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Homöopathie in Praxis und Klinik

Christian Lucae

mit Beiträgen von

Jörn Dahler

(14.1)

Michael Teut

(14.3)

Ulrich Koch

(14.4)
  • 14.1

    Homöopathie in der allgemeinmedizinischen Praxis252

  • 14.2

    Homöopathie in der Kinderklinik254

  • 14.3

    Homöopathie in der Geriatrie257

  • 14.4

    Homöopathie in der psychiatrischen Ambulanz259

Dieses Kapitel bietet Einblicke in verschiedene Berufsfelder homöopathisch arbeitender Ärzte in Deutschland. Um die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche in Klinik und Praxis zu beleuchten, wurden Erfahrungsberichte gesammelt, die das Spektrum derzeit möglicher Berufsfelder abbilden. Die eingestreuten Kasuistiken können dem Leser helfen, sich in die praktische, alltägliche Arbeit des homöopathischen Arztes hineinzuversetzen und konkrete Berufsperspektiven zu gewinnen.

Homöopathie wird in Deutschland hauptsächlich von niedergelassenen Ärzten und Heilpraktikern angewendet (14.1). Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) zählt derzeit rund 3 500 Mitglieder. Homöopathische Ärzte arbeiten sowohl in der Kassenpraxis als auch in der Privatpraxis. Die Arbeitsbedingungen unterscheiden sich erheblich: Die Palette reicht von der klassischen Einzelpraxis über die Gemeinschaftspraxis, das homöopathische Praxiszentrum bis hin zum modernen medizinischen Versorgungszentrum. Die Homöopathie kann entweder als einzige Heilmethode ausgeübt werden oder im Rahmen eines komplementärmedizinischen Konzepts zusammen mit anderen Methoden (z. B. Akupunktur), als Begleittherapie neben schulmedizinischen Anwendungen oder als Gelegenheitsverschreibung bei ausgewählten Patienten. Da es keine Facharztbezeichnung für Homöopathie gibt, sind homöopathische Ärzte nur an der Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ zu erkennen. Neuere Ergebnisse aus der epidemiologischen Forschung (13) haben dazu geführt, dass die Akzeptanz der Homöopathie innerhalb des Gesundheitssystems gestiegen ist (Becker-Witt 2004, Witt 2005). Für Heilpraktiker gelten andere Bedingungen als für die Ärzte. Die Zulassung als Heilpraktiker ist Voraussetzung für die Ausübung der Homöopathie, eine homöopathische Ausbildung kann über die homöopathischen Heilpraktikerverbände geleistet werden.

Die Entstehung rein homöopathisch ausgerichteter Krankenhäuser im 19. und 20. Jahrhundert ist mittlerweile unter verschiedenen Aspekten medizinhistorisch aufgearbeitet worden (12). Die klinische Geschichte der Homöopathie beginnt – wie so oft in der Homöopathie – mit heftigen Auseinandersetzungen und Grabenkämpfen: Samuel Hahnemann schaltete sich während der Gründungsphase des ersten homöopathischen Krankenhauses in Leipzig 1833 in die Diskussion ein und bezeichnete den ersten Direktor des Krankenhauses, Moritz Müller, als „Bastardhomöopathen“ – letztlich von der Sorge getrieben, die in der Klinik angewendete Homöopathie würde nicht den im „Organon der Heilkunst“ entworfenen Vorschriften entsprechen. Das 19. Jahrhundert erlebte zahlreiche weitere erfolglose Versuche, homöopathische Krankenhäuser in Deutschland dauerhaft zu etablieren.

Bislang bestand nur an wenigen Krankenhäusern die Möglichkeit, offiziell homöopathisch zu behandeln. In den vergangenen Jahren ist jedoch vonseiten konventioneller Krankenhäuser ein zunehmendes Interesse zu verzeichnen, Homöopathie als zusätzliche Therapiemethode im Klinikalltag anzubieten. Ein Beispiel, wie Homöopathie erfolgreich in eine konventionelle Klinik integriert werden kann, ist das Modellprojekt „Homöopathie in der Pädiatrie“ im Münchner Dr. von Haunerschen Kinderspital (14.2), wo die Homöopathie bereits seit 1995 angeboten wird und mittlerweile fester Bestandteil des therapeutischen Angebots ist (Lüdtke et al. 2001; Kruse, Dorcsi-Ulrich und Lucae 2006). Auch in anderen Krankenhäusern wie der Fachklinik Hofheim (14.4) hat die Homöopathie Fuß gefasst.

Homöopathie in der allgemeinmedizinischen Praxis

Rahmenbedingungen
HomöopathieKassenpraxisAllgemeinmedizinTherapieallgemeinmedizinischeVorgeschichte: Im Anschluss an die Weiterbildungsabschnitte in der Inneren Medizin, Psychosomatik und Unfall- und Allgemeinchirurgie von 2007 bis 2011 fünfjährige Anstellung als Weiterbildungsassistent und Facharzt in einer Kassenpraxis für Allgemeinmedizin und Homöopathie (Patientenstamm: ca. 1 300 Kassenpatienten plus Privat- und BG-[Berufsgenossenschafts-]Patienten pro Quartal). Die Praxis nimmt seit 2006 an der integrierten Versorgung mit Betriebskrankenkassen und Innungskrankenkassen teil. Der IV-Vertrag „Homöopathie“IV-Vertrag \„Homöopathie\“ Versorgung, integriertebeinhaltet Ziffern für die homöopathische Tätigkeit (Erstgespräch, Folgegespräche unterschiedlicher Länge, Fallanalyse, Repertorisation). Es gibt in Deutschland zahlreiche allgemeinmedizinische Arztpraxen, in denen angestellte Ärzte homöopathisch arbeiten können. Adressen von Fachärzten für Allgemeinmedizin mit der Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ sind beim Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte auf Nachfrage erhältlich.
Arbeitsbedingungen
Die 40-Stunden-Woche beinhaltet hausärztliche Tätigkeit mit Sprechstunde, kleiner Chirurgie bei Unfällen, Hausbesuchen und Betreuung eines Altersheims. Zusätzlich zur allgemeinmedizinischen Versorgung wurden durchschnittlich ein- bis zweimal pro Woche homöopathische Anamnesen von ca. 90 Minuten Dauer durchgeführt (ca. 50 Erstanamnesen pro Jahr).
Praktische Vorgehensweise
In der Sprechstunde werden pro Patient ca. 10–15 Minuten Zeit veranschlagt. Nachdem der Patient seine Beschwerden geschildert hat, werden ergänzende Fragen gestellt. Dann erfolgt die körperliche Untersuchung. Bietet sich eine homöopathische Therapie an (dies ist bei den meisten Patienten der Fall), erfolgt eine Repertorisation. In erster Linie wird das Repertorium von Phatak verwendet, seltener – bei unzureichendem Ergebnis – wird per Mercurius-Computerprogramm im Complete-Repertorium weitergesucht. Anschließend wird dem Patienten die Arznei verabreicht und ggf. noch eine Reserve für zu Hause mitgegeben.
Zwei Extratermine pro Woche sind für ca. 90-minütige Anamnesen reserviert. Die Termine werden langfristig vergeben. Fallanalyse und Repertorisation erfolgen im Laufe der darauf folgenden Woche. Die verwendete Methodik variiert je nach Fall zwischen Boger- und Kent- bzw. Candegabe/Carrara-Methode. Nach einer weiteren Woche erfolgt ein erneuter Patientenkontakt. Bei diesem Termin wird dem Patienten die Arznei verabreicht und wird das weitere Vorgehen besprochen. Patienten mit weitem Anfahrtsweg werden telefonisch beraten.
Patienten und Diagnosen
Kassen- und Privatpatienten mit einem für eine allgemeinmedizinische Praxis hohen Anteil an Kindern (> 50 %). Der Grund für die hohe Zahl pädiatrischer Patienten ist die homöopathische Ausrichtung der Praxis.
Auswahl vorwiegend homöopathisch behandelter Krankheitsbilder
  • Akute Infekte der Atemwege, Ohren, Augen, Harnblase und des Gastrointestinaltrakts

