige, starke Zahnschmerzen, Geschwulst des Zahnfleisches und der Speicheldrüsen.a
Zahnfleisch rot, blutet bei der leisesten Berührung, zuweilen auch spontan; … in Abständen kleine Geschwüre darauf.
Das Zahnfleisch hat einen hellroten Rand.
Aufgelockertes blutendes Zahnfleisch.a
Zahnfleisch wund.
Zunge schwarz, an den Rändern roth.a
Zunge rot, geschwollen.
Belegte Zunge mit Zahneindrücken an den Rändern.a
Zunge geschwollen und ihre Bewegungen schwierig.
Uebler Geruch aus dem Mundea; stinkend.
Die Sekretion des Speichels war vermehrt; der Geruch aus dem Munde unangenehm süsslich fade.b
Starke Stomatitis und Salivation.a
Die Mehrzahl derjenigen, welche sich längere Zeit mit Quecksilber beschäftigen, … zittern … an den Mundwinkeln, der Zunge und den Händen, und kommen schwerer mit der Sprache fort.a
Zitternde Sprache.a
Stotternde, kaum verständliche Sprache.a
Zittern.a
Zittern der Hände [zuweilen auch der Füsse].a

Mezereum

Weitere Namen: Daphne mezereum; Seidelbast, Kellerhals
Mezereum gehört zu den Heilmitteln aus dem unschätzbaren Arzneivermächtnis Hahnemanns. Der Saft der frischen grünen Rinde, so Hahnemann, „macht, wenn er die Haut berührt, ein langdauerndes, sehr schmerzhaftes Brennen“. Besser als das Auspressen des Saftes sei es, „da die Arzneikraft dieser Rinde nicht in flüchtigen Theilen besteht, sie zu trocknen und gepülvert mit 100 Theilen Milchzucker auf die Art zu reiben und zu dynamisiren, wie andre trockne Arznei-Substanzen …“ Verwendet wird, wie er schreibt, die im zeitigen Frühling gesammelte Rinde des im Aufblühen begriffenen Strauches.
Der Gemeine Seidelbast ist ein winterharter Strauch, der in Großbritannien und anderen nördlichen Ländern heimisch ist; er blüht sehr frühzeitig, manchmal noch im Schnee. Mezereum wurde von Stapf eingeführt und von Hahnemann und seinen Mitarbeitern ausführlich geprüft. Die Prüfung ist in den Chronischen Krankheiten niedergelegt.
Es affiziert in starkem Maß die Haut, die Schleimhäute und die Knochen. Seine Wirkung ist durchgängig von Heftigkeit gekennzeichnet: heftige Schmerzen; heftiges Jucken; plötzliche heftige Gesichtsschmerzen während des Schlafs; heftiges Hungergefühl; heftiges Brennen im Mund; heftige Schmerzen in Magen und Speiseröhre; „heftiger Husten-Reiz, … tiefer in der Luftröhre, als wohin der Husten stossen kann …“; „heftiges hitziges Fieber“.
All diese Heftigkeit verstärkt sich noch in der Nacht. Mezereum ist eines jener Mittel, die zur Behandlung der Syphilis nötig sein können. Ferner kommt es bei einer Vielzahl von Hauterkrankungen in Betracht – bei schwersten Hautveränderungen, die sich durch heftigen Juckreiz und durch nächtliche Verschlimmerung auszeichnen. Wärme verschlechtert, z.B. Bettwärme. Mez. ist das einzige Mittel, das im Repertorium unter der Rubrik „Hautausschläge, juckend, Feuerhitze verschlechtert“ aufgeführt ist.
Es hat lästige Zuckungen: Zucken der Augenlider; Zucken der rechten Wangenmuskeln; Muskelzuckungen im Bereich der Magengrube.
Mezereum gehört zu den wenigen Mitteln, die fetten Schinken lieben und ein starkes Verlangen danach haben; fühlt sich besser durch Genuss von Milch und Schinkenspeck (vgl. tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM).
Manche seiner Schmerzen sind heftig brennend – „wie von Pfeffer“ (vgl. capsicumCAPSICUM). Der Mundgeschmack kann feurig sein, süßlich-salzig oder pfeffrig, bitter oder säuerlich; besonders Bier schmeckt bitter und ruft Erbrechen hervor (Wasser hingegen nicht).
Eigenartig sind auch die Magensymptome (das Mittel hat einen guten Ruf bei Magengeschwüren und sogar bei Indurationen und Karzinomen des Magens): „Ohne wahren Appetit und Hunger, doch fortwährend Begierde zu essen und Etwas in den Magen zu bringen, damit er nicht so weh thue“ (vgl. graphitesGRAPHITES, chelidoniumCHELIDONIUM etc.). „Starkes, in Absätzen wiederkehrendes Hunger-Gefühl …“ „Brech-Uebelkeit …, die durch Essen vergeht“ (vgl. sepiaSEPIA).
Was die Hautleiden der Arznei betrifft, so werde ich niemals die Erfahrungen vergessen, die ich während des Krieges ein ums andere Mal auf der Kinder- und Unfallstation mit Mezereum CM gemacht habe. Die Kinder waren damals schlecht genährt und neigten daher wahrscheinlich zu solch grässlichen Leiden: Ich meine die zahlreichen Fälle von Kerion Celsi [Trichophytia profunda; Favus; Tinea capitis], die ich dort angetroffen habe. In den Lehrbüchern wird diese Erkrankung wie folgt beschrieben: „Ausgeprägte Entzündungssymptome mit umschriebener schwammiger Anschwellung der Kopfhaut, die von Pusteln bedeckt ist oder von klaffenden Öffnungen, aus denen zäher Eiter abgesondert wird.“ Und in besonders lebhafter Erinnerung ist mir geblieben, wie es dort manchmal von Läusen nur so wimmelte! Es heißt, dass ein Kerion auch fluktuieren und so an einen Abszess denken lassen kann. Inzidiert man aber die Stelle, so zeigen sich statt einer Eitertasche lediglich viele kleine Eiterpunkte, da die einzelnen Haarfollikel Sitz unzähliger kleiner Abszesse sind. Wie dem auch sei, Mezereum hat bei dieser Art von Krankheit stets eine rasche Heilung herbeigeführt. So durchgängig war dies der Fall, dass ich, als mich einmal ein Hilferuf vom Lande wegen mit diesem Leiden behafteten Kindern erreichte, einfach einige Gaben Mezereum CM verschickte. Wie man mir dann berichtete, wurden auch diese Kinder umgehend gesund.
„Spezifische Heilmittel? – Wie können Sie es wagen, so etwas zu lehren? Ist das die Hahnemannsche Homöopathie, die Sie zu vertreten behaupten?“
Jawohl, sie ist es! Hahnemann sagt – wenn wir das nur beachten wollten –, dass für (akute oder chronische) ‚miasmatische‘ Krankheiten, d.h. für Krankheiten, die durch parasitäre Organismen hervorgerufen werden und die in jedem Fall den gleichen Ursprung, die gleichen Symptome und den gleichen Verlauf haben, ein „festständiges (specifisches) Heilmittel“ zu finden sein müsste. Und ohne jeden Zweifel ist das Kerion eine durch Mikroorganismen [diverse Trichophytonarten] hervorgerufene, spezifische parasitäre Infektion, die stets den gleichen Ursprung, die gleichen Symptome und den gleichen Verlauf aufweist. Soweit meine Erfahrung mit etwa einem Dutzend Fällen zeigt, ist Mezereum für diese Infektionskrankheit das Spezifikum. Und als solches hat es sich erwiesen, indem es als Einzeldosis in der höchsten Potenz, die mir zur Verfügung stand, wunderbare Reaktionen bewirkte. Lassen Sie mich daher ein weiteres Mal Hahnemann zitieren, zum Thema „Ansteckende Krankheiten, die durch ein eigentümliches Contagium (ein Miasma ziemlich festständigen Charakters) hervorgerufen werden, wie z.B. Menschenpocken, Masern, Scharlachfieber etc. … Diese scheinen in ihrem Verlauf so gleichbleibend, daß man sie stets wie alte Bekannte wiedererkennt. Sie können mit Namen benannt werden, und wir können es unternehmen, bestimmte Behandlungsmethoden festzulegen, die dann – in der Regel – für jede von ihnen geeignet sind.“16

16

Die von M. Tyler zitierte Stelle habe ich in Hahnemanns Schriften nicht ausfindig machen können. Vergleichbare Passagen finden sich u. a. im § 73 des Organon (6. Aufl.), am Ende seiner Abhandlung Beleuchtung der Quellen der gewöhnlichen Materia medica (Reine Arzneimittellehre, 3. Band) sowie am Anfang der Heilkunde der Erfahrung.

