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Tarantula hispanica/cubensis – Tuberculin-Nosoden

Tarantula hispanica und cubensis

Weitere Namen: Spinnengifte1

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Laut Leeser (Lehrbuch der Homöopathie) bedürfen die Namen dieser beiden Spinnen einer Revision, da sie die Verschiedenheit der gemeinten Arten nicht erkennen lassen. Sie sind sogar zwei verschiedenen Unterordnungen zuzurechnen: Tarantula hispanica gehört zu jener der Aranomorphae und dort zur Familie der Wolfsspinnen; sie heißt heute Lycosa hispanica, ist aber eine ‚Tarantel‘. Tarantula cubensis gehört zur Unterordnung der Mygalomorphae und heißt Eurypelma spinicrus; sie ist keine Tarantel.

Aus spärlichen und ziemlich verstreuten Angaben habe ich am Schluss dieses Kapitels versucht, ein Bild von Tarantula cubensis zu entwerfen, dem verwesten Exemplar einer kubanischen Vogelspinnenart2

2

Die Information, dass das ursprünglich verwendete Präparat aus einer verwesten Spinne hergestellt wurde, hat Tyler offenbar aus dem Homœopathic Recorder (Kap. T, Tarantula cubensis); ich habe sie in keinem Lehrbuch finden können. Diese Entstehungsgeschichte könnte eine Erklärung für die Wirksamkeit des Mittels bei septischen Fiebern, nekrotischen Karbunkeln etc. bieten. Andererseits soll das Gift dieser Spinne auch als solches weniger eine neurotoxische (wie zum Beispiel das von Lycosa hispanica) als vielmehr eine (wohl aufgrund proteolytischer Enzyme) lokal nekrotisierende Wirkung haben (vgl. Leeser, a.a.O.).

, das bei einer Reihe septischer Zustände ein wunderbares Heilmittel ist. Das besser bekannte Tarantula [hispanica] unserer Materia medica erfährt dadurch aber, wie mir scheint, keinerlei Abbruch. Es ist ein hochinteressantes und einzigartiges Mittel, das bei schwer zu behandelnden Krankheiten, insbesondere bei Nerven- und Geisteskrankheiten indiziert sein kann; und wie all die anderen Mittel der Homöopathie ist es von unschätzbarem Wert, wo es passt.
Mit Tarantula verbinden wir Gewalttätigkeit, Heftigkeit, Qual und Pein. Es hat keine spezifische Fähigkeit, bestimmte Körperteile oder Organe zu schädigen, anders als viele unserer Arzneien. Doch es kann den Menschen allgemein an Körper und Geist peinigen – in einer Weise, die geeignet ist, Anstand und Sitte des bedauernswerten Opfers vollständig zu untergraben und Freunde und Pflegepersonen in Angst und Verwirrung zu stürzen. So wird Tarantula zu einem machtvollen Heilmittel u. a. bei Krämpfen, bei all den Manifestationen der Hysterie in ihrer „proteischen Wandelbarkeit“, wie Clarke es ausdrückt.
Nach dem Biss dieser Spinne singt und tanzt das Opfer in ganz ausgefallener und zügelloser Weise, unter völligem Verlust der Kontrolle über seine Handlungen. Diese Zustände können, der Überlieferung zufolge, nur durch Musik und Tanz geheilt werden, und auch bei der alljährlichen Wiederkehr der Symptome haben sich, so heißt es, diese ‚Heilmittel‘ Musik und Tanz immer wieder als wirksam erwiesen.
Der Tarantula-Patient ist aber nicht nur außerordentlich empfänglich für Musik, sondern er kann auch durch Farben stark beeinflusst werden, selbst körperlich: „Herzbeschwerden durch den Anblick ihnen unangenehmer Farben“ (Allen).
Tarantula hat die plötzlichen Stimmungsumschwünge, wie sie auch für crocusCROCUS typisch sind. Doch verwandeln sich seine Fröhlichkeit und sein Gelächter [nicht in Depression, sondern] in plötzliche Boshaftigkeit: Anfälle von Irrsinn überkommen ihn, er schlägt sich und andere, rast umher, zerreißt und zerstört Dinge. Plötzliche heftige Bewegungen [„wie von der Tarantel gestochen“] oder auch heimtückisch-hinterlistige Zerstörungsaktionen sind höchst charakteristisch für das Mittel und, soweit ich weiß, auch ganz einzigartig in der Materia medica. Anschließend kann es dem Patienten leid tun, und er entschuldigt sich: „Ich konnte nichts dafür!“
Er „simuliert“ auch, wie es im Repertorium heißt; er täuscht Anfälle vor oder stellt sich ohnmächtig und bewusstlos, schaut sich aber verstohlen um, um sich zu vergewissern, dass er auch beobachtet wird, und um zu sehen, welchen Eindruck er hinterlässt. Unglaubliche Schnelligkeit: springt aus dem Bett und zerschlägt etwas, ehe man ihn davon abhalten kann.
Der Tarantula-Patient wird außerdem von einer schrecklichen Ruhelosigkeit geplagt, besonders der Arme und Beine.
Viele Ängste: unbestimmte Angst; Furcht, dass etwas passieren könnte; vor Gefahren durch etwas, was gar nicht existiert; sieht furchterregende Dinge, die in Wirklichkeit gar nicht da sind.
Die Harnwegssymptome des Mittels lassen an cantharisCANTHARIS denken, und die Hautleiden, speziell deren septische Veränderungen – Abszesse, Milzbrand etc. – erinnern auch an Tarantula cubensis.
In nicht wenigen der gebräuchlichen Arzneimittellehren taucht Tarantula überhaupt nicht auf; Clarke hingegen hat hier manches Interessante beizutragen.
So schreibt er unter anderem: „‚Tarantismus‘ ist eine Tanzwut, welche bei Menschen einsetzt, die von der Tarantel gebissen wurden oder sich das wenigstens einbilden. Die Heilung besteht in Musik und Tanzen.“ Er schildert zwei verblüffende Fälle, die auf diese Weise binnen kurzem geheilt wurden und die einige Hauptmerkmale von Tarantula gezeigt hatten: Dunkelrote oder purpurne Färbung und Schwellung von Haut und Gewebe; Zeichen von drohendem Ersticken; choreaartige Bewegungen, Ruhelosigkeit; Besserung durch Musik, welche zunächst erregt und später lindert; Periodizitätalljährliche Wiederkehr der Symptome etwa zu der Zeit des Bisses.
„Die Unruhe betrifft vor allem die unteren Extremitäten und ist verbunden mit einem Verlangen, zu stöhnen oder zu schreien; muss ständig in Bewegung bleiben, obwohl Gehen alle Symptome verstärkt. Viele der bislang beobachteten psychischen Symptome, die den vielgestaltigen Bereich der Hysterie nahezu ausschöpfen, standen mit sexuellen Störungen in Verbindung.“
Nash sagt: „Dieses Spinnengift hat, wie viele andere Spinnengifte, ganz markante Nervensymptome. Es wirkt stark auf Uterus und Ovarien ein, überhaupt auf die weiblichen Geschlechtsorgane. ‚Tarantula kann viel Positives bewirken in Fällen von Hyperästhesie oder Kongestion dieser Organe, was zu allgemeiner Hysterie führt, zu Zuständen, die -einer spinalen Neurasthenie ähneln, mit empfindlichem und schmerzhaftem Rücken, extremer Unruhe und großer Empfänglichkeit für äußere Sinneseindrücke, namentlich Musik.‘ … Auch Zucken und Rucken von Muskeln, das in Verbindung mit anderen Erkrankungen auftritt, sollte stets an Tarantula denken lassen. … Tarantula hispanica wird noch nicht so gründlich verstanden, wie es eigentlich der Fall sein sollte.“
Farrington sagt: „Die Bissstelle schwillt an und verfärbt sich, die Lymphknoten vergrößern sich. Wenn das Gift bis zum Hals gelangt ist, wird das dortige Zellgewebe angegriffen, was zu einer dunkelroten oder purpurfarbenen Anschwellung im Rachen führt. Es scheint schon Erstickung zu drohen, aber dann kommt es zu Nasenbluten mit Absonderung dunkler Klumpen, was die Symptome bessert. Die heftig pochenden Karotiden weisen zwar auf eine zerebrale Kongestion hin, dennoch hat das Gesicht eine blasse, erdfahle Farbe. … Nervensymptome treten bei allen Spinnengiften auf, aber Tarantula passt mehr als andere Gifte aus dieser Gruppe bei Hysterie. … Lebhafte Musik erregt die Kranke und bewirkt, dass sie sich wie eine Verrückte gebärdet. Wenn keine Beobachter da sind, hat sie auch keine hysterischen Anfälle, doch sobald man ihr Aufmerksamkeit schenkt, fängt sie an zu zucken.“
Tarantula hat einen Ruf bei Zungenkrebs etc.; ferner bei fibrösen Tumoren im Hypogas-trium, was zu [druckbedingter] Absonderung von hellrotem Blut aus dem Uterus führt.
Verlangen zu essen, mit heftigem Durst; ständiges Verlangen nach großen Mengen kalten Wassers. – Oder: Appetitlosigkeit.
Verlangen nach rohen Speisen.
Ekel vor Brot, vor gebratenem Fleisch.
Unstillbarer Durst.
Muskelkontraktionen im Bereich des Epigastriums.
Viele Verdauungsstörungen sind durch sympathetische Schmerzen neuralgischer oder kongestiver Art charakterisiert, die sie begleiten oder aus ihnen erwachsen: an den Seiten des Kopfes, im Gesicht, in Ohren, Zähnen oder Wangenknochen.
Hauptsymptom
Hysterie
Beachtenswerte, diagnostische und andere wichtige Symptome3
Große Erregung, verursacht durch Musik, eine Stunde danach starkes, allgemeines Schwitzen.

3

Aus Allens Encyclopedia und Herings Guiding Symptoms. Die von diesen Autoren hervorgehobenen Symptome habe ich hier in Kursivdruck gesetzt, außerdem die Reihenfolge der Symptome entsprechend dem üblichen Schema etwas verändert.

Anfälle von Irrsinn: rauft sich die Haare; klagt und droht; schlägt sich an den Kopf, kratzt sich; unruhige Beine; ihre Kleidung ärgert sie; anhaltende Ruhelosigkeit, drohende Worte von Zerstörung und Tod; kommt aus dem Anfall mit heftigen Kopfschmerzen und weit geöffneten, stieren Augen zu sich; sieht kleine Figuren vor ihren Augen schweben.
Singen, Tanzen, Schreien.
Extreme Neigung, zu lachen und zu scherzen.
Bedürfnis, zu scherzen, zu spielen und zu lachen; größte Fröhlichkeit.
Lacht, tanzt, rennt herum und gestikuliert; singt, bis er heiser und erschöpft ist.
Nervöse Lachanfälle.
Hysterie, mit bitterem Aufstoßen.
Mit groteskem und laszivem Verhalten einhergehende Hysterie; sie musste mit Gewalt zurückgehalten werden.
Halluzinationen von Monstern oder Tieren, die ihn in Schrecken versetzen; sieht Dinge, die gar nicht vorhanden sind, wie Gesichter, Insekten, Geister etc.
Seltsame Farbphantasien.
Simuliert Anfälle: täuscht Ohnmacht und Bewusstlosigkeit vor und beobachtet aus den Augenwinkeln die Wirkung auf die Umstehenden.
Hinterlistig wie ein Fuchs versucht er plötzlich, etwas kaputtzumachen; nur äußerste Wachsamkeit kann Schaden abwenden; anschließend lacht er und entschuldigt sich.
Sie sprang plötzlich von den Pflegern weg und fegte Ziergegenstände vom Kaminsims; dann sagte sie, es tue ihr leid, aber sie habe es einfach tun müssen.
Springt vom Bett auf und zerschlägt alles, was sie zu fassen bekommt, so schnell, dass man sie nicht davon abhalten kann.
Sehr boshaft und zerstörerisch, dann wieder lustig und vergnügt.
Wechselhafte Stimmung: von Fröhlichkeit zu Traurigkeit; von fixen Ideen zu psychischer Unruhe.
Anfälle hysterischer Manie täglich etwa zur selben Stunde; zuerst reizbar, streitsüchtig und kleinmütig, dann plötzlich ein Zustand großer Erregtheit: schlägt und beschimpft jeden, zerstört alles, was sie in die Finger bekommt, zerreißt ihre Kleider, singt und lacht; macht sich über ältere Leute lustig, ärgert sie mit ihrem Alter; wenn man sie zurückhält, wird sie gewalttätig; Anfälle enden in einem komatösen Schlaf.
Sehr schweigsam und reizbar; Verlangen, sich selbst und andere zu schlagen.
Traurigkeit, Gram und Niedergeschlagenheit sind nicht nur nahezu konstante Symptome des Bisses, sondern zeigten sich auch in auffälliger Weise während der verschiedenen Prüfungen der Arznei.
Angst, die nicht zerstreut werden konnte; danach befragt, versuchte sie, einen Grund für ihre Angst zu finden, und ließ die anderen glauben, dass tatsächlich einer vorhanden sei; in Wirklichkeit aber gab es keinen.
Großes Verlangen, allein zu sein, zugleich aber auch Angst davor.
„Große Hast in allem, was ich unternahm, aus der ständigen Furcht heraus, dass etwas passieren könnte, was mich daran hindern würde, meine Tätigkeit zu Ende zu bringen. Oft schreckte ich plötzlich auf und wechselte rasch meinen Platz aus Angst, dass etwas auf mich herabfallen könnte. Beim Gehen hielt ich manchmal inne oder warf den Kopf zur Seite aus Angst, gegen einen eingebildeten Gegenstand zu stoßen, der ein paar Zentimeter über meinem Kopf zu schweben schien.“
Völliger Gedächtnisverlust; versteht die Fragen nicht, die man ihr stellt; erkennt die Leute nicht, die sie jeden Tag sieht; kann ihre Gebete nicht mehr hersagen.
Kopfschmerz, als ob eine Menge kaltes Wasser über Kopf und Körper gegossen würde.
Heftiger Kopfschmerz, als ob Tausende von Nadeln ins Gehirn stächen.
Schmerz im Hinterkopf, wie von einem Hammer getroffen, erstreckt sich bis zu den Schläfen.
Brennende, sengende Hitze im Hinterkopf.
Rechte Pupille stark erweitert, linke zusammengezogen; völliger Verlust der Sehkraft auf dem rechten Auge, bis sich die erweiterte Pupille wieder kontrahierte.
Das Gesicht ist erdfahl, in Kontrast zu dem fast purpurfarbenen Hals.
Das Gesicht drückte Entsetzen aus.
Gerötete Wangen, brennende Hitze im Kopf; Brennen und Schwitzen der Handinnenflächen.
Schmerz im Unterkiefer, als ob sämtliche Zähne ausfallen wollten.
Schmerz im Verlauf des rechten Unterkiefernervs, mit kitzelndem Gefühl im Magen.
Diabetes: beständiges Verlangen nach rohen Speisen; Ekel vor Fleisch; Polyurie.
Es schien, als bewegte sich ein Lebewesen im Magen, krabbelte umher und strebte zum Hals hinauf.
Unwillkürlicher Urinabgang beim Husten und Lachen oder bei jeglicher Anstrengung.
Onanie. Nymphomanie.
Intensiver, unerträglicher Pruritus vulvae.
Anhaltende Luftnot; mit Herzklopfen, das plötzlich auhhört, sodass der Patient fürchtet zu sterben.
Stechender Schmerz im Herzen und in den Arterien der linken Brust, bis in den linken Arm ausstrahlend; verstärkte Empfindlichkeit dieses Bereichs, Berührung mit der Kleidung ist sehr schmerzhaft.
Herzbeschwerden durch den Anblick ihnen unangenehmer Farben.
Angina pectoris.
Präkordialangst, stürmisches Herzklopfen.
Zittern und Pochen des Herzens, wie von einem Schreck.
Präkordialangst, spürt aber die Herzbewegungen nicht (nach seelischem Schock).
Eine Schwellung (eine Art rheumatoider Knoten) auf der Wirbelsäule.
Fürchterlicher Juckreiz, wie von kriechenden und krabbelnden Insekten.
Gefühl, als würden Würmer oder Insekten auf der Haut kriechen und krabbeln und in sie hineinbohren.
Jucken; Brennen; Ameisenlaufen; blutunterlaufene Stellen; schmerzhafte4

4

In den Guiding Symptoms, denen dieses Symptom entnommen ist, ist von schmerzlosen Ausschlägen die Rede, wenngleich die meisten Ausschläge bei Allen als schmerzhaft beschrieben werden; auch Tyler schreibt „schmerzhaft“.

vesikuläre und besonders pustulöse Ausschläge.
Kent, der in seinen Arzneimittelbildern kein Kapitel zu Tarantula bringt 5

5

Erst in der 2. Auflage seiner Lectures hat Kent ein Kapitel über Tarantula hispanica hinzugefügt.

, berichtet von einem Fall, der einen Aspekt der Arznei veranschaulicht: „Rollen von einer Seite auf die andere, um die Leiden zu lindern, ist ein Charakteristikum von Tarantula. Ein Mann mit einer hartnäckigen Obstipation, der sich mit Abführmitteln beholfen hatte, bis auch diese versagten, ließ sich auf Zureden seiner Tochter davon überzeugen, den Rat des Arztes anzunehmen und auf weitere Maßnahmen zu verzichten, bis man das richtige Mittel erkennen könne. In seiner Not rollte er sich im Bett von einer Seite auf die andere und jammerte: ‚Oje, Oje!‘ Tarantula beruhigte ihn. Zwei Tage später hatte er normalen Stuhlgang und danach keine Schwierigkeiten mehr.“ (In: New Remedies, Clinical Cases, Lesser Writings, Aphorisms und Precepts.)6

6

Dieser und ein weiterer, ähnlicher Fall finden sich auch in Kent's Minor Writings on Homœopathy (Hg.: K.-H. Gypser; Haug Verlag).

