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B978-3-437-56353-9.00030-X

10.1016/B978-3-437-56353-9.00030-X

978-3-437-56353-9

Psychiatrie und Psychologie

Nikolaus Hock

(30.1 bis,30.8,30.10,14.11,

Stephan Gerke

(30.1,30.7,30.9)
  • 30.1

    Einführung868

  • 30.2

    Hahnemanns Konzeption psychischer Krankheiten868

    • 30.2.1

      Somatogene psychische Krankheiten868

    • 30.2.2

      Psychogene Krankheiten869

  • 30.3

    Homöopathische Behandlung869

    • 30.3.1

      Voraussetzungen869

    • 30.3.2

      Prognostische Überlegungen870

    • 30.3.3

      Grenzen der ambulanten Therapie871

    • 30.3.4

      Stationäre Einweisung871

  • 30.4

    Anamnesetechnik872

  • 30.5

    Psychopharmakologische Zusatzbehandlung872

    • 30.5.1

      Benzodiazepine873

    • 30.5.2

      Antidepressiva873

    • 30.5.3

      Neuroleptika874

    • 30.5.4

      Phasenprophylaktika874

    • 30.5.5

      Psychotherapeutische Behandlung: Möglichkeiten und Grenzen875

  • 30.6

    Zusätzliche Maßnahmen875

  • 30.7

    Symptomenwahl bei Behandlung psychischer Erkrankungen876

    • 30.7.1

      Psychische Symptome876

    • 30.7.2

      Körperliche Symptome876

  • 30.8

    Arzneimittelwahl877

  • 30.9

    Potenzwahl und Dosierung878

    • 30.9.1

      Potenz und Dosierung zu Beginn der Behandlung878

    • 30.9.2

      Erstreaktion/nachlassende Wirkung879

    • 30.9.3

      Potenzwahl bei psychiatrischen Notfällen879

  • 30.10

    Verlaufsbeurteilung879

    • 30.10.1

      Schwierigkeiten der Verlaufsbeurteilung bei Patienten mit psychischen Störungen880

    • 30.10.2

      Arzneimittelwirkung881

    • 30.10.3

      Umgang mit interkurrenten Akutkrankheiten882

  • 30.11

    Zusammenfassung883

Einführung

Psychiatrie„Es gibt keine Unterhaltung für ihren umnebelten Geist. Keine wohltätige Zerstreuung, keine Belehrung, keine Besänftigung durch Worte, Bücher oder andere Gegenstände für ihre Seele, die in den Fesseln des kranken Körpers schmachtet oder empört ist. Die einzige Erquickung für sie ist die Heilung. Erst wenn ihr Körper-Befinden zum Besseren umgestimmt ist, strahlt Ruhe und Wohlbehagen auf ihren Geist zurück.“ (Organon, § 229)

Die ärztliche Aufgabe besteht darin zu erkennen, was an der psychischen Erkrankung das zu Heilende ist und welches Leid der Mensch, durch seine Lebensumstände bedingt, aushalten muss. Man kann nicht erwarten, dass eine homöopathische Behandlung ungelöste seelische Konflikte löst, die zum Auftreten psychischer Symptomatik geführt haben könnte. Dies kann Aufgabe einer zusätzlichen psychotherapeutischen Behandlung sein (30.7).
Schon für Hahneman$Hahnemann, Samueln waren die Geistes- und Gemütskrankheiten „keine von den übrigen scharf getrennte Klasse von Krankheiten“ (Organon, § 210). Psychische Krankheiten machen also keine Ausnahme in der homöopathischen Behandlung.
Die Behandlung psychischer Erkrankungen hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht, während das Verständnis für die Ursachen (wie bei anderen Erkrankungen auch) immer noch im Dunkeln liegt.
Im Folgenden wird der Versuch unternommen, die theoretische und praktische Vorgehensweise der homöopathischen Behandlung psychischer Erkrankungen zu erläutern, so wie sie sich den Autoren nach vieljähriger Erfahrung als Erfolg versprechend dargestellt. Auf die Beschreibung der Behandlung spezieller psychiatrischer Krankheitsbilder und die Darstellung besonderer, bei der Behandlung psychiatrischer Patienten häufiger indizierter Arzneimittel wird im Rahmen dieses Beitrags verzichtet.

Hahnemanns Konzeption psychischer Krankheiten

$Hahnemann, SamuelNach Hahnemanns$Hahnemann, Samuel Beobachtungen können grundsätzlich zwei Arten psychischer Krankheiten unterschieden werden.

Somatogene psychische Krankheiten

Krankheitsomatogene psychischeKörperkrankheitenKörperkrankheiten (endogene PsychosenPsychose: manisch-depressive Erkrankungen, Schizophrenie, paranoide Psychosen): Jede körperliche Erkrankung, ob es sich um einen gebrochen Arm handelt, einen akute Tonsillitis oder eine chronische Hepatitis, führt – wenn genau beobachtet wird – auch zu bestimmten Veränderungen im Geistes- und Gemütszustand (vgl. Organon, § 210). Wenn bei einer Erkrankung die Symptome auf der körperlichen Ebene vollständig in den Hintergrund treten, sodass nahezu nur noch Symptome auf der Geistes- und Gemütsebene zu beobachten sind, dann bildet dies nach Hahnemann die somatogene Gruppe von Geistes- und Gemütskrankheiten. Es handelt sich primär um gewöhnliche Körperkrankheiten, allerdings mit sogenannter einseitiger, weil nur in den Geistes- und Gemütsbereich verlagerter Symptomatik (Organon, § 215).
Unter psychischen Krankheiten (= Geistes- und GemütskrankheitenGeistes- und Gemütskrankheiten) versteht man also Beschwerden, die sich primär in einer Beeinträchtigung des Geistes- und Gemütszustandes ausdrücken und bei denen sonstige körperliche Symptome in den Hintergrund treten. Man findet oft keine organische/biologische Ursache. Die Diagnostik basiert auf einer präzisen Beschreibung der Psychopathologie und dem Ausschluss anderer körperlicher Krankheiten. Entscheidend sind beobachtbare Verhaltensänderungen und die Beschreibungen, die der Patient von seinem Zustand gibt.

Psychogene Krankheiten

KrankheitpsychogeneKrankheiten, die „vom Gemüt aus ihren Anfang und Fortgang“ nehmen (Organon, § 225), hervorgerufen durch „anhaltenden Kummer, Kränkung, Ärger, Beleidigungen und große häufige Veranlassungen zu Furcht und Schreck“ (Neurosen, Belastungsreaktionen, psychosomatische Erkrankungen).

Homöopathische Behandlung

Voraussetzungen

Natürlich muss, wie bei jeder Erkrankung, vor Beginn der homöopathischen Behandlung eine umfassende und exakte „schulmedizinische“ Diagnostik erfolgen, insbesondere um organische Hirnerkrankungen oder andere körperliche Erkrankungen abzugrenzen. Selbstverständlich kann auch ein Angstsyndrom, das durch einen latenten Diabetes mellitus oder eine Hyperthyreose verursacht ist, homöopathisch behandelt werden. Dies wird jedoch erst nach exakter Diagnosestellung und einer notwendigen Einleitung einer entsprechenden Substitutionstherapie erfolgen.
Darüber hinaus sind bei psychischen Erkrankungen vor Beginn der homöopathischen Behandlung noch einige weitere Punkte zu beachten. Wie bei der Behandlung anderer chronischer Krankheiten, muss das Umfeld des Patienten und des Krankheitsgeschehens sehr genau untersucht werden:
  • Unabdingbar für die erfolgreiche homöopathische Behandlung psychischer Erkrankungen ist eine zumindest teilweise Krankheitseinsicht des Patienten. Diese Einsicht muss nicht unbedingt im akuten Schub oder in einer akuten Phase vorhanden sein. Aber bei Abklingen der Symptome aufgrund entsprechender psychopharmakologischer oder homöopathischer Therapie muss der Patient in der Lage sein, seine Erkrankung als schwere Lebenskrise anzuerkennen. Er muss akzeptieren, dass ihn seine Erkrankung überfordert hat und dass er auf ärztliche Hilfe angewiesen ist. Der Patient muss ein genuines Interesse daran haben, dass sich der für ihn bzw. für seine Umgebung unerträgliche Zustand ändert, d. h., er muss zumindest im freien Intervall behandlungsbereit sein.

