© 2020 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-57631-7.00015-3

10.1016/B978-3-437-57631-7.00015-3

978-3-437-57631-7

Vor- und Nachteile verschiedener ArzneimittellehrenArzneimittellehre

Tab. 15.1
Arzneimittellehren (AML) Beispiele Schwerpunkte, Vorteile Nachteile
Symptomauflistung nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema Boericke, Phatak, Hahnemann, Seideneder Übersichtliche Auflistung der Symptome, Symptomauswahl nach Erfahrung (Boericke, Phatak) oder sehr umfassend (Hahnemann, Seideneder), gut geeignet zum Nachschlagen Oft keine Gewichtung der Symptome, Zusammenhang der Symptome vielfach unklar, teilweise schwierig zu lernen
Darstellung der Arzneimittelbilder Mezger, Tyler, Farrington, Kent Vermeulen Gute Beschreibungen der wichtigen Symptome und häufiger Symptomenkomplexe sowie ergänzende Informationen zur Ausgangssubstanz und zur bisherigen medizinischen Verwendung Symptomauswahl und Darstellung subjektiv, nicht vollständig
Essenzen der Arzneimittelbilder Vithoulkas, Sankaran Wesentliche psychische und einzelne körperliche Leitsymptome werden dargestellt, die Essenz eines Arzneimittelbildes wird herausgearbeitet, gut zum Verständnis der psychischen Grundkonstellation Darstellungen teilweise sehr reduziert, Klischee des Bildes und subjektiv verzerrte Darstellung, reicht nicht zum tieferen Arzneiverständnis aus
Sammlung charakteristischer Symptome Bönninghausen, Boger, Guernsey Auflistung klinisch bestätigter und wichtiger Symptome (Genius) der einzelnen Arzneien, gut zum Einstieg geeignet Das Arzneimittelbild besteht nicht nur aus charakteristischen Symptomen, deshalb zum Nachschlagen einzelner Symptome oft nicht ausreichend
Leitsymptomsammlungen Nash, Allen Hervorhebung der häufigsten klinischen Indikationen, Erlernen mit Praxisbezug Klinische Indikationen können vom phänomenologischen Betrachten und Lernen ablenken
Klinische Arzneimittellehren Stauffer, Murphy
Bewährte Indikationen Dorcsi, Enders
Vergleichende Arzneimittellehren Hering/Groß, Farrington, Candegabe Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Arzneien können erlernt werden, wenn das Arzneimittelbild schon bekannt ist, hilfreich zum Weiterlernen Grundzüge des Arzneimittelbildes werden nicht vermittelt, sondern vorausgesetzt

Die 100 wichtigsten Arzneimittel

Tab. 15.2
Aconitum napellus
Agararicus
Allium cepa
Alumina
Ammonium carbonicum
Anacardium orientale
Antimonium crudum
Antimonium tartaricum
Apis mellifica
Argentum nitricum
Arnica montana
Arsenicum album
Aurum metallicum
Barium carbonicum
Belladonna
Berberis vulgaris
Borax
Bryonia alba
Cactus grandiflorus
Calcium carbonicum
Calcium phosphoricum
Cannabis indica
Cantharis vesicatoria
Carbo animalis
Carbo vegetabilis
Carcinosinum
Causticum
Chamomilla
Chelidonium majus
China
Cimicifuga racemosa
Cina
Cocculus
Coffea cruda
Colchicum autumnale
Colocynthis
Conium maculatum
Cuprum metallicum
Drosera rotundifolia
Dulcamara
Eupatorium perfoliatum
Euphrasia officinalis
Ferrum metallicum
Ferrum phosphoricum
Fluoricum acidum
Gelsemium sempervirens
Graphites
Helleborus niger
Hepar sulfuris
Hyoscyamus niger
Hyperericum
Ignatia
Ipecacuanha
Jodum
Kalium bichromicum
Kalium carbonicum
Kalium phosphoricum
Lac caninum
Lachesis muta
Ledum palustre
Lilium tigrinum
Lycopodium clavatum
Magnesium carbonicum
Magnesium muriaticum
Magnesium phosphoricum
Medorrhinum
Mercurius solubilis
Mezereum
Naja naja
Natrium carbonicum
Natrium muriaticum
Natrium sulfuricum
Nitricum acidum
Nux vomica
Opium
Petroleum
Phosphoricum acidum
Phosphor
Phytolacca decandra
Platinum metallicum
Plumbum metallicum
Psorinum
Pulsatilla pratensis
Pyrogenium
Rhus toxicodendron
Ruta graveolens
Sarsaparilla
Sepia succus
Silicea
Staphisagria
Strammonium
Sulfuricum acidum
Sulfur
Symphytum officinalis
Syphilinum
Tarentula hispanica
Thuja occidentalis
Tuberculinum bovinum
Veratrum album
Zincum metallicum

