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Ranunculus bulbosus – Ruta graveolens

Ranunculus bulbosus

Weitere Namen: Knolliger Hahnenfuß
Wer würde angesichts einer im Frühjahr vor lauter ‚Butterblumen‘ goldgelb leuchtenden Wiese auch nur im Traum an die giftigen Eigenschaften des Knolligen Hahnenfußes denken – und an seine Fähigkeit, so schmerzhafte und hartnäckige Zustände wie die Gürtelrose heilen zu können?
Meine erfreulichen Erfahrungen mit der Heilung der Gürtelrose durch Ranunculus bulbosus sind es, die mich jetzt, da es Frühling wird, veranlassen, diese Pflanze zu würdigen und das Wissen über ihre zerstörerischen und somit heilenden Kräfte zu verbreiten. Im Laufe der Jahre hatte ich viele Fälle von Herpes zoster zu behandeln, und ich kann mich an keinen Ranunculus-Fall erinnern, wo nicht ein paar Gaben des Mittels in hoher Potenz das Problem in wenigen Tagen bereinigt hätten – die Schmerzen und alle übrigen Beschwerden. In einigen Fällen mit großer Unruhe und Ängstlichkeit, bei denen die Schmerzen von brennendem Charakter waren und durch Wärme gelindert wurden, war arsenicumARSENICUM das Mittel der Wahl; und viele Kollegen schwören auch auf mezereumMEZEREUM. Selbst bei alten Leuten mit heftigsten Schmerzen habe ich beobachten können, wie Ranunculus bulbosus das Leiden einfach auslöschte; und Schmerzen, von denen Ärzte ihren Patienten gesagt hatten, dass sie für den Rest ihres Lebens bestehen bleiben würden, verschwanden prompt (ich habe kürzlich einen solchen Fall veröffentlicht). Auch variolinumVARIOLINUM, mit dem Burnett ähnlich überzeugende Erfahrungen gemacht hat, kommt hier in Betracht, was um so interessanter ist, als heutzutage ja Herpes zoster mit den Windpokken in Verbindung gebracht wird. Ich erinnere mich an einen schrecklichen Fall, der zunächst schulmedizinisch behandelt worden war, mit extremen Schmerzen und hässlichen Verunstaltungen inklusive Zerstörung eines Auges, wo es der Patientin nach VARIOLINUM in Bezug auf die Schmerzen deutlich besser ging. Sie kam aber leider nicht wieder, weil ihr Auge, an dem es zu Vernarbungen und Linsenvorfall gekommen war, nicht wiederhergestellt werden konnte.
Im Hinblick auf die Thoraxsymptome muss Ranunculus bulbosus von BRYONIA abgegrenzt werden. Beide haben die stechenden Schmerzen, die durch Bewegung verschlimmert werden; doch bryoniaBRYONIA braucht Druck auf die leidende Brustseite, um diese ruhigzustellen, während Ranunculus weder Druck noch Berührung vertragen kann. Des Weiteren wird Ranunculus verschlimmert bei feuchtem Wetter, BRYONIA hingegen bei kaltem und trockenem Wetter. Die Ätiologie bei aconitumACONITUM ist ebenfalls ‚trockene Kälte‘ – plötzliche Beschwerden, nachdem man trockenen, kalten Winden ausgesetzt gewesen ist. arnica montanaARNICA hingegen, das mit seinen stechenden Schmerzen, welche tiefes Einatmen nicht erlauben, sowie mit seinen Empfindungen von Wundheit, Lahmheit und Zerschlagenheit ein großartiges Mittel bei Pleurodynie ist, wird weder durch Kälte oder Hitze noch durch Feuchtigkeit oder Trockenheit nennenswert beeinträchtigt. Auf der anderen Seite ist ARNICA körperlich überempfindlich und findet das Bett unerträglich hart.

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Die bisher einzige Prüfung von Ranunculus bulbosus wurde von Franz durchgeführt und erstmals 1828 im Archiv für die homöopathische Heilkunst veröffentlicht (hier zitiert nach der überarbeiteten und leicht veränderten Fassung in Stapfs Beiträgen zur reinen Arzneimittellehre von 1836); ihre Symptome sind mit a bezeichnet. Bei den übrigen Symptomen und Indikationen handelt es sich um Ergänzungen Herings aus den Guiding Symptoms.

Hauptsymptome1
KopfKopfschmerz über dem rechten Auge, durch Liegen verschlimmert, im Gehen und Stehen besser …a
AugenBeißen …a
Drücken in den Augen …a
AbdomenWehthun beider Hypochondern, zugleich mit Empfindlichkeit dieser Stelle bei Berührung.a
Abends, Schmerz beider Hypochondern und der untersten Brustribben, wie zerschlagen.a
ThoraxStiche; neuralgische, myalgische oder rheumatische Schmerzen in der Brust.
Pleurodynie, rheumatisch, myalgisch oder neuralgisch.
Stechender Druck in der rechten Brustseite, in der Gegend der letzten wahren Ribbe (Leber?), athemversetzend, mit Stichen und Druck auf der rechten Schulterhöhe …a
Druck und Beklemmung unten queer über die Brust, mit feinen Stichen, anfangs wie äußerlich, aber doch in die Tiefe gehend, bald in der rechten, bald in der linken Brustseite, durch Bewegung, Bücken, Athemholen vermehrt.a
[Abends Brustschmerz, Druck oben auf die linke Brustseite, mit Stichen erschwert,] das Athemholen und die Bewegung der Stelle ist auch bei Berührung schmerzhaft.a
[Früh beim Erwachen gleich Brustschmerz, wie zerschlagen, und] Stiche in der linken Seite oberhalb der Brustwarze, auf einer handgroßen Stelle, bei Berührung und Bewegung schlimmer.a
Vormittags, im Stehen, heftige, feine Stiche vorn in der Mitte der linken Brust, beim Athemholen.a
[Abends schwerer, kurzer Athem …] mit Brennen und feinen Stichen in der linken Brustseite.a
Zerschlagenheitsschmerz in der Gegend der kurzen Ribben, mit Rückenschmerz, Laßheit [Mattigkeit], Verdrüßlichkeit.a
Heftiges Stechen in der rechten Brustseite, in der Gegend der 5.–7. Ribbe, athemversetzend, mit Stichen und Druck auf der rechten Schulterhöhe, beim Gehen nach dem Sitzen.a
Stechen in der Gegend der 5. und 6. Ribbe linker Seite, mit großer Empfindlichkeit dieser Stelle bei Berührung und [mit] großer Hinfälligkeit.a [Ähnliches auch in der rechten Brustseite.]
Stiche im Brustbereich bei jedem Wetterwechsel.
Brustkorb fühlt sich wund an, wie zerschlagen; < durch Berührung, Bewegung oder durch Drehen des Oberkörpers (Pleurodynie).
Interkostale oder spinale Neuralgie; rheumatische oder neuralgische Pleurodynie.
Muskelrheumatismus, besonders der Muskeln im Bereich des Rumpfes; interkostaler Rheumatismus; Muskeln berührungsempfindlich, fühlen sich geprellt an, als wären sie Schlägen ausgesetzt gewesen.
Gürtelrose und Interkostalneuralgie.
HautKleine, tiefgehende, durchsichtige, dunkelblaue, wenig erhabene Bläschen, von der Größe eines gewöhnlichen mittelmäßigen Stecknadelkopfs …, dicht zusammengedrängt in pfenniggroßen, ovalen Haufen, mit unerträglichem brennenden Jücken …a
Weitere wichtige, seltsame oder hinweisende Symptome
Herpes zoster supraorbitalis, mit bläulichschwarzen Bläschen und den üblichen Schmerzen.
Heuschnupfen: Beißen in den Augen; Lider brennen und fühlen sich wund an; Nase -verstopft, … mit Kitzeln und Kribbeln darin, gelegentlich auch in den hinteren Nasenöffnungen, was den Patienten nötigt, sich zu räuspern, zu schlucken und auf jede -erdenkliche Art zu versuchen, die betroffene Stelle zu kratzen; … der Blasenhals kann ebenfalls betroffen sein, mit einigem Brennen beim Wasserlassen.
Lungenschmerzen aufgrund von Verwachsungen nach Pleuritis (bryoniaBRYONIA).
Früh beim Aufstehen, Wehthun der ganzen Brust, wie rheumatisch und unterköthig [unter der Haut eitrig entzündet], bei der geringsten Bewegung des Oberkörpers.a
Früh beim Aufstehen gleich wieder heftig stechender Schmerz oben neben der linken Brustwarze, nahe an der Achselgrube; er darf den Arm nicht bewegen oder in die Höhe heben, selbst den Oberkörper nicht aufrichten, ohne daß er laut schreien möchte, sondern muß mit Kopf und Brust vorwärts nach der linken Seite zu gebückt sitzen und stehen.a
Herpes oder bläschenförmige Ausschläge an den Handinnenflächen; blaue Bläschen an den Fingern.
Beim Gehen im Freien, trotz der wärmern Bekleidung dieses Tages, ungewöhnliches Frieren an der äußern Brust.a
Empfindung, als lägen kalte, nasse Tücher an verschiedenen Stellen der Brustwand [regelmäßig, aber ausschließlich im Freien auftretend].
Bei der geringsten Bewegung heftiger Schmerz, als würde ein Messer in die linke Brustseite bis in den Rücken gestoßen (Pleurodynie).
Laufen und Kriebeln auf dem Haarkopf, wie das Laufen eines Käfers.a
Kriebeln im Gesichte, vorzüglich um Kinn und Nase.a
Kriebeln in der Haut der Finger.a
Schlimmer: nasses Wetter, Wetterwechsel, Temperaturänderung.
Herpes zoster (Gürtelrose): mit Serum gefüllte Vesikel, die brennen und die bläulichschwarz aussehen können; besonders wenn die Beschwerden im Innervationsgebiet der Supraorbital- und Interkostalnerven erscheinen und danach scharfe, stechende Schmerzen auftreten.
Schmerz wie bei Gürtelrose, aber ohne Hautausschlag.
Pemphigus. Ekzeme mit Bläschen- und Schorfbildung.
Welche persönlichen Erfahrungen haben nun unsere großen Meister mit Ranunculus bulbosus gemacht?
Nash weiß nur von „vesikulären Ausschlägen an den Handinnenflächen“ zu berichten.
Guernsey nennt:
„Beißender oder stechender Schmerz; Schmerz, als wollten die betroffenen Teile platzen, als würden sie auseinandergedrückt oder -gepresst.
Pustulöse, blau gefärbte Exantheme.
Zu frühes Erwachen am Morgen.
Diverse Affektionen der äußeren Augenwinkel; der Hypochondrien, besonders im Bereich der Milz; des unteren Abdomens; der Handflächen.
Schlimmer: beim Betreten eines kalten Ortes; durch alkoholische Getränke; bei Trinkern; beim Strecken der Glieder; bei Temperaturveränderungen, von warm nach kalt oder umgekehrt.
Clarke (Dictionary) schreibt: „‚Kleine, tiefgehende, durchsichtige, dunkelblaue, wenig erhabene Bläschen, von der Größe eines gewöhnlichen mittelmäßigen Stecknadelkopfs, dicht zusammengedrängt in pfenniggroßen, ovalen Haufen, mit unerträglichem brennenden Jücken, welche nach dem Aufkratzen oder Aufstechen eine dunkelgelbe Lymphe geben und sich hernach mit einem flechtenartigen, hornähnlichen Schorf bedecken …‘ – dies ist ein vollkommenes Bild des Herpes zoster. Sowohl die Schmerzen als auch das äußere Erscheinungsbild des Zosters sind in der Pathogenese von Ranunculus bulbosus anzutreffen. … Die Schmerzen sind lanzinierend, drückend und nach außen pressend, zuckend und stechend; Schmerzen wie zerschlagen, mit Empfindlichkeit vor allem der äußeren Teile.“ Einige Prüfungssymptome des Mittels haben laut Clarke auch zu vielen Heilungen von Heuschnupfen geführt.2

