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B978-3-437-56353-9.00026-8

10.1016/B978-3-437-56353-9.00026-8

978-3-437-56353-9

Bewegungsapparat

Henning Droege

Thomas Quak

(miasmatische Zuordnung)
  • 26.1

    Erkrankungen der Knochen und Gelenke656

    • 26.1.1

      Osteoporose656

    • 26.1.2

      Osteomyelitis (Entzündungen des Knochens)659

    • 26.1.3

      Arthrose662

    • 26.1.4

      HWS-, BWS-, LWS-Syndrom665

    • 26.1.5

      Lumboischialgie und Bandscheibenprolaps670

    • 26.1.6

      Morbus Bechterew674

  • 26.2

    Erkrankungen der Sehnen, Bänder und Schleimbeutel677

    • 26.2.1

      Tendopathie677

    • 26.2.2

      Morbus Dupuytren680

    • 26.2.3

      Bursitis681

    • 26.2.4

      Ganglion685

    • 26.2.5

      Fibromyalgie-Syndrom686

    • 26.2.6

      Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Rheumatoide Arthritis689

Erkrankungen der Knochen und Gelenke

Osteoporose

Definition: OsteoporoseGeneralisierte Knochenerkrankung mit Verminderung der Knochenmasse und erhöhtem Knochenbruchrisiko; tritt v. a. als primäre Osteoporose auf:

  • Typ I: v. a. Frauen nach den Wechseljahren (25 % aller Frauen über 60 Jahre). Hoher Knochenumsatz. Ursache ist wahrscheinlich der Östrogenmangel der Frau nach der Menopause.

  • Typ II: niedriger Knochenumsatz; bei ca. 50 % aller über 70-Jährigen, meist schleichender Verlauf. Mischformen möglich.

Symptomatik: Oft beschwerdefrei. Durch eine sonst harmlose Verletzung typischerweise Wirbelkörper- oder Schenkelhalsfraktur. Rückenschmerzen, durch Wirbelkörperverformungen mit reaktiven Muskelverspannungen und Fehlhaltungen bedingt. „Witwenbuckel“ älterer Frauen sowie der sog. Tannenbaumeffekt. Laboruntersuchung von Kalzium, Phosphor und alkalischer Phosphatase i. d. R. ohne Befund.

Bei entsprechenden Risikofaktoren und Rückenschmerzen ist eine schulmedizinische Abklärung erforderlich. Veränderungen auf dem Röntgenbild sind erst ab einem Kalziumverlust von 30–50 % sichtbar, deshalb ist besonders in Frühstadien Knochendichtemessung angezeigt.

Therapeutische Strategie
Da sich die Osteoporose schleichend progredient entwickelt, sind nach Diagnosestellung sowohl von einer homöopathischen als auch schulmedizinischen Therapie zuerst keine wesentlichen Veränderungen zu erwarten – außer für das sonstige Wohlbefinden. Wichtiger ist eine langfristige Konstitutionsbehandlung als Prävention sowie bei länger bestehender Osteoporose, die mit einer geeigneten Lebensführung einhergeht.
Rasche Besserungen sind nur bei symptomatischen Osteoporosen (v. a. Schmerzen) oder den Akutbeschwerden einer Fraktur zu erwarten. Die homöopathische Therapie der Osteoporose muss langfristig angelegt werden. Die allopathische und/oder chirurgische Behandlung lässt sich durch Homöopathie nicht vollständig ersetzen, aber sinnvoll ergänzen.
Eine Hormonbehandlung entspricht nicht der homöopathischen Denkweise und ist mittlerweile auch aus schulmedizinischer Sicht obsolet.
Die Knochendichtemessung ist ein unzuverlässiger Verlaufs- und Prognoseparameter. Bei Patienten mit verminderter Knochendichte wird aufgrund der Gesamtheit der Symptome verschrieben. Die Osteoporose hat die Wertigkeit eines Lokalsymptoms.
Homöopathische Behandlung
Die homöopathische Arzneiwahl bei der Behandlung der Osteoporose bezieht sich entweder auf die akuten Beschwerden nach einer FrakturFrakturOsteoporose, z. B. die Lokalisation der Fraktur, die Schmerzsymptome, bzw. auf die Symptome einer klinisch auffälligen Osteoporose oder auf die gesamte Konstitution mit allen fassbaren Beschwerden des Patienten. Im chronischen Fall haben die unmittelbaren Osteoporose-Symptome (wenn überhaupt vorhanden) nur nachrangige Bedeutung – entsprechend umfassend müssen Verordnung (6.3) und Verlaufsbeurteilung (7.3) sein.
Da die Osteoporose häufig nicht viele Symptome aufweist, ist die Verordnung nicht auf typische Mittel festgelegt. Hauptmittel für brüchige Knochen sind die homöopathischen Kalziumsalze, die in ihrem Arzneimittelbild einen deutlichen Bezug zum Knochen- und Bindegewebsstoffwechsel zeigen.
Wahl der Symptome
  • SymptomenwahlOsteoporoseLokalsymptome: Schmerzen in den verschiedenen Knochen und deren Erstreckungen (z. B. BWS-Schmerz mit Erstreckung entlang der Rippen).

  • Modalitäten wie Verbesserung oder Verschlechterung durch Bewegungen, Beschwerdezunahme oder -abnahme durch bestimmte Wetterbedingungen oder lokale Anwendungen von Wärme oder Kälte, Zeiten der Verbesserung oder Verschlechterung usw.

  • Knochenbrüchigkeit kann als solche als Symptom genommen werden – v. a. wenn anamnestisch Frakturen vorhanden sind –, theoretisch auch bei ausgeprägter Osteoporose, wenn der Patient bislang keine Frakturen hatte.

Repertorium
RepertorisationOsteoporoseIm Repertorium gibt es keine verlässliche Rubrik „Osteoporose“. Die homöopathisch relevante Frakturneigung wird durch das moderne Osteoporosekonzept nicht gut abgebildet. Der alte Begriff „Karies“ (Knochenfraß, lat.: Morschsein) entspricht in etwa der sekundären Osteoporose. Die jeweils passenden Rubriken sind im Kapitel „Allgemeines“ und „Extremitäten“ (s. u.) zu finden.
Im Kapitel „Allgemeines“ gibt es noch einige kleinere Rubriken zum Thema „Knochenerweichung“. Wichtiger sind Rubriken, z. B. im Kapitel „Extremitäten“, welche die Lokalisation der Beschwerden und die jeweiligen Modalitäten abbilden (s. u.).

Allgemeines // brüchige Knochen // Knochenerweichung // Karies – Knochen, der // Verletzungen (= einschl. Folgen von Schlägen, Prellungen, Stürzen etc.) – Knochenbrüche – langsame Heilung von Knochenbrüchen

Extremitäten – Schmerz // Beine – Oberschenkel – Oberschenkelknochen // Wetter – nassem Wetter, bei

Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
An der Osteoporose (= der Knochendichte) selbst lässt sich der Behandlungserfolg in einem überschaubaren Zeitraum kaum bemessen. Veränderungen am Gesamtbefinden und an anderen wesentlichen (nach Hering-Regel, 7.3.3) Beschwerden können jedoch als Indikatoren für den Heilungsverlauf auch der Osteoporose gelten, weil eine Heilreaktion grundsätzlich den ganzen Organismus betrifft. Das Vorgehen bei der Verlaufsbeurteilung ist deshalb das gleiche wie auch sonst bei konstitutioneller Behandlung (7.3).
Da es sich bei der Osteoporose um eine Art pathologische Gewebeveränderung mit langsamer Dynamik handelt, ist bei guter konstitutioneller Therapie nicht mit einer „Erstverschlechterung“ der Osteoporose an sich zu rechnen, evtl. aber bei deren Symptomen oder anderen alten Beschwerden dieses Patienten.
Bei einer Fraktur kann der Verlauf nach der Besserung der akuten Beschwerden beurteilt werden.
Bei der Behandlung von deutlich symptomatischen Osteoporosen ist durch das passende Arzneimittel eine schnelle Beschwerdeverbesserung zu erwarten (auch wenn die Knochendichte nur langsam zunimmt).
Bei langfristiger und vorbeugender Anwendung der genannten Maßnahmen sowie geeigneter homöopathischer Therapie sollte sich die Prognose deutlich verbessern bzw. das Erkrankungsrisiko deutlich senken lassen. Außereuropäische Kulturen kennen zwar eine altersbedingte messbare Knochendichteminderung, aber keine krankhaft steigende Frakturrate! Dieser Zustand der asymptomatisch bleibenden „Osteoporose“ soll und kann erreicht werden.
Unterstützende Maßnahmen
  • Wichtig für die Knochenstabilität sind sowohl Bewegung als auch Belastung der Knochen. Ein Sportprogramm mit Stoßbelastungen (Sprünge), soweit es die Knochenstabilität noch zulässt, und Krafttraining sind zu empfehlen.

  • Da bei Knochenbrüchigkeit offenbar primär die Kollagenfasern defekt oder vermindert sind, ist eine insgesamt vollwertige Ernährung noch wichtiger als die Kalziumzufuhr. Tatsächlich steigt die Osteoporosehäufigkeit sogar mit der Kalziumzufuhr bzw. mit dem Milchkonsum. So tritt z. B. in Nigeria, wo die Frauen keine Milch konsumieren, viele Schwangerschaften und lange Stillzeiten haben, die Osteoporose (altersstandardisiert) 300-mal seltener auf als hier.

  • Verzicht auf Risikofaktoren wie Zigaretten, Alkohol, Coca-Cola (verfünffacht das Frakturrisiko in der Jugend) ist unbedingt zu beachten.

  • Regelmäßige Sonnenexposition ist notwendig, diese fördert die Vitamin-D-Bildung und lässt den Testosteronspiegel steigen. Die Einnahme von Vitamin D hat nicht die gleiche Wirkung.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihre Differenzierung

Knochenbrüche akut: Arn., Symph. ( 29.1 )

Störungen der Knochenheilung (subakut): Calc., Calc-p., Ruta, Sil., Symph.

Chronische Osteoporose: Calc., Calc-p., Merc., Ph-ac., Sil.

Frakturheilung (akute Komplikation)
FrakturOsteoporoseDas erste Mittel bei Knochenbrüchen ist Arnica und nach Abklingen des Weichteiltraumas Symphytum. Für längerfristige und verzögerte Frakturheilung kommen insbesondere Calcarea carbonica, Calcium phosphoricum, Ruta, Silicea und Symphytum zum Einsatz (29.1).
Chronische Osteoporose
Die Hauptmittel für brüchige oder schlecht heilende Knochen sind Calcium phosphoricum (Knochen besteht vorwiegend aus Kalziumphosphat!), Calcarea carbonica, Silicea und Phosphoricum acidum, außerdem Mercurius solubilis. Die Entscheidung zwischen diesen Mitteln orientiert sich am gesamten Symptombild (4.2). Darüber hinaus kann jedes andere Mittel erforderlich sein, das nach den individuellen Symptomen angezeigt ist.

Osteomyelitis (Entzündungen des Knochens)

Akute Osteomyelitis

KnochenmarkentzündungDefinition: Akute Knochenmarkentzündung, endogene Osteomyelitis durch hämatogene Aussaat (Hauptentstehungsweg bei Kindern), exogene Osteomyelitis durch Eindringen der Erreger von außen (Hauptentstehungsweg bei Erwachsenen).
Symptomatik: Fieber, schlechtes Allgemeinbefinden und Schmerzen in der betroffenen Extremität. Besonders bei Gelenkbeteiligung schmerzlindernde Schonhaltung. Druckschmerz, Rötung, Überwärmung und Schwellung, evtl. vermehrte Venenzeichnung und Gelenkerguss. Aufgrund der zahlreichen Komplikationen frühzeitige Diagnose besonders wichtig (z. B. durch Blutuntersuchungen und bildgebende Verfahren wie Knochenszintigraphie, Sonographie, MRT und CT). Frühkomplikationen: Bildung eines Sequesters, Abszedierung, Fistelung, Fraktur, Gelenkempyem und Sepsis durch hämatogene Aussaat der Erreger, chronische oder rezid. Osteomyelitis. Spätfolgen: in erster Linie Fehlstellungen, bleibende Gelenkschäden sowie Wachstumsstörungen bei Kindern.

Chronische Osteomyelitis

Definition: chronische Verlaufsform einer Knochenmarkentzündung; meist sekundär nach nicht ausgeheilter exogener (akuter) Osteomyelitis.
Symptomatik: Schmerzen (auch in Ruhe und nachts), Fistelbildung und die klassischen lokalen Entzündungszeichen in unterschiedlicher Ausprägung.
Therapeutische Strategie
Bei der akuten Osteomyelitis handelt es sich um ein hochakutes, bedrohliches Krankheitsbild, das i. d. R. stationär therapiert werden muss, auch homöopathisch. Die ausschließliche homöopathische Behandlung ist schon aus forensischen Gründen problematisch.
Die Osteomyelitis zeigt aber auch unter stationärer Maximalversorgung nicht selten eine schlechte Heilungstendenz, die sich durch homöopathische Behandlung verbessern lässt.
Chronische Osteomyelitis lässt sich durchaus ausschließlich homöopathisch behandeln. Nicht selten kommen die Patienten nach Ausschöpfung anderer Therapieoptionen in die homöopathische Praxis.
Homöopathische Behandlung
Klinisch imponiert die Osteomyelitis als problematisches Erkrankungsbild. Aus homöopathischer Sicht stellt sie häufig eine Komplikation eines harmloseren Krankheitsgeschehens dar. Zusammen mit der Chronifizierungstendenz und den möglichen Folgeschäden muss deshalb im Behandlungsverlauf immer auch auf die tiefer liegenden Gesundheitsstörungen des Patienten geachtet werden.
Zu Beginn der Therapie kommen meist Medikamente zum Einsatz, die im Sinne der Behandlung von Akuterkrankungen nach den vorliegenden Akutsymptomen verordnet werden (4.2). Im weiteren Behandlungsverlauf ist mit Medikamentenwechseln zu rechnen, die unter Berücksichtigung der Gesamtkonstitution des Patienten verordnet werden müssen (z. B. um Rezidiven vorzubeugen).
Bei Osteomyelitiden mit Abszedierung, Empyembildung oder Fistelentstehung sollte auch über eine chirurgische Wundreinigung nachgedacht werden. Insgesamt ist die homöopathische Behandlung der Osteomyelitis schwierig und sollte dem Spezialisten vorbehalten bleiben.
Wahl der Symptome
SymptomenwahlOsteomyelitisIn der akuten Situation lässt sich anhand des Lokalbefundes und weniger Modalitäten bereits recht sicher verordnen.
  • Lokalbefund des betroffenen Knochens wie Aussehen, Verfärbung, Effloreszenzen, Geruch (z. B. faulig), Fistelung, Eiterbildung, Lokalisation, Ausdehnung (z. B. Erstreckung nach distal), Lateralität usw. geben gute Hinweise.

  • Schmerzcharakter, -erstreckung, -verlauf können hilfreich sein.

  • Modalitäten der Schmerzen oder der Bewegungseinschränkung wie „besser“ oder „schlechter“ durch Bewegungen, durch bestimmte Lagen, durch Temperatur, zu bestimmten Tageszeiten etc.

  • Auslöser, sofern vorhanden, sind unbedingt zu berücksichtigen (z. B. Verletzung, Überanstrengung).

  • Alle Allgemeinsymptome der akuten Osteomyelitis wie Fieber, Frost, Schweiß, Verlangen oder Abneigung bezüglich Getränke oder Speisen sind für die Arzneiwahl hochwertig.

  • Verändertes Schlafverhalten sowie Auswirkungen der Erkrankung auf die Stimmung sollten ggf. erfragt werden, um das Bild zu vervollständigen.

Miasmatische Zuordnung
Die Osteomyelitis wird dem syphilitischen Miasma zugeordnet. Syphilitische Zeichen wie Auftreibungen der langen Röhrenknochen (Oberarm, Oberschenkel, Schienbein) und Eiterungsprozesse ohne Fistelbildung sind jedoch oft auch psorischer Natur.
Repertorium
RepertorisationOsteomyelitisIn verschiedenen Abschnitten des Repertoriums finden sich diagnosebezogene Lokalsymptome der Osteomyelitis (Entzündung der Knochen, Knochenkaries, Fistelbildung, Abszedierung, Empyembildung). So z. B. im Kapitel „Allgemeines“, aber auch in den Kapiteln „Gesicht“, „Extremitäten“ und „Rücken“. Auch Rubriken für Lokalsymptome können hilfreich für die Mittelwahl sein.