  • Bestehen vonseiten des Patienten und seiner Angehörigen die Bereitschaft und die Möglichkeit, auch die finanzielle Möglichkeit, sich auf einen mehrjährigen Behandlungsverlauf einzulassen?

  • Verfügt der Patient über ein stabiles soziales Umfeld, das die Behandlung mitträgt?

  • Besteht vonseiten des Patienten und seines Umfeldes die Bereitschaft, vorübergehende Verschlechterungen des psychischen Zustandes des Patienten, z. B. im Rahmen einer homöopathischen Erstverschlechterung oder bei Dosisreduktion psychiatrischer Medikation, mitzutragen?

  • Kann mit dem Patienten und seinen Angehörigen ein Übereinkommen über einen vernünftigen Umgang mit psychopharmakologischer Medikation getroffen werden (im Einzelnen 30.6)?

  • Bestehen zusätzlich zur akuten psychischen Erkrankung latente psychische Konflikte – sowohl bei dem Patienten als auch möglicherweise in der Umgebung des Patienten –, die durch die Erkrankung stabilisiert werden, d. h., „braucht“ der Patient oder seine Umgebung die Krankheit?

  • Besteht ein sekundärer Krankheitsgewinn durch berufliche oder häusliche Entlastung oder finanzielle Zuwendungen (z. B. Berentung)?

  • Umstände, die eine Besserung behindern: Durch „anhaltenden Kummer, Kränkung, Ärgerniß, Beleidigungen und große, häufige Veranlassungen zu Furcht und Schreck“ kann natürlich nicht nur „oft mit der Zeit, auch [der] körperliche Gesundheits-Zustand, in hohem Grade […] verdorben werden“ (Organon, § 225), sondern können auch psychiatrische Erkrankungen im Sinne von Hahnemanns$Hahnemann, Samuel „Körperkrankheiten“ (30.2) ausgelöst und chronifiziert werden (zur Problematik der „endomorphen Reaktion“ 30.9). Derartige chronische Belastungen wirken als „Heilungshindernis“ (vgl. Organon, § 260) und müssen so weit wie möglich ausgeräumt werden.

Diese Voraussetzungen, die den Behandlungserfolg maßgeblich beeinflussen, begünstigen, aber auch verhindern können, müssen immer mit berücksichtigt werden und sollten vor Behandlungsbeginn abgeklärt werden.

Prognostische Überlegungen

Aus homöopathischer Sicht sind in ihrem Behandlungsverlauf vor allem zwei Arten von psychischen Erkrankungen zu unterscheiden:
  • Körperliche Erkrankungen mit überwiegend psychischer Symptomatik – endogene Psychosen.

  • Lang anhaltende psychische Konflikte, die schließlich auch körperliche Leiden und Symptome hervorrufen – Neurosen, psychosomatische Erkrankungen.

Endogene Psychosen
  • PsychoseEinfach-chronische Krankheiten: Mit genauer Anamnesetechnik lassen sich in diesen Fällen körperliche Symptome aufdecken (chronische Ekzeme, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, rezidivierende Sinusitiden, Kopfschmerzen etc.), die schon viele Jahre vor dem Ausbruch der psychischen Erkrankung aufgetreten sind, und nun auf das Arzneimittelbild hinweisen, das die Symptome auch der aktuellen psychischen Erkrankung deckt. Dies sind die (leider seltenen) homöopathischen Idealfälle, die häufig eindrucksvolle Behandlungserfolge in relativ kurzer Zeit erlauben (und entsprechend häufig publiziert werden).

  • Komplex-chronische KrankheitenKrankheitkomplex-chronische: Bei der Anamneseerhebung zeigen sich in verschieden Lebensstadien ganz unterschiedliche körperliche Symptome oder noch schlimmer, lediglich uncharakteristische oder gar keine bedeutenden Symptome auf der körperlichen Ebene. In diesen Fällen muss sich die Verschreibung ganz auf die prominenten Symptome der psychischen Erkrankung stützen (vgl. Organon, § 221). Erst im weiteren Verlauf der Behandlung werden sich dann eine oder mehrere Arzneien anschließen, die in der Lage sind, nicht nur das Bild der akuten Erkrankung günstig zu beeinflussen, sondern auch eine Heilung auf tieferen Ebenen herbeizuführen (antimiasmatische Behandlung), um der allfälligen Rückfalltendenz entgegenzuwirken. Eine derartige Behandlung wird naturgemäß komplizierter und über einen längeren Zeitraum verlaufen.

Neurosen, psychosomatische Erkrankungen
NeuroseHier richtet sich die Prognose naturgemäß danach, ob es gelingt, etwa mittels einer geeigneten Psychotherapie, die Konflikte zu lösen. Die homöopathische Behandlung kann hier eine wichtige unterstützende Rolle spielen.

Grenzen der ambulanten Therapie

Aus medizinischen und juristischen Gründen ist es oft sinnvoll, psychiatrische Fachkompetenz so schnell wie möglich hinzuzuziehen, falls der Behandler nicht selbst über eine entsprechende psychiatrische Fachkompetenz verfügt.
Selbst- und Fremdgefährdung
Wenn ein Patient wegen einer akuten psychischen Erkrankung in seiner Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit soweit eingeschränkt ist, dass akute SuizidgefahrSuizidalität besteht, dann ist jeder, der von dieser Situation Kenntnis bekommt, dazu verpflichtet, eine Klinikeinweisung zu veranlassen. Es ist in der Praxis eher sehr seltene Situation dass ein psychisch kranker Mensch nicht sich selbst, sondern andere durch sein Verhalten gefährdet.

In beiden Fällen gilt: Wenn ein Patient krankheitsbedingt nicht mehr ausreichend in der Lage ist, selbst auf sich aufzupassen, benötigt er die Hilfe anderer, die für ihn aufpassen, bis die Krise überstanden ist, und der Patient die Verantwortung wieder alleine tragen kann und muss. Das heißt, eine (meistens geschlossene) stationäre Einweisung muss erfolgen.

Ausdrücklich sei betont, dass insbesondere die Untersuchung sowie Art und Ausmaß von SuizidalitätSuizidalität eines Patienten genau dokumentiert werden müssen. Auch bei bester Behandlung kann ein Suizid nie mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden. Durch genaue Dokumentation der Behandlung kann der Arzt im Zweifelsfall deutlich machen, dass er mit dem Risiko im Rahmen der ärztlichen Kunst verantwortungsbewusst umgegangen ist.
Therapieverweigerung
TherapieverweigerungEine weitere Grenze der ambulanten Therapiemöglichkeiten ist markiert, wenn ein behandlungsbedürftiger Patient sich weigert, notwendige Medikamente einzunehmen.
Ob Behandlungsbedürftigkeit vorliegt oder nicht, ist letzten Endes eine juristische Frage und muss dementsprechend in Streitfällen auch von Richtern entschieden werden. Entsprechende Regelungen, derartige Situationen innerhalb von 24 Stunden zu klären, sind im Gesetzbuch vorgeschrieben (BGB, § 1906).