Vor einigen Jahren hatten wir auf der Kinderstation unseres Londoner Hospitals eine Patientin, die an Chorea litt. Sie machte wenig oder gar keine Fortschritte. Während der Visiten wirkte das Mädchen immer schüchtern und zurückhaltend; sonst aber, so die Stationsschwester, sei sie „schlau wie ein Fuchs“: Wenn sie glaube, nicht beobachtet zu werden, fange sie plötzlich an, Bücher zu zerreißen und Spielzeug kaputtzumachen, das in ihrer Reichweite lag.
Weitere Beobachtung führte zu der Entdeckung, dass sie ungewöhnlich empfänglich für Musik war; wenn das Radio angestellt wurde, pflegte sie herumzuspringen und zu tanzen. Daraufhin gaben wir ihr Tarantula – mit Erfolg.
Der folgende Fall aus The Homœopathician vom Oktober 1913 illustriert anschaulich die großen Möglichkeiten von Tarantula hispanica, wenn die Symptome und besonders die markanten Gemütssymptome übereinstimmen.
Geisteskrankheit – Tarantula hispanica
von A. W. McDonough, M. D., What Cheer, Iowa, USA
14. März 1912. Miss P., ein eher zartes Mädchen von 18 Jahren, groß und schlank, von etwas blässlichem Aussehen, kam zwei Monate vor ihrem Highschool-Abschluss zu mir in Behandlung; sie war offensichtlich überarbeitet. Seit einer Woche starke Kopfschmerzen in Stirn und Hinterkopf, schlimmer nach Lernen und beim Gehen. Schmerz hinter den Augen. Fühlt sich gegen Abend insgesamt schlechter. Empfindlich gegen Kälte. Sehr reizbar. Hustet häufig, mehr in Ruhe. Besser im warmen Zimmer. Verlangen nach Süßem. Schwitzt wenig. Nach sorgfältiger Repertorisation des Falles gab ich sepiaihr SEPIA C 200. Der Erfolg war großartig; sie war nun beschwerdefrei – bis zum Oktober, als sie beim Durchgehen eines Pferdes zwar nicht verletzt, aber doch furchtbar erschreckt wurde.
12. Dezember. Amenorrhö. Appetitlosigkeit. Obstipation. Sehr fröstelig, schlimmer noch in geschlossenen Räumen. Mürrisch, es ist schlecht mit ihr auszukommen, schlimmer bei Wärme wie bei Kälte, besser in Ruhe. Kopfschmerz beim Erwachen. Verlangen nach Kaltem. Gefühl eines Gewichts im Magen nach dem Essen. sepiaWeil SEPIA zuvor so gut geholfen hatte, wiederholte ich das Mittel. Da es jedoch nicht zur Zufriedenheit der Familie wirkte, kam sie nicht wieder zu mir, um sich ein anderes Mittel verschreiben zu lassen, sondern wandte sich an einen Arzt der alten Schule. Dieser zog einen Osteopathen hinzu und behandelte die Patientin bis Mitte Februar 1913 auf Amenorrhö. Unter der osteopathisch-allopathischen Behandlung wurde sie sehr nervös, blass und unruhig und magerte von 47 auf 35 kg ab. Der Allopath riet ihr, ihrer Gesundheit zuliebe in den Westen zu gehen, und der Osteopath meinte, sie sei beinahe geisteskrank. So wurde sie nach Iowa City zu einem Nervenfacharzt gebracht. Dieser wiederum erklärte, ihr Zustand sei ganz ordentlich, allerdings müsse sie mehr essen, um zu Kräften zu kommen. Von Anfang an hatte sie sich geweigert zu essen. Er gab ihr starke Magenstimulanzien, ähnlich denen, die sie bereits bekommen hatte. Am vierten Tag der Behandlung wurde sie dann so widerspenstig, dass ich erneut hinzugezogen wurde. Ich war bereit, den Fall zu übernehmen, jedoch nur unter der Bedingung, dass ich Dr. W. G. Allen aus Barnes City, der mir als sorgfältig verordnender Homöopath bekannt war, um Mithilfe bitten durfte. Mit dessen Unterstützung hatte ich das sichere Gefühl, das Mädchen heilen zu können.
Sie war nicht zu bändigen, ihre Familie wusste nichts mit ihr anzufangen. Sie war überspannt, ruhelos. Alles sollte in Bewegung sein; jagte die Katze hinter dem Ofen hervor: „Ach, ich kann den Anblick dieses Faulpelzes einfach nicht ertragen!“ Von ihrem Stiefvater verlangte sie, er solle sich im Haus tummeln, anstatt den ganzen Tag herumzusitzen. Sie wollte partout sämtliche anfallenden Arbeiten erledigen, aber auch jeder andere sollte sich bewegen, und zwar schnell. So bestand sie beispielsweise darauf, bei Tische zu bedienen; sie lud die Teller voll, wollte selber aber nichts essen, weil sie fürchtete, zu dick zu werden. Immer in Eile; konnte nur schnell gehen; musste jede Minute aktiv sein. Nahm ihre Schulbücher und begann, Physik und Geometrie zu lernen; nötigte ihren Musiklehrer, ihr Unterricht zu geben; übte stundenlang am Klavier. Mürrisch, unausstehlich, schien ‚wie vom Leibhaftigen besessen‘. Schlafen war fast unmöglich; kam nie vor Mitternacht ins Bett; fand keine Zeit, ins Bett zu gehen. Niemals müde; fühlte sich ständig wie aufgedreht, konnte sich nicht entspannen. Konnte warme Luft nicht ertragen, war aber gleichzeitig fröstelig und kälteempfindlich. Weinte leicht und oft. Starkes Verlangen nach Salz, das sie auf jeden kleinen Bissen häufte, den sie zu sich nahm. Auch Pralinen aß sie in Mengen. Pflegte rohen Zitronensaft zu trinken, „um kein Fett anzusetzen“. Nasenbluten, hellrot aus dem rechten Nasenloch. Haut blass. Erdbeerzunge. Massenhaft Eiweiß im Urin. Temperatur 36 °C. Puls 67 im Stehen; sobald sie sich setzte, fiel der Puls auf 60/min.
Nach unserem Studium des Falls anhand des Repertoriums schienen wir die Wahl zwischen natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM und sulfurSULFUR zu haben, aber es war schwer, hier die richtige Wahl zu treffen. Wir entschieden uns für SULFUR C 200, doch es bewirkte nicht viel; es schien lediglich den Abwärtstrend aufzuhalten, das Mädchen zeigte aber keinerlei Anzeichen von Besserung. Als dann Dr. Allen nach Rochester gerufen wurde, dachte ich mit Schrecken an seine Abreise – er aber war froh, dem vertrackten Fall zu entkommen. Nach einigen Tagen gab ich natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM C 200, da sulfurSULFUR offensichtlich fast nutzlos war. Doch auch hiernach blieb das Bild unverändert. Sie lief weiterhin ‚auf Hochtouren‘, vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. Es war schrecklich für ihre Angehörigen, mit ihr zusammenzuleben. Aus Angst, dick zu werden, weigerte sie sich schließlich ganz zu essen, obwohl sie nur noch 30 kg wog und fürchterlich anzusehen war. Beim nochmaligen Studium des Falls, beginnend mit der Rubrik Weigert sich zu essen, war arsenicumARSENICUM bei allen Symptomen vertreten. Ich verabreichte es in der 200. Potenz. Es vertrieb ihre Unruhe, wärmte sie ein wenig und half etwas, doch schon nach ein paar Tagen ging es ihr wieder schlechter. Ich schilderte den Fall Dr. Kent, und kurz darauf kam sein Telegramm: „Geben Sie der Patientin Tarantula hispanica 10 M.“ Es passte genau – und ich hatte das Bild, so klar, wie es sich gezeigt hatte, nicht erkannt!
Tarantula. – Drei Stunden später hatte sich ihr Zustand vollkommen verändert. Bisher hatte sie ihre Mutter aus dem Zimmer gescheucht, ja nicht einmal zugelassen, dass sie sie berührte – nun wollte sie, wie eigentlich fast jedes kranke Kind, jede Minute bei ihr sein. Völlig entspannt, war sie auf einmal ein ganz anderer Mensch. Seit dieser einen Gabe Tarantula allmähliche, stetige Besserung. Etwa vier Wochen später wurden die Hände und Füße sehr trocken und schuppig; nach der fünften Woche riet Dr. Kent zu Tarantula 50 M. Ungefähr vier Wochen danach schuppte die Haut ab und normalisierte sich, dafür erschien ein bis zu zwei Zentimeter langer, feiner Haarflaum auf dem ganzen Körper, mit Ausnahme der Handflächen und Fußsohlen. Zur Zeit, da ich diesen Bericht verfasse, ist das Gesicht aber schon wieder frei, das Haar daraus verschwunden. Sie scheint jetzt vollkommen gesund zu sein, wenn auch ihre Kräfte noch nicht völlig wiederhergestellt sind und sie ihr altes Gewicht noch nicht ganz erreicht hat.
Dies ist ein ungewöhnlicher Fall, wie man ihn in der privaten Praxis wohl nicht oft zu sehen bekommt. Er zeigt wieder einmal die wunderbare Macht der potenzierten Arznei – wenn das exakte Simillimum gewählt wird! Ohne Tarantula hispanica wäre diese Patientin mit ziemlicher Sicherheit in einer Anstalt elend zugrunde gegangen.
Tarantula cubensis
Tarantula cubensis ist ein Mittel, das mich viele Jahre lang zur Anwendung gereizt hatte, war es doch eine der kostbaren 144 ‚CMs‘ – „Ableger meiner Taschenapotheke“ –, welche uns Dr. Nash nach seinem Besuch hier in England zugeschickt hatte. Wenn das Mittel in der Wertschätzung eines solchen Homöopathen so hoch im Kurs stand, dass es einen Platz in seiner Taschenapotheke hatte und eines seiner ‚144‘ war, dann war es doch sicherlich einen Versuch wert bei jenen septischen Prozessen, für die er es in seinen Leitsymptomen empfiehlt. Er schreibt:
„Dies ist eines unserer wirksamsten Heilmittel bei Furunkeln, Abszessen, Nagelbettvereiterungen oder sonstigen Schwellungen, bei denen die Gewebe eine bläuliche Farbe annehmen und heftig brennende Schmerzen bestehen.
Wir haben immer angenommen, dass wir in arsenicumARSENICUM und anthracinumANTHRACINUM die beiden wichtigsten Arzneien für diese Art von Schwellungen hätten; aber Tarantula cubensis wirkt hier wahre Wunder. Bei Panaritien, die die Patienten Nacht für Nacht wach und von Schmerzen gequält in Bewegung gehalten hatten, habe ich innerhalb kürzester Zeit solche Besserungen gesehen, dass die Kranken wieder in Ruhe schlafen konnten – bis die Eiterherde schließlich spontan aufbrachen und dann rasch abheilten. Dieses Arzneimittel sollte einer gründlichen Prüfung unterzogen werden – es ist ein Juwel!“
Ich darf hinzufügen, dass mir inzwischen viele Erfahrungen mit diesem Mittel seinen Wert mehr als bestätigt haben.
Kent berichtet über einen Fall7

7

Kent’s Minor Writings on Homœopathy.

, der die nachhaltige Wirkung von Tarantula cubensis bei einem Nackenkarbunkel zeigt.
„Eine Dame, etwa 30 Jahre alt, litt sehr unter einem Karbunkel im Nackenbereich. Sie hatte schon viele Hausmittel versucht, aber keine Besserung erzielt. Ein eitriger Durchbruch des Prozesses schien unabwendbar. Die Anschwellung war bläulich gefleckt, der Schmerz heftig, messerscharf schneidend und brennend. Ihr war vom Magen her übel bis zum Erbrechen, und nachts war sie deliriös. Sie hatte etwas Fieber und einen starren Blick; die Zunge war schmutzig, der Atem fötide. Es bestand starkes Spannen in der Kopfhaut und in den Gesichtsmuskeln. Sie bat um Morphium –‚ um diesem Brennen und Schneiden ein Ende zu machen‘. Tarantula cubensis D 12, eine Gabe, schenkte ihr augenblicklich Ruhe, und die böse aussehende Geschwulst konnte ihr Werk nicht vollenden, die Eiterung vermieden werden. Die Verfärbung verschwand innerhalb von zwei Tagen, und auch die Verhärtung ging bald zurück. Die Patientin erlangte rasch wieder ihren normalen Gesundheitszustand. Wie sie mir vor kurzem mitteilte, hat sie, seit die Schwellung vorbei war, auch nie wieder ihre alten Kopfschmerzen gehabt, was zeigt, wie tief diese Arznei bei ihr auf den Organismus eingewirkt hat.
Wenn eine erkrankte Stelle gefleckt (lachesisLACHESIS) und bläulich ist und immer dunkler wird, muss – bei Symptomen wie den oben genannten – Tarantula cubensis das am besten geeignete Mittel sein.“
Zu Tarantula cubensis schreibt Dr. Oscar Hansen aus Kopenhagen in seinem Textbook of Rare Homœopathic Remedies:
„Therapeutische Anwendungen: Gangrän. Karbunkel, selbst nekrotisierende und dunkel verschorfende8

8

Engl.: sloughing; der Begriff bezeichnet die Abstoßung toten Gewebes von der gesunden Umgebung. Wo er im Kentschen Repertorium auftaucht, ist er vom Bearbeiter der deutschen Ausgabe, Georg von Keller, mit dem Ausdruck „mit Demarkation“ übersetzt worden.

Karbunkel, mit großer Prostration und Diarrhö sowie mit intermittierendem Fieber, das abends exazerbiert. Wirkt hier auch bei den schlimmsten brennenden und stechenden Schmerzen wahre Wunder. Bubo. Diphtherie. Eine purpurne Verfärbung ist bei den o. g. Schmerzen charakteristisch. (Vgl. lachesisLACHESIS, anthracinumANTHRACINUM, siliceaSILICEA.) Empfohlen im letzten Stadium der Lungentuberkulose. Maligne Diphtherie mit dunklen Belägen, fötidem Atem und septischem Fieber. Typhus, mit stinkenden, dunklen Stühlen und großer Erschöpfung.“
Unsere Arzneimittellehren sind in Bezug auf Tarantula hispanica und vor allem Tarantula cubensis so wenig ergiebig, dass es hilfreich sein mag, im Folgenden eine Diskussion aus Amerika über eine Abhandlung von Dr. Neiswandler (Ohio) wiederzugeben, die den Titel „Tarantula bei Meningitis“ trug. Die Debatte ist vor einiger Zeit im Homœopathic Recorder veröffentlicht worden. Wir können daraus eine Menge über Tarantula cubensis erfahren, und das wollen wir ja unbedingt, denn es ist, zumal bei septischen Prozessen, ein außerordentlich potentes Mittel, über das ansonsten in unseren Lehrbüchern herzlich wenig zu lesen ist.
Übrigens handelte es sich bei Dr. Neiswandlers „Tarantula bei Meningitis“ um die Hispanica. Was Dr. Roberts aber über den Ursprung der Cubensis zu berichten weiß, ist von allergrößtem Interesse! Er sagt, dass wir es hier nicht nur mit einer kubanischen Tarantel, sondern mit einer verwesten kubanischen Tarantel zu tun haben [siehe Fußnoten 8, 9

9

Macfarlan bezieht sich hier wohl auf die Prüfung, die 1916 im Homœopathic Recorder (Vol. XXXI) veröffentlicht wurde. Sie wurde mit der 200. Potenz des Gifts aus den Chelizeren der Spinne durchgeführt. Noch im selben Jahr ist sie übersetzt in der A.H.Z. (Bd. 164, S. 261) erschienen, und kurz darauf hat sie E. P. Anshutz in sein Buch New, Old and Forgotten Remedies aufgenommen.

]. Auf diese Weise, so deutet er an, erhalten wir nicht nur das Temperament und die Gemütssymptome von Tarantula, sondern auch das septische Element der zersetzten Spinne. Hört sich eklig an? Aber es wirkt! Das Mittel ist von daher in mancher Hinsicht mit pyrogeniumPYROGENIUM vergleichbar, das aus, wie man sagt, ‚durch die Gosse gezogenem‘, verfaultem Rindfleisch gewonnen wird. Beide Arzneimittel haben die Fähigkeit, ähnliche Sepsiszustände zu bekämpfen, und das macht sie für uns sehr wichtig und wertvoll.
Nun aber zu der Diskussion über die beiden Spinnengifte, die ich hier in Auszügen wiedergebe …
Dr. Macfarlan: Zu Tarantula hispanica kann ich nichts sagen, aber von Tarantula cubensis weiß ich, dass es eine wunderbare Arznei ist. Ich habe die Prüfung dieses Gifts vor ungefähr zehn Jahren gemacht.9 Ich hatte damit auch einen schönen Heilerfolg bei einem schrecklichen Husten, der Ähnlichkeit mit Keuchhusten hatte und den Patienten in Stücke zu reißen schien. Tarantula cubensis reißt die Leute wirklich fast in Stücke! Er sprach sofort hervorragend darauf an.
Tarantula cubensis ruft große Schläfrigkeit hervor. Ich glaube, es ist bei Keuchhusten nützlicher als ipecacuanhaIPECACUANHA oder castanea vescaCASTANEA VESCA10

10

Ein wenig bekanntes Keuchhustenmittel, das aber in Clarkes Dictionary Erwähnung findet. Es wird (laut Clarke) hergestellt aus den im Sommer gesammelten Blättern der Edelkastanie (Esskastanie).

oder irgendein anderes Mittel, das ich kenne; es ist fabelhaft.
Dr. Benthack: Vom Nutzen von Tarantula bei Meningitis hatte ich vorher noch nie gehört; aber Tarantula cubensis ist meine große Stütze bei allen Abszessen, die mit heftigen Schmerzen einhergehen. Früher dachte ich, dass ich mit arsenicumARSENICUM und anthracinumANTHRACINUM zwei ausgezeichnete Mittel für solche Zustände hätte, aber ich habe festgestellt, dass -Tarantula cubensis in der 30. Potenz sehr viel besser wirkt.
Dr. Roberts: Tarantula ist eines der interessantesten Spinnengifte überhaupt. Ich glaube, wir können uns ein besseres Bild davon machen, wenn wir die Gewohnheiten dieser Spinne studieren. Die spanische Tarantel ist, wie Sie wissen, im westlichen Teil jenes Landes zu finden, und mir wurde berichtet, dass die Spinnen vor der Regenzeit in Herden auf Wanderschaft gehen, wobei sie sich hüpfend und springend fortbewegen. Das Tier baut sein Nest in die Erde; es ist eine mit feinem Gespinst ausgekleidete Höhle, die zunächst einige Zentimeter nach unten führt und dann in scharfem Winkel abbiegt. Hier sitzt die Spinne, um auf ihre Beute zu lauern.
Sie verrichtet ihr Werk sozusagen unter heimtückischer Gewaltanwendung: ein Satz genau auf das Genick des Opfers, und die Ganglien werden durchtrennt. Sie schlägt zu, weicht aber sogleich wieder zurück, hält niemals an der Beute fest. Außerhalb ihres Nests ist sie ein absoluter Feigling. In Dingen wie diesen finden Sie die Charakteristika von Tarantula wieder, denn diese plötzliche Gewalttätigkeit zieht sich durch das ganze Arzneimittelbild – dieser plötzliche Impuls, Schaden zuzufügen.
Ich kannte einen Tarantula-Patienten, der eigentlich ganz ruhig und friedlich zu sein schien. Kaum aber hatte die Krankenschwester das Zimmer verlassen, sprang er aus dem Bett, fegte alle Gegenstände vom Bord herunter und war wieder im Bett, ehe die Schwester zurückkam. Das ist Tarantula: ein heftiger, gewaltsamer Überfall; die Furcht, sich einem Gegner wirklich zu stellen; Furcht auch, wenn er von zu Hause fort ist – genau so, wie sich die Spinne in ihrer natürlichen Umgebung verhält.
Was die Tarantula cubensis angeht – sie wird ja in Dr. Neiswandlers Schrift nicht erwähnt –, so hat sie mit der Hispanica große Ähnlichkeit; es ist dieselbe Spinnenart [siehe Fußnote 8] oder doch eine nahe Verwandte, nur dass sie aus Kuba kommt. Dr. T. F. Allen hat mir einmal die Geschichte dieses Mittels erzählt:
Die Tarantula cubensis wurde auf einem Schiff in die Vereinigten Staaten gebracht, in einem Behälter mit Alkohol, um sie zu konservieren. Der Behälter zerbrach während des Transports, der Alkohol lief aus, und das Exemplar verfaulte. Trotzdem wurden Potenzen davon angefertigt, und es ist gerade der pyogene Effekt dieses Elements der Verwesung, der den größten Unterschied zwischen Tarantula hispanica und Tarantula cubensis ausmacht, denn all unsere höheren Potenzen wurden aus dieser Charge her-estellt. Es lohnt sich, die Sache aus diesem Blickwinkel zu betrachten; so kommen wir nämlich einerseits zu der Mentalität der Hispanica, andererseits zu der Sepsisneigung der Cubensis!
Dr. Farrington: Es wäre interessant, die Prüfung der Tarantula cubensis mit einem frischen Exemplar der Spinne zu wiederholen. Man könnte es als Mangel unserer Materia medica ansehen, dass wir offenbar nicht die wirklichen Symptome von Tarantula cubensis haben.11

11

Diese Symptome liegen mit der Prüfung von Macfarlan ja teilweise vor, doch bestätigen sie m. E. weder die von Farrington vermutete große Ähnlichkeit mit denen von Tarantula hispanica, noch untermauern sie – was wegen der hohen Potenz auch nicht zu erwarten ist – die klassischen Indikationen wie Karbunkel, Panaritien etc., welche eher aus den örtlichen Bissfolgen abgeleitet werden können.

Aber vielleicht würde dabei auch nur eine Wiederholung der Prüfungssymptome von Tarantula hispanica herauskommen. … Wahrscheinlich hat uns hier der Zufall zu einem neuen Heilmittel verholfen, das wir sonst nicht bekommen hätten, ähnlich wie ein Zufall zu unserem causticumCAUSTICUM geführt hat, denn dies ist ein zusammengesetztes Präparat – Hahnemanns Tinctura acris sine Kali –, das in keiner Pharmakopoe außer der homöopathischen zu finden ist. …
Vor einer Reihe von Jahren berichtete ich dieser Gesellschaft von dem Fall eines 18-jährigen Jungen, bei dem der Verdacht auf Dementia praecox bestanden hatte und der durch Tarantula geheilt wurde. Seine Symptome und sein allgemeines Benehmen waren genau so, wie Dr. Roberts es beschrieben hat. Er pflegte über irgendetwas jäh in Wut zu geraten und dann mit dem zu werfen, was er gerade in der Hand hatte oder was sich in seiner Reichweite befand. Einmal hätte er seine Mutter fast mit einem großen Krug umgebracht: Sie machte einen Einwand gegen etwas, was er gesagt oder getan hatte, und er warf mit dem Krug nach ihr und verfehlte sie nur um Haaresbreite; stattdessen ging ein riesiger Spiegel in tausend Stücke.
Ein anderes interessantes Tarantula-Symptom betrifft das Herz. Einige von Ihnen werden diese plötzlichen und heftigen Herzsymptome kennen, und in manchen unserer Arzneimittellehren wird dieser von Tarantula hervorgerufene und geheilte Zustand auch Veitstanz des Herzens genannt.
Vor einigen Jahren wurde ich mitten in der Nacht nach South Bend, Indiana, gerufen und fand dort einen 45 Jahre alten Mann vor, totenblass und in großer Angst. Sein Herz schlug sehr schnell, und er glaubte, er müsste sterben. In der Tat hatte ihm der Arzt, der ihn zuvor untersucht hatte, gesagt, dass er an einer schweren Herzkrankheit leide und nicht mehr lange zu leben habe.
Ich untersuchte sein Herz sehr sorgfältig, konnte aber keinerlei Störung feststellen – doch hin und wieder fuhr er erschreckt zusammen, und dann ging es los: rauf und runter, rauf und runter, bis es sich wieder beruhigte. Er hatte eine Vorgeschichte von Diarrhö und Verdauungsstörungen, die sich vor allem auf das Kolon bezogen. Doch muss ich hinzufügen, dass ich, obwohl ich ihm einige Fragen stellte, außer den objektiven nur wenige Symptome herausbekommen konnte. Was ich zu ihm sagte, tat ihm, glaube ich, fast so wohl wie die Arznei. Ich erklärte ihm, dass er an einer Art Selbstvergiftung leide und keineswegs an einer Herzkrankheit, und gab ihm eine Dosis Tarantula. Zwei Wochen später war er wieder auf den Beinen und suchte mich auf, offensichtlich völlig genesen.
Dr. Green: Ich hatte einmal die Gelegenheit, einen Tarantula-Patienten ziemlich aus der Nähe zu beobachten, und möchte noch etwas hinzufügen zu dem, was Dr. Roberts über diese plötzlichen hinterhältigen und destruktiven Neigungen gesagt hat. Der Kranke kann dabei sein Wesen vollkommen verändern: Ein netter, umgänglicher und vernünftiger Mensch kann so fürchterlich egozentrisch und selbstsüchtig werden, dass er verlangt, alle müssten um ihn herumstehen und ihn bedienen. Er kann sogar die Krankenschwester mit irgendwelchen erfundenen Beschwerden davon abhalten, ihren Dienst aufzunehmen oder zu beenden, etwa indem er eine Ohnmacht vortäuscht oder irgendetwas anderes, was sie zwingt, in seiner Nähe zu bleiben.
Dr. Benthack sagte, dass er sich bei brennenden Geschwüren im Allgemeinen auf arsenicumARSENICUM verlassen habe, bevor er erfuhr, dass auch Tarantula bei solchen Ulzera in Frage kommt. Das erinnert mich daran, zu erwähnen, dass nach meiner Erfahrung Tarantula und ARSENICUM in chronischen Fällen dieser Art Komplementärmittel sind.

