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B978-3-437-57631-7.00005-0

10.1016/B978-3-437-57631-7.00005-0

978-3-437-57631-7

Tollkirsche (Atropa bella-donna)

[T827]

Strukturformel S-Hyoscyamin (Atropin)

[L261]

Strukturformel S-Scopolamin

[L261]

Beispiele für die Verbindung von SubstanzbetrachtungArzneiSubstanzbetrachtung und ArzneimittelbildArzneimittelbild

Tab. 5.1
Wissenschaft Arznei Eigenschaft Arzneimittelbild
Physik Arsenicum album Sublimiert Kein Bezug zu Flüssigem, trinkt in kleinen Schlucken
Chemie Zincum Versiegelt, verzinkt Oberflächen Beschwerden durch unterdrückte Ausscheidungen und Hautausschläge
Biochemie Kaliumsalze Kommen überwiegend innerzellulär vor Starker Bezug zur Familie, Abgrenzung nach außen
Biologie Tarentula hispanica Jagdspinne, ständig in Bewegung Extreme Ruhelosigkeit
Botanik Ledum palustre Sumpfgewächs Ödeme
Physiologie Opium Endorphine Schmerzlosigkeit, Euphorie
Iodum Wichtiger Bestandteil des Schilddrüsenhormons Ruhelosigkeit, Hitze, > viel Essen
Pathologie Medorrhinum Gonokokkeneiter, Erreger der Gonorrhö Ausfluss, Condylomata acuminata

Beispiele für die Arzneiwirksamkeit am Kollektiv

Tab. 5.2
Bereich Arznei Beispiel
Volksmedizinische Verwendung Opium Analgesie
Mandragora Analgesie, Aphrodisiakum
Ritueller Gebrauch Agaricus Rituelles Rauschmittel sibirischer Schamanen
Geschichte und Kultur Aurum Symbol der Macht
Mythologie und Märchen Phosphorus Griechische Mythologie: Sinnbild des Morgensterns
Bryonia Gebrüder Grimm: „Die Rübe“
Lachesis Gebrüder Grimm: „Die weiße Schlange“
Literatur Opium W. S. Burroughs: „Junkie“
Arsenicum G. Flaubert: „Madame Bovary“
Stramonium L. Krohn: „Stechapfel“
Anhalonium H. Michaux: „Turbulenz im Unendlichen“

Das homöopathische Arzneimittelbild

Ulrich Koch

  • 5.1

    Entstehung eines homöopathischen Arzneimittelbildes58

    • 5.1.1

      Grundlage des Arzneimittelbildes58

    • 5.1.2

      Ordnung der Symptome58

    • 5.1.3

      Ausgangssubstanz59

    • 5.1.4

      Kollektive Arzneiwirksamkeit60

  • 5.2

    Ausführliches Arzneimittelbild am Beispiel von Belladonna60

    • 5.2.1

      Etymologie61

    • 5.2.2

      Pflanzenfamilie und Pflanze61

    • 5.2.3

      Toxikologie62

    • 5.2.4

      Volksmedizinische und rituelle Verwendung63

    • 5.2.5

      Grundzüge des homöopathischen Arzneimittelbildes63

    • 5.2.6

      Mythologie und Märchen66

  • 5.3

    Verschiedene Wege der Arzneibetrachtung66

ArzneimittelbildMateria medica ArzneimittelbildAMB

Im homöopathischen Arzneimittelbild (AMB) sind sämtliche für die Arzneifindung verwertbaren Informationen in didaktisch aufbereiteter Weise zusammengefasst, wobei das Wesentliche sowie charakteristische Grundstrukturen zum besseren Verständnis des Besonderen einer einzelnen Arznei herausgearbeitet sind. In diesem Kapitel werden die dafür wichtigen Aspekte beschrieben und dann am Beispiel des Arzneimittelbildes von Belladonna anschaulich ausgeführt.

Abschließend wird ein kurzer Überblick über die unterschiedlichen Herangehensweisen verschiedener Strömungen in der Homöopathie an die zu einer Arznei gehörigen Symptome und Informationen gegeben.

Entstehung eines homöopathischen Arzneimittelbildes

Definition

Das homöopathische Arzneimittelbild besteht aus der Gesamtheit der Informationen zu und über eine Arznei, die für die Arzneifindung nach den Regeln der Homöopathie Verwendung finden können.

Grundlage des Arzneimittelbildes

Das homöopathische Arzneimittelbild setzt sich im Kern zusammen aus:
  • Prüfungssymptomen,

  • Vergiftungssymptomen,

  • klinischer Beobachtung.