  • Begleitende Therapie bei unfallchirurgischen Krankheitsbildern

  • Atopische Erkrankungen wie Pollinose, Asthma bronchiale, Urtikaria, Neurodermitis

  • Psychosomatische und psychiatrische Krankheitsbilder wie Enuresis, Prüfungsangst, Anpassungsstörungen, Panikstörung, leicht- bis mittelgradige Depressionen, bipolare Störungen, Dysthymia, Erschöpfungszustände, Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern

  • Infektanfälligkeit, Ekzeme, Migräne, Colon irritabile

  • Colitis ulcerosa, rheumatoide Arthritis

  • Nachbehandlung bei Brust- und Prostatakrebs

Fallbeispiel 14.1: 3½ Jahre alter Junge. Akute Erkrankung, Gastroenteritis

Fallbeispiel Gastroenteritis Anamnese und Untersuchung
Durchfall wie Wasser seit 2 Tagen. Perenterol® (Hefebakterien) und Diarrhoesan® (Kamilleextrakt) blieben ohne Effekt. Fieber zwischen 39,5 und 39,7 °C. Trotz des hohen Fiebers hat er nicht geschwitzt, Beine und Hände sind eiskalt. Die Zunge schmerzt, er hat starke krampfartige Bauchschmerzen. Sobald er Wasser trinkt, kommt es unten gleich wieder raus, am Vortag mittags etwas Zwieback gegessen. Er ist sehr matt und blass, lag nur noch auf dem Sofa. Der Stuhl riecht nicht sonderlich unangenehm. Wenn er trinkt, dann öfter einmal 3 Schlückchen. Er hat nachts starken Durst. Er will etwas Warmes auf den Bauch haben und will warm zugedeckt sein.
Befund
Allgemeinzustand reduziert, aber keine Hinweise auf Peritonismus oder Dehydrierung.
Fallanalyse (Leitsymptomverordnung)
Arsenicum albumArsenicum albumGastroenteritis war aufgrund des massiven Durchfalls mit Schwäche und Blässe bereits naheliegend, die Leitsymptome „häufiger Durst auf kleine Mengen“ und das Wärmeverlangen bestärken die Wahl.
Passende Rubriken in Phataks „Homöopathischem Repertorium“ sind:
  • Durst – kleine Mengen in kurzen Abständen

  • Kälte – Extremitäten, der

  • Hitze (physikalisch) amel.

  • Durchfall – Erschöpfung – mit

  • Durchfall – Trinken – agg.

Verordnung: Arsenicum album C200, 1 × 2 Glob., anschließend Verkleppern (8.2.2) in Wasser.
Verlauf: Am Folgetag berichtet die Mutter, er sei nach Arsenicum album sofort eingeschlafen und habe 6 Stunden durchgeschlafen, danach sei es ihm viel besser gegangen. Am Vortag noch häufiger, aber nicht mehr so wässriger Stuhlgang. Er habe kein Fieber mehr und kaum noch Bauchschmerzen, heute einmal Stuhlgang. Am Vorabend habe er ein Knäckebrot und ein bisschen Schinken gegessen, heute früh auch. Im Verlauf weitere Besserung.
Homöopathische Arbeitsmittel und Dokumentation
DokumentationRepertorisationIn der Sprechstunde wurde fast ausschließlich mit dem Repertorium und der Arzneimittellehre von Phatak gearbeitet. Die Dokumentation erfolgte mithilfe des Computerpraxisprogramms (TurboMed). Für die Auswertung der homöopathischen Anamnesen wurden das Computerprogramm Mercurius („Complete Repertory 4,5“, Boger: „Synoptic Key“ und „General Analysis“, Bönninghausen: „Therapeutisches Taschenbuch“, Kent: „Repertory“) sowie Phataks „Homöopathisches Repertorium“ verwendet.
Als Arzneimittellehren wurden Phataks „Homöopathische Arzneimittellehre“, „Der neue Clarke“, Bhanjas „Masterkey“ sowie von Vermeulens „Prisma“ und die „Synoptische Materia Medica (Bd. 2)“ verwendet. Bei Bedarf stand die umfangreiche homöopathische Bibliothek und der große Arzneischatz des Praxisinhabers zur Verfügung.
Zusammenarbeit und Akzeptanz
Die Praxis bot ein angenehmes Arbeitsumfeld und eine gute Zusammenarbeit mit dem Praxisinhaber und den Angestellten. Eine Supervision bei den chronischen Fällen war möglich. Die homöopathische Therapie wird von der großen Mehrzahl der Patienten sehr gut angenommen.
Vor- und Nachteile
Vorteil: Die homöopathische Behandlung in der Hausarztpraxis bietet die Möglichkeit einer kontinuierlichen homöopathischen Behandlung über einen langen Zeitraum.
Nachteil: Eine Erstanamnese kann wegen des hohen Zeitaufwandes nur als IGeL-LeistungIGeL (individuelle Gesundheitsleistung)Gesundheitsleistung, individuelle TherapieIGeL-Leistungoder im Rahmen eines IV-Vertrages (s. o. „Rahmenbedingungen“) durchgeführt werden. Bedingt durch den großen Patientenstamm in einer Kassenarztpraxis, ist die Zeit für Folgeanamnesen bei chronischen Krankheiten knapp bemessen. Es ist schwierig, die dafür notwendige Zeit im Praxisalltag zu erübrigen.
Ausblick und Vision
Die homöopathische Behandlung in der Kassenarztpraxis ist möglich, die Zeit ist jedoch v. a. für die Behandlung chronischer Erkrankungen knapp. Die IV-Verträge „Homöopathie“ helfen weiter, da sie einen finanziellen Ausgleich für den zu veranschlagenden Zeitaufwand bieten.

