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B978-3-437-57631-7.00009-8

10.1016/B978-3-437-57631-7.00009-8

978-3-437-57631-7

Krankheitsverlauf auf einen Blick

[P084]

Flowchart,

modifiziert nach Stub et al. 2012, 2015 [P084]

Fundstellen zur VerlaufsbeurteilungVerlaufsbeurteilung im Werk HahnemannsHahnemann, Samuel

Tab. 9.1
Krankheitszustand nach Mittelgabe Fundstelle ORG Fundstelle CK
Verändert Besserung ORG, §§ 253–256 CK, Bd. 1, S. 147–171 (2. Aufl.), S. 76–89 (3. Aufl.)
Verschlechterung ORG, §§ 155–161, 248, 250, 253–256, 280–282
Veränderung der Symptome ORG, §§ 167–172, 179–184, 254, 256
Unverändert ORG, § 252

Vorgehen bei Besserung der Beschwerden

Tab. 9.2
Art der Erkrankung Vorgehen bei Besserung
Akute Erkrankung
  • Tiefpotenzen: Einnahmehäufigkeit ggf. reduzieren oder Einnahmepause

  • Hochpotenzen: Abwarten

Chronische Krankheit
  • Hochpotenzen: Abwarten

  • Q- Potenzen: Arzneigabe fortsetzen, bis Spätverschlimmerung auftritt

Vorgehen bei VerschlimmerungVerschlimmerung nach anfänglicher Besserung

Tab. 9.3
Zeitpunkt der Verschlimmerung Vorgehen
  • Sehr bald nach der Besserung

  • Gleiche Symptomatik, genauso stark wie zuvor

  • Antidotierung ausschließen

  • Fall überdenken

  • Falls nicht sicher bzgl. Mittelwahl, besseres Mittel suchen

  • Nach für die Potenzstufe „angemessener“ Zeit (z. B. 4–6 Wochen nach Gabe einer Einzeldosis einer C30 oder C200 bei einer chronischen Krankheit)

  • Gleiche Symptomatik, genauso stark oder schwächer wie zuvor

  • Antidotierung ausschließen

  • C-Potenzen:

    Kent-Schule: Mittel wiederholen (Verkleppern, Kent'sche Reihe)

    Bönninghausen-Methode: Zwischenmittel oder Folgemittel verabreichen

  • Q-Potenzen: Dosis reduzieren oder Pause (s. u. „Spätverschlimmerung“)

Vorgehen bei VerschlimmerungVerschlimmerungKrankheitszustandVerschlimmerung der Beschwerden

Tab. 9.4
Art der Verschlimmerung Vorgehen
Vorübergehende Verschlechterung (Erstverschlimmerung, C-Potenzen) Gutes Zeichen: abwarten
Spätverschlimmerung, Q-Potenzen Dosis reduzieren oder Pause
Lang anhaltende oder sehr starke Verschlimmerung Folgemittel (Antidot) suchen
Fortschreitende Verschlechterung der Beschwerden Neues Mittel suchen

Vorgehen beim Auftreten neuer oder alter Symptome

Tab. 9.5
Verlauf Differenzierung Vorgehen
Veränderter ursprünglicher Krankheitszustand Neue Symptome Werden von bisheriger Arznei abgedeckt Abwarten
Werden von bisheriger Arznei nicht abgedeckt Folgemittel auswählen
Alte, bekannte Symptome Leichte Beeinträchtigung oder Dauer < 5 Tage, oder Symptome werden von bisheriger Arznei abgedeckt
  • C-Potenzen: Abwarten

  • Q-Potenzen: Reduzieren oder Pausieren

Schwere Beeinträchtigung > 5 Tage, Symptome werden von bisheriger Arznei nicht abgedeckt Folgemittel suchen
Unveränderter ursprünglicher Krankheitszustand Neue Symptome
  • Neues Mittel suchen

  • Prognose eher ungünstig

Fundstellen zur homöopathischen VerschlimmerungVerschlimmerungKrankheitszustandVerschlimmerung im Werk HahnemannsHahnemann, Samuel

Tab. 9.6
Art der Verschlimmerung Akute Erkrankung Chronische Krankheit
Erstverschlimmerung ORG VI, § 161
  • C-Potenzen: ORG V, § 161; CK, Bd. 1, S. 148–149 (2. Aufl.), S. 77 (3. Aufl.)

  • Q-Potenzen:ORG VI, § 282

Spätverschlimmerung CK, Bd. 3, S. VIII/A, GKS S. 88 ORG VI, §§ 161, 280, 281

Vorgehen bei homöopathischer VerschlimmerungVerschlimmerungKrankheitszustandVerschlimmerung nach HahnemannHahnemann, Samuel

Tab. 9.7
Art der Verschlimmerung Arzneiform Akute Erkrankungen Chronische Krankheit
Erstverschlimmerung bei C-Potenzen Globuli trocken Auftreten in den ersten Stunden: abwarten Auftreten am 6.–10. Tag: abwarten für 20 Tage, ggf. bei starken Beschwerden antidotieren (F 9.3.2)
Spätverschlimmerung bei C-Potenzen Arzneiauflösung, Verkleppern Weniger Arznei seltener geben
Erstverschlimmerung bei Q-Potenzen Arzneiauflösung Dosis reduzieren
Spätverschlimmerung bei Q-Potenzen Arzneiauflösung Auftreten gegen Ende der Behandlung: Arzneipause über 8–15 Tage

Homöopathische VerschlimmerungVerschlimmerungKrankheitszustandVerschlimmerung nach Keller, Künzli, Gypser, Illing

Tab. 9.8
Homöopathische Verschlimmerung Art der Erkrankung Praxiserfahrung
Häufigkeit Akute Erkrankung 10–20 % der Fälle
Insgesamt < 5 % der Fälle
Zeitpunkt des Auftretens Akute Erkrankung 1.–20. Stunde
Chronische Krankheit 3.–12. Tag
Dauer Akute Erkrankung Max. 24 Stunden
Chronische Krankheit 3–5 Tage (Illing). 3–5 Wochen (Künzli)
Tiefpotenzen Insgesamt Eher starke Verschlimmerung
Hochpotenzen Insgesamt Eher milde Verschlimmerung
Q-Potenzen Insgesamt Sehr selten Verschlimmerung

Vorgehen bei unverändertem ursprünglichem Krankheitszustand

Tab. 9.9
Verlauf Vorgehen
Keine neuen Symptome Falls keine Ursache zu eruieren ist, neues Mittel suchen
Neue Symptome Neues Mittel suchen

Mögliche Ursachen für einen unveränderten Krankheitszustand

Tab. 9.10
Mögliche Ursache Beispiel
Arznei
  • Patient hat das Mittel nicht eingenommen

  • Langsam wirkende Arznei

Therapeut Behandlungsfehler (Tab. 9.12)
Patient
  • Heilungshindernis (Tab. 9.11)

  • Antidotierung (11.2)

  • Langsam reagierender Patient

  • Verschlossener Patient oder Patient erwähnt Veränderung nicht

Potenzielle HeilungshindernisseHeilungshindernis

(nach Sankaran 2003, Bleul 2003, Lucae 2004, Spring 2009)

Tab. 9.11
Ebene, auf der die Störung zu lokalisieren ist Beispiel
Physisch und mechanisch
  • Bakterieller Herd

  • Narben

  • Intrauterinpessar (Spirale)

  • Fremdkörper, Verrenkung, Fraktur etc. (vorrangiger Bedarf für chirurgische Maßnahmen)

  • Fehlen eines wichtigen Organs

Chemisch
  • Vergiftung

  • Zahnfüllungen

  • Schwermetallbelastung

  • Drogenabusus

  • Antidotierung (11.2)

Geistig und emotional
  • Belastende und traumatisierende Umgebungsbedingung (z. B. familiärer Konflikt, Arbeitsplatzkonflikt, Mobbing)

  • Sekundärer Krankheitsgewinn

  • Fixe Glaubenssätze und Konzepte

  • Ressourcenmangel

Biografisch
  • Folgen von Impfungen

  • Folgen früherer Infektions- oder Kinderkrankheiten

  • Folgen von Erkrankungen der Vorfahren

Wohnverhältnisse
  • Schimmel, Aufenthalt in nassen Räumen

  • Elektromagnetische oder geopathische Einflüsse

Mögliche BehandlungsfehlerBehandlung, homöopathischeFehler

Tab. 9.12
Zeitpunkt der Behandlung Fehlerquelle
Fallaufnahme
  • Unvollständig

  • Falsche Krankheitsdiagnose

Hierarchisierung der Symptome
  • Falscher Schwerpunkt bei der Gewichtung der Symptome

  • Auslösende Ursache nicht beachtet

Arzneiauswahl
  • „Lieblingsmittel“

  • Nosoden (z. B. auch Impfnosoden bei Vakzinose) vernachlässigt

Wahl der Potenzstufe Passt nicht zu Patient und Krankheitsbild
Verlaufsbeurteilung
  • Vorzeitiger Mittelwechsel