Stationäre Einweisung

Behandlungstationäre, PsychoseSofern keine Selbst- und Fremdgefährdung bestehen, liegt es im Ermessen und der Kompetenz des Behandlers und der Umgebung des Patienten und nicht zuletzt des Patienten selbst, wann und ob die Therapie noch ambulant weitergeführt werden kann.
Es ist nicht sinnvoll, größte Belastungen des Patienten, seiner Umgebung und des Behandlers in Kauf nehmen zu wollen, nur um eine stationäre Einweisung um jeden Preis zu vermeiden. Die stationäre Aufnahme kann i. d. R. bei akut psychotischen Patienten nur um wenige Tage verzögert werden – allerdings um den Preis eines unsinnigen Raubbaus an den psychischen und physischen Reserven aller Beteiligten. Ein wichtiger therapeutischer Effekt kann gerade darin liegen, Grenzen deutlich zu markieren, notfalls auch durch eine Klinikeinweisung.
Immer wieder ist auch zu beobachten, dass ausgeprägte paranoid-halluzinatorische Syndrome innerhalb des beschützten Rahmens einer Klinik schneller und besser remittieren als bei dem Versuch einer ambulanten Behandlung.
Aus Sicht der Autoren ergeben sich die schwierigsten Probleme im Umgang mit einsichtsfähigen Patienten, die unter akuter oder chronischer Suizidalität leiden. Diese Problematik kann hier jedoch nicht in der gebotenen Ausführlichkeit erörtert werden.

Anamnesetechnik

AnamnesePsychiatrieDie Technik der Anamneseerhebung bei psychiatrischen Patienten unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der Art der Anamnese bei anderen Patienten (4.1).
  • Man braucht genügend Zeit für den Patienten (ein bis zwei Stunden); der Patient soll nicht gedrängt werden, sondern frei von seinen Beschwerden erzählen können.

  • Bei der Anamnese bekommt der Arzt häufig nicht das vollständige Bild der Krankheit, weil die Patienten z. B. völlig auf ihre Depression oder ihren Wahn fixiert sind, bei manischen oder erregten Patienten eine geordnete Anamnese fast nicht möglich ist oder Angst- und Zwangspatienten zu ausführlich ihre Vermeidungsstrategien und Rituale beschreiben.

  • Frühere Erkrankungen und andere Körpersymptome müssen oft mehrfach nachgefragt werden, da die Patienten diesen im Rahmen ihrer Geistes- und Gemütskrankheit keine Bedeutung beimessen und deswegen vergessen bzw. nicht erwähnen.

Sehr hilfreich und oft notwendig ist eine ausführliche Fremdanamnese, mitunter werden auch in Arztbriefen wertvolle Beobachtungen geschildertFremdanamnese. Die Patienten leiden oft unter Scham- oder Schuldgefühlen und verschweigen deshalb möglicherweise wichtige Symptome. Anhand der Fremdanamnese können entscheidende Aspekte für die Pathogenese und die eigentliche Symptomatik erfahren werden. Außerdem gibt die Befragung der Angehörigen Einblick in die familiäre Situation. Der familiäre Rückhalt eines Patienten ist oft von entscheidender Bedeutung für den günstigen Verlauf einer homöopathischen Langzeit-Behandlung.

Psychopharmakologische Zusatzbehandlung

PsychopharmakaBegleitmedikation, allopathischePsychopharmakaBei schweren psychiatrischen Erkrankungen muss die Frage nach einer psychopharmakologischen Zusatzbehandlung kritisch diskutiert werden. Häufig ist es die einzige Möglichkeit, einen stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zu vermeiden (vgl. Organon, § 229/Anm.). Eine Zusatzbehandlung mit Psychopharmaka sollte durch einen darin erfahrenen Arzt, möglichst einen Psychiater, durchgeführt werden, nicht zuletzt aus juristischen Gründen (30.4.3). Wenn sich eine Begleitmedikation mit Psychopharmaka als notwendig erweist, ist es das Ziel der homöopathischen Behandlung, die Dosierungen der Psychopharmaka möglichst gering zu halten.

Selbstverständlich gilt auch hier, bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten der Homöopathie, das alte „Primum nihil nocere“ (vor allem nicht schaden); es geht nicht darum, durch den Verzicht auf Psychopharmaka, evtl. auf Kosten der Gesundheit des Patienten, eine mögliche Heilung psychiatrischer Erkrankungen durch Homöopathika zu beweisen, sondern immer darum, das Leiden des Patienten zu verringern.

  • Eine zu schnelle Reduktion einer vorbestehenden Medikation mit jeder Art von Psychopharmaka erhöht das Risiko eines Rückfalls, was bei Psychosen, Depressionen oder Angstsyndromen gleichermaßen belastend und gefährlich ist. Außerdem verändert man bei Reduktion der psychopharmakologischen Medikation und einem gleichzeitigen Beginn der homöopathischen Behandlung zwei Variablen, was eine Beurteilung der Veränderung der Symptomatologie des Patienten wesentlich erschwert.

  • Ähnliches gilt für den gleichzeitigen Beginn einer homöopathischen Behandlung und einer Phasenprophylaxe (Lithium, Carbamazepin etc.). Eine solche Kombination ist im Allgemeinen nicht sinnvoll, da der weitere Verlauf schwer, wenn überhaupt zu beurteilen ist.

  • Auch der Beginn einer homöopathischen Behandlung bei psychisch relativ stabilen Patienten, die seit Jahren eine Phasenprophylaxe mit Erfolg durchführen, ist in so fern schwierig, als ein entscheidendes Verlaufskriterium, nämlich schützt das homöopathische Arzneimittel den Patienten wirksam vor weiteren Rückfällen, oder nicht, unter wirksamen Phasenprohylaktika naturgemäß nicht beobachtbar ist.

  • Im Folgenden soll auf die wichtigsten Psychopharmaka und deren Auswirkungen auf eine homöopathische Behandlung kurz eingegangen werden:

Benzodiazepine

BenzodiazepineBegleitmedikationBenzodiazepine stören eine homöopathische Behandlung kaum.
Sie können sinnvoll sein bei fast allen psychischen Erkrankungen (Psychosen, Depressionen, Angstsyndromen), um die Akuität der Beschwerden zu lindern und den Patienten zu beruhigen. Problematisch ist der Wirkungsverlust nach einigen Wochen und v. a. die Gewöhnung, was bei manchen Patienten zu erheblichen Schwierigkeiten beim Versuch einer Dosisreduktion bzw. beim Versuch, die Medikation wieder abzusetzen, führen kann. Benzodiazepine haben ein hohes Sucht- und Abhängigkeitspotenzial.

Antidepressiva

Antidepressiva, BegleitmedikationAntidepressiva sind bei richtig gestellter Indikation zweifellos wirksam und stören die homöopathische Behandlung kaum.
Eine monatelang durchgeführte homöopathische Behandlung lang andauernder, depressiver Syndrome ohne zumindest das Angebot an den Patienten, eine zusätzliche antidepressive Therapie zu beginnen, ist ethisch kaum vertretbar. Gerade bei Depressionen, die für die Patienten außerordentlich quälend sind, ist die rein homöopathische Behandlung mitunter schwierig und langwierig.
Die Autoren haben bereits viele depressive Patienten, die mit einer nicht ausreichend wirksamen Therapie mit Antidepressiva (TherapieresistenzTherapieresistenz, Antidepressiva) in Behandlung kamen, erfolgreich homöopathisch behandelt, ohne dass initial die Psychopharmaka abgesetzt wurden. Die homöopathische Arzneimittelwahl muss sich dann auf Symptome stützen, die vor Beginn der antidepressiven Behandlung zu beobachten waren.
In Bezug auf den Beginn einer antidepressiven Therapie bzw. auf die Wahl der richtigen Antidepressiva spielt die therapeutische Erfahrung des Arztes eine große Rolle. Schwere reaktive bzw. schwere endogene Depressionen mit psychotischen Symptomen gehören in die Hand des Psychiaters. Dies nicht zuletzt wegen der sehr häufig vorhandenen latenten SuizidalitätSuizidalität.