Terebinthina

Weitere Namen: Terpentinöl
Wenn man die Prüfungen und Vergiftungsfälle mit terebinthinaTerebinthina in der Cyclopaedia of Drug Pathogenesy durchsieht, fallen einem mehrere Punkte ins Auge:
In all unseren Arzneimittellehren ist zu lesen, dass bei Terebinthina der „Urin nach Veilchen riecht“; diese eigenartige Tatsache findet sich immer wieder, selbst bei Tieren, die eine Terpentinvergiftung erlitten haben. Der Urin mag klar, blutig, rußfarben oder schwarz sein, stets riecht er offenbar nach Veilchen – oder auch süßlich, wie es ein-, zweimal ausgedrückt wird.
Des Weiteren fällt auf, dass häufig Schläfrigkeit und Sopor hervorgerufen wurden.
Der Schmerzcharakter ist typischerweise brennend: Brennen des Zahnfleisches; Brennen im Mund; in der Zunge, wie Feuer; in Hals, Magen und Hypochondrien („brennendes Drücken in den Hypochondern“); im Nabel; in Rektum und Anus; in den Nieren und der Blase; in der Harnröhre; in den Hoden; im Uterus; im Kreuz; in den Atemwegen; „in der Brust, längs dem Brustbeine“.
Aber wie so oft bei Arzneiwirkungen finden wir auch unter Terebinthina einen genau entgegengesetzten Zustand (der möglicherweise als Gegenwirkung des Organismus aufzufassen ist): einerseits „Brennen im Nabel“, andererseits das seltsame Gefühl „Nabelgegend [wie] eingezogen, kalt, gleich als ob da von außen eine runde kalte Platte angedrückt würde“.
Weiterhin ist eine extreme Blutungsneigung des Mittels festzustellen, die z.B. zu Ekchymosen führen kann: „Von Tag zu Tag frische Ekchymosen in großer Zahl.“ Ekchymosen im Mund und in den Mundwinkeln (Purpura haemorrhagica). Magenblutungen. „Brennen im Magen mit Übelkeit und Erbrechen von Schleim, Galle oder Blut; kopiöse Blutungen.“ „Rußfarbene Stühle, wie Kaffeesatz.“ Enterokolitis, mit Hämorrhagien und Ulzerationen in den Därmen. Blutung aus dem After. Blutende Hämorrhoiden. Albuminurie, reichlich Blut und Eiweiß im Harn. Urin: fötide oder nach Veilchen riechend; eiweißhaltig; spärlich; dunkel; wolkig und rauchfarben, blutig. Blutiger, übelriechender Ausfluss. Expektoration von blutig tingiertem Sputum; blutiger Auswurf. Bezüglich dieser Blutungsneigung wetteifert Terebinthina mit den Schlangengiften, mit crotalus horridusCROTALUS HORRIDUS etc.
Terpentin hat den Ruf, Betäubung und Tiefschlaf herbeizuführen; Unfähigkeit, zu denken oder zu arbeiten; Lebensüberdruss. Es sind sogar Fälle von Selbstmord durch Erhängen überliefert, und zwar bei zwei Personen, „die Spitzen in Terpentinöl und Alkohol gewaschen hatten“. Terpentindämpfe haben sich für viele Menschen als sehr giftig erwiesen. „Komatös; kann aus seinem offensichtlichen Sopor nur durch Rütteln aufgeweckt werden, fällt aber sogleich wieder in diesen zurück.“ Terpentin hat auch einen berauschenden Effekt: Der Betroffene ist „etliche Stunden leicht berauscht“; der Gang ist taumelnd, wie bei einem Betrunkenen. „Steht breitbeinig da, schwankt aber trotzdem vor und zurück; kann den Körper nicht im Gleichgewicht halten.“ Dieser Zustand kann bis zur Empfindungslosigkeit der Extremitäten gehen, besonders der unteren, oder so weit, dass der Kranke beim Versuch zu schreiben keine Kontrolle mehr über Hände und Arme hat. Schwäche und Hinfälligkeit; „müde und unfähig zu gehen, schwankte und fiel hin.“ „Es fehlt die Leichtigkeit beim Gehen, die Muskeln sind ihm wie steif, er geht langsam und gekrümmt, wie im Alter.“ Wenn die Gliedmaßen angehoben wurden, fielen sie durch ihr eigenes Gewicht schwer wieder zurück. Andererseits ist auch von gelegentlichem Sehnenhüpfen die Rede; tetanische Krämpfe, Kiefersperre. Chorea und Epilepsie in Form von heftigen Krampfanfällen, die in Intervallen von zehn bis fünfzehn Minuten auftraten und den schrecklichsten Opisthotonus hervorriefen. Urämische Krämpfe.
Vor kurzem wurde ein sehr interessanter terebinthinaTerebinthina-Fall veröffentlicht; ich erlaube mir, ihn an dieser Stelle wiederzugeben. Er zeigt, dass die potenzierte Arznei ihren eigenen Ausgangsstoff, das Terpentinöl, zu antidotieren vermag, vorausgesetzt natürlich, dass noch keine irreparablen Gewebszerstörungen stattgefunden haben.
Ein vierjähriges Kind, das immer wieder in kurze Anfälle von Bewusstlosigkeit verfiel und weder tagsüber noch nachts in der Lage war, seinen Harnfluss zu kontrollieren, wurde mit einer einzigen Gabe Terebinthina 1 M vollkommen geheilt. Die Vorgeschichte dieses Falles war, dass das Kind im Alter von achtzehn Monaten eine nicht geringe Menge Terpentin getrunken und sein Gesundheitszustand sich seither ständig verschlechtert hatte. Nach jener Arzneigabe hatte das Mädchen nie wieder einen Anfall, und langsam, aber sicher legte sich auch ihre Blasenschwäche. Von da an erhielt sie nichts mehr, außer einem Placebo. – Dr. Chas. C. Bowes, USA, Homœopathic Recorder, März 1931.
Der Hauptwirkungsbereich (im heilenden wie im schädigenden Sinne) dieses recht interessanten Arzneimittels liegt in den Harnwegsorganen – Nieren, Blase, Harnröhre, wie die nun folgenden Hauptsymptome zeigen werden.
Hauptsymptome12
ZungeBleibt trocken, bei gespannter Bauchdecke; nach Abstoßung des Belags wird sie wieder trocken, was mit einer Zunahme der tympanitischen Bauchauftreibung verbunden ist (Typhus abdominalis).

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Die mit a bezeichneten Symptome entstammen der im 3. Band der Annalen der homöopathischen Klinik von Hartlaub und Trinks veröffentlichten Prüfung; sie wurde hauptsächlich von Woost und Seidel durchgeführt.

Zungenbelag wird nicht allmählich, sondern rasch und in großen Flocken abgestoßen, von der Mitte ausgehend; danach Zunge glatt und glänzend (Typhus abdominalis).
AbdomenAuftreibung des Unterleibes …a
Gefühl von Aufgetriebenheit des Unterleibes, als ob einen die Winde recht plagten …a
Meteorismus; extreme Tympanie, Abdomen empfindlich.
Darmblutungen: mit Ulzeration; Epitheldegeneration; passive Blutung.
HarnorganeHeftige, brennende, ziehende Schmerzen in der Nierengegend.a
Empfindlichkeit des Hypogastriums; Blasentenesmus.
Heftiges Zwängen und Schneiden in der Blase, welches mit einem ganz ähnlichen Schmerze dicht über dem Nabel abwechselt, im Gehen im Freien weniger, in der Ruhe stärker.a
Strangurie; krampfhafte Harnverhaltung.
Brennen in der Harnröhre beim Harnen.a
Häufiges Wasserlassen nachts, verbunden mit heftigem Brennen und mit Kreuzschmerzen.
Urin spärlich und blutig …
Urin: wolkig und rauchfarben, blutig; klar, wässrig, profus.
Albuminurie; frühe Stadien, wenn Blut und Eiweiß reichlicher vorhanden sind als Zylinder und Epithelien.
Hämaturie.
Urin schwarz, mit Kaffeesatz-Sediment.
Nach Scharlach: scheidet kleine Mengen von dunklem, süßlich riechendem Urin aus, trübe und mit einem Sediment wie Kaffeesatz; zuweilen ist der Patient stumpfsinnig oder schläfrig, bis hin zum Sopor; Wassersucht; der Urin ist reich an Eiweiß und Blut, enthält aber, wenn überhaupt, nur wenige Zylinder.
Weibliche GenitalienPuerperale Metritis und Peritonitis, mit Tendenz zur Nekrotisierung; Wochenfluss behindert, fürchterliches Brennen im Uterus, Abdomen voller als gewöhnlich; Kopfschmerz mit Durst; braune, trockene Zunge, Übelkeit und Erbrechen; Abdomen aufgetrieben, berührungsempfindlich; Puls schwach, beschleunigt, allgemeine Schwäche.
AtmungsorganeBronchialkatarrh und Pneumonie bei Typhus.
Blutung aus den Lungen.
FieberMalaria und afrikanische Fieber.
NervenProstration.
GewebePurpura haemorrhagica.
Kongestion und Entzündung der Eingeweide: Nieren, Blase, Lungen, Intestinum und Uterus.
Aszites mit Anasarka.
HautScharlach, besonders wenn die Nieren beteiligt sind, mit Sopor; blutiger, rauchfarbener Urin.
Weitere ausgeprägte, wichtige oder seltsame Symptome
„Man glaubte, der Patient läge im Sterben, stellte dann aber fest, dass er an einer Terpentinvergiftung litt.“
Pupillen „heftig zusammengezogen“.
Eine eigene Art Schnupfen, bei welchem ohne gestörtes Gemeingefühl und den sonstigen begleitenden Symptomen eines gewöhnlichen Schnupfens und ohne alle Vorboten dünne, wasserhelle Flüssigkeit bald aus dem einen, bald aus beiden Nasenlöchern ausfliesst und 2 Tage anhält.a
Es ist ihm, als habe er eine kleine Kugel verschluckt, die in der Herzgrube sitzen geblieben sei.a
Gefühl, als würden die Gedärme gegen das Rückgrat zurückgezogen. (plumbumPLUMBUM, platinumPLATINUM)
terebinthina Terebinthina soll zur Prävention sowie zur Auflösung von Nierensteinen dienlich sein.
Sie klagt über immerwährendes Leibschneiden im ganzen Unterleibe, und von da sich in die Schenkel erstreckend …a
Bewegungen … in der Leistengegend, als ob da ein Bruch hervortreten wollte …a
Es ist ihm, als solle plötzlich der Schaambogen auseinander getrieben werden.a
Starkes Brennen und Kriebeln am After und ein Gefühl in demselben, als wenn Würmer zum After heraus wollten.a
Darmausleerungen mit Abgang von Bandwurm und Rundwürmern.a
Beim Stuhlgange eine flüchtige Bewegung in der Blasengegend, als würde die Blase plötzlich ausgedehnt und nach vorn gebogen.a
„Äußerst quälender Harnzwang, heftiger, als ich es je zuvor erlebt habe, und mit größerem Blutverlust verbunden.“
Urin sehr spärlich und rot oder auch sehr reichlich und hell, doch in beiden Fällen deutlich nach Veilchen riechend.
„Der Harn erhielt den sogenannten Veilchengeruch in hohem Grade …“a
Angegriffenheit des Körpers mit Schwindel und Eingenommenheit des Kopfes.a
Er wurde sehr schläfrig, und es fiel ihm ausgesprochen schwer, wach zu bleiben.
Kalter und klammer Schweiß am ganzen Körper.
Schwitzt Abends im Bette stark an den Beinen.a
Schwankender Gang, wie betrunken.
Boger führt an: „Schmerzen lösen Urinieren aus.“
Nash nennt als seine Hauptindikationen für dieses Mittel:
„Brennen und Beißen in der Harnröhre beim Wasserlassen; Urin rot, braun, schwarz oder rauchgrau.
Zunge glatt, glänzend, rot, verbunden mit extremer tympanitischer Bauchauftreibung (Typhus abdominalis).
Blutungen aus allen Körperöffnungen, besonders bei Harnwegs- oder Nierenbeschwerden.“
Er schreibt, dass es wie berberisBERBERIS viel Rückenschmerzen hat, die im Zusammenhang mit Nieren- und Blasenleiden auftreten. „Bei Anstreichern kommt es durch Terpentingeruch während der Arbeit oft zu ernsthaften Beeinträchtigungen der Gesundheit; manche sind überhaupt außerstande, bei diesem Geruch zu arbeiten. …
Bezüglich des Brennens und Beißens beim Wasserlassen steht terebinthinaTerebinthina cantharisCANTHARIS oder cannabis sativaCANNABIS SATIVA näher als berberisBERBERIS. …
terebinthina Terebinthina ist eines unserer wichtigsten Blutungsmittel; es kommt in Betracht bei Hämaturie und Hämoptysis, bei Darmblutungen, besonders infolge von Bauchtyphus, und sogar bei Purpura haemorrhagica kann es hervorragende Dienste leisten.
Eines der Hauptcharakteristika für seine Anwendung ist die glatte, glänzende, rote Zunge (crotalus horridusCROTALUS HORRIDUS, pyrogeniumPYROGENIUM); ein weiteres die extreme tympanitische Auftreibung des Bauches. Die Kombination dieser beiden Symptome findet man oft bei Typhus abdominalis – und dann ist Terebinthina das Heilmittel.“
„Terebinthina oder Terpentin ist“, wie Farrington sagt, „ein Arzneimittel, das von den Ärzten der alten Schule viel missbraucht und wohl aus diesem Grund von den Homöopathen weitgehend vernachlässigt wurde. Unsere empörte Abwendung von den falschen Auffassungen der alten Schule führt leider nicht selten dazu, dass wir dann ein solches Mittel ganz und gar meiden. …
Seine Hauptwirkung zielt auf die Nieren und die Blase. Wenn Sie Metritis, Peritonitis, Typhus oder Scharlach vorfinden – oder irgendeine andere ernste Erkrankung mit bösartigem Verlauf –, wo die nachfolgend genannten renalen Symptome auftreten, wird Terebin-thina sehr wahrscheinlich das Heilmittel sein: dumpfe Schmerzen in der Nierengegend; Brennen in den Nieren; Schmerzen, die von den Nieren durch die Harnleiter nach unten ziehen; Brennen beim Wasserlassen; Strangurie; eiweißhaltiger Urin. Der Urin sieht charakteristischerweise dunkel, wolkig und rauchfarben aus, als ob er zersetztes Blut enthielte – was auch der Fall ist; außerdem hat er den typischen Veilchengeruch …
Der wahre pathologische Zustand, der in diesen Fällen an den Nieren besteht, ist weder der einer akuten Brightschen Krankheit noch der einer Bildung entzündlich-fibrinöser Exsudate in den Nieren; vielmehr handelt es sich um eine Nierenkongestion mit Blutaustritt ins Nierenbecken. Wenn die obigen Harnsymptome vorhanden sind, können Sie mit Zuversicht Terebinthina geben, gleichgültig um welche Krankheit es sich handelt. …
Terebinthina wirkt oft stark auf die Schleimhäute ein. Es ruft Brennen in den Atemwegen hervor, mit dünnflüssigem Auswurf, der sich dennoch nur sehr schwer löst.“
Eine Prüfung von Terebinthina
Eine Frau hatte sich die Füße wund gelaufen und sie danach mit Terpentin eingerieben. Daraufhin geriet sie in einen tollwutähnlichen Zustand: Jedes Mal, wenn sie Wasser sah oder Gießgeräusche hörte oder wenn sie einen glänzenden Gegenstand erblickte, bekam sie Krämpfe; ebenso, wann immer sie versuchte, Wasser zu lassen. – Lippe, nach Clarke. (Vgl. terebinthinalyssinumLYSSINUM, belladonnaBELLADONNA, stramoniumSTRAMONIUM.)

Theridion

Weitere Namen: Theridion curassavicum; Orangenspinne13

13

Nach Leeser (Lehrbuch der Homöopathie) gehört diese Spinne, ebenso wie LATRODECTUS MACTANS, zur Familie der Theridiidae, ist aber keine Theridionart. „Die Arten der Gattung Theridion gelten durchweg als harmlos. Sicher ist sie eine Art der Gattung Latrodectus, vielleicht die von einigen Autoren als Latrodectus curassavicus bezeichnete.“

Das Gift einer kleinen, schwarzen, sehr giftigen Spinne, die man auf den Orangenbäumen der Westindischen Inseln findet. Ihrem Lebensraum entsprechend weist die Spinne drei orangerote Flecken auf ihrem Hinterleib auf, während sich auf der Körperunterseite ein großer hellgelber Fleck von der Form eines Vierecks (mit nach außen gebogenen Seiten) befindet. Die alkoholische Tinktur wird aus der lebenden Spinne bereitet, die in Weingeist gegeben und dann zerquetscht wird.14

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Von „Zerquetschen“ der Spinne ist in Herings Vorwort zur Theridion-Prüfung (Stapfs Archiv) nicht die Rede. Er schreibt: „So nahm ich aus einem kleinen Fläschchen mit Rum, in welches einige lebend waren gethan worden, und was wohlverschlossen ein Jahr gestanden hatte, einen Tropfen, den ich potenzierte.“ Alle Versuche wurden mit der 30. Potenz angestellt.

Die Arznei wurde 1832 von Hering eingeführt und geprüft. Von Interesse ist das Mittel wegen einiger sehr eigentümlicher Symptome.
Es hat sich als nützlich erwiesen bei Schwindel, Kopfaffektionen, Husten, Rückenmarksreizung, Hysterie sowie bei skrofulösen Leiden.
Die Spinnengifte sind besonders starke Gifte, und es hat sich gezeigt, dass sie bei jenen diffizilen Zuständen heilsam sein können, die als Hysterie bekannt sind; sie gehen mit einer außerordentlichen, pervertierten Empfindlichkeit gegenüber äußeren Eindrücken einher. Man vergleiche dazu das Kapitel über tarantulaTARANTULA, dieses so wichtige Mittel mit seiner intensiven Reaktion auf Musik und seiner Heftigkeit, Gewaltsamkeit und Plötzlichkeit.
Theridion hingegen zeigt eine besonders starke Reaktion auf Geräusche. Sein Leitsymptom ist: „Jeder durchdringende Schall und Klang dringt durch den ganzen Körper, besonders in die Zähne, macht den Schwindel ärger, der dann Übelkeit erweckt.“
Es ist eines der Mittel, an die man bei der Menière-Krankheit denken muss (salicylicum acidumacidum salicylicumACIDUM SALICYLICUM). Hier, wie auch bei der Seekrankheit, sind seine speziellen Indikationen: Schwindel beim Schließen der Augen; „wenn sie die Augen schließt, um die Bewegung des Schiffs nicht sehen zu müssen, wird ihr schrecklich übel.“
Dieses Spinnengift zeigt eine extreme Empfindlichkeit der Nerven.
Lassen Sie mich an dieser Stelle Auszüge aus den Prüfungen von Theridion wiedergeben, einige …
Ungewöhnliche, eigentümliche und bemerkenswerte Symptome,15
die zu seiner erfolgreichen Verwendung führen, wenn sie mit den Symptomen des Patienten übereinstimmen.

15

Die Symptome sind hauptsächlich den Guiding Symptoms entnommen. Die mit a bezeichneten Symptome entstammen der 1834 veröffentlichten Prüfung Herings, heute nachzulesen in Band 3 der Gesammelten Arzneimittelprüfungen aus StapfsArchiv für die homöopathische Heilkunst“ (1822–1848) (hrsg. von K.-H. Gypser, A. Waldecker, R. Wilbrand).

