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Urtica urens

Urtica urens

Weitere Namen: Kleine Brennnessel
Auf dem Land ist es nicht leicht, die Brennnesseln von einem Grundstück wieder loszuwerden. Wir nennen sie Unkraut; wir bearbeiten sie mit Stöcken, machen sie mit Sensen nieder und graben sie um. Doch trotz des alten Spruchs

„Schneid sie im Juno

Und sie sind bald wieder do;

Schneid sie im Julei

Und sie kommen um dabei!“

sind wir ständig von ihnen umgeben.
Warum? Vielleicht weil sie für uns von großem Wert sind, weil sie für Notfälle immer zur Hand sein müssen? Probieren Sie es bei Gelegenheit! Machen Sie einen Aufguss, indem Sie auf die Nesseln kochendes Wasser gießen; tauchen Sie ein sauberes Leinentuch hinein und legen Sie es auf eine Brandwunde – und sehen Sie, was passiert!
Das Lexikon nennt sie ein „geringgeschätztes, mit Brennhaaren besetztes Kraut“. Und dennoch sollte in keinem Haushalt, ob in der Stadt oder auf dem Land, eine Tinktur der Kleinen Brennnessel, Urtica urens, fehlen, und sei es nur wegen ihrer wunderbaren Heilkraft bei …
Verbrennungen – mit fast augenblicklicher Linderung der Schmerzen und rasch erfolgender Abheilung. (Dies gilt natürlich nur für eher oberflächliche Verbrennungen – Verbrennungen 1. und 2. Grades.)
So explodierte z.B. jemandem bei einem chemischen Experiment ein Glasröhrchen mit kochender Schwefelsäure (Vitriolöl), die ihm ins Gesicht und in die Augen spritzte. Sie wurde schnellstens abgewaschen, doch blieben ausgedehnte oberflächliche Verbrennungen und ein Hornhautgeschwür zurück. Entsprechend der Empfehlung des guten alten Ruddock in seiner Domestic Homœopathy wurde ein weicher Lappen mit einer Lösung aus Wasser und ein paar Tropfen Urtica befeuchtet und auf das Gesicht gelegt. Die Schmerzen verschwanden rasch, und die Wunden heilten, soweit es die Haut betraf, innerhalb weniger Tage ab.
Ich erinnere mich an einen Hotelpagen, der wegen einer schweren Verbrühung des Gesichts eilig ins Krankenhaus gebracht wurde. Aufgrund eines Schockzustandes musste er sofort stationär aufgenommen werden, und umgehend wurden Urtica-Umschläge gemacht. Am nächsten Morgen konnte man kaum noch erkennen, wo die Haut verbrüht gewesen war, außer an den Lippenrändern etc., die nicht richtig abgedeckt worden waren. Alle anderen Hautpartien zeigten keinerlei Bläschenbildung und nicht einmal Entzündungszeichen.
Ein Arzt, der die Märchen, die ihm über die Heilkraft von Urtica erzählt wurden, nicht glauben konnte, erhielt den Rat, „sich doch einmal selbst einen Finger zu verbrennen und es auszuprobieren“. Wie es der Zufall wollte, verbrannte er sich ein paar Stunden später aus Versehen wirklich die Finger, und so konnte er sich schnell von der Wirksamkeit des Mittels überzeugen: Der Schmerz verschwand innerhalb weniger Minuten, und die Wunden heilten bald ab.
So könnte ich endlos weitere Beispiele für die lindernde und heilende Kraft der Brennnessel bei Verbrennungen aufzählen …
Mit Schaudern erinnere ich mich an die verbrannten und verbrühten Kinder aus meiner Studentenzeit, an ihr Schreien, Tag für Tag, wenn wir die Verbände wechseln mussten, die an den äußerst schmerzhaften Wunden festklebten. Bei Verwendung von Urtica urens besteht hingegen (bei allem Respekt vor Asepsis!) nicht die Notwendigkeit, durch das Entfernen der Verbände ständig den Heilvorgang zu stören. Vielmehr sei man froh, dass sie festkleben, und wässere sie lediglich von Zeit zu Zeit gut mit einer Urtica-Lösung, um sie zu reinigen und feucht zu halten; dann werden sie von selbst abfallen, wenn die Heilung abgeschlossen ist. Ich habe gesehen, wie ein kleines Geschwür, das eine eitrige Oberfläche hatte, unter diesem Eiterschorf rasch ausheilte, als es mit Urtica-Lösung feucht gehalten wurde.