Neuroleptika

Neuroleptika, BegleitmedikationNeuroleptika verschleiern die Symptome gerade bei akuten Psychosen erheblich und erschweren damit die Wahl des homöopathischen Arzneimittels.
Akute psychotische Erkrankungen sind häufig dadurch gekennzeichnet, dass der Patient seine Urteils- und Steuerungsfähigkeit einbüßt. In solchen Situationen steht der Behandler oft vor der Entscheidung, entweder Neuroleptika zu geben, oder die Einweisung in eine Klinik zu veranlassen, wo dann ebenfalls eine neuroleptische Behandlung erfolgt. Auch unter ambulanter Neuroleptika-Therapie entfalten akute psychotische Erkrankungen gelegentlich eine so hohe Dynamik, dass weder dem Patienten noch seinen Angehörigen eine Fortsetzung der ambulanten Therapie zumutbar ist. Die rein homöopathische Behandlung akuter psychotischer Zustände ist ambulant i. d. R. nicht ausreichend. Schon Hahnemann$Hahnemann, Samuel sah hier Grenzen der ambulanten homöopathischen Behandlungsmöglichkeiten (vgl. Organon, § 229/Anm.). Es wäre eine wichtige Aufgabe für die Zukunft, eine homöopathische Klinik mit einer geschlossenen psychiatrischen Akutstation einzurichten, um auch akut psychotischen Patienten eine adäquate homöopathische Behandlungsmöglichkeit anbieten zu können.
Eine länger dauernde Behandlung mit niedrig dosierten Neuroleptika bei Patienten, die schon mehrere Psychosen hatten, ist leider häufig auch bei einem günstigen Verlauf der homöopathischen Behandlung nicht ganz zu umgehen.
Die Reduktion der psychopharmakologischen Medikation im Laufe der Behandlung ist bei richtig gewähltem Homöopathikum i. d. R. möglich, ein vollständiges Absetzen (entsprechend dem Primum-nihil-nocere-Grundsatz) kann leider oft erst nach Jahren erreicht werden.

Phasenprophylaktika

Patienten mit jahrelanger, erfolgreicher Lithium-, Carbamazepin- bzw. Valproat-Therapie sind schwierig homöopathisch zu behandeln, da – wie oben bereits ausgeführt –, ein entscheidendes Verlaufskriterium (Schutz vor Rezidiven) für die Beurteilung der Wirksamkeit der homöopathischen Verschreibung fehlt. In Einzelfällen ist es durchaus möglich, die Grunderkrankung homöopathisch auszuheilen, sodass langfristig auf eine Phasenprophylaxe verzichtet werden kann. Naturgemäß ist der Erfolg der Behandlung erst nach Jahren eindeutig zu bewerten. Sowohl wegen der schwierigen Situationen, die im Verlauf einer solchen Behandlung aus medizinischer Sicht auftreten können (z. B. die Beurteilung, ob es sich um eine beginnende erneute Phase handelt oder ob Auffälligkeiten als noch im Bereich des „gesunden“ Erlebens liegend zu bewerten sind. Oder die medizinische Intervention bei Vermutung eines beginnenden Rezidivs usw.) als auch wegen der juristisch nicht ganz einfachen Situation, gehört eine solche Behandlung in die Hand des Psychiaters.

Psychotherapeutische Behandlung: Möglichkeiten und Grenzen

PsychotherapieEine psychotherapeutische Mitbehandlung kann zu jedem Zeitpunkt einer psychischen Erkrankung indiziert sein. Die Anzahl der unterschiedlichen Psychotherapieverfahren ist inzwischen unüberschaubar geworden. Entscheidender als die Therapieform ist die Persönlichkeit und Kompetenz des jeweiligen Therapeuten, die Qualität der Patienten-Therapeuten-Beziehung und die Bereitschaft des Therapeuten, dogmatische Lehrsätze der jeweiligen Therapieschule hinter sich zu lassen um den individuellen Erfordernissen seines Patienten gerecht zu werden.
Solange noch akute psychotische Symptome (WahnWahn, Psychose, HalluzinationenHalluzination, Psychose) den Zustand des Patienten dominieren, wird man Themen vermeiden, die den Patienten zusätzlich belasten.
Endogene PsychosenPsychose (Körperkrankheiten im Sinne Hahnemanns, 30.2) sind erfahrungsgemäß durch Psychotherapie nicht zu heilen. Sie kann aber latente, den Patienten zusätzlich destabilisierende Konflikte beilegen und so insgesamt eine psychisch stabilere Situation des Patienten fördern. Eine Psychose ist eine primär körperliche Erkrankung, deren Behandlung in erster Linie durch die Zuführung geeigneter heilender Substanzen zu erfolgen hat. Der Psychotherapie kommt dabei im Wesentlichen eine unterstützende Rolle zu.
Genau umgekehrt ist die Situation, wenn es bei dem Patienten zu einer „neurotischen“ SymptombildungNeurose gekommen ist. Hier gilt der Lehrsatz, demzufolge neurotische Symptome den Versuch einer Konfliktlösung darstellen, auf einem symptomatischen Niveau. Bei der Behandlung einer derartigen Symptomatik wird eine geeignete Form der Psychotherapie eine wesentliche Rolle spielen. Ein gut gewähltes homöopathisches Arzneimittel ist allerdings in der Lage, den Patienten bei dem Versuch, seine Probleme zu lösen wesentlich zu unterstützen. Meist beschleunigen sich die psychotherapeutischen Prozesse bei paralleler homöopathischer Behandlung erheblich.

Zusätzliche Maßnahmen

Die homöopathische Behandlung wird i. d. R. ambulant durchgeführt. Gleichzeitig sind viele Patienten zu krank, um den Belastungen einer Erwerbstätigkeit gewachsen zu sein. Eine sinnvolle, den jeweiligen Möglichkeiten des Patienten angepasste, Tagesstrukturierung ist daher oft eine entscheidende Hilfe um symptomverstärkenden Verhaltenstendenzen der Patienten, wie z. B. sozialem Rückzug, Grübelneigung entgegenzuwirken. Dabei haben sich scheinbar banale Maßnahmen wie z. B. verstärkte körperliche Aktivität bewährt. Ein unmittelbarer antidepressiver Effekt von sportlicher Betätigung ist erwiesen. Bei langen Erschöpfungszuständen können zusätzliche Verfahren wie Osteopathie, Akupressur oder Akupunkturmassagen empfohlen werden.
Eine Orientierungshilfe bezüglich angemessenem Verhaltens gegenüber psychisch erkrankten Menschen hat schon Hahnemann formuliert: „Dem wüthenden Wahnsinn muß man stille Unerschrockenheit und kaltblütigen, festen Willen, – dem peinlich klagenden Jammer, stummes Bedauern in Mienen und Gebehrden, – dem unsinnigen Geschwätz, nicht ganz unaufmerksames Stillschweigen, – einem ekelhaften und gräuelvollen Benehmen und ähnlichem Gerede, völlige Unaufmerksamkeit entgegensetzen“ (Organon, § 228, vgl. auch § 229). Diese Grundregeln haben bis heute Gültigkeit.

