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B978-3-437-56873-2.00015-9

10.1016/B978-3-437-56873-2.00015-9

978-3-437-56873-2

Paeonia – Pyrogenium

Paeonia

Weitere Namen: Paeonia officinalis; Pfingstrose
Eines unserer kleineren, nur unvollständig geprüften Mittel, das ich in seinem speziellen Wirkungskreis – Leiden des Rektums und Anus – sehr nützlich gefunden habe. Doch neben seiner großen Domäne, Fisteln und Fissuren im Analbereich sowie Hämorrhoiden, soll es auch allgemein bei varikösen Zuständen heilkräftig sein.
Seine Hauptwirkungen sind aus den [bei Allen und Hering] hervorgehobenen Symptomen zu ersehen, die ich im Folgenden zitieren will:1

1

Die mit a versehenen Symptome stammen aus einer anonymen Prüfung, die 1827 in den Praktischen Mittheilungen der correspondirenden Gesellschaft homöopathischer Aerzte veröffentlicht wurde. Ein b bezeichnet Symptome von Schelling, mitgeteilt in der A.H.Z., Band 28, S. 182. Mit c schließlich sind Symptome aus der Prüfung Geyers gekennzeichnet, die 1846 in Band 21 der Hygea veröffentlicht wurde.

Rektum, AnusBeissendes Jucken in der Afteröffnung, was zum Reiben nöthigt, wobei der Eingang etwas angeschwollen zu sein scheint.c
Am Mittelfleisch am After ein kleines Geschwür, das beständig Feuchtigkeit ausschwitzt, von sehr übelm Geruch; 8 Tage lang schmerzt es.a
Hämorrhoiden mit Fissuren im After; unerträgliche Schmerzen während und nach dem Stuhlgang.
Sehr schmerzhafte und empfindliche Geschwüre und Rhagaden im Mastdarm.
Sehr schmerzhaftes Geschwür, teilweise auf der äußeren Haut, rund, scharfrandig und viel Feuchtigkeit ausschwitzend (Analulkus).
Analfissuren; grauenhafte Schmerzen bei und nach jedem Stuhlgang, die nach ein bis zwei Stunden wiederkehren und zwölf Stunden anhalten; hindern am Schlafen, muss fast die ganze Nacht auf und ab gehen; Exsudation einer übelriechenden Feuchtigkeit.
SchlafAlpdrücken, Alpträume.
Andere bemerkenswerte Symptome
[Kneipender Schmerz im Unterleibe, nur wenige Sekunden; schon vorher, und mehr nachher] ist ihm ängstlich, die Schenkel schlottern, die Arme zittern ihm, als ob er erschrocken wäre; es bangte ihm, mit Jemand zu sprechen, und eine unangenehme Nachricht ergriff ihn heftig.c
Schwindel bei jeder Bewegung, es taumelt im Kopfe fortwährend.b
Ohne Halt zum Gehen, es taumelt im Kopf herum, die Glieder schwanken.b
Drücken unter dem Herzen wie von starker Beängstigung.a
Völliger Stimmverlust.
Senkrechte heftige Stiche in der Brust …, bei jedem Ausathmen. Sie fangen oben unter dem Schlüsselbein an und fahren gerade hinab, wie durch das Herz hindurch, bis auf das Zwerchfell. Sie sind am schmerzhaftesten in der Mitte, vermehren sich im Umhergehen.c
Brennende Hitze: Kopf, Gesicht, Augen, Hals, After.
Brennende Hitze im Gesicht, dem Rücken und der Brust, bei kalten Extremitäten.a
Der Schlaf … so schlecht wie nie, die vorher beängstigenden Träume steigern sich bis zum wirklichen Alpdrücken, nämlich zum Traum von einer abenteuerlich gebildeten Figur (Alp), welche auf der Brust sitzt und auf sehr beängstigende Weise den Athem verhält …c
(Der Prüfer, Dr. Geyer, fügt in einer Fußnote hinzu: „Ich erkläre hiermit auf das Bestimmteste, dass ich damals weder den Dioskorides noch den Plinius schon nachgeschlagen hatte, also meinen Versuch ganz unbefangen anstellte und nicht durch irgend welchen psychischen Mechanism aus dem Versuche heraussah, was ich zu sehen wünschte, etwa weil Dioskorides von dem Samen und Plinius von der Wurzel berichten, dass sie das Alpdrücken heilen.“)
Traum von einem Gespenste, was ihm auf der Brust sitzt und ihm den Athem verhält, so dass er mehrmals von eignem Stöhnen aufwacht.c
Hering schreibt, dass Paeonia mit hamamelisHAMAMELIS verglichen werden müsse bei Varikosis, mit siliceaSILICEA bei Ulzera und mit sulfurSULFUR bei Diarrhö.
Bei chronischen, nicht-syphilitischen Ulzerationen hat sich Paeonia als sehr heilsam erwiesen, wie überlieferte Fälle zeigen. Hier ist einer von ihnen [zitiert aus den Guiding Symptoms:
Seit 18 Jahren bestehende Hämorrhoiden und Mastdarmgeschwüre; Z. n. mehreren Operationen. Patient konstipiert, nervös und abgemagert; unangenehmer Körpergeruch. Anus und Umgebung dunkelrot und von einer dicken Kruste bedeckt. Am Ende des Analkanals und Eingang des Rektums mehrere rissige Geschwüre mit erhabenen und indurierten Rändern, äußerst schmerzhaft. Die gesamte Schleimhaut am Übergang zum Rektum und höher hinauf übersät von Ulzera, Rissen und Rhagaden. Rektum dunkelrot und kongestioniert.
Culpeper 2

2

Vgl. zu Culpeper Kap. A, Fußnote 1

(1616–1654) spricht in meinem alten Folianten – er datiert erst von 1819, ist aber groß und quadratisch, gediegen ledergebunden und sieht recht altertümlich aus – von der männlichen und der weiblichen Pfingstrose. Er erzählt, die Ärzte würden behaupten, die Wurzeln der männlichen Pfingstrose seien die besten. „Dr. Verstand aber sagt mir, die männliche Pflanze sei am besten für Männer und die weibliche für Frauen – doch wünsche er sich hierzu auch ein Urteil von seinem Bruder, Dr. Erfahrung.“
Culpeper erklärt (ich fasse zusammen): „Die Wurzeln werden für heilkräftiger gehalten als die Samen; dann kommen die Blüten und zum Schluss die Blätter. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Wurzel der männlichen Pfingstrose, frisch gepflückt, Fallsucht zu heilen vermag; die sicherste Methode ist dabei – außer sie um den Hals zu hängen, wodurch Kinder bereits geheilt wurden –, die Wurzel zu nehmen, sauber zu waschen, klein zu stampfen und dann wenigstens 24 Stunden in einem Beutel als Aufguss ziehen zu lassen; danach presse man den Beutel aus und nehme, morgens als Erstes und abends als Letztes, einen kräftigen Schluck von dem Aufguss, und zwar mehrere Tage nacheinander, um die Zeit des Vollmonds. Dies wird auch alte Leute heilen, wenn die Krankheit noch nicht zu lange besteht und unheilbar geworden ist.“ Er sagt, der Tee sei auch hilfreich bei Frauen nach der Entbindung und bei solchen mit (Gebär-)Mutterbeschwerden. … „Auch der schwarze Samen, vor dem Zubettgehen eingenommen, ist sehr wirksam bei jenen, die im Schlaf von der Ephialtes oder Inkubus genannten Krankheit gequält werden; gewöhnlich nennen wir dies Alpdrücken, eine Krankheit, der melancholische Personen unterworfen sind. Es ist ein gutes Mittel gegen melancholische Träume.“
(Wie malerisch und schön! Moderne Fassungen des ‚Culpeper‘ unterschlagen all dies; sie reduzieren ihn auf seine klinischen Tipps – und rauben dem Mann damit seine Seele!)
Und Parkinson, ein noch früherer Londoner Herbalist (1567–1650) … In mein Exemplar von Clarkes Dictionary habe ich einmal über ‚Paeonia‘ ein Zitat aus seinem großen, alten Folioband geschrieben, der leider nicht mehr in meinem Besitz ist: „Die Wurzel der männlichen Pfingstrose steht weit über den übrigen Pflanzenteilen; ein einzigartiges und bewährtes Heilmittel bei allen epileptischen (sic) Erkrankungen. … Die frische Wurzel ist besser als die getrocknete.“
Wir sehen also, Paeonia hatte neben der bei uns üblichen Nutzanwendung einen uralten Ruf als Heilmittel der Epilepsie; doch wie es scheint, ist diese Indikation irgendwie unter den Tisch gefallen.
Dr. Oscar Hansen aus Kopenhagen berichtet in seinem Textbook of Rare Homœopathic Remedies auch über Paeonia officinalis, mit seinen Analsymptomen und den schmerzhaften Geschwüren in diesem Bereich. Seine therapeutischen Hinweise sind so prägnant formuliert, dass es sich trotz unseres begrenzten Raums lohnt, sie hier kurz wiederzugeben:
Breiiger Durchfall, gefolgt von Brennen im After; danach innerer Frost.
Hämorrhoiden mit Ulzerationen; After und Umgebung purpurrot und mit Krusten bedeckt; schmerzhafte Geschwüre im After.
Analfissuren, mit Brennen und Beißen nach dem Stuhlgang; Ausschwitzen einer übelriechenden Feuchtigkeit (ratanhiaRATANHIA).
Abszess unterhalb des Steißbeins.
Alpträume.
Paeonia gehört, wie Clarke schreibt, zu der großen Familie der Ranunculaceae (Hahnenfußgewächse), zu der auch die verschiedenen Aconitum-, Actaea- und Helleborus-Arten zählen. „Seine Prüfung brachte viele Kongestionssymptome hervor: Blutandrang zum Kopf, zum Gesicht, zur Brust; brennende Hitze und Röte der Augen, des Gesichts; Brennen, Jucken und Schwellung des Anus; Hitze im Hals, in der Haut.“ Auf klinische Beobachtungen gehen laut Clarke folgende Anwendungsbereiche zurück: Allgemeine Neigung zu Ulzerationen; Geschwüre durch Druck, z.B. durch Wundliegen oder schlecht sitzende Stiefel. … „Die führenden Indikationen sind unerträgliche Schmerzen während und nach dem Stuhlgang sowie das Nässen am After.“

Palladium

Weitere Namen: Silberweisses Edelmetall
Dr. W. S. Patrick aus Bexhill hat mir freundlicherweise ein interessantes Resümee von Palladium übersandt, dieses wenig bekannten Arzneimittels, das mit einigen seiner „ungewöhnlichen und eigenheitlichen“ Symptome so sehr an platinumPLATINUM erinnert. Ich danke ihm für die Erlaubnis, diesen Aufsatz hier wiederzugeben, und werde ihn lediglich mit einem Vorspann versehen, der einige ergänzende Anmerkungen und Vergleiche enthält.
Das Wörterbuch verzeichnet unter Palladium: „(1) Eine große Holzstatue der altgriechischen Göttin Pallas Athene in der Zitadelle von Troja, von deren Bewahrung, wie man glaubte, die Sicherheit der Stadt abhing … (2) Allgemein ein Schutzbild, schützendes Heiligtum (eines Hauses oder einer Stadt). (3) Ein seltenes, in Farbe und Dehnbarkeit dem Platin ähnelndes Edelmetall.“
Constantin Hering hatte Palladium bereits 1833 in seinem Aufsatz Ueberblick des ganzen Arzneireiches3

3

Dieser Aufsatz mit dem Untertitel Ein vorläufiger Versuch als Leitfaden bei künftigen Forschungen ist erschienen in Stapfs Archiv, Band 13, Heft 2. Nachzulesen ist er auch in Herings Medizinische Schriften (hrsg. von K.-H. Gypser), Band 1, S. 272–328.

als mögliches Heilmittel vorgeschlagen; 1850 führte er es als Arznei ein und prüfte es an sich selbst und einer Gruppe Kollegen. Er schreibt: „PLATINUM und Palladium, die beide in Pulverform geprüft wurden, haben in ihren Wirkungen so große Ähnlichkeit gezeigt, daß sich die Frage stellte, ob denn auch entsprechende Unterschiede zu finden sein würden.“
Ein sehr auffälliges Gemütssymptom, das beiden Arzneien gemeinsam ist, ist das Gefühl von Größe. Beide sind stolz und hochmütig 4

4

Dass Palladium „hochmütig“ sei, wird durch die Prüfungen nicht gedeckt! Vgl. dazu meine ausführliche Stellungnahme am Schluss des Kapitels.

, und bei beiden erstreckt sich dies bis in die physische Sphäre – sie empfinden sich als groß, während die Dinge um sie herum klein und unbedeutend erscheinen. stramoniumSTRAMONIUM bildet sich ebenfalls ein, groß und hochgewachsen zu sein, während ihm Gegenstände in seiner Umgebung klein vorkommen (copaivaCOPAIVA).
Palladium hat wie PLATINUM viel herabdrängende Uterusbeschwerden; bei PLATINUM können diese mit dem Gefühl verbunden sein, als ob die ganze Gebärmutter herauskommen wollte. Insgesamt jedoch wirkt PLATINUM, wie es scheint, mehr auf den Uterus und Palladium mehr auf die Ovarien, besonders auf das rechte Ovar. Ihr charakteristisches Wesen – das Hochmütige und Anmaßende, das Größegefühl etc. – ist es dabei, welches diese selteneren Arzneien etwa von sepiaSEPIA – und dessen dumpfer Gleichgültigkeit – oder auch von lilium tigrinumLILIUM TIGRINUM unterscheidet, dessen Gemütsverfassung durch ziellose Eile, Furcht, verrückt zu werden, und Sorge um das eigene Seelenheil geprägt ist. Ein einzelnes Symptom oder eine Lokalisation ist ja noch kein hinreichender Grund für eine Verschreibung; diese Zeichen können auf das Arzneimittel hinweisen, doch wenn das Wunder seiner Wirkung geschehen soll, muss das Bild insgesamt und vor allem auch das psychische Bild passen.
Palladium hat, wie crocusCROCUS, thujaTHUJA und theridionTHERIDION, das Gefühl, ein Lebewesen hüpfe im Körper herum; aber Palladium überbietet sie noch – mit einem Gefühl im Bauch, „als ob ein Thier bisse und kleine Theile der Gedärme abreisse“.
Es hat ferner „Kriechen wie von Flöhen und Jucken an … Rücken, Armen, Bauche, Oberschenkeln und Fussknöcheln“. Und tatsächlich erscheinen an verschiedenen Stellen „Flecke wie nach Flohstichen, über den Lippen rechts, am linken Nasenloche“ usw. Es kann auch am ganzen Körper heftiger Juckreiz bestehen.
Clarke schreibt: „Das Hauptcharakteristikum von Palladium sind Affektionen des rechten Ovars, einhergehend mit Schmerzen, die durch Druck gebessert werden. Skinner heilte mit Palladium eine junge Frau, die während der Menses an starken Schmerzen in der rechten Eierstockgegend litt. Erleichterung verspürte sie einzig dann, wenn ihre Schwester ihrer Bitte nachkam und sich auf die schmerzhafte Stelle setzte. Diese Besserung durch Druck unterscheidet den Palladium-Schmerz von dem ansonsten ähnlichen Ovarialschmerz bei platinumPLATINUM.“
Palladium – ein Heilmittel bei verletztem Stolz
von Dr. W. S. Patrick
Verletzter Stolz! Wie spitz ist sein Stachel, wie erniedrigend die Kränkung! Und doch ist der erste Schritt zum Wissen die Erkenntnis, wie wenig wir eigentlich wissen. Stolz, Eigendünkel, Geltungsbedürfnis [engl.: egotism] – diese selbst gemachten Tyrannen sind in gleichem Maße unsere Feinde wie jeder Despot oder Diktator in Menschengestalt; und erst müssen sie bezwungen sein, bevor wir auf dem Weg voranschreiten können, der zur Befreiung führt. Gleichwohl verfügen wir auch über Arzneien, die durch seelische Konflikte geschlagene Wunden heilen können, und eine der weniger bekannten unter ihnen ist Palladium, das reich an Gemütssymptomen ist und sehr wohl eines tieferen Studiums wert. Palladium ist eine Arznei, die oft zugunsten ihrer Schwester platinumPLATINUM übersehen wird. Jene, die gern nach Sinnbildern für unsere Heilmittel suchen, mögen bei Palladium an die von ihren Anbetern vernachlässigte griechische Göttin Pallas Athene denken.
Lassen Sie uns sehen, wie sich die seelischen Konflikte der Palladium-Persönlichkeit in den Geistes- und Gemütssymptomen des Kentschen Repertoriums widerspiegeln, wobei wir nur diejenigen Rubriken heranziehen wollen, in denen Palladium in Fett- oder Kursivdruck erscheint …5

5

Die mit 0 versehenen Rubriken sind von mir der Vollständigkeit halber aus dem Synthetischen Repertorium (H. Barthel) und dem Repertorium Synthesis hinzugefügt worden. Die beiden nicht-kursiven Symptome sind trotz ihrer Wichtigkeit nur einwertig.

Kränkung, Demütigung, Beschwerden nach.
Hochmütig, verletzter Stolz 6

6

Dies ist die einzige Rubrik, in der Herings Angabe „wounded pride“ (Guiding Symptoms) im Synthetischen Repertorium (3. Auflage) Erwähnung findet – allerdings verstümmelt, denn das „pride“ ist bei der Übernahme aus Knerrs Repertorium vergessen worden. Zur Problematik dieser und anderer Rubriken, die das Thema „Hochmut “ betreffen, vgl. meine Stellungnahme am Schluss des Kapitels.

; will, dass man ihr schmeichelt. 0
Wahnideen [Einbildung], vernachlässigt würde, dass er (sie).
Weinen, zu Tränen geneigt.
Und zweiwertig …
Angst (Furcht), Menses, nach den.0
Beleidigt, leicht.
Ehrgeiz.0
Eigensinnig, starrköpfig; liebenswürdig zu erscheinen, versucht [einziges Mittel!].0
Erregung, Gefühlserregung verursacht Beschwerden. 0
Erregung, Aufregung, Gesellschaft, in. 0
Furcht, ereignen, es könnte sich etwas. 0
Furcht, Unheil, vor.
Gesellschaft, Abneigung gegen. 0
Gesellschaft, Verlangen nach; Alleinsein verschlimmert.
Hochmütig.
Hysterie.
Mürrisch, missmutig. 0
Reizbarkeit; nimmt alles übel. 0
Schlechte Nachrichten, Beschwerden durch.
Schmeicheleien, verlangt. 0
Selbstüberhebung. – Selbstüberhebung, Beschwerden durch.
Selbstvertrauen, Mangel an.0
Unzufrieden. – Unzufrieden mit allem.
Verachtungsvoll. 0
Verlangen nach der guten Meinung anderer [einziges Mittel!].0
Wahnideen, beleidigt, glaubt, er (sie) sei beleidigt worden.
Wahnideen, schätzt, dass man sie nicht. 0
Zorn, Jähzorn.
Aus Clarkes Dictionary … „Eigentümliche Symptome sind:
‚Es scheint ihm, als ob er gewachsen wäre.‘
‚Ahnung, als ob sich etwas Schreckliches zutragen sollte.‘
‚Gefühl, als ob die Eingeweide eingeklemmt und verschiedentlich ineinander verschlungen wären.‘
‚Gefühl, als ob ein Thier bisse und kleine Theile der Gedärme abreisse.‘
Außerdem führt Clarke an:
Schmerzen in der rechten Ovarialgegend, durch Druck gebessert. …
Verschlimmerung durch Kälte (Ischias); Bewegung; nach Anstrengung; nach Aufregung in Gesellschaft.
Besserung durch Berührung (Kopfschmerz); Druck (Ovarial- und Nierenschmerz); Reiben (Ovarialschmerz; brennender Fleck auf dem rechten Wangenknochen); Ruhe; frische Luft; nach Schlaf.“
Boericke nennt Palladium in seinem Handbuch ein „Mittel für die Ovarien, das den Symptomenkomplex der chronischen Oophoritis hervorruft“ (auf der rechten Seite). Folgende Punkte hebt er besonders hervor:
„Liebt Bestätigung, Anerkennung.
Leicht beleidigt.
In Gesellschaft munter (hinterher sehr erschöpft und Schmerzen schlimmer).
Kopfschmerz quer über den Scheitel, von einem Ohr zum anderen.
Schmerz und Schwellung im Bereich des rechten Ovars.“
Einige Gemütssymptome aus den Heringschen Prüfungen, nach T. F. Allen, Encyclopedia, Band 10, S. 610:
Sehr geneigt, derbe und unmäßige Ausdrücke zu gebrauchen.
Die Zeit erscheint ihm länger; wenn er nach der Uhr sieht, so ist weniger Zeit vergangen, als er erwartet hätte.
Das Kind war reizbar.
Schlecht gelaunt am Abend.
Unangenehme Stimmung, als ob sie nichts ertragen oder erdulden könnte, ohne dass irgendetwas Besonderes vorgefallen wäre. Das Kind ist der einzige Mensch, mit dem sie nicht ungeduldig ist.
Außerordentlich ermüdet abends, fühlt sich geistig ‚abgenutzt‘; unbeholfen beim Sprechen der englischen Sprache, welche er zu anderen Zeiten fließend spricht; es ist ihm zu anstrengend, er ist es leid.
Zum Schluß einige ‚überarbeitete‘ Rubriken des Kent-Repertoriums mit den wichtigsten Mitteln:7

7

Die mit 0 versehenen Mittel habe ich entsprechend den Angaben im Synthetischen Repertorium hinzugefügt bzw. deren Wertigkeit erhöht; die höhere Bewertung von silicea bei „Hochmütig“ stammt von Vithoulkas.

Hochmütig: causticumCaust., hyoscyamusHyos., ipecacuanhaIp., lachesisLach., lycopodiumLYC.0, Pall., platinumPLAT.0, pulsatillaPuls.0, siliceaSil.0, staphisagriaStaph., stramoniumStram., sulfurSulf., veratrum albumVerat.
Beschwerden nach Kränkung, Demütigung: argentum nitricumArg-n., aurumAur., aurum muriaticumAur-m., bryoniaBry., chamomillaCham., colocynthisCOLOC.0, ignatiaIgn., lachesisLach.0, lycopodiumLyc., lyssinumLyss., natrium muriaticumNat-m., nux vomicaNux-v.0, opiumOp., Pall., phosphoricum acidumacidum phosphoricumPh-ac., pulsatillaPuls., senegaSeneg., staphisagriaSTAPH.0, sulfurSulf.
Beschwerden durch schlechte Nachrichten: apisApis, arnica montanaArn.0, calcarea carbonicaCalc., gelsemiumGELS.0, ignatiaIgn., medorrhinumMed., natrium muriaticumNat-m., Pall., sulfurSulf.
Wahnidee [Einbildung], dass er (sie) vernachlässigt würde: argentum nitricumArg-n., Pall.
Selbstüberhebung: calcarea carbonicaCalc., lachesisLach., lycopodiumLyc.0, Pall., platinumPlat., siliceaSil., sulfurSulf., veratrum albumVerat.0
Beschwerden durch Selbstüberhebung: calcarea carbonicaCalc., lycopodiumLyc., Pall., sulfurSulf.
Palladium ist das einzige Mittel, das durch alle sechs Rubriken hindurchgeht. Es lohnt sich, unsere Repertorien gründlich zu studieren – sie enthalten noch mehr verborgene Schätze aus dem Reich der Edelmetalle, nicht nur das allbekannte Gold!
Ergänzung und Stellungnahme des Übersetzers
In Band 98 der A.H.Z. ist auf Seite 78 ff. das Symptomenverzeichnis von Palladium (in einer Übersetzung Dr. Oehmes) abgedruckt. Es ist einer längeren Abhandlung Herings entnommen, welche ein Jahr zuvor (1878) im North American Journal of Homeopathy erschienen war. (Ich habe bei der Übersetzung dieses Kapitels weitgehend darauf zurückgegriffen.)
Am Schluss dieses Verzeichnisses schreibt Hering über die Ähnlichkeiten von Palladium mit platinumPLATINUM und argentum metallicumARGENTUM METALLICUM: „Die Uterus- und Ovariensymptome sind denen von PLATINA und ARGENTUM ähnlich. Die Gemüthssymptome der Platina sind denen des Palladium entgegengesetzt. Die Bauch-, Ovarien-, Gebärmuttervorfallsymptome des ARGENTUM und Palladium sind einander ähnlich, aber bei ersterem sind sie links, bei letzterem rechts. Palladium ergänzt PLATINA, aber PLATINA hat mehr Stuhlverstopfung, Palladium Durchfall. … Ein Drittel der Palladiumsymptome sind denen der PLATINA ähnlich. Die Symptome herrschen bei PLATINA und Palladium auf der rechten Seite vor.“ (Hervorhebung durch den Übersetzer.)
Diese (leider nicht näher erläuterte) Bewertung, dass die Gemütssymptome von Palladium und PLATINUM einander entgegengesetzt seien, wird von Lippe in seinem Textbook of Materia Medica bestätigt. Dort heißt es: „The mental symptoms of PLATINA are the reverse to those of Palladium … The symptoms [of Palladium] are caused or aggravated by mental excitement, wounded pride, and non-approval by others.“
Wie lässt sich dieser offenbare Widerspruch zu dem in diesem Kapitel Gesagten erklären? Ich möchte es im Folgenden versuchen, wobei ich vorausschicken muss, dass ich bisher keine persönlichen Erfahrungen mit Palladium sammeln konnte, die Analyse des Problems daher ausschließlich mit textkritischen Mitteln erfolgt.
Wenn man den Hochmut und das verächtliche Herabblicken auf andere als die zentralen Eigenschaften der PLATINUM-Persönlichkeit ansieht und wenn Palladium in den entsprechenden Repertoriumsrubriken ebenfalls (zweiwertig) hervorgehoben wird, dann fragt man sich in der Tat, worin sich denn nun die beiden Mittel bezüglich ihrer Psyche wesentlich unterscheiden sollen. Darüber hinaus erscheinen beide Mittel drei- bzw. zweiwertig in der Rubrik „Egotism“, was im deutschen Repertorium mit „Selbstüberhebung“ wiedergegeben wird.
Auf der anderen Seite: Studiert man die Prüfungssymptome von Palladium – die wichtigsten von ihnen habe ich am Schluss dieses Kapitels aufgeführt –, so gewinnt man ein ganz anderes Bild der Palladium-Persönlichkeit. Wir sehen eher einen selbstunsicheren Menschen, der großen Wert darauf legt, dass andere eine gute Meinung von ihm haben, der es liebt, wenn man ihm schmeichelt, usw. – alles Dinge, die man von einem wirklich hochmütigen Menschen gerade nicht erwarten würde.
Könnte es vielleicht sein, dass die Eintragungen von Palladium in den fraglichen Rubriken falsch sind oder dass wir einige Rubriken falsch verstehen? Gehen wir sie der Reihe nach durch:
  • 1.

    Haughty. Kent führt Pall. hier zweiwertig an. In den Prüfungen und auch in den Guiding Symptoms ist von ‚Hochmut‘ nirgends die Rede, wohl aber von „verletztem Stolz“ (wounded pride), im Zusammenhang mit der „Einbildung, vernachlässigt zu werden“. Der Prüfer war demnach eher gekränkt, aber nicht unbedingt hochmütig. Für „Stolz“ hat Kent keine eigene Rubrik eingerichtet; vielmehr verweist er unter diesem Stichwort auf die Rubriken Hochmütig und Kränkung, Demütigung, Beschwerden nach (mortification …). Im Fall von Palladium hat er offenbar den „Stolz“ isoliert betrachtet und das Beiwort „verletzt“ ignoriert – und daher das Mittel beiden genannten Rubriken zugerechnet, m. E. im ersten Fall zu Unrecht.

  • 2.

    Haughty, wounded, wishes to be flattered. Diese Rubrik findet sich im Synthetischen Repertorium und – vollständiger – im Repertorium Synthesis, wo es „wounded selfesteem“ heißt. Sie ist eine Ergänzung aus Knerrs Repertory of Hering’s Guiding Symptoms; doch dort lautet die Rubrik lediglich Pride, wounded, wishes to be flattered (hysteria) – in der Rubrik Pride taucht Palladium bei Knerr nicht auf. Aus unerfindlichen Gründen hat Knerr allerdings dieses ‚Symptom‘ aus zwei heterogenen Symptomen zusammengemixt; sie lauten in den Guiding Symptoms, auf die er sich ja bezieht: „Imagines herself neglected; wounded pride (Hysteria)“ und „Feels best in company and wants to be flattered“. Angesichts des etwas fragwürdigen Zusammenhangs sollten die beiden Bestandteile der Rubrik besser nur getrennt verwertet werden: als „wants to be flattered“ (was bereits als eigenständiger Repertoriumseintrag existiert) und als „pride, wounded“ (was neu aufzunehmen wäre).

  • 3.

    Contemptuous. Verachtungsvoll, verächtlich ist eine Rubrik, die mit der Rubrik Hochmütig weitgehend deckungsgleich ist. Dennoch führt Kent Palladium hier nicht auf, wohl aber das Synthetische Repertorium, wo es als Nachtrag Bogers erscheint. Wie ist Boger nun dazu gekommen, Palladium als ‚verachtungsvoll‘ einzustufen? Wieder hilft ein Blick in die Pathogenese weiter … „Very impertinent; makes a face like a savage“, so heißt es in den Guiding Symptoms, und Oehmes Übersetzung (von Herings ursprünglicher, in englischer Sprache verfasster Abhandlung) lautet: „Sehr unverschämt, macht ein Gesicht wie ein Wilder.“ Entsprechend finden wir bei Kent Pall. einwertig in den Rubriken Impertinence (Frechheit) und Insolent (Unverschämt). In seinem (durchaus legitimen) Bestreben nach Vereinfachung und Verallgemeinerung hat Boger in seinen Boenninghausen’s Characteristics and Repertory auf diese beiden Rubriken verzichtet und einige Mittel daraus seiner Rubrik Contemptuous zugeschlagen, wie aus deren Untertiteln hervorgeht (mocking, scornful, insolence). Dies scheint mir die plausibelste Erklärung dafür zu sein, wie aus Palladium ein ‚verachtungsvolles‘ Mittel werden konnte.

  • 4.

    Egotism. Pall. erscheint in dieser Rubrik zweiwertig, und wenn sie wirklich „Selbstüberhebung“ bedeuten sollte, dann würde dies natürlich die These stützen, dass Palladium auch zu Hochmut neigt. Georg von Keller hat sie übersetzt mit „Selbstüberhebung, spricht immer von sich selbst“, und im Synthetischen Repertorium lautet sie „Selbstüberhebung, Selbstüberschätzung, Eigenkult“. Warum aber soll „egotism“ nicht Egotismus heißen? – in der Bedeutung Ichbezogenheit, Geltungsbedürfnis, Neigung, von sich selbst zu sprechen (vgl. Kellers Untertitel!), wie sie aus verschiedenen englisch- und deutschsprachigen, aktuellen und zeitgenössischen Wörterbüchern hervorgeht. Kokelenberg schreibt in seinem Kent’s Comparative Repertory, dass der Sinn dieser Rubrik noch umstritten sei. Für ihn bedeutet sie „eine Art Egozentrik – die eigene Person wird als Zentrum allen Geschehens angesehen, um die sich alles dreht“.

  • Dies kommt der Sache m. E. schon näher. Wenn Kent mit „Egotism“ wirklich „Selbstüberhebung“ gemeint hätte, dann hätte es eines gesonderten Eintrags im Repertorium nicht bedurft – denn dieser Sinn wird durch die Rubrik „Haughty“ ausreichend abgedeckt. Ich würde daher vorschlagen, der Rubrik die nächstliegende Bedeutung zuzusprechen: Egotismus, Egozentrik, Geltungsbedürfnis, Neigung, immer von sich selbst zu sprechen. Dieser Sinn wäre zumindest im Falle von Palladium durch die Prüfungen abgedeckt, für die übrigen dort genannten Mittel müsste es näher untersucht werden.

  • 5.

    Egotism, ailments from. Diese Rubrik wird laut Kokelenberg selten verwendet. Auch wisse man nicht, ob damit Beschwerden durch den eigenen Egotismus oder durch den anderer Menschen gemeint seien. Ich meine, wenn Kent Letzteres im Sinn gehabt hätte, dann hätte er die Rubrik gewiss entsprechend formuliert. Dass sie wenig benutzt wird, wird wohl vor allem damit zusammenhängen, dass sie nicht richtig verstanden wird. In der Tat kann man sich unter „Beschwerden durch Selbstüberhebung“ nur schwer etwas vorstellen; deutlich mehr dagegen unter Beschwerden durch übersteigertes Geltungsbedürfnis – ein Begriff, der allein an dieser Stelle (und nicht in der übergeordneten Rubrik „Egotism“) im Synthetischen Repertorium als Untertitel auftaucht. Daneben wird dort aber auch noch „Selbstgefälligkeit“ als zweiter Untertitel genannt, was etwas völlig anderes ist: So fehlt diesem Charakterzug z.B. völlig die Komponente des Angewiesenseins auf die Bewunderung und Anerkennung durch andere, wie sie der Begriff „Geltungsbedürfnis“ beinhaltet. Und gerade diese Komponente prägt wesentlich diejenige Interpretation der Rubrik „egotism, ailments from“, die sich auf die Prüfung stützen kann: „Sie halten viel auf die gute Meinung anderer und legen viel Gewicht darauf, was andere denken, daher sind sie in Gesellschaft sehr aufgeregt (Kent: ‚Excitement in company‘) und ihre Beschwerden sind den nächsten Tag schlimmer. Bei einem solchen Verhalten kann man sicherlich auf mangelndes Selbstvertrauen schließen, und entsprechend erscheint Palladium auch in der Rubrik „Want of self-confidence“. Interessant ist dabei, dass in dieser Rubrik, in der fast jedes große Polychrest vertreten ist, ein Mittel durch Abwesenheit glänzt: platinumPLATINUM.