Ebenso bei alten Verbrennungen, die nie richtig verheilt sind: Ein kleiner Junge kam zu uns mit schrecklichen Narben und Kontrakturen am Oberschenkel, und beträchtliche Hautareale waren noch immer ulzeriert. Sie begannen schnell zu verheilen, als mit Urtica getränkte Kompressen aufgelegt wurden. Und eine Cottagebewohnerin fällt mir ein, bei der eine alte Brandwunde oberhalb des Handgelenks einfach nicht heilen wollte. Unter dem ‚magischen‘ Einfluss einer Brennnessel-Kompresse heilte sie prompt ab.
Aber – es gibt immer ein ,Aber‘! – denken Sie daran: Was ein Arzneimittel heilen kann, das kann es auch hervorrufen. Und wenn man Urtica äußerlich zu lange oder zu stark konzentriert anwendet, wird man – als Prüfungssymptom, das die Homöopathizität des Mittels beweist – außerhalb der verbrannten Region von frischen Bläschen überrascht werden, die denen der Verbrennung nicht viel nachstehen. Was ist zu tun? Nun, ein wenig Seife und Wasser, und der Spuk ist schnell vorüber.
Jetzt wird man langsam neugierig! Offensichtlich haben wir es mit einer sehr machtvollen Arzneipflanze zu tun! – Wozu mag sie noch von Nutzen sein?
Sie ist lange Zeit in häuslichem Gebrauch gewesen bei Nierengrieß und Harnwegsbeschwerden, indem sie, wie Dioscorides sagt, „harntreibend wirkt und Steine aus den Nieren herausbefördert“.
Culpeper, der von 1616 bis 1654 lebte, preist die Brennnessel als ein Heilmittel bei Atemwegsbeschwerden. Ferner könne man sie einsetzen, „um die Harnproduktion anzuregen und Steine und Grieß auszutreiben, auch um alte, faulige oder stinkende Geschwüre etc. auszuwaschen.“ Sie sei dienlich bei Gicht (mehr darüber später), und „Gelenkschmerzen in jedwedem Körperteil fanden eine vortreffliche Hilfe darin.“
Aber das genügt uns noch nicht. Wir wollen wissen, welche Übel ein Arzneimittel bei einer empfindlichen Person hervorrufen kann, um zu wissen, was es bei Empfindlichen heilen kann – ‚Empfindliche‘ hier verstanden als diejenigen, die an ‚ähnlichen‘ Symptomen leiden.
Nesselsucht. Burnett sagt: „Wenn ein ernsthaft Suchender wirklich die Wahrheit der Homöopathie auf die Probe stellen will, so braucht er nur eine nette Brennnessel ohne Handschuhe anzufassen, um alsbald zu erfahren, dass Nesseln wirklich zu Nesselausschlag führen. Und wenn er dann ein paar Fälle von Urtikaria mit Brennnesseltee oder Brennnesseltinktur behandelt, wird er unschwer erkennen, dass die Nessel diese Krankheit in der Tat auch zu heilen vermag … Wenn das nicht Homöopathie ist, was bitte ist es dann?“
Urtica urens ist noch nicht ausreichend geprüft worden, und noch nie hat man es in den Potenzen geprüft, um die feineren Symptome herauszubringen. Mehrere grobe Prüfungen sind aber überliefert, so u. a. eine höchst dramatische bei „einer Frau, die zwei Tassen eines heißen Aufgusses von zwei Unzen [etwa 60 g] dieses Krauts getrunken hatte“.