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Clarke nennt hier: „Beißen in den Augen, wie von Rauch.“ – „Beißen in den Augen, der Nase und dem Rachen, die Augen Thränen und schmerzen sehr, daß er ¾ Stunde lang ausruhen muß, weil er nichts sehen kann. Sie sind im Weißen leicht entzündet, aus der Nase fließt der Schleim stromweise, der Rachen schmerzt beim Athemholen wund, weniger beim Schlingen.“

„Die allgemeine Empfindlichkeit auf freie und kalte Luft sowie auf Wetterwechsel ist das große Leitsymptom dieser Arznei; … ein weiteres Leitsymptom sind die Berührungsempfindlichkeit und das Wundheitsgefühl an den betroffenen Körperteilen – ‚wie zerschlagen‘. …
Ranunculus bulbosus hat sich als eines der wirksamsten Arzneimittel zur Beseitigung der nachteiligen Folgen alkoholischer Getränke erwiesen: Schluckauf; epileptiforme Anfälle; Delirium tremens. Für letztere Indikation spricht einerseits die zanksüchtige, ärgerliche Gemütsverfassung und andererseits die extreme Furcht vor Gespenstern – beides in der Prüfung aufgetreten.“
Das Gefühl von kalter Nässe, das Ranunculus haben kann, illustriert Clarke an einem Fall von Burnett: Eine Frau hatte seit einem zweieinhalb Jahre zurückliegenden Sturz immer dann, wenn sie das Haus verließ, das eigentümliche Gefühl, als befänden sich kalte, nasse Tücher an drei Stellen vorn auf der Brustwand: an beiden infraklavikulären Gruben und unter der linken Mamma. Diese Empfindung trat nie im Hause auf, regelmäßig aber, solange sie sich draußen aufhielt. Geleitet durch das Symptom „Beim Gehen im Freien … ungewöhnliches Frieren an der äußern Brust“, verabreichte Burnett Ranunculus bulbosus. Drei Wochen später war das Symptom vollständig verschwunden, und auch der Allgemeinzustand der Patientin hatte sich deutlich verbessert.
Farrington weiß über Ranunculus bulbosus einiges zu sagen, und er gibt wertvolle Hinweise, die ich sonst, außer in den Prüfungen, nirgendwo gefunden habe. Ich zitiere und fasse zusammen …
„Vergleichsmittel: aconitumACONITUM, arnica montanaARNICA, cactus grandiflorusCACTUS, bryoniaBRYONIA, rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON, arsenicumARSENICUM, mezereumMEZEREUM.
Beide Pflanzen (R. bulbosus und R. ranunculus sceleratussceleratus 3

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Der „Böse Hahnenfuß“ oder Gift-Hahnenfuß.

) besitzen einen Saft, der außerordentlich reizend auf die Haut einwirkt. Lokal aufgetragen ruft er ein Erythem hervor, dem später ein Ausschlag folgt, der zunächst vesikulärer Natur ist und von Brennen, Beißen und Jucken begleitet wird. Dauern die Symptome wegen der Intensität der Gifteinwirkung an, so kann die Stelle geschwürig und sogar gangränös werden, wobei die Gangrän mit Fieber und Delirium einhergeht. …
Wir ziehen Ranunculus bulbosus in Betracht bei Entzündungen der serösen Häute, besonders der Pleura oder des Peritoneums, wenn heftig stechende Schmerzen vorhanden sind, begleitet von Pleuraerguss oder Aszites. Im Zusammenhang damit finden wir große Angst sowie quälende Atemnot, welche teils durch die Flüssigkeitsansammlung und teils durch die Angst aufgrund der Schmerzen bedingt ist. Diese Symptome sind leider vielen Ärzten nicht bekannt; Sie werden aber feststellen, dass Ranunculus Ihnen hier ebenso gute Dienste leisten wird wie apisAPIS, bryoniaBRYONIA oder sulfurSULFUR – oder sogar bessere, wenn die Schmerzen den eben beschriebenen Charakter haben.
Das zweite große Anwendungsgebiet von Ranunculus bulbosus sind Affektionen der Muskulatur, vor allem im Bereich des Rumpfes. Interkostaler Rheumatismus weicht dieser Arznei weit schneller als irgendeiner anderen. Gewöhnlich findet sich eine starke Berührungsempfindlichkeit des betroffenen Areals; die Muskeln fühlen sich wie geprellt an, so als wären sie Schlägen ausgesetzt gewesen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass häufig ACONITUM, ARNICA oder BRYONIA gegeben wird, wenn eigentlich Ranunculus bulbosus indiziert ist. …
Ranunculus kann auch bei Menschen angezeigt sein, die bei jedem Wetterwechsel unter Stichen im Thoraxbereich leiden.
Es kann ferner erforderlich sein bei wunden, empfindlichen Stellen, die nach einer Lungenentzündung in oder an der Brust bestehen bleiben; dieses Wundheitsgefühl geht typischerweise mit der (rein subjektiven) Empfindung einher, als würde unter der Haut eine eitrige Entzündung stattfinden (pulsatillaPULSATILLA).
Weitere Indikationen: Schmerzen aufgrund von Adhäsionen nach einer Pleuritis; … Diaphragmitis mit scharfen Schmerzen, die von den Hypochondrien und vom Epigastrium zum Rücken schießen (cactus grandiflorusCACTUS).
Man sollte an Ranunculus denken als Heilmittel bei den üblen Folgen von Alkoholexzessen.“
Bezüglich der Hauterkrankungen sind wir bereits ausführlich auf den Herpes zoster eingegangen. Farrington erwähnt außerdem: Pemphigus – mit seinen großen Blasen, die platzen und rohe, erodierte Flächen zurücklassen; Ekzeme – mit Verdickung der Haut und Ausbildung harter, horniger Schorfe (antimonium crudumANTIMONIUM CRUDUM); schließlich Heuschnupfen (worüber wir auch schon gesprochen haben).
Und er warnt: „sulfurSULFUR folgt nicht gut auf Ranunculus.“
ranunculus sceleratusRANUNCULUS SCELERATUS produziert laut Farrington in stärkerem Maße große, isolierte Blasen. „Wenn diese platzen, bildet sich ein Geschwür, dessen Absonderungen außerordentlich scharf sind und die Umgebung wund machen.
Bei Mundfäule und manchmal auch bei Diphtherie oder Typhus ist Ranunculus sceleratus indiziert durch das Vorhandensein von erodierten Stellen auf der Zunge, während die übrige Zunge belegt ist. natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, arsenicumARSENICUM, rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON und taraxacumTARAXACUM haben diese Flecken ebenfalls (‚Landkartenzunge‘), doch keines dieser Mittel zeigt das Brennen und ‚Roheitsgefühl‘ im gleichen Maße wie RANUNCULUS SCELERATUS
Wie Ranunculus bulbosus kann auch ranunculus sceleratusRANUNCULUS SCELERATUS angezeigt sein bei gewöhnlichen Katarrhen mit Niesen, Fließschnupfen, Gelenkschmerzen und Brennen beim Wasserlassen.“
H. C. Allen (Keynotes) beginnt sein Kapitel über Ranunculus bulbosus mit der Feststellung: „Eines unserer wirksamsten Heilmittel für die nachteiligen Folgen alkoholischer Getränke: krampfhafter Schluckauf; Delirium tremens.“
Neben den stechenden Schmerzen erwähnt er u.a.:
„Pleuritis oder Pneumonie durch plötzliche Kälteexposition bei Überhitzung (aconitumACONITUM, arnica montanaARNICA).
Hühneraugen, empfindlich gegen Berührung; sie beißen und brennen (ACIDUM salicylicum acidumSALICYLICUM).“
Vor langer Zeit – noch bevor die Röntgendiagnose, die den Sachverhalt eindeutig geklärt hätte, zur Verfügung stand – hatte ich einen an heftigsten Schmerzen in der Brust leidenden Patienten. Ich befasste mich von der Seite der Symptome her sehr sorgfältig und eingehend mit dem Fall; nach wenigen Gaben Ranunculus bulbosus verschwanden dann die Schmerzen vollständig. Der Mann, der bei uns stationär aufgenommen worden war, war beinahe untröstlich gewesen, weil ihm einer unserer Chirurgen unterstellt hatte, dass er simuliere. Die Symptome, die er berichtet hatte, hatten also eine erfolgreiche Verschreibung ‚nach Ähnlichkeit‘ begründet, und so konnte er das Krankenhaus glücklich und (dem Anschein nach) gesund wieder verlassen. Jahre später musste er wegen einer akuten Erkrankung – einer septischen Pneumonie, genauer gesagt – erneut aufgenommen werden, und kurz danach starb er. Die Autopsie, die daraufhin durchgeführt wurde, enthüllte etwas, was uns vor Überraschung den Atem verschlug: ein riesiges Aortenaneurysma, das lehrbuchmäßig zu Knochenusuren und zum Schwund mehrerer Bandscheiben geführt hatte. Dies erklärte natürlich vollkommen die alten Schmerzzustände – nicht allerdings ihr Verschwinden! Ranunculus hatte für diesen Mann etwas getan, was nichts anderes für ihn hätte tun können: Es hatte ihm das Leben erträglich gemacht, auch wenn es ihn nicht zu heilen vermochte.
‚Unheilbar‘ bedeutet in der Homöopathie eben ganz und gar nicht, dass keine Linderung des Leidens möglich ist!
Burnett hat sich immer besonders von den Heilkräften des Gifthahnenfußes (ranunculus sceleratusRANUNCULUS SCELERATUS) angetan gezeigt. Seine Indikation für das Mittel war: größte Empfindlichkeit des äußeren Brustkorbes. Dieses Symptom hat, wie Clarke sagt, zur Heilung vieler thorakaler Erkrankungen geführt, einschließlich Aneurysma.
Das am besten bekannte Charakteristikum von RANUNCULUS SCELERATUS (im Übrigen auch ein recht gut geprüftes Mittel4

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Die Prüfungen sind zu finden in Band 2 und 4 der Gesammelten Arzneimittelprüfungen aus Stapfs „Archiv für die homöopathische Heilkunst“ (Gypser, Waldecker, Wilbrand).

) ist jedoch die landkartenähnliche oder sich abschälende Zunge, und wenn dieses Symptom mit Beißen, Brennen und Roheitsgefühl daselbst einhergeht, wird ranunculus sceleratusRANUNCULUS SCELERATUS heilen (Clarke).