Zentrum und Ausgangspunkt des homöopathischen Arzneimittelbildes ist die Arzneimittelprüfung am Gesunden (4), bei der die Wirkungen einer einzelnen Arznei am Menschen so genau wie möglich erfasst werden.
Bei Arzneimittelprüfungen zeigen sich aber oft nur leichtere und funktionelle Beschwerden und Symptome, die am ehesten die pathologischen Frühsymptome repräsentieren und die Art der psychischen Umstimmung anzeigen. Deshalb ist es notwendig, die VergiftungssymptomeVergiftungssymptomeSymptomeVergiftung, sofern die Ausgangssubstanz toxikologisch wirksam ist, in das Arzneimittelbild mit aufzunehmen, da gerade unter fortgesetztem oder hoch dosiertem Einfluss einer Substanz organische Läsionen und schwere Pathologien bis hin zu letalen Verläufen in ihrer Symptomatik genau beobachtbar sind. Da Giftwirkungen direkte Auswirkungen einer Substanz auf den Organismus sind, stellen sie analog zu den Prüfungssymptomen genauso verlässliche Informationen dar und wurden in teilweise erheblichem Umfang in die Arzneimittelbilder eingearbeitet. Als Grundlage dienten von Homöopathen selbst beobachtete, meist chronische Vergiftungen oder aus der Fachliteratur herausgezogene, genaue symptomatische Falldarstellungen, wie wir sie beispielsweise bei Lewin (1992) finden.
Wird eine homöopathische Arznei aufgrund der bestmöglichen Symptomenähnlichkeit am Kranken eingesetzt, entsteht ein umfangreicher Erfahrungsschatz über die damit zu bewirkenden Veränderungen bis hin zum vollständigen Verschwinden der Krankheit oder zumindest einzelner Symptome, die dann als BestätigungssymptomeBestätigungssymptome im Sinne einer klinischen Bewährung oder auch als neue geheilte Symptome ebenfalls in das Arzneimittelbild einfließen. Beim Durchsehen unserer Materia medicaMateria medica zeigt sich, dass ein Großteil der aufgeführten Symptome klinische SymptomeSymptomeklinische sind. Diese BestätigungssymptomeBestätigungssymptome gewinnen, wenn sie von verschiedenen Behandlern an vielen Kranken beobachtet werden, besonderen Wert, da sie unter den PrüfungssymptomenPrüfungssymptome, HAMP einer Arznei diejenigen hervorheben, die in der Praxis für sie am wesentlichsten sind. Dieser Aspekt zeigt aber auch, dass die Annahme, eine Arznei könne nur das heilen, was sie auch hervorzubringen in der Lage sei, unvollständig ist. Das kann für leichte und funktionelle Störungen gelten, nicht aber für schwere Pathologien. Es ist beispielsweise unmittelbar einsichtig, dass eine homöopathische Arznei nicht eine echte Virusgrippe oder gar eine Gonorrhö hervorrufen kann, sondern lediglich einzelne Symptome der Erkrankung, die auf die Möglichkeit hinweisen, dass sie in diesem Fall eingesetzt werden können.

Ordnung der Symptome

Für eine bessere Übersichtlichkeit müssen die zum Arzneimittelbild gehörigen Symptome geordnet werden (5.2.5). Zuerst erfasst man, was allgemein auffällig und charakteristisch und was bezüglich der Wirkungsschwerpunkte und den damit verbundenen Empfindungen aufgefallen ist, um das für die einzelne Arznei Besondere aus der Gesamtheit der SymptomeSymptomeGesamtheit der herauszuarbeiten. Dann werden die Symptome – mit den Geistes- und Gemütssymptomen beginnend – nach dem Kopf-zu-Fuß-SchemaKopf-zu-Fuß-Schema sortiert, nach dem üblicherweise auch die Repertorien geordnet sind. Diese vollständige Symptomliste dient als Grundlage für das vertiefende und integrierende Arzneimittelstudium (15). Nun können weitere Informationen zu einer Arznei aufgenommen werden mit dem Zweck, neben der Gesamtheit der Symptome den Inbegriff, das Wesentliche einer Arznei möglichst präzise zu erfassen.

Ausgangssubstanz

ArzneiAusgangssubstanzAusgangsstoffEin weiterer wichtiger Baustein zur Arzneierkenntnis ist das Wissen über die Ausgangssubstanz. Analog zur Anamnese wird jede verfügbare Information aus jeder verfügbaren Quelle zusammengetragen, sozusagen die Natur über die Substanz ausführlich befragt. Das beginnt mit dem Namen (EtymologieEtymologie, Arzneisubstanz), der meist bereits etwas über die Eigenschaften der Arznei verrät, und geht weiter zur Substanzbetrachtung (Tab. 5.1). Jedes Mineral, jede Pflanze, jedes Tier und auch die weiteren, für die Homöopathie verwendeten Stoffe haben ganz charakteristische Eigenheiten in Bezug auf Art, Aufbau und die Beziehung zur ihrer Umgebung. Die Substanzbetrachtung beinhaltet daher die Zusammenschau chemischer, physikalischer, biochemischer, biologischer, physiologischer, botanischer und pathologischer Informationen über die arzneiliche Ausgangssubstanz mit dem Ziel, möglichst viel über ihre Eigenschaften zu erfahren. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass sich die spezifische Information der homöopathischen Arznei auch in der Ausgangssubstanz – z. B. formgebend – zeigen muss, quasi eine analoge Prüfung an anderer Substanz und nicht am Menschen darstellt, weswegen das Arzneimittelbild mit der Ausgangssubstanz weitestgehend in Beziehung stehen muss. Hierbei ist es wichtig, dass diese Informationen immer in Bezug zu den Prüfungs- oder bestätigten Symptomen stehen (5.1.1), da sonst die Gefahr besteht, dass man, z. B. bei einer oberflächlichen Betrachtung im Sinne der SignaturenlehreSignaturenlehre, aus einer Formenähnlichkeit auf eine spezifische Heilwirkung schließt, ohne diese belegen zu können (2.2).
Die modernen Naturwissenschaften liefern sehr viel gesichertes Wissen über eine Substanz und die mit ihr verbundenen Prozesse, sodass man auch diese weiterführenden Informationen zur tieferen Erkenntnis der Arzneiwirkung verwenden kann. Willibald Gawlik (2012)Gawlik, Willibald beschreibt neben der Substanz als quantitativ bestimmbarem und fassbarem Ausgangsstoff das Wesen der Arznei, so wie es sich in seinen Auswirkungen darstellt, als nicht messbare Qualität, aber als bedeutsame, erfahrbare Information.

