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B978-3-437-56873-2.00014-7

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978-3-437-56873-2

Opium – Ornithogalum umbellatum

Opium

Weitere Namen: Saft des Schlafmohns (Papaver somniferum)
Ein alter medizinischer Spruch lautet: „Sine papaveribus et sine medicamentis ex eis confectis manca et clauda esset medicina“, was man etwa übertragen könnte mit: „Ohne den Mohn und seine Derivate wäre die Medizin erledigt.“
Kein Arzneimittel veranschaulicht den Unterschied zwischen den zwei Richtungen der medizinischen Praxis besser als das Opium. Der Mohnsaft ist mit seinem wichtigsten Alkaloid Morphin 1

1

Es heißt, dass „die Wirkung des Opiums fast vollständig auf seinen Morphingehalt zurückzuführen ist.“

ein ungeheuer verlockendes Hilfsmittel für den orthodoxen Arzt; und für den jungen und unerfahrenen Doktor mag es manchmal regelrecht grausam erscheinen, dieses Medikament seinen Patienten vorzuenthalten. Tatsache ist, dass es, in materiellen Dosen verabreicht, nichts zu heilen vermag. Tatsache auch: Je mehr es gegeben wird, desto größer wird das Bedürfnis und Verlangen nach dem trügerischen Frieden, den es bringt. Und schließlich ist die Heilung eines Opiumessers, die Rettung eines Opfers der Morphiumsucht eines der schwierigsten Probleme in der Medizin überhaupt. Es gab eine Zeit, da es bei den ‚Medizi‘ in Paris Mode war, jungen Mädchen Morphium-Subkutanspritzen zu verschreiben, damit sie ihre Menstruationsschmerzen selbst betäuben konnten; die Resultate waren verheerend. In unserem Psychiatrie-Kurs wurde uns früher beigebracht, dass es wohl der Mühe wert sein könne, bei morphiumsüchtigen Patienten einmal einen Entzugsversuch zu unternehmen, dass es aber, wenn sie rückfällig würden, barmherziger sei, sie ihrem Schicksal zu überlassen; die Entzugserscheinungen seien zu schrecklich, als dass man sie ihnen ein zweites Mal zumuten könne.
Die Wirkung dieser ebenso verführerischen wie tyrannischen Droge läuft am Ende darauf hinaus, dass sie jeden Sinn für Gut und Böse völlig zerstört. Lügen und Stehlen sind Charakteristika der Abhängigkeit von Opium. Dem Opiumsüchtigen kann man kein Wort glauben, und dies um so weniger, je zwingender das Verlangen nach der nächsten Dosis wird und je schwerer diese zu bekommen ist. Ich erinnere mich gut an die Tragödie eines jungen Marineoffiziers – es ist schon viele Jahre her –, der wegen eines schlimmen Ischias so lange mit Morphium betäubt wurde, bis er süchtig war. Und unglücklicherweise konnte er sich problemlos selbst mit dem Stoff versorgen, da sich die Schiffsapotheke in seiner Obhut befand. Einmal wurde eine Behandlung versucht, die ihn von seiner Sucht befreien sollte, und ich erfuhr, dass er nachts, wenn er vor Verlangen nach der Droge tobte, mit Gewalt im Bett festgehalten werden musste. Er wurde auch ‚geheilt‘, doch nur um kurz darauf wieder rückfällig zu werden. Das Letzte, was ich von ihm hörte, war, dass man ihn festgenommen hatte, weil er ein Paar Stiefel gestohlen hatte.
Deshalb ist Opium (in homöopathischer Zubereitung) ein Arzneimittel, an das man bei jenen abnorm veranlagten Kindern denken sollte, die nie ein moralisches Empfinden entwickelt haben, die lügen und stehlen und auf dem besten Wege sind, einmal in irgendeiner Anstalt zu enden. … Manche Kinder brauchen allerdings auch nur einfach etwas länger, um ein Gewissen zu entwickeln. Offenbar geschieht dies nicht immer im gleichen Alter, und es kann sich durchaus herausstellen, dass ein Kind, das zunächst ‚gewissenlos‘ erschienen war, später im Leben sehr wohl ein höchst empfindliches Gewissen hatte.
Wie soll man sich nun aber in Bezug auf Opium oder Morphium verhalten, wenn man es mit starken Schmerzen zu tun hat? Lassen wir Nash die Frage beantworten; er schreibt: „Opium in narkotischen Dosen erzeugt keinen Schlaf, sondern Sopor [„eine Art betäubten Schlafes“], und es lindert Schmerzen nur dadurch, dass es den Patienten diese nicht mehr spüren lässt. Wie viele Fälle sind nicht durch eine solche Behandlung verschleiert worden, bis die Krankheit schließlich so weit fortgeschritten war, dass keine Aussicht mehr auf Heilung bestand! Schmerz, Fieber und alle anderen Symptome sind die Sprache der Krankheit, die uns mitteilt, wo das Übel sitzt, und uns zum richtigen Mittel führt. Das wahre Heilmittel lindert Schmerzen oft sogar noch schneller als Opium, und zwar dadurch, dass es den Zustand heilt, von dem diese herrühren.“
In diesem Zusammenhang fallen mir die Warnungen eines unserer Chirurgie-Dozenten ein, der nicht müde wurde, auf die Gefahren dieser [symptomverschleiernden] Analgetika bei einem ‚akuten Abdomen‘ hinzuweisen, das eigentlich dringend abgeklärt und einer Notoperation zugeführt werden müsste.