Diagnosebezogene Rubriken

Allgemeines // Entzündung – Knochen – Knochenmarks, des (Osteomyelitis) // Karies – Knochen – septische Osteomyelitis // Abszesse – Eiterungen – Knochen, der – Periost // Abszesse – Eiterungen – Knochen, der – bloßgelegt durch Eiterung

Lokalsymptome

Gesicht // Entzündung – Knochen, der
Extremitäten // Fistelmund – Hüfte, der // Entzündung – Knochen, der (mit Unterrubriken)
Rücken // Fisteln
Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung, Verlaufsbeurteilung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Bei akuten Osteomyelitiden ist eine engmaschige Überwachung erforderlich, dabei muss ggf. auch eine Dosisanpassung oder neue Verordnung innerhalb von Stunden bis Tagen erfolgen. Ausschlaggebend bei der Verlaufsbeurteilung sind die akut im Vordergrund stehenden Symptome und der Lokalbefund. Fieber, Exsudation, Jucken usw. sind häufig als Heilreaktionen zu sehen. Bessert sich das Allgemeinbefinden und der Lokalbefund, ist es wichtig, das Mittel auswirken zu lassen. Bei Verschlechterung ist wegen der Bedrohlichkeit des Krankheitsbildes ein rascher Mittelwechsel erforderlich.
Prognose: die akute Osteomyelitis lässt sich durch homöopathische Mitbehandlung verbessern. Das reicht im Einzelfall von der subjektiven Besserung bis zur raschen vollständigen Abheilung. Die Behandlung der chronischen Osteomyelitis ist zwar langwierig, bietet jedoch dem Patienten angesichts der insgesamt schlechten Therapiemöglichkeiten anderer Heilverfahren die Chance auf eine substanzielle Verbesserung des Verlaufs.
Unterstützende Maßnahmen bei akuten Osteomyelitiden
  • Chirurgische Intervention.

  • Fieber ist (abgesehen von der Alarmfunktion) für die Heilung wichtig und soll nicht unterdrückt werden. Ggf. und abhängig von der jeweiligen Vitalität des Organismus kann der Körper dabei auch unterstützt werden, z. B. mit entlastendem Ernährungsregime (mehr Frischkost, weniger Fleisch), Ganzwaschung nach Kneipp, Lindenblütentee usw.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihre Differenzierung
Wegen der Komplexität und der Schwere der Erkrankung Osteomyelitis sollen hier nur einige der häufigsten Arzneimittel exemplarisch und ausschnittweise dargestellt werden.

!! Asaf., Merc., Mez., Ph-ac., Phos., Pyrog., Ruta, Sil.
! Calc-hp., Carb-ac., Gunp.

  • Syphilitische Knochenleiden: Mercurius solubilis, Aurum, Phosphorus, Phosphoricum acidum, Kalium iodatum, Fluoricum acidum.

  • Entzündungen: Mezereum, Phosphorus, Mercurius solubilis, Calcarea carbonica, Phosphoricum acidum, Sulfur, Silicea, Staphisagria.

  • Auftreibungen: Silicea, Calcarea carbonica, Sulfur, Asa foetida, Aurum, Lycopodium, Mercurius solubilis, Fluoricum acidum, Staphisagria.

  • Nekrose: Silicea, Calcarea carbonica, Sulfur.

  • Knochenfraß: Silicea, Sulfur, Calcarea carbonica, Nitricum acidum, Aurum, Fluoricum acidum, Asa foetida.

  • Chronische eitrige oder nekrotische Prozesse der Knochen: Mercurius solubilis #Mercurius solubilisKnochenentzündungist das wichtigste Mittel (oft mit nächtlicher Verschlechterung der Schmerzen).

  • Fremdköpergefühl, Fremdkörperbildung: Silicea#SiliceaOsteomyelitis ist besonders bei Fremdkörpern oder Fremdkörperbildung indiziert, ebenso bei chronischen Eiterungen, besonders, wenn diese mit Fistelbildung einhergehen. Phosphorus ist angezeigt bei hellroten Blutungen und Fieber, Phosphoricum acidum hat ein schabendes Gefühl am Knochen.

  • Akute Beschwerden: Asa foetida, Mezereum, Pyrogenium, Calcium hypophosphorosum, Carbolicum acidum und Gunpowder haben einen speziellem Bezug zur Osteomyelitis, gekennzeichnet durch tiefe Knochenschmerzen.

    • Asa foetida: lokale Taubheit und Berührungsempfindlichkeit.

    • Mezereum: Kältegefühl in der betroffenen Extremität.

    • Pyrogenium: Gefühl der Diskontinuität der Extremität bei septischem Verlauf.

    • Calcium hypophosphorosum: Wirkungsschwerpunkt liegt auf den Knochen im Tibiaplateau bzw. Tuberositas tibiae.

    • Carbolicum acidum: entspricht dem Bild der infizierten offenen Fraktur.

    • Gunpowder: septische Eiterungen, Schnittwunden.

    • Ruta: v. a. angezeigt bei Periostreizung (z. B. nach Schlagverletzungen) und bei Beschwerden des Handgelenks.

Arthrose

Arthrose

Definition: Schmerzhafte, degenerative Gelenkerkrankung mit Gelenkknorpelschaden, ArthroseZerstörung des Gelenkknorpels und Entzündung der Innenschicht der Gelenkkapsel, die zur völligen Versteifung eines Gelenks führen kann; bei älteren Menschen v. a. Koxarthrose bzw. Gonarthrose. Ursache bei primärer (idiopathischer) Arthrose ist das Missverhältnis zwischen der Belastungsfähigkeit eines Gelenks und seiner tatsächlichen Belastung. Ursache bei sekundärer Arthrose sind angeborene oder erworbene Deformierungen mit daraus resultierender unphysiologischer Gelenkbelastung, vorausgegangene Gelenkentzündungen (Arthritiden) oder hormoneller Störungen.

Symptomatik: Anfangs Steifegefühl an den befallenen Gelenken, später Schmerzen zu Beginn einer Belastung (Anlaufschmerz, „eingerostete Gelenke“), die sich über einen ständigen Belastungsschmerz zum Dauerschmerz auch in Ruhe und während der Nacht steigern. Bei einer sog. aktivierten Arthrose (z. B. durch Überanstrengung) bestehen starke Schmerzen, Entzündung, Überwärmung, Erguss.

Therapeutische Strategie
Generell besteht die Ansicht, dass es sich bei der Arthrose um ein progredientes Krankheitsbild mit geringer Heilungstendenz handelt. Die unterschiedlichen Verlaufsformen (wenig Arthrose mit starken Beschwerden, starke Arthrose mit wenig Beschwerden) relativieren diese Vorstellung jedoch. Eine sorgfältige homöopathische Verordnung lindert nicht nur eine aktivierte Arthrose, sondern auch die chronischen Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen. Hier stellt die homöopathische Behandlung eine echte, kurative Alternative zur Schulmedizin dar.
Durch Homöopathie kann innerhalb weniger Monate nicht selten eine schmerzfreie Belastbarkeit erreicht werden. Wenn im Vorfeld andere Therapiemöglichkeiten bereits ausgeschöpft wurden, kann i. d. R. rein homöopathisch behandelt werden. Erhält der Patient eine schulmedizinische Therapie (z. B. antiphlogistische und analgetische Medikamente) können diese bei guten Heilungsverlauf schrittweise abgesetzt werden.
Homöopathische Behandlung
Bei der homöopathischen Behandlung der Arthrose muss unterschieden werden zwischen einer akuten, aktivierten Arthrose (Arthritis) und einer Arthrose mit rezidivierenden Arthritiden bzw. akuter oder subakuter Dauersymptomatik.
  • Akute, aktivierte Arthrose: Behandlung erfolgt nach den Kriterien der Therapie bei akuten Erkrankungen (4.3). Dementsprechend muss mit dem passenden homöopathischen Medikament eine schnelle subjektive und objektive Besserung erfolgen (meist Stunden bis wenige Tage).

  • Arthrose: Von einer klassisch homöopathischen Konstitutionsbehandlung (4.3) profitieren die meisten Arthrosepatienten erheblich. Sie erfahren eine deutliche Besserung ihres Beschwerdebildes und damit eine Zunahme der Lebensqualität. Je nachdem, ob noch andere Erkrankungen beim Patienten vorliegen (was häufig der Fall ist), können die Symptome der Arthrose auch bei korrekter homöopathischer Behandlung noch über einen längeren Zeitraum persistieren. Dringt man im Zuge der Behandlung zur „Krankheitsebene“ der Arthrose vor und hat das passende Mittel gewählt, braucht das Medikament nur bei wesentlichen Veränderungen der Symptomatik (z. B. hinzutretende Krankheiten) gewechselt zu werden.

Wahl der Symptome
SymptomenwahlArthroseDie homöopathische Verordnung bei der Arthrosebehandlung umfasst weit mehr als die unmittelbaren Beschwerden der Gelenke.
Chronische Arthrosen mit subakuten Beschwerden oder aktivierte Arthrosen im symptomarmen Intervall werden nach den Regeln der klassisch homöopathischen Konstitutionstherapie behandelt (4.3). Dabei spielen die Symptome eventuell abgelaufener Arthritiden meist eine untergeordnete Rolle. Wohl aber können bestimmte, charakteristische Dauerbeschwerden durch die Arthrose zur Arzneimittelwahl herangezogen werden.
Akute, aktivierte Arthrosen müssen, zumindest zu Behandlungsbeginn, nach den Regeln der homöopathischen Akuttherapie behandelt werden, das heißt, das jeweilige Arzneimittel sollte nach den im Vordergrund stehenden Akutsymptomen verordnet werden.
  • Auslöser, falls vorhanden (z. B. Überanstrengung, Trauma), auch wenn sie medizinisch nicht logisch erscheinen (z. B. Schreckereignis).

  • Die Lokalisation ist nur von begrenzter Bedeutung, kann aber durch bestimmte Kriterien an Wert für die Verschreibung gewinnen (z. B. alle Arthrosesymptome auf der rechten oder linken Seite, Symptome rechts oben oder links unten, Arthrosesymptome wechseln die Seite). Auch auffallende Schmerzerstreckungen können für die Verschreibung wertvoll sein (z. B. Hüftschmerz erstreckt sich nach unten).

  • Modalitäten:

    • Temperaturabhängigkeit im Sinne einer Besserung durch Wärme ist meist pathognomonisch. Falls jedoch Kälte lindert, ist es ein wertvolles Symptom. Ebenso andere Temperatur- oder Wettermodalitäten (z. B. „schlechter durch feuchtes Wetter“, „Zugluft agg.“).

    • Die typischen Bewegungsmodalitäten führen zu den typischen Mitteln (z. B. „Besserung durch Bewegung“ → Rhus toxicodendron, „Verschlechterung durch Bewegung“ → Bryonia). Bedeutsamer sind atypische Modalitäten, falls vorhanden (z. B. Druck bessert die Schmerzen).

  • Begleitsymptome, die scheinbar nichts mit der Arthrose zu tun haben oder sogar zu anderen Krankheitskomplexen des Patienten gehören, sind oft wichtiger als alle Arthrosesymptome, wenn sie individuell auffallend sind. Letztlich ist entscheidend, was aus der gesamten Anamnese als besonders charakteristisch und eigenheitlich auffällt, was immer das Auffallende auch sei (4.2).

Repertorium
RepertorisationArthroseWill man sich der Arthrose im Repertorium nähern, müssen die Rubriken berücksichtigt werden, die einzelne Aspekte des Beschwerdebildes repräsentieren. Diese finden sich hauptsächlich im Kapitel „Extremitäten“ unter den Stichworten „Schmerz“, „Schwellung“, „Knacken“, „Entzündung“, „Hitze“ (sofern eine aktivierte Arthrose vorliegt) etc. Dabei finden sich nach der entsprechenden Systematik (5.3.1) die meisten Gelenklokalisationen in den jeweiligen Kapiteln.
Die großen Rubriken mit über 50 Arzneimitteln (z. B. Schwellung – Knie; Schmerz – Knie) sind für die Arzneimittelfindung selten von Wert. Besondere Charakterisierungen zu bestimmten Symptomen können den Wert für die Verschreibung deutlich steigern. Nachfolgend einige Beispiele wertvoller Rubriken lokaler Symptome, passend zur Arthrose des Knies.

Extremitäten // Knacken – Knie – Gehen, beim

Extremitäten – Schmerz – Knie // Aufstehen vom Sitzen, beim // Freien, im // Kälte amel. // Treppen, beim Heruntergehen von/beim Heraufgehen von // wandernd – von einem Knie zum anderen // warmem Bett, im

Extremitäten // Schwellung – Knie – heiß/ schmerzhaft/ wassersüchtig

Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung, Verlaufsbeurteilung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Folgt bei akuten Beschweren keine rasche Besserung, ist ein Mittelwechsel angezeigt. Ist die Behandlung der Akutsymptomatik gelungen, bleibt als „Restzustand“ das arthrotisch veränderte Gelenk ohne oder mit wenig Entzündung. Im Anschluss muss die Behandlung der eigentlichen Arthrose erfolgen.
Da es sich bei den meisten Arthrosen um Krankheitsbilder mit einer langen Entstehungsgeschichte handelt, kann davon ausgegangen werden, dass auch die homöopathische Behandlung einen längeren Zeitraum (meist Monate bis Jahre) in Anspruch nimmt. Der Verlauf ist meist unspektakulär, ein allmähliches Nachlassen der Schmerzen und der lokal fassbaren Veränderungen, schließlich sogar bei Belastung sind die Behandlungserfolge. Falls es andere körperliche oder seelische Beeinträchtigungen gibt, ist deren Verlauf bei Folgekonsultationen zu erfragen, da es im Heilungsverlauf nicht selten zuerst zu einer Besserung anderer Erkrankungen/Beschwerden kommt und trotz guter Arzneimittelwirkung die arthrotischen Beschwerden vorerst bestehen bleiben. Erst das Gesamtbild ermöglicht eine Entscheidung über das weitere Vorgehen.
Ein Rückgang des objektiven Befundes (Knorpelschadens) ist nicht zu erwarten. Dagegen können Schmerzen und Bewegungseinschränkungen innerhalb von Monaten so weit zurückgehen, dass der Patient damit wieder ein weitgehend normales Leben führen kann.
Unterstützende Maßnahmen
  • Sport: gelenkschonende Ausdauersportarten, die die Pumpfunktion der Knorpelernährung unterstützen (bis zur Schmerzgrenze, z. B. kurzer Spaziergang); möglichst Gewichtsentlastung; nur dosierte Stöße ohne Dauerdruckbelastungen, das gilt besonders auch für die Prophylaxe.

  • Wärme lindert zwar, aber heilt nicht (dagegen kann Kälte bei Belastung schaden). Auch andere physikalische Therapien erleichtern die Beschwerden.

  • Ernährungstherapie (vollwertig, vegetarisch) ist langfristig und vorbeugend wirksam (Der Verein Arthroseselbsthilfe berichtet sogar von 6 000 namentlichen Heilungen).

  • Vermeiden von Unfällen und ggf. Korrektur von Fehlstellungen.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihre Differenzierung

! Bry., Led., Rhus-t.

  • Rhus toxicodendron#Rhus toxicodendronArthrose: Besserung durch anhaltende Bewegung (Warmlaufen) und Verbesserung durch Wärme, Auslöser Überlastung.

  • Bryonia#BryoniaArthrose: Verschlechterung durch jegliche Bewegung.

  • Ledum#LedumArthrose: Verbesserung durch kalte Anwendungen.

Bei akuter Aktivierung einer Arthrose können diese Mittel zumindest kurzfristig gute Dienste leisten. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass zur Behandlung von Arthrosepatienten, die meist auch an anderen gesundheitlichen Störungen leiden, die Arzneimittelwahl konstitutionell erfolgen muss und die Symptome der Gelenkerkrankung nur berücksichtigt werden, wenn sie besonders auffallend sind. Entsprechend kann auch fast jedes tiefwirkende Mittel der Materia medica im Einzelfall indiziert sein.

HWS-, BWS-, LWS-Syndrom

Wirbelsäule, WS-Syndrome

HWS-Syndrom

HWS-SyndromDefinition: Schmerzen und sonstige Beschwerden, die durch direkte (z. B. degenerative) Erkrankungen der HWS oder durch eine gestörte Funktion der HWS meist infolge funktioneller Störungen durch Fehlhaltung oder -belastung, sowie durch degenerative Veränderungen an Wirbelkörpern, Gelenken und Bandscheiben oder durch Verletzungen, z. B. HWS-Schleudertrauma ausgelöst werden.
Symptomatik: Bewegungseinschränkungen der HWS (steifer Hals), Tonuserhöhung der Schulter-Nacken-Muskulatur (Myogelosen).

BWS-Syndrom

BWS-SyndromDefinition: Schmerzsymptomatik durch Erkrankungen im Bereich der BWS; tritt auf als lokales BWS-Syndrom, seltener als pseudoradikuläres BWS-Syndrom mit Ausstrahlung in den Brustkorb oder in den Oberbauch. Meist durch chronische Fehlhaltung, muskuläres Ungleichgewicht, Blockierung der Rippen-oder Wirbelgelenke oder Bänderschwäche bedingt
Symptomatik: Atemabhängige Schmerzen, die bei körperlicher Belastung zunehmen. Nicht selten Hauptschmerzpunkt auch weit von der BWS entfernt, z. B. am Rippenknorpel. Bei der Inspektion der BWS evtl. Fehlhaltungen (Flachrücken, Skoliose) oder Asymmetrie der Muskulatur.