Kollektive Arzneiwirksamkeit

Arzneiwirksamkeit, kollektiveEntsteht ein Kontakt einer arzneilich wirksamen Substanz mit einem größeren Kollektiv, entstehen weichere Prüfungssymptome, die aber ebenfalls wichtige Informationen für die Arzneifindung liefern können.
Als einfachste Anwendung finden wir die volksmedizinische Verwendung und den rituellen Gebrauch, die oft zentrale Aspekte der Arzneiwirksamkeit auf dem Boden langjähriger Erfahrung und Erprobung erkennen lassen. Einige Arzneien, z. B. viele Metalle (wie Eisen, Gold und Silber) oder bedeutsame Heil- und Mysterienpflanzen (wie Mohn, Mistel, Weihrauch und die Nachtschattengewächse) haben Geschichte geschrieben, Kulturen mitgeprägt oder sich in den großen Bildern des kollektiven Unterbewusstseins, den Mythen und Märchen, ganz spezifisch niedergeschlagen. Die Auseinandersetzung mit dem auf diesen Wegen gesammelten Wissen kann das Verständnis eines homöopathischen Arzneimittelbildes vertiefen und Hinweise auf die Entwicklungs- und Krankheitsprozesse geben, die mit einer Arznei verbunden sind. Schließlich können aber auch Geschichten und Beschreibungen von Begegnungen mit einer Substanz aus der belletristischen Literatur zur Abrundung eines Arzneimittelbildes beitragen, weil sie oft unmittelbarer Ausdruck einer Arzneiwirkung sind (Tab. 5.2).
Die kollektiv erhobenen Arzneiinformationen sind für sich genommen nicht für die Arzneifindung verwertbar, sondern benötigen als Basis den Bezugsrahmen aus Arzneimittelprüfung, Toxikologie und therapeutischer Erfahrung.

Ausführliches Arzneimittelbild am Beispiel von Belladonna

BelladonnaZur Veranschaulichung wird im Folgenden das Arzneimittelbild von Belladonna (HAB: Atropa belladonna, Tollkirsche) mit den wichtigsten flankierenden Informationen beschrieben. Dies kann hier allein schon aus Platzgründen nicht vollständig sein, da von Belladonna mehrere Tausend Symptome in den Repertorien verzeichnet sind. Deshalb stehen bei dieser Darstellung von Belladonna bedeutsame Symptome und Leitsymptome im Mittelpunkt.

Etymologie

Etymologie, ArzneisubstanzDer Name „Tollkirsche“Tollkirsche verweist – wie viele andere Namen im Volksmund – auf die bewusstseinsverändernde, verrücktmachende oder gar teuflische Wirkung des Gewächses. Der botanische Name ist zurückzuführen auf die bei HesiodHesiod („Theogonie“) zum ersten Mal namentlich erwähnten Moiren (griech. „moira“ = Teil, Anteil), denen die Bestimmung des Ablaufs der Ereignisse im menschlichen Leben zugeschrieben wurde: Clotho, die Spinnerin, Lachesis, die Zuteilerin, und schließlich Atropos, die Unabwendbare. Ihre Aufgaben waren das Spinnen (Clotho), das Zuteilen (Lachesis) und das Abschneiden (Atropos) des Lebensfadens, wobei Atropos oft als die beste und älteste, aber auch als die kleinste und schrecklichste der Schicksalsgöttinnen beschrieben wird. Diese Gestalten waren so mächtige Schicksalsgottheiten, dass sich einigen Überlieferungen zufolge sogar die Götter des Olymp ihrem Schicksalsspruch fügen mussten und ihn nur unter erheblichem Aufwand und List beugen konnten.
Belladonna als Beiname wird von Matthiolus zum ersten Mal erwähnt und bedeutet wörtlich „schöne Frau“. Dies wird von ihm und in der Folge auch von anderen Autoren damit erklärt, daß Frauen (mitunter eines bestimmten Gewerbes) sich den Saft in die Augen träufelten, um schöner zu erscheinen, denn große, schwarze Pupillen gehörten damals zum Schönheitsideal. Atropinderivate werden auch heute noch als Mydriatikum verwendet. Willy Schrödter (1957)Schrödter, Willy weist aber auch darauf hin, dass man in dieser Zeit die „Mägde des schwarzen Engels“ aus Angst und Respekt mit den Namen „schöne Frau“, „gute Frau“ etc. umschrieben habe.
Christian Rätsch (1998)Rätsch, Christian hingegen führt auch Quellen auf, die sich auf Bellona, eine pontische Göttin, beziehen, bei deren Verehrung in Zeremonien und Ritualen von den ihr geweihten, beschnittenen, eunuchenhaften Priestern Tollkirschensaft getrunken worden sei.