Wie lerne ich Homöopathie?

Ulrich Koch

  • 15.1

    Theorie264

  • 15.2

    Arzneimittelstudium264

  • 15.3

    Praxis267

HomöopathieDidaktikIn diesem Kapitel werden auf dem Boden der vorangegangenen Kapitel und der praktischen Erfahrung der Autoren die didaktischen Aspekte vertieft und einige Wege aufgezeigt, die hilfreich beim Erlernen der Homöopathie sein können. Dabei spielen neben den theoretischen Grundlagen und dem Arzneimittelstudium die Selbstbeobachtung und -erfahrung sowie die Anleitung durch einen erfahrenen Lehrer oder eine Ausbildungsgruppe eine wesentliche Rolle.

Theorie

Das Erlernen der Homöopathie beginnt mit einer Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen und Konzepten. Schon HahnemannHahnemann, Samuel ließ seine Patienten, sofern sie es konnten, vor einer Behandlung zunächst sein „Organon“ lesen, damit sie sich ein basales Verständnis der anstehenden Behandlung erarbeiten konnten. Auch heute noch ist das Durcharbeiten des „Organon“, vielleicht auch in zeitgemäßer Aufarbeitung (Hahnemann 2006b), des theoretischen Teils der „Chronischen Krankheiten“ (Hahnemann 2006a) sowie der vertiefenden Kommentare von Wischner (2000, 2001) wesentlich, um ein Verständnis der theoretischen Grundlagen der Homöopathie, aber auch ihrer historischen Dimension zu erhalten.
Nach der Auseinandersetzung mit den historischen und wissenschaftlichen Herleitungen des Ähnlichkeitsprinzips und den Grundlagen der Arzneiwirkung im Organismus (2) ist ein Studium der Arzneien (3) wichtig, bevor eine Behandlung überhaupt beginnen kann. Der erste Punkt dabei ist, die Besonderheiten des HerstellungsprozessesArzneiHerstellung und deren Bedeutung für die homöopathische Behandlung zu verstehen.

Tipp

Schauen Sie sich den Herstellungsprozess bei einer spezialisierten Apotheke oder bei einem homöopathischen Arzneimittelhersteller an.

Als Nächstes folgt die Auseinandersetzung mit der Arzneimittelprüfung als Fundament der homöopathischen Arzneikenntnis (4) und das Studium der Materia medica.

Arzneimittelstudium

ArzneimittelstudiumDas Erarbeiten der Arzneimittelbilder (5) ist eine zentrale Grundlage der Homöopathie, wobei es erstaunlicherweise in der homöopathischen Literatur nur wenige Anleitungen dazu gibt.
Historisches

Constantin HeringHering, Constantin schlägt in seinem Text „Über das Studium der homöopathischen Arzneimittellehre“ (Hering 1988) vor, sich die Arzneimittel nach einem speziellen Schema zu erarbeiten, um ein Verständnis der Arzneien zu bekommen, und nicht nur Symptome auswendig zu lernen.