  • Vorzeitige Mittelwiederholung bei Hochpotenzen

Beispiel für Arzneibeziehungen von AmbraAmbraArzneibeziehungen

Tab. 9.13
Bönninghausen „Therapeutisches Taschenbuch“ (1897) (nur Grad 4 + 5)
Gemüt und Geist Baptisia, Lycopodium
Körperteile und Organe Sepia
Empfindungen Ignatia, Natrium muriaticum, Nux vomica, Sulfur
Drüsen Belladonna, Conium
Haut Lycopodium, Silicea, Sulfur
Schlaf und Träume Sulfur
Blut, Blutlauf und Fieber Lycopodium, Nux vomica, Rhus toxicodendron, Sulfur
Verschlimmerungen nach Zeit und Umständen Calcium carbonicum, Lycopodium, Pulsatilla, Rhus toxicodendron, Sepia
Konkordante Arzneien Calcium carbonicum, Causticum, Ignatia, Lycopodium, Phosphorus, Pulsatilla, Rhus toxicodendron, Sepia, Silicea, Sulfur
Rehman „Handbuch der homöopathischen Arzneibeziehungen“ (2002)
Komplementärmittel Natrium muriaticum
Folgemittel Arsenicum, Lycopodium, Moschus, Pulsatilla, Sepia, Sulfur, Valeriana
Feindlich Nux vomica, Staphisagria
Antidote Camphora, Coffea, Nux vomica, Pulsatilla, Sepia, Staphisagria
Kollateralmittel Agaricus, Arnica, Asa foetida, Avena sativa, Bovista, Calcium carbonicum, Carcinosinum, Chininum sulfuricum, Cimicifuga, Conium, Coffea, Crocus sativus, Gelsemium, Hyoscyamus, Ignatia, Kalium bromatum, Lilium tigrinum, Lycopodium, Moschus, Natrium carbonicum, Naja, Natrium muriaticum, Nux vomica, Oleum succinum, Oxalicum acidum, Phosphorus, Phosphoricum acidum, Pulsatilla, Rhus toxicodendron, Sepia, Silicea, Succinicum acidum, Sulfur, Sumbulus, Valeriana, Zincum

Indikationen für „verwandte“ Arzneien

Tab. 9.14
Indikation Angezeigte Arznei
Interkurrente Erkrankung Interkurrente Arznei, akute Arznei
Veränderte Restsymptomatik Komplementärmittel, Folgemittel
Unveränderte Symptomatik, unsicher in der Arzneiwahl Kollateralmittel
Geringe oder fehlende Arzneiwirkung bei erneuter, gut gewählter Verschreibung Zwischenmittel
Keine passende Arznei für Gesamtsymptomatik Zwischenmittel für Nebensymptome
Keine Reaktion auf die Arznei bei gut gewähltem Mittel Reaktionsmittel, Nosode
Unterstützung eines Ausscheidungsvorgangs Kanalisationsmittel
Übermäßige Erstverschlimmerung oder Arzneireaktion Antidot

Prognose unter Einbeziehung der energetischen KonstitutionsebenenKonstitution nach Candegabe und Carrara (1999)

Tab. 9.15
Kohärente krankhafte Konstitution Inkohärente krankhafte Konstitution
Reaktive Lebenskraft 1 (beste Prognose) 3
Schwache Lebenskraft 2 4 (schlechteste Prognose)

Beurteilung des Behandlungsverlaufs

Jörn Dahler

  • 9.1

    Folgekonsultation150

    • 9.1.1

      Zeitpunkt150

    • 9.1.2

      Vorgehensweise151

  • 9.2

    Zweite Verschreibung151

    • 9.2.1

      Veränderter Krankheitszustand153

    • 9.2.2

      Unveränderter ursprünglicher Krankheitszustand und Heilungshindernisse160

  • 9.3

    Arzneibeziehungen162

    • 9.3.1

      Erkenntnisse seit Bönninghausen162

    • 9.3.2

      Praktische Bedeutung von Arzneibeziehungen163

    • 9.3.3

      Risikobewertung- und Management in der homöopathischen Behandlungsführung166

  • 9.4

    Prognose zur Reaktion des Patienten167

Verlaufsbeurteilung Behandlungsverlauf

Um den Behandlungsverlauf beurteilen zu können, wird in einer Folgekonsultation die Arzneiwirkung beurteilt und entschieden, ob a) eine Wiederholung oder b) ein Auswirken der bisherigen Arznei oder c) eine neue Arznei angezeigt ist. Der Abstand zur Arzneigabe ist von der Art der Erkrankung abhängig. Die bei der Erstkonsultation für die Arzneiwahl verwendeten Symptome werden mit dem aktuellen Zustand des Patienten verglichen, Allgemein- sowie Geistes- und Gemütszustand besonders beachtet. Bei einer Besserung wird bei C-Potenzen abgewartet, bei Q-Potenzen wird die Arzneigabe fortgesetzt.

Die Hering'sche Regel bietet bei der Beurteilung eine Orientierungshilfe: Symptome verschwinden in umgekehrter Reihenfolge ihres Auftretens, von innen nach außen und von oben nach unten. Eine Verschlimmerung, die nur vorübergehend besteht, wird als „homöopathische Erstverschlimmerung“ Erstverschlimmerungbezeichnet und gilt als ein positives Zeichen für den weiteren Verlauf. Zu starke oder anhaltende Verschlimmerungen erfordern einen Mittelwechsel und ggf. weitere Diagnostik. Bei Q-Potenzen kann sich zum Ende der Behandlung eine Verstärkung der Symptome zeigen, die als „Spätverschlimmerung“Spätverschlimmerung bezeichnet wird, in diesem Fall ist eine Arzneipause angezeigt. Treten neue Symptome oder alte Symptome von starker Intensität oder langer Dauer auf, die nicht zum Arzneimittelbild der verabreichten Arznei gehören, wird ein Folgemittel verschrieben. Bleibt das Beschwerdebild unverändert, wird nach möglichen Ursachen gesucht. Behandlungsfehler, Heilungshindernisse oder eine Antidotierung sind mögliche Gründe.

Verschiedene Formen von Arzneibeziehungen können im Behandlungsverlauf nutzbringend angewendet werden. Komplementär- oder Folgemittel können eine begonnene Heilung vollenden, Antidote eine unerwünschte Arzneiwirkung aufheben. Zwischenmittel werden in erster Linie von Vertretern der Bönninghausen-Methode eingesetzt, um die Wirkung einer Arznei bei einer erneuten Gabe zu verbessern.

Je nach Hochwertigkeit der vorliegenden Symptome und Reaktionsfähigkeit des Patienten kann bereits vor Beginn der Therapie der mögliche Erfolg einer homöopathischen Therapie abgeschätzt werden.

Folgekonsultation

FolgekonsultationAls Folgekonsultation (Folgeanamnese) wird das Gespräch zwischen Arzt und Patient bezeichnet, in dem die Wirkung einer Arznei, die für einen bestimmten Zustand verabreicht wurde, beurteilt wird. In diesem Gespräch muss entschieden werden,
  • ob die Arzneigabe wiederholt wird,

  • ob die Arznei weiter auswirken soll oder

  • ob eine andere Arznei angezeigt ist.

Die Folgekonsultation muss nicht die auf die Erstanamnese folgende Konsultation sein. So wäre es z. B. denkbar, dass ein Patient, nachdem er eine Arznei für chronische Beschwerden bekommen hat, wegen einer interkurrenten Erkrankung behandelt wird. Es können dann mehrere Konsultationen innerhalb der interkurrenten Erkrankung durchgeführt werden, bevor nach Ende der akuten Erkrankung die zweite Konsultation für das chronische Mittel stattfindet.
Nach Gabe einer Arznei kann der Zustand des Patienten unverändert bleiben, oder er kann sich verändern. Verändert er sich, kann sich eine Besserung oder Verschlechterung der bestehenden Symptomatik einstellen, oder es treten zusätzlich neue oder dem Patienten bekannte alte Symptome auf.

Zeitpunkt

Der Abstand der Folgekonsultation zum ersten Kontakt variiert, je nachdem, ob eine akute oder eine chronische Beschwerde vorliegt.
Bei einer akuten ErkrankungKrankheit, akuteFolgekonsultation bestimmt die Schwere des Krankheitsbildes die Frist bis zum nächsten Kontakt mit dem Therapeuten. Je schwerer die Symptomatik, desto schneller müssen die Reaktion auf die Arznei beurteilt und Folgemaßnahmen eingeleitet werden. In hochakuten Fällen kann der Patient entweder kurzzeitig in der Praxis verbleiben, oder er wird gebeten, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt des Tages telefonisch zu melden und über den Krankheitszustand zu berichten. Häufig ist ein Abwarten über 1–3 Tage möglich, und es wird ein neuer Termin für den Fall einer ausbleibenden Verbesserung oder bei einer Verschlimmerung vereinbart.
Bei chronischen KrankheitenKrankheit, chronischeFolgekonsultation gelten für akute Exazerbationen, z. B. bei Asthma bronchiale, die gleichen Regeln wie bei Akuterkrankungen. Ansonsten ist bei chronischen Krankheiten ein Abstand des Follow-ups von 4–6 Wochen sinnvoll. Dies gilt sowohl für Hochpotenzen als auch für Q-Potenzen. Die Wirkung einer C-30- oder C-200-Potenz dauert etwa 4–6 Wochen an. Bei Q-Potenzen ist in der Regel nach diesem Zeitraum die erste Einnahmeflasche verbraucht (8.3.2).

Vorgehensweise

Die GesprächsführungArzt-Patient-BeziehungFolgekonsultation ist bei akuten und bei chronischen Erkrankungen ähnlich. Zunächst werden die bei der Erstkonsultation für die Arzneiwahl verwendeten Symptome einzeln angesprochen und mit dem aktuellen Zustand verglichen. Dann folgen Fragen zum allgemeinen Befinden und zum Gemütszustand, falls beides nicht offensichtlich verändert ist.

Der Allgemeinzustand und der Geistes- und Gemütszustand sind wichtige Kriterien für die Verlaufsbeurteilung. Es können sich hier deutliche Tendenzen für eine Verbesserung oder eine Verschlechterung zeigen, obwohl die wahlanzeigenden Krankheitssymptome noch unverändert sind.