Rhododendron

Weitere Namen: Rh. chrysanthum (bzw. aureum); Sibirische Schnee- oder Alpenrose
Rhododendron und rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON sind in meinem Gedächtnis als Rheumamittel mit ähnlichen Modalitäten eng miteinander verbunden. Beide Arzneien haben Verschlimmerung durch Kälte und regnerisches Wetter sowie Besserung durch Bewegung. Rhododendron wird jedoch durch elektrische Veränderungen in der Atmosphäre weit stärker beeinträchtigt als RHUS; all seine Leiden und Schmerzen verschlimmern sich vor einem Gewitter erheblich.
Clarke sagt über Rhododendron: „Als Gewächs den Nebeln und Stürmen der sibirischen Gebirge ausgesetzt, zeigen auch seine Prüfungen, dass es Empfindlichkeit gegenüber Stürmen und Wetterwechsel erzeugt, und so ist dies das große Leitsymptom für seine Anwendung in der Medizin geworden.“
Guernsey empfiehlt, bei Beschwerden, die durch windiges Wetter verstärkt werden, an dieses Mittel zu denken. „Der Patient mag im Bett liegen oder sich in einer warmen, behaglichen Stube aufhalten, dennoch werden seine Symptome schlimmer, wenn es draußen windig ist.“
Laut Hughes genießt es bei den Völkern Sibiriens große Wertschätzung bei Gicht und Rheumatismus.
Rhododendron gehört zu den Arzneien mit wandernden rheumatischen Beschwerden (lac caninumLAC CANINUM). Die akuten entzündlichen Schwellungen ziehen von einem Gelenk zum anderen (ungleich jenen von rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON) und können schließlich sogar zu dem zuerst befallenen Gelenk zurückkehren. Man beachte: Dieses Wandern der entzündlichen Zustände unterscheidet Rhododendron von rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON; gemeinsam ist beiden Mitteln hingegen, dass „die Schmerzen ein Stillhalten der betroffenen Glieder nicht zulassen“.
Rhododendron kommt aber auch als Heilmittel bei chronischem Rheumatismus in Betracht, wobei es hier eher die kleineren Gelenke samt ihren Bändern affiziert.
Zu den besonders betroffenen Lokalisationen gehören anscheinend die Handgelenke (RUTA), wo es u.a. das Gefühl hervorruft, als ob diese verrenkt wären: „Die Bewegung hindernder Verrenkungsschmerz im rechten Handgelenke, vermehrt in der Ruhe; bei rauher Witterung.“
Rhododendron vermag auch Gichtknoten zu heilen.
Es befällt vor allem die fibrösen Gewebe (rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON, ruta graveolensRUTA).
Die Arznei hat Pleuritis geheilt, die nach Unterkühlung durch längeres Stehen auf kaltem Boden entstanden war; dabei waren die nach unten ziehenden pleuritischen Stiche so heftig, dass sie dem Patienten Atem und Sprache benahmen. Auch rheumatische Schmerzen unterhalb der linken kurzen Rippen nach Erkältung durch Nasswerden konnten mit Rhododendron behoben werden.
Die Kopfschmerzen von Rhododendron sind schlimmer morgens im Bett, nach Weingenuss und bei nasskaltem Wetter. Rhododendron-Patienten reagieren sehr empfindlich auf Alkohol: „Schon von wenig Wein berauscht.“ Besser werden die Kopfschmerzen durch warmes Einhüllen des Kopfes, durch trockene Wärme, nach dem Aufstehen und durch Bewegung.
Ziliarneuralgien, die vor einem Sturm auftreten bzw. verschlimmert werden.
Diarrhö bei nasskaltem Wetter oder vor einem Gewitter; Sommerruhr, stets vor Gewitter wiederkehrend.
Ich erinnere mich, dass ich einmal die Hydrozele eines kleinen Jungen mit Rhododendron geheilt habe. Hier hat das Mittel, besonders bei Kindern, einen ausgezeichneten Ruf, selbst wenn der Wasserbruch schon von Geburt an besteht. Es ist ferner ein wichtiges Mittel bei Orchitis, auch bei chronischen Formen mit Verhärtung des Hodens; Empfindung im Hoden, als ob dieser gequetscht würde.
„Sehr leichtes Schwitzen und Mattigkeit beim Gehen im Freien.“ In seinem Prüfungsbericht zitiert Seidel aus der Literatur, dass der Schweiß „zuweilen einen gewürzhaften Geruch annehmen soll“.
Hauptsymptome5
Zahnschmerz: ein Mittelding zwischen Ziehen, Drücken (und Schneiden), geht jedesmal dem Eintritt eines Gewitters oder trüber, windiger Witterung voraus …

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Aus Allens Encyclopedia; zitiert nach der Prüfung von Seidel, die Stapf in wesentlich erweiterter Fassung in seinen Beiträgen zur reinen Arzneimittellehre 1836 veröffentlicht hat, zusammen mit der Bearbeitung von elf weiteren Arzneimittelprüfungen aus den ersten 15 Jahrgängen des Archivs für die homöopathische Heilkunst. Sowohl Allen als auch Hering nennen als Quelle für ihre Symptomensammlungen irrtümlich das Archiv, in dem die Prüfung Seidels erstmals 1831 erschienen war.

HodenBei Berührung empfindlicher Schmerz in denselben, vorzüglich den Nebenhoden; viele Tage.
In den Hoden Quetschungsschmerz mit abwechselndem Ziehen, bald in dem einen, bald in dem andern mehr.
Heraufgezogene, etwas geschwollene, schmerzhafte Hoden.
Heftiges, schmerzhaftes Ziehen in den harten, etwas geschwollenen Hoden, bis in den Unterleib und Oberschenkel, vorzüglich rechter Seits.
Rücken, ExtremitätenSchmerz im Kreuze, wie zerschlagen, durch Ruhe vermehrt, bei regnigter Witterung besonders schlimm.
Die Gliederschmerzen scheinen ihren Sitz in den Knochen oder deren Haut zu haben, befallen meistens nur kleine Stellen und erscheinen bei veränderlicher Witterung von neuem wieder.
WetterErneuerung fast aller Symptome bei eintretender rauher Witterung.
Clarke schreibt: „Rhododendron greift alle Bereiche des Organismus an und ruft Delirium, Fieber, Kopfschmerz, Neuralgien (Ohrenschmerzen, Zahnschmerzen), Rheumatismus und Entzündungen hervor; aber das wahlanzeigende Hauptcharakteristikum ist, dass die Symptome entstehen oder vermehrt werden beim Herannahen eines Gewitters, bei stürmischem und bei regnerischem Wetter. Empfindlichkeit auf elektrische Veränderungen in der Atmosphäre [Wetterfühligkeit].
Es ist geeignet für nervöse Menschen, die sich vor Gewitter und namentlich vor dem Donner fürchten. …
Rhododendron hat noch andere Charakteristika, etwa: ‚Vergeßlichkeit und plötzliches Verschwinden der Gedanken; er läßt Wörter bei schriftlichen Aufsätzen weg.‘ ‚Im Sprechen vergißt er sich leicht, er weiß nicht, wovon er gesprochen hat, ohne sich erst wieder zu besinnen.‘ …
Drehschwindel: beim Liegen im Bett; beim Schreiben, besser durch Bewegung im Freien. Auch ein ausgeprägter Tinnitus aurium wurde durch Rhododendron verursacht, was in Verbindung mit dem Schwindel auf die Heilkraft des Mittels bei Morbus Menière schließen lässt.“ (Ich habe hier vor allem salicylicum acidumacidum salicylicumACIDUM SALICYLICUM hilfreich gesehen!) „Eigentümlich ist das Symptom ‚Starke Töne hallen noch lange nach‘.“
Chorea des linken Arms und Beins sowie der linken Gesichtshälfte, die anfallsartig beim Herannahen eines Gewitters aufkam, ist mittels Rhododendron geheilt worden.
Als Beispiel für die Lähmungswirkung von Rhododendron berichtet Clarke von einer Herde Schafe, die sich durch das Fressen der Blätter dieses Strauchs vergiftet hatte. Eine Anzahl Schafe starb unmittelbar nach der Verabreichung von Anregungsmitteln, und zwar durch Lähmung der Schlingmuskeln: Flüssigkeit trat in die Luftröhre und führte zum Erstickungstod.
Er zitiert zwei interessante Heilungen von neuralgiformen Kopfschmerzen, bei denen schon mehrere Mittel versagt hatten. Gemeinsam war ihnen die deutliche Verschlimmerung bei schlechtem Wetter. Bei einem dieser beiden Fälle ließen die Kopfschmerzen innerhalb von zehn Minuten nach, sobald die Sonne herausgekommen war.
Ein eigentümliches Symptom von Rhododendron an den Augen ist: „Die rechte Pupille sehr erweitert, die linke verengert …“
Rhododendron ist ein mächtiges Arzneimittel und wegen seiner sehr ausgeprägten Charakteristika ein faszinierendes Studienobjekt – man denke nur an die wandernden und zuweilen sogar zum Ausgangspunkt zurückkehrenden Schmerzen!
rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON, Rhododendron und ruta graveolensRUTA GRAVEOLENS beeinflussen in erster Linie die fibrösen Gewebe – bryoniaBRYONIA wirkt hauptsächlich auf die serösen Häute.

Rhus toxicodendron

Weitere Namen: Giftsumach (Rhus radicans; Wurzelsumach)
Rhus toxicodendron ist in Nordamerika heimisch und eine jener wertvollen Arzneipflanzen, die wir der indianischen Volksmedizin verdanken (wie baptisiaBAPTISIA, gelsemiumGELSEMIUM, caulophyllumCAULOPHYLLUM etc.). Sie wurde von Hahnemann geprüft und in seine Reine Arzneimittellehre als „merkwürdige und schätzbare Arzneisubstanz“ aufgenommen. Er bemerkte an ihr „ungemein viel charakteristische Eigenheiten“, vor allem aber:
„Um nur eine anzuführen, so wird man jene (bei nur sehr wenigen andern Arzneien und bei letztern auch nie in so hohem Grade anzutreffende) Wirkung bewundern: die stärksten Zufälle und Beschwerden dann zu erregen, wann der Körper oder das Glied am meisten in Ruhe und möglichst unbewegt gehalten wird.“ Und er fügt hinzu: „Weit seltener ist das Gegentheil zu beobachten, als Wechselwirkung, nämlich die Erhöhung der Zufälle bei Bewegung.“
Dann vergleicht er die Wirkungen von Rhus und bryoniaBRYONIA und stellt fest, dass eine starke Symptomenähnlichkeit besteht – aber: „Wie auffallend ist nicht die Erhöhung fast eben solcher Symptome, als von Wurzelsumach beobachtet wurden, bei der Zaunrebe während der Bewegung des Körpers und ihre Besänftigung durch Vermeidung aller Bewegung – im geraden Gegensatze dessen, was vom Wurzelsumach bewirkt wird!“
Hahnemann nennt sie die „beiden antagonistischen Schwester-Arzneien“ und berichtet von den mit ihnen erzielten erstaunlichen Heilerfolgen bei der bösen Kriegsseuche (Typhus) von 1813 – „während die übrige Arztwelt sich nur um die vermuthliche innere Natur dieser Krankheit vergeblich stritt und dabei die Kranken zu Tausenden heim gehen ließ zu ihren Vätern“.6

6

Siehe Hahnemanns Bericht über diese Epidemie („Heilart des jetzt herrschenden Nerven- oder Spitalfiebers“) in den Kleinen medizinischen Schriften, Band 2, S. 155.