Auswendiglernen wäre ein allzu törichter Vorschlag, nicht nur der Mehrzahl unmöglich, sondern auch, wo es möglich wäre, ohne allen Nutzen. Was hülfe es, das Lexikon auswendig zu lernen, wenn man eine fremde Sprache sprechen wollte.“

Bei der großen Anzahl von Symptomen, die z. B. den PolychrestenPolychrest zugeordnet werden können, käme das eher dem Auswendiglernen des New Yorker Telefonbuches nahe als einem wirklichen Verständnis der Phänomene und Zusammenhänge in einem Arzneimittelbild. Ein wirkliches Verständnis der Phänomene und Zusammenhänge in einem Arzneimittelbild geht damit nicht einher. Deshalb betont HeringHering, Constantin auch, dass es nicht nur auf das Erlernen der Zeichen ankommt, sondern darauf, sie untereinander in Verbindung zu setzen. Hering empfiehlt, die Symptome einer Arznei in mehreren Durchgängen zu studieren: Beim ersten Durchgang achte man auf die Organe und Körpersysteme, bei denen die Zeichen auftreten, und beim zweiten auf die Art der Zeichen und Empfindungen. Beim dritten Durcharbeiten liegt der Schwerpunkt des Studiums auf den Modalitäten und Umständen und beim vierten auf den Zusammenhängen der Symptome, z. B. in zeitlicher oder örtlicher Reihenfolge. Wenn man sich eine Arznei derart erarbeitet hat, kann man schließlich Ähnlichkeiten und Unterschiede zu anderen Arzneien herausarbeiten und so eine einzelne Arznei in einem komplexen Kontext erfassen und später auch anwenden. Dunham (2003) und Gunavante (1999) entwickelten einen recht ähnlichen Ansatz, wobei derjenige Dunhams sehr viel ausführlicher und zeitaufwendiger in der Durchführung ist. Im Kern geht es darum, die Charakteristika einer ArzneiArzneiCharakteristika herauszuarbeiten und dann allgemein die Wirkung der Arznei auf die verschiedenen Körpersysteme, das Sensorium und die Mobilität zu untersuchen sowie Empfindungen, Periodizitäten und Modalitäten aus den Prüfungs- und Vergiftungssymptomen zu erarbeiten und im Speziellen die weiteren Symptome nach Geistes- und Gemütssymptomen und schließlich nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema zu ordnen. Hierdurch entsteht eine Auflistung, die aber nicht leicht zu behalten ist, da das assoziative Lernen, welches das Verknüpfen von Lerninhalten zum Zweck einer besseren Verankerung und Abrufbarkeit zum Ziel hat, nur wenig in Anspruch genommen wird.
Studium der Arzneimittellehren
ArzneimittellehreStudiumDie Basismethode zur Aneignung der homöopathischen Arzneimittelbilder ist das Studium verschiedener Arzneimittellehren. Im Laufe der Zeit sind sehr viele Arzneimittellehren entstanden, die sich teilweise erheblich in Herangehensweise und Schwerpunkten unterscheiden. In Tab. 15.1 werden die am häufigsten gebrauchten ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufgelistet und in ihrer Struktur beschrieben. Eine genaue und eindeutige Zuordnung der einzelnen Arzneimittellehren ist nicht immer möglich, da die meisten Materiae medicae die verschiedenen Aspekte in unterschiedlicher Gewichtung beinhalten.
Das Zentrum des Arzneimittelstudiums sind die bei ArzneimittelprüfungenArzneimittelprüfung (4) erhobenen Symptome, die primäre Materia medica. Man erhält ein gutes Bild, wenn die Symptome zuerst nach auffallenden Symptomen und dann nach absoluter Häufigkeit, Modalitäten, häufigerem Auftreten ähnlicher Empfindungen und schließlich nach Lokalitäten und Begleitsymptomen geordnet werden. Je genauer Prüfungssymptome beschrieben sind, desto mehr helfen sie beim Verstehen der wesentlichen Züge einer Arznei.
Den Ausgangspunkt des Arzneimittelstudiums bildet das Erfassen der Symptome, am besten aus mehreren Materiae medicae (Tab. 15.1), möglichst mit unterschiedlichen Schwerpunkten, um dieses Wissen dann mit weiteren Informationen zu verknüpfen. Eine mögliche Systematik hierfür wird in 5 beschrieben. Im folgenden Schritt wird das Wissen über die Ausgangssubstanz der ArzneiArzneiAusgangssubstanz Ausgangsstoffund deren Auswirkungen auf den Menschen zusammentragen. Das sind physikalische, chemische, biologische und physiologische Informationen, Kenntnisse über Pharmakologie/Toxikologie und Arzneifamilien und -verwandtschaften (3). Dann werden Informationen aus Etymologie, traditioneller Anwendung und Volksmedizin, aus Geschichte, Mythologie, Literatur, Musik, Kunst, Medien gesammelt und im Spiegel der Prüfsymptome studiert. Dieses Vorgehen ermöglicht ein assoziatives Lernen, da Symptome mit Geschichten und Erleben auf unterschiedlichen Sinnesebenen in Verbindung gebracht werden können. Schließlich ist es wichtig, die Verifikationen der Symptome durch die Bestätigung in der Krankenbehandlung zu betrachten, da ein Behandlungerfolg ein Symptom in seiner Bedeutung aufwertet. In den folgenden Schritten werden die geordneten Symptome auf Gemeinsamkeiten und Charakteristika hin analysiert und differenzierende Besonderheiten z. B. in Form von Rubriken, in denen nur die untersuchte Arznei vorkommt, herausgearbeitet, um die Grundzüge einer Arznei sichtbar zu machen.
Schließlich hilft der homöopathische Arzneimittelselbstversuch (HAMSV) oder die Teilnahme an einer Arzneimittelprüfung (4), die Arznei im wahrsten Sinne des Wortes zu verinnerlichen und somit die zuvor vorgenommene Analyse unmittelbar und auf individueller Ebene erfahrbar zu machen.