Um Fehlschlüsse in Bezug auf die Arzneiwirkung und einen voreiligen Mittelwechsel zu vermeiden, ist die Persönlichkeit des Kranken bei der Beurteilung seiner Aussagen zu berücksichtigen. Es gibt erhebliche Unterschiede, wie Patienten Veränderungen des Krankheitszustands beurteilen und dem Arzt mitteilen. Es können sowohl Besserungen als auch Verschlechterungen vom Patienten verschwiegen oder nicht wahrgenommen werden. Es ist deshalb wichtig, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen und sich nicht nur auf die Aussagen des Patienten und/oder seiner Angehörigen zu verlassen. Eine Konsultation per Telefon ist zumindest bei chronischen Krankheiten nicht empfehlenswert, da im Vieraugengespräch Veränderungen leichter zu erfassen sind. Im Zweifelsfall ist es besser, abzuwarten, als eine neue Arznei zu verschreiben.

Zweite Verschreibung

VerschreibungzweiteHahnemann hat sich an vielen Stellen im „Organon“ und in den „Chronischen Krankheiten“ ausführlich zu Verlaufsbeurteilung und zweiter Verschreibung geäußert (Tab. 9.1). Karl Julius AegidiAegidi, Karl Julius (1794–1874) hat, angelehnt an Hahnemanns Empfehlungen, die folgende Einteilung von Krankheitsverläufen vorgestellt.

Einteilung von Krankheitsverläufen nach Aegidi (1832)

„[…] Nach Darreichung des passend gewählten Arzneimittels tritt […] von zweien Fällen einer gewiß ein, nemlich entweder:

  • Der Krankheitszustand verändert sich, oder

  • er verändert sich nicht.

Die Veränderung des Krankheitszustands begreift wieder drei Fälle:

  • 1.

    Der Zustand bessert sich, oder

  • 2.

    er verschlimmert sich, oder

  • 3.

    die Krankheit verändert ihren Symptomen-Komplex.“

Aegidi unterscheidet zwischen dem Krankheitszustand und dem Symptomen-Komplex. Der KrankheitszustandKrankheitszustandVerlaufsbeurteilung kann sich ändern, z. B. bei einer Besserung der bestehenden Beschwerden, ohne dass sich der Symptomen-Komplex (Haupt- und Nebenbeschwerden, SymptomengesamtheitSymptomeGesamtheit der) in der Zusammensetzung seiner Symptome verändern muss. Treten jedoch bei bereits erfolgter Besserung und/oder Verschlechterung zusätzlich neue oder alte Symptome hinzu, so hat sich neben dem Krankheitszustand auch der SymptomenkomplexSymptomenkomplex geändert.
Dass diese Einteilung als außerordentlich hilfreich angesehen wurde, zeigt sich darin, dass sowohl BönninghausenBönninghausen, Clemens von als auch BogerBoger, Cyrus Maxwell den Artikel in ihren Ausführungen zum Thema weitgehend wörtlich übernommen haben (Bönninghausen 1834, Boger 1905, Möller 1997).
KentKent, James Tyler hat zwölf verschiedene Reaktionsarten und daraus ableitbare Prognosen für den Heilungsverlauf beschrieben; KünzliKünzli von Fimmelsberg, Jost hat Kents Einteilung später ergänzt (Kent 1888, 1991; Keller 1985, 1991; Janert 1986, Lucae 2004); Vithoulkas differenziert bei der Verlaufsbeurteilung Energie/Tatkraft, geistig-emotionales Befinden und Hauptbeschwerde (Vithoulkas 2005), SankaranSankaran, Rajan die mentale und körperliche Ebene und das Allgemeinbefinden (Sankaran 2001).
Im Folgenden wird die Einteilung von Aegidi im Wesentlichen übernommen (Abb. 9.1). Wichtige zusätzliche oder abweichende Beobachtungen anderer Homöopathen werden ergänzt. Tab. 9.1 gibt eine Übersicht über Hahnemanns Schriften zum Thema „Verlaufsbeurteilung“.

Veränderter Krankheitszustand

Eine Änderung des Krankheitszustands lässt sich dadurch feststellen, dass die bestehenden Symptome sich bessern (Tab. 9.2) oder verschlechtern oder dass zusätzlich neue oder alte Symptome auftreten. Dies muss im Folgegespräch differenziert werden (9.1).
Besserung der Beschwerden
KrankheitszustandBesserungZeigt sich eine Besserung der Beschwerden (Tab. 9.2), sollte diese positive Entwicklung nicht behindert werden. Eindeutig ein gutes Zeichen ist die allgemeine Besserung der Beschwerden, die in erster Linie zur Konsultation führten. Liegt diese nicht vor, gibt es andere Hinweise auf eine beginnende Besserung, die für akute und chronische Erkrankungen gleichermaßen gelten.
Der GemütszustandGeistes- und GemütssymptomeVerlaufsbeurteilung ist ein wichtiges Kriterium, da sich hier eine beginnende Besserung frühzeitig abzeichnet: „[G]rößere Behaglichkeit, zunehmende Gelassenheit, Freiheit des Geistes, erhöhter Mut und eine Art wiederkehrender Natürlichkeit“ werden von Hahnemann als Hinweise auf eine Besserung beschrieben (Organon, § 253). Auch eine Verbesserung von AllgemeinsymptomenAllgemeinsymptomeVerlaufsbeurteilung wie Schlaf oder Appetit weist häufig auf eine Besserung hin.
Sehgal betont, dass das Auftreten einer AusscheidungsreaktionAusscheidungsreaktion, Verlaufsbeurteilung ein weiteres Zeichen einer Heilung sein kann, die über Haut (Schweiße, Hautausschlag), Mund (Erbrechen, Schleim), Nase (Schnupfen, Nasenbluten), Rektum (Durchfall, Blähungen), Blase (Veränderung von Farbe und Geruch des Urins) und über Ausflüsse aus Ohren und Augen ablaufen kann (Prädel 1995).
Bleibt es jedoch bei der Besserung von Gemüts- und Allgemeinsymptomen bei anhaltenden Krankheitssymptomen oder bei der Besserung der Hauptbeschwerden bei gleichzeitiger Verschlechterung von Geistes- und Gemüts- sowie Allgemeinsymptomen, ist die Arzneiwahl zu überdenken (s. u. „Hering'sche Regel“). Das Vorgehen bei deutlicher Besserung ist abhängig von der Art der Erkrankung und der gewählten Potenzstufe (Tab. 9.2).
Erneute Verschlimmerung nach zuvor bestehender Besserung
KrankheitszustandVerschlimmerungVerschlimmerungKommt es nach erfolgter Besserung der Symptomatik erneut zu einer Verschlechterung, wird nach Bönninghausen ein Zwischen- oder Folgemittel (9.3.2) gesucht.
Nach Kent ist der Zeitpunkt der erneuten Verschlimmerung wichtig. War die Besserung im Blick auf Potenzstufe, Patient und Erkrankung angemessen lang, geht man von einem Auswirken der Arznei bei guter Arzneiwirkung aus. Das Mittel wird nun bei akuten Erkrankungen mit Verkleppern, bei chronischen Krankheiten gemäß den Regeln der Kent'schen ReiheReihe, Kent’sche wiederholt (8.3.1).
Es bestehen innerhalb der Homöopathie erhebliche Unterschiede in der Vorgehensweise. Die Kent'sche Vorgehensweise war und ist vorherrschend, der Einfluss von Bönninghausens Ideen nimmt jedoch zu. In Tab. 9.3 wird das Vorgehen bei einer Verschlimmerung der Beschwerden nach anfänglicher Besserung zusammengefasst.
Verschlimmerung der Beschwerden
VerschlimmerungKrankheitszustandVerschlimmerungVerschlechtern sich die Beschwerden des Patienten, ist dies nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen.
Bei einem Teil der homöopathisch behandelten Patienten tritt nach Einnahme der homöopathischen Arznei eine vorübergehende Verschlimmerung der Symptome auf. Man bezeichnet sie allgemein als „homöopathische Erstverschlimmerung“ErstverschlimmerungKrankheitszustandErstverschlimmerung. Nach homöopathischem Verständnis handelt es sich dabei um eine Arzneikrankheit: Nach Verordnung einer homöopathischen Arznei sind nur die den Krankheitssymptomen ähnlichen Arzneikräfte wirksam. Ist die Gabe der ArzneiDosierungErstverschlimmerung ArzneiDosierungzu groß und damit ihre Wirkung auf die Lebenskraft zu stark, tritt eine Verstärkung dieser der Krankheit ähnlichen Arzneibeschwerden auf. Je kleiner die Gabe der Arznei, desto kürzer besteht auch die Verschlimmerung. Mit dem Ende der Arzneikrankheit ist auch das zuvor bestehende, die Lebenskraft betreffende Krankheitsgefühl erloschen, und es tritt in der Regel eine Verbesserung des Zustands ein. Eine homöopathische Verschlimmerung wird als prognostisch günstig für den weiteren Krankheitsverlauf bewertetPrognoseErstverschlimmerung. Folglich wird der weitere Verlauf abgewartet. Davon abzugrenzen ist die bei Q-Potenzen auftretende „Spätverschlimmerung“, die erst gegen Ende der Behandlung auftritt (s. u. „Erst- und Spätverschlimmerung“).

Ist die Verschlimmerung zu stark oder dauert zu lange an, muss eine andere, verwandte Arznei gesucht werden.