Voegeli (Leit- und wahlanzeigende Symptome) nennt als typisch für Palladium: „Heftiges Verlangen, sich auszuzeichnen, bewundert zu werden, überall der Erste zu sein. … Herabsetzung bringt alle Symptome hervor, mit Bevorzugung der Beckenorgane.“ Und er führt einen Fall an, der mit Hilfe der hier in Frage stehenden Rubrik hätte gelöst werden können: „Ein Schulkind mit Bettnässen trotzte aller Behandlung, auch der homöopathischen. Als ich erfuhr, daß es vollständig erschöpft und deprimiert war, wenn es nicht eines der besten Schulzeugnisse erhalten hatte, gab ich eine Dosis Palladium 200, und von Stund an war das Mädchen vom Bettnässen geheilt und blieb es.“ Wenn es sich bei diesem Mädchen um eine PLATINUM-Persönlichkeit gehandelt hätte, dann hätte sie sich ein solches Zeugnis sicher nicht so zu Herzen genommen. Selbst ein schlechtes Zeugnis hätte sie vermutlich nicht in ihrer hohen Selbsteinschätzung erschüttern können!
Da Margaret Tyler in diesem Kapitel keine „Hauptsymptome“ aufgeführt hat, will ich im Folgenden die in Herings Guiding Symptoms besonders hervorgehobenen Symptome wiedergeben. Die hier kursiv gesetzten Symptome sind dort mit zwei, die anderen mit einem fetten oder zwei dünnen Balken versehen. (Die mit a bezeichneten Symptome sind aus dem o.g. Verzeichnis in der A.H.Z. übernommen.)
Hauptsymptome
Geist und GemütGrosse Neigung zu weinen.a
Sie bildet sich ein, vernachlässigt zu sein. Verletzter Stolz. Hysterie. a
Sie halten viel auf die gute Meinung anderer und legen viel Gewicht darauf, was andere denken, daher sind sie in Gesellschaft sehr aufgeregt und ihre Beschwerden sind den nächsten Tag schlimmer.a
Ahnung, als ob sich etwas Schreckliches zutragen sollte.a
Sie ist erzürnt über alles, was man ihr sagt oder für sie thut, sie zittert, ihr Gesichtsausdruck verändert sich, auch ihre Augen, als ob sie verrückt würde.a
Sie versucht, so liebenswürdig als möglich zu sein, aber ist sehr hartnäckig.a
Traurige Nachrichten machen alle ihre Symptome schlimmer.a
Geistige Aufregung, besonders Gesellschaft, ebenso Gehen verschlimmern ihre Beschwerden im rechten Ovarium und Leiste; sie ist schlimmer, besonders den Tag nach einem musikalischen Abend oder Gesellschaft.a
Fühlt sich am besten in Gesellschaft und liebt es, wenn man ihr schmeichelt.
Kopf, GesichtKopfschmerz quer über den Scheitel, von einem Ohre zum andern.a
Fahle Gesichtsfarbe, blaue Halbringe unter den Augen (mit Ovarienbeschwerden).a
Magen, Abdomen, StuhlUebelkeit Abends.a
Schmerzhaftigkeit im Bauche und Druck nach unten (mit Ovarienbeschwerden).a
Anschwellung und Verhärtung rechts im Bauche (mit Ovarienbeschwerden).a
Aengstliches Gefühl in der rechten Leiste und innere Schmerzhaftigkeit; muss die Schenkel in angezogener Lage halten.a
Verstopfung, die Stühle oft weisslich.a
Weibliche GenitalienAfficirt besonders das rechte Ovarium.a
Anschwellung und Verhärtung des rechten Ovarium mit Schmerzhaftigkeit und schiessendem Schmerz vom Nabel bis in's Becken.a
Rechtes Ovarium geschwollen und schmerzhaft bei Druck, mit drängenden Schmerzen nach unten (Ovaritis).a
In der rechten Ovariengegend Ziehen nach unten und vorn, durch Reiben erleichtert.a
Drängen nach unten.a
Symptome von Uterusvorfall mit weinerlicher Stimmung.a
Schwäche und Schmerz mit einem Gefühle von Vorfallen in der Uterusgegend, alle Bewegungen schmerzhaft, sie konnte kaum gehen, noch stehen.a
Rechte Bauchseite geschwollen; hart und schmerzhaft, wie nach Schlag, zeitweilig schiessende Schmerzen vom Nabel nach dem Becken, rechts; Schwere wie von einem Gewichte mit Druck tief im Becken; Alles schlimmer nach Anstrengung und Stehen, besser im Liegen auf der linken Seite.a
Sie fühlt sich nach der Regel wund im Unterleib, mit Furcht und Ahnung, als ob sich etwas Schreckliches zutragen sollte.
Gelber Weissfluss wurde weisser und dicker und verschwand dann.a
Durchsichtiger, gallertartiger Weissfluss, schlimmer vor und nach der Regel.a
Menses während des Stillens.a
Rücken, ExtremitätenGefühl von Ermüdung im Kreuz.a
Schießende Schmerzen von den Zehen zur Hüfte oder vom Trochanter zur Kniekehle.

Petroleum

Weitere Namen: Oleum petrae; Bergöl, Steinöl
Wie Hahnemann sagt, muss dieses „Erzeugniss des Innern der Erde … zum Arznei-Gebrauche sehr dünnflüssig und hellgelb von Farbe seyn“. Um sich von seiner Güte und Reinheit zu überzeugen, könne man ihm zur Prüfung etwas Schwefelsäure zumischen, „welche das Bergöl unberührt lässt und bloss die etwa beigemischten fremden Oele in eine Art Schwefel umwandelt“. Noch einfacher sei es, einen Tropfen Bergöl auf weißes Papier zu geben, wo es dann, wenn es rein ist, verdunstet, ohne einen durchscheinenden Fleck zu hinterlassen.
Eines der seltsamen Symptome aus Hahnemanns Prüfung ist „Stiche, wie Splitter, in der Ferse“. Dazu folgende Begebenheit … Ein Arzt, der die Vorlesungen von Compton Burnett gehört hatte, zu denen er Woche für Woche aus Yorkshire angereist war, schrieb diesem einige Zeit später: „Ich habe stechende Schmerzen in meiner Ferse, die vor allem beim Gehen auftreten.“ Die Antwort lautete: „Nehmen Sie Petroleum …“ Kurz darauf kam die Nachricht zurück: „Teufel auch! – Der Schmerz ist weg!“ Hieran musste ich denken, als ich kürzlich in unserer Ambulanz einen ebensolchen Fall hatte, und so prompt meine Verordnung war, so erfolgreich war sie auch!
Es fällt mir meistens leicht, mich an einen Fall zu erinnern, wenn ich über ihn erstmals die Bekanntschaft einer wirklich nützlichen Arznei gemacht habe, die mir zumindest in dieser Form bis dahin nicht vertraut war. Ein solches Erlebnis mit Petroleum hatte ich bei einer Patientin mit tief eingerissenen Handflächen, denen zuvor Petroleum in niedrigen Potenzen und häufigen Gaben recht gutgetan hatte. Der Fall war sehr interessant und aufschlussreich, weil sich nämlich herausstellte, dass eine Einzeldosis Petroleum 10 M genügte, um die Patientin einigermaßen beschwerdefrei durch den ganzen Winter zu bringen. Diese Dosis musste später gelegentlich wiederholt werden, wenn zu Beginn eines Winters leichte Rückfälle auftraten, aber durchaus nicht immer. In großen Abständen, Jahr für Jahr, stellte sie sich wieder vor, stets freudestrahlend und guter Dinge, was auch mich jedes Mal aufs neue beglückte.
In einem anderen Fall, an den ich mich erinnere, bestanden große und sehr schmerzhafte Lipome an den Außenseiten beider Oberschenkel, ganz in der Nähe der Hüftgelenke, was das Liegen zu einem Problem werden ließ. Soweit ich mich entsinne, erhielt die Patientin zunächst baryta carbonicaBARYTA CARBONICA, ein klassisches, meiner Erfahrung nach aber eher enttäuschendes Mittel bei Lipomen. Dann sah ich, dass ihre Hände schlimm aufgesprungen waren, besonders an den Innenflächen, und so gab ich ihr Petroleum; daraufhin wurden die „Klumpen“ weicher und schmerzlos und hörten auf, sie zu belästigen. Leider kam die Patientin bald danach nicht wieder, sodass ich nicht endgültig sagen kann, was aus den Lipomen geworden ist, d.h., ob sie vollständig verschwunden sind. Aber – und solche Dinge sind es, die die Homöopathie zu einem so beschwerlichen, zuweilen fast unerträglichen Vergnügen machen – ich begann mich zu fragen, ob ich damit vielleicht ein Spezifikum für Lipome gefunden hatte, nur um herauszufinden, dass dies nicht der Fall war. Diese spezielle Patientin brauchte Petroleum – ihre Hände verrieten es –, und so konnte es selbst auf ihre Fettgeschwülste heilend einwirken. Die anderen Patienten jedoch, die nicht dieses Mittel benötigten, waren eben auch nicht in gleicher Weise zugänglich für seine Wirkung.
Petroleum ist eines unserer führenden Mittel bei blutenden Hautausschlägen.
In H. C. Allens Keynotes finden wir das Wesentliche kurz und prägnant dargestellt. Nachstehend einige der von ihm genannten Punkte …
„Reizbare und streitsüchtige Veranlagung; … ärgert sich über alles, auch über die geringste Kleinigkeit.
Beschwerden durch Fahren im Wagen, in der Eisenbahn oder auf dem Schiff (cocculusCOCCULUS, saniculaSANICULA).
Beschwerden verschlimmern sich vor einem und während eines Gewitters (natrium carbonicumNATRIUM CARBONICUM, phosphorusPHOSPHORUS, psorinumPSORINUM, rhododendronRHODODENDRON).
Rasches Auftreten und Verschwinden von Symptomen (belladonnaBELLADONNA).
Im Schlaf oder Delirium: bildet sich ein, ein Bein sei doppelt; neben ihm liege jemand anderes im Bett. Nach der Entbindung: es liege ein zweites Baby im Bett (valerianaVALERIANA).“ (Vgl. baptisiaBAPTISIA, pyrogeniumPYROGENIUM)
„Schwindel: beim Aufstehen (bryoniaBRYONIA); wie im Hinterkopf; wie betrunken; wie seekrank. (Vgl. [zu allen Schwindelsymptomen] cocculusCOCCULUS)
Hinterkopfschmerzen; Hinterhaupt schwer wie Blei. Widriges Gefühl im Kopf, als wäre alles darin lebendig. …
Magenbeschwerden bei Schwangeren. Magenschmerz, nüchtern oder wenn der Magen leer wird, jeweils durch Essen vergehend [bzw. durch rechtzeitiges Essen zu vermeiden].
Diarrhö: … herausschießend; nach Kohl oder Sauerkraut; während der Schwangerschaft; bei stürmischem Wetter; nur tagsüber. …
Haut der Hände rau, rissig; Fingerspitzen rau, rissig, aufgesprungen; jeden Winter. Füße empfindlich und in faulig stinkenden Schweiß gebadet (graphitesGRAPHITES, saniculaSANICULA, siliceaSILICEA). …
Schmerzhafte, juckende Frostbeulen und aufgesprungene Hände, schlimmer bei kaltem Wetter. Dekubitus.“
Guernsey, Keynotes:
„Beschwerden vorzugsweise am rechten Auge, am inneren und äußeren Hinterkopf, hinter den Ohren, an den Innenseiten der Oberschenkel, an den Ballen oder Unterseiten der Zehen, an den Knien.
Ausschläge oder nächtliches Jucken (besonders im Bereich des Skrotums), wobei der Ausschlag trocken oder auch feucht sein kann; Frostbeulen, vor allem solche, die stark jucken und feucht sind. Fressende und sich ausbreitende Hautveränderungen, die nur schwer verheilen. Haut allgemein empfindlich. Wunde Stellen vom Liegen im Bett.
Starke Abneigung gegen fette Speisen und Fleisch; gegen freie Luft. Schlimmer durch Essen von Kohl.
Katalepsie; tonische Krämpfe; Knacken der Gelenke; Steifheit der Gelenke; Verrenkungsschmerzen, chronische Verstauchungen.“
Nash fasst Petroleum so zusammen:
„Ekzeme auf der Kopfhaut und im Nacken, hinter den Ohren, an Skrotum, Anus und Perineum, an Händen, Unterschenkeln und Füßen; Hände aufgesprungen, voll blutiger Schrunden; all dies im Winter schlimmer, im Sommer besser.
Häufige Durchfälle nach vorangegangenen Leibschmerzen, nur am Tage.
Hinterkopfschmerzen oder Schwere des Hinterhauptes, wie Blei; bisweilen mit Übelkeit und Erbrechen; < durch Bewegung, etwa Fahren auf einem Schiff oder in einem Wagen.“
Nash nennt Petroleum eines unserer bedeutendsten Antipsorika. Die Hautausschläge dieser Arznei haben ihm zufolge große Ähnlichkeit mit denen von graphitesGRAPHITES.
„Es gibt ein sehr ausgeprägtes und charakteristisches Symptom, das aus einer Vielzahl von Mitteln mit ähnlichen Ausschlägen zu Petroleum führt, und das ist die Verschlimmerung des Ausschlags während des Winters (aloeALOE, aluminaALUMINA, psorinumPSORINUM). Bei keinem anderen Mittel tritt diese Modalität so deutlich hervor. Die Hände springen im Winter auf, bekommen blutige Risse und werden ekzematös, um dann im Sommer wieder völlig abzuheilen.“ Er erzählt: „Ich habe einmal ein Unterschenkelekzem, das seit 20 Jahren bestand und stets im Winter schlimmer wurde, mit einer einzigen Gabe der C 200 geheilt. In gleicher Weise habe ich von Rhagaden überzogene Hände erfolgreich behandelt. Ich hatte einst einen sehr hartnäckigen Fall von chronischer Diarrhö; als dann aber herauskam, dass der Patient stets im Winter Ekzeme an den Händen hatte, konnte er rasch durch Petroleum C 200 von seinen ganzen Leiden befreit werden.“ Ferner: „Frostbeulen, die nässen und bei kaltem Wetter viel jucken und brennen, werden ebenfalls durch das Mittel geheilt. … Kleinste Kratzer oder Hautabschürfungen fangen an zu eitern (hepar sulfurisHEPAR). …
Petroleum ist zudem eines unserer wichtigsten Mittel bei Seekrankheit (cocculusCOCCULUS). Ein weiteres, merkwürdiges Symptom ist, ähnlich wie bei causticumCAUSTICUM, das Knacken und Knarren der Gelenke. Beide Mittel haben ihren Wert bei chronischem Rheumatismus, besonders wenn dieses Symptom vorhanden ist. Wie chelidoniumCHELIDONIUM und anacardiumANACARDIUM hat Petroleum Magenschmerzen, die durch Essen gebessert werden. Wertvoll ist es auch bei Durchfall und Dysenterie mit Verschlimmerung am Tage.“
Kents Lectures: „Petroleum gehört zu den Mitteln, die häufig missbraucht werden; wenn es nämlich, wie es in Ölregionen oft geschieht, bei Rheumatismus, Prellungen und allen möglichen anderen Beschwerden äußerlich roh angewandt wird, wirkt es sozusagen als Gegenreiz. Eine eventuelle Besserung des ursprünglichen Leidens ist dann lediglich darauf zurückzuführen, dass das Mittel auf der Körperoberfläche eine neue Krankheit etabliert hat. Dies aber ist keine homöopathische Wirkung!
Zu den ersten Reaktionen, die Petroleum bei einem Prüfer hervorruft, gehören Schwindel und eine Art Benebelung; er ist so benommen, dass er auf der Straße die Orientierung verliert. Es können seltsame Phantasien auftreten: Leute seien in der Nähe, die gar nicht wirklich da sind; die Atmosphäre werde von lauter eigenartigen Gestalten bevölkert; Gliedmaßen seien doppelt vorhanden; es liege jemand anderes neben ihm im Bett. … Eine Wöchnerin hat nachts im Dunkeln die Wahnvorstellung, es befände sich noch ein zweites Baby bei ihr im Bett, das ihrer Fürsorge bedürfe. … Der Patient ist, wenn er aus dem Schlaf erwacht, in einem verwirrten Zustand; in seinen Träumen ist er zwei oder mehr Personen gewesen, und dieser Eindruck wirkt in ihm nach, solange er sich in dem halbbewußten Zustand des Erwachens befindet. …
Ausgesprochene Neigung zu vesikulären Hautausschlägen, zu isoliert stehenden Herpesbläschen, und die Bläschen bilden dicke, gelbe Krusten. Manchmal können die Bläschen aber auch frühzeitig aufbrechen und anfangen zu ulzerieren, und die Geschwüre nehmen dann bald einen phagedänischen Charakter an. … Petroleum lässt Ausschläge bevorzugt im Bereich alter Hautveränderungen entstehen, wobei diese an ihrer Basis zunehmend indurieren. Die Kruste trocknet ein, und an den Rändern bilden sich bläulichrote Verhärtungen, die leicht aufspringen und bluten. Rhagaden an den Händen und Fingerspitzen. Die Haut der Hände ist spröde und rau, rissig und voll blutiger Schrunden, manchmal verbunden mit starker Krustenbildung; das Gewebe ist induriert …
Alle Hautausschläge jucken heftig. Der Kranke ruht nicht eher, als bis er die Haut ganz aufgekratzt hat; die rohen Stellen nässen und bluten und entzünden sich schließlich. … Auch wenn das Jucken nicht von Ausschlag begleitet ist, kratzt er so lange, bis die Haut zu bluten beginnt und die Stelle kalt wird.
Überhaupt ist Kälte bzw. Kältegefühl an einzelnen Stellen recht charakteristisch für Petroleum; das Gefühl kann im Magen auftreten, im Bauch, im Uterus, zwischen den Schulterblättern oder in der Herzgegend. …
Auf den Schleimhäuten entwickeln sich kleine geschwürige Stellen mit induriertem Hof – ein Hinweis auf den Nutzen des Mittels bei syphilitischen Geschwüren. … Nasenschleimhaut, hintere Nasenöffnung und Pharynx sind angeschwollen, und besonders morgens hat sich dort viel dicker Schleim angesammelt. Auch der Kehlkopf kann beteiligt sein und stimmlos werden. … Trockener Reizhusten wechselt mit starkem Husten und viel Auswurf ab …
Ein auffallendes Kennzeichen des Mittels ist, dass der Husten nachts schlimmer wird, der Durchfall aber tagsüber. … Diarrhö nur am Tage; besser nachts, wenn er ruht. … In der Zeit des Durchfalls hat der Patient ständig Hunger, kann jedoch nur unter Schmerzen essen. Vor allem direkt nach dem Stuhlgang besteht Hunger mit großem Leeregefühl im Magen, was ihn dazu drängt, umgehend etwas zu sich zu nehmen. Abmagerung, Hautausschläge, unheilsame und nie sauber aussehende, spröde Finger; er kann die Hände nicht waschen, weil davon die Haut noch mehr aufreißt. …
Stinkender Fußschweiß (siliceaSILICEA). Übelriechende Schweiße allenthalben, besonders in den Achselhöhlen; der Achselschweiß riecht so penetrant, dass man ihn bemerkt, sobald der Patient den Raum betritt.
Hinterhauptschmerzen: … alle Kohleprodukte (etwa auch graphitesGRAPHITES und carbo vegetabilisCARBO VEGETABILIS) greifen mehr oder weniger den Hinterkopf an.“
Dann der für Petroleum so typische Schwindel an Bord eines Schiffes oder beim Fahren in einem Wagen oder in der Eisenbahn, verbunden mit Übelkeit wie bei Seekrankheit. Nach Kent können Okzipitalkopfschmerzen mit dieser Art von Schwindel, hervorgerufen durch die Augenfokussierung auf die Wellen oder die vorbeiziehende Landschaft, durch Petroleum gelindert werden, wenn sich die Beschwerden im Dunkeln bessern und darüber hinaus große Flauheit oder regelrechter Hungerschmerz im Magen besteht, der den Patienten zum Essen nötigt. Die häufigste Form der Seekrankheit dagegen, die mit größter Übelkeit und Blässe, kaltem Schweiß und extremer Schwäche einhergeht und die durch frische Luft, Ruhe und Dunkelheit gebessert, durch Wärme aber verschlimmert wird, diese Form verlange gewöhnlich nach tabacumTABACUM.
Unter den Augensymptomen erwähnt er u.a. Fissuren in den Augenwinkeln, verbunden mit starkem Jucken der Augen. „Dieser Juckreiz stellt sich bei Petroleum regelmäßig dann ein, wenn Schleimhautkongestionen bestehen …, z.B. auch in den Eustachischen Röhren. … Der Juckreiz sitzt zu tief im Ohr, als dass der Patient ihn durch Kratzen beeinflussen könnte (obwohl er es versucht). Jucken im Pharynx …
Hitze- und besonders Kälteempfindungen an einzelnen Stellen der Haut. … Gleichzeitiges Jucken und Brennen von Körperteilen. Frostbeulen, die jucken und brennen und sich bläulichrot verfärben, noch Jahre nach der Kälteeeinwirkung. Durch den Juckreiz in den Frostbeulen weiß der Patient stets im Voraus, wenn es Tauwetter gibt. …
Die Hautausschläge und die Gewebsverhärtungen sind mit denen von graphitesGRAPHITES vergleichbar, doch ist die heraussickernde Flüssigkeit bei Petroleum dünn und wässrig, bei graphitesGRAPHITES hingegen honigartig, klebrig und zäh.“
Kent sagt, Petroleum rhus toxicodendronund RHUS TOXICODENDRON seien von großartigem Nutzen bei ekzematösen Hautveränderungen im (männlichen oder weiblichen) Genitalbereich. Doch während Petroleum kleine Bläschen hervorruft, die jucken, stechen und brennen, neigt RHUS eher zur Bildung großer Blasen. „Schweiß und Feuchtigkeit an den äußeren Genitalien (bei beiden Geschlechtern).“
Sehr empfindlich auf Wetterveränderungen, wie rhododendronRHODODENDRON und PHOSPHORUS; Verschlimmerung vieler Beschwerden vor und während Sturm oder Gewitter.
Oft besteht auch eine Scheu vor freier und vor kalter Luft …; da aber Hände und Füße brennen können, streckt der Patient sie gelegentlich aus dem Bett. Kent rät uns daher zur Vorsicht: „Seien Sie nicht zu sicher, dass sulfurSULFUR das Mittel ist, nur weil die Fußsohlen brennen – oder zu überzeugt von siliceaSILICEA, nur weil die Füße schwitzen. Auch Petroleum hat stark schweißige Füße wie überhaupt Schwitzen einzelner Teile.“
Schließlich zeigt Kent noch einmal auf, dass Petroleum ein Heilmittel bei Beschwerden an einzelnen Stellen ist. Neben den lokalen Schweißen finden wir umschriebenen Juckreiz, umschriebene Kälteempfindungen und umschriebene Hautausschläge.
Seltsame und auffallende Empfindungen
Es gibt bei Petroleum viele seltsame und auffallende Empfindungen und Zustände, die für das Mittel typisch sind …8

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Die mit a bezeichneten Symptome sind Hahnemanns Chronischen Krankheiten entnommen.

Auf der Straße wusste sie nicht, wo sie war.
Melancholische Stimmung; bildet sich ein, es bliebe ihm nur noch wenig Zeit, sein Testament zu machen.
Große Besorgnis um seine Familie, die er anlässlich einer kurzen Reise zu Hause zurückgelassen hatte; die Angst steigerte sich, bis er ganz untröstlich wurde.
Widriges Gefühl im Kopfe, als wäre Alles darin lebendig und drehte und wirbelte darin, mit Arbeits-Scheu …a
Der äussere Kopf ist wie taub anzufühlen, wie von Holz.a
Haar durch Exsudate verklebt, Krusten hängen in den Haaren und sind nur schwer zu entfernen (bei Kopfhautekzem).
Jucken tief im Ohr, in der Eustachischen Röhre.
Gefühl, als ob die Haut über dem Nasenrücken stramm- und festgezogen wäre.
Leicht Verrenken des rechten Kiefer-Gelenkes, früh, im Bette …a
Taubheits-Gefühl der Zähne …a
Kältegefühl in den Zähnen.
Weisse Zunge.a
Zunge weiß in der Mitte, mit einem dunklen Streifen an den Rändern.
(Man beachte besonders:) [Nach jedem Essen,] starkes Zusammenlaufen des Speichels im Munde … a
Viel Durst auf Bier …a
Muß sich bücken wegen Übelkeit.
Oefteres Drängen zum Stuhle, wo jedesmal wenige durchfällige Ausleerung erfolgt, mit häufigem Pressen, als sollte noch viel kommen.a
Nach dem Stuhle, Heisshunger …a
Jücken in der weiblichen Harnröhre beim Harnen …a
(Kindbett:) Bildet sich ein, sie hätte zwei Babys, und ist sehr darum besorgt, wie sie sich um beide kümmern soll. – Meint, es wäre ein zweites Baby im Bett, das ihre Zuwendung braucht.
Bildet sich ein, ein anderes Kind schlafe bei ihr im Bett; spricht ständig über das Kind und wird zornig, wenn man ihr widerspricht.
Kälte-Gefühl in der Brust, in der Herz-Gegend.a
Gefühl, als befände sich ein kalter Stein im Herzen.
Psoriasis palmaris: dicke Epidermisschuppen, durch die feuchte Fissuren ziehen.
Nässendes Ekzem beider Hände, die von den Handgelenken bis zu den Fingerspitzen ganz wund und roh sind …; ständiges Heraussickern einer wässrigen Flüssigkeit.
Übelriechende Geschwüre an den Fingerspitzen.
Die Nägel der Finger schmerzen beim Anfassen, wie zerschlagen.a
Oft ein kalter Fleck am Knie, von dem aus ein kalter Strom durch das ganze Bein geht.a
Blasen an der Ferse.a
Stiche, wie Splitter, in der Ferse.a
Frostbeulen an der Ferse.
Knacken in den Gelenken, im Nacken etc.
Gliedmaßen steif, als ob sie keine Gelenke hätten.
Hauptsymptome
Geist und GemütWähnt, es liege Jemand neben ihm.a
Delirium: meint, ein Arm oder ein Bein sei doppelt.
Sehr vergesslich und zum Denken unaufgelegt.a
Sehr verdriesslich und zornig; er fährt leicht auf.a
KopfSchwere des Hinterhauptes, wie Blei.a
Kneipen im Hinterkopfe.a
AugenViel Drücken …a
Conjunctivitis pustulosa, mit akuter Entzündung der Lider; Lider rot, entzündet und mit Schuppen oder Schorfen bedeckt; umgebende Haut rau; Blenorrhö des Tränensacks; Schmerz im Hinterkopf.
Entzündung des Tränenkanals bei beginnender Tränensackeiterung und Fistelbildung.
OhrenAffektion der Tuba Eustachii, Sausen, Brausen und Knacken im Ohr hervorrufend; mit Schwerhörigkeit.
Röthe, Rohheit, Wundheit und Feuchten hinter den Ohren.a
NaseBluten.a
Ein Eiter-Bläschen an der Nase.a
ÜbelkeitUnaufhörlich; mit Schwindel und Erbrechen.
Uebel und wabblicht [brecherlich], den ganzen Tag.a
Uebelkeit, alle Morgen, gleich nach dem Erwachen; sie kann nicht frühstücken.a
Uebelkeit, früh, mit Wasser-Zusammenlaufen im Munde.a
Jählinge Uebelkeit beim Spazieren, mit Wasser-Zusammenlaufen im Munde …a
Nach Fahren, Aussteigen aus dem Wagen und auf und ab Gehen im Freien, jählinge heftige Uebelkeit …a
Uebelkeit, den ganzen Tag so stark, dass es ihr manchmal den Athem benimmt, ohne Erbrechen.a
Heftige Uebelkeit mit kaltem Schweisse …a
See-Krankheit.a
MagenNach wenigem Essen, wie benebelt, duselig und schwindelig im Kopfe.a
Soodbrennen, gegen Abend …a
GenitalienJucken, Röte und Nässen am Hodensack; Haut rau, schrundig und blutend; dehnt sich bis zum Damm und den Oberschenkeln aus.
Hartnäckig juckende Flechte am Perineum.
AtemwegeHeiserkeit.a
Husten von Trockenheit im Halse.a
RückenScharfe Schmerzen, die die Brustwirbelsäule bis in den Hinterkopf hinaufschießen (bei der Entbindung).
ExtremitätenRauhe, rissige, aufgesprungene Finger-Spitzen, mit stechenden und schneidenden Schmerzen.a
Schmerzhafte Frostbeulen an den Händen.

Phosphorus

Weitere Namen: Gelber Phosphor
Da alles, was Schaden zufügen kann, auch heilen kann, kennt die homöopathische Materia medica im Grunde keine Grenzen. Und nur durch beständiges Lesen und Studieren können wir eine Vorstellung von den Möglichkeiten gewinnen, die sie uns schon heute in unserem Kampf gegen Krankheit und Leid eröffnet.
Bei der Arzneiwahl kann uns das Repertorium nicht mehr als eine Hilfestellung geben, und selbst bedachtsames und sorgfältig abwägendes Repertorisieren kann unsere Sicht zuweilen einengen und damit den Blick auf das Simillimum verstellen. Das Repertorium stellt lediglich eine Art Index zur Materia medica dar, es kann diese niemals ersetzen. Und auch seine Funktion als Index kann es nur begrenzt erfüllen, ist es doch unmöglich, sämtliche Arzneien, nicht nur die täglich gebrauchten, sondern auch die nur gelegentlich benötigten, gleichermaßen exakt und erschöpfend in einem Repertorium zu erfassen. Ein solches Werk könnte man gar nicht mehr handhaben, geschweige denn überhaupt zusammenstellen.
Aber die meisten bekannten Arzneimittel mit hervorstechenden, klar umrissenen und gesicherten Wirkungen finden natürlich Erwähnung, und sei es nur in irgendeiner einsamen Rubrik in auffälligen, fetten Lettern. Und wenn wir ein uns nicht vertrautes Mittel fettgedruckt unter dem Symptom oder krankhaften Zustand entdecken, nach dem wir gesucht haben, tun wir gut daran, dieses Mittel in der Materia medica nachzuschlagen, um zu sehen, ob es nicht auch in toto auf den Fall passt.
Nun ist aber Phosphorus gewiss kein ungeprüftes oder im Repertorium ungenügend vertretenes Mittel; im Gegenteil, es ist eines unserer am besten geprüften und beschriebenen Polychreste, ein wahrhaft „vielnütziges Mittel“. In Allens Encyclopedia sind unter „Phosphorus“ nicht weniger als 3 920 Symptome verzeichnet, jedes von ihnen mit einer kleinen Referenznummer versehen, die auf den Anfang des Kapitels verweist. Dort ist nicht nur die Quelle für jedes einzelne Symptom genannt, sondern auch, wie es auftrat: ob bei einem Kind, das an Streichhölzern gelutscht hatte (in der guten alten Zeit, als diese noch alles andere als ‚Sicherheitshölzer‘ waren), bei Arbeitern in Zündholzfabriken, bei Menschen, die ihrem Leben auf grauenhafte Weise mit Rattengift ein Ende gesetzt hatten, oder eben – beginnend mit Hahnemann – bei den Prüfern des mehr oder weniger hoch potenzierten Phosphors. Hier ist teilweise sogar die Potenz, die die Symptome hervorrief, angegeben.
Die homöopathische Materia medica ist keine willkürliche Anhäufung, keine wahllose Sammlung fragwürdiger Arzneisymptome. Alles ist sehr methodisch und sorgfältig untersucht, prägnant dargestellt, kurz: in höchstem Maße wissenschaftlich. Man kann nur staunen über die gewaltigen Anstrengungen jener Männer, die uns mit geduldiger Zielstrebigkeit einen wahren Tempel der Heilkunst errichtet haben. Nicht nur Hahnemann und seine Prüfergruppe, die vorwiegend aus Ärzten bestand, wären hier zu nennen, sondern auch Lippe, Hering, Dudgeon, Hughes, Dunham und all die anderen, bis hin zu Kent. Sie haben unsere Arbeit nicht nur vergleichsweise leicht, sondern vor allem auch sicher gemacht, und sie haben der Menschheit eine Wissenschaft hinterlassen, die so einzigartig und geordnet, so einfach und zugänglich, so praktisch ist, dass „die Wanderer dieser Erde, mögen sie auch Narren sein, sich nicht darin verlaufen können“.
Phosphorus gehört also zu unseren bestgeprüften und am beständigsten nutzbringenden Arzneimitteln, und es nennt zudem höchst charakteristische Symptome sein eigen. Für die tägliche Praxis ist es vielleicht von Nutzen, Phosphorus einmal im Vergleich mit sepiaSEPIA und natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM darzustellen, denn sicherlich wird SEPIA (die Tinte des Tintenfischs) einige seiner Symptome vom Phosphor und andere vom Kochsalz beziehen, da diese Stoffe zu seinen Bestandteilen gehören. Doch beachten Sie immer: Obwohl verschiedenen Arzneien in ihrem komplizierten chemischen Aufbau bestimmte Substanzen gemein sind – wie es bei pulsatillaPULSATILLA und ferrumFERRUM bzw. kalium sulfuricumKALIUM SULFURICUM, bei den diversen ‚CALCAREAS‘ oder bei colocynthisCOLOCYNTHIS, elateriumELATERIUM und magnesia phosphoricaMAGNESIA PHOSPHORICA der Fall ist – und obwohl einige ihrer Symptome einander entsprechend ähnlich sein müssen, ist doch jeweils die Totalität der Symptome nicht dieselbe, und daher wird ein Mittel das andere nicht ersetzen können.
Phosphorus zeigt in seinen Vergiftungen und Prüfungen wie auch bei manchen Krankheiten, die es zu heilen vermag, ausgesprochene Gleichgültigkeit 9

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Diese Gleichgültigkeit, die ganz im Gegensatz steht zu dem vorherrschenden Mitgefühl, zeigt sich allerdings, Vithoulkas zufolge, erst im Endstadium der Pathologie, im Stadium des Zusammenbruchs, wo der Geist degeneriert und auch die (sonst allgegenwärtigen) Ängste sich verlieren.

