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B978-3-437-56873-2.00017-2

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Sanguinaria canadensis – Symphytum

Sanguinaria canadensis

Weitere Namen: Kanadische Blutwurzel
Wenn ich an rezidivierende Migränebeschwerden denke, kommen mir schnell auch Arzneien außerhalb der Polychreste in den Sinn, vor allem irisIRIS VERSICOLOR und Sanguinaria. Um ihre großen Unterschiede wie auch ihre Gemeinsamkeiten kennenzulernen, ist ein Vergleich dieser beiden Mittel sicherlich sinnvoll, und ich möchte in aller Kürze einen diesbezüglichen Versuch unternehmen; schließlich gibt es keine bessere Art, etwas zu lernen, als es zu lehren. Der Lernende mag wenig oder viel aufnehmen – das hängt wohl auch davon ab, wie ihm die Sache dargeboten wird und inwieweit sie ihn interessiert und seine Aufmerksamkeit fesselt –, doch der Lehrende ist gezwungen, sein Thema wirklich zu studieren und richtig aufzubereiten, und deshalb wird der Stoff bei ihm gewiss tiefer eindringen und dadurch auch besser hängenbleiben.
Sanguinaria hat sich, wie IRIS VERSICOLOR, einen großen Ruf als Heilmittel bei Migräne erworben. Sanguinaria gehört jedoch zu der ‚Sonnen-Kopfschmerz‘Variante: Der Kopfschmerz beginnt mit Sonnenaufgang und wird im Laufe des Tages heftiger, um dann zum Abend hin wieder nachzulassen – bei IRIS gibt es nichts dergleichen. Andere Arzneimittel, die bei dieser Modalität in Frage kommen, sind glonoinumGlon., kalmiaKalm., natrium muriaticumNat-m., phosphorusPhos., spigeliaSpig., stannumStann.1

1

Die Rubrik, aus der Tyler alle mindestens zweiwertigen Mittel zitiert, heißt in Kellers deutscher Bearbeitung des Kentschen Repertoriums: „Kopfschmerz, Allgemeines, Morgens, Sonne, nimmt zu und ab mit der S.“ Sang. ist hier, ebenso wie in einer ähnlichen Rubrik („… kommt und geht mit der Sonne“), zweiwertig vertreten.

Sanguinaria fehlt auch die brennende Schärfe von IRIS. Es greift mehr die Lungen an als den Verdauungstrakt, den wiederum IRIS auf seiner ganzen Länge in Mitleidenschaft zieht. Sanguinaria ist ein großes Lungenheilmittel; selbst bei Lungentuberkulose kann es von Nutzen sein. Um diesen Unterschied zu illustrieren: Hahnemann ordnet die Symptome seiner Prüfungen regelmäßig in einer bestimmten Weise an (und nach seinem Beispiel haben all seine Nachfolger bei ihren Materiae medicae und Repertorien dasselbe nützliche Schema angewandt), nämlich zunächst in einem ersten Durchgang die Symptome des gesamten Verdauungstrakts, beginnend mit dem Mund und dann abwärts über Speiseröhre, Magen, Darm, Rektum, Anus und Stuhl, unter Hinzufügung der die Verdauungssäfte produzierenden Organe Leber und Pankreas. In dieses ganze System greift irisIRIS auf schreckliche Weise ein, und darum vermag es dort lokalisierte Beschwerden auch zu heilen. Dann beginnt Hahnemann in einem zweiten Durchgang wiederum beim Mund [bzw. bei der Nase] und geht von dort das Atmungssystem durch; und dieses unterliegt – ‚zum Guten wie zum Bösen‘ – besonders dem Einfluss von Sanguinaria. Wenn man es sich auf diese Weise einmal klargemacht hat, ist es gar nicht mehr schwer, die beiden Arzneien einzuordnen und ihre Möglichkeiten und Besonderheiten zu erkennen.
So weit mein kleiner Versuch, die Wirkungsbereiche dieser beiden ‚Migränemittel‘ herauszuarbeiten. Doch vergessen wir nicht: Es sind nur zwei Mittel unter vielen.
Die Hauptsymptome von Sanguinaria2
(d.h. die Symptome, die am häufigsten in den Arzneimittelprüfungen aufgetreten und durch Heilungen bestätigt worden sind. Sie werden natürlich von jedem Lehrer und von jedem Lehrbuch, das die ‚Blutwurzel‘ behandelt, angeführt.)

2

Die mit a bezeichneten Symptome stammen aus der Zusammenstellung von Hering, die dieser 1845 im Neuen Archiv für die homöopathische Heilkunst (2. Band, 2. Heft) veröffentlicht hat. Die Prüfung selbst wurde jedoch hauptsächlich von Dr. Bute vorgenommen.

KopfBlutdrang nach dem Kopfe mit Ohrensausen und vorübergehendem Hitzgefühl; darauf Würmerbeseigen3

3

Dieser bei Hahnemann und seinen Zeitgenossen häufig auftauchende Begriff bedeutet so viel wie „Wasser- bzw. Speichelzusammenlaufen im Munde“. Stauffer (Homöotherapie, S. 437) bringt ihn in Zusammenhang mit einem hypaziden Zustand des Magens; er schreibt: „Bei Hypazidität stellen sich nicht selten Anfälle von schmerzhaften Magenkontraktionen ein mit Übelkeit, Brechreiz und reflektorischem, starkem Speichelfluss mit Würgen, seltener kommt es zu Speiseerbrechen. Der reichlich ausgespuckte klare Speichel, der mundvollweise kommt, kann infolge des Würgens mit zähem, fadenziehendem Speiseröhrenschleim vermischt sein. Diesen Symptomenkomplex nannten die alten Ärzte ‚Würmerbeseigen‘ und er entspricht ganz der Hypochlorhydrie.“

, als wollte es zum Erbrechen führen …a
Kopfschmerz beginnt im Hinterkopf, breitet sich von dort nach oben aus und setzt sich schließlich über dem rechten Auge fest.
Periodische Migräne; gewöhnlich des Morgens beginnend, den Tag hindurch sich steigernd, bis zum Abend anhaltend; der Kopf fühlt sich an, als ob er zerspringen wollte oder als ob die Augen herausgepresst würden; klopfende oder durchs Gehirn lanzinierende Schmerzen, < auf der rechten Seite, besonders in Stirn und Scheitel; gefolgt von Frostschauern, Übelkeit und Erbrechen von Speise oder Galle; muss sich hinlegen und still liegen; durch Schlaf gemindert.
Der Kopfschmerz kommt anfallsweise.a
Kopfschmerz mit Uebelkeit und Frost, darauf fliegende Hitze vom Kopfe bis in den Magen.a
AugenNeuralgie in und über dem rechten Auge.
NaseNasenpolypen.a
OhrenBrennen mit einer rothen Backe.a
GesichtPeinigender Husten mit Auswurf bei umschriebener Backenröthe.a
HalsBrennen im Rachen …a – Brennen im Schlundea; im Ösophagus.
ErbrechenVon bitterem Wasser; von saurer, scharfer Flüssigkeit; von Speisen; von Würmern; zuvor große Angst; beim Kopfweh; mit Brennen im Magen; Kopf hinterher besser; mit großer Schwäche (währenddessen und danach).
Husten, BrustTrockener Husten, mit merklichem Kitzel in der Halsgrube und einem kribbelnden Gefühl, das sich hinter dem Brustbein nach unten erstreckt …
Reizhusten, mit Trockenheit im Halse.
Mehre Abende nach dem Niederlegen ein Hüsteln von Kitzel im Halse.a
Kitzelhusten, bei sehr trockenem Halse.
Nach durchgemachtem Keuchhusten tritt, im Zusammenhang mit einer Erkältung, ein heftiger Husten auf, der die krampfartige Natur des Keuchhustens annimmt.
Katarrhalischer Reizzustand der Brust und Nachtschweiße, nach einer mehrere Monate zurückliegenden Erkältung.
ExtremitätenRheumatischer Schmerz im rechten Arme und Schulter, am ärgsten Nachts [beim Umwenden] im Bette, kann den Arm nicht aufheben.a
Lähmige Schwäche des rechten Arms.
NervenMattigkeit, Abgeschlagenheit, Torpor; nicht geneigt, sich zu bewegen oder in irgendeiner Weise geistig anzustrengen, < bei feuchtem Wetter.
Weitere wichtige oder eigenartige Symptome
Gefühl, als würde der Kopf vorwärts gezogen.a
Kopfweh, als sollte die Stirne zerspringen, mit Frost und mit Brennen im Magen.a
Fliegende Hitze vom Kopfe bis in den Magen.a
[Bei Migräne:] Gefühl, als ob die Augen herausgepresst würden.
[Migräne, mit Auftreibung der Kopfarterien, dabei ein] Gefühl, als wären die Schläfen und die Kopfhaut ‚lebendig‘, mit nicht zu unterdrückendem Pulsieren.
Gefühl, als wäre sie in einem Gefährt, das sie fortbewegt und durchrüttelt, und als würde sich alles um sie her rasch bewegen.
Zunge ist wie verbrühta; sie brennt, als würde sie von etwas Heißem berührt.
Hals so trocken, als sollte er Risse bekommen.
Schweregefühl im Magen, als befände sich dort eine harte Masse.
Hüpfen in der Magengegend, wie von etwas Lebendigem.a (crocusCROCUS, thujaTHUJA)
Gefühl, als ergöße sich heißes Wasser aus der Brust in den Unterleib …a
Gedämpfter Husten, als wäre der Kopf in eine Decke eingewickelt.
Brennendes Vollheitsgefühl in der oberen Brust, als wäre diese mit Blut überfüllt.
Heftige Schmerzen: im Kopf; an der Nasenwurzel und in den Stirnhöhlen; in der rechten Brustseite, von wo sie zur Schulter ziehen können.
Die Schmerzen sind brennend – stechend – zusammenschnürend.
[Rheumatischer] Schmerz in den weniger bedeckten Knochentheilen des Körpers, nicht in den fleischigen Theilen …a
Guernsey gibt einen kurzen Abriss von Sanguinaria, wobei er wie gewöhnlich genau die Hauptpunkte trifft, die einem bei der Verschreibung besonders hilfreich sind.
„Wir finden das Mittel nützlich bei Schmerzen, die vom Nacken über den Scheitel bis in die Stirn ziehen; dieses Symptom kann allein oder in Verbindung mit anderen Beschwerden auftreten.
Kopfschmerz beginnt am Morgen, wird im Lauf des Tages schlimmer und dauert bis zum Abend. Tritt jeden siebten Tag auf (sabadillaSABADILLA, siliceaSILICEA, sulfurSULFUR).“
Er sagt, es sei häufig von Nutzen bei Beschwerden im Klimakterium, wie Hitzewallungen etc. – „Rheumatismus der rechten Schulter.
Nash betont, dass Sanguinaria ihm schon oft gute Dienste geleistet habe.
Migräne-Kopfschmerz, der vom Hinterkopf aus hochsteigt und sich über dem rechten Auge festsetzt (über dem linken Auge: spigeliaSPIGELIA), verbunden mit Übelkeit und Erbrechen; besser durch Dunkelheit und absolute Ruhe. „Sanguinaria vermag diese typischen habituellen Migräneanfälle wahrscheinlich ebenso oft zu heilen bzw. zu lindern wie die anderen großen Migränemittel. Ich verwende die 200. Potenz.“
Er fährt fort: „Lockerer Husten, mit übelriechendem Auswurf; Atem und Auswurf stinken entsetzlich, was dem Patienten selbst am widerlichsten ist. (Hervorhebung durch Nash). Zuweilen bestehen dabei Schmerzen hinter dem Brustbein. Diese Art von Husten stellt sich gewöhnlich nach einer schweren Bronchitis oder nach einer Lungenentzündung ein, und dann vermittelt der Patient den Eindruck, als sei er im Begriff, rasch der Schwindsucht anheimzufallen. Zudem kommt es zu Fieberschüben mit umschriebener Wangenröte, wie beim hektischen Fieber. Bei so manchem Fall dieser Art hat sich Sanguinaria als hilfreich erwiesen. Dr. T. L. Brown benutzte – durchaus mit Erfolg – die erste Verreibung des Alkaloids4

4

Vermutlich entweder Sanguinarin oder einen Auszug der Gesamtheit der Alkaloide der Pflanze; die Wurzel enthält eine Vielzahl von Alkaloiden, die sie zum großen Teil mit CHELIDONIUM gemeinsam hat.

; doch die 200. Potenz hat ebenso gute Heilungen bewirkt. Sanguinaria hat in meinen Händen bei typhöser Pneumonie mit großer Atemnot und umschriebener Wangenröte gute Dienste geleistet. Bei akuten wie chronischen Brustaffektionen scheint die rechte Lunge besonders betroffen zu sein.“ Ähnliches gilt für die ganze rechte Brustseite.
Nash schreibt, Sanguinaria habe ihm bei rechtsseitigen Schulter- und Armschmerzen, die sich nachts verschlimmern, viel Ehre eingebracht. „Ich habe gesehen, wie eine einzige Gabe der ersten Trituration selbst langwierige und hartnäckige Fälle dieser Art geheilt hat, und ich habe die CM-Potenz das Gleiche leisten sehen.“
Allen (Keynotes) erwähnt ein sonderbares Symptom, das, wenn man es einmal antreffen sollte, zur Bestimmung des Mittels sehr dienlich sein dürfte: „Gesichtsneuralgie, > durch Niederknien und festes Pressen des Kopfes gegen den Boden; Schmerz breitet sich vom Oberkiefer in alle Richtungen aus.“ Und bezüglich des Hustens folgende Besonderheit [zitiert nach Hering]: „Ein vom Schlaf aufweckender, trockener Husten, der nicht nachlassen wollte, bis man sich im Bette aufrichtete und dann Blähungen nach oben und unten abgingen.“
Kent zufolge ist die Blutwurzel ein altes Hausmittel, auf das die meisten Farmersfrauen aus dem Osten Amerikas im Winter nicht verzichten können. „An kalten Wintertagen, wenn der Schnupfen grassiert und sich Erkältungen in Kopf, Hals und Brust breitmachen, bereiten sie einen Blutwurzeltee. Er ist für sie ein Routinemittel bei jeder Art von Erkältung. … Auch die Arzneimittelprüfungen weisen auf die Beziehung des Mittels zu Erkältungen hin, die auf die Bronchien übergegangen sind.
Periodische Kopfschmerzen, die allwöchentlich auftreten; sie beginnen morgens beim Erwachen, oder sie wecken den Patienten auf. Ausgangspunkt ist zumeist der Hinterkopf, von wo sie nach oben ausstrahlen und sich schließlich über dem rechten Auge und in der rechten Schläfe festsetzen. … Der Patient muss sich in einen dunklen Raum zurückziehen und hinlegen. Erbrechen setzt ein, das aus Galle, Schleim, bitterer Flüssigkeit und den Speisen vom Vortage besteht; danach bessern sich oft die Schmerzen, und er schläft ein. … Ein zusätzliches, bestätigendes Merkmal von Sanguinaria ist Brennen der Handflächen und Fußsohlen, sodass sie der Patient nachts zur Kühlung aus dem Bett strecken muss.“
Laut Kent hält die Wirkung des Mittels nicht lange an, und es wirkt auch nicht sehr tief. Im weiteren Verlauf bedarf es einer tiefergreifenden Arznei, eines Antipsorikums (Kent bringt ein Beispiel, wo phosphorusPHOSPHORUS schließlich heilte); anderenfalls werden die Kopfschmerzen wiederkehren – oder noch Schlimmeres wird eintreten, da Sanguinaria nicht bis zu den Wurzeln eines Falles vordringt. Er schreibt aber auch, dass Hahnemann vor der Anwendung von phosphorusPHOSPHORUS „bei allzu großer Schwäche und Armuth an Lebenskräften“ gewarnt hat; in solchen Fällen ist Sanguinaria, als oberflächlich wirkendes Mittel, ein großartiges Palliativum.
„Der Patient neigt zu Heuschnupfenanfällen im Juni, zur Zeit der Rosenblüte; er reagiert überempfindlich auf Blumenduft und sonstige Gerüche, bekommt leicht Heuschnupfen. … Handflächen und Fußsohlen sind trocken, faltig und heiß anzufühlen. Brennen der Zehen, der Hühneraugen; streckt nachts Hände und Füße aus dem Bett, um sich Erleichterung zu verschaffen.“ (Sanguinaria ist hier eine Ergänzung zu sulfurSulf., pulsatillaPuls., chamomillaCham. und medorrhinumMed.5

5

Kap. M, Fußnote 4 zu den entsprechenden Repertoriumsrubriken.

)
„Im Zusammenhang mit den Kopfschmerzen und vielen anderen Beschwerden tritt bei Sanguinaria eine gewisse Schwäche im Magen auf, eine Art Hungergefühl, wobei aber kein Verlangen besteht, etwas zu essen – lediglich ein flaues oder leeres Gefühl in der Magengegend. … psorinumPSORINUM ist bei ‚hungrigem Kopfschmerz‘ das führende Mittel, doch muss der PSORINUM-Patient unbedingt etwas essen und kann gar nicht genug bekommen. Der Sanguinaria-Patient ist zugleich hungrig und appetitlos, schon der Gedanke an Essen oder der Geruch von Speisen ruft einen Widerwillen dagegen hervor. … Es ist gewissermaßen ein ‚falscher‘ Hunger, der die Kopfschmerzen von Sanguinaria begleitet.“

Sanicula aqua

Weitere Namen: Mineralwasser aus Ottawa (Illinois, USA)
Sanicula aqua wird aus dem Wasser einer Mineralquelle bei Ottawa (USA) hergestellt. Das Wasser wurde von Dr. J. G. Gundlach auf seine schädlichen Wirkungen hin untersucht, indem er es, zusammen mit seiner Familie, länger als ein Jahr trank. Noch fünf Jahre später hatten die Familienmitglieder unter den Folgen dieser Prüfung zu leiden. Das durch Verdunstung gewonnene, triturierte und potenzierte Salz wurde dann in der üblichen Weise unter Leitung des amerikanischen Arztes Sherbino geprüft.
Clarke schreibt: „Sanicula ist eines der bestgeprüften Mittel unserer Materia medica, ein Polychrest und Antipsorikum von breitem Anwendungsbereich.“
Persönlich habe ich das Mittel von Zeit zu Zeit in hoher Potenz bei nicht recht gedeihenden Kindern verwendet, mit sehr zufriedenstellenden Ergebnissen. Der Typ von Kindern, denen es hilft, ist siliceaSILICEA sehr ähnlich; viele ihrer seltsamen Symptome sind fast identisch, wie der nächtliche Kopfschweiß, der das Kissen durchnässt, der kopiöse ‚zögerliche‘ Stuhl, der zurückschlüpft, wenn er schon fast abgesetzt ist, und schließlich der übelriechende Fußschweiß. Auch das Aussehen der Sanicula-Kinder erinnert sehr an SILICEA.
Die für die Praxis nützlichste Darstellung von Sanicula ist in Allens Keynotes zu finden; daraus nun einige hervorstechende Merkmale des Mittels (zusammengefasst und neu angeordnet):
Das Kind sieht alt, ungewaschen und schmutzig-bräunlich aus. Die Haut um den Hals ist runzlig und hängt in Falten herunter.
Fortschreitende Abmagerung.
Gemütssymptome: eigensinnig, dickköpfig; schreit und tritt; will nicht angerührt werden (antimonium crudumANTIMONIUM CRUDUM, chamomillaCHAMOMILLA etc.).
Ständiger Wechsel ist ein Charakteristikum, das sich durch das Mittelbild zieht: mürrisch und reizbar, dann aber auch schnell wieder zum Lachen aufgelegt; will ständig etwas anderes tun. Auch die körperlichen Symptome ändern sich dauernd; der Durchfall ist wechselhaft in Art und Farbe: mal wie Rührei, mal schaumig und grün – „wie Schaum auf einem Froschteich“ (magnesia carbonicaMAGNESIA CARBONICA).
Ein wichtiges Merkmal ist die Stuhlverstopfung: Stuhldrang erst, nachdem sich große Kotmengen angesammelt haben; Stuhl hart und unmöglich zu entleeren; nach großer Anstrengung schlüpft der Stuhl, der schon teilweise draußen war, wieder zurück 6

6

Im deutschen Kent ist die Rubrik zu finden unter „Rectum, Obstipation, schwergehender Stuhl, Zurückschlüpfen des Stuhls“.

(Op., siliceaSil., lac defloratumLac-d., magnesia muriaticaMag-m., muriaticum acidumacidum muriaticumMur-ac., natrium muriaticumNat-m., thujaThuj. etc.); muss mechanisch entfernt werden.
Dann ein sulfurSULFUR-Symptom: Der Kotgeruch bleibt trotz Badens bestehen. Vaginaler Fluor und Fußschweiß sind übelriechend.
Die Uterussymptome erinnern an sepiaSEPIA und lilium tigrinumLILIUM TIGRINUM: Herabdrängen, als ob der Beckeninhalt heraustreten wollte; < beim Gehen und durch Erschütterung; hat das Bedürfnis, die Geschlechtsteile durch Drücken der Hand gegen die Vulva zu stützen.
Der Fußschweiß von Sanicula ist nicht nur stinkend, sondern auch zwischen den Zehen wundmachend (baryta carbonicaBar-c., zincumZinc., carbo vegetabilisCarb-v., graphitesGraph., nitricum acidumacidum nitricumNit-ac., sepiaSep., siliceaSil.).
Schweiß an den Fußsohlen, als wäre er in kaltes Wasser getreten (vgl. SEPIA); oder Brennen der Fußsohlen: muß die Füße aufdecken oder an eine kühle Stelle legen (Sulf., chamomillaCham., medorrhinumMed., pulsatillaPuls. etc.).
Und, wiederum wie bei SULFUR, das Kind strampelt selbst bei kältestem Wetter die Bettdecke fort.
Sanicula ist ein Heilmittel von Symptomen, die aus einem Dutzend anderer, besser bekannter Arzneien herausgegriffen und hier auf verblüffende Weise versammelt zu sein scheinen.
Doch eine Empfindung ist wahrscheinlich speziell diesem Mittel eigentümlich, nämlich die des Platzens oder Berstens – im Perineum – in den Därmen – in der Blase – am Scheitel – in der Brust.
Clarke (Dictionary) führt u.a. auch „ungewöhnliche und eigenheitliche“ Symptome von Sanicula auf; und da an die vollständigen Prüfungen dieser Arznei nicht leicht heranzukommen ist – sie sind weder in Allens Encyclopedia noch in Herings Guiding Symptoms zu finden –, will ich im Folgenden eine Reihe von ihnen zusammenstellen. Dabei sollten wir uns jedoch immer bewusst sein, dass auch ein seltenes und ungewöhnliches Symptom durchaus mehreren Mitteln gemeinsam sein kann und möglicherweise nur noch nicht in den Prüfungen zum Vorschein gekommen ist. Immerhin können die seltsamen Erfahrungen, die die Prüfer gemacht haben, die Aufmerksamkeit auf ein Mittel lenken, an das man sonst niemals gedacht hätte, bei dem sich aber bei näherer Überprüfung herausstellen mag, dass es den Fall vollkommen abdeckt. Auffällig ist übrigens, dass Sanicula immer wieder Zustände hervorgebracht hat, die einander genau entgegengesetzt sind – beinahe mehr als jedes andere Mittel.
Geist und GemütRastloses Bedürfnis, von einem Ort zum anderen zu wandern. (tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM etc.)
Große Furcht vor Dunkelheit. (cannabis indicaCann-i., stramoniumStram., phosphorusPhos. etc.)
Beständiges, unwiderstehliches Verlangen, hinter sich zu schauen (medorrhinumMed., bromumBrom., lachesisLach. etc.).7

7

Eine solche Rubrik existiert leider nicht im Repertorium, doch erscheint Sanic. (neben Ferr.) in der kleinen Rubrik „Wahnideen, Personen, hinter ihm, jemand ist, wenn er im Dunkeln geht.“

KopfGefühl, als ob er offen wäre und der Wind hindurchwehte.
Empfindung eines kalten Tuchs um das Gehirn.
AugenErwachte mit Trockenheit der Augen und dem Gefühl, als würden die Augäpfel an den Lidern festkleben.
OhrenWundheit hinter ihnen, mit Absonderung einer weißen, zähen, klebrigen Substanz. (Vgl. graphitesGRAPHITES)
GesichtGroße Schorfe auf der Oberlippe; zupft an ihnen herum, bis sie bluten. (Vgl. arum triphyllumARUM TRIPHYLLUM)
MundBeim Erwachen dunkelbrauner Streifen die Mitte der Zunge hinunter, welche belegt ist und trocken wie Leder.
Die Zungenränder sind nach oben gekehrt.
Zunge klebt am Gaumen fest.
Zähne empfindlich auf kalte Luft, als wären sie ganz dünn.
Der Gaumen fühlt sich wund an, wie roh.
Appetit, MagenDas Kind will die ganze Zeit gestillt werden, nimmt aber trotzdem ab. (Vgl.natrium muriaticum NATRIUM MURIATICUM, abrotanumABROTANUM)
Das Kind verlangt nach Fleisch, fettem Schinken u. Ä., doch dadurch geht es ihm schlechter. – Verlangen nach Salz.
Verlust des Appetits auf Brot (NATRIUM MURIATICUM), außer wenn es frisch gebacken ist.
Das Kind gerät außer sich, wenn es ein Glas Wasser sieht; trinkt gierig große Mengen.
Oder: Sehr häufig Durst auf kleine Mengen, die fast sofort erbrochen werden, wenn sie den Magen erreicht haben.
Morgendliches Übelsein (wie bei Schwangeren).
Seekrankheit. – Übelkeit und Erbrechen durch Fahren in einem geschlossenen Wagen, mit Verlangen nach freier Luft. (cocculusCOCCULUS, sepiaSEPIA etc.)
Plötzliche Übelkeit während des Essens, erbricht alle zu sich genommenen Speisen.
Erbrechen nach Trinken von kaltem Wasser.
Erbricht große, zähe Brocken, die aussehen wie das Weiße eines hartgekochten Eies. (aethusa cynapiumAETHUSA)
Kurz nach dem Stillen kommt alles in einem Schwall wieder hoch, und das Kind fällt in einen betäubten Schlaf. (Vgl. aethusa cynapiumAETHUSA)
(Einschlafen nach Erbrechen ist kennzeichnend für Sanicula.) (AETHUSA, ipecacuanhaIPECACUANHA)
Aufblähen des Magens gleich zu Beginn des Essens.
Fühlt sich nach einer Mahlzeit schrecklich vollgestopft; muss die Kleidung lockern. (lycopodiumLYCOPODIUM)
Gefühl von einem Klumpen im Magen. (bryoniaBRYONIA)
Gegessenes wird sauer und ranzig; dabei brennendes Verlangen nach Wasser, das nur für kurze Zeit lindert, dann aber verschlimmert.
Magen empfindlich auf Druck und Erschütterung; kann nicht lachen, ohne sich Magen und Bauch zu halten; schlimmer, wenn der Magen leer ist.
(Sanicula hat viele Magensymptome: viel Übelkeit und Erbrechen, viel Erbrechen bei Säuglingen.) (Vgl. AETHUSA)
AbdomenGluckern und Rumpeln „wie fernes Donnergrollen“ entlang des Dickdarms.
Därme aufgebläht, als wollten sie platzen.
Dickbäuchige Kinder.
Kollern im Bauch, durch Essen gebessert. (graphitesGraph., moschusMosch., sulfuricum acidumacidum sulfuricumSulf-ac.)
Rektum, StuhlNach intensivem Pressen schlüpft der Stuhl, der schon teilweise ausgetreten war, wieder zurück. (siliceaSil., thujaThuj.)
Selbst weicher Stuhl kann nur unter großer Anstrengung ausgeschieden werden. (aluminaALUMINA)
Entleerung von großen Mengen kleiner, trockener, grauer Kotbälle; müssen mit dem Finger entfernt werden, damit sie nicht den Sphinkter einreißen.
Aber auch: Schmaler, gelber Stuhl, wenigstens 25 cm lang (vgl. phosphorusPHOSPHORUS), der ohne große Mühe abgesetzt werden kann.
Stuhlgang jedesmal nach dem Essen; muss deswegen nach jeder Mahlzeit schnell vom Tisch aufstehen und zur Toilette eilen.
Muss die Beine kreuzen, um zu verhindern, dass Stuhl abgeht (bei Flatulenz).
Während des Stuhlgangs starker Schmerz im Perineum, als ob es platzen wollte; Perineum noch Stunden nach dem Stuhlgang schmerzhaft empfindlich und brennend. (Vgl. nitricum acidumacidum nitricumACIDUM NITRICUM)
Stuhl wie voll von gezackten Teilchen, die den Anus verletzen.
Stühle kantig, wie mit einem Messer geschnitzt.
Keine Kontrolle über den Sphinkter; beschmutzt sich oft, beim Stehen, beim Laufen und sogar nachts.
HarnorganeHäufiges, reichliches, plötzliches Wasserlassen.
Muss sich sehr anstrengen, den Urin zurückzuhalten (manchmal ist es unmöglich); wenn dem Drang jedoch widerstanden wird, hört er wieder auf.
Starker Drang zu urinieren, als ob die Blase platzen wollte.
Gefühl, als würde ein harter Gegenstand wie etwa ein Bleistift gewaltsam von der Blase nach oben und hinten zu den Nieren bewegt.
Das Kind weint vor dem Wasserlassen.
Der Urin färbt die Windel rot. (Vgl. lycopodiumLYCOPODIUM)
Genitalieneruch wie Fischlake im Genitalbereich. – Die Genitalien des Kindes riechen selbst nach dem Baden wie Fischlake.
Leukorrhö oder wässrige Absonderung aus der Vagina mit starkem Geruch nach Fischlake.
Während der Schwangerschaft: Schwellung und Steifheit der Hände und Füße; nach Stehen Empfindung, als würde sich der Muttermund öffnen (vgl. lachesisLACHESIS) oder weiten.
Atemwege, BrustBeim Schlucken Empfindung, als befände sich ein harter Gegenstand in der Luftröhre.
Kitzeln hinter dem Brustbein.
Beim Husten berstendes Gefühl im Scheitel.
Asthmatisches Atmen; Giemen, Rasseln hinter dem Sternum, < beim oder nach dem Essen.
Plötzlich furchtbares Gefühl wie von einer Last auf der Brust; für ein paar Augenblicke schien es ihr, als ob sie platzen müsste.
Äußerer Hals, RückenDie Nackenmuskeln scheinen zu kurz zu sein.
Der Hals ist so schwach und abgemagert, dass das Kind den Kopf nicht aufrecht halten kann. (natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, abrotanumABROTANUM)
Die Haut am Hals wird runzelig und hängt in Falten herunter.
Heftiger Schmerz durch die geringste Drehung des Kopfes; muss sich steif halten und den ganzen Körper drehen, wenn er sich umsehen will.
Neigt den Kopf nach vorn, um die Schmerzen in den Nackenmuskeln zu lindern.
Gefühl wie ausgerenkt im untersten Lendenwirbel.
Gefühl in der unteren Lendengegend, als würden die Wirbel aneinander vorbeigleiten.
Gefühl, als wäre der Rücken in zwei Teile zerbrochen.
Die Steißbeingegend tut weh, wie wund. (siliceaSILICEA, hypericumHYPERICUM)
Brennen in der Wirbelsäule (phosphorusPHOSPHORUS, zincumZINCUM etc.).
Kältegefühl entlang der Wirbelsäule, schlimmer durch äußere Kälte.
ExtremitätenHände so kalt, als würde er mit Eis hantieren.
Oder: Brennen der Handflächen. (phosphorusPHOSPHORUS etc.)
Beim Zusammenlegen der Hände schwitzen diese, bis der Schweiß heruntertropft.
Tiefe, ausgefranste, schmerzhafte Risse an den Händen (petroleumPETROLEUM), die sogar bluten können.
Fingerknöchel springen auf, und Flüssigkeit sickert heraus.
Füße klamm und kalt.
Im Bett so kalte Füße, dass nachts Fußkrämpfe auftreten.
Oder: Brennen in den Füßen, besonders in den Fußsohlen; möchte sie an eine kühle Stelle legen, in Wasser tauchen oder aufdecken. (sulfurSulf., pulsatillaPuls., chamomillaCham., medorrhinumMed.)
Schweiß zwischen den Zehen, wundmachend, von fauligem Geruch.
HautCharakteristikum: An verschiedenen Stellen Furunkel, die nicht reif werden.
Konstitution, GewebeWill auf etwas Hartem liegen.
Das Kind sieht alt, ungewaschen und schmutzig-bräunlich aus.
Fortschreitende Abmagerung.
SchlafKann es nicht ertragen, wenn jemand dicht neben ihm liegt oder ihn berührt.
Sie weckt ihren Lebensgefährten, damit er das Zimmer nach einem Landstreicher durchsucht; steht selbst auf und sucht unter dem Bett. (Vgl. natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM)
Beim Erwachen reibt das Kind Nase und Augen mit der Faust. (Vgl. cinaCINA)
Fieber, SchweißPeriodisch auftretende Fieber.
Das Kind strampelt selbst bei kältestem Wetter die Bettdecke fort. (SULFUR)
Beginnt zu schwitzen, sobald er zugedeckt ist (Schweiß an unbedeckten Stellen: thujaTHUJA).
Schwitzen gleich nach dem Einschlafen (vgl.conium CONIUM), besonders im Bereich des Nackens, sodass das Kopfkissen nass wird.
Kalter, klebriger Schweiß an Nacken und Hinterkopf; der Bereich fühlt sich an wie ein nasser Stein. (veratrum albumVERATRUM ALBUM)
Hungrig während des Fieberschweißes.
In einer alten Ausgabe des Homœopathic Physician von 1893 stieß ich zufällig auf die Beschreibung einiger geheilter Fälle Dr. Gundlachs, die die Bandbreite von Sanicula als Heilmittel aufzeigen. Der erste war ein Fall von Polyurie: Blasser, farbloser Urin, spezifisches Gewicht 1000 g/l; tritt bei Tag und Nacht auf, schlimmer aber tagsüber. Der Patient, ein Anwalt, fühlte sich völlig erschöpft und ermattet; Kreuz schwach und schmerzend. Schlechter Geschmack im Mund, wenig Appetit. Starker Durst auf sehr große Getränkemengen – „will die ganze Zeit trinken.“ Füße kalt und feucht; Schweiß übelriechend. Zuvor war er bei zwei Ärzten gewesen, einem Allopathen und einem unserer ‚biochemischen Freunde‘, aber es ging ihm nicht besser. In Erinnerung an seinen eigenen Fall (und die nachfolgenden Prüfungen) gab ihm Dr. Gundlach Sanicula – und heilte ihn. Auch ein Jahr später war er weiterhin beschwerdefrei.
Ein zweiter Fall betraf „Kopfschmerzen und psychische Störungen“ bei einem 40-jährigen Drucker. Er litt an Überarbeitung sowie an dumpfen Schmerzen in der Stirn über den Augen; hatte das Gefühl, als ob die Augen nach hinten in den Kopf gezogen würden. Alles schlimmer in warmen oder geschlossenen Räumen, besser im Freien. Die Gedanken schweiften ab, wenn er sich zu konzentrieren versuchte. In der Firma war er nicht in der Lage, auch nur kurze Zeit bei einer Sache zu bleiben; fing mit einer Arbeit an, legte sie wieder beiseite und begann eine andere. Er konnte sich die zu erledigenden Arbeiten selbst einteilen und war darin sein eigener Herr, doch ließ er sie aus den unwichtigsten Gründen liegen und rannte hinaus. Kein Appetit; Zunge belegt, Mund trocken. In diesem Fall bestand Durstlosigkeit. Der Mann litt sehr unter seinem Zustand und war sicher, dass er den Verstand verlieren würde, wenn ihm nicht bald geholfen würde. Sanicula 10 M heilte ihn umgehend, und auch drei Monate später erfreute er sich noch bester Gesundheit. pulsatillaPULSATILLA, das als erstes gegeben worden war, hatte dagegen „überhaupt nichts bewirkt“.
Ein dritter Fall von Dr. Gundlach war der einer 45-jährigen Frau, die von häufigen Frostschauern und dazwischen von Hitzewellen geplagt wurde. Die Frostschauer verschlimmerten sich beim Umhergehen, selbst durch Umdrehen im Bett, und wurden durch äußere Wärme gebessert. Sie kamen zu unregelmäßigen Zeiten und breiteten sich von unten nach oben aus. Während der Frostschauer wollte sie zugedeckt sein, wenn die Hitze kam, sollten die Decken wieder weg (bei camphoraCAMPHORA ist es umgekehrt). Schmerzen und Wehtun in den Gliedern; fühlte sich am ganzen Körper, auch in den Knochen, wie zerschlagen. Vor Schmerzen in der Schulter konnte sie ihre Hand nicht auf oder hinter den Kopf legen. Mit Ausnahme des Kopfes, dem Kälte guttat, wurden die Schmerzen am übrigen Körper durch Wärme gelindert; besonders Ofenhitze am Kopf konnte sie nicht vertragen. Schlechter Geschmack im Mund, nichts schmeckte gut. Verlangen nach Saurem. Während des Fiebers etwas Durst. Urin dunkel und spärlich. All diese Beschwerden hatten schon seit Wochen bestanden, und der Doktor schien ihnen nicht beikommen zu können – bis er schließlich Sanicula 10 M verabreichte, das sich als ihr Heilmittel erwies.
NB – Am besten können immer diejenigen eine Arznei erkennen und anwenden, die deren Wirkungen am eigenen Leib erfahren haben. In Deutschland müssen daher seit kurzem Studenten der Homöopathie im Rahmen ihrer Ausbildung selbst an Arzneimittelprüfungen teilnehmen.
Nash erwähnt Sanicula in seinen Leitsymptomen insgesamt zehnmal, jeweils als Vergleichsmittel für Arzneien mit ähnlichen Symptomen. So hat es das Symptom „Kein Stuhl gleicht dem anderen“ mit pulsatillaPULSATILLA gemein – das Weinen von Säuglingen, bevor sie Harn lassen, welcher dann roten Sand in den Windeln hinterlässt, mit lycopodiumLYCOPODIUM – den ‚zögerlichen Stuhl‘, der wieder zurückschlüpft, nachdem er schon teilweise heraus war, mit siliceaSILICEA und thujaTHUJA – kopiöse Stühle, die mechanisch entfernt werden müssen, mit seleniumSELENIUM – den dünnen Hals mit natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM und LYCOPODIUM – die Abmagerung trotz guten Essens mit jodumJODUM – und schließlich die panische Angst vor Abwärtsbewegung mit gelsemiumGELSEMIUM und boraxBORAX.
Dr. Oscar Hansen (Kopenhagen) hebt in seinem Textbook of Materia Medica and Therapeutics of Rare Homœopathic Remedies in Bezug auf Sanicula besonders hervor: starkes Schwitzen am Hinterkopf und Nacken während des Schlafs; ausgeprägte Photophobie; Tränenfluss an der kalten Luft oder nach äußerlicher Kälteanwendung; dicker, zäher, fadenziehender Schleim aus dem Hals (wie bei kalium bichromicumKALIUM BICHROMICUM und hydrastisHYDRASTIS); schmerzhafte Stühle, die so voluminös sind, dass sie den Sphinkter einreißen können, verbunden mit Schmerzen im ganzen Perineum.
Therapeutische Anwendung findet es, wie Hansen weiter schreibt, bei „Ophthalmia scrofulosa; Seekrankheit (bewährtes Mittel); Enuresis nocturna (Heilung vieler Fälle); Obstipation“.
Das Quellwasser enthält die Chloride von Natrium, Calcium, Magnesium u. v. a. m., einschließlich Kieselsäure.