Tipp

Die Wirkungsweise homöopathischer Arzneien an sich selbst zu erfahren vertieft das bisherige Verständnis und trainiert die Selbstbeobachtung.

Wenn man sich ein ArzneimittelbildArzneimittelbild erarbeitet hat, besteht die Möglichkeit, dieses gegenüber anderen, ähnlichen Arzneien abzugrenzen und zu differenzieren. Diese Methode wird schon lange eingesetzt (z. B. Gross und Hering 1985, Farrington 1996) und wurde durch Candegabe (1990) weiterentwickelt.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, homöopathische Arzneien gegeneinander zu differenzieren:
  • indem man die Leitsymptome repertorisiert (z. B. Candegabe 1990),

  • indem man die Unterschiede der verschiedenen Arzneien einer Rubrik herausarbeitet,

  • indem man indikationsbezogen die wichtigsten Arzneien miteinander vergleicht, z. B. Verletzungs- oder Fieberarzneien,

  • indem man z. B. innerhalb von Pflanzen- oder Tierfamilien differenziert.

Eine zeitgemäße Möglichkeit, Arzneimittel zu studieren, liefert z. B. ein Computerprogramm mit Frage-/Antwortmodus (Holling), bei dem auf der Basis bewährter Materiae medicae unterschiedliche Fragen zu Symptomen oder Indikationen und weitere Informationen zu Arzneien abgerufen und studiert werden können. Hierbei ist es empfehlenswert, das Arzneimittelstudium mit den Arzneien einer Notfall- oder Hausapotheke zu beginnen, um möglichst bald in akuten Situationen selbst erste Behandlungserfahrungen sammeln zu können. Bleul (1999) hat in einer Umfrage unter Homöopathiedozenten als Konsens die 100 wichtigsten und am häufigsten eingesetzten Arzneimittel (Tab. 15.2) ermittelt, deren Erlernen derzeit als Grundlage einer Homöopathieausbildung angesehen werden kann.