(wie SEPIA und, weniger stark, NATRIUM MURIATICUM); der Kranke wird gleichgültig gegenüber Verwandten und geliebten Personen (SEPIA), regelrecht apathisch; er antwortet langsam, fühlt sich äußerst abgespannt und hat keine Lust zu arbeiten.
Wie natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM und sepiaSEPIA ist auch Phosphorus ein großes Kopfschmerzmittel; doch die Kopfschmerzen von Phosphorus verschlimmern sich in warmen Räumen und durch Wärme allgemein, und sie bessern sich durch kalte Anwendungen, ganz anders als bei SEPIA.
Der Phosphorus-Patient ist überaus mitfühlend 10

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So mitfühlend Phosphorus mit anderen ist, so sehr bedarf er auch selbst des Mitgefühls. Es gibt im Synthetischen Repertorium eine Rubrik Sympathy, desire for; einziges Mittel: PHOS. (vierwertig!).

; er ist gern in Gesellschaft und mag es, wenn man ihn berührt und streichelt oder seine Haut reibt, und er lässt sich gern helfen. SEPIA und NATRIUM MURIATICUM geht es besser, wenn sie allein sind, und SEPIA „will nur weg und ihre Ruhe haben“. sepiaSEPIA und natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM lehnen Mitgefühl ab, sie können es nicht ertragen und reagieren darauf gereizt oder mit Weinen. NATRIUM MURIATICUM und Phosphorus haben ein starkes Verlangen nach Salz, nicht so SEPIA; hingegen ekeln sich SEPIA und NATRIUM MURIATICUM vor Fett, was bei Phosphorus nicht typisch ist. Phosphorus und SEPIA sind ‚frostige Mittel‘, d.h., sie entsprechen Menschen, die schnell frösteln, während NATRIUM MURIATICUM zu den Arzneimitteln mit Kältebesserung gehört. Auch fürchten Phosphorus und SEPIA Donner und leiden bei Gewitter11

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Sep. ist in Kents Repertorium aber auch das einzige Mittel mit Frohsinn bei Gewitter (zweiwertig)! Ergänzungen sind Bell-p., Carc., Lyc.

oder sogar schon beim Herannahen eines Gewitters. Die Liste ließe sich fortsetzen.
MitfühlendPhos.
Mag kein MitgefühlNat-m.Sep.
Will GesellschaftPhos.
Besser alleinNat-m.Sep.
Verlangt nach SalzPhos.Nat-m.
Ekelt sich vor FettNat-m.Sep.
Schlimmer durch KältePhos.Sep.
Fröstelig, aber > KälteNat-m.
Fürchtet GewitterPhos.Sep.
Solche Symptomengruppierungen mit Gegensätzen und Ähnlichkeiten sind eine große Hilfe für schnelles und korrektes Verschreiben.
Hahnemann sagt, dass Phosphorus am passendsten sei „bei langwierig weichem oder dünnem Stuhlgange“. Er macht auch auf die günstige Reaktion des Phosphorus-Patienten auf den Mesmerismus [„Einflössung der Lebenskraft von einem Gesunden“] aufmerksam. Der Phosphorus-Typ gehört zu jenen Menschen, die gern ‚gerieben werden‘ [vgl. die Kent-Rubrik „Allgemeines, Modalitäten, Reiben bessert“].
Am Beispiel von Phosphorus zeigt Hahnemann zudem, dass durch die Potenzierung die Arzneisubstanzen „aus ihrer chemischen Sphäre entfernt werden“, sich den chemischen Gesetzen entziehen. Wir alle wissen, dass Phosphor oxidiert, wenn er der Luft ausgesetzt wird, ja dass er sich sogar, besonders in feinst verteiltem Zustand, wie er durch Lösung in Schwefelkohlenstoff und anschließendes Verdunstenlassen des Letzteren erreicht wird, an der Luft selbst entzündet. Einige vermuten, dass dies das ‚Griechische Feuer‘ der Antike gewesen ist, das von den Byzantinern in ihren Seeschlachten dazu verwendet wurde, feindliche Schiffe in Brand zu stecken. In jüngerer Zeit wurde Phosphor, soweit ich weiß, von militanten Suffragetten benutzt, um Ärgernis und Aufmerksamkeit zu erregen – indem sie damit den Inhalt öffentlicher Briefkästen anzündeten. Aber trotz der extremen Reaktionsfreudigkeit des Elements kann, so Hahnemann [Chronische Krankheiten, Band 1, S. 181], „eine Gabe des … so hoch potenzirten Phosphors … in seiner Papierkapsel im Pulte liegen bleiben und zeigt dennoch, nach Jahr und Tag erst eingenommen, immer noch die volle Arzneikraft, nicht die der Phosphorsäure, sondern die des ungeänderten, unzersetzten Phosphors selbst“. Auch findet, wofür er noch einige andere Arzneien als Beispiele bringt, „in diesem ihren erhöheten und gleichsam verklärten Zustande keine Neutralisation mehr statt“. Wie könnten wir sonst unsere kleinen Fläschchen mit den arzneilichen Globuli mit uns herumtragen? – wenn wir eben nicht sicher wüssten, dass sie sich nicht gegenseitig beeinträchtigen oder neutralisieren, sondern immer einsatzbereit sind und uns niemals im Stich lassen, vorausgesetzt natürlich, sie wurden korrekt verschrieben.
Guernsey, der Autor der Keynotes to the Materia Medica, schreibt: „Phosphorus eignet sich besonders für Beschwerden von großen, dünnen Menschen mit dunklem Haar …“ Als besonders charakteristisch bezeichnet er einen langen, schmalen, harten und trockenen Stuhl, der mit großer Mühe entleert wird. Er hebt das große Schwäche-, Leere- oder Flauheitsgefühl hervor, das im ganzen Bauch empfunden wird; besonders dann weist dieses Symptom auf Phosphorus hin, wenn es von einem Brennen zwischen den Schulterblättern begleitet wird. Ein auffälliges Magensymptom ist, dass kalte Getränke [nach denen großes Verlangen besteht] nur so lange gut vertragen werden, bis sie sich im Magen erwärmt haben; dann werden sie erbrochen. (Im Gegensatz dazu hat arsenicumARSENICUM ALBUM brennende Schmerzen im Magen, die durch heiße Getränke gebessert werden – bei Phosphorus wird das Brennen durch Kaltes gelindert.) Guernsey betont außerdem den harten, trockenen, festsitzenden Husten, der den Patienten quält, ferner den salzigen Auswurf.
Guernsey: „Bei Phosphorus bluten selbst kleinste Wunden sehr stark; Wunden, die scheinbar abgeheilt sind, brechen wieder auf.“ Der Patient blutet leicht und zieht sich schnell blaue Flecken zu.
Zu lachesisLACHESIS gehört: schlimmer beim Erwachen; schlimmer durch Schlaf; Furcht vor dem Schlafengehen, weil die Symptome sich dann verschlimmern. Phosphorus und SEPIA sepiahaben das genaue Gegenteil: Sie finden große Erleichterung durch Schlaf, auch wenn er nur kurz ist; Kopfschmerzen werden durch Schlaf völlig behoben.
Nash zeichnet ein lebendiges Miniaturbild des Phosphorus-Patienten beziehungsweise des Menschen, der Phosphorus braucht.
„Große, schlanke, schmalbrüstige Menschen von phthisischem Habitus, mit zarten Wimpern und weichem Haar; schwächliche, neurasthenische Personen, die sich gern magnetisieren [mesmerisieren] lassen; blass-anämisches, fast wächsernes, bisweilen auch ikterisches Aussehen.
Ängstlichkeit und allgemeine Unruhe, kann nicht still stehen oder sitzen; < abends im Dunkeln, beim Alleinsein sowie vor und während eines Gewitters.
Brennende Schmerzen können überall auftreten, so z.B. im Mund, im Magen, im Dünndarm, im After, zwischen den Schulterblättern; den Rücken hinaufziehende große Hitze; Brennen in den Handtellern; Hitze beginnt in den Händen und dehnt sich von dort bis ins Gesicht aus.
Verlangen nach Kaltem: nach Eiscreme, welche ihm gut bekommt, oder nach kaltem Wasser, das bisweilen erbrochen wird, sobald es im Magen warm geworden ist. Muss häufig essen, oder er wird ohnmächtig. Steht nachts auf, um zu essen.
Flauheits-, Schwäche- oder Leeregefühl im Kopf, in der Brust, im Magen und im gesamten Bauchbereich.
Profuse, wässrige Durchfälle, die wie aus einem Hydranten herausströmen, durchmischt von sagoähnlichen Partikeln. After bei Dysenterie weit offen stehend.
Husten: < von der Dämmerung bzw. Abend bis Mitternacht; durch Einatmen kalter Luft“ (RUMEX), „besonders beim Übergang von warmer in kalte Luft; durch Lachen, lautes Lesen oder Reden; beim Essen oder Trinken; durch Liegen auf der linken Seite; > durch Liegen auf der rechten Seite.
Rechter Lungenunterlappen vorzugsweise betroffen.“
Weiter sagt Nash: „zincumZINCUM hat unruhige Füße, Phosphorus dagegen ist insgesamt zappelig.“ Und: „Ausgeprägte Blutungsneigung.“ Außerdem: „Phosphorus greift die Knochen an, sodass sie nekrotisch werden“; man denke nur an den ‚Phossy jaw‘!12

12

Umgangssprachliche Wendung für die Phosphornekrose, die meist den Unterkiefer befiel. Ursache waren fast ausschließlich die Dämpfe des gelben Phosphors, die im 19. Jahrhundert von den Arbeitern in den Zündholzfabriken eingeatmet wurden. Weitere Erläuterungen und eine Abbildung finden sich unter dem Stichwort ‚Kiefernekrose‘ im Klinischen Wörterbuch von Pschyrembel.

Guernseys typischer Phosphorus-Patient ist dunkelhaarig; bei Nash sind es „große, schlanke Menschen von sanguinischem Temperament, heller Haut und blondem oder rotem Haar; von rascher, lebhafter Auffassungsgabe und übersteigerter Feinfühligkeit“. – Beide haben recht!
Abnormes Verlangen nach Salz (NATRIUMnatrium muriaticum MURIATICUM, ACIDUM nitricum acidumacidum nitricumNITRICUM, argentum nitricumARGENTUM NITRICUM; NATRIUM MURIATICUM hat jedoch neben dem Verlangen nach Salz Ekel vor Fett, ACIDUM NITRICUM Verlangen nach Fett und ARGENTUM NITRICUM Verlangen nach Süßigkeiten und Zucker).
Und nun wollen wir uns Kent zuwenden, dem scharfen Beobachter und großartigen Lehrer; er soll uns helfen, Phosphorus in den Patienten zu erkennen, die der Hilfe dieser Arznei bedürfen. Wir gehen einfach einmal seine Vorlesung durch und greifen all das heraus, was uns besonders wichtig und interessant erscheint.
„Phosphorus-Beschwerden treten am ehesten bei Menschen mit schwächlicher Konstitution auf, die schon von Geburt an gekränkelt haben, die immer schlank und hager gewesen und zu schnell gewachsen sind. Das Mittel passt oft für Menschen, die abgemagert sind, die an rascher Auszehrung leiden oder zumindest den Keim der Schwindsucht in sich tragen. … Heftiges Pulsieren im ganzen Körper und starkes Herzklopfen. … ‚Kleine Wunden bluten sehr‘; selbst wenn er sich nur mit einer Nadel gestochen hat, sprudelt viel hellrotes Blut hervor. An sämtlichen Organen und Geweben können Hämorrhagien auftreten; Petechien und Hämatome. …
Der Patient ist, allgemein gesehen, kälteempfindlich; seine Beschwerden werden schlimmer durch Kälte und kalte Anwendungen, besser durch Wärme und heiße Anwendungen – ausgenommen die Beschwerden von Kopf und Magen, die durch Kälte gebessert werden.“ Brust- und Gliedersymptome werden durch Wärme gelindert, Magen- und Kopfsymptome durch Kälte. (Wo, wie hier, die allgemeinen Modalitäten denen einzelner Körperteile entgegengesetzt sind, spricht dies immer stark für dasjenige Mittel, das Entsprechendes in seiner Pathogenese aufweist.)
Zu den Ängsten und Befürchtungen von Phosphorus, das ja zu den überempfindlichen Mitteln gehört, zählen Kent zufolge: Furcht, dass sich etwas Schlimmes ereignen könnte; Ängstlichkeit besonders abends in der Dämmerung; ängstliche Unruhe bei Gewittern, welche überhaupt viele Beschwerden verursachen; Angstanfälle mit Zittern am ganzen Leibe, Herzklopfen und Verdauungsstörungen, wie z.B. bitteres Aufstoßen oder Durchfall; Furcht zu sterben. „Grausige Furchtsamkeit, Abends spät, als sähe aus jedem Winkel ein grässliches Gesicht hervor.“ Der Patient hat lauter seltsame, verrückte Phantasien, die an seinem Verstand zweifeln lassen. …
Apathie; der Kranke wird vollkommen gleichgültig gegenüber seiner Umgebung, seinen Freunden und Angehörigen und sogar gegenüber seinen eigenen Kindern (SEPIA) sepia[vgl. jedoch Fußnote 9]. Antwortet nicht auf Fragen oder antwortet nur sehr langsam; bewegt sich äußerst schwerfällig. All die hier genannten psychischen Symptome verschlimmern sich durch geistige Anstrengung, durch Geräusche, im Dunkeln, beim Alleinsein.
Schwindel ist bei allen Phosphorus-Beschwerden eine überaus häufige Begleiterscheinung, und er tritt bevorzugt am Abend, beim Gehen, im Freien und nach dem Essen auf. Der Patient taumelt beim Gehen.
Phosphorus kann bei fettiger Degeneration und bei Gehirnerweichung in Betracht kommen.
Phosphorus hat eine besondere Art von Schwerhörigkeit, die zu den auffälligsten Merkmalen der Arznei gehört, nämlich dass der Patient speziell die menschliche Stimme schlecht verstehen kann.
Viele Beschwerden von Phosphorus werden durch Essen gebessert, und oft kann der Patient nach dem Essen auch besser schlafen; er kann nicht einschlafen, wenn er nicht zuvor etwas gegessen hat.13

13

Nach den Prüfungssymptomen zu urteilen, scheint das Gegenteil, die Verschlimmerung durch Essen, zumindest ebenso wichtig zu sein. (CK Nr. 640–676.)

Übelkeit und Erbrechen durch Eintauchen der Hände in warmes Wasser, durch Aufenthalt in einem warmen Zimmer, durch warme Speisen und Getränke, durch Wärme allgemein. Mundvolles Aufstoßen von Speisen ist sehr charakteristisch für das Mittel. Phosphorus ist der Freund des Chirurgen – das große Mittel für Übelkeit und Erbrechen nach Chloroform.
H. C. Allen (Keynotes) erwähnt ein seltsames Symptom von Phosphorus während der Schwangerschaft: Die Schwangere kann kein Wasser trinken; schon beim Anblick von Wasser muss sie sich übergeben; muss beim Baden die Augen schließen.
Der Phosphorus-Schweiß, so lesen wir dort, riecht nach Schwefel.
Phosphorus hat übrigens nicht nur Brennen im Magen und an den anderen oben aufgezählten Orten, sondern auch Brennen in den Lungen – ein Symptom, das in manchen Pneumoniefällen hilfreich sein kann.
Phosphorus greift in starkem Maße die Leber an (ich entsinne mich einer akuten gelben Leberatrophie bei einer Phosphorvergiftung), und es ist eines der Heilmittel bei Hepatitis und Gelbsucht (chelidoniumCHELIDONIUM). In manchen seiner Symptome erinnert es auch an crotalus horridusCROTALUS HORRIDUS, das Gift der Klapperschlange.
Phosphorus affiziert alle Organe und Gewebe, aber die wichtigsten Bereiche seiner Gift- und Heilwirkung betreffen die Lungen, die Knochen und die Leber. Die unten zusammengestellte Auswahl der wichtigsten Symptome bietet einen Überblick über die nützlichsten Fähigkeiten des Mittels sowie über die Organe, die es am stärksten in Mitleidenschaft zieht.
Übrigens, was die Beziehung von Phosphorus zu Hämorrhagien angeht … In einem Fall von Zungenkrebs habe ich beobachten können, wie eine ziemlich schwere Blutung nach einer Gabe Phosphorus C 200 sehr bald zum Stillstand kam und nicht wieder auftrat. Andererseits wird davor gewarnt, Menschen mit fortgeschrittener Lungentuberkulose Phosphorus in hohen Potenzen zu verabreichen, da es hier eine lebensgefährliche Blutung hervorrufen kann. In einem solchen Fall halte man sich daher an die niedrigeren Potenzen, die C 12 oder C 30.
Ich erinnere mich an eine junge Frau, die an Purpura hämorrhagica litt. Sie hatte zahlreiche große Blutblasen und Hämatome. Man hatte sie vor einer Schwangerschaft gewarnt – und nun war sie schwanger. Phosphorus heilte die Krankheit, und ihre Niederkunft verlief ohne Komplikationen.
Eine Auswahl der wichtigsten Phosphorus-Symptome14
Geist und GemütAntwortet sehr langsam, bewegt sich sehr schwerfällig.

14

Aus Allens Encyclopedia. Mit a sind die Symptome aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten gekennzeichnet, die mit b bezeichneten Symptome stammen aus der Prüfung von Sorge (in: Der Phosphor, ein grosses Heilmittel, Leipzig 1862). Zwei Symptome – mit c und d markiert – sind Vergiftungsfällen entnommen, die von Dietz im 48. und von Müller im 50. Band der A.H.Z. veröffentlicht wurden. Mit dem Index e ist eine Beschreibung des Siechtums von Arbeitern in Zündholzfabriken versehen; sie stammt aus dem Artikel von Prof. Thiersch Ueber die Phosphornekrose der Kieferknochen (Monatsblatt der A.H.Z. 78, 57).

Apathischer Körper- und Geisteszustand: … sie scheuete jede, wenn auch zerstreuende Beschäftigung und vermied allen Verkehr mit ihrer Umgebung.d
Niedergeschlagenheit und eine höchst ungewohnte Furchtsamkeit, mit Gefühl großer Mattigkeit und Abgeschlagenheit der Kräfte.
Aengstliche Beklommenheit.a
Ohne Veranlassung sehr deprimirt und unlustig zur Arbeit.b
Abneigung zu lernen – sich zu unterhalten – zu denken.
Langsamer Ideen-Gang, Gedanken-Leere.a
SchwindelSobald er versuchte aufzustehen, kehrte der Schwindel zurück. (BRYONIAbryonia)
AugenBesser kann sie sehen, wenn sie die Pupillen durch Beschattung der Augen mit darüber gehaltener Hand erweitert.a (Phosphorus hat starke Lichtscheu!)
NaseBluten.a
Nase geschwollen und trocken …
Magen, AbdomenErbrechen von Speisen.
Drücken über der Herzgrube, wie von einem grossen Körper …a
Leerheits- und Schwäche-Gefühl im Bauche.a
Rektum, StuhlDiarrhö.
Unwillkürliche Stuhlentleerung, sobald etwas in den Mastdarm gelangte.
Grauer Stuhl.a
Stuhl weißlichgrau.
Menstruation2 Tage früher als gewöhnlich und noch spärlicher.b
Larynx, TracheaStimme rau – heiser – belegt; konnte sie kaum weiter als bis zu einem Flüstern heben.
Rauhheit im Kehlkopfe und in der Luftröhre, mit öfterem Hüsteln und Rachsen.a
Reizbarkeit des untern Theiles der Luftröhre, mit dämpfendem [beklemmendem] Dru-cke oben in der Brust.a
HustenVon stetem Kitzel im Halse.a
Husten mit erschwerter Atmung.
Keichiger Husten mit Dämpfen [Beklemmung] auf der Brust …a
Starker, trockner Husten, beim laut Lesen, Abends.a
Häufiger trockener Husten [mit katarrhalischen Symptomen in den hinteren und unteren Bereichen beider Lungen, besonders rechts]; … perkutorisch leichte Dämpfung im hinteren unteren Lungenabschnitt rechts, mit vermindertem Atemgeräusch und feinblasigen Rasselgeräuschen; … Auswurf eines zähen, eitrigen Schleims.
Blut-Auswurf mit Schleim …a
Blutiger Auswurf aus den Lungen.
Atmung, BrustStarke Dyspnoe.
Atmung ängstlich, keuchend, beklemmt – sehr mühsam – schwierig.
[Heftiges Delirium …,] die Atmung war stark erschwert.
Bei schnellem Gehen benimmts den Athem.a
Heftige Brustbeklemmung.
Starke Brustbeklemmung, sodass sich die Patientin während des Hustenanfalls im Bett aufsetzen muss, wobei sie große Schmerzen verspürt, mit einem zusammenziehenden Gefühl unter dem Brustbein.
Heftige Dyspnöe mit peinlichem Angst- und Druckgefühl in der Brust, bis zu wahrer Erstickungsnoth sich steigernd, wobei tiefes Einathmen zwar erschwert, aber nicht unmöglich war …c
Schwere der Brust, als wenn eine Last drauf läge.a
Schleimrasseln in beiden Lungen, deutlicher in den unteren Flügeln wahrnehmbar.
[Bei manchen Vergiftungsfällen mit Phosphordämpfen entwickeln sich neben der Kiefernekrose] Tuberkel in der Lunge, mit hektischem Fieber.
[Der nekrotische Zerfall des Kieferknochens dauert etwa zwei bis drei Jahre. „Dabei haben die Kranken fortwährend Fieber, bisweilen hochgradiges, der Säfteverlust ist bedeutend, die Nahrungsaufnahme ist durch die Schlingbeschwerden oft Monate lang gestört, die Nahrung mischt sich mit der stinkenden Jauche, wodurch die Verdauung leidet. Nachtruhe kann nur durch steigende Gaben Morphium erzielt werden. So ist der Patient einem Siechthume verfallen, in welchem eine geringe concurrirende Störung den Tod herbeiführen kann.] Manche, die dazu disponirt sind, werden während dieses Siechthums tuberculös, bei Anderen wird der Tod bewirkt, weil Jauche und Nahrung in Folge der Störung des Schlingvermögens ihren Weg in die Luftwege finden, wodurch lobuläre Pneumonie mit Ausgang in Brand entsteht; auch durch Pyämie kann der Tod herbeigeführt werden.“e
(Wenn Phosphorus all dies verursachen kann, ist es kein Wunder, dass es eines unserer größten Heilmittel bei Pneumonien und Phthisis ist; das letzte Symptom zeigt speziell seinen Nutzen bei schwersten Lungenentzündungen.)
Herz[Abends gegen 10 Uhr] Aengstlichkeit ums Herz, verbunden mit Uebelkeit und einem eigenthümlichen Hungergefühl, das durch Essen gelinder wurde, aber auch im Bette noch bisweilen stundenlang quälte.b
Heftiges Herzklopfen.
RückenBrennender Schmerz zwischen den Schulterblättern.
Die Dornfortsätze der Brustwirbel zwischen den Schulterblättern waren bei Druck stark empfindlich …b
ExtremitätenMatt in allen Gliedern.b
‚Zwei linke Hände.‘
In den Knieen, Nachts im Bette, immer Kälte.a
Ausgedehnte gangränöse Periostitis der Tibia, mit heftigen fiebrigen Krankheitserscheinungen; das Periost löste sich großflächig bis hin zum Kniegelenk ab; der Knochen war rau.
AllgemeinsymptomeAuszehrung.
Er kann Nachts bloss auf der rechten Seite liegen.a
Sie lag fortwährend auf der rechten Seite …b
Liegen, Nachts, auf der linken Seite macht ihm Beängstigung.a
Schleimhäute blass.
Bei Hämorrhagien war das Blut sehr dünnflüssig und gerann schlecht …
Kleine Wunden bluten sehr.a
Schlaffe Muskulatur.
Grosse Müdigkeit.b – Schwäche. – Schwäche und Prostration. – Extreme Erschöpfung.
Mattes, beengtes Gefühl den ganzen Tag.a
Schwere des ganzen Körpers.a
HautVor Eintritt der Regel blutet das Geschwür.a
SchlafGrosse Tages-Schläfrigkeit, selbst vor dem Mittag-Essen.a
Beständige Schläfrigkeit.
Er kann vor Mitternacht nicht einschlafen …a
Fieber, Frost, SchweißFieber-Hitze und Schweiss, Nachts, bei nicht zu stillendem Heisshunger …a
Nacht-Hitze, ohne Durst [und Schweiss, von der sie oft erweckt wird].a
Wangen gerötet (bei Fieber), die linke mehr als die rechte.
Frost, alle Abende, mit Schauder, ohne Durst …a
Profuse Schweiße am ganzen Körper.
Sie schwitzt sehr arg, bei geringer Bewegung.a
Alle Morgen Schweiss über und über, der ihn ermattet.a
Schweiss, früh im Bette …a
Schweiss und Angst-Gefühl, gegen Morgen.a
„Von 170 Arbeitern in Zündholz-Fabriken (größtenteils Knaben) wurden 120 von Flecktyphus befallen, der dann oft durch Lungenentzündung und Bronchitis kompliziert wurde, woraus sich häufig Schwindsucht entwickelte“ (Russische Med. Zeit., 1850).

Phytolacca

Weitere Namen: Phytolacca decandra; Kermesbeere
Wenn man mit einer neuen Arznei Freundschaft geschlossen hat, ist dies immer ein ganz besonderer Tag. Anstelle einer bloßen ‚Grußbekanntschaft‘, die nicht viel mehr ist als ein Name, entdeckt man plötzlich eine neue Macht. Fortan steht einem diese Macht jederzeit zu Gebote, und hat man einen geeigneten Fall, so ist sie zur Stelle und bietet genau die Hilfe, die man benötigt. Ebendarum schreibe ich diese „Arzneimittelbilder“ nieder: Sie sollen die Arzneien dem Arzt vorstellen oder zumindest, wenn sie sich schon kennen, ihre Bekanntschaft wieder auffrischen.
Haben Sie nicht auch schon bemerkt, dass es in jeder Menschenmenge (und auch unsere homöopathische Materia medica ist fürwahr eine dichtgedrängte Menschenmenge!) bestimmte Personen (Arzneien) gibt, die von Beginn an unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sich lebhaft zur Geltung bringen? Es ist wie an Bord eines Schiffes: Vom Augenblick des Einschiffens an gibt es Menschen, die unsere Aufmerksamkeit fesseln und die wir während der ganzen Reise, sei es anerkennend oder missbilligend, beobachten. Mit der Zeit wissen wir schon im Voraus, was sie bei allen möglichen Anlässen sagen oder tun werden, obwohl wir möglicherweise gar keinen Wert darauf legen, ihre Bekanntschaft zu machen. Andererseits entdecken wir vielleicht am allerletzten Tag der Reise einen Fremden, der uns vorher nie aufgefallen war, obwohl er doch seit Wochen unser Reisegefährte war. So ist es auch mit den Arzneien: Ziemlich viele von ihnen, wohl die meisten, sind für uns bloß ein Name und nicht mehr – und auf einmal stellt sich heraus, dass sie ganz ungeahnte Eigenschaften und Möglichkeiten besitzen. … Jemand sagte einmal am letzten Tag einer Reise zu mir: „Was habe ich doch auf dieser Reise meine Zeit vertan! Warum haben wir uns nicht eher anfreunden können?“ Mit den Arzneimitteln ist es ähnlich – „Warum habe ich mich nicht schon vor Jahren mit dir angefreundet? Du hättest mir bei diesem oder jenem Fall helfen können, wo ich, da ich dich nicht kannte, kläglich gescheitert bin.“
Die Freundschaft mit einem Arzneimittel verlangt natürlich, dass wir auch den Charakter und die Fähigkeiten des Freundes kennen, damit wir uns auf seine Antworten und Reaktionen verlassen können.
Wenden wir uns nach dieser kleinen Einleitung dem Studium von Phytolacca zu, auf dessen großartige Heilkräfte ich bei schwer zu behandelnden Krankheiten, akuten und dringlichen wie chronischen, vielleicht nie genügend zurückgegriffen habe. Der Grund dafür ist wohl, dass Phytolacca erst spät die besondere und für dieses Mittel allein reservierte Nische im Tempel Hahnemanns beziehen durfte. Es ist eines unserer neueren, sehr machtvoll und rasch wirkenden Arzneimittel.
Die nützlichsten Angaben über Phytolacca erhalten wir aus Hales New Remedies. Wie baptisiaBAPTISIA, gelsemiumGELSEMIUM, caulophyllumCAULOPHYLLUM und andere ist es aus Amerika zu uns gekommen, wo es bei den Indianern und später auch bei anderen Bevölkerungsteilen als Hausmittel verwendet wurde. Doch nutzbar im Sinne der Möglichkeit einer exakten Indikationsstellung ist es erst durch die Prüfungen geworden.
Hale nennt es „eines unserer wertvollsten und mächtigsten einheimischen Heilmittel“. Doch war, wie er sagt, zunächst „nur wenig vom Spektrum seiner Heilkräfte bekannt, bis es endlich von unserer Schule dem wissenschaftlichen Experiment unterzogen und seine Wirkung auf Gesunde mit Hilfe der Prüfungen aufgedeckt wurde.“
Zur Vervollständigung des Arzneimittelbildes bedarf es allerdings noch weiterer Prüfungen.
Nach Hale ist es besonders bei chronischen Krankheiten zum Einsatz gekommen, bei Rheumatismus, Geschlechtskrankheiten und einigen schweren Hauterkrankungen. … „Seine Heilkräfte sind aber nicht nur auf chronische Krankheiten beschränkt, es hat sich auch als hervorragendes Mittel bei vielen akuten Affektionen schwerster Art herausgestellt.“
Zum Beispiel, fährt Hale fort, „berichtete ein Arzt von raschen Heilwirkungen bei Diphtherie mit einer Tinktur aus den im Spätherbst gesammelten Blättern der Pflanze.“ Und jüngst wurde die prompte Heilung einer Diphtherie mit Phytolacca-Symptomen mit der Stiftung eines Bettes im Londoner Homöopathischen Krankenhaus belohnt.
Die Asche von Phytolacca soll über 50 Prozent Ätzkali enthalten, was manche seiner Beziehungen zu anderen Mitteln erklären würde. Die offizinellen Bestandteile der Pflanze sind Wurzeln – Blätter – und Beeren.
Es heißt, dass „Vögel, die von den Beeren fressen, all ihr Fettgewebe verlieren“, und eine Tinktur aus den Beeren ist zum ‚Abspecken‘ und (?) als Heilmittel für Fettgeschwülste verwendet worden.
Folgen der Vergiftung mit den Beeren waren: „Kneifende Schmerzen im Magen mit Übelkeit und heftigem Erbrechen, gefolgt von Durchfall; starke Schmerzen bei jedem Druck auf den Magen, sodass der Kranke laut aufschrie. Ferner traten auf: Trübsichtigkeit; weiß belegte Zunge; krampfartige Zuckungen der Arme und Beine; Halsschmerzen, mit Kongestion und Dunkelfärbung des Rachens; trockener Hals, leicht geschwollene Mandeln.“
Hale sagt weiter: „Es greift das Nervensystem stark an, ebenso das Bindegewebe und das Knochengewebe.“
Und: „Der Wirkungsbereich von Phytolacca umfasst Haut und Schleimhäute, Bindegewebe, das Periost und die zerebrospinalen Nervenzentren.“
„In seiner Wirkung auf die Haut ähnelt es arsenicumARSENICUM und mercurius (solubilis)MERCURIUS“ (Kent sagt, es sollte pflanzliches Quecksilber genannt werden), „und es hat bereits Psoriasis, Pityriasis, Tinea capitis, Lupus sowie allgemein schuppige Ausschläge geheilt“ – bei Vorhandensein entsprechender Symptome, wie sie unten angegeben sind.
In den Prüfungen von Phytolacca finden wir: „Ein sehr eigentümliches Spannen und Drücken in den Parotiden“, was eine wichtige Indikation für das Mittel sein kann, selbst in Fällen von chronischem Rheumatismus. Unter den geheilten Rheumafällen, die Hale anführt, ist nämlich ein sehr interessanter, aufschlussreicher Fall von Gelenkrheumatismus mit Vergrößerung der Ohrspeichel- und Unterkieferdrüsen, bei dem „auch die Drüsenschwellungen rasch zurückgingen“. Man kann daraus schließen, dass Phytolacca bei Gelenkerkrankungen mit periartikulärer Beteiligung wahrscheinlich nützlicher ist als bei ausgedehnten Knochenveränderungen an den Gelenken.
Am besten bekannt ist Phytolacca aber wohl für seine erstaunliche Beziehung zu den Brustdrüsen – ‚zum Guten wie zum Bösen‘. In der Medizin sind es ja nur die ‚Übeltäter‘ unter den Arzneien, denen wir Heilwirkungen zutrauen können, und auch das nur bei genau jenen Übeln, die sie auch zu erzeugen vermögen – präzise bestimmt hinsichtlich Ort, Gewebeart und Modalitäten. Hierin liegt letztlich der Sinn der minutiös festgehaltenen Prüfungssymptome der Homöopathie.
In den Prüfungen finden wir „Entzündung, Schwellung und Eiterung der Mammae“. Kent sagt – und dies ist so wichtig, dass ich es in voller Länge zitieren will –:
„Phytolacca scheint sich in seiner Wirkung vor allem auf die Brustdrüsen zu konzentrieren. Wundheitsschmerz und Knotenbildung in den Mammae bei jeder feuchtkalten Witterung. Eine Frau verkühlt sich, und als Folge davon entzündet sich eine Brust. Schmerzhaft empfindliche Brüste während der Menstruation. Eine stillende Frau ist der Kälte ausgesetzt gewesen; die Brüste entzünden sich, und die Milch wird zäh und hängt in Fäden von den Brustwarzen herab; sie kann aber auch geronnen sein.15