LWS-Syndrom, Lumbago

LWS-SyndromDefinition: Schmerzen durch Störungen in den lumbalen Bewegungssegmenten infolge Degeneration (z. B. Spondylarthrose), bei Bandscheibenprotrusion, Spondylolisthesis, muskulärem Ungleichgewicht oder bei Blockierung des Kreuzdarmbeingelenks. Lumbago als Folge eines Verhebetraumas. Bleibt als lokales (radikuläres) LWS-Syndrom auf den Bereich der LWS beschränkt, als pseudoradikuläres LWS-Syndrom besteht diffuse (dermatomübergreifende) Ausstrahlung in ein oder beide Beine (in Leiste bis zum Knie).
Symptomatik: Meist akute Schmerzen im LWS-Bereich, die vom Rücken über das Gesäß in die Leiste oder bis zum Knie ausstrahlen. Aber auch schleichender Beginn der
Beschwerden ist möglich. Wichtig: immer gesamte Wirbelsäule, Kreuzdarmbeingelenke und Beckenstand untersuchen sowie eine Funktionsprüfung der Hüftgelenke vornehmen. Bei erstmaligen Beschwerden, verändertem Beschwerdecharakter oder bei länger bestehendem und bisher nicht abgeklärtem LWS-Syndrom ist eine radiologische Abklärung erforderlich.
Therapeutische Strategie
Antiphlogistische und analgetische Medikation und Injektionen sind nur Notlösungen. Gerade das Anliegen, darüber hinaus Heilung zu finden, führt oft in die homöopathische oder auch osteopathische Praxis. Gelegentlich gelingt eine Sofortheilung, häufiger führen erst eine homöopathische Konstitutionstherapie, Änderung der Lebensweise und der geduldige Einsatz mehrerer synergistischer Therapien zur Beschwerdefreiheit.
Homöopathische Behandlung
Bei der homöopathischen Behandlung ist prinzipiell zwischen dem akuten WS-Syndrom und dem chronischen (bzw. chronisch rezidivierenden) zu unterscheiden.
  • Im akuten Erkrankungsfall wird strikt nach den jeweils vorhandenen Symptomen verschrieben (6.2).

  • Wiederkehrende oder chronische Schmerzsyndrome der Wirbelsäule werden nach den Regeln der homöopathischen Konstitutionstherapie behandelt (6.3). Da bei diesen Erkrankungen anamnestisch häufig eindeutige Charakteristika bezüglich der auslösenden Faktoren bzw. der Schmerzsymptome, der Modalitäten und der Begleitsymptome eruierbar sind (ähnlich wie beispielsweise bei Migräne, 26.1.1), können diese bei der Arzneiwahl eine erhebliche Bedeutung gewinnen und sollten genau erfragt werden.

Im Verlauf einer guten homöopathischen Behandlung kann sowohl im Akutfall als auch bei chronischen Krankheitsverläufen oft auf begleitende schulmedizinische Behandlung verzichtet werden (Ausnahme: Physiotherapie).
Wahl der Symptome
SymptomenwahlWS-SyndromBei chronischen HWS-, BWS- und LWS-Syndromen sollten die Arzneiwahl und somit auch die Wahl der Symptome nach den Kriterien der homöopathischen Konstitutionstherapie erfolgen (4.2). Trotzdem zeigt sich in der Praxis, dass gerade bei dieser Gruppe von Erkrankungen, sowohl bei akuten als auch bei chronischen Verläufen, die „Lokalsymptome“ eine erhebliche Bedeutung bei der Arzneiwahl haben können, wenn sie konstant sind.
Folgende Aspekte der Erkrankung müssen deshalb sorgfältig erhoben und repertorisiert werden:
  • Auslöser: v. a. bei erstmaligem, aber auch bei rezidivierendem Auftreten z. B. bestimmte Bewegungen oder Tätigkeiten, lebensverändernde Ereignisse, chronische Belastungssituationen, Unterdrückung von Absonderungen.

  • Auffallende Lokalisation und Erstreckung: z. B. HWS in den Kopf, BWS in die Beine, BWS zirkulär mit genauer Abgrenzung der Beschwerden (wie weit reicht die Erstreckung und wo verläuft sie genau).

  • Schmerzempfindung: z. B. brennend, quetschend, stechend, wundschmerzhaft usw.

  • Modalitäten: oft ausschlaggebend bei der Arzneiwahl, z. B. Einflussfaktoren wie Bewegungen, Ruhe, bestimmte Lagen, Temperatureinflüsse, Zugluft, meteorologische Gegebenheiten, Schlaf, Veränderungen der Schmerzsymptomatik durch die Menstruationsblutung.

  • Begleitsymptome: Alle gleichzeitig bestehenden Beschwerden (z. B. Dysästhesien, Übelkeit) bzw. Veränderungen der normalen Lebensgewohnheiten müssen erfragt und mitberücksichtigt werden, z. B. Veränderungen im Ess- und Trinkverhalten, bei der Temperaturregulation des Organismus (Frost, Hitze, Schweiß), Änderungen im Schlafverhalten.

  • Stimmungslage und Verhalten: sollten immer beobachtet und ggf. erfragt werden, auch bei rein somatischem Geschehen, da gerade Schmerzsyndrome durch den erheblichen Leidensdruck eine deutlich sichtbare Veränderung der Gemütslage des Patienten nach sich ziehen (z. B. Zorn, Weinen, Abneigung gegen Gesellschaft).

Miasmatische Zuordnung
Das „leichte Verheben“ ordnete schon Hahnemann$Hahnemann, Samuel der latenten Psora zu. Typische psorische Symptome sind Schmerzen zwischen den Skapulae sowie reißende und stechende Schmerzen oder Steifigkeit in der Zervikal- oder Sakralregion.

Rückenschmerzen im Zusammenhang mit der Menstruation sind oft tuberkulinischer (pseudopsorischer) Natur.

Repertorium
RepertorisationWS-SyndromeBezüglich der Causa bei Rückenschmerzen finden sich z. B. Rubriken zu mechanischen Ursachen im Kapitel „Rücken“. Die meisten anderen Causae sind im Repertorium nicht direkt im Kapitel „Rücken“ zu finden und müssen den entsprechenden Kapiteln entnommen werden. Zu berücksichtigen sind zudem Rubriken zu den jeweiligen Erstreckungen, Begleitsymptome sowie psychische Symptom – die jeweils interessanten und wahlanzeigenden Symptome werden exemplarisch aufgeführt.

Causa

Rücken – Schmerz // Heben einer Last, durch // durch Heben // Strecken, beim // Menses – unterdrückte, durch
Gemüt // Beschwerden durch – Zorn, Entrüstung, Kummer, Sorge, Krankenpflege etc.
Allgemeines – Schlaf // Schlafmangel – Beschwerden durch

Erstreckungen

Rücken – Schmerz – Zervikalregion // erstreckt sich zu – oben, nach // unten, nach // Auge, zum
Rücken – Schmerz – Lumbalregion // erstreckt sich zu – Abdomen – um das Abdomen herum // hinterer Teil des Beckens und der Oberschenkel // Gesäß // Gesäß und Oberschenkel // Hüfte

Schmerzempfindungen

Rücken Schmerz – stechend // Stehen, beim // Atmen, beim

Begleitsymptome

Magen – Übelkeit // Schmerzen – Rückenschmerzen, bei
Rektum – Hämorrhoiden // begleitet von – Rücken – Schmerzen im

Psychische Symptome

Gemüt // Zorn – Schmerzen, durch // Weinen – Schmerzen, bei
Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung, Verlaufsbeurteilung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Die Vielfalt der Ursachen von Rückenbeschwerden macht eine exakte Verlaufsprognose schwierig. Einzelgaben in hohen Potenzen (C30 und darüber) haben sich bewährt. Sind die Patienten schulmedizinisch vorbehandelt oder erhalten sie Schmerzmittel, sind Q-Potenzen hilfreich, da sie durch die regelmäßige Dosierung weniger störanfällig sind. Physiotherapeutische, chiropraktische oder osteopathische Behandlungen sind sinnvoll und unterstützen die homöopathische Therapie (Heilungsblockade, 4.3.3).
Es gibt sowohl unter homöopathischer als auch anderer Behandlung alle Varianten im Hinblick auf Prognose: von vollständiger, endgültiger Heilung in Sekundenbruchteilen bis zu jahrelanger frustrierender Begleitung einer zunehmenden Berufsunfähigkeit. Hinweisend für die Prognose sind v. a. die bisherige Krankheitsdauer, die Verkomplizierung mit anderen Krankheiten und die psychosoziale Dimension einschließlich des sekundären Krankheitsgewinns. Insgesamt stellten sich die WS-Syndrome in der homöopathischen Praxis aber als sehr gut therapierbar dar.
Unterstützende Maßnahmen
  • Behandlung des Stütz- und Bewegungsapparats: Physiotherapie, Osteopathie, Neuraltherapie, physikalischen Therapie und/oder Bewegungstherapie.

  • Psychosozialen Hintergrund bearbeiten, der häufig kausal ist.

  • Rückenschule.

  • Unfälle und unphysiologische Belastungen vermeiden. Dagegen ist die Unwirksamkeit von Ruhigstellung (Bettruhe, Schanz-Krawatte) mittlerweile erwiesen.

  • Mechanische Ursache beheben (falls vorhanden), z. B. Fehlhaltung, Fehlstellung.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihre Differenzierung

!!! Bry., Kali-c., Rhus-t.
!! Hyper., Nux-v., Sil.
! Acon., Aesc., Ars., Bell., Berb., Calc-p., Cimic., Cocc., Coloc., Con., Eup-per., Guaj., Gels., Led., Nat-m., Phos., Puls., Ran-b., Sep., Staph.

Fast jedes Mittel kommt für akute RückenschmerzenRückenschmerzen infrage. Die Indikation zeigt sich durch die typische Konstellation von Modalitäten und Empfindungen, oft auch über die Rückenschmerzen hinaus. Deshalb können hier nur einige wichtige Mittel und Aspekte genannt werden. Chronische Rückenschmerzen bedürfen einer konstitutionellen homöopathischen Therapie (4.3). Zeigt der Patient mit chronischen Rückenschmerzen aber sehr ausgeprägte Symptome für eines der unten abgehandelten „Akutmittel“, so sollte die Verordnung dieses Mittels durchaus in Erwägung gezogen werden.
Causa
  • Schleudertrauma und Verletzungen der Wirbelsäule, z. B. durch Sturz auf das Steißbein oder auch Lumbalpunktion: Hypericum Silicea, Rhus toxicodendron.

  • Überanstrengung, Verheben, Durchnässung: Rhus toxicodendron mit der typischen Besserung durch fortgesetzte Bewegung und Wärme.

  • Kalter Wind: v. a. Aconitum – typisch ist das plötzliche Einsetzen der Beschwerden.

  • Zugluft: Kalium carbonicum (mit stechenden Schmerzen, die sich nach unten erstrecken), Calcium phosphoricum, Rhus toxicodendron oder Cimicifuga

  • Bei Auslösern im seelischen Bereich

    • Ärger und/oder Entrüstung: Colocynthis.

    • Kummer, akuter oder anhaltender: Ignatia und Natrium muriaticum.

    • Schock: Aconitum bei akuten Schocksituationen (noch vor Rhus toxicodendron z. B. bei Schleudertrauma).

  • Bei Auslösern im körperlichen Bereich:

    • Cocculus: hat sich bei Rückenschmerzen nach langen Nachtwachen oder Krankenpflege als hilfreich erwiesen.

    • Nux vomica hat als Hintergrund Rückenschmerzen infolge sitzender Tätigkeit mit Ärger oder Ehrgeiz.

    • WS-Schmerzen nach unterdrückter Menstruation finden sich z. B. bei Aesculus und Pulsatilla.

    • Rückenschmerzen durch sexuelle Exzesse: Nux vomica und Staphisagria (das auch Ärger als Auslöser hat).

    • Im Gegensatz dazu entstehen bei Conium die Rückenschmerzen durch sexuelle Enthaltsamkeit.

Lokalisation und Erstreckung
  • HWS-Schmerz mit Ausstrahlung in den Kopf: Silicea oder Gelsemium.

  • Die Rückenschmerzen von Kalium carbonicum erstrecken sich nach unten, häufig ins Gesäß und/oder die Oberschenkel.

  • Die Schmerzsymptomatik von Berberis zieht sich vom Rücken zum Abdomen oder in den hinteren Teil des Beckens und die Oberschenkel.

  • Bei Phosphorus findet sich ein Brennen zwischen den Schulterblättern.

  • Rhus toxicodendron: ischialgiforme Schmerzen (26.1.5).

  • Ranunculus bulbosus: gürtelförmige Schmerzen an BWS und Brust.

Schmerzempfindung
Sofern sie genau angegeben wird, z. B.:
  • Brennend: Phosphorus.

  • Stechend: Kalium carbonicum und Bryonia.

  • Neuralgiform: Hypericum.

  • Reißend: Rhus toxicodendron, Bryonia.

  • Rheumatisch-ziehend: Nux vomica, Cimicifuga, Rhus toxicodendron.

  • Wehenartig: Kalium carbonicum.

  • Pochend: Belladonna.

  • Schneidend: Natrium muriaticum.

  • Zerschlagen: Eupatorium perfoliatum.

Modalitäten
Die Modalitäten der Rückenschmerzen entsprechen meist den allgemeinen Modalitäten der jeweiligen Arzneimittel.
  • Thermische Einflüsse:

    • Heiße Anwendungen bessern: Rhus toxicodendron, Arsenicum album, Nux vomica, Kalium carbonicum.

    • Kälte bessert: Pulsatilla, Guajacum, Ledum.

    • Zugluft verschlechtert: Kalium carbonicum und Silicea.

    • Wetterwechsel und Nässe verschlechtern: Rhus toxicodendron.

  • Bewegung. Anstrengung:

    • Schmerz bei kleinster Bewegung: Bryonia.

    • Beginn der Bewegung verschlechtert, aber fortgesetzte Bewegung bessert: Rhus toxicodendron (findet außerdem keine erträgliche Lage im Bett). Nux vomica muss sich zum Umdrehen aufsetzen.

    • Leichte Bewegung bessert: Pulsatilla, Arsenicum album.

    • Anstrengung verschlechtert bei Rhus toxicodendron, bessert aber z. B. bei Sepia.

  • Zeitliche Modalitäten:

    • Verschlimmerungszeit um Mitternacht: Arsenicum album.

    • Verschlechterung von 2–4 Uhr: Kalium carbonicum.

  • Weitere Modalitäten: Liegen auf einer harten Unterlage bessert die Rückenschmerzen von Natrium muriaticum und Rhus toxicodendron.

Begleitsymptome
  • Kalium carbonicum#Kalium carbonicumRückenschmerzen ist z. B. bei Rückenschmerzen im Zusammenhang mit den weiblichen Fortpflanzungsorganen angezeigt, z. B. während Menses, Schwangerschaft und Wehen.

  • Ein typisches Begleitsymptom der Rückenschmerzen bei Sepia#SepiaRückenschmerzen ist Übelkeit.

  • Bei Aesculus #AesculusRückenschmerzenfinden sich Rückenschmerzen begleitet von Hämorrhoiden.

Stimmungslage
Pulsatilla ist bei Schmerzen anhänglich und weinerlich, Nux vomica und Bryonia sind reizbar und mit nichts zufrieden. Kalium carbonicum und Sepia fangen Streit mit den Angehörigen an. Natrium muriaticum möchte seine Ruhe haben, Phosphorus hat ein Verlangen nach und eine Besserung durch Gesellschaft. Mit heftiger Angst kann die Symptomatik bei Aconitum und auch bei Arsenicum album einhergehen.

Lumboischialgie und Bandscheibenprolaps

Lumboischialgie Bandscheibenprolaps

Definition: Vorwölbung (Protrusion) bzw. Austritt von Bandscheibengewebe (Prolaps) in die Zwischenwirbellöcher meist zwischen L4 und L5 sowie zwischen L5 und S1 oder in den Wirbelkanal mit Kompression der Spinalnervenwurzeln oder des Rückenmarks.

Symptomatik: Akute Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in das Versorgungsgebiet der betroffenen Nervenwurzel, die sich bei Husten, Pressen oder Niesen verstärken („Hexenschuss“ oder „Ischias“), obwohl der Ischiasnerv selbst nicht betroffen sein muss. Bandartige Sensibilitätsstörungen im betroffenen Gebiet, Lähmung bestimmter Kennmuskeln in schweren Fällen lässt der Patient dabei den Fuß beim Gehen auf dem Boden schleifen.

Therapeutische Strategie
Durch den hohen Leidensdruck und die Gefahr von neurologischen Ausfällen stehen Patient und Arzt unter erheblichem Druck, sodass eine allopathische Begleitmedikation und ggf. chirurgische Intervention (in den seltenen Fällen, wo sie wegen Nervenschädigung tatsächlich indiziert ist) u. U. akzeptiert werden muss – aus homöopathischer Sicht und mit mehr Geduld ist dies häufig vermeidbar. Begleitmedikation, allopathischeLumboischialgie/BandscheibenprolapsDurch die daraus resultierende Unterdrückung der Symptomatik ergeben sich aus homöopathischer Sicht mehrere Probleme:
  • Durch die Verschleierung der Symptome erschwert sich die Bestimmung des passenden homöopathischen Arzneimittels.

  • Durch die stark wirksamen Schmerzmittel können die homöopathischen Medikamente in ihrer Wirkung gestört werden.