Sepia

Weitere Namen: Sepia officinalis; Tinte des Tintenfisches
Von Sepia schreibt Hahnemann: „Dieser braunschwarze Saft (vor mir bloss zum Zeichnen gebräuchlich) ist im Unterleibe des grossen Meer-Insekts, Dintenfisch (sepia octopoda) genannt, in einer Blase enthalten, und wird von ihm zuweilen ausgespritzt, um das Wasser um sich her zu verdunkeln, vermuthlich um sich dadurch seiner Beute zu versichern, oder auch, um sich vor seinen Feinden zu verbergen.“
(Wie Hahnemann dieses großartige Arzneimittel entdeckt und in die Materia medica eingeführt hat, diese Geschichte werden wir – am Schluss des Kapitels – von Farrington hören.)
Es ist unbedingt erforderlich, dass wir von Sepia ein richtiges Verständnis bekommen, denn es ist eines unserer wichtigsten Heilmittel bei chronischen Krankheiten. Sepia ist verwandt mit natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM und phosphorusPHOSPHORUS, die beide in der Tinte dieses Oktopoden vorkommen und für manche ihrer Symptome verantwortlich sind. Doch insgesamt übt Sepia einen Stimulus ganz eigener Art aus und ist dabei durch kein anderes Mittel zu ersetzen.
Dr. Gibson Miller, einer der Meister unserer Zunft, pflegte, wie mir erzählt wurde, zu sagen, dass er, wenn er nur ein einziges Mittel verordnen dürfte, Sepia wählen würde. Und in der Tat hat Sepia ganz außerordentliche Heilungen vollbracht, sofern man der Einzeldosis Zeit gelassen hat, über mehrere Monate zu wirken; es hat Kropf geheilt, Geisteskrankheit, rheumatoide Arthritis u.v.a.m. Sepia gehört im Übrigen zu den Arzneien, die Wiederholungen nicht gut vertragen, auch wenn es sich um chronische Fälle oder um verschiedene Potenzen handelt.8

8

Wenn es sich um einen eindeutigen Rückfall handelt und das Bild sich nicht geändert hat, kann auch Sepia, wie jedes andere Mittel, ohne Probleme wiederholt werden. Dies wird übrigens auch von Hahnemann bestätigt (vgl. Chronische Krankheiten, Band 1, S. 152).

Wie soll man nun Sepia erkennen? … Vor einigen Jahren habe ich vor der British Homœopathic Society einen Vortrag über das Arzneimittelbild von Sepia gehalten, der, zusammen mit einigen anderen Arzneimittelbildern, in Form einer kleinen Druckschrift erschienen ist. Er vermittelt, glaube ich, ein recht anschauliches Portrait der Sepia-Persönlichkeit, und so will ich ihn hier wiedergeben …
Sepia ist auch das Waschfrauen-Mittel genannt worden, und dies nicht ganz ohne Grund.
Stellen Sie sich diese Frau einmal vor – die blasse, müde Mutter einer großen Familie, und es ist ‚Waschtag‘!
Sie schwitzt stark, unter den Armen fließt der Schweiß in Strömen. Sie hält sich nur ungern in geschlossenen Räumen auf, wegen der Wärme und der Stickigkeit, die sie einer Ohnmacht nahe bringen. Und doch ist kalter Wind, der durch die offene Tür hereinkommt, ihr geradezu unerträglich.
Ihr Rücken schmerzt fürchterlich. Sie möchte dagegen drücken, ihn irgendwie unterstützen (natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM). Oft hat sie das Gefühl, sie müsse sich unbedingt setzen oder die Beine übereinanderschlagen, denn ihr ganzes Inneres scheint abwärtszudrängen und unten aus ihr herauskommen zu wollen. Sie muss sich einfach setzen, um es drinnen zu behalten (lilium tigrinumLILIUM TIGRINUM).
Die ständige Sorge um ihre Kinder wächst ihr einfach über den Kopf. Ihr chamomillaCHAMOMILLA-Baby jammert und schreit und möchte auf den Arm genommen und herumgetragen werden. Die Zwillinge, die nächsten in der Geschwisterreihe, zanken wieder mal und kratzen sich fast die Augen aus. Wenn dann noch ihr Sechsjähriger anfängt, mit einem Löffel auf einer Blechdose herumzutrommeln, wird es ihr zu bunt. Sie packt die Dose, schleudert sie in die Ecke und haut dem Kleinen eine runter – was es natürlich nicht gerade besser macht. Er schluchzt erbärmlich, aber das ist ihr jetzt egal.
Am liebsten würde sie weglaufen, um all dem zu entfliehen und ein wenig Frieden zu haben!
Ihr Kopf tut auch wieder weh, diesmal auf der linken Seite; zuletzt war es rechts, wie sie sich dunkel erinnert.
Sie ist so nervös und gereizt, dass sie sich am Rand des Waschtrogs festklammern muss, um nicht laut loszuschreien. Oh, könnte sie doch alles stehen- und liegenlassen und sich irgendwo hinlegen – allein – von Dunkelheit umgeben – und die Augen schließen!
Ihr Mann kommt nach Hause – aber sie hat kein Begrüßungslächeln für ihn übrig, ihr fehlt die Kraft. Nichts als dumpfe Gleichgültigkeit und Müdigkeit und Leid. Er soll sie in Ruhe lassen, schließlich erledigt sich die Arbeit nicht von selbst.
Ptosis! – Ptosis überall. Ihren ganzen Körper, außen wie innen, zieht es nach unten. Venen – Hämorrhoiden – alles ist gestaut und drängt herab. Selbst die Augenlider sind so schwer, dass sie die Augen kaum offenhalten kann.
Wenn sie sich nur hinlegen und die Augen zumachen könnte! Nur zehn Minuten Schlaf, das weiß sie, und sie wäre wie neugeboren! Aber da ist die Wäsche, die auf sie wartet – die dampfige Schwüle des Waschraums –, und stets die Plage der unruhigen Kinder, mit ihrem Lärm und Gezappel: an Schlaf ist da nicht zu denken.
Ihr kleines pulsatillaPULSATILLA-Mädchen schleicht sich heran. „Kann ich dir helfen, Mami?“, aber sie schiebt sie zur Seite. Weinend schleicht sich die Kleine wieder fort, und Mami spürt, dass die Tränen ihrer Tochter ihr ganz gleichgültig sind.
Das Essen steht auf dem Herd – und ihr wird von den Gerüchen übel. Die Kinder sind hungrig, auch ihr Mann wartet schon aufs Essen … einerlei – sollen sie warten. Sie ist gereizt – gleichgültig – apathisch.
Ihr Gatte schaut sie traurig an. Ihr einstmals blühendes Gesicht wirkt nun müde; es hat seine Konturen verloren, die liebenswerten Züge sind gewichen. Bräunlichgelbe Streifen oder Flecken zeigen sich auf der Stirn und liegen sattelförmig über Nase und Wangenknochen.
Sie war ein fröhliches und hübsches Mädchen, als er sie heiratete – nun ist sie Sepia.
Geben Sie ihr ihre Arznei, und bald wird (vielleicht) der Ehemann kommen und Sie lobpreisen, dass Sie ihm die Frau wiedergegeben haben, die er einst geliebt und erwählt hat. (Dies ist wirklich geschehen; von Zehnen kommt einer oder eine manchmal wieder, um Ihnen zu danken!)
Hauptsymptome9
Geist und GemütSehr reizbar.

9

Mit a sind Symptome aus Hahnemanns Chronischen Krankheiten markiert, ein mit b bezeichnetes Symptom stammt aus einer Prüfung von Groß, veröffentlicht im Archiv, Band 19, Heft 3; eine klinische Angabe aus Jahrs Symptomencodex ist mit einem c versehen, eine weitere aus der A.H.Z. (23, 124) mit einem d.

Sehr gleichgültig gegen Alles, theilnahmlos und apathisch.a
Scheu gegen sein Geschäft.a – Gleichgültigkeit gegen die Seinen.a
Abneigung gegen die eigene Familie.
Gleichgültigkeit gegenüber denen, die sie am meisten liebt.
Träger Geist.a
Unbehagen in Gegenwart Fremder [ein leichtes Zittern des ganzen Körpers, wenn man sich ihr nähert …].
KopfKopfschmerzen in der rechten Seite von Kopf und Gesicht, … mit einem wogenden Gefühl in der Stirn wie von Schmerzwellen, die sich überschlagen und gegen das Stirnbein branden.
Stechende Schmerzen, vom linken Auge über die Kopfseite zum Hinterkopf fahrend; … Kopfschmerzen besser nach den Mahlzeiten.
Reissen in der linken Schläfe bis in den obern Theil der linken Kopf-Seite.a
Kopfschmerz mit Abneigung gegen alle Arten von Speisen, dabei ein quälendes Leere- und Schwächegefühl in der Magengegend.
Jeden Morgen Kopfschmerz mit Übelkeit, Schwindel und Nasenbluten.
Kopfschmerzen bei Frauen mit blasser Gesichtsfarbe und bräunlichgelben Flecken auf der Stirn; Essensgerüche sind ihnen zuwider.
HaareStarkes Ausfallen.a
AugenBeissen im rechten Auge, Abends, mit Neigung der Lider, sich mit Gewalt zu schliessen.a
Gefühl eines Sandkorns im Auge, besonders rechts.
Asthenische Entzündungen der Augen, charakterisiert durch Lichtschein, < morgens, ‚schmutzige Röte der Bindehaut, Tränenerguss und Anschwellen der Augenlider‘ … d
Thränen der Augen, früh und Abends.a
NaseGroße, übelriechende Pfropfen kommen aus der Nase (Ozäna).
Stockschnupfen: Nasenlöcher wund, geschwollen, geschwürig und schorfig; Absonderung großer, grüner Pfropfen.
GesichtGesichts-Blässe.a
Gelbheit des Gesichtes und beider Augenweisse.a
Gelbe Flecke im Gesicht und ein gelber Sattel quer über die Oberbacke und Nase.a
Gelber Sattel über dem Nasenrücken.
Riss in der Mitte der Unterlippe. (natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, droseraDROSERA etc.)
MundZahnschmerzen, besonders während der Schwangerschaft.
MagenLeerheit, mit Uebelkeit, sobald sie an eine zu geniessende Speise nur denkt.a
Eigenartiges Gefühl von Leere, Flauheit und großer Schwäche in der Magengrube.
Nagen und Schwächegefühl im Magen, beim Abendessen vergehend.
Uebelkeit bloss jeden Morgen, nach Etwas Essen vergehend.a
Uebelkeit, früh nüchtern, mehrere Morgen.a
Uebelkeit, früh, beim (gewohnten) Fahren im Wagen.a
Übelkeit: nach dem Essen; durch Essensgerüche oder vom Kochen; mit Schwäche.
Bei Anstrengung der Augen, Gefühl von Uebelkeit und Beängstigung.a
Morgenübelkeit in der Schwangerschaft.
Das Erbrechen (in der Schwangerschaft) strengt sie oft so an, dass Blut mitkommt.a
Erbrechen: von Speisen und Galle, morgens; von Schleim, nach Essen der leichtesten Speisen.
Brennen im Magen und in der Herzgrube.a
Stiche in der Herzgrube.a
AbdomenGefühl des Herabdrängens aller Beckenorgane.
Gefühl von Abwärtsdrängen und pressen.
Gefühl von Herabdrängen in der Beckengegend, mit leicht ziehenden, vom Kreuzbein ausgehenden Schmerzen.
Drücken im Abdomen, als wollte sein Inhalt durch die Vagina austreten.
Schwere im Unterleibe.a
Gefühl wie von einer Last im Bauche, beim Bewegen.a
Schmerzen und Schweregefühl im Bauch, morgens beim Aufstehen.
Bauchweh und Empfindlichkeit im Abdomen.
Auftreibung des Bauches.a
Dicker Bauch bei Müttern.a
Leerheitsgefühl im Bauche.a
Poltern im Bauche.a
Lautes Knurren im Bauche.a
Viele bräunliche Flecken am Bauch; Chloasma.
RektumObstipation während der Schwangerschaft.
Stuhl, obgleich nicht hart, wird doch nur sparsam und mit starkem Pressen ausgeleert.a
Gefühl eines Gewichts oder Balls in After oder Rektum, durch Stuhlgang nicht erleichtert.
HarnorganePressen auf die Blase und öfteres Harnen, bei Spannung im Unterbauche.a
Steter Drang zum Harnen, mit schmerzhaftem Drängen im Becken …a
Unwillkürlicher Harnabgang nachts, besonders im ersten Schlaf.
Kaum ist das Kind eingeschlafen, macht es schon das Bett nass.
Urin geht innerhalb der ersten zwei Stunden nach dem Zubettgehen ab.
Urin: wasserhell; trübe, schleimig und sehr übelriechend, am nächsten Morgen ein gelbliches, zähes Sediment absetzend. Sediment haftet fest wie Zement.
Trüber, lehmiger Harn, mit röthlichem Ansatz im Geschirr.a
Weibliche GenitalienUterus kongestioniert, mit gelblichem Ausfluss aus der Portio; beginnender Prolaps; leichte Uterusverlagerung.
Große Trockenheit von Vulva und Vagina, beim Gehen ein sehr unangenehmes Gefühl hervorrufend (nach Ende der Regelblutung).
Pressen in der Gebärmutter, als wollte alles durch die Vulva nach außen treten.
Athem beengendes Pressen in der Gebärmutter, nach unten zu, als sollte Alles herausfallen, unter Leibschneiden; sie muss, um das Vortreten der Scheide zu hindern, die Schenkel über einander legen; doch trat Nichts hervor, sondern es ging nur mehr gallertartiger Weissfluss ab.a
Bedürfnis, die Beine zu kreuzen, um zu verhindern, dass alles aus der Scheide herausgedrückt wird. (Siehe lilium tigrinumLILIUM TIGRINUM.)
Herabdrängender Uterusschmerz, zieht vom Rücken zum Abdomen; sie kreuzt die Beine, um das Heraustreten der Teile zu verhüten.
Vorfall der Scheide und des Uterusc, mit Stuhlverstopfung.
Weissfluss wie Milch, bloss am Tage, unter Brenn-Schmerz zwischen den Beinen wundmachend.a
Gelblicher Scheidefluss.a
Vor der Regel, beissender Weissfluss mit Wundheit der Scham.a
Metrorrhagie während des Klimakteriums oder während der Schwangerschaft, besonders im fünften und siebten Monat.
Regel … zu spät.a
Regel … zu früh.a
Vor der Regel heftiges Leibweh mit Ohnmächtigkeit.a
Vor der Regel, Schauder über und über, den ganzen Tag.a
Amenorrhö: im Pubertätsalter oder später; durch eine Erkältung; bei chlorotischen oder schwachen Frauen mit zarter, dünner Haut.
Plötzliche Hitzewallungen im Klimakterium, mit flüchtigem Schwitzen, Schwäche und Ohnmachtsneigung.
Husten, BrustKrampfhafter Husten.a
Kurzer, kächzender Husten, Abends, nach dem Niederlegen …a
Nachts kann sie vor Husten kein Auge zuthun.a
Kurzer, trockener Husten, scheint aus dem Magen zu kommen.
Beklemmung der Brust, früh und Abends.a
(Ich erinnere mich an einen Asthmafall, bei dem nichts half, bis schließlich Sepia gegeben wurde – aufgrund von Allgemeinsymptomen.)
RückenRückenschmerz, bis über die Hüften.
Beim Bücken plötzlich arger Schmerz im Rücken, wie ein Schlag mit einem Hammer …; Andrücken des Rückens an einen harten Gegenstand mildert den Schmerz.a
Steifheit im Rücken, welche beim Gehen nachlässt.a
Im Kreuz: Schmerzen; Schmerz und Schwäche; Schwäche beim Gehen; Ermüdungsschmerz; Verrenkungsschmerz.
Schmerz im Kreuze, beim Gehen, Nachmittags.a
ExtremitätenHände gewöhnlich kalt, aber feucht von Schweiß.
Sehr kalte Füße, viel Kopfschmerz …, vorzüglich gegen Abend und früh.b
Füße den ganzen Tag kalt und feucht; Gefühl, als stünden sie bis zu den Knöcheln in kaltem Wasser.
NervenEin kurzer Spaziergang erschöpft sie sehr.
Plötzliche Prostration mit Ohnmachtsanwandlungen.
Großes Schwächegefühl, erst mit Hitze, dann mit Kälte.
Ohnmacht beim Knien in der Kirche.
Bei der Regel, früh, sehr erschöpft.a
Fieber, SchweißAnfälle von fliegender Hitze, wie mit heissem Wasser übergossen, mit Röthe im Gesichte, Schweiss am ganzen Körper und Aengstlichkeit, ohne Durst, doch mit Trockenheit im Halse.a
Starker allgemeiner Nacht-Schweiss …a
Nachts kalter Schweiss auf Brust, Rücken und Oberschenkeln.a
HautFlechten-Ausschlag auf den Lippen.a (Nat-m., Rhus-t.)
Flechtenartige Quaddeln um den Mund.a
Eine Flechte am Munde.a (natrium muriaticumNat-m., rhus toxicodendronRhus-t. etc.)
Das Jucken verwandelt sich beim Kratzen oft in Brennen.
In den Ellbogen-Beugen, Jücken.a
Wundheit der Haut; feuchte Stellen in den Kniekehlen.
Braune oder weinrote, flechtenartige Flecken; Chloasma.
Herpes circinatus.
Braune Flecke auf der Haut, verbunden mit Leukorrhö.
Nässende Ekzeme, mit Jucken und Brennen.
Weitere wichtige und hinweisende Symptome
Suizidneigung aus Verzweiflung über sein trostloses Dasein.
„Eine einzige Dosis nimmt mir jeglichen Ehrgeiz; ich mag einfach keinen Handschlag mehr tun, weder arbeiten noch spielen; selbst das Denken strengt mich an.“
„So nervös, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste schreien, wenn ich mich nicht an etwas festhielte.“
Herunterhängen der Augenlider, mit dem Gefühl, als wären sie zu schwer oder als hätte sie nicht mehr die Kraft, sie zu heben.
Viel schwarze Flecken vor den Augen.a
Feuerfunken vor den Augen …a – Flimmern vor den Augen, beim Sehen ins Helle; er sieht einen zickzackartig umgränzten Farbenkreis.a – Feuriger Zickzack vor den Augen hindert das Sehen.a (natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, graphitesGRAPHITES)
Sehr empfindlich auf Geräusche, Musik und Gerüche.
Essensgerüche bewirken Übelkeit. (arsenicumARSENICUM, cocculusCOCCULUS, colchicum autumnaleCOLCHICUM, digitalisDIGITALIS, ipecacuanhaIPECACUANHA, thuja THUJA)
Wilder Hunger …a
Verlangen nach Essig, nach Wein, nach Süßem.
Kein Appetit …a
Ekel gegen alle Speise, vorzüglich gegen Fleisch …a
Abneigung gegen Fett; gegen Brot, in der Schwangerschaft; gegen Milch, welche Durchfall verursacht.
Magenverstimmung nach Brot, Milch, fetten Speisen oder Saurem.
„Sepia ruft Abneigung gegen Biergenuß hervor.“ (Hering)
Kullern im Unterleib, als wäre dort etwas Lebendiges (crocusCROCUS, thujaTHUJA); … dann steigt es ihr in den Hals hoch … [bei Verdacht auf Bandwurm].
Hering gibt an: „Tuberkulöse und andere chronische krankhafte Veränderungen im Bereich des mittleren Drittels der rechten Lunge (ARSENICUM: oberes Drittel).“
Viel Schweiss im Schlafe, vorzüglich am Kopfe.a (calcarea carbonicaCalc., mercurius (solubilis)Merc., siliceaSil. etc.)
Gefühl wie von einer eiskalten Hand zwischen den Schulterblättern.
Seltsame Empfindungen
Schwindel, als hänge er in der Luft.
Kopfweh, als sollte der Kopf springen …a
Kopfweh …, als sey das Gehirn zerquetscht.a
Als wäre ein Auge fort und kalter Wind bliese aus der Augenhöhle.
Die Augenlider schmerzen beim Erwachen wie zu schwer, und als könne er sie nicht aufhalten.a Lider wie gelähmt.
Lider wie zu stramm, als würden sie die Augen nicht ganz bedecken.
Augen heiß und trocken, wie zwei Feuerbälle.
Früh-Uebelkeit, als wenn sich Alles im Leibe herum drehetea; als würden die Eingeweide nach außen gestülpt.
Als würde sich im Magen etwas winden und dann in den Hals aufsteigen.
In den Hypochondrien ein Gefühl, als wären die Rippen gebrochen und scharfe Ecken steckten im Fleisch.
Vollheitsgefühl in der Leber, als würde sie gleich platzen.
Als wäre ein handbreiter Gürtel fest um ihre Taille gezogen, nach dem Abendessen.
Als würde im Bauch etwas festsitzen, beim Schluckauf.
Kullern im Unterleib, als wäre dort etwas Lebendiges.
Im After Gefühl eines Gewichts.
Als ob die Blase voll wäre und ihr Inhalt über dem Schambein herausfallen wollte [mit ständigem Bedürfnis, sie wieder zurückzudrücken].
Als ob die Blase herausgepresst würde.
Uterus fühlt sich an wie fest umklammert und dann plötzlich losgelassen.
Pressen in der Gebärmutter …, als sollte Alles herausfallen.a
Als wollte alles durch die Vulva nach außen treten.
Als würde sich etwas Schweres aus der Vagina zwängen.
Als ob die Vulva vergrößert wäre (prämenstruell).
Nachts weckt sie der Husten auf, dabei Gefühl in der Brust, wie hohl, und Schründen darin, wie wund.a
Der Husten schien aus dem Magen zu kommen, welcher sich anfühlte, als würde an ihm geschabt.
Verkrampfung der Brust, als ob sie ersticken müsste.
Als ob ein Messer in die linke Lungenspitze gestoßen und dort schmerzhaft herumgedreht würde.
Als ob das Herz stillstünde.
Wie von einer eiskalten Hand zwischen den Schulterblättern. (Brennen zwischen den Schulterblättern: kalium bichromicumKali-bi., lycopodiumLyc., phosphorusPhos.)
Beim Bücken plötzlich arger Schmerz im Rücken, wie ein Schlag mit einem Hammer …a
Sie wurde von einem Schmerz im Rücken erfasst, als sollte dort etwas zerbrechen (beim Umdrehen im Bett).
Schmerz wie von Verrenkung des Schultergelenks, nach körperlicher Anstrengung.
Es läuft im linken Beine herauf und herunter, wie eine Maus.a
Schmerz in den Waden, bis zu den Knien hinauf, dabei fast das Gefühl, als würden die Unterschenkelknochen morsch.
Füße geschwollen, fühlen sich an wie eingeschlafen.
Als stünden die Füße bis zu den Knöcheln in kaltem Wasser. (Vgl. CALCAREA)
Schmerzen, Beschwerden, Krankheiten jedweder Art und Lokalisation – bei einem Sepia-Menschen.
Ptosis lässt an Sepia denken.
Intertrigo lässt an Sepia denken.
Herabdrängende Beschwerden [‚Bearing-down‘] lassen an Sepia denken.
Sepia ist auch ein wichtiges Heilmittel bei psychischen Störungen, selbst bei Geisteskrankheiten und in ‚Borderline‘-Fällen. Dazu einige kleine Fallbeispiele …
„Lady wird bald wieder fohlen. Im letzten Jahr hat sie ihr erstes Junges gebissen und getreten und wollte es nicht saugen lassen; so ist es dann gestorben. Was können wir ihr geben?“ „Oh, gleichgültig gegenüber dem eigenen Nachwuchs? Sepia natürlich! Geben Sie ihr eine Dosis Sepia!“ … Das Fohlen kam pünktlich zur Welt, und Lady war die hingebungsvollste Mutter von allen Stuten in jenem Jahr; sie mochte ihr Junges nicht einen Augenblick aus den Augen lassen und graste immer um die Stelle herum, wo das Fohlen gerade lag …
„Frau Doktor, können Sie nicht einem jungen Mann helfen? Er ist zum ersten Mal Vater geworden – und er hasst das Baby. Er kann es nicht ertragen, wenn seine Frau das Kind auch nur anfasst. Ihre Familie hatte ihn schon einsperren lassen, aber seine Familie holte ihn wieder heraus. Letzte Nacht bin ich die ganze Zeit bei ihr gewesen, während er im Nebenzimmer tobte, herumpolterte und Sachen zerschlug. Sie haben Angst, dass er sein Kind noch umbringen wird …“ – „Oh, gleichgültig gegenüber dem eigenen Nachwuchs10

10

Hier scheint auch eine gehörige Portion Eifersucht eine Rolle gespielt zu haben! Wenngleich Sepia in der Rubrik „Eifersucht“ nicht aufgeführt ist, wird man doch vielleicht eine Unterrubrik im Repertorium ergänzen dürfen: Eifersucht auf den eigenen Nachwuchs.