SchwindelMit Übelkeit bis zum Erbrechen; besonders beim Bückena und bei der geringsten Bewegung; durch jeden Ton, jedes Geräusch; mit kaltem Schweiß; weckt sie nachts aus dem Schlaf, um 23 Uhr; mit langsamem Puls.
Immer wenn sie die Augen schließt, wird sie von Übelkeit und Schwindel befallen; < durch Geräusche, Bewegung und Bücken.
Schwindel mit Blindheit, ausgelöst durch Schmerzen in den Augen.
KopfKopfweh beim Anfange jeder Bewegung.a
Kopfschmerz mit Übelkeit und Erbrechen, wie bei Seekrankheit, verbunden mit Schüttelfrost.
Wegen Schmerzen tief im Gehirn muss sie sitzen oder gehen; es ist ihr unmöglich zu liegen.
Es ist ihr so dick im Kopfe, als wäre es ein andrer fremder Kopf oder als hätte sie etwas ganz anderes darauf.a
Vierzehn Tage lang ein Gefühl, als wenn der Scheitel nicht zu ihr gehörte; er scheint vom übrigen Kopf getrennt zu sein, wie wenn sie ihn abheben könnte; hatte das Gefühl, dass sie ihn gern abnehmen würde.
Heftiges Kopfweh in der Stirne, mit Pochen bis in den Hinterkopf a; oder mit starkem Drücken hinter den Augen.
Kopfweh hinter den Augen.a
Kopfschmerz tief in den Augenhöhlen, < links.
Kopfweh, wie ein drückender Reifen in der Nasenwurzel und nach hinten über den Ohren hin.a
Sehr fröhlich, er trillert und singt, obwohl der Kopf innerlich heiß ist und eingenommen und schwer.a
Ein Heilmittel bei Sonnenstich.
AugenFlimmern vor den Augen …, in often Anfällen erscheinend.a
Es zog sich wie ein Schleier vor, es flackerte und flimmerte vor den Augen, sie mußte sich legen …a
Lichtempfindlichkeit; alles wird doppelt gesehen, und das Flimmern ruft Übelkeit hervor; kalte Hände; noch lange danach wagt sie es nicht, sich zu bücken.
Schwindeligkeit und unklares Sehen, alles verschwamm und wurde undeutlich.
OhrenJucken, daß sie es möchte abkratzen.a
Ohrensaußen.a
Rauschen, wie Wasserfall, in beiden Ohren.a
Schlimmer durch das leiseste Geräusch.
Alles Laute macht einen zu starken Eindruck auf sie.a
Jeder durchdringende Schall und Klang dringt ihr durch den ganzen Körper, besonders in die Zähne, macht den Schwindel ärger, der dann Uebelkeit erweckt.a
NaseTrocken, als ob zu viel Luft hereinströmte. – Jucken in der Nase.a
Schnupfen, Ozäna: chronische, übelriechende Absonderungen, dick und gelb oder gelblichgrün.
Anfall von oftem, starken Niesen und muß viel schnauben.a
MundDes Morgens beim Erwachen und sonst zuweilen ist der Unterkiefer unbeweglich …a (Tetanus).
Gewöhnliches kühles Wasser in den Mund genommen, fährt ihm doch die Kälte schmerzlich in die Zähne.a
Jeder Klang fährt ihm in die Zähne, z.B. Hähnekrähen.a
Keinen rechten Geschmack, es ist ihr so pelzig im Munde.a
Salziger Geschmack und salziges Schleimraksen.a
MagenVerlangen nach Orangen und Bananen; nach säuerlichen Früchten und Getränken; Wein und Branntwein; Tabakrauchen.
Übelkeit und Erbrechen bei der mindesten Bewegung, vornehmlich aber beim Schließen der Augen.
AbdomenWehenartige Schmerzen im Unterbauch, als ob ein Kind im Leib hüpfen würde. (crocusCROCUS, thujaTHUJA)
HerzAngst in der Herzgegend; heftige Schmerzen strahlen zum Arm und zur linken Schulter aus.
Langsamer Puls bei Schwindel.
RückenSpinalreizung, mit großer Empfindlichkeit zwischen den Wirbeln; sitzt seitwärts auf dem Stuhl, um Druck auf die Wirbelsäule zu vermeiden.
Sie konnte nicht das leiseste Geräusch ertragen, und die Erschütterung des Fußbodens durch Schritte verschlimmerte so sehr, dass sie laut aufschrie (Spinalreizung).
ExtremitätenSchmerzen in allen Knochen, als wollte alles auseinander fallen, wie zerbrochen von Kopf bis zu Fuß.a
NervenOhnmacht nach jeder Anstrengung.
SchlafEr beißet sich im Schlafe … oft in die Zungenspitze …a
Theridion hat sich bei Angina pectoris als nützlich erwiesen; ebenso bei Rückenmarksreizung; bei Rachitis, Knochenkaries und Knochennekrose; bei florider Tuberkulose; bei Säuglingsatrophie mit Lymphdrüsenvergrößerung.
Clarke schreibt über Theridion (Dictionary of Materia Medica): „Die Spinne ist sehr giftig. Ihr Biss erzeugt einen überaus empfindlichen, nervösen Zustand mit Schwäche, Zittern, Kälte, Angst, Hinfälligkeit und großer Neigung zu kaltem Schweiß.
Es gibt zwei ausgeprägte Leitsymptome, von denen das eine oder andere in den meisten Fällen, die Theridion benötigen, zu finden sein wird.
  • 1.

    Extreme Geräuschempfindlichkeit; Verschlimmerung durch das leiseste Geräusch; ‚jeder Klang fährt in die Zähne‘. Die Empfindlichkeit erstreckt sich auf Schwingungen jeglicher Art: Erschütterung durch Schritte, Fahren in einem Wagen oder auf einem Schiff. Das Symptom zeigt auch die Beziehung von Theridion zu den knöchernen Strukturen sowie jenem Teil der Sinnesorgane und des Nervensystems, der von Knochengewebe umschlossen ist. Das Mittel passt auf Fälle von spinalen Reizzuständen, aber auch von Erkrankungen der Wirbelsäule und anderer Knochen. Knochenkaries, Knochennekrosen und skrofulöse Knochenkrankheiten, sie alle sind schon mit Theridion geheilt worden. …

  • 2.

    Schlimmer beim Schließen der Augen. Diese Modalität gilt sowohl für Schwindel als auch für Kopf- und Magensymptome; sie indiziert das Mittel in vielen Fällen von Seekrankheit oder Schwangerschaftsübelkeit. … Gleichwohl besteht zugleich deutliche Lichtintoleranz. Theridion ruft eine Art Trunkenheit mit Ausgelassenheit und Redseligkeit hervor.“

Boericke: „Theridion hat eine Affinität zur tuberkulinischen Diathese. … Geräusche scheinen schmerzhafte Stellen im ganzen Körper zu treffen. … Will immer etwas tun16

16

Boericke schreibt einfach „restless“; ich habe stattdessen Herings Formulierung aus der Prüfung übernommen.

, hat aber zu nichts Lust. Die Zeit vergeht zu schnell. … Überall feines Stechen auf der Haut.“
Er empfiehlt die 30. Potenz.
Eine Zusammenfassung der wichtigsten Modalitäten: Theridion geht es schlechter durch Geräusche, Berührung, Schließen der Augen, durch die geringste Bewegung. Besser durch Ruhe und Wärme.
Nash schreibt zu Theridion: „Es gibt bei diesem Mittel ein eigentümliches und charakteristisches Symptom, das von mir und anderen bestätigt worden ist: ‚Schwindel mit Übelkeit, besonders beim Schließen der Augen.‘ In H. C. Allens Keynotes heißt es: ‚Schwindel: beim Schließen der Augen (lachesisLACHESIS, thujaTHUJA; beim Öffnen: tabacumTABACUM; beim Sehen nach oben: pulsatillaPULSATILLA, siliceaSILICEA); durch jedes noch so leise Geräusch; Vertigo auralis (Menière-Krankheit).‘
Ferner: ‚Jeder Laut scheint den ganzen Körper zu durchdringen und dann Schwindel und Übelkeit zu erregen.‘ asarum europaeumASARUM hat ein ähnliches Symptom, das man sich merken sollte: ‚Überempfindlichkeit aller Nerven; das Kratzen mit dem Finger auf Leinen oder Seide ist unerträglich, ebenso das Rascheln von Papier.‘ (ferrumFERRUM, taraxacumTARAXACUM)
Dieser charakteristische Schwindel kommt bei verschiedenen Kopf- und Magenaffektionen vor, und wenn er in dieser Form vorhanden ist, heilt Theridion das gesamte Leiden. …
Ein Theridion-Symptom, das bei Lungenerkrankungen sehr wertvoll zu sein scheint: ‚Schmerzen ziehen durch die obere linke Brust zur Schulter.‘17

17

Das Symptom geht wahrscheinlich auf folgendes Prüfungssymptom zurück: „Heftige Stiche hoch oben in der Brust, unter der linken Schulter durch, bis in den Hals zu fühlen.“

(Floride Lungentuberkulose ist auf dieses Leitsymptom hin geheilt worden, wenn die Arznei frühzeitig gegeben wurde.) In diesem Punkt ähnelt Theridion myrtus communisMYRTUS COMMUNIS, einem Mittel, mit dem ich vielen Kranken geholfen habe, die dieses eigentümliche Lokalsymptom aufwiesen (sulfurSULFUR, pix liquidaPIX LIQUIDA und ANISUM anisum stellatumSTELLATUM haben es ebenfalls).“

Thuja occidentalis

Weitere Namen: Lebensbaum
Arbor vitae! – in der Tat ein „Baum des Lebens, zur Heilung der Völker!“, wie wir sehen werden.
Hahnemann sagt, dass vor ihm wohl nie ein ernsthafter arzneilicher Gebrauch von diesem Gewächs gemacht worden sei.
Er schreibt: „Beifolgende, von dieser ungemein kräftigen Arzneisubstanz rein beobachtete, künstliche Krankheits-Elemente wird der homöopathische Arzt als eine große Bereicherung des Heilmittel-Vorraths zu schätzen wissen und sie in einigen der schwierigsten Krankheiten der Menschen, für welche es bis jetzt noch kein Mittel gab, heilsamlich anzuwenden nicht unterlassen.“ Thuja gilt ihm als „das einzige helfende Mittel“ bei Feigwarzen und bei Tripper. Er bediente sich der 30. Potenz; als er den Versuch machte, „die Grade von Kräftigkeit der höhern und höhern Verdünnungen des Lebensbaum-Saftes aus[zu]prüfen“, fand er, dass auch die Zubereitungen in der 60. Potenz „nicht etwa schwächer an Kraft, als die minder verdünnten, oder … wohl gar zur völligen Kraftlosigkeit, zum Nichts herabgesunken – nein! im Gegentheil, an lebensbaum-arzneilicher Wirkung eher stärker und stärker geworden waren“.
Thuja ruft heftige Kopfschmerzen und Neuralgien hervor, wobei es insbesondere die linke Schläfe angreift. Sein charakteristischer Schmerz ist ein Gefühl im Kopf, „als würde ein Nagel eingeschlagen“.
Es wirkt auf die Nieren, indem es häufiges Wasserlassen und alle Arten von pathologischen Harnbestandteilen, einschließlich Zucker, hervorruft; auch „wasserfarbiger Urin“ (ignatiaIGNATIA) ist aufgetreten. Thuja hat eine starke Wirkung auf Anus und Genitalien. Der After ist rissig, bei Berührung schmerzhaft und oft mit Warzen bedeckt. Manchmal findet man auch eine „immense Zahl flacher, nässender, schleimig belegter Knötchen oder Kondylome um den After, besonders bei syphilitischen18

18

Das Symptom stammt aus Herings Guiding Symptoms. M. Tyler hat an dieser Stelle (jedoch nicht bei den Hauptsymptomen, wo sie das Symptom ebenfalls zitiert) den Begriff ‚syphilitisch‘ durch ‚sykotisch‘ ersetzt, wohl in der Annahme, dass es sich um einen Irrtum Herings (bzw. jener Autoren, die Herings Werk vollendet haben) handelt. Andererseits weist die beschriebene Morphe („flat, moist, mucous“) tatsächlich darauf hin, dass es sich um syphilitische Condylomata lata und nicht um die (zumeist gonorrhoisch bedingten) Condylomata acuminata handelt.

Personen“. Übelriechende Schweiße im Genitalbereich. Warzen- und blumenkohlartige Auswüchse im Bereich von After und Genitalien. Darüber hinaus hat es jene heftigen Rückenschmerzen, wie sie auch bei der Pockenkrankheit vorkommen. Und bei ebendiesen Pocken hat sich Thuja als äußerst nützliches Mittel erwiesen, gehört es doch auch zu den Arzneien, die pustulöse Ausschläge erzeugen und heilen können.
Dass Thuja tatsächlich Warzen hervorrufen kann, dafür habe ich vor einigen Jahren einen kuriosen Beweis erhalten. Eines unserer Pferde hatte ein paar Warzen, außerdem Narben an Stellen, wo wahrscheinlich irgendwann einmal Warzen kauterisiert worden waren. Ich gab dem Kutscher ein Fläschchen Thuja Ø und wies ihn an, etwas davon in Wasser zu geben und die Warzen damit zu befeuchten. Er verstand das wohl falsch und schüttete stattdessen den ganzen Inhalt des Fläschchens in das Trinkwasser des Pferdes. Es dauerte nicht lange, und ich bekam ein höchst anschauliches Beispiel für Thuja-Warzen geboten, für ihr Aussehen und ihre typischsten Lokalisationen!
Zwei von Hahnemanns gesperrt gedruckten Symptomen lauten: „Bei (geringer) Entblößung des Körpers in warmer Luft, Schauder durch und durch …“ und „Schüttelfrost mit vielem Gähnen; die warme Luft kommt ihm kalt vor, und die Sonne scheint keine Kraft zu haben, ihn zu erwärmen.“
Thuja hat eigentümliche Schweiße: ölig, süßlich, fötide; und es erzeugt folgenden einzigartigen Zustand: „Profuser Schweiß nur an unbedeckten Stellen.“ Dieses Symptom hat, wie von Zeit zu Zeit in unserer Literatur berichtet wird, schon bei den verschiedensten Krankheiten zu Heilungen mittels Thuja geführt.
So war es z.B. das ausschlaggebende Symptom in einem Fall von Myositis ossificans, wo Thuja einen enormen Wandel zum Guten bewirkte und eine Entkalkung des Muskels in Gang setzte.
Geistes- und Gemütssymptome: Der Thuja-Patient macht Fehler beim Lesen und Schreiben. Er spricht langsam, als ob er um die Worte verlegen wäre; „weit gehende Nachdenklichkeit über die geringste Kleinigkeit.“ Er hat fixe Ideen: als ob der Körper brüchig wäre und leicht zerbrechen könnte; beim Gehen das Gefühl, als ob die Beine aus Holz wären; als ob ein lebendes Tier im Bauch wäre (crocusCROCUS); als ob er unter dem Einfluss einer höheren Macht stünde. Unruhiger Schlaf. Träume, von hoch oben herabzufallen, von Verstorbenen etc.
Kent beschreibt den typischen Thuja-Patienten als kränklich aussehend, mit wächsernem, glänzendem Gesicht, als ob es mit Fett eingeschmiert worden wäre.
Auch er erwähnt den eigentümlichen Geruch des Schweißes: süßlich – streng – durchdringend.
Nach Kent ist bei Asthma und vielen anderen sykotischen Beschwerden oft arsenicumARSENICUM das akute und Thuja das chronische Mittel. Es sind Fälle, bei denen zumeist ARSENICUM als das Heilmittel erscheint, aber nur palliativ wirkt. Thuja oder natrium sulfuricumNATRIUM SULFURICUM bringen dann in der Regel die Heilung zu Ende; und unter Umständen erreichen sie dies, indem sie eine ursprüngliche Krankheitsmanifestation, die unterdrückt worden war, wieder an die Oberfläche befördern.
Er schildert die warzenartigen Thuja-Wucherungen als weich, fleischig und sehr berührungsempfindlich; sie brennen, jucken und bluten leicht, wenn sie an der Kleidung reiben. Blumenkohlartige Wucherungen im Bereich der Vagina, der Zervix und der großen Labien, am After und allgemein auf den Schleimhäuten.
„Herpes kann überall auftreten, verbunden mit ausgeprägten neuralgischen Schmerzen. … Von allen Mitteln ist Thuja das führende bei Beschwerden aufgrund von unterdrückten Feigwarzen.
Es ist ein vorzügliches Mittel in jenen Fällen, die Schlangenbisse, Pockenerkrankungen oder Pockenimpfungen in ihrer Vorgeschichte aufweisen.“
Dr. James Compton Burnett aber ist es, dem mit seiner Theorie von der ‚Vakzinose‘ die Ehre gebührt, Thuja einen wichtigen Platz in unserer täglichen Praxis verschafft zu haben. Er pflegte zu sagen, dass ihm Thuja zweihundert Pfund im Jahr einbringe.
Auch Clarke erkennt den breiten Nutzen des Mittels an: „Die Leute sind alle geimpft und trinken Tee“, sagte er immer, „und Thuja ist das große Antidot für Tee wie für Vakzinationen19

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Wenn in diesem Kapitel (wie überhaupt in diesem Buch und in der ganzen älteren Literatur) von Vakzination oder Impfung die Rede ist, ist praktisch immer die Pockenimpfung gemeint. Thuja gilt für diese bzw. für deren Folgen als nahezu spezifisches ‚Gegenmittel‘; als mögliche Alternative stehen uns heute außerdem VARIOLINUM und VACCINOTOXINUM zur Verfügung.

.“
Burnett schreibt im Vorwort zu seiner brillanten und epochemachenden kleinen Monographie Vaccinosis and its Cure by Thuja: „Nur vor dem Unendlichen ist Wahrheit wirklich Wahrheit; für den Verstand des normalen Sterblichen ist ‚Wahrheit‘ nicht notwendigerweise Wahrheit, sondern nur etwas, das ihm wahr zu sein scheint. Daher kann das, was für den einen rühmliche Wahrheit ist, für den anderen unrühmlicher Unsinn sein, und doch können beide Individuen gleich ehrbare Absichten haben und von gleicher Ernsthaftigkeit in ihrer Suche nach der Wahrheit getragen sein. … Die Idee, Thuja occidentalis so zu verwenden wie hier empfohlen, ist weder neu, noch ist sie das geistige Eigentum des Autors; dennoch ist sie in diesem Land sehr wenig bekannt, und noch weniger wird nach ihr gehandelt. Daher hoffe ich, dass die Veröffentlichung dieser Seiten dazu beitragen wird, die Vakzinose als eine Krankheitsform und Thuja als eines ihrer Hauptheilmittel zu etablieren.
Burnett räumt ein, dass die Pockenschutzimpfung tatsächlich in sehr großem Umfang vor Pocken schützt. Er ist kein unbedingter Impfgegner. Sein Ziel ist es, zu zeigen, „(1) dass es einen krankhaften Zustand der Konstitution gibt, der durch das Vaccinia-Virus (bzw. die sog. Lymphe) hervorgerufen wird“, und er schlägt vor, diesen Zustand Vakzinose oder Impfpockenkrankheit zu nennen; „(2) dass aber in der Natur auch ein bemerkenswertes Heilmittel für ebendiese Vakzinose existiert, nämlich Thuja occidentalis; (3) dass Thuja nur aufgrund seiner Homöopathizität zu diesem Zustand ein Heilmittel der Vakzinose ist; und (4) dass das Simile-Gesetz auch bei der Vorbeugung von Krankheiten seine Geltung behält.“
Mit ‚Vakzinose‘ meint Burnett nicht die akute Reaktion auf die Impfung, also den fiebrigen Zustand mit der Lokalreaktion an jener Stelle, wo der Impfstoff eingebracht wurde. Nicht einmal ein generalisierter varioloider Ausschlag nach der Pockenimpfung ist für Burnett die eigentliche Vakzinose.
Er schreibt: „All dies ist in der Bezeichnung ‚Vakzinose‘ eingeschlossen, aber das ist es nicht allein. Vakzinose bedeutet außerdem eine tiefgreifende und oftmals lang andauernde krankhafte Veränderung der Konstitution, die durch das Vakzinevirus herbeigeführt wird (wobei der Impfstoff natürlich keine Lymphe ist, sondern Eiter). … Die Schutzwirkung der Impfung ist einer krankhaften Veränderung des Körpers zu verdanken. …
Jemand, der an einer Vakzinose leidet, mag vielleicht nicht im gewöhnlichen Sinne krank sein; aber er befindet sich in einem unterschwelligen Krankheitszustand. Ein Schatten ist auf seine Gesundheit gefallen, oder er ist nicht wirklich geimpft …“ Burnett führt dann aus, dass einige seiner schlimmsten Vakzinose-Fälle gerade jene waren, bei denen die Impfung nicht ‚angegangen‘ war. Ihm fiel auf, dass „nicht wenige Menschen den Beginn ihres schlechten Gesundheitszustandes auf den Zeitpunkt zurückführten, wo sie eine sogenannte erfolglose Impfung erhalten hatten“. So stellt er die These auf, dass „das ‚Angehen‘ eine konstitutionelle Reaktion ist, durch die sich der Organismus mehr oder weniger von dem eingeimpften Virus20

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Obwohl es sich bei dem Begriff ‚Virus‘ in diesem Fall auch nach unserem heutigen Verständnis um Viren, nämlich die Pockenviren handelt, sollte man im Hinterkopf haben, dass Burnett damit eigentlich nur einen Ansteckungsstoff gemeint hat.

befreit. Wenn die Person aber nicht anspricht und das Virus somit absorbiert worden ist, wird das ‚Angehen‘ zu einem chronischen Prozess – was Parese, Neuralgie, Kopfschmerzen, Pusteln, Akne u. v. a. m. bedeuten kann.“
Burnetts Büchlein ist voller wunderbarer Fälle, die diese Theorie bestätigen; und auch ich kann, in seine Fußstapfen tretend, über beglückende eigene Erfahrungen berichten, die die Richtigkeit seiner These untermauern.
Im Folgenden seien einige seiner Fälle kurz dargestellt … Ein im Sterben liegendes Baby, totenbleich und ganz verfallen aussehend; es war erst wenige Stunden zuvor plötzlich krank geworden. Burnett fand heraus, dass die (neue) Amme kurz zuvor revakziniert worden war, woraufhin ihr der Arm jetzt „ein bisschen wehtat“. Er überdachte den seltsamen Fall und gab dann beiden, Baby und Amme, Thuja C 6. Am nächsten Morgen war das Baby immer noch blass, aber praktisch gesund, und die Impfbläschen auf dem Arm der Amme waren welk geworden. Sie trockneten schließlich völlig aus und wurden nie pustulös. Mit dem Baby ging es stetig bergauf, und es gedieh prächtig.
(Ich selbst habe einmal einen Fall erlebt, wo ein Baby infolge Pockenimpfung schwerst erkrankt war; es hatte hohes Fieber und war am ganzen Körper von Ausschlag übersät, während sich die Impfstelle im Bläschenstadium befand. Thuja heilte den Säugling prompt – am nächsten Tag war er praktisch wieder gesund. Es kam zu keiner Pustelbildung mehr und auch zu keiner Vernarbung der Impfstelle. Demnach ist Thuja ein Antidot bei Vakzinationen in ihrem frühen, akuten Stadium.)
Hier ein paar weitere Fälle Burnetts21

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Nach Vergleich mit den originalen Fallbeschreibungen in Burnetts Buch habe ich mir erlaubt, einige Korrekturen oder – zur Verdeutlichung – Ergänzungen vorzunehmen.