Im Falle eines MittelwechselsMittelwechsel bedient man sich der Bücher über Arzneibeziehungen und sucht nach einer Arznei, die den aktuell bestehenden Symptomen ähnlich ist und als Antidot zur zunächst gegebenen Arznei bekannt ist (9.3.2). Verschlechtern sich die Beschwerden fortschreitend ohne ersichtliche Mittelwirkung, ist der Fall zu überdenken (9.2.2). Erscheint eine Fortsetzung der homöopathischen Therapie sinnvoll, ist eine andere Arznei notwendig. Das mögliche Vorgehen bei einer Verschlimmerung der Beschwerden ist in Tab. 9.4 zusammengefasst.
Auftreten neuer oder alter Symptome
Auftreten neuer Symptome
Symptomeneue, VerlaufsbeurteilungNach Hahnemann ist eine unzureichende Anzahl geprüfter homöopathischer Arzneien oder eine einseitige Erkrankung (inkohärente Dynamik 10.3.4) der Hauptgrund dafür, dass im Therapieverlauf mehrere Arzneien notwendig werden. In diesen Fällen kommt es nach Gabe der ersten Arznei zum Auftreten neuer Symptome (Nebenbeschwerden), die ein neues Krankheitsbild erzeugen und eine neue Fallaufnahme notwendig machen.
Es muss zunächst geklärt werden, ob die neue Symptomatik von der bisherigen Arznei noch abgedeckt wird. Wenn ja, ist ein Mittelwechsel nicht angezeigt, bei C-Potenzen sollte abgewartet und bei Q-Potenzen eine Arzneipause eingelegt werden (Tab. 9.5).
Entspricht das neue Symptombild nicht mehr der verabreichten Arznei, wird eine neue, für den gegebenen Zustand passendere Arznei gesucht. Das FolgemittelFolgemittel muss Ähnlichkeit zu den neuen Symptomen und zu noch bestehenden alten Symptomen haben. Die Folgearznei wird der zuerst gegebenen Arznei in ihrem Arzneimittelbild also in Bezug auf die noch bestehenden alten Symptome ähnlich sein. Die Bestimmung des Folgemittels entspricht dem üblichen Vorgehen bei der Auswahl einer Arznei: Aufnahme der Symptomatik, Hierarchisierung, Repertorisation. Die infrage kommenden Arzneien werden anhand ihrer Arzneiverwandtschaft und ihrer Eignung als FolgemittelFolgemittel überprüft (9.3.2). Eine Übereinstimmung des Arzneimittelbildes des Folgemittels mit dem Krankheitsbild ist stets das vorrangige Kriterium bei der Mittelwahl.
Auftreten alter Symptome
Symptomealte, VerlaufsbeurteilungTreten nach Besserung der Beschwerden alte Symptome einer früheren Erkrankung auf, ist ebenfalls zu klären, ob diese Beschwerden von der bisher verabreichten Arznei abgedeckt werden. Ist dies nicht der Fall, entscheiden Intensität und Dauer der Beschwerden darüber, ob eine neue Arznei angezeigt ist. Starke Beschwerden, die länger als 5 Tage andauern, erfordern die Suche nach einem neuen passenden Mittel (Tab. 9.5). Hahnemann schreibt dazu: „Er [der homöopathische Arzt] lasse sich's nicht einfallen, während der Wirkung einer wohl gewählten […] Arznei, wenn etwa den einen Tag z. B. ein mäßiger Kopfschmerz oder sonst eine andre mäßige Beschwerde entstünde, gleich ein anderes, […] Arzneimittel, zwischenein den Kranken nehmen zu lassen […]. […] die homöopathische Arznei, lasse er in der Regel völlig auswirken, ohne sie durch irgend ein Zwischenmittel zu stören“ (CK Bd. 1, S. 147 [2. Aufl.], S. 76 [3. Aufl.]).
Wie man beim Auftreten neuer oder alter Symptome vorgeht, zeigt Tab. 9.5.
Hering'sche Regel
Regel, Hering’scheIn der Homöopathie gibt es wegweisende Beobachtungen von HahnemannHahnemann, Samuel und HeringHering, Constantin über den Verlauf einer Besserung bei einer chronischen KrankheitKrankheit, chronischeRegel, Hering’sche. Die daraus abgeleiteten Regeln können als Orientierungshilfe dienen, sollten aber nicht im Sinne eines immer geltenden Gesetzes verstanden werden.
Hahnemann schreibt in den „Chronischen Krankheiten“, dass alte Symptome, die der Patient in früheren Zeiten schon einmal hatte, die zuletzt aber nicht mehr bestanden, wieder auftreten können. Dies sei ein gutes Zeichen und solle in der Regel nicht zum Mittelwechsel verführen. Die Symptome würden zudem in der umgekehrten Reihenfolge ihres Auftretens wieder verschwinden: die zuletzt aufgetretenen Symptome zuerst, die zuerst aufgetretenen Symptome zuletzt. Die zuerst aufgetretenen und zuletzt bestehenden Symptome seien häufig Lokalübel (Hauterkrankungen). (CK Bd. 1, S. 147 [2. Aufl.], S. 76 [3. Aufl.]; S. 168 [2. Aufl.], S. 87 [3. Aufl.])
Hering (12.3.1) hatte ähnliche Erfahrungen bei der Behandlung Leprakranker in Surinam gemacht. Die Leprakranken hätten als erstes Krankheitszeichen einen KrätzeKrätzeausschlag oder Kopfgrind gehabt. Erst als dieser (nicht homöopathisch) behandelt worden war, seien Zeichen der Lepra aufgetreten. Bei der Behandlung mit homöopathischen antipsorischen Arzneien sei es dann bei Besserung der Leprageschwüre, -knollen und -flecke zum erneuten Auftreten von Krätzbläschen und starkem Hautjucken gekommen. Die Beschwerden seien dabei in der umgekehrten Reihenfolge ihres Entstehens verschwunden (Hering 1830, Krannich 2005). In den folgenden 45 Jahren veröffentlichte Hering, Bezug nehmend auf Hahnemann (s. o.), mehrfach Artikel zu dieser Thematik und kam zu folgenden Schlüssen (Keller 1980a, Saine 1988, Lucae 1998):
Wichtigste Regel
Symptome verschwinden in der umgekehrten Reihenfolge ihres Auftretens. Zuletzt aufgetretene Symptome sind besonders wichtig und müssen zuerst aufhören.
Weitere Regeln
  • Die Symptome verschwinden von den lebenswichtigeren inneren Organen zu den weniger wichtigen Organen außen.

  • Das Auftreten eines Hautausschlags bei chronisch Kranken ist ein Hinweis auf eine folgende, anhaltende Besserung.

  • Die Beschwerden verschwinden von oben nach unten.

KentKent, James Tyler prägte Anfang des 20. Jahrhunderts den in der Homöopathie heute noch gängigen Begriff „Hering'sches GesetzGesetz, Hering’sches“ (Hering'sche Regeln) und konkretisierte auf Basis der Überlegungen SwedenborgsSwedenborg, Emanuel von (12.3.2) die Begriffe „innen“ und „außen“ und ihren Bezug zu den Organen (Kent 1911, Lucae 1998). In der Nachfolge definierte von Keller 1980Keller, Georg von die Begriffe „innen“ und „außen“ folgendermaßen: „[…] Die Besserung, das Fortschreiten der Besserung, erfolgt von innen nach außen – innen, das sind die Geistes- und Gemütssymptome, ganz innen der Wille, das ist der innerste Kern, dann folgen nach außen die Emotionen, der Intellekt, dann die allgemeinen Modalitäten, die Körperfunktionen, dann die Lokalsymptome und ganz außen die Haut […].“ (Keller 1980b)
Die Hering'schen Regeln haben ihren hohen Stellenwert in der Homöopathie bis heute behalten. Häufig wird sogar ein anderer Heilungsverlauf als Hinweis auf eine fehlerhafte Behandlung angesehen. Besteht eine Besserung z. B. nur auf der körperlichen Ebene bei anhaltenden Beschwerden im Geist-/Gemütsbereich und bei den Allgemeinsymptomen, ist nicht sicher, ob die richtige Arzneiwahl getroffen wurde. Dieser Fall wird auch als „homöopathische Unterdrückung“Unterdrückung bezeichnet.
Von KellerKeller, Georg von gibt zur Gültigkeit der Hering'schen Regeln allgemein zu bedenken: „[…] Wir stellen weiterhin fest, dass unsere Fälle nicht immer so verlaufen, wie wir es erwarten. Nicht immer geht die Heilung sichtbar von innen nach außen, von oben nach unten oder unter Wiedererscheinen der älteren Symptome vonstatten. Die Erwartungshaltung, die vorgefaßte Meinung, dass der Fall so und nicht anders zu verlaufen habe, kann uns sogar unempfänglich machen für Zeichen, die andernfalls zur bestmöglichen Arzneimittelwahl geführt hätten“. (Keller 1985)
Erst- und Spätverschlimmerung
Man unterscheidet zwischen einer Erst- und einer Spätverschlimmerung (Tab. 9.6). Zum Verständnis der Begriffe „Erstverschlimmerung“ (ErstreaktionErstreaktion) und „Spätverschlimmerung“Spätverschlimmerung ist die Kenntnis der in 8.6 dargestellten Entwicklung der Arzneitherapie bei Hahnemann hilfreich.
Die Angaben Hahnemanns sind über sein gesamtes Werk verstreut. Dies liegt daran, dass er im Laufe seines Lebens mit verschiedenen Potenzen (C-Potenzen trocken und als Auflösung, Q-Potenzen) Erfahrungen zur „homöopathischen Verschlimmerung“ sammelte. Die daraus abgeleiteten Empfehlungen sind in Tab. 9.7 zusammengefasst.
Erstverschlimmerung
ErstverschlimmerungKrankheitszustandErstverschlimmerungEine homöopathische Erstverschlimmerung ist zu Beginn gekennzeichnet durch eine Verbesserung des Allgemeinzustands bei gleichzeitiger Verstärkung einzelner, schon zuvor bestehender Symptome.
In der sechsten Auflage von Hahnemanns „Organon“ ist die Erstverschlimmerung in zwei möglichen Fällen erwähnt. Bei einer akuten ErkrankungKrankheit, akuteErstverschlimmerung kann sie in den ersten Stunden der Erkrankung auftreten. Sie sei nicht selten und ein sehr gutes Zeichen für eine baldige Besserung mit der ersten Gabe (ORG VI, § 161).1

1

Welche Arzneiform Hahnemann in diesem Zusammenhang meint, ist letztlich unklar. Aus der Art der beschriebenen Erstverschlimmerung könnte man auf C-Potenzen als Globuli schließen, vgl. Wischner 2001, S. 183–185.