… und er bekam eine Dosis Sepia. Nach einer Woche kam er selbst vorbei, weinend, zitternd, noch schrecklich mitgenommen – aber besser. Und als ich das nächste Mal von ihm hörte, klang das so: „Frau Doktor, Sie kennen doch noch den jungen Mann, der sein Baby hasste? Nun, jetzt betet er es geradezu an. Wenn er zu Hause ist, mag er es gar nicht, wenn sich irgendjemand anderes als er mit dem Kleinen beschäftigt. Er ist wie umgewandelt!“
Sepia ist also, wie Sie sehen, die Arznei, die Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Kindern hervorgebracht und geheilt hat. Und Gemütssymptome sind bekanntlich, wo sie vorhanden sind, für die Bestimmung einer Arznei am allerwichtigsten.
Hier ein weiterer, bemerkenswerter und mir noch gut erinnerlicher Fall mit typischen Sepia-Gemütssymptomen … Eine gutaussehende junge Frau, statuenhaft nicht nur in ihren Gesichtszügen und ihrer marmornen Blässe, sondern auch in ihrer Reglosigkeit, wurde vor einigen Jahren in unsere Ambulanz gebracht. Es war unmöglich, irgendeine Antwort aus ihr herauszubekommen; höchstens wenn man sehr lange wartete, kam eine einsilbige Erwiderung. Die Ursache ihres Zustands war, wie mir erzählt wurde, der Schock darüber, dass ihr Bruder ins Ausland gegangen war. Dies musste sie vollkommen aus der Bahn geworfen haben. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich nie, man bekam keine Reaktion von ihr. Sie saß nur bewegungslos da, während ihre Mutter die Symptome berichtete, soweit sie sie kannte. Dann nahm sie ihre Tochter wieder mit nach Hause. arsenicumARSENICUM und Sepia boten sich an – mittlerweile sehe ich, auch aus der zeitlichen Distanz, dass ich bei einer Patientin, die so ganz ohne Unruhe war, misstrauisch gegenüber ARSENICUM hätte sein sollen, ist es doch für dieses Mittel ein völlig untypisches Verhalten. (Und doch habe ich vor kurzem ARSENICUM Wunder wirken sehen bei einem Mädchen mit akuter Herzerkrankung, einer Endokarditis mit deutlicher exsudativer Begleitperikarditis: Von der typischen ängstlichen Ruhelosigkeit von ARSENICUM war absolut nichts zu bemerken, ansonsten entsprachen ihre Symptome aber ganz dem Mittel!)
Nachdem ARSENICUM die schöne Statue nicht hatte erweichen können, habe ich dann nach weiterer Überlegung Sepia verabreicht, und ein paar Wochen später kam ein richtiger Wirbelwind in unsere Praxis gerauscht, voller Leben, mit ausdrucksstarken Bewegungen, ganz begierig, ihre Geschichte zu erzählen – was sie alles getan und empfunden hatte, all die fehlgeschlagenen Selbstmordversuche: Sie hatte versucht, sich von ihrer Mutter loszureißen und vor einen Omnibus zu rennen; sie hatte versucht, sich an einem Oberlichtfenster aufzuhängen – aber da kam gerade jemand herein; sie war sogar in die Toilette gegangen und hatte versucht, sich durch Ziehen der Spülvorrichtung zu ertränken. All dies und noch mehr sprudelte mit intensiver, fast unglaublicher Lebhaftigkeit aus ihr heraus. Diese eine Gabe Sepia hatte sie aufgetaut und dem Leben zurückgegeben. Über mehrere Jahre hinweg stellte sie sich noch regelmäßig bei uns vor: Sie blieb normal und unauffällig und hatte keinen Rückfall mehr, auch nicht unter den widrigen und kummervollen Umständen, in die sie etwas später geriet …
Homöopathie mag „unter aller Kritik“ sein – „purer Nonsens“ – „Zuckerpillen“ – „alles Einbildung“ –, aber sie wirkt, vorausgesetzt, man trifft das richtige Mittel (wie in diesem Fall, wo das eine, arsenicumARSENICUM, gar nichts bewirkte, das andere hingegen zur völligen Heilung führte). Andererseits: Findet man das richtige Mittel nicht, sind all diese Einwände durchaus gerechtfertigt – aber gerade dann handelt es sich auch nicht um Homöopathie.11

11

Vollkommen unwirksam sind homöopathische Mittel allerdings – unterhalb der ‚Simillimum-Ebene‘ – nicht zwangsläufig, denn auch mit Arzneien, die nur etwas ‚ähnlich‘ sind, kann man bekanntlich oft enorme Wirkungen erzielen (man denke z.B. nur an die Prüfungen!). In der Regel handelt es sich bei diesen Wirkungen aber eher um Symptomunterdrückungen als um wirkliche Heilungen.

Man muss sich von der Vorstellung frei machen, dass ein Arzneimittel als solches homöopathisch genannt werden kann. Die Homöopathie steht und fällt nicht damit, dass eine Arznei bei einer homöopathischen Fallaufnahme ermittelt oder von einem homöopathischen Arzt (oder auch Laienhomöopathen) verordnet worden ist; sie steht und fällt auch nicht damit, dass ein Mittel von einem homöopathischen Apotheker zubereitet worden ist, dass es potenziert worden ist oder dass es bei der Repertorisation ‚herausgekommen‘ und mehr oder weniger ‚durchgegangen‘ ist. Auf der anderen Seite mag ein Medikament absolut homöopathisch sein, obwohl es aus einer normalen Apotheke stammt, von einem Arzt der alten Schule verschrieben wurde und als gewöhnliches ‚allopathisches‘ Mittel gilt – wie z.B.: ipecacuanhaIPECACUANHA für unaufhörliches Erbrechen und ständige Übelkeit, welche es auch verursacht; Jodkali (kalium jodatumKALIUM JODATUM) für Gummata, die es hervorgerufen und geheilt hat; Salicylsäure (salicylicum acidumacidum salicylicumACIDUM SALICYLICUM) für die Menière-Krankheit, deren Symptome sie hervorbringt … die Liste könnte man lange fortsetzen. Ich glaube, es war Dr. Dyce Brown, der so viele homöopathische Heilungen durch ganz gewöhnliche ‚allopathische‘ Arzneisubstanzen entdeckt hat, dass er ein kleines Buch damit hätte füllen können. Wenn wir also einmal keinen Erfolg haben (wie ich mit ARSENICUM in dem obigen Fall), dann nicht, weil die Homöopathie nicht in der Lage wäre zu heilen, sondern weil wir nicht in der Lage waren, das homöopathische Mittel zu finden. Dies gilt generell für all unsere Fehlschläge! In manchen Fällen rheumatoider Arthritis zum Beispiel kann es entsetzlich schwierig sein, das richtige Mittel auszumachen. Hat man es aber einmal gefunden, so kann es ganz erstaunliche Dienste leisten: in fortgeschrittenen Fällen lindern, was nicht mehr zu heilen ist, und in früheren Stadien der Erkrankung völlige Genesung herbeiführen.
Auch Sepia ist übrigens, wie ich mehrfach erlebt habe, ein Mittel, das rheumatoide Arthritis – bei Sepia-Patienten! – zu heilen vermag. Über einen solchen Fall will ich gleich berichten. Zuvor sei aber noch einmal daran erinnert, dass die Homöopathie keine Krankheiten behandelt, sondern Kranke; und auf keinen Fall versuche man sich einzuprägen, dass Sepia ein Heilmittel dieser Krankheit sei! Das wäre nämlich die beste Methode, um – aus bloßem Mangel an Erfahrung – zu demonstrieren, dass „Homöopathie bei rheumatoider Arthritis überhaupt nichts nützt!“ Man hat es ja „bewiesen“ – nur eben mit Arzneien, die mit dem Kranken nichts zu tun hatten.
Eine 42-jährige Frau wurde von einem Landarzt zu uns überwiesen, der ihr gesagt hatte, dass sie nie wieder werde laufen können. Sie war seit 15 Jahren angeblich unheilbar an rheumatoider Arthritis erkrankt. Die Patientin wurde in einem Rollstuhl hereingefahren; sie konnte sich weder selbst verpflegen noch ohne Hilfe allein anziehen, und nachts war sie nicht einmal in der Lage, ihre Bettdecke hochzuziehen. Nach einer Gabe Sepia C 30 im Dezember 1915 kam es zu einer raschen Besserung ihrer Beschwerden. Im Februar konnte sie schon wieder gehen, und ein halbes Jahr später heißt es in der Krankenakte: „Hände sehen normal aus; beim Gehen nur noch ganz leichtes Hinken.“ Von Zeit zu Zeit habe ich sie dann wiedergesehen – wegen „Magenbeschwerden“, „leichter Rückkehr rheumatischer Beschwerden“ etc. Die Unterlagen erstrecken sich über einen Zeitraum von vierzehn Jahren und vermerken keinen ernsthaften Rückfall. Natürlich können die Knochenveränderungen hier nicht sehr stark gewesen sein. Doch immerhin zeigen Fälle wie diese, wie breit der Anwendungsbereich des Mittels ist – bei Sepia-Patientinnen oder Sepia-Patienten!
Lassen Sie mich an dieser Stelle noch einmal die Hauptcharakteristika von Sepia rekapitulieren, diesmal mit den Worten James Tyler Kents.
„Sepia eignet sich besonders für große, schlanke Frauen mit schmalem Becken, schlaffen Bändern und schlaffen Muskeln. … Eines der am stärksten ausgeprägten Charakteristika der Sepia-Patientin zeigt sich in ihrer Gemütsverfassung: Das Mittel scheint in hohem Maße die natürliche Fähigkeit zu Liebe und Zuneigung zu untergraben. … ‚Ich weiß, ich sollte meine Kinder und meinen Mann lieben; früher war das auch einmal so, aber heute kann ich solche Gefühle in mir nicht mehr entdecken.‘ Die durchaus noch vorhandene Liebe findet keinen gefühlsmäßigen Ausdruck. … Jegliche Freude ist dahin; alles erscheint ihr unwirklich und fremd; die schönen und angenehmen Dinge des Lebens bleiben ihr verschlossen; das Leben hat ihr nichts mehr zu bieten. …
Ein weiteres, sehr häufiges Merkmal ist eine eigentümliche Gesichtsblässe … wächsern und anämisch, mit gelblichen Flecken; … ein gelber Sattel über der Nase, der sich bis zu den seitlichen Wangenpartien erstreckt; … große Sommersprossen, gelbbraune Flecken wie in der Schwangerschaft; braune Warzen … Die Gesichtshaut ist bleich und teigig, das Gesicht sieht aus, als wären sämtliche Muskeln darin erschlafft. Selten werden Sie Sepia bei Frauen mit scharfgeschnittenen, intellektuellen Gesichtszügen indiziert finden, … dem Gesicht eines denkenden, willensstarken Menschen. Sepia ist eher gedankenlos, geistig träge und vergesslich; der Geist ist alles andere als rege – und das sieht man dem Gesicht an. Zwar kann Sepia in vielen Fällen auch von rascher Auffassungsgabe sein, doch die geistige Trägheit ist das herausragendere Symptom, und sie spiegelt sich im Gesicht wider. Das Gesicht ist gewöhnlich aufgedunsen, oft glatt und rundlich, bar jeder Denkerfalten. … Im Laufe der Zeit magert der Körper immer mehr ab; die Haut wird welk, und die Patientin sieht deutlich älter aus, als sie ist.
Große Neigung zu Verstopfung …; selbst nach dem Stuhlgang bleibt im Rektum das Gefühl eines Klumpens bestehen. … Die meisten Sepia-Patientinnen leiden zudem unter einem schmerzhaften, nagenden Hungergefühl im Magen, selten fühlen sie sich wirklich satt. Selbst nach einer reichlichen Mahlzeit bleibt oft ein nagendes, leeres, hungriges Gefühl im Magen bestehen. … Wenn zu den oben beschriebenen Symptomen nun noch ein Uterusprolaps hinzukommt, wird Sepia fast mit Sicherheit heilen, unabhängig davon, wie ausgeprägt der Prolaps ist oder welche Art von Verlagerung genau vorliegt. Der Gebärmuttervorfall ist das Ergebnis einer Erschlaffung sämtlicher Bauchorgane, die alle mehr oder weniger nach unten drücken. Die Patientin hat das Bedürfnis, eine Binde zu tragen oder den Bereich mit der Hand zu unterstützen. Sie hat das Gefühl, als würde alles wie durch einen Trichter nach unten drängen, gebessert im Sitzen und durch Übereinanderschlagen der Beine.
Wenn diese Symptome zusammen auftreten – der nagende Hunger, die Obstipation, das Herabdrängen und der typische Gemütszustand –, dann handelt es sich um Sepia und nur um Sepia. Ein Symptom allein reicht nicht aus, es ist die Kombination dieser Symptome, die das Mittel indiziert.“
Weiterhin kommt Sepia in Frage bei Menstruationsbeschwerden; bei Ausfluss; bei herpetischen oder krustigen Hautveränderungen; bei nässenden Ekzemen, besonders in den Gelenkbeugen. „Es erzeugt Verhärtungen, die einigen Formen aus der Gruppe der Epitheliome gleichen.“ Und so hat Sepia, wie Kent berichtet, Epitheliome an den Lippen, den Nasenflügeln und den Augenlidern geheilt. An Ängsten nennt er u.a.: Furcht vor Gespenstern, vor Geisteskrankheit, vor Armut. „Ist nicht glücklich, wenn sie nicht irgendjemanden ärgern kann“, gleichzeitig aber selber schnell beleidigt. Und schließlich ist für Sepia typisch eine deutliche Besserung durch Schlaf – selbst kurzen Schlaf (phosphorusPHOSPHORUS) – sowie eine Linderung der meisten Beschwerden durch Essen.
Hier noch eine kleine Nachlese aus Farringtons meisterlicher Abhandlung über Sepia (Clinical Materia Medica):
„Sepia ist ein Arzneimittel von unschätzbarem Wert. … Es beeinflusst ebenso die Lebenskraft wie die organische Materie des Körpers. Der Kreislauf wird frühzeitig beeinträchtigt und mit Fortschreiten der Prüfung zunehmend durcheinander gebracht. Bereits in der vierten Stunde nach Beginn der Prüfung kommt es zu fliegender Hitze und Blutwallungen, die in einem Schweißausbruch und einem Gefühl großer Schwäche enden. … Mit diesen Hitzewallungen geht ein Erethismus des gesamten Nervensystems einher, verbunden mit Unruhe, Angst etc.
Darauf folgen sehr rasch Symptome, die von Erschlaffung der Gewebe und nervöser Schwäche geprägt sind. … Die Gelenke fühlen sich schwach an, als wären sie anfällig für Verrenkungen. Die Eingeweide zerren nach unten und führen zu dem wohlbekannten Leere-, Flauheits- oder Schwächegefühl im Bauch. … Der prolabierte Uterus schwillt immer mehr an, die Stase im Pfortaderkreislauf nimmt zu, die Leber wird schwer, ihre Funktion träge. Die Blutgefäße sind gestaut, was zu Schmerzen, Zerschlagenheitsgefühl, Müdigkeit und Schwere in den Gliedern führt. … Die Sphinkteren sind wie alle von der glatten Muskulatur abhängigen Strukturen schwach; das kann sich z.B. so auswirken, dass das Rektum prolabiert oder dass die Entleerungen aus Darm und Blase nur sehr langsam und zögerlich vonstatten gehen.
Dass das Mittel auch organische Veränderungen herbeiführt, ist u.a. am Gesicht zu erkennen, das einen gelblichen und erdfahlen Teint annimmt; des Weiteren an den sauren und wundmachenden Sekretionen und am allgemeinen Zustand der Haut: Neigung zu übelriechenden Ausdünstungen, zu Ausschlägen, Verfärbungen, Abschuppungen, Geschwüren usw. …
Starke körperliche Anstrengung führt zu einer auffallenden Linderung der Beschwerden, welche unmittelbar aus der verbesserten Blutzirkulation resultiert. … Die Hände sind heiß und die Füße kalt. Oder: Sobald die Füße warm werden, werden die Hände kalt. Dies ist ein vortreffliches, wahlanzeigendes Symptom für Sepia. …
Eine häufige Begleiterscheinung in einem typischen Sepia-Fall ist das großartige Leitsymptom Guernseys: ‚Im After Gefühl eines Gewichts, wie von einer Kugel oder einem schweren Ball.‘“
Um zu zeigen, wie tiefgreifend Sepia wirken kann, möchte ich von einer erstaunlichen Begebenheit aus den Anfängen meiner Tätigkeit in der Armenapotheke erzählen.
Es handelte sich um eine ausgemergelte, grau aussehende und grauhaarige Witwe mit multiplen Tb-Manifestationen, deren Ehemann an Tuberkulose gestorben war. Besonders sind mir die vergrößerte und stark entzündete Bursa praepatellaris (von einer Operation des Schleimbeutels wollte sie aber nichts wissen) sowie drei tuberkulöse Geschwüre in Erinnerung geblieben, eines an der rechten Unterarminnenseite und zwei auf den beiden Seiten des rechten Mittelfingers, welche bis auf den mittleren und distalen Fingerknochen herunterreichten. tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM BOVINUM und siliceaSILICEA bewirkten zu meiner Verwunderung nicht die geringste Veränderung, ebenso wenig ein dreiwöchiger Kuraufenthalt in unserem Genesungsheim in Eastbourne, bei guter Luft und Reinlichkeit und mit ordentlichen Wundverbänden.
Dann, reichlich spät, kam ich auf die Idee, ihr Mittel zu finden, es ihr zu verabreichen und erst danach die tuberkulösen Herde anzugehen. Dieses Mittel war, wie sich herausstellte, Sepia – und es führte zu einer raschen Abheilung der tiefen Ulzera, obwohl sie als Putzfrau in einer Gaststätte ihre Hände von morgens bis abends in Schmutzwasser tauchen musste, wenn sie die Böden schrubbte und die Urinale reinigte. Die Geschwüre schlossen sich, der Finger heilte aus und ebenso alles andere. Man konnte regelrecht tasten, wie das ‚Füllmaterial‘ des geschwollenen Knieschleimbeutels in kleinere, elastische Knoten zerfiel, bevor es schließlich ganz verschwand.
Es lohnt sich sehr, mit Sepia Freundschaft zu schließen! Kein Wunder, dass Dr. Gibson Miller gesagt haben soll: „Wäre mir nur ein einziges Mittel erlaubt, das ich verordnen dürft, so würde ich Sepia wählen.“
Sepia bei Malaria
„In chronischen Fällen von unterdrückter Malaria bringt Sepia den Frost zurück. Seinen größten Nutzen aber entfaltet es, wenn ein Mittel schlecht gewählt und der Malariafall dadurch verwirrt worden ist. Wenn ein Mittel nur aufgrund eines Teilaspekts des Falles ausgewählt worden ist und diesen ein wenig verändert hat, es dem Patienten aber insgesamt nicht besser ging, so ist der Fall in eine Sackgasse geraten. Fieberhitze, Frost und Schweiß sind völlig unberechenbar geworden, weisen keinerlei Regelmäßigkeit mehr auf. Hier dürfen Sie nicht länger experimentieren, hier müssen Sie Sepia verabreichen, das eine vergleichbare Unordnung in sich birgt. natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM ist eines der größten Malariamittel, aber die Abfolge der Stadien ist, ähnlich wie bei chinaCHINA, sehr geordnet. Allgemein betrachtet sollten Sie in Fällen, die durch Arzneien durcheinandergebracht worden sind, an Mittel denken wie calcarea carbonicaCALCAREA, arsenicumARSENICUM, sulfurSULFUR, Sepia und ipecacuanhaIPECACUANHA. Aber geben Sie niemals chinaCHINA oder natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM in Fällen, die in Unordnung geraten sind, die keine regelmäßig wiederkehrenden Symptome und Stadien mehr aufweisen!“ (Kent)
Farrington erzählt [unter Berufung auf Hering] die Geschichte, wie die Tinte der Sepia in unsere Materia medica eingeführt wurde.
„Hahnemann hatte einen Freund, einen Künstler, der so krank wurde, dass er kaum noch in der Lage war, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Trotz Hahnemanns sorgfältigster Fürsorge kam es zu keiner Besserung des Leidens. Eines Tages beobachtete Hahnemann im Atelier seines Freundes, wie dieser die von der Sepia gewonnene Farbe einsetzte, und dabei fiel ihm auf, dass er häufig den Pinsel mit dem Mund anfeuchtete. Auf einmal schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass dies die Ursache für die Krankheit sein könnte. Er wies den Maler darauf hin, doch dieser versicherte ihm, dass die Sepiafarbe absolut unschädlich sei. Auf Anraten Hahnemanns ließ er dann aber doch von seiner Gewohnheit ab, und binnen kurzer Zeit verschwand die obskure Krankheit. Hahnemann nahm daraufhin Prüfungen mit dem Sepia-Saft vor, und sämtliche Symptome, die dabei von ihm festgehalten wurden, sind seither bestätigt worden. Das American Institute of Homœopathy, das sich u.a. das Ziel gesetzt hatte, unsere alten Arzneien einer erneuten Prüfung zu unterziehen, erfüllte diese Aufgabe im Jahre 1874 für Sepia. Es wurden etwa 25 Prüfungen des Mittels (von der 3. bis zur 200. Potenz) durchgeführt, und 1875 wurde auf der Jahresversammlung des Verbandes darüber berichtet. Sie bezeugen die Tatsache, dass die uns von Hahnemann hinterlassenen Prüfungen nicht wesentlich verbessert werden können.“

Silicea

Weitere Namen: Acidum silicicum; Kieselsäure, Kieselerde
Das typische Silicea-Kind betritt nur widerstrebend und schüchtern Ihre Praxis, oder die Mutter zerrt es an der Hand hinter sich her – und schon können Sie in der Wahl des Arzneimittels kaum mehr fehlgehen.
Ein charakteristischeres Arzneibild als das von Silicea kann man sich kaum vorstellen! Lesen Sie nur einmal das Fettgedruckte in Allens Encyclopedia, und Sie werden feststellen, wie stark die Prüfungssymptome von Silicea an Tuberkulose erinnern, besonders an deren abdominelle Form; wie deutlich sie auf pustulöse Hauterkrankungen, Furunkel und Abszesse hinweisen – auf Beschwerden durch Splitter, Stacheln, Dornen oder Hautabschürfungen – auf Reaktionsmangel bei Verletzungen und Krankheiten.
Silicea, so heißt es, fehlt es an Mut, es hat nicht genug Mumm.12

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„Silica lacks grit – needs sand“; Wortspiel mit der Doppelbedeutung von grit (Kies, Splitt, Streusand – Mut) und sand (Sand – Kieselerde, Kieselsäure), im Deutschen nicht adäquat wiederzugeben.

Einige Dosen des Mittels jedoch ermuntern diese Schwächlinge, die sonst immer die Verlierer sind, ganz gewaltig, und sie fangen an, sich zur Wehr zu setzen, seelisch wie körperlich.
Doch kehren wir zurück in Ihre Praxis … Sie blicken auf und sehen, wie sich das bedauernswerte Geschöpf gerade widerwillig hereinschleppen lässt. Dabei ist es gar nicht einmal besonders ängstlich, sondern eher lustlos und desinteressiert.
Sie sehen ein blasses, kränkliches und leidendes Gesicht, und sogleich erkennen Sie, dass mit dem Kind ernstlich etwas nicht in Ordnung ist; es sind nicht einfach irgendwelche Beschwerden, es handelt sich wirklich um Krankheit.
Hören wir uns einmal an, was die Mutter zu erzählen hat – wie sie die typischen Symptome schildert, die schon Allen hervorgehoben hat:
„Mit dem Jungen geht es einfach nicht voran. Er entwickelt sich nicht richtig. Er lernt nicht, hat aber auch keine Lust zu spielen. Er ist dauernd gereizt und quengelt ständig herum. In der Schule gehört er in allen Fächern zu den Letzten; auch seine Lehrerin wird aus ihm nicht schlau. Hier, sehen Sie, was sie schreibt … ‚Er schreckt vor jeder Anstrengung zurück, scheut die geringste Verantwortung; es fehlt ihm an Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen.‘ – Anscheinend hat er nicht den rechten inneren Antrieb. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, er kann gar nicht richtig denken! Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren, und lesen und schreiben kann er auch noch nicht. Und wenn er dann mal eine Kleinigkeit falsch gemacht hat, nimmt er sich das immer furchtbar zu Herzen. Also, der Junge ist wirklich eigenartig, so ganz anders als die anderen Jungen.“
„Er bekommt schlimme Kopfschmerzanfälle“, erzählt die Mutter weiter, „und klagt dann oft, dass ihm am Hinterkopf ganz kalt ist. Dort sitzt auch der Schmerz, aber meistens breitet er sich von da über den ganzen Kopf aus. Manchmal hat er das Gefühl, dass ihm der Kopf platzt, und dann möchte er den Kopf ganz fest verbunden habe. Und warm möchte er ihn haben – warm und stramm gewickelt, so muss sein Kopf sein, wenn er einen dieser Anfälle kriegt.
Eine komische Sache, die mir auch noch aufgefallen ist: Er ist immer dann krank, wenn wir Neumond haben!
Und einen furchtbaren Husten hat er, der arme Kerl! Schreckliches Zeug spuckt er dabei aus – klumpig und gelb oder grünlich; es sinkt im Wasser sofort nach unten, und riechen tut's entsetzlich. Es ist mehr so wie Eiter.
Irgendwie stimmt überall etwas nicht mit ihm. Hier, sehen Sie sich seine Nägel an, ganz rau und gelb. Und dann hat er oft das Gefühl, als ob er einen Splitter im Finger hätte. Oder er bekommt einen roten, geschwollenen Finger, und es klopft darin, wie bei einem Nagelgeschwür. Oder gucken Sie sich diesen Finger an, wie geschwollen er ist … der Knochen fühlt sich richtig dick an. Nachts wacht er manchmal auch weinend auf und sagt, dass ihm die Hände eingeschlafen sind.
Schlimm ist vor allem, dass seine Haut nie richtig verheilen will. Der Bursche muss sich aber auch ständig irgendwo stoßen, oder er fällt hin und schlägt sich die Knie auf. Der kleinste Kratzer fängt gleich an zu eitern und geschwürig zu werden, und dann heilt das nur ganz schlecht. Und in jeder wunden Stelle sticht oder brennt es. So ein dünnes Kerlchen – und die Haut überall so kaputt … Ach, und Eiterbeulen natürlich! – einen Jungen mit so viel Eiterbeulen haben Sie noch nicht gesehen. Hier am Kinn hat er eine und hinten am Nacken gleich mehrere. Am ganzen Körper können die auftreten, manchmal sind es aber auch nur Eiterstippchen. – Ich glaube ja, das hat auch alles was mit der Pockenimpfung zu tun; jedenfalls ist er danach nie wieder richtig gesund gewesen.
Das Kind friert auch ständig, so richtig warm ist ihm eigentlich nie. Bei jeder Bewegung fröstelt er sofort, ja, und in der warmen Stube, da friert er erst recht! Das ist doch für ein Kind nicht normal! Kalt bis zu den Knien ist er oft, und abends hat er kalte Füße und kann deshalb nicht einschlafen. Und trotz seiner Frösteligkeit schwitzt er fürchterlich! Nachts ist er regelrecht nassgeschwitzt. Appetit hat er auch keinen, und immer ist er müde! – so schwach und müde, dass er am liebsten die ganze Zeit liegen will. Also wenn Sie mich fragen – der Bub hat sowas wie die Schwindsucht, meinen Sie nicht auch?
Selbst nachts ist immer irgendwas los mit ihm. Mal hat er das Gefühl, als wäre er auf der Seite, wo er geschlafen hat, ganz wundgelegen; und wenn er sich dann umdreht, wird’s ihm wieder ganz kalt, von der Bewegung und vom Ziehen an der Bettdecke … Und dann erst seine Träume – wirklich grässlich! Beim Schwitzen ist mir übrigens noch aufgefallen, dass er manchmal nur am Kopf schwitzt, und besonders nachts ist das so, wenn er schläft. Aber das ist noch nicht alles, er hat auch ganz scheußlich riechende Schweißfüße, dass sich einem fast der Magen umdreht! Und wissen Sie, die Füßchen werden ganz wund von dem Schweiß, wund zwischen den Zehen, dass er manchmal kaum noch laufen kann. Und unter den Achseln stinkt der Schweiß oft auch ganz schön.
Da fällt mir ein: Wenn er mal rennt, wird er gleich ganz kreidebleich.
Ach, und das hab' ich noch vergessen: Er scheint an seinem ‚Hinterausgang‘ ständig feucht zu sein, und er muss dort wohl auch eine Menge Schmerzen haben, als ob er den After beim Stuhlgang nicht richtig aufkriegen könnte. Ständig scheint er aufs Töpfchen zu müssen, obwohl meistens nur ein bisschen Schleim rauskommt. Er hat schrecklich stinkende Stühle, und oft sind die auch richtig hart und kommen nur ganz schwer raus; dann muss er sich so anstrengen, dass ihm hinterher der ganze Bauch wehtut. Und manchmal, wenn der Stuhl schon halb draußen ist, schlüpft der doch tatsächlich wieder zurück!“ (Wäre diese Mutter eine amerikanische Ärztin, würde sie das Phänomen wahrscheinlich als ‚bashful stool‘, als ‚schüchternen Stuhl‘ bezeichnen.)
„Ach ja, das hab' ich auch noch vergessen: Sein Bauch ist so hart und dick, ganz aufgebläht. Anscheinend hat er massenhaft Blähungen, und die riechen auch ziemlich übel. Irgendwas ist da doch nicht in Ordnung! Und – eine komische Sache bei einem Jungen! – eine Brustwarze ist anscheinend geschwollen und schmerzhaft, wie wenn sich dort Eiter bilden wollte; und manchmal sagt er, in der anderen Brustwarze würde es stechen. Überhaupt: Immer wenn er Schmerzen hat, sind die stechend – oder als hätte er irgendwo einen Splitter; oder so, als ob da Eiter drunter wäre.“
So weit Allens Hauptsymptome, wie sie eine Mutter schildern könnte. Wie lautet Ihre Diagnose, bevor Sie das Kind auch nur untersucht haben? Ist das nicht alles sehr anschaulich? Man würde ein tuberkulöses Abdomen erwarten – eine Lungen-Tb – Knochen-Tb am Finger – Tb-Vorgeschichte in der Familie; nicht den hochakuten phthisischen Verlaufstyp – der Junge hätte nicht einmal die Kraft zu akuten Krankheitssymptomen! Nein, die Diagnose lautet einfach – Silicea. Und Silicea und tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM BOVINUM könnten aus ihm noch einen kräftigen jungen Mann machen.
Bei solchen Prüfungssymptomen ist es nicht verwunderlich, dass Silicea ein Arzneimittel ist, an das man denken muss bei Abszessen, Panaritien und unheilsamer Haut; bei übelriechendem Fußschweiß; bei Brustabszessen und Brustkrebs; bei nicht abheilenden Wunden; bei Tuberkulose der Haut, der Knochen und des Abdomens. Man beachte aber, was unsere alten Meister sagen: „Bei Lungen-Tb verwende man Silicea nur mit größter Vorsicht!“ Bekanntlich hat es die Eigenschaft, Fremdkörper herauszueitern und Narbengewebe aufzuweichen, und so vermag es eben auch verkapselte Tuberkelbakterien freizusetzen. Daher setze man es bei Tuberkulose nicht in hohen Potenzen ein!
Der bedeutendste Wirkungsbereich von Silicea ist das Bindegewebe. Und seit die alte Schule mit kolloidaler Kieselerde experimentiert, wissen wir nicht nur, dass es – in Potenz – überschießendes Narbengewebe (Keloide) zum Verschwinden bringen kann, sondern auch, dass es – in größeren, schädlichen Mengen – bereits Zirrhosen an Leber, Nieren und anderen Organen hervorgerufen hat.

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Überwiegend handelt es sich um die obenerwähnten fettgedruckten Symptome aus Allens Encyclopedia, in der neben den Symptomen Hahnemanns (Chronische Krankheiten, Band 5), die mit a bezeichnet sind, vor allem auch die umfangreiche Prüfung dokumentiert ist, die 1838 von Ruoff im 8. Band der Hygea veröffentlicht wurde (auf diese weistein b hin). Die Symptome Hartlaubs (bzw. Nennings) aus dessen Reiner Arzneimittellehre sind von Hahnemann nur teilweise bzw. gekürzt wiedergegeben worden, weswegen ich sie hier im Originalwortlaut zitiert habe; sie sind mit c gekennzeichnet und erhalten zusätzlich dort, wo sie bei Hahnemann fehlen, den Index 0. Ähnliches gilt für die Symptome Wahles (mit d markiert), die ursprünglich im 15. Band des Archivs veröffentlicht wurden. (Bei der Übertragung dieser Symptome in die Chronischen Krankheiten haben sich zwei sinnentstellende Fehler eingeschlichen, auf die ich an dieser Stelle hinweisen möchte: Beim Symptom Nr. 1180 muss es statt „Durchfalle“ „Durste“ heißen, beim Symptom Nr. 1181 statt „wie“ „nie“.) Einzelne Symptome stammen von Becker (Hygea, 22, 401, mit e versehen) und Knorre (A.H.Z., 6, 37, mit 6 markiert).