… Ein Mann mittleren Alters; zwanzig Jahre lang immer wieder Ekzeme, jetzt ein pustulöser Ausschlag am linken Bein. Das erste (also zwanzig Jahre zurückliegende) Auftreten des Ekzems hatte im zeitlichen Zusammenhang mit einer Wiederholungsimpfung gegen Pocken gestanden. Thuja 30 heilte ihn: Die Pusteln begannen sofort auszutrocknen, und der Patient, „zu beschäftigt, um selbst zu kommen“, ließ später ausrichten, dass seine Haut völlig abgeheilt sei.
Eine junge Dame entwickelte nach einer Wiederholungsimpfung einen Hautausschlag am Kinn, der auch die Unterlippe in Mitleidenschaft zog. Sie musste einen dichten Schleier tragen, um ihr abstoßend entstelltes Gesicht zu verbergen. Thuja 30 heilte sie innerhalb von vierzehn Tagen, ohne dass eine Hautverdickung oder Narbe zurückblieb.
Postorbitale Neuralgie seit zwanzig Jahren; selbst eine gute homöopathische Behandlung hatte diese nicht beeinflussen können. Das Leben der Patientin war „eine einzige, lebenslange Kreuzigung“, und sie kam „in äußerster Verzweiflung“. Burnett fand heraus, dass sie insgesamt fünf- oder sechsmal geimpft worden war, und so konnte er sie mit Thuja 30 heilen. Die Neuralgie verschwand allmählich, und ungefähr sechs Wochen später konnte er in das Krankenblatt eintragen: „Die Augen sind gesund.“ Ein Jahr später schrieb sie ihm, dass ihr Gesundheitszustand seither sehr viel besser gewesen sei; „bis auf ein oder zwei Versuche des Feindes, zurückzukehren, war ich völlig beschwerdefrei.“
Chronischer Kopfschmerz von neunjähriger Dauer. Anfälle ein- bis zweimal pro Woche, dabei sehr heftige, klopfend-berstende oder einzwängende [„wie in einem Schraubstock“] Kopfschmerzen. Burnett gab der 19-jährigen Patientin zunächst – ohne Erfolg – graphitesGRAPHITES, wonach ein roter, empfindlicher Fleck über dem rechten Auge und zwei, drei weißköpfige Pusteln im Gesicht auftraten. Als er dann erfuhr, dass sie mit drei Monaten geimpft und mit sieben und vierzehn Jahren revakziniert worden war und dass sie etwa zehn Jahre zuvor Pocken gehabt 22

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Also trotz ‚Pocken-Schutz-Impfung‘!

hatte, gab er ihr Thuja. Es ging ihr zunächst besser, dann erkrankte sie akut mit Fieber, Übelkeit und Schwitzen. Kurz darauf bildeten sich vereinzelte Papeln im Gesicht und an verschiedenen Körperstellen, die sich mit Eiter füllten und dann austrockneten. Ihre Mutter sagte, dass die Symptome genau jenen ihrer alten Pockenerkrankung glichen. Die Kopfschmerzen waren schon verschwunden gewesen, ehe diese akute Reaktion auftrat, und einige Jahre später erfuhr Burnett, dass der Heilerfolg angehalten hatte: keine Kopfschmerzen mehr.
In anderen Falldarstellungen Burnetts geht es um: linksseitige Halslymphknotenschwellung [d.h. auf der Impfseite] – fleckweisen Haarausfall am Kinn – habituelle Influenza, bei allgemein schlechtem Gesundheitszustand und Kopfschmerzen (der Patient war viermal geimpft worden, die letzten dreimal ‚erfolglos‘) – Gesichtsakne, verbunden mit einer Dermatitis im Bereich der Nase, nach einer Wiederholungsimpfung, die nicht ‚angegangen‘ war – Neuralgie des rechten Auges bei einem Mann, der ganz erschrocken wirkte, als er nach der letzten Impfung gefragt wurde: „Ich möchte aber nicht noch einmal geimpft werden!“, denn nach der letzten Impfung [vor 30 Jahren] sei er einen Monat lang krank gewesen – kranke, deformierte FingernägelParese (nach sechs oder sieben vergeblichen Vakzinationen) – spinale Reizung: ein Fall mit so schweren Rückenschmerzen, dass die Patientin weitgehend invalide war (sie war viermal erfolgreich und einmal erfolglos geimpft worden) – Entwicklungsstillstand und Hemiparese bei einem 16-jährigen Mädchen – sowie eine ganze Reihe anderer Erkrankungen, die den breiten Anwendungsbereich von Thuja und seine erstaunlichen Heilkräfte zeigen. Die Indikationen für das Mittel waren in all diesen Fällen weniger die tatsächlichen, gegenwärtigen Symptome, bei denen man an Thuja hätte denken können oder auch nicht, sondern vielmehr die Symptome des ursprünglichen Übels, das jetzt latent und chronisch geworden war und Quelle und Ursprung – fons et origo – aller nachfolgenden Krankheitserscheinungen darstellte.
Burnetts ‚Vakzinose‘ ist leicht zu verstehen, wenn man zu Hahnemann zurückgeht. Selbst Burnett scheint niemals die wahre Natur des ganzen Vorgangs verstanden zu haben: dass nämlich die Impfung bis zu einem gewissen Grad vor Pocken bewahren oder diese abschwächen kann, weil der Geimpfte mit einer ähnlichen, chronisch-miasmatischen Krankheit ausgestattet worden ist, die ihn mehr oder minder immun werden lässt für jene ‚ihr gleichende‘ Krankheit, die Pocken.
Hahnemann schreibt [§§ 44, 45 Organon]:
„Zwei so ähnliche Krankheiten können … einander weder abhalten, noch (wie … von den unähnlichen gezeigt ward) einander suspendiren, so daß die alte nach Verlauf der neuen wiederkäme, und eben so wenig können die beiden ähnlichen … in demselben Organism neben einander bestehen, oder eine doppelte, complicirte Krankheit bilden.
Nein, stets und überall vernichten sich zwei, der Art nach zwar verschiedene, aber in ihren Aeußerungen … und Symptomen einander sehr ähnliche Krankheiten, sobald sie im Organism zusammentreffen, nämlich die stärkere Krankheit die schwächere, … weil die stärkere hinzukommende Krankheitspotenz 23

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Für die Impfpockenkrankheit scheinen demnach in den meisten Fällen die natürlichen Menschenpocken eine schwächere ‚hinzukommende Krankheitspotenz‘ zu sein (weswegen sie vor diesen zu schützen vermag!), während potenziertes Thuja für sie die stärkere ‚Krankheitspotenz‘ darstellt.

, ihrer Wirkungs-Aehnlichkeit wegen, dieselben Theile im Organism … in Anspruch nimmt, die von dem schwächern Krankheits-Reize bisher afficirt waren, welcher folglich nun nicht mehr einwirken kann, sondern erlischt. … Nur von der neuen, ähnlichen aber stärkeren Krankheitspotenz des Arzneimittels bleibt nun das Lebensprincip afficirt, doch nur überhingehend.“
Eine moderne Erklärung [der Impfwirkung] wäre wahrscheinlich, dass die chronische [Impf-]Krankheit, soll sie nicht ausbrechen, sondern in Latenz gehalten werden, notwendig die Abwehrmechanismen des Körpers auf den Plan rufen muss, sodass diese für das Zurückschlagen eines ‚ähnlichen‘ Feindes sofort einsatzbereit sind.
Auch die Art der Infektion und die Nachgeschichte des Geimpften entsprechen Hahnemanns Postulaten hinsichtlich seiner chronisch-miasmatischen Krankheiten:
  • 1.

    Die Infektion geschieht in einem einzigen Augenblick.

  • 2.

    Dann folgt eine Ruhe- oder Latenzperiode, bis der ganze Organismus auf die Infektion mit Macht reagiert und sich bemüht, die Krankheit nach außen auf die Haut zu treiben, an den Ort, wo die Infektion stattgefunden hat.

  • 3.

    Schließlich, nach einer mehr oder weniger heftigen Reaktion, hört der Körper auf zu kämpfen und schickt sich in eine Art latenter Duldung, unter der die Mikroorganismen, wenn auch nicht länger infektiös, weiterleben – gehemmt, aber nicht abgetötet. Die ganze Lebensgeschichte ihres Wirts sowie dessen Reaktionen auf Krankheiten und Arzneien werden auf diese Weise negativ beeinflusst, sodass z.B. Arzneien, selbst wenn sie homöopathisch angezeigt sind, trotz anfänglicher Erfolge immer weniger bewirken und schließlich gar nicht mehr helfen – weil sie nicht die zugrunde liegende Ursache für die fortdauernd schlechte Gesundheit des Patienten abdecken.

Burnetts Vakzinose, ein unbestimmter Zustand chronischen Kränkelns bis Krankseins, nimmt bei den verschiedenen Menschen unterschiedliche Formen an, je nach ihrer persönlichen Veranlagung: Der eine mag Asthmatiker werden, ein zweiter Epileptiker, während andere Magen- oder Gelenkbeschwerden und wieder andere Neuralgien oder lebenslange Kopfschmerzen entwickeln. Solche Fälle erscheinen in ihrer Resistenz gegenüber allen Behandlungsversuchen sehr verwirrend und rätselhaft, und niemals wird man Zugang zu ihnen finden ohne den passenden Schlüssel – Thuja … Thuja , dieses wunderbare Antidot gegen die Folgen von Pockenimpfungen, seien diese akuter oder chronischer Natur. Es wirkt gleichermaßen bei häufig Geimpften wie bei Menschen, deren Gesundheit durch die Impfung stark angegriffen wurde oder bei denen diese nicht ‚angegangen‘ ist, d.h., die keine akute Lokalreaktion auf das eingeimpfte Virus gezeigt haben – wobei Letztere, wie wir gesehen haben, nach Burnetts Erfahrungen die schlimmsten Fälle sind.
Hahnemann hat uns nur 634 Symptome von Thuja überliefert, doch in der Folgezeit ist die Arznei umfassend und oft auch in den höheren Potenzen geprüft worden, sodass schließlich in Allens Encyclopedia nicht weniger als 3376 Symptome aufgelistet sind (wie immer mit den Quellenangaben zu jedem Symptom).
Diese späteren, sorgfältigen Nachprüfungen, unter anderem an einhundert Personen beiderlei Geschlechts24

24

Tyler bezieht sich hier wohl auf Wolff, Homöopathische Erfahrungen, der laut Allen (Quelle 12) zwei Jahre die Wirkung einer 1000. Potenz an sich beobachtet und die Ergebnisse mit „Prüfungen an hundert anderen Personen beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen“ kombiniert hat. Dazu kommen die umfangreichen Nachprüfungen, die in der Oesterreichischen Zeitschrift für Homöopathie veröffentlicht wurden: an 26 Personen, „und zwar an 18 männlichen, 5 weiblichen und 3 kindlichen Individuen“, wie die Autoren berichten.