An dieser Stelle erscheint es mir vorteilhaft, einmal in aller Ausführlichkeit Dr. Carroll Dunhams klassischen Fall der Heilung einer fast lebenslangen Taubheit durch Mezereum wiederzugeben. Er konnte sie zurückverfolgen bis zu einer schweren Erkrankung an ebenjener Tinea capitis in der Kindheit; und indem er dieses frühere Leiden – so viele Jahre später – behandelte, gelang es ihm, nicht nur das Gehör, sondern auch die Arbeitsfähigkeit und das Lebensglück eines Jungen wiederherzustellen, dessen Leben bis dahin zerstört gewesen war. Offensichtlich handelte es sich hier um einen Fall, den ich als ‚chronisches Kerion‘ bezeichnen würde. Er bestätigt sehr schön meine Behauptung, die ich im Post-graduate Correspondence Course Nr. 12 ausführlich dargelegt habe: Bei einer Beeinträchtigung der Gesundheit, die seit einer akuten Krankheit besteht, von der sich der Patient scheinbar erholt hat und doch seitdem nie wieder ganz gesund geworden ist, können wir es in der Tat mit chronischen Masern, chronischer Diphtherie, chronischer Vakzinose (Burnett), chronischer Pneumonie usw. zu tun haben. Und wir können unsere Diagnose unter Beweis stellen (und wäre es nur zu unserer eigenen Genugtuung): wenn wir nämlich nach ein oder zwei Gaben diphtherinumDIPHTHERINUM, MORBILLINUM, pneumococcinumPNEUMOCOCCINUM, nach scarlatinumSCARLATINUM oder streptococcinumSTREPTOCOCCINUM, nach variolinumVARIOLINUM oder thujaTHUJA etc. (je nach der ‚Vorgeschichte‘ des Patienten) zusehen können, wie Lebenskraft und Energie unseres Patienten sich sprunghaft zum Besseren entwickeln.
Ich entschuldige mich nicht dafür, dass ich diesen Fall eines unserer großen alten Meister – zusammen mit den Lehren, die er daraus gezogen hat – in voller Länge wiedergebe, auch wenn er bereits des Öfteren von anderen als Beispiel herangezogen worden ist.
Durch Mezereum geheilte Taubheit, mit Anmerkungen
Aus Homœopathy, the Science of Therapeutics
Von Dr. Carroll Dunham
G. W. W. (17), klein, aber wohlproportioniert und von guter Konstitution; taub seit seinem vierten Lebensjahr, ansonsten seit dem neunten Lebensjahr gesund. Als der Knabe drei Jahre alt war, erkrankte er an einem Ausschlag auf der gesamten Kopfhaut. Nachdem dieser ein Jahr lang allen milderen allopathischen Behandlungsmethoden getrotzt hatte, wurde er schließlich auf folgende Weise zum Verschwinden gebracht: Eine Teerkappe wurde auf den Kopf des Jungen aufgetragen und, als sie mit den Schorfen fest verbacken war, gewaltsam heruntergerissen. Die Schorfe kamen so mit herunter und hinterließen eine wunde Kopfhaut. Die wunde Oberfläche wurde anschließend mit einer gesättigten Silbernitratlösung befeuchtet. Der Ausschlag trat nicht wieder auf – aber das Kind war von dieser Zeit an taub.
Der jetzige Zustand des Jugendlichen bereitet seinen Angehörigen große Sorgen. „Dass er sich wegen seiner Taubheit nicht in Gesellschaft bewegen und keine Arbeitsstelle finden kann, hat bei ihm eine krankhafte Gemütsverfassung hervorgebracht. Er grübelt über sein Gebrechen nach und zieht sich sogar von seiner eigenen Familie zurück.“
Unter diesen Umständen wandte er sich nun an mich, um von seiner Taubheit geheilt zu werden. Sein gegenwärtiger Zustand ist folgender: Er ist völlig außerstande, einer normalen Unterhaltung zu folgen, und noch nie in seinem Leben hat er einer Predigt zuhören können. Eine laut tickende Ankeruhr nimmt er beidseits erst in einer Entfernung von 9 cm wahr. Legt man die Uhr auf seine Stirn oder hält sie an seine Zähne, hört er sie deutlich. Gelegentlich summende Geräusche vor den Ohren. Die Ohrspiegelung ergibt: reichliches, weiches, normales Ohrenschmalz in den Gehörgängen; Trommelfell weiß, undurchsichtig und augenscheinlich verdickt. Versucht der Patient, das Mittelohr mit Luft zu füllen (was er durch Schließen von Mund und Nase und kräftiges Pressen mit Mühe zustande bringt), wird das Trommelfell nur minimal konvex, und die dadurch gedehnten Blutgefäße sind nicht mehr zu erkennen. Offenbar ist es in der Membran zu Ablagerungen gekommen. Die Untersuchung des Rachens ergibt, dass die Öffnung der Eustachischen Röhre frei zu sein scheint.
3. Februar 1857. Patient erhält drei Globuli Mezereum C 30, die er einnehmen soll, wenn er sich zur Ruhe begibt.
24. Februar. Meint, er höre besser – „jedes Geräusch scheint viel lauter zu sein als früher.“ Hört meine Uhr in einer Entfernung von 11,5 cm vom rechten und 11 cm vom linken Ohr. (Saccharum lactis [als Plazebo].)
1. März. Während der letzten Woche keine weitere Besserung. Mezereum C 30, drei Globuli.
27. März. Hört meine Uhr mit dem rechten Ohr in 16,5 cm, mit dem linken in 18 cm Entfernung. (Sac-lac.)
20. April. Hört meine Uhr mit dem rechten Ohr in 25,5 cm, mit dem linken in 35,5 cm Entfernung. Kann normaler Unterhaltung gut folgen, wenn er sich konzentriert. (Sac-lac.)
28. September. Bis vor drei Wochen stetige Verbesserung, dann aber wieder Abnahme des Hörvermögens, ohne ersichtlichen Grund. Mezereum C 30, drei Globuli beim Zubettgehen.
26. Januar 1858. Hört meine Uhr in 35 cm Entfernung vom rechten und 61 cm vom linken Ohr. Taubheit kehrt zurück, wenn er sich erkältet, verschwindet danach aber auch wieder. Mezereum C 30, drei Globuli beim Zubettgehen.
19. März. Zu seiner Überraschung konnte er – zum ersten Mal in seinem Leben – in der Kirche die ganze Predigt deutlich hören, obwohl er am äußersten Ende des großen Bauwerks saß. Die Untersuchung des Ohres ergibt, dass die Undurchsichtigkeit des Trommelfells verschwunden ist und dessen Elastizität deutlich zugenommen hat.
24. Mai. Der Patient schreibt mir, dass er ohne Schwierigkeiten eine Anstellung in einem Geschäft erhalten habe und nichts mehr von Schwerhörigkeit zu bemerken sei. Sein einziges Problem sei nur noch, dass ihn jedermann anschreie, da er im Ruf stehe, taub zu sein. Sein Vater schreibt, das Gehör seines Sohnes sei „vollkommen wiederhergestellt“.
Anmerkungen: Der Erfolg der Behandlung, die in diesem Fall vorgenommen wurde, berechtigt zu einigen Anmerkungen zu den Gründen für die Mittelwahl. Es handelte sich hier um einen Fall, in dem sich dem Arzt scheinbar nichts darbot, worauf er seine Verordnung hätte stützen können: Es gab ein verdicktes Trommelfell – sonst nichts. Die Verdickung selbst war wahrscheinlich schon vor Jahren zum Abschluss gekommen. Hier lag ein pathologisch-anatomischer Sachverhalt, aber kein pathologischer Prozess vor, und folglich gab es auch keine funktionellen Abweichungen von der Norm – oder, mit anderen Worten, keine Krankheitssymptome, aus denen man Indikationen für die Behandlung hätte ableiten können. Der pathologisch-anatomische Sachverhalt warf kein klares Licht auf den pathologischen Prozess, der ihn hervorgebracht hatte – ebenso wie die Kenntnis einer Stadt, in der ein Reisender angekommen ist, keinen Aufschluss über die Straße gibt, auf der er sie erreicht hat.
Wie aber schon Hahnemann seine Schüler gelehrt hat, ist die Krankheitsgeschichte eines Falles oft von größter Bedeutung für die Wahl des Mittels. Im vorliegenden Fall war das Zusammentreffen der gewaltsamen Vertreibung der Tinea capitis durch Silbernitrat mit dem Auftreten der Taubheit zu augenfällig, um der Aufmerksamkeit zu entgehen. Ich konnte es nur so verstehen, dass die Kopfhauterkrankung des Jungen ein Hervorbrechen der inneren Psora gewesen war, wie Hahnemann es genannt hätte, oder auch Ausdruck einer Dyskrasie, wie wohl die moderne Schule deutscher Pathologen sagen würde (die Dyskrasien-Lehre ist allerdings nichts anderes als ein zweiter Aufguss von Hahnemanns Psora-Theorie) – und dass sich dieses psorische Übel, in seiner Manifestation auf der Kopfhaut behindert, nun auf die Gewebe der Ohren geschlagen hatte. Des Weiteren schien mir, dass ich, da es bei dieser letzteren Lokalisation keine hinreichenden Indikationen für eine Verschreibung gab, solche Hinweise vielleicht in den Phänomenen der vorhergehenden Lokalisation auf dem Kopf finden könnte. Dementsprechend widmete ich mich der Aufgabe, ein vollständiges Bild jenes Leidens, das schon 13 Jahre zurücklag, zu erlangen. Glücklicherweise verfügte die Mutter des Jungen über ein gutes Gedächtnis und ausgezeichnete Fähigkeiten im Beschreiben. Von ihr erfuhr ich, dass dicke, weißliche Schorfe, hart und beinahe hornig, die gesamte Kopfhaut bedeckt hatten. „Die Schuppen zeigten Risse, aus denen ein dicker, gelblicher, oft sehr übelriechender Eiter austrat, wenn man darauf drückte. Es juckte stark, und der Junge kratzte die Borken immer mit den Fingernägeln ab; besonders nachts hatte er unter dem Jucken zu leiden.“
Das Mittel, das in seiner Pathogenese 17