Hahnemann aber behandelte sie symptomatisch mit Rhus oder BRYONIA, allein oder auch im Wechsel gegeben, wenn sich die Symptome änderten und nach dem anderen Mittel verlangten. Und von 183 Kranken, die er in Leipzig behandelte, starb ihm kein einziger, „was bei der damals russischen Regierung in Dresden viel Aufsehn erregte, aber von den medicinischen Behörden in Vergessenheit gebracht ward“. Und er resümiert: „Gab es irgend einen Triumph für die einzig wahre, für die homöopathische Heilkunst, so war es dieser.“
Farrington sagt zu diesem Thema: „Sie werden sich erinnern, dass Rhus komplementär zu BRYONIA ist, eine Tatsache, die Hahnemann entdeckt hat, als er mit einer Kriegstyphus-Epidemie konfrontiert war … Seine damaligen Erfolge wurden von allen Seiten7

7

Die Begeisterung scheint sich allerdings, wie oben erwähnt, bei den „medicinischen Behörden“ in Grenzen gehalten zu haben!

anerkannt. Viele Menschenleben sind seither durch die alternierende Gabe dieser beiden Arzneien gerettet worden – wobei ‚alternierend‘ hier bedeutet, dass man bryoniaBRYONIA verabreicht, wenn BRYONIA-Symptome vorhanden sind, und Rhus toxicodendron, wenn der Patient Symptome zeigt, die nach diesem Mittel verlangen. Diese Art von Wechsel ist durchaus legitim.“
Dann erzählt er, wie Bönninghausens8

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Hahnemanns Freund und bedeutender Schüler.

Sohn an Typhus erkrankte und von seinem Vater besucht wurde. Eines seiner Symptome war die typische Ruhelosigkeit von Rhus, doch das Mittel brachte keine Linderung. Beim Nachschlagen in der Materia medica fand Bönninghausen, dass taraxacumTARAXACUM die gleiche Unruhe und dabei reißende Schmerzen in den Gliedern hat – und ein weiteres Symptom seines Sohnes: eine Landkartenzunge. Er verabreichte daraufhin TARAXACUM, das prompt besserte.
Farrington beschreibt den Gebrauch von Rhus bei Fieberkrankheiten
„Rhus ist zu erwägen, wenn akute Krankheiten typhusähnliche Züge annehmen, z.B. Dysenterie – Scharlach – Diphtherie – Pneumonie etc. …
Es ist indiziert bei Dysenterie, wenn während der Defäkation reißende Schmerzen die Oberschenkel hinunterziehen. Ich habe einmal mit Rhus einen Pockenfall geheilt, der einen hämorrhagischen Verlauf genommen hatte, mit blutigem Eiter in den Pusteln. Das wahlanzeigende Symptom war: Stühle von dunklem Blut, mit reißenden Schmerzen die Oberschenkel hinunter während des Stuhlgangs.
Indizierende Symptome für Rhus bei Typhus sind laut Farrington: Eher sanftes Gemüt; mildes Delirium, wenngleich der Patient dazu neigen kann, aus dem Bett zu springen und wegzulaufen. Große Unruhe, kann unmöglich ruhig im Bett liegen. Gelegentlich Wahnvorstellung oder Furcht, vergiftet zu werden; er will keine Medizin einnehmen und nichts essen, weil er fürchtet, man wolle ihn vergiften (hyoscyamusHYOSCYAMUS, lachesisLACHESIS). Zunge dunkelbraun, trocken und rissig, wobei die Risse weit auseinanderklaffen und bluten können; rotes Dreieck an der Zungenspitze. Typhuspneumonie mit rostfarbenem Sputum. Fast unerträgliche Rückenschmerzen.
„Bei intermittierendem Fieber“, vermerkt Farrington, „ist es sehr wichtig, darauf zu achten, in welchem Körperteil der Frost beginnt.
Bei Rhus fängt er in einem Bein an, gewöhnlich im Oberschenkel, oder auch zwischen den Schulterblättern bzw. über einem Schulterblatt.
Bei eupatoriumEUPATORIUM PURPUREUM und manchmal auch bei natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM beginnt der Frost im Kreuz.
Bei gelsemiumGELSEMIUM läuft er den Rücken hoch.“
Carroll Dunham weist in seinen Lectures on Materia Medica darauf hin, dass bei den Fieberkrankheiten von Rhus „die speziellen Sinneswahrnehmungen getrübt, aber nicht verzerrt sind“.
An den Schluss seiner Hinweise zur Anwendung von Rhus bei Fiebern setzt er die folgende Bemerkung: „Meine Ausführungen werden Ihnen wohl eine ausreichende Vorstellung davon gegeben haben, wann Rhus bei Fiebern einzusetzen ist. Sie werden bemerkt haben, dass ich außer dem Typhus keine Krankheitsnamen erwähnt habe, aber sicher brauche ich Sie gar nicht mehr daran zu erinnern: Gleichgültig, wie verschieden die Namen sind, die man krankhaften Zuständen gibt – wenn diese Zustände einander ähnliche Merkmale aufweisen, kann ihr Heilmittel durchaus dasselbe sein. Oft geschieht es, dass im Verlauf von exanthematischen Fiebern, etwa Masern oder Scharlach, eine Reihe von Symptomen in Erscheinung tritt, die den bereits beschriebenen ähnlich sind und deshalb nach Rhus verlangen. Besonders bei Scharlach ist dies der Fall, einer Krankheit, bei der der große Wert dieses Mittels von vielen Kollegen noch nicht recht verstanden worden ist.“
Bezüglich der außerordentlichen Reizwirkung des Giftsumachs auf die Haut – selbst die Ausdünstungen der Pflanze haben bei empfindlichen Menschen diesen Effekt – sagt Dunham:
„Rhus ahmt in bemerkenswerter Weise die Symptome des vesikulären oder bullösen Erysipels nach und ist hierbei das von uns am meisten geschätzte Heilmittel. … Es ist ein höchst wertvolles Mittel bei den verschiedensten Ekzemformen; eine überragende Rolle spielt es jedoch bei den impetiginisierten oder pustulösen Ekzemen.“
Und er zitiert Trousseau, „kein Verfechter oder Freund der Homöopathie“, der „von einer interessanten Prüfung 9

9

Diese Prüfung wird auch von Hahnemann zitiert (Symptom Nr. 758); vollständig erscheint sie bei Wibmer, Die Wirkung der Arzneimittel und Gifte, Band 4, S. 406 f.

mit Rhus berichtet“ (welche mit den anderen Prüfungen des Mittels übereinstimmt): „‚Dr. Lavini10

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Nicht Savini oder Cavini, wie bei Dunham bzw. Hahnemann.

applizierte zwei Tropfen des Safts von rhus radicansRHUS RADICANS auf das erste Glied des Zeigefingers und ließ sie dort zwei Minuten einwirken. Nach Ablauf einer Stunde hatten sie zwei schwarze Flecken hervorgerufen. 25 Tage später traten plötzlich folgende Symptome auf: große Hitze in Mund und Rachen; schnell zunehmende Anschwellung der linken Wange, der Oberlippe und der Augenlider. In der folgenden Nacht schwollen die Unterarme auf das Doppelte ihres Umfangs an; die Haut wurde lederartig, juckte unerträglich und war sehr heiß. …‘ ‚Diese einzigartige Wirkung von Rhus auf den menschlichen Organismus‘, sagt Trousseau, ‚brachte die Homöopathen dazu, es bei Hautkrankheiten anzuwenden; aber schon vor ihnen hatte Dufresnoy aus Valenciennes eine Schrift veröffentlicht, in der er die Heilkräfte dieser Pflanze bei Hautleiden wie auch bei Lähmungen rühmte.‘ … Und Trousseau berichtet, dass er selber häufig rhus radicansRHUS RADICANS angewandt habe, ‚bei Lähmungen der unteren Extremitäten im Gefolge einer Erschütterung des Rückenmarks oder nach einer Läsion dieses Organs, welche noch nicht zu Gewebszerstörungen geführt hatte. Bezüglich dieses Krankheitsbildes habe ich genügend Fakten gesammelt, um ohne jeden Zweifel rhus radicansRHUS RADICANS therapeutische Wirksamkeit zuschreiben zu können.‘“
Hauterkrankungen also und traumatische Lähmungen ohne Zerstörung von Nervengewebe!
Gehen wir nun genauer auf die Modalitäten und einige weitere Indikationen ein.
Dunham gibt eine Erklärung für die scheinbar widersprüchlichen Modalitäten der Ruhe und Bewegung, die bei Hahnemann als „Wechselwirkung“ angedeutet sind: „Die überragende und charakteristische Besonderheit von Rhus ist, dass – mit wenigen Ausnahmen – die Beschwerden im Ruhezustand einsetzen und verschlimmert werden, während Bewegung bessert …
Rhus zeigt Symptome, die einer Lähmung ähnlich sind, ebenso aber auch Symptomengruppen, die Muskel- und Gelenkrheumatismus gleichen. Letztere setzen mit Heftigkeit ein, während der Patient ruht, und verstärken sich weiter, solange er stillhält – bis er schließlich gezwungen ist, sich zu rühren. Bei den ersten Bewegungen fühlt er sich noch sehr steif und empfindet außerordentlich starke Schmerzen, doch durch fortgesetztes Bewegen lässt die Steifigkeit allmählich nach, die Schmerzen nehmen deutlich ab, und er fühlt sich erheblich besser. … Nachdem er sich aber eine gewisse Zeit ständig bewegt und dadurch Linderung erfahren hat, legen die Lähmungssymptome wegen der zunehmenden Erschöpfung Protest ein, und der Patient muss aus Ermattung und Kraftlosigkeit das Bewegen einstellen und zur Ruhe kommen. Dieses Ausruhen ist zunächst willkommen, weil es erleichtert – nicht die Schmerzen, aber das Erschöpfungsgefühl. Es dauert allerdings nicht lange, bis die Schmerzen in der alten Intensität wiederkehren; der Patient kann nicht umhin, sich erneut zu bewegen, und alles fängt von vorne an. Dies ist die Erklärung für die scheinbaren Widersprüche bei den Symptomen von Rhus.“
Kent sagt über den Rhus-Kranken: „Er fühlt sich nie ganz wohl, und niemals findet er wirklich Ruhe.“
Und Guernsey beschreibt dieses Charakteristikum – schlimmer beim ersten Bewegen, dann besser – wie folgt: „Wir müssen an das Mittel denken, wenn wir das unwiderstehliche Verlangen vorfinden, sich zu bewegen oder alle Augenblicke die Lage zu verändern, was für kurze Zeit mit großer Erleichterung verbunden ist; alsbald muss sich der Kranke von neuem bewegen, und wieder erlebt er kurzfristig die gleiche Besserung. … Nach dem Ausruhen … wird beim ersten Bewegen eine schmerzhafte Steifheit verspürt, die sich dann durch die fortgesetzte Bewegung verliert.
Und er fügt hinzu: „Für eine stillende Mutter mit wunden Brustwarzen ist es äußerst schmerzhaft, wenn das Kind zu saugen beginnt; aber mit Fortdauer des Saugens wird der Schmerz sehr viel erträglicher.“
Kent nennt als Beispiel: „Heiserkeit zu Beginn des Singens, die nach den ersten Noten geringer wird; oder Heiserkeit, die nachlässt, wenn man eine Weile gesprochen hat.“
Farrington: „Mit Beschwerden einhergehende Palpitationen11