Pflanzenfamilie und Pflanze

Die Tollkirsche (Abb. 5.1) gehört zur Pflanzenfamilie der Nachtschattengewächse (SolanaceaeSolanaceae), die mit über 2 300 Arten in fast allen Regionen der Erde vorkommen, wobei Mittel- und Südamerika eine der Hauptwachstumsregionen ist. Je näher man den arktischen Gebieten kommt, desto seltener tritt die Tollkirsche auf. Sie kommt als Langtagespflanze erst zur Blüte, wenn sie über einen bestimmten Zeitraum ausreichend lange Tageslicht bekommt. Es finden sich in der Untergruppe der tropanalkaloidhaltigen Nachtschattengewächse viele Gifte und Narkotika, u. a. viele Nahrungs- und Nutzpflanzen (3.1.1, Tab. 3.2). Die Tollkirsche ist eine strauchartige Staude, die bevorzugt im Halbschatten, an Waldrändern, Lichtungen und im Unterholz auf kalkhaltigem Boden wächst. Sie kann als Lichtkeimer nur unter Lichteinwirkung keimen, benötigt in der Wachstumsphase ausreichende Wasserzufuhr und hat nur eine erstaunlich kleine Wurzel – im Verhältnis zur restlichen Pflanze. Wird sie einmal ausgerissen oder wird ein Zweig abgebrochen, welkt sie sofort und ist auch mit erneuter Wasserzufuhr nicht zu retten. Aus der kleinen Wurzel wächst der Haupttrieb, dessen Wachstum oft schon nach wenigen Zentimetern bis einem halben Meter durch das Auftreten der ersten Blüte ein Ende gesetzt wird. Nun bilden sich Seitentriebe, die wiederum durch den bald einsetzenden Blühprozess im Wachstum gebremst werden. Die 2,5–3,5 Zentimeter großen, braun-violetten Blüten verbergen sich lichtabgewandt unter einem Blatt und drehen sich erst mit der Fruchtreifung langsam nach oben. Die etwa 1 Zentimeter große, schwarz-violette reife Frucht erinnert entfernt an ein Auge und enthält zahlreiche kleine, nieren- bis eiförmige Samen. Im Volksmund werden die Früchte wegen ihres Aussehens auch „Teufelsaugen“ genannt. Den höchsten Alkaloidgehalt aller Pflanzenteile weisen die Blätter auf, gefolgt von den Wurzeln.
Aus der Pflanzenbetrachtung lässt sich als Spiegel der Arzneiwirkung bereits der starke Bezug zu Licht und Dunkelheit erkennen sowie – wegen des Wachsens auf kalkhaltigen Böden – der Arzneibezug als Akutarznei zu Calcium carbonicum (5.2.5).
In der Homöopathie wird die ganze, am Ende der Blütezeit gesammelte Pflanze für die Arzneiherstellung verwendet.

Toxikologie

ToxikologieBelladonnaAls Hauptwirkstoffe finden sich in der Tollkirsche die beiden Alkaloide S-Hyoscyamin (Atropin)S-Hyoscyamin (Atropin) Atropin (S-Hyoscyamin)(Abb. 5.2) und S-ScopolaminS-Scopolamin (Abb. 5.3). Beides sind Parasympathikolytika und wirken als kompetitive Antagonisten des Acetylcholins am Muscarinrezeptor. Diese Alkaloide wirken als Mydriatikum und Spasmolytikum und rufen eine Reduktion der Sekretion der Tränen-, Speichel- und Schweißdrüsen sowie der Drüsen des Verdauungstrakts hervor. In niedrigeren Dosierungen wirken sie stimulierend auf Herz, Atmung und Zentralnervensystem, in höheren Dosierungen lähmend bis zum Tod durch eine zentrale Atemlähmung. Die Herzfrequenz wird gesteigert, nach anfänglichen Gefäßspasmen entspannen die Adern, und es kommt zur kongestiven Stauung. Die Haut wird heiß, trocken und rot. Auf der Ebene des Zentralnervensystems rufen die Gifte eine zunehmende Überempfindlichkeit aller Sinne und im weiteren Verlauf Erregungszustände, Halluzinationen und Delirien hervor, denen bei ausreichend hoher Dosierung eine tiefe Bewusstlosigkeit folgt. Je nach Alkaloidgehalt können bereits 3–15 reife Beeren für einen Erwachsenen tödlich sein.

Volksmedizinische und rituelle Verwendung

Volksmedizin, BelladonnaVerschiedene Hinweise finden sich bereits im Altertum, sichere Belege für eine medizinische Verwendung der Tollkirsche gibt es aber erst bei Hildegard von BingenHildegard von Bingen und später bei ParacelsusParacelsus. Auch wird die Tollkirsche in den Kräuterbüchern der frühen Neuzeit ab dem 14. Jahrhundert erwähnt, dort aber oft schon mit einem Hinweis auf die große Giftigkeit der Substanz. Sie fand v. a. medizinisch in der Behandlung von Entzündungen, zur Schmerzstillung, als Hypnotikum und zur Behandlung von Durchfällen Verwendung. Auch wurde sie zur Vertreibung von Dämonen im Sinne einer Behandlung schwerer psychischer Störungen wie Depressionen und Psychosen eingesetzt. Rituell wurde die Tollkirsche aber auch umgekehrt eingesetzt, um veränderte Bewusstseins- und Rauschzustände zu erzeugen, was sich schon die alten Germanen zunutze machten. Insbesondere wird die Tollkirsche immer wieder auch als Hexenkraut, als Bestandteil von Hexen- und Flugsalben erwähnt, was die Nähe der psychoaktiv-magischen Wirkung zum Teufelskraut gut dokumentiert und damit auch das Wirkungsspektrum des Arzneimittelbildes von Belladonna umfasst.