17

Gemeint ist die Gesamtheit der krankmachenden Effekte eines Arzneimittels an Gesunden, wie sie sich in den Prüfungen gezeigt hat; vgl. Vorerinnerungen

der o. g. Symptomengruppe am meisten entspricht, ist zweifellos Mezereum. In seiner Einleitung zur Prüfung dieser Arznei (in Band 4 der Chronischen Krankheiten) empfiehlt Hahnemann das Mittel bei „nässend jückendem Ausschlag auf dem Kopf “. In der im 4. Band des Archivs niedergelegten Prüfung weisen viele Symptome auf einen ähnlichen Ausschlag hin – mit Jucken, besonders in der Nacht. Die für meinen Fall entscheidende Zusammenstellung von pathogenetischen Symptomen findet sich jedoch in einer neuen Prüfung von Mezereum durch den jüngst verstorbenen Dr. Wahle18

18

Wahle, der zum engeren Prüferkreis um Hahnemann gehörte, war 1840 nach Italien übergesiedelt. Seine dort an einem Kind und einem erwachsenen Mädchen durchgeführte Prüfung findet sich in der Arzneimittellehre von Alphons Possart.

aus Rom, deren Manuskript mir von seinem Sohn, dem jetzigen Dr. Wahle, gezeigt wurde:
„Der Kopf ist mit einer dicken lederartigen Kruste überzogen, unter welcher sich hier und da dicker, weißer Eiter ansammelt, der die Haare zusammenklebt. – Auf dem Kopfe grosse, erhabene, unregelmäßige, weisse Schorfe, unter denen sich viele Jauche bildet, die bald schlecht riechend wird und in welcher sich Ungeziefer erzeugt. – Das Kind kratzt sich nachts unaufhörlich im Gesicht und am Kopf; … das Gesicht ist mit Grind bedeckt, welchen das Kind immer wieder abreisst …“
Die Ähnlichkeit zwischen diesen Symptomengruppen war so auffallend, dass ich sofort Mezereum als Mittel für diesen Fall von Taubheit wählte, gerade so, als ob die Kopfhautaffektion noch immer in ihrer ursprünglichen Form bestanden hätte und der unmittelbare Gegenstand der Verordnung gewesen wäre.
Es geschieht nicht selten, dass man sich wegen etwas an uns wendet, das eher das Ergebnis krankhafter Vorgänge als ein noch aktiver Krankheitsprozess zu sein scheint. In solchen Fällen können wir, wie es scheint, unsere Verschreibung oft mit Erfolg auf Symptome eines Krankheitszustandes gründen, der zwar nicht mehr manifest vorhanden ist, in Wahrheit aber an der gegenwärtigen Verfassung unseres Patienten immer noch teilhat. Es mag hier angebracht sein, auf die volle Bestätigung der Hahnemannschen Psora-Theorie (sofern es einer solchen überhaupt noch bedarf) durch diesen Fall aufmerksam zu machen. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass Hahnemann nicht im Mindesten die Absicht hatte, den Begriff der Psora auf die Krätze zu beschränken, wie wir sie verstehen, d.h. auf die durch die Krätzmilbe hervorgerufene Krankheit. Im Gegenteil, in seinen Chronischen Krankheiten (Band 1)19

19

Dunham nennt hier Band 4, doch in dessen Vorwort (Blick auf die Art, wie homöopathisches Heilen zugehe) findet sich nichts zu diesem Thema. Gemeint ist wohl der 1. Band; dort spricht Hahnemann z.B. auf Seite 41 von der „Psora …, wovon der Krätz-Ausschlag und ihre andern Formen, Grindkopf, Milchkruste, Flechte u.s.w., nur Ankündigungszeichen der innern, ungeheuern Krankheit des ganzen Organisms, nur dieselbe vikarirend beschwichtigende, äußere Lokal-Symptome sind.“

begreift er ausdrücklich verschiedene Formen wie „Krätz-Ausschlag … Grindkopf, Flechte u.s.w.“ als Manifestationen der Psora.
Hauptsymptome20
Geist und GemütHypochondrisch und wehmüthig, hat er an Nichts Gefallen, es schien ihm Alles wie abgestorben, und es machte Nichts einen lebhaften Eindruck auf ihn.a

20

Mit a sind die Symptome aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten markiert; die mit b bezeichneten Symptome entstammen einer Prüfung von H. Hartlaub (dem jüngeren Bruder von C. G. C. Hartlaub), welche 1857 im 8. Band der Homöopathischen Vierteljahrschrift veröffentlicht wurde. Ebendort findet sich auch eine Reihe von Symptomen Herings, mit c versehen, die zum (kleineren) Teil bereits in den Chronischen Krankheiten erschienen waren und hier von Hering „berichtigend und vervollständigend“ aufgeführt werden. Die mit d bezeichneten Symptome wurden von Wahle beobachtet (vgl. Fußnote auf der vorigen Seite). (Alle drei Prüfungen auch in: Alphons Possart, Homöopathische Arzneimittellehre aller in den Jahren 1850–1862 geprüften Mittel.) Ein mit e markiertes Symptom stammt aus einem Fall von Nenning und ist hier zitiert nach Homöopathische Vierteljahrschrift, Band 8, S. 66; ein f steht für eine Angabeaus Bönninghausens Die homöopathische Behandlung des Keuchhustens, ein g für ein Symptom aus einer Prüfung Watzkes (A.H.Z., Bd. 74).