15

Kent schreibt irrtümlich, diese Symptome hätten sich in den Prüfungen gezeigt, doch handelt es sich eindeutig um klinische Symptome. Das einzige Prüfungssymptom hinsichtlich der Mammae lautet: „Schmerzen in der rechten Brustdrüse.“

Schon früher – vor den Prüfungen der Arznei – ist die Wurzel der Kermesbeere in großem Umfang von Viehzüchtern eingesetzt worden, wenn die Milch einer Kuh dick wurde und sich Klumpen im Euter bildeten, zumal wenn der Zustand dadurch ausgelöst worden war, dass die Kuh draußen im Regen gestanden hatte.
Fast jede Aufregung, sei sie durch Furcht, durch einen Unfall oder was immer sonst bedingt, wirkt sich negativ auf die Brustdrüsen aus: Knoten bilden sich, Schmerzen, Hitze und Schwellung entstehen, bis hin zur heftigsten Entzündung mit Eiterung. Kein anderes Mittel der Materia medica hat sein Wirkungszentrum in solchem Maße in den Brustdrüsen. … Wenn bei einer stillenden Frau jeder Kummer, jede Besorgnis die Brüste wund werden lässt, geben Sie ihr Phytolacca! Wenn eine Mutter sagt, sie habe keine Milch oder die Milch sei spärlich, dick oder schlecht oder sie versiege schnell, dann ist, wenn keine kontraindizierenden Symptome vorliegen, Phytolacca ihr konstitutionelles Heilmittel. Bei einer Patientin wurde eine blutig-wässrige Absonderung aus der Mamma, die nach Entwöhnung des Säuglings noch fünf Jahre anhielt, durch Phytolacca behoben. Die Brüste sind so schmerzhaft, die Brustwarzen so empfindlich, dass die Mutter beim Stillen fast in Krämpfe verfällt, wobei die Schmerzen von den Mamillen in den ganzen Körper ausstrahlen, über den Rücken bis in die Gliedmaßen hinein.“
Wie Hale berichtet, hat Phytolacca einen guten Ruf bei der Entzündung und Anschwellung von Kuheutern, dem sog. ‚Zusammenbacken‘ – bei Fällen wie diesem: „Stark geschwollenes, steinhartes Euter, überaus heiß, schmerzhaft und empfindlich; kein Tropfen Milch herauszubekommen. Nach Verabreichung eines Stücks Phytolacca-Wurzel mit dem Futter und wiederholtem Waschen des Euters mit dem Wurzelabsud konnte die Kuh binnen zwölf Stunden gemolken werden. Das Euter wurde allmählich weicher, und nach wenigen Tagen war der krankhafte Zustand gänzlich behoben.“ (Kürzlich wurde mir von einem ähnlichen Fall auf unserem Hof erzählt: Eine der Kühe gab phasenweise, alle paar Wochen, nur zähe, fadenziehende Milch. Nach einer Gabe Phytolacca hörte dies vollkommen auf.)
Phytolacca ist aber nicht nur bei beginnender Mastitis indiziert und wirksam. Es hat außerdem:
„Brustwarzen wund und rissig.
Schmerz strahlt beim Stillen von der Brustwarze über den ganzen Körper aus.
Brust fühlt sich an wie ein Ziegelstein, klumpig und knotig.
Brust steinhart, schmerzhaft; entzündet [‚zusammengebacken‘].
Mammaabszess; Eiterung.
Große, fistelnde, klaffende, empfindliche Geschwüre, die wässrigen, übelriechenden Eiter absondern.
Schmerz ist unerträglich. Reizbar. Ruhelos. Völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben wie dem Tod; ist sicher, dass sie sterben wird.“
(Borland, Homœopathy for Mother and Infant)
Für Kent ist Phytolacca ein Mittel, das noch nicht ausreichend geprüft worden ist, aber durchaus eine Reihe von Besonderheiten aufweist. Viele seiner Angaben entstammen daher klinischen Erfahrungen.
Es sollen nun einige kennzeichnende Modalitäten von Phytolacca folgen, damit wir es mit Gewissheit verschreiben können – oder ausschließen, wo eine andere Arznei dem Bild besser entspricht.
Die Phytolacca-Symptome verschlimmern sich besonders in der Nacht, an kalten Tagen, bei feuchtkaltem Wetter und in einem kalten Raum. Kent nennt auch Verschlimmerung durch Bettwärme, „sodass hier zwischen den Modalitäten Wärme und Kälte ein Widerspruch besteht.“ Auch bei Diphtherie sind es heiße Getränke, die die Halsbeschwerden verstärken. Durch Exposition gegenüber feuchtkaltem Wetter entstehen oder werden verschlechtert: der Husten; die Schmerzen in der Interkostal-, Abdominal- und Lumbalmuskulatur; der steife Hals; der Rheumatismus allgemein und die Schmerzen in den Gelenken; außerdem die erwähnten Mammabeschwerden.
Schmerzen wie elektrische Schläge – schießend, lanzinierend, sich rasch verlagernd; < nachts und durch Bewegung – mit dem Verlangen, sich zu bewegen, wie wir es von RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON kennen, aber mit Verschlimmerung dadurch.
Bei Halsentzündungen, wo ich Phytolacca am meisten eingesetzt habe, sehen Schlund und Rachen trocken aus, kongestioniert und dunkelrot verfärbt, völlig anders als die glatte, hellrote Schwellung von belladonnaBELLADONNA. Der Rachen ist trocken, rau und „fühlt sich wie eine leere Höhle an“. Oder: „Solches Vollheitsgefühl im Hals, dass er wie verstopft scheint.“ Hitzegefühl, als ob sich eine glühende Eisenkugel im Hals festgesetzt hätte. Das Schlucken ist schmerzhaft und schwierig, bei jedem Versuch schießen grässliche Schmerzen durch die Ohren. Es kann sogar zur Regurgitation durch die Nase kommen; selbst Wasser zu schlucken ist fast unmöglich, weil der Hals sich so rau und trocken anfühlt.
Dann Ulzerationen in Mund und Hals; Pharyngitis chronica hyperplastica16

16

Im Englischen follicular sore throat: granuläre Pharyngitis mit Hyperplasie der Lymphfollikel der Rachenhinterwand; ‚Predigerhals‘.

; Beläge im Rachen; sogar Diphtherie mit den erwähnten Symptomen, d.h. mit bläulicher Verfärbung, mit Trockenheit, mit (von Zungenwurzel und Rachen) in die Ohren schießenden Schmerzen sowie mit Verschlimmerung durch heiße Getränke. Alles wird bei Phytolacca durch Kälte verschlimmert, nur die Halssymptome durch Wärme!
Seltsame Symptome: Nicht nur der Rachen kann sich „wie eine leere Höhle“ anfühlen, sondern auch der Brustkorb – „wie ein großes, leeres Fass“.
In einem Vergiftungsfall mit der Kermesbeere [berichtet von Hale] bestanden u.a. folgende Symptome: „Extremitäten steif, Hände zur Faust geballt, Füße gestreckt und Zehen gebeugt, … Zähne zusammengebissen, Lippen nach außen gekehrt und straff, Opisthotonus und tetanische Krämpfe, Kinn zum Brustbein gezogen.“
Laut Farrington (Clinical Materia Medica) sind camphoraCAMPHORA und Phytolacca bei tetanischen Krämpfen dem Strychnin sehr ähnlich. Beide haben das Zähnezeigen durch Hochziehen der Mundwinkel, doch wenn CAMPHORA bei tetanischen Krämpfen indiziert ist, treffen wir gleichzeitig auch die eisige Kälte an, die für das Mittel so typisch ist.
Phytolacca hat sich bei Szirrhus als nützlich erwiesen, bei Lippenkrebs und bei „kanzerösen, bösartigen Geschwüren im Gesicht“. Geschwüre wie ausgestanzt (KALIUM kalium bichromicumBICHROMICUM).
Seine Periostschmerzen (Tibia) erinnern an ASA asa foetidaFOETIDA, DROSERAdrosera und lachesisLACHESIS.
Nash lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Symptom, das für ihn von großem Wert gewesen ist: Unwiderstehliche Neigung, die Zähne zusammenzubeißen bzw. das Zahnfleisch fest zusammenzupressen. „Auf diese Indikation hin“, so erzählt er, „habe ich oft Beschwerden der verschiedensten Art gelindert, die im Zusammenhang mit der Zahnungsperiode auftraten.
Ich hatte einmal einen kleinen Patienten, der von New York City aufs Land geschickt worden war. Der Knabe hatte lange an Cholera infantum (Enterokolitis) gelitten, und seine Ärzte hatten gesagt, er müsse unbedingt aus der Stadt heraus, sonst würde er sterben. Aber auch die Landluft und die Umstellung der Ernährung brachten keine Besserung. Der kleine Kerl war stark abgemagert und hatte häufige durchfällige Stühle von dunkelbrauner Farbe, die von gleichfarbigem Schleim durchsetzt waren. Nachdem ich schon mehrere Mittel erfolglos versucht hatte, fiel mir auf, dass der Kleine gern die Kiefer aufeinanderpresste oder auf alles biss, was er in den Mund bekommen konnte. Seine Mutter erzählte mir dann, dass dies während der ganzen Krankheit so gewesen sei. Phytolacca führte sofort zu einer Linderung der Beschwerden, gefolgt von rascher Genesung. Ich habe dieses Symptom seither wiederholt bestätigt gefunden.“
Phytolacca hat auch bei rheumatischer Nackensteifigkeit einen guten Ruf. Dazu hier eine Erfahrung, die ich kürzlich am eigenen Leib gemacht habe – und die mich dazu motiviert hat, dieses Arzneibild zu verfassen …
Natürlich kannte ich die wunderbare Wirkung von Phytolacca auf die Brustdrüsen, und immer wieder hatte ich bei akuten Halsentzündungen von stumpf-blaurotem Aussehen, mit kongestionierten, harten Gaumenbögen und äußerst schmerzhaftem Rachen, rasche Heilungen durch dieses Mittel erlebt. Es heilte sogar in einem Fall, wo auch die äußeren seitlichen Halspartien empfindlich, angeschwollen und verhärtet waren. Aber – Rheumatismus? Stets hatte mich dieses Wort aus den Büchern angestarrt, und oft hatte ich so ein Gefühl, dass ich sicherlich gut daran täte, einmal die Modalitäten von Phytolacca bei dieser Erkrankung nachzuschlagen. Vielleicht würde ich ja auf diese Weise eine zusätzliche zuverlässige Waffe gegen jene Heimsuchung der Ambulanzen gewinnen, die mal leicht, mal mit Schwierigkeiten und manchmal auch überhaupt nicht geheilt wird, welch Letzteres dem behandelnden Homöopathen nicht gerade zur Ehre gereicht. Aber die Fälle sind natürlich verschieden: Oft kommt der Patient bereits mit der ‚fertigen‘ Diagnose Rheumatismus, häufiger noch mit der beliebten ‚Neuritis‘, welche in vielen Fällen (wenn die Ischialgie oder der Schmerz von einer Subluxation herrührt) durch einen kleinen Handgriff wieder zu beheben ist. In manchen Fällen konnte ich erleben, wie sich nach einer sorgfältigen Verschreibung eine schwere und schon lange bestehende rheumatoide Arthritis weit mehr besserte, als ich es je für möglich gehalten hätte – doch manchmal tat sich eben auch gar nichts … und das schafft natürlich Verdruss.
Nun, die persönliche Erfahrung, von der ich hier berichten will, war nichts weiter als ein ‚steifer Nacken‘, allerdings ein wirklich schlimmer, wo der gesamte Trapezius mitbetroffen war (und dabei seine Ansätze und Funktionen wunderschön demonstrierte). Die nur während der Bewegung auftretenden Schmerzen sind im Ancient Mariner nachzulesen:

„Sogleich wurde mein Knochengestell

Verrenkt unter jammervoller Pein,

Die mich gefangen setzte“ (zum Stillhalten zwang),

„Und dann ließ sie mich frei.“

BRYONIAbryonia (schlimmer durch Bewegung), RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON (schlimmer zu Beginn der Bewegung; bewährt bei steifem Nacken) und cimicifugaCIMICIFUGA hatten nichts genützt. Der Schmerz war so stark, dass ich es gerade noch aushalten konnte, mich steifnackig ins Bett gleiten zu lassen. Der Trapezius verweigerte dem Kopf mit scharfem Protest jegliche seitliche Unterstützung; und des Nachts zu erwachen und den Kopf auch nur leicht zu drehen bedeutete wahre Folterqualen. Ich fragte mich, wie ich es nur schaffen sollte, morgens wieder aufzustehen! Am nächsten Tag … „Was ist das nur für ein Mittel?“ Ich konsultierte Allens Keynotes. „Ah, hier ist es! ‚Phytolacca nimmt eine Mittelstellung zwischen RHUS TOXICODENDRON und BRYONIA ein; heilt, wenn diese – scheinbar gut indiziert – versagen.‘“ Und so war es! – und welche Freude, mich abends wieder ohne besondere Kunststücke ins Bett legen zu können, den Kopf bewegen und heben und mich umdrehen zu können, alles ohne das leiseste Zwicken. Übrigens erzeugte nicht nur Bewegung solche Muskelschmerzen, auch Kälte und Zugluft waren unerträglich … und ich hatte leichte Temperatur und fühlte mich auch krank.
Diese Erfahrung festigte meine Freundschaft mit der Kermesbeere, und ich habe nur davon erzählt, damit Sie sich dadurch anregen lassen – und später daran erinnern mögen, um künftig Triumphe mit Phytolacca feiern zu können.
Hauptsymptome
SchwindelFühlt sich beim Aufstehen aus dem Bett der Ohnmacht nahe. (OPIUM)
StirnSchmerzhaftes Drücken auf die Stirn und den oberen Teil der Augen.
ZähneUnwiderstehliche Neigung, sie zusammenzubeißen.
HalsEntzündet; Isthmus kongestioniert und von dunkelroter Farbe; Trockenheit des Rachens, mit leichter Schwellung der Tonsillen.
DiphtherieÜbelkeit und Schwindel beim Versuch, sich aufzusetzen; Stirnkopfschmerz; Schmerzen schießen vom Rachen in die Ohren, besonders beim Versuch zu schlucken; Gesicht gerötet; Zunge stark belegt, vortretend; hinterer Teil dick belegt, feuerrot an der Spitze; Atem übelriechend, faulig; Erbrechen; schwieriges Schlingen, Tonsillen geschwollen, von Membranen bedeckt, beginnend mit drei oder vier Flecken auf der linken Mandel; Tonsillen, Uvula und Rachenhinterwand von aschfarbenem Exsudat bedeckt; Tonsillen mit schmutzigweißen Pseudomembranen belegt; kleine weiße oder gelbe Stellen auf den Mandeln wachsen zusammen und bilden Membranbeläge; Membran hat das Aussehen von schmutzigem Waschleder; Exsudat perlweiß oder gräulichweiß; großer Durst; < durch heiße Getränke; Dyspnoe; klebriger und übelriechender Schleim, der sich durch Mund und Rachen zieht, Halslymphknoten schmerzhaft empfindlich; Nacken- und Rückenschmerzen, der Körper tut weh wie zerschlagen, der Patient stöhnt vor Schmerzen, besonders beim Versuch, sich zu bewegen oder im Bett umzudrehen; Gliederschmerzen; große Prostration; heftiger Frost, bald von hohem Fieber gefolgt; Fieber ohne Frost; Puls 120, 140, schwach; Exanthem auf der Haut; außergewöhnliche Nervensymptome; [Diphtherie] gefolgt von Lähmung; es bleibt vermindertes Seh- und Hörvermögen zurück; bei kaltem Wetter meist epidemisch; gewöhnlich katarrhalischen oder rheumatischen Ursprungs, verursacht durch Aufenthalt in feuchter, kalter Luft oder durch Schlafen in feuchten, schlecht belüfteten Räumen.
MammaeAbszesse oder fistelnde Geschwüre.
Brustdrüsen voll von harten, schmerzhaften Knoten.
Die Brüste zeigen frühzeitige Entzündungsneigung; besonders nützlich, wenn Eiterung unausweichlich; wenn das Kind saugt, strahlt der Schmerz von der Brustwarze über den ganzen Körper aus.
Mastitis; Brustwarzen rissig und wund.
HautBartflechte (durch örtliche Anwendung der Tinktur).
Ringelflechte; Herpes circinatus.
Schuppende Hautausschläge: Pityriasis; Psoriasis.

Platinum

Weitere Namen: Platinum metallicum; Platin
Platinum oder Platina, wie es manche Autoren lieber nennen, ist ein wichtiges Mittel, das seine herausragende Stellung in unserer Pharmakopoe vielfach gerechtfertigt hat. Die Leiden, die es (in den Prüfungen) hervorgerufen und (in homöopathischer Zubereitung) geheilt hat, sind mannigfaltig; doch sind es in erster Linie Leiden seelischer Art, die seiner Wirkung unterliegen, oder aber somatische Erkrankungen, die in einer seelischen Fehlhaltung begründet sind – in einer Haltung, welche auch noch den Unglücklichen, die ständig mit einem solchen Menschen umgehen müssen, das Leben zur Hölle machen kann.
Platinum tut seinen Mitmenschen weh, allerdings nicht in gewalttätiger Weise oder böser Absicht, wie das für NUX nux vomicaVOMICA oder HEPAR hepar sulfuriszutreffen kann, sondern durch seine Anmaßung von Überlegenheit: jene verletzende, pharisäerhafte Einstellung, welche für andere nur Verachtung übrig hat und auch noch Gott dafür dankt, dass er (oder, häufiger, sie) nicht so ist wie diese.
Das Eigenartige daran ist, dass sich bei Platinum diese unbewusste Haltung selbst im Bereich des körperlichen Sensoriums widerspiegelt. Die Platinum-Mutter kann nicht nur insgeheim ihre Kinder nicht leiden, sondern sie erachtet sie auch für zu klein, unbedeutend, gering; und während ihre Umgebung kleiner zu werden scheint – und damit gewöhnlich, erbärmlich, verachtenswert –, empfindet sie sich selbst als groß, stattlich und erhaben. Wie Kent sagt: „Die Prüfungen von Platinum zeigen die Psyche der Frau in einem fehlentwickelten, pervertierten Zustand.“ Und: „Das Mittel passt vor allem bei hysterischen Frauen, die durch Schreck, seelischen Schock, langwierige Aufregung, Enttäuschung oder auch durch anhaltende Blutungen aus dem Gleichgewicht gebracht worden sind.“ Da Platinum die Prüferinnen in den Zustand eines solchen psychischen Traumas versetzen kann, ist es auch in der Lage, diesen zu heilen.
Was genau ist nun aber ein Trauma? Das Lexikon gibt uns folgende Definition: (1) „ein abnormer Zustand des Körpers, verursacht von einer durch äußere Gewalteinwirkung entstandenen Verletzung des Organismus; (2) die gewaltsam herbeigeführte Wunde oder Verletzung selbst.“
Analog verstehen wir unter einem ‚psychischen Trauma‘ Verwundungen des Gemüts – des Herzens – der Seele. Wir verwenden hierfür sogar exakt dieselben Ausdrücke wie bei physischen Traumata: „sich tief getroffen fühlen“ … „das tut mir sehr weh“ … „es gibt mir einen Stich ins Herz“. Wir sprechen von „verletzten Gefühlen“, von „gebrochenen Herzen“; und Shakespeare ruft uns ins Gedächtnis: „Schmerzlicher noch als der Schlange Zahn ist's, ein undankbares Kind zu haben.“
Wenn wir nun Heilmittel brauchen, um solchen Verletzungen und den daraus erwachsenden akuten oder chronischen Schäden entgegenzuwirken, müssen wir uns auf die Suche nach Arzneien begeben, welche bei den Prüfern eine Empfindlichkeit auf gerade diese Art von traumatischer Einwirkung hervorgerufen haben.
Eine physische Wunde kann z.B. ein Stich, ein Kratzer, ein Riss, eine frische Hautabschürfung sein, oder auch ein chronischer Druck, der den Körper schädigt und sogar zu einem bösartigen Geschwür führen kann, wenn er fortbesteht. Auf der psychischen Ebene kann man all diese Verletzungen ebenfalls erleben. Und hier sind Arzneien wie Platinum, staphisagriaSTAPHISAGRIA, colocynthisCOLOCYNTHIS, IGNATIAignatia, NATRIUMnatrium muriaticum MURIATICUM und ACIDUM phosphoricum acidumacidum phosphoricumPHOSPHORICUM nicht nur für verursachend, sondern auch für heilsam befunden worden, wenn sie entsprechend ihren Symptomen eingesetzt wurden.
Ich erinnere mich an eine typische Platinum-Patientin, deren Symptomenbild mich geradezu dazu drängte, ihr das Mittel zu verabreichen. Die junge Frau hatte eine anstrengende Zeit hinter sich – sie kam gerade aus Indien zurück, wo sie gegen eine vordringende Seuche hatte kämpfen müssen. Gegenüber früher war sie kaum mehr wiederzuerkennen: Ihr ehemals hübsches, junges Gesicht wirkte nun sehr angestrengt und giftig-gereizt, und es war eine Qual, ihr zuhören zu müssen, denn sie fing immer wieder von neuem von den Wundern an, die sie bei der Verteidigung ihres Anwesens gegen die drohende Epidemie vollbracht hatte. Es war eine einzige peinliche Demonstration von Selbstglorifizierung und zugleich eine Geringschätzung des Beitrags aller anderen Beteiligten. All dies war natürlich nichts anderes als der Ausdruck dessen, wie Angst und Sorge sich bei ihr ausgewirkt hatten – weil sie eben Platinum war. Gerade die Zeiten der Belastung, die Krisenzeiten sind es ja, die in uns die Charakteristika der verschiedenen Arzneimittel zum Vorschein kommen lassen. Und viel Leid für den Betroffenen wie für seine Umgebung kann abgewendet werden, wenn jemand mit dem Wissen um das Simile-Gesetz zufällig zur Stelle ist und die Chance bekommt, dieses Wissen auch anzuwenden.
Von der geistigen Gesundheit her gesehen, bewegt sich der Platinum-Patient manchmal auf sehr dünnem Eis. Ich entsinne mich mehrerer ‚Borderline-Fälle‘, die durch Platinum geheilt werden konnten. Besonders denke ich dabei an eine Frau, die ein Gefühl von Vergrößerung einzelner Körperteile hatte und deswegen ihren Mann und ihre mit im Hause lebende Freundin verdächtigte, sie hätten sie vergiftet. Platinum stellte ihre geistige Gesundheit wieder her, sodass sie all ihre Kräfte und Fähigkeiten wieder zum Guten einsetzen konnte. Es war ein schöner, runder Fall, und soviel ich weiß, hatte sie auch all die Jahre danach keinen Rückfall mehr. Es ist ein schwieriges Unterfangen, einmal in eine Anstalt Eingewiesene aus ihrer schmerzlichen Gefangenschaft zu befreien – ich habe es mehr als einmal versucht, und auch jetzt habe ich gerade wieder einen solchen Fall –, und es ist eine der großen Freuden im Leben eines Arztes, nicht mehr Zurechnungsfähigen zur geistigen Gesundheit zu verhelfen und sie so vor dem Stigma zu bewahren, das dem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt anhaftet. Platinum ist also, wie man auch an obigem Fall sehen kann, eines jener Mittel, die bei Paranoia in Betracht zu ziehen sind.
Gelegentlich wird Platinum auch als „Arznei für prüde alte Jungfern“ bezeichnet. Der Patientin geht es besser beim Gehen im Freien sowie bei Aufenthalt in der Sonne (im Gegensatz zu NATRIUMnatrium muriaticum MURIATICUM). Ein hervorstechendes körperliches Symptom ist die übermäßig starke Regelblutung, und sehr charakteristisch sind darüber hinaus die ausgesprochen empfindlichen Genitalien, die einen direkt zu diesem Mittel hinführen können.
Die Empfindungen und Schmerzen, die bei Platinum auftreten, sind so typisch, dass sie sofort an das Mittel denken lassen sollten. Die Patientin kann ein Gefühl von Einschnürung haben, als wäre sie bandagiert; von Taubheit, wie abgestorben; von Gelähmtsein. Sie kann über Zittern klagen, über Empfindungslosigkeit, Kribbeln, Krampfschmerzen oder über Schmerzen wie von einem Schlag. Selbst das Gehirn kann sich taub anfühlen. Es können auch lokale Kälteempfindungen vorkommen (dabei denke ich auch an calcarea carbonicaCALCAREA).
Ein sonderbares Symptom, das man normalerweise mit PLUMBUMplumbum assoziiert, ist bei Platinum ebenfalls zu finden: ein ziehender Schmerz im Nabel, wie von einer Schnur, die den Nabel einwärts zu ziehen scheint. Kent kommentiert: „Diese Schmerzen erinnern sehr an diejenigen von PLUMBUM, und in der Tat ist Platinum schon oft erfolgreich gegen Bleikoliken eingesetzt worden.“ (PLUMBUM hat außerdem: „Nabel scheint am Rückgrat angeheftet zu sein.“)
Guernsey schreibt u.a. über Platinum:
„Gemütssymptome: Sinnlichkeit, Liebesdrang, Nymphomanie; Wahnsinnszustände; Hysterie. Die Patientin ist sehr hochmütig, schaut verächtlich auf alles und jeden herab. Gefühle von Angst und Schrecken.
Menstruation: wenn die Regelblutung sehr reichlich ist, dickflüssig und pechschwarz …
Stuhl: geht nur mit Schwierigkeiten ab; scheint wie Kitt am After und im Rektum festzuhaften. …
Nasenbluten; dunkles, geronnenes Blut.
Häufig wechselnde Gesichtsfarbe. …
Bandwürmer – wenn die übrigen Symptome passen.“
Hauptsymptome17
Geist und GemütPhantasie-Täuschung, beim Eintritte in das Zimmer, nach einstündigem Fussgange, als sey Alles um sie sehr klein und alle Personen physisch und geistig geringer, sie selbst aber körperlich gross und erhaben; das Zimmer scheint ihr düster und unangenehm; dabei Bänglichkeit, trübe, verdriessliche Stimmung …a

17

Mit a bezeichnete Symptome stammen aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten, einige mit b versehene Symptome sind klinische Beobachtungen aus Jahrs Symptomencodex.

Hoffärtige, stolze Empfindungen.a
Verächtliches, bedauerndes Herabblicken auf sonst ehrwürdige Leute mit einer gewissen Wegwerfung, in Anfällen, ohne ihren Willen.a
Große Gemüths-Unruhe, dass sie nirgends zu bleiben weiss, bei Trübsinnigkeit, die ihr auch das Erfreulichste verleidet; sie glaubt, sie passe nicht in die Welt, ist des Lebens überdrüssig, hat aber vor dem nahe geglaubten Tode grossen Abscheu.a
Stolz und Selbstüberschätzung; sieht mit Hochmut auf andere herab.
KopfTaubheits-Gefühl im Vorderkopfe, wie eingeschnürt …a
Klammartiges [krampfartiges], ziehendes Zusammenschnüren im Kopfe, von Zeit zu Zeit, besonders um die Stirn; es beginnt schwach, steigt heftig und endet schwach.a
Kopfschmerz, der allmählich zunimmt, bis er sehr heftig ist; dann lässt er genauso langsam wieder nach.
[Krampfhaftes Zusammenziehen fährt plötzlich von der rechten Schläfe zur linken durch den Kopf;] drauf Taubheits-Gefühl, wie zu festgebunden …a
Kriebeln, wie Ameisenlaufen, in der rechten Schläfe, dann an der Seite des Unterkiefers herab, mit Kälte-Gefühl.a
GesichtSpannendes Taubheits-Gefühl in den Jochbeinen und Warzenfortsätzen, als wäre der Kopf zusammengeschraubt.a
Klammartiges, schmerzliches Taubheits-Gefühl im linken Jochbeine.a
Kälte-Gefühl, Kriebeln und Taubheit in der ganzen rechten Gesichts-Seite.a
MagenBei der Verächtlichkeits-Laune, plötzlich Heisshunger und gieriges, hastiges Essen …a
Gähren in der Magen-Gegend.a
RektumOefteres Noththun mit geringem Stuhle, der nur stückweise, nach starkem Pressen erfolgt, unter schmerzlichem Schwäche-Gefühl und Straffheits-Empfindung in den Bauch-Muskeln.a
Stuhlverstopfung: nach Bleivergiftung b; auf Reisena; … hartnäckige Fälle, nach Versagen von NUX nux vomicaVOMICA
Weibliche GenitalienVulva beim Koitus schmerzhaft empfindlich.
Schmerzhafte Empfindlichkeit und anhaltendes Drücken am Schamberge und in den Geburtstheilen …a
Wollüstiges Kriebeln in den Geburtstheilen und im Bauche …a
Schmerzliches Herabpressen nach den Geburtstheilen, wie zur Regel …a
Den ersten Tag der Regel, Abgang viel geronnenen Blutes.a
Regel um 14 Tage zu früh und sehr stark.a
Regel 6 Tage zu früh …, 8 Tage lang …a
RückenIm Schwanzbeine [Steißbein], Taubheits-Gefühl, wie nach Schlag, im Sitzen.a
ExtremitätenStrammen der Oberschenkel im Sitzen, wie zu fest umwickelt, mit Schwäche-Gefühl darin.a
Zittrige kriebelnde Unruhe in den Unterschenkeln, im Sitzen mit Taubheits- und Erstarrungs-Gefühl …a
NervenDie von Klamm-Schmerz ergriffenen Stellen schmerzen beim Drücken wie gestossen.a
Schmerzliches Taubheits-Gefühl, wie von einem Schlage hie und da, besonders am Kopfe, stets auf kleinen Stellen.a
Ausgeprägte Taubheitsempfindungen.
Weitere wichtige oder seltsame Symptome
Traurig und verdriesslich, den ersten Morgen, den folgenden unbeschreiblich selig, besonders im Freien, dass sie hätte Alles umarmen und über das Traurigste lachen mögen.a
Sie mag ihre Kinder nicht, nennt sie zu klein und gering.
Jeder ernste Gedanke erschreckt sie.
Aengstlichkeit mit Zittern der Hände und überwallender Hitze.a
Angst, wie zum Sterben, als wolle die Besinnung vergehen, mit Zittern in allen Gliedern, Athem-Beklemmung und starkem Herzklopfen.a
Sehr ärgerlich und leicht heftig; er hätte Unschuldige prügeln mögen.a
Uneins mit der ganzen Welt, ist ihr alles zu enge, bei Weinerlichkeit.a
Stillschweigen und unwillkürliches Weinen …a
Sehr weinerlich und verdriesslich …a
Weinerlichkeit und Trübsinn schlimmer im Zimmer, besser im Freien.a
Weint vor Schmerzen.
Bei Heiterkeit des Gemüthes leidet der Körper und umgekehrt, bei Gemüthsleiden ist der Körper wohl. a
Körperliche Symptome verschwinden und Gemütssymptome erscheinen – und umgekehrt.
Es ist ihr, als gehöre sie gar nicht in ihre Familie; es kommt ihr, nach kurzer Abwesenheit, Alles ganz anders vor.a
Gestörter Gemütszustand; religiöse Affektionen, verbunden mit Schweigsamkeit, Überheblichkeit, Lüsternheit und Grausamkeit.
Geistesstörung nach Schreck und Aerger b; nach Kummer.
Starker Schwindel, dass sie die Augen nicht bewegen darf …a
Gefühl, als ob der Kopf vergrößert wäre.
Gefühl von Wasser in der Stirn.
Taubes Gefühl im Gehirn.
Kopfweh, nach dem Schwindel, wie Zerreissen und Zerfetzen.a
Kältegefühl in den Augen.
Kribbeln in den Augenwinkeln.
Gefühl, als zöge kalte Luft in das rechte Ohr.a
Wie verbrannt auf der Zunge …a
Bleikolikb: Schmerz in der Nabelgegend, zieht bis in den Rücken; Patient schreit und versucht die Schmerzen zu lindern, indem er alle möglichen Stellungen ausprobiert.
Eierstöcke entzündet, mit brennenden Schmerzen in Anfällen.
Ovarialtumoren und -zysten.
Scheußliches, heftiges Jucken in der Gebärmutter (bei Spinalreizung).
Indurierter und prolabierter Uterus …; Genitalbereich schmerzhaft berührungsempfindlich; Vaginismus.
Schmerzhafte Empfindlichkeit der Vulva mit innerer Kälteempfindung.
Clarke (Dictionary) erklärt, dass der ursprüngliche Name von Platinum Platiña war, ein spanisches Wort etwa der Bedeutung ‚wie Silber‘.18

18

Laut Duden ist Platiña (Hahnemann schreibt es auch Platigne) die ältere spanische Verkleinerungsform von Plata (de argento) = (Silber-)Platte. Wohl von dem griech. platys (platt, flach) abgeleitet.

Er schreibt: „Hahnemann kam als erster auf die Idee, es als Arznei zu verwenden, und seine Prüfung in den Chronischen Krankheiten bildet die Basis unseres Wissens von seiner Wirkung. Ein charakteristisches Symptom, das entweder allein oder zusammen mit anderen auftreten kann, hat häufig zur Heilung mit Platinum geführt: ein verlorener Sinn für Proportionen, sowohl in visueller wie mentaler Hinsicht. Gegenstände wirken optisch klein, und der Patient beurteilt sie auch verstandesmäßig als klein. Auf der seelischen Ebene manifestiert sich dies als Stolz und Hochmut: Die Patientin (es handelt sich meist um Frauen19

19

Nach Vithoulkas (Homöopathisches Seminar, Band 2) kommen auf 8 Frauen 2 Männer.