, zeigen uns, dass Thuja bei Empfindlichen so schwere Krankheiten wie Asthma, epileptische Anfälle und Knoten in der Brust hervorgerufen hat. Daher müsste es solche Zustände auch heilen können – und das tut es tatsächlich, ob dazu noch Burnetts ‚Vakzinose‘ vorliegt (das wäre dann freilich für die Mittelwahl ausschlaggebend) oder nicht. Thuja ist auch für die entsetzlichsten Kopfschmerzen verantwortlich, ebenso für Hautleiden, und es hat außerdem zu urethralen und anderen Absonderungen geführt, es hat sie ‚zurückgebracht‘ und ausgeheilt. Einigen von diesen Beschwerden ist ohne Thuja nicht beizukommen.
Schließlich der ‚Tripperrheumatismus‘! Ich hatte einen Fall von rheumatoider Arthritis (möglicherweise gonorrhoischen Ursprungs), bei dem Thuja wahre Wunder wirkte; die Gelenke lockerten sich, und Bewegungsfähigkeit und Muskelkraft wurden wiederhergestellt, nachdem zuvor andere, scheinbar indizierte Arzneien versagt hatten.
Clarke hat in seinem Dictionary ein eindrucksvolles, sehr lesenswertes Kapitel über Thuja geschrieben, in dem er das Wesentliche aus Burnetts Broschüre wiedergibt und mit vielen eigenen Beobachtungen anreichert.
Auch in Herings Guiding Symptoms sind interessante Thuja-Fälle nachzulesen, von denen einige nach Pockenimpfungen entstanden sind.
Aber in einem Punkt glaube ich einen Schritt weiterzugehen als all diese Autoren, indem ich nämlich versuche, folgender Theorie Geltung zu verschaffen: Der Grund dafür, warum die Vakzinose so ist, wie sie ist, und warum sie die Gesundheit so untergraben kann, wie sie es tut, liegt darin, dass sie mit zu den chronisch-miasmatischen Krankheiten Hahnemanns zu rechnen ist! Nichts anderes sonst könnte ihren Verlauf oder auch die Art ihrer Heilung so vollständig erklären.
Und nun zu einigen jüngeren Fällen aus meinem eigenen Gesichtskreis, die unser Wissen über die Heilkräfte von Thuja noch erweitern werden. Die Verschreibung erfolgte dabei auf der Grundlage der Theorie Burnetts von der Vakzinose und ihrem großen Heilmittel Thuja sowie der Vorstellung Hahnemanns von der miasmatischen (‚parasitären‘) Natur chronischer Krankheiten. Letztere wurde ja lange Zeit mit einem bloßen Schulterzucken abgetan oder als Hindernis und Stein des Anstoßes betrachtet, bis die Wissenschaft sich der Sache annahm, um ihre Wahrheit zu demonstrieren. Die Fälle sind im Detail in meiner Schrift Hahnemann's Conception of Chronic Diseases as caused by Parasitic Micro-Organisms nachzulesen. Ich werde sie hier nur gekürzt wiedergeben, so wie ich sie einmal in einem Brief an eines der großen Medizinjournale zitiert habe; mein Schreiben hatte damals zwar das Interesse des Herausgebers geweckt, aber nicht genügend, um eine Veröffentlichung zu bewirken.
Der Brief hatte folgenden Wortlaut:
„Bezug nehmend auf die Präsidentschaftsrede Professor Maitlands vor der Pathologic Society of Manchester (die Sie in Ihrer Ausgabe vom 29. Oktober 1932 erwähnen) und seine Vermutung, dass die Resistenz gegen die Pockenimpfung nach Genesung von der Infektion von der Persistenz des lebenden Virus im Körpergewebe abhängig sein könnte, scheint mir die Tatsache von Interesse zu sein, dass eine ähnliche Vermutung bereits vor hundert Jahren von Hahnemann angestellt worden ist, und zwar in Bezug auf alle chronischen Krankheiten, und dass die homöopathische Praxis auf der Basis dieser Theorie Resultate hervorbringt, die jene Vermutung zu bestätigen scheinen.
Unser großes Antidot bei Pockenimpfungen ist Thuja occidentalis, das, wie wir beobachtet haben, Vakzinationen fehlschlagen lässt und das sich als sehr heilkräftig erweist bei den chronischen Beschwerden von Menschen, die wiederholt und häufig erfolglos geimpft worden sind oder die nach der Impfung sehr krank geworden und ‚seitdem nie mehr richtig gesund gewesen‘ sind.
Hier nun einige Fälle … Kleines Mädchen, seit der Impfung Pusteln auf den Beinen oder, im Wechsel damit, also wenn diese verschwanden, epileptische Anfälle. Thuja bewirkte rasche Heilung.
Kleiner Junge, behandlungsresistente eitrige Onychie. Nach Nagelentfernung Abheilung des Daumens. Daraufhin Abszesse an verschiedenen Körperteilen, bis entdeckt wurde, dass der Junge von einem beharrlichen und pflichtbewussten Arzt achtmal geimpft worden war. Thuja setzte den Beschwerden prompt ein Ende.
29-jährige Frau, mindestens einmal pro Woche epileptische Anfälle, mit einem Thuja-Symptom als Aura: ‚Vor den Anfällen taubes Gefühl an den Ohren.‘ Sie hatte auch noch weitere Thuja-Symptome: Verschlimmerung durch Zwiebeln, Zwiebelgenuss ruft am darauffolgenden Morgen einen Anfall hervor; im Schlaf Träume vom Fallen. Zweimal geimpft, das letzte Mal schlecht angegangen. Nach der ersten Gabe Thuja in hoher Potenz verschwanden die Anfälle für die Dauer der Beobachtungszeit von zehn Monaten vollständig. Sie sagte: ‚Ich habe jetzt keine Anfälle mehr.‘
60-jährige Frau; mit vorübergehender Blindheit verbundene Kopfschmerzen ihr ganzes Leben lang. Drei Impfungen, von denen die letzte sehr schlecht angegangen war: ‚War deswegen bettlägerig und hatte Fieberphantasien.‘ Sie erhielt Thuja. Einen Monat später: ‚Nur einmal Kopfschmerzen gehabt, die aber nicht so schlimm waren; nehme an Gewicht zu.‘ Aber: ‚Kurzatmig, wie damals bei der Impfung, und die Knochen haben mir wie bei der Impfung wehgetan.‘ Die Wiederkehr alter Symptome auf dem Weg zur Heilung ist ein Beweis dafür, dass das Mittel richtig gewählt ist. Die Patientin war ihre Kopfschmerzen losgeworden, hatte acht Pfund zugenommen und begann gerade wieder zu arbeiten, als wir zuletzt, fünf Monate später, von ihr hörten. Wie die meisten Thuja-Patienten hatte sie nachts häufig das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen, was sie jedesmal aus dem Schlaf riss.
Eine Krankenschwester, 39 Jahre alt. Sie hatte zwei Jahre lang schwere Asthmaanfälle gehabt, die jeweils drei bis vier Tage anhielten und während derer sie kaum atmen konnte. Fünfmal geimpft, das letzte Mal ohne Reaktion. Nach Thuja in Hochpotenz dreieinhalb Jahre lang überhaupt kein Asthma; dann ein Rückfall – wieder Thuja. Das war vor neun Monaten, seither nichts mehr von ihr gehört.
19-jähriges Mädchen. Ausfluss zwischen den Regelblutungen oder auch anstelle der Regel. Symptome recht unbestimmt, aber ‚ihr Benehmen sieht ihr gar nicht ähnlich‘, wie die Mutter sagt, sie ist gar nicht mehr sie selbst. Einmal geimpft, achtzehn Monate zuvor; hatte damals sehr hohes Fieber gehabt und war vierzehn Tage krank gewesen, während der Arm an der Impfstelle nur einen Tag lang rot war. Es hieß, die Impfung sei ‚innerlich angegangen‘. Sie erhielt Thuja. Einen Monat später schrieb der Arzt, der sie überwiesen hatte: ‚Miss H. ist geheilt‘. Und ihre Mutter schrieb: ‚Es geht ihr gut, sie ist ganz vergnügt. Ihr Benehmen mir gegenüber war so gar nicht mehr ihre Art gewesen, sodass ich mich schon gefragt hatte, ob es nicht die Impfung gewesen sein könnte.‘
Frau von 59 Jahren; Furunkel, kommen und gehen seit sechs Jahren, besonders im Bereich von Vulva und Anus. Beginn ursprünglich mit einem Karbunkel. Typhusinokulationen. Vier- oder fünfmal gegen Pocken geimpft – ‚ging meistens nicht an.‘ Nach Thuja war sie neun Monate lang unter Beobachtung, und auch am Ende dieses Zeitraums hieß es immer noch: ‚Keine Beschwerden mehr. Ich hoffe, sie gehören der Vergangenheit an.‘
Frau mit erwachsenen Kindern. Hautausschlag zwischen den Zehen, später an Handgelenken und Handinnenflächen; jetzt auch auf den Fußsohlen und an den Seiten der Füße; sehr empfindlich, besonders nachts an den Füßen; Berührung löst Juckreiz aus. Dreimal geimpft. – Thuja. Ihre Tochter, eine Ärztin, schrieb sechs Tage später: ‚Überhaupt keine Beschwerden mehr seit Einnahme des ersten Pulvers. Wir sind sehr dankbar. Der Ausschlag verschwindet überall, und es kommt nichts nach.‘ Thuja hatte ihm ein Ende gesetzt.
Eine Mutter von kleinen Kindern – in der Familie ging es sehr laut zu – litt jahrelang unter Kopfschmerzen, die sie zeitweise völlig außer Gefecht setzten. Oft geimpft. Das Ganze ist etwa dreißig Jahre her; damals hatte sie Thuja bekommen. Kürzlich sah ich sie wieder: ‚Diese Kopfschmerzen sind nie mehr wiedergekommen.‘
47-jährige Frau. Gasvergiftung während des Krieges; in der darauffolgenden Nacht Asthma. Danach vereinzelte Anfälle bis etwa 1921; seither bis heute (1931) alle zwei Monate oder häufiger Asthma. Medikamente verlieren allmählich an Wirkung. Träume vom Fallen. Zahlreiche Impfungen, schienen nie angegangen zu sein. Thuja. Vier Monate lang kein Anfall, für sie der bis dahin längste Zeitraum ohne Asthma. Jetzt anlässlich einer Erkältung erneut ein schwerer Anfall, sodass das Mittel wiederholt werden musste. In diesem Fall hatten also über zehn Jahre hinweg mindestens alle zwei Monate Asthmaanfälle bestanden, und nun ist die Patientin seit achtzehn Monaten praktisch beschwerdefrei (‚nur ein richtiger Anfall nach vier Monaten und zwei leichte Andeutungen‘).
Miss X. Seit sieben Jahren Asthma, seit fünfzehn Jahren Heuschnupfen. Die Mutter hat und der Vater hatte ebenfalls Asthma. Tb-Vorgeschichte mütterlicherseits. Das Asthma hatte direkt nach einer schlecht vertragenen Pockenimpfung vor sieben Jahre angefangen. War mit ‚Injektionen‘ behandelt worden. Thuja. Der glückliche Zustand ‚ohne Asthma‘ nach der Einnahme hielt ein ganzes Jahr an, und das Mittel brauchte nicht wiederholt zu werden. Auch den ganzen Sommer über kein Asthma und kein Heuschnupfen. Dann, dreizehn Monate nach der ersten Gabe, wurde Thuja wegen eines leichten Rückfalls wiederholt. Seitdem ist die Patientin, wie sie sich ausdrückte, ‚ungewöhnlich fit‘ geblieben.
Kleiner, dreijähriger Junge, der zu uns kommt als geistig behindert. Sehr schmutzig. Stuhl- und Harninkontinenz bei Nacht. Aß die Exkremente eines Hundes. In der Kinderklinik wurde der Mutter gesagt: ‚Man kann ein Gehirn nicht auswechseln; er wird nie normal sein.‘ Er war geimpft worden, die Impfung hatte aber nicht angeschlagen; Wiederholung mit neun Monaten. Die Mutter hatte außerdem vor seiner Geburt einen üblen Ausfluss gehabt (gonorrhoisch?), eine weitere Indikation für Thuja. So erhielt er diese Arznei, mit fast ans Wunderbare grenzendem Erfolg. Schon vier Wochen später: ‚Erstaunliche Besserung, ein enormer Unterschied. Er versteht, was man sagt. Er spricht jetzt, nimmt an Gewicht zu, schläft besser. Er ist sehr aufmerksam, interessiert, fragt immer: Was ist das? – Was ist das? Vor vier Tagen war er auf einer Geburtstagsfeier, und da war er so normal wie alle anderen Kinder.‘ Die Mutter meinte: ‚Der Doktor in der Great Ormond Street hat gesagt, man kann ein Gehirn nicht auswechseln – aber Sie haben es doch geschafft ! ‘ Einen Monat später: Der Junge spielt im Sprechzimmer und plappert vor sich hin. Als seine Mutter ihn ruft, um ihn anzuziehen, sagt er: ‚Einen Augenblick noch, Mami!‘ … Natürlich war dies nicht ein Fall von wirklicher geistiger Behinderung, sondern nur der einer gehemmten Entwicklung. Jetzt ist sie nicht mehr gehemmt – dank Hahnemann, Burnett und Thuja.
Aber noch ein warnendes Wort an die allopathischen Kollegen! Falls jemand diese Experimente wiederholen möchte, sollte er daran denken, dass er ein homöopathisches Arzneimittel verwendet, dessen Zubereitung und Dosierung von den Medikamenten, die er gewöhnlich benutzt, völlig verschieden ist. Wenn Sie bei einem Patienten mit allopathischen Mitteln eine Wirkung erzielen wollen, z.B. Schlaf, Schwitzen oder Erbrechen hervorrufen oder Schmerzen dämpfen, müssen Sie Ihre Medikamente so hoch dosieren, dass sie ausreichend stark auf den Organismus einwirken; Sie müssen ihm sozusagen Gewalt antun. Das nach dem Ähnlichkeitsgesetz gewählte Heilmittel ist dagegen lediglich ein vitaler Stimulus, der in dem Patienten eine Heilreaktion in Gang setzt; das Mittel braucht daher nur in minimalen und sehr seltenen Gaben verabreicht zu werden, wie es sich nach einhundertjähriger Erfahrung als die zweckmäßigste Vorgehensweise herausgestellt hat. Sie benutzen ja auch Zellgifte, und da können, gemäß der Arndt-Schulzschen Regel, große Dosen tödlich sein und mittlere Dosen hemmen, während kleinste Dosen die Lebenstätigkeit anfachen.“
An dieser Stelle seien aber auch die Homöopathen bezüglich der Anwendung von Thuja gewarnt. In den Händen von Unvorsichtigen oder Unwissenden ist es kein ungefährliches Mittel. Die ‚Thuja-Krankheit‘, die entsteht, wenn das Mittel fortgesetzt gegeben wird, kann – laut Kent – auch chronisch werden. Lassen Sie mich zitieren …
„Wenn Sie das Mittel in hoher Potenz ständig wiederholen, werden Sie etwas bekommen, was ein Leben lang zurückbleibt. Thuja im Rohzustand prägt die Lebenskraft dagegen nicht so nachhaltig. Wenn man allerdings diese substantielle Arzneiform an jemandem prüft, der darauf sehr empfindlich ist, so empfindlich wie nach einer Tripperansteckung, und wenn man das Mittel regelmäßig morgens und abends einnehmen lässt, dann wird auch diesem Prüfer ein lebenslanges Thuja-Miasma eingepflanzt.“
Immer gilt: Je größer die Kraft, desto größer auch ihre Fähigkeit zum Guten und Bösen – und desto mehr Wissen bedarf es zu ihrer Anwendung. Und ich glaube, ich habe zeigen können, dass Thuja occidentalis, wie Hahnemann sagt, eine „ungemein kräftige Arzneisubstanz“ ist … heilsam bei „einigen der schwierigsten Krankheiten der Menschen, für welche es bis jetzt noch kein Mittel gab“.
Hauptsymptome
KopfNervöse, sykotische oder syphilitische Kopfschmerzen.
Weiße, abschilfernde Kopfschuppen, schuppiger Kopfgrind; Haar ist trocken und fällt aus.
AugenBlennorrhoea neonatorum.
AnusKondylome.
After rissig, bei Berührung schmerzhaft, oft mit Warzen bedeckt; manchmal immense Zahl flacher, nässender, schleimig belegter Knötchen oder Kondylome um den After, besonders bei syphilitischen25

25

Siehe Fußnote 18.

Personen.
GenitalienProstataaffektionen durch unterdrückte oder schlecht behandelte Gonorrhö.
Gonorrhö: Brennen beim Wasserlassen, Urethra geschwollen; Harnstrahl geteilt; Absonderung gelb, grün, wässrig; mit Warzen; rote Erosionen auf der Eichel; subakute und chronische Fälle, besonders wenn intraurethrale Injektionen verabreicht worden sind und die Prostata mit beteiligt ist.
Kondylome, schleimige Knötchen; sykotische, blumenkohlartige Wucherungen; Feigwarzen, riechen wie alter Käse oder Heringslake.
Warzen, Kondylome und andere Wucherungen im Bereich der Vulva.
Kondylome feucht, eiternd, stechend und blutend.
SchlaflosigkeitSieht beim Schließen der Augen Erscheinungen; die Teile, auf denen er liegt, schmerzen; durch Hitzegefühl und Unruhe; durch Niedergeschlagenheit; nach Wiederholungsimpfung.
HautWarzenartige Gewächse auf dem Handrücken, am Kinn und an anderen Stellen.
Warzen und Kondylome, groß, streuend, gestielt; manchmal Feuchtigkeit ausschwitzend und zum Bluten neigend.
Sonderliche Symptome und Empfindungen26
Gefühls-Täuschung, als wenn der ganze Körper sehr dünn und zart sey a; brüchig, zerbrechlich; wie aus Glas.

26

Die mit a bezeichneten Symptome stammen aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre.

Fixe Idee, als befände sich ein lebendes Tier im Bauch.
‚Nagel-Empfindungen‘ – als würde ein Nagel in den Kopf eingeschlagen oder aus dem Gehirn nach außen getrieben.
Bewegung im Unterbauche, wie von etwas Lebendigem, wie ein Heraustreiben der Bauchmuskeln von einem Kindesarme, doch unschmerzhaft.a
Bei Durchfall Gefühl, als passiere siedendes Blei den Mastdarm.
Obstipation: als ob der After beim Stuhlgang zerspringen wollte.
Empfindung in der Harnröhre, als ob eine Feuchtigkeit darin hervorliefe …a – Nach dem Harnen, Empfindung, als ob aus der Harnröhre noch einige Tropfen vorliefen …a
Beim Gehen im Freien fühlen sich die Beine wie aus Holz an.
[Beim Bücken ein plötzliches Stechen in der linken Hüfte, mit einem] Gefühl, als wären die unteren Gliedmaßen verlängert.
Feine Stiche [wie von Nadeln] und stechende Schmerzen in verschiedenen Körperteilen.
Kältegefühl: der Länge nach durch die Wirbelsäule; in den Armen.
Brennen: Kopfhaut, Augen, Lider, vom Kreuz bis zwischen die Schulterblätter, etc.
„Ein Überschuss in der Produktion lebender Substanz; nahezu unbegrenzte Proliferation pathologischer Gewächse: Kondylome; warzenartige, sykotische Wucherungen; schwammige Tumoren … Alle krankhaften Manifestationen sind exzessiv, fangen aber ganz unscheinbar an, sodass der Beginn des Krankheitszustandes kaum auszumachen ist.“ [Hering]
[Im Oberarme, wenn er ihn drückt, fühlt er einen] Schmerz auf dem Knochen, als wenn das Fleisch von dem Knochen los wäre.a
Rheumatismus.
Üble Folgen von Pockenimpfung.
Üppiger Haarwuchs an Stellen, die sonst nicht von Haar bedeckt sind.
Haut sieht schmutzig aus; durch Waschen nicht sauber zu bekommen. (psorinumPSORINUM)
Ausschläge nur an bedeckten Körperstellen, brennen nach Kratzen heftig.
Schweiß nur an unbedeckten Körperstellen, während die bedeckten Teile trocken und heiß waren.

Tuberculin-Nosoden

Weitere Namen: Bacillinum (Burnett); Tuberculinum (Koch); Tuberculinum bovinum (Kent)
Bacillinum (das ursprünglich den Namen Tuberculinum trug) ist dasjenige Präparat unter den Tuberculin-Nosoden, das zuerst hergestellt wurde. Und wenn ich Burnetts epochemachende Schrift The New Cure of Consumption by its Own Virus im Lichte meiner eigenen umfangreichen Erfahrung durchsehe, die ich hauptsächlich mit Tuberculinum bovinum gesammelt habe, so scheint mir Bacillinum wohl doch das heilkräftigere Mittel von beiden zu sein.
Es sind viele Präparate aus den unterschiedlichen Erscheinungsformen der Tuberkulose hergestellt worden, und alle wirken sie. In welcher Form sie auch vorliegt, auf diese wichtige Nosode würde ich in der Praxis nicht verzichten wollen! Doch die menschliche Natur ist seltsam – und in ihrer Seltsamkeit interessant: Als Burnett sein Buch herausgebracht hatte und ich begann, das ‚Phthisisgift‘ nach seinem Vorbild anzuwenden, brachte ein Kollege von mir seinen Abscheu über die bloße Vorstellung zum Ausdruck, dass man solch ekelhaftes Zeug für Heilzwecke verwenden könnte: „Ich würde es selbst nicht nehmen und auch meinen Patienten niemals zumuten.“ Dann aber, nicht viel später und von Koch27

27

Eine lebhafte Schilderung der „Koch-Begeisterung“ ist im LAC-CANINUM-Kapitel nachzulesen.

inspiriert, injizierte er es sogar! Aber sich ekeln vor dem potenzierten Mittel … das Präparat sterilisiert, verrieben und in alkoholischer Lösung zur 30. Potenz verdünnt – ein Teil auf eine Dezillion; und davon gerade so viel benutzt, wie man braucht, um ein paar winzige Milchzuckerkügelchen zu imprägnieren: was kann es Abscheulicheres geben?! Doch bekanntlich können die schlimmsten Gifte und Krankheitsprodukte durch die Methoden Hahnemanns so gezähmt und eingedämmt werden, dass sie zwar einen kräftigen Mann, der ihrer bedarf und deshalb auf ihre Wirkung hochempfindlich ist, im heilenden Sinne beeinflussen, andererseits aber für ein gesundes, einen Tag altes Neugeborenes völlig harmlos sind. Ist der springende Punkt hier nicht vielleicht einfach, ob sich ein Kontakt ergibt? Weder ist die feine Zubereitung per se eine Kraft, noch ist der kranke Mensch für alles und jedes empfänglich. Erst wenn „Ähnliches mit Ähnlichem“ zusammenkommt, stellt sich der Kontakt ein, und dann kommen die Dinge in Gang.
Im Übrigen kommentiert Burnett all diejenigen Einwände gegen die Verwendung dieser Nosoden, die sich auf deren unschöne Herkunft beziehen, so: „Wenn Tuberkulose durch Brot und Butter oder durch Rosenöl geheilt werden kann – schön und gut; wenn aber nicht, lassen Sie uns etwas nehmen, was heilt.“
Hier nun einiges über die verschiedenen Zubereitungen des Tuberkulose-Krankheitsprodukts. Dr. H. C. Allen, der so viel für die Förderung des Nosodengebrauchs getan hat, sagt in seinen Keynotes: „Finckes und Swans Potenzen wurden aus einem Tropfen Eiter hergestellt, der aus einem tuberkulösen Lungenabszess oder aus tuberkulösem Sputum stammte, die Potenzen von Heath aus tuberkulösem Lungengewebe, in welchem der Bacillus tuberculosis28

28

Älterer Ausdruck für Mycobacterium tuberculosis; im engeren Sinne handelt es sich allerdings nicht um einen Bazillus.

mikroskopisch nachgewiesen worden war. Daher wurde Ersteres Tuberculinum und Letzteres Bacillinum genannt. Beide Präparate sind verlässlich und wirksam.“
Burnett, der die Nosode durch die obenerwähnte brillante kleine Monographie in die Praxis einführte, verwendete Heaths Präparat, das speziell für ihn angefertigt worden war. Er erzählt, dass die Homöopathen – wie immer an der Spitze des Fortschritts – schon Jahre zuvor den Schwindsuchterreger benutzt hatten, um damit die Schwindsucht selbst zu heilen. Aber „die Führer der herrschenden Klasse der Ärzteschaft stimmten ein gewaltiges Geschrei gegen jene Homöopathen an, die die Abscheulichkeit besaßen, den Schwindsuchterreger gegen die Krankheit selbst einzusetzen. Und aus Furcht vor einem unerträglichen Maß an Widerstand und ignoranten Vorurteilen ließen jene sich entmutigen und gaben diese Praxis bald fast völlig wieder auf. Nur wenige veröffentlichten danach noch hier und da einen eindrucksvollen Heilerfolg bei Tuberkulose mit dem Erreger des Prozesses selbst.“
Burnett hatte sein Präparat bereits seit fünf Jahren ständig in der täglichen Praxis eingesetzt, als Dr. Koch „mit seiner großen, epochalen ‚Entdeckung‘ eines neuen Heilmittels der Tuberkulose über die Ärzteschaft hereinbrach. Doch es stellte sich heraus, dass es sich dabei um nichts anderes handelte als unser altes Krankheitsprodukt, das wir schon die ganze Zeit homöopathisch verabreicht hatten und gegen das vor geraumer Zeit noch Zeter und Mordio geschrien worden war – von ebenjenen Männern, die nun Dr. Koch in tiefster Verehrung zu Füßen lagen.“
Und er fährt fort: „Der Unterschied zwischen unserem alten Freund Tuberculinum (das ich mir erlaubt habe, Bacillinum zu nennen, da die Bazillen in dem Präparat nachgewiesen wurden) und dem Mittel von Koch liegt in der Art, wie es gewonnen wird. Unser Mittel ist der Erreger aus dem natürlichen Krankheitsprozess, während dasjenige Kochs der gleiche Erreger ist, jedoch künstlich gewonnen aus Bazillenkolonien, die in Inkubatoren auf Rindergelee gezüchtet wurden. Unseres ist sozusagen das von der Henne, Kochs das im Brutkasten ausgebrütete Küken. Das künstliche Ausbrüten ist Kochs Entdeckung, nicht das Mittel selbst oder seine Verwendung als Heilmittel bei Schwindsucht. … Es gibt aber noch einen weiteren Unterschied, und das ist die Art und Weise, wie das Mittel dem Patienten verabreicht wird. Ich verwende es in Hochpotenz, was nicht die auf der Hand liegenden Gefahren von Kochs Methode in sich birgt, materielle Mengen unter die Haut und somit praktisch direkt ins Blut zu injizieren.“
Ein Jahr später schreibt Burnett, in einem zweiten Vorwort zu einer Neuauflage seines Buchs, über das Mittel von Koch: „Nachdem es nun fast allenthalben als ‚nutzlos zur Heilung und äußerst gefährlich‘ angesehen wird, ist das weltberühmte Mittel Kochs so schnell wieder von der Bildfläche verschwunden, wie es gekommen ist. Doch es wird bald zurückkehren – und bleiben! Nur die Dosis wird immer kleiner werden, bis die lange verachteten homöopathischen Verdünnungen schließlich ihre Bürgerrechte an den Universitäten und Krankenhäusern der Welt erlangen werden. Was zur Zeit noch dem weiteren Fortschritt des ‚Kochismus‘ im Wege steht, ist die Tatsache, dass man das schreckliche Eingeständnis der therapeutischen Wirksamkeit der unendlich kleinen Dosis wird machen müssen: Die kleine Dosis ist die große Barriere für seinen weiteren Vormarsch!“ … „Die Homöopathie“, so Burnett, „ist das siegreiche Pferd im medizinischen Derby der Welt, und sie wird bald von der Orthodoxie selbst als ihrem Reiter am Zielpfosten vorbeigejagt werden.“
So viel zu Burnetts Zubereitung; nun zu dem Tuberculin-Präparat von Kent (Tuberculinum bovinum). Er schreibt:
„Es ist etwas verschieden von dem, was man sonst auf dem Markt findet. Ich habe mir dieses Präparat durch einen Professor der Veterinärmedizin verschafft. In Pennsylvania musste eine ansehnliche Rinderherde wegen Tuberkulose notgeschlachtet werden, und über den Veterinär der Pennsylvania University konnte ich mir einige tuberkulöse Lymphknoten der geschlachteten Rinder sichern. Ich untersuchte sie und wählte das geeignetste Exemplar aus. Es wurde von Boericke & Tafel bis zur 6. Potenz verarbeitet und dann mit der Skinner-Maschine weiterpotenziert, bis zur 30., 200., 1000. und höheren Potenzen. Dieses Präparat benutze ich nun seit 15 Jahren.“
All diese Präparate leisten gute Dienste, doch meine ich festgestellt zu haben, dass sie eher bei schwindsuchtähnlichen Zuständen29