KopfNach einem kleinen Aerger sehr heftiges Kopfweh, der Kopf ist so angegriffen, dass er bei der geringsten Berührung schmerzt.b
Knochenschmerz der Schädel-Knochen, durch Befühlen am meisten verschlimmert.a
Die Schädelknochen tun weh, sind geschwollen und empfindlich auf Kälte und Berührung; < durch Bewegung und am Abend. Knochenkaries.
KopfhautJucken und Brennen.
Der Kopf ist mit einer dicken lederartigen Kruste überzogen, unter welcher sich hier und da dicker, weißer Eiter ansammelt, der die Haare zusammenklebt.d
Auf dem Kopfe grosse erhabene, weisse Schorfe, unter denen sich viele Jauche bildet, die bald schlechtriechend wird und in welcher sich Ungeziefer erzeugt.d
AugenGefühl von Trockenheit.b
Lästiges Muskel-Zucken auf dem linken obern Augenlide.a
Ohren[Gefühl] wie ausdehnende Luft im rechten äusseren Gehörgange, … darauf eben so im linken Gehörgange.b
MundStumpfheit und Verlängerungsgefühl der Zähne …b
Zähne sehr schmerzhaft beim Zusammenbeissen und beim Eindringen freier Luft …b
Im Munde heftiges Brennen.a
HalsHitze und Kratzen im Rachen.g
Brennen im Schlunde und Halse.a
Brennen im Halse, mit Reiz zum Hüsteln im Kehlkopfe, wie von Trockenheit, mit ängstlicher Athembeklemmung und Ablösung wenigen Schleimes beim Husten.a
AppetitBier schmeckt bitter; er bricht es weg …a
KnochenEntzündet, geschwollen, besonders die Schäfte der zylindrischen Knochen; nach Quecksilbermissbrauch bei Geschlechtskrankheiten.
Schmerzen im Periosteum der langen Knochen, besonders in beiden Tibiaknochen, Nachts im Bette verschlimmert; um diese Zeit ist die leiseste Berührung unerträglich.d Schlimmer bei feuchtem Wetter.
HautUnerträglich juckendes Ekzem mit reichlicher seröser Exsudation.
Neuralgie und Brennen nach Gürtelrose.
Die Gesichtshaut ist von einer inflammatorischen tiefen Röthe und der Ausschlag ‚fett‘ und feucht.d
Das Kind kratzt sich unaufhörlich im Gesicht, so dass letzteres sich mit Blut bedeckt.d
Nachts kratzt das Kind das Gesicht so auf, dass man das Bett am Morgen mit Blut beschmutzt findet; das Gesicht ist mit Grind bedeckt, welchen das Kind immer wieder abreisst, auf welchen verletzten Stellen sich große ‚fette‘ Pusteln bilden.d
Geschwüre, mit dicken weisslichen oder gelben Schorfen bedeckt, unter denen sich dicker gelber Eiter ansammelt.d
Um die Geschwüre erscheinen Bläschen, welche heftig jucken und wie Feuer brennen. Nach 8 Tagen trocknen diese Bläschen ab und hinterlassen Schorfe. Das Abreissen derselben verursacht grossen Schmerz und verzögert die Heilung.d
Weitere wichtige oder sonderbare Symptome
Höchst gereizter Gemüthsstimmung. Alles wird ihm zuwider, er möchte entlaufen.b (belladonnaBELLADONNA etc.)
Bangigkeit in der Herzgrube, wie von unangenehmer Erwartung.a (Dieses Bangigkeitsgefühl in der Magengrube gibt es auch bei kalium carbonicumKALIUM CARBONICUM etc.)
Es kränkt ihn Alles und er möchte Allen Beleidigendes und Kränkendes sagen.c
Er kann sich auf das kurz vorher Vernommene nicht besinnen; jede Zwischenrede Anderer stört und verwirrt seine Gedanken.a
Dumm, berauscht und übernächtig im Kopfe …a
Kopfweh von der Nasenwurzel bis in die Stirn, als wenn Alles entzwei gehen sollte …a
Beim Druck an das Stirnbein schmerzt es und zieht bis in den Fuss hinab.b
Starke Hitze und Schweiss am Kopfe, bei Frost und Kälte des übrigen Körpers, früh.a
Bollheits-Gefühl [Taubheitsgefühl] auf dem Kopfe.a
Drückende Schmerzen, als ob der Schädel bersten wollte.
Die Schorfe auf dem Kopfe sehen kreideartig aus und verbreiten sich bis zu den Augenbrauen, Nacken und Hals.d
Arges Beissen auf dem Kopfe, wie von Läusen …a
Nässend jückender Ausschlag auf dem Kopf und hinter den Ohren.a (GRAPHITES)
Trockener Ausschlag auf dem Kopf, mit unerträglichem Jucken, als steckte der Kopf in einem Ameisenhaufen (Favus, Kopfgrind). (Kürzlich wurde ein Fall von Favus mit pulsatillaPULSATILLA geheilt – bei einem typischen pulsatillaPULSATILLA-Kind. – Ed.)
Ekzem der Lider und des Kopfes; dicke harte Schorfe, die auf Druck Eiter absondern.
Drücken in den Augen, als wären die Aepfel zu gross …a
Gefühl, als würden die Augen nach hinten in den Kopf gezogen.
Eigenthümliche Empfindung im Ohre … wie weit aufgerissen, und die Luft drang unangenehm kalt hinein.b
Gefühl von Erweiterung des rechten Ohres und von Kälte, als wenn das Trommelfell … unmittelbar der kalten Luft ausgesetzt wäre, dabei Drang, mit dem Finger im Ohre zu bohren …b
Gefühl vor (und auch etwas in) dem rechten Ohre, als heulte Wind …b
Nässender Ausschlag hinter den Ohren.
Fließschnupfen, Wundheit und Schorfe in der Nase.
Ständiges Wundsein der Nase. (Vgl. aurumAURUM, sulfurSULFUR)
Die Gesichtsmuskeln sind straff gespannt.
Starkes, häufiges, lästiges Muskelzucken auf der Mitte der rechten Wange.a
Honigartiger Grind um den Mund.d
Gefühl von Herausheben in einem hohlen Backenzahne.e
Zähne verfaulen plötzlich über dem Zahnfleisch; Kronen bleiben intakt; Zahnwurzeln sterben ab.
Kratzen, brennendes, pfefferartiges Gefühl am Gaumen und Rachen.b
Lange anhaltendes pfefferartiges Brennen im Munde.b
Starker Hunger und Appetit, Mittags und Abends.a
Appetitlosigkeit …a
Verlangen nach Schinkenspeck, Kaffee und Wein.
Magengeschwür.
Induration des Magens.
Brennende, fressende Schmerzen im Magen, als ob dieser innen roh wäre.
Im braunen Kothe, kleine, weisse, glänzende Körner.a
Nach dem Stuhle schnürt sich der After über den hervortretenden Mastdarm zu, der dann eingeklemmt und bei Berührung wie wund schmerzhaft ist.a
Stühle hart wie Stein und groß; Gefühl, als würden sie den After zerreißen.
Stechen und Zerrungsschmerz in den Nieren.d
Wundmachende Leukorrhö.
Beim tief Athmen Schmerz in der Brust-Seite, als wären die Lungen angewachsen und könnten sich nicht frei ausdehnen.a
Krampfartiger, gewaltsamer Keuchhusten, durch einen Reiz vom Kehlkopfe bis in die Brust herab erregt, Abends ohne, Morgens mit Auswurf eines gelben oder eiweissartigen zähen Schleims, wie alter Schnupfen, oder etwas salzig schmeckend.f
Wenn er etwas Heißes gegessen oder getrunken hat, muss er so lange husten, bis er es wieder erbrochen hat.
Husten < durch Biergenuss.
Interkostalneuralgie nach Herpes zoster. (ranunculus bulbosusRANUNCULUS BULBOSUS, arsenicumARSENICUM)
Gliedmaßen fühlen sich wie verkürzt an (bei Merkurialleiden).
Die rechte Hand ist kalt, die linke warm; oder beide Hände kalt.
Lähmung der Fingerbeuger; Fingerendglieder kraftlos, kann nichts festhalten.
Der ganze Unterschenkel, vom Knie zum Rist, von dickem, gelbem Grind bedeckt, aus dessen Rissen auf Druck dicker gelber Eiter sickert. Schorfe fallen in ganzen Stücken ab und hinterlassen tiefrote, wunde Hautstellen, die heftig jucken und eine dünne, klare Flüssigkeit absondern; diese bildet einen dünnen Schorf, unter dem sich wiederum Eiter ansammelt. Die Haut um die Schorfe ist dunkelrot, gespannt, heiß und juckend. … Nachts unerträgliches Jucken und Brennen des Ausschlags; fauliger Geruch (Herpes crustaceus).
Heftiger Schmerz, nach Mitternacht, im Schienbeine, wie zerschlagen, oder als wenn die Beinhaut abgerissen würde …a
Heftige nächtliche Schmerzen in den Fußknochen.
Grosses Leichtigkeits-Gefühl im Körper.a
Scheint öfters im Januar und Februar zu passen und zu helfen.b
Schlimmer durch Wärme und Kälte.
Besonders der Kopf ist kälteempfindlich: Schädelknochen, Kopfhaut (Schmerzen), etc.
Dennoch Verschlimmerung durch Bettwärme oder Feuerhitze: Jucken von Kopfhaut und Füßen. Frostschauer und Schläfrigkeit in einem warmen Raum (wie pulsatillaPULSATILLA).
[Fieber:] Hände und Füße kalt, Nägel blau; Hitzeempfindung an einer kleinen Stelle oben auf dem Kopf.
Eigentümliche Empfindungen
Im Kopf wie berauscht.
Als ob der Schädel bersten wollte.
Taubheit oben auf dem Kopf; oder Gefühl, als wäre der obere Teil des Kopfes nicht mehr da.
Augen nach hinten gezogen.
Ohren wie weit aufgerissen.
Zähne wie zu lang.
Als würden die Stühle den After zerreißen.
Zerrungsschmerz in den Nieren.
Schwellung und Verengungsgefühl im Hals.
Als würden Ameisen über den Brustkorb laufen.
Brust beim Bücken sehr beengt.
Gliedmaßen wie verkürzt.
Als würde die Knochenhaut des Schienbeins abgerissen.
[Arg jückendes Friesel …, nach Kratzen immer ärger … und] stechend wie von Nadeln hinterdrein.a
Als würden Millionen von Insekten auf ihm krabbeln.
Schmerzliches Zucken in hohlen Zähnen; zuckender Schmerz vom Hüftgelenk bis ins Knie herab; Muskelzucken auf der Wange, im Augenlid.
Brennende Stiche durch die Muskeln, wie Feuer.
Zusammenschnürung: Hals; Magen; um prolabierten Anus.
Knochen fühlen sich aufgetrieben, zu dick an.
Hughes (Pharmacodynamics) berichtet, dass Mezereum eine jener pflanzlichen Substanzen war [neben guajacumGUAJACUM und sarsaparillaSARSAPARILLA], durch die man das Quecksilber in der Behandlung der Syphilis zu ersetzen suchte; er bezieht sich dabei auf den Einfluss des Mittels auf Exostosen und nächtliche Knochenschmerzen. Er schreibt: „Hahnemann erwähnt in den Fragmenta de viribus medicamentorum, dass Mezereum diese Art von Schmerzen in Schädel, Schlüsselbein und Oberschenkelknochen hervorgerufen hat; und mehrere spätere Prüfer berichten von derselben Erfahrung. In der homöopathischen Praxis setzen wir es mit großem Vertrauen bei diesen Affektionen ein, außerdem bei einfacher oder rheumatischer Periostitis. Ob Mezereum dabei auch auf die Knochen selbst wirkt, wage ich nicht zu beantworten. Immerhin ist ein Fall überliefert, wo es eine durch Phosphor hervorgerufene Kiefernekrose aufzuhalten schien.“
Die Homöopathie, so fährt Hughes fort, hat einen weiteren wertvollen Anwendungsbereich von Mezereum erschlossen, und zwar Hauterkrankungen. Der Rindensaft dieser Pflanze hat eine stark ätzende Wirkung und führt bei äußerlicher Anwendung zu Hautreizungen und, wenn er geschluckt wird, zu Reizung der Rachen-, Magen- und Darmschleimhäute. Hughes beruft sich, was die Wirkung von Mezereum auf die Haut betrifft, auf eine Reihe homöopathischer Autoren: Hahnemann berichtet von einem Mann, den nach längerer Einnahme des Mittels „ein unerträgliches Jucken über den ganzen Körper“ befiel21