  • Durch die Unterdrückung der Schmerzsymptome (im Sinne von Warnsignalen) kann es durch zu frühe und zu starke Belastung zu einer substanziellen Verschlechterung der Pathologie kommen.

Homöopathische Behandlung
Es handelt sich i. d. R. um eine Akutbehandlung, die v. a. bei Behandlungsbeginn im Frühstadium eine gute Prognose hat. Je weiter die eventuellen neurologischen Schädigungen fortschreiten, desto geringer werden die Erfolgsaussichten einer rein homöopathischen Behandlung bzw. desto langfristiger muss die Behandlung geplant werden.
Die zu erwartende Behandlungsdauer korreliert mit der bisherigen Erkrankungsdauer, von hochakut (schneller Behandlungserfolg) bis chronifiziert (langwierige Behandlung). Neben der homöopathischen ist v. a. eine physiotherapeutische, osteopathische oder eine vergleichbare Behandlung erforderlich. Oft gibt es einen psychosomatischen Auslöser, der ebenfalls geklärt werden muss. Die homöopathische Behandlung gelingt nicht immer auf Anhieb und erfordert in fortgeschrittenen Fällen i. d. R. viel Zeit, nicht selten Mittelwechsel und die Exploration von weiteren Faktoren.
Wahl der Symptome
Alle Aspekte des SchmerzenWS-SyndromeSchmerzes und sonstigen Zustandes des Patienten müssen sorgfältig erhoben und repertorisiert werden. Wegen der Ähnlichkeit der Symptomatik zu den WS-Syndromen (26.1.4) bezüglich Auslöser, Lokalisation, Erstreckungen, Schmerzempfinden, Modalitäten, Begleitsymptome und psychischer Alterationen sollen im Folgenden nur die zusätzlichen, speziellen Aspekte der Lumboischialgien und Bandscheibenvorfälle abgehandelt werden. Dabei werden nur die speziellen, besonders wertvollen Rubriken des Kapitels „Extremitäten – Schmerz – Beine – Ischialgie“ berücksichtigt.
Repertorium
Von den diagnosebezogenen Rubriken kommen v. a. diejenigen Rubriken infrage, die den Auslöser abbilden (z. B. Ärger und Verdruss, Verletzung), dann die Modalitäten, die Lokalisation ggf. mit Erstreckung und die Schmerzempfindung.

Lumboischialgie

Schmerzen – Allgemein // Lumbalregion, Lumbago; erstreckt sich; Beine herab, die // Untere Gliedmaßen; Nerven; Ischias (207)

Wurzelkompressionssyndrom

Extremitäten // Lähmung; allgemein; Beine (mit Unterrubriken) // Taubheitsgefühl, Empfindungslosigkeit; Untere Gliedmaßen // Ameisenlaufen, Kribbeln; Beine (mit Unterrubriken) // Gefühllosigkeit – Beine (mit Unterrubriken)
Allgemeines // Obere Gliedmaßen; gelähmte Bereiche // Ischiassyndrom, Beschwerden nach

Weitere Rubriken

Allgemeines – Beschwerden durch // Ärger und Verdruss /Verletzung
Allgemeines und Extremitäten //Berührung, Aufstehen vom Sitzen, Beugen amel. // Berührung agg. // Bewegung agg. oder amel. // Druck agg. oder amel. // Erschütterung agg., im Freien amel. // Gehen agg. oder amel. // Wärme agg., kalte Anwendungen und Kälte agg. // Liegen amel. // Liegen auf dem Rücken amel // Liegen auf schmerzhafter oder betroffener Seite agg. oder amel. // Schlaf agg. // erscheint und hört auf plötzlich // Sitzen agg. oder amel. // Husten agg., Niesen agg., Schnäuzen agg. // beim Pressen Stuhlgang // Wärme und/oder Bettwärme agg. oder amel. // im warmen Zimmer agg. // bei nassem Wetter oder bei Wetterwechsel.
Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung, Verlaufsbeurteilung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Wiederholte Einzelgaben der C30 bis C1000 haben sich im Akutfall bewährt, aber auch alle anderen Potenzen: Rasche Verfügbarkeit ist wichtiger als eine bestimmte Wunschpotenz. Bei ersten Besserungsanzeichen – auch wenn es nur die Stimmung betrifft – die Arznei weiter wirken lassen.
Prognose: Insgesamt ist die Prognose bezüglich der subjektiven Beschwerden des Patienten – auch langfristig gesehen – günstig. Je weiter die Pathologie fortgeschritten ist (z. B. länger bestehende segmentale Nervenschädigungen), desto unwahrscheinlicher wird eine vollständige Restitutio ad integrum, bzw. desto länger wird die Behandlungsdauer sein. Typisch ist in solchen Fällen eine deutliche subjektive Beschwerdebesserung bei unverändertem pathologischem Befund (z. B. im MRT). Wie bei zahlreichen anderen Erkrankungen lässt die vorliegende Pathologie in ihrer Ausprägung keine linearen Rückschlüsse auf die Beschwerdeintensität des Patienten zu. Im günstigsten Fall kann ein Patient mit seinem Bandscheibenvorfall ein beschwerdefreies Leben ohne jede Einschränkung führen.
Unterstützende Maßnahmen
  • Behandlung des Stütz- und Bewegungsapparats: Physiotherapie, Osteopathie, Neuraltherapie, physikalischen Therapie, Rückenschule und/oder Bewegungstherapie. Diese sind im Akutfall nur mit Vorsicht anzuwenden, bei chronischen Ischiassyndromen dagegen sehr hilfreich.

  • Psychosozialen Hintergrund bearbeiten, der häufig kausal ist, nachdem die Akutphase abgeklungen ist.

  • Selten ist eine chirurgische Intervention indiziert. Die Operationsindikation sollte im Sinne einer Kosten-Nutzen-Abwägung äußerst kritisch gestellt werden.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihre Differenzierung

!!! Rhus-t.
!! Am-m., Coloc., Gnaph., Guaj., Hyper., Mag-p., Nux-v., Puls.
! Aesc., Arn., Bell., Bry., Calc., Calc-p., Ign., Kali-c., Lac-c., Lyc., Nat-m., Phos., Plb., Ruta, Sep., Sil., Staph., Tell.

Das häufigste Ischiasmittel ist Rhus toxicodendron#Rhus toxicodendronIschialgie, besonders im Frühstadium. Andernfalls müssen die gesamte Symptomatik und v. a. Auslöser und Modalitäten genau erfasst und repertorisiert werden. Bei Ischialgie sind sehr viele Mittel möglich. Wie oben bereits erwähnt, existieren erhebliche Überschneidungen zu den Lumbalgien, sodass im Folgenden ausschließlich die zusätzlichen, speziellen Indikationen einiger Arzneimittel bei Ischialgie genannt werden.
Causa
Neben Rhus toxicodendron bei Ischialgie durch Überheben haben sich besonders Arnica, Hypericum und Ruta nach Verletzungen sowie Colocynthis nach Ärger bewährt.
Lokalisation und Erstreckung
Neben den typischen Schmerzlokalisationen und Erstreckungen des Kapitels über die WS-Syndrome (26.1.4) gibt es eine Reihe von Arzneimitteln, die besonders indiziert scheinen:
  • Linksseitige Ischialgie: Ammonium muriaticum, Cimicifuga, Colocynthis, Hypericum, Ignatia, Kalium carbonicum, Lachesis, Ledum, Phosphorus, Pulsatilla, Rhus toxicodendron, Staphisagria, Tellurium.

  • Rechtsseitige Ischialgie: Colocynthis, Dioscorea, Gnaphalium, Kalium carbonicum, Lachesis, Lycopodium, Rhus toxicodendron, Ruta, Sepia, Tellurium.

  • Ischialgie mit mehrmaligem Seitenwechsel: Lac caninum, Cocculus.

Schmerzempfindung
Bei Ischialgie haben sich besonders folgende Arzneimittel bewährt, wenn vom Patienten die entsprechenden Schmerzen geschildert wurden:
  • Quetschend: #ColocynthisIschialgieColocynthis.

  • Brennend: Colocynthis, Gnaphalium, Lachesis, Lycopodium, Phosphorus, Rhus toxicodendron, Sepia.

  • Pulsierend: Colocynthis, Ignatia.

Modalitäten
Für die Modalitäten der Ischialgiesymptome gelten die bei den WS-Syndromen geschilderten Sachverhalte (26.1.4). Nachfolgend werden zusätzlich besonders praxisrelevante Symptome und die jeweils passenden Arzneimittel aufgeführt:
  • Aufenthalt im Freien amel.: Pulsatilla und andere.

  • Berührung agg.: Colocynthis, Kalium carbonicum, Ledum, Lachesis.

  • Beugen im Abdomen amel.: Colocynthis, auch Gnaphalium.

  • Bewegung agg.: Bryonia u. v. a. m.

  • Bewegung bessert die Beschwerden: Rhus toxicodendron u. v. a. m.

  • Druck agg.: Colocynthis, Kalium carbonicum u. v. a. m.

  • Druck amel.: Magnesium phosphoricum u. v. a. m.

  • Erschütterung agg.: Belladonna und Tellurium.

  • Gehen verschlechtert: Aesculus, Lycopodium, Rhus toxicodendron, Sulfur u. v. a. m.

  • Hitze agg.: Ledum.

  • Kalte Anwendungen und Kälte agg.: Arsenicum album, Bryonia, Magnesium phosphoricum, Nux vomica, Phosphorus, Rhus toxicodendron, Ruta.

  • Liegen amel.: u. a. Ammonium muriaticum, Bryonia und Ruta.

  • Liegen auf dem Rücken amel.: Phosphorus.

  • Liegen auf der schmerzhaften Seite agg.: Arsenicum album, Colocynthis, Gnaphalium, Magnesium phosphoricum, Phosphorus u. v. a. m.

  • Liegen auf der schmerzhaften Seite amel.: Bryonia und Colocynthis.

  • Schlaf agg.: Lachesis, Ledum und Tellurium.

  • Die Schmerzen kommen und gehen plötzlich wieder: u. a. Belladonna und Berberis.

  • Sitzen agg.: u. a. Ammonium muriaticum und Lycopodium.

  • Sitzen amel.: u. a. Gnaphalium.

  • Husten agg. : Gnaphalium und besonders Tellurium.

  • Niesen agg.: Tellurium.

  • Schnäuzen agg.: Gnaphalium.

  • Pressen zum Stuhlgang agg.: Nux vomica, Sepia, Rhus toxicodendron, Tellurium.

  • Wärme und/oder Bettwärme agg.: Colocynthis, Ledum und Mercurius.

  • Bettwärme amel.: Arsenicum album, Colocynthis, Lycopodium, Magnesium phosphoricum, Nux vomica, Phosphorus, Rhus toxicodendron u. v. a. m.

  • Schmerzen im warmen Zimmer agg.: Pulsatilla.

  • Ischialgiforme Beschwerden bei nassem Wetter: Rhus toxicodendron u. a.

Begleitsymptome
Neben den typischen Begleitsymptomen bei Rückenschmerzen (26.1.4) finden sich bei Ischialgie noch einige spezielle Begleiterscheinungen. Bei Ischialgie mit Muskelatrophie ist Plumbum metallicum angezeigt. Sind die Beschwerden von Hypästhesien (Gefühllosigkeit) begleitet, kommen besonders Colocynthis und Rhus toxicodendron als Heilmittel infrage. Bestehen Kontraktionen der Muskeln und Sehnen des Beines, muss Nux vomica in Betracht gezogen werden. Ist die betroffene Extremität kalt oder zumindest kälter, ist Ledum angezeigt (besonders wenn trotzdem eine subjektive Besserung durch kalte Anwendungen besteht).
Stimmungslage
Die Veränderungen bzw. Indikationen im psychischen Bereich entsprechen denen der WS-Syndrome (26.1.4).

Morbus Bechterew

Morbus Bechterew Spondylitis ankylopoetica

Definition: Ankylosierende Spondylitis, Spondylitis ankylopoetica. Entzündlich-rheumatische Allgemeinerkrankung mit Manifestation besonders an der Wirbelsäule einschließlich der Sakroiliakalgelenke, im Endstadium typische knöcherne Versteifung (Ankylose) v. a. der Wirbelsäule; 80 % der Patienten sind Männer, Erkrankungsbeginn v. a. 16.–40. Lj.

Symptomatik: Leitsymptom ist ein tiefsitzender Rückenschmerz, der sich in den frühen Morgenstunden verschlimmert (Bewegung bessert die Schmerzen). Steifigkeit des Nackens, der Wirbelsäule und des Brustkorbs. (Oligo-)Arthritis anderer Körpergelenke (20–30 % der Patienten). Schmerzen beim Niesen, Husten oder Pressen in Wirbelsäule, Thorax und Gesäß. Sehnenansatzentzündungen (z. B. am Fersenbein). Iridozyklitis (Entzündung der Regenbogenhaut und des Ziliarkörpers) des Auges (10–25 % der Patienten). Ohne die entsprechenden krankengymnastischen Gegenmaßnahmen entwickelt sich die charakteristische Haltung des Bechterew-Patienten, die aber in dieser extremen Form heute nur noch selten zu sehen ist („Begrüßungshaltung“, Beugestellung, auffallend starke Mitbewegungen der Arme beim Gehen bei gleichzeitig starrer Wirbelsäule).

Therapeutische Strategie
Der Morbus Bechterew hat eine starke Krankheitsdynamik, sodass auch mit suffizienter homöopathischer Therapie vollständige Heilung nicht immer erreicht werden kann. Immer möglich sind Verbesserungen der Beschwerdesymptomatik und eine Verlangsamung der Krankheitsentwicklung, insbesondere der irreversiblen pathologischen Veränderungen der Gelenke. Ein gewichtiges Argument für die homöopathische Behandlung ist außerdem die Verringerung, evtl. sogar der Verzicht auf schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente, deren Einnahme oft mit langfristigen Nebenwirkungen verbunden ist. Die Patienten sollten auch bei gutem Anschlagen der homöopathischen Therapie zu physiotherapeutischen Maßnahmen angehalten werden.
Homöopathische Behandlung
Die homöopathische Therapie ist als Dauertherapie (Konstitutionstherapie, 4.3) über Jahre anzulegen, die im akuten Schub ggf. durch Akutmittel ergänzt wird. Es ist von vornherein sehr wahrscheinlich, dass die Arzneimittel im Therapieverlauf gewechselt werden müssen. Auch die Beurteilung des Heilungsverlaufs muss, ausgenommen von akuten Schüben, über längere Zeiträume erfolgen, da der natürliche Erkrankungsverlauf schleichend ist und somit keine schnell eintretenden Besserungen zu erwarten sind.
Wahl der Symptome
SymptomenwahlM. BechterewBasierend auf einer biographischen Anamnese, sind alle charakteristischen Symptome des Patienten zu beachten, auch wenn sie scheinbar nicht mit der Diagnose in Zusammenhang stehen. Krankheitsspezifische Symptome geben Hinweise, ermöglichen aber häufig noch keine sichere Verordnung. Im akuten Schub oder bei sehr einseitigen Erkrankungsverläufen kann die lokale Symptomatik jedoch der einzige Anhaltspunkt für ein homöopathisches Arzneimittel liefern.
  • Auslöser der Krankheit (sofern er fassbar ist) oder belastende Umstände zu Zeiten des Krankheitsbeginns, auch im Sinne einer Causa occasionalis (1.1.3).

  • Genaue Lokalisation, Pathologie und Erstreckungen der Hauptschmerzen: z. B. iliosakral, welche Seite, tief oder oberflächlich? Wie genau sind die Erstreckungen etc.? Besteht eine Verkrümmung der WS und wenn ja, wo genau?

  • Steifheits- bzw. Schmerzempfindung: z. B. brennend, quetschend usw., gerade auch seltsame Beschreibungen ernst nehmen.

  • Modalitäten: Verschlechterung oder Verbesserung durch Bewegungen, bestimmte Körperhaltungen oder Lagen, Zugluft, Temperatur und Wetter, Schlaf, Zeiten der Verbesserung oder Verschlechterung, Einfluss körperlicher Anstrengung etc.

  • Begleitsymptome: gleichzeitig zur Erkrankung bestehenden Beschwerden müssen erfragt und mitberücksichtigt werden.

  • Stimmungslage und Verhalten können bei Erkrankungen mit starkem subjektivem Leidensdruck und langfristig schlechter Prognose deutlich verändert sein und sollten immer genau beobachtet und ggf. erfragt werden, besonders wenn die Veränderungen mit dem Krankheitsbeginn zusammenfallen.