Symptomenwahl bei Behandlung psychischer Erkrankungen

Psychische Symptome

SymptomenwahlKrankheit, psychischeHahnemann$Hahnemann, Samuel hat im „Organon“ (§§ 210–230) die Behandlung psychischer Erkrankungen ausführlich und nachvollziehbar beschrieben. Selbst psychotherapeutische und psychosomatische Konzepte wurden integriert. Es ist erstaunlich, mit welcher Weitsicht und praktisch ohne jede Erfahrung in der Behandlung von psychischen Erkrankungen Hahnemann Grundsätze formuliert hat, die sich im Kern bis heute als richtig erwiesen haben.
Noch einmal sei mit Nachdruck festgestellt, dass selbstverständlich auch und vor allem psychische Symptome zur Findung des homöopathischen Arzneimittels herangezogen werden müssen: „[…] vorzüglich in Absicht der genauen Auffassung der bestimmten Eigenheit (des Charakters) seines Hauptsymptoms, des besondern, jedes Mal vorwaltenden Geistes- und Gemüths-Zustandes, um zur Auslöschung der Gesamtkrankheit eine homöopathische Arzneikrankheits-Potenz […] auszufinden“ (Organon, § 217, vgl. auch § 220). Hahnemann$Hahnemann, Samuel schreibt, dass die Symptome vormaliger Körperkrankheiten hinzugezogen werden sollen (vgl. Organon, § 218), die allerdings oft nicht explorierbar bzw. nicht vorhanden sind (30.2).
Psychische SymptomeSymptomepathognomonische dürfen auf keinen Fall als „nur pathognomonisch“ verworfen werden. Dies widerspricht sowohl dem „Organon“ als auch den Erfahrungen der Autoren. Auch bei Depression oder Psychose, bei Angst- oder Zwangssyndrom stellen die psychischen Symptome eine individuelle Krankheitsäußerung der verstimmten Lebenskraft dar. Sie sind also nicht nur wichtig, sondern meist entscheidend für die richtige Verschreibung. Der Hinweis von Hahnemann$Hahnemann, Samuel, dass häufig zu Beginn einer Behandlung Alkaloide wie Hyoscyamus#Hyoscyamus, Belladonna#Belladonna und Stramonium#Stramonium notwendig sind (Organon, § 221), zeigt ebenfalls, dass diese bestens bekannten Mittel aufgrund ihrer psychischen Symptome und nicht wegen ihrer körperlichen Symptomen gegeben wurden.

Körperliche Symptome

Körperlich auffällige Symptome, die im Rahmen von psychischen Erkrankungen neu aufgetreten sind, müssen als hochwertig für die Findung des homöopathischen Arzneimittels herangezogen werden.
Auch akute körperliche Erkrankungen, die im Verlauf praktisch immer mit einer Besserung der psychischen Symptomatik einhergehen, können wertvolle Hinweise auf ein mögliches besseres „chronisches“ Mittel geben.
Akut auftretende interkurrente Erkrankungen sollten nur dann mit dem entsprechenden homöopathischen Akutmittel behandelt werden, wenn tatsächlich eine schwerwiegende Akutkrankheit vorliegt, und keine banalen Infekte mit ohnehin guter Spontanprognose. Häufig haben die Autoren beobachtet, dass die scheinbar erfolgreiche Behandlung einer körperlichen Akutkrankheit, insbesondere wenn Antibiotika oder Kortikoide eingesetzt werden, mit vorübergehenden, in Einzelfällen auch langwierigen Verschlechterungen des psychischen Zustandes bezahlt werden müssen.

Arzneimittelwahl

Wir müssen davon ausgehen, dass wir bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen das beste Mittel häufig nicht bei der Erstanamnese finden. Sich auf die homöopathische Behandlung psychischer Störungen einzulassen, bedeutet für den Homöopathen – vielleicht noch mehr als bei anderen chronischen Erkrankungen – die ständige Bereitschaft, seine Arzneimittelwahl infrage zu stellen. Eine besonders aufmerksame Beobachtung der Symptomatik des Patienten ist erforderlich, um neu auftretende Symptome, die wichtige Hinweise auf ein noch besser passendes Mittel bedeuten können, nicht zu übersehen. Andererseits sollte man sich den Wechsel eines wirksamen homöopathischen Arzneimittels nicht leicht machen. Die komplexen, bei einer zweiten Verschreibung anzustellenden Überlegungen können am ehesten anhand einschlägig veröffentlichter Kasuistiken oder im Rahmen von Vorträgen und Seminaren deutlich gemacht werden.
Nicht selten erlebt man es, dass die Symptome für das richtige Mittel bei der Erstanamnese vom Patienten schon ausgesprochen wurden, der behandelnde Arzt sie aber schlicht nicht erkannt oder übersehen hat. Beharrlichkeit, Fleiß und auch Intuition sind gefragt, um die geschilderten Beschwerden in die entsprechende Repertoriumssprache zu übersetzen (ohne sie zu interpretieren) und durch Materia-medica-Vergleich das passende Heilmittel zu finden.
Die Autoren haben die Erfahrung gewonnen, dass es vielfach nicht zum passenden Arzneimittel führt und den individuellen Symptomen des Patienten nicht gerecht wird, wenn von „klassischen“ Ignatia-, Natrium muriaticum- oder Sepia-Fällen gesprochen wird. Fünf Symptome von Pulsatilla oder Natrium muriaticum ergeben noch lange nicht das Arzneimittelbild dieser Mittel. (Grüne und blaue Tupfer finden sich sowohl auf Bildern von van Gogh als auch von Picasso, lassen durch ihr bloßes Vorhandensein also keinen eindeutigen Rückschluss auf den Maler zu.)
Der Verschreiber sollte sich deshalb immer Rechenschaft darüber ablegen, ob er seiner Arzneimittelwahl den phänomenologischen Zustand des Patienten zugrunde legt, oder eher bestimmte, ihm besonders geläufige Merkmale den Ausschlag für die Mittelwahl geben. Wenn er seine Arzneimittelwahl nicht immer wieder hinterfragt, läuft er Gefahr, eine willkürliche Auswahl an Symptomen heranzuziehen, nur deshalb, weil diese Symptome gut in ein ihm bekanntes Arzneimittelbild passen.
Nicht genug kann davor gewarnt werden, mehr oder weniger geniale Analogieschlüsse von bestimmten Symptomen auf grundlegende Charaktermerkmale und Wesenszüge des Patienten zu tätigen. Vielmehr ist es oft erstaunlich, wie genau, fast im Wortlaut der Arzneimittelprüfung, Patienten einzelne Symptome berichten. Der Homöopath sollte sich darüber klar sein, dass ein Symptom nie auf eine Rubrik im Repertorium, sondern auf ein Prüfungs- oder klinisches Symptom der Materia medica verweist. Der abschließende Materia-medica-Vergleich dient dazu, den „Inbegriff“ (§ 22/ 135 Organon) der Symptome entweder des aktuellen Zustandes oder seit Beginn der Erkrankung mit dem „Inbegriff“ der Symptome des jeweils in die engere Auswahl gezogenen Arzneimttels zu verglichen.

  • Idealerweise entfaltet sich phänomenologisch in jedem einzelnen Symptom des Patienten der Genius des ähnlichen Arzneimittelbildes. Entscheidend für die Verschreibung kann nie die bloß statistische Anzahl von Rubriken sein, die ein scheinbar treffendes Arzneimittel abdeckt.

  • Das „Wesen“, der „Inbegriff“ der Arznei sollte dem Wesen, dem „Inbegriff“ des Leidens des Patienten entsprechen.