Hauptsymptome13
Geist und GemütGegen Geräusch empfindlich und davon ängstlich.a
Ueber Kleinigkeiten macht er sich oft die stärksten Gewissens-Scrupel, als habe er das grösste Unrecht begangen.a
Schweres Denken.a – Große Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.
KopfKopfschmerz vom Nacken herauf nach dem Scheitel zu …a
Der heftigste Kopfschmerz [bei Unbesinnlichkeit, so dass sie ächzte und laut um Hilfe schrie] …a
Reissen im ganzen Kopfe; dasselbe ging von der Tuberositas occipitalis aus und zog sich dann auf beiden Seiten nach vorn und oben.b
Reissender Schmerz, als wolle der Kopf platzen …; das Festbinden [feste Binden] des Kopfes erleichterte.a
Drückender Schmerz im Hinterhaupte, durch warmes Einhüllen des Kopfes gemindert.a
Drücken im Hinterhaupte, bald drauf Stechen in der Stirn, mit Frösteln im Nacken und Rücken.a
Der Kopf thut äusserlich bei Berührung weh.a
Die jückenden Kopf-Stellen schmerzen nach Kratzen, wie wund.a
AugenGeschwulst in der Gegend der rechten Thränen-Drüse und des Thränen-Sackes.a
OhrenSchmerzhafte Empfindlichkeit des Ohres gegen starken Schall.a
MundDas Zahnfleisch ist schmerzhaft empfindlich, wenn kaltes Wasser in den Mund kommt.a
Empfindung vorn auf der Zunge, als läge ein Haar darauf.a
Entzündung und Eiterung der Speicheldrüsen.
BauchFest, spannend.b
Rektum, StuhlSehr stinkende Winde.a
Feuchten des Afters.a
Die Mastdarm-Aderknoten … sind schmerzhaft empfindlich.a
Der Stuhl bleibt lange im Mastdarme stehen …a
Schneiden im Mastdarme.a
Stechen im Mastdarme.a
Spannen im After.a
Schmerz im After, als wäre er zugeschnürt, beim Stuhl-Abgange.a
Oefterer Drang zu Stuhl, es ging aber bloss Schleim ab, unter Frostigkeit des Körpers …a
Beständiger, aber vergeblicher Drang zu Stuhle …c
Aashaft riechende Stühle.d,0
Aus harten Knoten zusammengesetzter Stuhl, der nur mit grosser Anstrengung erfolgte …c
Schwieriger, sparsamer Stuhl.a
Nach langem Noththun und Drängen zum Stuhle bis zum Wehthun der Bauchmuskeln schnappt der schon vorgetriebene Koth stets wieder zurück.a
Nach trockenem, hartem Stuhlgange, Brennen im After.c
Täglich, sehr fester Stuhl mit Brennen im After …c,0
Sehr fester, knotiger Stuhl, wie Kieselsteine, der nur durch grosse Anstrengung abgeht.c,0
Ungenüglicher, sehr harter Stuhl mit Anstrengung.a
Analfissur und Analfistel.
HustenMit eitrigem Auswurfe.d
Auswurf … dick, gelb, klumpig.b
MammaeStechende und brennende Schmerzen in der linken Brustwarze.
Die rechte Mamma ist hart, schmerzhaft und an der Brustwarze geschwollen – sie fühlt sich an, als sammelte sich Eiter darin.
Abneigung gegen Muttermilch; das Kind weigert sich zu trinken, oder es erbricht die Milch, nachdem es gestillt worden ist.
Äußerer HalsSteifheit im Genicke, wobei der Kopf weh thut.a
RückenDas Steissbein schmerzt, wie nach langem Fahren im Wagen.a
Stechen im os coccygeum, dasselbe ist auf Druck schmerzhaft.b
ExtremitätenMattigkeit in den Gliedern.b
Eingeschlafenheit der Hände, Nachts.a
Rauhe und gelbe Fingernägel.d
Gefühl, als wären die Fingerspitzen unterschworen.a
Schmerz im linken Zeigefinger, als wolle ein Nagel-Geschwür entstehen.a
Panaritium; Entzündung geht sehr tief, bis zu den Sehnen und Knochen.
Schmerzen in der Hüfte.b
Schwäche in den Beinen.a
Das Knie schmerzt, wie zu fest gebunden.a
Unerträglich fauler, aashafter Fuss-Gestank, ohne Schweiss, alle Abende.a
Stinkend schweissige Füsse.a
Arger Schweiss an den Sohlen und zwischen den Zehen; er ward ganz wund beim Gehen.a
NervenGroße Müdigkeit.b
Grosse Ermattung.a
Gefühl großer Abgespanntheit; sie möchte immer liegen.
Innere Unruhe und Aufregung.b
Krämpfe im Gefolge von Impfungen.
Empfindlichkeit gegen die Luft.e
AllgemeinesEr erkältet sich sehr leicht.c
Verkältlichkeit, und davon Husten.a
Der ganze Körper ist auf der Seite, worauf er liegt, geschwürig schmerzhaft, unter beständigem Frösteln bei der geringsten Entblössung, mit unleidlichem Durste und öfterem Hitzeüberlaufen im Kopfe.c
Der ganze Körper schmerzt, wie zerprügelt.a
Nach dem Beischlafe, Zerschlagenheit des ganzen Körpers.a
Die meisten Symptome scheint die Kiesel-Erde zur Zeit des Neumondes hervorzubringen.a
Die Schmerzen werden durch Bewegung vermehrt.a
HautKleine Hautverletzungen heilen schwer und eitern leicht.c
Es bilden sich an der Stirn, am Hinterkopfe und dem Brustknochen, an der Wirbelsäule herunter und am linken Nasenflügel Pocken ähnliche Pusteln, welche die fürchterlichsten Schmerzen verursachen und dann große Geschwüre bilden, worauf ungefähr einige Eßlöffel gutartiger Eiter fließt, was etwa 8 Tage fortwährt.d
Mehrere Furunkel bilden sich an verschiedenen Stellen des Körpers.
Ein Blutschwär [Furunkel] im Nacken.a
Ein Blutschwär am Kinne, stechenden Schmerzes bei Berührung.a
Einige Blutschwäre hinten an den Oberschenkeln.a
Oeftere Nagel-Geschwüre.a
Grosse Fress-Blase an der Ferse, mit argem Jücken.a
Eine wundschmerzende Stelle unten an der Nasen-Scheidewand, die beim Befühlen stichlicht wehthut.a
Ein jückender, eiternder Schorf auf den erfrornen Zehen.a
Drückend stechender Schmerz in der Geschwür-Stelle am Unterschenkel.a
Stechen im Schenkel-Geschwüre.a
SchlafUnruhig.b
Schreckhafte Träume.b
Jugendliche Traumbilder wecken ihn aus dem Schlafe …a
FieberMit arger Hitze am Kopfe …a
Hitze im Kopfe.a
Die ganze Nacht hindurch bis gegen Morgen Fieberhitze, mit unsäglichem Durste und krächzendem Athem.d
FrostBei jeder Bewegung …a
Er ist sehr frostig, den ganzen Tag.a
Abends etwas frostig.d
Widerliches Gefühl von Frösteln, Nachmittags, … im warmen Zimmer.a
Sehr frostig, selbst im warmen Zimmer.a
Krampfartiger Frost, Abends im Bette, dass es ihn schüttelte.a
Eiskalter Schauder überläuft öfters den ganzen Körper.a
Kälte der Unterschenkel, bis an die Knie, im warmen Zimmer.a
Kälte der Füsse, Abends im Bette, die am Einschlafen hindert.a
Eiskalte Füsse, Abends, selbst noch im Bette.a
Bei der Regel, eiskalte Füsse.a
SchweißAlle Morgen Schweiss, der bisweilen sehr stark ist …c,0
Alle Nächte starker Schweiss gegen Morgen.a
Nachts … allgemeiner Schweiss.d
Allgemeines Duften [Ausdünstung], Nachts, im Bette.a
Alle Nächte starker Schweiss, bei Appetitlosigkeit und Hinfälligkeit, als sollte er in Auszehrung verfallen.a
Schweiss von starkem Geruche.a
Schweiss am Kopf.b
Er schwitzt blos am Kopfe; der wäßrige Schweiß läuft ihm immer am Gesichte herunter.d
Stinkend schweissige Füsse.a
Lassen Sie uns hören, was Nash zu Silicea zu sagen hat:
„Schwächliche, kümmerliche Kinder, nicht aufgrund mangelnder Nahrungsaufnahme, sondern durch ungenügende Assimilation. … ‚Schweißköpfige‘ Kinder (calcarea carbonicaCALCAREA, saniculaSANICULA), … überempfindlich, unzureichend ernährt. (Letzteres gilt bei Silicea generell, anders als bei CALCAREA, wo einzelne Körperregionen unter-, andere überversorgt sind.) Aus dem Rahmen der normalen Größenverhältnisse fällt nur die ‚Dickbäuchigkeit‘, die auf eine krankhafte Veränderung des Mesenteriums zurückzuführen ist. Die Gliedmaßen des Silicea-Kindes sind abgemagert, die Augen eingefallen, das Gesicht spitz und von greisenhaftem Aussehen. Das Kind nimmt nicht an Kraft und Größe zu und lernt erst spät laufen; kurz, … alles, was mit Wachstum und Entwicklung zu tun hat, scheint zum Stillstand gekommen zu sein. … Beim Stuhlgang drückt und presst das kleine Kerlchen, aber der Stuhl kommt nur teilweise heraus und schlüpft immer wieder zurück (saniculaSANICULA, thujaTHUJA). … Es kann aber auch hartnäckiger Durchfall auftreten, besonders während der Zahnung oder der Sommerhitze. … Trotz reichlicher Ernährung, gleich ob das Essen erbrochen wird oder im Magen bleibt, nimmt das Kind stetig ab und wird immer schwächer, bis es schließlich an hungerbedingter Entkräftung zugrunde geht – wenn nicht Silicea dem Prozess Einhalt gebietet. Viele solcher Kinder habe ich mit Hilfe dieser Arznei vor dem Tod bewahrt und zu vollkommener Gesundheit verholfen. Ich habe stets die 30. und höhere Potenzen gebraucht.“
„Entzündungen, die dazu neigen, in Eiterung überzugehen oder nicht heilen zu wollen; sie werden chronisch.
Kälte und Frost; Mangel an Lebenswärme, selbst bei körperlicher Betätigung; muss sich warm einhüllen, besonders am Kopf, was bessert.
Profuse und übelriechende Schweiße, besonders an den Füßen; leicht zu unterdrücken, besonders durch Kaltwerden der Füße.
Nervenschwach, aufgeregt, sehr reizbar; verzagt und kleinmütig, mit Neigung, schnell nachzugeben oder aufzugeben; ‚kein Rückgrat‘.
Modalitäten: < durch Kälte, Zugluft, Bewegung, im Freien, zur Zeit des Neumondes; > im warmen Zimmer, durch warmes Einhüllen des Kopfes, durch Anwendung von Magnetismus [= Mesmerismus; entspricht heute Massagen, Handauflegen u.ä.] und Elektrizität.
Krankheiten: infolge von unterdrücktem Fußschweiß; durch Zugluft am Kopf oder Rükken; im Anschluss an Impfungen (thujaTHUJA); Brustbeschwerden von Steinmetzen, mit völliger Kraftlosigkeit.
Unheilsame Haut; kleine Hautverletzungen heilen schwer und eitern leicht.
Silicea befördert das Ausstoßen von Fremdkörpern aus Geweben, z.B. von Fischgräten, Nadeln, Knochensplittern etc.“
Ein seltsames Symptom möchte ich hier noch ergänzen:
‚Gefühl von Kälte in Geschwüren‘ (mercurius (solubilis)MERCURIUS: ‚Schaudern in Abszessen‘).
Und schlagen wir in Nashs Kapitel über BARYTA CARBONICA nach, so finden wir dort folgenden Hinweis:
„Beim Marasmus von Kindern werden wir wahrscheinlich zwischen Mitteln wie Silicea, BARYTA CARBONICA, abrotanumABROTANUM, natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM, sulfurSULFUR, calcarea carbonicaCALCAREA und jodumJODUM zu wählen haben. Bei all diesen Mitteln finden wir Abmagerung des Körpers mit Ausnahme des Abdomens, welches stark vergrößert ist. Auch kann bei jedem von ihnen das Kind regelrechten Heißhunger haben und genügend essen, aber trotzdem immer weiter abnehmen. Es besteht eine unzureichende Assimilation.
In folgenden Punkten hat baryta carbonicaBARYTA CARBONICA außerdem große Ähnlichkeit mit Silicea: Stinkender Fußschweiß. – Der Kopf ist im Vergleich zum übrigen Körper unverhältnismäßig groß. – Beide leiden unter Wechsel zu feuchtem Wetter, und beide sind empfindlich gegen Kälte am Kopf. Aber Silicea zeigt einen wichtigen diagnostischen Unterschied: starkes Schwitzen am Kopf (vergleichbar dem von calcarea carbonicaCALCAREA), was bei baryta carbonicaBARYTA CARBONICA fehlt. Silicea wiederum hat nicht die geistige oder psychische Schwäche, die für BARYTA CARBONICA so charakteristisch ist; vielmehr ist das Silicea-Kind eigensinnig und widerborstig.“
Guernsey schreibt:
„Die Füße schwitzen sehr viel und haben einen äußerst üblen Geruch; zwischen den Zehen werden die Füße leicht wund, es entstehen dort Blasen. Abends beim Einschlafen schwitzt auch der Kopf sehr stark. Dies ähnelt calcarea carbonicaCALCAREA, doch Silicea schwitzt auch noch weiter unten am Nacken, und der Schweiß neigt eher zu unangenehmem Geruch. …
Schlimmer: durch Naßwerden der Füße; … wenn einzelne Körperteile kalt werden; … durch Entblößen des Kopfes.“
Hughes sagt von Silicea im Zusammenhang mit Rachitis:
„Ich habe mir angewöhnt, das Mittel bei den ersten Anzeichen dieser Diathese zu verschreiben, welche im Allgemeinen sind: krankhaft veränderte Stühle, Kopfschweiße und Empfindlichkeit der Haut; die Ergebnisse sind ausgezeichnet.“
Er nennt die klassischen Anwendungsbereiche von Silicea: Eiterungsprozesse, ob kurz oder lang bestehend; äußere oder innere Geschwürbildung; Affektionen von Gehirn und Rückenmark, wo es wahrscheinlich die Ernährung der Nervenzentren beeinflusst; Kinder, die weder stehen noch laufen können; Tränenfisteln; Knieschleimbeutelentzündungen; unterdrückte Fußschweiße und die daraus resultierenden Beschwerden; Linderung von Schmerzen bei Krebserkrankungen, et cetera.
Bezüglich des Wesens oder des Charakters des Silicea-Patienten zitiert Hughes C. Dunham: „Silicea hat oft das Gefühl, dass er dies oder jenes unmöglich schaffen könne; aber wenn er sich dann doch dazu drängen lässt, die Sache ‚anzupacken‘, muss er es gleich maßlos übertreiben.“
Clarke berichtet:
„Ein sonderbares und zugleich sehr wertvolles Symptom ist das folgende: ‚Fixe Ideen: der Patient denkt ständig an Nadeln; er fürchtet sich davor [z.B. sie zu verschlucken], sucht überall danach und zählt sie sorgfältig ab.‘ Dieses Symptom verhalf mir zur raschen Heilung einer postgrippalen psychischen Störung bei einem Mann, in dessen Familienanamnese bereits diverse Vorbelastungen bestanden: Eine seiner Schwestern war wahnsinnig geworden und hatte sich ertränkt, eine andere litt an Lupus. Eines Morgens erzählte mir die Frau des Patienten, dass er die ganze Wohnung nach Nadeln abgesucht habe. Silicea C 30 setzte der Sucherei schnell ein Ende und stellte seine geistige Gesundheit wieder her.
Eine weitere Verbindung zu Geistesstörungen zeigt Silicea in seiner Verschlimmerung während bestimmter Mondphasen: Epilepsie und Schlafwandeln treten verstärkt bei Neu- und bei Vollmond auf.“
Silicea gehört zu den wichtigsten Arzneien, an die man bei Epilepsie und bei Petit mal denken muss; freilich müssen wir es dann insgesamt mit einem Silicea-Patienten zu tun haben. Erst kürzlich erfuhr ich wieder Neuigkeiten über ein Mädchen, das uns früher regelmäßig im Krankenhaus aufgesucht hatte. Ursprünglich eine blasse und schwächliche Epileptikerin, war unter Silicea eine erhebliche Besserung eingetreten, und leider erfahre ich erst jetzt, dass sie seitdem „nie wieder einen Anfall gehabt“ hat … Es sind die schlechten Verschreibungen, die wie Flüche auf ihren Urheber zurückfallen; von seinen schönsten Erfolgen hört man dagegen oft nur rein zufällig, manchmal erst nach Jahren – oder auch nie.
Hier einige ergänzende Informationen aus Kents Vorlesung …
„Die Wirkung von Silicea ist langsam. Bei den Prüfungen dauerte es stets längere Zeit, bis sich Symptome entwickelt hatten. Das Mittel eignet sich daher besonders für Beschwerden, die erst allmählich entstanden sind. … Diese tief und lange wirkenden Arzneien sind in der Lage, so radikal in die Lebensordnung einzugreifen, dass selbst anlagebedingte Störungen an der Wurzel gepackt und beseitigt werden können. …
Die Psyche des Silicea-Patienten zeigt einige charakteristische Besonderheiten. So mangelt es ihm vor allem an Durchsetzungsvermögen. Wie die Kieselsäure für das Stützskelett des Getreidehalms unentbehrlich ist, so ist sie es im übertragenen Sinn auch für die menschlichen Psyche. … Dem Geistes- und Gemütszustand von Silicea, der gekennzeichnet ist durch Schwäche, Befangenheit, Furchtsamkeit und Nachgiebigkeit, fehlt dieser stützende Halt. Ein Mensch, der es gewohnt ist, öffentlich aufzutreten …, etwa ein bekannter Geistlicher oder Anwalt, wird Ihnen erzählen, dass er sich jetzt auf einmal vor solchen öffentlichen Auftritten fürchte. Er sei sich dann seiner eigenen Person zu sehr bewusst, sodass er sich nicht mehr auf seinen Vortrag konzentrieren könne; davor graue es ihm. Er habe große Furcht, dass er in solchen Situationen versagen und sein Verstand aussetzen könnte. … Doch er wird Ihnen auch berichten, dass er, wenn er sich einmal aufgerafft und an die Kandare genommen habe, in der Regel ohne Probleme fortfahren könne. Seine gewohnte Selbstkontrolle kehre dann zurück, und er bewältige die Aufgabe rasch, vollständig und korrekt. Diese Furcht vor dem Versagen ist typisch für den Silicea-Zustand. …
Silicea ist aufgrund der großen Ähnlichkeit das natürliche chronische Mittel zu pulsatillaPULSATILLA; es ergänzt dessen Wirkung in vieler Hinsicht und reicht häufig bis auf den Grund der Pathologie. …
Ein Rechtsanwalt berichtet: ‚Seit diesem John-Doe-Fall bin ich nie mehr ganz der alte gewesen.‘ Er hatte für diesen Klienten eine langwierige Kraftanstrengung auf sich genommen und mit schlaflosen Nächten dafür bezahlt. Silicea ist das Mittel, das ihm seine geistige Spannkraft wiedergeben kann.
Silicea ruft eine Entzündung um jeden bindegewebigen Herd hervor und lässt diesen herauseitern. Es regt die träge Konstitution an, die fibrösen Strukturen um alte, eingekapselte Geschosse (Gewehrkugeln, Granatsplitter etc.) zu entzünden. … Kleine Abszesse in alten Narben werden nach draußen befördert und dort entleert.“ 14

14

In der Cyclopædia of Drug Pathogenesy ist unter den Wiederholungsprüfungen von Silicea zu lesen [Ruoff, in Hygea, 8, 198; teilweise nach dem Original zitiert]: „17 Jahre altes Mädchen; im zwölften Jahre von Scropheln befallen. Mehrere (5) Drüsen sind noch geschwollen (am Halse).“ Eine Stunde nach Einnahme der zweiten Dosis der 21. Dilution bemerkte sie, „dass aus einer angeschwollenen Unterkieferdrüse, die vor etlichen Jahren schon einmal Eiter absonderte, seitdem noch nicht vernarbt und mit einer Kruste bedeckt ist, wieder ein Ausfluss von gelblicher Materie stattfinde“. Dies trat während des Versuchs auch bei weiteren Verdünnungen (der 12., 4. und 1.) immer wieder auf. Nach der Einnahme der 4. und 1. Potenz bekam sie zusätzlich jeweils Husten mit Kratzen im Hals und Schleimauswurf. Der Husten dauerte ca. 14 Tage, die Absonderungen aus der Drüse insgesamt über einen Monat.

(Kent warnt daher vor dem Gebrauch von Silicea, wenn die ganze Lunge von Tuberkeln oder tuberkulösen Verkalkungen durchsetzt ist, da das Mittel auch an diesen – als lediglich andersartigen Fremdkörpern – Entzündungen verursache und Tuberkelbakterien freisetze; solche Fälle könnten dann zu einer eitrigen Pneumonie oder einer akuten Miliartuberkulose führen.)
„Beschwerden infolge von unterdrückten Absonderungen, namentlich von unterdrückten Schweißen bzw. Fußschweißen. … Silicea heilt, bei Übereinstimmung der Symptome, chronischen Fußschweiß oder auch Leiden, die seit der Unterdrückung eines solchen Fußschweißes bestehen. …
Es gibt keine tieferwirkende Arznei zur Beseitigung der tuberkulösen Veranlagung als Silicea – sofern die Symptome passen. Die meisten Tuberkulosefälle werden (wie Silicea) durch nasskaltes Wetter verschlimmert und durch kaltes, trockenes Wetter gebessert. …
Silicea hat Verschlimmerung durch Milch. Der Silicea-Säuling verträgt oft keinerlei Milch, sodass der Arzt nicht umhinkommt, die ganze Palette an Kindernahrung zu verschreiben, die auf dem Markt ist, weil er nicht das heilende Mittel kennt. Silicea ist natrium carbonicumwie NATRIUM CARBONICUM von Nutzen, wenn die Muttermilch Erbrechen und Durchfall verursacht. Wer routinemäßig vorgeht, ist hier schnell mit Arzneien wie aethusa cynapiumAETHUSA bei der Hand und vergisst dabei, dass auch Silicea das passende Mittel sein kann. Silicea hat, ebenso wie natrium carbonicumNATRIUM CARBONICUM, saures Erbrechen und sauer riechende, überwiegend aus geronnener Milch bestehende Stühle. ‚Das Kind verschmäht die Mutter-Brust und erbricht sich auf’s Saugen.‘ ‚Durchfall nach Milchgenuss.‘“
Bezüglich Hauterkrankungen sagt Kent: „Silicea hat die Neigung, weiche Gewebe zu verhärten und harte Gewebe noch härter zu machen. Indurationen; Risse und Fissuren; Schorfe.“
Abszesse – Fisteln … Ein Kollege, mit dem ich einmal zusammenarbeitete, kam eines Tages herein und sagte: „Am liebsten würde ich Ihnen jetzt einen Orden verleihen!“15

15

Engl.: „If you wore a cap, I'd put a feather in it.“

Was er damit meinte: Er hatte seit Monaten vergeblich versucht, eine Analfistel mit Silicea in niedriger Potenz zu heilen, und dann auf meinen Rat eine CM verabreicht – mit dem Ergebnis, dass der Prozess rasch ausheilte.
Natürlich ist Silicea aber auch eines unserer Polychreste. Es wirkt insbesondere auf die Schleimhäute, die Haut einschließlich der Nägel, das Bindegewebe sowie auf die lymphatischen Gewebe – bei Silicea-Patienten, sprich: frostigen, leicht schwitzenden Patienten mit Mangel an Selbstvertrauen und fehlendem Mut. Es wird schwächlichen und nachgiebigen Menschen Rückgrat verleihen und selbiges – im wörtlichen wie übertragenen Sinn – kräftigen und stärken.
Übrigens gehört auch Silicea zu den Mitteln mit Neigung zu Erwartungsspannung. Sie sind in Kents Repertorium nicht alle in einer einzigen Rubrik versammelt, daher seien sie hier einmal, soweit ich sie entdecken konnte, zusammengetragen; es mag mehr von ihnen geben.16

16

Im Synthetischen Repertorium werden in der Rubrik „Ailments from anticipation“ allein 14 Mittel dreiwertig aufgeführt. Es sind dies: Arg-n., Ars., Calc., Carc., Gels., Graph., Ign., Lyc., Med., Phos., Plb., Psor., Puls. und Sil. Zweiwertig erscheinen von den Mitteln, die Tyler aufzählt, Carb-v. und Ph-ac., einwertig Thuj.

Es sind: argentum nitricumArg-n., arsenicumArs., carbo vegetabilisCarb-v., gelsemiumGels., lycopodiumLyc., medorrhinumMed., plumbumPlb., phosphoricum acidumacidum phosphoricumPh-ac., Sil., (thujaThuj.?); gehen wir die Rubriken im Repertorium im Einzelnen durch:
Angst, Verabredung, vor einerargentum nitricumArg-n., gelsemiumGels., medorrhinumMed.
Angst, verlangt [besser: erwartet] wird, wenn etwas von ihm – arsenicumArs.
Erwartung, Beschwerden durchargentum nitricumArg-n., arsenicumArs., gelsemiumGels., lycopodiumLyc., medorrhinumMed., phosphoricum acidumacidum phosphoricumPh-ac.
Zaghaftigkeit [besser: Furchtsamkeit, Scheu], Öffentlichkeit, [beim Auftreten] in dercarbo vegetabilisCarb-v., gelsemiumGels., plumbumPlb., Sil.
Diarrhö, Erregung, durchargentum nitricumArg-n., cinaCina, gelsemiumGels., hyoscyamusHyos., Kali-kalium phosphoricump., lycopodiumLyc., petroleumPetr., phosphoricum acidumacidum phosphoricumPh-ac., thujaThuj.
Diarrhö, Erregung, durch, Theaterbesuch, z.B. vor einemargentum nitricumArg-n.
Diarrhö, Vorfreude, nach [richtig: Erwartungsspannung, infolge]argentum nitricumArg-n., gelsemiumGels., phosphoricum acidumacidum phosphoricumPh-ac.

Staphisagria

Weitere Namen: Stephanskörner, Samen von Delphinium staphisagria
Hahnemann schreibt in seiner Einführung zu den Prüfungen von Staphisagria in der Reinen Arzneimittellehre:
„Gerade von einer an sich heftigsten Arznei [haben wir] in den kleinsten Gaben die gröste Hülfe in den schwierigsten Uebeln eigner Art, denen nur sie, und keine andre, angemessen ist, zu erwarten.
Aus diesen unverwerflichen Gründen erwartete ich einen großen Schatz von Hülfswirkung in den besondersten Krankheiten auch in den Stephanskörnern, und diese Gründe bewogen mich, behutsam meine Versuche mit ihnen an gesunden Körpern anzustellen … So sind von dieser Arzneisubstanz Hülfskräfte zu Tage gefördert worden, welche unendlich schätzbarer sind, als ihre Kraft, Läuse zu tödten (das einzige, was die bisherige medicinische Quacksalberkunst von ihnen wußte) – Hülfskräfte, welche der homöopathische Arzt in seltnen Krankheitszuständen, wozu es kein andres Heilmittel als dieses giebt, mit bewundernswürdigem Erfolge anwenden kann.“
Er sagt, dieser Samen sei von den Griechen Phtheirokokkon [Läusekörner] genannt worden, weil er Kopf-Ungeziefer vertilge. Und er zitiert einen Arzt, der etwas davon in den Mund nahm, weil er an Zahnschmerzen litt, und daraufhin eine so heftige Verschlimmerung erfuhr, dass er glaubte, „unsinnig“ zu werden. „Welche ungeheure Kraft muß nicht in dieser Substanz liegen!“
Daran knüpft Hahnemann folgende allgemeine Überlegung [die ihn schließlich zu der eingangs zitierten Erwartung führt]: „Da nun, wie unsre neue, einzig wahre Heilkunst in der Erfahrung nachweist, jede Drogue um desto arzneilicher ist, je heftigere Wirkung sie auf das Befinden äußert, und sie nur vermöge ihrer krankmachenden Kraft die natürliche Krankheit besiegt, im Falle diese jener analog ist; so folgt, daß eine Arznei desto schwierigere Krankheiten überwältigen kann, je schädlicher sie für sich auf den gesunden Menschen einwirkt, und daß man bloß ihre eigenthümliche Schädlichkeit genau zu erforschen hat, um belehrt zu werden, zu welchen heilsamen Zwecken sie in der Kunst, die menschliche Gesundheit wieder herzustellen, anzuwenden sei. Ihre, auch noch so heftige Kraft macht sie nicht etwa verwerflich; nein! um desto schätzbarer, da auf der einen Seite ihre Macht, Menschenbefinden zu ändern, an gesunden Menschen die besondern, krankhaften Zustände, welche sie erregen kann, nur desto deutlicher und offenbarer an den Tag legt, damit wir desto sichrer und unzweifelhafter die Krankheitsfälle finden können, in denen sie in Aehnlichkeit (homöopathisch) und deßhalb hülfreich anzuwenden ist, während ihre Heftigkeit auf der andern Seite, sie sei auch noch so groß, doch gar leicht durch gehörige Verdünnung und kleinste Gabe sich so mäßigen läßt, daß sie bloß hülfreich und nicht schädlich werden kann, wenn sie nur auf den zu besiegenden Krankheitsfall in möglichster Aehnlichkeit passend in ihren Symptomen befunden ward …“
Der Schlüssel zu Staphisagria liegt in der ihm eigentümlichen Gemütsverfassung. „Beschwerden infolge von aufgestauter Wut, zurückgehaltenem Zorn, unterdrückten Gefühlen. Dem Staphisagria-Patienten verschlägt es die Sprache, wenn er einem Gefühl der Entrüstung nicht Ausdruck verleihen kann. … Er schluckt seinen Ärger herunter und bekommt dann Beschwerden davon. … Der Staphisagria-Patient gerät, wenn er sich beherrschen muss, ganz ‚aus den Fugen‘; er zittert am ganzen Körper, verliert seine Stimme, kann nicht mehr arbeiten, durchlebt schlaflose Nächte und bekommt am Ende Kopfschmerzen …“ So beschreibt es Kent in seiner bildhaften Art.
Etwas Ähnliches habe ich selbst erlebt: Ein Offizier, der im Weltkrieg große Mühen und Anstrengungen hatte auf sich nehmen müssen, kam mit dem Gefühl nach England zurück, dass man ihn nicht fair behandelt hatte, dass ihm nicht die gebührende Anerkennung zuteil geworden war. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends; Monat um Monat verging, aber er kam nicht darüber hinweg. Daraufhin erhielt er eine Gabe Staphisagria, und unter der verborgenen, wundersamen Wirkung dieser Arznei ging es ihm gesundheitlich bald besser – zu seinem großen Erstaunen. Er war sehr neugierig zu erfahren, welche Wundermedizin er da bekommen hatte.
Staphisagria hat auch einen starken Einfluss auf die Augen, vor allem auf die Augenlider. Es hat einen großen Ruf bei rezidivierenden Gerstenkörnern, besonders solchen, die kleine verhärtete Stellen hinterlassen; bei krustigen Lidrändern; bei Augenverletzungen. Ferner ist es oft bei glatten Schnittwunden, wie z.B. nach Operationen, angezeigt. Eine weitere wichtige Indikation stellen überdehnte Sphinktermuskeln dar, mit den nachfolgenden quälenden Schmerzen. Ein Beispiel für Letzteres: Ein Krankenhauspatient litt nach einer Operation am Anus solche Schmerzen und Qualen, dass für ihn extra ein Pfleger abgestellt werden musste, der ihn daran hindern sollte, das Bett zu verlassen. Glücklicherweise verstand der Sanitätsoffizier sein Handwerk und gab ihm ein paar Kügelchen Staphisagria; als er nach einer Stunde wiederkam, traf er Patienten wie ‚Aufpasser‘ schlafend an. Solche Dinge vergisst man nie wieder, wenn man sie einmal miterlebt hat! Staphisagria wirkte hier nicht nur rascher, sondern auch befriedigender als Morphin, weil es zur Heilung führte – und nicht einfach zu bloßer Betäubung, bis der Patient, wie man hofft, über das Schlimmste hinweg ist.
Staphisagria gehört zu den Mitteln mit dem größten Einfluss auf die Zähne. So ist es u.a. von Nutzen, wenn die Zähne gleich nach dem Durchbruch schwarz werden oder wenn die ersten Zähne schnell verfaulen (vgl. kreosotumKREOSOTUM); oder auch bei Zahnschmerzen mit so großer Empfindlichkeit, dass noch nicht einmal Flüssigkeit, geschweige denn die Zunge an die Zähne kommen darf.
Es ist außerdem ein wichtiges Mittel bei Hauterkrankungen:
„Flechte… Der größeste Theil der oberen Fläche des linken Oberschenkels ist mit einer schuppenartigen Rinde bedeckt, aus deren Zwischenräumen eine gelbliche, fressende Jauche heraussiepert. – Von Zeit zu Zeit sondern sich die Schuppen ab und es stellt sich dann eine rohe, nässende Fläche dar, mit vielen kleinen Bläschen bedeckt, welche platzen und eine corrodirende gelbliche Flüssigkeit von sich geben. Auf allen gesunden Hautstellen, welche die aussiepernde Flüssigkeit berührt, entstehen neue Bläschen, welche das Exanthem weiter verbreiten.“17

17

Aus einem Fall von Groß, in Stapfs Archiv 1, 3, S. 170.

„Feuchter, brennend juckender, übelriechender Ausschlag am Hinterkopf, an den Kopfseiten und hinter den Ohren; wenn man kratzt, wechselt der Juckreiz an eine andere Stelle, aber das Nässen wird verstärkt.“ [Lippe, Textbook of Materia Medica.]

18

Die mit a bezeichneten Symptome stammen aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre. Ein b kennzeichnet eine klinische Angabe Jahrs aus dessen Symptomencodex, mit c ist eine wichtige Mitteilung aus Bönninghausens Uebersicht der Eigenthümlichkeiten und Hauptwirkungen der homöopathischen Arzneien versehen (vom Übersetzer ergänzt).