21

Hughes zitiert aus Hahnemanns Aufsatz „Gegenmittel einiger heroischen Gewächssubstanzen“, in Kleine Medizinische Schriften, S. 212.

. Bähr betrachtet Mezereum als eines der besten Mittel bei Gürtelrose, und zwar nicht nur für den Ausschlag, sondern ebenso für die nachfolgende Neuralgie. Ferner gibt Hughes Dunhams Kommentar [aus The Science of Therapeutics] zu den Symptomen der Wahleschen Nachprüfung [vgl. das Symptomenverzeichnis in diesem Kapitel] wieder: „Diese Symptome legen unmittelbar die Anwendbarkeit von Mezereum bei Milchschorf und den verschiedenen Formen der Impetigo nahe, ferner bei einigen jener merkurialen oder merkurio-syphilitischen Geschwüre an den unteren Extremitäten, die oft so schwer zu heilen sind. Ich hatte häufig Gelegenheit, Zeuge der prompten Heilwirkung von Mezereum bei diesen Erkrankungen zu werden, bei denen ich im Allgemeinen die 200. Potenz verwendete. Sie hat sich noch in Fällen als wirksam erwiesen, wo die niedrigen Dilutionen versagt hatten. Die charakteristischen Merkmale der Mezereum-Hautkrankheiten sind in den Symptomen Wahles gut umrissen, nämlich: Jucken, das abends im Bett auftritt und durch Berührung oder Kratzen schlimmer wird bzw. in Brennen umschlägt; Berührungsempfindlichkeit; Geschwüre mit einem Hof, empfindlich und leicht blutend, in der Nacht schmerzend; der Eiter tendiert dazu, einen festhaftenden Schorf zu bilden, unter dem sich wiederum Eiter ansammelt.“
Schließlich zitiert Hughes Pereira: „Gelegentlich werden von Mezereum die Harnwegsorgane angegriffen, wodurch ein Reizzustand ähnlich dem von cantharisCANTHARIS herbeigeführt wird.“
Nash führt in seiner Einleitung zu Mezereum an:
Schmerzen im Periost der langen Röhrenknochen, besonders der Tibia. (droseraDROSERA, lachesisLACHESIS, asa foetidaASA FOETIDA etc.; Ed.)
Gesichtsneuralgie oder Zahnschmerzen, wenn die Schmerzen durch Essen bzw. Bewegen der Kiefer sehr verschlimmert und durch Strahlungshitze gebessert werden.
Nase: Bläschenausschlag, mit Exkoriationen und Bildung dicker Schorfe, < nachts; Herpes zoster.
Er schreibt: „Ich heilte einmal eine sehr hartnäckige Gesichtsneuralgie mit Mezereum. Die Schmerzen wurden durch Essen ausgelöst oder stark verschlimmert, und die einzige Erleichterung erfuhr der Patient, wenn er die betroffene Gesichtsseite so dicht wie möglich an einen heißen Ofen hielt; heiße Tücher, ob trocken oder feucht, und auch jede andere Art von Wärmezufuhr brachte keine Linderung.“ (Das ist interessant, da Mezereum sonst – jedenfalls bei Hauterkrankungen – durch Feuerhitze deutlich verschlimmert wird; Ed.)
Guernsey schreibt in den Keynotes: „Mezereum ist häufig in Fällen heftiger neuralgischer Schmerzen der Zähne oder des Gesichts von Nutzen, besonders wenn der Schmerz in den linken Gesichtsknochen sitzt und zum Ohr ausstrahlt; auch nächtliche Zahnneuralgien. Allgemein Beschwerden im Bereich der Zähne (links), … der Schienbeine. Vermehrter Speichelfluss – ‚der Mund wässert‘. Urin bildet Flocken, die an der Oberfläche schwimmen. Sehnenhüpfen: Legt man die Finger auf das Handgelenk oder andere Körperstellen, fühlt man die Sehnen hüpfen und springen. Brennendes Stechen in den Muskeln, als schösse Feuer durch sie hindurch.“
Einen erhellenden Schlussakzent wollen wir – wieder einmal – von Kent setzen lassen, der so anschaulich Symptomatologien zu schildern versteht:
„Der Hauptnutzen dieses Arzneimittels liegt in der Behandlung von Hautausschlägen und Geschwüren. …
Die Oberflächen des Körpers befinden sich in einem ständigen Reizzustand; Reizung der Hautnerven mit Beißen, Kribbeln, Ameisenlaufen und Jucken, das nach Kratzen bald an anderer Stelle wiederkehrt. … Die gekratzten Bereiche können stellenweise kalt werden. … Das Jucken setzt besonders dann ein, wenn dem Patienten im Bett warm wird oder wenn er sich an einen warmen Ort begibt.“
Selbstverständlich führt Kent auch die massiven, weißen, ledrig-zähen Schorfe an: „Fluktuation unter den Schorfen, aus denen auf Druck dicker, weißer bis gelblicher Eiter hervorquillt. … In und zwischen den Krusten ist oft Ungeziefer anzutreffen. Der Eiter ist oft so scharf, dass er die Haare wegfrisst. … Fälle von unterdrückten Ekzemen oder unterdrückter Syphilis in der Vorgeschichte. … Ausschläge im Gesicht, an den Augen, an und hinter den Ohren oder auf der Kopfhaut … Fissuren in den Augenwinkeln; rote Narben um die Augen an den Lokalisationen früherer Ausschläge. …
Ohrenleiden infolge unterdrückter Hautausschläge; … atrophischer Katarrh; fortgeschrittene atrophische Degeneration der Schleimhäute: Ohren, Nase, Rachen. … Mezereum hat in seinem Arzneimittelbild all die katarrhalischen Erscheinungen, die Geschwüre und die kupferfarbenen Papeln, die wir auch bei der Syphilis finden. …
Mezereum hat die starke Tendenz, die Leiden des Körpers auf der Haut zu etablieren. Es wirft die physischen Übel an die Oberfläche, sodass sich der Patient bei recht guter Gesundheit befindet, solange die Ausschläge ‚draußen‘ sind. Werden sie aber unterdrückt, entwickeln sich katarrhalische Beschwerden, Knochenerkrankungen, Rheumatismus, Gelenkaffektionen, Stuhlverstopfung, neurologische Störungen und seltsame psychische Symptome; er wird ein geistig-seelisches Wrack.
Der Patient verfällt in ‚finanzielle‘ oder auch religiöse Melancholie; Schwermut überkommt ihn, wenn er an seine berufliche oder geschäftliche Situation denkt. Er ist gleichgültig gegenüber allem und jedem. … Mezereum hilft bei von Melancholie und Traurigkeit geprägter Gemütskrankheit, wenn dieser ein Hautausschlag vorausgegangen ist, der des Mittels bedurft hätte. …
Gefühl von Flauheit, Schwäche, Angst und Bangigkeit im Magen, als ob etwas Unangenehmes bevorstünde. Jede Gemütserregung, jeder Schmerz, jede schlechte Nachricht löst dieses seltsame Gefühl in der Magengegend aus. Es tritt auf, wenn der Patient den Postboten erwartet und es dann an der Haustür klingelt; wenn er am Bahnhof auf die Ankunft eines Freundes oder die Abfahrt eines Zuges wartet. Wenn er jemandem vorgestellt wird, verspürt er eine Aufregung, die im Magen ihren Anfang nimmt. ‚Angst wird im Magen empfunden‘ – dieses Symptom hat Mezereum mit calcarea carbonicaCALCAREA, kalium carbonicumKALIUM CARBONICUM und phosphorusPHOSPHORUS gemein. Diese ‚Solarplexus-Menschen‘ haben“, so Kent, „häufig eine von tiefen Rissen durchzogene Zunge und sind nur schwer zu heilen.“

