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B978-3-437-56873-2.00013-5

10.1016/B978-3-437-56873-2.00013-5

978-3-437-56873-2

Natrium muriaticum – Nux vomica

Natrium muriaticum

Weitere Namen: Natriumchlorid; Kochsalz
Natrium muriaticum wurde von Hahnemann eingeführt und von ihm und vier weiteren Mitbeobachtern geprüft. Eine umfangreiche Nachprüfung, bei der verschiedene Dilutionen, von der 30. Potenz bis zur rohen Substanz zur Anwendung kamen, wurde von der österreichischen Prüfergesellschaft vorgenommen.
Hahnemann sagt in Bezug auf das Kochsalz: „Wenn …, wie die Erfahrung zeigt, Alles, was Krankheiten zu heilen Kraft haben soll, auf der andern Seite auch das Befinden gesunder Menschen zu beeinträchtigen fähig seyn muss, so wäre schwer einzusehen, wie sich des Kochsalzes, seit vielen Jahrtausenden, alle, selbst nur halb kultivirte Nationen der Erde zum täglichen Gebrauche, um ihre Speisen schmackhafter zu machen, in nicht ganz geringer Menge hätten bedienen können, ohne in dieser langen Zeit nachtheilige Wirkungen auf das Menschen-Befinden … wahrzunehmen, wenn es dergleichen offenbar und deutlich zu äussern vermöchte … Wenn man also annimmt, dass das Kochsalz in seiner natürlichen Beschaffenheit, beim gewöhnlichen, mässigen, täglichen Gebrauche keine schädlichen Einwirkungen auf die menschliche Gesundheit äussert, wird man auch keine Heilkräftigkeit in Krankheiten von ihm erwarten können. Und gleichwohl liegen die grössten Heilkräfte in demselben verborgen.
Giebt es demnach irgend einen, auch dem Schwachsichtigsten einleuchtenden Beweis, dass die der Homöopathik eigne Zubereitung der Arzneisubstanzen gleichsam eine neue Welt von Kräften, die in den rohen Substanzen, von der Natur bisher verschlossen, lagen, an den Tag bringt, so ist es gewiss die Umschaffung des in rohem Zustande indifferenten Kochsalzes zu einer heroischen und gewaltigen Arznei, die man nach dieser Zubereitung Kranken nur mit grosser Behutsamkeit reichen darf. Welche unglaubliche und doch thatsächliche Umwandlung! – eine anscheinend neue Schöpfung!“
In einer Fußnote gibt er allerdings zu bedenken, dass Salz, ebenso wie andere „indifferent scheinende Genüsse“, schädlich werden kann, wenn man es im Übermaß zu sich nimmt.
Burnett sieht in seiner brillanten kleinen Monographie Natrum Muriaticum das Kochsalz als einen Prüfstein der Lehre von der Dynamisierung der Arzneien 1

1

Natrum Muriaticum as a Test of the Doctrine of Drug Dynamization.

an. Er verweist darauf, dass viele Ärzte zwar Hahnemanns Ähnlichkeitsgesetz akzeptierten, die Potenzierung aber für irrational und unwissenschaftlich hielten. „Aber“, so Burnett, „unsere Meinungen oder Überzeugungen haben nichts mit der Wahrheit zu tun; … etwas zu bezweifeln heißt nicht, es zu widerlegen, … wie auch das ausschließliche Vorhandensein von Atheisten auf der Welt nicht das höchste Wesen abschaffen würde.“ Und: „Wie von Hahnemann und nach ihm von vielen fähigen Praktikern bestätigt worden ist und wie es von Menschen, die solide Wissenschaft betreiben, täglich und stündlich erneut bekräftigt wird, wirken Arzneien tatsächlich anders und besser, wenn sie dynamisiert worden sind. Ja, wie Hahnemann versichern viele, dass diese Lehre“ (von der Dynamisation oder Potenzierung) „sogar von überragender [transcendental] Bedeutung ist, denn viele ernste Krankheiten können überhaupt nur mit dynamisierten Arzneien, nicht selten sogar nur mit Hochpotenzen geheilt werden; mit demselben Mittel in stofflichen Gaben sind sie ganz und gar unheilbar.“
Burnett hatte ursprünglich keine große Achtung vor Natrium muriaticum als Heilmittel und es daher so gut wie nie eingesetzt. „Denn wie kann ein vernünftiger Mensch glauben, dass dieses gewöhnliche Gewürz, das wir bei fast jeder Mahlzeit zu uns nehmen, irgendwelche Heilkräfte besitzen könnte, zumal manche, wie man weiß, Salz jeden Tag in beträchtlichen Mengen verzehren, ohne offensichtliche schädliche Folgen.“ Burnett argumentiert dann: „An Kochsalz als Arzneimittel zu glauben ist fast gleichbedeutend damit, an die Lehre von der Dynamisierung der Arzneien zu glauben, und der ‚gesunde Menschenverstand‘ sträubt sich nun einmal massiv gegen einen Glauben an diese Lehre. Vielleicht“, so fügt er hinzu, „wäre die angemessene Geisteshaltung ja eher Dankbarkeit einem wohltätigen Schöpfer gegenüber.“
Burnetts ‚Bekehrung‘ sah folgendermaßen aus: Er hatte bei einer Patientin mit einer sehr hartnäckigen Gesichtsneuralgie sämtliche Neuralgiemittel ausgeschöpft, die für diese Krankheit im Repertorium verzeichnet waren. ‚Am Ende seiner Weisheit‘, empfahl er ihr daraufhin eine Luftveränderung; da die Patientin jedoch keinen längeren Urlaub machen konnte, unternahm sie einige Tagesausflüge zu den nahe gelegenen Seebädern – und stellte fest, dass sich ihre Neuralgie dort jeweils deutlich verschlimmerte! Da kam Burnett der glückliche Einfall, dass es ja das Salz in der Luft gewesen sein könnte, was ihren Zustand verschlimmert hatte. So verordnete er ihr Natrium muriaticum C 30 (die Potenz wurde gewählt, weil sie sich zufällig in der Hausapotheke der Patientin befand) – und heilte sie prompt. Schlimmer am Meer war seitdem eine seiner starken Indikationen für Natrium muriaticum. Dieser Fall bekehrte ihn – neben anderen Fällen – zugleich auch in Bezug auf Hahnemanns Forderung nach Potenzierung der Arzneien; denn hatte diese Patientin nicht Salz gegessen und eingeatmet – und das nicht nur ohne Heilwirkung, sondern im Gegenteil mit Verschlimmerung ihrer Symptome? Aber, siehe da, potenziertes Salz heilte sie umgehend. Burnett war kein Narr: Bei ihm beugte sich das Vorurteil den Fakten. Und so führt er in jenem kleinen Heft Natrum Muriaticum eine Reihe glänzender Heilerfolge durch potenziertes Kochsalz an.
Seine Idee war: Wie ein Kind, obwohl es reichliche Mengen an Kalksalzen mit seiner Nahrung erhält, außerstande sein kann, eine für seinen Bedarf ausreichende Menge davon zu assimilieren, bis es den Stimulus von calcarea carbonicaCALCAREA empfängt, so ist auch der Hunger von Natrium muriaticum auf Kochsalz ein sehr realer Hunger; der Kranke assimiliert nicht genügend, um den Bedarf des Gewebes an Kochsalz zu decken, bis er den Stimulus des potenzierten Mittels erhält.
Hinsichtlich dieser durch Potenzierung erreichbaren „thatsächlichen Umwandlung“ des Natriumchlorids von einem gewöhnlichen Lebensmittel in eine mächtige Arznei muss ich an den verstorbenen Dr. Molson denken, der zu erzählen pflegte, wie er die Küstenwache in Brighton dazu gebracht hatte – „weil sie nichts zu tun hatte“ –, immer höhere Verreibungen von Natrium muriaticum herzustellen. Im Gegensatz zu den üblichen drei Triturationen, die eine Substanz auf den millionsten Teil reduzieren und zugleich die unlöslichsten Stoffe in Wasser und Alkohol löslich werden lassen, sodass sie dann in flüssiger Form leichter in die höheren Potenzen zu überführen sind, wurde, wie er herausfand, durch solch wiederholtes Verreiben ‚sein‘ Natrium muriaticum ein so intensives, ja fast explosives Agens, dass er sich zuletzt regelrecht fürchtete, es zu verabreichen.
Als Dr. Burnett seine ersten Versuche mit Natrium muriaticum machte, nahm er häufige Prisen des potenzierten Mittels zu sich, um zu sehen, was es an ihm selbst zu bewirken vermochte. Dabei sprang unter anderem seine Unterlippe in der Mitte auf! – etwas, was er nie zuvor gehabt hatte und auch nach Beendigung der Einnahme nie wieder bekam. Es war seine Gewohnheit, auf diese Weise Arzneien, die ihn interessierten, grob an sich selbst auszuprobieren.
Die Menschen sind verschieden, und so nehmen sie ein und dasselbe Arzneimittel auch in unterschiedlicher Weise wahr, entsprechend ihren jeweiligen Erfahrungen mit dessen verschiedenen Eigenschaften und Wirkungen. Es ist daher immer sinnvoll, die Arzneimittelbilder mehrerer Autoren zu studieren; und aus ebendiesem Grund bin ich auch bestrebt, bei jeder Arznei, die ich darzustellen versuche, das ‚Beste aus einer ganzen Bibliothek‘ zusammenzutragen. Dann zeigt sich nämlich, dass von dem einen Vertreter mehr dieser, von dem anderen mehr jener Aspekt betont wird …
Zunächst also zu Burnett. Sein Natrium muriaticum war ein sehr frösteliger Patient, mit besonderer Kälte der Knie; Kälte der Unterschenkel, von den Knien bis zu den Füßen. Diese Kälte und dieses Frösteln verschwanden fast regelmäßig nach der Einnahme von Natrium muriaticum.
Schlimmer am Meer.
Tiefer Riss in der Mitte der Unterlippe.
Unüberwindliche Müdigkeit nach dem Abendessen.
Trüber oder sehr blasser, klarer Harn. … Burnett fand heraus, dass die Arznei den Harn in der Regel aufhellte – oder ihn, bei der Heilung anderer Beschwerden, durch die Förderung von Ausscheidungsvorgängen konzentriert und wolkig werden ließ.
Tränenfluss bei Kopfschmerzen. Reichliches Tränen der Augen ist sehr charakteristisch.
Malaria. Mit Natrium muriaticum heilte Burnett einen Seemann, der an Wechselfieber und Schüttelfrost litt, was sowohl durch den stark gesalzenen Schiffsproviant jener Tage als auch durch die Seeluft ‚ungeheilt‘ geblieben war. Der Mann bedurfte der potenzierten Arznei, um wieder in Ordnung zu kommen.
Beschwerden nach Malaria und Chininbehandlung. Diesen überaus wichtigen Anwendungsbereich von Natrium muriaticum haben wir meines Wissens Dr. Burnett zu verdanken. Das Mittel kann auch dann noch angezeigt sein, wenn Malaria und Chininvergiftung schon viele Jahre zurückliegen. Ein diesbezüglicher Hinweis von ihm, den ich verifizieren konnte: Fälle scheinbarer Schwindsucht bei Patienten, die Malaria gehabt hatten und mit Chinin behandelt wurden, können nicht selten durch Natrium muriaticum auf erstaunliche Weise geheilt werden. Dies ist einer jener wertvollen kleinen Tips, die uns in kritischen Situationen immer wieder rettend zur Seite stehen können.
Natrium muriaticum hat „feurige Zickzacke“ vor den Augen, bevor Kopfschmerzen auftreten (sepiaSEPIA etc.).
Abmagerung, besonders um die Schlüsselbeine, und allgemein der oberen Körperhälfte (lycopodiumLYCOPODIUM).
Gesicht fettig glänzend.
Dem Mittel eignet eine ausgeprägte Periodizität. Bei Malaria beginnt der Frost oft um 10 Uhr, oder er dauert von 9 bis 10 Uhr oder von 10 bis 11 Uhr. Es gibt aber auch andere, ganz bestimmte Zeiten für Fieberfrost, Kopfschmerzen, Neuralgien etc.
Auf der psychischen Ebene ist der Patient höchst reizbar; er kann Trost und viel Aufhebens um seine Person nicht ertragen und ist sehr zum Weinen geneigt; weint noch mehr oder regt sich auf, wenn er getröstet wird.
Er hat zudem die Neigung, sich unangenehme Dinge aus der Vergangenheit (Beleidigungen o.Ä.) ins Gedächtnis zu rufen, nur um darüber selbstquälerisch nachzudenken und sich zu grämen.
Beim lycopodiumLYCOPODIUM-Typ ist es die intellektuelle Ebene, die leicht versagt, Natrium muriaticum wird eher von der emotionalen und sentimentalen Seite her schwach. Nach Kent ist Natrium muriaticum das chronische ignatiaIGNATIA, und es heilt, wo Letzteres zu oberflächlich wirkt. „Verliebt sich in den Falschen, was ihr das Herz bricht. Ist bis zur Absurdität besessen von einer törichten Leidenschaft zu einem verheirateten Mann – oder verliebt sich in den Kutscher. Natrium muriaticum wird wieder Ordnung und ein wenig gesunde Vernunft in ihr Leben bringen.“
Ein kleiner Symptomenkomplex, der Natrium muriaticum bedeutet – und nur Natrium muriaticum:
Trost verschlimmert; mag kein Mitgefühl und Aufhebens um die eigene Person.
Abneigung gegen Gesellschaft.
Ekelt sich vor Fett.
Starkes Verlangen nach Salz. (Ohne das Salzverlangen könnte es auch sepiaSEPIA sein.)
Andererseits schrieb mir der kürzlich verstorbene Dr. Blunt, ein leidenschaftlicher und erfolgreicher Homöopath, einmal Folgendes:
„Natrium muriaticum wäre das letzte Mittel, von dem ich mich trennen würde. Ich habe mehr Fälle von Natrium muriaticum als von irgendwelchen zwei anderen Mitteln zusammengenommen.2

2

Natrium muriaticum soll ja im ‚meeresumwogten‘ Großbritannien besonders weit verbreitet sein.

Wenn ich jemanden habe mit < Wärme und Kälte, > im Freien, dann frage ich sehr bald: ‚Macht Ihnen Wind etwas aus?‘ – ‚Die Augen fangen an zu tränen.‘ – ‚Sie meinen, Sie weinen? Wann weinen Sie sonst noch?‘ – Natrium muriaticum wird antworten: ‚Wenn ich ermahnt oder wenn ich bemitleidet werde.‘ Schlechter durch Trost. Diese Menschen verbergen ihre Tränen aus Furcht vor Mitleid und Trost. Wenn man fragt: ‚Wie geht es Ihnen?‘, antwortet Natrium muriaticum: ‚Besser, vielen Dank‘, auch wenn es gerade nicht so ist. Tränen der Augen beim Lachen ist ein Symptom, das Gold wert ist. Was die Symptome ‚Begierde auf Salz; Abneigung gegen Fettes; fettige Haut; Riss in der Unterlippe‘ betrifft, so habe ich in Natrium muriaticum auch dann das Heilmittel gefunden, wenn all diese Symptome nicht vorhanden waren.“
Guernsey, Keynotes, gibt die Fiebersymptome von Natrium muriaticum wie folgt wieder: „Die charakteristischsten und verlässlichsten Symptome sind: intermittierendes Fieber mit den erwähnten wunden Stellen (Herpes) auf den Lippen; das Herannahen des Fiebers kündigt sich durch übermäßigen Durst vor dem Frost und während des Frostes an, während des Fiebers kein Durst; während des Fiebers oder gegen Ende desselben fangen die erwähnten hämmernden Kopfschmerzen an (Kopfschmerzen, als ob tausend kleine Hämmerchen auf das Gehirn klopfen würden), die noch lange anhalten, wenn das Fieber und das Schwitzen längst aufgehört haben. Der Anfall beginnt in der ersten Tageshälfte; nachdem er vorübergegangen ist, möchte der Patient liegenbleiben, er fühlt sich nicht in der Lage, aufzustehen oder sich um irgendetwas zu kümmern. Aussetzender oder unregelmäßiger Puls. Frösteln mit Durst.“
Wir sehen, wie unterschiedlich die verschiedenen Meister zu ihren Leitsymptomen kommen – und man kann nur von allen lernen.
Ich erinnere mich an einen lange zurückliegenden ambulanten Fall von schwerem Asthma, das es dem Patienten unmöglich machte, im Bett zu liegen. Der Fall lief auf Natrium muriaticum hinaus; es wurde gegeben und heilte schnell. Bei weiterem Nachfragen kam heraus, dass er die Angewohnheit gehabt hatte, große Mengen Salz zu sich zu nehmen. Ich frage mich, ob er dadurch vielleicht vergiftet wurde und ob die potenzierte Arznei, wie sie es ja so oft tut, die Rohsubstanz antidotierte? Oder handelte es sich hier um einen Fall von Salzhunger, entstanden aus der Unfähigkeit, Salz zu assimilieren, und stimulierte ihn das potenzierte Mittel, aus seiner Nahrung das herauszuziehen, was er benötigte?
„Unreine, unheilsame Haut“ … Ich muss da an einen malariakranken Seemann denken – es war während des Krieges –, dessen Gesicht durch Mitesser, Furunkel und Abszesse ganz entstellt war; unter Natrium muriaticum heilte alles erstaunlich gut ab, und als er uns verließ, sah er wieder einigermaßen ‚menschlich‘ aus.
Der nun folgende Fall jüngeren Datums zeigt den Wert von Natrium muriaticum selbst bei Epilepsie, wobei die starke Indikation für das Mittel dessen Heilkraft bei Krankheiten im Gefolge von Malaria und Chininbehandlung war.
Ein Mann mittleren Alters, mit einer starken Tb-Belastung in der Anamnese; viele Pockenimpfungen, die letzte erfolglos; Injektionen gegen Darmseuche3

3

Engl.: enteric plague; gemeint ist wahrscheinlich eine der Salmonellosen.