Selbst in hoffnungslosesten Fällen ausgedehnter und inoperabler maligner Erkrankungen, wo Morphium einfach aus Menschlichkeit nicht nur indiziert, sondern geboten erscheinen könnte, beobachte ich immer wieder, dass kleine Gaben von arsenicumARSENICUM oder auch eines anderen Mittels, auf das die Symptome hindeuten, umgehend die Schmerzen beseitigen, die Gesundheit verbessern, die Lebensgeister wiedererwecken und das Leben verlängern – ohne die Übelkeit und das Elend, die im Gefolge solcher Morphiumbehandlungen auftreten.
Hahnemann sagt: „Fast nur Mohnsaft allein erregt in der Erstwirkung keinen einzigen Schmerz. Jedes andere bekannte Arzneimittel dagegen erregt im gesunden menschlichen Körper, jedes seine eigene Arten von Schmerzen in seiner Erstwirkung, und kann daher die ähnlichen in Krankheiten (homöopathisch) heilen und vertilgen … Nur allein Mohnsaft kann keinen einzigen Schmerz homöopathisch, das ist, dauerhaft besiegen, weil er für sich keinen einzigen Schmerz in der Erstwirkung erzeugt, sondern das gerade Gegentheil, Empfindunglosigkeit, deren unausbleibliche Folge (Nachwirkung) eine größere Empfindlichkeit als vorher und daher eine peinlichere Schmerzempfindung ist.“
Und er zitiert Willis aus seiner Pharmacia rationalis: „Die Opiate stillen gemeiniglich die grausamsten Schmerzen und bringen Gefühllosigkeit hervor – eine gewisse Zeit über; ist aber dieser Zeitpunkt verlaufen, so erneuern sich die Schmerzen sogleich wieder und gelangen bald zu der gewöhnlichen Heftigkeit. … Wenn die Wirkungsdauer des Mohnsaftes vorüber ist, so kehren die Bauchschmerzen zurück und lassen nichts von ihrer Grausamkeit nach, bis man wieder mit dem Zauber des Mohnsaftes kömmt.“
Demnach kommt in der ‚verkehrten Welt‘ der kurativen Medizin Opium in Frage bei Fällen von Schmerzlosigkeit, wo eigentlich Schmerzen und Leiden das Bild bestimmen müssten; bei hoffnungsloser Krankheit, wo der Patient sagt: „Ich fühle mich bestens – ganz großartig!“ – oder zumindest über keine Beschwerden klagt; in Fällen von Bewusstlosigkeit oder Koma, wie z.B. bei Apoplexie; bei schmerz- und symptomloser, vollständiger Obstipation; und so weiter. Doch darüber später mehr!
Hahnemann konstatiert: „Der Mohnsaft ist weit schwieriger in seinen Wirkungen zu beurtheilen, als fast irgend eine andre Arznei.
In der Erstwirkung kleiner und mäßiger Gaben, in welcher der Organism, gleichsam leidend, sich von der Arznei afficiren läßt, scheint er die Reitzbarkeit und Thätigkeit der dem Willen unterworfenen Muskeln auf kurze Zeit zu erhöhen, die der unwillkürlichen aber auf längere Zeit zu mindern und, während er die Phantasie und den Muth in seiner Erstwirkung erhöhet, zugleich (die äußern Sinne) das Gemeingefühl und das Bewußtseyn abzustumpfen und zu betäuben. – Das Gegentheil bringt hierauf der lebende Organism in seiner thätigen Gegenwirkung, in der Nachwirkung hervor: Unreitzbarkeit und Unthätigkeit der willkürlichen und krankhaft erhöhete Erregbarkeit der unwillkürlichen Muskeln, und Ideenlosigkeit und Stumpfheit der Phantasie mit Zaghaftigkeit, bei Ueberempfindlichkeit des Gemeingefühls.“ Und er sagt: „Keine Arznei in der Welt unterdrückt die Klagen des Kranken schneller als der Mohnsaft …“
Laut Hale White [Kap. A, Fußnote 59] werden durch Opium die höheren Fähigkeiten des Menschen zunächst angeregt: Intellekt, Geisteskraft, insbesondere aber die Phantasie werden gesteigert, während gleichzeitig Vernunft und Urteilsvermögen abstumpfen. Gefolgt wird dieser Zustand von einem Schlaf, in welchem der Kranke auf keinerlei äußere Reize reagiert und keine Schmerzen empfindet. „Das macht die Arznei unbezahlbar“, so Hale White.
Darüber hinaus „vermindert Opium sämtliche Sekretionen – den Schweiß ausgenommen. Es lähmt die Peristaltik des Magens und des Darms.“
Der bewusstlose Betäubungszustand bei der Opiumintoxikation mit der stertorösen Atmung, dem herabhängenden Unterkiefer, den zumeist verengten Pupillen, dem fleckigen, purpurnen, erhitzten Gesicht, dem heißen Schweiß und den bei jeder Ausatmung aufgeblasenen Wangen: all dies ergibt das perfekte Bild eines apoplektischen Insults, und gerade solche Fälle von zerebralen Blutungen sind es, wo Opium (homöopathisch) von unschätzbarem Wert ist. Wie Nash sagt: „Es gibt keine Reaktion auf Licht, Berührung, Geräusch oder irgendeinen anderen Reiz – außer auf das angezeigte Heilmittel, und das heißt Opium.“
Dazu Kent: „Opium verursacht eine verstärkte Blutzufuhr zum Gehirn, und in homöopathischer Gabe macht es diese wieder rückgängig; innerhalb von sechs Stunden kommt der Patient wieder zu sich, die Haut kühlt ab, die Gesichtsfarbe normalisiert sich, desgleichen der Puls. All dies zeigt, dass auch die groben Opiumwirkungen, entstanden durch den Missbrauch der Droge, von Nutzen sein können, indem sie uns z.B. dieses Bild einer Apoplexie liefern.“