Die Folge war eine äußerst heftige Urtikaria, „mit Brennen, Juckreiz, Taubheit, Schwellung, Ödem und Blasenbildung. Gesicht, Arme, Brust und Schultern waren betroffen – der ganze Oberkörper bis hinunter zum Nabel. Das Jucken war so intensiv, dass die Bläschen aufgekratzt wurden und große Mengen seröser Flüssigkeit austraten. Die Patientin sah monströs aus: Die Augenlider waren durch die Schwellung völlig verschlossen, Oberlippe, Nase und Ohren erschreckend angeschwollen.“ Das Erstaunlichste aber war, dass „bei dieser Frau, die seit drei Jahren keine Kinder mehr geboren und keines ihrer Kinder gestillt hatte, die Brüste anschwollen und zunächst Flüssigkeit, dann aber richtige Milch absonderten; und diese Milchsekretion hielt acht Tage lang in reichlichem Maße an.“
Andere Prüfer zeigten Quaddelbildung „besonders an den Fingern und Händen“ (siehe Allens Encyclopedia, etc.).
Im Folgenden will ich zwei Fälle von Nesselsucht zitieren, die u. a. zeigen, dass die Potenz eines Mittels von geringerer Bedeutung ist als das Mittel selbst.
Der erste Fall: Nach einer längeren Kur mit Camembert-Käse kam es bei einer Frau zu gelegentlichen urtikariellen Schwellungen an den Handinnenflächen, aber nur, wenn ihr vom Gehen warm geworden war. Sie hatte bald den Camembert in Verdacht und ließ ihn fort – mit Erfolg. Versuchshalber probierte sie bald darauf den Käse noch einmal, mit dem bekannten Ergebnis; und nun mied sie ihn endgültig. (Dies war in den ersten Tagen des Burenkriegs, um 1900 herum.)
Etliche Jahre später (bald nach dem Weltkrieg) wurde ihr eines Nachmittags bei Bekannten auf dem Land eine Tasse Tee mit Ziegenmilch serviert. Wenige Stunden später, als sie wieder zu Hause war, bekam sie eine fürchterliche Hautreizung, zunächst nur an einer Stelle, dann an einer anderen und schließlich am ganzen Körper. Sie war gezwungen, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen und die Kleider vom Leib zu reißen. Von Juckreiz gequält, musste sie sich überall kratzen und reiben, bis sie blaue Flecken bekam. Früher war sie immer lächelnd über ihre Urtikaria hinweggegangen – bis dahin! Glücklicherweise erinnerte sie sich an Urtica. Ein paar Tropfen der Urtinktur, in Wasser verrührt und löffelweise eingenommen, brachten ihr sofort Erleichterung, und über Nacht war alles verschwunden. Seither, d.h. seit nunmehr zehn Jahren, sind die Beschwerden nie wieder aufgetreten.
Ein zweiter Fall: „Sie sah aus, als wäre sie nackt in ein Brennnesselbeet gefallen: Kein Zentimeter war frei von Quaddeln und Striemen. Sie erhielt Urtica urens 10 M, eine Gabe, und am nächsten Morgen war die Haut vollkommen o.B.“
Laktation. Urtica urens ist verwendet worden, um die Milchsekretion zu fördern, und ebenso, um sie zu unterdrücken (beim Abstillen). In einem Fall, der in Clarkes Dictionary zitiert wird, hatte eine Frau seit Jahren einen Knoten in der linken Mamma gehabt. Sechs Wochen nach der Geburt eines Kindes klagte sie nun über stechende Schmerzen in diesem Knoten und auch in anderen Bereichen des Körpers, bei vollständigem Ausbleiben der Milch. Nichts half, bis schließlich Urtica verabreicht wurde: „Binnen drei Tagen füllten sich die Brüste mit Milch, und die Schmerzen ließen nach; bald mussten die Brüste gestützt werden, weil sie zu schwer wurden.“
Rheumatismus des Deltoidmuskels. Eine weitere erwähnenswerte Besonderheit unter den Prüfungssymptomen von Urtica urens ist ein ausgeprägter Muskelrheumatismus im Bereich des rechten Musculus deltoideus. Und auch bei dieser quälenden Beschwerde hat sich die Arznei bereits als hilfreich erwiesen.