Miasmatische Zuordnung
Die knöchernen Umbauvorgänge, v. a. die Spondylophytenbildung, zeigen das syphilitische Miasma an. Ein deutliches syphilitisches Symptom ist die Exostosenbildung auf dem Kreuzbein.
Repertorium
Die passenden Repertoriumsrubriken zum M. Bechterew finden sich im Kapitel „Rücken“ in drei Abschnitten: Rücken – Entzündung, Rücken – Steifheit, Rücken – Schmerz. Der Abschnitt „Rückenschmerzen“ mit allen Unterrubriken ist sehr groß. Theoretisch könnte jedes aufgeführte Symptom bei M. Bechterew vorkommen und ausschlaggebend für die homöopathische Arzneiwahl sein. Weitere, eher untypische auffallende Symptome müssen jeweils beim passenden Stichwort gesucht werden, z. B.: Schwellung, Ameisenlaufen, Empfindlichkeit, Spannungsgefühl des Rückens.
Besteht eine Verkrümmung der Wirbelsäule, finden sich Rubriken zu den einzelnen Lokalisationen (Lumbalregion, Dorsalregion etc.) und eine Rubrik zur schmerzhaften Verkrümmung der Wirbelsäule.

Rücken – Entzündung – Sakroiliakalgelenk

Rücken – Steifheit // Dorsalregion // Lumbal- und Lumbosakralregion // Zervikalregion

Rücken – Schmerz // nach Mitternacht (zwischen 2 und 4 Uhr), der den Patienten weckt und ihn zum Aufstehen zwingt // beim Atmen // bei Berührung // besser durch Liegen auf harter Unterlage // besser durch Liegen auf einem Kissen

Rücken // Hängeschultern // Verkrümmung der Wirbelsäule; allgemein; Kyphose, Dorsalregion

Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung, Verlaufsbeurteilung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Bei der Symptomatik des M. Bechterew selbst sind keine raschen Veränderungen zu erwarten. Deshalb ist es wichtig, neben der Schmerzintensität und der Bewegungseinschränkung auch alle anderen ursprünglich genannten Symptome im Auge zu behalten und abzufragen. Nur so lässt sich der Verlauf klar beurteilen, z. B. können ein deutlich gebessertes Allgemeinbefinden, ein gebessertes Schlafverhalten oder das Verschwinden von Nachtschweiß auf eine gesundheitliche Verbesserung hinweisen. Das Arzneimittel sollte dann auf keinen Fall gewechselt werden.
Das Ausmaß der Entzündung der Wirbelsäule zeigt sich durch die Schmerzsymptomatik.
Prognostisch kann bei den heutigen schulmedizinischen Möglichkeiten eine aufrechte Versteifung der Wirbelsäule mit erträglicher Schmerzintensität (bei tolerablen Nebenwirkungen der Medikamente) erreicht werden. Demgegenüber lassen sich durch Homöopathie die Schmerzen und die Menge zusätzlich benötigter Allopathika reduzieren. Bei günstigem Verlauf kann die Entzündungsaktivität zum Stillstand kommen, sodass es zum Krankheitsstillstand ohne (oder mit nur leichter) Versteifung kommt.
Unterstützende Maßnahmen
  • Antiinflammatorische Ernährungstherapie (vegetarisch, vollwertig, Fastenphase), wie sie bei Arthritiden sehr bewährt und gesichert ist.

  • Behandlung des Stütz- und Bewegungsapparats: Physiotherapie, Osteopathie, Chiropraktik, Neuraltherapie, physikalischen Therapie und/oder Bewegungstherapie.

  • Psychosozialen Hintergrund bearbeiten, wenn in diesem Bereich Konflikte vorhanden sind.

  • Rückenschule.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihre Differenzierung

! Aesc., Calc-f., Caust., Kali-c., Rhus-t., Sil.

Die Verordnung eines tief wirkenden Homöopathikums setzt eine vollständige biographische Anamnese voraus und berücksichtigt alle individuellen Eigenheiten des Patienten. Die folgenden Mittelvorschläge beruhen auf den pathologischen Symptomen der Diagnose. Sie stellen eine reduzierte Auswahl dar. Letztlich kommen alle tiefwirkenden homöopathischen Medikamente sowie alle Arzneimittel für andere Rückenbeschwerden (z. B. Ischialgie, WS-Syndrome) sowohl akut als auch konstitutionell als Heilmittel infrage.
  • Iliosakralschmerzen und Entzündung:

    • Aesculus#AesculusM. Bechterew: oft begleitet von Hämorrhoiden oder einem speziellen Lahmheitsgefühl in der Lumbosakralregion.

    • Kalium carbonicum#Kalium carbonicumM. Bechterew: mit der typischen nächtlichen Verschlechterung und der Erstreckung der Schmerzen nach unten zu den Oberschenkeln und/oder Knien.

  • Wirbelsäule:

    • Eine Verknöcherung der Wirbelsäule, also die Diagnose an sich, kann ein Hinweis auf Calcium fluoricum#Calcarea fluorataWirbelsäulenverknöcherung oder Silicea#SiliceaWS-Verknöcherung sein.

    • Bei schmerzhafter Verkrümmung der Wirbelsäule kommen besonders Aesculus#AesculusWirbelsäulenverkrümmung, Lycopodium#LycopodiumWirbelsäulenverkrümmung und Silicea in Betracht.

    • Bei schmerzhafter Versteifung der Wirbelsäule haben sich besonders Causticum #CausticumWirbelsäulenversteifungund Rhus toxicodendron#Rhus toxicodendronWirbelsäulenversteifung (mit der typischen Besserung durch fortgesetzte Bewegung und Wärme) bewährt.

Weitere Differenzierungen bezüglich Causa, Modalitäten, Erstreckungen, Lokalisationen, Begleitsymptome etc. 26.14 (WS-Syndrome) und 26.1.5 (Lumboischialgie).

Erkrankungen der Sehnen, Bänder und Schleimbeutel

Tendopathie

Tendopathie

Definition: Sammelbezeichnung für abakterielle Entzündungen der Sehnen (Tendinitis) oder Sehnenscheiden (Tendovaginitis); häufig mit degenerativen Veränderungen der Sehnenansätze oder -ursprünge (Insertionstendopathien). Ursachen sind meist chronische Überbeanspruchung und wiederholte winzige Traumen (Mikrotraumen).

Symptomatik: Meist Schmerzen beim Beginn einer Tätigkeit, unter körperlicher Bewegung nimmt der Schmerz eher ab. Oft treten die Schmerzen erstmals nach extremen oder ungewohnten sportlichen Tätigkeiten (besonders bei schlechtem Trainingszustand) auf. Bei der körperlichen Untersuchung kann man evtl. eine Verdickung, Überwärmung, lokalen Druckschmerz und Krepitieren (tastbares Reiben bei Entzündung des Sehnengleitgewebes) feststellen.

Therapeutische Strategie
Tendopathien erzeugen je nach Lokalisation und Sehnenfunktion einen unterschiedlichen Leidensdruck beim Patienten. Dementsprechend unterschiedlich sind sowohl die Erkrankungszustände (akut, subakut, chronisch, chronisch rezidivierend) als auch die Therapiekonzepte (keine Therapie bis maximale Therapie mit Ruhigstellung).
In eindeutigen Fällen von Überbelastung kommt es durch Vermeiden des Auslösers auch ohne Homöopathika zu dauerhaften Heilungen. Lassen sich keine oder nur sehr gewöhnliche Auslöser eruieren, sollte eine homöopathische Behandlung eingeleitet werden. Neben dem Vermeiden von Belastungen des erkrankten Bereichs (nicht: Ruhigstellung) sollte währenddessen auf weitere, z. B. schulmedizinische Maßnahmen (z. B. Einspritzungen von Antiphlogistika) verzichtet werden. Behandlungsbedürftig (im homöopathischen Sinn) sind alle chronisch oder chronisch rezidivierenden Tendopathien.
Homöopathische Behandlung
Je nach vorliegendem Krankheitsfall muss die homöopathische Therapie unterschiedlich geplant werden.
  • Akute, neu aufgetretene Tendopathien können zunächst nach den Kriterien der Behandlung von akuten Erkrankungen behandelt werden, obwohl sie das im eigentlichen Sinne nur bei einer tatsächlichen Überbelastung sind (nicht bei gewöhnlichen Belastungen, die vom Patienten als Überbelastung empfunden werden).

  • Chronische oder chronisch rezidivierende Tendopathien werden bei erheblicher Beschwerdesymptomatik zu Beginn ebenfalls wie Akutkrankheiten behandelt. Nach Abklingen der Beschwerden sollte sich immer eine homöopathische Konstitutionstherapie anschließen. Bei subakuten, chronischen Tendopathien oder im beschwerdefreien Intervall wird sofort mit der homöopathischen Konstitutionstherapie begonnen.

Außer einer moderaten Ruhigstellung kann dabei auf jede weitere Therapie verzichtet werden.
Wahl der Symptome
SymptomenwahlTendopathieMuss für eine akute Tendopathie verordnet werden, ist eine exakte Differenzierung der im Folgenden aufgeführten Faktoren sinnvoll. Bei chronischen Tendopathien verlieren diese Lokalsymptome für die Arzneiwahl an Bedeutung (Ausnahme: eines oder mehrere Symptome oder Symptomenkomplexe treten immer wieder in unveränderter Form auf).
  • Auslöser: z. B. Überanstrengung, seelische Belastungen. Diese sollten genau differenziert werden (z. B. Schreiben, Heben, Waschen, Trennungsproblematik, Berufsstress etc.).

  • Genaue Lokalisation und Erstreckung: nach distal oder proximal; abgrenzen, wie weit die Erstreckung reicht, wo sie verläuft, maximaler Schmerzpunkt.

  • Schmerzempfindung: z. B. reißend, brennend, quetschend.

  • Modalitäten sind oft ausschlaggebend für die Arzneiwahl, v. a. Bewegung, Ruhe, Temperatur und Wetter, bestimmte Zeiten der Verbesserung oder Verschlechterung, Anstrengung etc.

  • Andere Veränderungen, beispielsweise allgemeiner oder seelischer Natur sowie Begleitsymptome außerhalb des Einflussbereiches der erkrankten Struktur sind bei der lokalen Begrenztheit von Tendopathien eher selten eruierbar.

Miasmatische Zuordnung
Rezidivierende und chronische Tendopathien sind meist sykotischen oder pseudopsorischen Ursprungs.
Repertorium
RepertorisationTendopathieZusätzlich zu den diagnosebezogenen Hauptrubriken sollten Rubriken herangezogen werden, die die Lokalisation der Sehnenschmerzen abbilden. Meist sind diese Rubriken jedoch so klein, dass die Zahl der möglichen Heilmittel zu sehr eingeschränkt wird. Sie dienen eher dazu, dort evtl. ein passendes Mittel zu finden, das man sonst übersehen hätte.
Zu den meist prominenten Schmerzsymptomen und deren Modalitäten finden sich im Repertorium unzählige Rubriken im Kapitel „Extremitäten“ unter dem Stichwort „Schmerz“. Dabei ist es für die Verwendung der Rubrik nicht entscheidend, ob dem Repertoriumssymptom tatsächlich eine Tendopathie zugrunde liegt. Allein die möglichst genaue Übereinstimmung zwischen der Schilderung des Patienten und dem Wortlaut des Symptoms zählt. Die Repertorisation der Krankheitsursachen gelingt nur in den seltensten Fällen mithilfe der speziellen Rubriken des Kapitels „Extremitäten“. Es müssen i. d. R. die übergeordneten Rubriken der Kapitel „Psyche“ („Psyche – Beschwerden, durch – mit Unterrubriken“) und „Allgemeinsymptome“ („Allgemeines – Verletzungen – mit Unterrubriken“) in Betracht gezogen werden.

Diagnosebezogen Rubriken

Extremitäten – Entzündung – Sehnen
Allgemeines – Entzündung – Sehnen
Extremitäten – Entzündung – Unterschenkel – Achillessehne

Lokalisation

Extremitäten – Schmerz // Ansatzstellen der Sehnen // Handgelenk – Schreiben, beim // Handgelenk – Bewegung – amel.// stechend – Knie – Sehnen // reißend – Unterarm
Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung, Verlaufsbeurteilung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Für die Verlaufsbeurteilung bei chronischen Tendopathien gelten die allgemeinen Regeln der homöopathischen Konstitutionstherapie (7.3).
Prognose: Die Prognose ist i. d. R. sowohl bei akuten als auch bei chronischen bzw. chronisch rezidivierenden Tendopathien gut. Das Behandlungsziel ist immer die vollkommene und dauerhafte Beschwerdefreiheit des Patienten.
Unterstützende Maßnahmen
  • Behandlung des Stütz- und Bewegungsapparats: Physiotherapie, Osteopathie, Neuraltherapie, physikalischen Therapie und/oder Bewegungstherapie.

  • Unphysiologische Belastungen vermeiden.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihre Differenzierung

!!! Bry., Rhus-t.
! Arn., Hyper., Kali-c., Led., Mag-p., Ruta., Sang., Staph.

Das häufigste Mittel, besonders im Frühstadium, ist Rhus toxicodendron#Rhus toxicodendronTendopathie (fortgesetzte Bewegung und Wärme bessern). Ein Versuch mit z. B. mit Einmalgaben von C30, C200 oder auch D12, ein bis mehrmals täglich, lohnt allemal und löst bereits einen großen Teil der Fälle im Beginn. Häufig kann auch mit Bryonia (jede Bewegung verschlechtert) ein positives Ergebnis erzielt werden.
Causa
  • Tendopathien nach Überanstrengung: Rhus toxicodendron.

  • Im Fall eines speziellen Traumas kommen z. B. auch Arnica (stumpfes Weichteiltrauma), Hypericum (Verletzungen von Regionen mit starker Innervation), Staphisagria (Schnittverletzungen), Ruta (Verletzungen des Periosts, z. B. an Handgelenk, Schienbein oder Knöchel) infrage.

Lokalisation und Erstreckung
  • Im Bereich des Unterarms sind v. a. Ruta, Rhus toxicodendron oder Magnesium phosphoricum (Schmerzen des Handgelenkes und Krämpfe der Hände beim Schreiben) indiziert.

  • An der Schulter sind auch Sanguinaria (meist die rechte Schulter, schlechter nachts beim Drehen im Bett), Ferrum metallicum, Ferrum muriaticum (meist die rechte Schulter, nach Schulterverletzungen) oder Chelidonium majus angezeigt.

  • Bei Beschwerden am Knie eignen sich Rhus toxicodendron (besser durch Bewegung und Wärme), Ledum (besser durch kalte Anwendungen) oder Bryonia (deutliche Verschlechterung durch jegliche Bewegung).

Morbus Dupuytren

Dupuytren-Krankheit

Definition: Knoten- und Strangbildung der Palmaraponeurose mit zunehmender Beugekontraktur der Finger; Männer wesentlich häufiger als Frauen betroffen, Altersgipfel > 50. Lebensjahr. Ursache ist unklar, gehäuftes Vorkommen bei Leberzirrhose und Diabetes mellitus.

Symptomatik: zunehmende Einschränkung beim Strecken der Finger im Mittel- und Endgelenk, meist Klein- und Ringfinger zuerst betroffen. In fortgeschrittenen Stadien sind die Knoten und Stränge deutlich tastbar, der Patient ist durch die Funktionsausfälle der Hand erheblich behindert.

Therapeutische Strategie
Da die Dupuytren-Kontraktur häufig im fortgeschrittenen Alter auftritt, muss bei Patienten mit dieser Diagnose neben den häufigen Begleiterkrankungen Leberzirrhose und Diabetes mellitus auch mit anderen Erkrankungen (z. B. Herz-Kreislauf-Probleme wie KHK, Hypertonie) gerechnet werden, die tatsächlich meist im Fokus der Behandlung stehen, während der M. Dupuytren eher ein Nebenbefund bleibt.
Aus zwei Gründen sollte der M. Dupuytren bei der homöopathischen Behandlung aber berücksichtigt werden:
  • Bei der homöopathischen Symptomenauswahl stellt er ein charakteristisches Symptom dar, welches auf das passende konstitutionelle Arzneimittel hinweist.

  • Die Erkrankung ist durch homöopathische Medikamente in ihrer Dynamik durchaus zu beeinflussen, das Fortschreiten oder die Rezidivneigung nach Operationen kann unter Umständen gestoppt werden. Bei ausgeprägter Pathologie sollte allerdings nicht von einem Verschwinden der Verhärtungen und Knötchen ausgegangen werden (zur Wiederherstellung der Funktion muss gelegentlich auf handchirurgische Maßnahmen zurückgegriffen werden).

Homöopathische Behandlung
Bei der Behandlung der Dupuytren-KontrakturKontraktur, Dupuytrensche sollte immer konstitutionell verordnet werden (6.3).
Wahl der Symptome
Dabei sind die Arzneimittel der Rubrik Extremitäten – Kontraktion von Muskeln und Sehnen – Hände – Dupuytren-Kontraktur (Benzoicum acidum, Causticum, Lycopodium und Plumbum) besonders ins Auge zu fassen.
Miasmatische Zuordnung
Die Verhärtung der Handteller, der Fingersehnen und die Kontraktion von Muskeln und Sehnen der Handteller sind Lokalsymptome der Sykosis.
Repertorium
Repertorisation Morbus Duputryen

Extremitäten // Induration – Hände – Handflächen // Kontraktion der Muskeln und Sehnen – allgemein – Arme – Hände – Sehnen // Kontraktion der Muskeln und Sehnen – allgemein – Arme – Hände

Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Bei der ausschließlichen Behandlung der Dupuytren-Kontraktur sollte den Arzneimitteln (C30 und später höher) viel Zeit (deutlich über die Mindestwirkzeit hinaus) zum Nachwirken gegeben werden. Ansonsten entscheiden über die Beurteilung des Therapieverlaufs meist die Entwicklung anderer Symptome oder Erkrankungen des Patienten.