Morbillinum

Weitere Namen: Masern-Nosode
Was ich hier darzulegen versuche, möge bitte nur als provisorisch angesehen werden. Doch ich habe das Gefühl, wo mehr (noch) nicht möglich ist, könne man wenigstens Anregungen geben – im Vertrauen darauf, dass die Saat, so sie fruchtbar ist, vielleicht sogar an unerwarteten Orten aufgehen und Früchte tragen werde, die dem Gemeinwohl zugute kommen. Gerade erst habe ich dies wieder erfahren und mit Freude feststellen können, dass es nicht nur „Flüche sind, die auf ihren Urheber zurückfallen“.22

22

„Curses and chickens come home to roost.“

Allein, die Saat muss gut sein und der Boden, auf den sie fällt, günstig, sonst „tut sich gar nichts“.
In der Vergangenheit habe ich die Masern törichterweise nicht beachtet; kaum, dass ich mir die Mühe machte, ihr Auftreten in der Anamnese des Patienten festzuhalten: Hat nicht schließlich fast jeder mal die Masern gehabt? Nun aber, zu guter Letzt, beginnen Morbillinum und die anderen Nosoden der Kinderkrankheiten sich in ihrer wahren, gewaltigen Größe im Nebel abzuzeichnen, als mächtige Heilmittel chronischer Krankheiten – so mächtig, dass ich schon die Zähne zusammenbeiße und mir das Ziel setze, eines Tages – gebe es Gott! – keine alten chronischen Fälle mehr übrig zu haben. Versponnen? Übertrieben? Wir werden sehen!
Die Homöopathie ist früher wegen ihrer sehr bescheidenen oder auch gänzlich ausbleibenden Erfolge bei bestimmten rätselhaften Krankheiten verspottet worden. Dabei kann die Tatsache, dass diese in gleicher Weise auch jeder anderen Behandlung getrotzt haben, für uns keine Entschuldigung sein. Jetzt aber sehe ich gerade auf diesem Gebiet einen ersten Hoffnungsschimmer, selbst bezüglich der schrecklichsten und hartnäckigsten Krankheiten; und das ist meine Rechtfertigung für diesen Fingerzeig (bei dem mir die Hände erwartungsvoll zittern …).
Ich möchte zunächst betonen, dass Hahnemann ursprünglich von chronischen Fällen nichts wissen wollte. Als er aber zum ersten Mal erkannte, dass in manchen Fällen die bis dahin bekannten ‚einfachen‘ [nicht-antipsorischen] homöopathischen Arzneien, selbst wenn sie das gegenwärtige komplexe Symptomenbild bestens abdeckten, nur bis zu einem bestimmten Punkt wirkten und dann versagten, ging es ihm darum, zu erkennen, warum dies so war. Und als er schließlich (wie er für sich beanspruchte und wie sich später auch erweisen sollte) die Natur der chronischen Krankheiten und ihre einzig mögliche Behandlungsweise entdeckt hatte, war er seiner Zeit so weit voraus, dass er bittere Feindschaft und Hohn seitens der außenstehenden Kollegen erntete – und Ignoranz seitens der eigenen Anhänger, weil es damals noch nicht möglich war, seine Behauptungen zu überprüfen und zu beweisen. So wurde sein größtes Werk (das, wie wir allmählich erkennen, unvollendet blieb) stillschweigend beiseite gelegt und nicht beachtet.
Lassen Sie mich nun den Versuch machen, die so bedeutsamen Lehren aus Hahnemanns Spätwerk zu erläutern – und neues Licht auf sie zu werfen, indem ich sie in seiner eigenen Richtung weiterführe (wie auch er es hätte tun müssen, wenn er weitergelebt hätte). Dabei werde ich mir erlauben, seine Sprache zu vereinfachen und in unsere heutige Ausdrucksweise zu übertragen.23

23

Bei der Übersetzung habe ich mich weitgehend an den Originaltext gehalten.

Wer den Wunsch hat, nachzuprüfen und weiterzuforschen, sei auf Heft Nr. 12 unseres Correspondence Course verwiesen (publiziert durch die British Homœopathic Association) – oder, besser noch, auf Hahnemanns eigenes Werk, den 1. Band der Chronischen Krankheiten.
„Alle chronischen Krankheiten … müssen … festständige chronische Miasmen zum Ursprunge und zum Grunde haben, wodurch ihre Parasiten-Existenz im menschlichen Organism sich immerdar erhöhen und wachsen zu können befähigt wird.“ [S. 11]
Bestimmte Krankheiten wie Pocken, Masern, Scharlach, die venerischen Krankheiten, die Krätze der Woll-Arbeiter, Tollwut, Keuchhusten usw. werden hervorgerufen durch besondere Erreger von ziemlich festständigem Charakter. Sie sind in ihrem Verlauf so gleichbleibend, dass man sie stets wie alte Bekannte wiedererkennt. Sie können mit Namen benannt werden, und wir können es unternehmen, für sie bestimmte Behandlungsmethoden festzulegen, die dann – in der Regel – für jede von ihnen geeignet sind.24

24

Das Zitat habe ich so nirgends gefunden, sodass ich es rückübersetzt habe; vgl. die Angaben zu verwandten Stellen in der Fußnote 16.