Dr. Compton Burnett, der die besondere Gabe besaß, ungewöhnliche Arzneimittel zu entdecken, sie grob zu prüfen und ihnen dann die gebührende Ehre zuteil werden zu lassen, berichtet in seiner ausgezeichneten Monographie über die Gicht [Gout and its Cure] auch eine Menge über Urtica urens. Sehr viel von unserem heutigen Wissen über dieses geringgeschätzte, aber höchst nützliche ‚Unkraut‘ haben wir letztlich ihm zu verdanken.
Malaria. In einer entzückenden und für ihn sehr typischen kleinen Geschichte schildert Burnett seine erste Bekanntschaft mit der Brennnessel als Heilmittel:
„Vor zwanzig Jahren behandelte ich eine Dame wegen eines Wechselfiebers vom milden, englischen Typ. Eines Tages kam sie beschwingt in mein Sprechzimmer und teilte mir mit, dass sie von ihrem Fieber vollständig geheilt sei; nun wolle sie mich aber wegen einer anderen Sache um Rat bitten. Ich wandte mich sofort meinen Aufzeichnungen über ihren Fall zu und versuchte, die Ursache für diese Heilung näher zu ergründen, um dem von mir verschriebenen Mittel die gebührende Anerkennung für die gelungene Kur zukommen zu lassen – um so mehr, als Malaria ja durchaus nicht immer leicht zu beheben ist.
„Oh“, sagte die Dame, „ich habe Ihre Medizin gar nicht genommen. Als ich nämlich nach Hause kam, hatte ich einen so schweren Fieberanfall, dass meine Reinmachefrau mich bat, mir etwas Nesseltee machen zu dürfen, denn das sei ein sicheres Fiebermittel. Ich willigte ein, und sie ging sofort in unseren Garten, wo auf einem Schutthaufen Unmengen von Brennnesseln wachsen. Davon holte sie ein paar, machte einen Tee daraus, und den habe ich getrunken. Zuerst wurde mir ganz heiß, aber dann verließ mich das Fieber, und seitdem habe ich es nicht wieder gehabt.“
Burnett fügt hinzu: „Ehre dieser Putzfrau, denn ihr gebührt der Ruhm für den Nesseltee.“
Und er fährt fort: „Viele Jahre lang war mir diese Sache ganz aus dem Sinn geraten, doch eines Tages hatte ich wieder Probleme mit einem Malariafall und erinnerte mich an die Begebenheit. Ich behandelte den Patienten mit einer Tinktur aus Brennnesseln und heilte ihn quasi auf der Stelle – und meinen nächsten Fall ebenso, und den übernächsten – und seither beinahe jeden Fall, mit praktisch gleichbleibendem Erfolg. Einige dieser mit Nesseltinktur geheilten Schwerkranken waren als dienstuntauglich aus Indien oder Burma nach Hause entlassen worden. Und erst kürzlich schrieb mir ein Patient in Siam, dem ich eine große Flasche mit Nesseltinktur zugesandt hatte: ‚Die Tinktur, die Sie uns geschickt haben, hat das Fieber, das wir hier kriegen, großartig gemildert. Bitte lassen Sie uns eine weitere Flasche zukommen.‘
Ich sagte, beinahe jeder Fall hat auf Urtica angesprochen; jeder Fall natürlich nicht.“
Dieser Gebrauch des Mittels ist ebenfalls homöopathisch, denn Burnett sagt: „Urtica urens hat in meinen Händen immer und immer wieder Fieber hervorgerufen.“ Eine empfindliche Patientin, der er ziemlich große Dosen der Urtinktur verordnet hatte, teilte ihm mit: „Ich kann diese Medizin unmöglich länger einnehmen, denn sie ruft überall am Körper Pulsieren hervor; sie macht mich schrecklich schwindelig, als ob ich jeden Augenblick vornüberfallen müsste, und dann kommen schlimme Kopfschmerzen; und wenn ich sie nachts nehme, werde ich ganz fiebrig.“
Bei einem Indien-Offizier, der an (fraglich malariabedingten) Eiterbeulen1

