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B978-3-437-56353-9.00032-3

10.1016/B978-3-437-56353-9.00032-3

978-3-437-56353-9

Dreidimensionales Schema der Existenzebenen des Menschen nach Vithoulkas

Gewichtung der Symptome nach Vithoulkas

Spiralförmiges Periodensystem nach Scholten

Kapiteleinteilung des Kent-Repertoriums in der Ausgabe von Keller und Künzli [1993]. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurden Hauptkapitel in den Organsystemen nicht immer gesondert aufgeführt, sondern durch/kenntlich gemacht.

Tab. 32.1
Band 1 Band 2 Band 3
  • Gemüt

  • Träume

  • Schwindel

  • Kopf

  • Kopfschmerz

  • Schlaf

  • Allgemeines

  • Empfindungen

  • Modalitäten

  • Frost

  • Fieber

  • Schweiß

  • Gesicht // Gesichtsschmerz

  • Haut // Hautausschlag

  • Brust

  • Rücken // Rückenschmerzen

  • Extremitäten

  • Gliederschmerzen

  • Augen // Augenschmerzen // Sehen

  • Ohren // Ohrenschmerzen // Hören

  • Nase // Nasenschmerzen // Hören // Schnupfen

  • Mund

  • Zahnfleisch // Zähne // Zahnschmerzen

  • Zunge

  • Gaumen

  • Innerer Hals // Halsschmerzen // Äußerer Hals

  • Kehlkopf und Trachea // Schmerzen in Kehlkopf und Trachea

  • Atmung

  • Husten

  • Auswurf

  • Magen // Magenschmerzen

  • Abdomen // Bauchschmerzen

  • Rektum // Anus // Afterschmerzen

  • Stuhl

  • Nieren und Harnleiter // Prostata // Harnblase // Harnröhre //Schmerzen der Harnorgane

  • Urin

  • Männliche Genitalien

  • Weibliche Genitalien

  • Schmerzen der Genitalien

Miasmatische Einteilung nach OrtegaPsoraSykosisSyphilis

Tab. 32.2
Psora Sykosis Syphilis
Mangel Erhöhung Perversion
Verminderung Exzess Degeneration
Hypotrophie Hypertrophie Destruktion
Bradykardie Tachykardie Arrhythmie
Introversion Extraversion Misstrauen, Chaos
Hemmung Flucht, Zerstreuung Angriff
Ängstlichkeit Prahlerei Aggression
Bewegung < Ruhe < (Widersprüchl. Modalitäten)
Kälte <, Morgen < Wärme <, Abend < (Widersprüchl. Modalitäten)
Ekzeme, Pruritus Blasen, Tumoren Degenerationen

Ebenen der GesundheitEbenen der Gesundheit nach Vithoulkas

Tab. 32.3
Gruppen und Potenzstufe
Gruppe A (Ebenen 1–3); Potenzstufe bis zur C 50 000
  • Charakteristika der Pathologie:

    • Alle Erkrankungen mit überwiegend funktionellen Störungen.

    • Infektionskrankheiten (überwiegend bakteriell bedingt), Kinderkrankheiten.

  • Homöopathische Charakteristika:

    • Homöopathisch heilbar, Symptome weisen deutlich auf eine Arznei hin.

    • Ebene 1: Homöopathische Verschlimmerung tritt in der höchsten Ebene kaum auf. Akute Erkrankungen sind im Behandlungsverlauf sehr selten.

    • Ebene 2–3: Milde homöopathische Verschlimmerung, gelegentliche akute Erkrankungen. Homöopathische Arzneien müssen angemessen, aber häufiger wiederholt werden, um das beste Ergebnis zu erreichen. Akute Erkrankungen treten gehäuft auf.

  • Homöopathische sowie andere Arzneimittel müssen nicht wiederholt werden.

Gruppe B (Ebenen 4–6); Potenzstufe M bis XM
  • Charakteristika der Pathologie:

    • Mit absteigenden Ebenen treten häufigere und schwerere akute Zustände auf, z. B. Pneumonien.

    • Bakterielle Infektionen sind zunehmend antibiotikaresistent.

    • Bei den tieferen Ebenen treten akute Erkrankungen rezidivierend auf. Durch vermehrten Einsatz schulmedizinischer Medikamente sinkt die Ebene der Gesundheit.

  • Homöopathische Charakteristika:

    • Deutlichere Erstverschlimmerungen.

    • Mehrere homöopathische Arzneien werden nacheinander benötigt

    • Ebene 5–6: Lang anhaltende homöopathische Erstverschlimmerungen sind möglich.

Gruppe C (Ebenen 7–9); Potenzstufe C 200
  • Charakteristika der Pathologie:

    • Ebene 7: Weniger akute Erkrankungen, weniger ernsthafte Erkrankungen. Heilungen sind noch gut möglich.

    • Eben 9: Keine akuten Erkrankungen mehr.

    • Ernsthaftere, chronisch degenerative Erkrankungen wie z. B. M. Crohn, Colitis ulcerosa.

  • Homöopathische Charakteristika:

    • Ebene 7: Sehr heftige homöopathische Erstverschlimmerungen. Diese können so heftig sein, dass schulmedizinische Interventionen nötig werden.

    • Ebene 9: Erstverschlimmerung bedeutet, dass die Arznei falsch war.

    • Ebene 7–9: Eine falsche homöopathische Arznei kann den Fall verwirren. Es werden 4–5 homöopathische Arzneien (in aufsteigender Potenzierung) benötigt ehe sich positive Wirkungen zeigen.

Gruppe D (Ebene 10–12); Potenzstufe C 12–C 30, wiederholte Gaben
  • Charakteristika der Pathologie:

    • Schwerste chronische Erkrankungen, die das Immun- und Nervensystem betreffen.

    • Keinerlei akute Infektionserkrankungen mehr.

  • Homöopathische Charakteristika:

    • Es werden nacheinander mehrere homöopathische Arzneien benötigt, bis wieder eine akute Erkrankung auftritt.

    • Es tritt keine Erstverschlimmerung auf, falls doch, ist die Arznei mit Sicherheit falsch gewählt.

    • Die unterste Stufe bedeutet Unheilbarkeit, nur Palliation ist möglich.

Gruppeneinteilung homöopathischer Arzneimittel nach Scholten („Homöopathie und Minerale“)Gruppenanalyse (Scholten)ArzneimittelGruppenanalyse (Scholten)

Tab. 32.4
Gruppe Carbonicum-Gruppe Muriaticum-Gruppe Sulfuricum-Gruppe Phosphoricum-Gruppe Nitricum-Gruppe Fluor-Gruppe Brom-Gruppe Iod-Gruppe
Aus einem Element Graph. Chlor. Sulph. Phos. Brom. Iod.
Calcium-Gruppe Calc-c. Calc-m. Calc-s. Calc-p. Calc-n. Calc-f. Calc-br. Calc-i.
Magnesium-Gruppe Mag-c. Mag-m. Mag-s. Mag-p. Mag-n. Mag-f. Mag-br. Mag-i.
Kalium-Gruppe Kali-c. Kali-m. Kali-s. Kali-p. Kali-n. Kali-f. Kali-br. Kali-i.
Natrium-Gruppe Nat-c. Nat-m. Nat-s. Nat-p. Nat-n. Nat-f. Nat-br. Nat-i.
Barium-Gruppe Bar-c. Bar-m. Bar-s. Bar-p. Bar-n. Bar-f. Bar-br. Bar-i.
Acidum-Gruppe Mur-ac. Sulph-ac. Phos-ac. Nit-ac. Fluor-ac.
Ammonium-Gruppe Am-m. Am-s. Am-p. Am-n. Am-f. Am-br. Am-i.

Charakteristische Themen am Beispiel der Natrium- und der Muriaticum-Gruppe nach Scholten

Tab. 32.5
Natrium-Gruppe Muriaticum-Gruppe
Gemütssymptome
Kummer, Verdrossenheit Selbstmitleid mit dem Bedürfnis nach Pflege und Versorgung dahinter
Festhalten an der Vergangenheit Zuwendung, Mutterproblematik
Verschlossenheit, Alleinsein Probleme mit Selbstbewusstsein
Beschränkung, Verneinung, Verbot
Sensibilität und Verletzbarkeit
Allgemeinsymptome
Verschlechterung durch Sonne Wärmeempfindlichkeit
Beeinflussung durch das Meer Beeinflussung durch das Meer
Verschlechterung um 11 Uhr Verschlechterung um 23 Uhr

Themen aus den sieben Serien nach Scholten

Tab. 32.6
Serie Thema Alter Raum Gewebe
Wasserstoff Sein Ungeboren Ohne Raum
Kohlenstoff Ich Kind Körper Haut
Silicium Andere Jugendlicher Haus Bindegewebe
Eisen Arbeit Erwachsener Dorf Muskel, Blut
Silber Idee Mittleres Alter Stadt, Land Nerven
Gold Leiden Reifes Alter Land, Welt Knochen
Uranium Magie Senium Universum Knochenmark

Komponenten der „komplexen Methode“ nach Mangialavori Methode, komplexe (Mangialavori)

Tab. 32.7
1. Erkenntnis des inneren Zusammenhangs einer Substanz
  • Studium der Substanz an sich, ihrer Beschreibung und ihrer chemischen Eigenschaften

  • Studium der Toxikologie und der traditionellen Verwendung

  • Studium der mythologischen Dimensionen und Legenden sowie des rituellen Gebrauchs

2. Kohärenz
  • Suche nach einer möglichen Kohärenz durch das Studium einer Substanz

  • Organisation der Symptome nach ihrem inneren Zusammenhang (Arzneimittelprüfungen, klinische Erfahrung)

3. Erforschen von Anpassungsstrategien „Überlebens-Strategien“ einer Substanz sowie Strategie eines Menschen, der diese Substanz als Heilmittel benötigt
4. Definition der fundamentalen „Themen“ einer Arznei (Resultat aus 1–3)
5. Konzept der „Arzneimittelfamilien“ Mögliche Beziehung einer Arznei zu anderen Arzneien, basierend auf möglichen gemeinsamen Themen
6. Klinische Evidenz Zuverlässige, klinische Bestätigung mit Langzeitverlauf unter einer Arznei

Beispiele für zu wählende Rubriken nach SehgalRubrikRepertorium

Tab. 32.8
Äußerungen des Patienten Rubrik
„Herr Doktor, Sie müssen mir sofort helfen.“ Verlangen, getragen zu werden
„Sie müssen mich zum CT überweisen, Herr Doktor. Ich möchte genau wissen, was hinter den Schmerzen steckt.“ Verlangen nach Licht
„Ich befürchte, dass mein Leiden chronisch wird.“ Furcht vor Extravaganz
„Was bin ich doch für ein Idiot, bei dem Wetter mit nassen Haaren herumzulaufen, jetzt habe ich wieder eine Erkältung.“ Delirium, gibt sich selbst die Schuld für seine Narretei
„Ich habe das Gefühl, dass ich keine Energie habe und nach der geringsten Arbeit müde werde.“ Wahnidee, wird dünn
„Wenn ich einmal sitze, so fällt es mir schwer, danach wieder aufzustehen.“ Gestört zu werden, abgeneigt
„Es wäre gut, wenn ich zur Arbeit gehen könnte.“ Geschäften, redet von

Die zwölf Mineralsalze (Methode nach Schüßler)Mineralsalze, Schüßler-Methode

Tab. 32.9
1. Calc-fluor. 4. Kali-chlor. 7. Mag-phos. 10. Nat-sulf.
2. Calc-phos. 5. Kali-phos. 8. Nat-chlor. 11. Sil.
3. Ferr-phos. 6. Kali-sulf. 9. Nat-phos. 12. Calc-sulf.

Das 12. Mittel Calc-sulf. wurde später von Schüßler wieder eliminiert.

Ansätze der klassischen Homöopathie und abgeleitete Gegenwartsströmungen

Martin Schmitz

Norbert Winter

(32.4)

Spiros Kivellos

(32.7 – übersetzt von Thomas Quak)
  • 32.1

    Vorbemerkung der Herausgeber926

  • 32.2

    Kent-Künzli-Schule927

  • 32.3

    Bönninghausen-Methode929

  • 32.4

    Cyrus Maxwell Boger – Konzentration auf das Wesentliche932

  • 32.5

    Miasmatische Homöo- pathie nach Proceso Sánchez Ortega935

  • 32.6

    Essenzen und Konzepte von Georgos Vithoulkas938

  • 32.7

    Die Theorie der Ebenen der Gesundheit nach George Vithoulkas941

  • 32.8

    Methode nach Alfonso Masi-Elizalde944

  • 32.9

    Rajan Sankaran und das Konzept der „Basic Delusions“949

  • 32.10

    Methode nach Jan Scholten953

  • 32.11

    Massimo Mangialavori und die „komplexe Methode“ der Homöopathie958

  • 32.12

    Sehgal-Methode961

  • 32.13

    „Boller Schule“ und die C4-Homöopathie nach Jürgen Becker964

  • 32.14

    Andere Therapiemethoden mit potenzierten Arzneimitteln966

    • 32.14.1

      Komplexmittel-homöopathie966

    • 32.14.2

      Biochemie nach Schüßler966

    • 32.14.3

      Bach-Blüten-Therapie967

    • 32.14.4

      Anthroposophie nach Rudolf Steiner968

Vorbemerkung der Herausgeber

Homöopathie ist HomöopathieAnsätze, klassische/modernedie Anwendung von potenzierten Arzneimitteln nach dem Ähnlichkeitsgesetz zur Heilung von Krankheiten (vgl. Organon, § 146). Auf diese einfache Formel lässt sich das in den vorangegangen Kapiteln ausführlich Dargestellte reduzieren. Die Basis der homöopathischen Heilmethode ist hierbei die reine Beobachtung am Patienten (bzw. die Arzneimittelprüfung am Gesunden), frei von allen „übersinnlichen Ergrübelungen“ (Organon, § 6). Die Gesetze und Prämissen dieser „rationellen Heilkunde“ sind Heilkunde, rationelleeinfach zu verstehen und vor allem auch leicht nachzuvollziehen und führen, richtig angewendet, in der homöopathischen Praxis gerade deshalb häufig zur erfolgreichen Heilung. $Hahnemann, SamuelHahnemanns Anliegen war es, ein möglichst klares, wenig interpretierbares Heilsystem auszuarbeiten und darzustellen, eine Anleitung für jeden, der bereit ist, sich redlich und ausführlich mit seinen Lehren zu beschäftigen (macht es nach, aber macht es genau nach!). In seinen Schriften zur Therapiemethode der Homöopathie finden sich wenige Hinweise auf Theologie, Religiosität oder Spiritualität, insbesondere keine, die diesen Themen eine wesentliche Bedeutung bei der Anwendung der homöopathischen Heilmethode beimessen.

Im Gegensatz zur Schulmedizin, die ein globalisiertes Forschungssystem etabliert hat, beziehen sich alle (Weiter-)Entwicklungen im Bereich der Homöopathie vor allem auf einzelne hervorstechende Persönlichkeiten. $Hahnemann, Samuel$Bönninghausen, Clemens von$Kent, James Tyler$Hering, ConstantinKünzli $Künzli von Fimmelsberg, JostDies beginnt schon mit $Hahnemann, SamuelHahnemann und setzt sich fort z. B. über Bönninghausen, Kent, Hering, Schmidt und Künzli, um sich quasi wie ein homöopathischer Stammbaum immer weiter zu verzweigen. Diese Verzweigungen, ausgehend von den Lehren $Hahnemann, SamuelHahnemanns sind Thema des folgenden Kapitels. Es werden die einzelnen, etablierten Schulen bzw. Denkansätze der Homöopathie ausführlich dargestellt. Jeder dieser Ansätze ist verknüpft mit einzelnen (homöopathiegeschichtlichen) Persönlichkeiten, was schon aus deren Namensgebung hervorgeht.

Es ist wichtig, zu erkennen und sich immer wieder vor Augen zu führen, dass die Lehren Hahnemanns, wie er sie im „Organon der Heilkunst“ und in der Theorie zu den „Chronischen Krankheiten“ dargestellt hat, die Wurzel und den festen Stamm der Therapiemethode darstellen, woraus jede Weiterentwicklung entwachsen ist. In der nunmehr über 200-jährigen Geschichte der Homöopathie bildeten sich stammnahe, stabile Äste, aber auch weit vom Stamm entfernte Blüten, die hoch in den Himmel ragen und sich weit weg von ihrem eigentlichen Ursprung befinden.

Folgende Entwicklungen aus der Homöopathie Hahnemanns werden abgehandelt:

  • Bönninghausen-Methode (32.23). $Bönninghausen, Clemens von

  • Kent-Künzli-Schule (32.2). $Kent, James Tyler

  • Miasmatische Homöopathie nach Proceso Sánchez Ortega (32.6).

  • Essenzen und Konzepte von Georgos Vithoulkas (32.6). $Vithoulkas, Georgos

  • Methode nach Alfonso Masi-Elizalde (32.8). $Masi-Elizalde, Alfonso

  • Rajan Sankaran und sein Konzept der „Basic delusions“ (32.9). $Sankaran, Rajan

  • Methode nach Jan Scholten (32.10). $Scholten, Jan

  • Massimo Mangialavori und die „komplexe Methode“ der Homöopathie (32.11). $Mangialavori, Massimo

  • Sehgal-Methode bzw. die revolutionierte Homöopathie (32.11).$Sehgal, Mandan Lal

  • „Boller Schule“ und die C-4-Homöopathie nach Jürgen Becker (32.12). $Becker, Jürgen

Diese Denk- und Arbeitsansätze der oben aufgeführten „Homöopathierichtungen“ orientieren sich an den Ideen Hahnemanns – manche jedoch nur noch theoretisch. Einige weitere, von den Grundlagen der Homöopathie weit abgerückte, aber dennoch mit theoretischer Berufung auf bestimmte Prinzipien der Homöopathie (und weiter Verbreitung), werden ebenfalls abgehandelt (32.12):

  • Komplexmittelhomöopathie.

  • Biochemie nach Schüßler. $Schüßler, Wilhelm Heinrich

  • Bach-Blüten-Therapie. $Bach, Edward

  • Anthroposophie nach Rudolf Steiner. $Steiner, Rudolf

Im Gegensatz zur allgemein anerkannten, wissenschaftlichen Basis der Schulmedizin gibt es in der Homöopathie nur vereinzelt das Bestreben zur (Weiter-)Entwicklung einer breiten, von allen anerkannten Wissensbasis auf dem Boden der Lehren Hahnemanns. Die aktuelle Homöopathie ist, wie auch andere alternative Heilmethoden, ein Schmelztiegel von Individualisten mit unterschiedlichen Ideen, Interessen und Motiven.

Die im Folgenden dargestellten Interpretationen der homöopathischen Lehre werden ausführlich und ohne Kommentar abgehandelt. Dies scheint aus Gründen der umfassenden Information wichtig. Nach dem Studium der Kapitel 1 bis 9 dieses Leitfadens wird sich der Leser selbst ein Bild machen können, welche der geschilderten Ansätze konform mit den dargestellten Sachverhalten gehen und welche sich weit, weiter oder sogar sehr weit davon entfernen. Es sei dahingestellt, ob alle Ansätze theoretisch richtig oder auch nur nachvollziehbar sind. Die Tatsache, dass sie heute in Form von Literatur oder Seminaren auf dem Markt angeboten werden, gab den Ausschlag für die Darstellung in diesem Buch.

Kent-Künzli-Schule

Kent-Künzli-SchuleDie Kent-Künzli-Schule $Künzli von Fimmelsberg, Jostgeht $Kent, James Tylerauf James Tyler Kent (1849–1916) zurück und wurde von dessen Schülern und weiteren Schülergenerationen tradiert und weiterentwickelt. Insbesondere Jost Künzli von Fimmelsberg (1915–1992) brachte $Künzli von Fimmelsberg, Jostneue Aspekte in die Therapie, so z. B. den Einsatz der Q-Potenzen. Q-Potenzen
Der US-Amerikaner Kent war $Kent, James TylerStudent an der eklektischen Medizinfakultät in Cincinnati. Dort wurden neben allopathischen Methoden auch homöopathische, naturheilkundliche und chiropraktische Therapiekonzepte gelehrt. Von der Homöopathie als Behandlungsmethode ließ er sich aber erst nach erfolgreicher homöopathischer Behandlung seiner Frau überzeugen. Er erlernte die Homöopathie weitgehend als Autodidakt anhand der Schriften Hahnemanns $Hahnemann, Samuelund Herings.
Im Laufe der Zeit studierte er neben den homöopathischen Werken auch die Schriften Emanuel $Swedenborg, EmanuelSwedenborgs (1688–1772). Die nach Kent benannte Kent-ReiheKent-Reihe von Potenzschritten (C30, C200, M, XM, LM, MM 6.3) lehnt sich an Swedenborg an, der die Vorstellung propagierte, dass man sich der Unendlichkeit schrittweise über bestimmte Stufen annähern sollte. Kents legendäre Aussage „The mind is the key to the man“ dürfte ebenfalls durch Swedenborg beeinflusst gewesen sein. Die „Swedenborgianer“ betrachteten Krankheit immer als eine Störung des innersten, psychischen Kerns des Menschen, und damit als psychisches Problem mit entsprechenden Symptomen. Auch mit der Hierarchisierung lässt sich bei Kent ein Bezug zu Swedenborg herstellen.
Gemäß der Kent-Künzli-SchuleKent-Künzli-Schule ergibt sich SymptomeHierarchisierungfolgende Hierarchie von Symptomen: Hierarchisierung, Symptome
  • Auffallende, sonderliche, eigenheitliche Symptome (gemäß Organon, § 153).