Homöopathie in der Kinderklinik

Rahmenbedingungen
HomöopathieKinderklinikTherapieKinderklinikPädiatrieKinderklinikIn der Kinderklinik an der Lachnerstraße in München war die Homöopathie erstmals zwischen Mai 1998 und Oktober 1999 im Rahmen einer Arzt-im-Praktikum-Stelle innerhalb des Projekts „Homöopathie in der Pädiatrie“ vertreten (Lucae 2000). Das Projekt wurde ab November 2000 mit der Finanzierung einer Assistenzarztstelle durch die Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung 6 Monate lang fortgeführt, anschließend stand eine hauseigene Assistenzarztstelle für 3 Jahre zur Verfügung (Lucae 2003a). Aufgrund eines Umzugs in einen Neubau trägt die Klinik seit Mai 2002 den Namen „Kinderklinik Dritter Orden“.
Parallel dazu bestand bereits seit 1995 ein ähnliches Projekt am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München, das mittlerweile mit mehreren Assistenzarztstellen ausgestattet ist (Lüdtke 2001, Kruse, Dorcsi-Ulrich und Lucae 2006).
Arbeitsbedingungen
Homöopathie wurde sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich angeboten. Zunächst war die Einrichtung einer festen Sprechstunde einmal wöchentlich geplant. Wegen des üblichen Rotationsverfahrens (teilweise nach wenigen Monaten, u. a. Säuglingsstation, Mutter-und-Kind-Station, Neugeborenen- und Kinderintensivstation) und des damit verbundenen ständigen Wechsels der Arbeitszeiten (Schichtdienst) wurde dieses Vorhaben nicht umgesetzt. Die Arbeitsbelastung in der Klinik war sehr hoch, sodass v. a. während der Zeit auf der Intensivstation Patienten nur in seltenen Fällen ambulant einbestellt werden konnten. Daher beschränkte sich die homöopathische Arbeit hauptsächlich auf Konsile bei stationären Patienten auf den Normalstationen und der Intensivstation.
Praktische Vorgehensweise
Auch im klinischen Alltag ist eine gründliche homöopathische AnamnesePädiatrieAnamnese Anamnesepädiatrischenotwendig, um eine zuverlässig wirkende Arznei zu finden. Zwar ist in der Regel die Zeit dafür knapp bemessen, da gleichzeitig viele andere Routineaufgaben zu bewältigen sind. Die Anamneseerhebung in der Klinik bietet allerdings entscheidende Vorteile: Die Eltern verbringen eine intensive Zeit mit ihren Kindern und werden allmählich zu sehr guten Beobachtern. Das Pflegepersonal und die anderen Stationsärzte steuern durch weitere Beobachtungen oft entscheidende Informationen zur homöopathischen Anamnese bei (Lucae 2003b).
Die Vorgehensweise ist an den klinischen Ablauf angepasst: Nach der Durchführung der in der Klinik üblichen diagnostischen Maßnahmen wird zunächst die notwendige konventionelle Therapie eingeleitet. Die Indikation zur begleitenden homöopathischen Behandlung wird vom betreuenden Arzt gestellt, wenn die konventionellen Behandlungsmöglichkeiten unbefriedigend erscheinen, ein Therapienotstand auftritt oder die Eltern eine begleitende homöopathische Therapie wünschen. Schließlich erfolgt eine homöopathische Anamnese nach den üblichen Regeln (6). Die homöopathische Therapie wird in Absprache mit dem zuständigen Stations- oder Oberarzt, dem Pflegepersonal und den Eltern durchgeführt.
Patienten und Diagnosen
Im Verlauf des Projekts zeigten sich folgende Behandlungsschwerpunkte (Lucae 2003a):
  • Infektionskrankheiten: Gastroenteritis, Infekt der oberen Luftwege, Pseudokrupp, Tonsillitis, Stomatitis aphthosa etc. (vgl. auch Lucae 2006)

  • Probleme der Neugeborenen- und Säuglingsperiode: Blähungen, Unruhe, Obstipation, Hyperbilirubinämie, Windeldermatitis etc.

  • allergische Reaktionen: Urtikaria, Insektenstiche etc.

  • seltenere Erkrankungen: Morbus Hirschsprung, Hydrozephalus, Purpura Schoenlein-Henoch, Prader-Willi-Syndrom, Down-Syndrom, Undine-Syndrom etc.

Die Aufzählung zeigt die große Palette der Diagnosen in der Kinderklinik und spiegelt die breit gefächerten Einsatzmöglichkeiten der Homöopathie wider.

Fallbeispiel 14.2: 4 Wochen alter weiblicher Säugling auf der Intensivstation, therapieresistenter paralytischer Ileus