Potenzwahl und Dosierung

Anmerkung der Herausgeber: Die folgenden Angaben zu Potenzwahl und Dosierung unterscheiden sich in einigen Punkten von den Vorgaben des Theoriekapitels (6.3, 6.4, 6.5). Sie spiegeln die persönlichen Erfahrungen der Autoren wider und stellen als solche Modifizierungen der herkömmlichen Dosierungsrichtlinien dar.
Zur Frage nach der nach Wahl der angemessenen Potenz bei der homöopathischen Behandlung von psychischen Leiden kann nicht eindeutig bzw. schematisch beantwortet werden. Schon Hahnemann$Hahnemann, Samuel hatte das generell sehr unterschiedliche Ansprechen von Patienten auf homöopathische Arzneiverdünnungen beobachtet (vgl. Organon §§ 278, 282) und daraus die Konsequenz abgeleitet, nicht nach starren Schemata zu verfahren, sondern die Arzneimittelgaben und deren Wiederholung an den individuellen Reaktionen des Patienten zu orientieren.

Potenz und Dosierung zu Beginn der Behandlung

Folgendes Vorgehen hat sich den Autoren bewährt:
  • Das Arzneimittel wird zunächst in der Q-1-Potenz 1–2× täglich je 3–5 Tr. eingenommen. Dabei ist darauf zu achten, dass die Potenz durch jeweils 5–10 Schüttelschlägen vor jeder Einnahme modifiziert wird (Organon, § 248).

  • Nach 14 Tagen beurteilt der Arzt, ob eine angemessene Reaktion (egal ob Verbesserung oder anderweitige Reaktion auf das Arzneimittel) eingetreten ist.

  • Wenn eine Reaktion eingetreten ist, wird die Behandlung in der angegebenen Weise mit jeweils alle 14 Tage um eine Potenzstufe ansteigenden Q-Potenzen fortgesetzt (Organon, § 248).

  • Sollte nach den ersten 2–4 Wochen der Einnahme der Q-Potenz vom Patienten noch keine Reaktion beobachtet worden sein, erfolgt die Gabe des Arzneimittels in Form von C-200- oder M-Globuli, um durch die veränderte Potenz letzte Klarheit über die Wirksamkeit- oder Unwirksamkeit des gewählten Arzneimittels zu gewinnen.

  • Sechs Wochen nach Beginn der Behandlung wird der Patient erneut zur Verlaufsbeurteilung einbestellt (30.13).

  • Je nach Heftigkeit des Beschwerdebilds können sich die angegebenen Beobachtungszeiträume deutlich verkürzen.

Bei einem solchen Vorgehen sind überschießende Erstverschlimmerungen unwahrscheinlich. Allerdings ist bei der ausschließlichen Behandlung mit Q-Potenzen eine besonders sorgfältige Verlaufsbeobachtung erforderlich, da die Wirkungen häufig so milde einsetzen, dass der Patient erst in der Rückschau eine Veränderung oder das Verschwinden von Symptomen konstatiert.
Dieses Vorgehen ist in erster Linie zu Beginn der homöopathischen Behandlung zu empfehlen. Bei guter Mittelwahl ist es im weiteren Verlauf der Behandlung häufig möglich, eine Q-Potenz-Stufe vier bis sechs Wochen lang zu verwenden, bevor zur nächst höheren Q-Potenz gewechselt wird.
Nach sechs Wochen sollte i. d. R. eine eindeutige Aussage darüber gemacht werden können, ob eine wirksame Verschreibung getroffen wurde. Sollte nach nochmaliger Gabe einer Hochpotenz nach drei Monaten immer noch keine klare Reaktion des Patienten zu beobachten sein, so ist das gewählte Arzneimittel sehr wahrscheinlich falsch.

Erstreaktion/nachlassende Wirkung

Sollte es bereits unter der Q-Potenz zu starken Reaktionen kommen, empfiehlt es sich, die Q-PotenzDosierungQ-Potenzen in einem Wasserglas verdünnt einzunehmen. Alternativ kann man die Q-Potenz nicht 2× täglich, sondern nur 1× täglich oder nur 2–3-mal wöchentlich einnehmen lassen.
Wenn es trotzdem ausnahmsweise doch einmal zu einer überschießenden Erstreaktion kommen – insbesondere nach Einnahme einer Hochpotenz – ist diese mit demselben Mittel in einer Tiefpotenz DosierungD-Potenzen(z. B. D12, 1–2-mal täglich, jeweils 2–3 Tr./Glob. über eine Woche) fast immer gut zu kupieren. Die gleiche Methode empfiehlt sich, wenn eine Hochpotenz nach ein bis zwei Monaten an Wirkung verliert. Auch dann kann dasselbe Mittel in der Tiefpotenz für 1–2 Wochen die Wiederholung der Hochpotenz ersparen. Man gewinnt Zeit und muss die Hochpotenz nicht so oft wiederholen.

Potenzwahl bei psychiatrischen Notfällen

AkuttherapieNotfall, psychiatrischerEs kann nach Erfahrung der Autoren bei akut psychotischen Zuständen sinnvoll sein, eine Hochpotenz bis zur XM oder LM mehrmals wöchentlich oder monatlich zu geben. Dies sind aber Ausnahmefälle, deren Behandlung dem erfahrenen homöopathischen Psychiater vorbehalten sein sollte.
Stets ist dabei die Beobachtung Kents$Kent, James Tyler zu beherzigen: „Wenn aber nach dem Einsetzen der (Prüf-)Symptome […] die Arznei immer weiter eingenommen wird, wird die Arznei gewissermaßen in den Organismus hineingedrängt, obwohl er bereits damit vergiftet ist. Auf diese Weise […] (wird) dem Prüfer […] unter Umständen für den Rest seines Lebens diese Arzneimittelkrankheit ‚eingraviert‘“ (Homöopathische Arzneimittelbilder [Thuja], Bd. 3, S. 650).

Verlaufsbeurteilung

Grundsätzlich gilt auch bei der Behandlung von psychischen Krankheiten, die in anderen Bereichen der Homöopathie gut belegte Beobachtung: Je akuter ein Zustand ist, desto rascher hat eine Reaktion auf das Arzneimittel zu erfolgen, je chronischer die Störung ist, desto mehr Geduld wird Patient und Behandler abverlangt.
Bei einer hochakuten psychotischen SymptomatikAkuttherapieNotfall, psychiatrischer kann eine häufige Wiederholung von Arzneimittelgaben in hohen Potenzen zweckmäßig sein (30.12.1). Wenn die Indikation richtig gestellt wurde, ist eine Erstverschlechterung erfahrungsgemäß nicht zu befürchten, vielmehr sollte es bei richtiger Mittelwahl zu einer sofortigen Besserung der Beschwerden kommen. Dementsprechend kann die Notwendigkeit für einen Wechsel des Arzneimittels oft schon nach wenigen Tagen beurteilt werden. Selbstverständlich darf in solchen Situationen nicht lange gezögert werden, dem Patienten eine zusätzliche psychopharmakologische Behandlung nahezulegen. (30.6).
Anders sind schon länger bestehende psychische Störungen zu beurteilen. Im Allgemeinen sollte man bei depressiven Verstimmungen, Angstsyndromen und Zwangsstörungen, die seit mindestens sechs bis zwölf Monaten bestehen, mindestens vier bis acht Wochen Geduld haben, bevor man ein Mittel wechselt.

Schwierigkeiten der Verlaufsbeurteilung bei Patienten mit psychischen Störungen

  • Es muss i. d. R. von einem wechselhaften Spontanverlauf der psychischen Erkrankung ausgegangen werden (phasenhafte bzw. schubförmige Verläufe sind bei vielen Krankheitsbildern geradezu Bestandteil der Diagnose). Bei einer Besserung des Zustandsbildes muss in solchen Fällen die kurative Arzneimittelwirkung immer gegenüber einer Spontanremission abgegrenzt werden.