Hauptsymptome18
Geist und GemütGedächtniß-Schwäche: wenn er etwas gelesen hat, so erinnert er sich desselben nach einigen Minuten nur noch dunkel, und wenn er selbst an Etwas dachte, so entfiel es ihm bald nachher, und kaum nach langem Besinnen erinnert er sich desselben wieder.a
Phlegmatisch, abgespannten Geistes und traurigen Gemüths, untheilnehmend, gleichgültig gegen alles Aeußere, ohne ärgerlich oder matt zu sein.a
Unaufgelegt zu ernster Arbeit.a
Kinder sind quengelig und wollen bestimmte Sachen haben; gibt man sie ihnen aber, so stoßen sie sie bockig wieder von sich oder werfen sie weg (vgl. chamomillaCHAMOMILLA); besonders am frühen Morgen.
Große Entrüstung über Dinge, die andere oder er selbst getan haben; grämt sich wegen der Folgen.
Beschwerden infolge von Entrüstung; von Ärger; von Ärger mit Entrüstung oder zurückgehaltenem Unwillen; danach Schlaflosigkeit.
Nachtheile von Aerger mit Kummer oder mit Indignation (wobei man fortwirft, was man eben in der Hand hat).c
KopfDrückend betäubendes Kopfweh, besonders in der Stirne …a
Kopfschmerz, als würde das Gehirn zusammengedrückt (am meisten in der Stirne), mit ruckweisem Ohrbrausen, welches weit eher endigt als der Kopfschmerz.a
Es ist, als würde das Hinterhaupt zusammengedrückt, innen und außen.a
Schwere des Kopfs …a
Harter Druck im Kopfe in der Gegend des rechten Schläfebeins und des Scheitels.a
Drückender Schmerz in der linken Schläfe, außen und innen, als ob man mit dem Finger stark drauf drückte.a
Drückend bohrender Stich … in der ganzen linken Stirnhälfte, von innen heraus, welcher früh mit Heftigkeit … aus dem Schlafe weckt.a
Scharfe brennende Nadelstiche in der linken Schläfe.a
Stumpfes Stechen in der rechten Schläfe, außen und innen, als wollte es den Knochen herauspressen, bei Berührung heftiger.a
Schmerzhaftes Ziehen äußerlich an mehren Stellen des Kopfs, bei Berührung heftiger.a
AugenSehr erweiterte Pupillen, viele Stunden lang.a
Blepharitis, Lidränder trocken, mit verhärteten Gerstenkörnern oder tarsalen Tumoren.
Hordeola, Chalazia und sonstige Knötchenbildungen an den Augenlidern, eines nach dem anderen, manchmal auch ulzerierend.
Drücken am obern Augenlide …a
Ein beißend schründender Schmerz in den innern Augenwinkeln.a
Entzündung des Weißen im Auge, mit Schmerzen.a
Aeußerst tiefliegende Augen, mit blauen, erhabnen Rändern, wie einer, der sehr ausgeschweift hat.a
OhrenEin spannender Stich im linken Ohre.a
NaseOefteres Nießen, ohne Schnupfen.a
Nießen, mit Schnupfen.a
Schnupfen: Anfangs schnaubt er nur dicken Schleim aus, nachgehends dünn flüssigen.a
GesichtBrennendes Scharfstechen in der linken Backe, welches zum Kratzen reizt.a
Es reißt und zerrt vom Kopfe herab durch die Backen bis in die Zähne.a
ZähneDie Zähne werden schwarz oder zeigen schwarze Streifen; das Zahnfleisch schmerzt.
Das Zahnfleisch blutet beim Draufdrücken und Putzen der Zähne.a
Beim Essen, Reißen in dem Zahnfleische und den Wurzeln der untern Backzähne.a
Viel Zahnschmerzen: in hohlen Zähnen; in ganzen Zahnreihen; während der Regel; mit Stechen bis ins Ohr; < durch kalte Getränke und Berührung (nicht vom Aufeinanderbeißen der Zähne); durch Einziehen kalter Luft; nach dem Essen.
Zahnschmerz beim Essen; die Zähne stehen nicht fest, sondern wackeln beim Befühlen hin und her; er kann die Speisen nicht gehörig zermalmen; beim Kauen ist's, als würden die Zähne tiefer in das Zahnfleisch eingedrückt, und eben so ist's, wenn sich beide Zahnreihen nur berühren; dabei ist das Zahnfleisch weiß.a19

19

Hering berichtet von einem geheilten Fall: „Prosopalgie bei einer alten Dame, welche ihr das Leben unerträglich machte; beim Berühren der Lippen mit einem Löffel oder einer Gabel unbeschreibliche Schmerzen, die von den Lippen über das ganze Gesicht schossen; sie musste flüssige Speisen mit den Fingern (sic) zu sich nehmen; feste Speisen konnte sie nicht essen, weil Kauen unmöglich war.“

Kitzelndes Stechen in den Backzähnen des rechten Unterkiefers.a
MundEr hat stets sich anhäufenden Schleim im Munde, ohne Uebelgeschmack.a
HalsRauh …a
MagenOefteres Schlucksen …a
Durstlosigkeit: er trinkt weniger als gewöhnlich.a
Nach Entrüstung: Kardialgie.20

20

Nach Entrüstung, nach Wütendwerden können alle möglichen Beschwerden auftreten.“ Vgl. CHAMOMILLA, COLOCYNTHIS.

AbdomenKneipender Stich in den Eingeweiden des Unterleibes …a
Heftiger, umher windend kneipender Schmerz im ganzen Unterleibe, bald hie, bald da.a
Harter, schmerzhafter Druck, rechter Seite, unterhalb des Nabels.a
Leibschneiden: nach Entrüstung; nach Lithotomie; mit Stuhl- oder Harndrang und Übelkeit, < nach Essen oder Trinken.
Die Blähungen versetzen sich im Unterbauche.a
Heiße Blähungen.a
Eine große Menge Blähungen erzeugten sich …a
RektumMehrtägige Hartleibigkeit.a
Unter der Empfindung, als wolle eine Blähung abgehen, erfolgt unbewusst dünner Stuhl.a
Jücken im After beim Sitzen, außer dem Stuhlgange.a
HarnorganeJückende Nadelstiche in der Nierengegend.a
Oefterer Harndrang, wobei sehr wenig dunkelfarbner Harn abgeht …a
Drang zum Harnen; es geht kaum ein Löffel voll, meistens röthlicher oder dunkelgelber Harn in einem dünnen Strahle ab, bisweilen tropfenweise, und nachdem er ihn gelassen hat, ist's ihm immer, als wäre die Blase noch nicht leer, denn es tropft noch immer etwas ab.a
Beim Erwachen vom Schlafe, Drücken auf die Blase …a
Bei jedem Uriniren, ein Brennen in der ganzen Harnröhre.a21

21

Das gegenteilige Symptom, auf das Nash so großen Wert legt, findet sich ebenfalls bei Hahnemann, zwar nicht in Sperrdruck, aber bei mehreren Prüfern: „Eine Art Brennen in der Mitte der Harnröhre, außer dem Harnen.“

GenitalienHeftig ziehend brennende Stiche aus dem Bauchringe rechter Seite, wie im Samenstrange, bis in den rechten Hoden …a
Drückender Schmerz am linken Hoden, beim Gehen, so wie nach jeder Reibung; bei Berührung wird er heftiger.a
Üble Folgen von Masturbation oder sexuellen Ausschweifungen.
Nach Samenergüssen große Verdrießlichkeit und Beschämung; starke Erschöpfung.
Gegen Ende des Beischlafs, Engbrüstigkeit.a
ThoraxFester Schleim liegt ihm auf der Brust …a
Oben am Brustbeine, gleich unter dem Halsgrübchen, jückende, feine, scharfe Stiche, die zum Kratzen nöthigen.a
Stechendes Jücken zwischen den Ribbenknorpeln.a
Scharfe, in Pausen … absetzende … Stiche in der Gegend des vierten Ribbenknorpels rechter und linker Seite; sie dringen langsam von innen nach außen, ohne Beziehung auf Ein- oder Ausathmen.a
Äußerer HalsIm Nacken, jückende Blüthchen.a
ExtremitätenJückende Stiche in beiden Achselhöhlen.a
Schmerz, wie Verrenkung, im rechten Schultergelenke, bloß bei Bewegung.a
Stumpf stechende Schmerzen am Schultergelenke, bei Bewegung und Berührung heftiger.a
Heftig drückender Schmerz im linken Schultergelenke, durch keine Bewegung verschwindend.a
Lähmig drückender Schmerz am linken Oberarme, bei Berührung und Bewegung heftiger; der Arm ist geschwächt.a – Lähmiger Druck an beiden Ober- und Unterarmen; bei Bewegung und Berührung heftiger.a
Lähmig ziehender Schmerz in den hintern Gelenken der Finger, wo sie sich mit den Mittelhandknochen vereinigen; bei Bewegung heftiger.a
Feines, zuckendes Reißen in den Muskeln des Daumens [und] … mehrer Finger, vorzüglich in den Spitzen derselben.a
Tiefe, jückend brennende, scharfe Nadelstiche im linken Daumen, welche zum Kratzen reizen.a
Es ist, als wäre eine harte Haut über die Fingerspitzen der linken Hand gezogen; er hat wenig Gefühl darin und kann beim Betasten nichts gut unterscheiden.a
Stechendes Jücken an den Gesäßmuskeln und mehren Stellen des Körpers.a
Jückendes Feinstechen an den innern Seiten der Oberschenkel …a
Beim Gehen, Wehthun in den Oberschenkeln …a
Ziehendes Stechen im [rechten] Kniegelenke, bei Bewegung heftiger.a
Stumpfe Stiche am Kniegelenke …; bei Berührung wurden die Stiche zu einem drückenden Schmerze.a
Stumpfe Stiche im [rechten] Kniegelenke, bei Bewegung heftiger.a
Brennendes Stechen unter dem linken Knie, auf der Außenseite, bisweilen in Absätzen.a
Bohrender Stich im rechten Schienbeine, in der Ruhe.a
Reißender Schmerz in den Muskeln des einen oder des andern Unterschenkels …a
Stechendes Reißen unter und in der rechten Wade und über der linken Ferse.a
Stechendes Jücken gleich über dem rechten äußern Fußknöchel; es nöthigt zum Kratzen …a
Nerven, EmpfindungenMatt im ganzen Körper, vorzüglich in den Knieen, beim Gehen.a
Jückende, scharfe Stiche an verschiednen Stellen des Körpers.a
Schmerz an allen Knochen.a
Ziehend reißender Schmerz hie und da in den Muskeln des ganzen Körpers …a
SchlafHeftiges Gähnen, daß ihm die Thränen in die Augen treten.a
Schläfrigkeit, Nachmittags; die Augen fallen ihm zu.a
Verliebte Träume und Samenerguß.a
FrostIn der Nacht wacht er oft auf über Frostgefühl, kann sich aber nicht recht besinnen.a
Schauder und Frostgefühl beim Essen, ohne Durst …a
GewebeSchnittwunden.b
Überdehnte Sphinkteren (sollte hier hinzugefügt werden).
Die Autoren in der Nachfolge Hahnemanns scheinen den Kopfschmerzen von Staphisagria keine große Bedeutung beigemessen zu haben. In Hahnemanns Prüfungen werden diesbezüglich zwei Modalitäten besonders hervorgehoben: dass sie innen und außen drücken – und dass die Heftigkeit der Kopfschmerzen bei Berührung zunimmt. Staphisagria-Schmerzen sind „bei Berührung [und Bewegung] heftiger“. Und es heißt: „Jukkendes Stechen, von innen nach außen, ist charakteristisch.“
Hahnemann scheint auch die Wirkung von Staphisagria auf Gelenke und Gliedmaßen weit mehr zu betonen, als es seine Nachfolger getan haben, wenngleich Hering anführt: „Steifheit und Mattigkeitsgefühl in allen Gelenken.“ – „Arthritische Knötchen an den Gelenken.“ Doch bei Gelenkbeschwerden und einer Psyche, die der von Staphisagria nahekommt, sollte man das Mittel ernsthaft in Erwägung ziehen, vor allem dann, wenn zusätzlich noch sein herausragendes Charakteristikum „Schlimmer durch Berührung“ vorhanden ist. chamomillaCHAMOMILLA, das Staphisagria gemütsmäßig in mancher Beziehung stark ähnelt, wird bei Gelenkbeschwerden ebenfalls häufig übersehen, wo es doch bei rheumatischen Affektionen so nützlich sein könnte. Der chamomillaCHAMOMILLA-Patient kann jedoch [im Gegensatz zu Staphisagria] nicht stillhalten; besonders nachts fällt es ihm schwer, ruhig im Bett liegenzubleiben. Die scheußlichen Schmerzen in den Gliedern halten ihn wach; ruckartig verändert er immer wieder seine Lage, bis er es schließlich im Bett nicht mehr aushält und im Zimmer auf und ab marschiert. Die Staphisagria-Schmerzen hingegen sind in erster Linie bei Berührung unerträglich [und sie werden, im Gegensatz zu chamomillaCHAMOMILLA, durch Bewegung eher verschlimmert].
Wer hat denn schon einmal Staphisagria bei Gelenkbeschwerden verschrieben, z.B. bei rheumatoider Arthritis? Immerhin müsste es hier von den Prüfungen her von Nutzen sein – wenn die entsprechende Gemütsverfassung vorherrscht. (Denn bekanntlich sind die seelischen Symptome bei der ‚Hierarchisierung‘ die allerwichtigsten, vorausgesetzt, sie sind deutlich ausgeprägt, und besonders dann, wenn sie krankheitsbedingt vom Normalzustand des Betreffenden abweichen.) Ich selbst habe jedenfalls bei den schlimmsten und hartnäckigsten Fällen von rheumatoider Arthritis gelegentlich gerade solche unruhigen und qualvollen Zustände, bei denen die Patienten mit ihrem Elend (und auf jeden Fall mit ihrem Schicksal) haderten, beobachten können, wie sie auch in den Prüfungen schon beschrieben und durch Staphisagria geheilt worden sind.22

22

Tyler bezieht sich hier wahrscheinlich auf die Symptome Nr. (326), (347) und (403) in der Reinen Arzneimittellehre. Nur bei diesen Symptomen ist ein Zusammenhang von Unruhe und Glieder- und Gelenkschmerzen erkennbar. Ob hier aber die Bewegung zu einer Besserung der Beschwerden geführt hat, wird nicht gesagt. Dagegen wird in schätzungsweise 95 % aller in Frage kommenden Symptome von einer Bewegungsverschlimmerung berichtet.

Hughes (Pharmacodynamics) schreibt: „Hahnemann sah sich daher [aufgrund von Angaben in der älteren Literatur] veranlasst, die Substanz zu prüfen; und als er fand, wie stark sie auf den gesunden Organismus einwirkte, vermutete er, dass sie sich auch als großes Heilmittel erweisen würde. Die pathogenetischen Eigenschaften dieser Substanz hat man der Wirkung der beiden Alkaloide des Stephanskrautes, Delphinin und Staphisin, zugeschrieben; doch sind die großen therapeutischen Erwartungen Hahnemanns bisher kaum in die Praxis umgesetzt worden. Staphisagria gehört eher zu jenen Mitteln, an die man bei der Behandlung alltäglicher Krankheiten kaum je einmal denkt. Hin und wieder geschieht es aber doch, dass wir es nach Befragen eines Repertoriums als das Simillimum für eine Symptomengruppe wählen, und mit der Zeit wird es ja vielleicht einmal einen vorderen Platz unter unseren Therapeutika einnehmen. Seine Prüfungen zeugen immerhin davon, dass es einen sehr breit gefächerten Einflussbereich besitzt.“
Hughes zitiert verschiedene Autoren, die vom Nutzen des Mittels bei Seekrankheit berichten, ferner von seinem Nutzen bei Schwangerschaftserbrechen, bei Erkrankungen der Augen, vor allem der Lider, bei Periostitis mit wandernden Schmerzen in den langen Röhrenknochen (droseraDROSERA), bei Neuralgien sowie bei Karies der Knochen und der Zähne. Bei all diesen Erkrankungen kann Staphisagria hilfreich sein, besonders „bei jenen Menschen, die auf psychische ebenso wie auf physische Eindrücke extrem empfindlich reagieren“ (Guernsey). Des Weiteren gilt es seit jeher als Antidot gegen die Nachwirkungen von Quecksilberbehandlungen, ferner als Heilmittel der üblen Folgen von Entrüstung und Ärger. Auch bei sexuellen Störungen hat es sich oft als hilfreich erwiesen.
Ein eigentümliches Symptom von Staphisagria: „Wenn er stark gehet, ist's ihm, als komme jemand hinter ihm drein; dieß macht ihm Angst und Furcht, und er muß sich immer umsehen.“ lachesisLACHESIS, medorrhinumMEDORRHINUM und wenige andere Mittel haben ebenfalls dieses Gefühl, wie es auch sehr schön in dem „Rime of the Ancient Mariner“ zum Ausdruck kommt:

„Wie einer, der auf verlass’nem Weg

Entlang in Furcht und Schrecken geht,

Und nachdem er sich einmal umgedreht,

Geht er weiter, sieht sich nicht mehr um,

Denn er weiß es nun, ein böser Dämon

Folgt ihm dicht auf seinem Weg.“

Ein weiteres charakteristisches Symptom: „Alle Dinge, die er in die Hand nahm, wollte er von sich werfen.“ Diese Neigung, mit Gegenständen zu werfen, kommt auch bei Kindern zum Ausdruck: „Wollen etwas haben, und gibt man es ihnen, so werfen sie es wieder weg“ (vgl. chamomillaCHAMOMILLA, cinaCINA).
Wie Nash sagt: „Staphisagria, chamomillaCHAMOMILLA, nux vomicaNUX VOMICA, cinaCINA und colocynthisCOLOCYNTHIS sind sehr nahe beieinander bei mürrischen, übellaunigen und reizbaren Patienten, und es wird nur wenige Fälle geben, wo nicht das eine oder andere von diesen Mitteln passen wird.“
Nash lenkt unsere Aufmerksamkeit zudem auf eine Besonderheit, die, wie er sagt, einzigartig ist: „Diese Arznei hat ein höchst eigentümliches Symptom, das in den Prüfungen auftaucht und das ich bestätigen kann, nämlich ‚Brennen in der Harnröhre, außer dem Harnen‘; während des Wasserlassens hört das Brennen auf. Wir haben sehr viele Mittel für Brennen vor, während und nach dem Harnen, aber Staphisagria ist das einzige, das dieses Brennen die ganze Zeit über hat – außer beim Harnen.“
Nashs Resümee:
„Mürrische, übellaunige, dürre, blähbäuchige Kinder mit Neigung zu Bauchschmerzen, besonders nach jedem Essen und Trinken.
Ungeheurer Hunger, selbst wenn der Magen voll ist.
Gerstenkörner, Knoten oder Hagelkörner an den Augenlidern, eines nach dem anderen entstehend, gelegentlich ulzerierend.
Brennen in der Harnröhre, außer wenn er uriniert.
Sehr empfindlich auf geringste seelische Eindrücke; die kleinste Geste oder ein harmloses Wort wird gleich als Beleidigung empfunden.
Üble Folgen von geschlechtlichen Ausschweifungen; die Gedanken kreisen ständig um sexuelle Dinge.
Frühzeitiges Verfaulen der Zähne bei Kindern; Zähne sind nicht sauber zu halten.
Gefühl, als ob Magen oder Bauch schlaff herunterhingen.
Großes Verlangen, Tabak zu rauchen.“
Bezüglich seines Nutzens bei blumenkohlartigen Wucherungen (Kondylomen, Feigwarzen) sagt Nash: „Mit der 200. Potenz dieser Arznei beseitigte ich bei einer Frau ein Gewächs am Perineum, das 2,5 cm lang war und genau wie ein kleiner Blumenkohl aussah. Unter der Wirkung des Mittels verschwand es sehr schnell und kam nie wieder.“
Schnittwunden. Hier ist Staphisagria das beste Mittel, wenn es sich um einen glatten Schnitt handelt, wie z.B. nach einem chirurgischen Eingriff. Es ist für derartige Wunden das, was calendulaCALENDULA für Risswunden ist, arnica montanaARNICA, hamamelisHAMAMELIS, ledumLEDUM und sulfuricum acidumacidum sulfuricumACIDUM SULFURICUM für Prellungen, Hämatome, Ekchymosen usw., rhus toxicodendronRHUS TOXICODENDRON, calcarea carbonicaCALCAREA und nux vomicaNUX VOMICA für Verrenkungen und Zerrungen, calcarea phosphoricaCALCAREA PHOSPHORICA und symphytumSYMPHYTUM für Frakturen.“
Bei Guernseys Zusammenfassung in den Keynotes fällt besonders auf, wie sehr Staphisagria seelisch und körperlich dem allerempfindlichsten unter den empfindlichen Mitteln ähnelt – hepar sulfurisHEPAR SULFURIS.
„Die Patienten sind so sensibel, dass schon kleinste Gesten oder Bemerkungen ihre Gefühle verletzen können; Zorn und Entrüstung …
Schlimmer …
allgemein durch seelische Einflüsse;
durch Ärger mit Entrüstung;
durch Kummer;
durch Demütigung, besonders wenn diese von Beleidigung oder Kränkung herrührt;
durch Säfteverlust;
durch Tabakgenuss;
durch Quecksilberbehandlung;
durch sexuelle Ausschweifungen;
durch Schlafen am Nachmittag;
durch Berühren der empfindlichen Stelle: kann es z.B. bei Zahnschmerz nicht ertragen, wenn die Zunge, eine Flüssigkeit oder irgendetwas anderes die Zähne berührt;
durch die geringste Berührung leidender Körperteile.“
Von den Hahnemannschen Symptomen lautet das letzte: „Gute Laune: er war heiter und gesprächig in Gesellschaft und freute sich seines Daseyns.“ Und in einer Fußnote ergänzt er: „Heilende Nachwirkung des Organism's bei einem Manne von entgegen gesetztem Gemüthe.“ Tatsächlich gehört Staphisagria zu den ganz großen Heilmitteln bei Menschen, die ihr seelisches Gleichgewicht verloren haben.

Stramonium

Weitere Namen: Datura stramonium; Stechapfel
Hahnemann sagt in der Vorrede zu seiner „Stechapfel“Prüfung:
„Diese betäubende Pflanze zeigt in ihrer Erstwirkung, außer sehr unangenehmen Gefühlen, die die Versuchs-Person doch nicht mit dem Namen ‚Schmerz‘ belegen kann, durchaus keine eigentlichen Schmerzen. Wirklich als Schmerz deutlich gefühlte Empfindungen entstehen bloß in der Nachwirkung durch die nachgängige Reaction des Organism's, der nicht nur zum Gegensatze der gefühltödtenden Einwirkung des Stechapfels die natürliche, sondern, wie nach großen Gaben Stechapfels, selbst krankhaft erhöhete Empfindung (Schmerz) hervorbringt. Eben so erzeugt dieses Kraut in seiner Erstwirkung Leichtbeweglichkeit der dem Willen unterworfenen Muskeln und Unterdrückung aller Absonderungen und Ausleerungen, wovon in der Nachwirkung das Gegentheil entsteht, nämlich Lähmung der Muskeln und übermäßige Ab- und Aussonderungen. Heilwirkend hingegen beruhigt er in angemessener Gabe einige krampfhafte Muskelbewegungen und stellt gehemmte Ausleerungen wieder her in mehren Fällen, wo Schmerzlosigkeit vorwaltet.
Bloß die in seiner ersten, eigenthümlichen Wirkung liegenden Krankheitszustände kann daher Stechapfel homöopathisch heilen.
Die Symptome der Nachwirkung, die nach allen narkotischen Arzneien weit zahlreicher, lauter und deutlicher als bei den unnarkotischen sich an den Tag legen, dienen dem aufmerksamen Arzte dazu, mit dem Gebrauche derselben in Fällen Anstand zu nehmen, wo der Kranke schon mit solchen, der Nachwirkung ähnlichen Uebeln behaftet ist. So wird den Stechapfel ein ächter Arzt z.B. nie bei vollständigen Lähmungen oder eingewurzelten Durchfällen geben, oder da, wo heftige Schmerzen den Haupttheil der Krankheit ausmachen.
Aber welche unersetzliche Heilwirkung (ich rede aus Erfahrung) liegt nicht in der homöopathischen Anwendung der von Stechapfel eigenthümlich erzeugten Geistesstörungen gegen ähnliche natürliche Geisteskrankheiten, und wie wohlthätig wird er nicht in den (ähnlich von ihm zu erwartenden) convulsivischen Beschwerden!
In einigen epidemischen Fiebern mit ähnlichen Symptomen, als Stechapfel an Geist und Körper erzeugen kann, habe ich ihn hülfreich befunden.
So gewiß es verschiedene Abweichungen der Wasserscheu vom Bisse wüthiger Thiere giebt, so gewiß ist es, daß wir sie nicht alle mit einer einzigen Arznei heilen können, und daß wir belladonnaBELLADONNA in einigen, Bilsenkraut [hyoscyamusHYOSCYAMUS] in andern, und wieder in andern Fällen Stechapfel zu ihrer Heilung bedürfen, je nachdem der Inbegriff der Krankheitszeichen mit des einen, des andern oder des dritten Gewächses Symptomen die meiste Aehnlichkeit hat.“ [Hervorhebungen durch M. Tyler.]
Hughes (Pharmacodynamics): „Stramonium ist, wie Hahnemann darlegt, ein vorzügliches Homöopathikum bei Tollwut; hierbei ist es noch häufiger angezeigt als belladonnaBELLADONNA.“ In China, so berichtet er, scheinen die verschiedenen Spezies von Datura, unter ihnen Datura stramonium, gängige Vorbeugemittel gegen Tollwut zu sein. In Berichten darüber wird die Anweisung wiedergegeben, gerade so viel von der Pflanze zu sich zu nehmen, dass ein ‚Wutanfall‘ ausgelöst werde – danach seien die Betreffenden vor der Tollwut geschützt.
Es gibt, wie er sagt, nur wenige Nervenkrankheiten, wo Stramonium nicht mehr oder weniger nützlich sein kann. „Es ist unser Hauptmittel bei akuter Manie, zu der es homöopathischer ist als das eher entzündliche belladonnaBELLADONNA. Kaum weniger wertvoll ist es beim Delirium tremens in seiner aktiven Form – der Mania-a-potu der älteren Autoren. Die konstante Verquickung seines Deliriums mit Halluzinationen ist es, die das Mittel bei diesem Leiden besonders geeignet erscheinen lässt. … Bei Nymphomanie und Wochenbettpsychose nimmt es wegen seiner besonderen Wirkung auf die sexuellen Funktionen unter allen Arzneien den höchsten Rang ein. … Epilepsie, durch Schreck ausgelöst … Bei Chorea ist es eines der besten pflanzlichen Heilmittel.“
Bezüglich folgender Indikation beruft er sich auf Guernsey: „Kreißende Frauen sind so verängstigt, dass der Schreck ihnen ins Gesicht geschrieben steht; sie schrecken vor dem Ersten zurück, was sie nach dem Öffnen der Augen wahrnehmen. Haben sie bisher noch keine Krämpfe gehabt, so werden sie nun, da sie solche Symptome zeigen, bald welche bekommen, es sei denn, es wird umgehend Stramonium verabreicht.“ Seine anderen Indikationen sind: große Geschwätzigkeit, die wilde und absurde Phantasien zum Ausdruck bringt; Verlangen nach Licht und nach Gesellschaft; Neigung zu Flehen und inständigem Bitten.
Allens Encyclopedia liefert sechseinviertel Seiten Quellenangaben zu den 243 verschiedenen Prüfungen und Vergiftungsfällen, die in den 1682 aufgeführten Symptomen mehr oder minder ausführlich und vollständig dokumentiert werden. Die Mehrzahl von ihnen sind Vergiftungssymptome durch die Rohdroge, es finden sich aber auch Prüfungen selbst mit Hochpotenzen darunter.
Wenn man einmal nur die fettgedruckten Symptome durchgeht und die (z.T. sehr wichtigen) kursiven Symptome außer Acht lässt, dann stößt man auf Tollwut und Wahnsinn, auf heftiges, auch tobsüchtiges Delirium und Delirium tremens, auf Chorea- und Epilepsiesymptome, auf viele Halluzinationen – und auf Furcht. Bei dieser handelt es sich nicht um die vage Angst von aconitumACONITUM, sondern um etwas Konkreteres: Furcht vor Dingen, die die Prüfer in ihrer Einbildung wirklich sehen, seltsamerweise mehr seitlich als vor sich.
Stramonium hat vieles mit seinen Vettern belladonnaBELLADONNA und hyoscyamusHYOSCYAMUS gemein, und es kommt für viele Krankheiten in Betracht, die auf den ersten Blick nach einem dieser beiden Mittel verlangen. Stramonium scheint indes die große entzündliche Intensität von BELLADONNA zu fehlen.
Hale White, von dem unsere Medizinstudenten ihre Arzneikenntnisse beziehen, beschreibt in einundzwanzig kurzen Zeilen die Wirkung und therapeutische Verwendung von Stramonium.
Seiner Meinung nach ist die Wirkung von Stramonium und belladonnaBELLADONNA fast identisch, und es gebe demnach keinen Grund, weshalb Stramonium nicht für dieselben Zwecke wie BELLADONNA eingesetzt werden sollte. Die einzige Verwendung, die er für dieses mächtige und wertvolle Arzneimittel hat, ist die eines Palliativums, um – effektiver, als belladonnaBELLADONNA es vermag – die Bronchialmuskulatur zu entkrampfen. Er beschreibt ein Pulver, das, wenn es verbrannt wird, dichte Rauchschwaden bildet, welche eingeatmet bei Asthma große Erleichterung verschaffen. Und er fügt hinzu, dass „die ‚Asthma-Heilmittel‘ von Himrod, Bliss und anderen eine ähnliche Zusammensetzung haben“. Wohlweislich setzt er Heilmittel in Anführungsstriche, denn Palliativa heilen nicht, sie lindern auf Zeit; und bekanntlich muss man, wenn man auf diese Art und Weise Linderung erzielen will, innerhalb einer Nacht oft viele solcher Pulver abbrennen. Gleichwohl sollte Stramonium manche Fälle von Asthma bronchiale auch heilen können, da es u. a. Dyspnoe verursacht hat, insbesondere im Zusammenhang mit Zwerchfellspasmen.
Culpeper (The Herbal 23

23

Kap. A, Fußnote 1 im ABROTANUM-Kapitel.