) sieht auf alles und jeden herab. … Ein weiteres Leitsymptom ist das Auftreten von Spasmen und schmerzhaften Krämpfen, die sich zu Konvulsionen entwickeln können. … Ein drittes ist das Alternieren von körperlichen und seelischen Symptomen.“ So konnte Nash einen hartnäckigen Fall von Geisteskrankheit heilen, bei dem die psychischen Symptome mit Schmerzen entlang der gesamten Wirbelsäule abwechselten. Clarke erklärt weiter: „Die psychische Störung kann bisweilen die Form eines Tötungsverlangens annehmen. Jahr hat mit Platinum eine Frau geheilt, die unter Zwangsgedanken litt, ihr Kind töten zu müssen; und Jules Gaudy berichtet von der Heilung einer Frau, die von fast unbezähmbaren Impulsen gequält wurde, ihren Mann umzubringen, den sie leidenschaftlich liebte und mit dem sie vollkommen glücklich war.“

Plumbum

Weitere Namen: Metallisches oder essigsaures Blei
Eine wichtige Indikation für die Verwendung von Plumbum (ich habe sie selbst bestätigt gefunden) ist Hyperästhesie in Verbindung mit Lähmung oder Kraftlosigkeit. Ich habe diesen Hinweis in den Leitsymptomen Nashs entdeckt; er schreibt: „Ich heilte einst mit Plumbum einen sehr schweren Fall von postdiphtherischer Lähmung. Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters, dessen untere Extremitäten vollständig gelähmt waren, und gleichzeitig bestand ein Symptom, das ich in einem solchen Fall weder davor noch danach je wieder gesehen habe, nämlich eine extreme Hyperästhesie der Haut. Er konnte es nicht ertragen, irgendwo berührt zu werden, so sehr tat ihm dies weh. Nach langem Suchen fand ich diese Überempfindlichkeit in Allens Encyclopedia präzise beschrieben.20

20

Vgl. z.B. Symptom Nr. 3798, das im Original (es stammt von J. O. Müller, vgl. S. 768) folgendermaßen lautet: „Zu diesem ‚Zustande nervöser Reizbarkeit‘ gesellt sich eine eigenthümliche Hyperästhesie der Hautnerven von solch hohem Grade, dass es oft nicht möglich ist, die Körperoberfläche an irgend einer Stelle zu berühren, ohne den heftigsten Schmerz (von Geschrei und Weinen begleitet) hervorzurufen.“

Zusammen mit der Lähmung schien mir dieses Symptom ein guter Grund zu sein, Plumbum zu verabreichen. Der Patient erhielt eine Dosis von Finckes 40M, und das Resultat war eine schnelle und stetige Besserung, bis schließlich völlige Heilung erreicht war. … Eine Wiederholung war nicht erforderlich.“
Nun zu dem Fall, bei dem mich Nashs Beschreibung inspiriert hat, Plumbum zu geben: Eine robuste, etwas füllige Frau mittleren Alters entwickelte nach einer Erkältung partielle Lähmungserscheinungen, sodass sie stationär bei uns aufgenommen werden musste. Daneben bestand eine so ausgesprochene Hyperästhesie, dass selbst das Pulsfühlen ihr zur Qual wurde. Schließlich musste diese Prozedur ganz entfallen, weil sie davon nicht nur das ‚Bibbern‘, wie sie es nannte, bekam, sondern anschließend sogar ihr Arm anschwoll. Plumbum normalisierte die Empfindlichkeit ihrer Haut und stellte ihre motorischen Fähigkeiten wieder her, sodass sie wieder ohne Hilfe ein selbständiges Leben führen konnte; sie fand dann sogar eine Stelle als Sekretärin im Kriegsministerium (damals wütete gerade der Weltkrieg). Noch lange danach pflegte sie bei der geringsten Andeutung eines Rückfalls (der niemals wirklich eintrat) zu mir zur Behandlung zu kommen. Wegen dieser Erfahrung wird mir jene wichtige Indikation für Plumbum, die Nash entdeckt und besonders hervorgehoben hat, Hyperästhesie in Verbindung mit Lähmung, stets im Gedächtnis bleiben.
Eine weitere wichtige Indikation ist Extreme Abmagerung der gelähmten Glieder, ein Zeichen, das freilich erst in späteren Stadien der Bleivergiftung zum Vorschein kommt.
Und noch ein Merkmal von Plumbum: Retraktion von Teilen des Körpers. Der ‚Kahnbauch‘ dieses Mittels ist nicht nur von der Empfindung begleitet, als würde der Nabel zur Wirbelsäule gezogen oder als wäre er dort angeheftet (platinumPLATINUM), vielmehr ist bei Plumbum der Bauch tatsächlich eingezogen; er kann so hart und schmerzhaft sein, dass sich der Patient am Boden wälzt und beide Fäuste oder irgendwelche Gegenstände mit aller Kraft gegen den Bauch presst. Die Prüfungs- bzw. Vergiftungsberichte drücken es so aus: „Der Nabel schien an dem Rückgrate angeheftet zu sein, und die Schmerzen nahmen auch die Brustgegend ein“ (Hartlaub/Trinks). – „Quälendes Reißen in den Gedärmen …“ – „Sehr starke Schmerzen in der Nabelgegend, als ob die Gedärme verdreht würden, besonders in der unmittelbaren Umgebung des Nabels.“ – „Starke Retraktion der Bauchdecke zur Wirbelsäule und ein hartes, knotiges Gefühl in den Muskeln an verschiedenen Stellen der Bauchwand“ (Allen). – „Gefühl, als ob die Bauchdecke einwärts gezogen würde; als ob Abdomen und Rücken zu nah beieinander wären.“ – „Heftige Kolik; Bauch wie von einer Schnur zur Wirbelsäule eingezogen; … > durch Reiben oder starken Druck; Abdomen steinhart; … ängstlich, mit kaltem Schweiß und größter Schwäche“ (Hering) und so weiter. So stellen sich einige der Charakteristika einer ‚Malerkolik‘ bzw. Bleivergiftung dar.
Blei ist ein starkes und tiefwirkendes Gift, das eine Degeneration sämtlicher Gewebe des Körpers bewirkt. Es beeinträchtigt die Blutbildung, was zu Auffälligkeiten an den roten Blutkörperchen [basophile Tüpfelung] und zu Anämie führt. Es greift Nerven und Muskeln an, mit der Folge von schmerzhaften Krämpfen, Verhärtungen, Erweichungen, Kontrakturen und Atrophie, mit „klinischen Erscheinungsbildern wie Kolik, Paralyse, Arthralgie oder auch Enzephalopathie.“ Plumbum ist daher – bei Übereinstimmung der Symptome – ein machtvolles Heilmittel, und selbst dort, wo die Zerstörung so weit fortgeschritten ist, dass Heilung nicht mehr möglich ist, wird es noch palliativ wirken. Unter anderem genießt es einen Ruf bei Koliken mit Lähmung der unteren Gliedmaßen, bei inkarzerierten Hernien sowie bei Invagination mit Koliken und Koterbrechen. (Nur darf man bei den Brucheinklemmungen nicht zu lange mit der Mittelgabe oder dem Versuch, den Bruch zu reponieren, warten; die Blutversorgung könnte sonst durch die abgeknickten Darmgefäße so lange gestört gewesen sein, dass der Darm bereits gangränesziert ist.
Auch andere Körperteile können unter der Einwirkung von Plumbum retrahiert werden. Zwei Beispiele aus dem Bereich von Rektum und Anus: „Unerträgliche Schmerzen durch Mastdarmkrämpfe – ein schreckliches Gefühl von Einschnürung und krampfhaftem Zusammenziehen, sehr viel schlimmer bei festem Stuhl; … wenn die Entleerungen nicht flüssig waren, litt er äußerste Qualen.“ (Hering) – „Der After war stark zusammengeschnürt und nach aufwärts gezogen.“ (Hartlaub/Trinks)
Viele Plumbum-Symptome sind denen von platinumPLATINUM sehr ähnlich, das, soweit ich weiß, das einzige andere Mittel ist mit jener Plumbum-Empfindung von „ziehenden Schmerzen im Nabel wie von einer Schnur, die die Bauchdecke einwärts zu ziehen scheint“. Aufgrund der Ähnlichkeit seiner Empfindungen und Schmerzen mit denen der Bleivergiftung ist PLATINUM auch erfolgreich bei Malerkolik (Bleikolik) eingesetzt worden.
In ihrer Gemütsart sind die beiden Mittel jedoch grundverschieden. Indifferenz, Depression, Somnolenz, Melancholie sind die Charakteristika von Plumbum; es hat nichts von der Arroganz, dem Stolz und der Selbstüberschätzung, die für PLATINUM so typisch sind.
Kent hebt bei Plumbum den verlangsamten, zur Paralyse tendierenden Allgemeinzustand hervor. „Alle Aktivitäten des Körpers, alle Organfunktionen sind deutlich verlangsamt. Die Nerven übermitteln ihre Signale nicht mehr mit der üblichen blitzartigen Geschwindigkeit; die Muskeln arbeiten träge und schwerfällig. Zunächst entsteht Parese, dann Paralyse, zuerst einzelner Teile und schließlich des Ganzen. … Auch das Denken ist verlangsamt. Im Gespräch mit einem solchen Patienten werden Sie sich fragen, worüber er wohl die ganze Zeit nachdenkt, während er sich eine Antwort überlegt. … Wenn Sie ihn mit einer Nadel stechen, müssen Sie eine volle Sekunde warten, ehe er reagiert. … Bei akuten Erkrankungen besteht eine eigentümliche Hyperästhesie der Hautnerven, während die chronischen Leiden eher durch Empfindungslosigkeit gekennzeichnet sind. Taubheit der Finger und Zehen, der Handflächen und Fußsohlen. …
Der Patient magert fast bis zum Skelett ab; die Haut wird runzlig, faltig, welk und liegt an vielen Stellen dicht auf den Knochen auf. … Schmerzhafte Körperteile verkümmern. …
Plumbum passt für schleichend sich entwickelnde, chronische Fälle, die keine Genesungstendenz erkennen lassen. Spinale progressive Muskelatrophie; fortschreitende Lähmung.“
Zur Illustration der Indikation „urämisches Koma“ schildert Kent einen klinischen Fall: Die Frau eines Arztes hatte seit mehreren Tagen keinen Harn mehr gelassen und war seit zwei Tagen bewusstlos. Die Katheterisierung hatte ergeben, dass die Blase leer war. Bevor sie ins Koma geraten war, war ihre geistige Verlangsamung aufgefallen, und dann klagte sie über ein beständiges Ziehen am Nabel, als würde dieser von einer Schnur zum Rückgrat gezogen. Mitten in der Nacht kam nun der Kollege in großer Sorge zu Kent: Seine Frau befinde sich im tiefen Koma, sei totenblass und atme nur sehr langsam. „Eine einzige Gabe Plumbum in Hochpotenz – und nach wenigen Stunden schied sie Urin aus und konnte das Bett verlassen. Es war ihr erster und letzter Anfall dieser Art.“
Solche Arzneien sind es sicherlich wert, eingehender studiert und tiefer begriffen zu werden. Welch wunderbare Macht ist doch die Homöopathie! Finden Sie das richtige Mittel, wirkt es – ein scheinbares Nichts – wahre Wunder; verfehlen Sie aber das Mittel, dann war es auch wirklich nichts!
Kent weist ferner auf ein ausgesprochen hysterisches Element in der Psyche von Plumbum hin: die Neigung, etwas vorzutäuschen, Krankheit zu simulieren oder vorhandene Beschwerden zu übertreiben.
Bei seiner Beschreibung einer Frau, die in Selbstmordabsicht Bleiacetat eingenommen hatte, wird man stark an tarantulaTARANTULA erinnert: „Sie geriet in einen stundenlangen hysterischen Zustand und simulierte eine Ohnmacht, wenn jemand in ihrer Nähe war. Sobald sie sich aber unbeobachtet fühlte, stand sie auf, ging umher und bewunderte sich im Spiegel. Hörte sie dann Schritte auf der Treppe, legte sie sich rasch wieder aufs Bett und stellte sich bewusstlos. Selbst wiederholtes Stechen mit einer Nadel ertrug sie ohne erkennbare Reaktion, und es war kaum erkennbar, ob sie überhaupt atmete.“
Bei Koliken beugt sich der Plumbum-Patient nach hinten (dioscoreaDIOSCOREA; umgekehrt: colocynthisCOLOCYNTHIS). Kent weist auf die Neigung von Plumbum hin, im Bett die seltsamsten Lagen und Positionen einzunehmen.
Plumbum ist ein hochgradig emotionales Mittel, der Intellekt hingegen ist verlangsamt.“
In Hughes' Pharmacodynamics heißt es: „Das erste Symptom der Bleivergiftung ist neben der Bleikolik die Fallhand, als Folge einer Lähmung der Streckmuskeln des Unterarms (mit begleitender Muskelatrophie). Schwerere Vergiftungen rufen eine Art Degeneration an sämtlichen Geweben hervor. Man findet Verhärtung oder Erweichung der Nervenzentren, und im Laufe der Zeit können Kopfschmerz, Erblindung, Neuralgie, Lähmung, Empfindungslosigkeit, Epilepsie auftreten. Das Muskelgewebe atrophiert oder bildet Kontrakturen. Die Nieren schrumpfen. Es kommt zu einem vollständigen Verfall der körperlichen und geistigen Kräfte, verbunden mit tiefer Melancholie. Die Störung der Nährstoffversorgung zeigt sich in dem anämischen und kachektischen Aussehen des Kranken, der gewöhnlich eine gelbliche Verfärbung der Haut (Ikterus saturninus)21

21

Der Planet Saturn war bei den Alchimisten das Symbol für Blei.

aufweist.“
Er schreibt, dass das Auftreten der für die Bleivergiftung typischen abdominellen Zeichen unmittelbar auf Plumbum als Heilmittel verweist, wenn kolikartige Bauchschmerzen und Obstipation bestehen, entweder gemeinsam oder auch jedes für sich allein. „In der Tat kenne ich kein besseres Beispiel für die Wahrheit des Ähnlichkeitsgesetzes als die wunderbare Wirkung von Plumbum bei solchen Zuständen. … Wir verlassen uns auf diese Arznei bei allen Formen des Ileus, denen keine mechanische Ursache zugrunde liegt; doch selbst bei eingeklemmten Hernien kann es zuweilen hilfreich sein.“ Er berichtet von einem eindrucksvollen Fall Dr. Hollands: „Der Patient hatte seit zwei Tagen unter quälendsten Bauchkrämpfen gelitten, mit Erbrechen sowie Anurie und Stuhlverhaltung. Ein Körnchen Plumbum aceticum D 3 wurde verabreicht, und in weniger als zehn Minuten schlief er ein; als er nach vielen Stunden schmerzfrei erwachte, konnte er seinen Darm um eine Menge Kotballen erleichtern. Am nächsten Tag war er wohlauf.“
Hughes fährt fort: „Die Verknüpfung von Kolik mit Obstipation bzw. von Obstipation mit Kolik ist stets eine spezielle Indikation für Plumbum – als Heilmittel für beide Zustände. … Die chronische Verstopfung, bei der sich das Mittel als so hilfreich erweist, kann aber auch völlig schmerzfrei sein, und ebenso sind neuralgische Leibschmerzen durch Plumbum geheilt worden, selbst wenn die Darmtätigkeit ganz regelmäßig war. In solchen Fällen kann das Gefühl von Einziehung des Abdomens … oder, wie von Bähr beobachtet wurde, dessen objektiv harter, gespannter Zustand zur Wahl des Mittels führen.“
Hughes führt insgesamt sechs Aspekte der Bleivergiftung an:
  • 1.

    Die bereits erwähnten kolikartigen Bauchschmerzen, „stets durch Druck gebessert, und dies um so mehr, je stärker er ausgeübt wird“.

  • 2.

    Die Paralyse, die mit der Fallhand ihren Anfang nimmt. Die Lähmungen treten eher partiell als generalisiert auf; so seien z.B. Lähmungen bestimmter Muskeln beobachtet worden, ohne dass andere Muskeln, die vom selben Nerv versorgt werden, in Mitleidenschaft gezogen worden wären. „Immer besteht eine ausgeprägte Atrophie der befallenen Muskeln, und manchmal generalisiert sich dieser Zustand auf den ganzen Körper, sodass der Patient einem wandelnden Skelett gleicht. Die Muskeln sind, wenn sie post mortem untersucht werden, atrophiert und blass und sehen zuweilen wie weißes Bindegewebe aus.“ Hier erwähnt er die progressive Muskelatrophie als mögliche Indikation und bringt ein Fallbeispiel: Bei einem Patienten, der einem wandelnden Skelett glich, brachte das Vorhandensein fibrillärer Zuckungen in den gelähmten Muskeln den behandelnden Arzt auf die Verschreibung von Plumbum – mit sehr zufriedenstellendem Ergebnis.

  • 3.

    Die neuralgischen und spasmodischen Schmerzen [nicht nur bei den Bauchkoliken, sondern auch in den Extremitäten]; sie können einen blitzartigen, lanzinierenden Charakter haben, der an die Schmerzen bei der lokomotorischen Ataxie [Tabes dorsalis] erinnert.

  • 4.

    Die Enzephalopathie mit den entsprechenden zerebralen Symptomen; manchmal sind diese urämischen Ursprungs, im Allgemeinen aber primär. Die ersten Symptome sind dabei zumeist heftige Kopfschmerzen und Blindheit, dann können manische oder melancholische, am häufigsten aber eklampsieähnliche Zustände hinzukommen; die Konvulsionen sind von epileptiformem Charakter, und die dazwischenliegenden Intervalle werden nicht selten von Koma oder Delirium ausgefüllt. Bezüglich der Epilepsie sagt Hughes: „Ich bin einer Meinung mit Bähr, wenn er Plumbum zusammen mit CUPRUM cuprumals das Mittel einstuft, von dem man in gesicherten, inveterierten Fällen dieser Krankheit am meisten erwarten kann.“

  • 5.

    Seine Wirkung auf die Harnwegsorgane. Es tritt vermehrt Schleim im Urin auf, mit Reizung der Blasenschleimhaut. Plumbum soll chronische Erkrankungen der Harnwegsorgane geheilt haben. Seine Wirkung auf die Nieren führt schließlich zur kleinen Granularniere [Schrumpfniere mit gekörnter Oberfläche], die die schwerste Form der Bright-Krankheit darstellt. Beim Lebenden gilt als Erkennungszeichen des sich entwickelnden Nierenschadens eine Albuminurie.

  • 6.

    Die Amaurose, die sekundär zum Nierenschaden auftreten und mehr oder weniger vorübergehender Natur sein kann; sie kann aber auch selbständig auftreten – in Form einer Sehnerventzündung mit dem typischen Zentralskotom.

Wie aus den genannten Fällen zu ersehen ist, kann Plumbum seine großartige Heilkraft sowohl in einzelnen Hochpotenzgaben als auch nach Art der ‚Niederpotenzler‘ verabreicht entfalten. Hauptsache ist, dass die Arznei nach Symptomenähnlichkeit ausgewählt wurde; über die Darreichungsform kann man bis zu einem gewissen Grad streiten. Beide werden wirken; doch nach meiner Erfahrung sind es gerade die höchsten Potenzen – wenn ich sie zu benutzen wage –, die die größten Wunder vollbringen. Allerdings haben mir gelegentliche Zwischenfälle gehörigen Respekt vor diesen Gaben eingeflößt, die manch anderer als phantastische Nichtigkeiten ansieht. Dr. H. C. Allen wird der Ausspruch zugeschrieben: „Meine Herren, Potenzen können töten!“
Eines des Hauptsymptome von Plumbum in den Guiding Symptoms lautet:
Paralyse: zuvor geistige Verwirrung, Zittern und Krämpfe – oder auch stechende, -lanzinierende, reißende, heftige Schmerzen in den größeren Nervenbahnen; mit Abmagerung der betroffenen Teile; Fallhand [Radialislähmung]; Lähmung infolge von Apoplexie, Zerebralsklerose oder fortschreitender Muskelatrophie; im Wechsel mit Kolik22

22

Dieses Symptom muss in den Guiding Symptoms durch Semikola eingeschlossen sein (ebenso wie das vorangehende); dennoch ist eine „Lähmung im Wechsel mit Koliken“ nur schwer vorstellbar, sodass hier möglicherweise ein Irrtum vorliegt. Vielleicht ist das gemeint, was Boericke in seinem Handbuch schreibt: „Schmerzen in atrophierten Gliedmaßen im Wechsel mit Kolik“, vielleicht aber auch die Beobachtung, die von Hartlaub und Trinks mitgeteilt wird: „Beim Eintritt der Lähmungen lassen die krampfhaften Schmerzen im Unterleibe in manchen Fällen nach“ (Reine Arzneimittellehre, Band 1, S. 56).

; besonders nach Apoplexie, mit rascher Abmagerung, Schwund und Gefühlsverlust der betroffenen Teile; ‚Lähmungen, insbesondere der Arme, mit Schmerz, Trockenheit und Todtenblässe der stets kalten Haut‘ 23

23

In den GS heißt es irrtümlich „hands“ statt skin. Diese Indikation aus Hartmanns Specielle Therapie (Bd. 2, S. 337) wurde nicht korrekt in Rückerts Klinische Erfahrungen (Bd.4, S. 475) übernommen, sodass aus Haut „Hand“ wurde.

.“
Boericke schreibt über Plumbum: „Das große Mittel für sklerotische Zustände. Von der Bleilähmung sind hauptsächlich die Streckmuskeln betroffen, besonders im Bereich des Unterarms oder der ganzen oberen Extremität …, mit partieller Anästhesie oder extremer Hyperästhesie; der Lähmung gehen Schmerzen voraus. Lokalisierte neuralgische Schmerzen; Neuritis. Blut, Gefäßsystem, Verdauungsapparat und Nervensystem sind die besonderen Wirkungssphären von Plumbum. Die Blutbildung ist gestört, rapide Verminderung der roten Blutkörperchen; daher Blässe, Ikterus, Anämie. Zusammenschnürungsgefühl in inneren Organen.“
Hauptsymptome24
Geist und GemütLangsame Auffassungsgabe.

24

Hauptsächlich aus Allens Encyclopedia; die mit a bezeichneten Symptome entstammen der ersten Arzneimittelprüfung durch Hartlaub, veröffentlicht in Band 1 der Reinen Arzneimittellehre von Hartlaub/Trinks. Ein mit b versehenes Symptom stammt aus dem umfangreichen Vergiftungsbericht von J. O. Müller in der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Ärzte Oesterreichs 1857, Band 1, S. 49.

Gedächtnisschwäche, sodass er beim Reden oft nicht das richtige Wort finden konnte.
Kopf, GesichtKopfschmerz.a
Fahles, blasses Gesicht. – Gesichtsfarbe fahl.
MundDeutliche blaue Linie entlang des Zahnfleischrands.
Dunkelblaue Linie auf dem Zahnfleisch.
Zahnfleisch: bleich; geschwollen; zeigt einen bleifarbenen Saum; blau, purpurn oder braun; mit schmerzhaften, harten Knoten.
Atem übelriechend.
HalsZusammenschnürung des Halses.a
MagenVerlust des Appetits.a
Uebelkeit.a
Immerwährendes Erbrechen.a – Erbrechen des Genossenen.a – Häufiges Erbrechen.a
AbdomenÄußerst heftige Schmerzen in der Nabelgegend, die in andere Teile des Abdomens schießen, durch Druck etwas gebessert.
Der Nabel schien an dem Rückgrate angeheftet zu sein …a
Kolik.a – Heftige Leibschmerzen.a
Heftigste Schmerzen im Bauch, die von dort in alle Teile des Körpers ausstrahlen.
StuhlObstipation: hart, kugelig, wie Schafkot; mit Drängen und schrecklichen Schmerzen durch Zusammenschnüren oder Krampf im After …
HarnorganeBright-Krankheit; Schrumpfniere.
Erschwerter Urinabgang.a
Eiweißhaltiger Urin.
Urin dunkel und spärlich, wird nur tropfenweise entleert.
Weibliche GenitalienVaginismus.
ExtremitätenHeftige Schmerzen in den Gliedmaßen; besonders abends und nachts; vor allem in den Muskelpartien der Oberschenkel.
Neuralgische Schmerzen in den Extremitäten.
Die Schmerzen in den Gliedern steigern sich in Anfällen, die so heftig sind, dass er aufschreit.
Zuckungen, Zittern, Taubheit der Gliedmaßen.
Schmerzen in den Gliedern.a
Die Schmerzen in den Gliedern verschärfen sich des Nachts.a
Fallhand.
Sehr heftige neuralgische Schmerzen. … in den Beinen
Äußerst heftige Schmerzanfälle. … in den Beinen
Blitzartige Schmerzen in den unteren Extremitäten.
Gelenkschmerzen.
Schmerzen in Rumpf und Gliedmaßen.
NervenConvulsionen.a
Lähmungen.a
Allgemeine Prostration.
Mattigkeit.
Ohnmachten.a
Unbehaglichkeit, Unruhe.
Eigenthümliche Hyperästhesie der Hautnerven.b,25

25

Zu diesem Symptom merkt J. O. Müller an: „Unter allen Zufällen von Bleivergiftung zählt die Hyperästhesie der Hautnerven zu den auffallendsten und tritt zuweilen für sich allein, ohne sonstige Nebenbeschwerde, auf.“

Empfindungslosigkeit.
GewebeAuszehrung.a
Anämie.
Völlige Auszehrung mit Anämie und großer Schwäche; Abmagerung der gelähmten Glieder, gefolgt von Schwellung.
Muskelatrophie infolge Sklerose des zerebrospinalen Nervensystems.
HautTrocken.
Gelbe Haut.
SchlafSchlaflosigkeit. – Völlige Schlaflosigkeit.
Zwei Autopsiebefunde, die in Allens Encyclopedia als Fußnoten auftauchen:
„Die mikroskopische Untersuchung des Gehirns zeigte granuläre, fettige Degeneration der Gefäßwände und Ablagerung großer Mengen von Amyloidkörpern.“
„Das Herz war verfettet, die Herzwände dicker und blasser als normal. Die Nierenkapsel war mit dem Nierenparenchym verwachsen; Zeichen einer interstitiellen Entzündung in den Nieren; fettige Degeneration derselben. Gehirnerweichung.“
Weitere wichtige oder seltsame, beachtenswerte Symptome
Das Delirium kreiste hauptsächlich um die Vorstellung, dass sein Leben durch Mord oder Vergiftung bedroht und jeder in seiner Umgebung ein Mörder sei.
Kopfweh, als ob irgendetwas oben am Kopf ‚arbeiten‘ würde, mit einem Gefühl von Zusammenschrauben von hinten nach vorne.
Empfindung, als ob ein Fremdkörper vom Hals in den Kopf stiege.
Augenlider (wie) gelähmt.
Die Augäpfel fühlen sich zu groß an.
Gewaltsame, laute Bewegung der untern Kinnlade und fürchterliches Zähneknirschen.a
Süsser Geschmack.a
Aufsteigen einer Kugel in den Hals (Globus hystericus).a
Lähmung der Schlundmuskeln und Unvermögen, Speisen niederzuschlucken.a
Aufschwulken süssen Wassers …a
Schweregefühl im Epigastrium, als ob alles nach unten gedrückt würde.
Gefühl, als ob die Bauchdecke einwärts gezogen würde; als ob Abdomen und Rücken zu nah beieinander wären.
Heftige Kolik; Bauch wie von einer Schnur zur Wirbelsäule eingezogen. (platinumPLATINUM)
Ein Gefühl im Unterleib nachts im Bett, das sie zwingt, sich stundenlang heftig zu strecken; hat das Gefühl, sich in jede Richtung strecken zu müssen. Der Wille hierzu reicht allein jedoch nicht aus; es ist, als wäre sie gelähmt.
Im rechten Unterbauch ein Gefühl, als ob ein nicht ganz mit Flüssigkeit gefüllter Beutel darin läge (bei Stuhlverstopfung).
Zusammenschnürung und Hinaufziehen des Afters (introtractio ani).a
Gefühl, als ob im Uterus für den Fötus nicht Platz genug sei; muss sich heftig strecken (bei einer Schwangeren).
[Allgemeine Schwierigkeit, die Füsse auf den Boden zu setzen.] Die Unterfüsse scheinen ihm so tod, als wären sie von Holz …a
Anästhesie oder Hyperästhesie.
Neigung, im Bett die seltsamsten Lagen und Positionen einzunehmen.
Schweiß kann vollkommen fehlen; oder kalter Schweiß mit Blässe.
Stinkender Fußschweiß; an den Sohlen; riecht wie alter Käse.
Nash erzählt von einem interessanten Plumbum-Fall, den ich zum Schluss kurz wiedergeben will. – Ein Mann von über siebzig Jahren wurde von heftigen Leibschmerzen befallen. Schließlich entwickelte sich in der Blinddarmgegend eine große, harte Geschwulst, die äußerst empfindlich war gegen Berührung und die geringste Bewegung. Sie begann eine bläuliche Farbe anzunehmen, und in Anbetracht des Alters und der großen Schwäche des Patienten glaubte man, dass er sterben müsse. Seine Tochter entdeckte jedoch in Raues Special Pathology unter den therapeutischen Hinweisen für Typhlitis die Indikationen für Plumbum. Das Mittel wurde in der 200. Potenz verabreicht, worauf Linderung der Beschwerden und schließlich völlige Genesung folgte.

Psorinum

Weitere Namen: Inhalt von Krätzebläschen
Psorinum ist die erste von Hahnemann geprüfte ‚Nosode‘ – das Produkt einer Krankheit zur Heilung von Krankheiten.
Hahnemanns Psorinum-Prüfung erschien 1833 in Stapfs Archiv. Er benutzte, wie Hering in den Guiding Symptoms schreibt, das „seropurulente Material aus Skabies-Vesikeln“. Gleichzeitig wurden auch von Groß Prüfungen vorgenommen (und drei Jahre später veröffentlicht) – allerdings mit einer anderen Ausgangssubstanz: mit dem Produkt einer „sogenannten Psora sicca“ [Groß], also der „epidermalen Effloreszenz einer Pityriasis-Erkrankung“, wie Hering erklärt.
Ich sage bewusst: Hahnemanns erste Nosode, weil einige Bemerkungen in seinen Schriften die Schlussfolgerung zulassen, dass er auch noch andere Nosoden verwendet hat, „deren reine Wirkungen“ (auf den gesunden Organismus) jedoch „noch lange nicht genug ausgeprüft“ waren, um eine Veröffentlichung zu rechtfertigen. Hahnemann beharrte ja nachdrücklich darauf, dass sämtliche Arzneien umfassend an Gesunden geprüft sein müssen, bevor man ihre Anwendung am Krankenbett lehren oder auch nur empfehlen könne.
Doch will ich eine Passage aus den Chronischen Krankheiten (Band 1, S. 188) wörtlich wiedergeben! Ganz offensichtlich beschäftigte Hahnemann die Frage stark, ob Krankheitsprodukte, die zum Zwecke der Heilung von Krankheiten verwendet werden, isopathisch oder homöopathisch seien – identisch oder nur ähnlich. Wie wir gleich sehen werden, entschied er sich schließlich dafür, dass das Material durch die besondere Art seiner Zubereitung (also durch die Verreibung mit Milchzucker und durch die weitere Potenzierung mittels wiederholter Schüttelschläge, bei einer jedesmaligen Verdünnung von 1 Tropfen Lösung auf 99 Tropfen Alkohol) nicht mehr mit der Ausgangssubstanz identisch sei, sondern verändert werde – eben „ein simillimum“.
Hahnemann schreibt: „Die in folgenden Theilen abgehandelten antipsorischen Arzneien enthalten keine sogenannten isopathischen, da deren reine Wirkungen, selbst die vom potenzirten Krätz-Miasm (Psorin) noch lange nicht genug ausgeprüft sind, daß man sichern homöopathischen Gebrauch von ihnen machen könne. Ich sage, homöopathischen; denn idem bleibt er nicht, wenn man auch den zubereiteten Krätzstoff demselben Kranken eingäbe, von dem er genommen ist, indem er nur, wenn er ihm helfen sollte, in potenzirtem Zustande heilsam seyn könnte, weil roher Krätzstoff, den er ja schon an sich hat, als ein idem ohne Wirkung auf ihn ist. Die Kraft-Entwickelungs-(Potenzirungs-)Bereitung ändert ihn aber ab und modificirt ihn, so wie Blattgold nach seiner Potenzirung nicht mehr im menschlichen Körper unthätiges, rohes (Blatt-)Gold ist, sondern bei jeder Stufe von Potenzirung mehr und mehr modificirt und geändert wird.
So potenzirt und modificirt, ist auch der einzugebende Krätzstoff (Psorin) nicht mehr idem mit dem rohen, ursprünglichen Krätzstoffe, sondern nur ein simillimum. Denn zwischen idem und simillimum giebt es für den, wer nachdenken kann, kein Zwischending; oder, mit andern Worten, zwischen idem und simile kann nur simillimum zwischen inne liegen. Isopathisch und aequale sind mißdeutliche Ausdrücke, die, wenn sie etwas Zuverlässiges bedeuten sollen, nur simillimum bedeuten können, weil sie kein idem (tautòn) sind.“
H. C. Allen stellt in seinen Keynotes of Leading Remedies Psorinum besonders heraus, und in seinen Nosodes räumt er dem Mittel samt seinen Prüfungssymptomen 64 Seiten ein. Merkwürdigerweise versäumt er es aber, darauf hinzuweisen – und sei es nur durch Anführungszeichen –, dass die Einleitung zu seinem Psorinum-Kapitel die wörtliche Wiedergabe des obigen Hahnemann-Zitats darstellt! 26

26

Welche dadurch teilweise auch völlig unverständlich wirkt; so lautet z.B. der erste Satz: „In the subsequent list of antipsoric remedies no isopathic remedies are mentioned …“ Hahnemann bezog sich dabei auf die Bände 2–5 seiner Chronischen Krankheiten, in die er keine ‚isopathischen Arzneien‘ (also das, was wir heute als Nosoden bezeichnen) aufgenommen hat. Bei Allen folgt aber weder eine „list of antipsoric remedies“, noch trifft es zu, dass sein Werk nicht von „isopathic remedies“ (Nosoden) handelt.