Fallbeispiel Frühgeborenes Vorgeschichte und Untersuchung
Das Zwillingsmädchen kam in der 24. Schwangerschaftswoche mit 700 Gramm Geburtsgewicht zur Welt und kämpft mit den üblichen Problemen extrem kleiner Frühgeborener, insbesondere mit einer ausgeprägten Unreife der Lunge mit Atemnotsyndrom. Die Patientin wird maschinell beatmet und teilparenteral ernährt. Der paralytische Ileus besteht bereits seit einer Woche und ist sowohl durch die Unreife des Kindes als auch durch die zahlreichen – notwendigen – Sedativa (Opiate) bedingt. Die üblichen Maßnahmen wie regelmäßiges Anspülen des Darmes mittels Einlauf, sanfte Bauchmassage, schließlich Neostigmin i. v. über 4 Tage und sogar ein großzügiger Gastrografin-Einlauf hatten keinerlei Effekt. Bei der Auskultation hörte man keinerlei Darmgeräusche. Die Kinderchirurgen wurden gegen Abend hinzugezogen, um die Anlage eines Anus praeter für den folgenden Morgen zu planen.
Anamnese und Verordnung
Die homöopathische Anamnese fällt sehr kurz aus: Die dramatische Geburt, der anhaltende paralytische Ileus und die ausgedehnte Gabe von Opiaten indiziert die homöopathische Arznei OpiumOpiumFrühgeborenes, die in der Potenz C200 (1 × 3 Glob.) verabreicht wird.
Verlauf
Der weitere Verlauf war so erstaunlich, dass die kleine Patientin tagelang das Hauptgesprächsthema in der Klinik war: Exakt 7 Stunden nach der Gabe von Opium C200, gegen 2 Uhr morgens, setzte die Patientin spontan eine große Portion Stuhl ab, die Peristaltik kam in Gang, Darmgeräusche waren deutlich zu auskultieren. Die geplante Operation konnte abgesagt werden.
Selbstverständlich verblieb die Patientin noch mehrere Wochen in der Klinik, bis sie von der Beatmungsmaschine entwöhnt, vollständig enteral ernährt und schließlich mit einem akzeptablen Gewicht nach Hause entlassen werden konnte.
Dokumentation und Arbeitsmittel
DokumentationRepertorisationFür die Dokumentation aller in der Klinik homöopathisch behandelten Patienten wurde das Dokumentationsprogramm WinCHIP und das Repertorisationsprogramm RADAR verwendet. Für die Aufzeichnung der Erstanamnese wurde ein spezieller Dokumentationsbogen mit Eingabemaske entwickelt, die am Computer ausgefüllt werden konnte (Lucae 2003a). Homöopathische Literatur stand in großem Umfang zu Verfügung. Im klinischen Alltag hilfreiche, häufig verwendete Bücher waren Werke von Dorcsi („Bewährte Indikationen der Homöopathie“), Imhäuser, Voegeli, Stauffer, Vermeulen, Morrison und anderen. Für die Behandlung in der Neonatologie wurde häufig ein Aufsatz von Helmut Pallasser herangezogen (Pallasser 1996).
Die homöopathische Methodik wurde stets flexibel gehandhabt und reichte je nach Umständen von „bewährten Indikationen“ bis zu ausführlichen Repertorisationen.
Zusammenarbeit und Akzeptanz
Da die Klinik über keinen weiteren homöopathisch ausgebildeten Arzt verfügte und damit der fachliche Background in Form einer Arbeitsgruppe fehlte, war der regelmäßige Austausch mit Kollegen in anderen Kliniken sehr wichtig. Innerhalb der Klinik war der Großteil der Kollegen interessiert und aufgeschlossen gegenüber der Homöopathie. Eine Umfrage mittels Fragebogen, die unter dem Klinikpersonal verteilt wurden, zeigte ein erfreuliches Resultat: 41 Prozent der Ärzte und 90 Prozent des Pflegepersonals sahen „mittleren bis großen Bedarf“ an einer begleitenden homöopathischen Therapie bei stationären Patienten. Vor allem in der Ärzteschaft wurde ein großer Bedarf an der Durchführung klinischer Studien gesehen, und der größte Teil signalisierte Bereitschaft, daran mitzuwirken. Ähnliche Ergebnisse gab es bei Umfragen in anderen Kinderkliniken (Lucae 2002).
Natürlich blieben auch kritische Stimmen nicht aus: Besonders mit Oberärzten gab es Auseinandersetzungen um die Homöopathie. Insbesondere bei der Therapie schwer erkrankter Kinder auf der Intensivstation kann es für den verantwortlichen Oberarzt sehr schwierig werden, die Homöopathie vor den Eltern vertreten und rechtfertigen zu müssen, wenn er davon weder etwas hält noch versteht. Dennoch blieben alle Kontakte geprägt von gegenseitiger persönlicher Wertschätzung. Stets ging es um den fachlichen Diskurs.
Vor- und Nachteile
Die Vorteile der ergänzenden homöopathischen Behandlung liegen auf der Hand: Viele Behandlungen in der Klinik können gut unterstützt werden, viele Therapienotstände durch Homöopathie gebessert werden. Die Anwendung der Homöopathie stößt auf großes Interesse, das zusätzliche Engagement wird von den Patienten wertgeschätzt.
Für einen Assistenzarzt ist es fachlich sehr ergiebig, die Homöopathie auch bei schweren Erkrankungen einsetzen zu können und gleichzeitig zu wissen, dass die Oberärzte sein Handeln mit kritischem Blick begleiten. Dadurch erhält er ein gutes Feedback. Die Arbeit in der Notfallambulanz (auch nachts und am Wochenende) ähnelt dagegen eher der Situation in der Praxis: Die Behandlung von Fieber, Virusinfekten und anderen akuten Erkrankungen kann auch hier effektiv homöopathisch unterstützt werden.
Ein wesentlicher Nachteil in einer Klinik der Grundversorgung ist der Zeitmangel, dem der Stationsarzt unterworfen ist: Viele Routine- und organisatorische Aufgaben sind parallel zu bewältigen. Besonders im Schichtdienst auf der Intensivstation müssen im Hinblick auf die Homöopathie viele Kompromisse eingegangen werden. An vielen Tagen fehlt schlicht die Zeit, eine – zeitaufwendige – homöopathische Anamnese durchzuführen.
Ausblick und Vision
Im Rahmen des Projekts wurden Schwerpunkte erarbeitet, bei denen der Einsatz der Homöopathie in der Kinderklinik besonders sinnvoll sein kann. Der klinische Alltag bietet unzählige Situationen, in denen die Homöopathie – in aller Regel begleitend zu den üblichen Maßnahmen – erfolgreich eingesetzt werden kann. Selbst Infektionskrankheiten, die nicht zu den typischen Schwerpunkten der homöopathischen Therapie zählen, können sinnvoll homöopathisch begleitet werden (Lucae 2006).
Die Homöopathie in der modernen Kinderklinik ist damit im besten Sinne als „Komplementärmedizin“, also als Ergänzung der konventionellen Medizin, zu verstehen. Besonders in Situationen, in denen Therapienotstand herrscht, sollte die Homöopathie in der Klinik ihre Chance erhalten. Eine enge Verzahnung von konventioneller und homöopathischer TherapieKombinationstherapie HomöopathieKombinationstherapieist möglich und in den meisten Fällen auch sinnvoll. Diese Überlegungen setzen voraus, dass die Homöopathie nicht als Alternativmedizin oder gar Konkurrenz zur konventionellen Medizin missverstanden wird, sondern ihren Platz in der Kinderklinik als echte Ergänzung der therapeutischen Palette erhält (Lucae 2003a). Die nach wie vor vielerorts anzutreffende stark ablehnende Haltung von Klinikärzten gegenüber der Homöopathie kann nur durch einen Dialog und ein konstruktives Miteinander überwunden werden. Aber nicht nur die „Schulmediziner“ müssen auf die homöopathischen Kollegen zugehen. Auch die homöopathischen Ärzte sollten sich um eine gemeinsame Sprache bemühen, die in der Klinik von den Kollegen verstanden wird und als Basis für die gemeinsame Arbeit dienen kann. Eine gute Zusammenarbeit von Assistenzärzten, Oberärzten und Chefarzt in der Klinik ist unbedingt notwendig. Ziel der Behandlung sollte schließlich immer der beste und schonendste Weg sein – zum Wohl der kleinen Patienten.