, 1653) erwähnt Stramonium als Mittel bei Krämpfen und Epilepsien sowie bei Wahnsinn. Und sein alter Ruf wird, wie wir sehen werden, vom homöopathischen Standpunkt aus durch Vergiftungen, Prüfungen und Praxis reichlich bestätigt.
Um ein umfassendes Wissen über die Anwendungsmöglichkeiten eines Arzneimittels zu erlangen, muss man die Erfahrungen und Eindrücke vieler Homöopathen von dessen Wert und Nutzen kennenlernen.
Beginnen wir bei Boger (Synoptic Key) … Dieser hebt u. a. hervor: „Ein Heilmittel großer Ängste; Schmerzlosigkeit bei den meisten Beschwerden. … Unkoordinierte, graziöse oder auch rhythmische Bewegungen. … Fürchtet die Dunkelheit und hat entsetzliche Angst vor glänzenden Dingen. … Großer Durst, aber ihm graut vor Wasser; es lässt ihn würgen. … Faulige, dunkle, schmerzlose, unwillkürliche Durchfälle. … Erwacht voller Angst oder schreiend aus dem Schlaf.“
Guernsey (Keynotes), mit seiner Gabe, ohne Umschweife die Hauptzüge eines Mittels anzusprechen, sagt über Stramonium:
„Der Hauptwirkungskreis dieses Arzneimittels liegt bei den Geistes- und Gemütserkrankungen. Es ist indiziert bei jungen Leuten, die manchmal hysterisch werden und dann folgendes Verhalten an den Tag legen: Sie beten und singen inbrünstig, flehen und bitten inständig, etc. (Junge Frauen mit unterdrückten Menses können auf diese Weise reagieren.) Es kommt bei Fiebererkrankungen in Betracht, wenn der Patient Alleinsein oder Dunkelheit nicht ertragen kann; lässt man ihn allein, womöglich noch in einem dunklen Raum, verstärken sich die seelischen Leiden erheblich. Ebenso kann Stramonium bei besinnungslosem Delirium angezeigt sein, wo der Kranke mitunter den Kopf vom Kissen hochreißt und wieder fallen lässt – und dieses Verhalten über einen längeren Zeitraum ohne Unterbrechung beibehält. Stramonium-Patientinnen im Kindbettfieber können absurde Wahnvorstellungen haben: dass sie doppelt seien, dass jemand bei ihnen im Bett liege, und andere wunderliche, unsinnige Phantasien. Beeinträchtigungen des Intellekts im Allgemeinen; Irrsinn. …
Gesicht rot und aufgedunsen. Kann in einem dunklen Raum nicht gehen oder sich auf den Beinen halten, fällt hin.“
Nash fasst Stramonium folgendermaßen zusammen:
„Wildes Delirium mit rotem Gesicht und großer Geschwätzigkeit.
Pupillen höchst erweitert; verlangt nach Licht (Sonnenschein) und Gesellschaft, fürchtet sich, allein zu sein; möchte, dass ihm jemand die Hand hält (zincumZINCUM).
Eine Seite gelähmt, die andere von Krämpfen oder Zuckungen geschüttelt.
Sieht beim Erwachen aus, als würde er vor etwas zurückschrecken; erschrickt und fürchtet sich beim Erwachen vor dem Ersten, was er sieht.
Schmerzlosigkeit bei den meisten Beschwerden (opiumOPIUM).
Reißt wiederholt den Kopf plötzlich und krampfartig vom Kissen hoch.“
Für Nash ist Stramonium vor allem das Heilmittel bei hochgradigen Delirien, und es hebt sich, wie er sagt, von den beiden anderen Arzneien der ‚Delirium-Trias‘ hauptsächlich durch den Intensitätsgrad der Delirien ab. Er schreibt:
„Das Delirium ist fürchterlich anzusehen: Raserei; nicht zu bändigende Wut; … Tanzen, Gestikulieren, Singen, Lachen, Grinsen, Pfeifen, Schreien; klägliches, eindringliches Beten oder grässliches Fluchen; und mehr als jedes andere Mittel – Geschwätzigkeit. Und so wechselhaft sein Delirium ist, so verschieden sind auch die Lagen, in die sich der Kranke wirft, abwechselnd quer oder längs im Bett, zusammengerollt wie eine Kugel oder steif ausgestreckt … Gegenstände erscheinen ihm krumm oder schief.
Der ganze innere Mund erscheint wie roh und wund; die Zunge kann nach einer Weile steif werden oder auch gelähmt. Stühle durchfällig und schwärzlich, aashaft stinkend; oder überhaupt kein Stuhl und kein Harn. Später kann es zu vollkommenem Verlust des Sehvermögens, des Gehörs und der Sprache kommen, mit erweiterten, unbeweglichen Pupillen und profusem Schweiß, der aber keine Erleichterung bringt. Der Patient wird bald des Todes sein, wenn er nicht durch Stramonium davor bewahrt wird.“
Nash stellt weitere Vergleiche zwischen den drei Deliriummitteln an:
„Stramonium ist das bei weitem geschwätzigste Mittel.
hyoscyamusHYOSCYAMUS hat am meisten ‚gefühllose Stumpfsinnigkeit‘.
belladonnaBELLADONNA steht in dieser Hinsicht zwischen den beiden.
Stramonium wälzt sich unruhig im Bett, reißt den Kopf vom Kissen hoch.
hyoscyamusHYOSCYAMUS zuckt, zupft und langt in die Luft, liegt sonst aber ziemlich still.
belladonnaBELLADONNA zuckt beim Einschlafen oder Erwachen zusammen oder fährt hoch.
Alle drei wollen zuweilen entfliehen.
Nun zu einigen wichtigen Punkten, die Kent ins Spiel bringt:
„Wenn man das Arzneimittelbild von Stramonium betrachtet, kommt einem unwillkürlich die Idee von Gewalt in den Sinn. Beim Anblick eines Patienten, der Stramonium benötigt oder der damit vergiftet worden ist, staunt man über den ungeheuren Aufruhr, der in seinem Geist und in seinem Körper stattfindet. Der Kranke zeigt ein außergewöhnliches Maß an Erregung und Wut; alles läuft bei ihm stürmisch und heftig ab. Gesicht und Augen sehen wild, verstört und ängstlich aus; die Augen sind stier auf einen Gegenstand gerichtet. Gerötetes Gesicht und hohes Fieber, mit heißem Kopf und kalten Extremitäten sowie mit heftigem Delirium. In seiner Angst wendet sich der Kranke oft vom Licht ab und möchte es dunkel im Zimmer haben; besonders helles Licht ist unerträglich. Hohes Fieber mit Delirium; die Hitze ist dabei so intensiv, dass man sie irrtümlich für ein belladonnaBELLADONNA-Fieber halten kann. Stramonium hat jedoch gewöhnlich ein kontinuierliches Fieber, das nur gelegentlich remittiert, während das hohe belladonnaBELLADONNA-Fieber immer vom remittierenden Typ ist.
In seiner Gewalt und Heftigkeit gleicht Stramonium einem Erdbeben. Geist und Gemüt befinden sich gewissermaßen in Aufruhr. Der Patient flucht, zerreißt seine Kleider, führt derbe Reden; Raserei, Erotomanie und Selbstentblößung. … Das Mittel ist oft bei heftigen Typhuserkrankungen von Nutzen.
Es ist ferner hilfreich bei manischen Zuständen, die schon einige Zeit bestanden haben und in Anfällen – mehr oder weniger plötzlich – immer wiederkehren. Würde es sich nur um einen einzelnen Anfall handeln, würde man in erster Linie an belladonnaBELLADONNA denken, doch die längere Vorgeschichte spricht für Stramonium. belladonnaBELLADONNA wäre hier beim ersten Anfall kaum mehr als ein Palliativum, und bereits die zweite Gabe würde gar nichts mehr bewirken.
Wenn er nicht deliriert, wirkt der Stramonium-Patient sehr leidend; die Stirn liegt in tiefen Falten, und das Gesicht sieht bleich, kränklich und mitgenommen aus. Bei Kopfschmerzen hat der Patient diesen ängstlichen Blick, der auf ein besonderes Leiden durch Beteiligung der Hirnhäute hindeutet.
‚Delirium: leicht; mit ständigem Murmeln; … mit ungereimtem Geschwätz; mit offenen Augen; lebhaft; fröhlich, mit Lachkrämpfen; … wütend, rasend oder wild, mit Versuch, die sich ihr Nähernden zu stechen und zu beißen; mit den merkwürdigsten Phantasien; mit Schreck, als wenn ihn ein Hund anfiele.‘
Seltsame Vorstellungen oder Empfindungen vom Zustand seines Körpers, z.B. dass dieser missgebildet, verlängert oder auf andere Weise deformiert sei. … Er sieht Tiere, Gespenster, Engel, Teufel oder die Geister von Verstorbenen; zunächst weiß er, dass sie nicht wirklich da sind, später aber ist er überzeugt von ihrer Existenz. …
‚Er singt und führt unzüchtige Reden.‘ … ‚Schreit, bis er heiser wird oder die Stimme versagt.‘ Schreien und Kreischen, Tag und Nacht, bei Fieber und diversen Formen des Wahnsinns. …
hyoscyamusHYOSCYAMUS hat ein wildes, mit Wahnsinn einhergehendes Delirium, dabei aber nur wenig Fieber. Bei Stramonium ist das Fieber dagegen in solchen Fällen beträchtlich. Das belladonnaBELLADONNA-Fieber zeichnet sich dadurch aus, dass es vom frühen Nachmittag bis nach Mitternacht besteht, von 15 Uhr bis 3 Uhr, und dann nachlässt. …
Wochenbettkrämpfe und Puerperalpsychose; Stramonium hat auch das septische Element, um bei Puerperalfieber hilfreich sein zu können. … Bei Wochenbettdepression ist die Patientin überzeugt, sie sei ihrer Sünden wegen ‚der ewigen Seligkeit unwert geworden‘, obwohl sie stets ein rechtschaffenes Leben geführt hat. …
Bei zerebraler Kongestion kann das Delirium in völlige Bewusstlosigkeit übergehen, und dann bietet der Kranke ein Erscheinungsbild wie im Vollrausch: ausgeprägter Sopor, mit schnarchender Atmung und Herabhängen des Unterkiefers. Dies kann bei Typhus und anderen schleichenden, adynamischen Fiebern auftreten. Heraussickern von Blut aus dem Mund …; Zunge trocken und so geschwollen, dass sie den ganzen Mund ausfüllt. Zunge besonders an der Spitze hochrot, wie ein Stück rohes Fleisch. …
Basalmeningitis infolge unterdrückter Ohrabsonderungen. Stirn dabei gerunzelt, Augen glasig … Fürchterliche Schmerzen an der Schädelbasis, und aus der Vorgeschichte sind Nekrosen im Bereich der Ohren bekannt.
Heftiger Kopfschmerz vom Gehen in der Sonne, überhaupt durch längere Sonnenexposition …; schlimmer im Liegen und durch jede Bewegung oder Erschütterung. … Hinterkopfschmerz.
Hochgradige Entzündungen mit Eiterbildung und unerträglich schmerzhaften Abszessen. … Bösartige, septische Zustände. Chronische Abszesse, Karbunkel, Furunkel; Gelenkabszesse, besonders im Bereich des linken Hüftgelenks. …
In der Heftigkeit seiner psychischen Symptome steht Stramonium unter den tiefwirkenden Mitteln einzig da. …
Bei alten Lungenabszessen, die durch Verschlimmerung des Hustens beim Sehen ins Licht gekennzeichnet sind, lindert Stramonium oft enorm und verursacht keine Erstverschlimmerung. …
Wahnhafte Verkennung der eigenen Identität. Unfähigkeit, im Dunkeln zu schlafen; große Angst in der Eisenbahn, wenn der Zug durch einen Tunnel fährt.“
Hauptsymptome24
Geist und GemütDelirium laut und lärmend, mit Halluzinationen.

24

Einige der hier aufgeführten Symptome sind deutschsprachigen Periodika entnommen; es bedeuten:

  • a

    Hahnemann, Reine Arzneimittellehre;

  • b

    Grünberg, Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Ärzte Oesterreichs (1857) 1, 378;

  • c

    Helbig, Heraklides 1, 61;

  • d

    Frank, Magazin für physiologische und klinische Arzneimittellehre und Toxikologie, Leipzig, 1845–54, Bd. 1, S. 282 bzw. 819;

  • e

    Ebd., Bd. 2, S. 230;

  • f

    Rohrer, A.H.Z. 7, 261;

  • g

    Bürkner, A.H.Z. 86, 18;

  • h

    Schrön, Hygea 13, 193.

Tobsüchtiges Delirium, dessen Symptome der Tollwut ähneln.
Schreckdelirien, als wenn ihn ein Hund anfiele.a
Er [ein fünfjähriger Junge] stand unter dem Eindruck einer unmittelbaren Gefahr und klammerte sich an die Person, die ihn auf dem Schoß hatte.
Das Erscheinungsbild des Patienten ließ auf Wahnsinn oder Delirium tremens schließen … Plötzlich rief er aus: „Da, diese Käfer, helfen Sie mir, sie zu fangen!“ … „Da, ein langer Zug von Wanzen – und dahinter eine Prozession von Käfern – und hier kommt eine ganze Heerschar von Küchenschaben über mich gekrabbelt.“ Er wich angstvoll zurück; dann wandte er sich auf einmal zu mir und sagte: „Ich glaube, ich weiß schon, dass es nicht wirklich Käfer sind, aber meistens kommt es mir so vor, als wären sie echt.“
Sie schreit zuweilen über Katzen, Hunde und Kaninchen, die sich ihr näherten, oben, zur Seite und in der Mitte der Stube.a
Sie zeigte große Abneigung gegen Flüssigkeiten jeder Art. Wenn eine Tasse Wasser an ihre Lippen geführt wurde, wich sie augenblicklich davor zurück und konnte dann bisweilen einen erneuten Krampfanfall bekommen. So groß war ihre Abscheu, dass man ihr nur unter größten Schwierigkeiten einen Teelöffelvoll Flüssigkeit einflößen konnte.
Wasserscheu [Tollwut]; … beim Anblick eines Lichtes, eines Spiegels oder Wassers, schreckliche Convulsionen.a
Ob der Widerwille gegen flüssige Arzneien und gewisse Getränke, gegen die er sich mit äusserster Wuth vertheidigte, ein hydrophobischer [tollwütiger] Zustand zu nennen war, ist nicht zu entscheiden, jedenfalls hatte er krampfhaften Reiz der Schlundmuskeln, denn er würgte das in den Schlundkopf Gegossene sofort wieder heraus.b
Sie bat ihre Mutter, sie nicht allein zu lassen, weil etwas sie gleich verletzen und ihr Schmerzen bereiten werde.
Ständiges Umherstarren, dann minutenlang ein gebannter Blick (in eine bestimmte Richtung), der mehrfach von plötzlichem Zusammenfahren der Arme und Beine und von leisem Gemurmel begleitet wurde; dann plötzlich ein wütendes Schreien, Beißen, Treten sowie Kratzen und Reißen mit den Händen.
Alle Bewegungen verrichtet er mit einer Emsigkeit, Hastigkeit und Kraft, daß es ihm ängstlich wird, wenn er nicht gleich damit zu Stande kommt.a
Seinem Gesichtsausdruck und seinen Bewegungen nach schien er zuweilen eingebildeten Dingen nachzujagen oder vor ihnen zu fliehen.
Er hat nirgend Ruhe, wird durch Traumbilder, selbst bei offenen Augen, erschreckt, die in Gestalten von großen Hunden, Katzen und andern schrecklichen Thieren ihm zur Seite aus dem Boden wachsen, und vor welchen er mit Zeichen des Schrecks auf die Seite springt und sich gar nicht zu retten weiß.a
Er hat überhaupt mehr Traumgestalten zur Seite als vor sich, die ihm alle Grausen erregen.a
Immer erscheinen seiner Phantasie fremde Gegenstände, vor denen er erschrickt.a
Der Knabe schien Scotomata zu haben, er sprach von schwarzen Männern, schwarzen Wolken und haschte in die Luft.b
Die Vision eines vor ihm stehenden Henkers … schien ihm Realität zu sein [dennoch machte er sich über seine Halluzinationen lustig].
In all seinen Vorstellungen schien er lediglich etwas nachzumachen; es war nichts Originelles daran, ebenso wenig kamen irgendwelche neuen Ideenverknüpfungen vor.
Sie schien mit Halluzinationen beschäftigt zu sein; ihr Blick war starr auf etwas gerichtet, und offenbar versuchte sie, mit den Händen nach etwas zu greifen, was sie sah.
[Er geht immer in sich gekehrt in der Stube herum …, bemerkt aber nicht die äußern Gegenstände,] sondern hat es blos mit Gegenständen seiner Phantasie zu thun.a
Völlig vernunftlos, zupft an der Bettdecke, sieht Käfer etc.
Er zitterte und schien sehr erschrocken zu sein.
Er fährt oft auf, als wenn er erschräke.a
Furcht, sich im Dunkeln aufzuhalten und (in geringerem Maße) allein zu sein, abends nach Sonnenuntergang.
Sein Gesichtsausdruck, sein ganzes Verhalten war wie das eines Kindes, das sehr erschrocken ist und irgendein schreckliches Unglück befürchtet.
Delirium: leicht; mit ständigem Murmeln; heftig; redet viel närrisches, ungereimtes Zeug; geschwätzig; lebhaft; vergnügt; fröhlich, mit Lachkrämpfen; wütend; rasend; wild, mit Versuch, die sich ihr Nähernden zu stechen und zu beißen; mit den merkwürdigsten Phantasien; mit sexueller Erregung; mit Schreck, als wenn ihn ein Hund anfiele; ist sich ihres Zustandes bewusst; ruft nach Papa und Mama, obwohl sie längst da sind und das Kind zu beruhigen versuchen; laut, lärmend, mit Halluzinationen; scheu, versteckt sich; versucht zu entfliehen; voller Angst; schwatzt ununterbrochen; lacht, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen; mit weit geöffneten Augen.
Er träumt bei offenen Augen, fängt unsinnige Dinge an zu schwatzen …a
Die Dunkelheit, das Alleinseyn und der Morgen verschlimmern den Zustand; sie will Licht (Sonnenschein) und Gesellschaft.c
Delirium tremens: Halluzinationen, die den Patienten, besonders nachts, in die wildeste Unruhe versetzen …
Trunkenheit.a
Lachen.
KopfHeftige Kopfkongestion.
Drang des Blutes nach dem Kopfe.a
AugenBlick wild und stier.f
Der Blick stier, die Augenlider weit geöffnet, die Augen selbst etwas hervorgetrieben, die Pupillen im höchsten Grad erweitert, ganz unbeweglich …; die Bindehaut war mit vielen Blutgefäßen, welche wie mit einer schmutzig gefärbten Flüssigkeit injicirt aussahen, durchzogen …e
Das Kind beklagte sich darüber, dass es dunkel sei, und verlangte nach Licht.
Halluzinationen sind dunkel (belladonnaBELLADONNA: feurig, leuchtend).
GesichtBlutandrang.
Heiße Wangen.
Ausdruck von Entsetzen und großer Angst im Gesicht. (aconitumACONITUM)
Weißer Kreis um den Mund.
MundEiweißartiger Speichel tropft aus dem Mund.
Stammelnde Sprache.f
Sprache mühsam und unverständlich.f
Eine Art Lähmung der Sprachwerkzeuge: er muss sich lange anstrengen, ehe ein Wort herauskommt; er lallt und stammelt bloß.a
(Stottern: verzerrt das Gesicht; muss sich beim Sprechen sehr anstrengen.)
HalsIm Halse krampfhafte Muskelzusammenziehungen und eine Art Lähmung …, dass das Schlucken sehr erschwert und es kaum möglich war, dem Kranken etwas Getränk … beizubringen …g
Fürchterliche Krämpfe im Halse bei jedem Versuch zu schlucken, wie bei Tollwut.
Der Hals ist wie verschnürt …a
Trockenheit im Halse.a
Trockenheit des Halses, welche häufiges Wassertrinken nicht beseitigen konnte.h
Lästige Trockenheit im Rachen, dessen Schleimhaut ziemlich geröthet ist, und … erschwertes Schlingen.e
MagenHeftiger Durst …a
Großes Verlangen nach säuerlichen Getränken.d
Furcht oder Abscheu vor Wasser und jeder anderen Flüssigkeit …a
AbdomenEine nicht harte Auftreibung des Unterleibes.a
Stuhl und UrinUnterdrückt.
StimmeHoch, kreischend, mißtönend.e
Die Stimme klang heiser und kreischend.g
Seiner Sprache fehlt es gänzlich an der gehörigen Modulation; sie ist viel höher und feiner …a
Beim Versuch zu sprechen kam etwas heraus, das eher einem Quieken oder Kreischen ähnelte als dem natürlichen Klang der menschlichen Stimme.
Das Kind hatte nicht nur die Fähigkeit zu sprechen verloren, sondern seine Stimme überhaupt. Es konnte nur noch ein heiseres Krächzen von sich geben, abwechselnd mit einem sonoren, kruppartigen, bellenden Husten. Wegen der heftigen Schlundkrämpfe war es auch nicht in der Lage zu schlucken.
ExtremitätenZucken an Händen und Füßen.d
Zuckungen der Extremitäten.d
Beständiges Sehnenhüpfen.e
Zittern des einen und mehrer Glieder.a
NervenZittern des ganzen Körpers; es schien, als wäre das Kind von großem Schrekken gepackt.
Zuckungen: am ganzen Körper, wie bei Chorea; während des Fieberfrostes.
Beim Anblick eines Lichtes, eines Spiegels oder Wassers, schreckliche Convulsionen …a
Konvulsionena: abwechselnd mit Raserei; mit Opisthotonus, durch helle, blendende Gegenstände, eine angezündete Kerze, einen Spiegel oder auch durch Berührung, das Kind wird steif wie ein Brett; wenn er berührt oder laut angesprochen wird; mit heftigem Kreischen bei heiserer Stimme.
Sie verweigerten jede Art von Flüssigkeit und zeigten die typische Wasserscheu der Tollwut, denn wenn man ihnen eine Tasse zu trinken anbot, kehrten die Krämpfe, sobald diese die Lippen berührte, mit großer Heftigkeit zurück.
Das Kind wurde unruhig, warf sich hin und her und verlangte nach Wasser; konnte aber nur sehr schwer schlucken.
Fortwährende unruhige Bewegungen der Glieder und des ganzen Körpers …g
HautScharlachartige Röte der Haut.
Hautausschlag von intensiver Röte, einem Scharlachexanthem ähnelnd, aber von leuchtenderem Aussehen.
Scharlachartige Effloreszenzen über den ganzen Körper.
FieberKopf sehr heiß.
Haut heiß, trocken und brennend; mit gleichmäßiger, scharlachfarbener Röte des ganzen Körpers.
SchlafDas Kind findet im Dunkeln keinen Schlaf, schläft aber im beleuchteten Zimmer bald ein.
„Sonderliche, ungewöhnliche und eigenheitliche“ Symptome
Beständige Bewegungen der Hände und Arme, als wenn er spänne oder webete.a
Fuhr mit den Händen immer herum, als wenn er etwas greifen wollte …a
Stumm, still und pulslos, mit gelähmten Gliedern lag er 6 bis 7 Stunden ohne Verstand, warf sich dann wüthend im Bette herum, machte den Umstehenden unzählige Zeichen, die nicht verstanden werden konnten, und ward dann wieder ruhig.a
Der Zustand gleicht dem schwersten Grad eines Alkoholrausches.
Nennt die Dinge bei falschem Namen; seine Stiefel nennt er Holzklötze, sein Schlafzimmer einen Stall.
Sie schätzten Entfernungen oder die Größe von Gegenständen falsch ein: griffen nach Dingen am anderen Ende des Zimmers, stießen gegen Menschen und Gegenstände an, die ihnen weit entfernt vorgekommen waren.
Benutzt falsche Wörter; kann die richtigen Wörter nicht finden.
Spricht in verschiedenen Sprachen.
Sitzt still, die Augen auf den Boden gerichtet und zupft an ihren Kleidern.
Die Gedanken schweifen ab, dabei auffällig schnelle Bewegungen der Augen und Hände.
[Im Delirium:] Extreme Erweiterung der Pupillen, bei langsamem Puls.
Er kommt sich sehr groß und erhaben vor, die Gegenstände umher aber erscheinen ihm zu klein.a
Geistesverwirrung: einer brachte Holz nach Hause, um Schnaps zu brennen; ein anderer legte zwei Äxte quer aufeinander, um auf diese Weise Holz zu spalten; ein dritter wühlte mit dem Mund in der Erde wie ein Schwein; ein vierter „war ein Radmacher“ und begann Löcher zu bohren; ein fünfter rannte in die Schmiede, um Fische zu fangen, die er dort schwimmen sah; … ein Mädchen rannte im Zimmer umher und schrie, dass sie von allen bösen Geistern verfolgt werde.
Das Gesicht drückt Verstörtheit aus – Dummheit – Furcht.
Sie fällt in Trance; sagt, dass sie unter dem Einfluss von Geistern stehe, mit ihnen gesprochen und auch Botschaften von Gott erhalten habe; hält emphatische Predigten, verkündet Prophezeiungen.
Glaubt sich ganz allein in Wildnissen, wie verlassen, und fürchtet sich; es springen Gestalten von Thieren ihm zur Seite plötzlich aus der Erde hervor, daß er auf die Seite fährt, wo ihn aber schon wieder ähnliche Gestalten verfolgen und er vorwärts läuft.a
Unsinnige Vorstellung, als werde er geschlachtet, gebraten und gefressen werden.a
Meint, doppelt vorhanden zu sein oder quer im Bett zu liegen.
Blutandrang zum Kopf, mit wildem, geschwätzigem Delirium.
Geschwätziger Wahnsinn: er klagt, ein Hund zerbeiße und zerfleische ihm die Brust.a
Wahnsinn: läuft herum und klagt über heftige Kopfschmerzen; glaubt im Grab zu liegen; beichtet, betet, will getötet werden; will geküsst werden; klagt seine Frau der Untreue an; schimpft, schlägt in seiner Wut um sich, will sich nicht anfassen lassen; hält Menschen für Hunde und bellt sie an; behauptet, eine hochgestellte Persönlichkeit zu sein.
Akute Manie: Er droht, mit dem Messer auf die Umstehenden loszugehen; die Möbel zu zerschlagen; sich aus dem Fenster zu stürzen.
Glaubt Schlangen in sich zu haben; spricht von Eidechsen und Würmern auf seiner Kleidung und in der Luft.
Religiöser Wahnsinn: blickt fromm und betet; redet und singt wie erleuchtet; verzweifelt an ihrem Seelenheil.
Wuth, Menschen zu morden.a
Wuth, sich selbst zu morden.a
Sehr wechselhaftes Verhalten oder Befinden: abwechselnd Todeserwartung und Raserei; lächerliche Gebärden und Melancholie; Hochmut und Untröstlichkeit; Lachen und Stöhnen.
Obszöne Gedanken und Handlungen; suchte zu beißen oder Fliegen zu fangen.
Er singt und führt unzüchtige Reden.a
Schneidet Grimassen und imitiert Bewegungen, Haltungen und Stimmen verschiedener Tiere. Lacht.
Selbstmordneigung; will eine Rasierklinge, um sich die Kehle durchzuschneiden.
Gewissensbisse; glaubt, nicht ehrlich oder ehrenhaft zu sein.
Wenn er getadelt wird, weiten sich sofort die Pupillen.
Das Kind ist sehr widerspenstig; schlägt oder beißt.
Er nimmt beim Treppenabsteigen jedesmal zwei Stufen, weil er sie für eine hält, und bemerkt es nicht eher, als bis er fällt.a
Nasenflügel weiß, Gesicht rot.
Stete Bitterkeit im Munde, und auch die Speisen schmecken alle bitter.a
Alles schmeckt strohähnlich.a
Solche Geschmacklosigkeit, daß er fast ein Pfund Essig in einem Zuge ausleerte, ohne es zu schmecken.a
Zunge: weißlich, mit feinen roten Punkten; in ständiger Bewegung; geschwollen, hängt zum Munde heraus.
Abneigung gegen Flüssigkeiten; gegen Wasser, allein sein Anblick verursacht Krämpfe.
Heftige Begierde, zu beißen und alles mit den Zähnen zu zerreißen.a
Geifer vor dem Munde und häufiges Ausspucken.a
Großes Verlangen nach Saurem; besser durch Essig.
Sehr heftiger Schluckauf.
Ausgesprochen salziger Speichelfluss.
Erbrechen: wässrig; von Galle und Schleim; einer dunklen, grünlichen Masse, vermischt mit Gegessenem; grüner Galle; grünen Schleims.
Reißender Schmerz im Unterleibe, als wenn der Nabel herausgerissen würde …a
Blähungen im Bauch wecken sie auf; schreit, weil sie glaubt, sie sei voller kriechender Wesen.
Gefühl, als sey die Harnröhre zu enge und unvermögend, sich auszudehnen.a
Beim Harnlassen, unter öfterm Nöthigen und Drängen, bildet sich kein Strahl, der Urin geht … nur tropfenweise ab, … doch ohne irgendeine schmerzliche Empfindung in der Harnröhre, außer daß es ihm deuchtet, als würde ein cylindrischer Körper durch die Harnröhre herausgeschoben. Nach Essigtrinken entstand wieder ein dünner Strahl, und er ward auch nicht so oft zum Harnen genötigt.a
Sexuelle Erregung. … Hände ständig an den Genitalien.
Nymphomanie.
Metrorrhagie mit außerordentlicher Geschwätzigkeit, mit Singen, Beten und Lobpreisen.
Zurückschreckender Blick beim Erwachen (bei Metritis).
Aphonie; Aphasie; Stottern.
Extremes Erstickungsgefühl.
Hartes Drücken vorn auf den Brustknorpeln der dritten und vierten Ribbe, mit schwierigem Athem, dessen er nicht genug einziehen kann, ohne große Aengstlichkeit.a25

25

Von Allen und Hering wird das Komma vor „ohne große Aengstlichkeit“ weggelassen, was wahrscheinlich richtig ist. Somit wäre der Sinn des Satzes, dass der Prüfer (Franz) nur mit „großer Aengstlichkeit“ tiefer einatmen konnte.

Beim Husten im Sitzen zucken die Beine hoch.
Empfindung, als wenn sich etwas in der Brust herumkehrte …a
Zwerchfellentzündung.
Die Arme werden umhergeschleudert; nach oben geworfen.
Schlägt mit dem einen Arm und greift mit dem anderen.
Die Untergliedmaßen knicken zusammen beim Gehen.a
Fällt über die eigenen Füße.
Finger taub.
Fersen taub, manchmal schmerzhaft.
Stürzt bei vollem Bewusstsein nieder; ist so weit nach hinten gebogen, dass die Fersen den Hinterkopf berühren; schnellt dann plötzlich wieder nach vorn.
Fällt im Dunkeln; bei Licht kann er gut gehen.
Die willkürlichen Muskeln gehorchen dem Willen nicht.
Anhaltender Klamm an beiden Händen und Füßen.a
Große Beweglichkeit der Gliedmaßen.
Seltsame unwillkürliche Bewegungen, große Gelenkigkeit.
Gefühl, als wenn jeder Theil der Gliedmaßen im Gelenke von dem andern völlig abgesondert wäre …a
Gefühl in den Armen und Beinen, als wenn diese Glieder von dem Körper getrennt da wären.a
Er fühlt seine Hände und Füße in den Gelenken wie abgelöset …a
(Und so weiter … Konvulsionen, Chorea, Hysterie, Epilepsie etc.)
Sobald sie einnickt, bricht starker Schweiß aus. (coniumCONIUM)
Beim Aufwachen nimmt er ein komisch majestätisches Ansehn an.a
Er … erwacht mit einer wichtigen und feierlichen Miene.a
Beim Erwachen: weiß nicht, wo er ist; erkennt niemanden; erwacht schreiend; scheint erschrocken, weicht zurück oder springt aus dem Bett; auf einen Punkt fixierte, starrende Augen.
Gefühl, als ob kaltes Wasser ihren Rücken hinuntergeschüttet würde.
Gefühl, als würden Feuerfunken vom Magen her zu den Augen schießen.
Es ist wichtig, dass wir die Gegensätzlichkeit der Zustände erkennen, die Stramonium hervorrufen (und heilen) kann! Fluchen und Beten (wie bei jenem Jungen, den man in irgendwelchen Gängen oder abgelegenen Winkeln wieder auf die Beine zerren musste, weil er dort im Gebet auf die Knie gesunken war – ich hatte einen solchen Fall). Verlangen nach Licht, mit Unfähigkeit, im Dunkeln zu gehen oder zu schlafen (wie bei dem jungen Mann, der unbedingt eine Nachtbeleuchtung haben musste und das ganze Haus zusammenschrie, wenn sie einmal ausging), gleichzeitig aber Krampfanfälle, die beim Anblick von hellen Gegenständen stets erneut auftreten. Oder auch: Heftigste Konvulsionen mit grässlichen Verzerrungen des Gesichts – und andererseits die (charakteristischen) „unkoordinierten, graziösen, rhythmischen Bewegungen im Delirium oder bei Chorea, die so verschieden sind von den eckigen Zuckungen hyoscyamusvon HYOSCYAMUS“. (All das durch eigene Fälle bestätigt.)
Ich erinnere mich an mehrere bemerkenswerte Beispiele für die rasche Heilwirkung von Stramonium. Zwei Fälle, die ich früher einmal an den Rand von Allens Encyclopedia gekritzelt habe, kommen mir da gerade wie gerufen.
(1) Vor vielen Jahren, als nach langer Pause wieder einmal eine Grippewelle durch das Land zog, die die Ärzte mächtig in Aufregung versetzte und eine große Zahl von Opfern forderte (darunter einen der Prinzen), blieb auch ein großer, kräftiger Schotte von der Epidemie nicht verschont. Er hatte sehr hohes Fieber, fürchterliche Schmerzen „ganz innen drin im Kopf“ 26

26

„Right in the hairt of my heed“ lässt Tyler den Schotten sagen.