11

M. Tyler schreibt irrtümlich „Dilatation“ des Herzens.

; Herzklopfen durch körperliche Überanstrengung (arnica montanaARNICA). Unkomplizierte, d.h. nicht mit Klappenfehlern verbundene Herzhypertrophie … als Folge von Überanstrengung – bei Athleten und Männern, die mit schweren Werkzeugen arbeiten müssen (ARNICA). Herzklopfen nach großer körperlicher Anstrengung, meist mit Taubheitsgefühl im linken Arm und in der linken Schulter.“
Für Farrington ist Rhus das große Heilmittel bei nachteiligen Folgen von Überanstrengung.
„Erleidet z.B. ein Blasmusiker nach einem langen Auftritt eine Lungenblutung, wird Rhus sein Heilmittel sein. Wenn jemand nach starker körperlicher Anstrengung von einer Lähmung befallen wird, wird das Leiden wahrscheinlich Rhus weichen.“ (ARNICA – aber ARNICA hat nicht das Zerrungsgefühl, wie es für Rhus typisch ist. – Üble Folgen von Bergsteigen: arsenicumARSENICUM.) Bei Zerrungen, Verrenkungen, Verstauchungen kann Rhus beinahe als Spezifikum gelten.
Eine gewisse Ausnahme, was die Bewegungsmodalitäten betrifft, stellt für Farrington die Lumbago dar: „Zu Beginn dieses Leidens ist Rhus zumeist das Mittel der Wahl, ob der Patient nun durch Bewegung Linderung findet oder nicht 12

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Hervorhebung durch den Übersetzer, der dies kürzlich am eigenen Leibe erfahren hat: Mehrere Tage hatte ich mich wegen einer Lumbago kaum bewegen können, weswegen ich nicht an Rhus dachte; andere Mittel halfen nicht. Erst als ich unbedingt eine länger währende körperliche Arbeit erledigen musste, bemerkte ich, dass meine Schmerzen durch diese eher weniger wurden. Rhus 1 M in Wasserauflösung, und innerhalb eines halben Tages war ich nahezu beschwerdefrei. Diese Tatsache rief mir dann auch die wahrscheinlich auslösende Ursache in Erinnerung (die mich sonst schon früher an Rhus hätte denken lassen), dass ich nämlich tags zuvor einige schwere Steine geschleppt hatte – freilich ohne unmittelbare Folgen.

; große Schmerzen beim Versuch aufzustehen. Symptome, die auf Rhus hinweisen, sind ferner: steifer Nacken vom Sitzen in Zugluft; rheumatische Schmerzen zwischen den Schulterblättern, besser durch Wärme und schlimmer durch Kälte.“13

13

Das an dieser Stelle folgende Zitat habe ich ausgelassen, da es sich bei Farrington auf rhododendron bezieht und nicht, wie von Tyler angenommen, auf Rhus.

Farrington weiter: „Es gibt eine Kolikform, die durch Rhus heilbar ist: wenn der Schmerz gelindert wird durch Zusammenkrümmen und durch Umherbewegen. (colocynthisCOLOCYNTHIS: > durch Zusammenkrümmen, aber nicht durch Bewegung – wenngleich die Schmerzen den Patienten dazu treiben können.) …
Bei Zellulitis der Augenhöhlen ist Rhus nahezu spezifisch. …
Rheumatische Schmerzen in den Kiefergelenken, als ob das Gelenk bei Bewegung zerbrechen wollte. … Leichtes Ausrenken des Unterkiefers.“
Kent zufolge zeigt Rhus toxicodendron einige recht absonderliche oder auch widersprüchliche Symptome, z.B. Hunger trotz Mangels an Appetit: „Appetitlosigkeit im Gaumen und Halse, mit Leere im Magen und zugleich Heißhunger…“ Oder: Bei großer Trockenheit des Mundes und Halses unstillbarer Durst auf kalte Getränke, zugleich aber Beschwerden durch kalte Getränke, wie Magenschmerzen, Übelkeit, Frieren oder Husten.
Die strenge, geradezu unerbittliche Periodizität von Rhus-Vergiftungssymptomen bei auf die Pflanze empfindlichen Menschen veranschaulicht ein Fall, bei dem die Beschwerden sechzehn Jahre lang immer am gleichen Tag und sogar zur gleichen Stunde wiederkehrten, bis endlich tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM diesem Prozess Einhalt gebot (H. C. Allen, nach Clarke). Und in einem anderen Fall (Hering) trat ein 24 Stunden währendes, brennendes Jucken der Haut jeweils am 13. Mai eines jeden Jahres von neuem auf.
Nach Kent soll der Umstand, dass jemand durch Rhus vergiftet worden ist, darauf hinweisen, dass er dieses Gift benötigt. Er stellt die These auf, dass die Vergiftung in diesem Fall durch die vorherige Gabe einer Hochpotenz von Rhus hätte verhindert werden können. In einer früheren Ausgabe der Homœopathy habe ich einen Brief zitiert, der auf diese These Bezug nahm. Der Schreiber, ein gewisser Dr. Peters, gibt an, bei Reisen in den nördlichen und westlichen Teilen des Staates New York „von den dortigen Farmern erfahren zu haben, dass diese, sobald die Blätter des Giftsumachs herauskommen, zwei oder drei von ihnen pflücken und darauf kauen, wonach sie die Pflanze ungestraft mit bloßen Händen anfassen könnten“. Ich persönlich würde allerdings beides nicht riskieren!
Rhus toxicodendron kann, wie Farrington schreibt, bei verschiedenen Formen von Paralyse indiziert sein, besonders bei rheumatischen Patienten, wenn die Beschwerden durch Überanstrengung oder Nässeexposition entstanden sind, wie z.B. nach Liegen auf feuchtem Untergrund (dulcamaraDULCAMARA). In letzterem Fall, so meint er, bestehe die Ursache für das Leiden wahrscheinlich in einer rheumatischen Entzündung der Rückenmarkshäute. Die drei Mittel, die er bei Lähmung infolge Kälteeinwirkung erwähnt, sind Rhus toxicodendron, sulfurSULFUR und causticumCAUSTICUM.
Rhus wirkt besonders auf die fibrösen Gewebe: auf Sehnen, Faszien, Nervenscheiden, Ligamente sowie auf die Gewebe, die die Gelenke umgeben – mehr als auf die Gelenke selbst (bryoniaBRYONIA). Es hat einen großen Ruf bei der Behandlung von Lumbago und Ischias, wo diese keine mechanische Ursache haben – und bei Distorsionen, wie auch Hahnemanns Prüfungssymptome bestätigen. Ich meine mich auch zu erinnern, dass es die prompte Besserung eines schlimm verstauchten Knöchels war, die einen unserer Ärzte dazu gebracht hatte, erstmals in die Homöopathie ‚hineinzuriechen‘.

14

Mit a sind die Symptome aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre markiert; die mit b gekennzeichneten Symptome stammen aus einer Prüfung von rhus radicans, die Joslin 1859 in New York vornahm; sie ist im 63. und 64. Band der A.H.Z. in deutscher Übersetzung erschienen (hier zitiert nach der Arzneimittellehre von Possart); c bezeichnet einige von Helbig beobachtete Symptome, veröffentlicht 1833 in Heraklides, Heft 1.

Hauptsymptome14
Geist und GemütTraurig, fängt an zu weinen, ohne zu wissen, warum?a
Melancholisch, mißmüthig und ängstlich …; am schlimmsten in der Stube, durch Gehen in freier Luft gemindert.a (pulsatillaPULSATILLA)
Sehr unruhiges Gemüth …a
Große Bangigkeit die Nacht; er kann nicht im Bette bleiben.a
SchwindelBeim Aufstehen, so schwindlich zum Vor- und Rückwärtsfallen.a
AugenGroßer Wundheitsschmerz um das rechte Auge.
Augenentzündung.a
Die Augen schlossen sich wegen starker Geschwulst und wurden entzündet.a
Starke Geschwulst der Augenlider.a
Linkes Auge durch geschwollene Lider verschlossen.
Entzündung der Augenlider.a
Die Augen sind roth und früh mit Eiter zugeklebt.a
Die Augen sind ihr früh mit eiterigem Schleime zugeklebt.a
Eine Schwere und Starrheit in den Augenlidern, wie Lähmung, als wenn es ihm schwer würde, die Augenlider zu bewegen.a
NaseDer Nasenschleim läuft in Menge unwillkührlich aus der Nase, wie beim ärgsten Schnupfen, ohne daß er Schnupfen hat, früh nach dem Aufstehen aus dem Bette.a (nux vomicaNUX VOMICA)
Häufiges, sehr heftiges, fast krampfhaftes Nießen.a
GesichtStarke Geschwulst des Gesichts.a
Gähnen so heftig und krampfhaft, daß Schmerz im Kiefergelenke entsteht, welches in Gefahr ist, ausgerenkt zu werden …a
MundWundheitsgefühl und Röthe der Zungenspitze.b
Zunge trocken.b
Das Wasser läuft ihm im Munde zusammen …a
Im sitzenden Nachmittagsschlafe läuft ihm der Speichel aus dem Munde.a
HalsHalsweh, Schluckbeschwerden, mit stechenden Schmerzen, Hals äußerlich stark geschwollen, infolge erheblicher Vergrößerung der Unterkiefer- und Ohrspeicheldrüsen. – Geschwollene, harte Ohren- und Unterkieferdrüsen.a
DurstStark.a
Durst und Trockenheit im Halse.a
Brust, HustenMuthlosigkeit und Furcht, gefolgt von einem kurzen Husten von Kitzel und Reiz hinter der obern Hälfte des Brustbeines …b
Pneumonie mit Husten und rostbraunem Sputum.
RückenSteifheit des Kreuzes, schmerzlich bei Bewegung.a
Beim Sitzen thut das Kreuz so weh, wie nach allzu starkem Bücken und Biegen des Rü-ckens.a
Schwere und Drücken im Kreuze, wie wenn man einen Schlag darauf gethan hätte, beim Sitzen.a
Kreuz wie zerschlagen.a
Schmerz im Kreuze wie zerschlagen, wenn er still darauf liegt oder still sitzt; bei der Bewegung fühlt er nichts.a
Wenn er auf der Seite liegt, thut ihm die Hüfte, und wenn er auf dem Rücken liegt, das Kreuz weh.a
ExtremitätenNach einiger Anstrengung zittern die gebrauchten Glieder.a
Ein dem Zittern ähnliches Gefühl in den Armen und Beinen, auch in der Ruhe.a
Zuckungen von Gliedern und Muskeln.
Während und nach dem Spazierengehen sind ihm alle Glieder steif und gelähmt; es liegt ihm dabei zentnerschwer auf dem Nacken.a
Steifigkeitsempfindung beim ersten Bewegen des Gliedes nach Ruhe.a
Wenn sie vom Sitze aufsteht, ist sie wie steif.a
Die Glieder, worauf er liegt, vorzüglich der Arm, schlafen ein.a
Beim Liegen ein Ziehen in allen Gliedern.a
ArmeHeftig reißender Schmerz, am heftigsten beim Stillliegen.a
Bei mäßiger Anstrengung des Arms ein Zittern desselben.a
Ziehende und lähmende Beschwerden, des Nachts, im linken Arme.c
Stechen und Ziehen im linken Arme: es zog von oben herab und zu den Fingerspitzen heraus.c
Schmerz im linken Oberarme, als wenn die Muskeln oder Sehnen ungebührlich angestrengt wären, wenn das Glied weit auf- und rückwärts gebracht wird …b
Zuckendes Reißen im Ellbogengelenke und im Handgelenke, auch in der Ruhe, besser bei Bewegung.a
Kraftlosigkeit und Steifheit der Vorderarme und Finger bei ihrer Bewegung.a
Kraftlosigkeits-Empfindung oben im rechten Vorderarme bei Bewegung, und in der Handwurzel schmerzt es wie verrenkt, beim Zugreifen.a
In der obern Seite der linken Handwurzel, beim Biegen, Empfindung, als wäre sie übergriffen (verrenkt).a
Beim Greifen ein Gefühl von Nadelstichen in den Fingerspitzen und in den palmaren Flächen der Fingerendglieder.
BeineSpannen im linken Hüftgelenke beim Sitzen.a
In beiden Hüftgelenken ein drückender Schmerz bei jedem Tritte, und wie eine Lähmung in den vordern Muskeln der Oberschenkel.a
Ungemeine Mattigkeit in den Untergliedmaßen, am meisten in der Ruhe.a
(Nachmittags) beim Gehen in freier Luft, sehr matt in den Unterschenkeln; er konnte sie kaum fortbringen, so schwer und zerschlagen waren sie (gelsemiumGELSEMIUM); aber nach einer Stunde Sitzen war alle Müdigkeit weg.a
Empfindliche Müdigkeit in den Unterschenkeln beim Sitzen, welche durch Gehen verging.a Die Unterschenkel tun ihm weh, in keiner Lage kann er länger als einen Augenblick verharren.
Steifigkeit, besonders in den Knieen und Füßen.a
Spannen im linken Kniegelenke beim Aufstehen vom Sitze.a
Spannen im Kniee, als wenn es zu kurz wäre.a
An der innern Seite des rechten Kniees eine Dehnung mit Anspannung der Flechse, welches Unruhe im Fuße erregt.a
Reißen im Kniee und in dem Gelenke des Unterfußes [Fußes], mehr in der Ruhe.a
Die Beine sind ihr so schwer und müde, als wenn sie weit gegangen wäre.a
Die Nacht, wenn sie die Füße über einander legt, Schmerz in den Schienbeinröhren, wie Dröhnen darin; sie mußte die Schenkel oft hin und her legen und konnte davor nicht schlafen.a
In den Füßen Schwere und Spannen, wenn er sitzt; wenn er aber geht, blos Müdigkeit.a
Früh, beim Aufstehen, schmerzt der Fuß wie verrenkt oder vertreten.a
Ein Ziehen im ganzen Fuße, wie Lähmung, beim Sitzen.a
MattigkeitSehr groß, besonders beim Gehen in freier Luft.c
Müdigkeit, im Sitzen am schlimmsten, die sich im Gehen vermindert; beim Aufstehen vom Sitzen aber merkliche Steifigkeit.a
UnruheGroß.
Sie konnte vor innerer Unruhe nicht still sitzen, sondern mußte sich auf dem Stuhle nach allen Seiten hin und her wiegen und alle Glieder etwas bewegen.a (pyrogeniumPYROGENIUM)
Große nächtliche Unruhe.a
Außergewöhnliche Ruhelosigkeit nachts.
Ruhelos bei Nacht, muss häufig die Lage wechseln.
LähmungNach ungewohnter Anstrengung; nach Entbindung; rheumatisch bedingt, durch Nasswerden oder Liegen auf feuchtem Untergrund; nach Malaria oder Typhus; die betroffenen Stellen sind (schmerzlos oder schmerzhaft) steif und lahm, mit Reißen, Kribbeln und Taubheit.
HautErysipel mit zahlreichen Bläschen, die aufbrachen und acht Tage lang eine schleimige Flüssigkeit absonderten.15