Homöopathie in der Geriatrie

Rahmenbedingungen
GeriatrieHomöopathieGeriatrieTherapieGeriatrieIm Rahmen einer Assistenzarztstelle in der Abteilung für Innere Medizin III/Geriatrie der Kliniken Essen-Mitte konnten von Sommer 2002 bis 2004 reichlich Erfahrungen mit der Homöopathie bei der Versorgung geriatrischer Patienten gesammelt werden. In der Akutgeriatrie und geriatrischen Frührehabilitation beträgt die Liegezeit durchschnittlich 14 Tage, sodass meist ausreichend Zeit für die Durchführung einer homöopathischen Behandlung besteht (Teut 2006). Der damalige Chefarzt leitete diese einmalige Klinik, in der neben der konventionellen Medizin auch komplementäre Therapien der anthroposophischen Heilkunde, Naturheilkunde und Homöopathie zur Anwendung kamen, seit vielen Jahren und war deshalb der Homöopathie gegenüber aufgeschlossen. Leider besteht das Angebot heute in Essen nicht mehr, allerdings gibt es andere geriatrische Rehakliniken, in denen derzeit eine homöopathische Behandlung möglich ist (z. B. Alexander-von-Humboldt-Klinik in Bad Steben, Geriatrische Rehaklinik Bad Welzheim; Stand 2015).
Arbeitsbedingungen
Für die homöopathische ErstanamneseAnamneseGeriatrie inkl. einer gründlichen klinischen Untersuchung standen in der Regel 30–45 Minuten zur Verfügung. Dies erscheint unter den Arbeitsbedingungen einer internistischen Klinik zunächst großzügig, doch aufgrund der Schwierigkeiten einer exakten homöopathischen Anamnese in der Geriatrie und angesichts der Tatsache, dass ein homöopathischer Stationsarzt bis zu 20 Patienten gleichzeitig zu betreuen hat, ist diese Zeit sehr knapp bemessen.
Praktische Vorgehensweise
Aufgrund der knapp bemessenen Zeit hat sich eine problembasierte homöopathische AnamneseAnamneseGeriatrie im Sinne Bönninghausens bewährt: Zunächst wird das Hauptsymptom (Hauptbeschwerde) sorgfältig aufgezeichnet, anschließend werden die Nebensymptome notiert. Einer möglicherweise vorhandenen auslösenden Ursache der Beschwerden gilt das besondere Augenmerk, der Geistes- und Gemütszustand des Patienten wird gründlich erkundet. Anschließend erfolgt die Fallanalyse und Repertorisation mit einem praxistauglichen Repertorium (s. u. „Dokumentation und Arbeitsmittel“).
Zumeist wurden Tiefpotenzen verschrieben, da die homöopathischen Arzneimittel in der Regel in Kombination mit konventionellen Medikamenten zum Einsatz kamen.
Patienten und Diagnosen
Es wurden v. a. schwer kranke und multimorbide Patienten behandelt, für die innerhalb der konventionellen Medizin kaum noch Erfolg versprechende Behandlungsmöglichkeiten bestanden. Insoweit handelte es sich um eine anspruchsvolle und schwierige Arbeit mit Patienten mit schweren Alterspathologien.

Fallbeispiel 14.3: 79-jährige Patientin, Verlust der Gehfähigkeit, Schwindel und rezidivierende Stürze bei Morbus Parkinson