  • Gut beobachtete Geistes- und Gemütssymptome.

  • Allgemeinsymptome (den ganzen Menschen betreffende Modalitäten, Absonderungen, Schlaf, Symptome der Menses usw.).

  • Ursachen (im Sinne von Beschwerden durch Kälte, Wind etc.).

  • Begleitsymptome.

  • Lokalsymptome.

Kent lehrte als Professor an $Kent, James Tylermehreren Colleges und aus Mitschriften seiner Vorlesungen gingen zwei bedeutende Werke hervor:
  • Aus den Vorlesungen über Hahnemanns „Organon“ ging das von $Künzli von Fimmelsberg, JostKünzli aus Pierre Schmidts französischer Bearbeitung ins Deutsche übersetzte „Zur Theorie der Homöopathie“ hervor.

  • Kents Arzneimittellehre entstand aus $Kent, James TylerVorlesungsmitschriften zur Materia medica, bei denen sich Kent v. a. an $Hering, ConstantinHerings „Guiding Symptoms“ orientierte. Sie umfasst 183 Mittel, bei denen Kent besonderes Augenmerk auf die Gemütsbeschreibungen legte und erstmals in der Homöopathie präzise Gemütszustände der Arzneimittelbilder beschrieb.

Für sein Repertorium (5.3.1) standen ihm als Quellen u. a. das fast fertige Repertorium von Lee, das dieser wegen drohender Erblindung nicht vollenden konnte und das Repertorium von Lippe $Lippe, Adolph zurzur Verfügung, doch entwickelte Kent eine differenzierte Gliederung (Tab. 32.1) und konnte das meiste aus seiner langjährigen Erfahrung einfließen lassen. In seinem Repertorium lassen sich eine Vielzahl immer speziellerer und detaillierterer Unterrubriken finden, die oftmals nur wenige Arzneimittel enthalten. Die ersten drei Auflagen gingen auf Kent $Kent, James Tylerzurück, die 4. bis 6. Auflage sind von Schülern korrigierte Versionen.
Bei der Anamnese verwendete Kent auch $Kent, James TylerFragebögen, er gab später eine kurze (50 Fragen) und eine sehr umfangreiche Version derselben heraus (4.1.2).
Nach dem Tode Kents wurde die Lehre durch dessen Schüler John Austin $Austin, Alonzound Frederica Gladwin $Gladwin, Fredericaan den Schweizer $Schmidt, PierrePierre Schmidt weitergegeben. Auf diesem Wege gelangte die „Kent-Schule“ in die Schweiz, wo sie bis heute eine große Rolle spielt. Schmidt gab seine Kenntnisse und Erfahrungen an Jost $Künzli von Fimmelsberg, JostKünzli von Fimmelsberg und an Homöopathen mehrerer Länder Europas RepertoriumKentweiter und sorgte damit für die weitere Tradierung der Kent-Lehre.
Schmidt und Künzli waren neben $Flury, RudolfFlury dafür verantwortlich, dass die Q-Potenzen Q-Potenzenwiederentdeckt und verbreitet wurden. Beim sorgfältigen Lesen der letzten „Organon“-Auflage wurden sie darauf aufmerksam. Da Kent die 6. und damit letzte Auflage $Kent, James Tylerdes „Organon“ nicht zur Verfügung gestanden hatte, waren ihm die Q-Potenzen unbekannt geblieben.
Der 1915 geborene Künzli gab 1986–1989 $Künzli von Fimmelsberg, Jostzusammen mit Michael $Barthel, MichaelBarthel „Kents Repertorium Generale“ heraus, ein Werk mit Ergänzungen von 72 Autoren. Darin kennzeichnete Künzli Rubriken und Mittel, die sich in seiner langjährigen Praxis bewährt hatten, durch schwarze Punkte („Künzli-PunkteKünzli-Punkte5.3.2).
Künzli orientierte sich auch an der Kent-Reihe der Potenzabfolge, im Allgemeinen gab er die Potenz jeder Stufe zweimal. Dann ging er zur nächst höheren über, also C30, C30, C200, C200, M, M, XM, XM, LM, LM, CM, CM, MM, MM (6.3). Bei Potenzen bis zur LM (= C50 000) empfiehlt er einen Mindestabstand von 35 Tagen, bei der CM einen von drei Monaten und bei der MM einen Mindestabstand von zwölf Monaten.
Nach dem Tod Künzlis 1992 $Künzli von Fimmelsberg, Jostübernahm Dario $Spinedi, DarioSpinedi einen Großteil seiner Patienten und gibt nun als Lehrer die von Künzli gelehrte Homöopathie weiter.

Literatur

Kent, 1985

J.T. Kent Zur Theorie der Homöopathie. J.T. Kents Vorlesungen über Hahnemanns Organon, übers. v. J. Künzli von Fimelsberg 1985 Grundlagen und Praxis Leer

Kent, 2009

J.T. Kent Homöopathische Arzneimittelbilder: Vorlesungen zur homöopathischen Materia medica 2. Aufl. 2009 Haug Stuttgart

Keller von, 1993

9. Aufl. G. Keller von K. Fimmelsberg von Kent's Repertorium der homöopathischen Arzneimittel 3 Bände 1993 Haug Heidelberg

Kent, 1997

J.T. Kent Neue Arzneimittelbilder der homöopathischen Materia medica 1997 Haug Heidelberg

Bönninghausen-Methode

Clemens Maria Franz von Bönninghausen (1785–1864) $Bönninghausen, Clemens vonstudierte zunächst Jura und besuchte dabei nebenbei medizinische Vorlesungen. Er schlug anfangs eine Beamtenlaufbahn ein, erhielt dann 1824 einen außerordentlichen Ruf als Botaniker und wurde zum Direktor des Botanischen Gartens von Münster ernannt. Im Alter von 42 Jahren erkrankte er lebensbedrohlich an Schwindsucht und kam durch eine erfolgreiche homöopathische Behandlung durch August Weihe selbst zur Homöopathie. Bereits ein Jahr später behandelte er u. a. Anette von Droste-Hülshoff $Droste-Hülshoff, Anette vonund befasste sich sehr intensiv mit der Homöopathie. Mit Hahnemann stand er dabei über Briefwechsel in enger Verbindung. $Hahnemann, Samuel

Sein bedeutendstes Werk veröffentlichte er 1846 mit dem „Therapeutischen Taschenbuch für homöopathische Ärzte“.

Genius einer Arznei
Ein zentraler Begriff bei Bönninghausen ist ArzneimittelGeniusder SymptomeGeniusdes Genius einer GeniussymptomeArznei. Dieser Begriff wurde von Hahnemann $Hahnemann, Samuelim Paragraphen 136 des „Organon“ in der 2.–5. Auflage verwendet, in der 6. Auflage jedoch durch Charakteristika ersetzt. Der Genius setzt sich gewissermaßen aus vielen Leitsymptomen Leitsymptomezusammen. Insbesondere die Modalitäten und die Empfindungen repräsentieren Geniussymptome, auch Körperregionen oder Stimmungslagen können zum Genius beitragen. Der Genius gibt sich durch die charakteristischen Symptome zu erkennen. Die Summe der charakteristischen Symptome des Arzneimittels ist das Entscheidende. Dabei geht es weniger um Merkwürdigkeiten bzw. Kuriositäten einzelner Symptome, sondern darum, dass gewisse Symptome bei wenigen Arzneimitteln besonders hervorstechend sind und damit das Eigenheitliche einer Arznei widerspiegeln.
Der Genius eines Arzneimittels wird aus der Gesamtheit der SymptomeGesamtheitSymptome einer Arznei ermittelt, wobei zur Bestimmung des Genius die Symptome der Arzneimittelprüfungen herangezogen werden.
Folgende Kriterien sollten für den Genius einer Arznei berücksichtigt SymptomeGeniuswerden: Das Symptom Geniussymptomesollte häufig in den Arzneimittelprüfungen Arzneimittelprüfungvorkommen, bei mehreren Prüfern auffallen, in verschiedenen Körperregionen auftreten und, was ganz wichtig ist: klinisch bestätigt sein. Wenn der Genius (zu dem z. B. stechender Schmerzcharakter oder Besserung durch Kälte zählen können) ermittelt worden ist, wird die entsprechende Symptomatik auch auf Bereiche übertragen, bei denen das betreffende Symptom in der Arzneimittelprüfung nicht auffiel.
Der dritte und vierte Grad im „Therapeutischen Taschenbuch“ von 1846 repräsentieren die Geniussymptome einer Arznei. Mittel, die im dritten und vierten Grad aufgeführt sind, wurden durch Heilungserfolge in der Praxis bestätigt.
Die Kapiteleinteilung im Therapeutischen Taschenbuch ist wie folgt:
  • Gemüt und Geist.

  • Körperteile und Organe.

  • Empfindungen und Befunde bzw. Beschwerden.

  • Schlaf und Träume.

  • Fieber (inkl. Frost, Schweiß etc.).

  • Modalitäten.

  • Konkordanzen.

Eine von Fries überarbeitete Ausgabe des „Therapeutischen Taschenbuches“ erschien 1897. Diesem lag allerdings die englischsprachige Ausgabe von T. F. Allen $Allen, Timothy Fieldzugrunde, die bereits erhebliche Abweichungen zu der$Bönninghausen, Clemens von Bönninghausens von 1846 aufwies. Im Jahr 2000 wurde von $Gypser, Klaus-HenningGypser dann erneut eine überarbeitete Ausgabe des „Therapeutischen Taschenbuches“ anhand neu entdeckter, auf Bönninghausen$Bönninghausen, Clemens von zurückgehender Quellen herausgegeben. Darin wurden acht neue Arzneimittel integriert, alles sprachlich etwas moderner formuliert und übersichtlicher vom Layout gestaltet. Kleine und große Arzneimittel wurden extra in einem Kapitel aufgelistet, sodass man deren Repräsentanz im Repertorium erkennen kann.
Die Rubriken sind bei Bönninghausen $Bönninghausen, Clemens vonallgemeiner gehalten als bei Kent $Kent, James Tylerund weniger differenziert, sind daher auch relativ groß. Beispielsweise schlägt man im Therapeutischen Taschenbuch für Gesichtsschweiß die Rubrik „Schweiß der oberen Körperhälfte“ und für Wundheitsgefühl im Magen „Wundheitsgefühl innerlich“ nach. Ebenso verhält es sich mit der Gemütssymptomatik, die sehr allgemein gehalten ist (wie z. B. Angst oder Erregung).
Anamnese und Mittelwahl bei Bönninghausen
Die W-Fragen (Wer? Was? Wo? Womit? Weshalb? Wie? Wann?) stehen im Mittelpunkt der Anamnese. Dabei geht es um das Ermitteln vollständiger Symptome, bestehend aus Ort, Empfindung (Befund, Befindlichkeit), Modalität (einschließlich Zeit, causa occasionalis) und Begleitsymptomatik.
Nach dem Hauptsymptom im Sinne der Hauptbeschwerde des Patienten, die er spontan schildert, richtet sich die Vorauswahl des Arzneimittels.
Dazu kommen Nebensymptome (bei denen ein zeitlicher Zusammenhang mit der Hauptbeschwerde besteht), die den individuellen Fall charakterisieren. Nebensymptome, die bereits vor Auftreten des Hauptsymptoms bestanden, spielen eine untergeordnete Rolle. Primär geht es um die gegenwärtige Symptomatik, wobei auch die zuletzt aufgetretenen Nebensymptome einen hohen Stellenwert haben. Die gegenwärtige Symptomatik muss aber nicht gleichzeitig eine akute Krankheit bedeuten, sondern sie kann auch dem aktuellen Status quo einer langwierigen chronischen Krankheit entsprechen. Ganz entscheidend sind die Geniussymptome bzw. die charakteristischen Symptome im Sinne des „Organon“ § 153, und dabei insbesondere die aus dem Bereich der Modalitäten. Die Gemütssymptome dienen erst nach der Vorauswahl der Arznei zur endgültigen Differenzierung im Sinne eines Zünglein an der Waage.
Für Bönninghausen gehören $Bönninghausen, Clemens vonzur Fallaufnahme und Repertorisation mindestens vier Hauptbestandteile: ein vollständiges Symptom, das sich aus einer Lokalisation, einer Empfindung und einer Modalität zusammensetzt und ein Begleitsymptom. Das Begleitsymptom kann ein Gemütssymptom, eine zweite Modalität oder Empfindung oder die Lokalisation eines begleitend unerwarteterweise affizierten Organs sein.
Im Therapeutischen Taschenbuch gibt es auch ein Kapitel über die Konkordanzen. Dieses bezieht sich auf die Konkordanz, ArzneimittelVerwandtschaften Arzneimittelkonkordantesder Arzneimittel. Wenn nach Mittelgabe Symptome auftreten, die zum Wirkungsspektrum des verabreichten Mittels gehören, so wird das Mittel nicht gewechselt. Ist aber aufgrund einer Veränderung der Symptomatik ein neues Mittel indiziert, so sind die Konkordanzen eine gute Hilfestellung, um rasch die passende Folgearznei zu finden (9.3).
Ein Homöopath, der sich nach dem Tode Bönninghausens $Bönninghausen, Clemens vonintensiv mit dessen Methode befasste, war der Arzt und Apotheker Cyrus $Boger, Cyrus MaxwellMaxwell Boger (1861–1935). Er gab 1905 „Boenninghausen's Characteristics and Repertory“ heraus. Dieses Werk enthält zwei Teile: Materia medica und Repertorium. Als Quellen dienten neben dem „Therapeutischen Taschenbuch“ u. a. die Spätwerke Bönninghausens.
Das Repertorium ist nach dem „Kopf-zu-Fuß-Schema“ (5.3.1) angeordnet, Kopf-zu-Fuß-SchemaRepertoriumund die Kapitel sind gemäß des Grundgedankens (Zerlegen eines vollständigen Symptoms) in Lokalisation, Empfindung, Modalität und Begleitumstände unterteilt, wobei, abweichend vom „Therapeutischen Taschenbuch“, die Modalitäten nicht völlig isoliert, sondern am Schluss eines Kapitels auf die jeweilige Region bezogen aufgeführt sind.
Was die Potenzen betrifft, so fällt bei Bönninghausen $Bönninghausen, Clemens vonauf, dass er in seiner späteren Zeit überwiegend die C200 Potenz verordnete.

Literatur

Bönninghausen, 2000

C.v. Bönninghausen Therapeutisches Taschenbuch, revidierte Ausgabe 2000 (TB 2000), hrsg. v. K.-H. Gypser 2000 Sonntag Verlag Stuttgart

Bönninghausen, 1846

C.v. Bönninghausen Therapeutisches Taschenbuch für homöopathische Ärzte, zum Gebrauche am Krankenbette und beim Studium der reinen Arzneimittellehre 1846 Coppenrath Münster (Nachdruck: von der Lieth, Hamburg; 1996)

Bönninghausen, 1998

C.v. Bönninghausen Kleine Schriften zur Homöopathie. Euskirchen 1998 Homöopathisches Wissen Euskirchen

Bönninghausen, 1998

C. Bönninghausen v. Die Aphorismen des Hippokrates nebst den Glossen eines Homöopathen 1998 Homöopathisches Wissen Euskirchen

Cyrus Maxwell Boger – Konzentration auf das Wesentliche

$Boger, Cyrus MaxwellDie zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt als Blütezeit der Homöopathie in den USA: Es gab zahlreiche homöopathische Kliniken und mehrjährige Studiengänge. Cyrus Maxwell Boger (1861–1935) wurde in diese Zeit hineingeboren und erlebte das Aufblühen wie den Niedergang der Homöopathie. Recht früh nach seinem Studium der Pharmakologie und der Homöopathie entdeckte er die Bedeutung der Vorgehensweise von Bönninghausen für die praktische Tätigkeit und vertiefte und erweiterte dessen Idee der Generalisierung. Zunehmend entwickelte er sich zu einer zentralen Person der amerikanischen Homöopathie und besonders deren wichtigster Institution der „International Hahnemannian Association“. So konnte er den großen Erfahrungsschatz jener Zeit in seinen Werken bündeln – und auf kleinstem Raum kondensieren.