  • Die Ausprägung psychiatrischer Symptomatik ist stark von Umgebungsfaktoren abhängig, z. B.:

    • Psychotherapeutische Behandlung.

    • Veränderte Reaktionen der Umgebung auf das Leiden des Patienten.

    • Lebensgeschichtliche Einflüsse: Wenn sich ein Patient z. B. verliebt, wird dies immer einen bedeutende (wenn auch meist vorübergehende) Besserung des Gesamtzustandes des Patienten zur Folge haben, ohne dass das im Mindesten irgendetwas mit einer wie auch immer gearteten Behandlung zu tun hätte.

    • Positive Erwartungen des Patienten und seiner Umgebung an die homöopathische Behandlung (Placeboeffekt).

  • Bei gleichzeitiger psychopharmakologischer Behandlung, insbesondere bei Veränderungen der diesbezüglichen Medikation, muss immer auch ein günstiges Ansprechen des Patienten auf die allopathische Medikation mit in die Verlaufsbeurteilung einbezogen werden.

Die Beobachtung einer Verbesserung des psychischen Gesamtzustandes eines Patienten ist natürlich grundsätzlich immer erfreulich, aber in diesem Zusammenhang als alleiniges Kennzeichen ein unsicheres Kriterium, um die Arzneimittelwirkung zu beurteilen. Deshalb ist bei jeder Untersuchung des Patienten zur Verlaufsbeobachtung zwingend die Frage zu stellen, ob es neben der homöopathischen Behandlung nicht auch noch wichtige andere Gründe für die Veränderung des Zustands des Patienten gibt.
Wird die gute Wirkung eines Arzneimittels wegen falscher Erwartungen als solche nicht erkannt, wiegt diese Fehleinschätzung mindestens genauso schwer. Jeder Mittelwechsel weckt zwar wieder neue Hoffnungen auf einen besseren Verlauf. Diese Hoffnungen hätte jedoch das vorschnell verlassene Mittel vielleicht ebenso erfüllen können. Die Entscheidung zum Mittelwechsel sollte die Entscheidung sein, die sich der Behandler am schwersten macht. Auch hier zeigt sich wieder die Wichtigkeit einer akribisch erhobenen Erstanamnese (30.5, mit genauer Dokumentation des gegenwärtigen Status).

Arzneimittelwirkung

SymptomeArzneimittelreaktionEine relativ sichere Wirkung des homöopathischen Medikaments kann aus den im Folgenden dargestellten Reaktionen geschlossen werden.
Erstreaktionen
ErstverschlechterungKrankheit, psychischeVerschlimmerung der ursprünglichen Symptome für einige Tage. Bei Patienten mit akuter psychotischer Symptomatik (die im Allgemeinen selten zum Homöopathen kommen) folgt – wenn das Mittel stimmt – aber immer eine sofortige, prompte Besserung (s. o.).
Unspezifische Reaktionen
Dazu zählen Veränderungen des Schlafs, unspezifische fieberhafte Infekte, Hautsymptome wie z. B. Ausschläge oder auch Magen-Darm-Symptome (Durchfälle), Kopfschmerzen. Unspezifisch sind diese Symptome deshalb, weil sie im Verlauf einer jeden homöopathischen Behandlung auftreten können, ohne dass es sich dabei um individuelle Symptome des Patienten handelt oder um Symptome, die aus dem Arzneimittelbild des verabreichten Mittels bekannt sind.
Falls sich diese unspezifischen Symptome innerhalb von zwei bis drei Wochen nicht bessern, sollte die Mittelwahl überdacht werden. Dies gilt umso mehr, wenn gleichzeitig zum Auftreten dieser neuen Symptome nicht zumindest eine Verbesserung des psychischen Zustandes des Patienten beobachtet werden kann.
Wiederkehrende, frühere Körpersymptome
Wieder auftretende Symptome sind ein sehr sicheres Kriterium für das Wirken eines homöopathischen Mittels. Das Auftreten von körperlichen Symptomen bestätigt im Allgemeinen die günstige Richtung der Behandlung. Leider finden wir aber bei sehr vielen psychisch Erkrankten relativ wenige Körpersymptome. Die psychische Störung sitzt so tief, dass das Wiederauftreten früherer Symptome in den ersten Wochen bis Monaten eher ungewöhnlich ist. Es kann allerdings vorkommen, dass bei langjährigen Verläufen überraschenderweise nach Jahren sogar bei Patienten in fortgeschrittenem Alter lange zurückliegende Symptome, sogar aus der Kindheit, wieder auftreten (z. B. Hautausschläge, Mandel- und Mittelohrentzündungen, Blasenentzündungen, Migräne, häufig auch Menstruationsstörungen).
Arzneimittelprüfungssymptome
PrüfungssymptomeNeu aufgetretene Symptome, die der Patient auch in der Vergangenheit so nie hatte, die aber aus dem Arzneimittelbild des verschriebenen Mittels bekannt sind, deuten ebenfalls mit auf ein richtig gewähltes homöopathisches Arzneimittel hin, insbesondere, wenn sich der Gesamtzustand des Patienten bessert.
  • Bessert sich der Zustand des Patienten, sind die aufgetretenen Arzneimittelsymptome ein wichtiger Hinweis darauf, dass diese Besserung auf das verschriebene Mittel zurückzuführen ist.

  • Arzneimittelprüfsymptome kommen auch bei Verschreibung von richtig gewählten Q-Potenzen vor.

  • Sollte sich der Zustand des Patienten jedoch nicht bessern und sollten die neuen Symptome nicht innerhalb weniger Stunden oder Tage spontan wieder verschwinden, sondern sich sogar verstärken, muss die Einnahme unbedingt unterbrochen werden, da möglicherweise eine „Spätverschlechterung“ oder eine beginnende Arzneimittelprüfsymptomatik vorliegt (§§ 163, 170, 280).

  • Sollte sich der Gesamtzustand des Patienten in der Einnahmepause bessern, handelt es sich um eine Spätverschlechterung. Oft kann dann mit dem selben Arzneimittel, aber in deutlich reduzierter Dosierung (seltenere Gaben) fort gefahren werden.

  • Unter Behandlung mit einem homöopathischen Mittel neu aufgetretene Symptome können aber auch entscheidende Hinweise auf die besser passende Folgeverschreibung geben.

Absetzen des Mittels
Auch bei zu langer Einnahme von Tiefpotenzen (z. B. C12 oder D12 nach drei bis vier Wochen) können Arzneimittelprüfsymptome auftreten. In diesem Fall sollte das Mittel für etwa ein bis zwei Wochen abgesetzt werden (vgl. Organon, § 281).
Kommt es nach Aussetzen der Q-Potenz zu einer Verschlechterung des Gesamtzustandes, nachdem während der Arzneimitteleinnahme eine eindeutige Besserung zu verzeichnen war, wirkt das Medikament nicht mehr, und es muss die nächst höhere Q-Potenz verabreicht werden.
Kommt es dagegen in der Einnahmepause zu einer Verbesserung des Zustandes, sollte die Behandlung weiter ausgesetzt werden. Die Symptome, die während der Karenz bei einer erneuten Verschlechterung des Gesamtzustandes des Patienten im Vordergrund stehen, sollten dann bestimmend sein für die Wahl eines neuen Arzneimittels. Diese Symptomatik kann also entweder ein neues Arzneimittel indizieren oder – für den Fall, dass der Patient überdosiert bzw. Arzneimittelprüfungssymptome hatte – die Weiterbehandlung mit dem bisher schon gegebenen Arzneimittel erfordern.
Weiterbehandlung mit höheren Dynamisationen/veränderten Potenzen
Bei sehr empfindlichen Patienten tritt bei Gabe eines richtig gewählten Arzneimittels in täglicher Q-Potenz-Einnahme sehr schnell (innerhalb von einigen Tagen) eine Arzneimittelprüfung auf. Dann kann das Mittel entweder verdünnt (Ein-, Zwei- oder Dreiglas-Methode, 2.4) gegeben werden (vgl. Organon, § 248) oder seltener, z. B. alle 2–3 Tage.
Falls dies zu keinem Erfolg führt, kann es sinnvoll sein, nach 2–4 Wochen die Q-Potenz abzusetzen und das gleiche Medikament in einer Hochpotenz (z. B. C200 oder M) zu geben. Im Allgemeinen kommt es dann zu keiner Arzneimittelprüfung mehr, sondern höchstens zu einer kurz dauernden Erstverschlimmerung, die, wenn notwendig, mit Tiefpotenzen des gleichen Mittels für einige Tage abgefedert werden kann (30.12.2).
Es empfiehlt sich jedoch nicht, regelmäßig Q-Potenzen und C/D-Potenzen miteinander zu kombinieren. Da der Organismus unterschiedlich reagiert (langsame kontinuierliche Besserung bei Q-Potenzen, dynamischere Wirkung mit der Möglichkeit der Erstverschlimmerung bei hohen C-Potenzen), kann bei einer Mischung beider Applikationsformen die Beurteilung der Wirksamkeit erheblich verkompliziert werden.