Bei der Behandlung von chronischen KrankheitenKrankheit, chronischeErstverschlimmerung dürfe sie sich nicht zeigen und sei ein deutliches Zeichen für eine zu große Gabe der Arznei (§ 282). Hahnemann bezieht sich dabei auf die angemessen gewählte Dosis (§ 161) und auf eine zu hohe Dosis von Q-Potenzen oder flüssigen C-Potenzen (§ 282). In der fünften Auflage des „Organon“ (§ 161) und im ersten Band der „Chronischen Krankheiten“ (S. 148–149 [2. Aufl.], S. 77 [3. Aufl.]) bezieht sich Hahnemann auf die Behandlung mit C-Potenzen, die trocken als Globuli verabreicht werden, und macht dementsprechend andere Angaben. Eine mögliche Erstverschlimmerung bei chronischen Erkrankungen erfolge in den ersten 6–10 Tagen. Nach Ende dieser Beschwerden trete eine Besserung ein. Komme es innerhalb von 20 Tagen zu keiner Besserung, sei die Arzneigabe so übermäßig groß und stark gewesen, dass ein Antidot oder, falls nicht vorhanden, eine passende Arznei gefunden werden solle. Später könne eventuell die ursprüngliche Arznei in höherer Potenz erneut verabreicht werden.

Fallbeispiel 9.1: Erstverschlimmerung bei akuter Bronchitis (Christian Lucae)

Erstverschlimmerung Anamnese
Der 3½-jährige Junge wird wegen anhaltenden Hustens vorgestellt.
Akute Symptomatik
Husten seit ca. 5–6 Tagen, hustet Tag und Nacht.
  • Der Husten ist schlimmer bei Aufregung, er bekommt dann kaum mehr Luft, muss fast erbrechen.

  • Hatte bereits öfters hartnäckigen Husten.

  • Medikation: Ambroxol- und Clobutinol-Hustensäfte ohne Erfolg.

  • Erhöhte Temperatur, guter Allgemeinzustand.

Chronische Symptomatik
  • Schubst gern andere Kinder, auch die Mutter.

  • Schlaf: Schläft erst gegen 22:30 Uhr ein, ist morgens müde.

  • „Spielt sehr gern an sich rum“, zieht immer die Vorhaut zurück.

  • Schlenkert gern mit dem linken Bein nach außen.

  • Ist eine Zeit lang viel gestürzt.

Körperliche Untersuchung: Allgemeinzustand gut, Pulmo seitengleich belüftet, lockerer Husten, teilweise grobblasige Rasselgeräusche beidseits ventral und dorsal beim Husten, nicht konstant zu hören, keine Spastik, restliche körperliche Untersuchung unauffällig.
Eher schüchtern-verlegen, spricht wenig, aber grammatikalisch korrekt; befolgt Anweisungen, zieht sich an und aus etc.
Diagnose: Akute Bronchitis.
Repertorisation (RADAR 9.2)
1. Husten – Erregung, Aufregung, bei
2. Mund – Sprache – stotternd
3. Männliche Genitalien – Masturbation, Neigung zur – Kindern, bei
4. Gemüt – Schlagen
5. Extremitäten – Ungeschicklichkeit – Beine – stolpert beim Gehen
(62) 1 hyos. Bufo bell. lach. phos. nux-v. cann-i. ign. con. mag-c. ars. op. merc. nat.-m. stram. agar
1. 1 1 1 1 1 1 1 1 1
2. 1 2 3 2 2 2 2 1 1 2 1 1 3 2 3 1
3. 3 1 1 3 3 2 3 1
4. 3 1 3 1 3 1 2 1 1 1 1 1 2 2 1
5. 2 1 1 2 2 1 1 2 2 1 1 1 2 3
Verordnung
HyoscyamusHyoscyamus, Pneumonie C200, 1 × 3 Glob. Anschließend Hyoscyamus D12, 3 × 3 Glob. für 3–4 Tage.
Verlauf
Anruf der Mutter nach 2,5 Stunden: Fieberanstieg auf 40 °C. Strategie: Beruhigen, abwarten (Kontrolle am nächsten Tag).
Verlauf (nach 2 Tagen): Gestern sehr gut drauf gewesen, Husten besser, kein Fieber mehr. Abends nach dem Einschlafen aber wieder 39 °C, Paracetamol-Zäpfchen (250 mg) gegeben, aber wohl wieder herausgedrückt, dann aber durchgeschlafen. Morgens wieder gut drauf, Temperatur 36,7 °C. Husten eher besser.
Befund: Allgemeinzustand gut, Pulmo: ventral grobblasige Rasselgeräusche Mittelfelder rechts > links, dorsal beidseits Mittel- und Unterfelder, keine Spastik, restliche Untersuchung ohne Befund.
Labor: Leuko: 10 800, CRP: 26 mg/l (NW: < 5).
Diagnose: akute Bronchitis (DD Bronchopneumonie).
Vorgehen: „Für alle Fälle“ Rezept über Cefuroxim – Einnahme nur nach telefonischer Rücksprache! Homöopathisch: Hyoscyamus D12, 2 × 3 Glob.
Verlauf (nach 3 Tagen): Gestern den ganzen Tag gut drauf, kein Fieber; später in der Nacht Fieber, aber gut geschlafen. Heute Morgen wieder in Ordnung: Allgemeinzustand gut, Atmung normal, ab und zu Husten.
Vorgehen: Abwarten. Anweisung für das Wochenende (Freitagabend): Bei erneutem Auffiebern > 40 °C und verschlechtertem Allgemeinzustand Beginn mit Antibiotikum.
Nach 7 Tagen: Auch die 3 folgenden Tage fieberfrei geblieben, Antibiotikum nicht gegeben. Weiterhin noch etwas Husten, aber schon deutlich weniger. Husten < beim Hinlegen und beim Aufstehen, nachts recht gut, < bei Anstrengung.
Befund: Allgemeinzustand gut, fit, kein Husten, Pulmo frei, seitengleich, restliche Untersuchung ohne Befund
Vorgehen: Abwarten. Hyoscyamus C200 mitgegeben, Anweisung: In 1–2 Wochen nochmals Einzelgabe (als KonstitutionsmittelKonstitutionsmittel).
Weiterer Verlauf (telefonisches Follow-up nach 6 Wochen): Es geht gut. Keinen Husten mehr gehabt. Verhaltensauffälligkeiten sind verschwunden, Sprache ist in Ordnung.
Diskussion
Nach Gabe von Hyoscyamus in Hochpotenz kam es zur ErstverschlimmerungErstverschlimmerung mit mehrmaligem starkem Fieberanstieg und verstärkten grobblasigen Rasselgeräuschen der Lunge über 2–3 Tage bei gutem Allgemeinzustand. Anschließend Entfieberung und Rückbildung der akuten Symptomatik unter Gabe von Hyoscyamus in Tiefpotenz (D12). Alternativ hätte wahrscheinlich die Hochpotenz auch ohne zusätzliche Gabe einer Tiefpotenz auswirken können. Nach Wiederholung der Arznei als Hochpotenz einige Zeit nach dem Infekt kam es zu einer deutlichen Besserung auch der chronischen Beschwerden.
Spätverschlimmerung
SpätverschlimmerungKrankheitszustandSpätverschlimmerungDie heutzutage sogenannte Spätverschlimmerung ist eine Verstärkung der Beschwerden, die zur Behandlung geführt haben, die – im Gegensatz zur Erstverschlimmerung – erst zu einem späteren Zeitpunkt der Behandlung auftritt, nachdem die Beschwerden sich zunächst gebessert hatten. Beobachtet wird die Spätverschlimmerung in der Regel nur bei der Verwendung von flüssigen Q- oder C- PotenzenQ-PotenzenSpätverschlimmerungC-PotenzenSpätverschlimmerung. Sie wurde von Hahnemann selbst als „eine bedeutsame Erhöhung der Krankheitssymptome“ bezeichnet. Er erwähnt dieses Phänomen erstmals im Vorwort des 3. Bandes der „Chronischen Krankheiten“ (CK Bd. 3 S. V–XII, GKS S. 879–883) (akute und chronische Erkrankungen) – zu einer Zeit, in der er mit in Flüssigkeit verabreichten C-Potenzen arbeitete (8.6).
In ORG VI wird die Spätverschlimmerung dann im Zusammenhang mit den chronischen Krankheiten beschrieben (§ 161): Die Verabreichung flüssiger C- oder Q- Potenzen führt bei richtiger Anwendung in der Regel zu keiner Erstverschlimmerung (s. o.). Jedoch kann es gegen Ende der Behandlung zu einer Verstärkung der Symptome kommen. Bei akuten Erkrankungen (8.2.2) ist eine Reduktion von Häufigkeit und Arzneimenge erforderlich. Bei chronischen Krankheiten muss eine Arzneipause, eventuell mit Placebogabe, für 8–15 Tage durchgeführt werden. Vergehen die Symptome, waren es reine Arzneisymptome, und der Kranke ist wahrscheinlich geheilt. Bleiben Symptome bestehen, ist eine weitere Therapie mit dem gleichen Mittel in einem höheren Potenzgrad notwendig.
Verschlechtern sich die Beschwerden fortschreitend ohne ersichtliche Mittelwirkung, ist der Fall zunächst zu überdenken (9.2.2). Erscheint eine Fortsetzung der homöopathischen Therapie sinnvoll, ist in der Regel eine andere Arznei notwendig.
Aus der homöopathischen Praxis
Im Folgenden werden Erfahrungen aus der Praxis bekannter homöopathischer Praktiker zur (homöopathischen) Verschlimmerung zusammengefasst (Tab. 9.8) (Keller 1964, Janert 1986 bezieht sich auf Künzli; Illing 1987, 1993; Gypser 1991).
Eine homöopathische ErstverschlimmerungErstverschlimmerung ist zu Beginn gekennzeichnet durch eine Verbesserung des AllgemeinzustandsAllgemeinzustand, Erstverschlimmerung bei gleichzeitiger Verstärkung einzelner, schon zuvor bestehender Symptome. Diese Besserung des Allgemeinzustands kann sich in einer Verbesserung des Schlafs oder des Appetits äußern. Auch eine Verbesserung der Stimmung und des Wohlbefindens sind positive Zeichen. Anschließend kommt es auch zu einer Besserung der bestehenden Symptome. Bei einer wirklichen Verschlimmerung des Krankheitsbildes wird gleichzeitig mit der Verschlechterung der bestehenden Symptome auch der Allgemein- und Gemütszustand schlechter, und es treten neue, unbekannte Symptome auf.
Zur Abgrenzung einer homöopathischen von einer wirklichen Verschlechterung siehe auch 9.3.3.
Patienten mit homöopathischer „Vorbildung“ neigen unter Umständen zu einer übertriebenen Schilderung von Verschlimmerungen.