Er betont Folgendes: „Psorinum sollte nicht als Mittel gegen die Psora oder die psorische Diathese gegeben werden, sondern – wie jede andere Arznei – strikt individualisierend, d.h. aufgrund der Totalität der Symptome; nur dann werden wir seine wundervolle Wirkung zu sehen bekommen.“
Als Beispiel für den normalisierenden Einfluss des Mittels auf Kopfhaut und Haare führt Allen einen bemerkenswerten Fall an. Es handelte sich um einen jungen Mann mit dunklem Teint und dunkelbraunem Haar, der oberhalb der linken Stirn einen hellen Hautfleck hatte, auf dem eine vollkommen weiße Haarlocke wuchs. Nach Psorinum gewannen Haar und Fleck ihre natürliche Farbe zurück.
Allen schließt sein Psorinum-Kapitel in den Keynotes mit einem Zitat: „Ob seine Herkunft pures Gold sei oder purer Dreck, unsere Dankbarkeit für seine hervorragenden Dienste gebietet es, dass wir nicht danach fragen noch uns darum bekümmern“ (J. B. Bell).
Clarke (Dictionary) schreibt: „Psorinum ist ausschließlich in den Potenzen geprüft worden, und ich kenne in der gesamten Materia medica keine zuverlässigere Prüfung als diese.“ Er bringt eine Reihe von Fällen, die den vielfältigen Nutzen der Arznei aufzeigen, darunter auch solche, bei denen während der Behandlung deutliche Prüfungssymptome in Erscheinung traten.
Sein wichtigstes Leitsymptom ist „Mangelnde Reaktion der Lebenskraft“, und unter diesem Oberbegriff zählt er auf: „Starke Erschöpfung nach akuten Krankheiten; Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit; Nachtschweiße.“ Er erläutert, die Hoffnungslosigkeit und das Verzweifeln daran, jemals wieder ganz gesund zu werden, seien als Teil des allgemeinen Reaktionsmangels anzusehen; Abmagerung und fauliger, widerlicher Körpergeruch könnten diesen Zustand begleiten. „Fäulnis könnte man als das zweite große Leitsymptom des Mittels betrachten“, d.h., all seine Absonderungen haben, wie wir später noch sehen werden, einen ungemein üblen Geruch, seien es solche aus Hautausschlägen, aus den Ohren, sei es Diarrhö, Leukorrhö, Schweiß, Sputum oder was immer sonst.
Clarke führt eine Reihe weiterer typischer Indikationen an, darunter Zustände wie: „Kranke Babys können Tag und Nacht nicht schlafen, sind quengelig und jammern und schreien; oder sie sind den ganzen Tag brav und spielen, finden aber nachts keine Ruhe und rauben einem mit ihrem Geschrei den Schlaf.“ … „Fühlt sich ungewöhnlich wohl am Tag vor Ausbruch einer Krankheit.“ … „Starkes Schwitzen nach akuten Krankheiten, mit Linderung sämtlicher Beschwerden.“ Dann stellt er fest: „Psorinum hat in meiner Praxis mehr Heuschnupfenfälle geheilt als jedes andere Mittel.“ Eigentümliche Empfindungen, auf die er hinweist, sind u.a.: „In der linken Hälfte der Stirn wie betäubt; Stirnkopfschmerz, als hätte das Gehirn nicht Raum genug im Kopfe; Kopfweh, als wolle es bei der Stirne heraustreten; Gefühl, als wäre der Kopf vom Körper getrennt27

27

Diese Angabe Clarkes stammt aus den Guiding Symptoms und geht möglicherweise auf ein Symptom aus der Hahnemannschen Prüfung zurück: „Heftigster Genickschmerz …; stützt er den Kopf auf die Hand, deucht ihm derselbe wie körperlos, als könne er mit der Hand gleich durchfahren.“

; als höre er mit fremden Ohren; die Zähne kleben wie geleimt zusammen; Hände und Füße wie gebrochen. … Der Psorinum-Patient kann es nicht ertragen, wenn sich nachts seine Gliedmaßen berühren; oder er verträgt das Gewicht der Arme auf der Brust nicht“ (lachesisLACHESIS: auf dem Bauch).
Guernsey, Keynotes. – „Die Symptome dieser Arznei sind nahe verwandt mit denen von SULFUR.sulfur Wenn Letzteres angezeigt scheint, aber nicht heilt, studiere man Psorinum.
Trockenes, glanzloses, struppiges Kopfhaar. – Aufstoßen mit dem Geschmack von faulen Eiern; auch (durchfällige) Stühle riechen nach faulen Eiern. – Nach akuten Krankheiten zurückbleibende Schwäche.“
Lassen Sie uns nun, in Form einer Zusammenfassung, auf die tiefen Einsichten und das Wissen Kents zurückgreifen …
Psorinum zeigt in seinem Arzneimittelbild enge Verbindungen zu SULFUR.sulfur Der Psorinum-Patient badet und wäscht sich nicht gern. Die ganze Haut, besonders die Gesichtshaut, sieht schmutzig aus, auch wenn sie gründlich gewaschen worden ist; ein schmuddeliges, unsauberes Aussehen, als wäre die Haut mit einem Schmutzfilm überzogen. Die Haut ist rau, uneben, schuppig und springt leicht auf; blutende Fissuren. Sie ist durch Waschen nicht sauber zu bekommen. Auch die Hände erscheinen immer schmutzig und ungepflegt. Viele Hautleiden werden durch Baden und Bettwärme verschlimmert. Unter der Einwirkung von Wärme entsteht Juckreiz. (Und doch ist Psorinum der frösteligste Mensch auf Erden!) Wundheit, Jucken, Prickeln, Kribbeln und Bluten der Haut.
Ekzeme verschlimmern sich nachts, in der Bettwärme, durch warme Umschläge, durch alles, was die Luftzufuhr unterbindet. „Dies ist das genaue Gegenteil des Allgemeinzustandes von Psorinum, der sich im Freien verschlechtert.“ (Der Patient mag nicht an die frische Luft, will sich von ihr fernhalten, aber seine Haut braucht sie. Es sind gerade diese widersprüchlichen Symptome – wo Modalitäten des ganzen Menschen und solche einzelner Körperbereiche einander widersprechen –, die das Verschreiben wesentlich erleichtern können. Ein anderes Beispiel ist der leicht frierende phosphorusPHOSPHORUS-Typ 28

28

Es gibt auch einen ‚warmblütigen‘ phosphorus-Typ.

, den es gleichwohl nach Eiscreme für seinen leidenden Magen und nach Mengen von eiskalten Getränken verlangt; oder der typische arsenicumARSENICUM-Patient, der bis zum Kinn in Decken eingepackt ist, aber seinen Kopf am liebsten aus dem Fenster stecken würde.) „Das aus den Ausschlägen austretende Sekret verbreitet einen Übelkeit erregenden, aashaften Gestank.“
Dieser abstoßende Geruch zieht sich durch das ganze Arzneimittelbild von Psorinum: fötide Ausdünstungen, fötider Atem; Hautsekrete, Stuhl, Schweiß, Fluor – alles widerwärtig stinkend. Diarrhö, Flatus, Eruktationen riechen nach faulen Eiern. Sowohl der Geruch als auch der Anblick des Psorinum-Patienten sind gleichermaßen abstoßend.
Aus Augen, Nase und anderen Körperteilen: gelbgrüne Absonderungen von entsetzlichem Geruch.
Schwäche: schlimmer im Freien; bekommt dort nicht genügend Luft, kann nicht so gut atmen, wenn er aufrecht stehen muss; um besser atmen zu können, möchte er nach Hause und sich hinlegen. Er braucht, was bei Atemnot eher ungewöhnlich ist, einen warmen Ort, wo er liegen kann und wo er allein und ungestört ist. Bei Atemwegsbeschwerden, wie z.B. bei Asthma, liegt er auf dem Rücken, die Arme weit vom Körper abgespreizt, quer über das ganze Bett, um das Atmen zu erleichtern. Je näher er die Arme zum Körper bringt, desto schlechter bekommt er Luft.
Bei Fiebererkrankungen sind Hitze und Schweiß stark ausgeprägt; „die Haut ist von dampfendem Schweiß bedeckt.“ Die Fieberhitze ist so groß wie bei belladonnaBELLADONNA, aber es ist nicht die trockene Hitze dieses Mittels; heiße, dampfige Luft unter der Bettdecke. (Oder auch, wie so oft, das gerade Gegenteil: Der Patient ist mit seinen Kräften völlig am Ende, etwa nach einer Typhuserkrankung, und dann „schwitzt er schon, wenn er sich im Bett nur umdreht, bei der geringsten Anstrengung, und der Schweiß ist kalt“.)
Zum Thema Stuhlgang vermerkt Kent: „Bei Psorinum finden wir den plötzlichen Stuhldrang von SULFUR,sulfur die Flatulenz von oleanderOLEANDER und ALOE aloesowie die Schwierigkeit, selbst weichen Stuhl herauszupressen, von ALUMINAalumina, CHINA chinaund NUX nux moschataMOSCHATA.“
Der Psorinum-Typ hasst jegliche Zugluft; er friert auf dem Kopf, sodass er selbst im Sommer eine Pelzmütze trägt.
Auf der psychischen Ebene finden sich einige recht ausgeprägte Merkmale: Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit; glaubt, dass er bankrottgehen und im Armenhaus enden werde; dass er sich durch seine Sünden um sein Seelenheil gebracht habe. Er kann sich nicht an seiner Familie erfreuen, meint, dass ihm solche angenehmen Dinge nicht vergönnt seien! Voller Ängstlichkeit, bis hin zu Selbstmordgedanken; glaubt nicht, dass er jemals wieder gesund werden könnte.
Psorinum ist – vor der Behandlung – alles andere als ein idealer Gesellschafter; er ist ganz und gar kein „reizender junger Mann für ein kleines Teekränzchen“ wie der durch Dickens [„Bleakhouse“] berühmt gewordene Mr. Guppy.
Ich selbst habe Psorinum bisher keineswegs häufig verschrieben; vielleicht habe ich sein ‚inneres Wesen‘ noch nicht gut genug verstanden, um es auch in anderen Fällen erkennen zu können als in den ganz charakteristischen, wo es einem direkt ins Auge sticht und man es kaum übersehen kann. Doch an ein paar Fälle, bei denen ich das Mittel eingesetzt habe, kann ich mich gut erinnern.
Ein junges Mädchen, das an Schwindsucht litt und zu einem baldigen Tode verurteilt schien, kam vor Jahren in unsere Ambulanz. Sie stank so fürchterlich – ihr Atem war ein einziger Alptraum –, dass ich in ihrer Nähe kaum Luft bekam. Der Auswurf war grün und roch ekelerregend. Psorinum wurde verordnet – und kaum hatte sie das Haus verlassen, öffneten wir schleunigst Fenster und Türen, um die Spuren ihrer Anwesenheit mit einem kräftigen Durchzug zu tilgen. Als sie das nächste Mal kam, war nichts Unangenehmes mehr wahrzunehmen, der Geruch war verschwunden. Was später mit ihr geschehen ist, weiß ich nicht; sie erschien nur noch ein paar Mal, dann habe ich sie nicht mehr wiedergesehen. Das ist eben das Schlimme an dem Massenbetrieb einer Ambulanz: Die Patienten kommen mit ihren Beschwerden zu uns, man verwendet große Mühe und Sorgfalt auf das Studium ihres Zustands und die Wahl der passenden Arznei, macht sich eingehende Aufzeichnungen – und dann teilt sich der Strom. Manche von ihnen sind treu und kommen regelmäßig, darunter solche, bei deren Eintreten man schon innerlich aufstöhnt, weil sie einen an das Sprichwort erinnern, dass jeder Fluch [nämlich das falsche Mittel verschrieben zu haben] auf seinen Urheber zurückfällt, und dann natürlich diejenigen, aus denen uns die große Freude an unserem Beruf erwächst. Und auf der anderen Seite gibt es eben diejenigen, die nicht mehr wiederkommen (und deren Platz sofort neue Patienten einnehmen). Bei diesen Menschen bedarf es nicht selten einiger Anstrengungen, wenn man ihren Fall weiterverfolgen will, und oft wäre es doch so interessant und aufschlussreich zu erfahren, was aus ihnen geworden ist. Von seinen schönsten Fällen hört man oft erst Jahre später, wenn ein neuer Patient kommt und sagt: „Sie haben doch vor zehn Jahren Frau Soundso geheilt, und jetzt würde ich gern wissen, ob Sie mir nicht auch helfen können. Inzwischen habe ich dasselbe, was meine Bekannte damals hatte!“ Bei der Arbeit im Krankenhaus ist es immer wieder die gleiche Geschichte: Wo sind die neun, die nicht wiedergekommen sind, um sich zu bedanken? Umso mehr weiß man den einen zu schätzen, der uns in unserer Arbeit wieder ermutigt! Doch immer wieder hat man es mit Fällen wie Hahnemanns Lohnwäscherin zu tun: „Was sollte ich denn dort? Ich war ja schon den Tag drauf gesund und konnte wieder auf die Wäsche gehen, und den andern Tag war mir so völlig wohl, wie mir noch jetzt ist. Ich danke es dem Doctor tausendmal, aber unser Eins kann keine Zeit von seiner Arbeit abbrechen; ich hatte ja auch drei ganze Wochen lang vorher bei meiner Krankheit nichts verdienen können.“29

29

Zitiert aus Hahnemanns Schilderung dieses Falls in der Vorerinnerung zu Band 2 der Reinen Arzneimittellehre.

Ein anderer Psorinum-Fall war der eines kleinen Jungen, der mit Abdominal- und Lungentuberkulose auf unsere Kinderstation aufgenommen wurde. Der Geruch dieses bedauernswerten Kindes war – was sich als sein Glück herausstellte – so penetrant, dass man sich kaum in der Nähe seines Bettes aufhalten konnte. Ihm wurde eine Dosis Psorinum C 30 verabreicht und sein Bett für einige Monate auf den Balkon gestellt. Danach verließ er uns, allem Anschein nach bei bester Gesundheit.
Und noch ein Fall aus meiner ersten Zeit in der Armenapotheke: Es handelte sich um ein elendes, kränkliches kleines Mädchen mit unerträglichem Körpergeruch und trockener, rauer Haut – beinahe wie Ichthyosis –, dessen Zustand sich unter Psorinum wesentlich besserte. Leider kann ich diese Fälle nur aus der Erinnerung wiedergeben; sie liegen sehr lange zurück, und ihre Unterlagen ausfindig zu machen, ohne wenigstens die Namen zu kennen, wäre eine halbe Lebensaufgabe. Doch mögen sie immerhin dazu dienen, dem Leser zwei der großen Charakteristika von Psorinum einzuprägen: seinen unerträglichen Gestank, der unvergesslich bleibt und nur mit dem von faulen Eiern vergleichbar ist (und wer schon einmal ein faules Ei aufgeschlagen hat, wird die beinahe automatische Reaktion kennen: man stößt die Schüssel von sich und sucht das Weite!), und zweitens die raue, trockene Haut, die ein hervorstechendes Merkmal des Psorinum-Bildes ist bzw. sein kann.
Ein weiteres Mittel mit entsetzlichem Geruch ist kreosotumKREOSOTUM. Vor gut zwanzig Jahren wurde eine Frau in unser Hospital gebracht, die mit einer schweren Bronchitis (und fraglichen Bronchiektasen) im Sterben zu liegen schien. Ihr Bett war eigens mit Trennwänden abgeschirmt, weil ihr Atem und Sputum so scheußlich rochen; es war fast unmöglich, sich hinter die Abschirmung zu begeben. KREOSOTUM 200 bannte nicht nur innerhalb eines Tages diesen Geruch, sondern führte die scheinbar Todgeweihte – zum Erstaunen ihres damaligen Hausarztes – auch wieder ins Leben zurück; sie erholte sich rasch. Ich habe mehrfach erlebt, dass KREOSOTUM 200 auch jenen furchtbaren Ausdünstungen ein Ende bereitete, wie sie zuweilen Zervixkarzinome begleiten. Und auch wenn es nicht immer heilen konnte, machte es doch das Leben für die Patientinnen und deren Umgebung erträglicher.
Hauptsymptome30
Geist und GemütTrübe, ängstliche, befürchtende Gemüthsstimmung.b
Aengstlichkeit, wie bange Ahndungen …a

30

Die mit a bezeichneten Symptome stammen aus der 1833 in Stapfs Archiv veröffentlichten Prüfung Hahnemanns, die mit b versehenen aus der wenig später angestellten Prüfung von Groß (beide in Gesammelte Arzneimittelprüfungen aus Stapfs Archiv ..., hrsg. von Gypser, Waldecker, Wilbrand). Einige klinische Beobachtungen (besonders aus der A.H.Z. und dem Archiv) sind nach der Psorinum-Monographie von G. v. Keller zitiert; sie tragen den Index c.

Melancholisch …a
Sehr trübsinnig, traurig, verzweifelnd, er will sich das Leben nehmen …a
Wird von extremem Juckreiz zur Verzweiflung gebracht.
KopfTinea capitis et faciei.
Feuchte, eiternde, fötide oder auch trockene Ausschläge auf der Kopfhaut.
OhrenAusfluß stinkenden Eiters aus dem Ohre.a
Ohrenfluß beim Kopfschmerze.a
Otorrhö: dünnflüssig, jauchig und entsetzlich stinkend, wie verfaultes Fleisch; sehr übelriechend, purulent (mit wässriger, stinkender Diarrhö); braun, übelriechend, aus dem linken Ohr, seit fast vier Jahren bestehend; chronische Fälle nach Scharlach.
Nässendes Wundsein hinter den Ohren.
Schorfe auf den Ohren und feuchte Schorfe hinter den Ohren.
Gesicht, MundGeschwollene Oberlippe.b
Zunge trocken.a – Zungenspitze sehr trocken …a
HalsGefühl eines Pfropfens oder Klumpens, am Räuspern hindernd.
MagenSehr viel Hunger.a
Aufstoßen nach faulen Eiern.a
StuhlDunkelbraun, sehr flüssig und stinkend.a
HustenMit grünlichem Schleimauswurfe, fast wie Materie [Eiter] …a
SchweißIm Gehen schwitzt er stark.a
Beim Spazierengehen außerordentlicher Schweiß mit nachfolgender Ermattung …b
Haut Schmutziges, schmuddeliges Aussehen, als würde sich der Patient nie waschen; an manchen Stellen sieht sie rau und fettig aus, wie in Öl gebadet; die Talgdrüsen sezernieren im Übermaß.
Ekzem hinter den Ohren, auf der Kopfhaut, in den Ellenbeugen und Achselhöhlen, begleitet von Abszessen, die auch die Knochen affizieren …
Skabies: trocken an Armen und Brustkorb, am stärksten an den Fingergelenken; gefolgt von Furunkeln; inveterierte Fälle mit Tuberkulosesymptomen; … wiederholtes Auftreten einzelner Pusteln, nach Verschwinden des ursprünglichen Ausschlages.
Unterdrückte Hautausschläge.
Wichtige, charakteristische oder eigentümliche Symptome
Sie ist sehr heftig, aufbrausend, denkt immer an's Sterben …a
Große Angst vor dem Tod.
Gemüth trübe und unheiter.a
Trostlose Gedanken, er glaubt bankerott zu werden.a
Größte Niedergeschlagenheit, die ihm und den Menschen in seiner Umgebung das Leben unerträglich macht.
Religiöse Melancholie.
Hat keine Hoffnung, je wieder gesund zu werden.
Angstanfälle; z.B. Furcht vor Feuer, vor dem Alleinsein, vor einem Schlaganfall, verrückt zu werden, etc.
Stirnkopfweh mit Schwachheitsgefühl darin.a
Stirnkopfschmerz, als hätte das Gehirn nicht Raum genug im Kopfe, früh beim Aufstehen, wie Herausdrängen; nach dem Waschen und Frühstücke ließ es nach.a
Gehirnkongestion, durch Nasenbluten gebessert.
Höchste Kopfeingenommenheit, so daß er eine Gehirnentzündung fürchtet; Nasenbluten erleichtert.c
Feurige Funken vor den Augen.a
Die Gegenstände, die er im Zimmer sieht, kommen ihm vor, als zittern sie.a
Ausfluß röthlichen Ohrenschmalzes aus dem linken Ohre.a
Flechtenartiger Ausschlag von der Schläfe über das Ohr bis zur Wange …
Eine Menge Krusten und Eiter am rechten Ohr …
Besonders die Vorderzähne so locker, daß er befürchtet, sie fallen aus …a
Durst nach Bier.a
Höchster Eckel gegen Schweinefleisch.a
Verlangen nach Saurem.
Stete Uebelkeit am Tage mit Brecherlichkeit, dabei sehr süßes Erbrechen von Schleim, Morgens, jedesmal um 10 Uhr, dann gegen Abend.a
Entsetzlich stinkender, nahezu schmerzloser und fast unwillkürlicher, dunkler, wässriger Stuhl; nur nachts, am meisten gegen Morgen.
Leukorrhö mit großen Klumpen, von unerträglichem Geruch; heftige Schmerzen im Kreuzbein und in der rechten Lende.
Nach der Periode Weißfluß, der sie keineswegs schwächte31

31

In den Guiding Symptoms heißt es irrtümlich „great debility“. Es handelt sich hier um einen Fall von Ehrhardt, 1836, A.H.Z. 9, 155 (zitiert nach Kellers Monographie).

, er war völliger Eiter, höchst übelriechend, dick, grün-gelblich, Tag und Nacht gleich copiös. [Nach der 1. Gabe Psorinum C 30; nach der 5. Gabe dann:] Eine Menge Eiter ging in ganzen Stücken, von unausstehlichem Gestanke, mit heftigem Ziehen im Kreuze und der rechten Lendengegend durch die Geburt [Geburtsteile] ab.c
Dämpfigkeit [Engbrüstigkeit] und kriebelndes Gefühl im Kehlkopfe, zum stoßweisen trocknen Hüsteln reizend.b
Kitzel mit Verengungsgefühl im Kehlkopf; muss husten, um ihn zu lindern.
Rekonvaleszenten gehen für einen Spaziergang nach draußen, doch sie fühlen sich dadurch keineswegs gestärkt oder erquickt; vielmehr müssen sie umkehren und nach Hause gehen, um wieder richtig Luft zu bekommen, oder sich hinlegen, damit sie leichter atmen können; sie fühlen sich im Freien schlechter statt besser.
Brustkorb dehnt sich nur schwer aus; der Kranke bekommt nicht genügend Luft.
Brustbeklemmung.a
Der Athemmangel ist am Schlimmsten mit dem Brustschmerz im Sitzen …, im Liegen gebessert.a
Atemmangel schlimmer, je näher die Arme zum Körper gebracht werden.
Asthma, als müsste er sterben.
Husten mit kopiösem, salzig schmeckendem, grün und gelb tingiertem Auswurf.c
Blutspucken, schmerzlos, mitunter dabei ein heißes Gefühl, ein Warmwerden in der Brust.c
Chronische Blenorrhoen der Lunge, die den Übergang in Phthisis drohten.32

32

Diese klinische Indikation erwähnt Groß in Stapfs Archiv 21, 1, S. 168.

Lungeneiterung (Lungen-Tb).
Brustsymptome > im Liegen.
Herzschmerzen > im Liegen; glaubt, die Herzstiche werden ihn umbringen, wenn sie nicht aufhören.
Gluckern in der Herzgegend, vor allem im Liegen wahrzunehmen.
Aengstliche Beklemmung, Herzklopfen.a
Schwäche in allen Gelenken, als ob sie zusammenbrechen wollten.a
Verrenkt sich leicht die Gelenke; neigt dazu, sich zu verheben; Beschwerden von Anspannung oder Dehnung von Muskeln.
Bläschenförmige, juckende Ausschläge, besonders in den Gelenkbeugen – Ellenbeugen und Kniekehlen.
Starkes Schwitzen von der leichtesten Anstrengung.
Er fühlt sich sehr abgemattet – Hinfälligkeit.a
Mehr und mehr überhandnehmende Schwäche, bei Unterleibsleiden.c
Das Kind wirft sich nachts im Bett umher und jammert, von der Schlafenszeit bis zum Morgen, doch ist es dann am nächsten Tag so lebhaft wie immer.
Große Abmagerung bei Kindern. Sie können Tag und Nacht nicht schlafen, sind quengelig und schreien; oder sie sind den ganzen Tag brav und spielen, doch nachts finden sie keine Ruhe und rauben einem mit ihrem Geschrei den Schlaf.
Sehr empfindlich auf kalte Luft oder auf Wetterwechsel; trägt selbst im heißesten Sommer eine Pelzmütze, einen Mantel oder einen Schal.
Angegriffenheit von Gewitterluft, schon einige Tage zuvor hat er große Unruhe im Blute.b
Abneigung dagegen, ohne Kopfbedeckung zu sein.
Wenn er im Bett liegt, juckt der ganze Körper.
Profuse Nachtschweiße aufgrund von Tuberkulose; oder fehlende Transpiration, trockene Haut.
Alle Absonderungen – Durchfall, Ausfluss, Regelblutung, Schweiß – haben einen aashaften Geruch.
Der Körper riecht ekelhaft, selbst nach einem Bad.
Abnorme Neigung zu Hauterkrankungen.
Jucken: wenn der Körper warm wird; zwischen den Fingern; in den Kniekehlen.
Jücken über den ganzen Körper; nach Reiben entstehen kleine Blasen und Prickelchen.b
Arges Jücken über den ganzen Körper, des Nachts, was am Schlafen hindert.b
Ausschläge bluten leicht und neigen zu dauernder Eiterung.

Ptelea trifoliata

Weitere Namen: Hopfenstrauch, Waffelesche
In diesen Kriegstagen bin ich an meinem Arbeitsplatz leider etwas eingeengt; dennoch möchte ich wenigstens versuchen, einige kleinere, aber sehr nützliche Mittel vorzustellen. Weniger umfassend geprüft und hinsichtlich ihrer Heilkräfte wohl auch nicht bis ins Letzte bekannt, sind sie doch oft gut zu erkennen und nicht selten sogar leichter zu verschreiben als manches Polychrest.
Ptelea ist ein großes Magen- und Lebermittel; es verursacht, wie aus den Prüfungen zu ersehen ist, eine Neigung zu Hast und Eile sowie ein Gefühl brennender Hitze in der Haut und besonders im Gesicht; selbst der Atem brennt in den Nasenlöchern.
Die hervorstechendsten Symptome33
Geist und GemütAllgemeine Niedergeschlagenheit.

33

Aus den Guiding Symptoms. – Die recht umfangreiche Prüfung wurde 1868 von E. M. Hale angestellt; ein zusammenfassendes Symptomenregister ist in der 4. Auflage der New Remedies enthalten. Bei Hale kursiv gesetzte Symptome, die bei mehreren oder allen Prüfern auftraten, habe ich zusätzlich in das Schema aufgenommen (falls sie bei Tyler fehlten) und mit 0 gekennzeichnet. Bei der Übersetzung habe ich mich z.T. an einem deutschsprachigen Symptomenverzeichnis dieser Prüfung orientiert, das 1869 im Monatsblatt (S. 41–47) zum 79. Band der A.H.Z. erschienen ist.

Große Abgespanntheit, unaufgelegt zu geistiger und körperlicher Arbeit.0
Er erfüllt seine Pflichten nur in oberflächlicher Weise.0
Bedeutende Vergeßlichkeit [mit vermehrtem Kopfschmerz und Neigung zur Eile beim Schreiben].0
KopfGroße Eingenommenheit des Kopfs.0
Andauernder, dumpfer Kopfschmerz …0
Biliöse Kopfschmerzen.
Quälender Stirnkopfschmerz [mit Hitze im Gesicht und Kopf sowie mit starkem Bedürfnis, sich bei seiner Tätigkeit zu beeilen].0
MagenAnhaltende Übelkeit [und Erbrechen, mit Schwindelgefühl und wackeligen Beinen; < im Gehen34

34

In den Guiding Symptoms heißt es fälschlich „better by walking“.

].0
Großer Widerwille gegen Fleischkost; gegen schwere Puddings, die er sonst gerne mochte; gegen Butter und fette Speisen, selbst eine kleine Menge Butter verschlimmert den Schmerz im Epigastrium.
Geringer Appetit, mit benebeltem Gefühl im Kopf oder Schmerzen in der Leber.
Alle Leber- und Magensymptome sind < nach den Mahlzeiten.
Drücken in der Magengrube wie von einem Stein, < durch ein leichtes Mahl.
Schwere- und Völlegefühl im Magen selbst nach einem bescheidenen Mahl.
Brennender Schmerz oder Beklemmungsgefühl im Epigastrium; Erbrechen; chronischer Magenkatarrh.
Gastralgie.
Hartnäckige, chronische Dyspepsie.
Chronische Gastritis; ein beständiges Gefühl von Nagen, Hitze und Brennen im Magen, mit Erbrechen von Speisen, Obstipation und nachmittäglichem Fieber.
LeberGeschwollen und druckempfindlich, Druck ruft dumpfe oder stechende Schmerzen hervor; kneifende Schmerzen in den Eingeweiden; Kleidung fühlt sich zu eng an (lycopodiumLYCOPODIUM).
Leberkongestion (Stauungsleber); chronische Hepatitis.
Gefühl einer Last und drückender Schmerz in der Lebergegend.
Erwachte mit dumpfem Schmerz und Schweregefühl in der Leber, > beim Liegen auf der rechten Seite; Umdrehen auf die linke Seite verursachte ein Gefühl, als würde die Leber an ihren Bändern zerren.
AbdomenKollern in den Gedärmen …0
Einziehung des Bauches …0
Schmerz im Hypogastrium …0
StuhlKlein, hart …0
Diarrhö: dünn, kotig, dunkelfarbig, übelriechend, gallig, aashaft oder auch nach Schwefel stinkend; mit Tenesmus, dem kneifende Schmerzen und Rumpeln in den Därmen vorangehen; anschließend schmerzhaftes Brennen im After.
Abwechselnd Stuhlverstopfung und Durchfall.
Einige weitere beachtenswerte oder sonderbare Symptome
Schwindelgefühl im Kopf, beim Gehen taumelt er wie betrunken.
Gefühl, als würde ein Nagel ins Gehirn getrieben. (THUJA)
thujaDumpfer Stirnkopfschmerz, mit Niedergedrücktheit und Magenübersäuerung.
Druckgefühl an der Schädelbasis, mit Übelkeit. (ipecacuanhaIPECACUANHA)
Geräuschempfindlich: kann lautes Sprechen nicht ertragen; der Eindruck des zuletzt gehörten Tones hallt längere Zeit nach.
Atem scheint so heiß, dass er in den Nasenlöchern brennt.
Brennende Hitze in Wangen und Gesicht.
Gelbliches Gesicht, mit trockener, heißer Haut.
Zähne fühlen sich wie verlängert an.
Feinstechendes Gefühl auf der ganzen Zunge.
Verschlimmerung der Magen- und Lebersymptome durch Käse, Fleisch, Pudding, Butter usw.
Magen fühlt sich gleich nach dem Essen vollkommen leer an; ein höchst unangenehmes, flaues Gefühl in der Magengegend. (lycopodiumLYCOPODIUM, SEPIA)
sepiaKneifen in der Magengegend, mit trockenem Mund, gelb belegter Zunge und bitterem Mundgeschmack.
Beim Gehen ständiges Gefühl einer Last in beiden Hypochondrien; ein herabzerrender Schmerz auf beiden Seiten.
Gelbsucht mit Hyperämie der Leber.
Pulsieren oder heftiger Bauchschmerz in der Nabelgegend. (dulcamaraDULCAMARA)
Gefühl von Druck auf den Lungen und von Ersticken beim Liegen auf dem Rücken.
Dyspnoe; die Brustwände fühlen sich an, als würden sie einsinken.
Asthma (durch Zurücktreten eines Erysipels).
Hektisches Fieber mit eitrigem Auswurf von süßlichem Geschmack.
Ein Prickeln und Kribbeln in Fingern und Händen, wie durch Elektrizität verursacht.
Wacht aus schrecklichen Träumen schweißgebadet auf.
Fröstelig; möchte nahe am Feuer sein. [Die meisten Symptome bessern sich jedoch, so Hale, an der kühlen, frischen Luft und werden schlimmer im warmen Zimmer.]
Hat Malaria (tertiana) geheilt, die von reichlichem Erbrechen einer galligen Flüssigkeit begleitet war.
Nash schreibt zu Ptelea: „Ein weiteres ‚Lebermittel‘ – mit einem sehr charakteristischen Symptom: Dumpfer Schmerz und Schweregefühl in der Lebergegend, stark verschlimmert durch Liegen auf der linken Seite, wodurch ein zerrender Schmerz an der Leber entsteht. (Vergleiche BRYONIAbryonia, das ebenfalls die Verschlimmerung durch Liegen auf der linken Seite sowie das zerrende Gefühl hat. BRYONIAbryonia geht es ja überhaupt besser durch Liegen auf der schmerzhaften Seite.) Auch magnesia muriaticaMAGNESIA MURIATICA hat all die Symptome, die als ‚biliös‘ bezeichnet werden, aber wie mercurius (solubilis)MERCURIUS wird es verschlimmert durch Liegen auf der rechten Seite. … Ptelea kann entweder Stuhlverstopfung oder Durchfall haben, oder Verstopfung und Durchfall wechseln einander ab, wie bei NUX nux vomicaVOMICA .
Ich habe einmal ein übles Leberleiden mit Ptelea geheilt, nachdem Ödeme an Füßen und Unterschenkeln aufgetreten waren. Die Patientin hatte genau dieses Symptom, dass sie nicht bequem auf der linken Seite liegen konnte. Sie litt unter zunehmender Atembeklemmung, und ich rechnete eigentlich nicht mehr mit einer wesentlichen Besserung. Ich nahm in diesem Fall die 30. Potenz. Das Leiden verschwand sehr schnell und kehrte niemals zurück. Ich habe diesen Fall immer als besonders glänzenden Heilerfolg angesehen.“