Werke
Neben einer Fülle von Zeitschriftenveröffentlichungen und kleineren Werken sind besonders drei seiner Praxis-Bücher bis heute von besonderer Relevanz. Boger gab 1905 mit „Boenninghausens Characteristics and Repertory“ (BCR) ein Buch heraus, das verschiedene Werke Bönninghausens vereinte und zu einem Gesamtwerk verschmolz. Posthum wurde eine indische Ausgabe des BCR als überarbeitete, unvollendete Version veröffentlicht. Während dieses Buch in seinem äußeren Umfang dem Kent-Repertorium glich, suchte Boger $Boger, Cyrus Maxwellin seinen späteren Werken die wesentlichen Aspekte zu bündeln und zu komprimieren. 1915 erschien sein wohl bekanntestes Werk, der „Synoptic Key“ (SK), eine überraschend kurze Zusammenstellung von repertorialen und arzneibezogenen Strukturen. Die repertorialen Strukturen verblüffen hierbei durch eine überschaubare Auswahl an Rubriken und eine relativ geringe Zahl von Arzneien in den Rubriken. Und die Arzneiangaben sind auf ausgeklügelte Weise strukturiert und als extrem platzsparende und dennoch detailreiche Merkhilfe konzipiert. Das Wechselspiel der verschiedenen Strukturen soll hierbei zur gesuchten Arznei führen. Ein Extrakt aus dem Synoptic Key – bestehend aus größeren Allgemeinrubriken – stellt das ultrakurze Repertorium „General Analysis“ (GA) dar, eine kleine Broschüre, welche die Vorlage für ein auf Lochkarten gestanztes Repertorium lieferte, beides inzwischen in deutschsprachiger Ausgabe wieder erhältlich.
Charakteristika
Sowohl arzneibezogene als auch repertoriale Strukturen beruhen auf einer maßgeschneiderten Definition der Begriffe „Charakteristikum“ bzw. „Genius-Symptom“.Geniussymptome Beide werden von Boger $Boger, Cyrus Maxwellsynonym verwendet, basieren auf Grundideen Bönninghausens, werden jedoch von Boger deutlich weiter gefasst. Drei verschiedene Arten von Charakteristika finden sich in seinen Schriften: räumliche Durchdringung, zeitliche Durchdringung, qualitative Durchdringung.
Räumliche Durchdringung
Dieser Aspekt findet sich bereits bei Bönninghausen und umfasst die roten Fäden, welche die aktuelle Symptomatik des Patienten oder der Arznei durchdringen. Wenn zum Beispiel brennende Beschwerden im Rachen, in der Urethra und im Magen vorkommen, dann wird das „Brennen“ zum Charakteristikum erhoben und verlangt eine Arznei mit ähnlichem Schwerpunkt bzgl. brennenden Empfindungen.
Zeitliche Durchdringung
Die Ausdehnung dieser durchdringenden Eigenschaften in die Krankenbiographie ist ein besonderer Aspekt der Boger-Homöopathie. Gegenwärtige Symptome oder Zeichen werden vor dem Hintergrund früherer Symptome und Zeichen gesehen und auf analoge Aspekte hin untersucht. Wenn heute z. B. brennende Schmerzen im Rachen vorliegen und das Brennen auch die dominante Empfindung bei anderen früheren (z. B. Magen- oder Urethra-)Symptomen war, dann gilt das Brennen als verankert und wird ebenfalls zum Charakteristikum. In dem genannten Beispiel kann jedoch zudem die Lokalisation „Schleimhäute“ auffallen, was eine weitere Orientierung geben kann. Ebenso können Modalitäten oder Begleitsymptome verankert werden. Ausgangspunkt ist immer das gegenwärtige Symptom, das nun durch die historische Verankerung an Substanz gewinnt. Dies kann bis zu den Vorfahren des Patienten zurückverfolgt werden. So können zum Beispiel rezidivierende Tonsillitiden des Patienten vor dem Hintergrund seiner früheren Schilddrüsenerkrankung, der Prostatitis des Vaters und des Mammakarzinoms der Großmutter zu dem Charakteristikum „Drüsen“ erhoben werden, was für das chronische Geschehen die Anwendung einer stark drüsenbetonten Arznei nahelegt.
Qualitative Durchdringung
Dieser Aspekt betrifft die schwierigste, jedoch von den früheren Homöopathen am häufigsten angewendete Vorgehensweise, die Einschätzung, inwieweit ein vorliegendes Symptom durch seine besondere/herausragende Qualität besticht. Besonders H. N. $Guernsey, Henry N.Guernsey war ein Vorreiter dieser sogenannten „Keynote“-Anwendung, ein effizienter, aber mitunter fehleranfälliger Umgang mit einzelnen Symptomen, welche in der Materia medica (und in der praktischen Anwendung) besonders deutlich auf eine Arznei (oder eine sehr kleine Arzneigruppe) hinweisen. Eine zähe, fadenziehende Uterusblutung führte den in der gynäkologischen Klinik arbeitenden Guernsey sofort auf die Arznei Crocus sativus. Die Kunst ist hierbei, einerseits die Schwerpunkte der Materia medica richtig einzuschätzen, andererseits den Stellenwert dieser Symptome in der Praxis entsprechend zu erfassen.
Analyse und Synthese
Bei diesen drei Arten von Charakteristika kommt das Prinzip der „Analyse und Synthese in einer Rubrik“ zum Einsatz. Die Symptome des Patienten werden zunächst in ihre Bestandteile – Empfindung, Modalität, Lokalisation, Begleitsymptom – zerlegt („Analyse“) – dann werden Beziehungen zu anderen Symptom-Bestandteilen gesucht. Beispielsweise wird das aktuelle Symptom (z. B. „Brennen im Hals“) mit anderen Lokalisationen (z. B. „Brennen im Magen“) oder früheren Erkrankungen (z. B. „immer wieder Brennen beim Wasserlassen“) verglichen und gegebenenfalls durch vorliegende Entsprechungen konsolidiert (z. B. „Brennen“ als Charakteristikum). Die zunächst noch wenig bedeutsamen Zeichen gewinnen durch diese Suche nach Analogien („Synthese“) an Gewicht und führen zu Arzneien mit ähnlichem Schwerpunkt. „Analyse und Synthese in einer Rubrik“ beschreibt also einen Vorgang, in dem auf kreative Weise die Schwerpunkte der Patientensymptomatik erarbeitet werden und die Ähnlichkeit zu entsprechenden Arzneien auf der Ebene dieser Schwerpunkte gesucht wird. Die Ähnlichkeitsbeziehung wird somit in Bezug auf Charakteristika gesucht. Eine einfache Symptomenähnlichkeit genügt hierbei nicht – Charakteristika der Patientensymptomatik werden mit den Charakteristika der Arznei in Verbindung gesetzt.
Handwerk und Kunst
Bereits J. T. Kent $Kent, James Tylerhat auf die Notwendigkeit hingewiesen, eine Repertorisation niemals schematisch vorzunehmen, sondern einerseits die Quantität der Symptome, andererseits deren Qualität im Auge zu behalten. $Boger, Cyrus MaxwellBoger verfolgt diesen Aspekt noch deutlicher, indem er verlangt, dass Arzneien besondere Beachtung verdienen, die in einer Gruppe von Rubriken, welche die Totalität der Symptome wiedergibt, durchgängige enthalten sind. Er betont auch, dass oft einzelne Rubriken in Bezug auf alle in Frage kommenden Arzneien durchgesehen werden sollen, um auf weniger bekannte Arzneien aufmerksam zu werden. Erst die Kombination beider Wege bildet einen für die Mittelfindung geeigneten Rahmen – erfordert vom Behandler aber große Achtsamkeit bei der Anamnese, große Flexibilität bei der Fallanalyse und gute Arzneikenntnisse.
Praxis
Aus den oben genannten Aspekten ergeben sich Besonderheiten in der praktischen Anwendung. Zunächst wird in der Anamnese deutlich Bezug zur Vorgeschichte und zur Familienanamnese des Patienten genommen. Diese können zum Beispiel in Form eines Genogramms erfasst werden, was einen schnellen Überblick über entsprechende Parallelen erlaubt. Die damit verbundene „Verankerung“ der Symptome ist nichts anderes als die Anwendung hereditärer Miasmatik, wobei besonders „verankerte“ Symptome für die chronische Erkrankung und damit für die Arzneimittelfindung eine entscheidende Rolle spielen (eine Klassifizierung der Miasmen Psora, Sykose, Syphilis wird damit obsolet).
Nach der Anamnese erfolgt die Suche nach Konsolidierungen („Analyse und Synthese in einer Rubrik“), danach die Suche nach geeigneten Rubriken im repertorialen Teil des „Synoptic Key“ oder im „General Analysis“. Rubriken – oft sind es nur zwei oder drei – werden miteinander verglichen (zum Beispiel auch mit den Lochkarten des „General Analysis“), einzelne Rubriken komplett durchgesehen – und bei all dem wird immer wieder ein Blick auf die Arzneidarstellung des „Synoptic Key“ geworfen, in der alle wesentlichen Aspekte in Kurzform angegeben sind. Auch die Reihenfolge der Symptome, ihre Anordnung im Sinne eines Verständnisses der Krankheitsdynamik, spielt oft eine große Rolle. Durch Nachschlagen in den Boger-Repertorien und im arzneibezogenen Bereich des „Synoptic Key“ wird die Auswahl der Arzneien immer weiter eingeengt. Ein Verfahren, das allein durch geschickte Anwendung dieser Bücher zum Ziel führen kann und eine weiterführende Computer-Repertorisation meist unnötig macht.
Zusammenfassung
Durch die repertorialen Möglichkeiten und die ausgeklügelten Arzneidarstellungen $Boger, Cyrus MaxwellBogers wurde ein Rahmen geschaffen, der auch ohne technische Hilfsmittel – und oft verblüffend einfach – zu einem tragfähigen Ergebnis führen kann. Der Schlüssel hierfür ist das Prinzip der Generalisierung und eine Konzentration bei Anamnese und Arzneiverständnis auf das Wesentlich – was den Blick von unsicheren Details weg lenkt. Die Achtsamkeit gilt weniger der Repertorisation, sondern dem Patienten – und sowohl die Anamnese als auch das Arzneiverständnis erfordern die Konzentration auf das Wesentliche.

Literatur

Boger, 2012

C.M. Boger Synoptic Key zur homöopathischen Materia medica 2012 Verlag Ahlbrecht Pohlheim

Boger, 2008

C.M. Boger General Analysis (ggf. mit Lochkarten) 2008 Verlag Ahlbrecht Pohlheim

Winter, 2014

N. Winter Der Schlüssel zu CM Bogers Synoptic Key 2014 Verlag Ahlbrecht Pohlheim

Bragg, 2013

C. Bragg N.C.M. Winter Boger und das Erbe der amerikanischen Homöopathie 2013 Verlag Ahlbrecht Pohlheim

Miasmatische Homöopathie nach Proceso Sánchez Ortega

Der Mexikaner Proceso Sánchez Ortega (1919–2005) $Ortega, Proceso Sánchezeignete sich einen Großteil seines Wissens als Autodidakt an, zudem erlernte er die Homöopathie bei Flores. Er gründete 1960 gemeinsam mit anderen Ärzten die „Homeopatia de Mexico, A. C.“ als Ausbildungsinstitut. Die dort gelehrte dreijährige homöopathische Ausbildung wurde als Aufbaustudium für Ärzte konzipiert. Am Homöopathieinstitut wird vor allem im Sinne von Hahnemann$Hahnemann, Samuel, Hering $Hering, Constantinund Kent $Kent, James Tylerunterrichtet, hinzu kommt Unterricht in der Miasmenlehre nach Ortega. Außerdem gehören zur Ausbildung Aspekte der Philosophie (Paracelsus, Hippokrates, Jung und Thomas von Aquin u. a.) und ein Englischkurs.

Miasmenlehre nach Ortega
MiasmaOrtegas Leben und Werk wurde entscheidend durch die MiasmenlehreMiasmenlehre geprägt. Das folgende Zitat von Ortega wird in Homöopathiekreisen viel zitiert: „Ohne die Miasmenlehre kann man nicht Homöopath sein“. Miasma definiert Ortega als konstitutionellen oder diathetischen Krankheitszustand. Er sieht in den Miasmen eine von der Psora über die Sykosis bis zur Syphilis zunehmende Pathologie, die sich bereits auf der zellulären Ebene finden lasse. So sagt Ortega, dass jede Zelle auf eine einwirkende Störung zuerst mit einer Hemmung ihrer Funktionen reagiert, danach mit einer Überfunktion als Versuch der Kompensation und bei weiterer Belastung mit Destruktion bis hin zum Zelltod (Tab. 32.2).
Ortega schrieb 1943 eine Doktorarbeit zu den chronischen Krankheiten und den Miasmen, die seitdem den Schwerpunkt seiner Arbeit bilden. Erst 40 Jahre später gab Ortega ein umfangreicheres Buch zur Miasmenlehre heraus, wobei er sich im Rahmen seiner Arbeit vor allem um eine Erleichterung des Verständnisses der Miasmen bemühte.
Sehr plakativ beschrieb er drei miasmatische Typenbilder:
  • Der „PsorikerPsoriker ist bestimmt durch seine Hemmung und seinen Mangel, den er selbst empfindet. Es ist ein Mangel an Energie, Tatkraft, Durchsetzungsvermögen und nicht zuletzt an Selbstvertrauen. Hinzu kommt eine allgemeine Lebensangst; Angst vor allem Neuen, seine Aufgabe nicht zu bewältigen, ausgelacht, benachteiligt und übergangen zu werden. Er ist unscheinbar und hat eine empfindsame und zugleich schwärmerische Seele. Er neigt zur Beschaulichkeit und hat ein inniges Verhältnis zur Natur, zu allem Schönen und Großen. Hinzu kommt seine ausgesprochene Schutzbedürftigkeit, es handelt sich um einen zutiefst religiösen Menschen mit einem Sinn für den über alles erhabenen, liebenden Gott und Schöpfer.

  • Der „SykotikerSykotiker lebt in einer ständigen Übertreibung, in einer Art „Flucht nach vorne“, mit der seine innere Schwäche und Leere überspielt werden soll. Er wirbt um jede Form der Anerkennung und Aufmerksamkeit anderer, woraus er sein Selbstwertgefühl nährt; dabei ist er oberflächlich und egoistisch. Er verkörpert den Typen der Ellenbogengesellschaft, der sich auf Kosten anderer durchschlägt, im Grunde genommen ist er jedoch feige. Sein Lebensziel ist auf das Diesseits ausgerichtet.

  • Der „SyphilitikerSyphilitiker sprengt alle Normen und zwischenmenschlichen Übereinkommen. Er kann und will sich nicht anpassen, bleibt immer Außenseiter, Sonderling, Anarchist. Er fühlt sich zu nichts verpflichtet, letztlich verachtet er die Welt, ja sogar sein eigenes Leben und das Leben anderer. Bei ihm dominieren Aggression und Destruktion, er ist ein kaltblütiger Egoist.

Die hier skizzierten Typen stellen natürlich Extreme der Ausprägung dar und beinhalten eine unvermeidbare Wertung der jeweiligen Menschentypen.
Konsequenzen der Miasmenlehre für Repertorisation und Hierarchisierung
Anhand der Übersicht und der miasmatischen Typen ist es möglich, den Miasmen weitere Symptome zuzuweisen. Ortega ordnet alle Repertoriumssymptome jeweils einem Miasma zu und räumt damit der Miasmenlehre eine ganz neue Dimension ein. RepertorisationSymptomeHierarchisierungHierarchisierung, Symptome
Manche Arzneimittel sind nur einem oder zwei Miasmen zugeteilt, die meisten gelten aber als trimiasmatisch Arzneimitteltrimiasmatischeund können nach Abschluss einer systematischen Analyse anteilshalber den drei miasmatischen Komponenten zugeordnet werden. Demzufolge betrachtet Ortega Calcarea carbonica und China als vorwiegende Homöopsorika, Pulsatilla und Thuja als vorwiegende Homöosykotika und Mercurius als primäres Homöosyphilitikum. Als trimiasmatisch ausgeglichenstes Mittel stuft er Lycopodium ein.
Ortega weicht bei den Haupt-Antipsorika von der Lehre Hahnemanns ab, der Sulfur als an erster Stelle stehendes Antipsorikum nannte; Sulfur betrachtet Ortega hingegen lediglich als hervorragendes Mittel gegen Unterdrückung.
Dem Zuordnen einzelner Symptome zum jeweiligen Miasma kommt, wie bereits angedeutet, eine besondere Rolle zu. Doch am Anfang der Fallaufnahme steht zunächst die Anamnese. Bei der Anamneseerhebung sollte man sich besonders auf den miasmatischen Hintergrund konzentrieren und die zugrunde liegende Intention bei den Handlungen des Patienten verstehen. Oftmals versucht der Patient diese „mit Hilfe einer Maske“ zu verbergen, doch gerade diese Maske gilt es zu durchschauen oder gar zu durchbrechen.
Was das HierarchisierenSymptomeHierarchisierung betrifft, so wurden dazu von Ortega $Ortega, Proceso Sánchezspezielle Regeln und Prinzipien aufgestellt: Die Gemütssymptome werden als die weitaus wichtigsten Symptomepsychischebetrachtet, es werden größere Repertoriumsrubriken bevorzugt, und den Miasmen wird eine Sonderstellung eingeräumt. Dadurch wurde eine Kombination des Ähnlichkeitsgesetzes mit der Miasmenlehre erstellt. Dem akut bestehenden Zustand wird große Bedeutung beigemessen, Ortega bezeichnet diesen akuten bzw. Jetzt-Zustand auch als „prädominantes Miasma“. Um das prädominante MiasmaprädominantesMiasma zu erkennen, wird nach der Anamnese jedem in Erwägung gezogenen Symptom sein passendes Miasma zugeteilt. Nach obigem Schema wird dabei eine Zuordnung aller Symptome zu den drei Miasmen ermöglicht.
Nachdem alle ausgewählten Symptome des Patienten zugeordnet worden sind, erhält man bestimmte Anteile der drei Miasmen. Es ergibt sich beispielsweise bei zwölf gewählten Symptomen eine Verteilung auf sechs psorische, vier sykotische und zwei syphilitische Aspekte. Dann werden ausschließlich die Symptome des vorherrschenden Miasmas – in diesem Fall SymptomeHierarchisierungalso die sechs psorischen – repertorisiert (wobei selbst „Organon“-§ 153-Symptome anderer Miasmen entfallen) und nach dem vorherrschenden psorischen Zustand wird das Mittel gewählt. Diese Vorgehensweise führt dazu, dass sich eine spezielle Art der Hierarchisierung ergibt. Somit gibt nicht die Auffälligkeit der Symptome den Ausschlag bei der Mittelwahl, sondern deren Miasmenzuordnung.
Die zunächst nicht berücksichtigten übrigen Symptome werden erst im weiteren Fallverlauf beachtet. Ortega $Ortega, Proceso Sánchezgeht davon aus, dass sich beim Menschen viele miasmatische Schichten überlagern und diese allmählich Schicht für Schicht abgetragen werden müssen. Die homöopathische Behandlung stellt einen langwierigen Prozess dar, bei dem man sich immer weiter zum Kern und zur Gesundheit des Menschen hintastet; auf diese Weise kommt es zu einem zwiebelschalenartigen Abtragen der Miasmen. Im gewählten Beispiel müsste also an zweiter Stelle wahrscheinlich ein sykotisches Mittel gegeben werden. Aufgrund neu auftretender Symptome und neuer Lebenssituationen zeigen sich im Verlaufe der Behandlung immer tiefere miasmatische Schichten. Das zwiebelschalenartige Abtragen jener Schichten nennt Ortega auch die „miasmatische Rotation“. Er geht davon aus, dass sich Rotation, miasmatischedas stetige Abbauen der miasmatischen Belastung über mehrere Generationen hinziehen kann.
Schwerpunkte der Anamnese – die Maske durchschauen
Aufgrund der zentralen Rolle der Miasmen werden bei der Anamnese neben den Vorerkrankungen des Patienten auch die der leiblichen Verwandten hervorgehoben; bei Frauen wird außerdem besonderer Wert auf gynäkologische Vorerkrankungen, Geburten und Symptome der Menses gelegt.
Ein zentraler Punkt für die Anamnesetechnik ist das Durchschauen der „Maske“, die sich der Patient im Laufe des Lebens aufbaut hat. $Ortega, Proceso SánchezOrtega sagt dazu: „Die akute Krankheit repräsentiert nur die Disharmonie der Persönlichkeit oder fiktiven Selbstdarstellung des Menschen, der fühlt, dass seine Verkleidung zu Bruch gegangen ist. Eine Verkleidung die er sich mühsam aufgebaut hat, nicht nur, um sich seiner Umwelt auf sehr treffende oder weniger gute Art und Weise zu präsentieren, sondern auch, um sich vor den Aggressionen all der Umweltfaktoren zu schützen, die ihn umgeben. Aus demselben Grund dient ihm die Maske in der Not – oder wenn er es für nötig hält – zum Angriff. Aus diesen Gründen fühlt er sich auch hilflos und seine erste Bitte, sein erster Wunsch dem Arzt gegenüber, wird sein, ihm seine Maske wieder auszubessern. Gleichzeitig aber kann dahinter sein wahres Wesen, sein existentielles Sein zum Vorschein kommen, um die dauerhafte oder vielleicht nur vorübergehende Inkongruenz mit seiner Maske aufzuzeigen. Deshalb verlangt, in weiser Voraussicht, der Schöpfer der Homöopathie die Suche nach den Miasmen, bzw. nach dem, was ursprünglich jeden Menschen dazu brachte, eine Maske oder Persönlichkeit auszuarbeiten, die von seinem innersten Streben abweicht.“
In diesem Zusammenhang betrachtet Ortega $Ortega, Proceso Sánchezseine Behandlung gleichzeitig als einen Abbau der kollektiven Belastung in Hinblick auf die Miasmen und somit als prophylaktische Behandlung der Gesamtbevölkerung.

Literatur

Ortega, 2005

P.S. Ortega Die Miasmenlehre Hahnemanns. Diagnose, Therapie und Prognose der Chronischen Krankheiten 2005 Haug Stuttgart

Ortega, 2001

P.S. Ortega Die Lehre der Homöopathie 2001 Sonntag Stuttgart

Essenzen und Konzepte von Georgos Vithoulkas

$Vithoulkas, GeorgosVithoulkas Essenz, ArzneimittelArzneimittelEssenzwurde 1932 in Athen geboren und studierte dort Ingenieurwissenschaften, 1958 kam er als Ingenieur in Südafrika zur Homöopathie. Er studierte anschließend in Südafrika und Indien Homöopathie. 1970 gründete er die „Athenian School of Homoeopathic Medicine“. Ende der 1980er Jahre entwickelte Vithoulkas in Zusammenarbeit mit der Universität von Namur (Belgien) das Vithoulkas Expert System, ein Computersystem, das Repertorisation und Mittelauswahl erleichtern soll. 1995 eröffnete er die „Internationale Akademie für klassische Homöopathie“ auf der Insel Alonissos, wo eine vierjährige homöopathische Ausbildung angeboten wird. 1996 wurde Vithoulkas der „alternative“ Nobelpreis (Right Livelihood Award) verliehen, „für seinen außerordentlichen Beitrag der Wiederbelebung des Wissens homöopathischer Heilung“ und weil er es möglich gemacht habe, „dass die Homöopathie einen Platz unter den Wissenschaften beanspruchen kann, als wirkungsvolle Alternative zur traditionellen Medizin“.