Unveränderter ursprünglicher Krankheitszustand und Heilungshindernisse

KrankheitszustandunveränderterEs gibt vielfältige Gründe dafür, dass sich die erwünschte Arzneiwirkung bei einem Patienten nicht zeigt. Wie man in einem solchen Fall vorgeht, zeigt Tab. 9.9.
Kommt es nach Arzneigabe innerhalb der üblichen Zeitspanne (Stunden bei akuten Erkrankungen, 4–6 Wochen bei chronischen Krankheiten) zu keiner Veränderung der Beschwerden, sollte – vor Verabreichung einer anderen Arznei – nach möglichen Gründen gesucht werden (Tab. 9.10). Der häufigste Grund für einen unveränderten Krankheitszustand des Patienten ist eine unzureichende Arzneiwahl durch den Therapeuten, die Ursachen können aber auch bei der Arznei oder beim Patienten liegen.
Zunächst sollte man sich vergewissern, ob der Patient die (richtige) Arznei eingenommen hat.
Weitere mögliche Ursachen für eine ausbleibende Reaktion auf das verordnete Mittel ist das Vorliegen eines Heilungshindernisses oder eine Antidotierung (11.2). Unter einem HeilungshindernisHeilungshindernis versteht man eine anhaltende, die homöopathische Arzneiwirkung störende Beeinträchtigung des Gesundheitszustands des Patienten. Dies kann sowohl die körperliche als auch die emotional-geistige Ebene betreffen (Tab. 9.11). Spring unterscheidet zwischen Pseudohindernissen und echten Hindernissen. Pseudohindernisse sind ihm zufolge eher leichte Störungen der Lebenskraft und ggf. der Arzneiwirkung, die von einem gesunden Organismus bewältigt werden. Gelinge dies dem Patienten aber trotz Arzneigabe nicht, sei primär die Arzneiwahl zu überprüfen. Für psychosoziale Probleme nennt Spring Kriterien zur Unterscheidung, ob es sich um ein äußeres oder inneres Hindernis handelt. Entscheidend sei die Intensität des Ereignisses und ob der betroffenen Person Wahlmöglichkeiten für eine Reaktion darauf blieben. Sei das Ereignis sehr stark und bestünden keine Wahlmöglichkeiten, sei die Situation als äußeres Heilungshindernis einzuordnen (Spring 2009). Der Umgang mit Heilungshindernissen ist im Einzelfall abzuwägen. Falls eine Beseitigung des Hindernisses möglich ist, ist zunächst ein abwartendes Vorgehen möglich. Kommt es nicht wieder zu einer Besserung der Beschwerden, kann die Arznei wiederholt werden. Bei komplexeren Hindernissen sind zusätzliche Maßnahmen zu erwägen wie Psychotherapie, juristischer Beistand, Umweltmedizin, Zahnarzt etc.
Eine AntidotierungAntidot/Antidotierung ist die Störung der homöopathischen Arzneiwirkung durch eine andere Arznei, ein Nahrungsmittel, Hygieneartikel oder Kosmetika mit arzneilich wirksamen Inhaltsstoffen (11.2).
Gibt es auch darauf keinen Hinweis, könnte ein BehandlungsfehlerBehandlung, homöopathischeFehler vorliegen, d. h. eine unsachgemäße Behandlung, die die geltenden Regeln zu Fallaufnahme, Arzneiauswahl und Dosierung nicht berücksichtigt hat. Ein Behandlungsfehler kann an unterschiedlichen Stellen während der homöopathischen Therapie auftreten (Tab. 9.12).
Eine falsche Diagnose der zu behandelnden Erkrankung und eine damit verbundene falsche Prognose zum Krankheitsverlauf sollte bei ausbleibender Besserung oder einer Verschlechterung ebenfalls erwogen werden. Liegt kein Behandlungsfehler vor und erscheint die Mittelwahl weiter gut begründet, ist zu prüfen, ob die Arznei möglicherweise besonders langsam wirkt oder die ReaktionsfähigkeitReaktionsfähigkeit, Patient des Patienten besonders schwach ist. In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass auch nach fünf Wochen noch keine Reaktion vorliegt. In einigen Fällen können Reaktionsmittel oder Nosoden nötig werden, um eine Reaktion in Gang zu bringen.
Gegebenenfalls muss nach einer neuen Arznei gesucht werden. Dies ist dann keine zweite oder Folge-, sondern eine erste Verschreibung. Die Arzneiwahl erfolgt dann auf der Basis der üblichen Regeln (7).

Arzneibeziehungen

ArzneibeziehungenDie Kenntnis von Arzneibeziehungen (Konkordanzen) ist hilfreich bei der Behandlung von akuten und chronischen Krankheiten. Durch die gezielte Verwendung mehrerer Arzneien nacheinander kann eine Beschleunigung der Heilung erzielt werden.

Erkenntnisse seit Bönninghausen

BönninghausenBönninghausen, Clemens von schrieb 1836 auf Anregung von Hahnemann als Erster ein Buch zum Thema „Arzneibeziehungen“ Konkordanz(von ihm auch als „Concordanzen“ bezeichnet) mit dem Titel „Versuch über die Verwandtschaften der homöopathischen Arzneien“. Darin beschreibt er Arzneimittelbilder ihm bekannter Arzneien und gibt an, inwieweit andere Arzneien in Bezug auf verschiedene Organe, Empfindungen und Modalitäten Ähnlichkeiten aufweisen.
In dieser sowie in späteren Veröffentlichungen kommt er zu folgenden Schlussfolgerungen (unter Vorbehalt des Simile-Prinzips und der Maßgabe, die Arznei auswirken zu lassen) (Wegener 1990, Busch 1996):
  • „Wenn eine Arznei das Vermögen besitzt, die von einer andern hervorgerufenen Arznei-Symptome, nach der Ähnlichkeit ihrer eigenen Wirkungen, heilkräftig […] auszulöschen, so bezeichne ich das gegenseitige Verhältnis, welches zwischen diesen beiden Arzneien besteht, mit dem Worte Verwandtschaft“. Es besteht hier also eine Art Antidot-Verhältnis (zitiert nach Kottwitz 1985).

  • Werden verwandte Mittel nacheinander verabreicht, sind sie heilkräftiger, als dies bei nicht verwandten der Fall ist. Besonders günstig ist die Mittelverwandtschaft bei einseitigen Krankheiten: Wenn sich nach Gabe einer Arznei neue Nebenbeschwerden zeigen, können diese durch eine genau passende, verwandte Arznei samt den Hauptbeschwerden geheilt werden.

  • Findet sich bei einem Fall keine Arznei, die die gesamte Symptomatik abdeckt, kann zunächst eine Arznei für die Hauptsymptomatik und anschließend ein verwandtes und für die bestehende Nebensymptomatik passendes Mittel verabreicht werden. Dies kann bereits vor Verabreichung der ersten Arznei, also auch vor einer erfolgten Reaktion, festgelegt werden.

Seit Bönninghausen wurde nur wenig über die Theorie und Anwendung von Arzneibeziehungen veröffentlicht. Die Kenntnisse über ArzneiverwandtschaftenArzneiverwandtschaft und die Anzahl an Arzneien, über die Kenntnisse bestehen, sind jedoch deutlich gestiegen. Neben anderen haben Robert Gibson MillerMiller, Robert Gibson (1862–1919), Pichiah SankaranSankaran, Pichiah (1922–1979), Will KlunkerKlunker, Will (1923–2002) und Abdur RehmanRehmann, Abdur viele Informationen zusammengetragen (Tab. 9.13).
Arzneien können untereinander gleichzeitig in einer Antidot- und in einer Komplementärmittelbeziehung stehen. Dies erklärt sich dadurch, dass die Verwandtschaft nicht für das gesamte Arzneibild gegeben ist, sondern für einzelne Aspekte. Vergleicht man die Angaben verschiedener Autoren, stimmen diese nicht immer überein; es handelt sich letztlich um viele Einzelbeobachtungen. Abdur RehmanRehmann, Abdur hat in seinem „Handbuch der homöopathischen Arzneibeziehungen“ viele Quellen zusammengetragen und einen wichtigen Schritt in Richtung einer Optimierung der Anwendung von Arzneibeziehungen gemacht. Stets sollte jedoch die Suche nach dem Simile im Vordergrund stehen. Tabellen über Arzneibeziehungen können bei der Suche nach der korrekten Arznei unterstützen, sollten aber nicht allein ausschlaggebend sein.