Fallbeispiel Patientin, geriatrische Anamnese und Untersuchung
An Vorerkrankungen bestand ein insulinpflichtiger Diabetes mellitus. Die Symptomatik war seit einem Jahr progredient. Die Patientin berichtet von massivem Drehschwindel seit Monaten, verbunden mit dem Gefühl, nach hinten wegzufallen, weggezogen zu werden. Wenn sie im Bett liegt, hat sie immer wieder das Gefühl, in der Luft zu schweben und sich im Kreis zu drehen. Im Dunkeln treten dann optische Halluzinationen auf: Sie sieht hübsche junge Männer und Frauen ohne Beine, die Luftschlangen aus Gold und Silber auf sie zupusten. Sie wundert sich, hat jedoch keine Angst. Sie kann sich von den Halluzinationen distanzieren, erkennt sie als Täuschungen. Das Parkinson-Syndrom besteht seit mehreren Jahren und verläuft progredient mit starkem Tremor, seit Neuestem treten auch verstärkt Akinesie und Rigor auf. Trotz neurologischer Behandlung werden die Beschwerden immer schlimmer. Schlafmangel verschlimmert den Schwindel und den Tremor. Seit einigen Wochen kann sie das Bett nicht mehr verlassen wegen Schwindel und Gangstörungen. Sie kann nicht mehr selbstständig essen, da die zitternden Hände das Besteck nicht mehr ruhig halten. Sie hat bereits einige Kilo an Körpergewicht verloren. Sie äußert den konkreten Wunsch, sich mit einer Überdosis Insulin das Leben zu nehmen, wenn ihr nicht geholfen werden kann. Die Vorstellung einer Pflegeheimunterbringung empfindet sie als unerträglich.
Lachen kann sie seit Jahren nicht mehr, was sie auf ihre schwere Biografie zurückführt: 14 Tage nach ihrer Heirat sei ihr Mann im Krieg gefallen, danach hatte sie keine Partnerschaft mehr. Sie habe sich das gesamte Leben für andere aufgeopfert: Zuerst habe sie ihren Sohn großgezogen, der sie mit 16 verlassen habe, dann jahrelang ihre kranke Mutter gepflegt; außerdem habe sie ehrenamtlich alte Menschen betreut und gepflegt. Sie habe nie an sich selbst, sondern immer nur an andere gedacht. Nun, da sie alt sei, sei niemand da, der für sie sorge. Sie lebt allein und wird von einem Pflegedienst mitversorgt. Sie verspürt seit Jahrzehnten große Trauer und Verbitterung.
Allgemeinsymptome: wenig Appetit und Durst, manchmal Hunger auf Fleischklopse. Hitze verschlimmert ihren Allgemeinzustand und den Schwindel. Sie ist frostig, hat häufig eiskalte Hände.
Die Patientin leidet unter einer progredienten Parkinson-Erkrankung. Tremor, Rigor und Akinesie wurden trotz Einstellung auf zunächst 3 × tägl. 100/25 Levodopa/Benserazid und dann 2 × 200 mg Amantadin schlimmer, es traten zudem Schwindel und Halluzinosen auf, möglicherweise medikamentös bedingt.
Fallanalyse
Zur Repertorisation mit dem Phatak-Repertorium verwendete ich als „Vogelperspektive“ die charakteristische Modalität „Schlaf amel., Schlafmangel agg.“ (Verschlimmerung von zwei Symptomen: Tremor und Schwindel), als anatomische Wirkungsrichtung wählte ich generalisiert „Koordination gestört“ (Gangstörung, Rigor, Tremor, Akinesie, Gefühl, „nach hinten gezogen zu werden“). Nach Kreuzung der Rubriken verbleiben Cimicifuga racemosa, Cocculus indicus, Kalium phosphoricum, Mercurius, Nux vomica und Phosphorus. Da Schwindel („Schwindel“ + „Schwindel, Drehen, Kreis drehen, als würde sich alles im (Drehschwindel“) und Halluzinose („Einbildungen, Illusionen, Phantasien, Wahnideen“) möglicherweise medikamentös induziert waren („Kunstkrankheit“ durch Amantadin oder Levodopa), verwendete ich zur weiteren Einengung und Verankerung die Rubrik „Kummer, Sorgen“, da die Trauer das am längsten bestehende und konsistenteste Symptom in ihrer individuellen Biografie ist. Es bleibt Cocculus indicus. In Vermeulens „Prisma“ fand ich interessanterweise: „Boenninghausen, in 1835: When bending down he feels as if about to fall backwards and has to hold on somewhere quickly.“ Cocculus verursacht das Gefühl, nach hinten zu fallen oder nach hinten gezogen zu werden, Drehschwindel und Koordinationsstörungen. Fische, die mit Kokkelskörnern vergiftet werden, drehen sich mit dem Bauch nach oben zur Wasseroberfläche und werden bewegungsunfähig. Die Aufopferungsbereitschaft und Trauer der Patientin sind ebenfalls gut mit Cocculus vereinbar.
Verordnung: CocculusCocculusPatientin, geriatrische C200 als Einzeldosis sowie Cocculus D12 1 × tägl. (wegen des antidotierenden Effekts der allopathischen Medikation). Amantadin wurde abgesetzt.
Verlauf: Es trat eine erstaunliche Besserung innerhalb von 5 Tagen ein: Tremor, Akinesie, Rigor und Schwindel wurden wesentlich besser, die Halluzinationen verschwanden, der Patientin ging es bereits 12 Stunden nach Gabe der Arznei wesentlich besser. Die Patientin vermochte schließlich wieder selbstständig mit dem Gehstock zu gehen, auch das Führen des Bestecks beim Essen gelang sicher. Ihre Stimmung hellte sich auf, den Gedanken an Suizid wies sie bei Entlassung weit von sich. Die Patientin musste nicht in ein Pflegeheim, sondern konnte nach Hause entlassen werden.
Die Verbesserung ist nur teilweise durch das Absetzen des Amantadins erklärbar, da die Beschwerden bereits vor dem Therapieversuch mit Amantadin bestanden. Trotz Reduktion der Gesamtmedikation verbesserten sich auch Rigor, Tremor und Akinesie anhaltend. Die Patientin war bereits 3 Tage nach der homöopathischen Mittelgabe nicht wiederzuerkennen: Initial Pflegefall, danach eigenständig mobil.
Eine Wirkung der homöopathischen Behandlung ist in diesem Einzelfall wahrscheinlich. Cocculus indicus sollte bei Parkinson-Erkrankung mit Fallneigung nach hinten im Gedächtnis behalten werden.
Dokumentation und Arbeitsmittel
DokumentationRepertorisationIn der geriatrischen Praxis besonders bewährt haben sich Bönninghausens „Therapeutisches Taschenbuch“, Bogers „General Analysis“ und „Synoptic Key“, außerdem Phataks „Homöopathisches Repertorium“. Diese Repertorien sind gut geeignet, da sich typische geriatrische Pathologien effektiv und zeitsparend abbilden lassen. Auch „bewährte Indikationen“ sind im homöopathisch-geriatrischen Alltag sehr hilfreich. In schwierigeren Situationen wurde auch das Kent'sche Repertorium herangezogen. Daneben wurden regelmäßig Murphys „Clinical Repertory“, Mezgers „Gesichtete Arzneimittellehre“, Phataks „Arzneimittellehre“ und Farringtons „Klinische Arzneimittellehre“ eingesetzt.
Während der klinischen Tätigkeit wurde eine Datenbank mit homöopathischen Kasuistiken aufgebaut (Teut 2006).
Zusammenarbeit und Akzeptanz
Da in der Geriatrie bei schweren Krankheiten erfolgreiche Therapien selten sind, gab es gerade bei komplizierten Fällen homöopathische Konsile. Viele Kollegen nehmen die ergänzende homöopathische Behandlung interessiert an, wenn es den Patienten gesundheitlich weiterbringt.
Vor- und Nachteile
Der Sparzwang im Gesundheitswesen schränkt die Zeit, die dem einzelnen Patienten gewidmet werden kann, und die therapeutische Freiheit im stationären Alltag zunehmend ein und macht eine homöopathische Behandlung in der Akutklinik schon aufgrund der meist kurzen Liegezeit schwierig. Eine wesentliche Bedingung für eine erfolgreiche Anwendung der Homöopathie ist die aufgeschlossene Haltung des Chefarztes bzw. der ärztlichen Leitung.
Ausblick und Vision
Der Verfasser ist derzeit im ambulanten geriatrischen Bereich tätig. Hierbei ergibt sich die Möglichkeit einer langfristigen hausärztlich-homöopathischen Betreuung, die sehr viel Spaß macht, aber auch sehr zeitintensiv und arbeitsaufwendig sein kann.