Bei all diesen Krankheiten, so sagt er, geschieht die Ansteckung „in einem einzigen … Augenblicke“.
Und bei ihnen allen gibt es nach der Infektion eine Inkubationszeit von unterschiedlicher Dauer, bevor die Krankheit an die Oberfläche kommt, mit Fieber und mit Ausschlag oder sonstigen Hautmanifestationen, die fähig sind, die Krankheit weiterzutragen [vgl. S. 43].
Hahnemann fragt: „Giebt es wohl irgend ein Miasm auf der Welt, was, nach geschehener Ansteckung von außen, nicht erst den ganzen Organism krank mache, ehe sich die Zeichen davon äußerlich hervorthun? Man kann nicht anders, als mit Nein antworten. Es giebt keins!“ [ebd.]
Wir sehen, „daß alle miasmatische Krankheiten, welche eigenartige Lokalübel auf der Haut zeigen, stets eher als innere Krankheiten im Körper vorhanden sind, ehe sie ihr Lokal-Symptom äußerlich auf der Haut erscheinen lassen …“ [S. 42]
Nur einige der obenerwähnten akuten Infektionskrankheiten sind für Hahnemann chronische Krankheiten, nämlich die Syphilis, die Gonorrhö (Sykosis) und die Psora (unter welchem Begriff er alle nicht-venerischen chronischen Krankheiten zusammenfasst, wie Epilepsie, Asthma, Melancholie und Wahnsinn, Marasmus, Diabetes, Schwindsucht, Krebs sowie eine lange Liste hartnäckiger Beschwerden seitens der Eingeweide und der speziellen Sinnesorgane). Nach Hahnemann bestehen diese chronischen Krankheiten in unterschiedlicher Form und Intensität das ganze Leben hindurch fort, sofern sie nicht durch Arzneien geheilt werden, die zu der ursprünglichen Krankheit homöopathisch sind; wohingegen die anderen, die er als nur akute Krankheiten begreift, nach zwei bis drei Wochen in einer Crisis [„eine uns unbekannte Entscheidungs-Art“] enden, durch die das Fieber samt dem Ausschlag im Organismus ausgelöscht wird, „so daß der Mensch dann gänzlich von ihnen (wenn er nicht von denselben getödtet wird), und zwar in kurzer Zeit, zu genesen pflegt.“ – Oder, so fragt er sich in einer Fußnote, haben diese akuten Miasmen „die besondre Natur, daß sie … nach Erzeugung ihrer Frucht (des reifen, ihr Miasm wieder mitzutheilen fähigen Haut-Ausschlages) von selbst ersterben …?“
„Sind dagegen nicht die chronischen Miasmen mit dem Leben des von ihnen ergriffenen Menschen fortlebende …, halbgeistige Krankheits-Parasiten, die nur durch eine Gegen-Ansteckung mit ganz ähnlicher, stärkerer Arznei-Krankheits-Potenz … vernichtet werden können?“ [S. 45 f.]
Sowohl bei den akuten wie bei den chronischen miasmatischen Krankheiten nehmen die Dinge, was Ansteckungsart und die „vorgängige Bildung der innern Krankheit“ betrifft, zunächst „denselben Gang“; erst im weiteren Verlauf zeige sich, so Hahnemann, „jene große, merkwürdige Verschiedenheit von den akuten, daß bei den chronischen Miasmen die innere ganze Krankheit … lebenslang im Organisme verharret …“ Und allein dieser Punkt ist es, wo sich aufgrund neuer Erfahrungen unsere Wege trennen – jedoch nur, um auf seinen Spuren einen Schritt weiterzukommen.
Inzwischen kennen wir nämlich bestimmte Tatsachen: vor allem, dass einige der scheinbar nur akuten Krankheiten möglicherweise nicht „ausgelöscht“, sondern nur teilweise überwunden und auf diese Weise latent werden. Fortan werden die gesunden Reaktionen beispielsweise auf Erkrankungen oder Verletzungen verändert, und zwar so, dass man sich von ihnen nicht mehr richtig erholt. Hier ein paar Beispiele: Ein Mann erfährt während der Arbeit häufigen oder ständigen Druck auf einen Knochen; leidet er nun unter einer latenten, ehedem akuten und jetzt chronischen Infektion wie z.B. Syphilis, so entwickelt er eine syphilitische Nekrose. Ein anderer, scheinbar vollkommen gesunder Mann erleidet eine komplizierte Fraktur; der Knochen will aber nicht wieder zusammenwachsen, die Wunde nicht verheilen. Der Eiter wird untersucht – und man findet Typhuserreger; 30 oder 40 Jahre zuvor hatte er Unterleibstyphus gehabt.25

25

Op. cit. S. 371 [gemeint ist wohl der oben angegebene Correspondence Course].

Ein Schlag auf die weibliche Brust oder häufiger Druck einer Pfeife auf den Lippen, Einflüsse, mit denen ein gesunder Organismus rasch und problemlos fertig wird, führen zu Induration, Proliferation und schließlich zu einem Karzinom. Warum? Wahrscheinlich aufgrund irgendeiner ehemals akuten und jetzt latenten chronischen Krankheit, von der sich der Patient nie vollständig erholt hat und die, wie Hahnemann es [im Zusammenhang mit der inneren Psora] ausdrückt, hier ihre „fürchterliche Höhe“ erreicht. Sie verhindert nicht nur die normalen Heilungsprozesse, sondern kann möglicherweise auch durch das Hervorrufen eines Reizzustandes eine abnorme Blutzufuhr zu dem betreffenden Körperteil bewirken und so eine überschießende Bindegewebsproliferation befördern. Diese wiederum geht mit Druck einher und führt letztlich zur Atrophie der angrenzenden Gewebe – was im Ergebnis Malignität bedeuten kann. Diese Theorie liegt durchaus nahe und ist vielleicht plausibler als das Gros der viel diskutierten Krebsursachen. Die einzige Tatsache, bei der allgemeine Übereinstimmung herrscht, ist, dass Krebs häufig ein Trauma als lokalisierendes Agens hat. Man bedenke aber: Gerade mit einem Trauma wird eine gesunde Konstitution normalerweise rasch und erfolgreich fertig! – wobei „gesund“ bedeutet, eben nicht einer ehemals akuten und jetzt latenten chronischen Krankheit unterworfen zu sein.
Viel zu lange haben wir die Anweisungen und Schlussfolgerungen Hahnemanns zum Thema der chronischen Krankheiten vernachlässigt und auf diese Weise einen großen Teil des Erbes vergeudet, das uns dieser inspirierte Lehrer und Heiler vermacht hat. … „Inspiriert“? – es gibt ja Menschen, die vor diesem Begriff zurückschrecken. Und doch ist es bemerkenswert, dass es immer wieder gerade Wissenschaftler sind, die Hahnemann Inspiration zuschreiben. Wie sonst, so fragen sie, hätte er so untrüglich vieles von dem artikulieren können, was die moderne Wissenschaft gerade erst – Stück für Stück – zu erhellen beginnt?
Inspiration? … Kann uns denn, um ein Beispiel zu nennen, die drahtlose Kommunikation, der Rundfunk, nichts über Inspiration lehren – wenn auch nur durch Analogie? Ich weiß noch, wie es mir als Kind immer so rätselhaft erschien: Das Wort kam zu diesem oder jenem, und der Betreffende vernahm, manchmal höchst unwillig, die Botschaft und war gezwungen, sie weiterzutragen, auf dass all jene sie empfingen, die Ohren hatten zu hören. Kann es nicht sein, dass das Wort immer ‚gesendet‘ wird? – und doch nur jenen verständlich ist, die dafür empfänglich sind – Propheten – Dichtern – Musikern – Wissenschaftlern? Immer wieder ist dies erkannt worden, und doch hat die Mehrheit es zumeist ignoriert.
Browning zum Beispiel:

„Gott hat einige unter uns, denen flüstert Er ins Ohr;

Mögen die übrigen darüber räsonieren

Und die Botschaft willkommen heißen.