Bursitis

Bursitis

Definition: Schleimbeutelentzündung infolge einer Irritation (z. B. der Bursa praepatellaris bei Fliesenlegern), selten bei Infektionskrankheiten (z. B. Tuberkulose). Häufig betroffen sind die Schleimbeutel oberhalb der Kniescheibe, im Bereich der Schulter und des Ellbogens.

Symptomatik: Bei akuter Bursitis gerötete und überwärmte Haut über dem Schleimbeutel, starke Schmerzen. Tastbare prallelastische, evtl. fluktuierende (schwappende) Schwellung. Chronische Verlaufsform: keine akuten Entzündungszeichen, bei der Palpation Schwellung und evtl. Knistern.

Therapeutische Strategie
Die Bursitis kann hoch akut verlaufen aber auch chronisch, unterschwellig, mit Exazerbationen bei Belastung. Dementsprechend unterschiedlich fällt sowohl die schulmedizinische als auch die homöopathische Therapieplanung aus. Aus schulmedizinischer Sicht sind analgetische/antiphlogistische Maßnahmen angezeigt. Die notwendige Ruhigstellung erfolgt entsprechend den Beschwerden meist automatisch vonseiten des Patienten.
Aus homöopathischer Sicht kann sowohl die akute als auch die chronifizierte Schleimbeutelentzündung gut behandelt werden.
Homöopathische Behandlung
Akute Schleimbeutelentzündungen werden nach den Richtlinien der homöopathischen Akuttherapie behandelt (4.3). Die Symptomenauswahl beschränkt sich häufig auf die dominanten Symptome der Entzündung. Bei passender Arzneiwahl kann von einer schnellen Besserung ausgegangen werden. Chronische Bursitiden sind als Symptom der chronisch-konstitutionellen Erkrankung des Patienten zu betrachten (Ausnahme: durch andauernde Überbelastung bedingte Schleimbeutelentzündungen).
Wahl der Symptome
SymptomenwahlBursitisBei der chronischen Bursitis spielen die Symptome im Bereich der Schleimbeutel eine untergeordnete Rolle, es sei denn, sie sind besonders auffallend, charakteristisch (s. u.). Ansonsten wird nach der vollständigen Symptomatik des Patienten verschrieben.
Die akute Bursitis ist, wie viele anderen akuten Entzündungen, ein sehr einförmiges Krankheitsbild. Die Verschreibung erfolgt meist aufgrund weniger, bei akuten Entzündungen sehr üblicher Symptome. Deshalb ist es besonders wichtig, feine Unterschiede in der Symptomatik zu finden, die eine homöopathische Verschreibung sicherer machen. Auf folgende Umstände ist dabei besonders zu achten:
  • Auslöser: nach welchen Belastungen genau (z. B. Schlagtrauma, Überanstrengung) kam die Bursitis? Auch das Wetter (sehr kalt, regnerisch etc.) kann eine Rolle spielen.

  • Lokalisation: spielt eher eine untergeordnete Rolle (die Schleimbeutel sind, wo sie sind). Gleiches betrifft den Lokalbefund, der oft sehr einförmig ist, und deshalb nur in Ausnahmefällen für die Arzneiwahl hilfreich ist.

  • Erstreckung der Schmerzen: Wenn Schmerzerstreckungen vorhanden sind (beispielsweise nach distal oder proximal, wohin genau), können sie sehr hilfreich sein.

  • Schmerzempfindung: z. B. reißend, brennend, quetschend usw., wenn diese vom Patienten spontan und eindeutig geäußert werden.

  • Modalitäten der Schmerzen bzw. der fassbaren Symptome der Entzündung (Schwellung, Rötung, Überwärmung): oft ausschlaggebend für die Arzneiwahl, v. a. Bewegung und Ruhe, Temperatur bei lokalen Anwendungen, Zeiten der Verschlechterung, z. B. tagsüber oder nachts.

  • Begleitsymptome: Alle gleichzeitig mit der Bursitis aufgetretenen Symptome anderer Körperregionen oder Organsysteme (z. B. Fieber, Frost, Erkältung, Diarrhoe) und deren genaue Symptomatik können die Arzneiwahl entscheiden.

  • Stimmungslage und Verhalten: Wie bei allen akuten, schmerzhaften Erkrankungen mit starker Beeinträchtigung der Lebensqualität, können auch bei der Bursitis bestimmte psychische Reaktionen (z. B. Zorn, Weinen, abweisende Stimmung), sofern vorhanden, für die Arzneiwahl von Bedeutung sein.

Miasmatische Zuordnung
Die Schleimbeutelentzündung wird dem tuberkulinischen Miasma (Pseudopsora) zugeordnet.
Repertorium
RepertorisationBursitisDie diagnosebezogenen Rubriken können in der Akutsituation als richtungweisend für die infrage kommenden Arzneimittel gelten. Sollte die Symptomatik des Patienten durch ein Medikament gedeckt werden, das nicht in diesen Rubriken enthalten ist, sollte es trotzdem ohne Scheu verordnet werden. Letztlich kommen z. B. bei Bursitits praepatellaris fast alle Arzneimittel der Rubriken Extremitäten – Entzündung – Knie und Extremitäten – Schmerz – Knie als Heilmittel infrage. Bezüglich der Causa finden sich die besten Hinweise im Kapitel „Allgemeines“ unter dem Unterpunkt „Verletzungen“ und in den Unterrubriken des Kapitels „Extremitäten“ sowie unter „Allgemeines – Wetter“.
Die Schmerzcharakteristika, die Schmerzerstreckungen und die besonders wichtigen Schmerzmodalitäten müssen in den Repertoriumskapiteln der entsprechend erkrankten Region gesucht werden („Extremitäten – Schmerz – Ellenbogen“, „Extremitäten – Schmerz – Knie“ etc.). Im Folgenden werden für die Bursitis praepatellaris einige exemplarische, im Einzelfall evtl. wichtige Repertoriumsrubriken aufgeführt.

Diagnosebezogene Rubriken

Extremitäten – Entzündung // Knie – Schleimbeutel
Allgemeines – Entzündung // Schleimbeutel, der

Causa

Allgemeines – Verletzungen // Beschwerden durch – chronische // Erschütterung // Quetschungen // Überanstrengung, Überlastung, durch // Verrenkung // Weichteile, der
Extremitäten – Extremitäten – Schmerz – Knie // Wetter, bei nassem // Einwirkung von Kälte, bei
Allgemeines – Wetter – kaltes Wetter // trockenes, kaltes Wetter – agg. // nasses, kaltes Wetter – agg.

Erstreckungen

Extremitäten – Schmerz – Knie // erstreckt sich zu unten // erstreckt sich zu Füße // erstreckt sich – Hüfte
Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung, Verlaufsbeurteilung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
In akuten Fällen klingen die Beschwerden mit dem richtigen Arzneimittel meist rasch ab. Im Fall eines Rezidivs wird zunächst das Mittel wiederholt. Falls keine Besserung eintritt, ist wahrscheinlich ein wesentlicher Aspekt übersehen worden, d. h. der Fall muss noch einmal gründlicher aufgenommen werden. Falls es dem Patienten nach der Mittelgabe insgesamt oder bezüglich der Lokalsymptomatik schlechter geht, muss das Mittel gewechselt werden.
In chronischen Fällen kann es sein, dass ein Mittel die Lokalsymptome für eine begrenzte Zeit bessert, aber dann ein oder später mehrere andere Mittel folgen müssen. In diesen Fällen ist die Verlaufsbeurteilung der Bursitis im Zusammenhang mit dem Verlauf anderer Erkrankungen des Patienten zu sehen, und es ist durchaus möglich, dass ein positiver Behandlungsverlauf konstatiert werden kann, obwohl die speziellen Symptome der Bursitis zunächst persistieren (7.3).
Prognose: Akute Bursitiden reagieren sehr gut auf eine homöopathische Behandlung, sie klingen i. d. R. zügig ab. Auch in chronischen Fällen lässt sich oft Beschwerdefreiheit erreichen, jedoch meistens erst nach längerem Behandlungsverlauf.
Unterstützende Maßnahmen
  • Unphysiologische Belastungen vermeiden.

  • Äußere Anwendungen in Form von Salben, Umschlägen etc. sind aus Sicht der Homöopathie kontraindiziert, da sie die Symptomatik unterdrücken.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihre Differenzierung

! Apis, Arn., Bell., Bry., Calc-hp., Hep., Phyt., Rhus-t., Ruta, Slag., Sil., Stict.

Causa
  • Einer der Hauptauslöser für Bursitis ist ein Drucktrauma. Das Hauptmittel ist Arnica#ArnicaBursitis (Berührung verschlechtert, kalte Anwendungen bessern).

  • Bei Schleimbeutelentzündungen nach Überanstrengungen kommt hauptsächlich Rhus toxicodendron #Rhus toxicodendronBursitis(besser durch Bewegung und warme Anwendungen) infrage.

  • Ist Kälte, z. B. kaltes Wetter oder kalter Wind, der Auslöser, kann Hepar sulfuris #Hepar sulfurisBursitisheilend wirken (sehr starke Schmerzen, Wärme bessert), bei chronischen Prozessen mit diesem Auslöser kann auch Silicea angezeigt sein.

Lokalisation und Erstreckung
  • Bursitis des Knies: auch Calcium hypophosphorosum, Slag (Aluminiumsilikosulfokalzit, eine Hochofenschlacke), Ledum (kalte Anwendungen bessern), Sticta pulmonaria.

  • Bursitis der Schulter: Sanguinaria (mit nächtlicher Verschlechterung), Ferrum, Ferrum muriaticum (nach Verletzung) oder Chelidonium majus.

Für Bursitis des Ellenbogens sind keine speziellen Arzneimittel bekannt, die Auswahl muss ausschließlich nach den sonst eruierbaren Symptomen erfolgen.
Schmerzempfindung
Für bestimmte Arzneimittel sind spezielle Schmerzempfindungen besonders typisch, obwohl sie auch bei anderen Mitteln gefunden werden:
  • Arnica: wundschmerzhaftes Gefühl, wie zerschlagen.

  • Belladonna: pulsierende Schmerzen.

  • Apis, Bryonia und Hepar sulfuris: stechende Schmerzen. Bei Hepar sulfuris finden sich besonders heftige Schmerzen (mit Ärger über den Krankheitszustand).

  • Plötzliche, schießende Schmerzen, wie elektrische Schockwellen finden sich bei Phytolacca.

Modalitäten
Durch die Kenntnis der Modalitäten kommt man dem passenden Arzneimittel häufig sehr nahe. Folgende Modalitäten sind für die jeweiligen Arzneimittel besonders charakteristisch:
  • Wärme amel.: Rhus toxicodendron, Hepar sulfuris, Silicea.

  • Kälte amel.: Apis, Arnica.

  • Bewegung amel.: Rhus toxicodendron.

  • Bewegung agg.: Arnica, Bryonia, Phytolacca (muss sich trotzdem bewegen).

  • Kaltes und/oder feuchtkaltes Wetter agg.: Phytolacca, Rhus toxicodendron.

  • Berührung agg.: Arnica (sogar das Kissen ist zu hart).

  • Erschütterung agg.: Arnica, Belladonna.

Lokalbefund
Obwohl der sicht- und tastbare Befund bei Bursitis häufig uniform ist und deshalb selten richtungweisend für die Arzneimittelfindung ist, haben sich folgende Arzneimittel bei den geschilderten Lokalbefunden besonders bewährt:
  • Apis: ödematöse, wassersüchtige, eher hellrote Schwellung.

  • Belladonna: rote, sehr heiße Schwellung.

  • Sticta pulmonaria: rote, heiße Flecke auf dem betroffenen Gelenk.

Ganglion

Ganglion

Definition: Häufige, gutartige Geschwulst der Hand, bevorzugt am Handrücken über dem Mondbein; betrifft Frauen häufiger als Männer, Altersgipfel 20.–30. Lj.

Symptomatik: Sehr unterschiedlich, während einigen Patienten nur eine prallelastische Vorwölbung des Handrückens auffällt, haben andere heftige belastungsabhängige Schmerzen und evtl. Sensibilitätsstörungen infolge Nervenkompression.

Therapeutische Strategie und homöopathische Behandlung
Ganglien kommen in der homöopathischen Praxis am häufigsten als Nebenbefund bei der Behandlung anderer Erkrankungen vor. Nur selten ist das Ganglion bzw. sind die Ganglien zentraler Gegenstand der homöopathischen Therapie.
Im Sinne der homöopathischen Krankheitslehre stellen Ganglien Symptome einer chronischen Erkrankung (= miasmatischen Belastung, 3.6) dar. Dementsprechend sollten Ganglien nach den Richtlinien der konstitutionellen Therapie betrachtet und behandelt werden (4.3).
Bei der Auswahl eines passenden homöopathischen Konstitutionsmittels gelten Ganglien als Lokalsymptom und haben für die Arzneimittelwahl eher eine untergeordnete Bedeutung. Je mehr Ganglien ein Patient hat, desto höherwertig können sie im Sinne einer charakteristischen, individuellen Lebensäußerung des Organismus als Symptom für die Arzneimittelfindung eingestuft werden. Dasselbe gilt für den Fall, dass Ganglien nach der operativen Entfernung wieder aufgetreten sind.
Wahl der Symptome
Das Ganglion an sich kann bei frischem Auftreten als Hauptsymptom verwendet werden, andernfalls immerhin als zusätzliches Merkmal der Konstitution. Falls subjektive Beschwerden und Modalitäten berichtet werden, werden sie wichtig.
Miasmatische Zuordnung
Ganglien sind sykotischen oder pseudopsorischen Ursprungs.
Repertorium
RepertorisationGanglionIm Repertorium finden sich zwei Rubriken zum Thema „Ganglion“: Extremitäten – Ganglion und Allgemeines – Tumoren – Ganglion. Auch die Rubriken Extremitäten – Überbein – Arme – Handgelenke und Extremitäten – Überbein – Arme – Handrücken enthalten nicht selten sehr gute Hinweise auf das Konstitutionsmittel.
Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Wenn subjektive Beschwerden, auch anderer Organe, vorliegen, müssen sich diese vorrangig bessern. Andernfalls kann – neben dem Ganglion selbst – z. B. Schlaf, Appetit, Menstruation beobachtet werden, denn diese Symptome werden zuerst und deutlicher reagieren. Sollten sich auch hier keine Änderungen zeigen, wird das Mittel gewechselt bzw. gründlicher und individuell verordnet, nachdem das Verordnen nach „bewährter Indikation“ nicht zum Erfolg geführt hat.
Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihrer Differenzierung
Arzneimittel, die bei der Behandlung von Ganglien in Betracht gezogen werden müssen, haben hauptsächlich einen Bezug zum Bewegungsapparat, insbesondere zu den Sehnen und Sehnenscheiden: Arnica, Calcarea carbonica, Calcium fluoricum, Calcium phosphoricum, Phosphorus, Rhus toxicodendron, Ruta, Silicea.
Aber auch andere tief wirkende Arzneimittel sind bei Patienten mit Ganglien indiziert, z. B. Aurum muriaticum, Benzoicum acidum, Hepar sulfuris, Iodium, Thuja, Zincum u. v. a. m.
Ganglien bzw. deren Verschwinden sollten nie zum zentralen Therapieziel erklärt werden, denn je länger sie bisher bestanden haben, desto unwahrscheinlicher ist ihr Verschwinden, selbst bei bester homöopathischer Konstitutionstherapie. Nur bei erst kürzlich entstandenen Ganglien kann im Therapieverlauf von einer Heilung ausgegangen werden.

Fibromyalgie-Syndrom

Fibromyalgie-Syndrom

Definition: generalisierte Tendomyopathie, generalisierte, mechanisch nicht erklärbare Schmerzsymptomatik der Sehnenansätze und Muskeln mit uncharakteristischen, schmerzhaften Druckpunkten, vegetativen Störungen und psychosomatischem Hintergrund. Vom Fibromyalgie-Syndrom sind zu 80 % Frauen betroffen, es tritt typischerweise zwischen dem 20.–50. Lebensjahr auf. Die Ursache ist unklar.

Symptomatik: Druckschmerzhafte Muskeln und Sehnenansätze (sog. tender points), Morgensteifigkeit, allgemeine Abgeschlagenheit, Müdigkeit und Schlafstörungen. Die Beschwerden verstärken sich durch körperliche Überlastung, aber auch völlige Ruhe sowie durch Stress und Kälte. Laborwerte wie BSG, Rheumafaktor und antinukleäre Antikörper sind im Normbereich.