Grundzüge des homöopathischen Arzneimittelbildes

BelladonnaArzneimittelbildKopf-zu-Fuß-SchemaBelladonna(Quellen s. u. Literatur)
Allgemeines
Belladonna-Zustände treten meist schnell und mit großer Heftigkeit auf und verschwinden oft ebenso schnell. Dies betrifft hauptsächlich das Fieber, das mit einer großen Hitze und Schmerzen verbunden sein kann. Belladonna ist eines der wichtigsten Fiebermittel bei Kindern und in Frühstadien von Infekten, wenn der Krankheitsbeginn mit hohem Fieber und schnellem Anstieg einhergeht. Meist ist damit auch eine Gefäßkongestion mit Röte, Pulsieren und Brennen verbunden, fast ein Spezifikum für Scharlach.
Im gesunden Zustand sind Menschen, die akut oder konstitutionell Belladonna benötigen, oft vitale, kräftige und lebhafte Menschen, extrovertiert und mit sehr offener Wahrnehmung bis hin zur schnellen Überreizbarkeit. Hauptwirkbereiche sind das Zentralnerven- und das Gefäßsystem, die Haut sowie glatte Muskulatur und Drüsen.
Geist und Gemüt
Große Überempfindlichkeit aller Sinne: gegen Licht, Geräusche, Geschmack und insbesondere gegen Erschütterung und Berührung. Leicht zu beeindrucken, wirkt offen, extrovertiert und reagiert schnell und intensiv auf Reize und Geschehnisse in der Umgebung. In Verbindung mit Hirnkongestion und -reizung große Heftigkeit aller Reaktionen: Halluzinationen, wildes, gewalttätiges Delir bis zum Krampfanfall. Sieht Geister, Dämonen, wilde Tiere und Insekten und wähnt, selbst ein wildes Tier zu sein. Auch Verfolgungs- und Vergiftungswahn; als Reaktion darauf tobt und rast er; Verlangen zu treten, zu schlagen und zu beißen und entwickelt dabei teils ungeheure Kräfte. Säufer- und Alkoholentzugsdelir. Will fliehen und versteckt sich. Kann zwischen frohem, offenem Zustand und gewalttätigem Delir schnell hin- und herwechseln, sodass der Eindruck entsteht, er sei mal ein Engel, manchmal ein Teufel. Beschwerden durch Überreizung, Erregung, Schreck, Zorn und Kummer.
Kopf
Völle-, Schweregefühl; heißer, roter Kopf mit berstenden oder pulsierenden Kopfschmerzen (v. a. im Stirnbereich), klopfenden Karotiden, Benommenheitsgefühl und Schwindel, der durch Bewegung und Erschütterung schlimmer wird. Besser durch halbaufrechtes Hinlegen, Druck, Rückwärtsbeugen und Wärme (v. a. neuralgische Kopfschmerzen). Frische Luft und Kühlung helfen nicht. Bohrt den Kopf ins Kissen. Beschwerden durch Haareschneiden, Verkühlung und Nasswerden des Kopfes und Sonnenhitze.
Augen
Starrer, stierer Blick, erweiterte Pupillen, besonders bei Fieber. Trockenheit, Brennen und Rötung der Konjunktiven, Lichtscheu. Stauung und Vergrößerungsgefühl der Augen, als würden sie nach vorne herausgedrückt.
Ohren
Pulsierender, klopfender Schmerz im Ohr mit hochrotem Trommelfell; Mittelohrentzündung. Sehr geräuschempfindlich.
Nase
Rot, geschwollen, Nasenbluten. Schleimhäute trocken mit Kitzeln und Niesen. Flüssiger Schnupfen, Schleim kann mit Blut vermischt sein. Große Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen, insbesondere gegenüber Tabak, oder völliger Verlust des Geruchsinnes.
Mund
Trocken. Zunge rot und geschwollen, Erdbeerzunge. Sprechen und Schlucken erschwert. Pulsierende Zahnschmerzen, schlimmer durch kaltes Trinken. Zähneknirschen. Zahnungsbeschwerden, Zahnfleischentzündung.
Hals
Rot und trocken. Mandeln entzündet und geschwollen, eher rechtsseitig. Einschnürungsgefühl mit erschwertem Schlucken. Trotzdem ständige Schluckneigung, kratzendes Gefühl im Hals bis hin zu Krämpfen in der Kehle beim Schlucken, Schlundkrämpfe. Kehlkopf sehr schmerzhaft, Fremdkörpergefühl beim Husten, aber auch schmerzlose Heiserkeit. Schwellung der Hals- und Nackendrüsen. Schilddrüsenüberfunktion, M. Basedow.