15

Wirkung vom Reiben der Wurzel am Unterarm.

Nach ca. 24 Stunden begann ein Jucken und Brennen, das zwischen einer halben Stunde und zwei Stunden anhielt; nach etwa 36 Stunden Anschwellung der Stellen, mit heftigem Jucken und Brennen, das durch Berührung oder Bewegung der betroffenen Teile noch stärker wurde – so als würden diese von heißen Nadeln durchbohrt (arsenicumARSENICUM); weiße, durchscheinende Bläschen erschienen auf der hochroten und entzündeten Haut (ranunculus bulbosusRANUNCULUS BULBOSUS).16

16

Wirkungen nach Applikation der Tinktur auf einen Finger.

Feiner, roter Bläschenausschlag von Kopf bis Fuß, der fürchterlich juckte und brannte, besonders in den Gelenkbeugen; schlimmer nachts, wo er zu ständigem Kratzen führte, was jedoch wenig oder gar nicht erleichterte; Ausschlag fühlte sich auf Fingerdruck sehr hart an; Haut brennend heiß.
Das Gesicht wurde rot und ödematös und schwoll enorm an; dann wurden auch die Hände und die Haut des ganzen Körpers von einem scharlachartigen Exanthem überzogen, mit unerträglich juckendem Beißen; am vierten Tag bedeckten sich Handrükken und Unterschenkel mit Blasen, die aufbrachen und sich langsam abschälten.17

17

Vergiftung bei einem Kind.

Heftiges vesikuläres Erysipel des Gesichts und der Hände, begleitet von hohem Fieber.18

18

Wirkung vom Auspressen des Safts aus den Blättern.

Brennende, juckende Ausschläge.
Urtikaria: durch Nasswerden; bei Rheumatismus; mit Frostschauern und Fieber; < in kalter Luft.
Ekzem: rohe, exkoriierte Oberfläche; dicke Krusten, nässend und übelriechend …
Brennende, juckende, „kriebelnde“ Schmerzen.
Unablässiges Jucken und Kratzen.
Je mehr sie kratzt, desto größer wird der Drang dazu.
GewebeWirkt auf Bindegewebe und Muskelgewebe.
Das Fleisch der erkrankten Stellen schmerzt bei Berührung.
Schmerz, als würde das Fleisch von den Knochen losgerissen; oder als ob an den Knochen geschabt würde.
Schmerzen wie verrenkt; Neigung zu Verrenkungen durch Heben schwerer Lasten oder wenn man sich reckt, um an etwas heranzukommen.
Jeder Muskel tut weh, was bei körperlicher Betätigung verschwindet.
Entzündung von Sehnen und Muskeln durch Überanstrengung oder durch plötzliche Zerrung, wie z.B. bei einer Distorsion.
Weiche, rote und glänzende Schwellungen, wobei die entzündete Haut mit kleinen, schmerzhaften, weißen Bläschen bedeckt ist.
Lymphknoten und Drüsen geschwollen, heiß, schmerzend; verhärtet; eiternd.
Temperatur, WetterÜble Folgen von Nasswerden, besonders nach Erhitzung.
Frost, FieberHusten während des Frostes; trocken, quälend, ermüdend.
Schleichende Fieber: Zunge trocken und braun – oder rot wie gehäutet; Sordes auf den Zähnen; durchfälliger Stuhl; große Schwäche; Kraftlosigkeit der unteren Gliedmaßen, kann sie kaum anziehen; große Unruhe nach Mitternacht; muss sich oft bewegen, um Erleichterung zu erfahren.
TyphusPatient ist von sanftem Gemüt; Delirium mild, nicht heftig, doch mag er zuweilen versuchen, aus dem Bett zu springen oder wegzulaufen …; psychische und physische Unruhe, windet sich beständig im Bett, liegt mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, mal setzt er sich auf, dann legt er sich wieder hin; oder er möchte, zu Beginn der Krankheit, wegen der großen Schwäche vollkommen still liegen, fühlt sich völlig erschöpft und ist gleichgültig gegenüber allem …; Halluzinationen; fürchtet, vergiftet zu werden, verweigert Medizin und Speisen …
Akute Krankheiten nehmen typhöse Züge an: Dysenterie, Peritonitis, Pneumonie, Scharlach, Diphtherie.
Wie wir gesehen haben, hat Rhus ganz klar umrissene Wirkungsbereiche. Auf der Haut führt es zu Bläschenbildung und Erysipel. Es ruft Vergrößerung und Entzündung aller Lymphknoten und Drüsen hervor, einschließlich der Parotiden und der Peyer-Plaques (droseraDROSERA); Letzteres deutet bereits auf seine große Nützlichkeit beim Typhus hin. Dunham: „Es wirkt depressorisch auf das Verdauungssystem und verlangsamt alle Funktionen desselben …; es dämpft das Sensorium und reduziert die Fähigkeit, zusammenhängend zu denken.“ Ein Beispiel von Hahnemann: „Wenn er 12 schreiben wollte, so setzte er die 1 hin, auf die 2 aber konnte er sich nicht besinnen.“ Nach Dunham ist die Kraftlosigkeit von Rhus, die einer Lähmung nahekommt, in den unteren Extremitäten stärker ausgeprägt. Er fasst die Wirkung des Mittels wie folgt zusammen: „Es verursacht eine Art von rheumatischer Erkrankung der Muskeln und Bänder, die durch Bewegung gemildert, und eine Lähmigkeit, die durch Bewegung verstärkt wird; eine offenbar passive Kopfkongestion, erleichtert durch Ruhe; eine Schwäche der Verdauungsorgane, gekennzeichnet durch mangelnden oder verdorbenen Appetit sowie Auftreibung des Bauches; eine seröse Infiltration des Zellgewebes in verschiedenen Körperteilen wie Gesicht, Rachen, Genitalien, Füße; einen gewöhnlich bläschenförmigen Ausschlag; allgemein scharfe Absonderungen – Tränen, Nasenschleim, Urin, Monatsfluss, Inhalt der Hautbläschen; eine allgemeine Depression [Trübung] des Sensoriums.“
In der Praxis wird Rhus jedoch nur aufgrund seiner eigentümlichen Modalitäten verschrieben, und das bei jeder Krankheit: aufgrund seiner Ruhelosigkeit, seiner zeitweiligen Besserung durch Bewegung, seiner Unverträglichkeit von Feuchtigkeit und Kälte sowie aufgrund der Ätiologie der meisten seiner Beschwerden – kalte Durchnässung oder Verkühlung durch Feuchtigkeit, besonders wenn man erhitzt ist (dulcamaraDULCAMARA).
Es gibt noch andere Rhus-Arten, die in der Homöopathie Verwendung finden. rhus radicansRHUS RADICANS (der Kletternde Giftsumach, auch Wurzelsumach oder Giftefeu genannt), von dem Jahr viel hält, scheint mir bei Lumbago, Ischias und selbst Kopfschmerzen ein noch potenteres Heilmittel zu sein als Rhus toxicodendron (Giftsumach, Gifteiche). Hahnemann hat aber, wie aus der Überschrift seines Kapitels in der Reinen Arzneimittellehre ersichtlich, beide Arzneien in seine Prüfung eingeschlossen.19

19

Wie es scheint, hat Hahnemann sie sogar für identisch gehalten, denn er überschreibt sein Kapitel in der Reinen Arzneimittellehre so: „Wurzel-Sumach, (Rhus radicans oder auch toxicodendron genannt).“