; viele Jahre in Indien, wo er Denguefieber und Malaria gehabt und monatelang täglich 30 Gran [2 g] Chinin erhalten hatte. Er kam zu uns wegen schwerer und häufiger epileptischer Anfälle, bei denen er sich auf die Zunge biss. thujaTHUJA half nicht viel, unter Natrium muriaticum aber nahmen die Anfälle ab. Inzwischen ist es eineinhalb Jahre her, dass er seinen letzten Anfall hatte, und mittlerweile hat er auch seine alte Energie und seine volle Arbeitskraft zurückgewonnen.
Natrium muriaticum ist eines der wenigen Mittel, die eine Landkartenzunge haben. Es teilt sich hier die Ehre mit taraxacumTARAXACUM, ranunculus sceleratusRANUNCULUS SCELERATUS und einigen anderen.
Und nun wollen wir noch bei Kent nach ein paar Juwelen graben:
Natrium muriaticum ist das Heilmittel bei vielen hysterischen Zuständen. Abwechselndes Weinen und Lachen. Wut mit Fluchen und Schmähungen. Es ist oft das Mittel bei Beschwerden durch unglückliche Liebe. „Die Patientin ist unfähig, ihre Gefühle im Zaum zu halten, und verliebt sich in einen verheirateten Mann.“ Sie weiß, dass ihre Zuneigung unvernünftig ist, kommt aber nicht davon los. Es ist ein Mittel bei den Kopfschmerzen von Menschen, die in Malariagebieten leben, wobei die Schmerzen typischerweise durch Schwitzen bzw. nach Einsetzen des Schweißstadiums gebessert werden. Bei einer anderen Form des Kopfwehs nimmt der Schweiß mit den Schmerzen zu; in diesen Fällen lindert das Schwitzen also überhaupt nicht.
„Natrium muriaticum ist ein Mittel von tiefer und langanhaltender Wirkung. Es greift auf wunderbare Weise in den Stoffwechsel ein und bringt Veränderungen zustande, die dauerhaft sind.“ Wie sepiaSEPIA verträgt es in chronischen Fällen nur selten eine Wiederholung. „Es arbeitet langsam und zeitigt erst nach langer Zeit Resultate – wie es auch Beschwerden entspricht, die sich nur langsam entwickeln und von langer Dauer sind. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht auch schnell wirken kann; alle Mittel können schnell wirken, aber nicht alle sind in der Lage, eine langsame und nachhaltige Wirkung zu entfalten. Auch das am längsten wirkende Mittel kann bei einer akuten Krankheit rasch wirksam sein, hingegen wird ein nur kurz wirkendes Mittel bei einem chronischen Leiden nichts ausrichten können.“
Hauptsymptome4
Geist und GemütSehr zum Weinen geneigt und aufgeregt.a

4

Mit a sind die Symptome aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten gekennzeichnet, die mit b markierten Symptome entstammen der 1848 von Dr. Watzke in der Oesterreichischen Zeitschrift für Homöopathie (Band 4, Heft 1) veröffentlichten Nachprüfung. Ein c zeigt einige klinische Symptome aus Jahrs Symptomencodex an.

Sie muss unwillkührlich weinen.a
Es griff ihn nur noch mehr an, wenn man ihn tröstete.a
Traurigkeit, Weinerlichkeit ohne Ursacheb; Trost verschlechtert.
Schwermüthigkeit.b
Melancholische Stimmung; ist am liebsten allein.b
Hypochondrisch bis zum Lebens-Ueberdrusse.a
Ängstliche Hastigkeit, mit flatternder Bewegung des Herzens.
Jede Kleinigkeit reizt ihn zum Zorne.a
Theilnahmlos …a
Zerstreutheit …a
Er verspricht sich leicht.a
Unaufgelegtheit zu geistigen Arbeiten (Ideenmangel).b
KopfKopfeingenommenheit den ganzen Tag, wie zu schwer.b
Drängender Schmerz, als sollte der Kopf platzen.a
Beim Husten will es die Stirn zersprengen.a
AugenRöthe im Weissen, mit Thränen.a
Ophthalmie nach Silbernitratmissbrauch.
Krampfhaftes Zuziehn der Augenlider …a
Die Augen vergehen ihm beim Lesen und Schreiben …a
Drücken im Auge, wenn er scharf auf Etwas sieht.a
Unsicherheit des Blickes, die Dinge verwirren sich im Sehen.a
Die Buchstaben und Näh-Stiche fliessen beim Sehen in einander …a
GesichtGeschwulst der Oberlippe.c
Die untere Lippe stark angeschwollen und etwas brennend, wonach sich eine grosse Blase zeigte, die Tags darauf eine Kruste bildete und sich ringsum abschuppte.b
Riss in der Mitte der Unterlippe.
MundBitterkeit im Munde.a
Geschmacks-Verlust, lange Zeit hindurch.a
Die Speisen haben gar keinen Geschmack.b
Bläschen auf der Zunge …b
Zunge belegt, mit inselartigen roten Flecken.
Schwere Zunge.a
Sprechen fällt ihm schwer …a
Kinder lernen langsam sprechen. (Ich erinnere mich an ein sehr retardiertes Kind, das nach einer Gabe Natrium muriaticum am nächsten Tag zu sprechen begann.)
MagenSehr heftiger Durst.b – Unlöschbarer Durst.b
Großes Verlangen nach Bitterem, nach Bier; nach Mehlspeisen5

5

Engl.: farinaceous food; der Ausdruck wird in Kellers deutscher Bearbeitung von Kents Repertorium fälschlich mit „stärkehaltige Speisen“ übersetzt; im Synthetischen Repertorium heißt es „Teigwaren“. Übrigens erscheint Nat-m. zugleich dreiwertig in der Rubrik „Teigwaren verschlimmern“.

; nach Saurem; nach Salz, Austern6

6

Wie Bill Gray in Homöopathie mit der Hahnemann Medical Clinic (Kai Kröger Verlag, S. 482) referiert, haben Natrium-muriaticum-Menschen eher eine ausgesprochene Abneigung gegen Austern, weil sie – trotz des salzigen Geschmacks – vom Schleimigen der Austern abgestoßen werden.

, Fisch, Milch.
Abneigung gegen Fleisch7

7

Dies gilt in viel stärkerem Maße für Fett am Fleisch sowie insgesamt für fette Speisen. Jedoch besteht, so die Vithoulkas-Nachträge, eine spezifische Aversion gegen Hühnerfleisch (Bac. und Nat-m. dreiwertig; Sulf. zweiwertig); typisch ist auch eine starke Abneigung gegen alle schleimigen Speisen (Calc., Nat-m.).

, Brot, Kaffee.
Saures Aufstoßen und Unwohlsein nach dem Essen.
Rektum, StuhlDurchfall: chronisch, wässerig; mit Fieber, trockenem Mund und Durst; schlimmer, sobald er sich umherbewegt; < nach Mehlspeisen; mit Abgang vieler Winde.
Wie Verengerung des Mastdarmes, beim Stuhlgange, es erfolgt mit der grössten Anstrengung zuerst harter Koth, der den After aufreisst, dass er blutet und wund schmerzt, wonach jedesmal flüssiger Stuhl kommt; einen Tag um den andern ist sie verstopft.a
Hartleibigkeit.b – Stuhlverstopfung.b
Stuhlverhaltung.b
Langwierige Leibverstopfung.c
Ungewöhnlich harter, trockener, bröcklichter Stuhl …b
Madenwürmer.
HarnwegeUnwillkührlicher Abgang des Harnes im Gehena; wie auch bei Husten und Niesen.c
Verstärkter Harndrang, mit sehr lichtem wasserhellen Urine.b
HerzAussetzen der Herzschläge …a
Aussetzen einiger Pulse.a
Das Pulsieren des Herzens erschüttert den Körper.
GewebeAbmagerung.a – Er magerte stark ab.b
NervenLeichte Ermüdung.b
Große Schwäche und Erschlaffung aller körperlichen und geistigen Kräfte durch Anstrengung oder nach langem Reden.
Lähmung infolge von: Malaria; sexuellen Ausschweifungen oder anderer nervöser Erschöpfung; Diphtherie; Zorn oder Gemütserregung; Schmerzen.
Lähmung der Beugemuskeln.
TräumeÄngstlich; lebhaft; schrecklich; von Räubern im Haus, lässt sich nicht vom Gegenteil überzeugen, bevor nicht eine Durchsuchung vorgenommen worden ist.
HautKleine Bläschen (Herpes) um den Mund, an Armen und Oberschenkeln.
Jückender Ausschlag an der Haar-Grenze des Nackens [und der Schläfe, so wie in den Augenbrauen].a
Weiße Schuppen auf der Kopfhaut; Kopfschuppen.
Nessel-Ausschlag , nach starker Bewegung …
Quaddeln, grosse und rothe, mit argem Jücken am ganzen Körper …a
Flechten in den Gelenkbeugen, mit Heraussickern einer scharfen Feuchtigkeit; Krusten mit tiefen Rhagaden.
Schuppige Ausschläge auf den Beugeseiten der Glieder.
FieberMit heftigem Kopfschmerz; viel Hitze im Gesicht; großer Durst, trinkt viel und häufig; mit Übelkeit und Erbrechen; Stiche im Kopf; liegt ohne Besinnung da; mit Dunkelheit vor den Augen oder mit verschwommenem Sehen; mit ungeheurer Mattigkeit; Abneigung, sich aufzudecken; ohne Frost, von 10 bis 11 Uhr.
Frost: mit Durst; Gähnen, starker Kopfschmerz, große Atemnot; mit berstendem Kopfschmerz; mit Übelkeit und Erbrechen; mit reißenden Schmerzen in den Knochen; Zähneklappern; innerlich, wie von Mangel an Lebenswärme.
Ein Mittel der Periodizität
Um 7 Uhr regelmäßig: Neuralgie des ophthalmischen Trigeminusastes.
9 oder 10 Uhr: Fieberfrost.
11 Uhr: starker Frost, bis 13 Uhr anhaltend.
Jeden Morgen: Erwachen mit Kopfschmerzen …
Jeden Morgen um 8 Uhr, bis 11 Uhr andauernd: Muskeln des Rückens und der Extremitäten gestreckt, während Hand- und Fußgelenke gebeugt sind (tonische Krämpfe).
Von morgens bis mittags: Migräne; Diarrhö schlimmer; Frost.
Von 13 bis 15 Uhr: Quotidianfieber.
Um 17.30 Uhr: Frost beginnt und dauert eine halbe Stunde.
Nach Mitternacht: Schweiß.
Um 2 Uhr: von heftigstem Frost geweckt.
Um 4 Uhr: Einsetzen des Fiebers.
Täglich: regelmäßig zur gleichen Zeit Tränenfluss.
24 Stunden andauernd: Migräneanfälle.
Mit der Sonne kommend und gehend: Neuralgie im rechten Auge.
Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, < mittags: Kopfschmerzen.
Jeden zweiten Tag von 10 bis 15 Uhr: Kopfschmerzen; Zahnschmerzen.
Jeden zweiten Tag Verstopfung.
Und so weiter – ausgesprochene Periodizität (arsenicumARSENICUM; auf den Glockenschlag: cedronCEDRON).
Sonderbare Empfindungen
Schwindel, als blase ein kalter Wind durch den Kopf.
Klopfen im Kopf wie von kleinen Hämmerchen.
Kopfweh, als sollte der Kopf zerspringen.a
Gefühl, als ginge er auf Luft.
Geblendet wie von einem Blitz vor den Augen.
Um alle Dinge sieht sie einen feurigen Zickzack.a
Gefühl, als seyen die Augäpfel zu gross …a
Pflock-Gefühl im Halse …a
Halsweh, wie ein Pflock im Halse, beim Schlingen.a
Beklemmung der Brust, wie zusammengeschnürt.
Gefühl, als wären die Füße mit Blei gefüllt.
Zerschlagenheits-Schmerz im Kreuze …a
Schmerz, wie zerbrochen im Kreuze.a
Kältegefühl in den Gelenken, als würde Wasser über die Gelenke tröpfeln, im Freien.
Taubheitsgefühl: in der Nase (auf einer Seite); der Lippen; der Zunge (oder einer Hälfte der Zunge); der Arme und Hände; der Finger und Zehen.
Flatternde Bewegung des Herzens.a
Leerheitsgefühl im Kopf; im Epigastrium.
Kältegefühl: auf dem Scheitel; im Magen; um das Herz; im Rücken.
Übrigens, ein warnendes Wort! Natrium muriaticum kann zur Heilung der schlimmsten Kopfschmerzen benötigt werden, aber geben Sie es nicht während eines akuten, schweren Anfalls: Es besteht die Gefahr einer furchtbaren Verschlimmerung. Geben Sie sein ‚Akutmittel‘ bryoniaBRYONIA als Palliativum unmittelbar gegen die Schmerzen und die heilende Arznei später, wenn der Anfall vorüber ist.

Natrium phosphoricum

Weitere Namen: Natriummonohydrogenphosphat; phosphorsaures Natron
Man hat mich gebeten, ein Arzneibild von Natrium phosphoricum zu entwerfen, und wie gewöhnlich habe ich bei all den Autoren unserer homöopathischen Materia medica die Runde gemacht, nur um zu entdecken, wie wenig anscheinend über dieses Mittel geschrieben worden ist. Warum eigentlich?
Natrium phosphoricum ist eines der zwölf ‚Gewebemittel‘ Schüßlers – und eine Arznei, die für mich mehr oder weniger zufällig eine ganz eigene Persönlichkeit gewonnen hat, was keineswegs für all diese Gewebemittel zutrifft.
Die Geschichte war die … Eines späten Abends – ich erinnere mich noch gut daran – wurde mir berichtet, dass eines unserer Hausmädchen ein „schlimmes Knie“ habe. Mit dem vollen Enthusiasmus jener Tage, als das Ausprobieren der Arzneikräfte für mich noch den ganzen Reiz des Neuen hatte, sodass ich begierig jede Gelegenheit dazu ergriff, eilte ich ins obere Stockwerk und fand das Mädchen mit einem heißen, geschwollenen, sehr schmerzhaften, akut entzündeten Gelenk vor. Ich interessierte mich damals gerade für die Schüßlerschen Mittel – so erfreulich einfach – nur zwölf Mittel! – in hochwissenschaftlicher Manier bei allen Krankheiten anzuwenden, denen der Mensch unterworfen ist … Bis sich bald der unvermeidliche Haken an der Sache herausstellte, indem es mir nämlich bei dem Versuch, Schüßlers Lehren in die Tat umzusetzen, so vorkam, als würde in fast jedem Krankheitsfall gleich eine ganze Reihe von ihnen benötigt. Wie dem auch sei, dieses Hausmädchen erhielt Natrium phosphoricum, Schüßlers großes Mittel bei Podagra, akutem Gelenkrheumatismus und – bei Würmern.
Es wirkte ganz nach Plan, sozusagen, denn am nächsten Morgen war die Entzündung im Knie abgeklungen, und die Patientin hatte zwei Spulwürmer ausgeschieden!
Dies war einer jener Fälle, die sich einem unauslöschlich einprägen – gewissermaßen eine gelungene Einführung in dieses Mittel. Danach war mir Natrium phosphoricum kein bloßer Name mehr, sondern ein getreuer Freund, der mir bei rheumatischen Beschwerden, besonders von Kindern, immer wieder zu Hilfe gekommen ist. Vor allem möchte ich erwähnen, dass Natrium phosphoricum einen bedeutenden Anspruch erheben kann als Heilmittel jener gefährlichen ‚Metastasis‘, bei der die Schmerzen von den Gelenken oder Gliedmaßen ablassen und stattdessen auf das Herz übergreifen – was in einer Prüfung folgendermaßen ausgedrückt wurde:
„Herz fühlt sich unruhig und schmerzt, besonders an seiner Basis, während die Schmerzen in den Gliedern und der großen Zehe besser sind.“ Ich frage mich, wie hoch wohl der Prozentsatz an ‚Herzkrankheiten‘ solchen Ursprungs ist?
Wie wir sämtlichen Prüfungsprotokollen entnehmen können, ‚ist‘ Natrium phosphoricum sauer.8

8

Das ‚Saure‘ ist in den Prüfungen nirgends zutage getreten. Es handelt sich hier um Angaben aus Herings Guiding Symptoms und Boericke & Deweys The Twelve Tissue Remedies of Schüssler, somit also um klinische Erfahrungen, die teilweise auf Schüßler selbst zurückgehen.