Weiter schreibt er: „Zu den auffallendsten Merkmalen von Opium gehört eine Gruppe von Symptomen, die durch Schmerzlosigkeit, Trägheit und Abgestumpftheit gekennzeichnet ist. … Sinnestäuschungen in Bezug auf das Sehen, das Schmecken, das Berühren. Der Kranke täuscht sich hinsichtlich des Zustandes, in dem er sich befindet, hinsichtlich seiner Selbstwahrnehmung; sämtliche Sinneseindrücke werden verzerrt.“
Und Hahnemann folgend fügt er an: „Das fast durchgängige Charakteristikum von Opium ist Schmerzlosigkeit, doch gelegentlich wird auch das gerade Gegenteil hervorgerufen. In diesem selteneren Fall erzeugt schon eine kleine Dosis Schmerzen, Schlaflosigkeit, Unruhe und nervöse Übererregbarkeit. Die große Mehrzahl der Opium-Patienten ist verstopft, doch bei einigen finden wir auch Durchfall, Ruhr und Tenesmus. Gewöhnlich ist der Opium-Patient schläfrig, doch zuweilen zeichnet sich das Mittel auch durch schlaflose Nächte, Ängstlichkeit und gesteigerte Geräuschempfindlichkeit aus. Der Betroffene meint, die Fliegen an der Wand krabbeln oder weit entfernte Kirchturmuhren deutlich schlagen zu hören.“
Es heißt, dass nur wenige Arzneien so unterschiedliche Wirkungen auf den Menschen haben wie Opium – wie die folgenden Zitate belegen …
Nachdem Nash davon gesprochen hat, dass Opium überall Unempfindlichkeit und partielle oder vollständige Lähmung erzeugt, ergänzt er:
„Nun finden wir bei Opium aber auch einen dem bisher beschriebenen genau entgegengesetzten Zustand, mit u.a. folgenden Symptomen: ‚Delirant; Augen weit offen, glänzend; rotes, aufgetriebenes Gesicht.‘ ‚Lebhafte Phantasie, Munterkeit des Geistes.‘ ‚Nervös und reizbar, schreckhaft.‘ ‚Zucken und Zittern von Kopf, Armen und Händen; Zuckungen von Beugemuskeln; sogar Konvulsionen.‘ ‚Schlaflosigkeit, mit überaus empfindlichem Gehör; in der Ferne schlagende Uhren und krähende Hähne halten sie wach.‘“
Und Clarke schreibt, als Kommentar zu Hahnemanns Bemerkung, dass Opium in seinen Wirkungen schwieriger zu beurteilen sei als fast jede andere Arznei: „Das ist wohl wahr, sofern wir es als notwendig erachten, die Wirkungen dieser Droge überhaupt in eine Erst- und Nachwirkung aufzuteilen.“ Er findet, „dass es ganz von dem Prüfer oder Patienten abhängt, ob eine Arzneiwirkung ‚Erstwirkung‘ oder ‚Nachwirkung‘ ist. Ich kenne Leute, die durch Opium in allen Dosierungen vollkommen schlaflos werden; und Opium C 30 war mir in Fällen von Schlaflosigkeit ebenso häufig dienlich wie coffeaCOFFEA. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen: Arzneiwirkung ist Arzneiwirkung, ob nun primär oder sekundär, und daher liefert sie unabhängig von ihrer Klassifizierung gute Indikationen für die Verschreibung.“
Und weiter: „Zweifellos ist abnorme Schmerzunempfindlichkeit ein bedeutendes Leitsymptom für Opium; doch in den Prüfungen findet man ebenso auch viele akute Schmerzzustände, so u.a. dieses von Hahnemann selbst überlieferte Symptom: ‚Ungeheure, wehenartige Schmerzen in der Bährmutter, welche den Unterleib zusammen zu krümmen nöthigen, mit ängstlichem, aber fast vergeblichem Drange zum Stuhle.‘ Ob dies nun Erstwirkung ist oder Nachwirkung – ich weiß es nicht; aber bei einem der schlimmsten Fälle von Dysmenorrhö, die ich je zu behandeln hatte, brachte Opium C 30 größere und länger anhaltende Erleichterung zustande als jedes andere Mittel. Und bei einer anderen Patientin, der ich Opium C 30 wegen Obstipation verabreicht hatte, kam es mit Beginn ihrer nächsten Periode zu ‚heftigen Schmerzen, die Erbrechen hervorriefen sowie ein Bedürfnis, zusammengekauert zu sitzen und sich warm zu halten‘.“
Zu den „Wechselwirkungen“ im Opiumbild gehört auch das Rucken und Zucken einzelner Glieder oder Muskeln; selbst Konvulsionen können auftreten. Hierzu vermerkt Kent: „Der Opium-Patient (mit epileptischen Krämpfen) möchte nicht zugedeckt sein und wünscht frische, kühle Luft. Wenn der Raum zu warm ist, bekommt er Krämpfe. … Wenn die Mutter ihr Opium-Kind heiß badet, um die Krämpfe zu lindern, wird es bald bewusstlos werden und kalt wie eine Leiche“ (vgl. apisAPIS).
Opium kann auch das eindrückliche Bild eines extremen Alkoholismus mit Delirium tremens erzeugen, und entsprechend wird es auch dabei als nützlich befunden.
Zumeist aber ruft es Zustände von Glückseligkeit hervor, die sowohl seelisch wie körperlich empfunden werden; Gefühle großer Heiterkeit und furchtloser Zuversicht – in den ersten Stunden der Arzneiwirkung. Sobald diese Empfindungen jedoch nachlassen und mehr und mehr schrecklichen Höllenqualen weichen, verlangt es den Opiumesser zurück nach diesem flüchtigen Zustand der Verzückung, und so verlängert er nur die Qualen, die ihn langsam aber sicher zerstören.
De Quincey schildert szenische Opiumvisionen2