1

Wörtlich: „Scinde boils“. Der Patient hatte Jahre zuvor Malaria gehabt.

litt und dem Burnett Urtica verarbreicht hatte, folgte darauf „ein stürmischer Fieberausbruch, so heftig, dass sein Zustand bei seinen Angehörigen große Besorgnis auslöste“. Danach kam es jedoch zu einer „raschen und vollständigen Genesung“.
In einem anderen, ähnlichen Fall, bei dem ebenfalls jeweils nach der Einnahme von Urtica sehr hohes und ungewöhnlich langanhaltendes Fieber auftrat, erholte sich der Patient schließlich vollständig unter natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM.
Burnett schreibt: „Es ist für mich immer wieder ein Erlebnis, die bemerkenswerten Wirkungen von natrium muriaticumNATRIUM MURIATICUM und Urtica urens bei Gicht wie auch bei Malaria bzw. chronischer Malaria zu beobachten.“
Gicht. Urtica urens war nicht nur bei Malaria und bei der Malariamilz eines von Burnetts großen Heilmitteln (er entdeckte in ihm auch ein machtvolles Mittel bei Milzaffektionen), sondern er schätzte es auch „wegen seiner Nierengrieß austreibenden Kraft“ sowie bei Gicht.
Er schreibt: „Patienten scheiden unter dem Einfluss kleiner, substanzieller Gaben von Urtica oft massenhaft Sand und Grieß aus.“ (Eine seiner Patientinnen pflegte in diesem Zusammenhang eine Stelle unterhalb ihrer Milz als ihre ‚Kiesgrube‘ zu bezeichnen.) „Als ich auch bei anderen Patienten beobachtete, dass sie nach Einnahme von Urtica urens zum ersten Mal in ihrem Leben Nierengrieß ausschieden, kam ich zu dem Schluss, dass Urtica die Fähigkeit besitzen muss, Urate aus dem Stoffwechsel zu eliminieren. Und langsam wurde mir klar, dass Urtica genau die Arznei sein könnte, nach der ich so lange gesucht hatte, nämlich ein rasch wirkendes, leicht zu gewinnendes homöopathisches Mittel bei Gichtanfällen – zumindest bei manchen von ihnen, denn aus Erfahrung erwarten wir natürlich niemals gleichförmige Resultate, wie wir ja auch von den Bäumen des Waldes nicht erwarten, dass sie alle gleich hoch sind.“
Und weiter: „Ich glaube nicht an Gichtheilungen, solange die Urinkonzentration nicht zunimmt. … Bei akuter Gicht kürzt das Mittel den Anfall auf ungefährliche Weise ab, indem es den Organismus von dem Krankheitsprodukt, von dem das Leiden eigentlich verursachenden Stoff befreit.
Gewöhnlich ließ Burnett fünf Tropfen der Urtinktur, aufgelöst in einem Glas mit warmem Wasser, etwa alle zwei bis drei Stunden einnehmen. Und meistens hörte er schon nach wenigen Stunden: „Oh, der Schmerz ist weg, und ich habe Unmengen von Sand ausgeschieden.“
Akute Gicht war zu Burnetts Zeiten weiter verbreitet als heutzutage. Ich erinnere mich lediglich an den Fall einer Dame, deren Fuß rot, geschwollen und extrem schmerzhaft war und die regelmäßig solche Gichtattacken bekam. Urtica urens Æ heilte sie praktisch über Nacht.
Wegen seiner Erfolge bei der Heilung akuter Gichtanfälle wurde Burnett in den Clubs des Londoner Westend bald als Dr. Urtica bekannt.
Weitere Indikationen für Urtica urens stellen unterdrückte Harnausscheidung [Anurie] und Urämie dar. Ich denke da an einen kleinen, mit einer tuberkulösen Meningitis im Sterben liegenden Jungen, bei dem die Nieren nicht mehr richtig arbeiteten, sodass der Körper einen penetranten Uringeruch verbreitete. Ein paar Tropfen starker Brennnesseltinktur brachten die Harnsekretion wieder in Gang, der Geruch verschwand, und das Leben des Jungen konnte etwas verlängert werden. Die gleiche Wiederherstellung der Nierenfunktion habe ich vor einigen Jahren bei einem urämischen Patienten in unserem Hospital beobachten können.
In Burnetts Büchlein finden sich unzählige interessante Fallbeispiele, die er in seiner unnachahmlichen Art schildert. Ich will an dieser Stelle nur die Ergebnisse seiner Erfahrungen weitergeben.
Wie gesagt, setzte er Urtica „in kleinen, substanziellen Dosen“ ein und wiederholte diese (da es sich um akute Krankheiten handelte) einige Tage lang ziemlich häufig.
Bei dieser Verfahrensweise kam es, wie wir gesehen haben, im Laufe der Zeit bei einigen seiner Patienten zu recht starken Arzneimittelprüfungen, die die Homöopathizität des Mittels anzeigten: Es konnte auch hervorrufen, was es zu heilen vermochte.
Genauso hatte ja auch Hahnemann ursprünglich angefangen, als er seine ‚Similia‘ verabreichte. Daher musste er sie, besonders wenn es sich um giftige Arzneien handelte, verdünnen, um starke Verschlimmerungen zu vermeiden. Schließlich entdeckte er, als er die – scheinbare! – Abschwächung immer weiter trieb, dass aus den Dilutionen [wenn sie verschüttelt wurden] am Ende Potenzen wurden.
Armer alter Culpeper! Wie überrascht wäre er gewesen zu erfahren, dass er mehr als hundert Jahre vor der Zeit der Homöopathie bereits für diese eingetreten ist! – wie Molières Bourgeois Gentilhomme von der wundervollen Neuigkeit entzückt war, dass er „sein ganzes Leben lang Prosa gesprochen hatte“, ohne es zu wissen. Doch Culpeper berichtet nur, was welche Arznei nach seinem Wissen geheilt hat; wir hingegen wissen mittlerweile, dass eine Arznei das, was sie heilt, auch hervorzurufen vermag.
Nach alledem werden wir, denke ich, beherzt zu den Nesseln greifen 2