Zum Beispiel: „Saure und äußerst sauer riechende Schweiße … Saurer Mundgeschmack … Magenübersäuerung, mit Übelkeit und Erbrechen saurer Flüssigkeiten … Saures Aufstoßen … Erbrechen von Flüssigkeit, so sauer wie Essig … Überschuss an Milchsäure … Magengeschwüre, mit saurem Aufstoßen … Grüne, sauer riechende Stühle … Sauer riechende Absonderungen aus dem Uterus … Saure und wässrige Leukorrhö … Ekzeme, mit Symptomen von Hyperazidität.“
Was ist im Vergleich dazu das moderne Schreckgespenst der ‚Azidose‘, die angeblich eine sehr sorgfältige Diät erforderlich macht? Zudem wäre nach meinem Eindruck eine Diät bei heranwachsenden Kindern auch nicht sonderlich praktikabel. Demgegenüber könnten in solchen Fällen wenige Gaben Natrium phosphoricum in Potenz viel Positives bewirken – ohne das geringste Risiko.
Hauptsymptome9
Dünner, feuchter Belag auf der Zunge.

9

Aus Herings Guiding Symptoms. Die mit a markierten Symptome sind aus Schüßlers Eine Abgekürzte Therapie zitiert; die mit b bezeichneten entstammen der von E. A. Farrington 1869–1875 mit hohen Potenzen durchgeführten Prüfung, größtenteils zitiert nach dem in der A.H.Z. 94, S. 148 ff. veröffentlichten Symptomenverzeichnis.

Feuchter, rahmartiger oder goldgelber Belag auf dem hinteren Teil der Zunge.10

10

Ergänzung des Übersetzers aus The Twelve Tissue Remedies …, wo das Zeichen als das große Leitsymptom von Natrium phosphoricum herausgestellt wird.

Der weiche Gaumen hat ein gelbliches, rahmartiges Aussehen.
Gelber, rahmartiger Belag auf dem hinteren Gaumen.
Saures Aufstoßen, Erbrechen saurer, käsiger Massen; gelblich-grünliche, sog. gehackte Durchfälle; Leibschmerz, Krämpfe [und Fieber] mit Säure.a
Gastrische Beschwerden mit vorwaltender Säure (Sodbrennen), besonders nach Fettgenuß.a
Weitere wichtige oder diagnostisch bedeutsame Symptome
Starker Druck und Hitze auf dem Scheitel, als würde er sich öffnen.
Starke Kopfschmerzen, als wäre der Schädel zu voll; in Stirn oder Hinterkopf, mit Übelkeit oder saurem, schleimigem Erbrechen.
Übelkeit erregender Kopfschmerz, mit Auswurf von saurem Schaum.
Schielen durch von Würmern hervorgerufene Darmreizung.
Zähneknirschen von Kindern im Schlaf.
Zunge schmutzig weiss belegt, mit dunkelbrauner Mitte.b
Sodbrennen und Übersäuerung des Magens.
Erbrechen saurer Flüssigkeiten und geronnener Massen (keine Speisen).
Erbrechen von Flüssigkeit, sauer wie Essig; Überschuss an Milchsäure.
Bei Würmern: Magenschmerzen, von saurem Aufstoßen begleitet.
Magengeschwür: nach dem Essen Schmerz an einer bestimmten Stelle; zuweilen saures Aufstoßen; Appetitlosigkeit; Gesicht rot und fleckig, aber nicht fiebrig.
Leberzirrhose und hepatische Form des Diabetes11

11

Möglicherweise ist hiermit die idiopathische Hämochromatose gemeint.

, besonders wenn serienweise Furunkel auftreten.
Koliken bei Kindern mit Anzeichen überschüssiger Säure, wie grüne, sauer riechende Stühle, Erbrechen geronnener Milch, etc.
Durchfall aufgrund übermäßiger Säurebildung; Stühle sauer riechend, grün.
Jucken am After; Wundheit.b
Würmerbedingter Juckreiz am After, besonders nachts, wenn es im Bett warm wird.
Intestinale Band-, Spul- oder Madenwürmer, mit Nasenzupfen, gelegentlichem Schielen, Darmschmerzen, unruhigem Schlaf, etc.
Polyurie; Diabetes.
Blasenatonie.
Harninkontinenz bei Kindern, mit Hyperazidität des Magens.
Gefühl, als ob ein Klumpen oder eine Blase vom Herzen ausginge und durch die Arterien getrieben würde.b
Herz fühlt sich unruhig und schmerzt, besonders an seiner Basis, während die Schmerzen in den Gliedern und der grossen Zehe besser sind.b
Schmerz im unteren Drittel des Brustbeins, als wäre es entzweigebrochen.b
Kropf (in 13 Fällen); das Druckgefühl wurde nach 3–5 Tagen gelindert; in einigen Fällen wurde eine Heilung bewirkt.
Rheumatische Schmerzen …
Muskelkontraktionen …
Steifheit beim Aufstehen …
Krampfschmerzen in den Händen beim Schreiben.
Synovial-Knacken.b
Bei Gewitter: Zittern und Herzklopfen; Schmerzen verstärkt.
Krankheiten kleiner Kinder, welche, nachdem sie mit Milch und Zucker überfüttert worden, an überschüssiger [Milch-]Säure leiden.a
Krankheiten, welche durch einen Ueberschuß an Milchsäure bedingt sind.a
Lymphdrüsengeschwülste … können, solange sie nicht verhärtet sind, mittels Natrum phosphoricum beseitigt werden [weil dies Salz die Milchsäure tilgt …].a
Rheumatische Arthritis.
Hautaffektionen bei Zeichen von Hyperazidität …
Sollen wir dieser Liste jetzt noch den modernen Popanz ‚Azidose‘ hinzufügen?
Folgendes hat Schüßler zu seinem großen ‚Gewebesalz‘ Natrium phosphoricum zu sagen (NB – man muss wissen, dass Schüßler ein homöopathischer Arzt war, der seinen Ehrgeiz darein setzte, die Zahl der Arzneimittel zu beschränken und die Homöopathie durch seine ‚biochemischen‘ Studien zu vereinfachen): 12

12

M. Tyler zitiert hier nicht Schüßler, sondern aus The Twelve Tissue Remedies of Schüssler von Boericke & Dewey, die darin nicht nur Schüßlers Erkenntnisse, sondern das vollständige homöopathische Wissen über die zwölf ‚Gewebemittel‘ verarbeitet haben. Sofern in dem zitierten Text auf Schüßlers Abgekürzte Therapie Bezug genommen wird, habe ich dies bei der Übersetzung berücksichtigt und die direkt von Schüßler stammenden Passagen in Anführungsstriche gesetzt.

Ihm zufolge ist dieses Salz „in den Blutkörperchen, in den Muskel-, Nerven- und Gehirnzellen sowie in den Interzellularflüssigkeiten enthalten“. … Natrium phosphoricum ist nützlich bei Podagra und Gicht wie auch bei akutem und chronischem Gelenkrheumatismus; von daher ist es ein Mittel für die sog. saure Diathese. … „Das phosphorsaure Natron ist das Heilmittel derjenigen Krankheiten, welche durch einen Ueberschuß an Milchsäure bedingt sind.“ Es verhindert das Eindicken von Galle und Schleim mit Auskristallisierung des Cholesterins im Gallengang und beseitigt so die Ursache für viele Fälle von Gelbsucht, Gallenkolik, biliösem Kopfschmerz und von mangelhafter Assimilation der Nahrungsfette aufgrund nicht ausreichender Gallenflüssigkeit.
Ein langer Abschnitt ist der Rolle dieses Salzes im Organismus gewidmet, worin u. a. festgestellt wird, dass die Leber das erste und wichtigste ‚Laboratorium‘ des animalischen Körpers ist. …
Das große Leitsymptom für dieses Mittel ist der feuchte, rahmartige oder goldgelbe Belag auf dem hinteren Teil der Zunge und des Gaumens.
Bläschen oder Empfindung von Haaren auf der Zungenspitze [Farrington].
„Saures Aufstoßen, Erbrechen saurer, käsiger Massen; gelblich-grünliche Durchfälle.“
Natrium phosphoricum kommt möglicherweise auch als Heilmittel des Diabetes in Betracht: Zucker wird bekanntlich in Milchsäure und diese wiederum „durch die Gegenwart des phosphorsauren Natron … in Kohlensäure und Wasser zerlegt“. Indem das Salz auf diese Weise die Menge der anfallenden Milchsäure im Stoffwechsel verringert, schafft es Platz für den weiteren Abbau von Zucker zu Milchsäure und reduziert so die Zuckermenge auf ein normales Maß.13

13

So bei Boericke & Dewey nicht zu finden.

Unter den Symptomen finden sich auch folgende Geistessymptome [aus der Prüfung Farringtons]: Erwacht in der Nacht und bildet sich ein, Möbelstücke seien Personen. – Bildet sich ein, Schritte im Nebenraum zu hören.
(In meinem Schüßler-Exemplar habe ich als Studentin eine Empfehlung unseres Dozenten am Rand vermerkt: Morbus Basedow; die Symptome scheinen das aber nicht zu verbürgen.)
Ferner: Erbrechen saurer Flüssigkeiten oder dunkler, kaffeesatzähnlicher Massen; saures Aufstoßen; Appetitlosigkeit.
Natrium phosphoricum hat viele Harnwegssymptome: Diabetische Polyurie. – Beständiger Harndrang. – Harnfluss setzt aus, macht Pressen erforderlich, usw. (die hervorstechendsten Symptome habe ich oben bereits genannt).
Wie schon bemerkt, kann das Mittel bei jener bedenklichen Metastasis von Nutzen sein, wo Schmerzen in den Extremitäten besser werden und stattdessen das Herz in Mitleidenschaft gezogen wird. Dies erinnert mich an meinen alten Reim über benzoicum acidumacidum benzoicumACIDUM BENZOICUM:

Besser ist’s, der Harn fließt dick und reichlich;

Denn wenn klar und spärlich, sind Schmerzen unausweichlich!

Und finden Glieder und Gelenke Linderung,

Bedeutet’s für das Herz zumeist Verschlimmerung …

Schüßler empfiehlt wie üblich die D 6 oder D 12; doch sollen auch hohe und höchste Potenzen mit Erfolg eingesetzt worden sein. Ich habe meine Erfahrungen mit der C 30 und C 200 gemacht.
Clarke (Dictionary) berichtet über die Wirkungen, die ein Prüfer Farringtons während der Prüfung von Natrium phosphoricum an sich festgestellt hatte, und wie dieser Prüfer später aus seinen Erfahrungen selbst Nutzen ziehen konnte. Er hatte bei der Prüfung folgende Symptome entwickelt: „Jucken an den Fußgelenken, mit einem ekzematösen Ausschlag. Befürchtungen, besonders nachts, dass etwas Schlimmes passieren werde. Kopfschmerz; Übelkeit; Sehstörungen, mit Erweiterung einer Pupille.“ Zwei Jahre später hatte er dann einen Patienten – mit Sehstörungen und Kopfschmerzen; wenn diese am stärksten waren, bekam er, vor allem des Nachts, Angstgefühle; außerdem litt er an einem Hautausschlag an den Knöcheln, der mit Juckreiz begonnen hatte … Natrium phosphoricum heilte ihn umgehend.
Dies erinnert mich an das, was Hahnemann in Bezug auf die Prüfer sagte:
Indem der Arzt seine eigene Person zum Gegenstand von Versuchen macht, gewinnt er daraus „unersetzliche Vortheile. … Der Selbstversucher weiß es selbst, er weiß es gewiß, was er gefühlt hat, und jeder solche Selbstversuch ist für ihn ein neuer Antrieb zur Erforschung der Kräfte mehrer Arzneien. Und so übt er sich mehr und mehr in der für den Arzt so wichtigen Beobachtungskunst, wenn er sich selbst, als das Gewissere, ihn nicht Täuschende, zu beobachten fortfährt … Er wähne auch nicht, daß solche kleine Erkrankungen beim Einnehmen prüfender Arzneien überhaupt seiner Gesundheit nachtheilig wären. Die Erfahrung lehrt im Gegentheile, daß der Organism des Prüfenden, durch die mehren Angriffe auf das gesunde Befinden nur desto geübter wird in Zurücktreibung alles seinem Körper Feindlichen von der Außenwelt her …, auch abgehärteter gegen alles Nachtheilige mittels so gemäßigter Selbstversuche mit Arzneien.“ [Fußnote zu § 141 Organon]
Und wie er sagt, gibt es keinen anderen Weg, um die eigentümlichen Wirkungen der Arzneien auf das Befinden des Menschen zu erfahren, d.h., „welche Krankheits-Elemente sie zu erregen fähig und geneigt“ seien, „als daß man die einzelnen Arzneien versuchsweise gesunden Menschen in mäßiger Menge eingibt“. [§ 108]
Und ist es nicht so, dass man gerade das, worunter man selbst gelitten hat, am leichtesten bei anderen wiedererkennt?!
Anmerkung des Übersetzers: Sowohl Clarke als auch Boericke & Dewey berichten, was heutzutage von besonderem Interesse sein dürfte, dass Natrium phosphoricum in kleinen subkutanen Dosen erfolgreich gegen die Morphinsucht (Heroin!) eingesetzt worden sei; es soll das Verlangen dämpfen („antidotieren“) und so die Sucht durchbrechen.

Natrium sulfuricum

Weitere Namen: Natriumsulfat, Glaubersalz
Natrium sulfuricum, Natriumsulfat, wurde im Jahre 1658 von Glauber entdeckt und von ihm Sal mirabile genannt; wir nennen es gewöhnlich ‚Glaubersalz‘. Es kommt in vielen Mineralquellen vor, wie beispielsweise in Karlsbad und Marienbad. Die alte Schule setzt das Glaubersalz ausschließlich als Abführmittel ein.
Die Homöopathie hat seinen Stellenwert jedoch beträchtlich erhöht und seine große Nützlichkeit (unter anderem) bei Lungenentzündung und bei Asthma nachgewiesen. Dies sind auch die Erkrankungen, wo ich persönlich seine großartigen Wirkungen gesehen habe. Doch wird man Erfolge natürlich nur in solchen Fällen erzielen, welche die eigentümlichen und charakteristischen Symptome aufweisen, wie sie z.T. bereits in den Prüfungen des Mittels hervorgebracht worden sind. Wir werden auf diese Symptome gleich im Einzelnen zu sprechen kommen. Für Grauvogl, jenen großen Homöopathen von einst, war Natrium sulfuricum das Heilmittel par excellence für die sog. ‚hydrogenoide‘ Konstitution, deren Beschwerden durch eine feuchte14

14

Hier und an einigen anderen Stellen schreibt Tyler irrtümlich „feuchtkalte Umgebung“. Natrium sulfuricum leidet jedoch nicht nur unter feuchter Kälte, sondern auch unter feuchter Wärme; dagegen ist für thuja, das andere große ‚hydrogenoide‘ Mittel, speziell die Verschlimmerung durch feuchte Kälte typisch (vgl. die entsprechenden Repertoriumsrubriken).

Umgebung entstehen. Detailliert hat Schüßler die Rolle darzulegen versucht, die es im Körperhaushalt spielt; so schreibt er u.a.15

15

Eine Abgekürzte Therapie, 43. Auflage, Leipzig 1919.