Homöopathie in der psychiatrischen Ambulanz

Rahmenbedingungen
PsychiatrieHomöopathiePsychiatrieTherapiePsychiatrieIm September 2002 wurde eine homöopathische Ambulanz für psychisch kranke Menschen an der Fachklinik Hofheim/Taunus im Rahmen eines Modellprojekts der Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung eingerichtet. Seit 2006 befindet sich dort eine homöopathische Praxis, die direkt in die psychiatrische Institutsambulanz integriert ist. Die Terminierung, Patientenverwaltung und Abrechnung werden durch den Praxisinhaber selbst durchgeführt, Patientenkontakte, Telefonate und Anfragen übernimmt z. T. eine Ambulanzschwester an der Rezeption der Klinikambulanz (Koch und Volk 2005).
Arbeitsbedingungen
Ein üblicher Arbeitstag ist ein Achtstundentag mit freier Zeiteinteilung. Termine werden ausschließlich nach Vereinbarung vergeben. Durchschnittlich werden ein bis zwei Erstanamnesen pro Woche durchgeführt, die jeweils 3 Stunden Zeit in Anspruch nehmen. Die übrige Arbeitszeit ist mit Folgeterminen (jeweils 30–60 Minuten Dauer) gefüllt. Eine Telefonsprechstunde findet zweimal pro Woche statt. In dringenden Fällen können die Patienten eine Nachricht hinterlassen und werden zurückgerufen.
Die Fallauswertung erfolgt in der Regel am Ende des Arbeitstages, sofern nicht innerhalb der eingeplanten Zeit die Möglichkeit dazu besteht. In schwierigen Fällen führt ein erfahrener Kollege eine Supervision durch.
Praktische Vorgehensweise
Beim Erstkontakt wird nach der AnamneseAnamneseAmbulanz, psychiatrische ein Behandlungskonzept erstellt, das angesichts der meist chronisch oder schwer psychisch kranken Patienten neben Angaben zur homöopathischen Behandlung auch Empfehlungen zur psychotherapeutischen oder sozialpsychiatrischen Hilfe beinhaltet. Im Fall einer vorbestehenden psychopharmakologischen BehandlungBegleitmedikation (11.2.3) wird diese zunächst weitergeführt und eine Übereinkunft über den weiteren Umgang damit erarbeitet: Soll sie reduziert oder ganz abgesetzt werden, oder soll bei unzureichender Wirksamkeit zunächst eine Verbesserung der Beschwerden erreicht werden? Die konsequente Miteinbeziehung des Patienten ist hierbei zentrales Behandlungselement. Behandlungsziel ist einerseits die bestmögliche Zustandsverbesserung bzw. Heilung und andererseits (z. B. auf dem Boden bekannter genetischer Dispositionen) das Erreichen der gemeinsam mit dem Patienten erarbeiteten Behandlungsziele (Koch 2005, 2012).
Patienten und Diagnosen
Das Erkrankungsspektrum umfasst zu 50 Prozent depressive Störungen, zu ca. 20 Prozent Psychosen sowie neurotische, somatoforme und Belastungsstörungen. Unter den restlichen Erkrankungen machen Schlafstörungen, Persönlichkeitsstörungen und andere somatische Erkrankungen den größeren Teil aus. Teilweise gibt es Überschneidungen bei den einzelnen Diagnosen.
Der Patientenstamm setzt sich im Wesentlichen aus folgenden drei Gruppen zusammen:
  • Patienten mit unterschiedlich schweren Störungsbildern, die eine sanfte Hilfe suchen oder einer schulmedizinischen Behandlung skeptisch gegenüberstehen bzw. sie ablehnen.

  • Patienten, die psychiatrisch nicht oder nur unzureichend behandelbar sind. Dies sind meist psychopharmakologisch behandelte Patienten oder solche, für deren Erkrankung keine oder keine ausreichende Therapie gefunden werden konnte.

  • Gruppe der über lange Zeit schulmedizinisch Behandelten, die weitgehend austherapiert sind. Oftmals sind dies Patienten mit schwerer Chronifizierung und Restsymptomatik, v. a. bei den verschiedenen Verlaufsformen von Psychosen.

Dokumentation und Arbeitsmittel
DokumentationRepertorisationDie Dokumentation erfolgt mit Stift und Papier, Verordnungen und Patientendaten werden im Computer erfasst. Da viele Patienten es als unangenehm empfinden, wenn während eines Gesprächs der Computer bedient wird, werden PC-gestützte Hilfsmittel nicht während der Anamnese verwendet. Die Repertorisation wird per Hand durchgeführt, häufig verwendete Repertorien sind „Synthesis“, „Murphy“ und das Sehgal-Repertorium. Die Überprüfung erfolgt hauptsächlich mit den Arzneimittellehren von Vermeulen („Prisma“), Seideneder („Mitteldetails“) und Chitkara („Materia medica der Geist- und Gemütssymptome“). Darüber hinaus werden zahlreiche weitere Titel der homöopathischen Literatur herangezogen.
Zusammenarbeit und Akzeptanz
Die Zusammenarbeit mit der Fachklinik und die Akzeptanz sind ausgezeichnet: Die homöopathische Praxis ist gut in die Klinik integriert, auch was andere medizinische Fachbereiche bis hin zur Verwaltung betrifft. Aus der psychiatrischen Abteilung, wo mittlerweile ein weiterer homöopathisch arbeitender Kollege tätig ist, werden laufend Patienten zugewiesen, und umgekehrt können ambulant behandelte Patienten ggf. stationär homöopathisch weiterbehandelt werden. Die Homöopathie ist regelmäßig Gegenstand interner Fortbildungen und wird auch in der Außendarstellung der Klinik repräsentiert.
Konflikte bei der Integration in das Klinik- bzw. Behandlungskonzept gab es nicht. Natürlich gibt es Unverständnis vonseiten einzelner Kollegen, aber keine Anfeindungen oder Streitigkeiten. Der fachliche Austausch ist aufgrund der geringen Anzahl homöopathisch-psychiatrisch arbeitender Ärzte in Deutschland leider gering, aber bereits im Aufbau.
Vor- und Nachteile
Die entscheidenden Vorteile des vorgestellten Modells sind die Anbindung an eine Klinik und die Möglichkeit, die vorhandene Infrastruktur mit zu nutzen: Räume, Personal, EDV. Positiv zu bewerten ist außerdem die Zuweisung aus dem stationären und ambulanten Bereich, was für die Praxis wegen Synergismen auch kostengünstig ist.
Nachteilig ist die teilweise schlechte Abgrenzbarkeit dem sonstigen Ambulanzbetrieb gegenüber.
Ausblick und Vision
Das bisher gehandhabte Konzept hat sich bewährt. Das Projekt wird bis auf Weiteres als klinikassoziierte Praxis fortgeführt.

Literatur

Zu den einzelnen Projekten

Becker-Witt et al., 2004

C. Becker-Witt Diagnoses and treatment in homeopathic medical practice Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd 11 2004 98 103

Dahler et al., 2009

J. Dahler M. Teut C. Lucae Homöopathie bei Heuschnupfen 2009 Hippokrates Stuttgart

Koch and Volk, 2004

U. Koch S. Volk Homöopathische Ambulanz für psychisch kranke Menschen an der Fachklinik Hofheim H. Albrecht M. Frühwald Jahrbuch, Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung Band 11 2004 KVC Essen 31 37 2005

Koch, 2004

U. Koch Homöopathische Behandlung der Geistes- und Gemütskrankheiten H. Albrecht M. Frühwald Jahrbuch, Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung Band 11 2004 KVC Essen 101 128 2005

Koch, 2012

U. Koch Die zeitgemäße homöopathische Behandlung schwerer psychischer Störungen AHZ 257;4 2012 6 11

Kruse et al., 2006

S. Kruse M. Dorcsi-Ulrich C. Lucae 10 Jahre Homöopathie am Dr. von Haunerschen Kinderspital AHZ 25 2006 11 20

Lucae, 1999

C. Lucae Wege der homöopathischen Arzneifindung in der klinischen Pädiatrie H. Albrecht M. Frühwald Jahrbuch, Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung Band 6 1999 KVC Essen 191 205 2000