Magen
Krampfartige und brennende Schmerzen. Appetitlosigkeit mit starker Abneigung gegen Milch und Fleisch bis hin zu starkem Erbrechen mit krampfhaftem Würgen. Großes Verlangen nach kalten Flüssigkeiten, aber auch Abscheu vor Flüssigkeiten und – wegen der Spasmen – Angst vor dem Trinken. Verlangen nach Saurem, Zitronen oder Limonade.
Abdomen
Aufgetrieben und schmerzhaft bei Berührung und Erschütterung. Colon transversum kissenartig gebläht mit krampfartigen Schmerzen, besser durch Zusammenkrümmen, aber auch durch Rückwärtsbeugen. Schneidende und stichartige Schmerzen durch den Leib, die plötzlich auftreten und genauso schnell wieder vergehen, um kurz darauf erneut aufzutreten. Nabel- und Gallenkoliken. Häufige Durchfälle, grün, aber auch blutig. Stechende und krampfartige Schmerzen im Rektum.
Urogenitalorgane
Harnwegsinfekte mit ständigem Harndrang mit reichlichem, hellem Harn. Urin kann aber auch spärlich, dunkel und trübe sein. Krämpfe und Brennen beim Urinieren. Harnverhaltung, Prostatahypertrophie. Libido vermindert.
Menses zu früh, heiß, hellrot und übel riechend. Herabdrängen, als ob die inneren Teile heraustreten wollten, Ziehen im Lendengebiet und Rückenschmerzen. Trockenheit der Vaginalschleimhäute.
Brust
Schleimhäute der Atemwege trocken, mit kitzelndem, trockenem, krampfartigem und hohlem Husten. Keuchhusten und asthmatische Beschwerden. Bellender, schmerzhafter Husten, Stiche in der Brust beim Husten.
Brüste hart und rot mit Schweregefühl, Brustentzündung mit pulsierenden Schmerzen. Heftiges Herzklopfen mit schnellem, entweder kräftigem oder schwachem Puls. Pulsieren im ganzen Körper.
Rücken und Extremitäten
Muskelkrämpfe, lähmungsartige Schwäche und schießende Schmerzen in den Extremitäten. Gelenke rot und geschwollen, davon abgehend rot ausstrahlende Streifen. Arthritis und Gicht. Kalte Extremitäten bei heißem Kopf. Rückenschmerzen, wie zerbrochen, Lumbago, Erschütterungen verschlechtern.
Haut
Heiß und trocken, hellrot. Röte und Blässe im Wechsel, scharlachartige Ausschläge, glatt und rot, rote bis im Verlauf dunkelrote Flecken und Pusteln. Furunkel und Erysipel. Sonnenbrand. Starke Schweißneigung bei geringster Anstrengung: nachts, im Bett an bedeckten Teilen.
Schlaf
Ruhelos mit schweren Träumen, schreckt schreiend aus dem Schlaf hoch. Kann nicht einschlafen trotz Benommenheit und Schläfrigkeit. Krämpfe im Schlaf, Zähneknirschen und Kopfrollen. Schläft mit rückwärts gezogenem Kopf oder mit den Händen unter dem Kopf, am liebsten mit leicht erhöhtem Oberkörper.
Fieber
Hohes Fieber mit brennender, dampfender Hitze. Friert beim Fiebern und Schwitzen, Wärme bessert. Durstlos beim Fieber.
Causae
Beschwerden durch Schreck, Schock, Kränkung und Ärger. Große Empfindlichkeit des Kopfes mit Beschwerden durch Nass- oder Kaltwerden und Haareschneiden. Sonnenbrand und -stich.
Modalitäten
Modalitäten, BelladonnaSchlimmer: Berührung, Erschütterung, Geräusche, Licht, Bewegung. Unterdrückter Schweiß. Nach Unterkühlung, kalter Wind, Zugluft, Haareschneiden, Sonnenhitze. Abends und Nachts. Kopfbeschwerden durch Nach-vorne-Beugen, Bücken, Hinlegen. Husten. Hängenlassen der Glieder. Kalte Anwendungen, nach dem Schlafen.
Besser: Ruhe, dunkles, warmes Zimmer, halbhoch gelagert, leicht zugedeckt. Nach-hinten-Beugen, Stehen und aufrechtes Sitzen. Hitze und warme Anwendungen.