2

In seinen Confessions of an English Opium Eater, London 1822, Edinburgh 1856.

, die voll von architektonischem Glanz prächtiger Städte und Paläste sein konnten. Er berichtet aber auch von Abstiegen in die Abgründe lichtloser Unterwelten – in immer tiefere Tiefen, aus denen jemals wieder emporsteigen zu können ihm ganz aussichtslos erschien – und von der äußersten Finsternis und selbstmörderischen Verzweiflung, die diese Szenen beherrschten. Raum- und Zeitgefühl waren erheblich beeinträchtigt, die Proportionen von Gebäuden, von Landschaften wuchsen ins Ungeheure; die Zeit dehnte sich gewaltig aus, bis er zuweilen das Gefühl hatte, in einer Nacht 70 oder 100 Jahre durchlebt zu haben. … Träume von Seen, von silbrig glänzenden Wasserflächen; …doch dann „ein schrecklicher Wandel, der sich viele Monate lang wie eine Schriftrolle abwickelte und immerwährende Qualen versprach. … Denn nun begann sich das auszubreiten, was ich die Tyrannei des menschlichen Gesichts genannt habe: … Auf den wogenden Wassern des Ozeans zeigten sich erste menschliche Gesichter, und bald schien das ganze Meer mit unzähligen von ihnen wie gepflastert zu sein, alle dem Himmel zugewandt; flehende, wutentbrannte, verzweifelte Gesichter, zu Tausenden drängten sie empor, myriadenfach, Generationen von Gesichtern, durch Jahrhunderte hindurch; meine Erregung war grenzenlos, meine Sinne schwankten und wogten mit dem Ozean.“
Einige hinweisende oder merkwürdige Symptome
Ohne Schmerzen. Beklagt sich nicht. Wünscht nichts.
Bildet sich ein, von zu Hause fort zu sein. (bryoniaBRYONIA)
Das Gesicht drückt Angst und Schrecken aus.
Unwillkürlicher Stuhlabgang – nach einem Schreck (Sphinkterlähmung).
Das Bett fühlt sich so heiß an, dass sie nicht darin liegen kann. Bewegt sich zu einer kühlen Stelle; muss aufgedeckt sein. (sulfurSULFUR)
Harnretention bei voller Blase (stramoniumSTRAMONIUM: Oligurie, Anurie); Blase voll, wird aber nicht empfunden.
Reaktionsmangel auf gut gewählte homöopathische Arzneien.
Guernsey sagt: „Bei Atembeschwerden mit beständiger röchelnder Atmung geben Sie Opium. Tiefes, ungleichmäßiges Atmen“ (Cheyne-Stokes).
Zu den Symptomen, die Opium hervorrufen kann, gehört auch schreckliche Furcht oder Angst, und es ist nützlich bei Beschwerden infolge von Schreck mit Furcht, wenn die Furcht [die durch das schreckliche Ereignis ausgelöst wurde] bestehen bleibt. Seelische Schocks, bei denen man über das entsetzliche Erlebnis nicht hinwegkommt; es tritt einem immer wieder vor Augen.
Clarke erinnert sich, von der Heilung eines Ulcus cruris gelesen zu haben, bei dem keine Empfindungen vorhanden waren, aufgrund derer eine Arznei hätte diagnostiziert werden können; doch gerade das Fehlen jeglicher Empfindung indizierte Opium – und Opium heilte.
De Quincey berichtet von heftigen Niesanfällen als einer der zahlreichen Unannehmlichkeiten während der langsamen Entwöhnung von seiner Rauschgiftsucht. Zuweilen musste er zwei Stunden lang ununterbrochen niesen, und das zwei- oder dreimal am Tag. Auch hatte er das exzessive Schwitzen von Opium, so stark, dass er „fünf- bis sechsmal täglich ein Bad nehmen musste“.
Kent schreibt: „Für Opium in Substanz besteht am Krankenbett keinerlei Bedarf. Allenfalls in der Chirurgie scheint es, das sei eingeräumt, zuweilen nötig zu sein – wir wollen deswegen mit dem Chirurgen nicht streiten. Doch bei Krankheiten, bei kranken Menschen, ist es entbehrlich. Es bringt keinen Nutzen und schadet letzten Endes nur. Es verhindert das Auffinden des passenden homöopathischen Mittels, weil es die Symptome verdeckt, und verdirbt so womöglich den Fall. Zumindest ist man auf etliche Tage zur Untätigkeit verdammt.“
Lassen Sie uns nun Opium im Lichte der Arndt-Schulzschen Regel betrachten: Große Dosen einer giftigen Arznei sind letal, kleinere Dosen lähmen, während sehr kleine Dosen des Gifts die Lebenstätigkeit der Zellen anfachen.
In größten Gaben ruft Opium zuerst Erregung hervor, sodann Schläfrigkeit und Unfähigkeit zu der geringsten Anstrengung, darauf Schlaf und schließlich Koma.
Das Opfer ist zunächst noch erweckbar, doch bald ist jede Stimulation erfolglos; Pupillen geringfügig verengt; keine Reflexe.
Der Patient ist kalt und livide, und wenn es auf das Ende zugeht, ist er wie in kaltem Schweiß gebadet.
Puls schwach und langsam; die Atmung wird langsamer und unregelmäßiger, schließlich stertorös, und der Patient stirbt an Erstickung [durch zentrale Atemlähmung].
In substanziellen, nichtletalen Dosen vermindert Opium sämtliche Sekretionen, ausgenommen die Schweißproduktion. Der Mund wird trocken, Magen und Darm trocknen aus und werden paralysiert – durch Lähmung der Muskelschichten in der Darmwand. Fast stets besteht daher Obstipation, vollständige Stuhlverstopfung.
Die Gefäße in der Medulla und im Rückenmark sind dilatiert.
Opium ist ein direktes Gift für die Atemwege3

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Dies ist so nicht richtig. Die atemdepressorische Wirkung der Opiate kommt durch eine direkte Hemmung des Atemzentrums in der Medulla oblongata zustande. Der Patient gerät so ohne das Gefühl von Atemnot in ein Atemdefizit; wenn man ihn nicht ständig daran erinnert, atmet er bald automatisch wieder zu langsam.

und erzeugt eine langsame, röchelnde Atmung.
Nun, all diese Symptome, die Opium zu erzeugen vermag, die kann es – abgesehen vom Tod – auch heilen.
In minimalen Dosen heilt es die ihm eigentümliche Verstopfung, bringt es den Komatösen wieder zu Bewusstsein, ebenso wie den unter einem psychischen Schock Stehenden. Es kann übermäßig wachen Menschen, deren Sinne überreizt sind, den Schlaf bringen, und so fort. Es ist nicht das „unbezahlbare“ Universal-Analgetikum der alten Schule, aber es bewirkt, und das auf Dauer, weitaus wunderbarere Dinge, wenn es getreu der Art und Weise Hahnemanns gegeben wird.
Hauptsymptome4
Geist und GemütFurcht vor nahem Tode.d

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Mit a sind die Symptome aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre gekennzeichnet; ein mit b versehenes Symptom stammt aus Jörgs Materialien zu einer künftigen Heilmittellehre (1825), von denen Hahnemann in diesem Fall keinen Gebrauch gemacht hat. Die mit c bezeichneten Symptome sind den von Eidherr 1862 in der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Aerzte Oesterreichs (Heft 3) veröffentlichten Prüfungen entnommen, und ein mit einem d markiertes Symptom ist in einem Vergiftungsfall (durch Injektion einer Opiumtinktur) beobachtet worden (Hygea 13, 393).