Pulsatilla

Weitere Namen: Pulsatilla pratensis; Wiesen-Kuhschelle, Nickende Küchenschelle
Dies ist nicht nur eines der am leichtesten zu erkennenden und zu erlernenden Arzneimittel, sondern auch eines von Hahnemanns Polychresten oder „vielnützigen Mitteln“. In den Prüfungen hat es Symptome an jedem Teil des menschlichen Körpers hervorgerufen; bei der Verschreibung werden wir uns daher in erster Linie auf die auffallenden Gemütssymptome und die hervorstechenden Modalitäten von Pulsatilla stützen.
Hahnemann sagt: „Diese sehr kräftige Pflanze bringt viele Symptome im gesunden menschlichen Körper hervor …, welche häufig den Krankheitssymptomen des gewöhnlichen Lebens entsprechen …“ Daher wird auch das kleinste homöopathische Arzneikästchen, selbst wenn es nur aus einem Dutzend Mitteln besteht, stets Pulsatilla enthalten.
Weiter sagt er: „Am zweckmäßigsten ist die homöopathische Anwendung sowohl aller übrigen Arzneien, als insbesondre dieser, wenn nicht bloß die körperlichen Beschwerden von der Arznei den ähnlichen körperlichen Symptomen der Krankheit entsprechen, sondern wenn auch die der Arznei eignen Geistes- und Gemüthsveränderungen ähnliche in der zu heilenden Krankheit oder doch in dem Temperamente der zu heilenden Person antreffen.
Es wird daher auch der arzneiliche Gebrauch der Pulsatille um desto hülfreicher seyn, wenn in Uebeln, zu denen in Rücksicht der Körperzufälle dieses Kraut paßt, zugleich ein schüchternes, weinerliches, zu innerlicher Kränkung und stiller Aergerniß geneigtes, wenigstens mildes und nachgiebiges Gemüth im Kranken zugegegen ist, zumal, wenn er in gesunden Tagen gutmüthig und mild (auch wohl leichtsinnig und gutherzig schalkhaft) war. Vorzüglich passen daher dazu langsame, phlegmatische Temperamente, dagegen am wenigsten Menschen von schneller Entschließung und rascher Beweglichkeit, wenn sie auch gutmüthig zu seyn scheinen.“
Und: „Am besten ist's, wenn auch untermischte Frostigkeit nicht fehlt und Durstlosigkeit zugegen ist.
Bei Frauenzimmern paßt sie vorzüglich dann, wenn ihre Monatzeit einige Tage über die rechte Zeit einzutreten pflegt; so auch besonders, wenn der Kranke Abends lange liegen muß, ehe er in Schlaf gerathen kann, und wo der Kranke sich Abends am schlimmsten befindet. Sie dient in den Nachtheilen vom Genuß des Schweinefleisches.“
Hahnemann empfiehlt die 30. Potenz.
Frostigkeit! … Im Allgemeinen sieht man Pulsatilla ja eher als eines der ‚warmen Mittel‘ an, doch hat es, wie wir noch sehen werden, eben auch Frostigkeit hervorgerufen und geheilt; so tritt unter anderem Frost in der warmen Stube [Hahnemann] auf.
Pulsatilla sind warme und stickige Räume ein Greuel; es gehört zu den Mitteln, die es am stärksten nach freier Luft verlangt.
Zwei seiner großen Charakteristika, seiner kennzeichnenden Modalitäten sind Besser durch langsame Bewegung (wie bei ferrumFERRUM) und Besser im Freien.
Ich kann mich entsinnen, dass es einmal quälende Kopfschmerzen bei einem Mann geheilt hat, der nur Erleichterung finden konnte, wenn er nachts im Park spazieren ging; nur während Bewegung waren sie erträglich – an der kühlen Luft. Pulsatilla gehört wahrlich nicht zu den Mitteln mit „Besserung im Liegen“!
Bei Pulsatilla bessert Gehen [besonders im Freien] Schwindel, Zahnschmerzen, stechende Schmerzen in Magen und Leber, Zerschlagenheitsschmerz in Rücken und Knien, während durch frische Luft Schwindel, Kopfschmerz, Augensymptome, Zahnschmerzen, Husten etc. gelindert werden. Dabei kann es sich der Patient/die Patientin jedoch nicht leisten, nass zu werden; dies kann zu Koliken führen, zu schleimigen Durchfällen, zu Unterdrückung von Harn oder Menses, zu Oophoritis, Metritis oder Rheumatismus. Kalte Luft, ja – aber kalte trockene Luft, keine nasse Kälte! So sehen wir einmal mehr, dass auch Arzneien an all den Eigenschaften und Idiosynkrasien von uns Sterblichen teilhaben – und darum können sie uns auch heilen, wo diese übereinstimmen. Pulsatilla hat ein sehr breites Wirkungsspektrum, doch entscheidend für die Mittelwahl sind letztlich die Gemütssymptome und die Modalitäten, so eigentümliche Unterscheidungsmerkmale wie die oben genannten.
Beispielsweise wurde eine Frau, die schon häufig schwere Rezidive eines Erysipels gehabt hatte, in wenigen Tagen durch Pulsatilla geheilt, weil ihre Symptome so deutlich auf Pulsatilla hinwiesen, dass die Verschreibung eines anderen Mittels überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Und ein jüngst aufgenommener Patient mit einer schrecklichen Hauterkrankung, die allen bisherigen Behandlungsversuchen getrotzt hatte, sodass er seine letzte Hoffnung auf unsere Klinik setzte, durchläuft derzeit, nach wenigen Gaben Pulsatilla, einen raschen Heilungsprozess, ja er ist praktisch schon geheilt. Andere Kollegen unseres Hauses können von Psoriasisfällen berichten, die durch Pulsatilla zum Verschwinden gebracht wurden … und so weiter. Pulsatilla kann also, wie wir an diesen Fällen sehen, auch ein großartiges Hautmittel sein.
Ein interessanter Fall war der eines seit acht Jahren bestehenden schweren Asthmas mit 14-täglichen Anfällen, welche die Patientin jedes Mal ans Bett fesselten. Ihre Symptome wiesen voll und ganz auf Pulsatilla hin: „Reizbar; wechselhaft; lacht und weint schnell; Furcht vor Dunkelheit, vor dem Tod; misstrauisch; Träume von Katzen; Abscheu vor Fett.“ Pulsatilla hat all diese Symptome im zweiten oder dritten Grad, ohne Ausnahme; selbst die Träume von Katzen hat es hervorgerufen! So erhielt die Patientin im September 1929 Pulsatilla in hoher Potenz, und danach noch einmal im Januar 1930, weil „wieder etwas im Anzug“ war. Vor ein paar Tagen habe ich sie wiedergesehen: Sie hatte seitdem keine Beschwerden mehr; es geht ihr gut. Acht Jahre lang hatte diese Frau Asthma gehabt – und dann, nach Pulsatilla, noch ganze zwei Anfälle, kurz nach der ersten Einnahme des Mittels. Wenn wir doch nur immer solche klaren Indikationen hätten – das Verschreiben wäre wirklich ein Kinderspiel!
Auch an eine Patientin mit schwerer rheumatoider Arthritis muss ich hier denken, die vor einigen Jahren bei uns war. Sie war verkrüppelt und völlig auf andere angewiesen; ihre Arme waren praktisch nutzlos, da sie sie kaum bewegen konnte. Doch zu ihren Symptomen gehörte auch, dass sie gern an der kalten, frischen Luft war und es liebte, den kalten Wind auf ihrem Körper zu spüren. Pulsatilla versetzte sie in die Lage, die Hände hochzuheben, sie hinter den Körper zu bringen, und mit der Zeit kam sie auch wieder auf die Beine. Sie verließ uns als ein anderer Mensch, mit ganz neuen Aussichten für ihr weiteres Leben.
Denken Sie daran, es ist nicht die Krankheit, auf die es ankommt, sondern die Arznei; sie ist es, die – vom Gemüt her wie in ihren „sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen Zeichen und Symptomen“ – zu denen des Individuums mit dieser Krankheit passen muss.
Bei Hahnemann heißt es in einer Anmerkung: „Die Erscheinung der Zufälle nur auf der einen Körperhälfte ist der Pulsatille häufig eigen“, und er verweist auf eine Reihe entsprechender Symptome. [Er fügt hinzu, dass Ähnliches auch bei RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON, belladonnaBELLADONNA und cocculusCOCCULUS zu beobachten sei.]
So ist etwa ein kurioses Symptom von Pulsatilla, das wohl nur schwer zu erklären sein dürfte, einseitiger Schweiß, z.B. profuses Schwitzen auf einer Seite des Gesichts! Vor einigen Jahren machte sich einer unserer Assistenzärzte große Sorgen, weil er stark auf einer Gesichtshälfte schwitzte, nicht aber auf der anderen. „Haben Sie denn etwas eingenommen?“ – „Ja, Pulsatilla!“ … und wir schlugen das Symptom nach und stellten fest, dass er lediglich eine Arzneiprüfung durchmachte.
Weitere von Hahnemann zu diesem Phänomen angeführte Prüfungssymtome:
Schweiß bloß auf der rechten Seite des Körpers.
Schweiß bloß auf der linken Seite des Körpers.
Hitze der einen und Kälte der andern Hand.
Hand und Fuß auf der einen Seite kalt und roth, auf der andern heiß.
Schauder auf der einen Seite des Gesichts.
In der Rubrik „Gesicht, Schweiß, Seite, auf einer“ erscheint neben Puls. auch Nux-v. nux vomicadreiwertig, und eine ganze Reihe von Mitteln hat Schweiße auf einer Seite des Körpers, darunter besonders Ambr., ambraBar-c.,baryta carbonica Bry., bryoniaChinchina., Nux-v.,nux vomica Petr., petroleumPhos., phosphorusPuls., Sulf., sulfurThuj.
thujaHitze des einen Fußes bei Kälte des anderen hat neben Pulsatilla vor allem lycopodiumLYCOPODIUM.
THUJA wiederum hat ein sehr eigentümliches Symptom, das bereits zu verblüffenden Heilungen geführt hat, nämlich „Reichlicher Schweiß nur an entblößten Körperteilen“. Sir John Weir hat in seinen Vorlesungen von zwei derartigen Fällen berichtet.
Hahnemann führt insgesamt 1154 Symptome auf 35

35

Ein Symptom mehr als in der Reinen Arzneimittellehre angegeben, da bei der Zählung zwischen den Symptomen Nr. 125 und 130 eines ausgelassen wurde.

, die von Pulsatilla in allen Bereichen des Körpers erzeugt wurden. Allen fügt Symptome aus weiteren Prüfungen hinzu und kommt so auf 1322. Im Folgenden nun Hahnemanns sperrgedruckte Symptome, also diejenigen, die er als besonders charakteristisch ansieht. (Allen gibt weit mehr Symptome in Fettdruck an, doch sie sind zu zahlreich, um sie hier alle zitieren zu können; so will ich sie diesmal unterschlagen, damit das Kapitel nicht zu lang wird.) Wie gesagt, das Mittel greift jedes Organ und jedes Gewebe im Körper an; zur erfolgreichen Anwendung ist es aber nur erforderlich, in dem Patienten Pulsatilla zu erkennen.
Hahnemanns Hauptsymptome36
Geist und GemütHypochondrische Mürrischkeit; er nimmt alles übel.
Jeder Gegenstand ekelt ihn an; es ist ihm alles zuwider.

36

Einige Symptome, die Hahnemann hervorhebt, hat Tyler ausgelassen; ich habe sie eingefügt und mit einer 0 versehen.

SchwindelWie von Trunkenheit.
Schwindel, am meisten im Sitzen.
KopfSchwere des Kopfs.
Dummlichkeit im Kopfe und Hauptweh, wie von Zerschlagenheit in der Stirne.0
Drückender Kopfschmerz beim Vorbücken.0
Ein beißendes Jücken auf dem Haarkopfe.
AugenBrennen und Jücken, welches zum Kratzen und Reiben nöthigt.
Jücken in den Augen.0
Kurz dauernde Gesichtsverdunkelung.
NaseNasenbluten. – Blutfluß aus der Nase mit Stockschnupfen.
Der Nasenflügel ist äußerlich geschwürig und siepert wässerige Feuchtigkeit.
Nießen. – Schnupfen …
GesichtEin Spannen im Gesichte [und an den Fingern …], als wenn die Theile schwellen wollten.
MundDas Zahnfleisch schmerzt, als wenn es wund wäre.
Die Zunge ist mit zähem Schleime, wie mit einer Haut (Pelz) überzogen.
Auf der Mitte der Zunge, selbst wenn sie benetzt ist, eine Empfindung, als wenn sie verbrannt und gefühllos wäre, die Nacht und früh.
Er hat im Munde einen Geschmack wie nach faulem Fleische, mit Brechübelkeit.
Ein bränzlicher … Geschmack im Munde.
Das bittre Bier hat ihm einen ekelhaft süßlichen Geschmack.
Nach Biertrinken, Abends, bleibt ein bittrer Geschmack im Munde.
Verminderter Geschmack aller Speisen.
HalsHalsweh. – Der Hals schmerzt …, als wenn er roh wäre …
Kratzig im Halse, mit Trockenheit im Munde.
Früh Trockenheit des Halses.
MagenAbneigung vor Butter …
Durstlosigkeit.
Gallichtes Aufstoßen Abends.
Oefteres Aufstoßen mit dem Geschmacke des vorher Genossenen.
Empfindung von Brechübelkeit in der Oberbauchgegend, besonders nach Essen und Trinken.
Mit Knurren und Kollern in der Unterribbengegend, Brecherlichkeit.
Beim Tabakrauchen Schlucksen.
AbdomenNach dem Abendessen gleich Blähungskolik; Blähungen rumoren schmerzhaft, besonders in der Oberbauch-Gegend.
Die Blähungen gehen mit schneidenden Bauchschmerzen ab, des Morgens.
Früh, in der Herzgrube drückend ziehender Schmerz …
Bauchweh, als wenn Durchfall erfolgen müßte, und es erfolgt doch nur ein guter, natürlicher Stuhl.
Drückender, pressender Schmerz im Unterleibe.0
Nach dem Stuhlgange Bauchweh.
Rektum, StuhlOefterer Drang, zu Stuhle zu gehen (öfteres Noththun) …
Oefterer weicher Stuhl mit Schleime gemischt.
Stühle, welche blos aus gelblich weißem Schleime bestehen, mit etwas wenigem Blute vermischt.
Oeftere Abgänge bloßen Schleimes …0
Ganz weißer Stuhlgang.
HarnorganeOefterer Drang zum Harnlassen.
Unwillkührliches Harnen: der Harn geht ihr tropfenweise beim Sitzen und Gehen ab.
GenitalienJückend beißender Schmerz am innern und obern Theile der Vorhaut.
Früh, beim Erwachen, Aufregung der Geschlechtstheile und Reiz zum Beischlafe.
Früh, nach dem Erwachen, lange Ruthesteifigkeit …0
Nächtliche Saamenergießung.0
Zwei Pollutionen in einer Nacht …0
Atemwege, HerzBluthusten.
Nächtlicher, trockner Husten, welcher beim Aufsitzen im Bette vergeht, beim Niederlegen aber wiederkehrt. (hyoscyamusHYOSCYAMUS)
Herzklopfen und große Angst, so daß er die Kleider von sich werfen muß.
Äußerer HalsStechender Schmerz im Genicke.
Extremitäten[Abends, ein brennender Schmerz im Arme] mit Trockenheitsempfindung in den Fingern.0
Ein spannender Schmerz der Flechsen der Ellbogenbeuge bei Bewegung des Armes.0
Schwere der Unterschenkel am Tage.
SchlafBewegt sich hin und her im Schlafe.
Schlaflosigkeit, gleich als von Wallung des Blutes.
Er erschrickt im Schlafe und fährt zusammen.
Nachts wacht er wie erschrocken und verdutzt auf, weiß nicht, wo er ist, und ist seiner nicht recht bewußt.
Schwatzen im Schlafe.
Gähnen.
Hitze, FrostAengstliche Hitze, als wenn er mit heißem Wasser begossen würde, bei kalter Stirne.
Aeußere Wärme ist ihm unerträglich; die Adern sind angelaufen.
Frostgefühl mit Zittern, welches nach einigen Minuten wiederkehrt, mit weniger Hitze darauf, ohne Schweiß.
Weitere wichtige Gemütssymptome37
Weinerlich …a; bricht sehr leicht in Tränen aus …

37

Die mit a markierten Symptome stammen aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre.

Milde, schüchterne, sanfte, nachgiebige Veranlagung.
Höchste Unentschlüssigkeit.a
Zitterige Angst …a; besser bei Bewegung.
Verdrießlichkeit …a
Den ganzen Tag üble Laune und Unzufriedenheit, ohne Ursache.a
Zuweilen kommen Mütter in die Klinik und klagen, sie wüssten nicht, was mit ihrem Kind los sei; „es ist in der letzten Zeit so furchtbar quengelig.“ Hier wird Pulsatilla gewöhnlich Abhilfe schaffen.
Weitere eigentümliche und charakteristische Symptome, die wir uns von Pulsatilla merken müssen, finden sich in Kents großartiger Vorlesung, die wir daraufhin einmal durchgehen wollen …
„Pulsatilla ist ein interessanter Patiententyp, den man sehr oft in Familien mit mehreren Töchtern antrifft. Das Pulsatilla-Mädchen ist weinerlich und von plethorischer Erscheinung, weswegen man ihm meistens nicht recht abnimmt, dass es krank ist. Bei all ihrer Aufgeregtheit, nervösen Unruhe und Wechselhaftigkeit ist die Patientin dennoch leicht zu beeinflussen und zu überreden. Obwohl sie vom Wesen her sanft und gutmütig ist und zu Tränen geneigt, kann sie andererseits auch außerordentlich reizbar sein – nicht im Sinne von streitsüchtig, sondern einfach schnell verstimmt und überempfindlich. Sie … fühlt sich dauernd zurückgesetzt und fürchtet, zu kurz zu kommen; sozialen Einflüssen aller Art ist sie fast hilflos ausgeliefert. Düstere, melancholische Stimmung, mit Weinen und Traurigkeit; religiöse Verzweiflung; Fanatismus; voller merkwürdiger Ideen und Launen; starke Einbildungskraft; größte Erregbarkeit. Die Pulsatilla-Frau glaubt, der Umgang mit dem anderen Geschlecht sei eine gefährliche Angelegenheit; überhaupt hält sie viele Dinge für bedenklich, die sich in der Gesellschaft etabliert und als dem Menschen zuträglich erwiesen haben. Solche fixen Ideen können sich auf vielerlei Themen beziehen, z.B. auf Fragen der richtigen Ernährung. So kann sie sich etwa einbilden, dass es nicht gut sei, Milch zu trinken, und deshalb rührt sie keinen Tropfen Milch an. Auch andere Nahrungsmittel können ihr als schädlich für die Gesundheit erscheinen. Abneigung gegen Heirat ist sehr kennzeichnend … Eigenwillige religiöse Vorstellungen; … legt die Bibel zum eigenen Nachteil aus; … meint, sie befände sich in einem seltsam heiligen Geisteszustand, kann aber ebenso überzeugt sein, durch ihre Sünden ihr Seelenheil für immer verspielt zu haben. … Die tränenreiche Niedergeschlagenheit bessert sich beim Spazieren in der freien Luft, besonders bei kühlem, frischem, heiterem Wetter. …
Verschlimmerung durch fette und gehaltvolle Speisen. Beschwerden nach dem Genuss von Fett, Schweinefleisch, Kuchen, Torte und anderen schweren Speisen. Der Pulsatilla-Magen verdaut nur sehr langsam. …
Bekommt in warmen Räumen keine Luft; will unbedingt die Fenster geöffnet haben. Hat nachts in der Bettwärme das Gefühl zu ersticken.“
Im Abschnitt über die Ohrenschmerzen vergleicht Kent das Pulsatilla- mit dem chamomillaCHAMOMILLA-Kind. „Bei CHAMOMILLA haben wir es mit einem aggressiven, wütend knurrenden Kind zu tun, das nie zufrieden ist und ständig auf das Kindermädchen oder die Mutter schimpft; nur wenn man es auf den Arm nimmt und mit ihm umherläuft, geht es ihm besser. Es ist diese übergroße Reizbarkeit, die für CHAMOMILLA den Ausschlag gibt. Man kann das wütende Schreien des CHAMOMILLA-Kindes leicht von dem mitleiderregenden Weinen des Pulsatilla-Kindes unterscheiden. Beiden geht es besser durch Bewegung, besonders durch passives Umhergetragenwerden; beide wollen mal dies, mal jenes und sind nie zufrieden; beide brauchen ständige Ablenkung. Doch wenn man sich mal nicht mit ihnen beschäftigt, weint das Pulsatilla-Kind so, dass man Mitleid bekommt, während das CHAMOMILLA-Kind wütend wird; das eine möchte man streicheln, dem anderen den Hintern versohlen. …
Pulsatilla ist einer unserer Rettungsanker bei alten Katarrhen mit Verlust des Geruchssinns, dicken, gelben Sekreten und Besserung im Freien, zumal wenn es sich um nervöse, furchtsame und nachgiebige Patientinnen handelt, mit typischerweise abendlicher Nasenverstopfung und reichlichem Naselaufen am Morgen. …
Pulsatilla hat umherwandernde Schmerzen; rheumatische Beschwerden ziehen von einem Gelenk zum anderen, springen hierhin und dorthin; neuralgische Schmerzen von ähnlich unstetem Charakter; Entzündungen wandern von einer Drüse zur anderen.“
Hier sehen wir, von der psychischen auf die physische Ebene übertragen, wieder die typische Wechselhaftigkeit der Arznei. Doch Pulsatilla bleibt, wie Kent sagt, „bei seinem Thema“. Die Symptome wechseln zwar ständig den Ort, bleiben aber im Rahmen der bestehenden Krankheit – im Gegensatz z.B. zu abrotanumABROTANUM, wo sich die klinische Diagnose ändert, sodass es sich in den Augen des Allopathen um „eine ganz neue Krankheit“ handelt.
Bei Pulsatilla besteht, wie erwähnt, eine träge Verdauung. Darüber hinaus hebt Kent die Besonderheit hervor, dass die Patientin fast nie das Bedürfnis hat, etwas zu trinken. „Trotz Trockenheit des Mundes ist sie nur selten durstig. … Großes Verlangen nach Eiscreme und Gebäck – Dinge, die eher geeignet sind, ihre Beschwerden noch zu verschlimmern.“
Eine kleine Arzneiskizze von Pulsatilla, die ich im Laufe der Zeit entwickelt habe:
Nicht durstig, nicht hungrig.
Nicht verstopft.
Weinerlich; kann vor lauter Weinen keine Symptome schildern.
Wechselhaft; kann im nächsten Augenblick schon wieder lachen.
Sehr empfänglich für Mitgefühl.
Ängste wie bei phosphorusPHOSPHORUS: vor dem Alleinsein – im Dunkeln – im Zwielicht – am Abend. (Pulsatilla geht es generell abends schlechter.)
Große Furcht, verrückt zu werden.
Phantasievoll; eifersüchtig; misstrauisch.
Frostig, gleichwohl schlimmer durch Wärme.
Verlangen nach freier Luft.
Braucht Bewegung, wenn (seelische oder körperliche) Schmerzen bestehen.
Pulsatilla ist ein wichtiges Mittel bei Masern; ferner bei Frostbeulen, wenn diese in der Wärme unerträglich sind (agaricusAGARICUS: bei Kälte).
Eine klassische Beschreibung der Arznei: „Rotblondes Haar, blaue Augen, blasses Gesicht; leicht zum Lachen oder Weinen aufgelegt; liebevoll, mild, sanftmütig, schüchtern, nachgiebig; zu rundlichen Proportionen neigend.“ Aber es können auch vollkommen untypisch erscheinende Fälle aufgrund ihrer Symptome nach Pulsatilla verlangen und durch dieses Mittel geheilt werden.

Pyrogenium

Weitere Namen: Extrakt aus verfaultem Rindfleisch
Eines unserer großen Fieber-Mittel! – aber kein Heilmittel bei einfachen akuten Fiebererkrankungen, wie aconitumACONITUM, sondern ein Heilmittel septischer, typhöser oder typhusähnlicher Zustände.
Pyrogenium ist ein recht seltsames Mittel – seltsamen Ursprungs, seltsam auch in seinen Symptomen; und es wird allein in der Homöopathie angewandt.
Wir verdanken diese Arznei Dr. Drysdale, der 1880 seine Schrift On Pyrexin or Pyrogen as a Therapeutic Agent veröffentlichte.
Dr. Drysdale wurde zu seinen Überlegungen angeregt durch eine Bemerkung Dr. Burdon Sandersons in einer Ausgabe des British Medical Journal aus dem Jahre 1875. Sie hatte folgenden Wortlaut:
„Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass kein therapeutisches Agens, kein synthetisches Laboratoriumsprodukt, kein Gift und kein Arzneimittel bekannt ist, das die Fähigkeit besitzt, Fieber zu erzeugen. Die einzigen Flüssigkeiten, die dazu in der Lage sind, sind solche, die entweder bereits Bakterien enthalten oder einen günstigen Nährboden für diese darstellen.“
Drysdale kommentiert: „Dieser letzte Satz wird relativiert durch Angaben aus anderen Quellen, dass das fiebererzeugende Agens eine chemische, nichtlebendige Substanz 38

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Im Roche Lexikon Medizin werden Pyrogene definiert als „hitzebeständige, dialysierbare Oligo-, Poly- und Lipopolysaccharide oder Polypeptide aus apathogenen und pathogenen Bakterien, die parenteral beim Menschen in sehr kleinen Mengen (< 1 μg/kg) Schüttelfrost und Temperaturanstieg bewirken …“ Davon werden unterschieden die endogenen Pyrogene: „Aus Leukozyten freigesetzte Substanzen [Drysdales „Eiterkörperchen“], die zu einer schnellen Fieberreaktion führen.“ – Drysdales Vermutungen sind also nicht weit vom heutigen Stand der Wissenschaft entfernt.

sei, die zwar von lebenden Bakterien gebildet werde, in ihrer Wirkung dann aber unabhängig von jeglichem weiteren Einfluss dieser Bakterien sei; und gebildet werde sie nicht nur von den Bakterien, sondern auch von lebenden Eiterkörperchen bzw. von dem lebenden Blut- oder Gewebeprotoplasma, das die Quelle dieser Eiterkörperchen darstellt. Diese Substanz ist, wenn sie von Bakterien stammt, das Sepsin, von dem Panum und andere sprechen; doch angesichts ihres Ursprungs auch aus Eiter und wegen ihrer fiebererzeugenden Kraft nennt Dr. Sanderson sie Pyrogenium.“
Obiges mag noch nicht das letzte Wort der Bakteriologie – oder der Homöopathie – zu diesem Thema sein; ich habe es jedoch in toto wiedergegeben, weil wir der Inspiration durch dieses Zitat ein einzigartiges und höchst nützliches Heilmittel zu verdanken haben.
Natürlich konnte Dr. Drysdale der Behauptung nicht zustimmen, dass kein anderes Arzneimittel oder Gift Fieber zu erzeugen vermöge, denn „zweifelsohne bringen aconitumACONITUM, belladonnaBELLADONNA, arsenicumARSENICUM, chininumCHININUM, baptisiaBAPTISIA, gelsemiumGELSEMIUM und viele weitere Mittel neben anderen Effekten sehr wohl auch einen mehr oder weniger fieberhaften Zustand hervor. Doch dies geschieht erst nach wiederholten Gaben und zudem in Abhängigkeit von der Prädisposition der Versuchsperson; oder sie verursachen das Fieber sekundär, als Teil einer Vielzahl von komplexen lokalen und allgemeinen Krankheitserscheinungen. Daher“, so meint er, „hat der Satz durchaus seine Berechtigung, dass keine andere bekannte Substanz – mit Sicherheit, auf direktem Weg und mit einer definierten Dosis beliebig reproduzierbar – eine idiopathische Pyrexie induziert. Diese Unmittelbarkeit seiner Wirkung müsste Pyrogenium, wenn es je therapeutisch eingesetzt werden kann, zu einer Arznei von größtem Wert werden lassen; und wenn das Ähnlichkeitsgesetz auch hier anwendbar ist, müssten wir es bei bestimmten Fieberzuständen und Funktionsstörungen des Blutes heilsam finden, die seiner Wirkung in pathologischer Hinsicht entsprechen.“
Drysdale berichtet von Sandersons Tierexperimenten, die zeigen, dass Pyrogenium (Sepsin) in größeren Dosen tödlich ist, wobei es Veränderungen im Blut und in den Geweben bewirkt, welche vergleichbar sind mit jenen bei Septikämie nach Verwundungen. Bei nichtletalen Dosen jedoch gewann das Tier – nach heftigen Anfangsreaktionen – „innerhalb weniger Stunden erstaunlich schnell seinen normalen Appetit und seine gewohnte Lebhaftigkeit zurück, … was darauf hinweist, dass dieses septische Gift nicht die geringste Tendenz hat, sich im Organismus zu vermehren“.
So machte sich Drysdale, in Abwägung all dieser Umstände, daran, sein Heilmittel bösartigster Fieberformen herzustellen, und zwar aus einem sterilisierten Fäulnisprodukt.
Er zerkleinerte ein halbes Pfund mageres Rindfleisch und verrührte es in einem halben Liter Leitungswasser; dann stellte er das Gefäß für drei Wochen an einen sonnigen Platz.
Die Mazerationsflüssigkeit war rötlich, dick und fötide, und man kann sich lebhaft vorstellen, wie es in Dr. Drysdales Laboratorium stank, als er daran ging, sein Präparat absolut steril und ungefährlich zu machen.
Es wurde durchgesiebt, gefiltert und bei kochender Hitze bis zur Trockenheit evaporiert; dann mit Weingeist in einem Mörser zerrieben, gekocht, wieder gefiltert und wieder getrocknet, bis sich eine bräunliche Masse bildete; diese wurde nun unter Zugabe destillierten Wassers zerrieben und erneut gefiltert. Die daraus erhaltene klare, bernsteinfarbene Flüssigkeit war ein wässriger Extrakt, eine wässrige Lösung von Sepsin. Diese Lösung, zu gleichen Teilen mit Glycerin vermischt, bezeichnete er als Pyrexin Ø.
(Als der Stoff dann etwa acht Jahre später für Burnett zubereitet wurde, ließ dieser ihn mit Weingeist bis zur 6. Centesimalpotenz verdünnen und wandte ihn so mit Erfolg in Fällen von Abdominaltyphus an. Ein Teil dieses Burnettschen Präparats gelangte in den Besitz von Dr. Swan, der sich u.a. mit seinen Hochpotenzen einen Namen gemacht hatte und der nun daraus die in den USA viel gebrauchten Höchstpotenzen von Pyrogenium herstellte.39

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Wie Kent in seinen Lectures (Homöopath. Arzneimittelbilder, Bd. 3, Haug Verlag) in einer Anmerkung zum Pyrogenium-Kapitel schreibt, soll Swan für seine Potenzen nicht dieses Präparat Burnetts (das von Heath für Burnett aus verfaultem Rindfleisch angefertigt worden war) benutzt haben, sondern ein aus Sepsiseiter hergestelltes. Die mit diesem Präparat in Amerika erzielten Heilungen sowie die ebenfalls damit durchgeführte Prüfung Sherbinos dürften danach nicht ohne weiteres unserem Pyrogenium zugerechnet werden, obwohl es gewiss viele Überschneidungen gibt. Die verwirrende Geschichte und Problematik von Pyrogenium wird auch von Leeser im 5. Band seines Lehrbuchs der Homöopathie (Haug Verlag) ausführlich und sehr kritisch beleuchtet. An dieser Stelle möchte ich nur auf die beiden o.g. Werke aufmerksam machen und darauf hinweisen, dass weite Teile dieses Kapitels dem dort Gesagten zufolge unter einem gewissen Vorbehalt stehen. Leider gibt es von diesem doch offenbar so heilkräftigen Mittel, d.h. von dem aus verfaultem Rindfleisch hergestellten Pyrogenium, keine adäquate Prüfung an Gesunden, die uns aus unserem Dilemma befreien würde. (Clarke erwähnt in seinem Dictionary ein Mittel, septicaeminum, das von Swan aus dem Inhalt eines septischen Abszesses zubereitet wurde und mit jenem aus Sepsiseiter hergestellten Präparat wohl weitgehend identisch sein dürfte; vgl. dazu die Ergänzung des englischen Herausgebers am Ende dieses Kapitels.)