Mythologie und Märchen

Mythologie, BelladonnaMärchen, BelladonnaIn der griechischen Mythologie findet sich die Europa-Sage, die das Arzneimittelbild von Belladonna sehr deutlich wiedergibt. Die wichtigsten Symptome werden hier deshalb anhand dieser Geschichte in Klammern wiedergegeben. Die erste Zahl in der eckigen Klammer bezeichnet die Wertigkeit im Repertorium, die zweite die Anzahl der Arzneien in der Rubrik.
Europa träumt in den Stunden nach Mitternacht von zwei Weltteilen, die ihr in Frauengestalt erscheinen und sich darum streiten, sie zu besitzen (WahnideeWahnidee, sieht Gestalten; Gesichter; Wahnidee, geteilt in zwei Teile oder in zwei Teile zerschnitten [1/3]; Wahnidee, der Körper sei in zwei Teile durchgeschnitten [2/3]). Schließlich wird sie von der ihr unbekannten Gestalt hinfortgezogen und geraubt (Wahnidee, würde gefangen genommen [1/1]; Wahnidee, werde vom Teufel geholt werden [1/3]). Nach diesem Traum (Träume, visionär) wacht sie mit Herzklopfen auf (Herzklopfen nach Erregung; Schlaf gestört durch schreckliche Visionen, durch Wahnideen; Schlaf, Erwachen wie durch Schreck; durch Träume erschreckt [1/8]) und starrt vor sich hin (Auge, Starren, beim Erwachen [1/5]) und rätselt über die Bedeutung des langsam verblassenden Traums.
Als der Morgen herangekommen ist, begibt sich Europa mit ihren Gespielinnen in ausgelassener Stimmung zu den blumenreichen Wiesen in Meeresnähe (Ausgelassenheit [2/18]; froh, mit Tanzen, Lachen, Singen [2/6]; naiv [2/4]), wo Zeus sie erblickt und, von den Pfeilen der Liebesgöttin getroffen, sich in sie verliebt. Um sie zu gewinnen, wendet er eine List an: Er verwandelt sich in einen herrlichen Stier und verleitet Europa, auf ihm Platz zu nehmen (Wahnidee, von Stieren; als reite er auf einem Ochsen [G. H. G. Jahr]; aber auch: leichtgläubig [2/4]; frivol [1/14] im Sinne Sehgals, der diese Rubrik bei unbedachtem, vorschnellem bzw. leichtfertigem Handeln benutzt). Kaum sitzt Europa auf ihm, entfernt er sich immer schneller, springt schließlich ins Meer und entführt sie (abgesehen von den oben bereits erwähnten Rubriken: Wahnidee, er befinde sich auf einer Reise; von Reisen [2/2]; Visionen, Vorstellungen, Träume vom Laufen, Gehen, Fliegen und Schwimmen). Nach eineinhalbtägiger Reise erreichen sie gegen Abend die Insel Kreta, wo der Stier Europa absetzt und verschwindet. An seine Stelle tritt ein herrlicher, gottgleicher Mann und bietet ihr seinen Schutz an, sofern er durch ihren Besitz beglückt würde. In ihrer Verlassenheit willigt Europa ein, und Zeus hatte das Ziel seiner Wünsche erreicht.
Am nächsten Morgen erwacht Europa „aus langer Betäubung“, einsam und verwirrt und sucht ihre Heimat (Wahnidee, sei weg von zu Hause; Verlangen nach Hause zu gehen; zu fliehen; fliehen, versucht zu) und versucht, sich ihre Erlebnisse zu erklären (Verlangen nach Licht). Zunächst hält sie alles noch für einen Traum, gerät aber in Raserei (Raserei), als sie die Wirklichkeit ihrer Situation erkennt, und wünscht sich, den Stier zu zerfleischen (zerreißt Dinge [3]). Doch schnell erkennt sie die Unmöglichkeit ihres Wunsches, realisiert, was geschehen ist, und wünscht sich den Tod herbei (Wahnidee, die Zeit zum Sterben sei gekommen; Raserei, wünscht sich den Tod, möchte sterben [1/1]; Tod, wünscht sich den Tod vor Angst [1/1]; aus qualvoller Angst [1/1]; beim Gehen im Freien [1/1]). Die Lage ist unerträglich für Europa (Verlangen, [schnell] getragen zu werden), als Aphrodite erscheint, ihr das Vorgefallene erklärt und ihr bedeutet, dass der Erdteil, auf dem sie abgesetzt worden sei, von nun an ihren Namen trägt.
In ähnlich klarer Weise findet sich das Arzneimittelbild von Belladonna auch in Goethes „Erlkönig“ und in dem Märchen „Der Trommler“ der Gebrüder Grimm.