Praxis

Eine gute homöopathische AnamneseAnamnese ist der Grundstein einer guten Behandlung und meist das, was am schwersten zu erlernen ist. Wie aus der Systematik in Kapitel 6 (6) ersichtlich, ist die Anamnese umfassend und auf ein ganzheitlichesGanzheitlichkeit Verstehen ausgerichtet. Das regelmäßige Üben beim Erheben von Krankengeschichten ist das beste Mittel, wobei zu empfehlen ist, zunächst mit einfachen, akuten Erkrankungen (z. B. Erkältungen, fieberhaften Infekten, Verletzungen) zu beginnen und sich erst mit zunehmender Erfahrung auch an chronische Krankheiten heranzutrauen.
Für die Wege zur ArzneifindungArzneifindung haben wir verschiedene Möglichkeiten, die sich innerhalb der Homöopathie entwickelt haben, nebeneinandergestellt (7), weil nicht nur die Patienten jeweils ganz eigene, individuelle Muster zeigen, sondern auch jeder Behandler seiner Art entsprechend ganz eigene Denk- und Arbeitsstrukturen innerhalb der homöopathischen Methode herausarbeiten wird. Das berührt nicht die grundlegenden theoretischen Ansätze und Handlungsanweisungen, sondern ist Ausdruck der individuellen Arbeitsweise innerhalb der Homöopathie.
Die Methode der Arzneifindung kann am Anfang an didaktisch aufbereiteten „Papierfällen“ erfolgen, um das Umsetzen von Äußerungen der Patienten in die Sprache des jeweils benutzten Repertoriums zu üben. Für das Erlernen und das weitere homöopathische Arbeiten sind verschiedene praktische Aspekte von Bedeutung, die im Folgenden beschrieben werden.
Selbstbeobachtung
Sich selbst als Beobachtungsobjekt zu nehmen ist hilfreich, um zu entdecken, welche Empfindungen und Beobachtungen auf den verschiedenen Ebenen auftreten können. Die Selbstbeobachtung kann z. B. im Rahmen eines HAMSV (4.4) mit einem SymptomtagebuchSymptomtagebuch über mehrere Tage durchgeführt werden. Das hilft dabei, die Wahrnehmung zu verfeinern und die Aufmerksamkeit auch auf kleinere Empfindungen und Veränderungen zu richten. In der Phase, in der die Arznei eingenommen wird, ist es möglich, an sich selbst zu erfahren, wie und welche Veränderungen durch eine Arzneimittelprüfung mit homöopathischen Arzneien hervorgerufen werden können.
Eine weitere wichtige Ebene ist die Selbstbeobachtung im Verhalten dem PatientenArzt-Patient-BeziehungSelbstbeobachtung SelbstbeobachtungArzt-Patient-Beziehunggegenüber (6.1.1): Welche Haltung nehme ich ein? Fühle ich mich ruhig und entspannt oder eher angespannt? Wie spreche ich, und wie formuliere ich Fragen und Erklärungen? Wie verändert sich mein Erleben in verschiedenen Situationen innerhalb einer Anamnese oder von Patient zu Patient? Oft ist es möglich, an sich selbst, auch im Sinne einer Gegenübertragung, Beobachtungen zu machen, die helfen, den Kontakt zum Patienten bewusster zu gestalten und kritische Punkte in einer therapeutischen Begegnung kreativer und sensibler zu nutzen. Es kann sein, dass wir z. B. eine Schmerzempfindung, die der Patient gerade beschreibt, auf einmal an uns selbst in ganz feiner Form wahrnehmen, wenn wir uns in Resonanz befinden, oder feststellen, dass ein Störgefühl entsteht, wenn ein Patient bestimmte Dinge erzählt, andere dazugehörige wichtige Vorkommnisse aber unerwähnt lässt.
Selbsterfahrung
Arzneimittelselbstversuchhomöopathischer (HAMSV)Außer der Selbstbeobachtung bei einem HAMSV ist auch die Selbsterfahrung wichtig, wenn man sich beispielsweise wegen etwaig bestehender Beschwerden in die Rolle eines Patienten begibt und sich homöopathisch behandeln lässt. Diese Art der Selbsterfahrung ist für viele Behandler der Ausgangspunkt ihres Interesses an der Homöopathie und ihrer therapeutischen Tätigkeit. Viele bedeutende Homöopathen wie z. B. Bönninghausen und Hering haben so ihren Weg zur Homöopathie gefunden oder ihre zuvor kritische Haltung revidieren müssen.
Hospitation
HospitationHospitation ist eine praktische Möglichkeit, um sich die Arbeitsweise der homöopathischen Behandlung anzueignen. Anamnesetechnik und -stil sowie deren Umsetzung können direkt beobachtet werden. Das hilft dabei, Möglichkeiten der Patientenaufnahme und -führung kennenzulernen und unter Berücksichtigung eigener Fähigkeiten und Vorerfahrungen einen eigenen Behandlungsstil zu entwickeln. Darüber hinaus lernt man praxisnah eine Menge über Verlaufsbeurteilung (9) und die Behandlungsmöglichkeiten bei verschiedenen, insbesondere chronischen Krankheiten (10).

Tipp

Suchen Sie sich erfahrene Kollegen, bei denen Sie hospitieren können. Das praktische Lernen am Beispiel und Vorgehen anderer ist durch kein Theoriestudium zu ersetzen.