: „Wenn infolge einer Störung in der Bewegung der Natriumsulphat-Moleküle die Elimination des überschüssigen Wassers aus den Intercellularräumen zu langsam von Statten geht, so entsteht eine Hydrämie. … Das Befinden der Personen, welche an Hydrämie leiden, verschlimmert sich bei feuchtem Wetter, in der Nähe von Gewässern und in dumpfen, feuchten Kellerwohnungen; es bessert sich unter entgegengesetzten Bedingungen.“ Sorgfältige Beobachtung, Theorie, Biochemie und, wie wir später sehen werden, auch die Ergebnisse der Prüfungen16

16

M. Tyler bezieht sich hier auf einige Symptome, die von Hering genannt werden (s.u.). Dabei handelt es sich aber wohl um klinische Angaben, denn die Prüfungen haben die Verschlimmerung durch Feuchtigkeit nicht herausgebracht.

stimmen hier also vollkommen überein.
Natrium sulfuricum gehört zur Gruppe jener Mittel mit einer ausgeprägten Periodizität.
Bei Lungenerkrankungen – Pneumonie, Asthma, selbst Tuberkulose – ist die frühmorgendliche Verschlimmerung von 4 bis 5 Uhr charakteristisch. Dieses Merkmal hat immer wieder die Aufmerksamkeit auf Natrium sulfuricum gelenkt und dazu Anlass gegeben, es näher in Erwägung zu ziehen – mit erfreulichen Ergebnissen.
Neben seiner ‚schlechten Stunde‘ von 4 bis 5 Uhr bei Pneumonie und Asthma hat Natrium sulfuricum Koliken um 2 Uhr oder von 2 bis 3 Uhr früh sowie Durchfall, der regelmäßig morgens nach dem Aufstehen einsetzt und jeden Tag wiederkehrt. Gleichzeitig mit den Stühlen gehen sehr viele Winde ab. (NB: Bei sulfurSULFUR treibt die Diarrhö den Patienten aus dem Bett; die Natrium-sulfuricum-Diarrhö meldet sich erst nach dem Aufstehen.) Zur Periodizität ist auch seine Verschlimmerung im Frühjahr zu rechnen (lachesisLACHESIS, rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON etc.).
Besondere Beachtung verdient es als eines der dreiwertigen Mittel in der kleinen Rubrik „Wärme, feuchtwarmes Wetter verschlechtert“ (lachesisLach., carbo vegetabilisCarb-v.; dazu wenige andere, unter ihnen, seltsam genug, siliceaSil., das ein so ‚frösteliges Mittel‘ ist und doch warmes, feuchtes Wetter nicht vertragen kann).
Bei Lungenerkrankungen sucht es sich vor allem die linke Lungenbasis aus. Eine Pneumonie im Bereich der linken unteren Lunge mit einer morgendlichen Verschlimmerung von 4–5 Uhr (Temperaturanstieg usw.) deutet stark auf Natrium sulfuricum hin. Ich habe einige Fälle veröffentlicht, die seine rasche und ausgezeichnete Wirkung bei diesen Patienten zeigen. Überhaupt keinen Sinn ergibt es natürlich zu sagen: „Ich finde, dass phosphorusPHOSPHORUS, bryoniaBRYONIA, Natrium sulfuricum (oder was immer sonst) bei Lungenentzündung einfach wunderbar wirkt!“ Sie sind alle gleich wunderbar – aber jedes in dem Fall, der nach ihm verlangt; und sie sind alle gleichermaßen Versager und ‚nutzlose Medizin‘, wo sie nicht durch die Symptome indiziert sind. Das ‚Glänzende‘, das ‚Wunderbare‘ des in Routine erstarrten Praktikers besteht in Glückstreffern, bei denen die Symptome des Patienten mit jenen des Mittels zufällig übereinstimmten; und bei seinem achselzuckenden „Ich habe es ausprobiert – es ist nutzlos!“ stimmten sie eben zufällig nicht überein. Gleichwohl korrespondiert eine sehr große Zahl von Pneumonien in ihrer Symptomatologie mit BRYONIA, und viele geheilte Fälle gehen daher auf das Konto dieser Arznei, nicht so viele dagegen auf das Konto von Natrium sulfuricum, dessen typische Merkmale seltener anzutreffen sind.
Und, wie schon gesagt, die Leiden und Beschwerden dieser Arznei nehmen mit großer Wahrscheinlichkeit in einer Umgebung mit hoher Luftfeuchtigkeit [vgl. Fußnote 16] ihren Anfang. Natrium sulfuricum kann regnerisches Wetter, feuchte Wohnungen, das Leben in Wassernähe – selbst am Meer – und jeden Wechsel zu feuchtem Wetter nicht vertragen. „Starke Atemnot bei feuchtem, bewölktem Wetter, mit dem Bedürfnis, tief durchzuatmen.“
Natrium sulfuricum ist eines der Heilmittel bei heftigen Asthmaanfällen; der Auswurf ist oft grünlich und reichlich, und stets besteht Verschlimmerung bei feuchtem, regnerischem Wetter.
Ich möchte ein paar Auszüge aus der Vorlesung Kents bringen17

17

Tyler zitiert hier aus der 1. Auflage der Lectures. Kent hat später für die 2. Auflage ein völlig neues Arzneimittelbild entworfen.

, der sehr interessante und praktische Hinweise zu Auswahl und Anwendung dieses wahrhaftigen Wundersalzes – Sal mirabile – gibt.
„Das Gemüt wird von Natrium sulfuricum so aus dem Gleichgewicht gebracht, dass der Patient von unheilvollen Impulsen heimgesucht wird – von Impulsen zu Selbstzerstörung, Hass und Rache. … In erheblichem Maß beeinträchtigt es das Gedächtnis.“ (All diese Dinge kommen in den Prüfungen heraus und können dazu dienen, uns zu dem Mittel zu führen.) Kent vermerkt „einen Kampf zwischen dem Wunsch zu sterben und dem Wunsch zu leben“. Der Patient hat mit sich selbst und dem Impuls, sich umzubringen, regelrecht zu kämpfen. „Er möchte sterben und doch nicht sterben, und diese Gemütsverwirrung bereitet ihm neben all den Qualen am Tage auch noch schlaflose Nächte. …
Die geringsten Geräusche regen ihn auf, und selbst Musik greift ihn an und macht ihn traurig und wehmütig. Schlimmer von sanfter Musik, von mildem, warmem Licht.“ (aurumAURUM hat dagegen, so Kent, nur den Wunsch, Selbstmord zu begehen, nicht das Bedürfnis zu leben.) „Hahnemann hat immer wieder betont, dass die Geistes- und Gemütssymptome am allerwichtigsten sind, … und ein auffallender Zug in Hinsicht auf das psychische Befinden ist die morgendliche Verschlimmerung sowie die Besserung an der kühlen, freien Luft.“
Bei Schleimhautkatarrhen wird ein gelbgrünes oder grünes Sekret abgesondert. Dicke, grüne oder gelblichgrüne Absonderungen aus den Augen, der Nase oder den Choanen. Grüner Fluor vaginalis (THUJA).
„Ausgesprochene Neigung zu Magenverstimmungen, mit Regurgitation des Mageninhalts (phosphorusPHOSPHORUS). … Andauerndes Emporquellen von Speisen. Bitterer Geschmack im Mund. … Der Magen fühlt sich nach dem Essen aufgetrieben und schwer an; fast beständige Übelkeit. … Viele Patienten erzählen, sie hätten es schon immer ‚mit der Galle gehabt‘. Und in der Tat gibt es bei dieser Arznei viele Symptome, die auf eine Leberstörung hinweisen. …
Natrium sulfuricum ist ein nützliches Mittel bei zerebrospinaler Meningitis (cicuta virosaCICUTA VIROSA). Heftige Schmerzen im Hinterkopf und Nacken bis ins Rückgrat hinein, mit Opisthotonus. Der Patient muss auf der Seite liegen, Rückenlage ist in diesen Fällen unmöglich.“
(Hautsymptome:) Ein großartiges Mittel bei der Bartflechte und bei Warzen. Ein Heilmittel der Gonorrhö, zusammen mit thujaTHUJA, mit dem es viele Symptome gemeinsam hat.
Natrium sulfuricum ist ein klassisches Mittel gegen die Nachwirkungen von Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen: Kopfschmerzen, Gedächtnisverlust oder Anfälle von Vergeßlichkeit, Muskelzuckungen, sogar epileptiforme Krämpfe. Kent sagt: „arnica montanaARNICA passt eher bei neuralgischen Beschwerden im Gefolge von Kopfverletzungen, Natrium sulfuricum eher bei posttraumatischen Geistes- und Gemütsstörungen. … Eine Patientin kommt ins Sprechzimmer, bleibt plötzlich stehen, bricht in Schweiß aus, sieht verwirrt und verlegen aus, kommt nach wenigen Sekunden wieder zu sich und sagt: ‚Herr Doktor, solche Anfälle habe ich ständig, seit ich einmal einen Schlag auf den Kopf bekommen habe.‘ Sie benötigt dringend Natrium sulfuricum!“ Kent sagt, das Mittel habe Petit-mal-Anfälle geheilt.
„Natrium-sulfuricum-Schmerzen können sowohl durch Ruhe (wie bei rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON) als auch durch Bewegung (wie bei bryoniaBRYONIA) verschlimmert werden. Unruhe.“
Asthmaleiden bei Kindern sykotischer Eltern. Kent sagt: „Asthma kann eine sykotische Krankheit sein, und wenn es in solchen Fällen geheilt wird, dann durch sykotische Arzneien.“ Natrium sulfuricum hat auch die für THUJA so typischen Feigwarzen im Genital- und Analbereich.
Natrium sulfuricum kann keine stärkehaltigen, vor allem aber keine Mehlspeisen18

18

Vom Übersetzer ergänzt (nach Kents Repertorium: Farinaceous food agg. mit Nat-s. dreiwertig). Vgl. zu den Mehlspeisen-Rubriken auch die Fußnote 5.

verdauen, Kartoffeln (aluminaALUMINA) und auch Milch werden nicht gut vertragen.
Clarke macht auf ein eigentümliches Symptom aufmerksam: „Profuser Speichelfluss bei Kopfschmerzen.“ Er führt mehrere Asthmafälle an, die durch Natrium sulfuricum geheilt wurden, unter ihnen einen Fall, der deutlich die Charakteristika des Mittels zeigt: „Heftiger Asthmaanfall; grünliches, eitriges Sputum; in den letzten beiden Tagen durchfälliger Stuhl unmittelbar nach dem Aufstehen.“ Und bei Hering finden wir zusätzlich: „Kurzatmig, mit stechendem Schmerz in der linken Brustseite. – Starke Atemnot bei feuchtem, bewölktem Wetter, mit dem Bedürfnis, tief durchzuatmen. – Asthmatische Anfälle seit Jahren; Auswurf grünlich und in beträchtlicher Menge.“ Und so fort.
Natrium sulfuricum ist aber auch ein Heilmittel für chronische rheumatoide Arthritis. Seine arthritischen Beschwerden sind stets auf hohe Luftfeuchtigkeit zurückzuführen oder werden dadurch schlimmer. Sie zwingen zu Bewegung, aber die Erleichterung durch Lagewechsel hält nicht lange an.
Natrium sulfuricum kann auch Malariasymptome aufweisen, abwechselnd einhergehend mit Frostüberlaufen und Fieber. Wechselfieber mit galligem Erbrechen, hervorgerufen oder verschlimmert durch feuchtes Wetter oder durch die feuchte Atmosphäre an Gewässern oder am Meer. Das Erbrochene ist grünlichgelb, braun oder schwarz.
Nashs Leitsymptome für Natrium sulfuricum sind:
„Diarrhö: akut oder chronisch, < morgens nach Aufstehen und Umhergehen (bryoniaBRYONIA); mit viel Flatulenz (aloeALOE und calcarea phosphoricaCALCAREA PHOSPHORICA) und Poltern im rechten Unterbauch, besonders in der Ileozäkalgegend.
Lockerer Husten, mit starken Schmerzen in der Brust, < untere linke Brust.
Schlimmer bei feuchtem Wetter, in feuchten Kellern. Hydrogenoide Konstitution (Diarrhö, Rheumatismus, Asthma).
Psychische Störungen auf Grund von Kopfverletzungen.
Chronische Folgen von Schlägen oder Stürzen.“
Er sagt: „Die Verschlimmerung bei feuchtem Wetter ist bei Natrium sulfuricum nicht auf die Diarrhö beschränkt, sie zeigt sich besonders auch in Fällen von chronischem Asthma. Bei dieser beschwerlichen und hartnäckigen Krankheit habe ich von Natrium sulfuricum großen Nutzen gesehen, und da Verschlimmerung durch feuchtes Wetter hierbei allgemein häufig vorkommt, ist es bei lange bestehendem Asthma auch häufig angezeigt. …
Lockerer Husten mit Wundheitsgefühl und heftigem [stechendem] Schmerz durch die untere linke Brust ist sehr charakteristisch. Eines der wichtigsten Unterscheidungskriterien zwischen bryoniaBRYONIA und Natrium sulfuricum besteht in der Art des Hustens: Während bei beiden die Brust beim Husten heftig und wie wund schmerzt, ist der Husten bei BRYONIA trocken und der von Natrium sulfuricum locker. Bei Natrium sulfuricum schmerzt die Brust ebenso stark wie bei BRYONIA, und wenn der Patient husten muss, fährt er im Bett hoch und hält mit den Händen die schmerzhafte Seite, damit es nicht so weh tut.“ Nash erwähnt, dass er schon des Öfteren bei Lungenentzündungen bemerkenswert rasche Erleichterung und Heilung nach Gabe von Natrium sulfuricum gesehen habe, wenn dieses Symptom vorhanden war. „Dieser Schmerz durch die untere linke Brust ist für Natrium sulfuricum ebenso so charakteristisch, wie es der durch die untere rechte Brust ziehende Schmerz für kalium carbonicumKALIUM CARBONICUM ist.“
In Bezug auf die Diarrhö von Natrium sulfuricum führt Boger in seinem Synoptic Key in Großbuchstaben an: „Rumpeln, Gluckern in den Därmen, dann plötzlich herausschießender, geräuschvoller, spritzender Stuhl; nach dem Aufstehen am Morgen …“ Ihm zufolge sind arsenicumARSENICUM ALBUM und thujaTHUJA komplementär zu Natrium sulfuricum. Übrigens betont Kent, als er von Natrium sulfuricum bei Asthma von Kindern, von Jugendlichen in der Pubertät etc. spricht, dass manchmal das Pfeifen, die Häufigkeit der Anfälle und die Prostration auf ARSENICUM hinwiesen, dieses Mittel dann aber lediglich palliativ wirke und der Patient immer häufiger wiederkommen müsse, um Linderung zu erhalten. Hingegen lasse die heilende Arznei die Anfälle immer seltener werden, bis sie schließlich ganz verschwunden seien.
Man beachte, dass im Repertorium Glaubers Sal mirabile (Natrium sulfuricum) eines aus der kleinen Gruppe von Mitteln ist, die besonders bei Asthma von Kindern indiziert sind, nämlich aconitumAcon., chamomillaCham., ipecacuanhaIp., moschusMosch., Nat-s., pulsatillaPuls., sambucus nigraSamb. – und einige weitere im niedrigsten Grad.
Merkwürdig, dass die alte Schule so gut wie nichts über Natrium sulfuricum weiß, außer dass es ein Abführmittel ist!
Für Natrium sulfuricum scheinen weitere Prüfungen in den Potenzen nötig zu sein. Im Folgenden will ich aber die wichtigsten Symptome von Allen und Hering anführen.19

19

Die mit den Indizes a und b gekennzeichneten Symptome stammen von Schréter und Nenning, die um 1830 die ersten Prüfungen durchgeführt haben. Sie wurden veröffentlicht in Band 3 und 4 der Annalen der homöopathischen Klinik von Hartlaub/Trinks. Zwei Gemütssymptome aus der Prüfung Nennings haben sich als sehr charakteristisch herausgestellt und wurden daher vom Übersetzer ergänzt; sie sind an einer zusätzlichen 0 zu erkennen.