Gesichtsausdruck von Schrecken und panischer Angst.
Völlige Bewusstlosigkeit und Empfindungslosigkeit; es war nicht möglich, irgendein … Zeichen von Unbehagen bei ihr auszulösen, wenn man sie an den Haaren zog, in die Haut kniff oder mit kaltem Wasser begoss.
Bewusstseinsverlust, mit röchelndem Atem, wie nach einem Schlaganfall.
Bewusstlosigkeit: Augen glasig, halbgeschlossen; Gesicht blass; tiefes Koma.
Delirium tremens: mit abgestumpften Sinnen, und in Abständen Sopor mit Schnarchen; Leute wollen ihn verletzen oder exekutieren; … sieht Tiere auf sich zukommen; kriecht unter die Decke oder springt aus dem Bett; … glaubt, ein Mörder oder Krimineller zu sein, der hingerichtet werden soll; möchte davonlaufen; stierer Blick; Muskelzuckungen im Gesicht und am Mund; Kieferklemme; Tremor.
Beschwerden infolge von übermäßiger oder allzu plötzlicher Freude, von Schreck, Zorn oder Scham.
Beschwerden nach Schreck, wobei die Furcht vor dem Auslöser des Schreckens bestehen bleibt.
Zittern der Glieder nach einem Schreck.
Krämpfe infolge starker Gefühle, von Schreck, Zorn etc.
GesichtGerötet.
Gesichts-Blässe.a
AugenPupillen erweitert und lichtunempfindlich; oder zusammengezogen; oder sie reagieren nur träge auf Licht.
MundLähmung der Zunge, Sprechen fällt schwer.
Magen, AbdomenStarker Durst. – Unstillbarer Durst.
Koliken: vorübergehend, sehr heftig; … durch Bleivergiftung.
Kneipen im Bauche. … Gänzliche Stuhlverstopfung.c
Schmerz im Unterleibe, als wenn die Gedärme zerschnitten würden.a
Rektum, StuhlFast unheilbare, langwierige Hartleibigkeit.a
Bei der Anstrengung zum Stuhlgange, Gefühl, als wenn der Weg in den Mastdarm verschlossen wäre.a
Stuhl kommt heraus, schlüpft aber wieder zurück. (siliceaSILICEA)
Cholera infantum: mit Sopor, Schnarchen und Konvulsionen; verengte Pupillen; die gut gewählte Arznei versagt.
Unwillkürliche Stühle, besonders nach Schreck.
Flüssige, schäumige Stuhlgänge, mit jückendem Brennen am After und heftigem Stuhlzwange.a
Harte, runde, trockene, schwarze Kotballen, wie Schafskot.
HarnwegeSchwächt die Zusammenziehkraft der Harnblase.a
Urinverhaltung.a
Die Blase dehnte sich aus, hatte aber nicht die Kraft, ihren Inhalt auszutreiben …
AtmungDie Athemzüge sind lang und seufzend.a
Tiefes, schnarchendes Athemholen.a
Unwillkürliches öfteres Tiefathmen.c
PulsLangsam, bei stöhnendem, langsamem Odem, höchst rothem, aufgetriebnem Gesichte und höchst starkem Schweiße mit Konvulsionen.a
SchlafWimmern im Schlafe.a
Sucht zum Schlafen …, die ich nur mit Mühe abwehren konnte. In der Nacht schlief ich sehr unruhig, schwitzte viel …b
Bei aller Schläfrigkeit kann er nicht in Schlaf kommen, bei langsamem Pulse.a
Schlaflosigkeit, mit überaus empfindlichem Gehör; in der Ferne schlagende Uhren und krähende Hähne halten sie wach.
NervenMangelnde Empfänglichkeit für Arzneien; mangelhafte Reaktion der Lebenskraft.
Schmerzlosigkeit bei allen Beschwerden. Beklagt sich nicht. Wünscht nichts.
Lähmung, Empfindungslosigkeit: nach Apoplexie; bei Säufern; bei alten Leuten.

Ornithogalum umbellatum

Weitere Namen: Doldiger Milchstern; ‚Stern von Bethlehem‘
Der Cooper Club, der sich seinerzeit regelmäßig in Dr. Clarkes Haus traf, hatte drei treibende Kräfte: Dr. Robert Cooper, mit seiner Gabe, neue und nützliche Arzneien zu entdecken, Dr. James Compton Burnett, der das Talent besaß, deren Besonderheiten und Möglichkeiten zu erfassen und sie mit Erfolg bei den Patienten anzuwenden, die seine Praxis belagerten, und Dr. Clarke, der all dies sorgfältigst aufzeichnete und als bleibende Hilfe für die Nachwelt in seinem Dictionary of Materia Medica niederlegte. An diesem Werk arbeitete er, wie er zu sagen pflegte, um sich Arbeit zu ersparen; er musste einfach wissen, wo jedes Arzneimittel zu finden war, das er irgendwann einmal brauchen könnte. Eines der ganz wichtigen, bisher aber nur unzureichend geprüften Mittel, das den Entdeckungen und Überlegungen dieses Clubs entsprang, war Ornithogalum, das zusammen mit der Zwiebel, dem Porree und dem Knoblauch zu den Lauchgewächsen gehört und mit diesen im Hinblick auf seine Wirkung viele Besonderheiten gemein hat.
Boericke erwähnt Ornithogalum kurz in seinem inhaltsreichen Handbuch, doch alles, was er schreibt, ist:5

5

Es folgen bei Boericke außerdem noch einige Symptome im Bereich des Verdauungstrakts.