Dann gibt es noch rhus aromaticaRHUS AROMATICA (den Wohlriechenden Sumach), einen ungiftigen Strauch, der (in der Ø) einen Ruf bei Diabetes hat. rhus venenataRHUS VENENATA soll noch giftiger sein als Rhus toxicodendron und muß mit äußerster Vorsicht behandelt werden. Es heißt, es entfalte bei Hauterkrankungen noch größere Heilwirkungen. Auch scheint es die Knochen stärker anzugreifen als Rhus toxicodendron, besonders wo diese nah an der Oberfläche liegen, „direkt unter der Haut, mit nichts dazwischen“ (Hering). Schließlich gibt es noch rhus diversilobaRHUS DIVERSILOBA, ebenfalls ein Heilmittel bei Ekzem und Erysipel, und rhus glabraRHUS GLABRA – sie alle sind in Clarkes Dictionary zu finden und werden dort ausführlich besprochen.
Ergänzung des Übersetzers: Eine ausführliche Darstellung der Vergiftungswirkungen von rhus venenataRHUS VENENATA findet sich in der Homöopathischen Arzneimittellehre von Alphons Possart. Aus der Einleitung zu diesem Kapitel möchte ich folgende interessante Passage zitieren:
„H. Thomas sagt: RHUS VENENATA ist in der ganzen Rhusfamilie die giftigste Pflanze. Einige Amerikaner sind so empfindlich gegen die Einwirkung derselben, dass, wenn sie nur vor dieser Pflanze vorübergehen, sie Wochen lang von den Folgen zu leiden haben. Die Berührung der Pflanze erzeugt zuweilen einen typhösen Zustand oder eine fieberhafte Bläscheneruption. – Oehme in Concord: rhus venenataRHUS VENENATA vergiftet Viele, die Rhus toxicodendron nicht affizirt, und umgekehrt; Manche werden von beiden vergiftet, Manche von keinem von beiden. Das Eindringen des Saftes von RHUS VENENATA in die Haut vergiftet wahrscheinlich Jeden. Die Vergiftungen mit ihm sind im Allgemeinen viel intensiver und länger anhaltend, als die mit Toxic.; bei letzterem ist die seröse Exsudation auf der Haut sehr profus (Eczem mit profuser Exsudation), bei ersterem dagegen ist die seröse Exsudation auf der Haut sehr gering, aber trockne Exantheme mit Jucken und Geschwulst sehr bedeutend.“

Ruta graveolens

Weitere Namen: Weinraute, Gartenraute
„Hier ist Raute für Euch!“20

20

„Hier ist Raute für Euch, und hier etwas für mich! Wir dürfen sie Gnadenkraut des Sonntags heißen …“ (Hamlet IV, 5).

… Eine uralte Arzneipflanze von großer Heilkraft; „Kraut der Gnade“ – „Kraut der Reue“.21

21

„Herb of Grace“, „Herb of Repentance“; der englische Name der Raute, „rue“, bedeutet auch „Reue“ (worauf auch Shakespeare anspielt). Zudem könnte ein Zusammenhang damit bestehen, dass in der römisch-katholischen Kirche Rautenzweige als Weihwasserwedel benutzt wurden. Ruta ist nicht zu verwechseln mit unserem „Gnadenkraut“, GRATIOLA OFFICINALIS.

Sie wurde als wertvoller Schutz gegen Hexen angesehen – und als „Gegenmittel gegen alle gefährlichen Arzneien und tödlichen Gifte“, wie uns Culpeper berichtet. Sie war Bestandteil der ‚Mithridate‘22

22

‚Mithridate‘ waren süße Mixturen, die über 50 Gifte enthielten; sie wurden bis ins späte Mittelalter als Vorbeugungsmittel gegen Giftanschläge verkauft.

, also eines jener Gifte, die Mithridates, König von Pontus, täglich zu sich nahm, mit der Absicht, „sie zu einer Art Speise zu machen, auf dass sie ihrer Macht beraubt würden“. So soll er unter anderem täglich zwei der winzigen Rautenblätter gegessen haben, um sich gewissermaßen daran zu gewöhnen und sich so gegen Vergiftungen zu immunisieren. Und da die Raute ein Gift ist, ist sie auch von arzneilicher Wirkung.
Sie ist als Abtreibungsmittel verwendet worden, hat diesen Zweck allerdings nur auf höchst langwierige und leidvolle Weise erfüllt, nicht selten sogar mit tödlichem Ausgang – ähnlich wie manch andere Methode, die für Schwangerschaftsabbrüche eingesetzt wurde.
Unter den vielen Arzneien ist mir Ruta graveolens ein besonders lieber Freund geworden. Erstmals habe ich sie als eine Pflanze kennengelernt, die unsere Gärtner in einer ungenutzten Ecke des Gemüsegartens zu ziehen pflegten, um daraus eine Salbe für wunde Kuheuter zu bereiten. In Salbenform wirkt sie oft auch sehr gut gegen Frostbeulen! Früher wurde ich einmal eine Zeitlang regelmäßig um Rautensalbe gebeten, als ein junger Neffe von mir mit so schlimmen Frostbeulen zu tun hatte, dass er im Bett bleiben musste und nicht zur Schule gehen konnte, wenn er nicht dieses Mittel bekam. Gute Wirkungen konnte ich von der Salbe auch bei Bursitis praepatellaris (‚Dienstmädchenknie‘) beobachten, wie überhaupt bei allen Schleimbeutelentzündungen; doch hier scheint Ruta innerlich in der 200. Potenz ebenso gut zu wirken. [Die Zubereitung dieser Salbe schildert Tyler in Kap. A, AGARICUS]
Das Mittel wurde von Hahnemann und einigen seiner Mitstreiter geprüft, und es hat, wie wir noch sehen werden, klar umrissene Wirkungsbereiche: Augen – Anus – Überbeine und ähnliches – Verletzungen der KnochenhautVerstauchungen, besonders der Handgelenke und Fußknöchel. Ruta ist (wie arnica montanaARNICA) ein wichtiges Verletzungsmittel und hilft nicht nur bei Verletzungen der Weichteile, sondern, wie erwähnt, auch bei solchen von Knochen und Periost sowie bei Distorsionen (rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON). Auch bei Hauterkrankungen, bis hin zum Erysipel, kann es von Nutzen sein. Wie rhus toxicodendronRHUS hat das Kraut bei manchen Menschen, die mit ihm in Berührung gekommen waren, starke Hautreaktionen hervorgerufen; bei manchen Menschen! – nicht bei allen, denn ich selbst habe es z.B. über Jahre immer wieder ungestraft angefasst, ohne irgendwelche schädlichen Folgen.
Lassen Sie uns hören, was Hahnemann über die Raute zu sagen hat (Reine Arzneimittellehre, Band 4): „Diese so kräftige Pflanze, die bisher fast bloß als Hausmittel vom gemeinen Manne in unbestimmten Fällen, nur so blindhin angewendet ward, bekommt schon durch folgende (nur allzu wenige!) von ihr beobachtete Symptome eine ansehnliche Bedeutsamkeit. Der homöopathische Arzt sieht, welche besondre, wichtige Krankheitsfälle er damit heben kann.
Wenn Rosenstein … die Hülfe, welche die Raute in den Augenbeschwerden und der Trübsichtigkeit von allzu vielem Lesen leistete, nicht genug zu rühmen weiß, ein Lob, worin Swedjaur und Chomel mit ihm einstimmen, so muß man sehr verblendet seyn, wenn man nicht sehen will, daß dieß einzig durch die homöopathische Kraft der Raute erfolgen konnte, durch die sie einen ähnlichen Zustand bei Gesunden hervorbringen kann.“ Er verweist auf die Symptome 38 und 39:
Es ist ihm vor den Augen, als wenn er das Gesicht durch Lesen allzusehr angestrengt hätte.
Schwacher, druckähnlicher Schmerz im rechten Auge, mit Verdunkelung der Umgebungen, wie wenn man einen die Augen belästigenden Gegenstand allzu lange beobachtet hat.
Hier könnte man auch das folgende Symptom (Nr. 40) noch anführen:
„Ein Hitzgefühl und Feuern in den Augen und Wehthun derselben, wenn er (Abends bei Lichte) liest.“
Und er fährt fort: „Durch eine so treffend ähnlich wirkende Arznei wird nicht etwa das Uebel vermehrt und verschlimmert, wie die in ihrem Stumpfsinn sich so weise dünkenden Gegner, ohne die Erfahrung zu fragen, mit lächerlich befürchtender Miene ausvernünfteln wollen; nein! geheilt, schnell und dauerhaft geheilt wird es (wenn nicht ein miasmatisches Siechthum zum Grunde liegt), zur bittern Kränkung und Beschämung dieser, die wohlthätigste aller Wahrheiten von sich stoßenden, hochgelahrten Schlendrianisten.“
Hahnemanns treffende Ausdrücke sind köstlich zu lesen … „Hausmittel in unbestimmten Fällen“; Gegner, die „mit lächerlich befürchtender Miene ausvernünfteln wollen“, die, „ohne die Erfahrung zu fragen, in ihrem Stumpfsinn sich so weise dünken“ – aber das tun wir wohl alle, mehr oder weniger; wie beim Wahnsinn dürfte es nur eine Frage des Grades sein.
Die gesperrt gedruckten Symptome bei Hahnemann vermitteln zumeist eine gute Vorstellung von dem Wirkungskreis und den besonderen Angriffspunkten eines Mittels. Gehen wir sie bei Ruta durch, bemerken wir zweifellos dessen große Auswirkungen auf die Augen. Hauptsächlich sind es dabei aber die Augenmuskeln, die von Ruta in Mitleidenschaft gezogen werden: Sie ermüden leichter und akkommodieren nicht mehr richtig. Dagegen scheint es die Augen nicht nennenswert zu entzünden, anders als beispielsweise argentum nitricumARGENTUM NITRICUM. Unser großer Dichter Milton hat also genau ins Schwarze getroffen: „Dann reinigte er mit Augentrost und Raute den Sehnerv ihm, denn er hatte viel zu sehen.“ 23

23

John Milton (1608–1674): „Then purg’d with Euphrasie and Rue the visual nerve, for he had much to see“, in Paradise Lost, XI, 414. Gemeint ist hier der Erzengel Michael, der Adam den Sehnerv reinigt, weil dieser „viel zu sehen hat“.