Praktische Bedeutung von Arzneibeziehungen

Ein Patient hat eine Arznei erhalten. Nach eingetretener Arzneiwirkung ist noch eine Restsymptomatik vorhanden, oder es hat sich ein Teil der Beschwerden gebessert, und neue Symptome sind dazugekommen.
Komplementär- und Folgemittel
Zunächst ist zu klären, ob der aktuelle Krankheitszustand von der bisher verordneten Arznei noch abgedeckt wird. Ist dies der Fall, ist ein Mittelwechsel nicht angezeigt. Ist dies nicht der Fall, ist häufig eine Arznei aus dem Kreis der Komplementär- oder Folgemittel angezeigt (Tab. 9.14).
KomplementärmittelKomplementärmittel können eine von einem anderen Mittel begonnene Heilung vollenden, ohne eine zuvor eingetretene heilsame Wirkung zu stören. Diese ergänzenden Arzneien können verwandt zum vorher verabreichten Mittel sein, es kann sich aber auch um Arzneien mit gegensätzlichen Wirkungsschwerpunkten handeln. Ortloff (1959) gibt als Beispiel GraphitesGraphites und Nux vomicaNux vomica an: Diese Arzneien sind in ihren konstitutionellen MerkmalenKonstitutionsmittel äußerst unterschiedlich, damit behandelte Patienten neigen aber im einen wie im anderen Fall zu Obstipation, bei Graphites zu einer atonischen, bei Nux vomica zu einer spastischen Form. Im Fall einer spastisch-atonischen Form hat sich die wechselnde Gabe dieser Arzneien bewährt. Gute Komplemente sind häufig auch Zweigespanne aus anorganischen und organischen (pflanzlichen und tierischen) Arzneien. So wird z. B. PhytolaccaPhytolacca als das pflanzliche MercuriusMercurius solubilis bezeichnet.
Ein FolgemittelFolgemittel ist mit dem zuvor verabreichten Mittel in der Regel verwandt und entwickelt seine Wirkung, wenn es im Anschluss verabreicht wird, besonders gut. Die Grenze zu den Komplementärmitteln ist laut Klunker fließend (Miller 1998). Der Begriff „Folgemittel“ ist etwas irreführend, da in gewisser Hinsicht jedes Mittel, sofern es nach erfolgter Wirkung einer anderen Arznei verabreicht wird, als „Folgemittel“ bezeichnet werden kann. In der Regel ist aber eine Arznei gemeint, die heilkräftig wirkt. Die Reihenfolge ist hierbei von Bedeutung, da manche Arzneien anderen gut vorangehen und wieder andere besser folgen.
Antidot
Antidot/AntidotierungManchmal ist das Ende einer Arzneiwirkung vom homöopathischen Therapeuten auch erwünscht. Dies kann der Fall sein bei einer starken und lang anhaltenden Verschlimmerung nach der Mitteleinnahme, die über das übliche Maß einer ErstverschlimmerungErstverschlimmerung hinausgeht (9.2.1), oder wenn neue Symptome entstehen und über einen längeren Zeitraum bestehen, die eindeutig auf die Arzneieinnahme zurückzuführen sind. Auch bei einer homöopathischen Arzneimittelprüfung (4) können Symptome über das gewünschte Maß hinaus entstehen oder zu lange anhalten, wogegen man auf verschiedene Weise vorgehen kann, z. B. mit dem (nicht immer erfolgreichen) Versuch, ein Antidot wie z. B. KaffeeKaffee oder KampferKampfer oder auch ein homöopathisches Antidot zu geben. Ein homöopathisches Antidot ist eine Arznei, die der zuvor verabreichten ähnlich ist und durch deren Gabe die unerwünschte Arzneiwirkung aufgehoben werden kann. Altschul (1955) wies darauf hin, dass die antidotierende Wirkung nur in dem Maße auftritt, wie Ähnlichkeit besteht. Besteht nur Ähnlichkeit in einem Teil der Beschwerden, werden auch nur diese antidotiert. Die Auswahl eines homöopathischen Antidots wird durch Listen in den Büchern über Arzneibeziehungen vereinfacht (s. u.: Literatur), beruht aber ansonsten auf den gleichen Grundsätzen wie jede homöopathische Arzneiwahl. Das Antidot entspricht einem gut gewählten FolgemittelFolgemittel.
Zwischenmittel
Bönninghausen beschreibt die Erfahrung, dass eine Arznei bei der zweiten Gabe häufig nicht ausreichend gut wirkt. Für diesen Fall kann die Gabe eines Zwischenmittels erwogen werden. Als antipsorische Arznei („psorische“ Fälle) kommt dafür Sulfur, bei „sykotischen Fällen“ Thuja und bei „syphilitischen Fällen“ Mercurius solubilis infrage (Bönninghausen 1861). Für den Fall, dass Haupt- und Nebensymptome auf unterschiedliche Arzneien hinweisen, kann laut Bönninghausen die Arznei für die Nebensymptome auch als Zwischenmittel der Arznei für die Hauptsymptome verwendet werden (Wegener 1989).
Zwischenmittel haben weder in der Kent'schen Schule noch in anderen, moderneren Richtungen der Homöopathie eine große Bedeutung. Wirkt eine Arznei bei der ersten Gabe gut, wird sie nach der Methode der Kent'schen Reihe üblicherweise wiederholt, wenn die Beschwerden nach Ende der Besserung wieder beginnen und sich in ihrer Art nicht verändert haben (8.3.1).
Interkurrente Arzneien
ArzneiinterkurrenteBei interkurrenten Erkrankungen (10.3.1) während der Behandlung chronischer Krankheiten haben einige Arzneikombinationen gute Wirkung gezeigt. Eine häufig genannte ist Belladonna für akute Beschwerden bei Patienten, die für chronisch-konstitutionelle Beschwerden Calcium carbonicum brauchen. Andere Beispiele sind Hepar sulfuris oder Pulsatilla als akute Mittel für Patienten, die Silicea einnehmen, und Bryonia, Ignatia und Apis bei Natrium-muriaticum-Patienten.
Feindliche Arzneien
ArzneifeindlicheWenn nacheinander gegebene Arzneien ungünstig wirken, scheint der Grund dafür darin zu liegen, dass sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung stören. Von einer feindlichen Arznei spricht man nur, wenn die erste Arznei eine Wirkung hatte. Hatte sie keine Wirkung, ist die zweite Arznei auch kein „Folgemittel“ im homöopathischen Sinn. Häufig genannte Beispiele für feindliche Arzneien sind Causticum und Phosphorus bei Atemwegsinfekten.
Ortloff (1959) vermutete Gesetzmäßigkeiten hinter dem Phänomen, dass sich chemisch oder im Periodensystem nahestehende Arzneien oder zoologisch verwandte Tiergifte und Arzneien aus botanisch verwandten Pflanzenfamilien hinsichtlich ihrer Wirkung eher feindlich gegenüberstehen.
Kollateralmittel
KollateralmittelVergleichsmittelVor der Gabe einer Arznei oder nach erfolgloser Arzneiverordnung können Aufstellungen über Vergleichs- oder auch Kollateralmittel zurate gezogen werden. Hierunter versteht man Arzneien, die als Alternativen infrage kommen, da sie insgesamt oder in Bezug auf einzelne Organe ein ähnliches Arzneimittelbild aufweisen.
Reaktionsmittel
ReaktionsmittelBleibt nach der ersten Verordnung eine Reaktion aus, obwohl die Arzneiwahl gut begründet war und kein Heilungshindernis, Behandlungsfehler oder eine Antidotierung vorliegen, gibt es einige spezielle Arzneien, die bei „Reizlosigkeit“ eines Patienten angezeigt sind. Hauptmittel ist OpiumOpium, außerdem kommen Carbo vegetabilisCarbo vegetabilis, LaurocerasusLaurocerasus, MoschusMoschus, Nitricum acidumNitricum acidum und SulfurSulfur infrage (Möller 1997).
Kanalisationsmittel (Ausleitungsmittel)
KanalisationsmittelKanalisationsmittel sind FolgemittelFolgemittel, die nach Anwendung konstitutioneller MittelKonstitutionsmittel und bei akuten Erkrankungen eine Reinigung und Ausleitung von ToxinproduktenAusleitung bewirken sollen, die sich im Organismus aufgrund der Behandlung oder des Krankheitsprozesses angesammelt haben. Die Idee der Ausleitungsmittel geht auf den Arzt Antoine Nebel aus Lausanne zurück, der 1915 einen Artikel dazu veröffentlichte. Nach Gabe von Tuberculinum helfe z. B. Taraxacum oder Chelidonium, nach Sulfur sei z. B. Nux vomica für den Darmtrakt oder Pulsatilla für die Atemwege eine gute Unterstützung (Keller 1978/2002).