Geist und GemütSehr verstimmt, verdriesslich.a
Grosse Verdriesslichkeit, sie wünscht nur, nicht reden zu dürfen und nicht angeredet zu werden, besonders früh.b
Lebensüberdruss; muss all seine Selbstbeherrschung aufbieten, um sich nicht zu erschießen.
Die Musik greift sie sehr an, sie wird dadurch zu wehmüthiger Stimmung gebracht und möchte weinen, ob es gleich lustige Tanzmusik war.0,b
Heitre und frohe Laune, die ihr selbst auffällt, besonders nach Abführen.0,b
KopfDrücken in der Stirn, vorzüglich nach dem Essena; > durch den Druck der Hand, in Ruhe und im Liegen; < beim Denken.
Bohren in der Stirne, so heftig, dass er glaubte, die Stirne müsse zerspringen.a
Heißes Gefühl auf dem Scheitel.
Gefühl im Kopfe, als wenn das Gehirn locker wäre, und beim Bücken, als wenn selbes auf die linke Schläfe hinfiele …b
Einen plötzlichen Ruck im Kopfe, dass es ihr denselben auf die rechte Seite warf …b
Heftige Schmerzen im Kopf, besonders an der Gehirnbasis und im Nacken (nach Kopfverletzungen).
Chronische Folgen von Kopfverletzungen, von einfachen Gehirnerschütterungen und von Verletzungen ohne organische Schäden.
AugenGroße, blasenähnliche Granulationen, mit brennenden Tränen.
Kriebeln im linken Auge, als wenn ein Käfer darin kröche …a
Chronische Konjunktivitis mit granulierten Lidern (Trachom), mit Absonderung von grünem Eiter und mit schrecklicher Lichtscheu.
Drücken in den Augen, des Abends, während des Lesens, beim Lichte; dabei waren die Augenlider so schwer, als wenn Blei darauf läge.a
NaseSchnupfen mit Verstopfung …b; mit Trockenheit und Brennen.
Nasenbluten vor und während der Menses.
Katarrhalische Nasenabsonderung, gelblichgrün; wird bei Lichtexposition grün.
MundSchmutziger, grünlichgrauer oder grünlichbrauner Belag auf der Zungenwurzel.
Die Zunge brennt vorn an der Spitze, wie voll Blasen.b
Blasen, die brennend schmerzen, an der Zungenspitze.b
Blasen im Gaumen, die sich von Tag zu Tag vermehrten, wodurch der Gaumen so empfindlich wurde, dass sie nur mit Mühe essen konnte; Kaltes in den Mund genommen, that ihr wohl.b
MagenDurst nach sehr Kaltem …b
Verlangen nach Eis oder eiskaltem Wasser.
Abneigung gegen Brot, das sie sonst sehr gerne mochte.
Gemüse, Obst, kalte Speisen oder Getränke, Kuchen und Mehlspeisen verursachen Durchfall.
Erbrechen: von Galle; erst von saurer, dann von bitterer Flüssigkeit.
Magenbeschwerden bei Übersäuerung.
LeberGeschwollen und berührungsempfindlich; angeschoppt, schlimmer beim Liegen auf der linken Seite.
Eine grosse Empfindlichkeit in der Lebergegend beim Gehen. Beim Befühlen schmerzt es dort sehr.b
Kann keine enge Kleidung um die Taille ertragen.
Spannen und Stechen unter den falschen Ribben rechter Seite, beim Gehen im Freien.b
Beim Tiefathmen ein heftiger spitziger Stich in der rechten Bauchseite, wie in der Leber, als wollte es dort aufspringen; im Sitzen; durch Draufdrücken unverändert; Nachmittag 4 Uhr.b
Gallenkolik; qualvolle Schmerzen; Gallenerbrechen; bitterer Geschmack.
Gelbsucht, hervorgerufen durch Ärger oder Zorn.
AbdomenBauch- und Kreuzschmerz wie zerschlagen weckt sie Nachts 2 Uhr aus dem Schlafe …b
Reissen um den Nabel herum, mit Blähungen …a
Blähungsanhäufung im Unterleibe, mit Schmerzen, ohne Windabgang.a
Poltern und Umgehen im ganzen Bauche mit Zwicken, wie nach einer Purganz; dann Abführen.b
Lautes Umkollern im Oberbauche, mit darauf folgendem sehr stinkendem Blähungsabgange.b
Blähungskolik: die Winde häuften sich an und gingen schwer ab, sie machten ihm Leibkneipen …a
Rektum, StuhlChronische Diarrhö; Tuberculosis abdominalis.
Durchfall: < bei nassem Wetter; morgens; nach Mehlspeisen; in kalter Abendluft; nach Genuss von Gemüse, Obst, Kuchen, kalten Speisen oder Getränken; abwechselnd mit Verstopfung; tritt regelmäßig jeden Morgen auf und wiederholt sich ziemlich regelmäßig täglich.
HarnorganePolyurie, besonders bei Diabetes.
Urin brennt beim Lassen und ist sehr geringer Quantität.b
Atemwege, BrustBrustbeengung.a
Ein Druck auf der Brust, wie von einer schweren Last.b
Starke Atemnot bei feuchtem, bewölktem Wetter, mit dem Bedürfnis, tief durchzuatmen.
Kurzatmig, mit stechendem Schmerz in der linken Brustseite.
Stiche in der linken Brustseite: beim Sitzen; während des Gähnens; beim Einatmen; vom Unterleib bis in die linke Brustseite hochziehend.
ExtremitätenPanaritium, Schmerz erträglicher im Freien.
Viel Schmerzen in den Gliedern, Händen und Fingern.
Grausamer Schmerz im rechten Hüftgelenke, … besonders beim Bücken und mancherlei Bewegungen; beim Ausstrecken, so auch beim Gehen fühlt sie nichts; beim Aufstehen vom Sitze und bei Bewegung im Bette am ärgsten.b
NervenNach Schlag auf den Kopf epileptiforme Anfälle, die ihn zum Wahnsinn trieben; er wusste nie, wann sie kommen; sehr reizbar, wollte sterben; beständiger Schmerz im Kopf; starke Photophobie.
ZeitNachts 2 Uhr heftige Bauch- und Kreuzschmerzen; von 2 bis 3 Uhr Blähungskolik; von 4 bis 5 Uhr Asthma; um 9 Uhr Durchfall.
MalariasymptomeAbwechselnd Frostschauer und Fieber.
Hydrogenoide KonstitutionFühlt jeden Wechsel von trocken nach feucht; kann weder Seeluft vertragen noch Pflanzen essen, die in Wassernähe gedeihen; fühlt sich an trockenen Tagen am wohlsten.

Nux moschata

Weitere Namen: Muskatnuss; Samenkern von Myristica fragrans
Kent sagt von der Muskatnuss: „Ein kleines Mittel, das aber durch nichts zu ersetzen ist, wenn es benötigt wird.“
Zufälligerweise bin ich mehrere Male unter recht dramatischen Umständen auf dieses Arzneimittel gestoßen und habe dabei seine schnelle und wunderbare Wirkung beobachten können. Daher reizt es mich natürlich sehr, darüber zu schreiben, zumal es wohl nur wenig bekannt ist. Es ist eines jener Mittel, die nur dann beim Repertorisieren ‚herauskommen‘, wenn man die ihm eigentümlichen Symptome berücksichtigt, die ganz unverwechselbar sind.
Eine erste Erfahrung
Vor vielen Jahren fuhr ich spät abends in größter Besorgnis um eine 80-jährige Patientin in den Süden Londons, um dort einen homöopathischen Arzt um Rat zu fragen. Die Frau war bereits seit neun Wochen infolge einer zerebralen Thrombose gelähmt und komatös, doch war das Koma jetzt so weit fortgeschritten, dass es kaum noch möglich war, sie zu ernähren.
Wie sich herausstellte, war ich bei diesem Arzt genau an den Richtigen geraten, denn er hatte eine seltsame Geschichte zu erzählen! Er selbst hatte nach einer ganzen Reihe von grippalen Infekten (und die Grippe war schlimm in jenen Tagen!) anfallsartige Zustände von Gleichgültigkeit und automatischem Verhalten entwickelt, dergestalt, dass er seine Briefe tagelang ungeöffnet mit sich herumtrug, an nichts Interesse zeigte und so auch für seine Patienten keine große Hilfe war. Dennoch hatten diese ihm weiterhin großes Vertrauen entgegengebracht, Nachsicht gezeigt und darauf gewartet, dass sich seine postgrippale Indisponiertheit wieder legte. Nux moschata war es schließlich gewesen, das seine Arbeitsfähigkeit wie von Zauberhand wiederhergestellt hatte. Darum war er natürlich besonders in der Lage, mich auf die ‚Tugenden‘ dieses Mittels aufmerksam zu machen und seine Anwendbarkeit für den vorliegenden Fall aufzuzeigen.
Und es wirkte – lediglich eine Gabe der 200. Potenz (wenn ich mich recht entsinne), und all meine Besorgnis bezüglich der Patientin wurde gegenstandslos: Sie erwachte prompt aus ihrem Koma, erholte sich sehr gut und lebte, wieder im Vollbesitz ihrer Kräfte, noch fünf weitere Jahre. Andere Mittel (besonders zincumZINCUM in sehr hoher Potenz) brachten ihr später gelegentlich Hilfe, doch es war Nux moschata, das ihr, wie man wohl sagen kann, das Leben gerettet hatte. – Nach einer Erfahrung wie dieser vergisst man eine Arznei nie wieder.
Und hier eine ganz andere Art von Erfahrung mit der Muskatnuss …
Vor einigen Jahren bat mich eine 22-Jährige um Hilfe, die sich in einem eigenartigen Zustand befand. Acht Monate zuvor hatte sie – gegen Furunkel – eine ganze Muskatnuss gegessen; sie hatte sie zerrieben und auf einem Butterbrot verspeist. (Diese interessante Erfahrung hatte sie bereits, wie sie erzählte, £ 100 für diverse Behandlungsversuche gekostet.)
Was danach geschehen war, beschrieb sie folgendermaßen:
Sie wurde schläfrig, die Augen waren nur halb geöffnet.
Sie hatte das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren; fühlte sich wie gelähmt und taub.
(Daraufhin nahm sie zum Abführen Glaubersalz und Rizinusöl.)
Wiederholte Anfälle von Bewusstlosigkeit.
(Man versuchte, Erbrechen herbeizuführen, und sie erbrach das Rizinusöl. Man dachte schon, es ginge mit ihr zu Ende.)
Ihr Herz war in Mitleidenschaft gezogen.
Sie hatte das Gefühl, zu einer Seite des Bettes herunterzurutschen.
Sie war einen Monat lang bettlägerig – nie wieder gesund seitdem.
Sehr nervös.
Jetzt hat sie, wenn sie müde ist, Angst, und sie wird schnell müde. Hatte Angst zu sterben.
Träume – Alpträume: Flugzeug stürzt ab; sie wird verfolgt.
Verdauungsstörungen.
Ölige, fettige Haut: Kopf, Gesicht, Rücken.
Achselhöhlen triefen vor Schweiß (… und eine Reihe anderer Symptome).
Zweimal gegen Pocken geimpft; die erste Impfung war nur schwach, die zweite gar nicht mehr angegangen.
Ich schwankte zwischen thujaTHUJA und Nux moschata in hoher Potenz, entschied mich dann aber für THUJA M, 10M und 50M, an drei aufeinanderfolgenden Morgen einzunehmen.
Drei Wochen später: „Deutlich besser; keine Alpträume mehr; Schwindelanfälle seltener. Es (das Mittel) hat mir neues Leben eingehaucht; habe jetzt das Gefühl, alles tun zu können.“ Und nach einem weiteren Monat: „Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden, Sie würden mich kaum wiedererkennen; ich spiele täglich Tennis, und bis auf ein bisschen Übelkeit ab und zu bin ich fast wieder die alte.“ Eine gewisse Verdauungsschwäche war zurückgeblieben, für die sie Nux moschata 200 und M an zwei aufeinanderfolgenden Morgen bekam, und danach habe ich volle elf Monate nichts mehr von ihr gehört.
Wie Kent sagt: „Es ist besser, nichts zu tun als etwas Falsches.“ In diesem Fall hätten ein oder zwei Gaben thujaTHUJA die Furunkel geheilt, und sie hätte ihre £ 100 sparen können.
Die Muskatnuss ist häufig angewandt worden, um Aborte herbeizuführen; ihre Wirkung ist hier spezifisch, wie die Symptome zeigen (s.u.). An ein paar derartige Fälle (die schon lange her sind) kann ich mich heute noch erinnern. Bei allen war die extreme Schläfrigkeit bzw. der komaähnliche Zustand vorhanden, doch hatte diese Wirkung offenbar schnell wieder nachgelassen.
Clarke (Dictionary) bringt einige interessante Beispiele von Wirkungen der Muskatnuss; interessant und wichtig natürlich deshalb, weil die Muskatnuss das, was sie hervorrufen kann, auch zu heilen vermag:
„Ein junger Mann aß eines Morgens zwei Muskatnüsse. Nachmittags war er gut aufgelegt, war zu mehr Aktivitäten in der Lage als sonst und konnte sich zu jedem Thema äußern. Beim Abendessen trockener Mund mit großem Durst; er hatte das Gefühl, gar nicht genug trinken zu können, um ihn zu stillen. Nach dem Essen hatte er ein seltsames Gefühl im Kopf, so als würde er träumen; dennoch machte er, wie er es vorgehabt hatte, noch bei einer kleinen musikalischen Veranstaltung mit. Er schien zwei Personen zu sein, und sein wahres, bewusstes Ich schien sein anderes Ich beim Klavierspielen zu beobachten. Er schlug immer die falschen Tasten an und musste aufhören. Er schien ganz in sich versunken zu sein, und wenn man ihn ansprach, schrak er zusammen und kam wieder zu sich. Sein Gehör war für entfernte Geräusche viel empfindlicher als gewöhnlich.
Eine Frau, die mehrere Muskatnüsse mit der Absicht gegessen hatte, eine Abtreibung herbeizuführen, hatte die Halluzination, zwei Köpfe zu haben.“
Eine Frau, die eine geriebene Muskatnuss gegen Bauchschmerzen mit Durchfall verzehrt hatte, fiel in einen halbkomatösen Zustand. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, hielt sie ständig ihre Hände an den Kopf, um, wie sie sagte, „zu verhindern, dass er herunterfällt“. Auch musste sie die Hände benutzen, wenn sie den Kopf bewegen wollte, da sie ihn als zu groß und zu schwer für ihren Körper empfand.20

20

Die vollständige Schilderung dieses Falles findet sich in Hughes' Cyclopædia of Drug Pathogenesy, Band 3, S. 424.

Clarke hebt drei wichtige Leitsymptome von Nux moschata besonders hervor: Schläfrigkeit Frostigkeit Trockenheit. „Sehr arge Trockenheit im Munde; der Speichel war ihm wie Baumwolle.“ Ein weiteres Leitsymptom ist Ohnmachtsneigung.
„Zeitweise hellseherische Zustände: Kann Fragen genau beantworten, die ganz außerhalb ihres Horizontes liegen, und beim Wiedererlangen des Bewusstseins weiß sie nichts mehr davon.“
Bei gespaltener Persönlichkeit vergleiche außerdem baptisiaBAPTISIA, petroleumPETROLEUM und pyrogeniumPYROGENIUM.
Hauptsymptome21
Geist und GemütUnwiderstehliche Schläfrigkeit.a

21

Aus Herings Guiding Symptoms; einige fettgedruckte Symptome aus Allens Encyclopedia sind von mir hinzugefügt worden. Die Prüfung wurde 1833 von Helbig im 1. Heft der Zeitschrift Heraklides (Ueber Krankheitsursachen und Heilmittel nach ihren reinen Wirkungen) veröffentlicht; die entsprechenden Symptome sind mit a gekennzeichnet. Hering hat 1859 im 10. Band der Homöopathischen Vierteljahrschrift einige Symptome und klinische Beobachtungen beigesteuert, die mit b markiert sind. 1870 veröffentlichte Hering in englischer Sprache eine 2090 Symptome umfassende Monographie über Nux moschata, anhand derer ich einige Angaben aus den Guiding Symptoms ergänzt oder modifiziert habe.

Gänzliche Erstarrung und Unempfindlichkeit.a
Vergehen der Gedanken beim Sprechen, Lesen oder Schreiben.
Geistesabwesenheit; kann nicht denken.
Schwäche oder Verlust des Gedächtnisses.
Benutzt falsche Wörter (während Kopfschmerzen).
Seine Umgebung scheint ihm verändert zu sein; in phantastische Traumbilder versunken; erkennt vertraute Straßen nicht wieder (opiumOPIUM).
Veränderliche Stimmung; bald lachend, bald weinend.
Ganz gegen seine Gewohnheit reizt ihn alles zum Lachen, welches besonders auffallend war, als er in die freie Luft trat. Er blieb auf der Strasse stehen, machte alberne Gesticulationen, versank zwischendurch in völlige Geistesabwesenheit, und wenn er wieder erwachte (sich sammelte), so kam ihm alles, was ihn umgab, lächerlich vor. …a
KopfGefühl, als wenn alle Gefässe klopften. Besonders auf dem Kopfe, auf kleine Stellen beschränkter klopfend-drückender Schmerz, vorzüglich am linken Augenbraunbogen.a
Drückender Kopfschmerz, auf einer kleinen Stelle über dem linken Stirnhöcker.a
Heftiges Reißen im Hinterkopf, zum Nacken sich erstreckend.
AugenTrockenheit.a
Er kann, wegen Trockenheits- und Rauheitsgefühls in den Augen, dieselben nicht gut öffnen und schliessen.a
Alle Dinge erscheinen zu groß.
MundZungenlähmung.
Zungenschwäche: Kinder, die eigentlich alt genug sind, lernen nicht sprechen, als ob es zu schwer wäre, die Zunge zu bewegen.
Zunge nachts so trocken, als würde sie zu Staub zerfallen.
Die Zunge scheint ihm trocken zu seyn; beim Befühlen mit dem Finger erscheint sie wie ein eingeschlafnes Glied oder wie mit Leder überzogen, Nachts.a
Ohne wirklichen Durst und ohne dass die Zunge bei der Untersuchung trocken ist, hat sie doch ein solches Trockenheitsgefühl im Munde und auf der Zunge, dass ihr dieselbe an dem Gaumen scheint hängen bleiben zu wollen. …a
So grosse Trockenheit im Munde, dass die Zunge am Gaumen anklebt, und doch ist kein Durst dabei, Abends.a
Sehr geplagt von Trockenheit in Mund und Rachen während des Schlafs; wacht immer mit sehr trockener Zunge auf, doch ohne Durst.
MagenSchon geringfügiges Zuviel-Essen verursacht Kopfschmerzen.
Durstlosigkeit, trotz großer Trockenheit oder Trockenheitsempfindung im Munde.
Schluckauf.
Erbrechen: krampfhaft; während der Schwangerschaft; bei Übersäuerung des Magens; bei Flatulenz.
Völlegefühl im Magen: behindert das Atmen; in der Schwangerschaft.
RektumSchwer abgehender, aber weicher Stuhlgang …a
Obgleich der Koth nicht fest war, so ging dennoch die Ausleerung träge von Statten und es war ihm, als bleibe noch ein Theil zurück, weil kein Trieb da war, ihn auszutreiben.a
Sommerdurchfälle der schlimmsten Art.b
Diarrhö: aufgrund kalter Getränke; wie gehackte Eier; mit Unverdautem; mit Appetitlosigkeit und großer Schläfrigkeit, bei Kindern.
Weibliche GenitalienStillt die von Pessarien verursachten Schmerzen und hindert das Erbrechen.b
Menses: unregelmäßig bezüglich Zeit und Menge; zu früh und profus; … mit unüberwindlicher Schläfrigkeit; mit Trockenheit des Mundes; mit hysterischem Lachen …
Die Regel erscheint 2 bis 3 Tage später. Vorher zeigte sich Kreuzschmerz, als ob ein querliegendes Stück Holz herausgedrückt würde … Das Blut war dunkler und dicker …a
Falsche, unkräftige Wehen und bevorstehender Abortus.a
Drohende Fehlgeburt: bei hysterischen Frauen mit Ohnmachtsneigung, Frösteligkeit und Erkältungsneigung; fürchtet zu abortieren; anhaltender und nicht enden wollender Blutfluss.
Atemwege, Brust, HerzHeiserkeit beim Gehen gegen den Wind, plötzlich entstanden.a
Er hustet etwas Blut aus … Dabei Stiche in der Brust.a
Trockner Husten, der sich besonders bei Erhitzung durch Arbeiten und beim Warmwerden im Bette einstellte.a,22

22

Dieses Symptom ist in Allens Encyclopedia ausgelassen worden, und in den Guiding Symptoms ist es nur mit dem zweithöchsten Grad versehen. Helbig hebt es aber durch Sperrdruck besonders hervor, und Hering hat das Symptom „Husten beim Warmwerden im Bette“ (laut Homöopathischer Vierteljahrschrift) „in sehr vielen Fällen“ beobachtet.