, wie er es später ausdrückte, war delirant und erbrach eine grünliche Masse. Aber das „sonderliche, ungewöhnliche und eigenheitliche“ Symptom war, dass er sagte, das Glas Wasser, das seine Frau ihm gebracht hatte, sei schwarz und auch ihr Gesicht sei schwarz. Dieses ‚Schwarzsehen‘ ließ mich an Stramonium denken, und innerhalb weniger Stunden wurde er durch Stramonium C 30 geheilt.
Fall (2), den ich längst vergessen hätte, aber wohl zur gleichen Zeit wie den ersten an den Rand gekritzelt habe, lautet: „Alice“ (ein Dienstmädchen), „den ganzen Tag starke Kopfschmerzen, genau in der Mitte des Kopfes, geheilt durch eine Gabe Stramonium C 30.“
Über einen dritten Fall aus jüngerer Zeit will ich an dieser Stelle ausführlicher berichten. Es war ein ganz erstaunlicher Fall …
Eine 33-jährige Frau wurde am 17. Januar 1930 ins L. H. H.27

27

Wahrscheinlich: London Homœopathic Hospital.

eingeliefert. Der Schulmediziner, der sie einwies, hatte sie in den vorangegangenen 14 Tagen wegen Pyelitis und häufiger Herzanfälle behandelt – bei einer Temperatur von vierzig Grad Celsius – und das Jahr zuvor wegen „Mitralinsuffizienz und Albuminurie“.
Bei der Einlieferung war viel Eiter und Blut im Urin vorhanden, und sie hatte Schmerzen in der Lendengegend sowie Schwierigkeiten beim Wasserlassen. Offensichtlich war sie sehr krank, doch zeigte die Lungenuntersuchung bei der Aufnahme noch keinerlei Auffälligkeiten.
Am nächsten Tag war sie gegen Abend unruhig und deliriös, mit krankhaften Ängsten; die Temperatur betrug 40,5 °C; Atmung 24/min.
Am dritten Tag Temperatur 40–40,5 °C; Atmung jetzt 44. Sie hatte sehr schnell eine beidseitige Pneumonie entwickelt; Haut gerötet, heiß, trocken; Delirium; Durst. In der Nacht dann Unruhe mit Zuckungen in Gesicht und Händen; Temperatur 40 °C; Atmung 34–48 (trotz phosphorusPHOSPHORUS C 30, das sie in sechsstündigen Abständen bekommen hatte). Und sie hatte in vierundzwanzig Stunden nur 312 ml Urin ausgeschieden.
Am vierten Tag vermehrtes Zucken des Gesichts und der Hände; und – ein seltsam ‚engelhaftes‘ Lächeln während des Deliriums. Wenn man sie wachrüttelte, war sie bei Bewusstsein. Ich stellte fest, dass das Fieber immer mittags am höchsten war („z.B. heute 40,2 °C“).
Ich nahm mir den Fall noch einmal vor, wobei ich besonders die ungewöhnlichen und charakteristischen Symptome berücksichtigte.
Bei Fieber mittags gibt es in Kents Repertorium sieben Mittel, davon nur eines kursiv – Stram.
Die ‚graziösen‘ Spasmen und Zuckungen des Gesichts – „Die Gesichtsmuskeln spielen ständig im Delirium“ [Hering] – wieder Stramonium.
Auch sprach der Charakter des Deliriums, dem die Heftigkeit belladonnavon BELLADONNA fehlte, im Verein mit dem Fieber, der trockenen, heißen Haut und der geringen Harnsekretion stark für Stramonium. So erhielt die Patientin mittags – am vierten Tag nach ihrer Einlieferung, am zweiten Tag der Pneumonie – Stramonium M, in drei vierstündlichen Gaben.
Das Resultat war ganz erstaunlich: eine ruhigere Nacht; keine Zuckungen mehr, kein Delirium; wieder voll bei Bewusstsein; Temperatur fallend!
Am nächsten Tag stieg das Fieber noch einmal an, aber um 20 Uhr, nicht mittags, und nur auf 39,9 °C, also etwa einen halben Grad niedriger. Sie erhielt drei weitere Dosen Stramonium, diesmal als 10 M, und nun fiel die Temperatur, nur unterbrochen durch einen vorübergehenden kleinen Anstieg, auf einen subnormalen Wert, der einige Tage lang unverändert blieb.
Einen Tag später gab ich ihr, da sie matt und schläfrig war und irgendwie ‚toxisch‘ aussah, dreimal arnica montanaARNICA 200, und danach brauchte sie keine Medizin mehr.
Also: Am zweiten Tag ihrer Lungenentzündung hatte die Patientin Stramonium bekommen, und nur drei Tage später war die Temperatur subnormal! Am 18. Februar wanderte sie bereits auf der Station herum, und vierzehn Tage später wurde sie entlassen – „Lunge o.B., Herz o.B., Urin o.B.; Patientin geht es gut.“
Das Interessante an diesem Fall war die Schwere der Erkrankung (der einweisende Arzt hatte, noch bevor die beidseitige Pneumonie hinzukam, geglaubt, sie würde an der Pyelitis und dem Herzleiden sterben) sowie das ungewöhnliche Heilmittel bei Nierenbekken- und Lungenentzündung. Der Fall zeigt, wie die heilende Arznei mit Hilfe weniger, aber charakteristischer Symptome gefunden wurde; nicht aufgrund von irgendwelchen Entzündungssymptomen, nicht aufgrund der ‚Krankheitsnamen‘, sondern aufgrund von Symptomen dieser individuellen Kranken.
Hier legte Hahnemanns „Inbegriff der charakteristischen Zeichen und Symptome“ ein Mittel nahe, dem die Patientin ohne Zweifel ihr Leben verdankt.
Und damit wollen wir Stramonium verlassen. Richtig angewandt, ist es ein wunderbares Heilmittel – wie sie es alle sind! –, und doch ist diese Arznei Hale Whites Materia Medica, jenem Lehrbuch für das Medizinstudium, nur einundzwanzig kurze Zeilen wert.
Die Dinge kommen ja allmählich in Bewegung, doch ich frage mich, wie lange es wohl noch dauern wird, bis man Medizinstudenten erlauben wird, ihre Materia-medica-Kurse bei uns zu belegen! Wir trachten nicht danach, eine eigene medizinische Schule zu betreiben; die anderen Fächer können besser woanders unterrichtet werden, wo die nötigen Apparate und dazu erstklassige Lehrer zur Verfügung stehen, aber Materia medica! – Du lieber Himmel! Kein Wunder, dass so viele Ärzte ihr „Vertrauen in die Schulmedizin verloren“ haben.
Nash bringt einen Fall von akutem Wahnsinn, den er mit Stramonium geheilt hat:
„Eine Dame um die 30, die sich auf einem Ausflug im Sonnenschein zu stark erhitzt hatte. Sie war ein angesehenes Mitglied der presbyterianischen Kirche, hielt sich nun aber für verloren und ließ mich sechs Morgen hintereinander rufen, damit ich bei ihrem Tod anwesend sei. Verloren, verloren, auf ewig verloren! – das war ihr einziges Thema, und sie bat den Pfarrer, den Arzt und jedermann, für sie und mit ihr zu beten. Tag und Nacht sprach sie von nichts anderem. Ich musste sie abends in ihrem Zimmer einschließen lassen, denn sie tat nachts kein Auge zu und ließ auch sonst niemanden im Haus schlafen.
Sie bildete sich ein, ihr Kopf sei so groß wie ein Scheffel, und ließ mich ihre Beine untersuchen, von denen sie behauptete, sie seien so groß wie eine Kirche. Nachdem ich sie wochenlang ohne die geringste Besserung ihres Zustandes mit glonoinumGLONOINUM, lachesisLACHESIS, natrium carbonicumNATRIUM CARBONICUM und anderen aufgrund der Ätiologie gewählten Mitteln behandelt hatte, gab ich ihr schließlich Stramonium, das auf ihre Symptome passte, und binnen 24 Stunden war jede Spur ihres religiösen Wahnsinns verschwunden. … Die Patientin hatte bereits in die Anstalt von Utica geschickt werden sollen.“ (Nash hatte ihr die 6. Potenz verabreicht.)

Sulfur

Weitere Namen: Schwefel
Sulfur ist eines der größten Polychreste überhaupt – Hahnemanns König der ‚Antipsorika‘ (also der Heilmittel nichtvenerischer chronischer Krankheiten); und Schwefel ist zugleich ein Bestandteil des Protoplasmas, weshalb er nicht nur in jedem Gewebe und Organ des Körpers vorkommt, sondern dort auch überall Symptome hervorruft und heilt. Sein breit gefächerter Anwendungsbereich bei der homöopathischen Verschreibung erhellt aus der Tatsache, dass Allens Encyclopedia nicht weniger als 4085 Symptome aufführt, jedes von ihnen mit einer Referenznummer versehen, die auf die Quelle (einschließlich, soweit bekannt, der angewandten Dosis) verweist.
Hahnemann sagt von Sulfur: 28

28

Im 4. Band der Reinen Arzneimittellehre.

„Und so wird der homöopathische (der einzig naturgemäße) Arzt noch gar viele, wichtige Krankheitszustände antreffen, für welche er in den Schwefel- und Schwefelleber- [hepar sulfurisHEPAR SULFURIS-]Symptomen viel Hülfe entdecken und erwarten kann.“
Er weist auf die Ähnlichkeit der von Sulfur hervorgerufenen Ausschläge mit denen der Krätze hin – auf „das Eigenthümliche des jückenden Ausschlags, welchen Schwefel erzeugen kann, woraus zwar ein der Krätze ähnliches (homöopathisches) Uebel, aber nicht dasselbe, zum Vorschein kömmt. Und nur ähnliche Uebel erregende Arzneien befiehlt die Homöopathie zur Heilung anzuwenden. … Nie aber, und nie hat diese Lehre eine gleiche und dieselbe Krankheit mit den Arzneien hervorbringen wollen, sondern stets nur eine, ähnliches Uebel erregende Arznei zur Kur zu wählen gelehrt. … So ähnlich auch Canova's Bildsäule dem Gefangenen auf St. Helena gewesen seyn mag, so ist sie doch kein Napoleon! Begreift der dumme Widersacher das nicht? Begreift er denn gar nicht den Unterschied, welcher zwischen identisch (gleich) und ähnlich statt findet? oder will er ihn nicht begreifen?“ Und im Folgenden nennt er die Unterschiede zwischen „der Krätze der Wollarbeiter“ und den „von Ansehn sehr ähnlichen Blüthen und Bläschen“, die der Schwefel hervorbringt.29

29

Siehe die Fußnote zum Symptom Nr. 621 in der Reinen Arzneimittellehre.

In der Reinen Arzneimittellehre spottet Hahnemann noch über die Vorstellung, Krankheitsprodukte zur Heilung von Krankheiten einzusetzen30

30

„Da sie [die Homöopathie] sich der Arzneien zur Hülfe bedient, und nicht der Erregungsursachen der Krankheit, also nicht so thöricht ist, Schankergift zur Heilung der venerischen, oder Krätzmiasma zur Kur der Krätzkrankheit zu brauchen …“ (ebd.)

; später aber, in seinen Chronischen Krankheiten und auch im Organon (doch wohl nur in den späteren Ausgaben31

31

Selbst noch in der 6. Auflage des Organon bringt Hahnemann jedoch eher seine Skepsis gegenüber der Verwendung von Krankheitsprodukten zum Ausdruck. In der Fußnote zum § 56 schreibt er: „Aber mit -einem menschlichen Krankheitsstoffe (z.B. einem Psorikum von Menschen-Krätze genommen, gleiche menschliche Krankheit, Menschen-Krätze oder davon entstandene Uebel) heilen wollen – das sei fern! Es erfolgt nichts davon als Unheil und Verschlimmerung der Krankheit.“

), kommt er zu der Auffassung, die sich inzwischen als richtig herausgestellt hat, dass nämlich Krankheitsprodukte durch die Zubereitung und Potenzierung so verändert werden, dass sie nicht länger idem, sondern simillimum sind. Und Hahnemann selbst war es ja auch, der den Inhalt der Krätzepusteln zubereitete, potenzierte und prüfte (die Prüfung ist in Stapfs Archiv zu finden, vgl. das PSORINUM-Kapitel im vorliegenden Band) und dadurch die große Ähnlichkeit der psorinumPSORINUM-Symptome mit denen von Sulfur aufzeigte – ebenso wie die großen Unterschiede; und so haben wir von ihm gelernt, wann wir das eine Mittel und wann das andere zu verschreiben haben.
Man nimmt sogar an, dass Hahnemann später in einem gewissen Umfang noch einige andere Krankheitsprodukte geprüft und angewandt hat – wenngleich er uns keine Anleitung zu ihrer Anwendung an die Hand gegeben hat, da sie „noch lange nicht genug ausgeprüft sind, daß man sichern homöopathischen Gebrauch von ihnen machen könne“32

32

Chronische Krankheiten, Band 1, S. 188.

(siehe einen interessanten Artikel über dieses Thema in Homœopathy, Band 1, S. 462).
Wie dem auch sei, Sulfur ist jedenfalls eines unserer ganz großen ‚Hautmittel‘, aber natürlich nur bei solchen Hautleiden, die es auch erzeugen kann, oder bei typischen Sulfur-Patienten. Es hat Furunkel (anthracinumwie ANTHRACINUM, tarantula cubensisTARANTULA CUBENSIS, arnica montanaARNICA, bellis perennisBELLIS -PERENNIS und eine Vielzahl anderer Mittel, jedes auf seine eigene Art): Massen von Furunkeln, einer dem anderen folgend. Extremer Juckreiz; „wohllüstiges“ Jucken, besser durch Kratzen, anschließend häufig Brennen; schlimmer in der Bettwärme (mercurius (solubilis)MERCURIUS). „Trockene, raue, schuppige oder juckende Haut, die dazu neigt, aufzuspringen oder zu eitern; will nicht heilen“ (hepar sulfurisHEPAR, siliceaSILICEA); pustulöse Ausschläge.
Sulfur-Ausschläge können auch mit anderen Beschwerden alternieren, zum Beispiel mit Asthma (arsenicumARSENICUM etc.).
Als Kind besaß ich ein heißgeliebtes Rätselbuch, in dem geschrieben stand: „Schwefel kommt aus den Vulkanen und ist gut für Eruptionen“ [eruptions, was auch Hautausschläge bedeutet]; und in meiner Vorstellung bringe ich ihn oft mit dem Feuersee33

33

Offenbarung 20,15: „Und wenn sich einer nicht eingeschrieben fand im Buche des Lebens, wurde er in den Feuersee geworfen.“ In Offenbarung 21,8 wird dieser als ein See beschrieben, „der von Feuer und Schwefel brennt“.

und mit ewigem Brennen [Fegefeuer] in Verbindung. Und tatsächlich verursacht Sulfur Brennen – brennende Schmerzen in den Augen, den Lippen, der Zunge; in Nasenlöchern, Gesicht, Hals; im Schlund und Rachen; im Magen und Abdomen; im After; bei Hämorrhoiden etc.; zwischen den Schulterblättern (lycopodiumLYCOPODIUM, phosphorusPHOSPHORUS); in den Fingern, Handflächen (phosphorusPHOSPHORUS), Knien und, besonders nachts, in den Füßen; in den Fußsohlen, in Hühneraugen, in Frostbeulen, in der Haut des ganzen Körpers, in den Körperteilen, auf denen man liegt. Die Sulfur-Hautausschläge brennen. Es gibt aber auch ein Brennen, das sich auf kleinere oder größere Areale beschränkt, bei gleichzeitiger Kälte anderswo, wie z.B. kalte Füße bei brennendem Kopf oder Gesicht – ähnlich wie natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM eine ungleichmäßige Verteilung der Körpersäfte haben kann, etwa Durchfall bei trockenem Mund oder „Trockenheit der Schleimhäute bei wässrigen Absonderungen anderenorts“.
Sulfur rötet Körperöffnungen wie kein anderes Mittel“: Lippen (tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM); Augenlider (graphitesGRAPHITES); Nasenlöcher – rot, schmutzig und schleimgefüllt (aurumAURUM); Anus – mit Jucken und oft mit wundmachenden Stühlen. Es ist ein großes Mittel bei Hämorrhoiden, und ich habe selbst gesehen, wie Sulfur in tiefer Potenz sie bei jemandem hervorbrachte, der nie zuvor und danach welche gehabt hatte. Die alten ‚Tiefpotenzler‘ hatten bei Hämorrhoiden ihre eigene (und nicht selten erfolgreiche) Heilmethode: Sie gaben Sulfur im Wechsel mit nux vomicaNUX VOMICA (es sind Komplementärmittel). Sie hätten es damals für eine Schande gehalten, Hämorrhoiden operieren oder veröden zu lassen.
Sulfur produziert Symptome vom Scheitel bis zur Sohle. Am Scheitel bringt es drückende Schmerzen hervor, die auch an lachesisLACHESIS, belladonnaBELLADONNA, glonoinumGLONOINUM u. a. denken lassen, während es an den Fußsohlen so starkes Brennen erzeugt, dass die Füße aus dem Bett gestreckt werden müssen (pulsatillaPULSATILLA, medorrhinumMEDORRHINUM, chamomillaCHAMOMILLA).
Sulfur ist natürlich auch ein wichtiges Mittel bei Magen- und Darmstörungen. Der Magen fühlt sich leer und ‚flau‘ an, vor allem gegen 11 Uhr vormittags (oder mittags, oder eine Stunde vor dem Mittagessen). Auf der anderen Seite wird Ihnen ein Sulfur-Patient nicht selten berichten, dass er zum Frühstück keinen Appetit habe; später aber verhungert er beinahe. Und die typische Sulfur-Diarrhö (oftmals chronisch) peinigt ihr Opfer mit drängenden Stühlen oder Durchfällen am frühen Morgen, lässt es dann aber für den Rest des Tages in Ruhe.
Es wäre unmöglich, an dieser Stelle alle fett oder gesperrt gedruckten Sulfur-Symptome, also die immer wieder hervorgerufenen und mehrfach mit Sulfur geheilten Symptome wiederzugeben; sie sind viel zu zahlreich für den hier zur Verfügung stehenden Raum. Stattdessen wollen wir uns ein wenig mit Kent befassen, um von den Erfahrungen zu profitieren, die dieser große Meister in seiner ausgedehnten und erfolgreichen Praxis sowie bei seiner jahrelangen Lehrtätigkeit auf dem Gebiet der Materia medica gesammelt hat. Je mehr man sich mit Kent beschäftigt, desto größer wird das Bedürfnis danach! Er hat wohl mehr als jeder andere den Geist Hahnemanns in sich aufgenommen und sich um die Weitergabe, Interpretation und Verewigung seiner Lehren verdient gemacht.
Kent schreibt: „Sulfur ist ein so umfassendes Mittel, dass man kaum weiß, wo man anfangen soll. Es scheint mit allen Krankheiten des Menschen Ähnlichkeit zu haben, und wenn ein Anfänger die Prüfungen von Sulfur durchliest, könnte er leicht meinen, dass er gar kein weiteres Mittel mehr benötige, da in diesen Prüfungen ein Abbild jeder Krankheit enthalten zu sein scheint. Aber“, so fährt er fort, „es heilt durchaus nicht alle Krankheiten, und man tut gut daran, es nicht kritiklos anzuwenden. Es scheint, dass Ärzte umso häufiger Sulfur verabreichen, je weniger sie von der Materia medica verstehen. Doch auch von guten Homöopathen wird es sehr viel gegeben, sodass aus der Häufigkeit der Verschreibung von Sulfur nicht auf Wissen oder Unwissen eines Arztes geschlossen werden kann.
Der Sulfur-Patient ist ein schmaler, hagerer, hungriger und dyspeptischer Typ mit Hängeschultern; doch wird das Mittel oft auch von dicken, rundlichen und wohlgenährten Menschen benötigt. …
Ein Sulfur-Zustand wird manchmal durch lange Perioden einseitiger Ernährung herbeigeführt, wie sie nicht selten bei Stubenhockern vorkommt, die ihre Tage mit Studieren, Nachdenken und philosophischen Betrachtungen verbringen und sich deshalb nicht genug bewegen. Sie stellen bald fest, dass sie nur noch die einfachsten Speisen vertragen, die aber nicht ausreichen, den Körper gesund zu erhalten, und so verfallen sie am Ende in eine Art ‚philosophischen Wahnsinns‘.
Bei einem anderen Patiententyp können wir die Sulfur-Konstitution schon vom Gesicht ablesen; es sind Menschen mit einem runzligen Gesicht und schmutzig-rötlichen Teint. … Wenn es sich um ein Kind handelt, mag die Mutter das Gesicht noch so häufig waschen, es wird bestenfalls aussehen wie nach einer Katzenwäsche. …
Der Sulfur-Gelehrte oder Erfinder arbeitet Tag und Nacht in verschlissenen Kleidern; sein Hut ist verbeult, die Haare lang und ungepflegt, das Gesicht ungewaschen. In seinem verdreckten Arbeitszimmer herrscht ein völliges Durcheinander; Bücher und Papiere liegen wahllos aufeinandergestapelt im Zimmer herum; es gibt nicht die geringste Ordnung. Diese Unordentlichkeit scheint von Sulfur hervorgerufen zu werden; sie geht einher mit Unreinlichkeit, Selbstbezogenheit und einer typischen Haltung des ‚Was kümmert's mich‘. Der Patient wird ein Pseudophilosoph, und je länger dieser Zustand anhält, desto enttäuschter ist er, dass die Welt ihn nicht für den bedeutendsten Menschen auf Erden hält. … Das Hemd, das er trägt, hat er schon seit vielen Wochen an, und wenn er keine Frau hätte, die auf ihn aufpasst, würde er es tragen, bis es ihm vom Leibe fällt.“ (Mit einer Art Triumphgefühl habe ich beobachtet, wie ein oder zwei Gaben Sulfur bei einem solchen Patienten ein sauberes Hemd ‚bewirkten‘!) „Sauberkeit gilt dem Sulfur-Patienten nicht viel“, sagt Kent. „Das Mittel ist selten angezeigt bei reinlichen Menschen, umso häufiger dagegen bei solchen, die Unsauberkeit nicht stört. …
Das Sulfur-Kind leidet an katarrhalischen Absonderungen aus Nase und Augen etc., und die Mutter wird Ihnen erzählen, dass das Kind die Nasensekrete herunterschluckt. Nun, das ist merkwürdig, denn üblen Gerüchen gegenüber ist Sulfur äußerst empfindlich, er ekelt sich davor; die ekligen Dinge selbst aber nimmt er in den Mund und schluckt sie herunter. Ihm kann sogar schlecht werden vom Geruch seines eigenen Körpers, seines eigenen Atems. … Der Geruchssinn ist so übersteigert, dass er ständig irgendwelchen üblen Gerüchen auf der Spur ist und sie sogar zu riechen meint, wo er sich in Wirklichkeit nur an sie erinnert. …
Die Absonderungen von Sulfur sind nicht nur übelriechend, sondern auch wundmachend. …“ Nasensekrete, Fäzes etc. verursachen Brennen, und die Umgebung der entsprechenden Körperöffnung wird rot, entzündet und wund. Furunkel – Eiterungen – Abszesse – Ausschläge: stets sind sie mit Brennen verbunden. Brennen zieht sich durch das ganze Mittelbild. Brennen der Fußsohlen, der Handflächen, am Scheitel. Verschlimmerung in der Bettwärme. Nächtliche Verschlimmerung von Beschwerden ist ein typisches Merkmal von Sulfur. … Und so weiter, über viele Seiten hinweg.
Sulfur hat manche sonderbare Empfindungen, denen man vielleicht nicht oft begegnet, die aber, wenn sie vorhanden sind, sehr hilfreich sein können: Gefühl, als ob ein Band fest um die Stirn geschnürt wäre oder wie von einem Reif um den Kopf; als ob das Bett zu klein für ihn wäre; als ob er hin und her schaukelte oder auf wankendem Boden stünde; als ob das Gehirn bei Bewegung des Kopfes an den Schädel anschlüge; als ob der Kopf bersten wollte; als ob die Kopfhaut lose wäre; als ob die Augen durchstochen worden wären; als ob Klänge nicht zu den Ohren, sondern zur Stirn hereinkämen; wie von einem Pflock im Hals oder als ob ein Haar im Schlunde läge; Därme wie verknotet; als ob die Därme zu schwach wären, um ihren Inhalt zurückzuhalten; wie von einem Eisklumpen in der Brust; als ob die Brust beim Husten oder tiefen Einatmen in Stücke flöge; als ob eine Maus die Arme und den Rücken hinaufkrabbelte (siehe calcarea carbonicaCALCAREA); als ob das obere Drittel der linken Lunge mit dem Schulterblatt vernietet wäre … u. v. a. m.
Sulfur hat auch einige recht schrullige Geisteshaltungen. Wie Guernsey es ausdrückt: „Phantastische Vorstellungen, besonders wenn jemand alles in Schönheit verwandelt, z.B. wenn ihm ein alter Lumpen oder Stecken wie ein wunderschönes Stück handwerklicher Arbeit erscheint: Alles, woran der Patient Gefallen findet, sieht schön aus. … Wunsch, etwas anzufassen.34

34

Das vollständige Symptom lautet bei Guernsey: „Wishing to touch something, with inability to do so“. Den Sinn dieses Satzes verstehe ich so, dass man unbedingt etwas anfassen möchte, wenn man es nicht kann oder darf.

“ … Ich habe letzteres Symptom des Öfteren bei Kindern beobachtet, nur konnte ich es nie in den Büchern finden!
Sulfur ist eine jener Arzneien, die Periodizität aufweisen: Kopfschmerzen zum Beispiel, die alle sieben oder vierzehn Tage auftreten; „intermittierende, periodische Neuralgie mit Verschlimmerung alle 24 Stunden, gewöhnlich gegen Mittag oder Mitternacht“; Durchfall um fünf Uhr früh.
Der Sulfur-Patient hasst Baden, oder es verschlimmert seinen Zustand. Und obwohl er ein ‚warmblütiger‘ Typ ist, geht es ihm durch Nässe oder nasskaltes Wetter schlechter.
Das Mittel ist berühmt dafür, dass es sich hinschleppende akute Zustände zum Abschluss bringt: Pneumonien – seröse Exsudationen im Gefolge von Entzündungen (bei Pleuraergüssen habe ich es selbst gesehen). Auch bei ständig rezidivierenden Beschwerden kann Sulfur indiziert sein (tuberculinum (bovinum)TUBERCULINUM).
Übrigens hat Schwefel in Vergiftungsfällen zu Konvulsionen geführt, und so ist Sulfur eines der ersten Mittel, an die ich bei Epilepsie denke – bei einem Sulfur-Patienten, oder wenn der Kranke früher einmal einen sulfurähnlichen Ausschlag hatte.
Als ich begann, meine Fälle mit dem Repertorium ‚auszuarbeiten‘, kam es mir so vor, als ob stets Sulfur dabei ‚durchgehen‘ müsste, so häufig erschien es in den verschiedenen Rubriken; dennoch ist dies keineswegs der Fall. Die Symptome von Sulfur sind sehr markant und auffallend; es hat seinen eigenen Platz und seine ganz eigene Wirkung, und es kommt, wie gesagt, oft in Frage, wenn schwierige und unübersichtliche oder sich hinschleppende Zustände zu bereinigen sind.
Um schnelle und zugleich ordentliche Arbeit in der ambulanten Patientenversorgung zu leisten, wenn die Wartezimmer – so wie bei uns – überfüllt sind und die Patienten trotzdem noch als Individuen (und nicht bloß als diese oder jene Krankheit) angesehen und entsprechend behandelt werden sollen, müssen wir die verschiedenen Arzneimittelbilder von Sulfur,sepia SEPIA, lycopodiumLYCOPODIUM und einem Dutzend weiterer häufiger Heilmittel von häufig vorkommenden Beschwerden aus dem Effeff beherrschen. Und wenn Sie ein oder zwei dieser Arzneiskizzen von Sulfur wirklich begriffen und das Mittel korrekt verschrieben haben, ist es oft erstaunlich, wie lange es Ihrem Patienten (wenn es sich um einen chronischen Fall handelt) helfen wird. Viele von ihnen kommen erst Monate später wieder und bitten um „die Medizin, die Sie mir immer geben und die mir immer so gut tut“. Ein anderes Mittel mit ganz klaren und leicht zu erkennenden Symptomen ist SEPIA; und wenn ich in das Krankenblatt einer Patientin schaue und dort SEPIA vermerkt finde, bin ich mir fast immer sicher, dass sie „Viel besser!“ sagen wird und dass es lange dauern kann, bis eine Wiederholungsgabe nötig sein mag.
Man möge mir verzeihen, dass ich so häufig von ‚Ambulanzpatienten‘ spreche; aber durch die ständige schwere Arbeit in der Ambulanz seit nunmehr über 30 Jahren hat sich mir so manches fest ins Bewusstsein eingeprägt.
Vor einigen Jahren habe ich bei der British Homœopathic Society eine kurze Abhandlung über Arzneimittelbilder eingereicht, die in Form einer kleinen Broschüre auch veröffentlicht wurde. Diese kleine Schrift fand so viel Anklang, und ich wurde so oft zu einer Fortsetzung derselben gedrängt, dass ich mich zum Verfassen dieses Buches entschlossen habe. Doch die Sulfur-Darstellung in jener Schrift war so kurz und prägnant – sie umfasste nur eine Seite –, dass ich sie hier noch einmal wiedergeben möchte:
Sulfur ist der „Philosoph in Lumpen“ genannt worden.
Ein streitlustiger, hängeschultriger Mensch, der immer auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit ist, in die er sich hineinfallen lassen kann.
Unordentlich, ungepflegt.
Sprödes, glanzloses Haar, das seinen eigenen, rebellischen Weg nimmt – wie sein Besitzer, der sich auch keinen Konventionen unterwirft.
Halb verhungert vor den Mahlzeiten sowie um 11 Uhr vormittags.
Isst alles.
Verlangen nach Fett. (Sulfur ist das einzige ‚warme‘ Mittel mit Verlangen nach Fett!)
Bekommt schnell Probleme mit der Kleidung, verträgt sie nicht gut auf der Haut, insbesondere kein Flanell.
Morgendiarrhö; hat danach aber für den ganzen Tag Ruhe.
Ein kurioser Aspekt der Sulfur-Mentalität ist die Bewunderung für etwas, was gar nicht bewundernswürdig ist. Lumpen können wunderschön erscheinen. Gerät über Dinge in Verzückung, an denen ein normaler Mensch nichts Bewundernswertes finden kann.
Schwefel kommt in jedem Gewebe des Körpers vor; und es gibt nichts, wo Sulfur nicht helfen könnte – bei einem Sulfur-Patienten.
Es ist das größte aller Polychreste.
Oder: Warme, immer hungrige Babys; strampeln die Bettdecke weg – unmöglich, sie nachts zugedeckt zu halten.
Sehr widerspenstiges Haar – rotblond (?) – rau und stumpf – wächst in alle Richtungen.
Kinder mit schmutzigen, ständig laufenden Nasen; wunde Nasenlöcher (aurumAURUM).
Körperöffnungen leuchtend rot: After, Nasenlöcher, Augenlider, Lippen.
Jucken am After.
Oder auch: Ältere Frauen mit Hitzewellen
Stoßen die Bettdecke von sich.
Hunger um 11 Uhr.
Strecken nachts ihre brennenden Fußsohlen [Füße] aus dem Bett, um sie zu kühlen (chamomillaebenso Cham., medorrhinumMed., pulsatillaPuls. und ein paar andere Mittel)35

35

Das Repertorium differenziert hier zwischen Füßen und Fußsohlen. Zweiwertig erscheinen in beiden -Rubriken noch Sang. und Sanic.; Med. muss in der Rubrik „Fußsohlen, entblößt sie“ dreiwertig nach-getragen werden, und Phos. (zweiwertig) ist für beide Rubriken eine Ergänzung von Vithoulkas. (Kap. M, Fußnote 4)

Nash sagt: „Jeder wahre Homöopath kennt den Wert dieser und vieler weiterer Sulfur-Symptome. Niemand sonst weiß sie zu schätzen. Auch wird niemand außer denen, die Sulfur in potenzierter Form verwenden, je erfahren, welche Heilkräfte sich hinter dem Mittel verbergen.“
Hauptsymptome36
Geist und GemütNärrisches Glücksgefühl, törichter Stolz, glaubt sich im Besitz wunderbarer Dinge; selbst Lumpen erscheinen ihm wunderschön.

36

Hering, Guiding Symptoms. Hahnemanns Symptome (mit dem Index a versehen) sind den Chronischen Krankheiten entnommen, die mit b gekennzeichneten Symptome entstammen der 1857 von Dr. Wurmb in der Zeitschrift des Vereins der homöopathischen Ärzte Oesterreichs veröffentlichten umfangreichen Prüfung; ein mit c bezeichnetes Symptom ist von Helbig beobachtet worden (Heraklides 1, 64).

Sie bildet sich ein, schöne Kleider zu haben, sieht alte Lumpen für schöne Kleider an, einen Rock für eine Jacke, eine Mütze für einen Hut.a37

37

Da auf dieses Symptom im Text so häufig Bezug genommen wurde, habe ich es hier eingefügt.

[Abends] sehr unaufgelegt zu Allem, zur Arbeit, zum Frohseyn, zum Sprechen und Bewegen …a
Trägheit des Geistes und Körpers …a
Niedergeschlagenheit.a
Oft des Tages, minutenlange Anfälle, wo sie sich höchst unglücklich fühlt, ohne Veranlassung, wie Melancholie; sie wünscht zu sterben.a
Grosse Neigung zu philosophischen und religiösen Schwärmereien.a
Angst um sein Seelenheil; Gleichgültigkeit gegenüber dem Los anderer.
Zu faul, um sich aufzuraffen, und zu unglücklich, um das Leben genießen zu können.
Hypochondrischer Trübsinn nach Unterdrückung eines Hautausschlags.
Angst davor, gewaschen zu werden (bei Kindern).
KopfHitze oben auf dem Scheitel, bei kalten Füßen; oft fliegende Hitze.
Gehirnaffektionen bei Kindern, die sich nicht gern waschen lassen und Pickel, Furunkel und andere Ausschläge haben – am Kopf, im Gesicht oder wo immer; sie zupfen an der Nase, haben rote Lippen, verlangen nach Saurem, fühlen sich vormittags schwach und können früh am Morgen Durchfall haben; sie schlafen unruhig, schrecken beim Einschlafen hoch, im Schlaf schreien sie auf oder murmeln, stöhnen, wimmern, schnarchen; Füße kalt am Morgen, heiß am Abend; sie rennen umher, mögen aber nicht stehen; sitzen gekrümmt und gehen gebeugt.
Starkes Jücken an der Stirne.a
Jücken auf dem Kopfe.a
Jückende Blüthen an der Stirn; beim Reiben stach’s darin.a
Knötchen an der Stirn, bei Berührung schmerzhaft.a
Ein eiterndes Knötchen am behaarten Theile des Kopfes gegen das Genick zu.b
Rückwärts am Haarkopfe einige entzündete Knötchen.b
Nässender Ausschlag am Scheitel, wie Kopfgrind, kleine, körnchenartige, mit eitrigem Exsudat erfüllte und zu honigartigen Borken vertrocknende Pusteln.b
Trockener, übelriechender, leicht blutender, brennender Ausschlag, beginnt am Hinterkopf und hinter den Ohren; schmerzhaft und rissig; Kratzen lindert.
Nässender, übelriechender Ausschlag auf dem Kopf, mit dickem Eiter, gelben Krusten, Bluten und Brennen.
AugenDie Gegenstände erscheinen entfernter, als sie sind.a
Gesichts-Verdunkelung beim Lesen.a
Trübsichtigkeit: plötzliche Anfälle von Tagblindheit; mit Schwäche der Augen, Blindheit, Katarakt oder Glaukom.
Derartige Augenschwäche (beim Lesen), als ob die Hornhaut ihre Durchsichtigkeit verloren hätte.b
Wie Flor vor den Augen, und trübsichtig für Nahes und Fernes.a
Trübsichtigkeit, wie durch Nebel, bei den Kopfschmerzen.a
Trübsichtigkeit beider Augen und grosse Empfindlichkeit derselben gegen helles Tageslicht.b
Trübsichtigkeit und Schwäche beider Augen mit unzähligen, verworrenen, vor den Augen schwebenden, dunklen Punkten (Myodesopsia).b
Keratitis parenchymatosa bei einem skrofulösen Patienten: Hornhaut wie Mattglas aussehend, große Lichtscheu, Lider geschwollen und leicht blutend.
Brennen in den Augen.a
Hitz-Gefühl in den Augen.a
Beissen in den Augen.a
Thränen der Augen, früh; darauf Trockenheit derselben.a
Thränen und Brennen der Augen, früh.a
Ausfliessen eines scharfen, beissenden Wassers aus den Augen.b
Tränen der Augen im Freien, Trockenheit im Zimmer.
Tränen der Augen, mit Jucken und Beißen darin.
OhrenEs ist ihm Etwas vor das linke Ohr getreten, so dass er Alles wohl hören, doch nicht Menschen-Sprache verstehen kann.a
Taubheit: nach vorheriger Überempfindlichkeit des Gehörs; durch Neigung zu Katarrhen; < nach dem Essen oder durch Schnauben der Nase.
Otitis: bei psorischen Patienten mit Neigung zu Hautausschlägen, Schnupfen und Blutandrang nach dem Kopf; durch einen Furunkel im Meatus; bei Kindern, die teilnahmslos und unaufmerksam wirken und plötzlich vor Schmerz aufschreien – und wo es fraglich erscheint, ob die auslösende Reizung im Gehirn oder im Darmkanal lokalisiert ist; als Komplikation bei Meningitis oder exanthematischen Fiebern; mit lanzinierenden, stechenden oder reißenden Schmerzen im Ohr, die zum Kopf und Hals ausstrahlen, < durch äußere Störungen, musikalische Klänge und Geräusche aller Art; besonders die (sprechende) menschliche Stimme wird schlecht verstanden; chronisch, mit eitriger Absonderung.
NaseGerötet und geschwollen, inwendig entzündet.
Geruch in der Nase, wie von altem, stinkendem Schnupfen.a
Uebler Geruch des Nasenschleimes beim Schnauben.a
Häufiges Niesen.a
GesichtSchmerzhafter Ausschlag um das Kinn.a
Leuchtende Röte der Lippen, besonders bei Kindern, bei fahler Gesichtsfarbe.
Lippen trocken, spröde und aufgesprungen.
MundMundfäule (Stomatitis ulcerosa); Aphthen.
Zahnweh: in der freien Luft; vom geringsten Luftzug; nachts im Bett; durch Ausspülen mit kaltem Wasser; mit Blutandrang zum Kopf oder Stichen bis ins Ohr.
HalsStiche im Halse, beim Schlucken.a
Trockenheit des Halses: zum Husten reizend; vorwiegend nachts; mit ständigem Verlangen, Speichel zu schlucken, um den betroffenen Bereich zu befeuchten.
Schmerzhaftes Zusammenziehen im Schlunde.
Röthe und Geschwulst der Mandeln.a
Schwellung des Gaumens.
Verlängerung des Zäpfchens.a38

38

Bei Hering (und Tyler) heißt es irrtümlich „palate“ statt Uvula.