Wir Musiker wissen ein Lied davon zu singen.“26

26

„God has a few of us whom He whispers in the ear; The rest may reason and welcome: ’tis we musicians know.“ (Aus dem Monolog von Abt Vogler, in: Dramatis personae, 1864. )

Oder Kipling, in seinem wunderbaren Explorer: 27

27

The Explorer (1898), veröffentlicht 1903 in The Five Nations.

„Bis eine Stimme, wie das schlechte Gewissen, in endlosen Variationen

Eines immerwährenden Flüsterns kündete, bei Tag und Nacht:

‚Etwas ist verborgen. Geh und finde es. Geh und schau hinter die Berge.

Etwas ist verloren hinter den Bergen; etwas, das auf Dich wartet. Geh!‘

Gott trug Sorge, jenes Land zu verbergen, bis Er sein Volk bereit fand.

Dann erwählte Er mich, es mir einzuflüstern – und ich habe es gefunden;

Und nun ist es euer!

Ja, euer ‚Nie-und-nimmer-Land‘ – ja, euer ‚Rand der Zivilisation‘ –

Und ‚Sinnlos weiterzugehen‘ – bis ich die Berge überquerte, mich zu überzeugen.

Gott verzeih! Nicht ich fand es. Es ist Gottes Geschenk an unsere Nation.

Jeder könnte es gefunden haben, aber – Sein Flüstern kam zu mir!“

Ob er Rhodesien gemeint hat? Wahrscheinlich! – Aber das gleiche ist durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder geschehen. Erst kürzlich hat Stephen Williams uns dies im Evening Standard in Erinnerung gerufen, am Beispiel von Christoph Kolumbus, dem „Bettler, der eine neue Welt entdeckte“:
„‚Der Mensch ist ein Werkzeug, das so lange arbeiten muss, bis es in den Händen der Vorsehung zerbricht, die es zu ihren eigenen Zwecken verwendet. Solange der Körper fähig ist, muss der Geist willig sein.‘
Dies waren die Worte eines bescheidenen und demütigen Seefahrers, Sohn eines Genueser Wollkämmers, der gen Sonnenuntergang segelte, auf eine Reise, die die Weltkarte verändern und die Geographie revolutionieren sollte.“
Hat aber jemals irgendjemand etwas entdeckt, ohne dass ein anderer, unabhängig von ihm und ihm unbekannt, auf dasselbe gestoßen wäre? Selbst in der Astronomie war es so: gleichzeitig erhobene, konkurrierende Ansprüche allenthalben! Sie und ich sind taub für die Botschaften, die den Äther füllen; und aus Unkenntnis sagen wir vielleicht: „Da ist kein Ton – nichts!“ – weil wir nichts hören. Doch man bringe einen Radioempfänger, eingestellt auf das, was wir hören wollen, und siehe da! – die Musik der ganzen Welt ertönt für uns.
Ähnlich scheint sich für diejenigen von uns, die von ganzem Herzen heilen wollen, zuweilen der Himmel zu öffnen, und ein völlig neues Licht wird auf diese oder jene Substanz geworfen, die als Heilmittel bis dahin weder erkannt noch gewürdigt worden war. So war es wohl auch, als vor etwa 60 Jahren ein amerikanischer Arzt, Swan, Pionier in der Verwendung von Krankheitsprodukten zur Heilung von ähnlichen Krankheiten, inspiriert wurde, eine Masern-Nosode (als eine von vielen anderen Nosoden) herzustellen, mit der er erstaunliche Heilungen erzielte. (Siehe Homœopathy, Band 1, S. 50, 461)
Nach all den Jahren der Blindheit und Missachtung diesem Mittel gegenüber empfangen wir nun wieder frische Impulse, und ich habe auch schon ganz unerwartete und überraschende Erfolge zu verzeichnen (von denen ich, wie ich hoffe, später einige im Detail veröffentlichen kann – noch ist es zu früh dazu), u. a. – so viel sei jetzt schon gesagt – bei Herzkrankheiten, bei Epilepsie (schreckliche Fälle, die lange, aber nur wenig erfolgreich behandelt worden sind), bei rheumatoiden Erkrankungen und sogar in einem Fall eines weit fortgeschrittenen, infausten, inoperablen Karzinoms … Es ist noch nicht so weit, darüber zu sprechen – aber doch so vielversprechend, dass ich mich nicht enthalten kann, das „Flüstern“ weiterzugeben.
Später werde ich vielleicht auch in der Lage sein, verbindliche Aussagen zur Frage der Potenz und der Dosierung zu machen. Bis jetzt sah meine Methode – noch im Versuchsstadium, aber doch recht wirkungsvoll – so aus: entweder die 200. Potenz, je eine Gabe an drei aufeinanderfolgenden Morgen, oder aber (Hahnemanns neuerer Methode folgend, die er in der 6. Auflage des Organon empfiehlt [§§ 246–248], um die Besserung zu beschleunigen) drei Gaben in täglich gesteigerter Potenz, wie z.B. die 12., 30., 200. oder die 30., 200. und 1 M. Dieses Verfahren hat sich nicht nur bei Morbillinum, sondern auch bei vielen anderen Nosoden bewährt.
Jahrelang habe ich Nosoden wie variolinumVARIOLINUM, tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM, syphilinumSYPHILINUM, medorrhinumMEDORRHINUM und influenzinumINFLUENZINUM favorisiert; Morbillinum und mehrere andere spielten dagegen, wie gesagt, bisher keine Rolle. Es zeichnet sich jedoch bereits ab, dass Morbillinum das wichtigste Mittel von all diesen werden wird. „Jeder hat die Masern gehabt“, aber nicht jedem ist es gelungen, die Krankheit so „auszulöschen“, dass nichts Latentes und Bedrohliches zurückgeblieben ist. Wir sollten in Zukunft aufhorchen, wenn uns von einer alten akuten Krankheit berichtet wird, von der sich der Patient nie wieder oder nur sehr zögernd erholt hat … „Nie wieder gesund gewesen seit einer Diphtherie – einer Scharlacherkrankung – einer Pockenimpfung.“ „Sie verlor auf einer Seite ihr Gehör – durch Masern.“
Und die beiden folgenden Fälle, „Tonsillitis, gefolgt von Chorea, dann von Rheumatismus“ und „Herzschaden nach rheumatischem Fieber in der Kindheit“, sind ein starkes Plädoyer für ein machtvolles Mittel:streptococcinum STREPTOCOCCINUM.
Hiermit habe ich versucht, das „Flüstern“ weiterzugeben! Mögen diejenigen, die Ohren haben, es hören; mögen diejenigen, die es verstehen, die Sache zum Wohle der Menschheit weiterverfolgen.
Übrigens, noch ein warnendes Wort: Diese Krankheitsstoffe, die zur Heilung ähnlicher Krankheiten eingesetzt werden, sind homöopathische Mittel, und daher gelten auch für sie die Gesetze Hahnemanns, wenn sie ihre beste Wirkung erzielen und gefahrlos angewandt werden sollen; d.h., sie müssen verdünnt und potenziert und oral verabreicht werden, als Einzeldosis oder in ‚aufgeteilter‘ Gabe; und es muss mit der Möglichkeit einer Erstverschlimmerung gerechnet werden, gefolgt von einer Besserungsreaktion, die nicht gestört werden darf.
Gestern erschienen zwei ambulante Patienten – gerade im rechten Augenblick, um dieser abschließenden Mahnung noch etwas Nachdruck zu verleihen. Bei beiden war die Verschreibung streptococcinumSTREPTOCOCCINUM Gewesen; ihr Bericht lautete: „Nicht besser, eher schlechter!“ „In welcher Hinsicht?“ „Ich hatte wieder Schmerzen in meinen Fingern.“ „Aber wie geht es Ihnen selbst?“ „Oh, mir geht es besser! Mein Herz“ (in dem einen Fall), „mein Magen“ (in dem anderen) „ist viel besser.“
Es ist immer sehr wichtig zu fragen: „In welcher Hinsicht geht es Ihnen schlechter?“, denn hier kommt die homöopathische Theorie ins Spiel: Befunde wie „Einzelne Körperteile schlechter, aber Patient besser“ oder auch „Heilungsrichtung geht von innen nach außen“ erfordern stets, dass wir die Finger davon lassen und dem Patienten eine Chance geben.

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