Lucae, 2001

C. Lucae Bedarf an homöopathischer Behandlung an drei deutschen Kinderkliniken. Umfrageergebnisse aus dem Dr. von Haunerschen Kinderspital, dem Clementine-Kinderhospital und der Kinderklinik an der Lachnerstraße im Vergleich H. Albrecht M. Frühwald Jahrbuch, Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung Band 8 2001 KVC Essen 71 84 2002

Lucae, 2002

C. Lucae Homöopathie in der Kinderklinik Dritter Orden in München von 2000 bis 2003. Resümee und Ausblick H. Albrecht M. Frühwald Jahrbuch, Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung Band 9 2002 KVC Essen 85 98 2003a

Lucae, 2003b

C. Lucae Die homöopathische Anamnese in der Pädiatrie AHZ 248 2003 5 13

Lucae, 2006

C. Lucae Homöopathie bei Infektionskrankheiten in der Kinderklinik AHZ 251 2006 21 26

Lucae, 2013

C. Lucae 7 Jahre Homöopathie in der Kinderklinik – ein Rückblick Gudjons aktuell 2–4 2013 22 26

Lüdtke et al., 2001

R. Lüdtke Homöopathie an der Universität: Ist eine Integration möglich? Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd 8 2001 213 218

Teut, 2004

M. Teut Die homöopathische Behandlung schwerer Pathologien in der geriatrischen Akutklinik Homöopathie Zeitschrift 2 2004 87 97

Teut, 2006

M. Teut Integration der Homöopathie in die geriatrische Akutklinik AHZ 251 2006 5 10

Witt et al., 2005

C. Witt Homeopathic medical practi Long-term results of a cohort study with 3.981 patients BMC Public Health 115 2005 http://bmcpublichealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2458-5-115 [Stand: 25.2.2016]

Häufig verwendete Arbeitsmittel (Bücher)

PC-Programme unterliegen einem ständigen Aktualisierungsprozess und werden deshalb nur allgemein im Text erwähnt, an dieser Stelle aber nicht extra aufgelistet.

Bhanja, 1979

K.C. Bhanja Masterkey to Homoeopathic Materia Medica 5th ed. 1979 National Homoeo Laboratory Calcutta

Boger, 1995

C.M. Boger A Synoptic Key of the Materia Medica. Parkersburg 1915 1995 B. Jain Publishers New Delhi

Boger, 2004

C.M. Boger General Analysis, übers. v. Ahlbrecht J. B 2004 von der Lieth Hamburg

Bönninghausen, 1846

C.v. Bönninghausen Therapeutisches Taschenbuch für homöopathische Ärzte, zum Gebrauche am Krankenbette und beim Studium der reinen Arzneimittellehre 1846 Coppenrath Münster (Nachdruck B. von der Lieth, Hamburg 1996)

Chitkara, 2003

H.L. Chitkara Materia medica der Geist- und Gemütssymptome 2003 Haug Stuttgart

Clarke, 1990

J.H. Clarke Der Neue Clarke. Eine Enzyklopädie für den homöopathischen Praktiker, übers. v. Vint P 10 Bde 1990 Stefanovic Bielefeld

Dorcsi, 2000

M. Dorcsi Bewährte Indikationen der Homöopathie. Nach Vorträgen und Vorlesungen von Prof. Dr. med. Mathias Dorcsi, Wien, bearb. v. Frey M 2000 Deutsche Homöopathie-Union Karlsruhe

Farrington, 1913

E.A. Farrington Klinische Arzneimittellehre 1913 Schwabe Leipzig (Nachdr. Burgdorf, Göttingen 1998)

Imhäuser, 1991

H. Imhäuser Homöopathie in der Kinderheilkunde. Aus der Praxis – für die Praxis 1991 Haug Heidelberg

Kent, 1897

J.T. Kent Repertory of the Homoeopathic Materia Medica Lancaster 1897 (dt.: Kents Repertorium der homöopathischen Arzneimittel, hrsg. v. Keller G v. u. Künzli J. 14. Aufl. Haug, Heidelberg 1998)

Lang, 2005

E. Lang Das neue Repertorium homoeopathicum (Sehgal) 2005 Eva Lang Worpswede

Mercurius, 2016

Mercurius Homeopathic Software [Stand: 25.2.2016] http://www.mercurius.sk

Mezger, 2005

J. Mezger Gesichtete homöopathische Arzneimittellehre 12. Aufl. 2005 Haug Heidelberg

Morrison, 1999

R. Morrison Handbuch der Pathologie zur Homöpathischen Differenzialdiagnose Kai Kröger, Groß Wittensee 1999

Murphy, 2007

R. Murphy Klinisches Repertorium der Homöopathie 2007 Narayana Kandern

Pallasser and Neugeborenen-Homöopathie, 1996

H. Pallasser Neugeborenen-Homöopathie Documenta Homoeopathica 16 1996 231 236

Pfeiffer et al., 2007

H. Pfeiffer M. Drescher M. Hirte Homöopathie in der Kinder- und Jugendmedizin 2. Aufl. 2007 Elsevier/Urban & Fischer München

Phatak, 2013

S.R. Phatak Homöopathische Arzneimittellehre, übers. u. bearb. v. Seiß F 5. Aufl. 2013 Elsevier/Urban & Fischer München

Phatak, 2006

S.R. Phatak Homöopathisches Repertorium, übers. u. bearb. v. Seherr-Thons E. v 2006 Elsevier/Urban & Fischer München

Schroyens and Synthesis, 2007

F. Schroyens Synthesis. Repertorium homeopathicum syntheticum Edition 9.1 2007 Hahnemann-Institut Greifenberg

Seideneder, 2000

A. Seideneder Mitteldetails der homöopathischen Arzneimittel 3 Bde. 2000 Similimum Ruppichteroth

Stauffer, 2002

K. Stauffer Klinische Homöopathische Arzneimittellehre. Auf der Basis von Martin Schlegel neu bearb. v. Lucae D 14. Aufl. 2002 Sonntag Stuttgart

Vermeulen, 1998

F. Vermeulen Synoptische Materia Medica Bd. 2 1998 Emryss Haarlem

Vermeulen and Prisma, 2006

F. Vermeulen Prisma Das Arcanum der Materia Medica ans Licht gebracht 2006 Emryss Haarlem

Voegeli, 2001

A. Voegeli Homöopathische Therapie der Kinderkrankheiten, bearb. v. Lucae D 8. Aufl. 2001 Haug Heidelberg

Zandvoort, 2002

R. Zandvoort van: Repertorium Universale. Das große Repertorium der homöopathischen Arzneimittel, übers. v. P. Stefanovic 2002 Similimum Ruppichteroth

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