Risikobewertung- und Management in der homöopathischen Behandlungsführung

Behandlung, homöopathischeRisikenDas Prinzip des „primum nil nocere“ ist seit dem Altertum eine unverzichtbare Grundlage medizinischen Handelns und war ein wesentlicher Anstoß für die Entwicklung der Homöopathie durch Hahnemann. Schaden abzuwenden heißt sowohl in der Anamnese als auch in der Behandlung, Risiken frühzeitig zu erkennen und durch das der jeweiligen Krankheit angemessenste Vorgehen zu minimieren. Dabei können gerade bei bedrohlichen Krankheitsverläufen ein interdisziplinäres Behandlungskonzept, das homöopathische und konventionelle Therapie umfasst, und das Hintanstellen medizinhistorisch begründeter Dogmen für den Patienten von großem Nutzen sein.
Ein Risiko kann in Bezug auf eine homöopathische Behandlung ein direktes oder ein indirektes Risiko darstellen (Stub et al. 2015).
Als direktes Risiko Risikodirekteswerden die direkten und unerwünschten Effekte, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der homöopathischen Arzneigabe stehen, bezeichnet, wohingegen eine Gefährdung des Patienten durch die klinische Praxis, also auch durch den Behandler, als indirektes Risiko bezeichnet wird.
Direktes Risiko
Die aktuell publizierten Daten (Stub et al. 2012, 2015, Texeira 2013) zur Bewertung des Risikos durch homöopathische Arzneimittel zeigen ein insgesamt geringes direktes Risiko insbesondere für Hochpotenzen und Q-Potenzen auf. Aber auch bei noch substanziell wirksamen Arzneien im Tiefpotenzbereich scheint das Risiko nur gering zu sein und v. a. bei dauerhafter hochfrequenter Einnahme potenziell giftiger Substanzen klinisch bedeutsam zu werden. Ein weiteres Risiko stellt die Möglichkeit einer unfreiwilligen Arzneimittelprüfung im Falle einer nicht genau passenden Arznei und ggf. deren fortgesetzter Wiederholung dar.
Indirektes Risiko
RisikoindirektesWesentlich bedeutsamer ist das Risiko, das in der Behandlungsführung, insbesondere in der Bewertung der Entwicklung von Krankheitszustand und -schwere, auftreten kann. Hierbei geht es v. a. um die möglichst sichere Unterscheidung zwischen den Veränderungen durch eine homöopathische Erstverschlimmerung (9.2.1) und unerwünschten Effekten. Als unerwünschte Effekte werden Verschlechterungen der Symptomatik des Patienten beschrieben, die entweder auf eine unzureichende Arzneiwirkung, eine Zustandsverschlechterung im Spontanverlauf, eine tiefer liegende schwerere Erkrankung (z. B. fieberhafter oberer Atemwegsinfekt kaschiert atypische Pneumonie), Noceboreaktionen oder eine unverhältnismäßig starke, anhaltende Reaktion auf eine Arzneigabe zurückzuführen sind. Zur Unterscheidung hat die Arbeitsgruppe von Stub et al. (Stub et al. 2012, 2015) in den vergangenen Jahren drei Kernkriterien für erwünschte Effekte Effekte, erwünschteherausgearbeitet:
  • 1.

    Zunahme der vorbestehenden Symptome

  • 2.

    bei gleichzeitig zunehmendem Wohlgefühl in den ersten 3 Tagen nach Arzneieinnahme

  • 3.

    Müdigkeit und/oder Kopfschmerzen als Begleitsymptome (Frühzeichen nach Zafiriou; Spring 2009)

Entwicklungen, die nicht diesen einfachen Kriterien entsprechen, sollten als unerwünschte Effekte eingestuft werden und je nach Schwere und Tolerabilität einer weiterführenden Diagnostik bzw. einer methodenübergreifenden Behandlung zugeführt werden. Das Vorgehen zeigt Abb. 9.2 noch einmal in der Übersicht auf.
Ein weiteres bedeutsames Risiko in der Behandlungsführung ist der Umgang mit vorbestehender pharmakologischer MedikationMedikation, pharmakologische (11.1.7). Unter Homöopathen ist die Auffassung noch weit verbreitet, dass konventionelle Medikamente grundsätzlich die homöopathische Arzneiwirkung stören und somit ein Heilungshindernis darstellen oder antidotieren können. Jenseits von Einzelfallbeschreibungen ist diese Behauptung aber nie systematisch untersucht worden, weswegen ein vorsichtiges, an der individuellen Krankheitssituation und -geschichte orientiertes Verhalten zu empfehlen ist (Spring 2009). Dazu gehört im Fall pharmakologischer Polypragmasie, im Vorfeld der homöopathischen Behandlung nicht unbedingt notwendige Medikamente unter Berücksichtigung eines möglichen Rebound-Effekts auszuschleichen bzw. abzusetzen. Das kann den Zustand des Patienten manchmal schon deutlich verbessern. Hingegen können Medikamente notwendig sein, die substituierend sind, eine akute oder chronisch schwere oder bedrohliche Symptomatik abwenden oder nicht zumutbares Leiden lindern (z. B. Analgetika bei starken Schmerzen). Sind diese Voraussetzungen geschaffen, kann ein stufenweises Absetzen bei Ansprechen auf die homöopathische Behandlung ggf. unter etwas engmaschigerer Kontrolle auch einen sehr hilfreichen Verlaufsparameter darstellen. So kann eine primär homöopathische Behandlung gerade dadurch erfolgreich sein, dass sie zeitgemäßes Risikomanagement und interdisziplinäres Handeln im Interesse der Patienten integriert, ohne dabei die eigenen Ursprünge aus dem Blick zu verlieren.

Prognose zur Reaktion des Patienten

PrognoseReaktionsfähigkeitDer Verlauf und auch der Erfolg einer homöopathischen Behandlung kann bis zu einem gewissen Grad schon vorab abgeschätzt werden. Die Kohärenz des Krankheitsbildes und die Reaktionsfähigkeit des OrganismusOrganismusReaktionsfähigkeit sind dabei wegweisender als die Schwere des Krankheitsbildes. Die Begriffe „Kohärenz“Kohärenz, Prognose und „Inkohärenz“Inkohärenz, Prognose wurden 1999 von Marcelo CandegabeCandegabe, Marcelo und Hugo CarraraCarrara, Hugo im Rahmen ihrer „Theorie der energetischen Ebenen der Konstitution“Konstitution in der Homöopathie etabliert. Beide verstehen unter Kohärenz das Auftauchen von hierarchisch hochwertigen Symptomen in der krankhaften KonstitutionKonstitution. Inkohärenz ist durch das Fehlen hochwertiger Symptome gekennzeichnet. Die Hierarchie der SymptomeHierarchisierungSymptome umfasst 9 mögliche Stufen (7.3.2). Die Hierarchie „mental – allgemein – lokal“ wird häufig verwendet. Sie wird ergänzt durch die zeitliche Hierarchie „historisch – intermediär – aktuell“. Das hochwertigste Symptom ist somit ein historisches Mentalsymptom, das am wenigsten bedeutsame ein aktuelles Lokalsymptom. Je kohärenter das Krankheitsbild, desto einheitlicher und beständiger sind die Symptome auf den verschiedenen Ebenen in der gesamten Krankenvorgeschichte aufgetreten. Inkohärente Zustände sind gekennzeichnet durch einen häufigen Wechsel der Symptome in der Krankengeschichte und im aktuellen Befinden.
Ein weiteres wichtiges Kriterium für die Bestätigung der Arzneiwahl und für eine möglichst genaue Prognose ist die ReaktionsfähigkeitOrganismusReaktionsfähigkeit des Organismus bzw. der Lebenskraft. Je stärker die Reaktionsfähigkeit ausgeprägt ist, desto deutlicher und zahlreicher sind die Symptome, die sich zeigen. Bei einer schwachen Reaktionsfähigkeit herrschen normalerweise wenige und schwach ausgeprägte Symptome vor. Im besten Fall finden wir ein Krankheitsbild mit hierarchisch hochwertigen Symptomen, die dank guter Lebenskraft deutlich und in großer Zahl ausgeprägt sind, im schlechtesten Fall nur wenige schwach ausgeprägte, veränderliche aktuelle Symptome (Tab. 9.15). Hahnemann bezeichnete diese symptomarmen und schwer zu behandelnden Fälle als „einseitige Krankheiten“ (10.3.4).
Tjado GalicGalic, Tjado verweist auf den Streit in der Homöopathenschaft zwischen den Vertretern der Simillimum-VerschreibungSimillimum und den Vertretern eines „Zickzackkurses“. Er stellt fest, dass der Grund für einen fehlenden Therapieerfolg üblicherweise beim Therapeuten und bei der Homöopathie gesucht wird: Mangelnde Kenntnisse der Arzneien oder der Problematik des Patienten, eine unzureichende Anzahl an Arzneien oder eine zu verbessernde Methodik werden für ausbleibende Erfolge verantwortlich gemacht. Die Anwendung der Theorie zu Kohärenz und Inkohärenz ermöglicht eine ergänzende Sichtweise. Unbestritten sind die Kenntnisse des Homöopathen und das Fallverständnis wichtig, aber auch die Art, wie der Organismus seine Erkrankung äußert, beeinflusst den Erfolg. Je kohärenter das Krankheitsbild, desto wahrscheinlicher ist ein Simillimum-Fall bzw. „one remedy case“, da bei Vorliegen dieser Konstitution die Arznei alle Symptome aus Vergangenheit und Gegenwart abdecken kann. Je inkohärenter der Fall, desto wahrscheinlicher werden mehrere Arzneien für die Behandlung notwendig sein (Galic 2004).

Literatur

Die z. T. schwer zugänglichen Artikel aus der älteren Literatur, z. B. von Bönninghausen, Hering und Kent, finden sich in den Sammelbänden von Gypser („Bönninghausens Kleine medizinische Schriften“, „Herings Medizinische Schriften“, „Kent's Minor writings on homoeopathy“) und Keller („Gesammelte Aufsätze und Vorträge zur Homöopathie“).

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