„Zu erwägen bei chronischen gastrischen und abdominellen Indurationen, möglicherweise auch bei Krebs im Bereich des Verdauungstrakts, besonders des Magens und Blinddarms. Zentrum seiner Wirkung ist jedoch der Pylorus, wo es schmerzhafte Kontraktion mit Auftreibung des Duodenums [durch Blähungen] verursacht.
Niedergeschlagenheit. Völlige Erschöpfung. Übelkeitsgefühl, das den Patienten nachts nicht schlafen lässt.“
Vor einigen Jahren erhielt ich vom Kew [einem botanischen Garten in der Grafschaft Surrey] die Genehmigung, einzelne Exemplare von Arzneipflanzen zu pflücken, und ich ging dabei ähnlich vor, wie Dr. Cooper es früher getan hatte. Dieser pflegte sich seine pflanzlichen Arzneien immer in ihrer besten Zeit zu beschaffen, nicht nur hinsichtlich der Jahres-, sondern auch der Tageszeit. Bewaffnet mit einem zu drei Vierteln mit Weingeist gefüllten Fläschchen, sicherte er sich sein ausgesuchtes Exemplar, indem er es unverzüglich dort hineingab. So versorgte er sich mit einer ‚Mutter-Tinktur‘, die so rein und unverdorben war wie nur möglich. Von dieser Lösung verabreichte er dann in zahlreichen Fällen einen einzigen Tropfen, und zwar in großen Abständen, jeweils wie es der Zustand des Kranken erforderte, wobei er mit der Wiederholung des Mittels stets so lange wartete, bis sich die stimulierende Wirkung des Mittels erschöpft hatte. Für seine so zubereiteten Mittel hatte Cooper einen ganz eigenen Namen – ‚Arborivitale Arzneien‘6

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Von Arbor vitae, dem mythologischen ‚Baum des Lebens‘.

. Es ist bezeugt, dass er mit ihnen erstaunliche Heilreaktionen bewirkte. Natürlich konnte er zu diesem Zweck und bei dieser Art der Verabreichung keine stark giftigen Arzneien verwenden; diese mussten, um ohne Lebensgefahr für die Patienten von Nutzen zu sein, bis zur dritten Dezimalpotenz abgemildert werden.
Um aber auf Kew zurückzukommen … Eines Tages beugte ich mich über ein Milchsternbeet und hielt nach dem besten Exemplar Ausschau, um es à la Cooper in meine Flasche zu stecken, als von hinten eine vorwurfsvolle Stimme ertönte: „Was machen Sie denn da?“ Natürlich war es ein Aufseher, dessen Aufgabe es war, derartige Plünderungen zu verhindern. Und – wie konnte es anders sein! – ich hatte natürlich meinen Berechtigungsschein, den ich zuvor nie gebraucht hatte, zum ersten Mal nicht dabei.
Die einzige Möglichkeit bestand darin, ihm den Sachverhalt bescheiden zu erklären; und dabei schaffte ich es, ihn so zu besänftigen und zu interessieren, dass er mich begeistert zu einem der großen Subtropen-Häuser mitnahm, wo er mir noch ein Exemplar einer anderen, mir unbekannten, aber (seiner Meinung nach) sehr wertvollen Heilpflanze schenkte.
Doch dies nur am Rande … Die Frage ist nun: Was wissen wir über Ornithogalum, das – aus homöopathischer Sicht – von praktischer Bedeutung ist?
In seinem kleinen Buch mit dem Titel Cancer and Cancer Symptoms schreibt Cooper unter der Überschrift „Ornithogalum umbellatum“ Folgendes, wobei er zunächst aus dem Treasury of Botany zitiert:
„Ein in vielen Teilen Englands und Schottlands verbreitetes Kraut. Es ist auch unter dem Namen ‚Stern von Bethlehem‘ bekannt, da es sternförmige Blüten hat und auch in Palästina häufig anzutreffen ist. Manche vermuten, dass es dem entspricht, was in der Bibel (2. Könige 6, 25) mit ‚Taubenmist‘7

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In 2. Könige 6, 25 der Lutherbibel heißt es: „Und es war eine große Teuerung zu Samaria. Sie aber belagerten die Stadt, bis dass ein Eselskopf 80 Silberlinge und ein viertel Kab Taubenmist 5 Silberlinge galt.“ – Die Ausdrücke ‚Eselskopf ‘ und ‚Taubenmist‘ werden als zweifellos falsch angesehen; der hebräische Ausdruck für Letzteres soll laut Brewer's Dictionary of Phrase and Fable leicht mit dem für die Hülsen des Johannisbrotbaums zu verwechseln sein.

übersetzt worden ist. Seine Zwiebeln, die gekocht sehr bekömmlich und nahrhaft sind, werden bis auf den heutigen Tag in Palästina gegessen. Die Gattung Ornithogalum ist eng mit der Gattung Scilla 8

8

Nicht zu verwechseln mit SCILLA MARITIMA, der Echten Meerzwiebel, die zwar auch zu den Liliengewächsen gehört, aber heute zur Gattung Urginea gerechnet wird. Ihre Blüten sind im Gegensatz zu jenen der blaublütigen Scilla-Gewächse weißlichgrün oder auch schmutzigweiß.

verwandt, von der sie nur durch ihre Blüten zu unterscheiden ist: Bei Ornithogalum vertrocknen die Blütenblätter zwar nach der Blütezeit, bleiben aber erhalten, statt abzufallen, und sie sind von weißlichgrüner oder gelblicher statt von blauer Farbe. All diese Spezies sind Zwiebelpflanzen, mit wurzel- und nicht stielscheidigen Blättern sowie endständigen Blütentrauben, jede Blüte mit einem verkümmerten Deckblatt darunter. Die Blütenhülle besteht aus sechs einzelnen Segmenten, die sich sternförmig ausbreiten; die sechs Staubblätter haben abgeflachte Staubfäden und sind von der Blütenhülle fast völlig losgelöst.“
Cooper fährt fort: „Zur Familie der Liliaceae gehörend, ist Ornithogalum botanisch verwandt mit asparagus officinalisASPARAGUS OFFICINALIS, paris quadrifoliaPARIS QUADRIFOLIA, convallaria majalisCONVALLARIA MAJALIS, scilla maritimaSCILLA MARITIMA, agraphis nutansAGRAPHIS NUTANS, colchicum autumnaleCOLCHICUM AUTUMNALE, allium sativumALLIUM SATIVUM, allium cepaALLIUM CEPA und polygonatum officinalePOLYGONATUM OFFICINALE 9

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Gemeint ist die Gemeine oder Wohlriechende Weißwurz, POLYGONATUM ODORATUM, auch Salomonssiegel genannt; diese alte Heilpflanze ist noch nicht in die Homöopathie eingeführt.