Umgang mit interkurrenten Akutkrankheiten

KrankheitinterkurrenteAkuttherapieDas Auftreten von heftigen, nicht lebensbedrohlichen, interkurrenten Akutkrankheiten bedeutet bei der Behandlung von schweren psychischen Krankheiten i. d. R. einen wichtigen Fortschritt im Behandlungsverlauf. Nur eine schon wieder deutlich gestärkte LebenskraftLebenskraft ist in der Lage, schwere Akutsymptome wie hohes Fieber o. Ä. hervorzubringen.
  • Wird der Patient mit Q-Potenzen behandelt, so empfiehlt sich zunächst die häufigere, bis zu 6 × tägliche Einnahme des „chronischen Mittels“: „in akuten [Krankheiten] aber, alle 6, 4, 3, 2 Stunden, in den dringendsten Fällen, alle Stunden und öfter“ (Organon, § 248).

  • Wird der Patient mit hohen C-Potenzen und in größeren Abständen (alle 6 Wochen bis alle 6 Monate) behandelt, so kann anstelle der Wiederholung der C-Potenz oder der Gabe eines neuen Mittels entweder die Q-Potenz desselben Mittels häufiger am Tag gegeben werden oder aber eine C12 oder D12, aber jeweils nur für 1–2 Wochen.

  • Sollte je nach Akuität des Krankheitsbildes damit innerhalb von 24–48 Stunden keine deutliche Besserung zu erzielen sein, empfiehlt sich die Gabe einer C-200- oder M-Potenz des „chronischen Arzneimittels“.

  • Sollte sich in der Akutsymptomatik des Patienten klar das Bild eines anderen Arzneimittels zeigen, dann sollte dieses neue Mittel sofort in einer hohen C-Potenz (C200 oder M) gegeben werden.

  • Der Einsatz von Antibiotika oder Mineralokortikoiden in Akutsituationen bei Patienten, die chronisch an einer psychischen Krankheit leiden, hat sehr häufig eine massive Verschlechterung des psychischen Zustands zur Folge. Dies gilt im besonderen Maße für die Unterdrückung von fieberhaften Zuständen oder von wieder aufgetretenen alten (30.13.2) oder neu aufgetretenen Hautausschlägen. Umgekehrt resultiert sehr häufig eine deutliche und anhaltende Besserung des psychischen Befindens des Patienten, wenn es gelingt, derartige Krisen mit homöopathischen Mitteln zu bewältigen.

  • Leichte interkurrente InfekteInfektioninterkurrente sollten nach Möglichkeit nur symptomatisch mit Hausmitteln (nie mit „homöopathischen“ Komplexmitteln!) behandelt werden. Häufig hilft dem Patienten der Hinweis auf den nach dieser „Heilungskrise“ zu erwartenden, deutlich gebesserten Verlauf seiner psychischen Erkrankung, diese akute Krise besser zu meistern.

Zusammenfassung

Psychiatrische Krankheitsbilder im Sinne der von Hahnemann$Hahnemann, Samuel beschriebenen Geistes- und GemütskrankheitenGeistes- und Gemütskrankheiten (30.2) können homöopathisch oft sehr gut behandelt werden. Wichtig ist, dass der Arzt ausreichend psychiatrische Fachkenntnis und Erfahrung in der homöopathischen Behandlung derartiger Krankheitsbilder hat.
Neuroleptische, antidepressive oder anxiolytische Zusatzmedikation kann akut und längerfristig notwendig sein. Ziel der Behandlung ist nicht ein möglichst schnelles Absetzen der Psychopharmaka, sondern eine Verbesserung des Gesundheitszustandes durch entsprechende homöopathische Behandlung und durch möglichst niedrige allopathische Medikation. Psychotherapeutische Verfahren bringen häufig eine Entlastung für den Patienten und können mögliche Konflikte oder Traumata aufdecken helfen. Die Indikation dafür muss vom Arzt und vom Psychotherapeuten gemeinsam gestellt werden.
Stationäre Krankenhauseinweisung kann notwendig sein, auch wenn die homöopathische Behandlung dann notfalls unterbrochen werden muss. Es gibt bisher zu wenig praktische Erfahrung im stationären Bereich und zu wenige, entsprechend eingerichtete Krankenhäuser für eine kontinuierliche, homöopathische Weiterbetreuung im Rahmen eines stationären Aufenthalts.
Die Arzneimittelwahl stützt sich wie sonst auch auf charakteristische Symptome, die häufig auch typisch für das Krankheitsbild sein können, d. h. auch „pathognomonische“ Symptome können und müssen verwertet werden.
Es gibt Fälle, in denen ein richtig gewähltes homöopathisches Arzneimittel wahre Wunder vollbringen kann. Dies darf aber keinesfalls regelhaft erwartet werden. Erwartet werden muss vielmehr ein mehrjähriger Behandlungsverlauf, der sowohl Patienten als auch Behandler Geduld abverlangt. Durch homöopathische Arzneimittel werden keine Reaktionen erzwungen, sondern die Selbstheilungskräfte des Menschen in die richtigen Bahnen gelenkt.
Bei konsequenter und kompetenter homöopathischer Behandlung sind, abgesehen von akut psychotischen Zustandsbildern, wo eine neuroleptische Behandlung i. d. R. unumgänglich ist, die Erfolge i. d. R. genauso schnell oder langsam zu erreichen wie mit den entsprechenden allopathischen Arzneimitteln, allerdings ohne „Nebenwirkungen“. Die Homöopathie nimmt für sich in Anspruch, auf längere Sicht in vielen Fällen tatsächlich Heilung erreichen zu können.
Bei aller Dankbarkeit, dass Hahnemann$Hahnemann, Samuel uns mit der Entdeckung der Homöopathie ein so wunderbares Werkzeug an die Hand gegeben hat, kranken Menschen wirksam helfen zu können, sollte doch nie in Vergessenheit geraten, dass Krankheiten, besonders chronische psychische Krankheiten, immer zu den großen verändernden Ereignissen im Leben eines Menschen gehören. Auftreten, Verlauf und die Möglichkeit der Heilung liegen immer auch in der höheren Weisheit des Schicksals dieses Menschen begründet.

Nie sollte der Patient dazu benutzt werden, die Wirksamkeit der Homöopathie zu beweisen oder gar die Fähigkeit des ihn behandelnden Homöopathen.

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