)
Um ganz sicher zu gehen, dass sein „Pyrexin“ oder Pyrogenium ein reiner Giftstoff war, steril und unfähig, Krankheit zu übertragen oder zu erregen, testete Drysdale es, indem er es weißen Mäusen injizierte. Und bald konnte er konstatieren: „Sepsin oder Pyrogenium ist lediglich ein chemisches Gift, dessen Wirkung wohldefiniert und durch die Dosis zu begrenzen ist; es ist nicht in der Lage, in minimaler Dosis eine unbegrenzt übertragbare Krankheit zu induzieren, wie es die speziellen Gifte der verschiedenen Fieberkrankheiten tun.“
Er sagt: „Die kürzeste Indikationsformel für Pyrogenium wäre, es als das aconitumACONITUM des typhösen oder typhusähnlichen Fiebertyps [= Febris continua] zu bezeichnen.“
Burnett, immer auf der Suche nach neuen Heilmitteln, schrieb eine kleine Monographie über Pyrogenium bei Typhus und septischen Fiebern40

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Ihr Titel: Fevers and Blood-Poisoning and their Treatment, with Special Reference to the Use of Pyrogenium.

, in der er entsprechende Fallbeschreibungen bringt. Drysdales Arbeit war nämlich mehr oder weniger übergangen worden, Burnett aber hatte die Bedeutung der Arznei erkannt und in seiner Praxis selbst erfahren.
Dann trug Dr. H. C. Allen zu einer breiteren praktischen Anwendung von Pyrogenium bei, indem er das Mittel in seine Materia Medica of the Nosodes und seine Keynotes aufnahm.
Doch der bei weitem aufschlussreichste Artikel über Pyrogenium stammt von Dr. Sherbino aus Texas, veröffentlicht im April 1893 im Homœopathic Physician. In derselben Ausgabe findet sich eine Darstellung von Dr. Yingling, in der dieser „die verlässlichen Indikationen von Pyrogenium“ zusammenstellt. Yingling schreibt dort: „Da der größere Teil dieser Auflistung klinischen Ursprungs ist und da Symptome, die mit einer einzigen Arznei geheilt wurden, als verlässliche Daten zu betrachten sind, weise ich nicht auf den Unterschied hin“ (ich nehme an, zwischen den Symptomen der Prüfung41

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Gemeint ist wohl die Prüfung Sherbinos, die dieser zuvor – laut Clarkes Dictionary – in der Medical Advance veröffentlicht hatte.

und den geheilten Symptomen).
Ich habe bisher noch keine angemessene und vollständige Prüfung von Pyrogenium am Menschen ausfindig machen können. Doch wie Clarke zu betonen pflegte, ist der Satz „Was eine Arznei hervorrufen kann, das kann sie auch heilen“ keine Einbahnstraße. Auch der Umkehrschluss sei zulässig: Was eine Arznei heilen kann, das kann sie auch hervorrufen. Im letzteren Fall würde die Arznei, ihm zufolge, eben ‚in Steißlage geboren‘; und er war stets überglücklich, wenn sich später herausstellte, dass die Symptome, die er mit einem bestimmten Mittel geheilt hatte, in Prüfungen von ebendiesem Mittel auch hervorgerufen wurden.
Dr. Sherbino gibt nicht nur markante Indikationen für Pyrogenium an, sondern er bringt auch eine Reihe aufschlussreicher Fälle, die von der großen Heilkraft und dem enormen Nutzen des Mittels zeugen und die auch die Schnelligkeit seiner Wirkung illustrieren. Und er weist mit Nachdruck auf die sehr auffälligen und eigentümlichen Symptome hin, die seine Verwendung nahelegen sollten.
Ich führe nun einige Leitsymptome Sherbinos an; danach einige seiner Fälle in Kurzfassung.
Die Empfindung eines zu harten Bettes oder Kissens mit unerträglichen Schmerzen, so als läge der Patient auf einem Steinhaufen, zeigen das extreme Wundheits- und Zerschlagenheitsgefühl von Pyrogenium (ARNICA,arnica montana baptisiaBAPTISIA). Er kann sich fühlen, „als ob ihn eine ganze Wagenkolonne überrollt hätte“.
Größte Unruhe, mit Besserung der Beschwerden, sobald er sich zu bewegen beginnt. Dies ist der große Unterschied zwischen RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON und Pyrogenium. Der RHUS-rhus toxicodendronTOXICODENDRON-Patient hat zu Anfang der Bewegung zunächst größere Schmerzen, erst bei fortgesetzter Bewegung geht es ihm besser. Da bei Pyrogenium die Linderung durch Bewegung nur wenige Augenblicke anhält, muss sich der Patient pausenlos bewegen; daher seine schreckliche Ruhelosigkeit. Die Schmerzen können auch durch kräftiges Schaukeln in einem Stuhl gemildert werden. (Ich glaube, Pyrogenium muss der Traum eines jeden Wissenschaftlers sein – ein wahres Perpetuum mobile.)
Fächerartige Bewegung der Nasenflügel (antimonium tartaricumANTIMONIUM TARTARICUM, baptisiaBAPTISIA, belladonnaBELLADONNA, BROMUM,bromum helleborusHELLEBORUS, lycopodiumLYCOPODIUM, phosphorusPHOSPHORUS, RHUS TOXICODENDRON).
Erbrechen von Wasser, sobald es im Magen warm wird (PHOSPHORUS). Magenbeschwerden > durch Trinken von sehr heißem Wasser (ganz und gar nicht PHOSPHORUS).
Husten mit Auswurf eines rostfarbenen Schleims.
Schmerz in der rechten Lunge und Schulter, < durch Sprechen, Husten.
Klopfen der Halsgefäße (BELLADONNA, spigeliaSPIGELIA). Heftige Herzaktion. Das Herz schlägt angestrengt und mühsam; Empfindung, als sei es zu stark mit Blut gefüllt; es pocht so laut, dass man es noch in einiger Entfernung vom Thorax hören kann. Kann nicht schlafen, weil das Herz so schwirrt und schnurrt; als sie dennoch einschläft, deliriert sie.
Delirium beim Schließen der Augen; sieht einen Mann am Fußende des Bettes oder im hinteren Teil des Raumes stehen. Neigung, die ganze Zeit zu reden, nachts während des Fiebers. Spricht mit sich selbst; flüstert mit sich selbst; gefragt, was sie gesagt habe, antwortet sie nicht. Schreit im Schlaf auf, dass eine Person oder ein Gewicht auf ihr liege. Empfindung, als habe sie eine Mütze auf dem Kopf; als sie erwacht und sie tatsächlich dort findet, erkennt sie erst, dass sie wieder in Ordnung ist, dass sie nicht mehr deliriert. Empfindung, als würde sie mit ihrem Körper das ganze Bett bedecken; oder sie weiß, dass ihr Kopf auf dem Kissen liegt, kann aber nicht sagen, wo sich ihr übriger Körper befindet (vgl. BAPTISIA, petroleumPETROLEUM). Hat das Gefühl, sie sei eine Person, wenn sie auf der einen Seite liegt, und wenn sie sich umdrehe, sei sie eine andere (d.h., sie existiere auch noch in einer zweiten Person bzw. es gebe zwei von ihr); das Fieber scheint sich in den beiden Personen ungleich zu entwickeln (baptisiaBAPTISIA).
Die ganze Nacht ein Gefühl, als würde er von Armen und Beinen bedrängt.
Kann immer genau sagen, wann das Fieber kommt, weil er dann häufig urinieren muss; der Harn dabei klar wie Quellwasser.
Unerträglicher Blasentenesmus.
Kälte und Frösteln den ganzen Tag, sodass kein Feuer ihn zu wärmen vermochte; saß am Kamin und atmete die Hitze des Feuers ein. Nachts, als das Fieber kam, hatte er dann das Gefühl, als stünden seine Lungen in Flammen und als bräuchte er dringend frische Luft, welche dann auch bald Erleichterung verschaffte.
Messerstichartige Schmerzen in der rechten Seite, die bis in den Rücken gingen; < durch Bewegung, Husten, Sprechen, tiefes Einatmen; > durch Liegen auf der betroffenen Seite (BRYONIAbryonia); Stöhnen bei jedem Atemzug.
Röte des Gesichts und auch der Ohren; es sah aus, als wolle das Blut aus ihnen herausquellen.
Nach Rückgang des Fiebers blieb die Wahnvorstellung bestehen, dass er sehr reich sei und eine große Geldsumme auf der Bank habe; diese Wahnvorstellung war das Symptom, das am längsten bestehen blieb und als letztes verschwand.
Taubheit der Hände, Arme und Füße; breitet sich über den ganzen Körper aus.
Hände kalt und klebrig-feucht.
Bauch bzw. Eingeweide so schmerzhaft und empfindlich, dass sie kaum atmen und keinerlei Druck auf der rechten Bauchseite vertragen kann.
Zunge: weiß belegt; gelbbrauner Streifen in der Zungenmitte (baptisiaBAPTISIA); trocken, kein bisschen Feuchtigkeit darauf; trockener Mittelstreifen; bitterer Mundgeschmack.
(Als Veränderungen der Zunge gibt H. C. Allen außerdem an: Zunge rein, glatt und trocken; zuerst feuerrot, dann dunkelrot und äußerst trocken; glänzend, schimmernd, wie lackiert; trocken, rissig, mit erschwerter Artikulation.)
Rollen des Kopfes von einer Seite zur anderen.
Ein Fall mit höchst merkwürdigen Symptomen: Pyrogenium hat Prolapsus uteri mit herabdrängenden Schmerzen geheilt, die durch Anhalten des Atems und Pressen wie zu den Wehen gebessert wurden. … Der Schmerz begann am Nabel oder etwas darüber und wanderte in Richtung Uterus, doch wurde er unterwegs von einem gleichartigen Schmerz ‚abgefangen‘, der vom Uterus aus nach oben zog und auf halbem Wege auf Ersteren traf; dort erloschen sie allmählich beide, bis der Vorgang von neuem begann.
Dr. Sherbino nennt Pyrogenium eine „großartige Nosode – eines der größten Denkmäler für Hahnemann und die Homöopathie, da es ein sehr breites Wirkungsspektrum abdeckt und einen ganz eigenen Platz einnimmt, der von keinem anderen Mittel ausgefüllt werden kann“.
Obige Symptome sind sehr gedrängt wiedergegeben, wie es auch die nun folgenden Fälle sind. Dr. Sherbino gebrauchte in all diesen Fällen Swans Höchstpotenzen von Pyrogenium [die aus Sepsiseiter hergestellt wurden, sodass die Ergebnisse nur bedingt auf ‚unser‘ Pyrogenium übertragbar sind; vgl. Fußnote 39], während sich Burnett, wie gesagt, auf die C 6 beschränkte, nach meiner Erfahrung hier ebenfalls eine sehr nützliche Potenz.
Pneumonie. 14-jähriges Mädchen; seit einer Woche krank. Temperatur 40,8 °C; Atmung 52; Puls 120; rostfarbenes Sputum. Schmerz in der rechten Lunge und Schulter, schlimmer durch Sprechen und Husten. Fächerartige Bewegung der Nasenflügel. Ruhelosigkeit. … Temperatur an den auf das Mittel folgenden Tagen (mit rascher Besserungstendenz): 39,2° – 37,8° – 36,4°; subnormale Temperatur also nach drei Tagen. Sie hatte vier Gaben Pyrogenium CMM42

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Wahrscheinlich steht „CMM“ für die 200000. Potenz, „DMM“ für die 1000000. Potenz (C = 100; D = 500; MM = 2000).

erhalten. „Geheilt“ am dritten Tag. (Allerdings haben Pneumonien die Eigenart, mehr oder weniger rasch – kritisch oder lytisch – zu entfiebern. Viel kann man sich demnach auf diesen Fall nicht zugute halten.)
Frau X. Es tat ihr alles weh. Äußerst unruhig die ganze letzte Nacht, konnte keinen Augenblick still liegen. Pyrogenium DMM. Geheilt am nächsten Morgen.
Kleines Mädchen mit paralytischen Symptomen. Konnte nicht auf den eigenen Füßen stehen, und wenn man sie im Bett aufsetzte, schwankte sie vor und zurück, als habe sie keine Kontrolle über sich. Ihr Puls lag bei 120. Die gesteigerte Herztätigkeit als Leitsymptom betrachtend, gab ich ihr Pyrogenium CMM, woraufhin sie rasch genas.
Frau A. Fieber begann gestern. Hatte eine miserable Nacht. Temperatur 39,4 °C, Puls 130. Sehr unruhig gewesen, besonders nach Mitternacht; vor Gliederschmerzen ständig die Lage im Bett gewechselt. RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON half nicht – wieder eine schlechte Nacht, fand keinen Schlaf, und am nächsten Morgen ging es ihr um nichts besser. Sagt, sie sei ständig damit beschäftigt gewesen, eine angenehme Lage im Bett zu finden; will auch bemerkt haben, dass es ihr besser ging, solange sie diesen pausenlosen Lagewechsel vollführte. Es pochte viel in den Blutgefäßen von Thorax und Hals, so kräftig, dass es das Bett zum Wackeln brachte. Pyrogenium CMM. Besserung setzte unmittelbar ein; nachts fand sie mehr Ruhe und Schlaf, und am nächsten Tag waren die Schmerzen verschwunden; Puls 108, Temperatur normal.
Mädchen mit Grippe. Ihr Vater kam wegen eines Mittels vorbei. Er sagte, sie sei sehr unruhig; schlimmer im Liegen, besser im Sitzen. Sie müsse sich übergeben, sobald Getränke im Magen warm würden; danach gehe es ihr besser. Geheilt mit einer Dosis Pyrogenium CMM.
Grippe. Herr –. Kälte und Frösteln, dass kein Feuer ihn zu wärmen vermochte. Zur Nacht hin wurde er immer unruhiger. Hatte am Tag die ganze Zeit die heiße Luft des Kaminfeuers eingeatmet; jetzt verlangte es ihn nach frischer Luft, sonst „verbrennen meine Lungen“. Stöhnte die ganze Nacht und drehte und wälzte sich im Bett von einer Seite auf die andere, konnte nicht einen Augenblick auf einer Stelle liegenbleiben. Das Bett erschien ihm hart wie ein Brett, ebenso das Kissen, und er fühlte sich wund und zerschlagen, als hätte ihn eine ganze Wagenkolonne überrollt. Er versuchte auch, sich auf den Bauch zu legen, musste aber feststellen, dass er auf der Vorderseite genauso empfindlich war wie am übrigen Körper.
Er erwachte vor Tagesanbruch und sagte seiner Frau, dass er so froh sei, endlich diese Arme und Beine los zu sein, die ihn die ganze Nacht bedrängt hätten; wenn er sich umgedreht habe, seien sie schon wieder dagewesen, und die ganze Nacht habe er versucht, sie aus dem Bett zu bekommen. … Er erhielt zwei oder drei Gaben Pyrogenium CMM.
Dysmenorrhö. Frau W. F. F. litt seit mehreren Jahren unter schmerzhaften Menses. Diesen gingen stets Knochenschmerzen voran, die sie zu Klagen über das allzu harte Bett veranlassten und die mit unerträglicher Ruhelosigkeit verbunden waren. Linderung in dem Augenblick, wo sie sich zu bewegen begann; musste sich dauernd bewegen, weil nur so die Beschwerden etwas zu besänftigen waren. Einmal erlebte ich sie bei einem dieser ‚Anfälle‘: Sie lag auf dem Fußboden, rollte sich zusammen und streckte sich wieder aus, und dann drehte und wand sie sich in jede erdenkliche Lage. Die CMM-Potenz von Pyrogenium tat ihr immer sehr gut, und heute hat sie keine Beschwerden dieser Art mehr. Pyrogenium beseitigte dieses Leiden, doch waren später auch noch andere Mittel erforderlich …
Ich wurde zu einem farbigen Mädchen von etwa zwölf Jahren gerufen, das teilweise gelähmt zu sein schien. Sie konnte ohne Hilfe weder aufrecht sitzen noch stehen oder auch nur einen einzigen Schritt gehen. Sie war sehr unruhig und wiegte sich, während sie auf dem Bettrand kauerte, ständig vor und zurück. Nach ihren Worten verschaffte ihr diese wiegende Bewegung Erleichterung, und deshalb mochte sie damit nicht aufhören. Ich gab ihr eine Dosis Pyrogenium CMM, und innerhalb von ein, zwei Tagen war sie gesund.
Ein Mädchen hatte mehrere Tage lang Fieber gehabt, und es ging ihr immer schlechter. (belladonnaBELLADONNA und RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON hatten fehlgeschlagen.) Ich wachte die ganze Nacht bei ihr – sie zeigte alle Symptome der Unruhe, die typischerweise das Nahen des Todes ankündigt. Ihr rechter Arm und ihr rechtes Bein bewegten sich mehr als die anderen Gliedmaßen, und so drehte sie sich allmählich im Halbkreis von links nach rechts, bis ihre Füße auf dem Kopfkissen zu liegen kamen. Die ganze Nacht über lag sie nicht einen Moment still, stets machte sie diese seltsame Kreisbewegung. Legte man sie mit dem Kopf auf das Kissen zurück, war sie in kürzester Zeit doch wieder mit den Füßen am Kopfteil angelangt. All diese Symptome verschwanden unter der Wirkung von Pyrogenium DMM.
Frau M. wurde seit einiger Zeit von einem Gefühl des Herabdrängens in der Gebärmuttergegend gequält, das gemildert werden konnte, indem sie den Atem anhielt und wie zu den Wehen nach unten presste. Nachts war sie höchst unruhig und musste andauernd in Bewegung bleiben, weil sie nur so etwas Linderung erfuhr. (Besser gleich zu Beginn der Bewegung.) Geheilt durch Pyrogenium DMM.
Andere Fälle, wie Pneumonietyphöse PneumonieRückfall nach Typhus abdominalis, die durch Pyrogenium in sehr hohen Potenzen geheilt wurden, kann ich wegen ihres Umfangs hier nicht zitieren. Was die Symptome betrifft, gehen sie alle in die gleiche Richtung wie die hier bereits wiedergegebenen.
Dr. Yingling stellt die „verlässlichen Indikationen“ von Pyrogenium zusammen, angeordnet nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema. Dabei lässt er „all diejenigen Symptome weg, bei denen die Wirkung anderer, außer Pyrogenium gegebener Arzneien den ‚kurativen Bereich‘ des Mittels beeinflusst haben könnte“. Von seinen zusätzlichen Symptomen möchte ich folgende festhalten:
Sehr redselig. „In meinem ganzen Leben habe ich noch nie an einem einzigen Tag so viel geredet. Ich konnte schneller denken als je zuvor.“
Furchtbar klopfender Kopfschmerz, > durch festes Binden des Kopfes.
Starkes Klopfen der Arterien der Schläfen und des Kopfes; jedes Pochen wird im Gehirn und in den Ohren verspürt.
Quälende berstende, pochende Kopfschmerzen, mit größter Unruhe; oft mit Nasenbluten, Übelkeit und Erbrechen einhergehend.
Niesen jedes Mal, wenn er die Hand unter der Decke hervorstreckt.
Entsetzlich übler Geschmack, als ob Mund und Hals voller Eiter wären, ein Gefühl wie von einem aufgebrochenen Abszess im Mund.43

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Prüfungssymptom Swans von einer einzigen Gabe der CM.

Ermüdungsgefühl in der Herzgegend, wie nach einem Langstreckenlauf; „würde es am liebsten herausnehmen, um ihm etwas Ruhe zu gönnen; es wäre eine solche Erleichterung, wenn ich das Herz anhalten und ausruhen lassen könnte, damit es endlich aufhört zu pochen.“
Schweiß entsetzlich stinkend, aashaft; Ekel (bis zur Übelkeit) vor allen Ausdünstungen ihres eigenen Körpers.
Große Ruhelosigkeit. „Glaubte durchzubrechen, wenn sie beim Liegen zu lange in einer Position verharrte.“
Septische Zustände. Typhöse Erkrankungen.
Auch Yingling bringt einige Fallbeispiele …
Verschleppte Lungenentzündung: Husten, Nachtschweiße, frequenter Puls; allem Anschein nach wie im letzten Stadium einer Lungenschwindsucht. Ein Abszess war an jenem Tage aufgebrochen und sonderte eine Menge Eiter ab; Eitergeschmack im Munde. Rasche Genesung nach wenigen Gaben Pyrogenium CM.
„Wusste, er würde wieder das typhusartige Malariafieber bekommen, das er sich zwei Jahre zuvor während seiner Tätigkeit in der äußeren Mission zugezogen hatte.“ Hatte jeden zweiten Tag das, was er sein ‚kaltes Fieber‘ [= Malaria subacuta] nannte. Pyrogenium kurierte ihn.
Yingling zufolge hat Pyrogenium Fälle von Blutvergiftung geheilt. So solle man z.B. bei Sektionsverletzungen stets an das Mittel denken; und er zitiert Swan: „Bei allen fieberhaften Erkrankungen ziehe man, wenn andere Mittel nicht wirken, Pyrogenium in Betracht.“
„Bei Septikämie infolge Verletzung – nach Abort – nach Entbindung etc. denke man an Pyrogenium“ (H. C. Allen).
„Bei Uterusblutungen hat Pyrogenium große Ähnlichkeit mit ipecacuanhaIPECACUANHA. Wenn Sie einen vermeintlichen IPECACUANHA-Fall haben und das Mittel schlägt fehl, sollten Sie Pyrogenium erwägen.“
Kent sagt: „Bei septischen Zuständen, wo am ganzen Körper beständig leichtes Frösteln und leises Zittern bestehen und wo die Pulsfrequenz in keinem Verhältnis zur Temperatur steht, muss Pyrogenium verabreicht werden.“
In Allens Materia Medica of the Nosodes gibt es ein langes Kapitel über Pyrogenium; doch möchte ich an dieser Stelle lieber ein wenig aus den „Notes from Lectures by H. C. Allen“ zitieren, weil dort sehr schön die ‚innere Natur‘ dieser machtvollen und rasch wirkenden Arznei aufgezeigt und zusammengefasst wird:
„Diese Arznei ist nach meiner Erfahrung von unschätzbarem Wert bei allen Fieberarten septischen Ursprungs; wenn baptisiaBAPTISIA, echinaceaECHINACEA, RHUS rhus toxicodendronTOXICODENDRON oder überhaupt das scheinbar bestgewählte Mittel nicht zu lindern oder anhaltend zu bessern vermag, studieren Sie Pyrogenium.
Das Bett scheint zu hart zu sein (ARNICAarnica montana); aufgelegene Körperteile fühlen sich wund und wie zerschlagen an (baptisiaBAPTISIA); rascher Dekubitus (ACIDUM carbolicum acidumacidum carbolicumCARBOLICUM); bei septischer Genese.
Fieberfrost: beginnt am Rücken zwischen den Schulterblättern; starkes allgemeines Kältegefühl, besonders im Bereich der Knochen und Extremitäten.
Fieberhitze: plötzlich, mit trockener und brennender Haut; Puls beschleunigt, klein, drahtig, Frequenz 140–170; Temperatur 39,4–41 °C.
Schweiß: kalt, klebrig, profus, oft übelriechend, in der Regel schwächend.
Pulsfrequenz abnorm hoch, in keinem Verhältnis zur Temperatur stehend (LILIUM lilium tigrinumTIGRINUM).
Bei septischen Fiebern; besonders bei Puerperalsepsis, wo Fötus oder Nachgeburt zurückgehalten worden ist und sich zersetzt; Fötus seit Tagen abgestorben, schwarz; entsetzlich stinkende Absonderungen.
Wenn der oder die Kranke sagt: „Bin nie mehr richtig gesund gewesen“ seit einem septischen Fieber, einem Abort oder einer schlecht verlaufenen Entbindung.
Um die Tätigkeit des Uterus anzuregen und diesen zu befähigen, seinen Inhalt auszutreiben.
Viel von dem bisher Behandelten – und noch eine Menge darüber hinaus – ist auch in Clarkes Dictionary zu finden. An dieser Stelle möchte ich noch einmal jene so wichtige Indikation für Pyrogenium herausstreichen: den sehr schnellen Puls, der zur Höhe des Fiebers in keinem Verhältnis steht. Ich frage mich, ob Pyrogenium nicht vielleicht auch in -jenen verzweifelten Zuständen Leben retten könnte, wo bei rasch ansteigendem Puls plötzlich das Fieber zu sinken beginnt.
Meine eigenen Erfahrungen mit Pyrogenium mögen nach dem Vorangegangenen kaum der Rede wert sein, doch immerhin bestätigen sie, was meine Vorgänger herausgefunden haben.
Influenza. Ich kann mich gut an jene Zeit erinnern, als eine schwere Grippe mich (und viele andere) wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf – nachdem man doch, so hieß es damals jedenfalls, seit vielen Jahren nichts mehr von Grippeepidemien gehört hatte. Diese Epidemie wurde allgemein die „Russische Grippe“ genannt, weil sie, wie man annahm, durch Kuriere aus Russland ins Außenministerium eingeschleppt worden war und sich von dort weiter ausgebreitet hatte. Ich weiß noch, wie sehr ich unter der quälenden Ruhelosigkeit zu leiden hatte! Ich war außerstande, es länger als einen Augenblick in irgendeiner Lage auszuhalten; im Bestreben, Linderung zu finden, drehte und wand ich mich den Sessel hinunter, bis ich endlich auf dem Boden zu liegen kam, und dann begann das Spiel von vorn. All dies war ein einziger Schrei nach Pyrogenium – hätte ich es damals nur gekannt!
In dem Jahr, als auch der Duke of Clarence von einer Grippe dahingerafft wurde, teilten die Ärzte über die Zeitungen mit – schon beinahe von Panik erfasst, weil so viele Menschen starben –, dass es angesichts des schweren und rasanten Krankheitsverlaufs unbedingt erforderlich sei, den Patienten Unmengen von Alkohol einzuflößen. Währenddessen konnte ich mit Burnetts Pyrogenium C 6 wundervolle Erfahrungen sammeln … Zu jener Zeit lebte auf unserem Gut eine ganze Anzahl von Erwachsenen und Kindern: neben meiner Familie noch mehrere Bedienstete und Gärtner samt ihren Familien (und es waren noch nicht die Kleinfamilien von 1932!). Als diese Menschen nun einer nach dem anderen oder auch gleich ‚schubweise‘ an jener Grippe erkrankten, konnte jeder einzelne Kranke durch wenige Gaben Pyrogenium C 6, verabreicht in Abständen von jeweils sechs Stunden, innerhalb von 24–48 Stunden geheilt werden – ohne Alkohol und ohne irgendwelche Komplikationen. Und nach dieser Erfahrung setzte Pyrogenium auch der halbjährlichen Wiederkehr meiner eigenen Grippebeschwerden ein Ende – eingenommen in ein oder zwei Gaben beim plötzlichen Beginn jenes heftigen Pulsierens, das gewöhnlich eine neuerliche Grippeattacke ankündigte.
Natürlich variieren die Influenzaepidemien sehr stark in ihren Symptomen – und entsprechend auch in dem Heilmittel des jeweiligen ‚Genius epidemicus‘, das zu ihrer erfolgreichen Bekämpfung benötigt wird. In einem Jahr mag es mercurius (solubilis)MERCURIUS sein, im nächsten gelsemiumGELSEMIUM; dann wieder sind die meisten Fälle vom baptisiaBAPTISIA-Typ, und so fort. Das Fieber jedoch, das mit heftigem Pulsieren und mit ungeheurer Ruhelosigkeit einhergeht (weil eben nur ständiges Bewegen das Leben einigermaßen erträglich macht), dieses Fieber verlangt nach Pyrogenium!
Ein Kollege erzählte mir neulich von einem Pyrogenium-Fall, den er kurz zuvor behandelt hatte. Auf naheliegende Mittel hatte der Patient nicht angesprochen, bis schließlich das Symptom „Hat das Gefühl, als würde er mit seinem Körper das ganze Bett bedecken“ den Arzt darauf brachte, Pyrogenium zu verschreiben, was prompt zur Heilung führte.
Amerikanische Ärzte sehen eine der ‚dramatischsten‘ Indikationen für Pyrogenium in postpartalen Sepsiszuständen, verbunden mit übelriechenden Absonderungen und teilweiser Plazentaretention. Sie sagen, sie geben Pyrogenium – „und die Plazenta springt einem förmlich entgegen“. Hier ein solcher Fall:
Vor ein paar Jahren kalbte eine unserer Kühe draußen auf der Weide. Das Kalb fanden wir tot auf, die Plazenta war offenbar nicht mit ausgestoßen worden. Der Tierarzt räumte etwas davon aus, konnte aber nicht alles entfernen. Die Kuh bekam Fieber und wurde sehr krank, sodass er erwog, sie noch einmal zu untersuchen und eventuell einen zweiten Ausräumungsversuch zu unternehmen. Ich aber gab ihr Pyrogenium – und am nächsten Tag war das Fieber vorbei, das Tier gesund. Ob das auch einer jener Fälle von ‚Entgegenspringen‘ war, weiß ich nicht; jedenfalls gab es keine weiteren Komplikationen.
Auch Abszesse und Panaritien können, wie ich erlebt habe, durch Pyrogenium deutlich gebessert werden. Freilich hat die Homöopathie hier einen großen Reichtum an hilfreichen Arzneien – crotalus horridusCROTALUS, lachesisLACHESIS, anthracinumANTHRACINUM, SILICEAsilicea, arsenicumARSENICUM, HEPAR uhepar sulfuris.v.a.m.
Ich kann mich an mehrere Fälle von Diarrhö erinnern – darunter einen von jahrelangem Durchfall nach einer Typhuserkrankung –, die durch Pyrogenium geheilt wurden. Einmal hatte ich sogar einen Diabetes-Fall, bei dem Pyrogenium den Zucker beseitigen konnte! (Leider weiß ich die Indikationen nicht mehr, die mich damals auf das Mittel gebracht hatten.)
H. C. Allen berichtet in seinen Nosodes von Fällen, die zeigen, wie außerordentlich rasch die Heilwirkung von Pyrogenium bisweilen einsetzen kann: Sepsisfälle nach der Entbindung, mit übelriechenden Absonderungen; Fälle von Ulcus varicosum, ebenfalls mit übelriechenden Sekreten; Fälle von Diarrhö mit fürchterlich stinkenden Stühlen; Fälle von Vergiftung durch Faulschlammgas; etc. Ein Fall von Boger, den Allen wiedergibt: „Eine alte Frau, die mit einer Gangrän im Sterben lag, infizierte eine ihrer Pflegerinnen. Diese bekam daraufhin Frostschauer, hohes Fieber und rote Streifen, die entlang den Lymphbahnen den Arm hinaufzogen. Pyrogenium beseitigte den gesamten Krankheitsprozess umgehend.“
Schließlich resümiert Allen: „Wenn ich von Pyrogenium spreche, kann ich kaum meine Begeisterung über die wunderbaren Erfolge verhehlen, die ich damit bei Blutvergiftungen erzielt habe. Bei jeder Art von septischer Infektion, sei diese puerperal oder traumatisch bedingt, wird Pyrogenium, wenn die Symptome übereinstimmen, wahre Wunder wirken. In mancher Hinsicht hat es Ähnlichkeit mit anthracinumANTHRACINUM.“
Malaria officinalis
Pyrogenium wird, wie wir gesehen haben, aus verfaulender tierischer Substanz hergestellt. Allen vergleicht es in seinem Buch mit einem anderen mächtigen Fieber erzeugenden und heilenden Mittel, das aus sich zersetzendem pflanzlichen Material zubereitet wurde, nämlich aus Torf von einem Moor am Wabash River (Indiana), einer stark malariabelasteten Gegend. Er nennt es MALARIAmalaria officinalis OFFICINALIS, „das pflanzliche Pyrogenium“, und beschreibt detailliert dessen Zubereitung sowie die Symptome, die es an den Prüfern verursachte. Und er zitiert: „Ich kenne Gegenden in Südamerika, Afrika und Spanien, wo das Sumpfmiasma ohne jeden Zweifel jene tödliche Geißel der Menschheit, die Lungenschwindsucht, zum Stillstand gebracht und ausgeheilt hat, ohne irgendwelche weitere Behandlung oder diätetische Beschränkung.“
Das Einatmen des nach zweiwöchiger Verrottung in einem Glasbehälter entstandenen Gases erbrachte folgende Prüfungssymptome von MALARIA OFFICINALIS: „Schreckliche Kopfschmerzen, Übelkeit, in manchen Fällen Erbrechen, Ekel vor Speisen, Schmerzen im Magen, in den Hypochondrien – zuerst in der Milz, dann in der Leber und im Magen; am dritten Tag dann ausgeprägte Frostschauer, die so schlimm waren, dass ein Antidot gegeben werden musste.“
Bei Einnahme der aus dem gleichen Präparat bereiteten Tinktur wurden Magen, Milz, Leber und Nieren in Mitleidenschaft gezogen, und es trat intermittierendes Fieber jeden 3. oder 4. Tag auf. Die orale Gabe einer Tinktur aus drei Wochen lang verrottetem Torf führte sogar zu typhusähnlichen oder semiparalytischen Zuständen, sodass die Prüfer sich ins Bett begeben mussten.
PS. – Es wäre überaus interessant, die Wirkung von MALARIA OFFICINALIS bei der progressiven Paralyse zu erproben. Das wäre einfacher und weniger riskant als die bisherigen Behandlungsversuche mit importierten Moskitos.
Septicaeminum
Eine weitere Nosode Swans, die mit Pyrogenium große Ähnlichkeit hat, ist septicaeminumSEPTICAEMINUM; sie wird „aus dem Inhalt eines septischen Abszesses hergestellt“. Clarke schreibt dazu in seinem Dictionary: „Skinner gab einem Freiwilligen für den Burenkrieg in Südafrika einen kleinen Vorrat an septicaeminumSEPTICAEMINUM 10 M mit; davon sollte er bei jeglichen typhusähnlichen Krankheitserscheinungen alle vier Stunden ein Kügelchen einnehmen. Bald schrieb der junge Mann zurück: ‚Bei den Durchfall- und Ruhrerkrankungen, die in unserem Lagerleben an der Tagesordnung sind, wirkt das SEPTICAEMINUM wahre Wunder‘; und er bat um mehr, da sein Vorrat von seinen Gefährten weitgehend aufgebraucht worden war.“ – Ed.

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