MagenGanz ohne Esslust, aber beständiger Durst.a
Heisshunger, der ihn öfters Etwas zu essen nöthigt; isst er nicht, so bekommt er Kopfweh, grosse Lassheit [Mattigkeit] und muss sich legen.a
Appetit: übermäßig; Wolfshunger; Schwächegefühl mit starkem Verlangen nach Essen um 11 Uhr vormittags; gefräßige Kinder, stecken alles, was sie sehen, in den Mund, schlucken alles herunter, beobachten jeden beim Essen.
Unwiderstehliche Neigung zu Zucker.a
Krankheiten durch Essen von Süßigkeiten, Bonbons etc.
Starker Durst auf Bier.a
Verlangen nach alkoholischen Getränken, von morgens bis abends.
Starker Durst, und stets mehr Durst als Hunger.a
Mattes, leeres oder flaues Gefühl im Magen gegen 11 Uhr vormittags.
Schwere im Magen.a
Gefühl eines Gewichts im Magen.
AbdomenAuftreibung des Bauches von Blähungen.b
Knurren, Poltern und Kollern im Bauche.a
Viel Winde-Abgang, besonders Abends und Nachts; auch von Fauleier-Geruche.a
Abgang vieler geruchloser Blähungen.b
Rumpeln und Gluckern in den Därmen; dann schmerzloser Durchfall, der den Patienten um 5 Uhr früh aus dem Bett treibt.
Dicker Bauch und abgemagerte Glieder; Kinder wollen sich nicht waschen lassen.
Pfortaderstau: hämorrhoidale Kongestionen; mit Verdauungsschwäche, Obstipation etc.
Rektum, AnusPlötzliches Drängen zum Stuhl morgens beim Erwachen.
Stuhldrang mit Bauchschmerz weckt ihn gegen 5 Uhr früh.
Dünner Stuhl, alle Morgen, mit Schneiden im Unterbauche.a
Durchfall: nach Mitternacht; schmerzlos, treibt frühmorgens aus dem Bett; als ob die Därme zu schwach wären, ihren Inhalt zurückzuhalten.
Dysenterie: dem Kind wurde regelmäßig gegen 11 Uhr vormittags ganz schwach; frühmorgendliche Verschlimmerung.
Cholera asiatica: zur Prophylaxe wurde eine Prise pulverisierte Schwefelmilch in den Socken getragen, sodass diese Kontakt mit den Fußsohlen hatte; Durchfall beginnt zwischen Mitternacht und Morgen, mit oder ohne Schmerzen, mit oder ohne Erbrechen; erfolgloser Drang zur Stuhlentleerung; Durchfall und Erbrechen zur gleichen Zeit; Taubheit der Glieder, Krämpfe in Fußsohlen und Waden; blaue Ränder unter den Augen; Kälte der Haut; Gleichgültigkeit; während der Rekonvaleszenz rote Flecken, Furunkel etc.; Temperaturempfindlichkeit, Dinge, die nur warm sind, fühlen sich heiß an; Nervensymptome.
Brennen und Drücken im Rektum. – Jücken im Mastdarme.a
Verstärkter Blutandrang zu den Hämorrhoidalgefäßen.
Hämorrhoiden, nässend, blind oder dunkel blutend, mit heftigen, herabdrängenden Schmerzen vom Kreuz zum After.
Unterdrückte Hämorrhoiden, mit Kolik, Herzklopfen und Lungenkongestion; Rücken fühlt sich steif an, wie zerschlagen.
Große Hämorrhoiden, heftiges Brennen und Stechen im Anus; Drücken im Rektum während und nach dem Stuhlgang; Vollheitsgefühl im Mastdarm.
Brennen im After: nach einigem Sitzen; nach weichem Stuhl, abends.
Beständiges Drängen nach dem After.b
Drängen im After, besonders während39

39

Bei Allen (Nr. 1856) und Hering (S. 135) heißt es fälschlich „forcing down … after sitting“.

des Sitzens.b
Jücken am After.a
Blutabgang aus dem After [bei sonst ganz leichtem Stuhle].b
Haut um den After wund (exkoriiert).
HarnorganeBrennen in der Harnröhre.a
Jücken in der Mitte der Harnröhre.a
Sowohl Harn- als auch Stuhlausscheidung sind für die Teile, die passiert werden, schmerzhaft.
Männliche GenitalienJücken an der Eichel.a
Pollution mit Brenn-Schmerz in der Harnröhre.a
Prostata-Saft tröpfelt nach Harnen und Stuhlgange in langen Faden aus der Harnröhre.a
Hoden hängen welk herab …a
Hodensack wund und feucht; übelriechender Schweiß der Genitalien.
Stinkender Schweiß an den Geschlechtsorganen, mit Wundheit und Exkoriationen, die den Großteil der Schamhaare zerstören und beim Gehen schmerzhaft sind; Verdickung und Verhärtung des Skrotums.
Wundheit zwischen den Oberschenkeln, besonders beim Gehen im Freien.a
Weibliche GenitalienBrennen in der Scheide, dass sie kaum sitzen konnte.a
Belästigendes Jücken an den Geburtstheilen, mit Ausschlags-Blüthen umher.a
Hitzewallungen im Klimakterium, mit heißem Kopf, heißen Händen und Füßen und mit großem Flauheitsgefühl im Magen.
Schwangerschaft: Fühlt sich gegen 11 Uhr hungrig, flau und schwach; kann nicht bis zum Mittagessen warten.
Atmung, BrustBeklemmung der Brust …a
Schwere-Gefühl auf der Brust …a – Drücken auf der Brust …a
Hat das Gefühl zu ersticken, besonders nachts; will Türen und Fenster weit geöffnet haben.
Kurzatmigkeit: mit Beklemmung beim Zurückbiegen der Arme; von vielem Sprechen; beim Gehen im Freien; nachts im Bett.
Stiche in der Brust, bis in den Rücken.a
Stiche durch die Brust, bis in das linke Schulterblatt; < beim Liegen auf dem Rücken und bei der geringsten Bewegung.
Brennen in der Brust und starke Wärme im Gesichte.a
Starke Blutwallung nach der Brust.a
Akute, trockene Rippenfellentzündung (nach aconitumACONITUM).
HerzViel Blutdrang nach dem Herzen.a
Herzklopfen: ängstlich; abends im Bett; mit Flattern des Herzens; zu jeder Tageszeit, ohne Beängstigung; beim Stuhlgang; heftig, nachts, beim Umdrehen im Bett; schnell und stark, beim Einschlafen; beim Treppensteigen oder Bergangehen; sichtbar.
Gefühl, als wenn das Herz nicht Raum genug hättea; als ob es vergrößert wäre.
Kurze Stiche in der Herz-Gegend.a
Scharfer Schmerz am Herzen, der durch die Brust bis zwischen die Schulterblätter zieht, besonders bei dyspeptischen Symptomen.
RückenKreuzschmerz, dass sie nicht gerade stehen konnte; sie musste gebückt gehen.a
Schmerz im Kreuze beim Aufstehen vom Sitze.a
Arge Kreuzschmerzen, nur beim Bücken, spannend, als wenn Alles zu kurz wäre …a
Schmerzliches Nagen auf einer kleinen Stelle des Kreuzes …a
Stiche im Kreuze.a
Arger Zerschlagenheits-Schmerz im Kreuze und Steissbeine.a
Lästiges Gefühl von Zerschlagenheit im Kreuze.b
Kreuzschmerz nach schwerem Heben bei gleichzeitiger Verkühlung.
Rückgratverkrümmung infolge Wirbelerweichung.
ExtremitätenRheumatischer Schmerz in der linken Achsel.a
In der Achsel, flussartiger [rheumaartiger] Schmerz.a
Sehr ekelhaft stinkender Achselgruben-Schweissa; riecht nach Knoblauch; auch für den Patienten selbst abstoßend.
Zittern der Hände, beim Schreiben.a – Zitter-Gefühl in beiden Händen.a
Kalte, zitternde Hände.
Brennen in den Händen.a
Rhagaden an den Händen, besonders zwischen den Fingern, an den Fingergelenken und in den Handtellern.
Steifheit in den Kniekehlen.a
Knacken in den Knieen.a
Waden- und Fußsohlenkrämpfe, besonders nachts; durchfällige Stühle.
Steifheit im Fuss-Gelenke, um die Knöchel.a
Brennen in den Füßen, sucht nach einer kühlen Stelle für sie; streckt sie aus dem Bett, um sie abzukühlen.
Brennen in den Fusssohlen, beim Auftreten nach langem Sitzen.a
Brennen und Jücken in den Sohlen, vorzüglich beim Gehen nicht auszuhalten.a
Brennen in den Fußsohlen: sucht nach einer kühlen Stelle für sie; streckt sie aus dem Bett; will sie nicht bedeckt haben.
NervenGrosse Unruhe und Wallungen im Blute.c
Häufige Schwächeanfälle oder Ohnmachtsanwandlungen im Verlauf des Tages; fühlt sich jeden Vormittag von 11 bis 12 Uhr sehr matt und schwach, mit starkem Verlangen zu essen.
Das Kind ist äußerst empfindlich gegen freie Luft und erkältet sich schnell; es will nicht gewaschen werden.
Chorea: in chronischen Fällen, besonders nach unterdrückten Hautausschlägen; häufiges krampfartiges Rucken des ganzen Körpers; Zittern der Hände; unsicherer Gang; mürrisch, reizbar, dickköpfig; Schwäche- und Hungeranfälle um 10 Uhr morgens; Fußsohlen brennen.
SchlafUnüberwindliche Schläfrigkeit am Tage …a
Schlaflosigkeit und Munterkeit, die ganze Nacht, wie am Tage.a
Wacht um 3, 4 oder 5 Uhr früh auf und kann nicht wieder einschlafen.
Tiefer, aber unerquicklicher Schlaf.
Findet sich nachts auf dem Rücken liegend wieder.
Alpträume.
Beängstigende Träume …; sie waren so lebhaft, dass die Prüferin zweimal, in der Meinung, auf dem Nachttopf zu sein, den Harn in das Bett liess.b
Lebhafte, ängstliche Träume.a
Sehr lebhafte, beängstigende Träume, als ob er von wilden Thieren verfolgt würde.b
Schreckhafter Traum, ein Hund habe ihn gebissen.a
Schreckhafte Träume, als falle er von oben herab.a
Schreckhafte Träume mit starkem Herzklopfen.b
Lebhafte Träume lustiger Art, mit lautem Auflachen, selbst noch einige Zeit nach dem Erwachen.b
Fieber, HitzeBlutwallungen; häufige Hitzewellen.
Fliegende Gesichts-Hitze, mit Fieberschauder am Leibe.a
Hitze im Kopf: hindert am Einschlafen; am Morgen; abends, mit kalten Füßen.
Hitzewellen mit Schwächeanfällen; oder sie gehen unter etwas Schwitzen, Mattigkeit oder Schwäche vorüber.
Starke Blutwallung und starkes Brennen in den Händen.a
Will Türen und Fenster offen haben.
GewebeStändiges Rezidivieren von Beschwerden; wenn der Patient fast genesen scheint, tritt ein Rezidiv auf.
Ekelhafter Körpergeruch trotz häufigen Waschens; Abneigung gegen das Waschen.
Geht nicht aufrecht; geht bzw. sitzt gebückt oder vornübergebeugt; Stehen ist die unangenehmste Körperhaltung.
Skrofulöse, chronische Krankheiten, die aus unterdrückten Hautausschlägen resultieren.
HautWollüstiges Jucken; Kratzen erleichtert, danach Brennen; manchmal entstehen kleine Bläschen.
Nach heftigem Kratzen: Schmerzen, Taubheit der Haut, Schwellung der Haut, sogar -Geschwürbildung.
Absonderungen aus jeder Körperöffnung scharf; machen die Haut wund, wo immer sie damit in Berührung kommen.
Blutandrang zu einzelnen Körperteilen: Augen, Nase, Brust, Abdomen, Arme, Beine etc.
Jucken: am ganzen Körper; die jückende Stelle schmerzt nach Kratzen; die jückende Stelle blutet und beisst nach Kratzen; an verschiedenen Stellen des Körpers, meist nach Kratzen vergehend, zuweilen auch mit Stechen darnach, auch wohl Brennen darauf; am ganzen Körper, welches jeden Abend im Bette regelmässig wiederkehrt; an und zwischen den Fingern; jückendes Fressen an den Hinterbacken; in der Nacht heftiges Jucken an den Ober- und Unterschenkeln; um die Knie; in den Fusszehen; in den ehemals erfrornen Zehen; [nachts] arges Jucken, welches sich alsogleich in der Bettwärme, bald dort, bald da, namentlich aber im Nacken, einstellte; in den Handtellern, er muss reiben, worauf es brennt; jückend stichlichtes Brennen in den Handtellern …; an den Handrücken; in den Augenbrauen; nachts, am Ober- und Unterbauche; am Hodensacke; am innern Oberschenkel; in den Achselhöhlen und Kniekehlen; unter der Hautoberfläche dünkt ihr Alles lebendig zu sein, es „wimmelte“ und lief wie von Ungeziefer; am schlimmsten nachts und früh im Bett, nach dem Erwachen; über der linken Augenbraue; äusserlich an den Ohren; äusserlich an der Nase [nach der Regel]; ums Kinn; am Halse; auf der Brust; die alten Flechten fangen an, stark zu jücken, er muss sie blutig kratzen. [Alle Symptome aus a oder b zitiert.]
Brennen in der ganzen Körper-Haut.a
Ameisenlaufen auf der Haut des ganzen Körpers.a
Nessel-Ausschlag mit Fieber.a
Arg fressender Friesel-Ausschlag im Gesichte, an Armen und Beinen.a
Nessel-Ausschlag auf dem Handrücken.a
Hitz-Blüthen am Halse.a
Jückende Quaddeln am ganzen Körper, an Händen und Füssen.a
Blutschwäre [Furunkel].a
Haut rau, schuppig, schorfig.
Wundheit in den Hautfalten.
Mitesser; schwarze Hautporen, besonders im Gesicht.
Windpocken.
KonstitutionMagere, hängeschultrige Menschen, die krumm gehen und sitzen; Stehen ist ihnen die unbequemste Körperhaltung.
Menschen von nervösem Temperament, schnell in ihren Bewegungen, hitzig, leicht aufbrausend, plethorisch, Haut außerordentlich empfindlich gegenüber atmosphärischen Veränderungen.
Schmutzige, unsaubere Menschen, die für Hautleiden anfällig sind.
Passt auf Menschen mit skrofulöser Diathese, die zu venösen Kongestionen neigen, besonders im Pfortaderkreislauf.
Kinder: können Waschen oder Baden nicht ertragen; abgemagerte Glieder, aber dickbäuchig; unruhig, heiß, strampeln nachts die Decken weg; haben Würmer.

Symphytum

Weitere Namen: Symphytum officinale; Beinwell
Eine der unschätzbaren Arzneien für die ‚zerschlagene und geschundene Menschheit‘ ist Symphytum officinale, der Beinwell, auch Beinwurz oder Wallwurz genannt.
Für Unfälle, Blutergüsse und Prellungen haben wir eine ganze Reihe von unschätzbaren Arzneipflanzen. Doch obwohl jede von ihnen bei allen möglichen Fällen hilfreich sein kann, sei es als verdünnte Tinktur oder als Teeaufguss der frisch gepflückten Pflanze (die man am besten zu ‚ihrer‘ Jahreszeit erntet, also zu der Zeit, da sie ihr Wachstum vollendet und den Höhepunkt ihrer Heilkraft erreicht hat), so unterscheidet sich gleichwohl jede Arzneipflanze von allen anderen in ihrer Beziehung zu den verschiedenen verletzten Geweben.
Es dürfte sinnvoll sein, hier einmal die charakteristischen Merkmale von einigen der meistgebrauchten Arzneien darzustellen, dieser Gottesgaben für unsere Schmerzen und Gebrechen.
arnica montanaARNICA MONTANA, dessen Name schon auf seinen Fundort und seine Funktion verweist. Es ist das ‚Fallkraut‘ der Berge und besonders wertvoll bei der Wiederherstellung verletzter Weichteile.
Seine Hauptwirkung ist auf das Blut und die Blutgefäße gerichtet.
Von unschätzbarem Wert ist es bei der Bekämpfung der Folgen von – psychischen wie physischen – Schocks oder Erschütterungen, ferner bei Folgen von Überanstrengung, von Zerrungen oder Verstauchungen.
Dem ARNICA-Patienten tut alles so weh, und er ist derart berührungsempfindlich, dass er schon ängstlich wird, wenn man nur in seine Nähe kommt.
Es wird stets innerlich gegeben, zusätzlich kann es aber auch äußerlich angewandt werden, vorausgesetzt, die Haut ist nicht verletzt. Ist dies nämlich der Fall, hat es den üblen Ruf, erysipelähnliche Entzündungen hervorzurufen, und dann ist es sicherer, für die äußerliche Applikation eines der anderen Mittel zu wählen.
calendulaCALENDULA, die Ringelblume, welche nicht nur allgemein über große wundheilende Qualitäten verfügt, sondern darüber hinaus die Lebenskräfte auch besonders dazu anregt, Sepsis zu verhindern oder zu heilen – hoch geschätzt in der Chirurgie und in der homöopathischen Geburtshilfe.
bellis perennisBELLIS PERENNIS, das allgegenwärtige Gänseblümchen, gewissermaßen unser ‚einheimisches arnica montanaArnica‘.
Ein großartiges Heilmittel bei Verletzungen und Verstauchungen, die, wie die von ARNICA, sehr berührungsempfindlich sind.
bellis perennisBELLIS PERENNIS wirkt, wiederum wie ARNICA, auf die Blutgefäße und, wie hypericumHYPERICUM, auf die Nerven.
Geschätzt wird es auch wegen seiner Wirkung auf die Brustdrüsen, wenn dort nach Schlägen oder Stößen Verhärtungen zurückbleiben.
hypericumHYPERICUM, unser fabelhaftes Mittel zur Besänftigung und Linderung bei Stich- oder Risswunden oder sonstigen Verletzungen von Körperteilen mit reicher Nervenversorgung, wie etwa den Lippen (ich habe selbst gesehen, wie eine zerrissene Lippe, die einiges Gewebe verloren hatte, nach hypericumHYPERICUM innerhalb weniger Stunden verheilte!); oder auch an so empfindlichen Stellen wie den Fingerspitzen, deren feine Nervenendigungen ja bekanntlich um kleine, harte Tastkörperchen gewunden sind, sodass auch die geringsten Einwirkungen registriert werden können.
HYPERICUM lindert Nervenschmerzen, die ja meist äußerst qualvoll sind. Es ist nützlich bei Verletzungen der Wirbelsäule, selbst wenn diese lange zurückliegen, und insbesondere bei solchen des Steißbeins – wie kürzlich in einem Fall fortdauernder Steißbeinschmerzen, wo ich erst auf spätere Nachfrage hin erfuhr: „Oh, die sind weg!“
ruta graveolensRUTA GRAVEOLENS hat in den Prüfungen ein Zerschlagenheitsgefühl am ganzen Körper hervorgebracht, wie von einem Sturz oder Schlag und mit Schmerzen vor allem in jenen Teilen, auf denen man liegt (arnica montanaARNICA).
Es ist ein wichtiges Mittel bei Prellungen, besonders wenn diese mit Verletzungen von Knochen und Knochenhaut verbunden sind. Weitere Indikationen: Luxationen; Periostitis; Schmerzen infolge äußerer Verletzungen, wenn sich eine erysipelatöse Entzündung entwickelt hat; Knochenläsionen und Frakturen (Symphytum).
ruta graveolensRUTA ist auch ein großartiges Augenmittel (Symphytum), namentlich bei Überanstrengung der Augen und nachfolgender Sehschwäche.
Symphytum ist speziell bei Traumata geeignet, die nicht durch scharfe Stichwerkzeuge, sondern durch stumpfe Gegenstände verursacht worden sind, die also zu einer Gewebeschädigung geführt haben, ohne die Haut zu verletzen. Nützlich ist das Mittel vor allem auch dann, wenn der Augapfel einen Schlag abbekommen hat.
Symphytum ist unser wichtigstes Arzneimittel bei Frakturen und Knochenheilungsstörungen. Sein besonderes ‚Betätigungsfeld‘ sind Periost (ruta graveolensRUTA GRAVEOLENS) und Knochen.
Im Falle einer Fraktur gilt: Sorgen Sie für die Reposition und die Ruhigstellung, und Symphytum wird den Rest erledigen.
urtica urensURTICA URENS, die gewöhnliche Brennnessel, mit ihren wunderbaren Eigenschaften bei Verbrennungen, vor allem den mehr oder minder oberflächlichen und deshalb schmerzhaftesten. Wie die Schmerzen auf der Stelle gebannt und der Heilungsprozess eingeleitet wird, das muss man erlebt haben, um es sich vorstellen zu können.
Und aus dankbarem Herzen kann man nicht anders, als in Hahnemanns Loblied einzustimmen: „Homöopathie, die große Gabe Gottes!“
Aber, werden Sie sagen, all diese Wundkräuter sind doch ziemlich ähnlich in ihren Indikationen. Glücklicherweise! – denn es kann ja vorkommen, dass man zwar das eine oder andere dieser Kräuter zur Hand hat, aber gerade nicht dasjenige, das einem als das passendste Heilmittel erscheint.
Dr. Robert Cooper berichtet in seinen Cases of Serious Disease Saved from Operation über mehrere triumphale Erfolge, die mit dem Beinwell (Symphytum) erzielt wurden. Einen davon will ich in extenso wiedergeben; er ist von besonderem Interesse, wird er doch von dem damaligen Präsidenten des Royal College of Surgeons in Irland verbürgt, einem ungläubigen und nicht gerade geneigten Zeugen.
Sarkomatöser, in das Knochengewebe des Oberkiefers infiltrierender Tumor
Dr. William Thompson, Präsident des Royal College of Surgeons in Irland, hielt am 13. November 1896 in Dublin einen Vortrag unter dem Titel „Einige Überraschungen und Fehler“, in dem er folgenden sehr bedeutsamen Fall schilderte:
„Zu Beginn dieses Jahres bekam ich einen Mann zu sehen, der an einer Wucherung in der Nase litt. Ich empfahl ihm, Dr. Woods aufzusuchen, und später sah ich ihn mir gemeinsam mit Sir Thornley Stoker und Dr. Woods an. Wir kamen zu dem Schluss, dass er an einem malignen Tumor der Kieferhöhle litt, der sich bis zur Nase ausgebreitet hatte. Wir empfahlen eine Probeexzision und, falls sich unser Verdacht bestätigen sollte, die sofortige Entfernung des befallenen Kieferteils. Der Patient stimmte jedoch dieser größeren Operation nicht zu. Die Untersuchung und Probeexzision wurde von Dr. Woods vorgenommen. Wir stellten fest, dass sich der Tumor tatsächlich vom Antrum her ausgebreitet hatte, in das ich ohne Schwierigkeiten meinen Finger hineinlegen konnte. Dr. O'Sullivan, Professor der Pathologie am Trinity College, erklärte, dass es sich bei dem Neoplasma um ein Rundzellensarkom handele. Daran besteht mithin keinerlei Zweifel. Innerhalb weniger Monate war der Tumor wieder nachgewachsen, und der Patient suchte nun Dr. Semon in London auf, der zur sofortigen Entfernung des Kiefers riet. Er kehrte nach Hause zurück, und nach einer weiteren Verzögerung bat er darum, dass die Operation durchgeführt werde. Sie wurde von mir im Mai nach der üblichen Methode vorgenommen. Ich stellte fest, dass der Tumor das gesamte Antrum ausfüllte. Die Schädelbasis war überall infiltriert. Der Tumor war in den rechten Nasengang vorgedrungen und hatte bereits das Septum perforiert, um sich auch auf die linke Seite auszudehnen. Er saß um das Perforationsgebiet herum an der Scheidewand fest. Das Tumorgewebe wurde, soweit sichtbar, komplett entfernt, wobei im Nasenseptum ein Loch etwa von der Größe eines Zweishillingstücks zurückblieb. Nach zwei Wochen konnte der Patient nach Hause entlassen werden. Nach einem weiteren Monat zeigten sich die ersten Rezidiverscheinungen, das Gewächs drang durch den Einschnitt nach außen auf das Gesicht vor. Anschließend untersuchte ihn Dr. Woods noch einmal, da ich ihm in einem Brief mitgeteilt hatte, dass eine erneute Operation nicht erfolgversprechend sei. Mittlerweile hatte der Tumor das rechte Auge fast zur Gänze überwuchert. Er war blau, gespannt, hart und gelappt, brach aber nicht auf. Dr. Woods berichtete mir vom Ergebnis dieser Untersuchung, und wir stimmten in der Beurteilung der Prognose überein.
Anfang Oktober nun besuchte mich der Patient in meinem Arbeitszimmer, nachdem er auch schon bei Dr. Woods gewesen war. Er sah gesünder aus, als ich ihn je gesehen hatte. Die Wucherung war vollständig aus dem Gesicht verschwunden, und auch vom Mund her konnte ich nicht die geringste Spur davon entdecken. Er sagte, er habe keinerlei Schmerzen. Auch konnte er wieder gut sprechen, wenn er die Öffnung, die nach der Entfernung des harten Gaumens zurückgeblieben war, provisorisch verschloss; er hatte sich zu diesem Zweck in der Stadt eine Verschlussplatte anfertigen lassen. Seither ist er zu Hause, und es geht ihm offensichtlich gut. Er berichtete mir, dass er Packungen von Beinwellwurzeln aufgelegt habe und dass die Geschwulst danach allmählich zurückgegangen sei.
Nun, dies war ein Fall, über den keiner von uns irgendwelche Zweifel hegte, und unser erster Eindruck war von dem hervorragenden Pathologen, den ich eingangs erwähnte, bestätigt worden, ebenso wie von unseren eigenen Beobachtungen während der größeren Operation. Dies ist also eine weitere meiner „Überraschungen“! Ich bin mir so sicher, wie man nur sein kann, dass das Gewächs maligne und von einem bösartigen Zelltyp war. Natürlich wissen wir, dass es bei der Entwicklung mancher Tumoren zu Wachstumsverzögerungen kommen kann und dass speziell bei Sarkomen oft erst spät Rezidive auftreten. Aber hier haben wir es mit einem Fall zu tun, bei dem der Tumor bereits zweimal wiedergekommen war – beim zweiten Mal sogar in extremem Ausmaß –, und doch ist dieser zu Rezidiven neigende Tumor verschwunden! Was hat dieses Atrophieren und Verschwinden veranlasst? Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts über die Wirkungen der Beinwellwurzeln, aber ich glaube nicht, dass sie eine sarkomatöse Geschwulst beseitigen können. Selbstverständlich ist die Zeit, die seither vergangen ist, noch sehr kurz; aber die Tatsache, dass dieser ausgedehnte, rezidivierende Tumor nicht mehr existiert, dass er nicht ulzeriert ist oder abgestoßen wurde, sondern sich einfach, ohne die äußere Haut zu durchbrechen, in Luft aufgelöst hat – das ist für mich eine riesengroße Überraschung und eines der größten Rätsel, denen ich jemals begegnet bin.“
Dr. Cooper fügt zu diesem Fall hinzu: „Dr. Thompsons ‚gesunder Menschenverstand‘ bringt ihn in direkte Opposition zu seinen eigenen Beobachtungen. Würden Untersuchungen auf anderen Wissensgebieten ähnlich ablaufen, gäbe es wohl nur wenig menschliches Wissen, das man als ‚wissenswert‘ bezeichnen könnte. Und die Berufung auf den ‚gesunden Menschenverstand‘ beweist ja nur allzu häufig, dass dieser schon längst entthront ist.“
Dr. Cooper berichtet noch von einem anderen aufschlussreichen Symphytum-Fall, der ebenfalls von einem Skeptiker aus der alten Schule überliefert wurde …
Cooper schreibt: „120 Jahre bevor Dr. Thompson über dieses Thema referierte, ließ sich schon einmal ein großer Meister der chirurgischen Zunft, Mr. Percivall Pott, in gleichermaßen skeptischem Tonfall über die Wirkung des Beinwell aus, und zwar in seinem berühmten Artikel über ‚Die Lähmung der unteren Gliedmaßen‘ – im Zusammenhang mit einer Rückgratverkrümmung. Es handelte sich um einen Fall, bei dem Mr. Pott eine Knochenerkrankung der Wirbelsäule diagnostiziert hatte und ein Haarseil [zur Erzeugung eines ‚Ableitungsgeschwürs‘] appliziert hatte. Einige Wochen später traf er den Patienten, wie er völlig gesund die Straße entlangging. Der Patient hatte Beinwell und Fischleim angewendet und nahm in seiner Unschuld an, dadurch geheilt worden zu sein. Aber Mr. Pott wollte davon nichts hören – es konnte nur das Haarseil und nichts anderes gewesen sein!“
Wichtige Indikationen von Symphytum
Augenschmerzen nach Schlag auf das Auge oder Prellung durch einen stumpfen Gegenstand.
Geheilte Fälle (Hering):
Vor mehr als einem Jahr gefallen, wobei er sich das Knie an einem Stein aufgeschlagen hatte. Die Wunde verheilte und hinterließ kaum eine Spur, doch blieben heftig stechende Schmerzen zurück, die immer dann auftraten, wenn die Kleidung mit der Stelle in Berührung kam oder wenn das Knie gebeugt wurde.
Ein Mann, der seit seiner Kindheit an habitueller Hüftgelenksluxation litt, stürzte und brach sich den Oberschenkel derselben Seite. Nach zwei Monaten waren die Fragmente noch immer ziemlich beweglich, und es wurde, da man die Hoffnung auf ein Zusammenwachsen des Knochens aufgegeben hatte, eine Apparatur angefertigt, mit deren Hilfe er tagsüber auf einem Stuhl sitzen konnte. Symphytum D 4, alle sechs Stunden eingenommen, führte innerhalb von zwanzig Tagen zu einem vollständigen Zusammenwachsen der beiden Teile.
Knochenentzündungen; Affektionen der Dornfortsätze.
Psoasabszess.
Erleichtert das Zusammenwachsen gebrochener Knochen und vermindert die typischen feinstechenden Schmerzen; fördert die Kallusbildung.
Mechanische Verletzungen; üble Folgen von Schlägen und Prellungen, von Hieben gegen das Auge.
Eigentümliche Periostschmerzen, die nach Abheilung von Verletzungen zurückbleiben.
Empfindliche Reizzustände an Frakturstellen.
Schussverletzungen.
Dr. Oscar Hansen führt in seinen Therapeutics of Rare Homœopathic Remedies folgende Indikationen für Symphytum an:
Knochenverletzungen.
Frakturen, die nicht zusammenwachsen. (calcarea phosphoricaCALCAREA PHOSPHORICA)
Empfindliche Stümpfe nach Amputationen.
Empfindlichkeit des Knochens an der Bruchstelle.
Psoasabszess durch Wirbelerkrankungen.
Entzündung des Unterkieferknochens.
Traumatisch bedingte Periostitis.
Verletzungen, die bis zur Knochenhaut und zum Knochen vordringen.

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