Sammeln praktischer Erfahrungen
Nach dem Erwerb der Grundlagen der Homöopathie und ihrer Methoden ist das Sammeln eigener Behandlungserfahrungen die zentrale Voraussetzung für eine eigenständige Tätigkeit als Homöopath. Hier empfiehlt es sich, den eigenen Fähigkeiten entsprechend, zunächst mit leichteren und akuten Fällen grundlegende Erfahrungen zu sammeln, bevor man zur Behandlung chronisch Kranker übergeht. Gerade Langzeitverläufe und sogenannte schwere Pathologien erfordern nicht nur viel homöopathische Behandlungserfahrung, sondern auch die Fähigkeit, die Homöopathie einerseits zielführend in ein oft mehrdimensionales Behandlungskonzept zu integrieren und andererseits auch die Grenzen homöopathischer Behandlungsmöglichkeiten zu kennen und zu berücksichtigen.
Lern-/Ausbildungsgruppe
Für ein systematisches Erlernen der homöopathischen Behandlungsmethode ist der Besuch einer Lern- oder Ausbildungsgruppe, wie sie für die Erlangung der ärztlichen Zusatzbezeichnung, aber auch in den Ausbildungsplänen für Heilpraktiker vorgesehen ist, erforderlich. Dies kann im Studium bereits vorbereitend durch den Besuch studentischer ArbeitskreiseArbeitskreis, studentischer, die es inzwischen an vielen Universitäten gibt, erfolgen. Für die ärztliche Ausbildung gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz festgelegte Weiterbildungsordnungen, die bei den jeweiligen Ärztekammern oder Ärztegesellschaften erfragt werden können. Die Ausbildungsmöglichkeiten für Heilpraktiker sind sehr heterogen und kaum offiziell geregelt; hier steht die Suche nach einem geeigneten Ausbildungsrahmen im Vordergrund.
Supervision
SupervisionDie Fallsupervision ermöglicht es schließlich, in den Fällen und Situationen, wo das eigene Wissen an Grenzen stößt, auf die Erfahrung, das Arzneiwissen und Rückmeldungen erfahrener Kollegen zurückzugreifen. Insbesondere können dadurch die Anamnesetechnik (6) und das Verständnis für die Verlaufsbeurteilung (9) fortlaufend verbessert werden. Super- oder Intervisionsgruppen stellen für bereits ausgebildete Homöopathen eine wichtige Weiterbildungsmöglichkeit dar und helfen dem Therapeuten, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Literatur

Allen, 2005

H.C. Allen Leitsymptome homöopathischer Arzneimittel 4.Aufl. 2005 Elsevier/Urban & Fischer München

Bleul, 2001

G. Bleul Das Erlernen der Arzneimittelbilder G. Bleul Weiterbildung Homöopathie Bd. B 2001 Sonntag Stuttgart

Bleul, 1999

G. Bleul Arzneimittel in der Homöopathie-Weiterbildung AHZ 5 1999 193 197

Boericke, 1992

W. Boericke Handbuch der homöopathischen Materia medica, übers. u. bearb. v. Beha DJ, Hickmann R, Scheible KF 1992 Haug Heidelberg

Bönninghausen, 2000

C.v. Bönninghausen Therapeutisches Taschenbuch, revidierte Ausgabe, hrsg. v. Gypser KH 2000 Sonntag Stuttgatt

Candegabe, 1990

E.F. Candegabe Vergleichende Arzneimittellehre 1990 Burgdorf Göttingen

Dorcsi, 1991

M. Dorcsi Homöopathie Arzneimittellehre Bd. 5 1991 Haug Heidelberg

Dunham, 1877

C. Dunham The science of therapeutics 1877 Hart New York

Dunham, 2003

C. Dunham Vorlesungen zur homöopathischen Materia medica 2003 Haug Stuttgart

Enders, 1999

N. Enders Bewährte Anwendung der homöopathischen Arznei Bd. 2 1999 Haug Heidelberg

Farrington, 1996

E.A. Farrington Vergleichende Arzneimittellehre 1996 Similimum Ruppichteroth

Farrington, 2010

E.A. Farrington Der Neue Farrington, Klinische Materia Medica 2010 Peter Irl Buchendorf