29

Tyler schreibt „consumptiveness“, also etwa Schwindsüchtigkeit. Der Begriff stammt von Burnett und meint eben die Art von chronischen, schwindsuchtähnlichen Auszehrungszuständen (mit Tb in der Familien- oder Eigenanamnese), die Tyler hier beschreibt.

der Auszehrung von Nutzen sind: bei Menschen, deren Gesundheitszustand allgemein schlecht ist bzw. die nach einer akuten Krankheit nie wieder richtig genesen sind – wenn sie eine (selbst noch so entfernte) Tb-Vorgeschichte in der Familie aufweisen oder eventuell auch selbst einmal, irgendwann vor langer Zeit, tuberkulöse Erscheinungen oder ‚Aktivitäten‘ gezeigt haben, von denen sie sich nur scheinbar wieder erholt haben. Burnetts Arbeit scheint allerdings noch darüber hinauszuweisen; sein Bacillinum scheint in der Lage zu sein, selbst mit Lungentuberkulose und tuberkulöser Meningitis großartig fertig zu werden. Auch fand er es anscheinend in geeigneten Fällen rheumatoider Arthritis von größerem Nutzen, als es meiner Erfahrung entspricht. Es dürfte interessant sein, seine Zubereitungen, sofern sie noch erhältlich sind, einmal zu testen und zu beobachten, ob man mit ihnen nicht sogar noch bessere oder breitere Erfolge erzielt als mit unseren üblichen Präparaten Tuberculinum oder Tuberculinum bovinum.
Clarke verwendet in seinem Dictionary die Bezeichnung Tuberculinum für das Präparat von Koch, von dem wir gleichfalls Potenzen haben, und Bacillinum für das Mittel Burnetts (also das von Heath hergestellte), welch Letzteres, wie gesagt, ursprünglich ebenso Tuberculinum genannt wurde. Und auch für die Zubereitung Swans, der wohl der eigentliche Entdecker dieses Heilmittels war, wurde der Name Tuberculinum benutzt. Es ist schade, dass es dieses Durcheinander gibt – man sollte schon genau wissen, welches Präparat man da gerade anwendet.
Neben all diesen gibt es auch noch [das aus einem tuberkulösen Hoden gewonnene] bacillinum testiumBACILLINUM TESTIUM und tuberculinum aviaireAVIAIRE, welches aus Tuberkelbazillen von Vögeln hergestellt wird. Und Dr. Nebel, der jahrelang in Davos gearbeitet hat, stellte eine Reihe weiterer -Tuberculin-Nosoden her, die er uns zukommen ließ; doch ich fürchte, man hat sie vertrocknen lassen.
Nach der Erörterung von Ursprung und Herstellung dieser Mittel kommen wir nun zu ihrer therapeutischen Anwendung und ihren Indikationen.
Arzneien müssen an Gesunden geprüft werden – dies gehört zu den essenziellen Dingen in der Homöopathie –, damit sie in wissenschaftlich abgesicherter Weise bei Kranken zur Anwendung gelangen können. Allerdings sind, wie Swan behauptet, morbillinumMORBILLINUM, scarlatinumSCARLATINUM, variolinumVARIOLINUM (und all die übrigen Nosoden) „bereits die am vollständigsten geprüften ‚Gifte‘, die es gibt; über Hunderte von Jahren sind sie durch Zehntausende von Menschen, alte und junge, Männer und Frauen, ‚geprüft‘ worden. … Es handelt sich dabei sozusagen um an gesunden Menschen vollzogene Prüfungen, wie sie uns von der Natur fertig zur Verfügung gestellt werden. Tragen Sie die Symptome zusammen, und Sie wissen genug über die pathogenetische Wirkung eines jeden dieser Ansteckungsstoffe. Entdecken Sie dann solche Symptome an einem Kranken wieder, so verabreichen Sie das entsprechende potenzierte Mittel – und Sie werden all das heilen, was das ‚Krankheitsgift‘ an diesem Kranken angerichtet hat.“
Burnett hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, vielversprechende Mittel an sich selbst zu prüfen. Hier die Erfahrung, die er mit seinem Bacillinum machte:
„Starke Kopfschmerzen, besonders am ersten Tag nach der Einnahme und jeweils bis zum dritten Tag danach anhaltend. Diese Kopfschmerzen spürte ich jedes Mal, wenn ich das Mittel nahm. Ich hatte den Eindruck, dass sie von der 30. Potenz viel schlimmer waren als von der C 100. Ich könnte die Schmerzen nur als tief innen sitzend und zum Stillhalten zwingend beschreiben. Sie kamen von Zeit zu Zeit wieder, über viele Wochen hinweg.
Ein weiterer regelmäßig auftretender Effekt war das Expektorieren eines nicht zähen, sehr leicht abzuhustenden, dicken Schleims aus den Atemwegen, nach ein bis zwei Tagen gefolgt von einem außerordentlich klaren Klang meiner Stimme.
Die dritte Wirkung war nicht ganz so durchgängig: flatulente Dyspepsie und kneifende Schmerzen unter dem rechten Rippenbogen auf der Mamillarlinie.
Und schließlich Schlafstörungen, die sehr quälend waren. Gelegentlich trat außerdem ein geringfügiger Husten auf, gerade ausreichend, um den Schleim heraufzubefördern; er kam so leicht herauf, dass man fast sagen könnte, er kam von selbst.“
Danach begann Burnett, das Mittel auch bei Patienten einzusetzen, nicht unbedingt mit mehr Zuversicht, wie er sagt, aber doch etwas besser vertraut mit dem Erreger.
Dr. Clarke wurde von Burnett um Mitteilung seiner Erfahrungen mit dem neuen Heilmittel gebeten. Seine Antwort erschien dann zusammen mit einer kleinen Prüfung in der dritten Auflage von Burnetts Buch.
Er schrieb: „Ich habe begonnen, Bacillinum einzusetzen – und gleichzeitig habe ich es auch an mir selbst geprüft, in der 30. und anschließend in der 100. Potenz. Dies waren die wichtigsten Symptome, die ich bemerkt habe:
  • 1.

    Schmerzen in den Halslymphknoten, schlimmer beim Drehen des Kopfes oder Strecken des Halses; rechte Seite stärker betroffen.

  • 2.

    Schmerz tief im Kopf, schlimmer beim Kopfschütteln.

  • 3.

    Wehtun der Zähne, namentlich der unteren Schneidezähne (alle gesund); es wurde an den Zahnwurzeln verspürt, besonders beim Hochziehen der Unterlippe. Dieses Symptom hielt monatelang an, und gelegentlich spüre ich es heute noch. Zähne sehr empfindlich gegenüber kalter Luft.

  • 4.

    Heftige Schmerzen von kurzer Dauer in der Brust und in verschiedenen anderen Körperteilen.

  • 5.

    Eines Abends Schmerz im linken Knie beim Spazierengehen; er verschwand, nachdem ich eine kurze Strecke weitergegangen war.

  • 6.

    Schnupfen. Stechen im Hals (Kehlkopf), darauf plötzliches Husten. Einzelner Hustenstoß morgens beim Aufstehen aus dem Bett. Husten, der mich nachts aufweckte. Leichtes Abhusten. Heftiger Schmerz in der Präkordialgegend, den Atem benehmend. Sehr heftiger Schmerz im linken Schulterblatt, schlimmer, wenn ich nachts im Bett lag, besser durch Wärme.

  • 7.

    Ein entzündeter, aber schmerzloser Pickel auf der linken Wange. Er blieb über mehrere Wochen bestehen, sodass ich schon die Befürchtung hatte, es könnte sich um etwas Ernsteres handeln. Nachdem er bereits abgeheilt war, kam er in großen Abständen mehrmals wieder heraus, und auch jetzt ist an der Stelle noch eine leichte Einkerbung zu tasten.“

Dann führt er Fälle an, die mit der Nosode behandelt wurden. Darunter befanden sich mehrere Kranke mit entzündlichen Affektionen der Augenlider, welche durch Bacillinum-Gaben rasch behoben wurden. (Und ich habe festgestellt, dass das Mittel fast spezifisch ist bei Hornhautgeschwüren von Kindern. – M. L. T.)
Burnett bringt noch weitere Teilprüfungen mit Bacillinum, darunter eine von Dr. Boocock (USA), die im Homœopathic Recorder veröffentlicht wurde. Dr. Boocock, der nicht die 100., sondern nur die 30. und 200. Potenz besaß, wurde, als er damit beschäftigt war, die 30. weiterzupotenzieren, des Schüttelns müde, setzte das Fläschchen ab und leckte sich die Finger. Bald darauf verspürte er „eine Hitzewallung, leichtes Schwitzen und heftigen Kopfschmerz, tief drinnen“. Später, als er mit dem Potenzieren fertig war, tat er dummerweise noch einmal dasselbe: „Ich leckte mir die Finger ab, um die Tinktur davon zu entfernen. Die Schmerzen wurden überall im Kopf schlimmer, am meisten in den Schläfen und im Hinterkopf. Beißende, stichartige Schmerzen in meinen Hämorrhoiden, ein stechender, kriechender Schmerz durch die linke Lunge sowie ein kitzelnder Hustenreiz. Ich fühlte mich sehr schwach. Ich hatte vorher keinen Husten gehabt, und doch hatte ich jetzt ein solches Kitzeln im Hals, dass ich husten musste. Die Kopfschmerzen hielten an, auch die Schwäche und das Gefühl in und unter der linken Brust, tief drinnen. …
Wenn diese C 100, in einer Menge von vielleicht zwei Tropfen, bei einem gesunden Menschen solche Empfindungen hervorbringen kann, wie das bei mir der Fall war, bin ich sicher, dass durch die Dynamisation tatsächlich besondere Kräfte übertragen werden. Ich wurde von einem Gefühl großer Unruhe erfasst, konnte nicht mehr mit Gewinn lesen und ging daher früh zu Bett. War zunächst sehr unruhig, schlief dann aber gut. Musste dreimal aufstehen, um Wasser zu lassen; Urin klar, aber von sehr üblem, fauligem Geruch. Bei Tagesanbruch wachte ich auf und konnte, obwohl ich mich sehr müde fühlte, nicht länger schlafen …“
Boocock gibt dann die Prüfungssymptome der folgenden zehn Tage im Einzelnen an. Wie Burnett und Clarke konnte auch er feststellen, dass das Mittel die Fähigkeit hatte, einen sehr starken Kopfschmerz – tief drinnen – zu erzeugen; dass es den Rachen und besonders die linke Lunge reizte; dass es die Därme mit Luft aufblähte (siehe Burnetts Prüfung). Ferner verursachte es weichen, dunkelgrünen, breiigen Stuhl und wirkte auf den After, indem es dort ein lästiges Ekzemleiden besserte.
Ich entschuldige mich nicht dafür, diese mageren Prüfungen von Bacillinum hier wiedergegeben zu haben. Die meisten unserer häufig angewandten Mittel sind hervorragend geprüft, und ihre Symptome haben in der Krankenbehandlung tausendfache Bestätigung gefunden. Doch bei manchen dieser bedeutsamen, aber spärlich geprüften Arzneien brauchen wir jeden Lichtstrahl, den jene darauf werfen können, die die Wirkung des zerstörerischen (und damit heilenden) Agens am eigenen Leib erfahren haben, einschließlich der Informationen über die Lokalisationen bzw. die zuerst betroffenen Organe sowie über die genaue Art und Weise, wie diese in Mitleidenschaft gezogen wurden. Kleine, persönliche Schilderungen einer Arzneiwirkung durch scharfsinnige und fähige Beobachter sind oft von unschätzbarem Wert. Selbst H. C. Allen erwähnt in seinen Keynotes, wo so viele Leitsymptome von Tuberculinum zusammengestellt sind, nicht den Kopfschmerz „tief drinnen“, wie er von diesen drei Ärzten übereinstimmend berichtet wird.
In seiner ausführlicheren Materia Medica of the Nosodes bringt derselbe Autor ein langes Schema der Tuberculinum-Symptome, aber seltsamerweise macht er dort keine Angaben über deren Quellen bzw. über die Art, wie die Prüfungen vorgenommen wurden.
Das kürzere Werk Allens, die Keynotes (die viele wertvolle Indikationen für das Mittel angeben) hat offenbar auch Nash mit Gewinn benutzt. In seinen Leaders schildert er einen Fall, bei dem eines von Allens Leitsymptomen genau auf die Beschwerden passte, die Nashs Patient hatte, sodass Tuberculinum erfolgreich verordnet werden konnte – ein Beleg für den Wert dieses Büchleins.
Gehen wir nun über zu Nashs kleiner Indikationenliste …
„Getriebensein, rastloses Verlangen nach Ortswechsel [cosmopolitan]; nie damit zufrieden, längere Zeit an ein und demselben Ort zu bleiben; möchte ständig reisen.
Wandernde Schmerzen in Gliedern und Gelenken; steif zu Anfang der Bewegung; Beschwerden < im Stehen, > durch fortgesetzte Bewegung.
Verlangen nach frischer Luft; möchte Türen und Fenster weit geöffnet haben oder bei kräftigem Wind fahren oder reiten.
Bekommt von der geringsten Kälteexposition eine Erkältung; noch bevor er die eine los ist, fängt schon die nächste an.
Abmagerung trotz reichlichen Essens; so hungrig, dass er nachts aufstehen muss, um zu essen.
Schmerz durch die linke obere Lunge zum Rücken. Tuberkulöse Veränderungen beginnen gewöhnlich in der linken Lungenspitze.
Personen mit Tb-Vorgeschichte in der Familie.
Ständig wechselnde Symptome; ein Organ nach dem anderen wird befallen; die Beschwerden kommen ebenso plötzlich, wie sie verschwinden.“
In den Guiding Symptoms Herings werden zwei fragmentarische Prüfungen erwähnt, die von Swan vorgenommen wurden, und außerdem wird als Quelle u.a. Burnetts New Cure of Consumption genannt.
Kent bringt viele eigene Beobachtungen ein, die er, wie er sagt, in seinem durchschossenen Exemplar der Guiding Symptoms regelmäßig aufzuzeichnen pflegte. „Diese sind heute mein Leitfaden bei der Anwendung von Tuberculinum [bovinum]“ – und aus dieser Quelle schöpfte er auch für seine Vorlesungen. Einige zusammenfassende Auszüge daraus …
„Ich verwende Tuberculinum nicht einfach bloß deshalb, weil es eine Nosode ist, und ich verwende es auch nicht mit der Vorstellung, die man allgemein von einer Nosode hat, dass sie nämlich als Krankheitsprodukt zur Heilung derselben Krankheit oder ihrer Folgen dienlich sei … Das ist reine Isopathie und damit eine höchst anfechtbare Lehre …; sie gehört zu den hysterischen Launen, denen die Homöopathie in diesem Jahrhundert immer wieder unterworfen war. Trotzdem ist auch viel Gutes aus ihr hervorgegangen.
Es ist zu hoffen, dass in Zukunft Prüfungen mit Tuberculinum angestellt werden, damit wir es wie jedes andere Mittel aufgrund seiner Prüfungssymptome verschreiben können.
Tuberculinum ist ein tief und konstitutionell wirkendes Mittel … Wenn unsere tiefgreifendsten Arzneien nur wenige Wochen wirken und gewechselt werden müssen, kommt Tuberculinum als eines der Folgemittel in Betracht, wenn die Symptome passen …
Einer seiner wichtigsten Anwendungsbereiche sind intermittierende Fieber. Hartnäckigste Fälle von Wechselfieber, bei denen es (trotz Verabreichung der indizierten Arzneien) immer wieder zu Rückfällen kommt … Wenn das gut gewählte Mittel gewirkt hat und dennoch ein weiterer konstitutioneller Verfall des Patienten zu verzeichnen ist, wenn also das gut gewählte Mittel keinen dauerhaften Erfolg bringt, weil die Lebenskraft geschwächt ist und eine tief verwurzelte Krankheitsneigung besteht, dann ist nicht selten die Zeit für Tuberculinum gekommen. …
Burnett äußerte einmal eine Überlegung, die sich seither oftmals bestätigt hat: Patienten, die eine phthisische Veranlagung haben, deren Eltern an Tuberkulose gestorben sind, haben zumeist nur eine schwache Lebenskraft. … Sie sind immer müde und werden leicht krank; sie sind anämisch und nervös, sehen wächsern oder blass aus. … Wie es scheint, verwendete Burnett die Nosode bei einer solchen Konstitution, die er ‚Consumptiveness‘ [vgl. Fußnote 29] nannte, fast routinemäßig. …
Die Geistes- und Gemütssymptome des Mittels – diejenigen, die ich unter Tuberculinum bovinum habe verschwinden sehen, diejenigen, die ich bei Prüfungen habe entstehen sehen, und diejenigen, die ich so oft bei Kranken unter der vergiftenden Wirkung der Tuberkulosetoxine habe beobachten können – sind bei einer Vielzahl von Beschwerden anzutreffen. Das Mittel erzeugt und heilt: Zuversicht30

30

In Kents persönlichen Nachträgen zu den Guiding Symptoms heißt es: Hopefulness in many complaints, während in seinen Lectures von „Hopelessness“ die Rede ist. Wie ich in meiner Übersetzung der Kentschen Arzneimittelbilder in einer Fußnote dargelegt habe, ist es wohl eher die (mehr oder weniger irrationale) Zuversicht in Bezug auf seine Krankheit, welche den Tuberculinum-Patienten kennzeichnet.

bei vielen Beschwerden; Abneigung gegen geistige Arbeit; Ängstlichkeit am Abend, bis Mitternacht; Angst bei Fieber; Geschwätzigkeit bei Fieber; Lebensüberdruss; Getriebensein, rastloses Verlangen nach Ortswechsel [cosmopolitan]; hartnäckige, quälende Gedanken während der Nacht; nächtlicher Gedankenzudrang, wobei sich die Gedanken gegenseitig immer wieder in die Quere kommen. … Der Tuberculinum-Patient ist ein Mensch, mit dem es langsam, aber sicher bergab geht; man findet nicht das richtige Mittel für ihn, oder das gewählte Mittel verschafft nur kurzzeitig Linderung. Er hat ein ständiges Verlangen nach Veränderung: zu reisen, irgendwohin zu gehen und etwas anderes zu machen, den Arzt zu wechseln. Dieses Getriebensein, dieses Verlangen nach Abwechslung ist dem Tuberculinum-Menschen im höchsten Maße eigen … Wir finden diesen Zustand bei Menschen, die im Begriff sind, ihren Verstand zu verlieren, oder die an der Schwelle zu einem langwierigen körperlichen Leiden stehen. Tatsächlich sind Tuberkulose und Wahnsinn ineinander umwandelbare Zustände – der eine Zustand kann in den anderen übergehen. …
Tuberculinum heilt die heftigsten und hartnäckigsten Migräneleiden, desgleichen periodisch wiederkehrende nervöse Kopfschmerzen. … Es beseitigt, wenn die Symptome insgesamt passen, die Neigung zu dieser Art von Kopfschmerz. …
Wundes, zerschlagenes Gefühl am ganzen Körper. Wehtun der Knochen. Wundheitsgefühl in den Augäpfeln, besonders bei Berührung und beim Seitwärtsdrehen der Augen. …
Gesichtsröte, bis hin zu purpurnem Teint, sowohl bei Fieberhitze als auch im Fieberfrost.
Widerwille gegen alle Speisen; die Abneigung gegen Fleisch ist so groß, dass der Patient es unmöglich herunterbekommt. Durst auf große Mengen kalten Wassers im Frost- und im Hitzestadium. Starkes Verlangen nach kalter Milch. … Extremes Flauheits- und Hungergefühl im Magen und Bauch, das zum Essen zwingt (sulfurSULFUR).
Allmähliche Gewichtsabnahme mit langsam, aber stetig zunehmender Schwäche und Erschöpfung. …
Obstipation ist ein häufiges Merkmal bei Tuberculinum. Stuhl massig und hart, oder auch Verstopfung im Wechsel mit Durchfall. … Ausgeprägte Schweißneigung bei chronischer Diarrhö. … Durchfall, der aus dem Bett treibt, oder Verschlimmerung des Durchfalls am Morgen (aloeALOE, SULFUR). …
Regelblutung zu früh, zu kopiös, zu lange anhaltend. Amenorrhö. Dysmenorrhö. …
Bedürfnis, tief zu atmen. Verlangen nach frischer Luft. …
Tuberculinum ist besonders dann angezeigt, wenn die tuberkulösen Veränderungen in der linken Lungenspitze beginnen – eine Indikation, die von mehreren Beobachtern bestätigt worden ist. …
Schwitzen bei geistiger Anstrengung. Der Schweiß färbt die Wäsche gelb. Nachtschweiße. …
Der Kranke reagiert empfindlich auf jeden Wetterwechsel, besonders wenn es kalt wird. Auch feuchtes und regnerisches Wetter macht ihm zu schaffen, manchmal auch schwüles Wetter. Allgemeine Verschlimmerung vor einem Sturm; der Patient spürt jede elektrische Veränderung in der Atmosphäre.“
Was meine persönlichen Erfahrungen angeht – nun, ihre Zahl ist Legion! Tuberculinum ist ein Mittel, das in unserer ambulanten Versorgung ständig Verwendung findet, in Fällen, die sich dahinschleppen und die eine Tb-Vorgeschichte in der Familie aufweisen. „Gibt es Tuberkulose in der Familie? – Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Onkel, Tanten?“ ist eine der ersten Fragen, die wir einem neuen Patienten stellen, zusammen mit den Fragen nach Impfungen und nach früheren Krankheiten. Die Antworten können einem viel Arbeit ersparen! Wenn ich in Fällen mit einer solchen Anamnese und nur zögerlichen Fortschritten endlich – reichlich spät – Tuberculinum als mächtiges Zwischenmittel eingesetzt hatte, dachte ich oft bei mir: „Wenn ich doch bloß damit begonnen hätte! Wie viel schneller wären wir vorangekommen!“ – einen solchen Wandel hatte es bei dem Patienten bewirkt.
Wenn man bei einer Lungenentzündung, die sich nur zögernd entwickelt und gar nicht wieder weichen will, dem Patienten, der in der Anamnese zudem von einer Tb-Vorgeschichte erzählt hat, Tuberculinum bovinum verabreicht (vorzugsweise in der 200. Potenz), wird es wahrscheinlich für einige Stunden zu einer Temperaturerhöhung kommen. Anschließend wird das Fieber fallen und nicht wieder ansteigen – der Patient ist endlich auf dem Weg zur langersehnten Besserung und Genesung. In gleicher Weise kann Tuberculinum auch bei akutem Rheumatismus helfen, wo sorgfältig gewählte Mittel nichts zu erreichen vermochten.
Tuberculinum scheint komplementär zu droseraDROSERA siliceaund SILICEA zu sein; diese drei Arzneien scheinen einander gewissermaßen in die Hände zu spielen, besonders in Fällen von Knochen- und Lymphknotentuberkulose und ebenso auch in manchen Fällen von Schwachsinn, die den beschriebenen [miasmatischen] Hintergrund aufweisen. Aus unserer Kinderklinik könnte ich wunderbare Dinge über so manche Fälle von Knochen- und Lymphknoten-Tb erzählen … Ich müsste hier eigentlich auch noch calcarea carbonicaCALCAREA als weiteres Mittel anführen, doch die Erinnerung an diese (selteneren) Fälle ist etwas verblasst.
Als besonders nützlich erweist sich Tuberculinum ferner bei der Normalisierung der Menstruationstätigkeit – bei Frauen mit der entsprechenden Tb-Familienanamnese oder mit verräterischen Narben am Hals etc. Ich denke an das Mittel auch dann, wenn die Menses zu spät einsetzen, ferner, wenn sie zu stark oder gar schmerzhaft sind, oder auch, wenn sie nur spärlich fließen. Einmal habe ich erlebt, wie ein Hinweis Burnetts bezüglich der Verwendung von Tuberculinum bei geistigem oder körperlichem Entwicklungsstillstand erstaunliche Früchte trug, und zwar bei einer jungen Frau, die immer noch bei weitem kein vollständiges Gebiss hatte: Nach einer Gabe Tuberculinum bekam sie, wenn ich mich recht erinnere, acht Zähne innerhalb weniger Wochen.
Wir haben mit Burnett und seinem wundervollen kleinen Buch begonnen und wollen mit einigen Fällen daraus unser Kapitel beschließen. Vergessen wir nicht, dass er hier sein direkt von einer aktiven, fortgeschrittenen Lungentuberkulose gewonnenes Bacillinum eingesetzt hat. In der ersten Auflage schildert er ausführlich mehr als fünfzig Fälle, welche in den beiden folgenden Auflagen noch um eine Reihe weiterer Berichte ergänzt werden.
Dabei sind viele Fälle von Kindern mit Hirnaffektionen, z.B.: Etwa 20 Monate altes Kind mit tagelangem hohen Fieber, Unruhe und ständigem Schreien. Kurz darauf war es bereits in einem „ganz eingefallenen, kollapsähnlichen Zustand“, und ein eigenartig fötider Geruch umgab das Kind; starke Tb-Vorbelastung in der Familie. Nach einer Gabe Bacillinum in Hochpotenz hörte das Schreien auf, das Kind schlief innerhalb von zehn Minuten ein. Es erholte sich schnell und vollständig.31

31

Tyler knüpft an dieser Stelle noch eine Feststellung über den weiteren Verlauf an, die aber offensichtlich nicht mehr zu dem Fall gehört und von mir daher ausgelassen wurde. Vgl. Burnett, Fall 3, S. 26.

Viele der hier referierten Fälle von Tuberkulose etc. waren gegen Pocken geimpft und erfuhren auch unter thujaTHUJA eine deutliche Besserung. Und eine große Zahl der Patienten benötigte im Laufe der Zeit auch noch andere konstitutionelle Mittel. Diesbezüglich erläutert Burnett:
„Was den Gebrauch der anderen Arzneimittel betrifft, so möchte ich besonders die Tatsache betonen, dass der Tuberkuloseerreger nur innerhalb seines eigenen Bereichs eine Wirkung entfaltet und dass dieser Bereich in zeitlicher Hinsicht sehr eng begrenzt ist. Was das Mittel daher nicht bald und ‚bereitwillig‘ schafft, das schafft es gar nicht mehr. Seine Wirkung ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, akut; sein chronisches Äquivalent ist psorinumPSORINUM.“ In einer Fußnote erklärt er: „Wenn ich bald sage, meine ich, dass die Wirkung sofort beginnt; nur muss natürlich, da tuberkulöse Prozesse gewöhnlich chronisch verlaufen, auch die Behandlung so sein, nämlich ‚chronisch‘ [d.h., sich über einen längeren Zeitraum erstrecken].“
In Bezug auf hoffnungslos erscheinende Fälle von elenden, ständig kränkelnden Kindern sagt Burnett: „Nachdem ich klüger geworden war und klar erkannt hatte, dass die Wirkung von Mitteln wie aconitumACONITUM, chamomillaCHAMOMILLA oder pulsatillaPULSATILLA“ (die durchaus geholfen hatten) „eine Grenze hat, die weit diesseits einer Heilung liegt, sagte ich mir: Mittel wie diese reichen immer nur bis an die Sphäre des Tuberkelbazillus heran, und dort finden sie ihre Grenze, den Punkt, an dem es nicht weitergeht. … Doch es sind die Tuberkelbazillen, die töten! Dies ist der Grund, warum ich begann, mit dem Erreger der Tuberkulose zu experimentieren.“
Wie er schreibt, wandte er Bacillinum stets nur in sehr seltenen Gaben an; da sich dies, so Burnett, auf all seine Fälle beziehe, brauche er diesen wichtigen Punkt nicht immer von neuem zu erwähnen. Seine Potenzen waren die C 30, C 100 und C 200.
Sein Fall 23 ist interessant: Ein bedeutender Schriftsteller, etwas über 50 Jahre alt, klagte über fürchterliche Kopfschmerzen, fast völlige Schlaflosigkeit und ausgeprägte Schwäche. Er hatte Lungen-Tb gehabt, mit jahrelangem Blutspucken, war aber dann dank guter Behandlung und Auslandsaufenthalten aus seiner Schwindsüchtigkeit ‚herausgewachsen‘. Rechte Lunge starr, wahrscheinlich aufgrund ausgeheilter Kavernen. Die meisten seiner Brüder und Schwestern waren an Gehirnwassersucht gestorben. „Seine Freunde ließen ihn auf ärztlichen Rat hin ‚beschatten‘, da sie glaubten, er befände sich am Rande des Wahnsinns. Bei den Kopfschmerzen hatte er das Gefühl, als sei der Kopf von einem engen Eisenreif umgeben. Seine Hände zittern. Was ihn aber fast noch mehr als alles andere quälte, war ein Gefühl von feuchter Kleidung auf dem Rücken. Es hört sich unglaublich an, aber in weniger als einem Monat nach Beginn der Behandlung mit Bacillinum waren die Kopfschmerzen verschwunden, ebenso das quälende Gefühl feuchter Kleidung auf dem Rücken, und er schlief wieder recht gut. Vorsichtshalber gab ich ihm das Mittel in Abständen noch einen weiteren Monat, dann brauchte er keine Behandlung mehr. Soviel ich weiß, erfreut er sich weiterhin guter Gesundheit und arbeitet hart an der Vollendung seiner nächsten Publikation.“
Burnett führt viele geheilte Schwindsuchtfälle an, bei denen die Erkrankung noch nicht allzuweit fortgeschritten war. Doch er berichtet auch von einem Fall [Nr. 29], der, wie er sagt, „ganz mit meinen früheren Erfahrungen in Einklang steht: Wenn der Schwindsuchtprozess voll entbrannt ist, ist die Gabe des Erregers nutzlos.“ (Das ist natürlich das, was man galoppierende Schwindsucht nennt. Und das entspricht, glaube ich, auch der allgemeinen Erfahrung; in der Tat ist man zu der Überzeugung gekommen, dass Tuberculinum nützlicher ist bei schwindsuchtähnlichen Zuständen [consumptiveness] sowie in Fällen, wo andere Gewebe als das Lungengewebe betroffen sind.)
Burnett bringt mehrere weniger rasant verlaufene Fälle von Phthisis, die durch gelegentliche Gaben von Bacillinum und, je nach Symptomatik, Zwischengaben anderer homöopathischer Mittel geheilt wurden; oder, wo es eine Koexistenz zweier chronischer Krankheiten gab wie etwa Tuberkulose plus ‚Vakzinose‘, durch gelegentliche Gaben von zuerst thujaTHUJA und dann Bacillinum.
Natürlich wurde Burnett als ein Neuerer angesehen und von manchen seiner homöopathischen Kollegen scharf kritisiert. Und tatsächlich war er ein Mensch, über den einige von ihnen nicht sprechen konnten, ohne sich gewaltig zu ereifern. Aber in all seinen Neuerungen folgte er lediglich Hahnemann, dem – mehr oder weniger – zu folgen jene doch auch behaupteten. Schon sechzig Jahre zuvor hatte Hahnemann in Bezug auf seine (damals) drei chronischen Miasmen darauf hingewiesen [Chronische Krankheiten, Bd. 1, S. 106], dass zwei oder mehr von ihnen in einem chronisch Kranken zusammen existieren und dadurch dessen normale Reaktion auf indizierte Arzneien störend beeinflussen können. Diese Miasmen müssen eines nach dem anderen ausgelöscht werden. Ihre verschiedenen Heilmittel sind, so Hahnemann, abwechselnd anzuwenden, „worauf man dann dieselbe abwechselnde Behandlung, wo nöthig, bis zur völligen Heilung erneuert. Nur“, so warnt er uns, „muß man jeder dieser drei Arten Arznei gehörige Zeit lassen, ihre Wirkung zu vollenden.“
Etwa sechzig Jahre zuvor hatte Hahnemann demnach bereits die Grenze „der die gegenwärtigen Symptome bestens deckenden homöopathischen Arzneien“ erreicht, die eben „in jenen chronischen Uebeln … keine wahre, dauernde Genesung zu Stande zu bringen“ in der Lage sind – aber nicht die Grenze seines deduktiven Genies. Nicht gewillt, das Versagen der Homöopathie in diesen Fällen offenkundigen Fehlschlagens hinzunehmen, erkannte er, dass es darauf ankam, das homöopathische Prinzip weiter auszudehnen und tiefer nach den Ursachen zu forschen. Zehn Jahre lang beschäftigte ihn das Thema, „bei Tag und Nacht und, siehe! der Geber alles Guten ließ mich allmählig … das erhabene Räthsel zum Wohle der Menschheit lösen.“ Er gelangte zu der Erkenntnis der miasmatisch-parasitären Natur der chronischen Krankheiten, … und er erkannte, dass, wenn ein wirklicher Fortschritt in Richtung Heilung gemacht werden soll, dabei Arzneien angewandt werden müssen, die homoöpathisch sind zu den ursprünglichen Manifestationen dieser Krankheit, und dass sie auch im Wechsel zu geben sind, wo es sich um mehr als eine solche Krankheit handelt. – Und all dies Jahre bevor seine Theorien bezüglich der parasitären Natur der chronischen Krankheiten schließlich durch das Mikroskop vollauf bestätigt wurden!
Burnett seinerseits erfuhr jene Grenze der die gegenwärtigen Symptome bestens deckenden homöopathischen Arzneien – „weit diesseits einer Heilung“ – an der Stelle, wo die Tuberkulose, eben ein weiteres „chronisches Miasma“, im Spiel war: Mittel wie aconitumACONITUM, pulsatillaPULSATILLA, chamomillaCHAMOMILLA und ihresgleichen reichten nur „bis an die Sphäre des Tuberkelbazillus heran“, an der gewissermaßen ein Stoppschild stand. Und so begann er, Zwischengaben seines Bacillinum zu verabreichen.
Aber in gleicher Weise – und dies sollte man beherzigen! – gibt es auch, wie er herausfand, Grenzen des Tb-Erregers, indem dieser nur innerhalb seiner eigenen Sphäre wirkt. „Andere Arzneien“, sagt er, „werden für den nicht-schwindsüchtigen Teil des Falles benötigt.“
Aufgrund von Anhaltspunkten in seinen Schriften vermutet man, dass Hahnemann neben der einen Nosode (psorinumPSORINUM), die er prüfte und der Welt schenkte, auch bereits mit anderen Krankheitsprodukten als Heilmitteln gearbeitet hat. Hahnemann benannte bestimmte Arzneien, die bei der Behandlung chronischer Fälle als Zwischenmittel nötig werden können, in erster Linie eine „gehörige Gabe des besten mercurius (solubilis)Quecksilber-Präparats“ einerseits und thujaTHUJA oder nitricum acidumacidum nitricumACIDUM NITRICUM andererseits – in jenen Fällen, wo die Chronizität auf einer der beiden Geschlechtskrankheiten beruhte. Hier aber sind, wiederum natürlich nur innerhalb ihrer Grenzen, die wirksamsten Arzneien von allen die Krankheitsprodukte selbst. Hahnemanns „sogenannte isopathische Arzneien“, durch den Vorgang der Potenzierung, wie er vorbringt 32

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Chronische Krankheiten, Band 1, S. 188; siehe auch Hahnemanns Fußnote zu § 56 des Organon. Eine Erörterung des Gesinnungswandels Hahnemanns zum Thema Isopathie findet sich im PSORINUM-Kapitel von Mezgers Gesichteter Homöopathischer Arzneimittellehre (Haug Verlag).

, so verändert, dass sie nicht länger idem (gleich), sondern nur noch simillimum (sehr ähnlich oder homöopathisch) sind, sind demnach – und daran kann kein Zweifel bestehen – bei derartigen „chronischen Übeln“ die weitaus ähnlichsten Mittel, die man sich denken kann.
Für Hahnemann endete sein unablässiges, mühevolles Wirken nach fast neunzig Jahren, und Burnett wurde ganz überraschend erlöst, allein, eines Abends in einem Hotelzimmer. Und nun ist es an uns, das wunderbare Werk zum Wohle der Menschheit fortzusetzen und auszubauen! Die Homöopathie hat nicht notwendigerweise da versagt, wo wir versagen, z.B. in der Krebsbehandlung; dies ist eine Lektion, die wir von Hahnemann und Burnett lernen können. So weigerte sich Hahnemann, wie er schreibt, die zu geringe Zahl geprüfter Arzneien als plausible Entschuldigung für ein Versagen anzuerkennen. Er zog es stattdessen vor, hinter den oberflächlichen Symptomen des Augenblicks tiefer nach den Ursachen zu forschen und erzielte auf diese Weise einen viel umfassenderen Erfolg. Wie Burnett (in Anlehnung an Hahnemann) schreibt:
„Macht's nach, aber macht's auch besser.“
Burnett beschließt sein Buch in der 2. Auflage wie folgt: „Nun, kleines Buch, geh hinaus in die Welt und sag allen, die es betrifft, dass dank der Bemühungen von Paracelsus, Fludd, Lux, Hahnemann, Hering, Pasteur, Swan, Berridge, Skinner, Koch und vielen anderen Schwindsucht und allgemein die tuberkulösen Krankheiten endgültig in die Liste der heilbaren Krankheiten aufgenommen sind. Aber ein für allemal: Das Mittel darf nicht durch Injektion verabreicht werden; es muss in hohen, höheren und höchsten Potenzen eingesetzt werden, und die Einzeldosen dürfen nur in großen Abständen gegeben werden.
Jene aber, die nur tiefe Dilutionen zu verwenden wissen, möchte ich eindringlich warnen: Hände weg!“
In der 3. Auflage schreibt Burnett des Weiteren:
„Natürlich behaupte ich nicht, dass Bacillinum ein Spezifikum für alle Fälle von Schwindsucht ist, für Tuberkulose jeder Art, und in den vielen Fällen, die erst sehr spät zur Behandlung kommen, wird es nicht unbedingt etwas ausrichten33

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Im Bemühen um eine konkretere Aussage scheint M. Tyler hier den Text abgeändert zu haben, denn bei Burnett heißt es lediglich – so selbstverständlich wie nichtssagend: „… und notwendigerweise wird es nichts Gutes bewirken in jenen Schwindsuchtfällen, zu denen es nicht homöopathisch ist.“

. Ein Mittel, das jeden Fall einer mit Namen versehenen Krankheit heilt, existiert selbstverständlich nicht.
Und doch ist bazilläre Phthise, die früh in Behandlung genommen wird und durch nichts anderes kompliziert ist, mit Bacillinum heilbar, und dies sage ich nach acht Jahren Erfahrung am Krankenbett und im Sprechzimmer. Bisher ist absolut kein anderes Mittel bekannt, das ihm hier an therapeutischer Wirksamkeit auch nur annähernd gleichkäme.
Wo beispielsweise zusätzlich Vakzinose vorhanden ist, muss zuerst die Vakzinose geheilt werden, sonst bleibt die Tuberkulose, was immer Sie auch anstellen mögen, ungeheilt.
Wenn bei einem Patienten eine primäre Milzerkrankung vorliegt, die in Schwindsucht übergegangen ist, muss der Fall von der Milz her angegangen werden, oder die Behandlung schlägt nicht an. Wenn dem ganzen Krankheitszustand eine Lebererkrankung zugrunde liegt, und die Tuberkulose besteht nur nebenher, muss das Leberleiden als Erstes geheilt werden.
Wenn dieser Zustand von einer ererbten syphilitischen Belastung herrührt (Belastung wohlgemerkt, nicht von der Krankheit selbst), kann zunächst die spezifische Nosode erforderlich sein.
Wenn die Phthise aus einer Krebsbelastung seitens der Vorfahren erwächst, wird Bacillinum nicht immer ausreichend wirken, ehe nicht andere Arzneien [in erster Linie carcinosinumCARCINOSINUM] den Weg bereitet haben.
Wenn die Konstitution durch Typhus geschädigt wurde, durch Malaria [engl.: malarialism, also etwa „Malariabelastung“], durch Alkoholismus, durch eine Chininvergiftung usw., so muss all dies therapeutisch mit berücksichtigt werden, sonst werden unsere Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt sein. Wo immer nämlich Tuberkulose mit anderen Krankheiten oder Krankheitsanlagen gleichzeitig existiert, ist es so, dass Bacillinum nur den ‚tuberkelbazillusbedingten‘ Teil des Falles berührt.
Wenn Tuberkulose hinzukommt zu überbelegten, viel zu vollen Wohnungen …, zu schlechter Ernährung oder schlechter Luft, zu chronischer Vergiftung durch Fäulnisgase aus der Kanalisation oder auch zu verletztem Stolz …, dann wäre es töricht zu erwarten, dass die bloße Gabe einer Arznei, um welche es sich auch handeln mag, allein zur Heilung führen wird, wenn gleichzeitig die auslösende Ursache nach wie vor bestehen und wirksam bleibt. … Es ist die einfache, unkomplizierte und frühzeitig behandelte Tuberkulose, welche durch das aus der Krankheit gewonnene Simillimum auf Anhieb geheilt werden kann. …
Meinen praktizierenden Kollegen möchte ich sagen: Werfen Sie die Fesseln des Vorurteils ab und erproben Sie selbst, ob und inwieweit ich mich vielleicht auf den Flügeln der Begeisterung für mein Thema habe fortreißen lassen. Denken Sie aber daran: Nur hohe Dilutionen und keine Kochschen Injektionen! Und außerdem: Wenn Sie die Gaben zu häufig wiederholen, werden Sie einen Fehlschlag erleiden – wie ich selbst früher, ehe ich die Lektion gelernt hatte, dass die aus Krankheitsprodukten gewonnenen Simillima nur selten und auch nur in hohen Potenzen verabreicht werden dürfen. Ja, es gilt sogar in der Regel: Je schlimmer der Fall, desto höher die Potenz.“
Auch diese langen Zitate erscheinen sicherlich gerechtfertigt, bieten sie uns doch so viel Interessantes dar. Dr. Burnett war ein großer und schöpferischer Geist und hatte als Autor einen ganz bezaubernden Stil; und nicht jeder wird die Möglichkeit haben, an seine Schriften heranzukommen, um sich von ihnen bezaubern und belehren zu lassen.

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