Schwieriges Einatmen; hysterisches Asthma.
Das Athemholen erschwerendes Lastgefühl auf der Brust.a
Beklemmung auf der Brust und Andrang nach dem Herzen.a
Zittern oder Flattern des Herzens, wie von Schreck, Furcht oder Trauer.
RückenSchmerzen mal im Rücken, mal im Kreuz; sehr matt in den Knien; < in Ruhe (Lumbago).
Rückenschmerz beim Fahren.a
Schmerzen im Kreuz beim Fahren in einem Wagen.
ExtremitätenDie Hände sind ihm kalt und wie erfroren, und als er in die Stube kam, empfand er unter den Nägeln eine Art Klummen und Sumsen …a
NervenSchläfrigkeit; Torpor; Lethargie.
Spasmen und hysterische Zustände innerer Organe; chronische hysterische Anfälle; konvulsivische Bewegungen.
Hysterie: von der geringsten Anstrengung erschöpft …
SchlafSie lagen mehr als einen Tag unbeweglich und stumm, wie an der Schlafsucht.a
Beschwerden rufen Schläfrigkeit hervor; Koma …; seltsames Gefühl beim Erwachen.
Fast unwiderstehliche Neigung zum Schlafe.a
Ungemein schläfrig ist sie, die Augen wollen immer zufallen.a
Sie ist wie berauscht und schläfrig, sie weiss nicht, wo sie ist und geht, die Augen fallen ihr zu.a
Grosse Schläfrigkeit und doch dabei grosse Neigung zum Lachen.a
HautBei kühler, trockener, zu Schweisse wenig geneigter Haut.a
Seltsame Empfindungen
Er ist wie trunken und taumelnd.a
[Schwäche und Taubheit der Glieder, mit] Gefühl, als schwebte sie in der Luft.
Vorwärtsdrängen im Kopfe, nach der Stirn zu, welche gleichsam herausgedrückt wird und ihm noch einmal so dick erscheint.a
Schmerz, besonders in den Schläfen, beim Schütteln wackelte es im Kopfe, als ob das Gehirn anschlüge.a
Gefühl, als wenn alle Gefässe klopften.a
Druck von innen nach außen, als sollte der Kopf platzen.
Gefühl, als wäre das Gehirn locker.
Nächtliches Zahnreissen, wobei sie die Kiefer nicht zusammenbringen kann, sie sind wie gelähmt.a
Schmerz in Zähnen und im Nacken, von feuchtkalter Abendluft entstanden: es drückt, als ob die Zähne gefasst worden seyen. Die Zähne schienen dabei locker zu seyn …a
[Trockenheitsgefühl im Munde und auf der Zunge, dass ihr dieselbe an dem Gaumen scheint hängen bleiben zu wollen.] Es ist ihr, als ob sie Häring gegessen hätte.a
Gefühl, als würden sich die Speisen im Magen zu Klumpen mit harten Oberflächen und Kanten formen.
Schmerzen im Bauch, als ob dieser voller Knoten sei.
Empfindung wie von einem Klumpen im Unterleib (Anteversio uteri).
Kreuzschmerz, als ob ein querliegendes Stück Holz herausgedrückt würde [vor der Regel].a
Beklemmung auf der Brust, so als ob es fettig oder als ob durchlöcherter Speck im Halse (der Luftröhre) sey, der nicht genug Luft hindurchlasse.a
Brust wie zu eng, nach kaltem Waschen.
Gefühl, als ob ein Messer in die Brust gestoßen würde.
Gefühl, als ob das Herz abgedrückt würde. (cactus grandiflorusCACTUS, lilium tigrinumLILIUM TIGRINUM)
Gefühl, als würde das Herz von etwas gepackt. (CACTUS, DIGITALIS)
Anfälle von Herzklopfen, als würde das Herz stehenbleiben und dann kräftig weiterschlagen. (Vgl. gelsemiumGELSEMIUM, digitalisDIGITALIS)
Gefühl, als würde das Blut zum Herzen, von dort zum Kopf und dann zum übrigen Körper strömen, und dann dasselbe von neuem.
Schmerz im linken Oberarme, neben der Mitte, näher dem Ellenbogen, wie nach heftigem Druck durch greifende Hand.b
Empfindung vorn im rechten Kniee, als ob ihn jemand angriffe, eine Art Umschnüren.a
Wehthun im Kreuze und Mattigkeit in den Beinen, als ob er einen Schlag auf das Kreuz und die Waden bekommen hätte.a
Schmerz zur Seite der Lendenwirbel, wie von einem Faustschlage.a
Schmerzen in den Theilen, worauf er liegt.a (arnica montanaARNICA)
Schmerzen in den Schienbeinen, von den Knien bis zu den Knöcheln, als wären die Knochen zertrümmert.
Trockenheit oder zumindest Trockenheitsgefühl in Augen, Nase, Lippen, Mund, Zunge, Rachen etc.
Herumziehende, wühlend-drückende Schmerzen, die stets nur eine kleine Stelle einnehmen, nicht lange auf dieser verweilen, aber bald wiederkommen.a,23

23

Ergänzung des Übersetzers; der auf kleine Stellen beschränkte Schmerz wird sowohl von Helbig als auch von Hering besonders betont.

Unter den Vergiftungssymptomen der Muskatnuss, die in der Cyclopædia of Drug Pathogenesy angegeben werden, fallen wiederholt deren Wirkungen auf die Beckenorgane auf: Ovarien und Uterus stark angeschwollen und berührungs- und druckempfindlich; viele dieser Symptome bestanden oder rezidivierten über viele Monate hinweg, besonders während der Menses. Ein ums andere Mal wird der Kopf als vergrößert und zu schwer beschrieben: „Sie hielt ständig ihre Hände an den Kopf, um, wie sie sagte, zu verhindern, dass er herunterfiel; auch musste sie die Hände benutzen, wenn sie den Kopf bewegen wollte, da sie ihn als zu groß und schwer für ihren Körper empfand.“ Und in einem anderen Fall: „Ihr Kopf fühlte sich viel zu groß und wie nach hinten gezogen an.“ … „Alles erschien mir zu groß; meine Hände schienen die doppelte Größe zu haben.“ In einem Fall allerdings „schienen die Gegenstände kleiner zu werden, wenn er sie ansah“. Die Atemwege waren zuweilen stark betroffen: „Die Kraft zum Atmen verließ mich.“ Einmal waren die Hände fest über der Brust verschränkt, und der Versuch, sie zu trennen, rief klonische Krämpfe hervor. … „Sie wagte nicht zu schlafen aus Furcht, sie könnte sterben.“ … „Die Hand schien ihr rot, von roten Flecken übersät und vergrößert zu sein.“ … Empfindungen des Schwebens. … „Das Herz schien in einem Vakuum zu schlagen; es fühlte sich taub und kalt an, manchmal auch, als würde es aus ihm heraustropfen; bisweilen schien der Herzschlag auszusetzen“ usw.
Nux moschata ist „müde und kalt“ – schläfrig, trocken, aber ohne Durst.
Guernseys Zusammenfassung von Nux moschata: „Schläfrigkeit; sehr müde; soporartiger Schlaf. Beschwerden rufen Schläfrigkeit hervor.
Frost ohne Durst; Hitze ohne Durst; mangelnde Transpiration; kein Durst.
Sehr trockener Mund, so trocken, dass die Zunge am Gaumen kleben bleiben kann; dennoch kein Verlangen nach Wasser, eher Abneigung dagegen. (mercurius (solubilis)MERCURIUS hat im Gegensatz dazu eine sehr feuchte Zunge, die vor lauter Speichel tropfen kann, und es besteht großer Durst.) Kopfschmerzen mit sehr trockenem Mund, ohne Verlangen zu trinken. …
Schlimmer: im Freien; in kalter Luft; bei nasskaltem Wetter; bei Wetterwechsel (von trockenem zu feuchtem Wetter oder umgekehrt, bis es sich stabilisiert hat); bei nassem Wetter; bei windigem Wetter.“
Farrington sagt: „Nux moschata übt einen sehr ungewöhnlichen Einfluss auf den Geist aus. Der Zustand schwankt zwischen Verwirrung, in der die vertraute Umgebung fremd, phantastisch oder wie im Traum erscheint, und Geistesabwesenheit, Schläfrigkeit, schließlich tiefem Sopor mit Verlust der motorischen und sensorischen Funktionen. Auch die Gemütsstimmung kann alternieren: Bald ist die Patientin heiter, zum Lachen geneigt, gewinnt allen Dingen eine lächerliche Seite ab, scherzt selbst über ernste Themen, dann plötzlich wechselt ihre Stimmung – zu Traurigkeit mit Weinen und lautem Schluchzen; oder ihr Ausdruck wird stumpfsinnig, sie ‚versinkt allmählich in eine Abwesenheit der Gedanken, welche in Schlaf übergehen will‘.
Wahrnehmungsstörungen kommen ebenfalls vor: von einem nur momentanen Verlust der Besinnung kann sie glauben, dass er eine halbe Stunde gedauert habe; ihre Hände scheinen ihr zu groß; Gegenstände werden beim Ansehen immer kleiner.
Die körperlichen Funktionen sind ebenfalls in charakteristischer Weise in Mitleidenschaft gezogen: ‚Kreuz und Beine sind wie zerschlagen und sehr matt‘; Beine und Knie tun ihm weh, wie wenn er eine weite Reise gemacht hätte; Prostration; Neigung, in Ohnmacht zu fallen; ‚Beklemmung auf der Brust und Andrang nach dem Herzen‘; Haut kalt und trocken. So erschlafft, dass Puls und Atem kaum noch wahrnehmbar sind; der Kopf fällt ihm immer wieder nach vorn, das Kinn auf der Brust ruhend; Kopf wie zu groß und ohne Halt, rollt bei Tische hin und her, sodass er gestützt werden muss; Därme enorm aufgebläht, wie durch schwache Verdauung; selbst weiche Stühle gehen nur schwer ab.
Es ist diese geistige und körperliche ‚Atonie‘, die zu den großartigen Heilungen mit Nux moschata hingeleitet hat, nicht nur bei hysterischer Schwäche, sondern auch bei Typhus und Cholera infantum. Die hysterisch-krampfartigen Symptome des Mittels sind innig mit den obengenannten Symptomen verwoben: Kopf nach vorne geworfen; Kiefer zusammengebissen; Herz wie von etwas gepackt; plötzliche Herzbeklemmung, mit Erstickungsgefühl; tonische, dann klonische Krämpfe; Bewusstlosigkeit oder Ohnmächtigwerden.
Begleitende Zustände sind: große Trockenheit von Mund und Hals, über die sie sich, bei ihrer Neigung zu Übertreibungen, heftig beklagt; die geringste Gemütserregung lässt die Symptome wiederkehren, verstärkt die Auftreibung des Bauches, etc.; Haut kühl und trocken, keine Schweißneigung; Herzklopfen; Herzschlag und Puls wechselhaft.“
Kent widmet Nux moschata nur ein kurzes Kapitel. Es ist, wie er sagt, kein sehr großes Mittel, werde aber häufig übersehen, wenn es wirklich einmal gebraucht werde.
„Wir lassen es nur allzuleicht zur Gewohnheit werden, uns ganz auf die Polychreste zu verlassen. …
Im Verhältnis zur Nuss hat die Wurzel des Muskatnussbaumes eine deutlich stärkere Wirkung, sie besitzt die eigentlichen arzneilichen Eigenschaften.24

24

Diese Angabe Kents ist sehr fragwürdig und beruht wahrscheinlich auf der Fehlinformation in den Guiding Symptoms, wonach die alkoholische Tinktur aus der „pulverisierten, getrockneten Wurzel“ hergestellt werde. Statt „Wurzel“ muss es natürlich „Nuss“ oder „Samenkern“ heißen.

Benommenheit des Geistes; … die Patientin handelt rein automatisch. Es ist ein wunderlicher Geisteszustand: Sie läuft im Haus herum und erledigt die Hausarbeit, aber wenn sie unterbrochen wird, hat sie völlig vergessen, was sie eben noch getan hat, weiß z.B. nicht mehr, dass sie sich die ganze Zeit mit ihrem Sohn unterhalten hat; sie hat keine Erinnerung an vergangene Ereignisse. …
Manchmal liegt sie mit geschlossenen Augen da und registriert dennoch alles, was um sie herum vorgeht, erinnern aber kann sie sich dann an nichts. … Sie geht all ihren häuslichen Verrichtungen nach, scheint sich dabei aber in einem tranceähnlichen Zustand zu befinden, in welchem sie weder Freunde noch Angehörige wiedererkennt.
Sie ist immer schläfrig; schläft ständig ein, zu allen möglichen Zeiten.“
Laut Kent kann Nux moschata gelegentlich auch im Typhus- und Malariakoma indiziert sein (phosphoricum acidumacidum phosphoricumACIDUM PHOSPHORICUM). „Wenn sie daraus erwacht, kann sie sich an nichts erinnern und braucht lange, um auf Fragen zu antworten; oder sie gibt eine Antwort, die gar keinen Bezug zur Frage hat. Gleich darauf sinkt sie in ihren benommenen und verwirrten Zustand zurück. …
Die Verbindung von großer Schläfrigkeit und Benommenheit, wie wir sie bei Nux moschata sehen, ist in der Materia medica sonst kaum anzutreffen. Am ehesten vergleichbar ist dieser Zustand mit opiumOPIUM.
Schwäche bis hin zu Ohnmacht bei langem Stehen, wie z.B. beim Anpassen eines Kleides.
Trockener Mund und Festkleben der Zunge am Gaumen bei allen Beschwerden. Große Schläfrigkeit und automatisches Verhalten, namentlich bei neurasthenischen Frauen. Nux moschata hat Petit mal geheilt. …
Die Arznei eignet sich besonders für abgemagerte Frauen mit flachen Brüsten. Ich erinnere mich an den Fall einer 35-jährigen Frau, deren ehemals rundliche Brüste ganz flach geworden waren. Nux moschata stellte die ursprüngliche Form ihrer Brüste wieder her.
Nux moschata ist ein kleines Mittel, das aber, wenn es benötigt wird, von keiner anderen Arznei ersetzt werden kann.“
Ich will das Kapitel beschließen mit einem Zitat aus Neatby and Stonham's Manual:
„Wie alle anderen Mittel wird Nux moschata, wenn es gemäß dem Simile-Gesetz -verabreicht wird, Erleichterung bringen und Krankheiten, wie auch immer sie heißen mögen und klassifiziert sind, heilen, wenn die Übereinstimmung zwischen Arznei und Krankheit hinreichend groß ist.“
Ergänzung des Übersetzers: Helbig beschließt seine Einleitung zur Pathogenese der „Muskaten-Nuss“ mit folgenden wertvollen Hinweisen:
„Im Allgemeinen fand ich die Muskate besonders dann vortheilhaft wirkend, wenn folgende Umstände vorhanden waren:
  • 1.

    wenn die Krankheit durch Einwirkung von (nasser) Kälte entstanden war,

  • 2.

    wenn die Beschwerden, (Schmerz sowohl als Fieber) durch äussere Wärme gelindert, durch freie, kalte Luft hingegen vermehrt wurden,

  • 3.

    wo Schläfrigkeit oder Neigung zu Ohnmachten mit unter den Symptomen war.