, außerdem natürlich mit vielen anderen, weniger bekannten, aber wertvollen Arzneipflanzen.
Meine Bekanntschaft mit Ornithogalum umbellatum bei Krebsfällen rührte von der außergewöhnlich starken Reaktion auf das Mittel bei einer Frau her, die sehr empfindlich auf alle zwiebelartig schmeckenden Substanzen in der Nahrung war. Die Dosis wurde mittags eingenommen, und noch am selben Abend kam es zu Auftreibung des Magens und Duodenums mit häufigem und kopiösem Aufstoßen übelriechender Luft, sodass sie ihre Kleidung lockern musste. Damit einher gingen abscheulichste Niedergeschlagenheit mit dem Verlangen, Selbstmord zu begehen, ein Gefühl großer Hinfälligkeit und schmerzhafter Flauheit in der Magengrube sowie ein Übelkeitsgefühl, das sie den größten Teil der Nacht wach bleiben ließ und noch mehrere Tage anhielt.
Die Patientin war etwa 54 Jahre alt und von recht sanguinischem Temperament; sie neigte zu Verdauungsschwäche, und in der Vorgeschichte war es, möglicherweise aufgrund einer Schwindsuchtneigung, mehrfach zu Brustfellentzündungen gekommen. Abgesehen davon bestand aber keine Anfälligkeit für irgendwelche chronischen Krankheitsformen …
Seit der o. g. Arzneiverschlimmerung hat sich ihre Verdauung erheblich verbessert, und auch ihre Freude am Leben sowie ihre allgemeine Vitalität haben deutlich zugenommen.
Ornithogalum umbellatum befällt bei den Personen, die für diesen Reiz empfänglich sind, unmittelbar den Pylorus und ruft dort ein schmerzhaftes und krampfartiges Zusammenziehen hervor; das Duodenum wird von Blähungen aufgetrieben, wobei sich die Schmerzen unweigerlich steigern, wenn die Speisen den Magenpförtner zu passieren suchen.“ (Kursive Hervorhebungen durch M. Tyler.)
An anderer Stelle schreibt er: „Ornithogalum umbellatum ruft wie die allium sativumLaucharten10

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Cooper schreibt irrtümlich, dass Ornithogalum umbellatum eine ‚Knoblauchart‘ sei („a species of garlic“). Die Ornithogalum- und Allium-Arten gehören jedoch als verschiedene Gattungen lediglich der gemeinsamen Familie der Liliengewächse an.

ALLIUM SATIVUM und allium cepaALLIUM CEPA Verdauungsstörungen mit ausgeprägtem Luftaufstoßen hervor.“
Cooper berichtet von mehreren Fällen mit Magengeschwüren, die maligne entartet zu sein schienen und die wunderbarerweise durch Ornithogalum geheilt wurden. In einem Fall war durch Operation in einem Londoner Krebshospital tatsächlich ein bösartiger Tumor nachgewiesen worden. Anschließend wurde der Patient informiert, dass „zwischen dem Magen und der Thoraxwand Adhäsionen gefunden worden seien, zusammen mit einer Krebswucherung am pylorusnahen Teil des Duodenums, und dass es unmöglich gewesen sei, das gesamte erkrankte Gewebe zu entfernen“. Später wurde er wegen quälender Schmerzen noch einmal aufgenommen. Als er dann sechs Wochen später nach Hause entlassen wurde, versicherte ihm sein Hausarzt, dass nun alles Erdenkliche getan worden sei, dass er keinesfalls mehr lange zu leben haben werde und, solange er lebe, DIE Schmerzen werde ertragen müssen.
Als Cooper den Patienten erstmals zu sehen bekam, traf er ihn schmerzgekrümmt im Bett liegend an. Er konnte nichts längere Zeit im Magen behalten; warme Speisen linderten, kalte Getränke verschlimmerten. Die Schmerzen waren nachts stärker; sie dehnten sich vom Magen zum Herzen und bis zwischen die Schulterblätter aus, „als ob ein Eisenklotz durch Magen und Brust gezwängt würde“. Er hatte das Gefühl, dass sich die Geschwulst sehr schnell vergrößerte; sie ragte unter der Befestigung des Zwerchfells am Rippenbogen deutlich sichtbar hervor, mit ausgeprägter Dämpfung bei der Perkussion; der Wulst reichte bereits bis in die Magengrube. Zunge rot, nach hinten zu belegt. Stuhl verstopft, bei zeitweiligem Durchfall.
In diesem Fall bestand die Wirkung von Coopers Einzelgabe Ornithogalum zunächst in einer Intensivierung der Schmerzen, dann in Stuhlgang, und schließlich erbrach der Kranke eine schaumige Masse, was ihm einige Erleichterung verschaffte. Nach einer zweiten Dosis begann er eine schwarze, gallertige Substanz herauszuwürgen, mit großer Linderung der Schmerzen und allgemeiner Besserung seines Zustandes.
Im Laufe der folgenden Monate schliefen ihm immer wieder die Unterschenkel und Füße ein und kribbelten so sehr, dass er sie kaum stillhalten konnte. Dann schwollen Füße und Knöchel an; der rechte Unterschenkel fühlte sich wie zerschlagen an, fing an zu schmerzen und entzündete sich. Schließlich war er ebenfalls geschwollen und gespannt, und Fingerdruck ließ Dellen darauf zurück. Der Patient hatte außerdem beim Essen das Gefühl, als ob die Speisen den Magen verstopfen würden. Etwas Flatulenz, Stuhlgang regelmäßig. Eine weitere Dosis wurde verabreicht, und der Effekt bestätigte Cooper in seiner Überzeugung, dass die Stauung der Lymphgefäße, wie sie sich im Zustand des rechten Unterschenkels und in der vorangegangenen Schwellung der Füße und Knöchel manifestiert hatte, aus dem hohen Druck resultierte, unter den die Ausscheidungsorgane infolge der Freisetzung von Giften im Organismus gesetzt worden waren. Einige Tage später kam der Patient nämlich ganz erschrocken wieder, um den, wie er meinte, schrecklichen Zustand seiner Beine zu zeigen: Sie waren geschwollen, und breite rote Streifen und Flecken liefen die Unterschenkel herunter. In der Annahme, dass dies auf die rasche Eliminierung des Krebsgiftes zurückzuführen war, bestand Cooper zum Erstaunen des Patienten darauf, dass er ohne weitere Medikation wieder nach Hause ging. Danach verlief seine Genesung ungestört. Er erhielt keine weitere Arznei – nur ganz am Anfang der Behandlung, als er sehr litt, hatte er einige Gaben carbo vegetabilisCARBO VEGETABILIS D 3 bekommen, die jedoch die Schmerzen eher zu vermehren schienen und von ihm selbst abgesetzt wurden; und ganz zum Schluss erhielt er noch eine Einzeldosis alliaria officinalisALLIARIA OFFICINALIS. Coopers Behandlung hatte im Juli 1898 begonnen, und im Mai 1899 schrieb ihm der Mann: „Seit der ersten Augustwoche habe ich keine Schmerzen mehr gehabt; zwar verspüre ich von Zeit zu Zeit im Magen noch eine leichte Schwäche, aber keineswegs immer. Mein Appetit ist erstaunlich gut; ich kann fast alles essen und mich auch wieder an den Mahlzeiten erfreuen, was ich seit Jahren nicht mehr getan habe. Ich kann mich auch gut bewegen und meiner Arbeit ohne Ermüdungserscheinungen nachgehen. Ich habe mich wieder dem Freiwilligenheer angeschlossen, bereits an zwei oder drei tüchtigen Märschen und außerdem an Schießwettbewerben teilgenommen, ohne irgendwelche üblen Folgen zu spüren. Seit fast zwanzig Jahren habe ich mich nicht mehr so wohl gefühlt. Im Augenblick geht es mir blendend, und ich habe auch schon mehr als 14 Pfund an Gewicht zugelegt, die ich während meiner Krankheit verloren hatte.“
Ich habe recht ausführlich zitiert, damit wir wieder Mut fassen und zu handeln lernen – und zu hoffen. Diese Schriften Dr. Coopers hätten es verdient, wiederveröffentlicht zu werden,11