Ich erinnere mich an eine Frau auf dem Lande, die weitsichtig geworden war und ihr eingeschränktes Sehvermögen mit einer Brille kompensieren musste. Eine Gabe Ruta (in der Ø, soweit ich mich entsinne) besserte die überanstrengten Augen so sehr, dass sie die Brille nicht mehr benötigte.
Wenn wir uns die weiter unten aufgeführten Hauptsymptome ansehen, fallen Empfindungen auf wie „Mattigkeit“ – „wie von Verrenkung“ – „wie von Stoß oder Quetschung“ – „wie von einem Falle“ – und immer wieder „wie zerschlagen“, ja sogar „als wären sie (die Oberschenkel) mitten durchgeschlagen“; und schließlich Kraftlosigkeit, vor allem der Beine bzw. der Oberschenkel.
Die wohltuende Wirkung von Ruta auf schmerzende und verstauchte Handgelenke habe ich oft beobachten können; es scheint eine besondere Affinität zu Handgelenken und Knöcheln zu haben. Wenige Prüfer haben das Mittel ihre Handgelenke peinigen lassen, auf dass es vielen die verstauchten Handgelenke heilen möge – für immer und ewig. In der Homöopathie jedenfalls ist es tatsächlich eine gute Sache, wenn wenige stellvertretend für viele leiden!
Guernsey schreibt über Ruta in seinen Keynotes:
„Verletzungen der Knochenhaut, wie man sie bei einem Sturz oder Unfall erleidet; das Periost schmerzt heftig und fühlt sich gequetscht oder wie zerschlagen an.
Wenn nach einer Entbindung die Rektumschleimhaut aus dem After hervortritt; Analprolaps, der sich bei jedem Stuhlgang einstellen kann.
Schmerzen ‚wie zerschlagen‘ in den äußeren Teilen und in den Knochen; Schmerzhaftigkeit der Knochen im Allgemeinen; Wunden, bei denen die Knochen verletzt wurden …
Affektionen hauptsächlich der linken Kopfseite, der Blase, der Handgelenke, der Lendengegend, der Knochen der unteren Extremitäten.
Schlimmer: beim Liegen auf der schmerzenden Seite; beim starren Sehen auf einen Gegenstand, wie z.B. bei Uhrmachern, bei Menschen, die feine Näharbeiten verrichten, etc.; durch Essen von ungekochten Speisen.“
Ruta geht es schlechter durch Kälte und Nässe, besser durch Bewegung (alles wie bei rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON!).
Übelkeit kann an vielen Orten des Körpers empfunden werden: im Hals, wie vor allem bei cyclamenCycl., phosphoricum acidumacidum phosphoricumPh-ac. und stannumStann.; im Magen, wie bei der großen Mehrzahl der Mittel, einschließlich ipecacuanhaIp., dem Übelkeitsmittel par excellence; im Abdomen, wie z.B. bei pulsatillaPuls. und einigen anderen [siehe Repertorium]. Für Ruta schließlich nennt Clarke eine ganz eigentümliche Lokalisation (aus einem klinischen Fall): „Übelkeit wird im Rektum empfunden.“
Nash hält Ruta für eines unserer wichtigsten Mittel bei Mastdarmvorfall (ignatiaIGNATIA, ACIDUM muriaticum acidumacidum muriaticumMURIATICUM, podophyllumPODOPHYLLUM, aloeALOE). Und bei Überanstrengung der Augen ist es ihm zufolge das am häufigsten indizierte Mittel; „zwei weitere Mittel, an die hier zu denken ist, sind natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM und senegaSENEGA.“
Übrigens, was die Verwendung von Ruta bei Rückenleiden, Ischias und Affektionen der Synovialhäute betrifft: Es scheint eine sinnvolle Praxis zu sein, nach Reposition von Subluxationen im Beckenbereich ein oder zwei Dosen Ruta zu verabreichen. Nach meinen Beobachtungen kann der Schmerz, der nach solchen Manipulationen manchmal ein bis zwei Tage anhält, auf diese Weise vermindert oder ganz verhütet werden.
Abschließend noch einige Ausführungen Kents:
Viele Symptome von Ruta sind, wie er sagt, im Repertorium nur schwer einzuordnen; daher sei es wichtig, das Wesen der Arznei zu erfassen. Ruta ähnelt rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON, so Kent, in seiner Empfindlichkeit gegenüber Kälte und feuchtkaltem Wetter wie auch in seinem Leiden infolge Überbeanspruchung einzelner Teile oder allgemeiner Überanstrengung. Darüber hinaus aber hat Ruta, mehr als jedes andere Mittel, Knochenhautbeschwerden durch Verletzungen, typischerweise dort, wo Knochen direkt unter der Haut liegen, namentlich am Schienbein. Knoten bleiben im Periost bestehen, die lange Zeit wehtun und kaum zurückgehen; nach Prellungen bleiben Indurationen zurück. Verhärtete Gewebsmassen in den Sehnen, z.B. in den Händen durch häufiges Umklammern und Bewegen eines Werkzeugs (Hammer, Brechstange). Allmählich zunehmende Beugekontrakturen, sodass die Hände dauerhaft gekrümmt bleiben [Dupuytren]; auch die Füße können durch erhöhte Beanspruchung der Beuger oder durch Gewalteinwirkung auf dieselben ständig flektiert sein, sodass die Sohlen zunehmend konkav und die Zehen nach unten gezogen werden (vgl. causticumCAUSTICUM).
Bei Augenbeschwerden infolge von Überanstrengung vergleicht Kent Ruta u.a. mit argentum nitricumARGENTUM NITRICUM. Eine Unterscheidung ist aber leicht möglich: Ruta wird durch Kälte verschlimmert, ARGENTUM NITRICUM durch Wärme; der Ruta-Patient möchte es warm haben, ARGENTUM NITRICUM hält sich lieber im Kühlen auf.
Ruta hat, wie phosphorusPHOSPHORUS, heftigen, unstillbaren Durst auf eiskaltes Wasser und kann nicht genug davon bekommen.
In Bezug auf Neuralgien u. Ä. stellt er fest: „Ruta hat alle nur erdenklichen Arten von Schmerzen, es gibt keine Schmerzqualität, die sich nicht im Arzneimittelbild von Ruta finden ließe; doch gemeinsam ist ihnen zumeist, dass sie im Liegen und durch Kälte schlimmer werden. … Heftigste Ischiasbeschwerden; … erträglich während des Tages, aber sich steigernd, sobald sich der Kranke abends niederlegt.“
Extreme Unruhe, wie bei rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON; Zerschlagenheitsgefühl, wie bei arnica montanaARNICA
Zusammenfassend kann man sagen, dass Ruta ohne Zweifel zu unseren großen Verletzungsmitteln gehört.

24

Mit a sind die Symptome aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre markiert; die mit b bezeichneten Symptome sind einer Prüfung Schellings entnommen, publiziert in der A.H.Z., Band 84, S. 44.

Hauptsymptome24
KopfStechen im linken Stirnbein, beim Lesen von bloss vier Zeilen.b
Ein stechend ziehender Schmerz vom Stirnbeine bis zum Schlafbeine.a
Von den Schläfebeinen bis zum Hinterhaupte, in der Beinhaut, Schmerz wie von einem Falle.a
Ein taktmäßig drückender Schmerz im Vorderkopfe.a
AugenEin Hitzgefühl und Feuern in den Augen und Wehthun derselben, wenn er (Abends bei Lichte) liest.a
Es ist ihm vor den Augen, als wenn er das Gesicht durch Lesen allzusehr angestrengt hätte.a – Ermüdungsschmerz in den Augen, beim Lesen.b
Wehtun in und über den Augen, mit verschwommenem Sehen, nach Überanstrengung der Augen bei feiner Arbeit.
Sehr schwaches Gesicht, als wären die Augen zu weit ausgespannt [zu stark angestrengt].b
Asthenopie: Empfindlichkeit aller Gewebe des Auges durch Überbeanspruchung oder durch angestrengtes Sehen bei feiner Arbeit; die Augen fühlen sich nachts wie Feuerbälle an; verschwommenes Sehen, die Buchstaben scheinen ineinanderzulaufen, Tränenfluss.
Unter dem linken Auge, ein Brennen.a
Jücken in den innern Augenwinkeln und an den untern Augenlidern, das nach Reiben beißend wird, wobei das Auge voll Wasser läuft.a
Krampf am untern Augenlide, der Randknorpel (Tarsus) zieht sich hin und her, und wenn es nachläßt, läuft Wasser aus beiden Augen …a
OhrenIm Ohre ist es ihm, als führe man mit einem stumpfen Holze darin herum, eine Art kratzendes Drücken.a
In den Ohrknorpeln, Schmerz, wie nach einer Quetschung.a
Unter dem Zitzfortsatze [Processus mastoideus], ein Schmerz wie von einem Stoße oder Falle.a
MagenSpannungsgefühl, durch Trinken von Milch sehr gemildert.
AbdomenIn der Lebergegend, ein drückend nagender Schmerz.a
RektumIm Sitzen, reißende Stiche im Mastdarme.a
Reißen im Mastdarme und in der Harnröhre, außer dem Harnen.a
(Einige weitere wichtige Symptome in diesem Bereich:
Mastdarmvorfall; … Stuhl tritt beim Vornüberbeugen oft unwillkürlich aus; … Prolaps tritt bei Stuhlgang immer ein, bisweilen aber auch ohne Defäkation …
Heraustreten des Rektums nach der Entbindung.
Analprolaps, seit einer Dysenterie ein halbes Jahr zuvor.)
BrustEin Nagen in der linken Brust.a
In der rechten Brustseite, ein nagender Schmerz, mit etwas Aetzendem und Brennendem verbunden.a
RückenIm Rückgrate, Schmerz wie zerschlagen und kreuzlahm.a
ExtremitätenJücken auf dem linken Oberarme, das zum Kratzen reizte.a
Im linken Ellbogengelenke, Schmerz, wie von Stoß, mit Schwäche im Arme.a
Die Knochen der Handgelenke und des Handrückens schmerzen wie zerschlagen, in Ruhe und Bewegung.a
In den Knochen um die Hüften, Schmerz, wie von Stoß oder Fall.a
Die ganze vordere Fläche der Oberschenkel ist wie zerschlagen und beim Anfühlen schmerzhaft.a
Streckt er die Untergliedmaßen auch nur wenig aus, so schmerzen die Oberschenkel, als wären sie mitten durchgeschlagen.a
Im hintern Theile des Oberschenkels und oberhalb des Kniees ist es ihm wie zerschlagen.a
Nach dem Sitzen und Aufstehen kann er nicht gleich gehen; er fällt wieder zurück …a
Er fällt beim Gehen von einer Seite zu der andern; die Füße halten ihn nicht; er hatte in den Oberschenkeln keine Kraft und keinen Halt.a
Das Ersteigen der Stufen, so wie das Herabsteigen, fällt ihm schwer; die Beine knicken zusammen.a
Er darf nicht stark auf die Füße treten, es schmerzen die Knochen des Unterfußes [Fußes], mit Hitzempfindung.a
Im linken Fußgelenke, an der vordern Seite, ein aus Pochen und Hacken zusammengesetzter Schmerz, als wäre daselbst ein Geschwür.a
Die Fußknochen schmerzen in der Ruhe brennend und ätzend.a
Im Liegen schmerzen alle Theile, worauf er liegt, wie zerschlagen, selbst im Bette.a
Er kann sich mit dem Körper nicht biegen; es schmerzen alle Gelenke und die Hüftknochen, wie zerschlagen.a
Beim Anfühlen der schmerzenden Theile, besonders der Hüften und Schenkelknochen, thut es wie zerschlagen weh.a
Er weiß nicht, wo er die Beine hinlegen soll vor Unruhe und Schwere, er legt sie von einer Stelle zur andern und wendet sich mit dem Körper bald auf diese, bald auf jene Seite.a
Lahmheit nach Distorsionen, besonders von Handgelenken und Knöcheln.
GewebePrellungen und andere mechanische Verletzungen von Knochen und Periost; Verstauchungen; Periostitis; Erysipel.
Knochenläsionen und Frakturen; skrofulöse Exostosen.
KälteVom Rückgrate herab.a
SchlafGähnen, Renken [Recken] und Ausstrecken der Hände; darauf befällt ihn Schläfrigkeit.a
Oefteres Aufwachen die Nacht, gleich als wäre es Zeit aufzustehen.a
Lebhafte, verworrene Träume.a
Eines der eigentümlichen Symptome von Ruta ist: „Krampf in der Zunge, mit erschwerter Sprache.“25

25

Aus Bönninghausens Uebersicht der Eigenthümlichkeiten und Hauptwirkungen der homöopathischen Arzneien.

Ein weiteres: Übelkeit wird im Rektum empfunden.

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