Auch schien sie
  • 4.

    bei kühler, trockener, zu Schweisse wenig geneigter Haut, und

  • 5.

    bei Kindern und Weibern häufiger, als unter den entgegengesetzten Umständen, vortheilhaft zu wirken.“

Nux vomica

Weitere Namen: Samen von Strychnos nux vomica; Brechnuss, „Krähenaugen“
In keinem Haushalt sollte eine kleine homöopathische Hausapotheke für Beschwerden des Alltags fehlen – und in keiner solchen Nux vomica. Als ich klein war, hatte Nux bei uns seinen festen Platz im Medizinschränkchen, und die Kindermädchen hatten nicht ganz unrecht, wenn sie es das ‚Wut-und-Jähzorn-Mittel‘ nannten.
Hahnemann schreibt in der Einleitung seines Kapitels über die „Krähenaugen“ [Reine Arzneimittellehre, Band 1]: „Es gibt einige wenige Arzneien, deren meiste Symptome mit den Symptomen der gewöhnlichsten und häufigsten Krankheiten des Menschen … an Aehnlichkeit übereinstimmen und daher sehr oft hülfreiche homöopathische Anwendung finden.“ Diese bezeichnet er als Polychreste, oder, an anderer Stelle, als „vielnützige Mittel“ – Arzneien mit einem breiten Anwendungsbereich.
Diese Polychreste sind es, die für die gewöhnlichen akuten Beschwerden stets zur Hand sein sollten, und zu ihnen rechnet Hahnemann „vorzüglich die Krähenaug-Samen“. Er berichtet, dass man früher deren Gebrauch fürchtete, „weil man sie in ungeheuer großen Gaben (zu ganzen und mehren Granen) und in unpassenden Krankheitsfällen, natürlich mit Schaden, bisher angewendet hatte. Sie werden aber zu dem mildesten und dem segenreichsten Heilmittel in allen den Krankheitsfällen, deren Symptome den Beschwerden in Aehnlichkeit entsprechen, welche Krähenaugen für sich in gesunden Menschen zu erregen fähig sind“, wenn sie in kleiner Gabe verabreicht werden. (Zu Beginn des Kapitels empfiehlt er die Anwendung in der „decillionfachen Kraft-Entwikkelung“, also der C 30, und erläutert deren Zubereitung genauestens.)
Aus „einer sorgfältigen, vieljährigen Praxis“ sei hervorgegangen, „daß diejenigen Personen sie öfter bedürfen, welche sehr sorgfältigen, eifrigen, feurigen, hitzigen Temperamentes sind, oder tückischen, boshaften, zornigen Gemüths“. (Das heißt natürlich nicht, dass Nux nicht bei jeder beliebigen Erkrankung in Frage kommen kann – sofern die Symptome übereinstimmen.)
Es scheint selbst bei den ungewöhnlichsten krankhaften Zuständen immer irgendein Mittel zu geben, das diese abdeckt, und das häufig mit wahrhaft erstaunlicher Genauigkeit. So müsste z.B. Nux vomica, wie Sie gleich sehen werden, in Paraguay zu den Zeiten von größtem Nutzen sein, da die Einheimischen dort Amok zu laufen pflegen.
Sir John Weir zitiert in seinem Heft Present-Day Attitude einen Dr. Lindsay aus Paraguay, und zwar bezüglich der gewaltigen Auswirkungen, die in jener Gegend der Nordwind auf das Nervensystem hat. (Wie Sie vielleicht wissen, ist Nux vomica eines der wenigen Mittel mit Verschlechterung bei trockenem und windigem Wetter.)
Dr. Lindsay sagt über diesen Nordwind:
„Es ist ein trockener, heißer Wind. Er läßt alles verdorren, womit er in Berührung kommt. Seine Auswirkungen auf Lebewesen aller Art sind höchst ungewöhnlich.
Alle Haustiere – Pferde, Rinder, Hunde, Geflügel usw. – leiden dabei in gleicher Weise wie die Menschen. … Die Nerven sind bei jedermann zum Zerreißen gespannt. Der trivialste Vorfall, schon ein Scherzwort, das falsch verstanden wird, kann zu Mord und Totschlag führen.
Ein älterer Einheimischer, der einen jüngeren aus einer etwas höheren sozialen Schicht traf, begrüßte diesen mit den Worten ‚Mensch, Junge, aus Dir ist ja inzwischen fast ein Mann geworden!‘ Von einer Kugel des Jungen getroffen, starb er auf der Stelle.
Zur Zeit des Nordwinds ist die Zahl der Körperverletzungen und Morde höher als zu jeder anderen Jahreszeit. Wenn während des Nordwinds Eingeborenentänze stattfinden dürfen, sind wir ständig auf Schussgeräusche oder die eiligen Schritte jener gefasst, die wieder mal Hilfe für die Opfer irgendeiner Messerstecherei holen wollen.
Hören Sie sich nun einige Auszüge aus den Prüfungen von Nux vomica an:25

25

Alle im Folgenden mit a gekennzeichneten Symptome stammen aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre. Ein mit b markiertes Symptom, das von Levie herrührt, ist (teilweise) im Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre von Noack/Trinks/Müller wiedergegeben.

Schlimmer bei trockenem Wind.
Übermäßige Empfindlichkeit und Reizbarkeit.
Größtes Unbehagen.
Neigung, sich moralisch zu exaltieren und zu ereifern, mit größter Empfindlichkeit gegenüber geringsten Schmerzen, Gerüchen, Geräuschen oder Bewegungen.
Wahnsinniges Verlangen zu töten.
Nimmt alles übel und bricht leicht in Zank und Schimpfreden aus.a
Er ist hastig, sieht jeden boshaft an, der ihn etwas fragt, ohne zu antworten, gleich als ob er sich zähmen müßte, um nicht grob auszufallen; es scheint, als möchte er jeden, der ein Wort auf ihn redet, in's Gesicht schlagen, so gereitzten und ungehaltenen Gemüths ist er.a
Durch jedes harmlose Wort beleidigt. Verdrießlich. Böswillig. Feuriges, hitziges Temperament. Übellaunigkeit, ärgerliche Heftigkeit und Jähzorn, welche sich in Gewalttätigkeiten Luft machen.
Ausgefallene und verrückte Handlungen.
Hier haben Sie ein schönes Beispiel dafür, wie sich auch seltsame Symptome der Materia medica auf erstaunlichste Art und Weise in der Realität wiederfinden lassen.“
Die folgenden Gemütssymptome von Nux vomica sind in Allens Encyclopedia bzw. bei Hahnemann hervorgehoben; es sind also Symptome, die durch Prüfungen oder Vergiftungen wiederholt hervorgerufen und von der potenzierten Arznei immer wieder homöopathisch geheilt wurden:
Zanksucht bis zu Thätlichkeiten.a
Ausserordentliche Angst.a
Traurigkeit.a
Sie kann sich selbst über die kleinsten Uebel nicht hinwegsetzen.a
Sehr geneigt, Andern ihre Fehler heftig vorzuwerfen.a
Er fühlt alles zu stark.a
Ueberempfindlichkeit gegen sinnliche Eindrücke; starke Gerüche und helles Licht kann er nicht vertragen.a
Er kann kein Geräusch, kein Gerede leiden; Musik und Gesang greifen ihn an.a
Unentschlüssigkeit …a
Nach dem Essen, ganz hypochondrisch und das Geringste griff ihn an.a
Scheue vor solcher literarischen Beschäftigung, bei welcher man selbst denken und selbst die Ideen aus sich entwickeln muß …a
Nux vomica greift Körper und Seele an, und dies stets auf extreme Art und Weise. Betroffen sind nicht nur Geist und Gemüt, Kopf, Gehirn und die speziellen Sinnesorgane, sondern auch der gesamte Verdauungstrakt, vom Mund bis zum Anus; ferner die Atmungsorgane, die Leber samt Pfortadersystem, die Harn- und Genitalorgane. Es affiziert Nerven, Muskeln und Haut und beeinträchtigt den Schlaf. Wenn die Symptome übereinstimmen, ist es auch ein großartiges Fiebermittel … Kein Wunder, dass die Homöopathen der (wie man sie vielleicht nennen könnte) ‚mittleren Periode‘ der Homöopathie, die sich den niedrigen Potenzen verschrieben hatten und ihre besten Erfolge bei akuten Krankheiten erzielten, so starken Gebrauch von diesem Mittel machten – mit den Polychresten waren sie immer schnell bei der Hand.
Die wichtigsten Kopfsymptome von Nux sind [nach Hahnemann und Allen]:
Trunkenheit.a
Trunkene Benebelung des Kopfs.a
Anfälle von Schwindel, als wenn es sich im Gehirne im Kreise drehete, mit augenblicklicher Bewustlosigkeit.a
Früh, trunkene, schwindlichte Schwere des Kopfs.a
Früh Kopfschmerz, als wenn man die Nacht nicht geschlafen hätte.a
Kopfweh früh im Bette, als wenn ihn jemand mit der Axt vor den Kopf geschlagen hätte, nach dem Aufstehen vergehend.a
Er wacht früh auf und fühlt bei noch verschlossenen Augen Kopfweh …a
Drückendes Kopfweh im Hinterkopfe früh, gleich nach dem Aufstehen aus dem Bette.a
Düsterheit des Kopfs nach dem Mittagmahle, die nach 24 Stunden wiederkehrt.a
Klemmender Kopfschmerz.a
Kopfweh … besonders bei Bewegung der Augen.a
Kopfweh, … nach dem [Mittag-] Essen sich mehrend; … mit Uebelkeit und sehr sauerm Erbrechen …a
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Nux vomica (wie nach den obigen Symptomen nicht anders zu erwarten!) ein großartiges Mittel für Trinker ist. Auch Laienhomöopathen wissen dies normalerweise. Nachdem eine meiner Tanten einmal das Elend einer armen Familie gesehen hatte, wo der Vater trank, schickte sie für diesen etwas Nux; das Ergebnis: eine glückliche Familie, kein Alkohol mehr. Und in unserer Ambulanz hat so manche bedauernswerte Frau ihren Kummer gebeichtet: wieder einmal der trinkende Ehemann; die Familie bekam Nux zugesandt – und das änderte alles. Erst kürzlich habe ich einer Patientin das Mittel mitgegeben, die kurz darauf berichten konnte: Wenn auch ihr Mann immer noch trinke, so sei er doch jedenfalls nicht mehr so mürrisch und ‚unmöglich‘, wofür sie sehr dankbar sei. (sulfurSULFUR, ein Komplementärmittel von Nux vomica, hat ebenfalls einen Ruf als Mittel für Leute, die „zum Trinken begabt sind“, wie es einmal eine leidgeprüfte Ehefrau ausdrückte. Und einer unserer Krankenhausärzte pflegte vor Jahren ‚seine Säufer‘ in der Notaufnahme mit potenziertem camphoraCAMPHORA zu behandeln. Burnett schließlich rühmte quercusSPIRITUS GLANDIUM QUERCUS 26

26

Eine Tinktur aus getrockneten Eicheln. Näheres dazu unter dem Stichwort QUERCUS in Clarkes Dictionary.

als hilfreich bei alten Trinkern, die bereits den Preis für ihr Laster zahlten.)
Nux vomica hat neben seiner Überempfindlichkeit auf Licht, Geräusche und Gerüche auch sonst eine starke Affinität zu den Sinnesorganen. Die Augen, besonders die inneren und äußeren Canthi, beißen „wie vom Salze“; sie tränen, und oft sind die Winkel eitrig verklebt.
Vor allem aber wird die Nase, als Teil der Atemwege, von Nux angegriffen. Und hier, bei den Erkältungen, liegt eines der Hauptanwendungsgebiete von Nux, wobei die Indikationen, die auf das Mittel hindeuten, recht eigentümlich und scharf umrissen sind.
Hauptsymptome
Wir wollen die Hauptsymptome im Bereich der Atemwegsorgane von oben nach unten durchgehen:
AtemwegsorganeHäufiger Abfluß von Schleim aus dem einen, wie von Stockschnupfen verstopften Nasenloche.a
Häufiger Schleimabfluß aus beiden, wie von Stockschnupfen verstopften Nasenlöchern.a
Früh, Fließ-Schnupfen.a
Am Tage Fließ-Schnupfen und die Nacht Stock-Schnupfen.a
Wahrer Schnupfen, mit Scharren im Halse, Kriebeln und Kratzen in der Nase und Nießen.a
Katarrh mit Kopfschmerz, Hitze im Gesichte, Frösteln und vielem Schleime im Halse.a
Nießen früh im Bette, nach dem Aufstehen aber plötzlicher Schnupfenfluß.a
Schmerz, wie rauh und wund im Halse, am Gaumen.a
Rauhigkeit im Halse, die zum Husten nöthigt.a
Rauher Hals von Schnupfen.a – Halsweh; wunde Rauhheit im Rachen [bloß beim Einziehen kalter Luft und beim Schlingen bemerkbar].a
Scharriges, kratziges Wesen in der Kehle, wie nach dem Soodbrennen zurückbleibt.a
Rauhheit und scharriges Wesen in der Kehle, welches zum Husten reitzt.a
Heftiger Husten, früh vor dem Aufstehen, mit Aushusten geronnenen Blutes und Wehthun der Brust.a
Heftige Anfälle trocknen Hustens, Abends nach dem Niederlegen und ganz in der Frühe.a
Trockner Husten von Mitternacht an bis zu Tagesanbruch.a
Scharrig auf der Brust, daß er kotzen [expektorieren] muß.a
Husten, welcher Kopfweh erregt, als wenn der Schädel zerspringen sollte.a
Husten, welcher in der Oberbauchs-Gegend Zerschlagenheits-Schmerz erregt.a
Eine asthmatische, zusammenschnürende Verengerung quer durch die Brust beim Gehen und Emporsteigen.a
Hahnemann sagt von den Nux-Samen: „Wichtige Erkältungs-Beschwerden werden oft durch sie gehoben.“
FieberNach dem Trinken gleich Schauder und Frost.a
Frost von der mindesten Bewegung.a
Beim mindesten Genusse freier Luft, Schauder und … Frost.a
Bei dem geringsten Luftzuge, Verkältung …a
Er kann sich nicht erwärmen.a
Große Kälte, weder durch Ofenwärme noch durch Betten zu tilgen.a
Nachmittägiges Fieber: vierstündiger Frost und Kälte, mit blauen Nägeln; dann allgemeine Hitze und Brennen in den Händen, mit Durst zuerst auf Wasser, nachgehends auf Bier, ohne nachfolgenden Schweiß.a
Und nun zu den Hauptsymptomen im Bereich des Verdauungstrakts:
MundFrüh, faulig im Munde, doch schmecken Speisen und Getränke richtig.a
Bittrer Geschmack im Munde …a
Beim Kotzen [Expektorieren] ein fauliger Geschmack tief im Halse.a
Widerwillen gegen Nahrungsmittel.a
Widerwillen vor gewöhnlichen Speisen und Getränken und vor dem gewohnten Tabakrauchen und Kaffee.a
Aufstoßen (Aufschwulken) einer bittern und sauern Feuchtigkeit.a
UebelkeitSchon früh Uebelkeit.a
Nach dem Essen brecherliche Weichlichkeit (Wabblichkeit).a
Vom Tabakrauchen wird ihm übel und brecherlich.a
Nach Tische, weichlich, ängstlich, übel und weh und so krank, wie nach starken Purganzen …a
Brecherlichkeit.a
Erbrechen sauern Schleims.a
Beim Rachsen (Ausräuspern des Rachenschleims) hebt's wie zum Erbrechen.a
MagenSpannen.a
Heftige Magen-Beschwerden.a
Scharrige Empfindung in der Herzgrube [Magengrube].a
Früh, Drücken wie von einem Steine im Oberbauche (epigastrium), was durch Gehen sich vermehrt, im Sitzen sich mindert.a
Nach wenigem Essen, Drücken im Magen (früh).a
Gleich auf's Essen, drückender Schmerz in der Magen-Gegend, wie vom allzu satt Essen.a
Nach dem Essen Magendrücken, und der metallische und kräuterartige Geschmack kömmt wieder.a,27

27

Bezieht sich auf das Symptom Nr. 274 bei Hahnemann: „Schlechter, aus kräuterartigem und metallischem zusammengesetzter, schleimiger Geschmack im Munde, bei Mißvergnügtheit und Schlaffheit, früh.“

AbdomenNach dem Essen, Blähungs-Auftreibung im Unterleibe.a
Tief im Unterbauche, eine Art Blähungs-Kolik; … schnell vergehend in der Ruhe, beim Sitzen und Liegen.a
Mehr schneidendes als kneipendes Bauchweh, was Uebelkeit erregt.a
Schneidendes Bauchweh mit Brecherlichkeit.a
Kneipen im Unterleibe.a
Kneipend reißender Schmerz im Unterleibe, nach der Brust zu.a
Schmerz wie Nadelstiche im Unterleibe.a
Leibweh, als wenn ein Verkältungs-Durchfall entstehen sollte.a
Ein Drängen nach den Geburtstheilen zu, im Unterbauche.a
Anwandlung und Ansatz zu einem Leistenbruche.a
Schwäche-Empfindung im Bauchringe, als wenn ein Bruch entstehen wollte.a
Schmerz im Bauchringe …, als wenn ein Bruch sich einklemmte.a
Rektum und AnusWerden von Nux vomica in höchstem Maße in Mitleidenschaft gezogen:
Blinde Goldader (Hämorrhoiden).a
Die alten Krankenschwestern in unserem Hospital erzählten mir, dass in den früheren Zeiten der Homöopathie niemand auch nur im Traum daran gedacht habe, Hämorrhoiden zu operieren: Man pflegte sie (in den Fußstapfen von Hahnemann!) mit Nux vomica und sulfurSULFUR – niedrig und im Wechsel gegeben – zu heilen. Und zweifellos hat ja auch SULFUR Hämorrhoiden hervorgerufen und geheilt.
Scharfdrückender Schmerz im Mastdarme nach dem Stuhlgange und nach der Mahlzeit, vorzüglich bei Kopf-Anstrengung und Studiren.a
Nach der Mahlzeit und nach Kopf-Anstrengung und Nachdenken, reißend stechender und zusammenschnürender Schmerz wie von schlimmen, blinden Hämorrhoiden, im Mastdarme und After.a
Unter Gefühl von Verengerung und Zusammengezogenheit des Mastdarms, während des Stuhlganges, Abgang von hellem Blute mit dem Kothe.a
Nach Leibweh, Ausleerung dunkelfarbigen Schleims, welcher ein beißendes Brennen im After verursacht.a
Durchfall, besonders früh und gleich nach dem (Mittag-) Essen, von dunkler Farbe.a,28