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Coopers Cancer and Cancer Symptoms ist 1990 im indischen Jain-Verlag wiederaufgelegt worden.

denn die Erfahrungen solch origineller Köpfe und hervorragender Ärzte sollten nicht vergessen werden und verloren gehen.
Ich erinnere mich an etwa ein halbes Dutzend Fälle von Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür, die unter Ornithogalum ausheilten. Soweit ich mich entsinne, fielen sie alle etwa in dieselbe Zeit gegen Ende des Krieges, als ich viel Stationsdienst zu leisten hatte. Nur einer dieser Patienten sprach auf Ornithogalum nicht an, er benötigte phosphorusPHOSPHORUS. Beim schlimmsten dieser Fälle hatte die Patientin wegen des fortwährenden Blutverlustes alle Farbe verloren und musste eiligst bei uns eingewiesen werden; unter Ornithogalum erholte sie sich prächtig. Dass die Genesung wirklich von Dauer war, weiß ich, da sie uns all die Jahre danach wegen geringfügiger Beschwerden gelegentlich aufgesucht und jedesmal erzählt hat, dass ihr altes Leiden sich nicht wieder bemerkbar gemacht habe. Ich kann daher bestätigen, dass Dr. Cooper mit seiner Behauptung recht hat: Ornithogalum kann – in geeigneten Fällen – Magen- und Duodenalulzera heilen.
Wenn wir das Mittel aber mit einiger Sicherheit verschreiben wollen, benötigen wir eindeutige Symptome. Lokalisation und Art und Weise der Einwirkung auf den Organismus sind wichtig, doch brauchen wir mehr, denn schließlich haben auch andere Arzneien Geschwüre dieser Art hervorgerufen und geheilt, etwa kalium bichromicumKALIUM BICHROMICUM, arsenicumARSENICUM, phosphorusPHOSPHORUS! Wie sollen wir nun zwischen diesen unterscheiden? Sollen wir ein Mittel nach dem anderen ausprobieren? – oder dasjenige geben, das in irgendeinem früheren Fall geholfen hat und daher in unserer persönlichen Wertschätzung ganz oben rangiert? … Nicht gut genug! Wir müssen mehr wissen, um das auf den Fall passende Arzneimittel richtig auswählen und mit dessen Hilfe eine Heilreaktion in Gang setzen zu können.
Wie alle Zwiebeln, so Cooper, ist auch Ornithogalum – bei darauf Empfindlichen – in der Lage, fürchterliche Blähungen zu erzeugen. Wir dürfen nicht vergessen, dass nur Menschen, die auf einen Stoff empfindlich sind, uns nützliche Prüfungen davon liefern können. Und ebenso sind es auch nur solche empfindlichen Personen, die im Sinne der Heilung auf ein Mittel ansprechen, d.h. durch dieses zu Heilreaktionen stimuliert werden.
Ich habe drei originale Schriften Dr. Coopers auftreiben können, die in den Jahren 1897, 1898 und 1899 veröffentlicht wurden. In einer von diesen schreibt er in Bezug auf seine ‚arborivitalen Arzneien‘:
Eine arborivitale Arznei ist eine solche, deren Wirkung nur durch die Annahme zu erklären ist, dass in den Pflanzen eine verborgene Kraft existiert, die mit den Sinnen nicht nachzuweisen und unabhängig von irgendeiner speziellen Art der Zubereitung ist.“
Und zu der Frage, was eine ‚arborivitale Dosis‘ ist, sagt er:
Es ist nur ein einziger Tropfen des konservierten Saftes einer frischen Pflanze, der seine Wirkung entfalten darf, bis schließlich keine Anzeichen für diese Wirkung mehr vorhanden sind.“
Ich darf noch hinzufügen, dass Dr. Cooper den Ruf hatte (wie ich vor Jahren zufällig von einem Fremden auf einem Gartenfest erfuhr), der „einzige Doktor, der Krebs heilt“ zu sein. Haben wir heutzutage wenigstens einen, der solches von sich sagen könnte?

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