Therapeutische Strategie
Die Fibromyalgie verläuft chronisch gleich bleibend, wie eine dauerhafte Fehljustierung der Schmerzempfindlichkeit auf kinästhetische Reize. Abgesehen von einer depressiven Stimmungslage treten keine weiteren Komplikationen auf. Das Beheben der Schmerzfehlregulation kann jedoch günstigstenfalls innerhalb von Tagen erfolgen. Die kausale Behandlung durch das passende Mittel schlägt also schneller an als alle palliativen Maßnahmen. Mangels anderer effektiver Behandlungsverfahren wird die Fibromyalgie oft rein homöopathisch behandelt, oder in Kombination mit allerlei physiotherapeutischen und/oder psychotherapeutischen Ansätzen. Die Behandlung erfordert vom homöopathischen Arzt nicht nur viel Erfahrung und sorgfältiges Vorgehen, sondern auch Mut zu unkonventionellen Verordnungen.
Homöopathische Behandlung
Gerade bei der Fibromyalgie bewährt sich der berühmte Organonparagraph § 153: Mit Standardverordnungen aufgrund der Diagnose oder typischer Beschwerden ist kaum etwas zu erreichen, wogegen mutige Verordnungen nach wenigen kleinen Rubriken aufgrund individueller einmaliger Besonderheiten oft verblüffend rasche Heilungen herbeiführen. Auch nach jahrzehntelangem Verlauf sind noch rasche Heilungen möglich. Erfahrungsgemäß gibt es kaum stadienartige Besserungen oder palliative Einflussmöglichkeiten, sondern nur Heilungen mit dem (endlich) richtigen Mittel oder keine Reaktion.
Wahl der Symptome
Die Symptome der Fibromyalgie selbst sind selten ausschlaggebend. Letztlich sind diejenigen Symptome für das Mittel wahlanzeigend, die besonders charakteristisch und eigenheitlich sind:
  • Lokalisation: falls sie ungewöhnlich und eindeutig ist.

  • Schmerzempfindung: wichtig, weil sie von den Betroffenen oft originell beschrieben wird, z. B. nagendes Tier, Reibeisen, Abtrennung von Körperteilen usw.

  • Erstreckung: falls auffallend.

  • Auslöser: falls vorhanden, sollte unbedingt berücksichtigt werden.

  • Modalitäten: die „eigenheitlichste“ Modalität der Hauptbeschwerde ist oft der Schlüssel zur Lösung des Falles, z. B. Besserung durch Kopfstand, durch Essen roher Kartoffeln usw.

  • Begleitsymptome: alle gleichzeitig bestehenden Beschwerden müssen erfragt und mitberücksichtigt werden.

  • Lebensmittelverlangen und -abneigungen, Schlaf und Periode: sollten immer erfasst werden, besonders wenn sie Einfluss auf die Beschwerden nehmen. Alle Lebensbereiche sollen abgefragt werden, um Eigenheiten zu sammeln.

  • Stimmungslage und Verhalten: sollen immer beobachtet und ggf. erfragt werden, auch wenn es sich um ein rein somatisches Geschehen handelt.

  • Begleitsymptome: Krankheiten und Symptome, die scheinbar nicht zur Fibromyalgie gehören, können wichtige Anhaltspunkte liefern, auch wenn sie für sich nicht krankhaft sind.

Repertorium

Gemüt – empfindlich, überempfindlich; allgemein – schmerzempfindlich (136): Acon., Cham., Coff., Hep., Aur., Ign.

Haut – Schmerz, schmerzhafte Empfindungen – Berührung, bei (48): Canth., Asaf., Psor., Ferr., Hep. …

Allgemeines – Schmerz, Schmerzen im Allgemeinen – Berührung – agg. (435) Act-s., Cast-e., Til., Plan., Croto., Chin-s., Ran-b., Hep., Caps., Chin.

Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung, Verlaufsbeurteilung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Es geht hier meist um ein Alles oder Nichts. Zunächst widersetzt sich die Fibromyalgie hartnäckig allen Behandlungsversuchen bzw. die Linderungen sind auf physikalische und psychotherapeutische Behandlung zurückzuführen. Wenn aber das entscheidende Mittel gefunden wurde, tritt eine rasche Beschwerdefreiheit ein. Es lohnt sich also trotz eventueller Therapieversager immer wieder neue Mittel zu wagen, bis schließlich das richtige gefunden ist. Wenn im Therapieverlauf weitere Mittel erforderlich sind, kann sich so eine Situation u. U. wiederholen.
Prognose: Bei Fibromyalgie sind sehr gute Behandlungsergebnisse möglich. Unabhängig von der Krankheitsdauer gelingt oft die Ausheilung, sorgfältige Verordnung vorausgesetzt.
Unterstützende Maßnahmen
  • Antiinflammatorische Ernährungstherapie (vegetarisch, vollwertig, Fastenphase) ist generell bei Rheuma sehr wichtig. Da die Fibromyalgie keine Entzündung ist, sind die Effekte nicht so eindeutig.

  • Behandlung des Stütz- und Bewegungsapparats: Physiotherapie, Osteopathie, physikalischen Therapie und/oder Bewegungstherapie.

  • Psychotherapie sollte eigentlich kausal heilen, kann aber das somatische Geschehen u. U. nicht ausreichend beeinflussen.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihrer Differenzierung
Die Vielfalt der erforderlichen – gerade auch der weniger bekannten – Mittel ist so groß, dass es kaum sinnvoll ist, Hauptmittel zu nennen. Auch die entscheidenden Hinweise auf die jeweils angezeigten Arzneimittel können sehr vielfältig sein und sind kaum auf vorgegebenen Bahnen zu finden. Die folgenden Angaben sollen als Anhaltspunkte dienen.
Schmerzempfindung
Die „skurrilen“ Schmerzbeschreibungen sind für die Fibromyalgie kennzeichnend. Sie liefern oft den entscheidenden Hinweis auf das erforderliche Mittel, was aber u. U. eine gründliche Suche in Repertorium und Materia medica erfordert, z. B. Raspeln am Knochen (Phosphoricum acidum), Abtrennung betroffener Körperteile (Baptisia oder Pyrogenium), Empfindung von etwas Lebendigem im Körper (z. B. Thuja oder Crocus).
Causa
Als Auslöser der Fibromyalgie kommen v. a. biographische Ereignisse in Frage, gerade auch wenn der Zusammenhang kausal nicht erklärbar ist, z. B. Folge eines freudigen Ereignisses – hier können Coffea, Opium, Pediculus capitis u. a. angezeigt sein.
Modalitäten
Es ist wichtig, auch die absurdesten Angaben der Patientinnen ernst zu nehmen. Unerträglichkeit von Berührung (China u. a.) ist verwendbar, sogar eine Besserung der Beschwerden durch Kopfstand (Tanacetum). Je unglaublicher und „absurder“ die Symptome sind, desto eher eignen sie sich zur Verordnung, vorausgesetzt, sie lassen sich in Repertorium oder Arzneimittellehre abbilden.
Vegetativum
Vor allem als Modalitäten, aber auch als Symptom für sich allein, können die Informationen wahlanzeigend sein: So verweist z. B. die Schlaflage mit gekreuzten Beinen auf Rhododendron, das auf dem Rückenliegen mit gefalteten Händen auf Pulsatilla, und das Liegen mit nur einem angezogenen Bein auf Stannum.
Stimmungslage und Verhalten
Unter den psychischen Symptomen eignen sich insbesondere das Selbstbild und die Interpretation der Krankheit durch die Patientin als mittelweisend. So denkt z. B. Kalium bromatum, die Krankheit sei eine Strafe Gottes, Arsenicum album hat – wenn auch nur als flüchtigen Gedanken – den Wunsch, sich töten zu lassen.

Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Rheumatoide Arthritis

Polyarthritis, chronische

Definition: (Progredient) chronische Polyarthritis, cP, pcP. Chronisch-entzündliche, oft in Schüben verlaufende Erkrankung des Binde-, Stütz- und Muskelgewebes mit Manifestation v. a. an der Gelenkinnenhaut (Synovialis) und an gelenknahen Strukturen (z. B. Schleimbeuteln); häufigste (ca. 1 % der Bevölkerung) und bekannteste der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, betrifft Frauen dreimal häufiger als Männer, Altersgipfel 40. Lj. Ursachen sind unbekannt (Virusinfekte?). Familiär gehäuftes Auftreten der Erkrankung weist auf eine genetische Komponente hin. Zunächst sind meist die Handgelenke sowie die Fingergrund- und Fingermittelgelenke betroffen. Später treten größere Gelenke und evtl. auch die Wirbelsäule hinzu. Charakteristisch ist häufig ein symmetrischer Befall der Gelenke beider Körperhälften.

Symptomatik: Typischerweise Morgensteifigkeit der betroffenen Gelenke über mind. 1 h. Die Gelenke sind geschwollen, überwärmt, druckschmerzhaft (Händedruck bei der Begrüßung) und schmerzhaft bewegungseingeschränkt. Die Gelenkkonturen sind durch Erguss und Weichteilschwellung verstrichen. Den Gelenksymptomen können uncharakteristische Vorboten wie Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Abgeschlagenheit und vegetative Symptome (starkes Schwitzen) vorangehen.

Therapeutische Strategie
Der starke Leidensdruck kann bei den Patienten zur Einnahme nicht unerheblicher Mengen antiphlogistischer/antipyretischer Medikamente führen, nicht selten auch zur Langzeiteinnahme von Basistherapeutika (z. B. Immunsuppressiva), meist schon lange vor Beginn der homöopathischen Behandlung.
Zu Beginn der homöopathischen Behandlung muss, auch wegen der Gefahr einer möglichen Verschlechterung durch das Absetzen der allopathischen Therapie (insbesondere von Steroiden), die schulmedizinische Therapie anfangs häufig belassen werden, bis sie durch Beschwerdebesserung entbehrlich wird.
Homöopathische Behandlung
Die homöopathische Behandlung der chronischen Polyarthritis wird immer konstitutionell durchgeführt (4.3). Es muss eine sorgfältige Anamnese erfolgen, die sowohl die aktuellen Symptome als auch die gesamte Krankengeschichte des Patienten beinhaltet. Abhängig von der Schwere der Akutsymptomatik und vom bisherigen Krankheitsverlauf wird ein passendes Arzneimittel verabreicht. Welche Potenzstufe zum Einsatz kommt, wie häufig diese wiederholt wird und mit welchen Reaktionen zu rechnen ist, hängt von mehreren Faktoren ab:
  • Bisherige Erkrankungsdauer.

  • Bisheriger Erkrankungsverlauf (leicht, schwer).

  • Ausmaß der Gelenkzerstörung.

  • Reaktionsfähigkeit des Organismus.

  • Art, Dosis und Einnahmedauer allopathischer Medikamente.

Entscheidend für eine langfristig erfolgreiche Therapie der rheumatoiden Arthritis ist die Erkenntnis, dass bei subjektiver Beschwerdefreiheit und objektivem Abklingen der Entzündung (Lokalbefund, Blutparameter) häufig eine längere Phase der Nachbehandlung notwendig ist (u. U. mehrere Jahre), bevor von einer echten Ausheilung der Erkrankung ausgegangen werden kann.
Anmerkung: wegen der Überschneidungen in der Symptomatik gelten die im Folgenden geschilderten Überlegungen auch für die Arzneiwahl und Behandlung von anderen Arthritiden, unabhängig von deren Causa oder Dignität (z. B. Psoriasisarthritis, Gelenkentzündungen bei kindlichem Rheuma etc.).
Wahl der Symptome
SymptomenwahlArthritis, rheumatoideGerade bei der rheumatoiden Arthritis bewährt sich die Regel, nach sonderlichen und eigenheitlichen Individualsymptomen zu verordnen (Organon, § 153): Mit Standardverordnungen aufgrund der Diagnose oder typischer Beschwerden ist kaum etwas zu erreichen. Dagegen führen sowohl Verordnungen nach den Gesetzen der konstitutionell-homöopathischen Therapie (6.3) als auch ausgefallene Verordnungen aufgrund individueller einmaliger Besonderheiten des vorliegenden Erkrankungsfalles oft eine verblüffend rasche Heilung herbei. Dabei ist zu beachten, dass bei milden Erkrankungsverläufen von kurzer Dauer häufig viele Symptome auch außerhalb der rheumatischen Erkrankung eruierbar sind.
In fortgeschrittenen Fällen treten andere Symptome des Patienten oft in den Hintergrund und es zeigen sich nur noch die wenigen und heftigen Lokalsymptome der rheumatoiden Arthritis (= einseitige Erkrankung, 4.3.3). Die Symptome der rheumatoiden Arthritis selbst sind eher selten ausschlaggebend für die konstitutionell-homöopathische Arzneiwahl.
Die im Folgenden geschilderten Lokalsymptome können jedoch in bestimmten Fällen hilfreich sein, das passende Arzneimittel zu finden.
  • Genaue Lokalisation können sowohl bei Monarthritiden als auch bei Polyarthritiden hilfreich für die Arzneifindung sein, v. a., wenn sie unter bestimmten Aspekten auffallend erscheinen (z. B. nur Gelenke der rechten Körperhälfte betroffen, Gelenke der rechten oberen und linken unteren Körperhälfte betroffen, wandernde Gelenkaffektionen).

  • Die Schmerzempfindungen werden wichtig, wenn sie eindeutig und ungewöhnlich beschrieben werden, z. B. wie ein nagendes Tier, wie ein Reibeisen, Abtrennungsgefühl von Körperteilen usw.

  • Erstreckung: Unter diesen Punkt fallen sowohl die subjektiv empfundenen Schmerzerstreckungen (z. B. vom Knie zum Fuß, von der Schulter zur Hand) als auch die Verläufe der Entzündung (z. B. erst das rechte Knie, dann das linke).

  • Auslöser, falls vorhanden, sollten unbedingt berücksichtigt werden. Dabei sind sowohl die Auslöser einer akuten Verschlechterung der Entzündungssymptomatik (z. B. kaltes Wetter, Baden, Überanstrengung) als auch die kausalen Auslöser der Erkrankung an sich (z. B. Kummer, seelische Schocksituationen, Überarbeitung) zu berücksichtigen.

  • Modalitäten der Lokalsymptome sind dann ausschlaggebend, wenn sie ungewöhnlich sind. Die unglaublichste Modalität der Hauptbeschwerde ist oft der Schlüssel zur Lösung des Falles, z. B. Zunahme der Gelenkschmerzen bei geistiger Anstrengung oder beim Stuhlgang.

  • Begleitsymptome: Alle gleichzeitig bestehenden Beschwerden müssen erfragt und mitberücksichtigt werden, dabei sind besonders jene Begleitsymptome wertvoll, die sich mit Auftreten der cP eingestellt oder verändert haben (z. B. Hautausschläge, Herzprobleme).

  • Lokale Veränderungen können die Arzneiwahl, wenn sie auffallend sind, durchaus beeinflussen (z. B. bläuliche Schwellung der Gelenke, weiße Gelenkschwellung, Deformierungen).

  • Lebensmittelverlangen und -abneigungen, Schlaf und Periode und deren Veränderungen sollten immer erfasst werden, besonders wenn sie Einfluss auf die Beschwerden nehmen bzw. sich mit Erkrankungseintritt verändert haben. Alle Lebensbereiche sollen erfragt werden.

  • Stimmungslage und Verhalten sollten immer beobachtet und gegebenenfalls erfragt werden, da gerade Veränderungen in diesem Bereich wahlanzeigend sein können.

Miasmatische Zuordnung
Die rheumatoide Arthritis (Arthritis deformans) ist sykotischen oder syphilitischen Ursprungs. Da die rheumatologischen Erkrankungen eine große Bandbreite an Symptomatik und Heftigkeit aufweisen, empfiehlt es sich, zur miasmatischen Analyse immer auch weitere Symptome in die Betrachtung einzubeziehen. Miasmatisch auffällig sind u. a. folgende Symptome:
  • Synovitis: tuberkulinisches Miasma (Pseudopsora).

  • Steifheit von Gelenken: psorisches Miasma.

  • Ungeschicklichkeit, lässt Gegenstände fallen: tuberkulinisches Miasma (Pseudopsora)

  • Wandernde Schmerzen: sykotisches Miasma.

  • Verschlimmerung der Gelenkschmerzen bei Wetterwechsel: syphilitisches Miasma.