Gross and Hering, 1985

H. Gross C. Hering Vergleichende Materia Medica 1985 Barthel und Barthel Berg

Guernsey, 1999

H.N. Guernsey Keynotes zur Materia Medica 1999 Haug Heidelberg

Gunavante, 1999

S.M. Gunavante Theorie und Praxis der Homöopathie 1999 Hahnemann-Institut Greifenberg

Hahnemann, 2004

S. Hahnemann Organon der Heilkunst Standardausgabe 2004 Haug Stuttgart

Hahnemann, 2006a

S. Hahnemann Die chronischen Krankheiten Theoretische Grundlagen. Mit allen Änderungen von der 1. Auflage (1828) zur 2. Auflage (1835) auf einen Blick, bearb. v. Wischner M 3. Aufl. 2006 Haug Heidelberg

Hahnemann, 2006b

S. Hahnemann Organon der Heilkunst Neufassung der 6.Auflage mit Systematik und Glossar, hrsg. v. Schmidt JM 2. Aufl. 2006 Elsevier/Urban & Fischer München

Hahnemann, 2007

S. Hahnemann Gesamte Arzneimittellehre Alle Arzneien Hahnemanns: Reine Arzneimittellehre, Die Chronischen Krankheiten und weitere Veröffentlichungen in einem Werk (Bd. 1–3), hrsg. u. bearb. v. Lucae C, Wischner M 2007 Haug Stuttgart

Hering, 1988

C. Hering Über das Studium der homöopathischen Arzneimittellehre K.H. Gypser Herings Medizinische Schriften Bd. II 1988 Burgdorf Göttingen

Holling, 2016

A. Holling Homöoquest http://www.homoeomedia.de/homooquest.html [Stand 21.2.2016]

Kent, 1998

J.T. Kent Kents Arzneimittelbilder Vorlesungen zur homöopathischen Materia medica, übers. v. Wilbrand R 1998 Haug Heidelberg

Mezger, 2005

J. Mezger Gesichtete homöopathische Arzneimittellehre 12. Aufl. 2005 Haug Heidelberg

Minder, 2010

P. Minder Das Studium der Materia medica homoeopathica (MMH) ZKH 1 2010 40 44

Murphy, 2008

R. Murphy Klinische Materia Medica 2008 Narayana Kandern

Nash, 2004

E.B. Nash Leitsymtome in der homöopathischen Therapie, übers. v. Wilbrand R 2004 Haug Stuttgart

Phatak, 2013

S.R. Phatak Homöopathische Arzneimittellehre, übers. u. bearb. v. Seiß F 5. Aufl. 2013 Elsevier/Urban & Fischer München

Sankaran, 2002

R. Sankaran Die Seele der Heilmittel 2002 Homoeopathic Medical Publishers Mumbai

Seideneder, 2000

A. Seideneder Mitteldetails der homöopathischen Arzneimittel 3 Bde 2000 Similimum Ruppichteroth

Seideneder, 2008

A. Seideneder Heilmittelarchiv 6 Bde 2008 Narayana Kandern

Stauffer, 2002

K. Stauffer Klinische Homöopathische Arzneimittellehre, neu bearb. v. Lucae C 14. Aufl. 2002 Sonntag Stuttgart

Tyler, 2015

M.L. Tyler Homöopathische Arzneimittelbilder 4. Aufl. 2015 Elsevier/Urban & Fischer München

Vermeulen, 1998

F. Vermeulen Synoptische Materia Medica Bd. 2 1998 Emryss Haarlem

Vermeulen, 2006

F. Vermeulen Prisma Das Arcanum der Materia Medica ans Licht gebracht 2006 Emryss Haarlem

Vithoulkas, 1998

G. Vithoulkas Essenzen homöopathischer Arzneimittel 1998 Silvia Faust Höhr-Grenzhausen

Wischner, 2000

M. Wischner Fortschritt oder Sackgasse? Die Konzeption der Homöopathie in Samuel Hahnemanns Spätwerk (1824–1842) 2000 KVC Essen

Wischner, 2001

M. Wischner Organon-Kommentar 2. Aufl. 2001 KVC Essen

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen