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B978-3-437-56353-9.00004-9

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978-3-437-56353-9

Kleines Kent-Frageschema

Tab. 4.1
Fragen
  • Wegen welcher Beschwerden und Symptomen suchen Sie mich auf und was haben Sie bisher dagegen schon unternommen (die allgemeine Einleitung)?

  • Zu welcher Tages- oder Nachtzeit oder zu welcher Stunde fühlen Sie sich im Allgemeinen am schlechtesten?

  • Zu welcher Jahreszeit fühlen Sie sich am schlechtesten?

  • Wie wirkt kaltes Wetter auf Sie? Heißes Wetter? Trockenes Wetter? Feuchtes Wetter?

  • Wie ertragen Sie Nebel?

  • Wie ertragen Sie Sonnenbestrahlung?

  • Welchen Einfluss haben Wetterwechsel auf Sie?

  • Es gibt Leute, die immer frieren und kalt sind, und andere, die immer warm oder zu heiß sind. Zu welchen gehören Sie?

  • Was verspüren Sie vor, bei oder nach Sturm?

  • Wie reagieren Sie auf Nordwind? Südwind? Oder Wind ganz allgemein?

  • Wie ertragen Sie Zugluft?

  • Wie ertragen Sie Wärme ganz allgemein? Bettwärme, Zimmerwärme?

  • Wie reagieren Sie auf Extremtemperaturen (sehr heiß, sehr kalt)?

  • Wie oft sind Sie winters erkältet? Und in den anderen Jahreszeiten?

  • Wie ertragen Sie einen ganzen Tag ohne frische Luft?

  • Welche Körperstellung ist ihnen unangenehm, welche angenehm? Sitzen? Stehen? Liegen? Und warum?

  • Wie steht es bei ihnen in puncto Reisekrankheit? Seekrankheit?

  • Wie ertragen Sie längeres Stehen? Zum Beispiel Warten auf einen Zug? Ein Telefon? Kleideranprobe?

  • Wie steht es mit Ihrem Appetit? Und wann jeweils haben Sie Hunger?

  • Wie steht es mit dem Durst? Welche Mengen trinken Sie pro Mahl und was vorzugsweise?

  • Welche Speisen und Getränke bekommen Ihnen nicht? Und warum nicht?

  • Wie vertragen Sie Wein? Bier? Kaffee? Tee? Milch? Essig?

  • Wie steht es mit dem Rauchen? Wie viel pro Tag?

  • Welchen Impfungen unterzogen Sie sich? Und wie waren deren Effekte auf Ihre Gesundheit?

  • Wie vertragen Sie ein heißes Bad?

  • Wie fühlen Sie sich am Meer, im Gebirge?

  • Wie vertragen Sie geschlossene Kragen? Gürtel? Eng anliegende Kleider?

  • Wie heilen Verletzungen bei Ihnen? Und wie lange bluten Sie?

  • Wie ertragen Sie Alleinsein? Und Gesellschaft?

  • Wie ertragen Sie Trost?

  • Unter welchen Umständen empfinden Sie Eifersucht?

  • Wie steht es mit Ängsten bei Ihnen?

    • Wasserscheu?

    • Angst vor Tieren?

    • Angst vor und bei Gewitter?

    • Furcht vor Einbrechern?

    • Frucht zu fallen?

    • Furcht vor Alleinsein?

    • Angst, den Verstand zu verlieren?

    • Furcht vor der Nacht?

    • Furcht vor der Zukunft?

    • Furcht vor Krankheit etc.?

  • Wie fühlen Sie sich in einer Menschenmenge?

  • Unter welchen Umständen werden Sie zornig? Was setzt Sie in Zorn?

  • Wie ertragen Sie das Warten?

  • Wann kommen Todesgedanken oder Selbstmordgedanken bei Ihnen auf?

  • Für welche Nahrungsmittel und Getränke haben Sie eine ausgesprochene Vorliebe? Süßigkeiten? Süßes Gebäck? Gezuckerte Speisen? Saure Dinge? Gewürzte Dinge? Schwere und fette Speisen? Butter? Brot? Obst? Fisch? Fleisch? Kaffee? Wein? Bier? Salz? Etc.

  • Gegen welche Speisen und Getränke haben Sie eine ausgesprochene Abneigung?

  • Welche Speisen und Getränke machen Sie krank bzw. vertragen Sie nicht?

  • Welches ist Ihre bevorzugte Schlafstellung? Wie legen Sie die Arme? Beine? Kopf (viele liegen lieber tief, andere lieber etwas erhöht, und Sie?)

  • Manche Leute reden, schreien, weinen, lachen im Schlaf, schrecken auf, sind unruhig, haben Angst, knirschen im Schlaf mit den Zähnen, schlafen mit offenen Augen, offenem Mund. Wie ist es bei Ihnen?

  • Wann erwachen Sie? Wann stehen Sie auf?

  • Welche Stunde nachts sind Sie schlaflos? Wann im Verlauf des Tages sind Stunden der Schläfrigkeit? Und welchen Umständen schreiben Sie das jeweils zu?

  • Erzählen Sie mir jene Träume, die bei Ihnen öfter vorkommen.

  • In welchem Alter begann die Periode bei Ihnen? Wie oft kommt Sie nun? Wie stark? Wie regelmäßig? Ihre Dauer? Die Farbe? Wie sieht sie aus? Wie sieht das Blut aus? Nennen Sie mir Tages- oder Nachtstunde, zu der sie am stärksten fließt. Wie fühlen Sie sich vor, während und nach der Periode körperlich und gemütsmäßig? Und wie ist die Gemütsstimmung vor, während und nach der Periode?

  • Was ist Ihnen in puncto Nerven- und Geisteskrankheiten, schweren Krankheiten wie Tuberkulose, Rheumatismus, Krebs etc. in Ihrer Familie bekannt?

  • Machen Sie mir etwas detailliertere Angaben über das, was Sie zu Ihren Mahlzeiten essen und trinken.

  • Um wie viel Uhr gehen Sie zu Bett? Machen Sie mir auch etwas detailliertere Angaben über Ihr Tagesprogramm, Aktivitäten, Ruhepausen, Vergnügen und Erholung.

  • Ihr Gewicht?

  • Nennen Sie mir nun auch noch diejenigen Störungen, die bei diesen Fragen nicht zur Sprache kamen.

Modalitäten verschiedener Symptomarten

Tab. 4.2
Beispiel 1: Modalitäten von Lokalsymptomen
  • Schwindel durch Bewegung

  • Kopfschmerzen besser durch kalte Umschläge

  • Zahnschmerzen durch kalte Getränke

  • Diarrhoe nach dem Essen

  • Blasenschmerzen beim Urinieren

  • Atemnot bei körperlicher Anstrengung

Beispiel 2: Modalitäten von Allgemeinsymptomen
  • Allgemeine Verschlechterung im Frühling

  • Allgemeine Verschlechterung durch Zugluft

  • Allgemeine Verschlechterung am Nachmittag

  • Allgemeine Besserung abends

  • Allgemeine Besserung durch warme Anwendungen

  • Allgemeine Verschlechterung durch fette Nahrungsmittel

  • Allgemeine Verschlechterung während der Menstruation

Beispiel 3: Modalitäten von psychischen Symptomen
  • Beispiel 4: auffallende, charakteristische Modalitäten

  • Traurigkeit durch Alleinsein

  • Reizbarkeit während der Menstruation

  • Angst schlechter durch Dunkelheit

  • Furcht in Menschenmengen

  • Apathie bei Fieber

  • Ruhelosigkeit abends

(Können aus den Bereichen Lokal-, Allgemein- und psychische Symptome stammen)
  • Frohsinn nach Stuhlgang

  • Heißhunger um 11 Uhr vormittags

  • Schwindel nachts beim Erwachen

  • Diarrhoe durch Erregung

  • Weinen, wenn man sich bei ihm/ihr bedankt

  • Lachen über ernste Angelegenheiten

  • Traurigkeit durch traurige Musik gebessert

  • Hautjucken, besser durch heißes Wasser

  • Kopfschmerz besser durch körperliche Anstrengung

Leitsymptome verschiedener ArzneimittelSymptomecharakteristische

Tab. 4.3
Beispiel 1: Lokalsymptome
  • Übel riechender Mundgeruch – Mercurius solubilis

  • Kreisrunde Ulzera – Kalium bichromicum

  • Milde, grüne oder grüngelbe Nasenabsonderungen – Pulsatilla

  • Bauchschmerzen besser durch Druck oder Zusammenkrümmen – Colocynthis

  • Enge Kleidung am Hals wird nicht vertragen – Lachesis

  • Landkartenzunge – Taraxacum

  • Husten durch Temperaturwechsel – Rumex crispus

Beispiel 2: Allgemeinsymptome
  • Bewegung agg. – Bryonia

  • Bewegung amel. – Rhus toxicodendron

  • Symptome der linken Seite – Lachesis

  • Symptome der rechten Seite – Lycopodium

  • Allgemeine Verschlechterung von 2–4 Uhr nachts – Kalium carbonicum

  • Allgemeine Verschlechterung während Gewitter – Rhododendron

  • Allgemeine Verschlechterung durch Sonne – Natrium carbonicum

Beispiel 3: psychische Symptome
  • Verlangen nach Gesellschaft – Phosphorus

  • Abneigung gegen Gesellschaft – Natrium muriaticum

  • Verlangen, getragen zu werden – Chamomilla

  • Furcht vor Dunkelheit – Stramonium

  • Höhenangst – Aurum metallicum

  • Heimweh – Capsicum

  • Reizbarkeit – Nux vomica

Beispiel 4: auffallende, charakteristische Symptome
  • Schmerz im rechten Nacken erstreckt sich zu Auge oder Kopf – Sanguinaria

  • Blattgefühl im Pharynx – Barium carbonicum

  • Verlangen nach Süßigkeiten, die jedoch verschlechtern – Argentum nitricum

  • Juckreiz der Hände, heißes Wasser amel. – Rhus toxicodendron

  • Diplopie bei Kopfschmerzen – Gelsemium

  • Schmerz der Mamma erstreckt sich zum Rücken – Phellandrium

Symptomengruppen und ihre hierarchische Wertung (absteigend sortiert)

Tab. 4.4
1. Auffallende, charakteristische Symptome (§-153-Symptome)
2. Psychische Symptome
3. Allgemeinsymptome
4. Lokalsymptome
5. (Causa)
6. (Pathologie)

Konstruierter, schematisierter Beispielfall

Tab. 4.5
1. Auffallende Symptome
  • Hitze der Fußsohlen nachts, deckt sie ab

  • Nackenschmerz erstreckt sich nach oben

2. Psychische Symptome
  • Schüchternheit

  • Langsamkeit

3. Allgemeinsymptome
  • Verlangen nach Eiern

  • Verlangen nach Salz

4. Lokalsymptome
  • Zervikale Lymphknotenschwellung

  • Warzen an den Händen

Beispielfall: Symptome im Repertorium auffinden

Tab. 4.6
1. Auffallende Symptome, z. B. heiße Fußsohlen nachts mit dem Bedürfnis, die Füße aus dem Bett zu strecken; Nackenschmerzen, die nach oben ausstrahlen
  • Extremitäten – Hitze – Füße – Fußsohle – entblößt sie: Calc. CHAM. cur. fl-ac. mag-m. Petr. Phos. PULS. Sang. Sanic. SULPH.

  • Rücken – Schmerz – Zervikalregion – erstreckt sich zu – oben, nach: aml-ns. bamb-a. berb. calc. cann-s. canth. dios. form. GELS. lach. Nat-s. Petr. sang. sep. SIL. stram. ter. Verat-v.

2. Psychische Symptome, z. B. Schüchternheit, Langsamkeit
  • Gemüt – Schüchternheit, Zaghaftigkeit: abies-c. Acon. adam. aeth. agar. Aids. aloe Alum. alum-p. alum-sil. alumin. alumin-s. Alumn. Am-br. am-c. am-caust. am-f. Am-m. ambr. Ammc. anac. ang. anh. ant-t. anthraq. Aq-mar. arb-m. arg-met. arg-n. arg-p. arn. Ars. ars-i. ars-s-f. asar. Aur. aur-ar. aur-i. Aur-m-n. aur-s. bac. bamb-a. bapt. BAR-C. bar-f. bar-i. bar-m. bar-s. bell. beryl. beryl-m. boerh-d. bor-pur. Borx. BRY. bufo CALC. calc-ar. calc-s. calc-sil. camph. cann-i. canth. carb-an. Carb-v. Carbn-s. carc. carl. Caust. cench. Chin. chinin-ar. cic. Coca cocc. coff. Coli. Con. cortico. croc. Crot-h. Cupr. cypra-eg. cystein-l. daph. dat-m. dys. elaps elec. falco-pe. ferr. ferr-p. fl-ac. fl-pur. galeoc-c-h. galla-q-r. gard-j. GELS. germ-met. Graph. hydr-ac. hydrog. hyos. Ign. iod. ip. Kali-ar. kali-bi. kali-br. KALI-C. kali-i. kali-n. Kali-p. Kali-s. Kali-sil. ketogl-ac. Lac-c. lac-e. lac-leo. lach. lachn. laur. lil-t. lith-c. lith-f. lith-i. lith-m. lith-met. lith-p. lith-s. LYC. M-arct. m-aust. mag-c. manc. mang. mang-i. mang-m. mang-met. mang-p. mang-s. Med. meli. meli-xyz. Merc. merc-i-f. mez. Moni. morg. mosch. mur-ac. naja Nat-ar. NAT-C. Nat-m. nat-p. nat-s. nicc-met. nicc-s. nit-ac. nitro. Nux-v. olib-sac. olnd. op. opun-s. osm-met. oxyg. PETR. Ph-ac. PHOS. pin-con. pip-m. plac. plat. PLB. PULS. ran-b. rhus-g. Rhus-t. ribo. ruta sabad. sacch. sec. sel. SEP. SIL. spig. Spong. squil. stann. staph. Stram. sul-ac. sul-i. SULPH. syc. symph. tab. tarent. tax. tax-br. thuj. tub. verat. verb. zinc. zinc-p.

  • Gemüt – Langsamkeit: acon. adam. aeth. Aids. all-c. aloe alum. am-caust. am-f. am-m. ambr. ammc. Anac. androc. aq-mar. arb-m. ars. art-v. ASAR. Bamb-a. BAR-C. bell. bell-p. beryl. bor-pur. bros-gau. brucel. BRY. bufo cact. Calc. Carb-v. carc. Cardios-h. cartl-s. caust. chel. Chin. chinin-s. choc. chordumb. clem. Cocc. CON. conin. cortico. cortiso. crot-h. cupr. cypra-eg. diaz. diphtox. dream-p. dulc. echi. ergot. falco-pe. ferr-ma. fl-ac. fl-pur. flor-p. galeoc-c-h. galla-q-r. gels. germ-met. gink-b. Graph. halo. HELL. hep. hist. hydrog. hyos. ign. ip. irid-met. kali-bi. Kali-br. kali-m. kali-p. Kola kreos. lach. laur. LEC. lil-t. lith-c. lith-f. lith-i. lith-m. lith-met. lith-p. lyc. lycps-v. m-arct. meph. merc. nat-chl. nat-m. nitro. nux-m. nux-v. olib-sac. olnd. onop. onos. op. ox-ac. oxyg. ozone perh. Ph-ac. PHOS. Plb. plut-n. podo. pop. positr. PULS. rhus-t. Ros-d. ruta sacch-a. sal-fr. sanguis-s. scler. SEP. sil. suis-pan. SULPH. syph. tax. tax-br. tell. thuj. trinit. urol-h. verat. zinc. zinc-m. zinc-n. zinc-p.

3. Allgemeinsymptome, z. B. Verlangen nach Eiern, Verlangen nach Salz
  • Allgemeines – Speisen und Getränke – Eier – Verlangen: agar. amp. bac. bar-c. Calc. calc-f. Calc-lac. Calc-met. calc-p. Calc-sil. carb-an. Carc. cartl-s. cassia-s. caust. coch-o. corian-s. cortiso. cystein-l. dream-p. ephe-si. gaert. ham. helo-s. hydr. kali-sil. lac-h. loxo-recl. mag-sil. mang-sil. Morg. morg-g. morg-p. nat-caust. nat-lac. nat-p. nat-pyru. nat-sil. ol-an. olnd. pant-ac. phos. prot. Puls. rhus-g. sanic. sil. sil-met. suis-pan. sulph. tax. tub.

  • Allgemeines – Speisen und Getränke – Salz – Verlangen: abrom-a. acet-ac. aegop-p. aeth. agar. Aloe alumin-p. am-caust. Ambr. anac. ant-m. anthraq. Aq-mar. arg-met. ARG-N. arg-p. ars. atp. atro. aur-m. aur-m-n. bac. bar-m. Beryl. beryl-m. bit-ar. bros-gau. cadm-m. Calc. calc-f. Calc-p. calc-s. calc-sil. Cand. CARB-V. Carc. cassia-s. caste. Caust. Chin. chinin-m. Chlor. chord-umb. chr-m. cob-m. cocc. coch. Con. Cor-r. cupr-m. cupr-p. dys. ferr-n. fuma-ac. galeoc-c-h. galin. germ-met. gink-b. Glycyr-g. halo. ham. hydrog. jal. kali-p. kali-sil. LAC-C. lac-h. lac-leo. lith-m. lith-p. Lycps-v. Lyss. mag-n. mag-p. mag-sil. Manc. mang-m. mang-n. mang-p. mang-sil. Med. medus. meph. merc. merc-d. merc-i-f. merc-i-r. Moni. morg. morg-g. morg-p. mur-ac. nat-ar. nat-br. nat-c. Nat-caust. nat-f. nat-lac. NAT-M. Nat-met. nat-p. nat-pyru. nat-s. nat-sil. Nit-ac. nit-s-d. nitro. orot-ac. oxal-a. ozone pers. ph-ac. PHOS. pin-con. Plb. plb-m. plut-n. podo. prot. rat. rhus-g. sabin. sacch. sal-ac. Sanic. scarl. sel. sep. ser-ang. sil. sil-met. sol staph. stront-m. suis-em. sul-ac. sulfonam. sulph. suprar. syc. Tarent. tax. tell. teucr. Thuj. Tub. tung-met. uva VERAT. zinc. zinc-n.

4. Lokalsymptome, z. B. Lymphknotenschwellung am Hals, Warzen an den Händen
  • Äußerer Hals – Schwellung – Halsdrüsen: acon. acon-l. aesc. aeth. Agar. agath-a. aids. Alum. alum-sil. Alumn. Am-c. Am-m. ambr. ant-c. ant-t. Apis aq-mar. arg-met. arn. ars-br. ARUM-T. Asaf. asar. astac. aur. bamb-a. BAR-C. bar-i. BAR-M. bar-s. BELL. borx. bov. brom. Bry. calad. CALC. calc-i. calc-p. calc-s. calc-sil. camph. canth. Carb-an. Carb-v. carbn-s. Cham. Chin. chir-fl. chord-umb. Cic. cinnb. CIST. clem. cocc. coli. Con. cupr. diph. dros. Dulc. ferr. ferr-i. glon. GRAPH. Hell. helodr-cal. Hep. hydrog. ign. Iod. irid-met. kali-bi. KALI-C. Kali-chl. Kali-i. kali-sil. ketogl-ac. kiss. kola kreos. Lach. Lap-a. lap-la. led. Lith-c. luna LYC. Mag-m. marb-w. MERC. Merc-c. merc-cy. Merc-d. Merc-i-f. Merc-i-r. moni. Morb. mur-ac. nabal. Nat-c. Nat-m. Nat-s. Nit-ac. ozone Petr. Ph-ac. Phos. Phyt. plb. polys. pot-e. Psor. Puls. ran-s. RHUS-T. sabad. sal-fr. sars. scarl. sel. Sep. SIL. Spig. Spong. stann. STAPH. staphycoc. stict. streptoc. suis-em. sul-ac. sul-i. SULPH. syc. syph. tarent. tep. Thuj. Toxo-g. Tub. urol-h. v-a-b. ven-m. verat. vesp. viol-t. wies. zinc.

  • Extremitäten – Warzen – Hände: anac. Anil. Ant-c. bacls-10. BAR-C. berb. borx. bov. bufo CALC. calc-sil. carb-an. carc. CAUST. DULC. dys. Ferr. ferr-ma. ferr-pic. Fl-ac. kali-c. kali-chl. kali-m. Lach. Lyc. mag-s. morg-g. morg-p. Nat-c. Nat-m. nat-s. NIT-AC. Ph-ac. phos. Psor. Rhus-t. Ruta Sep. sil. SULPH. syc. THUJ. verr.

Beispielfall: numerische Auswertung der Rubriken

Tab. 4.7
In unserem Beispielfall erscheinen bei acht Symptomen insgesamt 418 Arzneimittel in mindestens einer Rubrik. Folgende 12 Arzneimittel erscheinen am häufigsten (geordnet nach Häufigkeit in den Rubriken, nach Symptomenwertigkeit und als tabellarische Übersicht).
Geordnet nach Häufigkeit in den Rubriken/Summenwertigkeit
Calcarea carbonica
Sulfur
Phosphorus
Silicea
Sepia
Barium carbonicum
Pulsatilla
Natrium muriaticum
Causticum
Phosphoricum acidum
Thuja
Carcinosinum
8/18
7/17
7/16
7/14
6/12
5/15
5/14
5/11
5/9
5/9
5/9
5/7
Geordnet nach Summenwertigkeit/Häufigkeit in den Rubriken
Calcarea carbonica
Sulfur
Phosphorus
Barium carbonicum
Silicea
Pulsatilla
Sepia
Natrium muriaticum
Causticum
Phosphoricum acidum
Thuja
Carcinosinum
18/8
17/7
16/7
15/5
14/7
14/5
12/6
11/5
9/5
9/5
9/5
7/5
  • 1.

    Extremitäten – Hitze – Füße – Fußsohle – entblößt sie

  • 2.

    Rücken – Schmerz – Zervikalregion – erstreckt sich zu – Oben, nach

  • 3.

    Gemüt – Schüchternheit, Zaghaftigkeit

  • 4.

    Gemüt – Langsamkeit

  • 5.

    Allgemeines – Speisen und Getränke – Eier – Verlangen

  • 6.

    Allgemeines – Speisen und Getränke – Salz – Verlangen

  • 7.

    Äußerer Hals – Schwellung – Halsdrüsen

  • 8.

    Extremitäten – Warzen – Hände

Calc. 8/18 Sulph. 7/17 Phos. 7/16 Sil. 7/14 Sep. 6/12 Bar-c. 5/15 Puls. 5/14 Nat-m. 5/11 Caust. 5/9 Ph-ac. 5/9 Thuj. 5/9 Carc. 5/7
Symptom 1 2 3 2 3
Symptom 2 1 3 1
Symptom 3 3 3 3 4 3 4 4 2 2 2 1 1
Symptom 4 2 3 3 1 3 3 3 1 1 2 1 1
Symptom 5 2 1 1 1 1 2 1 2
Symptom 6 2 1 4 1 1 4 2 1 2 2
Symptom 7 3 3 2 3 2 3 2 2 2 2
Symptom 8 3 3 1 1 2 3 2 3 2 3 1

Auswertung des Beispielfalls

Tab. 4.8
  • Numerische Auswertung: In unserem Beispielfall zeigt sich Calcarea carbonica als einziges Arzneimittel in den acht gewählten Rubriken, dicht gefolgt von Sulfur, Phosphorus und Silicea etc. Nach der numerischen Auswertung ist Calcarea carbonica das passende Arzneimittel.

  • Charakteristische Symptome: Die beiden charakteristischen Symptome werden von Calcarea carbonica, Petroleum und Sanguinaria abgedeckt, d. h., alle drei Medikamente sollten in der Materia medica studiert werden.

  • Mindestens ein charakteristisches Symptom und mehrere psychische- oder Allgemeinsymptome werden von folgenden Arzneimitteln abgedeckt: Calcarea carbonica, Sulfur, Phosphorus, Silicea, Sepia, Pulsatilla, Lachesis, Natrium muriaticum, Petroleum, Bambusa, Fluoricum acidum und Gelsemium. Alle diese Arzneimittel sind potenziell das gesuchte Heilmittel und sollten gegeneinander abgewogen werden (ggf. durch Materia-medica-Vergleich).

  • Psychische, Allgemein-, Lokalsymptome: Alle zwölf dargestellten Arzneimittel decken die meisten psychischen- und Allgemeinsymptome ab und sind damit, zumindest für die Zukunft, als mögliche Folgemittel in Betracht zu ziehen. Besonderes Augenmerk verdient Carcinosinum, das in der Hierarchisierung alle psychischen sowie Allgemeinsymptome abdeckt (sowie ein Lokalsymptom).

Ergebnis: Calcarea carbonica deckt die charakteristischen Symptome sowie alle anderen ausgewählten Symptome und ist mit allergrößter Wahrscheinlichkeit das passende Medikament.

Fallanalyse nach Roger Morrison. Die Wahrscheinlichkeit, das passende Arzneimittel aufzufinden ist umso größer, je weiter oben in der Tabelle sich der vorliegende Fall bewegt (über 95 % im oberen Bereich).

Tab. 4.9
  • Essenz, Totalität und Leitsymptom

  • Essenz und Totalität oder Essenz und Leitsymptom

  • Totalität und Leitsymptom

  • Essenz

  • Totalität

  • Leitsymptom – mehrere Leitsymptome; ein Leitsymptom

Homöopathische Behandlung

Jan Geißler

  • 4.1

    Homöopathische Anamnese94

    • 4.1.1

      Was ist eine Anamnese?94

    • 4.1.2

      Praktische Durchführung95

    • 4.1.3

      Formen der Anamnese98

    • 4.1.4

      Erstanamnese98

    • 4.1.5

      Folgeanamnese102

    • 4.1.6

      Akutanamnese103

    • 4.1.7

      Follow-up104

    • 4.1.8

      Anamnese bei Kindern106

    • 4.1.9

      Einsatz von Kommunikationsmedien107

  • 4.2

    Homöopathische Symptomenlehre108

    • 4.2.1

      Mit der Symptomenlehre assoziierte Begriffe108

    • 4.2.2

      Homöopathische Klassifizierung von Symptomen112

  • 4.3

    Fallanalyse und Arzneimittelwahl118

    • 4.3.1

      Klassische Fallanalyse nach Kent119

    • 4.3.2

      Homöopathische Fallanalyse nach Roger Morrison128

    • 4.3.3

      Zusätzliche methodische Aspekte der Fallanalyse130

Homöopathische Anamnese

Anamnese

Das Ziel der homöopathischen Anamnese ist das Erlangen von Informationen, die als Grundlage für die Verschreibung des passenden homöopathischen Arzneimittels dienen.

Dieser kurze Satz beschreibt im Wesentlichen, worumFallaufnahme s. Anamnese es bei jeder homöopathischen Anamnese geht. Er enthält mehrere wichtige Stichwörter, die in diesem Kapitel genau beleuchtet werden: homöopathische Anamnese, Informationen = Symptomatologie (4.2), das passende homöopathische Arzneimittel (Arzneifindung 4.3).

Was ist eine Anamnese?

Das Roche-Lexikon definiert die Anamnese als „die subjektiv erinnerlichen (oder von Angehörigen mitgeteilten) früheren Krankheiten als Vorgeschichte einer aktuellen Krankheit (= Eigenanamnese), ergänzt durch Krankheitsangaben aus dem Familienbereich (= Familienanamnese)“. Diese schulmedizinische Definition beschreibt die Anamnese als eine in die Vergangenheit gerichtete Exploration, bezogen auf eine aktuell vorhandene Erkrankung. Sie dient hauptsächlich diagnostischen Zwecken.
Die Charakterisierung der homöopathischen Anamnese ist deutlich weiter gefasst. Hahnemann beschreibt sie in seinem „Organon der Heilkunst“, wie folgt: „Der Kranke klagt den Vorgang seiner Beschwerden; die Angehörigen erzählen sein Klagen, sein Benehmen, und was sie an ihm wahrgenommen; der Arzt sieht, hört und bemerkt durch die übrigen Sinne, was verändert und ungewöhnlich an demselben ist. Er schreibt alles genau mit den nämlichen Ausdrücken auf, deren der Kranke und die Angehörigen sich bedienen. Wo möglich, lässt er sie stillschweigend ausreden, und wenn sie nicht auf Nebendinge abschweifen, ohne Unterbrechung. Bloß langsam zu sprechen, ermahne sie der Arzt gleich anfangs, damit er dem Sprechenden im Nachschreiben des Nötigsten folgen könne.“ (Organon, § 84)
  • Der Fokus der Befragung liegt auf dem Kranken und dessen Befinden und nicht ausschließlich auf seiner Krankheit und deren Symptomatologie (ein bedeutender Unterschied zur Schulmedizin).

  • Informationen über den Patienten und dessen Beschwerden bzw. Verhalten sollen zur Vervollständigung des Bildes, wenn nötig, auch von Dritten eingeholt werden.

  • Der Arzt konzentriert sich auf den Patienten und erfasst die Symptomatologie desselben mit all seinen Sinnen.

  • Die Dokumentation hat möglichst exakt, am besten im Wortlaut des Patienten, zu erfolgen.

  • Um eine möglichst originale Symptomenbeschreibung zu bekommen, sollte der Patient in seinen Schilderungen nicht unterbrochen werden.

Zum besseren Verständnis des folgenden Abschnitts zunächst eine homöopathische Definition des Begriffs „Symptom“ (detaillierte Angaben zur Symptomenlehre 4.2):

Unter einem SymptomDefinitionSymptom versteht man jegliche Lebensäußerung des Patienten und dessen Erkrankung, die ihn mit seiner Erkrankung als Individuum beschreibt, das heißt, ihn und seine Erkrankung von anderen Menschen mit ähnlichen Erkrankungen unterscheidet. Dies betrifft Lebensumstände, Lebensgewohnheiten, persönliche Geschichte, Physiognomie und die speziellen Äußerungen der jeweils vorliegenden Krankheit(en) mit allen Einflussfaktoren (Modalitäten), Auswirkungen, und Ursachen (Causae).

Trotz einiger Überschneidungen in der täglichen Praxis, lassen sich theoretisch vier Befragungstypen unterscheiden:
  • Erstanamnese (4.1.4).

  • Folgeanamnese (4.1.5).

  • Follow-up (4.1.7).

  • Akutanamnese (4.1.6).

Die Unterschiede liegen v. a. in der Zielführung und der praktischen Durchführung, viele wesentliche Punkte der homöopathischen Anamnesetechnik haben jedoch Allgemeingültigkeit.

Praktische Durchführung

  • Nehmen Sie sich genug Zeit, denn Zeitdruck ist der größte Feind einer erfolgreichen homöopathischen Befragung.

  • Vermeiden Sie zu lange Wartezeiten für die Patienten im Vorfeld, da dies zu erhöhtem Stress und verminderter Konzentrationsfähigkeit bei Arzt und Patient führt.

  • Sorgen Sie für eine ruhige, entspannte Atmosphäre, vermeiden Sie Störungen durch Praxispersonal, Telefonate oder Umgebungslärm.

  • Der Patient sollte sich wohl fühlen, sorgen Sie für das richtige Ambiente. Hierzu zählen die Einrichtung des Praxisraumes (z. B. bequeme Sitzmöbel für lange Gespräche), ausreichend Sitzgelegenheiten für eventuelle Begleitpersonen. Auch die Lichtverhältnisse sollten angenehm sein (z. B. kein blendendes Licht).

  • Für Kinder sollten ausreichend altersentsprechendes Spielzeug, Stifte und Papier vorhanden sein. So vermeiden Sie aufkommende Langeweile und haben die Möglichkeit, die Kinder in ihrem Spielverhalten zu beobachten.

  • Für das leibliche Wohl sollte bei längeren Patientengesprächen gesorgt sein, bieten Sie z. B. Wasser an. Hungrige, missmutige Kinder verhindern eine erfolgreiche Befragung.

Richtlinien der Anamnesetechnik
Eigenanamnese: Der Patient wird aufgefordert, seine Beschwerden (Symptome) Eigenanamnesemöglichst genau, mit allen ihm bekannten oder vermuteten Aspekten zu schildern. Dabei wird er nicht in seinem Redefluss unterbrochen, da in der Homöopathie unter Umständen kleinste Unterschiede in der Symptomatologie über die Arzneimittelwahl entscheiden. Jede Unterbrechung im Gedankenfluss des Patienten kann dazu führen, dass Symptome oder Modalitäten vergessen oder ungenau geschildert werden. Bei einer Fremdanamnese gelten die gleichen Richtlinien wie bei der Eigenanamnese. Bei Fremdanamnesevolljährigen Patienten ist deren Einverständnis zur Fremdanamnese einzuholen.
Letztlich ist es nicht von Bedeutung, in welcher Fremdanamneses. a. AnamneseReihenfolge der Patient seine Beschwerden schildert. Möglich ist der Beginn bei den aktuellen Beschwerden oder bei dem momentan belastendsten Symptomenkomplex, aber auch chronologische Schilderungen der Krankengeschichte sind möglich.
Fragetechnik
Homöopathisch korrekte Fragen sind immer offene Fragen, das heißt sie implizieren keine vorgegebene Antwort. Beispiele:
  • Als Einleitung einer Befragung: „Bitte schildern Sie die Probleme, die Sie zu mir geführt haben“; „Schildern Sie alle Symptome und Aspekte, die Sie mit Ihren gesundheitlichen Problemen in Verbindung bringen“, etc.

  • Fragen bezüglich bestimmter Symptome: „Bitte schildern Sie, wie genau der Ablauf der Erkrankung ist“; „Wie genau fühlen sich die Schmerzen an und was können Sie tun, um sie zu verbessern, bzw. was müssen Sie vermeiden, um diese nicht zu verschlechtern“; „Haben Sie eine Erklärung für Ihre gesundheitlichen Probleme“; „Wie genau verhalten Sie sich, wenn die Symptome auftreten“, etc. (eine Auswahl richtig formulierter Fragen finden sich im Kleinen Kent-Frageschema s. u.).

  • Fragen, die den Patienten in eine bestimmte Richtung drängen, müssen vermieden werden. Hierzu gehören Suggestivfragen, die der Patient nur mit „ja“ oder „nein“ beantworten kann (z. B. „Ist der Kopfschmerz stechend?“) und Optionsfragen (z. B. „Ist der Kopfschmerz stechend oder bohrend?“). Sollte eine direkte Frage unvermeidlich sein, sollte sie mit möglichst vielen Auswahloptionen gestellt werden: Z. B. „Sind die Kopfschmerzen stechend, drückend, brennend, pulsierend oder lassen sie sich anders charakterisieren?“, oder „Erwachen Sie vor oder nach Mitternacht oder sogar zu einer bestimmten Uhrzeit, z. B. um 1 Uhr, 2 Uhr oder später?“, etc.

  • Frageschemata, z. B. das Abfragen von Symptomen nach dem Kopf zu Fuß Schema (s. u. Erstanamnese), sollten zu Beginn der Besprechung nicht verwendet werden.

Ergeben sich im Lauf der Anamnese Fragen, z. B. bezüglich unklar oder unvollständig geschilderter Symptome, sollten diese am Ende der Ausführungen des Patienten gestellt werden. Es hat sich in der Praxis bewährt, diese Fragen zwischenzeitlich zu notieren.
Untersuchung
Im homöopathischen Sinn stellt schon das reine Betrachten des Patienten eine Untersuchung, nämlich die Suche nach Symptomen zur korrekten Verschreibung dar. Auffallend können dabei auch körperliche Merkmale oder Verhaltensweisen sein, die primär nichts mit der Erkrankung des Patienten zu tun haben. Bei konkreten körperlichen Problemen sollte immer eine genaue körperliche Untersuchung erfolgen, da diese neben der wichtigen schulmedizinischen Diagnose weitere Symptome zur Verschreibung zutage fördern kann bzw. Differenzierungen zur genaueren Arzneimittelwahl ermöglicht.
Befundung
Angaben des Patienten bezüglich neuer Erkrankungen müssen bei Befundungeventueller Unklarheit durch aktuelle oder ggf. alte Befundung (anderer Ärzte) überprüft werden, da die Patienten ihre Erkrankungen – zumindest im schulmedizinischen Sinne – häufig nicht korrekt schildern. Verwechselt werden z. B. Gicht und Rheuma, Geschwür und Tumor, Erkrankungen der Bauchorgane und deren Lokalisation etc. Im Übrigen ermöglichen regelmäßige Befundkontrollen bei bestimmten Erkrankungen eine bessere Beurteilung der Arzneimittelwirkung (z. B. Hb bei Anämie, Entzündungszeichen wie BKS oder CRP bei den unterschiedlichen chronisch-entzündlichen Erkrankungen etc.).
Dokumentation
Entscheidend ist, dass alle Symptome möglichst im Wortlaut des Patienten aufgezeichnet werden. Vereinfachungen, z. B. bei der Schilderung bestimmter Lokalisationen („hinter dem Ohr der knöcherne Höcker“ = Mastoid), dürfen nur dann vorgenommen werden, wenn sie eindeutig sind. Hierbei ist darauf zu achten, dass in manchen Dialekten sonst eindeutige Begriffe eine andere Bedeutung haben (bayr. „Fuß“ = „Bein“, bayr. „Auf'd Nacht“ = „Abend“ etc.).
Es hat sich der Übersicht wegen bewährt, die Symptome bei der Niederschrift jeweils untereinander und nicht im Fließtext aufzuzeichnen.
Fragebögen, in denen der Behandler das Vorhandensein von bestimmten Symptomen ankreuzen kann, sind zumindest als problematisch anzusehen, da weder die Intensität noch die genaue Aussage des Patienten wiedergegeben wird.
Ob die Anamnese auf Papier oder mit dem Computer aufgezeichnet wird, ist den Vorlieben des Behandlers überlassen, Videoaufnahmen dienen Lehrzwecken und reichen als alleiniges Dokumentationsmedium nicht aus.
Problem: Symptomenarmut
Ein recht häufiges Problem in der Praxis ist das Fehlen von Symptomenarmutbrauchbaren Symptomen zur homöopathischen Verschreibung, nachdem der Patient die Schilderung seines Zustandes beendet hat. Dies kann unterschiedliche Ursachen haben:
  • Der Patient ist gehemmt oder einfach nur schweigsam. In diesem Fall ist viel Geduld und Einfühlungsvermögen vonseiten des Arztes notwendig, um dem Patienten Vertrauen einzuflößen oder ihn aus der Reserve zu locken. Die Patienten sollten aus diesem Grund häufiger einbestellt werden. Schnelle Abhilfe kann ein Fragebogen oder Abfragen der Symptome nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema bringen (s. u. Erstanamnese), beides gilt jedoch nicht als vertrauensbildende Maßnahme und sollte eine Ultima Ratio sein.

  • Nach jahrelanger schulmedizinischer Behandlung ist der Patient nicht mehr in der Lage, seine Symptome genau zu beobachten und mitzuteilen. Häufig schildern diese Patienten bei der Frage nach ihren Symptomen in aller Ausführlichkeit sämtliche Therapien und Medikamente, die sie bekommen haben („Gegen meine Kopfschmerzen habe ich bisher die Medikamente XYZ eingenommen“). Hier hilft geduldiges Nachfragen und das Gewähren der Zeit, die der Patient benötigt, seinen Körper wieder besser zu beobachten.

  • Schwer kranke Patienten, häufig in Endzuständen (z. B. Krebs, Multiple Sklerose), produzieren wenig individuelle Symptome. Auch geduldiges Nachfragen oder Fragenbögen bringen hier keine Abhilfe. Hier erfordert die Verschreibung einen erfahrenen Homöopathen, da die passenden Arzneimittel oft nur aufgrund weniger Indizien gefunden werden können.

  • Patienten, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Erkrankung Symptome nur schlecht oder nicht wahrheitsgemäß schildern können. Dies betrifft kleine Kinder, Säuglinge, sehr alte Menschen, geistig Behinderte und Patienten mit Erkrankungen aus dem psychiatrischen Bereich (beispielsweise Demenz, Manie, Schizophrenie). In diesen Fällen ist der Behandler in besonderem Maße auf seine Beobachtungsgabe und auf die Fremdanamnese angewiesen.

Problem: zu viele Symptome
Ein zu viel an Information birgt die Schwierigkeit der korrekten Symptomenauswahl (4.2).
  • Redselige Patienten spüren beim Homöopathen wenig Widerstand. Hier liegt es beim Behandler, den Patienten in seinen Schilderungen vorsichtig zu zügeln und Struktur in die Aufnahme der Symptome zu bringen. Hat der Patient eine überschwängliche Phantasie, kann häufiges Querfragen helfen, Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden.

  • Der Patient hat tatsächlich sehr viele individuelle Symptome. Diese, sehr komplexen Fälle erfordern einen erfahrenen Homöopathen zur Auswahl der passenden Arznei für den jeweils aktuellen Krankheitszustand.

  • Ist der Symptomenreichtum Teil der Pathologie (z. B. bei manchen psychischen Erkrankungen), muss eine sehr genaue Selektion der entsprechenden, für die Verschreibung wichtigen Symptome erfolgen.

Formen der Anamnese

Bezüglich der Exploration können folgende Anamnesetypen unterschieden werden:
  • Erstanamnese: Erstbesprechung mit einem neuen Patienten. Sie dient der ErstanamneseSammlung aller vorhandenen Informationen eines Patienten zur Verordnung eines homöopathischen, meist konstitutionellen Arzneimittels und zur weiteren Therapieplanung.

  • Folgeanamnese: Sie dient der Sammlung von zusätzlichen, neuen oder Folgeanamnesegeänderten Symptomen zur Bestimmung eines weiteren, meist konstitutionellen Arzneimittels auf der Grundlage einer früheren Erstanamnese.

  • Follow-up: Meist kürzere Besprechungen zur Beurteilung der FolgeanamneseArzneimittelwirkung des homöopathischen Arzneimittels bzw. des Therapieverlaufs.

  • Akutanamnese: Exploration der Symptome und Ursachen einer interkurrenten, Akutanamnesemeist akuten Erkrankung, mit dem Ziel das passende homöopathische Arzneimittel bzw. die passende Therapie zu finden.

In der täglichen Praxis existieren zum Teil erhebliche Überschneidungen zwischen Follow-up, Folge- und Akutanamnese. Dies liegt in der Tatsache begründet, dass aus jedem Follow-up aufgrund neuer Informationen eine Folge- oder Akutanamnese werden kann. Trotzdem behalten die Richtlinien für den jeweiligen Befragungstyp ihre Gültigkeit.

Erstanamnese

AnamneseErstanamneseDie Folgeanamneses. a. AnamneseErstanamnese dient zu dem Zweck, möglichst umfangreiche ErstanamneseInformationen über einen neuen Patienten zu sammeln. Am Ende steht zum einen die Verordnung eines homöopathischen Arzneimittels, zum anderen der Entwurf eines Behandlungskonzeptes für den jeweiligen Patienten und dessen gesundheitliche Problematik.
Zu erfragende Bereiche
Aus folgenden Bereichen sollten Informationen gewonnen werden:
  • VerlaufsbeurteilungAktuelles Beschwerdebild in der kompletten Symptomatik mit allen bekannten Modalitäten, zeitlichem Ablauf, körperlichen Veränderungen, Verhaltensweisen während der Beschwerden, begleitenden oder parallel entstandenen Problemen, auslösenden Faktoren.

  • Anamnese aller bisherigen, bedeutenden Erkrankungen des Patienten, so komplett wie irgend möglich, unter Umständen auch aus der pränatalen Phase. Wichtig ist auch das Erfassen von akuten Erkrankungen, sofern diese häufiger aufgetreten sind, da Ähnlichkeiten im Ablauf von akuten Erkrankungen auch konstitutionell bei der Arzneimittelwahl benutzt werden können (beispielsweise Tonsillitis immer auf der linken Seite, Sinusitis immer nach Kälteexposition etc.).

  • Anamnese aller bisher vorgenommenen medizinischen Maßnahmen, sowohl aktuelle als auch aus der Vergangenheit. Hierzu zählen pharmakologische Therapien, Operationen, Impfungen, andere prophylaktische Maßnahmen (Vitamine etc.), alternative Therapien, psychologische oder psychiatrische Maßnahmen etc.

  • Eine möglichst detaillierte Familienanamnese (wenn möglich über mehrere Generationen) Familienanamnesemit allen bedeutenden Erkrankungen. Wichtig sind v. a. schwere Erkrankungen und Todesursachen: Krebserkrankungen, neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder M. Parkinson, psychiatrische Erkrankungen, Suizide oder Suizidversuche, schwere Infektionserkrankungen wie Tuberkulose oder HIV, Autoimmunerkrankungen wie Rheuma, Lupus erythematodes, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Gicht. Diese Informationen lassen Rückschlüsse auf die miasmatische Belastung des Patienten zu (3.4) und geben Aufschluss über das passende homöopathische Arzneimittel, über mögliche Alternativ- oder Folgemedikamente und über den möglichen Krankheits- bzw. Behandlungsverlauf.

  • Detaillierte Fremdanamnese aus entsprechenden Quellen (Eltern, andere Verwandte, Lebensgefährte) bezüglich der oben genannten Punkte.

  • Möglichst detaillierte Anamnese der aktuellen und früheren psychosozialen Lebensumstände des Patienten wie Familie, Familienstand (verheiratet, getrennt, geschieden usw.), Beruf, Schule, Hobby etc.

  • Möglichst detaillierte Anamnese der psychischen Situation des Patienten bezüglich seiner Erkrankung und anderer Lebensumstände. Hierzu zählen z. B. konkrete oder unbestimmte Ängste, der Umgang mit Konfliktsituationen und evtl. Reaktionen wie Zorn oder Rückzug, zwanghafte oder neurotische Verhaltensweisen, depressive oder psychotische Züge etc.

  • Detaillierte Anamnese aller Lebensgewohnheiten des Patienten wie Schlafverhalten, Nahrungsmittelverlangen und -abneigungen, meteorologische Einflüsse, Bewegung und Sport, Temperaturempfindlichkeit, Schwitzen etc.

  • Körperliche Untersuchung sowohl bezüglich der Untersuchung, körperlicheErkrankung(en) des Patienten als auch bezüglich anderer physiologischer Parameter wie Aussehen (Haar- und Augenfarbe, Hauttextur und Hautfarbe), Hautveränderungen (Nävi, Warzen, Papillome, Chloasma etc.), Statur (kachektisch, adipös etc.), vegetative Unregelmäßigkeiten (Temperatur unterschiedlicher Körperpartien, Schweiß, Geruch etc.), Verhalten während der Anamnese (Unruhe, Ängstlichkeit, Langsamkeit, Geschwätzigkeit, Schüchternheit etc.). In welcher Reihenfolge die oben genannten Punkte exploriert werden, ist letztlich unerheblich und von den Vorlieben des Behandlers bzw. von der Interaktion zwischen Patienten und Behandler abhängig.

Nicht jeder der oben genannten Punkte kann vom Patienten mit Inhalten gefüllt werden. Dies ist zur korrekten Verschreibung eines homöopathischen Arzneimittels auch nicht zwingend notwendig, jedoch sollte die erhaltene Information möglichst umfangreich sein, um keinen Aspekt des Falles zu vernachlässigen.

Dauer
Der Zeitaufwand für die Erstanamnese beträgt im Schnitt 1–2 Stunden, kann unter Umständen auch bis zu 4 Stunden dauern und sollte dann evtl. auf zwei getrennte Termine verteilt werden.
Hilfsmittel
Eine Hilfestellung für den Homöopathen können Fragebogen, AnamneseFragebögen sein, die der Patient vor der Anamnese ausfüllt.
Am bekanntesten ist der große Fragebogen von Kent, der alle Organe, Organsysteme und Lebensbereiche im Detail abfragt.
  • Vorteile:

    • Bei großem Umfang des Fragebogens steigt der Umfang an Information über den Patienten.

    • Symptome werden seltener vergessen.

    • Der Arzt hat die Möglichkeit, sich vorab ein Bild über Problembereiche des Patienten und infrage kommende Arzneimittel zu machen.

  • Nachteile:

    • Die Symptomatik wird nicht spontan geäußert, da der Patient lange Zeit zum Überlegen und Formulieren hat. Hierdurch kann Information verloren gehen, Wichtiges kann von Unwichtigem schlechter unterschieden werden.

    • Durch die vorgegebene Abfolge der Fragen fehlt die persönliche und hierarchische Bewertung der Symptome und Beschwerden (= Intensität) des Patienten.

    • Auch ein Übermaß an Symptomen kann zu Problemen bei der Arzneimittelwahl führen.

Kürzere Frageschemata dienen als Erinnerungshilfe für den Homöopathen während der Erstanamnese. Sie sollten eingesetzt werden, wenn nach der freien Befragung zu wenige Symptome für eine ordentliche Arzneimittelwahl vorhanden sind.
  • Ein freies Frageschema ist das Kopf-zu-Fuß-Schema in dem in etwa nach der Reihenfolge der Repertoriumskapitel (5.3) die einzelnen Körperbereiche nach Erkrankungen oder Symptomen abgefragt werden.

  • Ein festes Frageschema, das v. a. nach charakteristischen, allgemeinen und psychischen Symptomen sucht, ist der Kleine Kent-Fragebogen (Tab. 4.1). Bestehend aus 50 Fragen, hat er sich in der Praxis bewährt und wird deshalb im Folgenden komplett wiedergegeben.

Folgeanamnese

AnamneseFolgeanamneseDie Folgeanamnese entspricht im Wesentlichen einer kürzeren FolgeanamneseErstanamnese und dauert etwa 30 bis 60 Minuten, kann aber auch bis auf 1,5 oder 2 Stunden ausgedehnt werden. Sie wird notwendig im Verlauf einer homöopathischen Konstitutionsbehandlung.
  • Das oder die bisher verabreichten homöopathischen Arzneimittel zeigten nicht die erwünschte Wirkung. Durch eine erneute Befragung des Patienten muss geklärt werden, ob wichtige Sachverhalte vom Patienten vergessen oder vom Homöopathen übersehen oder falsch interpretiert wurden.

  • Im Therapieverlauf chronischer Erkrankungen (7.3) kommt es häufig zu Veränderungen der Symptome oder zum Auftreten von neuen Symptomen oder Symptomenkomplexen. Dies ist der Punkt in der homöopathischen Therapie, an dem geprüft werden muss, ob das bisher verabreichte Arzneimittel überhaupt oder weiterhin passend ist bzw. ein anderes ausgewählt werden muss.

  • Bei konstitutioneller Therapie sollte auch im Falle positiver Behandlungsergebnisse alle 6–12 Monate eine längere Bestandsaufnahme durchgeführt werden. Hier dient die Folgeanamnese der Überprüfung des Therapieerfolgs und auch der Patientenbindung.

  • Lebensphasen mit erheblichen körperlichen oder seelischen Veränderungen (Kindheit, Pubertät, Schwangerschaft, Klimakterium) erfordern unter Umständen einen Wechsel des homöopathischen Konstitutionsmittels. Die Folgeanamnese gibt Aufschluss über die Art der Veränderung in der Symptomatik und das nun erforderliche Arzneimittel.

Die Rahmenbedienungen der Folgeanamnese entsprechen denen der Erstanamnese. Da in jedem Fall schon umfangreiche Informationen über den Patienten vorliegen, orientiert sich der Umfang der Befragung an der jeweiligen Situation.

Akutanamnese

AnamneseAkutanamneseIn der Homöopathie werden zwei Arten „akuter Erkrankungen“ unterschiedenAkutanamnese:
  • Echte akute Erkrankungen haben keinen Bezug zur chronischen bzw. konstitutionellen Problematik des Patienten. Hierzu zählen viele Infektionserkrankungen, Verletzungen und andere körperliche Traumata, akute gesundheitliche Störungen durch ungesunde Verhaltensweisen (z. B. Schlafmangel, Überessen, Alkohol etc.) und im weitesten Sinne auch psychische Traumata (Todesfälle, Trennungssituationen, Geldverlust etc.).

  • Akute Erkrankungen mit Bezug zur chronischen Erkrankung des Patienten wie akute Exazerbationen wiederkehrender Tonsillitiden oder Sinusitiden, Heuschnupfen, akute Migräneanfälle, akute Ischialgien bei chronischer Bandscheibenproblematik, hypertone Krisen etc.

Akutanamnesen im eigentlichen Sinne sind immer für die echten akuten Erkrankungen notwendig. Die Exploration und therapeutische Beurteilung der scheinbar akuten Erkrankungen muss immer im Hinblick auf den bisherigen Therapieverlauf erfolgen und entspricht oft dem Follow-up oder der Folgeanamnese. Echte Akutanamnesen sind in diesen Fällen nur bei der Erstkonsultation im akuten Krankheitsfall, das heißt ohne bisherige Erstanamnese, und bei schweren, akuten Exazerbationen chronischer Erkrankungen durchzuführen.
Das Ziel der Akutanamnese ist die Diagnosestellung und die Therapieplanung, das heißt die Verordnung eines homöopathischen Arzneimittels sowie evtl. die Einleitung weiterer therapeutischer Maßnahmen.
Die Akutanamnese beschränkt sich im Wesentlichen auf die aktuell vorhandenen Symptome des Patienten, da ein Arzneimittel verordnet werden soll, das der eben vorliegenden Symptomatik entspricht. Oft ist auch der Leidensdruck des Patienten so groß, dass eine Befragung über die aktuelle Symptomatik hinaus ohnehin nicht möglich ist.
  • Alle objektiven und vom Patienten subjektiv empfundenen Umstände der akuten Erkrankung sind zu berücksichtigen. Hierzu zählen die Ursache (Causa), alle Faktoren, welche die Symptomatik oder auch ein einzelnes Symptome verbessern oder verschlechtern (Modalitäten), die Dynamik und der Verlauf der Erkrankung (schnell, langsam, periodisch etc.), Begleiterscheinungen sowie der psychische Zustand des Patienten.

  • Da die Verschreibung für die akute Erkrankung allein auf zu ihr gehörenden Symptomen beruht, muss eine Abgrenzung zwischen den konstitutionell vorhandenen Symptomen und denen der akuten Erkrankung stattfinden.

  • Die krankheitsbezogene, körperliche Untersuchung sollte sich auf die lokale Symptomatik (z. B. das Aussehen entzündeter Körperpartien, Lateralität der Erkrankung, neurologischer Status bei Ischialgie etc.) und den Allgemeinzustand des Patienten (Frost, Fieber, Hitze, Schweiß, psychischer Zustand etc.) erstrecken. Eine möglichst genaue Dokumentation der Befunde ist unabdingbar.

  • Für die Beurteilung des Krankheits- bzw. Heilungsverlaufes ist die schulmedizinische Krankheitsdiagnose wichtig. Wenn nötig, sollte eine weiterführende Diagnostik (z. B. bildgebende Verfahren, Blutuntersuchungen etc.) angewandt werden.

Je nach Art der Erkrankung ist die Akutanamnese unterschiedlich aufwendig und dauert im Allgemeinen zwischen zehn Minuten und einer Stunde.

Follow-up

Das Follow-up dient der Beurteilung des VerlaufsbeurteilungBehandlungsverlaufes nach der Follow-upVerabreichung eines homöopathischen Arzneimittels sowohl bei akuten Erkrankungen als auch während der homöopathischen Konstitutionstherapie.
Ziel des Follow-ups ist eine gut begründete Entscheidung über den weiteren Therapieverlauf (7.2, 7.3, 7.4) bei Akut- und konstitutioneller Therapie, z. B.:
  • Das verabreichte Medikament war gut und wirkt noch, es wird abgewartet.

  • Das verabreichte Medikament war gut, aber die Wirkung ist abgeklungen, das Medikament wird wiederholt.

  • Das verabreichte Medikament zeigte nicht den erwünschten Effekt, ein anderes Medikament muss ausgewählt werden (→ Folgeanamnese).

  • Der Zustand des Patienten hat sich verändert oder es liegt eine akute Erkrankung vor, ein anderes Medikament wird ausgewählt (→ Folgeanamnese oder Akutanamnese).

Zu erfragende Bereiche
  • Die Symptome und/oder Symptomenkomplexe des Patienten werden im Einzelnen auf deren Verlauf überprüft. Um die Arzneimittelwirkung richtig einzuschätzen, ist es wichtig, sich ein möglichst genaues Bild über alle Einzelheiten zu verschaffen. Dabei können unter Umständen auch Laborparameter oder bildgebende Verfahren nützlich sein. In manchen Fällen hat es sich bewährt, vom Patienten Quantifizierungen für die Verlaufsbeurteilung vornehmen zu lassen, z. B. in Form von Prozenten (Kopfschmerz um 60 % besser oder noch 40 % der Schmerzen) oder in Absolutzahlen („Jetzt sind die Kopfschmerzen auf einer Skala von 1–10 bei 4.“). Diese Technik bringt v. a. bei Langzeittherapien einen besseren Überblick.

  • Der Patient gibt eine allgemeine Einschätzung seines Zustandes. Häufig ist der erste Schritt einer beginnenden Heilung eine Verbesserung des Allgemeinbefindens. Hierbei ist die Aussage des Patienten genau zu hinterfragen, um Fehler in der Beurteilung des Therapieverlaufs zu vermeiden.

Follow-up bei Akuttherapie
  • Je nach Krankheitszustand kann das Follow-up AkuttherapieFollow-upnach Minuten, Stunden oder Tagen erfolgen, z. B. bei Erkrankungen mit starken Schmerzen wie Otitis media unter Umständen nach wenigen Minuten, bei Erkrankungen mit langsamerer Dynamik (z. B. EBV-Infektion) erst nach mehreren Tagen.

  • Die Exploration beschränkt sich auf den gerade akut zu behandelnden Zustand, konstitutionelle Symptome oder Symptomenkomplexe werden ausgespart.

  • Da es sich meist um eindeutige, für Arzt und Patient klar einzuschätzende Erkrankungen handelt, besteht im Allgemeinen keine große Schwierigkeit, die richtige Entscheidung zu treffen.

Follow-up im Rahmen der Konstitutionstherapie
In der homöopathischen Konstitutionstherapie wird derKonstitutionstherapieFollow-up Patient mit all seinen Beschwerden sowohl bei Arzneimittelwahl als auch im Therapieverlauf als Ganzes gesehen. Diese Komplexität ist eine der Schwierigkeiten bei der Verlaufsbeurteilung. Eine weitere Schwierigkeit ist die oft unterschiedliche Einschätzung des Behandlungsverlaufes einerseits des Patienten (eher subjektiv) und andererseits des homöopathischen Behandlers (hoffentlich objektiv). Ein drittes Problem ist die jeweils erkrankungs- und patientenspezifische Dynamik von Heilungsverläufen sowie die unterschiedliche Wirkdynamik von homöopathischen Arzneimitteln. Die ArzneimittelWirkdynamikerfolgreiche Weiterbehandlung von chronisch Kranken bzw. die richtige Einschätzung der Situation im Follow-up erfordert also eine größtmögliche Kenntnis der jeweiligen Erkrankungen und ihrer möglichen Verlaufsformen, der homöopathischen Arzneimitteldynamik sowie große Erfahrung in der Patientenführung.
  • Beim Follow-up ist es wichtig, dass der Behandler eine genaue Vorstellung davon hat, in welchen Bereichen er Veränderungen erwartet. Diese für die Verlaufsbeurteilung interessanten Bereiche sollten schon während der Erstanamnese abgesteckt (evtl. notiert) werden.

  • Die einzelnen Symptome/Symptomenkomplexe müssen in ihrem Verlauf bis ins Detail geprüft werden, da es oft die kleinen, für den Patienten eher unwesentlichen Veränderungen sind, die einen Hinweis auf eine positive Arzneimittelwirkung geben. Häufige Aussagen der Patienten wie „es hat sich nichts verändert“ oder „alles ist noch genau wie vorher“, stellen sich dann meist als voreilig heraus.

  • Um zu jedem Zeitpunkt des Therapieverlaufs einen guten Überblick zu haben, ist eine genaue Dokumentation der Veränderungen unabdingbar. So können z. B. die Symptome von interkurrenten Akuterkrankungen von den konstitutionellen Symptomen getrennt werden.

  • Wann das Follow-up bei konstitutioneller Therapie stattfindet, hängt von mehreren Faktoren ab. Eine Faustregel gibt es dabei nicht:

    • Die erwartete Wirkdauer der homöopathischen Medikamente muss bei der Wahl des Zeitpunkts für das Follow-up ArzneimittelWirkdynamikberücksichtigt werden. Diese hängt von der gewählten Potenz (6.1, 6.2, 6.3, 6.4) und von der Wirkdynamik des jeweiligen Arzneimittels ab. Zur Vereinfachung kann man sich für den Zeitpunkt des Follow-ups, zumindest in unkomplizierten Fällen, an den Mindestwirkzeiten für die jeweils verabreichte Potenz halten (6.2.5, 6.5).

    • Der Zeitpunkt für das Follow-up ist außerdem abhängig von der Art und dem bisherigen Verlauf der Erkrankung. Auch bei chronischen Erkrankungen gilt, dass bei Erkrankungen mit bisher kürzerem oder heftigerem Verlauf, z. B. erst kurz bestehende entzündliche Erkrankungen wie Kolitiden, schneller mit Veränderungen zu rechnen ist, das Follow-up also schon nach wenigen Tagen erfolgen kann. Länger bestehende Erkrankungen oder solche mit langsamer Dynamik, wie z. B. Psoriasis oder Migräne mit jahrelanger Anamnese, zeigen meist keine schnellen Veränderungen, hier erfolgt das Follow-up erst nach mehreren Wochen, meist nicht vor Ablauf der Mindestwirkzeit der verabreichten Potenz.

    • Unabhängig von der Erkrankungsdynamik oder der Wirkzeit des Medikaments kann es aus Gründen der Patientenführung notwendig sein, Follow-up-Termine früher als Arzt-Patienten-Verhältniseigentlich nötig zu vereinbaren.

  • Je nach Komplexität des vorliegenden Falles dauern Follow-ups in der homöopathischen Praxis zwischen wenigen Minuten bis zu etwa einer halben Stunde.

In der Praxis gibt es häufig Überschneidungen zwischen Follow-up und Folgeanamnese, da es im Lauf des Follow-ups klar werden kann, dass ein neues Medikament gewählt werden muss, also eine Folgeanamnese ansteht.

Anamnese bei Kindern

AnamneseKinderUnabhängig von der Art und der Zielsetzung der jeweiligen KindPatientenbefragungBefragung, ergeben sich für die homöopathische Befragung bei Kindern aus folgenden Gründen einige Besonderheiten:
  • Je jünger die Patienten sind, desto spärlicher fällt meist die Schilderung der jeweils krankheitsbezogenen Symptomatik und der allgemeinen Zeichen und Symptome aus, was sowohl die Erst- bzw. Akutanamnese als auch das Follow-up erschweren.

  • Die Schilderung der Eltern ist oft sehr subjektiv und von deren Ängsten oder Konflikten geprägt.

Um dennoch zu einer suffizienten Verschreibung zu gelangen, sollten für alle Befragungsformen folgende Punkte speziell berücksichtig werden:
  • Um objektive Symptome der vorhandenen Erkrankung zu erhalten, ist häufig eine körperliche Untersuchung notwendig. Wichtige Symptome können z. B. die Lokalisation, Art und Beschaffenheit von Hautausschlägen oder Absonderungen liefern.

  • Häufig finden sich die Hinweise für das passende Arzneimittel in indirekten, nicht krankheitsbezogenen Symptomen des Kindes (Repertorium der charakteristischen sichtbaren und direkt erfassbaren Symptome 35.2). Hierzu zählen z. B. Auffälligkeiten wie Habitus, Besonderheiten der Haut, von Hautanhangsgebilden und Schleimhäuten (Haarfarbe, Sommersprossen, Nävi, Warzen, Verfärbungen oder Verformungen der Nägel, Schweiß etc.), der Zustand des Zahnapparates, die Verdauung etc.

  • Das Verhalten des Kindes in der Praxis, beim Spiel und die Interaktion mit Geschwistern oder Eltern liefern nützliche Hinweise (z. B. unruhig, reizbar, zornig, eifersüchtig, ungeduldig, schüchtern, empfindlich etc.).

Wichtig – speziell für die Erstanamnese bei Kindern:
  • Die detaillierte Familienanamnese gibt Aufschluss über die miasmatische Belastung (3.6.2), die Prognose und die passenden Arzneimittel.

  • Die ausführliche Anamnese von Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit kann bei Säuglingen und Kleinkindern wahlanzeigende Symptome für bestimmte Medikamente liefern. Z. B. spricht Muttermilchunverträglichkeit für Silicea oder Aethusa, Neugeborenenikterus unter anderem für Sepia oder Natrium sulfuricum.

  • Besonders aufschlussreich für die passende Verschreibung sind die Entwicklung des Kindes bzw. Störungen in der Entwicklung. Spezielles Augenmerk verdienen dabei die motorische Entwicklung (Krabbeln, Laufen), die Sprachentwicklung und die Zahnung.

  • Die genaue Anamnese der bisherigen Erkrankungen, ihrer Verläufe und bisher stattgefundener prophylaktischer Maßnahmen wie Impfungen und die Reaktionen darauf lassen sowohl Rückschlüsse auf die Prognose als auch auf passende Arzneimittel zu.

Einsatz von Kommunikationsmedien

Die Frage nach der Art des Patientenkontaktes, ob direkt Erstanamneses. a. Anamnesein der Praxis oder über Medien wie Telefon oder Schriftverkehr, ist klar zu beantworten: Die beste und direkteste Art und Weise, mit Patienten zu kommunizieren, ist die Praxiskonsultation. Sie ermöglicht es, den Patienten mit allen Sinnen zu erfahren. Dies gilt für alle Richtungen der medizinischen Therapie, nicht nur für die Homöopathie. In der täglichen Routine ist es jedoch kaum möglich, alle Patienten für jegliche Art der Konsultation einzubestellen, da Praxistermine grundsätzlich zeitaufwändiger sind und/oder die Patienten für kurze Besuche oft zu weit entfernt wohnen.
Deshalb hat es sich in vielen homöopathischen Praxen eingebürgert, Sprechzeiten auch telefonisch oder Informationsaustausch im Schriftverkehr durchzuführen.
Einige grundsätzliche Überlegungen zu den verschiedenen Möglichkeiten des Patientenkontaktes bei der homöopathischen Konsultation, unterschieden nach der Art der Anamnese:
  • Erstanamnese: Die Erstanamnese mit einer Dauer von 1,5 Stunden und mehr mussErstanamnese im persönlichen Kontakt in der Praxis oder, wenn nicht anders möglich, beim Patienten zu Hause stattfinden. Weder am Telefon noch über Schriftverkehr können alle Aspekte eines Falles erfasst werden.

  • Akutanamnese: Grundsätzlich sollte ein Patient mit akuten Problemen in der AkutanamnesePraxis oder im Rahmen eines Hausbesuchs behandelt werden. Dies gilt v. a. für ernst zu nehmende Akutkrankheiten. Bei leichteren akuten Problemen wie banaler Rhinitis oder Infekthusten etc. kann aus praktischen Gründen auch auf telefonische Konsultationen ausgewichen werden. Dabei liegt es in der Verantwortung des Arztes, den Patienten einzubestellen oder von Kollegen vor Ort untersuchen zu lassen, um die Diagnose zu sichern oder Komplikationen auszuschließen. Briefverkehr bietet sich wegen der Übermittlungsgeschwindigkeit nicht an.

  • Folgeanamnese: Die meist zeitaufwändigen Folgeanamnesen sollten in der FolgeanamnesePraxis durchgeführt werden, da hier unter Umständen über Richtungsänderungen im homöopathischen Therapieregime entschieden wird. Da der Patient schon bekannt ist, kann unter Umständen auch auf das Telefon oder auf Schriftverkehr ausgewichen werden. Dies gilt besonders für die Fälle, in denen der vorausschauende Homöopath den weiteren Verlauf der homöopathischen Therapie im Falle eines Versagens des zuvor verabreichten Medikamentes schon während der Erstanamnese festgelegt hat.

  • Follow-up: Das Follow-up dient immer der Follow-upVerlaufsbeurteilung. Dies impliziert, dass der Patient sowohl in Verlaufsbeurteilungakuten als auch in konstitutionell therapierten Fällen persönlich bekannt ist. Diese Tatsache, zusammen mit der oft kürzeren Dauer des Follow-ups, führt dazu, dass viele homöopathischen Ärzte ihre Follow-ups telefonisch oder auch per Schriftverkehr durchführen, was sich in der täglichen Praxis bewährt hat.

Auch auf den rechtlichen Aspekt des Datenschutzes im Falle von Schriftverkehr (Brief/Fax/E-Mail) in der Praxis sei hingewiesen. Es muss sichergestellt sein, dass die Informationen nur dem Arzt und nicht Dritten zugänglich sind.

Homöopathische Symptomenlehre

SymptomenlehreDer fundamentale Unterschied zwischen der ursprünglichen griechischen Bedeutung des Wortes Symptom (Griech. symptoma = Zufall, vorübergehende Eigentümlichkeit) und seiner medizinischen Bedeutung (Krankheitszeichen, für eine bestimmte Krankheit charakteristische, zu einem bestimmten Krankheitsbild gehörende, krankhafte Veränderung) ist ebenso kennzeichnend für unterschiedliche Definition, Bedeutung und Bewertung eines „Symptoms“ in der Schulmedizin bzw. in der Homöopathie.
Allopathie: Ein Symptom ist eine, zu einer bestimmten AllopathieSymptomatologieKrankheit gehörende, krankhafte Veränderung, d. h. etwas möglichst konstantes, einförmig Wiederkehrendes, sowohl am kranken Individuum als auch an der Gruppe der an derselben Krankheit leidenden Individuen.
In der Schulmedizin dienen Symptome der Diagnostik und Einteilung von Krankheiten. Dies führt zur Normierung von Parametern (alle Vitalparameter wie Blutdruck und Puls, alle Blutwerte, anatomische und histologische Normen etc.) und Zusammenfassung von Symptomen zu bestimmten Diagnosen oder Syndromen. Letztlich führt das allopathische Verständnis eines „Symptoms“ v. a. zu einer maximalen Reduktion der zur Diagnosestellung notwendigen Parameter. Veränderungen außerhalb dieser Normierung finden keine Verwendung (und/oder kein Verständnis).
Homöopathie: Jede Lebensäußerung eines Organismus in ihrer möglichst detaillierten Beschreibung stellt ein Symptom dar, unabhängig davon, ob es sich um eine krankheitsbedingte oder eine krankheitsunabhängige Veränderung handelt. Interessant ist, dass schon Hahnemann im Organon von Symptomen als „Zufällen oder Eigentümlichkeiten“ spricht. Er sieht jedwedes Symptom als fassbare Äußerung einer individuellen, inneren, dynamischen Erkrankung des gesamten Organismus.
Der Nutzen, den die Homöopathie aus den Symptomen zieht, ist das Erstellen eines individuellen Bildes des Patienten in allen seinen Facetten (Individualisieren, 4.3.1) zum Auffinden des passenden, homöopathischen Arzneimittels.

Mit der Symptomenlehre assoziierte Begriffe

Einige wichtige, mit der homöopathischen Symptomenlehre assoziierte Begriffe – Modalitäten, Erstreckung, vollständiges Symptom, Leitsymptom, pathognomonische Symptome werden im Folgenden erläutert.
Modalitäten
SymptomenlehreModalitätenModalitäten sind die Umstände, die ein vorhandenes Symptom verbessern Modalitätenoder verschlechtern. Die Modalitäten eines Symptoms können dabei unterschiedlichster Natur sein (z. B. Temperatur, Zeit, geophysische Veränderungen wie Wetter oder Aufenthalt am Meer oder im Gebirge, Tageszeiten, Jahreszeiten, weiblicher Zyklus, körperliche Bewegung oder Anstrengung etc.). Modalitäten finden sich für Lokal-, Allgemein-, psychische und charakteristische Symptome (Tab. 4.2). Besonders auffallende Modalitäten werden den charakteristischen, auffallenden Symptomen zugeordnet (s. u.).

Ein krankheitsverbessernder oder -verschlechternder Umstand gewinnt oft erst durch die Wiederholung den Charakter einer Modalität. Als Einzelereignis könnte das Zusammentreffen von Symptomenveränderung und dem jeweiligen Umstand rein zufällig sein.

Erstreckung
Symptome, meist Schmerzen, die sich von ihrem Ausgangspunkt an eine andereErstreckung, klar definierte Lokalisation erstrecken. Erstreckungen sind häufig auffallende, charakteristische Symptome und bei der Arzneiwahl hilfreich.
  • Halsschmerzen erstrecken sich von links nach rechts (oder beginnen links und wandern dann nach rechts).

  • Nackenschmerzen erstrecken sich nach oben.

  • Schmerzen im Rektum erstrecken sich zur Lumbal- oder Iliosakralregion.

  • Kopfschmerzen erstrecken sich zur Zungenwurzel.

  • Bauchschmerz erstreckt sich zum Rücken.

  • Rückenschmerz erstreckt sich zum Magen.

Leberschmerz erstreckt sich zum Rücken.
Vollständiges Symptom
Symptomenlehrevollständiges SymptomeEin vollständiges Symptom ist ein Symptom, dass in allen seinen Facetten beschrieben ist. Hierzu zählen:
  • Lokalisation.

  • Modalitäten der Zeit, der Temperatur, der Bewegung etc.

  • Erstreckungen.

  • Causa.

  • Begleitsymptome.

Prinzipiell sollte das Bestreben bei der Anamnese dahin gehen, jedes Symptom vom Patienten so vollständig wie möglich zu erhalten, dies ist jedoch nicht immer möglich (aus Zeitgründen oder weil der Patient sich nicht erinnern kann). Die Idee des vollständigen Symptoms drückt (nach Meinung des Autors) v. a. das Bestreben nach größtmöglicher Gewissenhaftigkeit bei der Anamnese aus. Der Behandlungserfolg, d. h. u. a. die Verordnung des passenden Arzneimittels, ist in den allermeisten Fällen von weit mehr Faktoren abhängig als der größtmöglichen Vollständigkeit aller „Zeichen und Zufälle“ (Symptome).
Leitsymptom
Der Begriff Leitsymptom stammt aus der Materia medica und wird für LeitsymptomSymptome oder auch Symptomenkombinationen verwendet, die besonders typisch sind für ein bestimmtes Medikament, also sozusagen auf dieses „hin-leiten“. Es kann sich dabei um Lokalsymptome (meist auffallende), Allgemein- und auch psychische Symptome handeln (Tab. 4.3).

Ein Leitsymptom muss nicht unbedingt besonders einzigartig sein, sondern es ist besonders typisch für ein Medikament, auch wenn das Symptom an sich bei vielen Medikamenten im Arzneimittelbild vorhanden ist. Leitsymptome finden sich in allen Gruppen von Symptomen (Lokal-Lokalsymptom, Allgemein- und psychischen Symptomen). Viele auffallende, charakteristische Symptome (s. u.) sind auch Leitsymptome bestimmter Arzneimittel.

Pathognomonische Symptome
AllgemeinsymptomSymptomepsychischePathognomonisch sind Symptome, wenn sie in typischer Weise Symptomepathognomonischezum vorliegenden Krankheitsbild (im Sinne der schulmedizinischen Diagnose) gehören. So ist z. B. Urinverlust beim Husten pathognomonisch für eine Blasensenkung. Tritt das gleiche Symptom jedoch ohne eine Blasensenkung oder sonstige fassbare Störung im Urogenitalbereich auf, wird es ein auffallendes Symptom. Pathognomonische Symptome sind für die Arzneimittelfindung häufig nicht besonders hilfreich, das gewählte Arzneimittel sollte aber prinzipiell in der Lage sein, auf Erkrankungen aus dem jeweiligen Bereich einzuwirken („Pathologische Veränderungen“, 4.2.2). Auch bei pathologischen Gewebsveränderungen handelt es sich im Prinzip um pathognomonische Symptome.
Achtung: Je spezieller oder ungewöhnlicher ein pathognomonisches Symptom geschildert wird, desto hilfreicher kann es auch bei der Arzneifindung sein. Es ist dann eben kein rein pathognomonisches Symptom mehr, sondern wird charakteristisch und eigenheitlich:
  • Pathognomonisch: Ekzeme mit Absonderungen bei Neurodermitis.

  • Charakteristisch, auffallend: Ekzeme mit honigartigen, klebrigen Absonderungen.

Gerade bei der Behandlung von Schwer- und Schwerstkranken („Einseitige Erkrankungen“, 4.2.2, 4.3.3) kommt diesen Symptomen eine erhebliche Bedeutung bei der Arzneiwahl zu. („Pathologische Veränderungen“, 4.2.2)

Ein Symptom wird immer dann auffallend, wenn es untypisch für die vorliegende Erkrankung ist (also nicht pathognomonisch) oder sie auf eine besondere Weise charakterisiert. So kann ein Pruritus ohne (äußerliche) Causa bei bestimmten Lebererkrankungen völlig normal sein, ohne jede Ursache wird er jedoch zum auffallenden Symptom. Um den Wert eines Symptoms also richtig beurteilen zu können, ist ein umfassendes Wissen im Bereich der Krankheitslehre erforderlich.

Laborwerte und deren pathologische Veränderungen (Leukozytose, Thrombozytopenie etc.) stellen selten ein wertvolles, individuelles Symptom für die Arzneimittelwahl dar, da sie selten individuell charakteristisch für den Patienten sind. Sie fungieren für den Homöopathen – wie in der Schulmedizin – v. a. als Anzeiger für den Krankheits-/Heilungsverlauf der jeweils vorliegende pathologische Veränderungen, z. B. Tumormarker bei Krebserkrankungen, Hb bei Anämie, BKS bei Polymyalgie. Bedeutung haben die Laborwerte also v. a. bei der Verlaufsbeurteilung.

Homöopathische Klassifizierung von Symptomen

Um die Symptome eines Patienten Klassifizierung, Symptomemöglichst übersichtlich zu SymptomeKlassifizierungordnen und auch zu bewerten, werden sie in verschiedene Klassen eingeteilt. Die korrekte Zuordnung der Symptome ist die Grundvoraussetzung für die Be- und Auswertung der Symptome (Symptomenanalyse).
Alle Symptome eines Patienten lassen sich in eine der folgenden Gruppen einordnen:
  • Lokalsymptome.

  • Allgemeinsymptome.

  • Psychische Symptome.

  • Causa

  • Auffallende und charakteristische Symptome.

  • Pathologische Veränderungen.

Nicht immer ist eine eindeutige, klare Zuordnung von Symptomen zu den aufgeführten Gruppen möglich, Überschneidungen sind nicht selten. Die kategorische Einteilung dient als Orientierungshilfe.

Lokalsymptome
SymptomenlehreLokalsymptomSymptome, die sich an nur einem bestimmten Organ oder Körperteil zeigen,Lokalsymptom sind Lokalsymptome. Der Patient sagt typischerweise: „Mein Fuß schmerzt“, „Meine Leber drückt“, „Mein Kopf juckt“ etc. Jede einzeln auftretende Veränderung gilt primär als Lokalsymptom, z. B. Tonsillenschwellung, Nasenpolypen, lokale Lymphknotenschwellungen etc.
Allgemeinsymptome
SymptomenlehreAllgemeinsymptomSymptome, die den gesamten Organismus betreffen, sind AllgemeinsymptomAllgemeinsymptome. Typisch für Allgemeinsymptome ist die Formulierung des Patienten in der „Ich-Form“: „Ich fühle mich schlecht vor einem Gewitter“, „Kälte tut mir nicht gut“, „Schlafmangel macht mich krank“, „Nachmittags geht es mir deutlich schlechter“ etc.
Die folgenden Erscheinungen werden ebenfalls den Allgemeinsymptomen zugeordnet:
  • Ausscheidungen und Absonderungen bzw. das Fehlen von Absonderungen (z. B. Obstipation), unabhängig davon, ob sie pathologischer Natur oder den normalen Lebensvorgängen zugehörig sind (Stuhlgang, Urin, Sperma, Regelblutung, Schweiß, Rhinitis, Otorrhoe, Erbrechen, Speichel etc.).

  • Nahrungsmittelverlangen und -abneigungen sowie Unverträglichkeiten.

  • Symptome von Frost, Fieber, Schweiß (als Absonderung).

  • Schlafsymptome (z. B. Schlaflage, Symptome von Schlafstörungen etc.) und Träume (die von manchen Autoren auch als psychisches Symptom gewertet werden).

  • Symptome der Sexualität, sofern diese nicht den psychischen Symptomen zugerechnet werden (z. B. vermehrtes oder vermindertes sexuelles Verlangen).

  • Lokalsymptome, die mindestens drei Mal in der gleichen Art und Weise an unterschiedlichen Körperstellen auftreten, werden als Allgemeinsymptom bewertet, z. B.

    • Rechtsseitige Schmerzen am Sprunggelenk, Hüftgelenk und Schultergelenk (ohne Gelenkschmerzen auf der linken Seite) = Allgemeinsymptom rechtsseitige Beschwerden.

    • Kopfschmerzen, Hautausschlag und Konjunktivitis durch Sonne = Allgemeinsymptom schlechter durch Sonne.

    • Diarrhoe, Kopfschmerzen, Husten schlimmer in der Nacht = Allgemeinsymptom nächtliche Verschlechterung.

    • Trockenheit von Mund, Nasen und Vaginalschleimhaut = Allgemeinsymptome Trockenheit der Schleimhäute.

    • Lymphknotenschwellung in der Leiste, den Achselhöhlen und am Hals = Allgemeinsymptom Lymphknotenschwellungen etc.

Psychische Symptome
Symptomenlehrepsychische SymptomeZu den psychischen Symptomen zählen sowohl die Charakterstruktur Symptomepsychischedes Patienten (die häufig nicht pathologisch ist) als auch fassbare psychische Alterationen bis hin zu den Symptomen tatsächlicher psychischer Erkrankungen (Psychosen, Neurosen etc.):
  • Charakterstruktur: Eigenschaften wie Verschlossenheit, Extrovertiertheit, Reizbarkeit, Gewissenhaftigkeit, Geiz, Religiosität etc.; auch die Art und Weise des sozialen Umgangs in Beruf, Beziehung etc.

  • Psychische Alterationen ohne das Vorliegen einer psychischen Erkrankung: konkrete Symptome wie bestimmte Ängste (z. B. Höhenangst, Furcht vor Hunden, unbegründete Furcht vor Herzinfarkt etc.), Konzentrationsstörungen wie Vergesslichkeit für bestimmte Sachverhalte (Namen, Zahlen etc.), inadäquate emotionale Reaktionen (Lachen oder Weinen in unpassenden Situationen) etc.

  • Symptome psychischer Erkrankungen: alle Erscheinungen der psychischen Erkrankungen, wie z. B. auch das Fluchen bei Tourette-Syndrom, konkrete Zwänge bei Neurosen oder die Wahnvorstellungen bei schizophrenen Psychosen.

Schulmedizinische Diagnosen (z. B. Schizophrenie, Depression, Neurose) sind keine Symptome.

Causa
SymptomenlehreCausaDie Causa (= Ursache) ist eine von den Lokal-, Allgemein- und Gemütssymptomen Causagetrennte Gruppe von „Symptomen“. Hier werden Umstände eingeordnet, die ursächlich für eine Störung oder Erkrankung sind. Diese können aus den unterschiedlichsten Bereichen stammen: geometereologische Gegebenheiten (z. B. Krankheit ausgelöst durch Wetter, Jahreszeit, Regen, Schnee, Sonne, Hitze etc.), psychische Faktoren (z. B. Krankheit ausgelöst durch Kummer, Schock, finanzielle Verluste, Missbrauch, Erniedrigung etc.), körperliche Auslöser (Krankheit ausgelöst durch Überanstrengung, körperliche Traumata, sexuelle Exzesse, Flüssigkeitsverluste, Schlafmangel, Vergiftung, Insektenstiche, Impfungen etc.). Dabei muss ein direkter Zusammenhang zwischen Causa und Erkrankung deutlich erkennbar sein. Infektionserreger im schulmedizinischen Sinne (Viren, Pilze, Bakterien, Parasiten) sind bei der homöopathischen Arzneiwahl als Causa sehr selten von Bedeutung (wohl aber deren Krankheitssymptome). Auch Diagnosen sind im homöopathischen Sinne keine Causa.

Die Causa muss von den Modalitäten (s. o.) einzelner Symptome abgegrenzt werden.

Auffallende und charakteristische Symptome
Das Verständnis der auffallenden und charakteristischen SymptomecharakteristischeSymptome ist der Schlüssel zur erfolgreichen homöopathischen Verschreibung. Ihre immense Bedeutung wurde von Hahnemann im Organon, § 153, wie folgt beschrieben: „Bei dieser Aufsuchung $Hahnemann, Samueleines homöopathischen specifischen Heimittels, das ist, bei dieser Gegeneinanderhaltung des Zeichen-Inbegriffs der natürlichen Krankheit gegen die Symptomenreihen der vorhandenen Arzneien, um unter diesen eine, dem zu heilenden Uebel in Aehnlichkeit entsprechende Kunstkrankheits-Potenz zu finden, sind die auffallendern, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalles, besonders und fast einzig fest in's Auge zu fassen […]“. (Anm.: daher auch die häufig verwendete Bezeichnung „§-153-Symptome“.)

Auffallend ist alles, was am Patienten und/oder seiner Erkrankung von der Norm abweicht, untypisch ist oder sich in seiner Art und Weise irgendwie anders als bei anderen Menschen/Patienten (und deren Erkrankung) verhält.

Auffallende und charakteristische Symptome können demnach aus allen zuvor genannten Kategorien stammen, den Lokal-, Allgemein-, den psychischen Symptomen und auch eine Causa kann auffallend sein.
Zum besseren Verständnis lassen sich die auffallenden und charakteristischen Symptome in 12 Gruppen aufteilen (nach Horst Barthel, „Charakteristika homöopathischer Arzneimittel“). Zur Illustration werden jeweils einige beispielhafte Symptome angeführt:
Charakteristische Modalität
Definition: Symptome werden durch bestimmte, für das jeweilige Symptom Modalitätenungewöhnliche Umstände (Modalitäten) verbessert oder verschlechtert bzw. ausgelöst oder zum Verschwinden gebracht (im Gegensatz dazu ist die Causa der Auslöser einer Erkrankung, nicht eines Symptoms).
  • Weinen, wenn ihm gedankt wird.

  • Brustspannen vor der Mens.

  • Husten beim Entblößen oder Kaltwerden einer Hand.

  • Halsschmerz besser durch Essen.

  • Schwindel beim Sehen nach oben.

  • Unwillkürlicher Harnabgang beim Lachen.

  • Kopfschmerz durch Fasten.

  • Atemnot besser durch Liegen auf dem Rücken.

Charakteristische Lokalisation
Definition: Symptome treten an für sie untypischen Körperstellen auf oder werden durch den Ort ihres Erscheinens speziell charakterisiert.
  • Warze auf der Nasenspitze.

  • Kälte der Oberschenkel.

  • Rechtsseitige Schulterschmerzen.

  • Risse an den Fingerspitzen.

  • Tonsillenschwellung links.

  • Rechtsseitige Leistenhernie.

  • Schweiß am Hals.

  • Pneumonie links basal.

Charakteristisches Gefühl
Definition: Der Patient schildert ein eindeutiges Gefühl, dass entweder durch die vorliegende Pathologie nicht erklärlich ist oder dem keine Pathologie zugrunde liegt.
  • Gefühl, der Anus sei offen.

  • Gefühl von etwas Lebendigem im Bauch.

  • Schwächegefühl in der Brust.

  • Bandgefühl um die Unterschenkel.

  • Gefühl, Wind strömt aus den Ohren.

  • Gefühl, die Augen würden an einer Schnur nach hinten gezogen.

  • Gefühl, Wasser würde gegen die inneren Organe spritzen.

  • Gefühl eines Haares auf der Zunge.

Charakteristische Erstreckung
Definition: Symptome oder Empfindungen beginnen an einem bestimmten Ort Erstreckungund erstrecken sich (bzw. wandern) zu einem anderen Ort. Je untypischer die Erstreckung für die vorliegende Erkrankung ist, desto auffallender ist sie.
  • Nackenschmerzen erstrecken sich aufwärts zum Hinterkopf.

  • Schmerzen vom Rektum erstrecken sich zur Sakroiliakalregion.

  • Kopfschmerzen erstrecken sich zur Zungenwurzel.

  • Hitzewallungen erstrecken sich aufwärts.

  • Abmagerung beginnend in der oberen Körperhälfte wandert nach unten.

  • Symptome beginnen immer links und wandern nach rechts.

  • Leberschmerzen erstrecken sich zum Rücken.

  • Schmerz der Mamma erstreckt sich zum Rücken.

Charakteristischer Beginn, Verlauf und charakteristisches Ende
Definition: Symptome zeichnen sich durch einen immer gleichen, individuellen Ablauf ab oder unterliegen einer typischen Periodizität. Hierzu zählen auch rezidivierende Erkrankungen.
  • Kopfschmerzen nehmen mit der Sonne zu und ab.

  • Schmerzen erscheinen allmählich und verschwinden plötzlich.

  • Schmerzen erscheinen plötzlich und verschwinden allmählich.

  • Rezidivierende Tonsillitis.

  • Symptome tagsüber besser.

  • Chronische Zystitis.

Charakteristische Kombination konträrer Symptome
Definition: Zwei Symptome, die in ihrer Kombination nicht schlüssig sind, treten gemeinsam in Erscheinung.
  • Abmagerung trotz Heißhunger.

  • Gleichgültigkeit gegen geliebte Personen.

  • Abneigung gegen Gesellschaft, jedoch Furcht vor dem Alleinsein.

  • Lachen über ernste Dinge.

  • Frost, jedoch Verlangen entblößt zu sein.

  • Verlangen nach kalten Getränken während Frost.

  • Tagsüber schläfrig, nachts schlaflos.

  • Traurigkeit gebessert durch traurige Musik.

  • Schwerhörigkeit, Lärm bessert.

Charakteristische Periodizität
Definition: Symptome, die unerklärlicherweise Periodizitätmit einer SymptomePeriodizitätbestimmten Regelmäßigkeit auftreten. Hierzu werden auch Symptome gezählt, die typischerweise regelmäßig erscheinen, dies aber zu untypischen oder sehr speziellen Zeiten.
  • Symptome kehren alle 14 Tage wieder.

  • Konvulsionen alle drei Wochen.

  • Heuschnupfen immer im Herbst.

  • Rissige Hände im Winter.

  • Kopfschmerzen immer zur selben Stunde.

Charakteristische, sich abwechselnde Symptome
Definition: Zwei oder mehr Symptome des gleichen Organs oder Organsystems bzw. unterschiedlicher Herkunft wechseln sich in ihrem Erscheinen ab.
  • Fließschnupfen abwechselnd mit Nasenverstopfung.

  • Obstipation abwechselnd mit Durchfall.

  • Asthma abwechselnd mit Hautausschlägen.

  • Kopfschmerzen abwechselnd mit Diarrhoe.

  • Allgemein widersprüchliche und abwechselnde Zustände.

Charakteristische Abfolge
Definition: Symptome treten immer in der gleichen Art und Weise auf in einer festen Reihenfolge, oder allein die Abfolge zweier Symptome ist auffallend.
  • Kopfschmerzen wechseln immer die Seite.

  • Ohrenabsonderung als Folgezustand nach Krankheit (nicht Otitis media).

  • Nasenbluten während Menses.

  • Kopfschmerz zu Beginn der Menses.

  • Frost gefolgt von Schweiß, ohne Hitze dazwischen.

Charakteristische vikariierende (stellvertretende) Symptome
Definition: Symptom tritt an Stelle eines anderen, zu Symptomestellvertretendeerwartenden Symptoms auf.
  • Nasenbluten anstatt Menses.

  • Leukorrhoe anstatt der Menstruation.

  • Kopfschmerz beim Aussetzen der Menses.

Charakteristisch wegen fehlender Symptome
Definition: Symptome, die aufgrund einer bestimmten Erkrankung oder Symptomatologie folgerichtig zu erwarten sind, bleiben aus.
  • Augen offen im Schlaf.

  • Hautjucken ohne Hautausschlag.

  • Durstlos bei Fieber.

  • Schmerzlose Heiserkeit.

  • Schmerzlosigkeit gewöhnlich schmerzhafter Beschwerden.

  • Kann nicht weinen, obwohl traurig.

  • Fehlende Milchbildung nach der Entbindung.

Charakteristisch an sich
Definition: Symptome, die durch ihre Art und Weise auffallen, ohne dass sie einer der oberen elf Gruppen zugeordnet werden können.
  • Fadenziehende Nasenabsonderungen.

  • Fächerartige Bewegungen der Nasenflügel bei Pneumonie.

  • Nägelbeißen.

  • Verlangen nach Brathering.

  • Andauerndes Räuspern.

  • Strabismus links nach innen.

  • Wahnidee, vergiftet zu werden.

  • Flüssigkeiten kommen beim Schlucken aus der Nase.

Pathologische Veränderungen
Pathologische Veränderungen sind das körperliche Endprodukt einer Erkrankung und in ihrer Art und Weise an die vorliegende Erkrankung gekoppelt, d. h. keine individuelle Krankheitsäußerung, also an sich nicht auffallend (z. B. Brustknoten bei Brustkrebs, Tonsillenschwellung bei Tonsillitis, Herzvergrößerung bei Herzinsuffizienz). Trotzdem repräsentiert die jeweils vorliegende Pathologie eine für den Organismus typische Art zu reagieren/erkranken und ist somit etwas für den Patienten Charakteristisches (immerhin ist er der Patient, der gerade jetzt diese Erkrankung in der vorliegenden Art und Weise hat).
Somit sind die pathologischen Veränderungen mehr als nur ein Lokalsymptom (4.3.1). Befindet sich eine pathologische Veränderung an einer auffallenden Lokalisation, kann sie durchaus als §-153-Symptom gewertet werden (beispielsweise Warzen nahe den Fingernägeln, Pneumonie rechts unten, Tuberkulose von Lymphdrüsen).
Anmerkung: Die Bedeutung der pathologischen Veränderungen einer Erkrankung bei der Arzneiwahl wird von verschiedenen Autoren unterschiedlich eingeschätzt. Ihre Bedeutung wurde erstmals von Kent hervorgehoben. Mit einer heute erneut zunehmenden Verbreitung der Homöopathie und deren konsekutive Anwendung auch auf schwere Erkrankungen hat die Bewertung der pathologischen Veränderungen einer Erkrankung bei der Arzneimittelwahl erneut an Bedeutung gewonnen, v. a., da sich in der Praxis zeigt, dass gerade bei schweren Erkrankungen das Spektrum an individuellen Symptomen mit Fortschreiten der Erkrankung abnimmt (= einseitige Erkrankung).

Fallanalyse und Arzneimittelwahl

Fallanalyse

Letztlich hängt der Erfolg der Bemühungen des Arztes davon ab, am Patienten zu erkennen, was es nun gerade an ihm und seiner Erkrankung ist, dem das ausgesuchte Arzneimittel ähnlich sein soll. Obwohl die korrekte Arzneiwahl nur ein Standbein der erfolgreichen, homöopathischen Therapie ist (die anderen sind Dosierung und Verlaufsbeurteilung), befinden wir uns beim Thema „Arzneiwahl“ direkt an der „Kernidee“ der Homöopathie.

Mit der korrekt durchgeführten VerordnungAnamnese hat ArzneimittelWahlman sich – zumindestFallanalyse theoretisch – die Möglichkeit geschaffen, das für den vorliegenden Krankheitsfall passende Arzneimittel auszuwählen. Im folgenden Abschnitt soll dargestellt werden, mit welchen Methoden das passende Arzneimittel möglichst sicher gefunden werden kann.
Alle klassisch homöopathischen Methoden der Fallanalyse gehen auf Hahnemanns Beschreibung der Fallanalyse im „Organon der Heilkunst“ zurück. Er erklärt darin die immense Bedeutung der individuellen Krankheitssymptomatologie bei der Suche nach dem passenden Heilmittel, er unterscheidet Gemüts-, Allgemein- und Lokalsymptome und hebt die Wichtigkeit von auffallenden Symptomen am Patienten hervor.
Hahnemanns Methodik wurde unter anderem $Hahnemann, Samuelvon Kent, Schmidt, Künzli von Fimmelsberg$Kent, James Tyler etc. ($Künzli von Fimmelsberg, JostWegbegleiter und Erben Hahnemanns 1.3, 33) weiterentwickelt. $Barthel, HorstIhnen gelang es, ein System auszuarbeiten, das nachvollziehbar und „nach deutlich einzusehenden Gründen“ (Organon, § 2) zur Verordnung des homöopathisch angezeigten Arzneimittels führt – diese Methode wird „Hierarchisieren“ genannt.
Andere wichtige Persönlichkeiten der Hierarchisierung, SymptomeHomöopathie entwickelten diese klassische Form der Arzneiwahl in unterschiedliche Richtungen weiter, unter ihnen Bönninghausen, Boger, Vithoulkas, Sankaran etc. (zu den Ansätzen klassischer Homöopathie und abgeleiteten Gegenwartsströmungen 32).

Allen Methoden ist jedoch gemeinsam, dass das Medikament nach dem Ähnlichkeitsprinzip verordnet wird, d. h. auf der Grundlage der Ähnlichkeit Ähnlichkeitsgesetzzwischen der Symptomatologie des Patienten und der des Heilmittels.

Grundsätzliche Anmerkung zur Notwendigkeit bzw. Berechtigung verschiedener Methoden der homöopathischen Fallanalyse:
  • Die Art und Weise, einen Fall zu analysieren, bekommt bei erfahrenen Homöopathen häufig eine „individuelle Note“, d. h., der Charakter des Homöopathen fließt in die Art der Fallanalyse mit ein (z. B. eher intuitives Vorgehen bei der Anamnese oder aber sehr strukturiertes Arbeiten).

  • Es scheint keine eindeutige Technik zu geben, mit der bei allen Fällen immer ein positives Ergebnis erzielt werden kann, sodass die Beschäftigung mit den unterschiedlichen Vorgehensweisen homöopathischer Richtungen (Verweis auf Richtungen der Homöopathie) eine Erweiterung des therapeutischen Spektrums ermöglicht.

Im Folgenden wird die Methode der klassischen Fallanalyse (nach Kent) ausführlich und als Standard beschrieben, weil
  • sie am systematischsten nachvollzogen (also auch gelehrt) werden kann,

  • sie dem Homöopathieneuling am meisten Erfolg verspricht,

  • auf ihr alle anderen Methoden aufbauen.

Es empfiehlt sich, diese Methode ausführlich zu studieren und zu Beginn der praktischen Tätigkeit relativ rigide anzuwenden. So erarbeitet man sich eine sichere Basis, von der aus agiert werden kann.
Als weitere Möglichkeit zur Arzneifindung wird die homöopathische Fallanalyse nach R. Morrison skizziert, die etwas weniger schematisiert ist und mehr Grundwissen aus dem Bereich der Materia medica sowie praktische Erfahrung erfordert.
Am Ende des Kapitels werden noch einige weitere Aspekte der Fallanalyse dargestellt, die unabhängig von der jeweils angewandten Analysemethode berücksichtigt werden sollten.
Andere, meist deutlich komplexere Methoden der Fallbetrachtung und Mittelfindung (z. B. nach Sankaran, 32.6) sind dem Spezialisten vorbehalten und werden hier nicht aufgeführt.

Klassische Fallanalyse nach Kent

Die Methode der klassischen Fallanalyse nach FallanalyseKentKent beinhaltet fünf $Kent, James Tylerhintereinander geschaltete Arbeitsschritte:
  • 1.

    Erfassen und Isolieren von Symptomen = Individualisieren.

  • 2.

    Hierarchisierung.

  • 3.

    Symptomensuche im Repertorium.

  • 4.

    Numerische Auswertung.

  • 5.

    Bewertung des Hierarchisierungsergebnisses.

Schritt 1: Individualisieren
Der erste, grundsätzliche Schritt, um zum passenden, das SymptomeIndividualisierungheißt für den Patienten „homöopathischen“ Arzneimittel zu gelangen, ist es festzustellen, was an ihm und seinem Krankheitsfall Besonderes, Auffallendes ist, wodurch er sich von anderen Kranken mit der gleichen Diagnose unterscheidet. Oder etwas weiter gefasst, wodurch er sich als erkrankter Mensch von anderen erkrankten Menschen unterscheidet. Dieser Vorgang wird „Individualisieren“ genannt, das Extrakt dieses Vorgangs, die individuelle Symptomatologie des Patienten, ist die Grundlage der homöopathischen Verschreibung.
Alle Menschen weisen, gesund oder krank, Gemeinsamkeiten auf, bei jedem Individuum sind aber auch Lebens- oder Krankheitsäußerungen zu finden, die selten zu beobachten, ungewöhnlich oder sogar einzigartig sind. Vergleichbar haben die meisten Tische vier Tischbeine und eine Tischplatte gemeinsam. Trotzdem lassen sich Unterschiede im Material, der Tischgröße, der Verarbeitung etc. beschreiben.
In welchem Bereich des Daseins des Patienten solche Charakteristika zu finden sind, ist individuell sehr unterschiedlich. Wichtig ist deshalb:
  • Augen und Ohren (eventuell auch Nase, Tastsinn etc.) offen halten und möglichst unvoreingenommen an den Patienten herangehen.

  • Alle Daseinsbereiche berücksichtigen, nicht nur die Krankheitszeichen.

Schritt 2: Hierarchisierung
SymptomeHierarchisierungZur Arzneimittelauswahl nach der Kent-Künzli-Methode (32.2) werden die anamnestisch erhaltenen Symptome des Patienten folgenden hierarchisch angeordneten Symptomengruppen zugeordnet (Tab. 4.4):
Dabei muss zu Beginn entschieden werden, ob der Krankheitsfall unter dem Aspekt einer akuten oder chronischen Erkrankung betrachtet werden soll:
  • Akut: nur die Symptome der gerade vorhanden Erkrankung gehen in die Auswertung ein.

  • Konstitutionell: alle anamnestischen Krankheitszeichen des Patienten können für die Arzneifindung von Bedeutung sein.

Die Symptome in den Gruppen von 1–4 (Tab. 4.4, Tab. 4.5) haben eine eindeutig hierarchische Wertung:
  • Auffallende, charakteristische Symptome (Gruppe 1) haben den höchsten Stellenwert.

  • Psychische Symptome (Gruppe 2).Symptomepsychische

  • Allgemeinsymptome (Gruppe 3).

  • LokalsymptomeAllgemeinsymptom (Gruppe 4) haben den geringsten Wert bei der Bestimmung des Lokalsymptompassenden Arzneimittels.

  • Die Ursache der Erkrankung (Causa) kann, wenn sie eindeutig und auffallend ist durchaus als Symptom der CausaGruppe 1 gewertet werden.

  • Das homöopathische Medikament sollte in der Lage sein, die vorliegende Pathologie zu heilen, d. h., vorangegangene klinische Erfahrungen indizieren das Medikament bei bestimmten pathologischen Veränderungen.

Je nach vorliegendem Krankheitsfall werden den einzelnen Gruppen bei der individuellen Auswertung dabei Symptome zugeordnet (evtl. viele oder wenige oder auch keine – abhängig von der anamnestischen Ausgangslage). Wichtiger als eine ausgeglichene Symptomverteilung zu den einzelnen Gruppen ist dabei eine „vorurteilsfreieSymptomenauswahl, d. h., es finden nur Symptome Verwendung, die tatsächlich und ohne Vorbehalt am Patienten beobachtet wurden, selbst wenn am Ende z. B. „nur“ Lokalsymptome aufgelistet sein sollten.
Die Anzahl der Symptome in den einzelnen Gruppen oder die Anzahl aller verwendeten Symptome kann unter Umständen sehr stark variieren.
Als Faustregel gilt: „Auf drei Beinen steht der Stuhl“, d. h., mindestens drei verlässliche Symptome sollten zur Arzneimittelwahl zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite ist eine zu große Anzahl von Symptomen kontraproduktiv, da hierbei häufig die gut geprüften Arzneimittel (mit starker Präsenz im Repertorium, z. B. Sulfur, Phosphor, Natrium muriaticum, Sepia) bei der Auswertung im Vordergrund stehen.
Schritt 3: Symptomensuche im Repertorium
Das Ergebnis von Schritt 1 (HierarchisierenRepertorisation) ist eine hierarchisch SymptomeHierarchisierunggeordnete Symptomenliste. Im 2Hierarchisierung, Symptome. Schritt werden jedem Symptom die entsprechenden Arzneimittel mit deren Wertigkeit aus dem Repertorium zugeordnet. Die Wertigkeiten können dabei z. B. mit einer Zahl hinter dem Arzneimittel (Ars. 3 = dreiwertig, Phos. 1 = einwertig etc.) oder auch durch Unterstreichungen (Ars. [doppelt unterstrichen] = dreiwertig, Phos. [einfach unterstrichen] = zweiwertig, Sep. [ohne Unterstreichung] = einwertig etc.) gekennzeichnet werden.
Im folgenden Repertoriumsauszug (RADAR) sind die Wertigkeiten der Arzneimittel durch unterschiedliche Schrifttypen und durch Groß- und Kleinschreibung gekennzeichnet (Tab. 4.6):
  • Standard, Kleinschreibung = einwertig.

  • Kursiv, Anfangsbuchstabe groß = zweiwertig.

  • Fettgedruckt, Großbuchstaben = dreiwertig.

  • Wie dreiwertig (plus Unterstreichung) = vierwertig.

Die Grundvoraussetzung, um einem Symptom die entsprechenden Arzneimittel im Repertorium zuzuordnen zu können, ist dessen Vorhandensein im Repertorium und die Fähigkeit des Therapeuten, dieses auch zu finden. Ein wesentlicher Aspekt dieses zweiten Schritts bei der Fallauswertung ist also eine gute Kenntnis des Repertoriums und dessen Formulierungen.

Schritt 4: Numerische Auswertung
Das Ergebnis von Schritt und 1 und 2 ist eine Liste mit Symptomen, ergänzt durch die entsprechenden Arzneimittel des Repertoriums mit ihrer Wertigkeit. Nun wird rein mathematisch für jedes (oder zumindest die häufig erscheinenden) Arzneimittel berechnet, in wie vielen Rubriken und mit welcher Gesamtwertigkeit (Summe der Grade) es in der Hierarchisierung vorhanden ist. Das Ergebnis kann z. B. durch einem Bruch dargestellt werden (z. B. Ars. 4/11 = Arsenicum album erscheint in 4 Rubriken mit der Summenwertigkeit von 11) (Tab. 4.7).
Anmerkung: In Computer-Repertorien können den einzelnen Symptomen bzw. Rubriken eigenständig Computer-RepertoriumWertungen zugeordnet werden, z. B. nach der Intensität des jeweiligen Symptoms beim Patienten oder nach der Wichtigkeit des Symptoms zur Charakterisierung des Patienten bzw. des Falles. Rein homöopathietheoretisch findet sich für dieses Vorgehen in der Literatur keine Grundlage, die Bewertung eines jeden Symptoms ergibt sich ausschließlich aus der Gruppenzuordnung bei der Hierarchisierung. Außerdem bieten Computer-Repertorien zusätzlich zu der oben genannten Auswertungsart noch eine Reihe weiterer, numerischer Analysemethoden an, für die das oben Dargestellte ebenso gilt.
Schritt 5: Bewertung der Ergebnisse der Hierarchisierung
Die Schritte 1–3 liefern ein SymptomeHierarchisierungrechnerisches Ergebnis und Hierarchisierung, Symptomespiegeln die Häufigkeit/Wertigkeit der einzelnen Arzneimittel wieder, mit der sie in der Hierarchisierung des Falles erscheinen. In erster Linie zeigt dieses rechnerische Ergebnis auf, welche Arzneimittel für den Patienten als Heilmittel infrage kommen. Welches Arzneimittel dem Patienten verordnet wird, hängt von der korrekten Interpretation der Hierarchisierung (Schritt 1) und ihres Ergebnisses (Schritt 3) ab.
  • Numerisches Ergebnis: Um ein Arzneimittel aufgrund des rein numerischen Ergebnisses verordnen zu können, muss es sich sehr deutlich von allen anderen Arzneimitteln abheben und in den meisten der für die Hierarchisierung gewählten Rubriken enthalten sein. Liegen alle Arzneimittel sehr dicht zusammen, müssen andere Faktoren und/oder ein Materia-medica-Vergleich über die Arzneiwahl entscheiden.

  • Charakteristische Symptome: Häufig findet sich das passende SymptomecharakteristischeHeilmittel in allen Rubriken der Kategorie 1 (auffallende, charakteristische Symptome), d. h., Arzneimittel, die in allen Rubriken der Kategorie 1 vorhanden sind, müssen als Heilmittel besonders ins Auge gefasst werden (besonders, wenn die Rubriken durch „Künzlipunkte“ [5.3.2] hervorgehoben sind). Single Symptoms: findet sich bei den charakteristischen Symptomen eine Rubrik mit sehr wenigen oder nur einem Arzneimittel (evtl. mit hoher Wertigkeit, zwei-, drei- oder sogar vierwertig = Single-Symptom-Rubrik), ist dieses Arzneimittel, unabhängig von seinem Erscheinen in der restlichen Hierarchisierung das mögliche Heilmittel.

  • Gesamtheit der Symptome: Findet sich ein Arzneimittel in SymptomeGesamtheitallen (oder zumindest in den meisten) Rubriken einer Hierarchisierung, muss es als mögliches Heilmittel in Erwägung gezogen werden, auch wenn die Summe der Grade vergleichsweise niedrig ist.

  • Psychische, Allgemein-, Lokalsymptome: Deckt ein Arzneimittel alle oder die meisten Rubriken der Symptomenkategorien 2, 3 oder 4 komplett ab, muss es als Heilmittel in Betracht gezogen werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn z. B. keine auffallenden, charakteristischen Symptome (Kategorie 1) gefunden werden.

  • Gesamtbild der Hierarchisierung: Arzneimittel, dieHierarchisierung, Symptome im oberen Bereich der SymptomeHierarchisierungHierarchisierung (Symptome der Kategorie 1–3) häufiger angetroffen werden, sind als mögliche Heilmittel wahrscheinlicher, als solche, die hauptsächlich Lokalsymptome abdecken.

Bei der konstitutionellen Behandlung sollte auch immer nach passenden Nosoden Ausschau gehalten werden, die unter Umständen zu Beginn oder im Verlauf einer Nosodenhomöopathischen Behandlung als Heil- oder Reaktionsmittel verabreicht werden können.

Sehr häufig ergibt die Auswertung der Hierarchisierung nicht ein einziges Heilmittel, sondern (wie im Beispielfall) eine mehr oder weniger kurze oder lange Liste von Arzneimitteln, die sich durch die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten der Hierarchisierung hervorheben (Tab. 4.8). Um hier zu einer Entscheidung zu gelangen, muss die Materia medica zu Rate gezogen werden.

Die HierarchisierungHierarchisierung, SymptomeSymptomeHierarchisierung und deren Ergebnis liefert Ideen, welche Arzneimittel als Heilmittel infrage kommen und kann als Entscheidungshilfe dienen. Sie dient auch als Basis der weiteren Therapieplanung, besonders dann, wenn das scheinbar passende Arzneimittel keine Wirkung zeigt.

Fehlerquellen
  • Zu viele Symptome: Werden zu viele Symptome für eine Hierarchisierung herangezogen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arzneimittel einen Großteil der Rubriken deckt. Besonders bei der Auswahl der charakteristischen (Kategorie 1) Symptome, aber auch der psychischen und allgemeinen Symptome darf deshalb nicht unkritisch verfahren werden. Es sollten insgesamt mindestens drei und nicht mehr als 10–15 Rubriken zur Hierarchisierung herangezogen werden.

  • Zu große Rubriken: Werden sehr viele (oder ausschließlich) große Rubriken RubrikRepertoriumzur Hierarchisierung herangezogen, findet in der Auswertung keinerlei Differenzierung statt, viele Arzneimittel finden sich in den meisten Rubriken, und es entsteht eine deutliche Betonung der Polychreste (gut geprüfte Arzneimittel mit vielen Repertoriumseinträgen). Vor allem bei den charakteristischen Symptomen sollten deshalb kleine bis mittelgroße Rubriken Verwendung finden (ca. 3–20 Arzneimittel).

  • Zu kleine Rubriken: Werden ausschließlich kleine Rubriken zur HierarchisierungRubrikRepertorium verwendet, sinkt mit steigender Rubrikenzahl die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arzneimittel „durchgeht“, das heißt in allen oder zumindest in einigen Rubriken gleichzeitig vorhanden ist. Ausnahme: Rubriken zu charakteristischen Symptomen, die nur ein oder sehr wenige Arzneimittel in hoher Wertigkeit enthalten, führen oft direkt zum Heilmittel.

  • Unkenntnis des Repertoriums: eines der häufigsten Probleme bei der Hierarchisierung ist die Unkenntnis des Repertoriums und dessen Inhalt. Symptome am Patienten werden nicht als solche erkannt oder im Repertorium nicht aufgefunden.

Entscheidend für das Auffinden des passenden Arzneimittels ist eine ausreichende Kenntnis der homöopathischen Nomenklatur, des Repertoriums in Inhalt und Aufbau und der homöopathischen Materia medica.

  • Vorgefasste Meinung: Aus unterschiedlichen Gründen wird die Hierarchisierung nach einer vorgefassten Idee bzgl. des passenden Arzneimittels gestaltet, sodass andere Arzneimittel von vornherein durch das Raster fallen.

Probleme bei der Fallauswertung
Die oben beschriebene Möglichkeit, eine homöopathische Erst- oder FallanalyseFolgeanamnese auszuwerten, führt zwar in vielen Fällen zum heilenden Arzneimittel, oder zumindest in dessen unmittelbare Nähe. Trotzdem ist diese schematische Art der Fallanalyse nicht in allen Fällen wirklich praktikabel.
Probleme ergeben sich z. B. immer dann, wenn der Patient
  • zu wenig Symptome bietet,

  • eine Unmenge an heterogenen Symptomen präsentiert,

  • und damit die Hierarchisierung und deren Ergebnis keinerlei Hierarchisierung, SymptomeHinweise auf das passende SymptomeHierarchisierungArzneimittel liefern.

Liegen die Ursachen für diese Probleme tatsächlich auf Seiten des Patienten und dessen Erkrankung bzw. Symptomatologie und nicht beim homöopathischen Therapeuten und dessen mangelnder Bemühung oder Erfahrung, sind möglicherweise andere Methoden der klassisch homöopathischen Fallanalyse, als die oben dargestellte, indiziert.
Im Folgenden soll die Methodik der homöopathischen Fallanalyse von Roger Morrison, die sich auf die Lehren des renommiertesten zeitgenössischen $Morrison, RogerHomöopathen Vithoulkas (32.6) gründet, übersichtsartig dargestellt werden. $Vithoulkas, GeorgosIhre Wurzeln liegen, wie die oben beschriebene Kent-Künzli-Methode, eindeutig in den Lehren von Hahnemann.
Andere, ebenfalls klassisch homöopathische Methoden der $Hahnemann, SamuelFallanalyse, z. B. die von Sankaran oder Mazi-Elizalde sind sehr komplex $Sankaran, Pichianund erfordern ein erhebliches Maß an $Mazi-Elizalde, AlphonsoGrundwissen, sodass an dieser Stelle auf die Fachliteratur verwiesen werden muss (1.3).

Homöopathische Fallanalyse nach Roger Morrison

Durch die intensive Auseinandersetzung mit der Arbeitsweise seines $Morrison, RogerLehrers Vithoulkas (32.6) entwickelte Morrison eine Lehrstruktur für eine$Vithoulkas, Georgos strukturierte Fallanalyse. FallanalyseMorrisonDiese basiert auf den Lehren Hahnemanns, und wurde entscheidend durch das erweiterte Verständnis der $Hahnemann, Samuelhomöopathischen Arzneimittel und deren Symptomatologie durch Vithoulkas ergänzt.
Dabei wird davon ausgegangen, dass das sich die Informationen für das passende Arzneimittel, d. h. die Ähnlichkeit zwischen Arzneimittelbild und Patientensymptomatik, unterschiedlich präsentieren kann. Drei mögliche Informationsqualitäten sind dabei zu unterscheiden:
Essenz des Arzneimittels
Der Begriff der Essenz wurde von ArzneimittelEssenzVithoulkas Essenz, Arzneimitteleingeführt. Mit der Essenz eines Arzneimittels ist die grundlegende Natur, das Wesen eines Arzneimittels gemeint. Sie stellt eine Art Destillat aller Informationen zu dem jeweiligen Arzneimittel dar. Die Essenz FallanalyseVithoulkaseines Arzneimittels ist dabei nichts Schematisches, sondern integriert Informationen aus den unterschiedlichsten, aber für das jeweilige Medikament typischen Bereichen (z. B. Physiognomie, Zentrum des Krankheitsgeschehens, Geschwindigkeit eines Arzneimittels, Causa etc.).
Beispiel:
  • Für Lycopodium steht der zentrale Begriff „Feigheit“.

  • „Verwirrung“ und „Zurückhaltung“ beschreiben Alumina.

Anmerkung: Eine typische Essenz wurde bisher noch nicht für alle Arzneimittel der Materia medica formuliert.
Totalität der Symptome
SymptomeTotalitätDie Totalität der Symptome entspricht der „Gesamtheit der Symptome“SymptomeGesamtheit (des klassischen Hierarchisierens) und gehört begrifflich zum Patienten und seiner Symptomatologie. Sie beschreibt ganz einfach den Umfang aller (oder der meisten) am Patienten vorgefundenen Symptome und Krankheitszeichen.
Ein oder mehrere Leitsymptome
SymptomeLeitsymptomDer Begriff „Leitsymptom“ entstammt der Materia medica und beschreibt LeitsymptomSymptome bzw. Symptomenkombinationen, die für bestimmte Arzneimittel besonders typisch sind. Dabei ist es primär unwichtig, ob dieses Symptom auch bei anderen Arzneimitteln gefunden wird oder ob es häufig oder selten in der Materia medica vorkommt. Je seltener ein „Leitsymptom“ allerdings in der Materia medica gefunden wird, desto sicherer ist seine Assoziation zu einem bestimmten Arzneimittel.
Beispiel:
  • Verlangen nach Süßem und Salzigem ist ein Leitsymptom von Argentum nitricum und in dieser Kombination typisch für dieses Arzneimittel. Das isolierte Verlangen nach Süßem oder Salzigem wird dagegen bei sehr vielen Arzneimitteln gefunden.

  • „Heißhunger um 11 Uhr vormittags“ ist ein Leitsymptom von Sulfur und findet sich bei 4 weiteren Medikamenten.

  • „Beschwerden beim Herannahen von Gewitter“ ist ein Leitsymptom von Rhododendron. In der Materia medica finden sich aber viele weiter Medikamente, die dieses Symptom im Arzneimittelbild haben.

  • „Beschwerden durch Sonne“ finden sich als Leitsymptom unter anderem bei Glonoinum und Natrium carbonicum, obwohl viele andere Arzneimittel ebenfalls Beschwerden durch Sonne im Arzneimittelbild haben.

  • „Schulterschmerzen rechts“ gelten als Leitsymptom für Sanguinaria, obwohl im Repertorium über 50 weitere Medikamente dafür aufgeführt sind.

  • „Ischialgie schlechter durch Lachen und Husten“ findet sich in dieser Kombination ausschließlich bei Tellurium.

Bei der homöopathischen Fallanalyse nach Morrison wird davon ausgegangen, dass die Informationen zur passenden $Morrison, RogerArzneiwahl aus einem oder mehreren Bereichen der oben aufgeführten Kategorien entstammen. Je nachdem, welche Kombinationen dabei vorliegen (Tab. 4.9) bzw. welche Kategorie herausgearbeitet werden kann, steigt, bzw. sinkt die Wahrscheinlichkeit, das passende Arzneimittel zu verordnen, bzw. es wird schwieriger, das passende Arzneimittel zu finden.
Dabei ist wichtig zu verstehen, dass es die Aufgabe des Arztes ist zu sehen, welche Art der Information (Essenz, Symptomengesamtheit, Leitsymptom) vorliegt und dass das Fehlen einer oder mehrerer Kategorien eben auf den Gegebenheiten des vorliegenden Falles beruht und nicht auf eventuellen Versäumnissen des Arztes bei der Anamneseerhebung. Hier liegt auch der grundlegende Unterschied zum klassischen Hierarchisieren (und auch dessen Manko, wenn von Unerfahrenen ausgeübt), da bei der klassischen Vorgehensweise immer versucht wird, eine größere Anzahl von Symptomen tabellarisch auszuwerten, häufig ohne primär zu erkennen, ob die Symptome tatsächlich einen direkten Bezug zur Lösung des Falles haben.
Die Methodik der homöopathischen Fallanalyse nach Morrison ist eine komplette Methodik, d. h., sie deckt das Spektrum aller $Morrison, Rogermöglichen Krankheitsfälle und deren Symptomatik ab. Außerdem wird sie der Tatsache gerecht, dass nicht alle Krankheitsfälle gleich sind und sich die Patienten mit ihren gesundheitlichen Problemen sehr unterschiedlich in der Praxis präsentieren – und bietet hierfür ein Bezugssystem, aus dem heraus agiert werden kann.
Die Fallanalyse nach Morrison setzt ein erhebliches Maß an Grundwissen im Bereich der Materia medica $Morrison, Rogervoraus, das gerade zu Beginn einer homöopathisch therapeutischen Tätigkeit erst noch erworben werden muss.

Abkürzungen auf dem Weg zum passenden Arzneimittel existieren prinzipiell nicht. Scheint es beim Studieren von Fällen versierter Homöopathen, als gäbe es Möglichkeiten, das richtige Medikament auf einem schnelleren, unkomplizierteren Weg zu finden, kann dies grundsätzlich verneint werden. Hinter jeder ernsthaften Methode, das Mittel durch einen scheinbaren Kunstgriff zu finden, steckt jahrelange Erfahrung und das umfassende Wissen des „Heilkünstlers“.

Zusätzliche methodische Aspekte der Fallanalyse

Zu den bisher genannten Analysemethoden nach Kent und Morrison gibt es noch einige spezielle Konstellationen, deren Kenntnis für die richtige Verordnung von praktischer Bedeutung sein kann.
Verordnung nach Arzneimittelbeziehungen
Akutkrankheiten
Vor allem für die Behandlung von Akutfällen im Rahmen konstitutioneller Akuttherapiehomöopathischer Therapie kann es sinnvoll sein, bei Entscheidung für das passende Akutmittel die Arzneimittelbeziehungen (9.3) zu berücksichtigen. Dies gilt vor ArzneimittelBeziehungenallem dann, wenn für den vorliegenden Akutfall nach der Fallauswertung kein Arzneimittel eindeutig angezeigt ist. Hierzu wird zusätzlich zu den Arzneimitteln, die die Symptomatik der Akutkrankheit abdecken, die entsprechende Liste der Komplementärmittel (Ergänzungsmittel) – evtl. auch der FolgemittelKomplementärmittel – herangezogen. Erscheint ein Arzneimittel als besonders Folgemittelbewährtes Ergänzungsmittel, sollte dieses verordnet werden.
Besonders bewährt in der Praxis haben sich z. B. folgende Arzneikombinationen:
  • Konstitutionell Calcarea carbonica → akut Belladonna.

  • Konstitutionell Sulfur → akut Aconitum.

  • Konstitutionell Alumina → akut Bryonia.

  • Konstitutionell Tuberculinum → akut Pulsatilla.

  • Konstitutionell Natrium muriaticum → akut Apis mellifica.

Konstitutionelle Therapie
Im Verlauf homöopathischer Therapien kann es bei offensichtlich Konstitutionstherapienotwendigem Wechsel zu einem anderen Arzneimittel hilfreich sein, die Liste der passenden Folgemittel zu berücksichtigen, v. a. dann, wenn bei der Hierarchisierung kein FolgemittelArzneimittel besonders prominent erscheint.
Unter anderem haben sich folgende Arzneikombinationen bzw. Arzneireihen in der Praxis bewährt:
  • Natrium muriaticumSepia.

  • SepiaNatrium muriaticum.

  • ArnicaRhus toxicodendronCalcarea carbonica.

  • SulfurCalcarea carbonicaLycopodium.

  • SulfurSarsaparillaSepia.

  • Mercurius solubilisHepar sulfurisSilicea.

Die Arzneimittelbeziehungen stellen keinen Weg dar, schneller an das therapeutische Ziel zu gelangen. Ob, wann und wenn ja, welches Arzneimittel auf ein anderes folgt, ist einzig und allein abhängig von der Krankheitsdynamik und ist ersichtlich aus der Symptomatologie des Patienten. Oft handelt es sich bei den Arzneifolgen um Zeitintervalle von Monaten oder Jahren.

Verordnung nach Diagnosen der Eigen- und Familienanamnese
Bestimmte Informationen aus der Krankengeschichte desEigenanamnese Patienten Familienanamneseentziehen sich der Einordnung in das Hierarchisierungsschema nach Kent (s. o.), haben aber doch eine immense Bedeutung bei der Auswahl des passenden Arzneimittels bzw. ganz grundsätzlich bei der Therapieplanung und der Fall- und Verlaufsbeurteilung.
Hierzu zählen anamnestische Daten über das Auftreten von bestimmten Erkrankungen in der Krankheitshistorie des Patienten oder das gehäufte Auftreten von Erkrankungen in der leiblichen Familie des Patienten, z. B. Krebs, Rheuma, Asthma, Diabetes mellitus, Tuberkulose etc.
Neben den miasmatischen Überlegungen bezüglich der Erkrankung des Patienten, der Prognose, der Therapieplanung etc. (3.3), die sich aus diesen Informationen ergeben, können sie auch konkrete Auswirkungen auf die Arzneimittelwahl haben, da sich einige Arzneimittel bei bestimmten anamnestischen Konstellationen besonders bewährt haben (beispielsweise Häufung von Krebserkrankungen in der Familie: u. a. Carcinosinum; Familiengeschichte von Alkoholismus: u. a. Syphilinum) – dabei handelt es sich nicht selten um die entsprechenden, zum vorliegenden Fall passenden Nosoden (zu den Nosoden 2.4.2, 2.4.8). Ob das entsprechende NosodenMedikament dann an erster Stelle der differenzialdiagnostischen Überlegungen bzgl. der Arzneimittelwahl steht oder erst später als mögliches Reaktionsmittel bei Heilungsblockaden verordnet wird, hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:
  • Liegen außer den anamnestischen Angaben noch andere, objektivierbare Symptome für das entsprechende Arzneimittel vor (z. B. blaue Skleren, Café-au-lait-Flecken – Carcinosinum), sollte daran gedacht werden, dieses Arzneimittel schon zu Therapiebeginn zu verordnen.

  • Ergibt sich aus der Hierarchisierung eindeutig ein anderes Arzneimittel, sollte dieses immer zuerst verordnet werden.

  • Liegen bestimmte Erkrankungen besonders häufig oder in besonderer Schwere in der Familie des Patienten vor (z. B. viele Angehörige, die sehr früh an besonders aggressiv verlaufenen Krebserkrankungen verstorben sind), spricht dies besonders für die Verordnung des entsprechenden Medikamentes. Seltenes oder einmaliges Auftreten von schweren Erkrankungen in der Familie bzw. deren Erscheinen in dafür typischen Lebensphasen (z. B. „Alterskrebs“) stellen keine ausreichende Indikation für entsprechend bewährte Medikamente dar. Eine Ausnahme stellt nach Erfahrung des Autors die Tuberkulose dar, bei deren Vorhandensein in der Familienanamnese, unabhängig von der Häufigkeit, eine sehr positive Wirkung von Tuberculinum auf die Erkrankung des Patienten (unabhängig von der Diagnose) zu erwarten ist.

  • Finden sich in der Eigenanamnese des Patienten schwere Erkrankungen mit Bezug zu Nosoden (s. o.), ist bei deren Verordnung Vorsicht geboten, umso mehr, je kürzer die Erkrankung zurückliegt.

  • Einige Arzneimittel haben sich besonders bewährt bei Symptomenkomplexen, denen bestimmten Diagnosen als anamnestisch eruierbare Ursachen zugrunde liegen und können hier zu einer Lösung der Erkrankung führen, selbst wenn das spezielle Symptomenbild auf andere Arzneimittel hinweist. Beispiele hierfür sind unter anderem:

    • Antimonium crudum bei Husten nach Windpocken.

    • Calcium iodatum bei Husten nach Pneumonie.

    • Carcinosinum bei persistierenden Symptomen nach zurückliegender Mononukleose.

    • Sanguinaria bei Symptomenpersistenz nach Keuchhusten.

Verordnung von „Reaktionsmitteln“
Der Begriff „Reaktionsmittel“ ist Reaktionsmittelirreführend und steht ArzneimittelReaktionsmittelfür eine heterogene Gruppe von Medikamenten und deren Behandlungsindikationen, die Anwendung finden, wenn der Patient scheinbar nicht auf gut gewählte homöopathische Medikamente reagiert, und die zu einer Lösung dieser „Blockade“ führen. Dabei darf auf keinen Fall pauschal verordnet werden, Heilungsblockadesondern das jeweilige „Reaktionsmittel“ muss einen eindeutigen Bezug zur jeweiligen Symptomatik des Patienten aufweisen, also homöopathisch sein.
  • Miasmatische Heilungsblockaden: Liegt der HeilungshindernissemiasmatischeSymptomatik des Patienten eine tiefer liegende, chronisch-miasmatische Störung zugrunde, stößt man auch bei treffender Arzneiwahl häufig an Grenzen der Heilung. Eine Verordnung nach den Grundsätzen der homöopathischen Lehre der chronischen Krankheiten kann den Fall quasi aufschließen (s. o. „Diagnosen der Eigen- und Familienanamnese“). Hervorzuheben sind bei miasmatischen Blockaden Sulfur und Psorinum (Psora), Syphilinum und Mercurius (Syphilis) und Medorrhinum sowie Thuja (Sykosis); aber auch alle anderen Medikamente der jeweiligen Homöopsorika/-sykotika/-syphilitika müssen bei der Arzneiwahl berücksichtigt werden (3.4).

  • Langzeiteinnahme von AllopathieBegleitmedikationallopathischen Medikamenten, Begleitmedikation, allopathischeGiften oder Drogenabusus: Massiver Missbrauch von Medikamenten, Giften oder Drogen führt neben dem Phänomen der Unterdrückung (3.1, 3.2) häufig zu einer toxisch bedingten Veränderung der Symptomatologie des Patienten, die bei langwierigem Gebrauch eine Art Imprägnierung erfährt und auch bei Abstinenz einen Reaktionsmangel des Organismus und ein Verharren in dem entsprechenden Zustand bedingen OrganismusReaktionsmangelkann. Hier spielt in der täglichen Praxis neben den bekannten psychogenen Drogen v. a. die langfristige Einnahme von oralen Kontrazeptiva und anderen Hormonpräparaten sowie die Langzeiteinnahme von Antiphlogistika/Analgetika, Psychopharmaka und Cortisonpräparaten eine Rolle. Zur Behebung dieser Art von Heilungsblockaden werden in der Literatur häufig SulfurHeilungsblockade und Nux vomica #SulfurHeilungsblockadeempfohlen, in der Praxis zeigt sich aber, dass diese Empfehlung keines Falls Ausschließlichkeitscharakter hat. Außerdem ist an die homöopathische Verordnung von isopathischen Medikamenten (z. B. Cannabis indica bei Haschischabusus) zu denken. Letztlich muss aber auch hier die #Nux vomicaHeilungsblockadeVerordnung nach den Gesichtspunkten der homöopathischen Arzneiwahl erfolgen.

  • Langzeiteinnahme von homöopathischen Medikamenten: übermäßiger und langwieriger Gebrauch homöopathischer Arzneimittel bzw. eines homöopathischen Arzneimittels kann zu dauerhaften Veränderungen des energetischen Gleichgewichts des Organismus führen. Es findet sich dann meist ein feststehendes Symptomenbild kombiniert mit fehlender Reaktion auf entsprechend gut gewählte homöopathische Arzneimittel. Die Verordnung sollte auch in solchen Fällen aufgrund der geltenden Regeln erfolgen, eine reine Verordnung nach der Antidotliste verspricht nur selten Erfolg. Insgesamt sind diese Zustände schwer zu behandeln und erfordern viel Geduld bei Behandler und Patient.

Der irreführenden Idee von pauschalen „Reaktionsmitteln“ ist die Verordnung von homöopathischen Arzneimitteln zur „Ausleitung“ von Toxinen verwandt. Diese Art des Verordnens ist unhomöopathisch und hat keine Grundlage in der homöopathischen Theorie. Nach Meinung des Autors ist es nicht möglich, mit der Verabreichung von homöopathischen Medikamenten nach unhomöopathischen Gesichtspunkten irgendeine Wirkung (insbesondere eine Entfernung von Giften aus dem Organismus) zu erreichen. Die Wirkung passender, homöopathischer Arzneimittel ist immer eine dynamische, die eine Heilreaktion des gesamten Organismus zur Folge hat. Der letztendliche Verbleib von Toxinen (Ausscheidung oder Ablagerung im Körper) ist dabei immer abhängig von der Toxikologie der jeweiligen Substanz und den augenblicklichen Möglichkeiten des Organismus, deren Ausscheidung ist keine „conditio sine qua non“ für eine echte Heilung.

Verordnung bei „einseitigen“ Krankheiten
Vor allem bei schweren chronischen Erkrankungen (z. B. Karzinome Krankheiteinseitigeoder Multiple Sklerose) aber auch bei Erkrankungen mit starkem, subjektivem Leidensdruck (z. B. Migräne, Angstzustände) konzentriert sich die Wahrnehmung des Patienten und die von ihm geschilderte Symptomatik häufig allein auf das prominente Beschwerdebild. Dieses Phänomen wurde von Hahnemann erkannt und als „einseitige Erkrankungen“ beschrieben.
Eine $Hahnemann, Samuelklassische Hierarchisierung mit einer Vielfalt an unterschiedlichen Symptomen ist hier häufig nicht möglich. Die Verordnung des homöopathischen Arzneimittels muss dann aufgrund der Symptomatik des prominenten Symptomenkomplexes evtl. inkl. der vorhandenen pathologischen Veränderung erfolgen. Bei einer passenden Verordnung wird sich zunächst keine Heilung einstellen, aber es kommt zu einer Veränderung der Symptome. Diese veränderte Symptomatik ist dann die Grundlage für die nächste Verschreibung. Auf diese Art und Weise kann man, sich quasi „von Arzneimittel zu Arzneimittel ‚hangeln‘“, und den Fall (wenn möglich) sozusagen aufschließen.
Eine weitere Möglichkeit, bei einseitigen Erkrankungen und entsprechend vorhandenen Informationen aus der Eigen- bzw. Familienanamnese ist das Verordnen rein nach miasmatischen Gesichtspunkten (s. o.) oder das Verordnen von „Reaktionsmitteln“ (s. o.).
Symptome zweier chemischer Elemente – praktisches Vorgehen
Finden sich bei der Auswertung einer Fallanalyse zwei Arzneimittel als mögliche Heilmittel, deren chemische Kombination ebenfalls als Homöopathikum zur Verfügung steht, besteht prinzipiell die Möglichkeit, diese chemische Verbindung zu verordnen. Dies sollte jedoch nie kritiklos erfolgen und ohne die Materia medica dieser Arzneimittel zu studieren, zumal heute für die meisten chemischen Verbindungen ausreichende Informationen aus Arzneimittelprüfungen und praktischen Erfahrungen existieren.
Als Faustregel gilt: Bei Symptomen für zwei Arzneimittel sollte mindestens ein Leitsymptom für die entsprechende Verbindung aus beiden Arzneimitteln beim Patienten vorhanden sein (z. B. Symptome für Natrium muriaticum und Sulfur beim Patienten + „Verschlechterung durch nasskaltes Wetter“ = Natrium sulfuricum).

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