Vithoulkas $Vithoulkas, Georgosnennt zwar außer den klassischen Autoren wie Hahnemann$Hahnemann, Samuel, Kent$Kent, James Tyler, Hering und Boericke $Boericke, WIlliam$Hering, Constantinniemanden als seinen persönlichen Lehrer, zählt aber selbst eine ganze Reihe namhafter Homöopathen zu seinen Schülern, so z. B. Morrison, Geukens und Scholten. $Morrison, Roger

Drei Seinsebenen des Menschen
Seinsebenen (Vithoulkas)Eine der wichtigsten Besonderheiten seines Seinsebenen (Vithoulkas)Verständnisses der homöopathischen Krankheitslehre ist die Hierarchie der drei Seinsebenen des Menschen, deren Kenntnis für die Bewertung des Heilungsprozesses entscheidend ist. Der Mensch ist eine in sich geschlossene Einheit, die sich in drei hierarchisch geordnete Seinsbereiche unterteilen lässt; in die geistige Ebene, in die emotionale Ebene und in die körperliche Ebene (Abb. 32.1).
Die folgenden Eigenschaften sollten mit gesunden geistigen Funktionen einhergehen: Klarheit des Ausdrucks, Logik bzw. Folgerichtigkeit der Gedanken und kreativ-schöpferischer Einsatz der geistigen Fähigkeiten zum Wohl der Mitmenschen.
Krankheit auf der geistigen Ebene spielt sich hierarchisch von Zerstreutheit über Wahnideen bis hin zu vollständiger geistiger Verwirrung ab.
Gesundheit auf der emotionalen Ebene äußert sich durch Freiheit von leidenschaftlicher Besessenheit und einen Zustand heiterer Gelassenheit bei gleichzeitigem aktivem Interesse am Geschehen ringsum. Störungen zeigen sich v. a. in einem Mangel an Selbstwertgefühl. Krankheit drückt sich in zunehmender Unzufriedenheit, in Angst und Kummer bis zu Depression und Suizidalität aus.
Die gesunde körperliche Ebene äußert sich im Freisein von Unwohlsein und Schmerzen. Im Sinne einer Rangordnung von leichten bis zu schwerwiegenden Erkrankungen auf der körperlichen Ebene sind die Organsysteme wie folgt hierarchisch einzuordnen: Organsysteme, Hierarchisierung
  • Hautsystem.

  • Muskelsystem.

  • Knochensystem.

  • Fortpflanzungssystem.

  • Ausscheidungssystem.

  • Atmungssystem.

  • Verdauungssystem.

  • Endokrine Drüsen.

  • Kreislaufsystem.

  • Nervensystem.

Die Beziehung zwischen den drei Ebenen ist komplex und lässt sich am ehesten in Form eines dreidimensionalen Kegeldiagramms darstellen: der innere Kegel stellt die geistige, der mittlere die emotionale und der äußere die körperliche Ebene dar (Abb. 32.1).
Beim Heilungsverlauf spielen drei Faktoren eine Rolle: zum einen sollten sich die Symptome innerhalb eines Kegels (geistig, seelisch oder physisch) zu den weniger schwerwiegenden Pathologien verschieben, zum zweiten von der geistigen in Richtung körperliche Ebene verlagern und zum dritten in ihrer Intensität abnehmen.
Bei der Gewichtung der Symptome nach vollständiger Fallaufnahme (unter Berücksichtigung der geistigen, emotionalen und körperlichen Symptomatik) spielen Hierarchisierung und die Intensität der Symptome eine Rolle (Abb. 32.2).
Prädisposition für Erkrankungen
Auch auf $Vithoulkas, Georgosdie Berücksichtigung der Miasmen legt Vithoulkas großen Wert und sieht darin eine Prädisposition zu chronischer Erkrankung, die der jeweiligen akuten Erkrankung zugrunde liegt. Diese Prädisposition wird von einer auf die nächste Generation übertragen und kann durch homöopathische Behandlung schichtweise durch die passende homöopathische Behandlung abgetragen werden.
Essenz der Arzneimittel
Wenn man ein Mittel umfassend Essenz, Arzneimittelin der ArzneimittelEssenzArzneimittellehre studiert hat, kann man die Symptome nach ihrer Wertigkeit einstufen, nach der Bedeutung, die ihnen als Charakteristika oder jeweilige Idee des Mittels zukommt. Indem die Symptome so eingestuft werden, entsteht nach und nach das sogenannte Charakterbild bzw. die Essenz des Mittels. Um diese Idee auch am Patienten herauszuarbeiten, sollte man bei der Anamnese nicht möglichst viele Daten zusammentragen, sondern ein lebendiges Bild des eigentlichen, inneren Leidens des Patienten erhalten. Das Essentielle eines Falles findet sich nicht unbedingt auf der psychologischen oder mentalen Ebene, sondern es geht um das Auffallende und Pathologische auf allen drei Ebenen.

Literatur

Vithoulkas, 1987

G. Vithoulkas Medizin der Zukunft 1987 Wenderoth Kassel

Vithoulkas, 2004

G. Vithoulkas Essenzen homöopathischer Arzneimittel 2004 Sylvia-Faust-Verlag Höhr-Grenzhausen

Vithoulkas, 2015

G. Vithoulkas Homöopathisches Seminar Esalen Band 1–2 2015 Narayana Kandern

Vithoulkas, 1997

G. Vithoulkas Die neue Dimension der Medizin 1997 Wenderoth Kassel

Vithoulkas, 2015

G. Vithoulkas Materia Medica viva 2015 Elsevier München

Vithoulkas, 2015

G. Vithoulkas Theorie und Praxis homöopathischen Heilens 7. A. 2015 Elsevier München

Vithoulkas and van Woensel, 2014

G. Vithoulkas E. van Woensel Ebenen der Gesundheit 2014 Elsevier München

Die Theorie der Ebenen der Gesundheit nach George Vithoulkas

$Vithoulkas, GeorgosDie Theorie der Ebenen der Gesundheit (wie sie an der Internationalen Akademie für klassische Homöopathie unterrichtet wird) ist die erste wissenschaftliche Klassifikation weltweit, bei der die Schwere einer Erkrankung nicht anhand der pathologischen Veränderung, sondern der Reaktionsfähigkeit des Patienten bestimmt wird.

Damit lassen sich in der Homöopathie folgende, bisher oft unbeantwortete Fragen, klarer beantworten:

  • In welchen Fällen genügt zur vollständigen Heilung die Gabe eines einzigen homöopathischen Mittels?

  • Wann ist der richtige Zeitpunkt eine Arznei zu wechseln?

  • Wie geht man mit dem Auftreten akuter Erkrankungen während der Behandlung einer chronischen Erkrankung um?

  • Wie bewertet man die homöopathische Erstverschlimmerung?

  • Was erwartet den homöopathischen Arzt nach der Verordnung der angezeigten Arznei bei Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen?

Grundprinzipien
Jeder Organismus ist auf einer bestimmten gesundheitlichen Ebene organisiert. Auch wenn wir nicht genau wissen wie viele Gesundheitsebenen es gibt, fassen wir diese gegenwärtig in 12 Ebenen (unterteilt in 4 Gruppen) zusammen (Tab. 32.3).
  • Die oberste Ebene spiegelt robuste Gesundheit wider. Organismen mit einer guten Grundkonstitution und einem gut funktionierenden Abwehrsystem (ohne hereditäre Prädispositionen) finden sich ganz oben auf der Skala (Gruppe A).

  • Je mehr wir die Skala herabsteigen, desto schwächer ist der Abwehrmechanismus und das Immunsystem ist zunehmend beeinträchtigt. Die Tendenz zur Entwicklung chronischer Erkrankungen steigt.

Entwicklung der Pathologien
Solange der Abwehrmechanismus in den höheren Ebenen stabil ist, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich eine tiefsitzende, degenerative, chronische Erkrankung entwickelt. Erst wenn der Betreffende unter enormen Stress gerät, können grundlegende hereditäre Prädispositionen aktiviert werden.
Es ist für den homöopathischen Praktiker sehr wichtig zu verstehen, dass auf allen Ebenen der Gesundheit nahezu jede Art von Pathologie entstehen kann, jedoch mit völlig unterschiedlicher Prognose. Menschen mit gut funktionierendem Abwehrmechanismus, deren Gesundheitszustand deshalb den der höheren Ebenen zugeordnet werden kann, haben eine höhere Lebenserwartung als Menschen, deren Gesundheitszustand einer der tieferen Ebenen entspricht.
Empfänglichkeit für krank machende Einflüsse
Mit der Änderung der Gesundheitsebene eines Menschen ändert sich auch seine Empfänglichkeit für krank machende Einflüsse. Die Erfahrung zeigt, dass Erreger, die im Organismus einen Entzündungszustand mit hohem Fieber hervorrufen, mit Absinken der Ebene zunehmend virulenter und resistenter werden. Entspricht der Gesundheitszustand dem der Ebene 6, hat der Körper i. d. R. die Fähigkeit verloren, hohes Fieber zu entwickeln, da das Immunsystem bereits nur noch eingeschränkt arbeitet. Bemerkenswerterweise beobachtet man auf Ebene 11 und 12 am Ende des Lebens (kurz vor dem Tod) wie der Organismus eine letzte verzweifelte Anstrengung unternimmt und Fieberzustände entwickelt, die durch keine allopathische oder homöopathische Arznei mehr beeinflusst werden können. Wird ein solches Fieber durch Arzneien unterdrückt, wird der Patient i. d. R. komatös und verstirbt rasch.
Viren, wie z. B. die verschiedenen Influenzaviren, können hohes Fieber erzeugen. Sie sind in der Lage, die Organismen (deren Gesundheitszustand dem der Ebenen 2–6 entspricht) zu beeinflussen. Sie können jedoch keine Organismen infizieren, deren Immunsystem bereits geschädigt ist und deren Gesundheitszustand einer höheren Ebenen zugeordnet werden kann (ab Ebene 7).
Eine ernst erscheinende Pathologie bedeutet zwar nicht in jedem Fall eine schlechtere Ebene der Gesundheit. Es lässt sich aber beobachten, dass der Organismus mit Verschlechterung der Gesundheitsebene (mit zunehmender Einschränkung des Immunsystems) irgendwann kein Fieber mehr entwickeln kann, selbst nicht bei Kontakt mit infektiösen Erregern wie Viren oder Bakterien. Bei korrekter homöopathischer Behandlung kehrt mit Verbesserung der Gesundheitsebene (zumindest auf Ebene 6) die Empfänglichkeit für Mikroorganismen sowie die Fähigkeit hohes Fieber zu entwickeln wieder zurück.
Verlaufsbeurteilung
Für den Praktiker ist es von großer Relevanz zu wissen, wie sich der zu behandelnde Fall nach der Erstaufnahme bei Behandlungsbeginn weiter zu entwickeln vermag.
  • Patienten mit schlechter Gesundheitsebene (und einem nicht funktionierenden Abwehrmechanismus) werden zunehmend schwächer, die wahlanzeigenden Symptome werden dabei zugleich immer undeutlicher und unklarer. Auf den schlechteren Ebenen (z. B. ab Ebene 7) kann es zu einer völligen Fallverwirrung kommen, bei der ganz unterschiedliche Arzneien gleichzeitig indiziert zu sein scheinen. Außerdem sind derartige Fälle viel anfälliger für Antidote, die eine Hemmung der Arzneiwirkung verursachen.

  • Je besser der Gesundheitszustand des Patienten (besseren Ebenen entsprechend) desto klarer ist die Symptomatik und es braucht nur wenige Arzneien, um den Patienten zu heilen.

Stellenwert akuter Erkrankungen im Behandlungsverlauf
Die Fähigkeit akut (mit hohem Fieber) zu erkranken stellt eine wertvolle Information bzgl. der Gesundheitsebene des betreffenden Organismus dar. Fallverläufe, bei denen sich unter homöopathischer Behandlung akute Erkrankungen zeigen, lassen sich so bzgl. folgender Aspekte besser interpretieren:
  • Die Wirkung der Arznei betreffend, die bereits für die chronische Erkrankung gegeben wurde.

  • Die Gesundheitsebene betreffend auf der sich der Patient befindet.

Allgemein lässt sich sagen, dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn ein Patient jahrelang kein hohes Fieber bekommen hat. Treten jedoch unter homöopathischer Behandlung im Verlauf wieder akute fieberhafte Erkrankungen auf, kann dies als gutes Zeichen gewertet werden: Die Gesundheitsebene hat sich hier verbessert und alte Symptome kehren wieder. Die Prognose für solche Patienten ist bei kontinuierlicher Weiterbehandlung mit den richtigen Arzneimitteln ziemlich gut.
Des weiteren lässt sich Folgendes zu den Gruppen A bis D feststellen:
  • Gruppe A und B: Das Auftreten einer akuten Erkrankung kurz nach einer konstitutionellen Verordnung ist kein gutes Zeichen. Es bedeutet höchstwahrscheinlich eine falsch gewählte Arznei, kann in Einzelfällen aber durch den Einfluss eines starken Antidots verursacht sein.

  • Gruppe C und D: Hier ist das Auftreten einer akuten Erkrankung ein ausgesprochen gutes Zeichen. Es spricht für eine gute Arzneimittelwahl und für eine gute Prognose (trotz schwerer Pathologie), sofern es gelingt, die heftige akute Erkrankung richtig zu behandeln.

Literatur

Vithoulkas and van Woensel, 2014

G. Vithoulkas E. van Woensel Ebenen der Gesundheit 2014 Elsevier München

Methode nach Alfonso Masi-Elizalde

$Masi-Elizalde, AlfonsoDer Argentinier Alfonso Masi-Elizalde (1932–2003) wurde $Masi-Elizalde, Alfonsodurch seinen Vater Jorge Auguste Masi-Elizalde mit der Homöopathie vertraut gemacht. Außerdem spielt noch der Einfluss des Argentiniers $Paschero, Tomás PabloTomás Pablo Paschero, der die Psychoanalyse $Freud, SigmundFreuds in die homöopathische Arbeit einfließen ließ, eine große Rolle für die von Masi entwickelten Konzepte.

Anthropologie des Thomas von Aquin
Bei der Suche nach der $Aquin, Thomas vonErweiterung seines psychologischen Wissens stieß Masi auf die Werke des Thomas von Aquin (1225–1274) $Masi-Elizalde, Alfonsound gewann neue Impulse $Aquin, Thomas vondurch dessen „Summa Theologica“. Masi glaubte etliche Parallelen zwischen den Werken Hahnemanns und denen des Scholastikers Thomas von Aquin zu bemerken. Er sah sowohl in der Lehre Aquins als auch in der von Hahnemann $Hahnemann, Samueleinen Aspekt des Transzendenten, der eng mit der Anwesenheit von Krankheit bzw. Gesundheit verknüpft ist. Die Ursache bzw. Bedingung für Krankheit sieht Masi darin, dass Menschen ihr transzendentes Ziel aus den Augen verlieren.
Thomas von Aquin einer $Aquin, Thomas vonspricht einerseits von einer Anfangsvollkommenheit der menschlichen Seele, andererseits von einem Teil der Seele, der noch entwickelt werden muss, welcher zur endgültigen Vollkommenheit hinstrebt. Dieses zweite Sein der Seele stellt gleichzeitig die Bestimmung des Menschen dar. Weiterentwicklung geschieht, indem der Mensch auf sein transzendentes Ziel hin strebt und das in seinem Wesen Angelegte zur Entwicklung bringt. Krankheit ist mit dem Abweichen von diesem Streben verknüpft.
Nach Masis $Masi-Elizalde, AlfonsoInterpretation gibt $Hahnemann, SamuelHahnemann im „Organon“ einen Hinweis auf das Anstreben eines transzendenten Zieles, was darin besteht, Gott durch die eigene Vervollkommnung näher zu kommen: „Im gesunden Zustande des Menschen waltet die […] Lebenskraft unumschränkt […], sodass unser […] Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers Daseins bedienen kann.“ (Organon, § 9). Ähnlich H. C. Allen: „$Allen, Henry C.Hinter der Symptomatik einer jeden Krankheit finden wir die Symptomatik eines übertretenen Gesetzes“.
Die Übertretung eines für alle Religionen gültigen Gesetzes, das in der Anerkennung und Verehrung Gottes besteht oder der Verlust der Religio (also der Rückverbindung zu Gott) ist, führt beim Menschen zu einer existentiellen Angst und in der Folge zu Krankheit.
Im Sinne des ganzheitlichen Verständnisses einer Einheit von Körper und Geist, spiegelt sich laut Masi eine mentale Haltung analog im Körperlichen wider. $Masi-Elizalde, AlfonsoIst der Geist destruktiv, so ist auch der Körper destruktiv; besteht mental eine hypertrophe Haltung, so bedingt diese auch körperlich etwas Hypertrophes. Bei der Krankheitsentstehung stehen demnach Gemütszustände im Vordergrund. Jeder Mensch weist dabei besondere Empfindlichkeiten gegenüber äußeren Einflüssen auf. Bei der homöopathischen Behandlung geht es bei Masi entsprechend primär um die Geistes- und Gemütssymptome sowie um Träume und Als-ob-Symptome, die eine Projizierung der Vorstellungskraft bieten. Ganz wesentlich sind Symptome für deren Auftreten es keine Ursache, keinen erkennbaren Grund gibt. Es soll zunächst die Gesamtheit der Symptome aufgenommen werden, die Symptomatik dann aber vor einem metaphysischen Hintergrund interpretiert werden.
Paradiesmythos und die fünf Kerne
Der Mythos von der Vertreibung aus dem Paradiesmythos (Masi)Paradies spielt für Masi $Masi-Elizalde, Alfonsoeine besondere Rolle. Hier übertreten Adam und Eva als erste Menschen von Gott gegebene Gebote und gelangen damit von einem Zustand der vollkommenen Harmonie und Gesundheit in einen Zustand, der Krankheiten ermöglicht.
Masi hat sich intensiv mit den Arzneimittelprüfungen und den Originalprüfungssymptomen der klassischen Autoren beschäftigt. Darin entdeckte er immer wieder fünf Themenkomplexe, die er als „fünf Kerne“ bezeichnet oder als die fünf Grundbedingungen menschlichen Daseins. Diese Kerne finden sich auch im Paradiesmythos wieder: Anfangs herrschte ein harmonischer Zustand im Paradies. Der Mensch gab sich jedoch mit seinen ihm als Menschen zukommenden Daseinsbedingungen nicht zufrieden und strebte eine Gottähnlichkeit an. Er übertrat schließlich ein Gebot, welches ihm von Gott gegeben worden war. Damit entstand die Schuld des Menschen, und infolge dessen zeigte sich die Angst vor Strafe. Die Vertreibung aus dem Paradies ist der Verlust; es kam zu Versuchen der Rechtfertigung (so stellte Eva die Schlange als Ursache ihrer Entscheidung hin). Am Ende steht letztlich die Sehnsucht nach dem Urzustand, dem verlorenen Paradies.
Diese abstrakte Erläuterung wird durch Symptome verständlicher, die in der homöopathischen Anamnese geäußert werden könnten und die zugleich eine klare Zuordnung zu den jeweiligen Kernen ermöglichen: Die Schuld wäre dabei eine imaginär erlebte Schuld, wie beispielsweise das Gefühl, seine Pflicht vernachlässigt oder ein Verbrechen begangen zu haben. Die Angst vor Strafe äußert sich quasi in allen Ängsten, besonders deutlich zeigt sie sich in der Wahnidee, getötet zu werden. Bezüglich des Verlustes spielen die Beschwerden durch Kummer eine Rolle, aber auch durch Pedanterie kann sich dieser Kern offenbaren. Die Rechtfertigung kommt bei jeder Art von Schuldzuweisung zum Ausdruck, und die Sehnsucht äußert sich unter anderem im Heimweh.
Auf dem Hintergrund des Paradiesmythos (Masi)Paradiesmythos$Masi-Elizalde, Alfonso postuliert Masi, dass der Mensch Gott um seine Vollkommenheit beneidet und dieser Neid zu Wahrnehmungsverzerrungen und daraus resultierenden Krankheiten führt. Dabei beneidet jeder Mensch unterschiedliche Attribute, die mit der Vollkommenheit Gottes in Verbindung gebracht werden (z. B. Allwissenheit, Ewigkeit, Glückseligkeit).
Vorgehensweise des Arzneimittelstudiums bei Masi
$Masi-Elizalde, AlfonsoEs stellt sich nun die Frage: Wie geht Masi vor, um sich ein Arzneimittelbild zu erarbeiten, und sich mithilfe der Vorstellungen Thomas von Aquins einen neuen Zugang zur Materia medica und zum Patienten zu verschaffen?
Er betrachtet primär alle Symptome aus den Arzneimittelprüfungen, in denen ein psychisches Erleben zum Ausdruck kommt, und versucht dabei Zusammenhänge dieser Symptome zu entdecken. Die körperliche Symptomatik wird nur nebenbei betrachtet. Mit Hilfe der Originalsymptome von $Hahnemann, SamuelHahnemann, H. C. Allen etc. bildet er dann „Themen“, die das Wesentliche eines Mittels widerspiegeln. Dann $Allen, Henry C.wird eine Beschreibung gesucht, welche die ganze Symptomatik zusammenfasst im Sinne einer Hauptthematik. Dabei stellt man sich die Fragen „Welches Gesetz wurde übertreten, mit welchem Aspekt des Menschseins ist jemand nicht einverstanden; um welches Attribut wird Gott beneidet?“ Man kann sich auch fragen, an welcher Stelle der Schöpfungsgeschichte man dieses Mittel wieder findet und sollte die gesamte Symptomatik vor dem Hintergrund der fünf Kerne betrachten.
Methodische Arbeitsschritte des Arzneimittelstudiums bei Masi
  • Sammeln des Symptomen-Materials und $Masi-Elizalde, AlfonsoErfassen der Symptomatik durch Themenbildung und Einfühlen in die Symptome, zuordnen der Symptome zu den fünf Kerne und durch zuordnen der Symptome in die miasmatischen Phasen.

  • Übergeordnetes Hauptthema ermitteln, v. a. durch gedankliches Spielen mit den einzelnen Themen unter Berücksichtigung transzendenter Werte.

  • Formulierung eines Leitmotivs bzw. einer primär psorischen Hypothese und erneute Überarbeitung der Symptomatik zur Überprüfung derselben. Dabei Einbeziehung von Symbolkunde, Wissen der Ethnologie und der Mythologie, der Sprachwurzeln und auch der Eigenschaften der geprüften Substanz in der Natur etc., um sich die Substanz zu erschließen. Die Frage „Welches transzendente Ziel wohnt diesem Element der Schöpfung inne?“ kann man sich dabei stellen.

Jedes Arzneimittel präsentiert sich unterschiedlich in Hinblick auf transzendente Werte. Extremzustände der eigenen Wahrnehmung im Sinne zweier Pole zeigen sich in den ArzneimittelprüfungenArzneimittelprüfung von Camphora und Opium, über die Hering gesagt haben soll „Der gesamte Fortschritt der Homöopathie besteht darin, die Symptome der Arzneimittelprüfungen mit Camphora und Opium zu verstehen.“ Dies nahm sich Masi zu Herzen und kam zu dem Ergebnis, dass der Zustand von Camphora dem der Hölle gleicht und der von Opium dem des Himmels. Bei Camphora fühlt man sich wie ein Mensch, der auf einem Stück toter Materie durch das riesige Weltall treibt, $Masi-Elizalde, Alfonsovöllig auf sich allein gestellt, von allem anderen ausgeschlossen. Innerlich ist man tot und gefühllos, erlebt eine totale Ferne zu anderen Lebewesen und zu Gott. Es ist der Verlust der Transzendenz, entsprechend einer extrem materialistisch-existentialistischen Sicht des Daseins. Camphora beneidet Gott (als Leitmotiv) um seine absolute Autonomie. Auf der anderen Seite ist Opium schon nicht mehr richtig auf der Erde anwesend, erlebt eine innere Glückseligkeit und Heiterkeit und empfindet dabei ein schwebendes Gefühl, lebt innerlich bereits vollständig im Himmel. Opium will als Leitmotiv die göttliche, allumfassende Glückseligkeit ohne eigene Anstrengung erreichen.
Anhand des Arzneimittelbildes von Arnica lässt sich die Vorgehensweise nach Masi verdeutlichen: Wenn man sich alle Prüfungssymptome durchschaut, so stößt man immer wieder auf das Thema der Verletzbarkeit (z. B. „schmerzhafte Überempfindlichkeit des ganzen Körpers“, „wie zerschlagen“, „als sei inwendig etwas zerrissen“, „als ob die Haut zu dünn wäre“, „denkt, der Tod sei unabwendbar“ usw.) und auf das Thema der Arbeit bzw. der Nutzlosigkeit (z. B. „zu träge, um zu arbeiten“, „Arbeit verdrießt ihn“, „Empfinden, als sei er für nichts gut“). Viele weitere Themen wie z. B. Themen des Hochmutes, der Überempfindlichkeit oder der Behinderung des Denkens kommen hinzu. Bei den fünf Kernen lassen sich zum Verlust das Gefühl der Verletzlichkeit sowie die verlorene Befriedigung durch die Arbeit formulieren. Zur Strafe passen die Angst vor der Unfähigkeit, der Verletzlichkeit und die vor dem Tod. Als Rechtfertigung kann man anführen, dass er selbst schon alles weiß und nichts mehr lernen muss. Es besteht die Sehnsucht nach einem Leben ohne Verletzungen und nach zufrieden stellender Arbeit. Die Schuld ist im Neid auf Gottes Unverletzbarkeit zu sehen, was zum Leitmotiv von Arnica führt: „Arnica beneidet Gott um seine absolute Immunität und Unverletzbarkeit. Er wolle wie Gott die Immunität per se und ohne Anstrengung besitzen.“
Ergänzend gibt es Symptome, bei denen die Symbolik weiterhilft, so z. B. bei einem „Traum von großen schwarzen Hunden und Katzen“ – Hunde treten in verschiedenen Kulturen als Begleiter der Toten auf und Katzen gibt es in manchen Kulturen als schützende Göttin, die den Mensch vor Feinden schützt.
Das Leitmotiv eines Mittels wird bei $Masi-Elizalde, AlfonsoMasi auch als „primäre psorische Idee“ bezeichnet – dazu weitere Beispiele:
  • Calcarea carbonica beneidet Gott um seine Unveränderbarkeit. Er möchte, dass die Substanz weder durch seine eigenen Taten noch durch die Taten anderer verändert werden kann. Es besteht eine grundlegende Unsicherheit darüber, wie er seine Ziele erreichen soll, da er sich von der Welt und von den Menschen übermäßig bedroht fühlt. Es besteht eine innere Unbeweglichkeit.

  • Guajacum beneidet Gott, weil er in seiner Vollkommenheit ruht, nicht mehr handeln oder sich bewegen muss, um vollkommen zu werden. Er leidet an der Notwendigkeit, auf die Welt zugehen und etwas von ihr aufnehmen zu müssen, um vollkommen zu werden. Alles, was von außen kommt wird als Zudringlichkeit und Zumutung erfahren.

Besonderheiten der Anamnese
Um die bei den Arzneimitteln herausgearbeiteten Leitmotive auch beim Patienten erfassen zu können, bedarf es einer besonderen Form der Anamnese. Das Ziel der Anamnese besteht nach Masis Ansicht in der Zerstörung des schönen Bildes, $Masi-Elizalde, Alfonsodas uns der Patient von sich zeigt. Es muss zerstört werden, damit wir ihn ungeschützt sehen können, um ihn in seiner Not wahrzunehmen. Man muss dabei alles tun, um dem Patienten das Abschweifen zu erleichtern. Es ist wichtig, die Phantasien des Patienten hervorzulocken. Dazu ist natürlich eine gute Atmosphäre notwendig und so wird empfohlen, den Patienten evtl. sogar zu Hause zu besuchen; jedenfalls sollte man ihm als Freund begegnen und durchaus affektiv auf den Patienten eingehen.
Welche Punkte sollten nun während der Anamnese berührt werden? Masi fragt in Zusammenhang mit dem Paradiesmythos die fünf Kerne ab, auch stellt er konkrete, auf religiöse Anschauungen bezogene, Fragen, z. B.:
  • Wie stehen Sie zur Religion?

  • Was hält Gott ihrer Meinung nach von Ihnen?

  • Wenn Sie die Möglichkeit hätten, selbst einen Gott zu erschaffen, wie würden Sie ihn sich wünschen?

Am Ende der Anamnese sollte man von dem Patienten drei Dinge wissen:
  • Was hält der Patient von sich selbst?

  • Was hält der Patient von anderen Menschen und von seiner Familie?

  • Wie steht der Patient zu den metaphysischen Themen?

Masi sieht in seiner $Masi-Elizalde, AlfonsoMethode eine Möglichkeit, das entscheidende Mittel (Simillimum) zu finden, was von der körperlichen bis zur höchsten geistigen Ebene alle Bereiche beeinflussen und heilen soll; das bezeichnet er auch als die „Heilung mit dem Quantensprung“. Er sagt jedoch zugleich, dass es schwer ist, jenes Mittel zu finden, da er nicht in Polychreste und sogenannte kleine Mittel unterteilt, sondern alle Mittel in ihrer Bedeutung gleichwertig nebeneinander sieht, es aber zu einer Vielzahl von Mitteln nur wenig psychische Symptome in den Arzneimittelprüfungen gibt. Mit seiner Methode meint Masi bei fünf bis acht Prozent der Patienten eine derartig tiefgreifende Veränderung (Quantensprung) mithilfe des Simillimums zu erreichen.
Dynamik der Miasmen
MiasmaSimillimumMasi gebraucht den Miasmenbegriff in einem völlig anderen Zusammenhang als Hahnemann und sieht die Miasmen als verschiedene Etappen eines einzigen Prozesses, sodass er nur von der Psora als Miasma in verschiedenen zeitlichen Phasen spricht. PsoraPsora versteht er im wörtlichen Sinne als Befleckung und spricht von einem die Vorstellungskraft beschmutzenden Fleck.
Anstelle der Sykosis spricht er von einer egotrophen Haltung, anstelle der Syphilis von einer altero- oder egolytischen Haltung. Masi entwickelte ein System der miasmatischen Dynamik mit drei chronologischen Etappen. Dabei entspricht die miasmatische Dynamik den seelischen Reaktionsmöglichkeiten auf ein Leiden. Am Anfang steht dabei die Angst. Die primäre Psora entspricht dem Leitmotiv eines Menschen gemäß der verzerrten Wahrnehmung. In der sekundären Psora erlebt der Mensch seine Angst, seine Unzulänglichkeiten und Unsicherheiten werden ihm bewusst. Er beginnt die innere Problematik auf das äußere Umfeld zu projizieren. Gleichzeitig entwickelt er Strategien, Dinge zu verbergen und zu maskieren; eine zunächst noch schwankende Haltung ist dabei Aspekt der sekundären Psora. Im körperlichen Bereich treten zu diesem Zeitpunkt nur funktionelle Störungen auf. In der tertiären Psora kann der Mensch zwei mögliche Grundhaltungen einnehmen. Einerseits kann er im syphilitischen Sinne vor dem Leiden fliehen. Dabei kann er selbstzerstörerisch reagieren (Egolyse) oder destruktiv gegenüber anderen reagieren (Alterolyse). Andererseits kann er eine kompensatorische Haltung einnehmen und sein Selbstwertgefühl als sykotische Reaktion aufblähen. Die bei Hahnemann noch eigenständigen Miasmen Sykosis und Syphilis sind bei Masi Verteidigungsstrategien. Im Tertiärstadium treten auch strukturelle (Organ-)Veränderungen auf.

Literatur

Masi Elizalde and Preis, 1993

A. Masi Elizalde S. Preis Überarbeitung der Lehre, Materia medica und Technik der Homöopathie 1993 Sylvia-Faust-Verlag Höhr-Grenzhausen

Rajan Sankaran und das Konzept der „Basic Delusions“

$Sankaran, RajanBasic delusion (Sankaran)Der aus Bombay stammende Rajan Sankaran ( 1960) setzte sich bereits in jungen Jahren intensiv mit der homöopathischen Lehre auseinander. Sein homöopathisch arbeitender Vater Pichian Sankaran $Sankaran, Pichianweckte in ihm offensichtlich dieses Interesse. Neben seinem Vater und weiteren indischen $Vithoulkas, GeorgosHomöopathen (Phatak, Sehgal u. a.) zählt Sankaran insbesondere Vithoulkas (32.6) und $Becker, JürgenJürgen Becker (32.12) zu seinen Lehrern. Er studierte in Bombay am Homoeopathic Medical College Medizin. Seit 1986 lehrt er u. a. dort als Professor Homöopathie und hält weltweit als Dozent viele Seminare.

In seinen Büchern stellt er Konzepte vor, die nur von einer Minderheit indischer Homöopathen akzeptiert werden, das Interesse an seinen Konzepten ist in Europa weitaus größer. An seiner Lehre und dem Inhalt seiner Bücher haben zahlreiche Homöopathen Einfluss, so z. B. die Inder Jayesh und Nandita Shah, Sunil Anand $Anand, Sunilsowie die Europäer Jan Scholten$Scholten, Jan, Jeremy Sherr $Sherr, Jeremyund Jürgen Becker. $Shah, Nandita

Sankaran und Jayesh Shah$Shah, Jayesh stellten gemeinsam bei der Analyse ihrer Fälle fest, dass sie die größte Erfolgsquote bei den Verschreibungen nach Gemüts- und Allgemeinsymptomen hatten. Als entscheidend für die allgemeinen und psychischen Symptome nennen sie das „PNEI-System“PNEI-System (Sankaran), – das „Psycho-Neuro-Endokrino-Immunologische System“.

Die Krankheit wird primär als „zentrale Störung“ („Central disturbance“) in diesem Bereich betrachtet. Lokale Symptome und Krankheitserscheinungen sind diesem „Zentrum“ untergeordnet. Den Begriff der „zentralen Störung“ macht Sankaran mithilfe eines anschaulichen Vergleichs deutlich: Die „zentrale Störung“ gleicht einem Stab für Kletterpflanzen (welche den Krankheiten entsprechen). Ohne den Stab können die Kletterpflanzen nicht wachsen, also gilt es, den Stab zu entfernen und nicht bloß die Kletterpflanzen. Die spezielle Art des Wachstums hängt von der Beschaffenheit des Stabs ab, sodass wir anhand auffälliger Anzeichen der Pflanze Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Stabes ziehen können.

PNEI-Symptome
  • Psychische Symptome. PNEI-System (Sankaran)

  • Allgemeinsymptome:

    • Modalitäten.

    • Appetit und Durst.

    • Verlangen und Abneigungen.

    • Träume.

    • Sexualfunktion etc.

  • Eigentümlichkeiten der Lokalerkrankung (nicht-pathognomonische).

Wird der Körper z. B. durch eine Infektion attackiert, kommt es zu einer initialen allgemeinen Reaktion, einer funktionellen Störung des ganzen Körpers (Fieber, Schwäche, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit etc.), abhängig vom Krankheitsauslöser. Dies zeigt eine funktionelle Störung des PNEI-Systems an, welches zuerst erfasst wird. Die Lebenskraft versucht, die Störung so lange wie möglich auf der allgemeinen Ebene zu halten, um keine pathologischen Veränderungen in den Organsystemen zuzulassen. Da die zentrale Störung zum Schutz des Organismus durch die Lebenskraft in die Peripherie abgeleitet wird, geben lokale Symptome, besonders die Modalitäten und nicht-pathognomonischen Symptome, Hinweise auf die zentrale Störung.
Situative Materia medica
Materia medicasituativeSankaran $Sankaran, Rajanmachte sich Gedanken zum Wesen einer Krankheit und eines homöopathischen Mittels. Bei der Betrachtung der Gemütssymptome stieß er oft auf sehr widersprüchliche Symptome eines Arzneimittels, die er zu klären versuchte.
Hierbei fiel ihm das Arzneimittelbild von Fluoricum acidum auf, #Fluoricum acidumzu dem sich im Repertorium als Gemütssymptome u. a. „Teilnahmslosigkeit gegen geliebte Personen, spricht jedoch vergnügt mit Fremden“, „heftiges sexuelles Verlangen“ sowie „Mangel an moralischem Empfinden“ finden lassen. Sankaran fragte $Sankaran, Rajansich, welche Lebenssituation ein solches Verhaltensmuster als notwendigen Anpassungs- oder Überlebensmechanismus hervorrufen könnte. Für Fluoricum acidum beschrieb er schließlich die Situation eines Menschen, der jemanden geheiratet hat, der nicht zu ihm passt und die Notwendigkeit verspürt, die Beziehung aufzulösen. Schaut man nun in die Rubrik „Wahnidee, Verlobung muss aufgehoben werden“ findet man als einziges Mittel Fluoricum acidum.
Sankaran kam zu dem Schluss, dass die Arzneimittelbilder Ausdruck eines bestimmten Seinszustandes sind und dass die Wirkung nach dem Ähnlichkeitsprinzip darauf beruht, dass der behandelte Patient einen ebensolchen, ähnlichen Seinszustand angenommen hat, wie ihn die Symptome des Arzneimittelbildes ausdrücken. Bestimmte, schwierige Lebenssituationen bedürfen einer bestimmten Haltung („Posture“), die einen bestimmten Seinszustand („State“) hervorrufen kann. Diese Reaktion ist als gesunde Anpassungsleistung zu verstehen. Schwierig oder pathologisch wird es erst, wenn sich die Lebenssituation des Menschen ändert, er eine neue Haltung benötigt, der alte Seinszustand jedoch noch stets die beherrschende Bewusstseinskomponente darstellt.
Dies führt zu den „Out of proportion-reactions“. Der Mensch reagiert nicht mehr den Umständen entsprechend, sondern ein altes, einer vergangenen Situation entsprechendes Reaktionsmuster wird unpassenderweise aktiviert und beherrscht seine Wahrnehmung. Sankaran weist darauf hin, dass in London nach dem Zweiten Weltkrieg ein gehäuftes Auftreten von Stramonium-Verschreibungen#Stramonium bei solchen Patienten beobachtet wurde, welche die Bombardierung Londons miterlebt hatten. Diese außergewöhnliche Situation hat in den Betroffenen einen Zustand fixiert, der nun auch in ganz unpassenden Situationen aktiviert wird („Out of proportion“) und deren Verhalten bestimmt. In diesem Fall kam es z. B. zu Panikattacken in der Dunkelheit oder beim Alleinsein in Kellergewölben etc.
Wurzeln und Seinszustände
Sankaran unterscheidet nun zwischen Wurzeln („Roots“) und aktuellen Seinszuständen („State“). Dabei haben sich die Wurzeln dem Patienten früher eingeprägt und können im Laufe der Zeit wieder in sein Bewusstseins gelangen, um sich dort als aktueller Seinszustand auszudrücken. Die Wurzeln rühren insbesondere aus dem Zustand der Eltern während der Zeugung sowie der Situation während der Schwangerschaft und der Geburt her. Daher beinhaltet die Anamnese bei Sankaran auch eine Analyse der Symptome und der Geisteszustände der Eltern in der vorgeburtlichen Zeit sowie die Schilderung des Geburtsverlaufes. Aus der vorgeburtlichen Zeit können z. B. Vorstellungen wie „ich bin ungewollt und ungeliebt“ resultieren.
Zugrunde liegende Wahnidee bzw. verzerrte Wahrnehmung („Basic Delusion“)
Ein weiterer von Sankaran geprägter Begriff ist Basic delusion (Sankaran)die „Basic delusion“: Er fand gerade unter den Wahnideen im Repertorium kompakte Beschreibungen für eine verzerrte Wahrnehmung der Umwelt; die „Basic delusion“ definiert er als das Grundgefühl einer Person und die falsche Einschätzung ihrer Situation, welche alle anderen Gefühle und Expressionen erklärt.
Die „Basic delusion“ bildet das dem Wahnideeaktuellen Seinszustand zugrunde liegende Problem (z. B. eine starke vitale Angst vor der Unsicherheit und den Wandlungen des Lebens als Ausdruck der Wahnidee, verletzlich und ungeschützt zu sein). Im Umgang mit dieser Angst wird eine bestimmte Taktik entwickelt (in diesem Fall z. B. das Aufbauen von festen Lebens- und Beziehungsstrukturen). Diese Taktik stellt einen Kompensationsmechanismus dar. Die meisten Patienten befinden sich in einem kompensierten Zustand, wobei diese Kompensation unter entsprechenden Umständen zusammenbricht und im dekompensierten Zustand die „Basic delusion“ offensichtlich wird (die Ängste nehmen überhand und brechen über den Patienten herein).
In einer einzelnen Rubrik kann man laut Sankaran dabei viele Aspekte der grundlegenden Wahnidee aufschlüsseln, beispielsweise#Thuja bei Thuja unter der Wahnidee „er/sie sei aus Glas“. Hier deutet das Gefühl, aus Glas zu sein, auf eine ausgeprägte Empfindlichkeit und Vorsichtigkeit hin, die diesem Gefühl entspringt. Das Mittel Barium carbonicum soll #Barium carbonicumdurch seine Wahnidee „er geht auf den Knien“ vieles in Hinblick auf Unterwürfigkeit und Zwergenhaftigkeit ausdrücken und verdeutlicht die Lebensempfindung dieser Patienten.
Kranksein ist letztlich auch eine Frage der Lebensumstände. Sind die Umstände günstig, so kann jemand gut mit seiner „Basic delusion“ leben.
Eine andere Erweiterung des Verständnisses homöopathischer Arzneimittel bietet uns Sankaran mit seiner Zuordnung der Mittel zu den $Sankaran, Rajanjeweiligen Herkunftsbereichen (= Kingdoms). Er ordnet dabei ArzneimittelKingdom (Sankaran)den Herkunftsbereichen Pflanzenreich, Tierreich und Mineralien entsprechende allgemeine Charakteristika und Symptome zu. Hierzu einige Beispiele typischer Aspekte der „Kingdoms“:
  • Pflanze:

    • Empfindsamkeit, Sensibilität, Sensitivität.

    • reagiert auf alles, was von außen kommt (z. B. Wetter, Musik).

    • Kleidung: blumige, unregelmäßige Muster.

    • Causa: „Dies hat mich verletzt“/„Ich bin davon beeinflusst“.

    • Äußerung nach Mittelgabe: „Es geht mir besser, aber ich weiß nicht genau wie“.

  • Tier:

    • Wettbewerb, Werbung, Verführung.

    • will besser als andere sein; zieht alle Aufmerksamkeit auf sich.

    • Kleidung: auffällig, evtl. Tierfiguren als Schmuck.

    • Causa: „Ich bin nicht gut genug“/„Ich akzeptiere mich nicht“.

    • Äußerung nach Mittelgabe: „Ich fühle mich besser“.

  • Mineral:

    • Struktur, Organisation, Exaktheit.

    • ortsständig, systematisch, geradlinig.

    • Kleidung: Karos, Streifen, konservativ, ordentlich.

    • Causa: Bruch in der Struktur (z. B. Scheidung, Kündigung).

    • Äußerung nach Mittelgabe: „Es geht mir 60 Prozent besser“.

Sankaran gibt zudem Kriterien zur Auswahl von Nosoden an.
Er erweitert auch den Miasmenbegriff und spricht ergänzend von einem „akuten Miasma“, dem er Panik und heftige Aktivität zuordnet („wenn ich es überstehe, lebe ich“). Dieses „akute Miasma“ wird als das vierte Hauptmiasma bezeichnet. Außerdem fügt er diesen noch weitere sechs „Zwischenmiasmen“ hinzu: Dabei setzt er das „Typhusmiasma“ („Typhoid“) zwischen das akute Miasma und die Psora und das „MalariamiasmaMalariamiasma“ zwischen das akute und die Sykosis. Das „Ringworm-Miasma“ steht bei Sankaran zwischen Psora und Sykosis und das „Krebsmiasma“Krebsmiasma („Cancer“) zwischen Sykosis und Syphilis. Die Tuberkulinie sieht er zwischen Sykosis und Syphilis, fügt allerdings zwischen Tuberkulinie und Syphilis ergänzend noch das „LepramiasmaLepramiasma“ („Leprosy“) ein. MiasmaakutesTyphusmiasma
Anamnese
Bei der Anamnese stellen die Kingdoms als grobe Orientierung eine Hilfe dar. Viel entscheidender ist es aber, durch die Anamnese zum Seinszustand des Patienten vorzudringen und seine „Basic delusion“ aufzuspüren. Das Wesen des Patienten als Kind, sein Verhalten in Extremsituationen sowie seine Träume und Ängste können dazu wertvolle Hinweise liefern. Sankaran gibt eine Reihe praktischer Ratschläge für die homöopathische Anamnese:
  • Gegenteilige Stimmungen ansprechen, z. B. bei depressiv scheinenden Patienten die Frage stellen „Wann haben sie sich zuletzt richtig gefreut, was waren die erfreulichsten Ereignisse in ihrem Leben etc.?“. Sollte der Patient lange Zeit grübeln, so kann diese Frage möglicherweise zur Kernproblematik führen.

  • Stress-Situationen vorgeben und die Reaktion des Patienten auf die vorgegebene Situation erfragen.

  • Fragen des Patienten an den Arzt – hier kann man Hinweise auf Ängstlichkeit, Unsicherheit, Perfektionismus etc. bekommen.

  • Bei einer „leeren Anamnese“ den Patienten darum bitten, einmal den Ablauf eines normalen Tages aus seinem Leben zu schildern.

  • Erfragen der Hobbys, der bevorzugten Literatur, der bevorzugten Musik etc.

  • Erfragen der Träume und der Ängste.

  • Erfragen des Schwangerschaftsverlaufs (der Mutter) und des Geburtsverlaufs sowie des Wesens in der Kindheit.

Zur Abfolge der Arzneimittelgaben propagiert Sankaran eine Art „Säulenschema“:
  • Nach Anamnese und Repertorisation weist jeder Patient Symptome und dementsprechend Anteile verschiedener Arzneimittelbilder auf, dabei sticht eines jeweils besonders hervor.

  • Dieses Arzneimittel wird als erstes verordnet. Dadurch kommt es zu einer Besserung der Symptomatik, und im weiteren Verlauf hebt sich ein anderes Arzneimittelbild durch entsprechende Symptome hervor – daraufhin wird dieses Mittel zur Verbesserung der Symptomatik gegeben.

  • Mit jedem Arzneimittel ist man so in der Lage, einen Teil der zugeordneten Symptome zu verbessern; dies kann man sich anschaulich mit dem Verkleinern einer Säule vorstellen, welche dem jeweiligen Arzneimittelbild zuzuordnen ist. Nach dem Reduzieren mehrerer Säulen durch die zugehörigen Arzneimittel, kann es dazu führen, dass erneut die Säule des zuerst verordneten Mittels dominiert und dadurch eine erneute Gabe des bereits verordneten Mittels angezeigt ist.

Sankaran vertritt die Ansicht, dass $Sankaran, Rajandie homöopathische Therapie nicht unbedingt eine Arzneigabe erfordert, sondern das verbale Widerspiegeln im Sinne des Ähnlichkeitsgesetztes ausreichen kann, um einen Patienten im Gespräch mit dem Bild seiner eigenen Lebenssituation, seiner Kernproblematik und der „Basic delusion“ zu konfrontieren. In diesem Kontext prägte er den Begriff der „Homöo-Psychotherapie“.
Den Gedanken einer homöopathischen Homöo-PsychotherapieTherapie ohne Arzneimittel erweiterte er schließlich noch auf die Wirkung der Musik für den Menschen. Er sieht eine Heilungsmöglichkeit für Patienten durch das alleinige Vorspielen der passenden „Ragas“ (= indische Gesänge, vergleichbar mit Balladen), die im Sinne des Similegesetzes ausgewählt werden müssen.

Literatur

Sankaran, 1998

R. Sankaran Die Substanz der Homöopathie 1998 Homoepathic Medical Publishers Mumbai

Sankaran, 1999

R. Sankaran Das System der Homöopathie 1999 Homoepathic Medical Publishers Mumbai

Sankaran, 2004

R. Sankaran Das geistige Prinzip der Homöopathie 4. Aufl. 2004 Homoepathic Medical Publishers Mumbai

Sankaran, 2000

R. Sankaran Die Seele der Heilmittel 2000 Homoepathic Medical Publishers Mumbai

Sankaran, 2003

R. Sankaran Einblicke ins Pflanzenreich 2003 Homoepathic Medical Publisher Mumbai

Sankaran, 2015

R. Sankaran Intensivkurs Homöopathie 2015 Narayana Kandern

Methode nach Jan Scholten

Der Holländer Jan Scholten ( 1951) wandte $Scholten, Jansich nach einem absolvierten Chemiestudium der Homöopathie zu und konzentrierte sich zunächst auf eine systematische Einteilung der mineralischen Arzneimittel. Er entwickelte dabei neue Vorgehensweisen, um sich die zugehörigen Arzneimittel zu erarbeiten. Scholten greift im Rahmen seiner Lehre die Ideen und Ansätze mehrerer Homöopathen auf. Als seine Lehrer nennt er u. a. $Vithoulkas, GeorgosVithoulkas (32.6) und dessen Schüler Alfons $Geukens, AlfonsGeukens. Er orientiert sich auch an $Sankaran, RajanSankaran, vor allem an dessen Konzept der „Basic delusions“ (32.9). Scholtens Landsmann Arij Vrijlandt (1911–1992) legte den Grundstein für die Auseinandersetzung mit dem Periodensystem und seiner Relevanz für die Homöopathie.

Krankheit betrachtet Scholten in Anlehnung an Thorwald Dethlefsen als eine Hürde auf dem Weg zur Vollkommenheit: „Der Mensch wird selbst verantwortlich für seine Krankheit und für seine Situation. Aber in der Möglichkeit, Krankheiten zu erzeugen, liegt auch wiederum die Chance, Probleme zu lösen. Der Mensch hat dann die Möglichkeit zur Veränderung, zum Loslassen alter Probleme und zum Kreieren neuer Möglichkeiten. Das ist also die Ebene, wo Krankheiten entstehen und bewältigt werden“.

Diskrepanzen beim Betrachten des Arzneimittelspektrums
Als Chemiker $Scholten, Janverblüffte es Scholten, dass der Anteil bestimmter Stoffe in der Natur in keiner Weise mit dem Anteil der Verschreibungen derselben Stoffe als Arzneimittel in der Homöopathie korreliert. Hinzu kommt, dass zahlreichen Elementen aus der Natur in der homöopathischen Behandlung bislang gar keine Bedeutung zukam. Ähnlich verhält es sich mit den uns umgebenden Pflanzen. So zählt z. B. Pulsatilla zu den großen Polychresten, aber die in unserer Umgebung so häufig vorkommende Butterblume ist als homöopathisches Mittel (Ranunculus acris) eine absolute Rarität. Und auch wenn man sich das Vorkommen der Elemente im menschlichen Körper vergegenwärtigt, so müsste gemäß des relativen Anteils am Körpergewicht der Kohlenstoff (Graphites) eines der wichtigsten Homöopathika sein, wohingegen Aurum und Platinum keinerlei Relevanz haben dürften. Scholten sieht in dieser Gegebenheit eine ernst zu nehmende Diskrepanz und ein noch offenes Problem für die Homöopathie. Er spricht daher auch nicht von sogenannten „kleinen Mitteln“, sondern betrachtet sie als „wenig bekannte Mittel“.
Gruppenanalyse
Gruppenanalyse (Scholten)Wie ist Scholten vorgegangen, um sich die bisher wenig bekannten ArzneimittelGruppenanalyse (Scholten)Mittel unserer Materia medica zugänglich zu machen? Im Rahmen einer „Gruppenanalyse“ betrachtete er zunächst Gruppen von Mitteln, die dasselbe Element beinhalten, verglich diese mithilfe der Materia medica und der Repertoriumsrubriken und suchte dabei die hervorstechenden und übereinstimmenden Eigenschaften heraus.
Daraus resultierte eine Zuordnung der ermittelten Eigenschaften zu allen Arzneimitteln, die der Gruppe angehören. So konnten auch den schlecht geprüften und weitgehend unbekannten Mitteln die charakteristischen Gruppeneigenschaften zugeteilt werden. In diesem Zusammenhang verwendete Scholten auch den Begriff „Meta-Niveau“ der Mittelbetrachtung. Bei der Gruppenanalyse wurden in erster Linie die psychischen Merkmale der Arzneimittel und in zweiter Linie die Allgemeinsymptome berücksichtigt. Alle weiteren Symptome spielten bei der Meta-Analyse nur eine geringe Rolle.
Aufgrund der Gruppenanalyse Gruppenanalyse (Scholten)wurde eine Zuordnung charakteristischer Themen zu den ArzneimittelGruppenanalyse (Scholten)jeweiligen Mitteln möglich, die sich bei der Differenzialdiagnose als hilfreich erweisen können. Man bekommt dabei zunächst einen Eindruck, welcher Gruppe von Arzneimitteln ein Patient zuzurechnen ist, und hat dann die Möglichkeit, innerhalb der Gruppe genau zu differenzieren, welches das passende Similimum des Patienten ist (Tab. 32.4).
Anhand der Natrium-Gruppe, der Muriaticum-Gruppe und des zusammengesetzten Arzneimittelbildes von Natrium muriaticum kann man ein gutes Verständnis für die Vorgehensweise bekommen. Folgende Themen lassen sich in den beiden Gruppen finden (Tab. 32.5).
Die Verbindung von Natrium muriaticum im Sinne der #Natrium muriaticumGruppenanalyse ergibt, dass die Mutterproblematik in Verbindung mit dem Bedürfnis nach der Versorgung eine wesentliche Rolle spielt. Ein interessantes Symptom dazu findet sich bei der Arzneimittelprüfung von Hahnemann: „[…] er glaubte, seine (stündlich anwesende) Mutter sey gestorben […].“ Bei der Verbindung der oben genannten Themen ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten: Greift man beispielsweise aus der einen Gruppe die Themen „Alleinsein“ und „Verbot“, aus der anderen die Themen „Mutter“ und „Versorgung“ heraus, dann könnten sich folgende Aspekte für Natrium muriaticum ergeben: „Keine Mutter“, oder „Alleinsein in seiner Bemutterung“, jedoch auch „Es ist verboten, sich versorgen zu lassen“, oder „Es ist verboten, andere zu umsorgen.“
Die Themen können zudem auch auf verschiedene Weise projiziert werden, so kann es z. B. einerseits „Meine Mutter ist streng“ bedeuten, andererseits aber „Ich muss eine strenge Mutter sein, deswegen darf ich mein Kind nicht verwöhnen“. Als mögliche hinzukommende Thematik findet sich bei Natrium muriaticum ein #Natrium muriaticumVerbot des Weinens: Man muss sich beherrschen und Kummer in aller Stille ertragen. Die Standardsituation von Natrium muriaticum ist ein Trauerzustand. Es ist das Thema vom Alleinsein auf dieser Welt, verlassen von aller Versorgung – es fehlt allgemein das Gefühl der Geborgenheit durch Mutter Erde.
Anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass man bei der Betrachtung einzelner Themen nach Scholten immer die Polarität berücksichtigen muss. Das jeweilige Thema kann dabei im Sinne eines Verlangens oder einer Abneigung zum Ausdruck kommen. Man muss sich bei allen Themen den Gegenpol hinzudenken; das jeweilige Vorzeichen (<, >, Abn., Verl.) kann beide Ausprägungen zeigen. So ist bei Natrium muriaticum das Meer ein Thema, dies kann sich in einer Verbesserung oder Verschlechterung am Meer äußern oder Verlangen bzw. Abneigung können eine Rolle spielen. Untypisch wäre lediglich eine indifferente Haltung dem Meer gegenüber. Diese Polarität ist auch bei den Modalitäten zu beachten, wo sich ebenfalls jedes Thema als Abneigung oder Verlangen bzw. als Verschlechterung oder Verbesserung äußern kann.
Periodensystem
Periodensystem (Scholten)Die Einteilung der Mittel in Gruppen wurde weiterentwickelt zur Betrachtungsweise aller Elemente des Periodensystems. Scholten ging dazu über, sowohl die Haupt- und Nebengruppen als auch die einzelnen Perioden des Periodensystems auf typische Themen und Charakteristika hin zu untersuchen.
Scholten$Scholten, Janwählte bei seiner Einteilung $Scholten, Janfür die Elemente einer Periode die Bezeichnung „Serie“ (Tab. 32.6), die Haupt- und Nebengruppen nannte er „Stadien“ (1–18 Abb. 32.3).
Diese Spirale repräsentiert von innen nach außen die Elemente steigender Ordnungszahl und damit zugleich solche zunehmend höherer Perioden. Jede Windung entspricht einer Serie, eine volle Windung der Spirale entspricht dem Auf- und Untergang auf dem Gebiet des zugehörigen Themas. Von innen nach außen gehend erfolgen bezüglich der Thematik ein Wachstum des Bewusstseins und eine zunehmende Expansion. Bei den aufeinander folgenden Perioden geht es um den Aspekt der fortschreitenden Entwicklung.
Scholten sieht einen Entwicklungszyklus in den aufeinander folgenden Stadien, und so verbindet er mit allen Mitteln der linken Hälfte des Spiralenschaubildes (Stadium 1–9) und mit allen der rechten Hälfte (Stadium 11–17) gemeinsame Eigenschaften. Er sieht darin zunächst einen zunehmenden Aufbau bzw. Aufstieg bis zum Stadium 10, welches er als den Gipfel oder Höhepunkt betrachtet (was auch in der Reagibilität der Elemente zum Ausdruck kommt). Alle nachfolgenden, rechts angeordneten Mittel, verbindet er mit dem Aspekt des Verfalls bzw. des Abstiegs oder auch des Loslassens. Dem Stadium 18 (Edelgase) werden Begriffe wie Ruhe, Untätigkeit und Transformation zugeordnet. Die geraden Stadien werden generell als stabil, die ungeraden als labil eingestuft. Diese systematische Einteilung spiegelt sich in den Themen aller Mittel wider.
Die jeweiligen Themen der Elemente ergaben sich ähnlich wie bei der Gruppenanalyse auch beim Periodensystem durch eine Analyse.
Hinzu kamen Periodensystem (Scholten)angesichts der Stadien noch die chemischen Eigenschaften der Elemente: Die Elemente der Stadien 1–9 sind Basen und als Elektronendonatoren bekannt, Scholten teilte den Mitteln entsprechend Eigenschaften wie aktiv und gebend zu. Denjenigen Elementen der Stadien 11–17 ordnete er als Säuren und Elektronenakzeptoren die Eigenschaften passiv und nehmend zu.
Zur Arzneimittelfindung setzt man die Themen einer Serie und eines Stadiums in Beziehung zueinander und erhält dadurch die notwendigen Anhaltspunkte für die Mittelwahl.
Erfahrungen mit sogenannten kleinen Arzneimitteln
Mit Scholtens Methode Arzneimittelkleinewird die Einteilung in kleine und große Mittel hinfällig, da durch die $Scholten, Jansystematische Vorgehensweise alle möglichen Arzneimittel ermittelt werden können. Dies führte in der Praxis von Scholten dazu, dass Erfahrungen mit einer Reihe völlig unbekannter Arzneimittel gemacht wurden. Die systematische Erarbeitung unbekannter Arzneimittel führte zu erfolgreichen Therapien bei Patienten, denen Mittel #Iridiumwie Indium oder Iridium verschrieben wurden. Der Arzneimittelschatz konnte um etliche Mittel bereichert #Indiumwerden, und eine Vertiefung der hier begonnenen Arbeit wird von Scholten und weiteren Autoren angestrebt.
Die einzelnen Themen der Arzneimittel mögen etwas abstrakt wirken, doch stellen sie Resultate langwieriger Vorarbeit dar, die man bedenken und nachvollziehen muss, um den Sinn der von Scholten gewählten Formulierungen richtig zu erfassen.
Neue Systematik der pflanzlichen Arzneimittel
In den letzten Jahren hat sich Scholten intensiv $Scholten, Janmit einer Kategorisierung und Einteilung der pflanzlichen Arzneimittel befasst. Er orientiert sich dabei an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen und somit aktuell an der APG 3-Klassifikation (Systematik der Applied Phylogeny Group von 2009). Dabei stehen evolutionsbezogene Verwandtschaften im Vordergrund, wozu v. a. DNA-Analysen herangezogen werden. Analog zu den Serien und Stadien der Arzneimittel des Periodensystems nimmt Scholten auch bei den pflanzlichen Mitteln eine Unterteilung in Serien und Stadien vor. So entspricht z. B. die Wasserstoffserie den Algen und die Siliciumserie den Bryophytae (Moospflanzen). Hinzu kommen weitere Klassifizierungen in Kladen (monophyletische Abstammungsgemeinschaften) und Stadien. Bei den pflanzlichen Arzneimitteln wird es also erheblich komplexer als bei den mineralischen und auch hier ermöglicht die Systematik, Scholten Arzneimittelbilder von pflanzlichen Mitteln zu skizzieren, mit denen noch gar keine Arzneimittelprüfung durchgeführt wurde.

Literatur

Scholten, 2013

J. Scholten Homöopathie und Minerale 11. Aufl. 2013 Stichting Alonnissos

Scholten, 2004

J. Scholten Homöopathie und die Elemente 3. Aufl. 2004 Stichting Alonnissos

Scholten, 2014

J. Scholten Geheime Lanthanide 3. Aufl. 2014 Narayana Kandern

Scholten, 2015

J. Scholten Wunderbare Pflanzen 2015 Narayana Kandern

Massimo Mangialavori und die „komplexe Methode“ der Homöopathie

Der italienische Arzt Massimo Mangialavori$Mangialavori, Massimo ( 1958) wollte eigentlich eine chirurgische Methode, komplexe (Mangialavori)Laufbahn einschlagen. Während einer Studienreise kam er nach Südamerika und lernte dort Schamanen und Homöopathen kennen, die seinen Lebensweg einschneidend änderten und seine Begeisterung für die Homöopathie weckten.