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Im Englischen ist dieser Satz ein schönes Wortspiel mit der Redewendung „to grasp the nettle“, die auf verschiedene Weise verstanden und im Deutschen so nicht wiedergegeben werden kann. (1) Im eigentlichen Sprachgebrauch ist diese Redewendung im Sinne unseres „den Stier bei den Hörnern packen“, d.h. eine Sache (hier: die Verwendung von Urtica) beherzt angehen. (2) „To grasp“ kann auch mit verstehen übersetzt werden; dann wäre der Sinn etwa: Nach all dem Gesagten werden wir die Brennnessel besser verstehen gelernt haben. (3) Der zweite Teil des Satzes, in dem vom Leiden die Rede ist, lässt wiederum den Schluss zu, dass „to grasp the nettle“ auch wörtlich verstanden werden soll: Wir sollen wirklich in die Nesseln greifen – oder auch sie ergreifen, um daraus einen Tee zu bereiten und so unsere ersten Erfahrungen mit ihren Heilkräften zu sammeln.

; und dabei werden wir uns vielleicht daran erinnern, dass wir nur aus den Leiden auf die möglichen Heilungen schließen können.
arnica montanaARNICA-Urtinktur, auf einen Wespenstich gegeben, verhindert den Schmerz und die Schwellung, und nach wenigen Stunden ist der Stich vergessen.
Von Urtica heißt es, dass es das Gleiche bei Bienenstichen bewirke.
Und cantharisCANTHARIS 200, innerlich gegeben, führt zur raschen Abheilung jener enormen entzündlichen Schwellungen, wie sie nach Mückenstichen auftreten können.
Übrigens, wenn Sie wieder einmal von einer Mücke gestochen werden, schlagen Sie sie nicht auf der Haut tot, denn dadurch drücken Sie nur ein Maximum an Gift heraus. Wischen Sie sie nur leicht beiseite! Ebenso wenig sollten Sie, wenn Sie mal das Pech hatten, arg von Brennnesseln malträtiert worden zu sein, das Gift in die Haut hineinreiben. Fahren Sie stattdessen mit einem scharfen Messer – wie beim Rasieren – leicht über die schmerzenden Stellen hinweg; auf diese Weise entfernen Sie die kleinen Quälgeister, die Brennhärchen, am besten von der Haut.

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