Verschiedene Wege der Arzneibetrachtung

ArzneibetrachtungAuf dem einfachsten und ursprünglichsten Weg, sich einer Arznei anzunähern, werden einfach nur die in Prüfung, Vergiftung und klinischer Bestätigung gefundenen Symptome (5.1.1) möglichst in ihrem Originalwortlaut nach dem Kopf-zu-Fuß-SchemaKopf-zu-Fuß-Schema aufgelistet. Dieses Vorgehen wurde von HahnemannHahnemann, Samuel und seinen direkten Schülern verwendet, und die so entstandenen Symptomenreihen wurden in den ersten Arzneimittellehren zusammengefasst. Da diese Symptomsammlungen aber umständlich zu handhaben und die einzelnen Symptome kaum miteinander in Beziehung zu bringen sind, wurden im Laufe der Zeit verschiedene Vereinfachungen entwickelt. Zum Zweck der besseren Repertorisierbarkeit wurden die Symptome meist zerteilt und auf Kernsymptome reduziert oder verallgemeinert. Dass diese Methode sinnvoll sein kann, zeigt beispielsweise die positive Rezeption des „Therapeutischen Taschenbuchs“ von BönninghausenBönninghausen, Clemens von, der diesen Ansatz als Erster konsequent verfolgte. In ähnlicher Weise kann auch das Symptomenlexikon nach Hahnemann (Plate 2004) mit den ursprünglichen Symptomen eingesetzt werden.
Um sich näher mit den verschiedenen Möglichkeiten, homöopathische Arzneimittelbilder darzustellen, auseinanderzusetzen, empfiehlt es sich, die Darstellungen unterschiedlicher Autoren zu studieren, z. B. Hahnemann, Kent, Phatak, Leeser, Stübler (s. u.). Hierbei kann zwischen primären ArzneimittellehrenArzneimittellehreprimäre/sekundäre, die meist nur die Prüfungs- und Bestätigungssymptome und Toxikologie auflisten, und sekundären unterschieden werden, die aus teilweise verschiedenen Prüfungen und Darstellungen unter Einbeziehung der eigenen Behandlungs- und Lehrerfahrung der Autoren das Bild einer Arznei aufzeigen.
So setzte später KentKent, James Tyler aus überwiegend didaktischen Gründen die Symptome enger zueinander in Beziehung und prägte den Begriff des „Arzneimittelbildes“Arzneimittelbild. Er beschrieb die Arzneien, als ob die jeweiligen Zeichen zu einer fiktiven Person gehörten, was in der Folge wesentlich zur Entwicklung teilweise klischeehafter ArzneipersönlichkeitenArzneipersönlichkeit beitrug. Dass diese Typisierung aber auch das Verständnis eines Arzneimittelbildes sehr vertiefen kann, demonstrierte GawlikGawlik, Willibald mit seinen PersönlichkeitsporträtsPersönlichkeitsporträts, Arznei in eindrucksvoller Weise (Gawlik 2012). Hierbei sollte man sich aber vor Augen halten, dass beispielsweise die PolychrestePolychrest mit vielen tausend Symptomen aufgelistet sind, wir aber nur selten einen Kranken finden werden, der mehr als 10–20 davon aufweist, was nur einen kleinen Ausschnitt darstellt und nicht immer das typische Bild in klar erkennbarer Form wiedergibt.
Die Darstellung von ArzneipersönlichkeitenArzneipersönlichkeit führte aber auch dazu, dass viele Autoren die Symptome einer Arznei untereinander in Beziehung setzten und ein psychologisches ArzneikonzeptArzneikonzept, psychologisches entwarfen. Diese Konzeptbildung hat den Vorteil, dass der einer Arznei eigene Krankheitsprozess besser sichtbar wird. Da die psychologischen Zusammenhänge tatsächlich nur beim einzelnen Kranken zu beobachten sind, liegt der große Nachteil darin, dass die unreflektierte Übertragung auf ein Arzneimittelbild eine Verallgemeinerung und Übertragung auf ein Abstraktes darstellt, die das Erkennen einer geeigneten Arznei beim vergleichenden Arzneimittelstudium sehr erschweren kann. Aus diesem Grund lehnt ein Teil der Homöopathen das Konzept „Arzneimittelbild“Arzneimittelbild zugunsten von reinen Symptomsammlungen gänzlich ab (z. B. Seideneder 2000, „Mitteldetails“).
Auch das Hinzuziehen von Informationen, die über die Arzneimittelprüfung hinausgehen, ist in der Geschichte der Homöopathie immer wieder Gegenstand von Auseinandersetzungen gewesen. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist der „Organon“-Paragraf 144: „Von einer solchen Arzneimittellehre sollte alles Vermutete, bloß Behauptete oder sogar Erdichtete ausgeschlossen sein. Alles hat reine Sprache der sorgfältig und redlich befragten Natur zu sein.“ HahnemannHahnemann, Samuel wendet sich gegen die vielen spekulativen Medizinsysteme seiner Zeit und grenzt sich zu Recht dagegen ab. Allerdings lässt sich aus dieser Forderung keinesfalls logisch ableiten, dass nicht auch noch auf anderem Weg als bei einer Arzneimittelprüfung gewonnene Informationen für die homöopathische Behandlung wertvolle und genaue Hinweise geben, sofern man sie nur sehr gewissenhaft erhebt. Viele neuere Strömungen bieten recht gute Beispiele für die Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens, z. B. die Arbeiten von Jan Scholten (1994, 1997), Rajan Sankaran (1995, 2003) und Massimo Mangialavori (2000) (12.5.7).
Eine weitere Art, mit den erhobenen Symptomen und Informationen umzugehen, ist eine analytische Betrachtung durch Ordnen von Symptomen in GruppenSymptomeGruppen mit ähnlichen oder zusammengehörigen Symptomen (z. B. Masi-Elizalde 1993, Mangialavori 2000), um Themen herauszuarbeiten oder lediglich einen ausgewählten Teil der bekannten Symptome unter einem besonderen Gesichtspunkt zu fokussieren. Der indische Homöopath Sehgal (2001)Sehgal, M. L. (12.5.6) benutzt beispielsweise nur die Geistes- und Gemütssymptome für die Arzneifindung. Miasmatisch orientierte Schulen hingegen verwenden oft nur die Symptome bei der Arzneiwahl, die aus ihrer Sicht einem MiasmaMiasmaArzneimittelbild (10.3.3) klar zuzuordnen sind. Viele dieser Schulen arbeiten dabei besondere Aspekte der einzelnen Arzneien genau heraus und tragen somit zur besseren Erfassbarkeit und zum tieferen Verständnis einer Arzneiwirksamkeit bei.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass auf ganz verschiedenen Wegen bedeutsame Informationen über eine Arzneisubstanz und ihre Wirkungen am Menschen gewonnen werden können, deren Wert sich aber nicht in theoretischen Auseinandersetzungen, sondern ausschließlich in der Praxis zeigen kann.

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