Mangialavori führt seit vielen Jahren zusammen mit Kollegen eine homöopathische Praxis. Seit den 1990er Jahren unterrichtet er als Dozent in mehreren Ländern Homöopathie und entwickelte ein eigenes Computerprogramm.

Kleine und wenig bekannte homöopathische Mittel
Besonders wichtig ist für Mangialavori Arzneimittelkleineder Zugang zu bislang wenig bekannten bzw. zu sogenannten kleinen Mitteln der Homöopathie. Er kritisiert die vorherrschende $Mangialavori, MassimoTherapie mit Polychresten und bemängelt insbesondere, dass einige Mittel wie z. B. Lachesis #Lachesiszu sehr aufgebläht worden seien. Zahlreiche Homöopathen würden dazu neigen, wenn ein Schlangenmittel indiziert ist, Lachesis zu verordnen, anstatt auch andere Schlangen wie Elaps, Naja oder Crotalus horridus in Betracht zu ziehen. Ähnlich verhält es sich nach Auffassung Mangialavoris mit Polychresten Polychrestwie Pulsatilla, an das die meisten Therapeuten bei Weinerlichkeit und Besserung durch Trost primär denken, ohne dabei Mittel wie Mimosa oder Cobaltum nitricum mit vergleichbarer Thematik und Symptomatik alternativ zu berücksichtigen.
Arzneimittelfamilien
ArzneimittelfamilieEine Klassifikationen von Arzneien im Sinne botanischer Pflanzenfamilien hatte bereits Anfang der 1920er-Jahre der Homöopath Otto Leeser $Leeser, Ottovorgenommen. In jüngerer Zeit gibt es eine Einteilung in „Kingdoms“ (Rajan Sankaran) und eine Einteilung im Sinne des Periodensystems (Scholten).
Mangialavori spricht vom „gemeinsamen Wesen“ $Mangialavori, Massimobzw. von einer „Familie“ von Heilmitteln, wenn diese Mittel unter dem Gesichtspunkt der homöopathischen Symptomatologie sehr ähnlich sind. Allerdings orientiert er sich bei der Einteilung der „Familien“ v. a. am Gesichtspunkt der Ähnlichkeit hinsichtlich charakteristischer Symptome der Arzneien und nicht ausschließlich an Pflanzenfamilien oder Tierarten etc. Beispielsweise zählt er zur „Familie der Schlangen“ auch das pflanzliche Mittel Cimicifuga und das mineralische Zincum phosphoricum, und zur „Familie der Nachtschattengewächse“ auch Arzneimittel wie Gallicum acidum und Lyssinum.
Mangialavori spricht zudem von horizontalen und vertikalen Beziehungen der Arzneimittel. Die horizontalen ArzneimittelBeziehungenBeziehungen ergeben sich dadurch, dass physisch, chemisch und pharmakologisch analoge Substanzen ebensolche analogen Eigenschaften aufweisen, wenn sie als homöopathische Arzneien eingesetzt werden. So können z. B. verschiedene Säuren oder unterschiedliche Nachtschattengewächse in einer horizontalen Beziehung zueinander stehen. Die klinische Praxis und Erfahrung führen schließlich noch zur Analogie der Arzneien mit ähnlichen Aspekten: Dabei ergeben sich vertikale Beziehungen aufgrund der gemeinsamen „fundamentalen Themen“ der Arzneimittel (z. B. Thema „Steifheit“ oder „Blockade“ bei den Silicea-ähnlichen Arzneien oder das Austrocknen jeglicher Freude im Leben bei den Cactaceae-Arzneien). Auf diese Weise kann um ein einzelnes Mittel herum eine in Hinblick auf die Ausgangssubstanz ganz gemischte „Familie homöopathischer Arzneien“ gruppiert werden.
Allgemeine und fundamentale Themen
Mangialavori ordnet jedem Arzneimittel $Mangialavori, Massimobestimmte Themen zu und orientiert sich bei der Verschreibung an dieser Zuordnung. Die Themen ermittelt er zum einen durch das Studium der Arzneimittelprüfungen, zum anderen anhand der Auswertung von Fällen mit langen Beobachtungszeiträumen. Darüber hinaus spielen das Studium der Toxikologie und die Anwendung von Heilmitteln in der Volksheilkunde eine Rolle. Er unterteilt prinzipiell in allgemeine und fundamentale Themen. Für eine tiefe Verschreibung müssen fundamentale Themen vorhanden sein. Diese charakterisieren den Patienten besonders, sind dauerhaft und verschwinden nicht durch eine Behandlung. Der Patient lernt vielmehr, sie auszugleichen und damit umzugehen. Fundamentale Themen sind spezifischer in Bezug auf die jeweilige homöopathische Familie oder das jeweilige Mittel und kommen nicht bei allzu vielen anderen Patienten vor. Fundamentale Themen sollten zentral und wesentlich sein, um eine erfolgreiche Verschreibung zu gewährleisten. Sie dienen der Erkenntnis der wesentlichen Anpassungsstrategien einer Arznei bzw. eines Patienten.
Symptome, die allgemeine Themen repräsentieren, können sich im Behandlungsverlauf ändern oder auflösen. Außerdem können Polaritäten existieren, z. B. bei Opium das Taubheitsgefühl auf der einen und die extreme Schmerzempfindlichkeit auf der anderen Seite. In dem Maße, wie ein Patient erfolgreich behandelt wird, verringert sich die Ausprägung solcher Polaritäten.
Informationsquellen
Die Informationen über die teilweise unbekannten oder vergessenen Arzneimittel entnimmt Mangialavori nicht nur den homöopathischen Arzneimittelprüfungen oder der homöopathischen Literatur. Er orientiert sich auch an den Erkenntnissen aus Toxikologie, Pharmakologie, an der traditionellen Anwendung von Heilpflanzen, am Volksglauben sowie an Mythen, Legenden und Archetypen. „Der Mensch hat versucht, seine Beziehung zur Natur, in der er lebt, auf die unterschiedlichsten Arten zu beschreiben – von der Poesie bis zur wissenschaftlichen Forschung – und oft treffen am Ende dieselben Auffassungen wieder zusammen. Das ist der Zusammenhang, den ich suche, wenn ich ein Arzneimittel erforsche“, äußerte sich Mangialavori $Mangialavori, Massimoin einem Interview.
Einen besonderen Stellenwert haben für ihn die klinische Erfahrung und Bestätigung. Er nutzt v. a. seine langjährigen Fallverläufe, um zunehmend Informationen über die Arzneimittel zu sammeln. Dabei betrachtet er die Patienten zugleich als wichtige Lehrer und gewinnt durch sie die wertvollsten Erfahrungen im Fallverlauf: „Am besten kann ein Patient das Arzneimittel widerspiegeln und nicht die Materia medica.“
Die für die Patienten ausgewählten Konstitutionsmittel Konstitutionstherapieverabreicht er konsequent in den unterschiedlichsten Situationen und gibt normalerweise keine ergänzenden Akutmittel – auch dann nicht, wenn akute Situationen oder Verletzungen vorliegen. Als Potenzen gibt er meist niedrige Q-Potenzen (Q1–Q3).
Kohärenz
KohärenzFür den Erfolg der „komplexen Methode“ nach$Mangialavori, Massimo Mangialavori (Tab. 32.7) ist es von grundlegender Bedeutung, den inneren Zusammenhang (Kohärenz) und die Ähnlichkeit zwischen der Substanz, dem Arzneimittel und der erfolgreichen klinischen Anwendung (klinische Evidenz) herauszuarbeiten. Dies geschieht v. a. durch Verlaufsbeobachtungen von Patienten, die über Jahre ausschließlich mit einem Arzneimittel behandelt wurden.
Die KohärenzArzneimittelKohärenz basiert auf folgenden Faktoren:
  • Pathogenetische Aktivität sowie toxikologische Wirkung einer Substanz auf den Menschen bzw. ein biologisches System.

  • Studium der ethno-anthropologischen Informationen, der Geschichte, der Mythen und der traditionellen Verwendung.

  • Ähnlichkeit zwischen den wichtigsten Anpassungsstrategien einer Substanz und den wichtigsten Strategien eines biologischen Systems.

Theoretische Struktur der „komplexen Methode“ Mangialavoris

Literatur

Mangialavori, 2001

M. Mangialavori Klassische Homöopathie Band 1 und 2 2001 Sylvia Faust Höhr-Grenzhausen

Mangialavori, 2007

M. Mangialavori Cactaceae in der Homöopathie 2007 Narayana Kandern

Mangialavori, 2008

M. Mangialavori Die Säuren in der Homöopathie. Thema: Selbstzerstörung 2008 Narayana Kandern

Mangialavori, 2013

M. Mangialavori Homöopathie bei Ärger und Kränkung 3. Aufl. 2013 Narayana Kandern

Mangialavori, 2010

M. Mangialavori Die sieben archetypischen Metalle in der Homöopathie 2010 Narayana Kandern

Mangialavori, 2012

M. Mangialavori Kohlenstoff-, Silicea- und Magnesiumverbindungen in der Homöopathie: unzulässige Unterstützung 2012 Narayana Kandern

Mangialavori, 2008

M. Mangialavori Die Schlangenmittel in der Homöopathie. Wissen, Versuchung und Verlassensein 2008 Narayana Kandern

Mangialavori, 2009

M. Mangialavori Die Meeresmittel: Leben in Sicherheit 2009 Narayana Kandern

Sehgal-Methode

Der Inder Madan Lal Sehgal (1928–2002) $Sehgal, Mandan Lalarbeitete zunächst als Büroangestellter und bildete sich nebenbei auf unterschiedlichen Gebieten fort. So stieß er auf die Homöopathie, die er vor allem durch das Lesen der Werke Kents studierte. Ergänzend besuchte er eine Praxis in Neu Delhi, um praktische Erfahrungen mit der Homöopathie zu sammeln. Was seine Methodik betrifft, so arbeitete er zunächst im Sinne der Homöopathie von Kent. Mehrere Malariafälle in einer befreundeten Familie, bei denen er mit der klassischen Methodik nicht weiterkam, führten ihn auf einen neuen Weg der Arzneimittelwahl, auf dem er sich ausschließlich mit der Gemütssymptomatik beschäftigte. 1983 gründete er die „Sehgal School of Revolutionized Homeopathy“, um andere in seiner Methode auszubilden. Inzwischen wird die Methode u. a. auch von seinen beiden Söhnen, den Ärzten Yogesh und Sanjay Sehgal, weltweit gelehrt.

Methodik der „revolutionierten Homöopathie“
Auf empirischem Wege kam Sehgal $Sehgal, Mandan Laldazu, ausschließlich den gegenwärtigen Gemütszustand der Patienten für die Auswahl des homöopathischen Mittels heranzuziehen. Hierbei betont er, dass es um den Gemütszustand geht, den der Patient in Verbindung mit seiner Krankheit präsentiert. Es geht also nicht um eine Summe von Gemütssymptomen, sondern es wird versucht, ein Verständnis für das zu entwickeln, was der Patient während seiner Erkrankung denkt und fühlt. Auf den Gemütszustand kann man unter Umständen anhand banal erscheinender Bemerkungen des Patienten rückschließen. In der Theorie verweist Sehgal gemäß seiner Interpretation der Hering-RegelnHering-Regel darauf, dass man bei der Behandlung im Zentrum ansetzen müsse, um dann zu einer Abheilung vom Zentrum aus zur Peripherie hin beizutragen, also „von innen nach außen“ (7.3.4). Dabei stellen der Wille und der Verstand das Zentrum dar. Bezüglich des Zentrums verweist er auch auf die Entstehung der Krankheit durch Verstimmung der Dynamis, die geistartiger Natur ist.
Der Geist-Gemütszustand ist repräsentativ für jegliche Ordnung oder Unordnung, die in einem Körper vorhanden ist. Man kann sich auf ihn als genauen Anzeiger verlassen, um das Simillimum herauszufinden. Auf eine Bestätigung der Mittelwahl durch körperliche Symptome wird verzichtet, auch miasmatische Belastungen spielen bei der Mittelwahl keine Rolle.
Anamnese
Die Anamnese kann sehr kurz ausfallen, doch sollten wachsam alle Äußerungen des Patienten aufgenommen werden. Hilfreiche Fragen können sein: Warum kommen Sie zu mir? Welche Gedanken machen Sie sich zu ihrer Erkrankung? Welche Gefühle haben Sie dabei? Wie gehen Sie mit der Krankheit und den Beschwerden um?
Außerdem spielen Gestik und Mimik sowie das beim Patienten zu beobachtende Verhalten eine Rolle.
Auswahl der Rubriken und Repertorisation
Bei der Auswahl der Symptome kommt es darauf an, dass sie präsent (gegenwärtig), prädominierend (vorherrschend) und persistierend (anhaltend) sein sollten.
Die Äußerungen von Patienten können oftmals nicht so im Repertorium gefunden werden, daher sucht Sehgal nach analog zu interpretierenden Rubriken und fordert ein erweitertes Verständnis für die Rubriken (Tab. 32.8).
Selbst wenn sich Patienten unklar ausdrücken, bieten sich einige Rubriken an, die den Geistes- und Gemütszustand passend umschreiben, z. B.: „Ausdrücken, kann sich nicht ausdrücken“, „geheimnistuerisch“, „verschlossen“, „Widerstreit mit sich selbst“.
„Um ein Mittel herauszusuchen, behandeln Sie den Patienten wie einen Computer in menschlicher Gestalt, der Signale in Form von Sprache und Handlungen abgibt, die sich in Äußerungen zeigen, wenn sie zusammen auftreten. Wandeln sie diese Äußerungen in die Sprache der Rubriken um, so wie sie im Repertorium aufgelistet sind und zwar im Kapitel Geist und Gemüt. Mit anderen Worten: Wir dekodieren und dechiffrieren die Signale des Geist/Gemütes auf handwerksmäßige Weise.“
Sehgal erwartet eine genaue $Sehgal, Mandan LalKenntnis der Gemütsrubriken und rät dazu, diese in alphabetischer Reihenfolge systematisch zu studieren. Zudem empfiehlt er, sich mit der genauen Bedeutung jedes einzelnen Wortes einer Rubrik (ggf. anhand von Wörterbüchern) vertraut zu machen. Die Wertigkeit der Mittel in den Rubriken ist bei der Sehgal-Methode irrelevant.
Zwei Wirkungen der Arzneien
Wenn die Arznei passt, müssen nachArzneimittelWirkdynamik Sehgal zwei Arten von Wirkungen erreicht werden: $Sehgal, Mandan Lal
  • Die erste (und hauptsächliche) Wirkung führt dazu, dass bei den gegenwärtigen körperlichen und geistigen Beschwerden Erleichterung verschafft wird, im Allgemeinen verbunden mit erhöhter Leistungsfähigkeit und mehr Wohlbefinden.

  • Die zweite Wirkung (sie kann von wenigen Sekunden bis zu vielen Tagen dauern) stellt eine Verschlimmerung dar. Sie geht mit der Elimination von toxischen Substanzen aus dem Körper einher und dauert eine ungerade Zahl von Sekunden, Minuten, Stunden oder Tagen an. Es kommt zu Absonderungen aus Nase (Schnupfen), Mund (Speichelfluss), Anus (Schleim, Diarrhoe), Urethra (Urin) und Haut (Schweiß, Ausschläge, Wucherungen). Dabei steigt die Reaktion schrittweise an, erreicht den Höhepunkt und flaut dann wieder ab. Wichtig ist, dass die erste und zweite Wirkung nach Sehgal nicht mit der Erst- und Nachwirkung im Sinne $Hahnemann, SamuelHahnemanns verwechselt werden dürfen.

Da die Intensität und Dauer der Zweitwirkung immer mehr abnimmt, wird sie zunehmend durch die Erstwirkung eliminiert, die zum eigentlichen Ziel, der Gesundheit und vollständigen Heilung führt. Beim Heilungsverlauf wird den Hering-RegelnHering-Regel (7.3.3) großer Wert beigemessen. Das heißt, alte Beschwerden sollten in zeitlich umgekehrter Reihenfolge des Auftretens kurzfristig wiedererscheinen und dann abklingen, körperliche Beschwerden sollten von oben nach unten und von innen nach außen abheilen.
Besonders großen Wert legt Sehgal auf die Ausscheidungsfunktionen, die durch eine gute homöopathische Therapie angeregt werden sollten und für einen Prozess der Heilung sprechen.
Arzneimittel und Potenzen
Als Arzneimittel wird bei Sehgal oft Belladonna gegeben, was auch in seinem Werk eindeutig dominiert, als weitere Nachtschattengewächse auch häufig Hyoscyamus und Stramonium. Es kann auch sein, dass bereits nach einigen Stunden ein Mittelwechsel erforderlich ist, feste Arzneimittel-Wirkzeiten gibt es nicht. In pathologisch fortgeschrittenen Fällen sollte man keine zu hohen Potenzen geben, hier empfiehlt Sehgal eine C6 oder sogar nur eine D3 als Potenz. Ansonsten wählt er oft die C30.

Literatur

Sehgal and Lang, 2004

M.L. Sehgal G. Lang Die Wiederentdeckung der Homöopathie Band I–III 2004 Eva Lang Verlag Bad Boll