Repertorium
RepertorisationArthritis, rheumatoideDas Repertorium bietet einige Hinweise auf die rheumatoide Arthritis. Die Hauptrubrik findet sich im Kapitel „Allgemeines“ unter Entzündung – Gelenke – rheumatoide Arthritis. Weitere Rubriken finden sich im Kapitel „Extremitäten“ bei Schmerz – Gelenke – rheumatisch. Zusätzlich finden sich für die meisten Lokalisationen (z. B. Knie, Finger) ebenfalls die Unterrubriken „rheumatische Schmerzen“. Diese Rubriken geben einen Überblick über die Anzahl der möglichen Arzneimittel, sind aber zur genauen Arzneidiagnose nur bedingt hilfreich. Vorsichtig sollte man der Verwendung sehr kleiner Rubriken sein, welche die vorliegende Erkrankung genau beschreiben, aber zu klein und damit zu selektiv sind (z. B. „Extremitäten – Entzündung – Finger – Gelenke – rheumatisch“ mit nur einem Medikament).
Einen guten Überblick bieten auch diejenigen Rubriken, die den entsprechenden Lokalbefund beschreiben (z. B. „Extremitäten – Schwellung – Gelenke“). Entsprechend der Systematik des Repertoriums finden sich die jeweils betroffenen Gelenke im Kapitel „Extremitäten“ unter den Stichworten „Entzündung“ und „Schmerz“.
Im Kapitel „Extremitäten“ unter dem Stichwort „Schmerzen“ finden sich neben den häufig geschilderten Empfindungen (z. B. stechend, ziehend, drückend) auch einige auffallende, ungewöhnliche Schmerzcharakterisierungen. Auffallende Schmerzerstreckungen finden sich der Logik des Repertoriums folgend im Kapitel „Extremitäten“.
Auffallende Modalitäten können wahlanzeigend für das entsprechende Arzneimittel sein. Die Umstände der Verbesserung oder Verschlechterung finden sich dabei der Systematik des Repertoriums folgend in den Unterrubriken des Abschnitts „Extremitäten – Schmerz“.
Auffallende Modalitäten können wahlanzeigend für das entsprechende Arzneimittel sein. Die Umstände der Verbesserung oder Verschlechterung finden sich dabei der Systematik des Repertoriums folgend in Unterrubriken des Abschnitts „Extremitäten – Schmerz“.
Spezielle Befunde, die das Lokalleiden genau beschreiben oder es in einer Form als ungewöhnlich charakterisieren, finden sich im Kapitel „Extremitäten“ bei den Unterpunkten „Schwellung“, „Farbe“ und „Entzündung“. Im Allgemeinen sind sie, bis auf einige Ausnahmen, nicht sonderlich hilfreich (da pathognomonisch für die Erkrankung) für die Arzneifindung. Bestehen bereits typische Gelenkdeformierungen der Finger, können diese im Kapitel „Extremitäten“ unter dem Stichwort „Verformung – Finger bzw. Hände“ repertorisiert werden.

Lokalisation

Extremitäten – Entzündung // Zehen – Gelenke der Zehen // Finger – Gelenke der Finger
Extremitäten – Schmerz // Knie – links – dann rechts // Gelenke rechts

Schmerzsymptomatik

Extremitäten – Schmerz // fressend (z. B. Hände) // Nagel, wie von einem – im Kniegelenk // nagend (z. B. Gelenke) // schraubend (z. B. Hüfte) // stechend – Knie – erstreckt sich zu – Hüfte
Extremitäten – Schmerz // Hüfte – erstreckt sich zu – Knie // Finger – erstreckt sich zu Schulter

Causa, Auslöser

Gemüt – Beschwerden durch // Kummer // Enttäuschung
Extremitäten – Schmerz // Gelenke – Essen, nach dem // Knie – Stuhlgang, nach // Knie – Reiben amel.

Lokalbefund

Schwellung – Gelenke // bläulich // ödematös // weiß
Dosierung, Verlaufsbeurteilung, Prognose
Zur Dosierung, Verlaufsbeurteilung 6.2, 6.3, 6.4, 6.5.
Bei der rheumatoiden Arthritis sind besonders im Frühstadium geradezu „Wunderheilungen“ möglich. Wenn die rheumatoide Arthritis bereits etliche Jahre oder Jahrzehnte besteht, ist sie im Sinne einer Heilung oft kaum noch beeinflussbar. Letztlich kann aber auch in diesen Fällen eine deutliche Verminderung der Beschwerden, eine Verringerung der allopathischen Zusatzmedikation und damit eine verbesserte Lebensqualität des Patienten erreicht werden. Gelenkdeformationen im Spätstadium der rheumatoiden Arthritis bleiben selbst bei positiven Behandlungsverläufen unbeeinflusst.
Besonders sicher sind – sofern das individuelle Mittel gefunden wurde – die Erfolge bei kindlichem Rheuma und bei Psoriasis-Arthritis.
Unterstützende Maßnahmen
  • Antiinflammatorische ErnährungstherapieErnährungArthritis, rheumatoide ist akut (Fasten) ähnlich wirksam wie ein Cortisonstoß und langfristig essentiell wichtig. Die erforderliche vegetarische und vollwertige Ernährung wird neuerdings auch medikamentös simuliert mittels Omega-3-Fettsäuren und Vitamin E. Wichtiger ist jedoch, die Arachidonsäure zu meiden. Besonders Schweinefleisch kann Rheumaschübe auslösen (und lässt sich sogar als Expositionstest einsetzen).

  • Behandlung des Stütz- und Bewegungsapparats: Physiotherapie, Osteopathie, physikalischen Therapie und/oder Bewegungstherapie.

  • Psychosozialen Hintergrund bearbeiten, falls er eine Rolle spielt. Die rheumatoide Arthritis wird zu den Krankheiten mit psychosomatischem Hintergrund gezählt.

Wichtige homöopathische Arzneimittel und ihre Differenzierung
Die Vielfalt der infrage kommenden – gerade auch unbekannteren – Mittel ist so groß, dass es nicht möglich ist, die Differenzierung der „Hauptmittel“ auch nur annähernd praktikabel vorzunehmen. Fast jedes „Polychrest“ und auch die meisten „kleinen Medikamente“ können eine rheumatoide Arthritis positiv beeinflussen oder heilen. Trotzdem sollen im folgenden Abschnitt ohne Anspruch auf Vollständigkeit einige wichtige Indikationen und Differenzierungen aufgeführt werden.
Lokalisation und Erstreckung
Die Monarthritis eines Knies ist typisch für das Krankheitsbild der Gonorrhoe und somit für das sykotische Miasma (3.4.2). Deshalb ist Medorrhinum#MedorrhinumMonarthritis ein mögliches Heilmittel (z. B. mit urogenitalen Infektionen oder warzenartigen Auswüchsen in der Anamnese), das auch bei kindlichem Rheuma öfter in Betracht kommt. Häufig indiziert bei Monarthritiden des Knies sind auch Kalium carbonicum #Kalium carbonicumMonarthritis(mit Verschlechterung zwischen 2 und 4 Uhr nachts) und Bryonia #BryoniaMonarthritis(schlechter durch Bewegung, besser durch Druck). Entzündungen der Handgelenke sind z. B. typisch für Causticum. Als besonders passend für Entzündungen der kleinen Gelenke haben sich unter anderem Ledum und Caulophyllum erwiesen.
Außerdem kommen folgende Mittel infrage:
  • Gelenkrheumatismus: Aconitum, Pulsatilla, Mercurius solubilis, Colchicum, Bryonia, Belladonna, Arsenicum album, China, Sulfur.

  • Große Muskeln des Rumpfs, der Brust und des Rückens: Arnica, Arsenicum album, Mercurius solubilis, Nux vomica, Rhus toxicodendron.

  • Rheumatischer Nackenschmerz: Belladonna, Bryonia, Kalium carbonicum, Lycopodium, Mercurius solubilis, Arsenicum album, Causticum, Pulsatilla.

  • Hände und Finger: Calcarea carbonica, Caulophyllum, Causticum, Lycopodium, Arsenicum album, Bryonia.

  • Hüfte und Hüftgelenk (Coxagra): Colocynthis, Mercurius solubilis, Rhus toxicodendron, Calcarea carbonica, Arsenicum album, Belladonna, Lycopodium, Sulfur, Carbo vegetabilis, Nux vomica, Pulsatilla.

  • Knie (Gonagra): Causticum, Lycopodium, China, Bryonia, Calcarea carbonica, Sulfur, Rhus toxicodendron, Causticum.

  • Fußgelenk oder Zehen (Podagra): China, Aconitum, Lycopodium, Causticum, Nux vomica, Bryonia, Sulfur, Calcarea carbonica.

Schmerzempfindung
Neben den typischen Schmerzempfindungen wie „stechend“ (z. B. bei Kalium carbonicum oder Bryonia), „brennend“ (Phosphorus, Sulfur, Arsenicum album) oder „wundschmerzhaft“ (z. B. Arnica) sind es die sonderlichen und eigenheitlichen Schmerzbeschreibungen, die auf das passende Mitteln weisen:
  • Raspeln am Knochen: Phosphoricum acidum.

  • Abtrennung betroffener Körperteile: Baptisia oder Pyrogenium.

  • Etwas Lebendiges im Körper: Thuja oder Crocus.

  • Pulsierende Schmerzen: Belladonna.

  • Schmerzen wie durch einen elektrischen Schlag: Argentum metallicum.

  • Kälteempfindung im erkrankten Gelenk: Ledum.

Weitere Rubriken mit dem Thema „Schmerz“:
  • Brennende Schmerzen: Arsenicum album, Causticum, Mercurius solubilis, Belladonna, Bryonia, Rhus toxicodendron.

  • Bohrende Schmerzen: Calcarea carbonica, Mercurius solubilis, Pulsatilla.

  • Drückende Schmerzen: Nux vomica, Bryonia, Arsenicum album, Arnica, Belladonna, China, Calcarea carbonica.

  • Schneidende Schmerzen: Arnica, Belladonna, Colocynthis, Phosphorus, Calcarea carbonica, Rhus toxicodendron, Lycopodium.

  • Stechende Schmerzen: Aconitum, Bryonia, Lycopodium, Colocynthis, Mercurius solubilis, Rhus toxicodendron, Thuja, Calcarea carbonica.

  • Schmerz, wie verrenkt oder verstaucht: Arnica, Rhus toxicodendron, Bryonia, Calcarea carbonica, Causticum, Pulsatilla, Sulfur; spannende Schmerzen: Bryonia, Rhus toxicodendron, Lycopodium, Causticum, Phosphorus, Sulfur; wandernde, die Stelle wechselnde Schmerzen: Pulsatilla, Rhus toxicodendron, Bryonia, Colchicum, Sulfur, Arnica, China.

  • Klopfende, pulsierende Schmerzen: Aconitum, Belladonna, Mercurius solubilis, Chamomilla, Ferrum metallicum, Pulsatilla, Rhus toxicodendron.

  • Gefühl wie zerschlagen oder zerquetscht: Arnica, Veratrum album, China, Aconitum, Bryonia, Calcarea carbonica, Rhus toxicodendron, Nux vomica.

  • Eingeschlafenheitsgefühl und Kribbeln: Nux vomica, Rhus toxicodendron, China, Lycopodium, Arnica, Pulsatilla, Sulfur; Taubheitsgefühl, Taubheit der Teile wie abgestorben: Bryonia, Chamomilla, Nux vomica, Rhus toxicodendron, Pulsatilla, Lycopodium, Thuja, China, Sulfur.

  • Schmerzhaftes (reißendes, ziehendes, stechendes) Rucken und Zucken im leidenden Teil: Pulsatilla, Colocynthis, Rhus toxicodendron, Belladonna, China, Colchicum, Calcarea carbonica, Nux vomica.

  • Zusammenziehende Schmerzen: Belladonna, China, Nux vomica, Calcarea carbonica, Rhus toxicodendron, Pulsatilla, Sulfur.

Causa
Als Auslöser der chronischen Polyarthritis kommen biographische Ereignisse infrage. Die Folge eines freudigen Ereignisses kann z. B. auf Coffea und Opium hinweisen, Kummer als Causa deutet auf Natrium muriaticum, Überarbeitung mit lang anhaltendem Schlafmangel auf Nux vomica oder Cocculus, Rheuma als Folge von körperlichen Verletzungen oder lang anhaltender Überanstrengung indizieren Arnica und Rhus toxicodendron.
Modalitäten
Die typischen Modalitäten wie Morgensteifigkeit, Besserung durch warme Anwendungen, Verschlechterung bei nasskaltem Wetter etc. weisen meist auf Rhus toxicodendron, sind aber wegen ihres häufigen Vorkommens im homöopathischen Sinn nicht individualisierend. Weiterführend sind eher die entgegengesetzten Modalitäten, z. B. Besserung durch kalte Umschläge (Ledum und Pulsatilla). Unerträglichkeit von Berührung (China u. a.), Besserung durch Druck (z. B. Bryonia) oder durch Reiben (z. B. Cedron oder Phosphorus) sind ebenso aussagekräftig. Sehr ungewöhnliche Modalitäten wie z. B. Besserung durch Kopfstand (Tanacetum), Gelenkschmerzen nach dem Essen (Bryonia) oder „Knieschmerzen schlechter nach dem Stuhlgang“ (Dioscorea) können für die Arzneiwahl entscheidend sein – je charakteristischer und unlogischer, desto geeigneter zur Verordnung.
Außerdem kommen folgende Mittel infrage:
  • Wenn nasskaltes Wetter die Beschwerden erhöht oder hervorruft: Rhus toxicodendron, Veratrum album, Colchicum; nach Durchnässung: Rhus toxicodendron, Pulsatilla, Dulcamara, Sulfur; bei jeder Wetteränderung: Arsenicum album, Calcarea carbonica, Rhus toxicodendron, Sulfur, Carbo vegetabilis, Dulcamara, Lachesis, Mercurius solubilis, Veratrum album, Pulsatilla; Aufenthalt im Freien verschlimmert: Nux vomica, Bryonia, Calcarea carbonica, Rhus toxicodendron, Causticum, Sulfur, Veratrum album.

  • Geringste Verkältung verschlimmert: Dulcamara, Phosphorus, Rhus toxicodendron, Pulsatilla, Chamomilla, Mercurius solubilis, Nux vomica, Sulfur.

  • Wärme verschlimmert: Bryonia, Phosphorus, Pulsatilla, Thuja; Bettwärme verschlimmert: Mercurius solubilis, Arsenicum album, Chamomilla, Belladonna, Rhus toxicodendron, Sulfur, Carbo vegetabilis.

  • Bewegung des leidenden Teils verschlimmert: Bryonia, Pulsatilla, Arsenicum album, Thuja; Bewegung verschlimmert generell: Bryonia, Arnica, Colchicum, Belladonna, Arsenicum album, Chamomilla, Sulfur, Carbo vegetabilis, Nux vomica.

  • Ruhe verschlimmert: Rhus toxicodendron, Pulsatilla, Dulcamara, Ferrum metallicum, Sulfur, Arsenicum album; Liegen verschlimmert: Arsenicum album, Belladonna, Chamomilla, China, Ferrum metallicum, Rhus toxicodendron, Pulsatilla; Sitzen verschlimmert: Pulsatilla, Ferrum metallicum, Arsenicum album; Matratze fühlt sich zu hart an: Arnica.

  • Berührung wird nicht ertragen: China, Bryonia, Aconitum, Belladonna, Chamomilla, Sulfur, Lycopodium, Colocynthis, Colchicum, Pulsatilla.

  • Abends schlimmer: Pulsatilla, Belladonna, Rhus toxicodendron, Colchicum, Colocynthis.

  • Nächtliche Verschlimmerung: Mercurius solubilis, Arsenicum album, Chamomilla, Rhus toxicodendron, Ferrum metallicum, China, Bryonia, Calcarea carbonica, Lycopodium, Colchicum, Dulcamara, Pulsatilla, Thuja; Verschlimmerung nach Mitternacht: Thuja, Mercurius solubilis, Arsenicum album, Sulfur; schlimmer gegen 2–3 Uhr morgens: Arsenicum album, Thuja.

Begleitsymptome
Erscheinungen, die scheinbar nicht zur rheumatoiden Arthritis gehören, aber zeitgleich vorhanden sind, können wichtige Anhaltspunkte liefern, auch wenn sie für sich genommen nicht krankhaft sind, z. B. Singultus, Verdauungsstörungen, Schwindel etc. So kann zum Beispiel eine parallel entstandene Hauterkrankung auf Radium bromatum oder eine Herzerkrankung auf Lithium carbonicum als Heilmittel hinweisen.
Lokalbefund
Neben den typischen sind es v. a. die eindeutigen, speziellen Lokalveränderungen, die bei der Verordnung hilfreich sind. So findet sich bei Lachesis häufig eine bläuliche Verfärbung der Entzündung, bei Belladonna große äußerliche Hitze, helle (weiße) Schwellungen weisen auf Antimonium crudum und Silicea.
Außerdem kommen folgende Mittel infrage:
  • Mit begleitender entzündlicher Schwellung: Aconitum, Bryonia, Pulsatilla, Belladonna, Arnica, Hepar sulfuris, Lachesis, Antimonium crudum.

  • Bei roter, glänzender Schwellung: Aconitum, Belladonna, Bryonia, Rhus toxicodendron, Arnica, Colchicum, Arsenicum album.

  • Bei blasser, blass- oder rosaroter Schwellung: Bryonia, Nux vomica, Mercurius solubilis, Pulsatilla, Arnica, Belladonna.

Stimmungslage und Verhalten
Im Zusammenhang mit rheumatischen Erkrankungen (wie auch bei allen anderen chronischen Erkrankungen) eignen sich psychische Veränderungen während der Erkrankung zur Arzneimitteldiagnose. Dabei können ganz allgemeine Charakterveränderungen wichtig sein (z. B. weinerlich → Pulsatilla, Depression → Aurum, Reizbarkeit → Nux vomica etc.). Im Arzneimittelbild von Cimicifuga ist z. B. die Kombination Rheumatismus/Geschwätzigkeit beschrieben. Unter den möglichen psychischen Symptomen eignen sich besonders das Selbstbild und die Krankheitsinterpretation des Patienten als Grundlage für eine Verschreibung, z. B. die Empfindung der Krankheit als Strafe Gottes (Kalium bromatum), der Wunsch nach Euthanasie (auch wenn nur ein flüchtiger Gedanke, Arsenicum album) usw.

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