28

Zum Thema Durchfall schreibt Hahnemann in einer Anmerkung (Reine Arzneimittellehre, Band 1, S. 220): „Anhaltend reichliche, durchfällige Stuhlgänge – was man eigentlich Durchfall zu nennen pflegt – zu erregen, ist, soviel ich beobachtet habe, nie von den Krähenaugen in der Erstwirkung zu erwarten, und was hier als Durchfall unter ihren Symptomen vorkömmt, sind theils mit Stuhlgang und Drängen begleitete, sehr kleine, meist aus Schleim bestehende Abgänge, theils, wenn es eine reichliche, dünne Koth-Ausleerung war, so war es Nachwirkung oder Erfolg bei einem Kranken, der vorher an Hartleibigkeit und Leibverstopfung mit vergeblichem Drängen zum Stuhle litt.“

Leibverstopfung wie von Verschnürung und Zusammenziehung der Gedärme.a
Wenn er Stuhlgang hat, ist es ihm, als wenn noch Koth zurückbliebe und er nicht genug davon loswerden könnte, mit einer Empfindung von Zusammenschnürung des Mastdarms, nicht des Afters.a
Wenn der Stuhl erfolgt ist, deuchtet es ihr immer, als sei dessen nicht genug abgegangen und als sei die Ausleerung nur unvollständig.a
Aengstlicher Trieb zu Stuhle.a
Vergebliches Drängen zum Stuhle.a
Nach gehöriger Leibesöffnung, öfteres vergebliches Drängen zum Stuhle.a
Sie wird täglich drei, viermal zum Stuhle genöthigt, mit einigem Kneipen; oft geht sie vergeblich und wenn etwas abgeht, so ist es weich.a
Nash erläutert diese Teilwirkung von Nux näher; er sagt:
‚Häufiger, vergeblicher Stuhldrang oder Abgang nur geringer Mengen bei jedem Versuch.‘ Dieses Symptom ist Gold wert. Es gibt noch einige andere Mittel, die es haben, aber keines so deutlich und so beständig. Es ist das Leitsymptom der Stuhlverstopfung, für die Nux vomica homöopathisch ist, und nach meiner Erfahrung wird Nux nur dann bei Obstipation helfen, wenn es vorhanden ist.“
Er zitiert Carroll Dunham, der einmal die Obstipation von Nux und bryoniaBRYONIA miteinander verglichen hat. Dunham zufolge kann es niemals einen Grund geben, diese beiden zu verwechseln oder sie abwechselnd zu geben, da sie so verschieden sind: Die Nux-vomica-Verstopfung wird durch eine irreguläre Darmperistaltik verursacht, was den häufigen, vergeblichen Drang erklärt. Die BRYONIA-Verstopfung dagegen hat ihre Ursache in einem Sekretionsmangel in den Därmen; es besteht keinerlei Drang, und der Kot ist trocken und hart, wie verbrannt.
Nash selbst fährt dann fort:
„Dieses Nux-Symptom tritt nicht nur bei Verstopfung auf, es ist auch bei Dysenterie stets vorhanden. Die Stühle (meist bestehen sie nur aus Schleim mit Blutbeimengungen) sind hier ebenfalls gering und werden als nicht ausreichend empfunden. … Ein weiteres, sehr verlässliches Symptom bei Ruhr ist, dass die Schmerzen nach jedem Stuhlgang für kurze Zeit deutlich gelindert werden. Bei mercurius (solubilis)MERCURIUS“ (und mercurius corrosivusMERCURIUS CORROSIVUS) „hingegen halten die Schmerzen und der Tenesmus nach dem Stuhlgang an, was die Patienten manchmal treffend als ein Gefühl des ‚Niemals-fertig-Werdens‘ bezeichnen. Aber ob der Patient nun an Verstopfung, Ruhr, Durchfall oder sonst einer Krankheit leidet: Wenn dieser häufige und vergebliche Stuhldrang vorhanden ist, denken wir stets zuerst an Nux vomica und verabreichen es, wenn ihm nicht andere Symptome entgegenstehen.“
Was Nux also eigentlich an den Eingeweiden bewirkt, ist eine ungeordnete Peristaltik: ein kolikartiges Zusammenschnüren der Darmwand an verschiedenen Stellen, das den Darminhalt zugleich vorwärts und rückwärts drängt. Daher auch der Charakter des Stuhlgangs: Ein wenig geht mit Erleichterung ab, und dann kommt noch mal etwas – und stets ist dabei das Gefühl vorhanden, dass noch Stuhl zurückgeblieben ist.
In Ergänzung dazu schreibt Kent: „Ein weiteres Merkmal, das sich durch das ganze Arzneimittelbild zieht, ist, dass bestimmte reflektorische Bewegungsabläufe entgegengesetzte Richtungen einschlagen. Ein übervoller Magen wird sich normalerweise ohne große Mühe seines Inhalts entledigen. Beim Nux-vomica-Patienten aber ist dieser Vorgang mit viel Würgen und Brechanstrengungen verbunden, als ob die dazu nötigen Muskelkontraktionen in der falschen Richtung abliefen und gewaltsam den Darm öffnen wollten, also den verkehrten Weg nähmen. Der Kranke versucht, Brechreiz herbeizuführen, würgt und müht sich ab, doch erst nach vielen Anläufen gelingt es ihm, den Magen zu entleeren.“
Kent spricht beim Darm von „einer Art Antiperistaltik: Bei Verstopfung kommt der Stuhl um so schwerer, je mehr der Kranke presst.“
HarnwegeEbenfalls von diesen Krampfzuständen betroffen:
Drängen zum Harnlassen.a
Häufiges Verlangen zu urinieren; hatte immer das Gefühl, dass es ihm besser gehen würde, wenn er nur Wasser lassen könnte.
Schmerzhaftes, vergebliches Harndrängen.a
Heftige Strangurie; er konnte keinen einzigen Tropfen Wasser lassen, obwohl er sich beständig und unter großen Schmerzen bemühte.
Urin ging nur unter Schwierigkeiten ab.
Während des Harnens, ein brennender und reißender Schmerz im Blasenhalse.a
Während des Harnens, ein Jücken in der Harnröhre.a
Weibliche GeschlechtsorganeMonatliches drei Tage zu früh, mit Unterleibskrämpfen.a
Beim Monatlichen, früh, Uebelkeit, mit Frost und Ohnmachtanfällen.a
KrämpfeBei den Krämpfen von Nux vomica ist das Strychnin-Element gut zu beobachten:
Krampfanfälle sogleich bei der leisesten Berührung der Hand.b
Vor Jahren wurde auf dem Land eine arme Henne ganz allein eingesperrt, denn sie bekam augenblicklich einen Krampfanfall (so wurde mir berichtet), sobald sie von einer anderen Henne berührt wurde. Als ich zur Probe an ihrem Käfig rüttelte, brach sie sofort von Krämpfen geschüttelt zusammen. Ich ließ etwas Nux für sie da, und als ich sie ein paar Tage später wiedersah, lief sie wieder mit den anderen Hühnern umher.
„Nux vomica hat heftigste Krämpfe mit Opisthotonus. Generalisierte Krämpfe mit blaurotem Gesicht und Atemnot durch die konvulsivischen Bewegungen. Der Patient ist während des ganzen Anfalls bei vollem oder zumindest teilweisem Bewusstsein und somit den Qualen und den schrecklichen Verrenkungen und Verdrehungen völlig ausgeliefert. Die Krämpfe werden ausgelöst oder verschlimmert durch die geringste Zugluft, Berührung oder Gemütsbewegung; durch Kitzeln der Füße; durch helles Licht, Geräusche oder plötzliche Erschütterung. Die leiseste Berührung des Halses bewirkt Brechwürgen.“ – Kent.
Nux vomica ruft nicht nur Konvulsionen, sondern auch tetaniforme Krankheitsbilder und Trismus hervor. Hahnemann führt subjektive und objektive Symptome dazu auf: „In den Kaumuskeln und den Kinnbacken ein Gefühl, als wenn Kinnbackenzwang entstehen wollte, oder als ob die Kinnbacken zusammengezogen würden, obgleich ihre Bewegung frei bleibt.“ – „Verschließung der Kinnbacken, bei voller Besinnung.“ Kieferklemme ist bei Pferden, die in einen Nagel getreten sind, ein höchst verhängnisvolles Zeichen für Wundstarrkrampf. Ich erinnere mich da an einen Artikel, der vor langer Zeit in einer Abendzeitung erschienen ist: Der Besitzer eines Pferdes mit Kieferklemme rief einen Veterinär, der das Tier töten sollte, und dieser verabreichte eine hohe Dosis Strychnin. Als der Doktor den Pferdebesitzer einige Tage später wiedertraf, hielt er ihn an und fragte nach dem Pferd. „Das zieht meinen Wagen, wie Sie sehen“, war die Antwort. … Es war wieder einmal eine jener homöopathischen Zufallsheilungen, in diesem Fall durch einen Tierarzt, der keine Ahnung von Homöopathie hatte. (Strychnin ist bekanntlich eines der Alkaloide von Nux vomica.)
Da es nicht mein Ziel sein kann, das „vielnützige“ Nux vomica erschöpfend abzuhandeln (dies wäre nur eine vollständige Pathogenese des Mittels), hier nur noch eine kleine Nachlese zu Nux. Nash gibt als Leitsymptome unter anderem an:
Krämpfe (von einfachen Zuckungen bis hin zu klonischen Krämpfen), nervöse Empfindlichkeit und Frösteligkeit sind drei allgemeine Charakteristika dieses Mittels.
Angst, mit Reizbarkeit und mit Selbstmordneigung; fürchtet sich aber zu sterben.
Geeignet für peinlich genaue, sorgfältige, eifrige Personen …“
(Das Kent-Repertorium führt unter der Rubrik „Fastidious“ nur arsenicumArs. und Nux-v. an.29

29

Diese wichtige Rubrik ist in der Kellerschen Bearbeitung mit „Wählerisch“ übersetzt worden; dies ist im Sinne von pingelig, mäkelig, penibel, übergenau in Kleinigkeiten, schwer zufriedenzustellen zu verstehen. Die Rubrik ist bei weitem nicht vollständig; die derzeit wohl umfassendste Zusammenstellung findet sich in Kokelenbergs Kent's Comparative Repertory:

Alum., Anac., Ars., Asar. (Vithoulkas), Aur., Carc., Con., Graph., Jod. (Vith.), Lac-ac., Med. (Foubister), Nux-v., Phos. (Foub.), Plat. (Foub.), Puls., Psor. (Hahnemann), Sep. (Foub.), Sil., Thuj. (Hui Bon Hoa). Eine persönliche Ergänzung von Kokelenberg, die noch der Bestätigung bedarf, ist Merc.

Zu den hier nicht aufgeführten Quellen der anderen Ergänzungen siehe das Synthetische Repertorium.

ARSENICUM hat mit Nux vomica auch die Furcht vor Messern gemein – wegen des Impulses, den diese auslösen können.)
„Zuckungen, Krämpfe, Konvulsionen, < bei der leisesten Berührung.
Konvulsionen bei vollem Bewusstsein.
Abends große Schläfrigkeit, Stunden vor der Schlafenszeit; nach Mitternacht, gegen 3 oder 4 Uhr, Erwachen und stundenlanges Wachliegen, um dann bei Tagesanbruch wieder einzuschlafen und erst am späten Morgen aufzuwachen.
‚Starke Fieberhitze; der ganze Körper ist innerlich brennend heiß, besonders das Gesicht rot und heiß; dennoch kann sich der Patient nicht im mindesten bewegen oder entblößen, ohne zu frösteln.‘ … Gleichgültig, um welche Art Fieber es sich handelt, ob entzündlich oder remittierend, ob Fieber bei Erkältung, Grippe oder Rheuma, geben Sie bei diesen Indikationen Nux vomica, und Sie werden von dem Ergebnis nur selten enttäuscht sein. Ich habe Jahre gebraucht, um den Wert dieses Symptoms zu erkennen“, sagt Nash.
„Nach dem Essen: saurer Mundgeschmack; Magendrücken ein oder zwei Stunden später, mit der (für Nux so typischen) hypochondrischen Stimmung; Sodbrennen; muss die Kleidung lockern; … zwei oder drei Stunden nach einer Mahlzeit ist das Epigastrium aufgebläht, mit Druck wie von einem Stein im Magen.“ Dann resümiert er:
„Die Verdauungsbeschwerden von Nux sind vielfältig; charakteristisch ist aber lediglich, dass die Verschlimmerung der Magensymptome erst ein bis zwei Stunden nach dem Essen auftritt und nicht unmittelbar danach. … Größeres Gewicht haben die Ursachen für die Magen-, Leber- und Bauchbeschwerden, die Nux erfordern: Genuss von zu viel Kaffee oder Alkohol, Völlerei, Medikamentenabusus, sitzende Lebensweise, geschäftliche Sorgen, Schlafmangel durch zu langes Aufbleiben, ausschweifender Lebenswandel etc. Aus solchen Umständen resultierende Beschwerden sind es, auf die Nux vomica passt.“
Ein weiteres Charakteristikum ist ein kratziges Gefühl, das bei entzündlichen Veränderungen im Hals, in der Brust oder in der Magengegend auftreten kann.
Nux träumt von Läusen, wie eine Frau, die das Mittel einen Monat lang eingenommen hatte, zu ihrem Leidwesen erfahren musste. Die Träume können auch zorniger, amouröser oder ängstlicher Natur sein und von Krankheit, Unglück oder Streit handeln.
Nux ist eines der wenigen Mittel mit Verlangen nach Fett; oft besteht auch Verlangen nach Alkohol bzw. Bier. Andererseits kann sich Nux auch vor Bier, Kaffee oder – trotz Hungers – allgemein vor Essen ekeln und Fleisch, Tabak und selbst Wasser verabscheuen.
Kent schildert den Nux-Patienten in lebendigen kleinen Porträts, wie z.B.: „Nux ist ein chronischer Dyspeptiker, hager, hungrig, verwelkt, vornübergebeugt und vorzeitig gealtert. Stets sehr wählerisch mit seinem Essen, verträgt aber fast nichts. Fleisch mag er nicht, es wird ihm übel davon. Verlangen nach scharf gewürzten oder bitteren Speisen, nach Stimulanzien. Schwacher Magen; nach dem Essen Magendrücken, Übelkeit, Würgen und Brechreiz mit Einsinken des Epigastriums; der Kranke verliert zusehends an Gewicht und bekommt eine welke Haut.“
Oder auch: „Ein Geschäftsmann hat bis zur Erschöpfung an seinem Schreibtisch gesessen. Er bekommt viele Briefe, muss sich um eine Menge Geschäfte auf einmal kümmern. Er plagt sich mit tausend kleinen Dingen ab. Seine Gedanken müssen ständig von einer Sache zur anderen springen, bis er sich wie gerädert fühlt. Dabei sind es gar nicht einmal schwerwiegende Probleme, die ihn quälen, sondern es sind die vielen Kleinigkeiten. Er ist gezwungen, seinem Gedächtnis durch Stimulanzien nachzuhelfen, um auf all die kleinen Details achten zu können. Auch zu Hause denkt er weiter darüber nach, und nachts liegt er deswegen wach im Bett. Von dem Trubel im Geschäft ist er ganz wirr im Kopf, immer wieder stürmen die Ereignisse des Tages auf ihn ein. Schließlich zeigen sich die ersten Anzeichen geistiger Erschöpfung: Wenn er mit Kleinkram belästigt wird, wird er wütend; Anwandlungen überkommen ihn, zu flüchten und alles stehen- und liegenzulassen. Er fängt an, Gegenstände zu zerreißen, zu schimpfen, und wenn er nach Hause kommt, lässt er seine schlechte Laune an Frau und Kindern aus. Er schläft nur noch unregelmäßig; nachts um drei Uhr wacht er auf, und aufs neue gehen ihm geschäftliche Dinge durch den Kopf, sodass er nicht wieder einschlafen kann. Erst wenn es hell wird, fällt er in einen wenig erquickenden Schlaf, aus dem er im Lauf des Vormittags müde und erschöpft erwacht. Der Nux-vomica-Patient möchte bis in den späten Vormittag schlafen!
Melancholie, Traurigkeit, dabei aber ständig ein Gefühl, als könne er jeden Augenblick explodieren; schleudert Sachen durch die Gegend oder zerreißt sie. Die Dinge müssen unbedingt so laufen, wie er sich das vorstellt. Von Impulsen getrieben, begeht er Handlungen, die an Wahnsinn grenzen und auf die Zerstörung anderer ausgerichtet sind.“

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