Sehgal and Sehgal, 2010

S. Sehgal Y. Sehgal Das Gespür für die homöopathische Behandlung Bad Boll 2010 Eva Lang Verlag

Lang and Seckendorff, 2007

G. Lang E. Seckendorff Homöopathie, Einführung in Theorie und Praxis der Sehgal Methode 2007 Eva Lang Verlag Bad Boll

„Boller Schule“ und die C4-Homöopathie nach Jürgen Becker

Erweiterte homöopathische Arzneimittelprüfungen der „Boller Schule“
$Becker, JürgenJürgen #Becker, JürgenBecker ( 1951) befasste sich zunächst im Rahmen der sogenannten „Boller SchuleBoller Schule“ zusammen mit $Lang, GerhardusGerhardus Lang ( 1931) mit Arzneimittelprüfungen. Im Rahmen zahlreicher im deutschen Bad Boll veranstalteter Seminare wurden Arzneimittel in einer Gruppe geprüft, wobei außer den Symptomen des einzelnen noch die Auswirkungen auf die Gruppendynamik beachtet wurden. Die Atmosphäre in der Gruppe trug entscheidend dazu bei, einen Eindruck von der Grundstimmung und -thematik eines Arzneimittels zu bekommen. Becker spricht hier vom „gruppendynamischem Feld“ (vergleichbar mit Rupert Sheldrakes $Sheldrakes, Rupertmorphogenetischen Feldern) und stellte fest, dass oftmals archetypische Problemthemen in der Gruppe auftauchten. Es zeigten sich auch Synchronizitäten in der Gruppe und auch diejenigen, die keine Arznei eingenommen hatten, erlebten gruppenspezifische Symptome (wie z. B. bestimmte Traumthemen). Die Träume stufte Becker als besonders prägnant bei den Arzneimittelprüfungen ein.
Becker entwickelte #Becker, Jürgenso neue Zugänge zu den Arzneimitteln, sodass er den Begriff der „erweiterten homöopathischen Arzneimittelprüfung“ prägte.
Um einen anschaulicheren und einprägsameren Eindruck der Arzneien zu bekommen, bemühte sich Becker Brücken zwischen den jeweiligen Themen herzustellen. Dabei wurde z. B. die Beschaffenheit des Arzneistoffes und dessen Signatur betrachtet. Hinzu kam die Betrachtung von Arzneimitteltypen und -bildern in der Literatur und der Kunst, z. B. wurden den Arzneien typische Märchen zugeordnet. Es geht letzten Endes um die anschauliche und lebendige Darstellung von Arzneimittelbildern.
Am Bild von Phosphoricum acidum#Phosphoricum acidum lässt sich das exemplarisch darstellen: Im Sinne einer Leitsymptomatik kommt der Erschöpfung und der Schwäche eine zentrale Bedeutung zu. Dies kann beispielsweise dadurch zum Ausdruck kommen, dass der Patient am liebsten träumend und dösend im Bett liegen möchte. Ganz wesentliche Symptome eines Arzneimittelbildes lassen sich bei den Wahnideen, den Träumen und den „Als-ob-Symptomen“ finden. Dementsprechend hat der Phosphoricum acidum-Patient z. B. „Schwindel, früh, im Bette; beim Schließen der Augen war's, als wenn sich die Füße in die Höhe hüben und er auf den Kopf zu stehen käme“. Als weiteres Symptom hat dieses Mittel z. B. „Öfteres Aufschrecken, nachts, als falle er von einer Höhe oder ins Wasser“. Diese Symptome werden sehr anschaulich in der Geschichte vom Hans Guck-in-die-Luft dargestellt, sodass man sich mithilfe dieser Geschichte das Bild von Phosphoricum acidum besser erschließen kann. Die Beziehungen zur Natur und zur Umwelt lassen sich bei der Phosphorsäure in der Anwendung des Kunstdüngers erkennen; dieser führt zum schnellen Wachstum, allerdings auf Kosten einer Erschöpfung des Bodens, der Wurzeln und letztlich der ganzen Pflanze, da es zu einer Überforderung kommt. Interessant ist außerdem der Bezug zu Cola, die in hohem Maße Phosphorsäure enthält – dieses Getränk soll einen bei Erschöpfung und Schwäche wieder fit machen und aufputschen. Auch daraus lässt sich also ein Bezug zum Arzneimittelbild ableiten und dieses veranschaulichen.
C4-Homöopathie
C4-HomöopathieNach der Boller Phase hat sich $Becker, JürgenBecker vor allem dem Gebiet der Potenzierung zugewandt. Hier stand ihm Witold Ehrler als Apotheker zur Seite. Der Apotheker $Ehrler, WitoldEhrler erfuhr während der Verreibung von Arzneistoffen einen intensiven Zugang zum Wesen der Arzneien. Er erlebte den Vorgang der Verreibung als „Initiation in die jeweilige Substanz-Wesens-Kraft“ der Arzneien. Es kam zu besonderen körperlichen und emotionalen Zuständen, imaginäre Bilder traten auf und er erlebte eine Subjekt-Objekt-Verschmelzung; bei jeder Verreibungsstufe gab es einen richtiggehenden Phasen-Umschwung mit Eröffnung einer neuen Dimension, und erst bei der C4 erlebte er eine Beruhigung und Harmonisierung der Zustände. So wurden die Arzneien von ihm intuitiv bis zur C4 verrieben, bevor sie durch Verschüttelung weiter potenziert wurden, woraus der Begriff der C4-Homöopathie resultierte. (Hahnemann hatte im Allgemeinen bis zur C3, bei einzelnen Arzneimitteln aber auch bis zur C12 verrieben 2.4).
Becker #Becker, Jürgenkritisiert (nicht ganz zu Recht 2.4), dass die meisten Arzneimittel heutzutage durch Verschüttelung potenziert werden, was nur wenige Sekunden dauert, während eine Verreibung eine Stunde pro Potenzstufe erfordert, was zu einer intensiveren Dynamisierung der Arznei führt, wodurch zudem das geistartige Wesen der Arznei besser aufgeschlossen und erschlossen werden kann. Die besondere Dimension der C4-Verreibung liegt laut Becker darin, dass das Wesen der jeweiligen Arzneikraft selbst in seiner heilenden Qualität noch klarer in unsere Welt tritt und uns in unserer spirituellen Entwicklung fördern kann.
Becker und Ehrler #Becker, Jürgensammelten mehrere Jahre Erfahrung mit ihrem neuen Zugang zu homöopathischen Arzneimitteln und meinten, dass die Handverreibung bis zur C4-Stufe jeweils verschiedene Bereiche der Arzneikraft $Ehrler, Witolddurch Fraktalbildung (Selbstähnlichkeit) eröffnet:
  • C1 = 1. Dimension – physischer Bereich (Körperempfindungen).

  • C2 = 2. Dimension – emotionaler Bereich (Gefühle).

  • C3 = 3. Dimension – geistiger Bereich (Gedanken).

  • C4 = 4. Dimension – spiritueller Bereich (wesentliches Sein).

Literatur

Becker

Becker J. Neue Welten der Homöopathie und der Kräfte des Lebens. Freiburg: Institut für Homöopathische Heilmittel-Forschung; o. J.

Becker, 1996

J. Becker Vorläufige Einführung in die C4-Homöopathie 1996 Institut für Homöopathische Heilmittel-Forschung Freiburg

Homöopathie, 2006

G. Lang Homöopathie, Heilung über die Seele Band 1–2 2006 Eva Lang Verlag Bad Boll

Andere Therapiemethoden mit potenzierten Arzneimitteln

Komplexmittelhomöopathie

KomplexmittelhomöopathieNeben der klassischen Einzelmittelhomöopathie entwickelten sich Behandlungskonzepte mit Komplexmitteln. Dabei werden entweder Mischungen verschiedener Arzneien zusammengestellt und dann als Komplex potenziert oder es wird eine Mischung unterschiedlich hoher Potenzen verschiedener Arzneimittel zusammengestellt. Die Zusammenstellung erfolgt indikationsbezogen. Beispielsweise werden mehrere Mittel, die häufig bei der Erkrankung Heuschnupfen verordnet werden, zu einem Komplex zusammengemischt. Mit den jeweiligen Arzneimittel-Zusammenstellungen (Komplexen) wurden aber keine Arzneimittelprüfungen durchgeführt, sondern es wird unterstellt, dass sie die Summe der einzelnen (teils widersprüchlichen) Arzneimittelsymptome widerspiegeln.
Komplexmittel finden nicht zuletzt aufgrund der Einfachheit ihrer Anwendung und den größeren Umsatzmöglichkeiten beim Verkauf eine weite Verbreitung. Sie werden in den Apotheken als Homöopathika verkauft, obwohl sie im eigentlichen Sinne nicht als homöopathische Arzneimittel aufzufassen sind, da sie den $Hahnemann, SamuelGrundsätzen Hahnemanns und der Homöopathie widersprechen (im Sinne des HAB und des Arzneimittelgesetztes handelt es sich dennoch um homöopathische Arzneimittel 2.4). Es gibt keine Arzneimittelprüfungen mit Komplexmitteln, und ihre Verordnung erfolgt unter Missachtung der Simileregel. Zudem heißt es in Paragraph 273 des „Organon“: „In keinem Falle von Heilung ist es nötig und deshalb allein schon unzulässig, mehr als eine einzige, einfache Arzneisubstanz auf einmal beim Kranken anzuwenden.“ Nur in Ausnahmefällen wich Hahnemann von seinen Ansichten der Einzelmittelhomöopathie ab. Die Behandlung von Epidemien stellte eine Ausnahme dar, mit der Empfehlung, zwei Mittel im Wechsel zu geben. Außerdem ist für seine Pariser Praxis belegt, dass er öfter gleichzeitig ein Mittel für die Behandlung der chronischen Krankheit und ein weiteres für akute Krankheitszustände verabreichte.
Komplexmittel können insbesondere bei zu häufiger Gabe (wie sie meist vom unkundigen Arzt oder Hersteller empfohlen wird) zu zahlreichen unerwünschten Nebenwirkungen führen und sind keineswegs als bedenkenlos einzustufen.

Biochemie nach Schüßler

Biochemie (Schüßler)Wilhelm Heinrich Schüßler (1821–1898) war über ein $Schüßler, Wilhelm HeinrichJahrzehnt als homöopathischer Arzt tätig, bevor er eine eigene Therapieform mit zwölf sog. Funktionsmitteln entwickelte. Er nannte sie „Biochemie“, weil er zu der Erkenntnis gelangt war, dass Bau und Lebensfähigkeit des menschlichen Organismus wesentlich vom Vorhandensein bestimmter Mineralsalze abhängig sind. Beruhend auf der Zellularpathologie Virchows und der Gewebechemie des Physiologen Moleschotts ging Schüßler dazu über, die Asche verbrannter Organteile zu analysieren und daraus Rückschlüsse auf den Biochemie (Schüßler)Mineralhaushalt des menschlichen Körpers zu ziehen. 1874 erschien sein Werk „Eine abgekürzte Therapie, gegründet auf Histologie und Cellular-Pathologie“, worin Schüßler äußert: „Mein Heilverfahren ist aber kein homöopathisches, denn es gründet sich nicht auf das Ähnlichkeitsprinzip“.
Der Grundsatz seiner biochemischen Heilweise lautet „Fehlendes werde durch Fehlendes ersetzt“, womit man dieses Heilverfahren gewissermaßen als eine Substitutionstherapie mithilfe homöopathisch potenzierter Mittel verstehen kann. Ein Mangel der Mineralsalze (Tab. 32.9) führt zur Funktionsunfähigkeit zunächst im Bereich der Zelle, des Zellverbandes und schließlich der einzelnen Organe, sodass der Mensch erkrankt.
Schüßler gibt wenig spezifizierte Indikationen zur Therapie mit den Mineralsalze Mineralsalze, Schüßler-Methodean, sodass die Therapie als pathognomonisch indiziert zu verstehen ist – bei der Mittelwahl entscheidet nicht das individuelle Krankheitsbild, sondern die organotrope Symptomatik.
Folgende Anwendungsmöglichkeiten werden z. B. genannt:
  • Ferrum phosphoricum:

    • Das phosphorsaure Eisenoxid heilt die erschlafften Muskelfasern der Gefäße und Muskeln, die der willkürlichen Bewegung dienen.

    • Hauptmittel für das erste Entzündungsstadium (trockener Schwellungscharakter).

    • Anwendung bei Blutarmut, Durchblutungsstörungen mit rheumatischen Beschwerden; Konzentrationsmangel; außerdem bei frischen Wunden, Verstauchungen, Quetschungen und Blutungen.

  • Natrium sulfuricum:

    • Dieses Mittel hat die Eigenschaft, das überschüssige mit Stoffwechselschlacken angereicherte Gewebswasser schnell aus dem Körper zu schaffen; es bewirkt eine vermehrte Ausscheidung von Galle und Wasser.

    • Bei Grippe, Schnupfen, Gallenstauung, Leber- und Verdauungsbeschwerden, Rheuma, Unterschenkelgeschwüren, Nierengrieß, Nährschäden.

Die meisten Arzneimittel werden in der Potenz D6 empfohlen, Ausnahmen sind Nr. 1, Nr. 3 und Nr. 11, die üblicherweise in der Potenz D12 verabreicht werden.
Nach dem Tod Schüßlers wurde die Anzahl der Mittel auf 24 erhöht, nachdem man weitere anorganische Stoffe fand, die am Aufbau des menschlichen Organismus beteiligt sind. Die Mittel 13–24 (Kali-brom., Kal-jod. u. a.) wurden als biochemische Ergänzungsmittel bezeichnet.

Bach-Blüten-Therapie

Bach-Blüten-TherapieDer Engländer $Bach, EdwardEdward Bach (1886–1936) beschäftigte sich zunächst mit der Erforschung der Darmbakterien und entwickelte in Verbindung mit dieser Arbeit als Erster eine Form der Symbioselenkung. In Zusammenarbeit mit John Paterson entstanden dabei später unter Anwendung homöopathischer Potenzierungsmethoden die „Bach-Paterson-Nosoden“. 1918–1922 arbeitete NosodenBach im London Homoeopathic Hospital, wo er sich mit der Lehre Hahnemanns vertraut machte. Dabei interessierte er sich vor allem für die Bedeutung der Gemütssymptome und ordnete schließlich jeder seiner Nosoden eine seelische Persönlichkeitshaltung zu. Als er 1928 Wales durchwanderte, entdeckte er auf intuitivem Wege neue Heilpflanzen. Er zog sich aufs Land zurück und fand im Laufe seines weiteren Lebens (durch seine Intuition und Sensitivität geleitet) die insgesamt 38 sogenannten Bach-Blüten. Als 39. Heilmittel stellte er noch eine besondere Mischung von fünf Blüten zusammen, die er „Rescue“ nannte und für verschiedene Notfälle empfahl.
Bach potenzierte seine Mittel zunächst wie homöopathische Arzneien, entwickelte aber dann eigene Aufbereitungsformen. Die meisten Blüten legte er auf die Wasseroberfläche einer mit Quellwasser gefüllten Glasschüssel und stellte sie für einige Stunden in die Sonne, nur wenige wurden durch längeres Köcheln hergestellt. Die so gewonnene Urtinktur wurde anschließend mit Brandy versetzt und weiter verdünnt.
Bach orientierte sich ausschließlich an Gemütszuständen und ordnete jedem seiner Mittel bestimmte Persönlichkeitshaltungen zu. Beispiele für die Zuordnung von Persönlichkeitshaltungen zu den Heilmitteln nach Bach:
4. Centaury:
  • Symptome im blockierten Zustand: willensschwach, kann nicht Nein sagen, Überreaktion auf Wünsche anderer.

  • Typische Patientenäußerungen:

    • „Freunde sagen mir, ich wäre zu gutmütig.“

    • „Ich lasse mich leicht zu etwas überreden, was ich im Grunde gar nicht möchte.“

  • Dem Behandelnden könnte auffallen: Patient wirkt eher schwächlich, zart, blass oder überanstrengt.

  • Das kann der Patient gewinnen: besseres Erkennen eigener Bedürfnisse, Abgrenzung anderen gegenüber.

29. Star of Bethlehem:
  • Symptome im blockierten Zustand: Man hat eine seelische oder körperliche Erschütterung noch nicht verkraftet (der „Seelentröster“).

  • Typische Patientenäußerungen:

    • „Unschöne Erlebnisse und Gefühle klingen noch lange in mir nach, ich werde sie innerlich schwer wieder los.“

    • „Die Unverfrorenheit mancher Menschen verschlägt mir die Sprache.“

  • Dem Behandelnden könnte auffallen: Patient ist kaum zugänglich für Trost; er zeigt stillen Kummer, aber keine Angst.

  • Das kann der Patient gewinnen: Bessere Erlebnisverarbeitung, mehr innere Kraft.

Bach rät entgegen den Ansichten der klassischen Homöopathie zur Gabe mehrerer Mittel in Form einer persönlichen Mischung. Meist werden etwa vier bis sechs Mittel gemischt verabreicht, wodurch sich bei 38 Mitteln mehrere Millionen Möglichkeiten der Kombination ergeben. Die ausgewählten Mittel werden in Tropfenform über einen Zeitraum von einigen Wochen etwa viermal täglich eingenommen.
Mit seiner Therapie wandte sich Bach überwiegend an Laien und wählte daher zur Bezeichnung der Mittel die gängigen englischen anstelle der lateinischen Namen.
Das Ziel der Behandlung besteht primär im Erlangen psychischer Ausgeglichenheit.

Anthroposophie nach Rudolf Steiner

AnthroposophieRudolf Steiner (1861–1925) schuf mit der „Anthroposophie“ eine geisteswissenschaftlich orientierte Lehre, die sich einerseits mit Glaubensfragen auseinandersetzt und andererseits viele medizinische Therapien umfasst. ($Steiner, RudolfZu diesen zählen neben der Arzneimitteltherapie vor allem noch künstlerische Therapien wie Sprachtherapie, Plastizieren, Musizieren, Malen und die Heileurhythmie.)
Der Bezug zur Homöopathie ist durch die Anwendung potenzierter Arzneimittel gegeben. Steiner äußerte dazu: „Der Weg, durch Potenzieren dessen, was da ist, die Kräfte, die den schon vorhandenen Substanzen zugrunde liegen, nutzbar zu machen, das ist der Weg, der im wesentlichen der Richtung von Hahnemann innewohnt und der, ich möchte sagen, eine Art Neuaufstieg darstellt aus dem gesamten menschlichen medizinischen Streben heraus, nachdem der alte Weg bereits versandet war, in dem man nichts mehr gewusst hat von irgendwelchen außertellurischen oder sonstigen Zusammenhängen […].“ Dem Vorgang des Potenzierens misst Steiner also eine große Bedeutung zu, entsprechend bezeichnete er die Hochpotenzen als „ätherisierte Potenzen“. Eichelberger, der sich sehr für eine Synthese von Homöopathie und Anthroposophie einsetzt, betrachtet die Anthroposophie als „spirituelle Erkenntnisforschung“ der Lehre Hahnemanns und sozusagen als geisteswissenschaftlichen Hintergrund der empirisch entdeckten Homöopathie. Die Arzneimittel werden in der anthroposophischen Medizin allerdings nicht im Sinne der klassischen Simileregel verordnet, sondern aufgrund des Wesensbildes, das sich aus dem Studium und dem tieferen Verständnis der jeweiligen Substanz ergibt. Hierbei knüpft man an die schon lange bestehende Signaturenlehre an, aber auch intuitive Fähigkeiten spielen hier mit hinein.
Einteilung der Heilmittel nach ihrer Signatur
Das Simile ArzneimittelSignaturoffenbart sich in der Anthroposophie durch die Signatur. der SignaturenlehreMan unterscheidet beispielsweise bei der Pflanze das, was sich der Erde zu als Wurzel entfaltet, was in Samen, Früchte und Blüten schießt und somit nach oben strebt und das, was den Ausgleich bewirkt, die Blätter. Diese Einteilung ist beim Menschen sozusagen genau umgekehrt, sein Kopf entspricht einer Verwurzelung nach oben, und er strebt mit seinen Befruchtungsorganen nach unten. Daraus ergibt sich für die Therapie die Konsequenz, dass Wurzeln und Knollen für Störungen im Nerven-Sinnes-System, Blätter für Störungen im rhythmischen System, besonders in der Zirkulation, Blüten etc. für Störungen im Gliedmaßen-Stoffwechsel-System indiziert sind.
So ergibt sich eine Dreigliederung: Das Nerven-Sinnes-System ist hauptsächlich im Kopf konzentriert, das rhythmische System vor allem in der Brust. Dieses wird unterteilt in das Atmungssystem mit besonderer Wechselbeziehung zum Nerven-Sinnes-System und in das Zirkulationssystem mit analogen Beziehungen zum Gliedmaßen-Stoffwechsel-System, welches das dritte Glied darstellt.
Vier Wesensglieder
Hinzu kommt eine Einteilung in vier Wesensglieder: Unterschieden werden
  • der physische Leib, der mit den mineralischen Schöpfungen gemeinsam ist;

  • der Ätherleib, der eine Gemeinsamkeit mit allem Lebendigen (pflanzlichen und tierischen Wesenheiten) aufweist;

  • der Astralleib, welcher Träger von Lust und Leid sowie von Freuden und Schmerzen ist und

  • das „Ich“ (bzw. die Ichheit), welches als Selbstbewusstsein des Menschen verstanden werden kann und ihn damit zur Krone der Schöpfung bestimmt.

Beim erkrankten Menschen sind zwar noch alle vier Systeme miteinander verknüpft, doch kommt es zu Verschiebungen und Verzerrungen untereinander, die wiederum mit Hilfe potenzierter Arzneimittel ausgeglichen werden können. Potenzierte Arzneimittel werden dabei vor allem mit einer Wirkung auf den Astralleib und die Ichheit in Verbindung gebracht. Die Ichheit weist zudem eine hohe Affinität zu den Mineralien und Metallen unter den Heilstoffen auf, denen dementsprechend eine außerordentliche Bedeutung im Rahmen der anthroposophischen Medizin zukommt.
Der Dynamisation und den rhythmischen Herstellungsprozessen kommt hier die entscheidende Rolle zu: „Durch die Überwindung der physischen Kraft der Kohärenz im schrittweisen Verdünnen eines Arzneistoffes und durch das häufige Hinaufheben dieses Arzneistoffes in die Schwerelosigkeit beim Bewegen, werden nach und nach Kräfte freigesetzt, die eben sonst in der Schwere eingefangen und damit unwirksam geblieben wären. Diese Kräfte waren einstmals bei der Bildung der Stoffe, auch der Arzneistoffe tätig. Und mit diesen durch das Potenzieren befreiten Arzneikräften therapiert der Arzt“.
Außerdem wird im Rahmen anthroposophischer Arzneimittelherstellungsprozesse der Anwendung verschiedener Wärme-Stufen besondere Bedeutung beigemessen. Hierbei kommt dem Mazerieren, Digerieren, Infundieren, Kochen, Destillieren, Rösten, Verkohlen und Veraschen besondere Bedeutung zu.
Unterschiede zwischen Anthroposophie und Homöopathie
Die Arzneimittel werden bei einer anthroposophischen Behandlung oftmals organotrop eingesetzt. Steiner wandte sich gegen die Simileregel und formulierte sogar, dass man einer wirkenden Kraft eine entgegengesetzte gegenüberstellen müsse. Er gab der Signaturenlehre als Therapiekonzept den Vorzug und entfernt sich mit all diesen Vorstellungen weitgehend von den Ideen der klassischen Homöopathie Hahnemanns.
Ein problematischer Aspekt ergibt sich außerdem aus der Sichtweise der Anthroposophie hinsichtlich homöopathischer Hochpotenzen, genauer gesagt solcher jenseits der 30. Potenzstufe (D30/C30/Q30). Viele Anthroposophen geben keine höheren Potenzstufen, da sie diese als „karmisch problematisch“ einstufen und befürchten, damit unberechenbar ins Schicksal eines Menschen einzugreifen.

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