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B978-3-437-56353-9.00007-4

10.1016/B978-3-437-56353-9.00007-4

978-3-437-56353-9

Deutliche Besserung ohne Erstverschlechterung

Heftige, kurze Verschlechterung mit rascher Besserung

Anfängliche Besserung mit lang anhaltender Verschlechterung

Gute Arzneiwirkung am Anfang, dann Nachlassen der Wirkung

Besserung der Lokalsymptome ohne Besserung des Allgemeinbefindens

Lang anhaltende Verschlechterung mit langsamer Erholung

Lang anhaltende Verschlechterung

Arzneiwiederholung bei Rückkehr der Symptome

Arzneiwiederholung nach langen stabilen Phasen

Arzneimittelwechsel

Natürliche Schwankungen im Befinden des Patienten

Schwankungen im Befinden des Patienten, Verlauf: insgesamt Besserung

Schwankungen im Befinden des Patienten, Verlauf: insgesamt Verschlechterung

Quantitative und/oder qualitative Verbesserung

Scheinbares Nachlassen der positiven Wirkung bei erneuter Arzneimittelwiederholung

Arzneiwirkung Arzneiwirkung bei den verschiedenen ArzneimittelWirkdynamikArzneimittelWirkdynamik Krankheitsverläufen

Tab. 7.1
Sowohl Lokal- als auch Allgemeinzustand verbessern sich nach der Gabe eines Arzneimittels Positive Arzneiwirkung, Arzneimittel weiterwirken lassen
Lokalsymptome unverändert oder schlechter, Allgemeinzustand besser Meist gute Arzneiwirkung, Medikament sollte weiter wirken, die Lokalbefunde werden sich im weiteren Verlauf bessern. Folgt keine Besserung des Lokalbefundes, muss das Arzneimittel gewechselt werden
Lokalsymptome besser, Allgemeinzustand unverändert oder schlechter Zweifelhafte Arzneiwirkung, folgt in kurzer Zeit keine Besserung des Allgemeinbefindens, muss das Arzneimittel gewechselt werden
Lokal- und Allgemeinsymptome schlechter Fehlende Arzneiwirkung, Arzneimittel wechseln
Lokal- und Allgemeinsymptome unverändert Fehlende Arzneiwirkung, Arzneimittel wechseln
Lokal- und Allgemeinsymptome verändert ohne Besserung Zweifelhafte Arzneiwirkung, wahrscheinlich spontaner Krankheitsverlauf oder Prüfungssymptom bzw. Arzneireaktion. Wahrscheinlich muss das Arzneimittel gewechselt werden

Hierarchie der Organe/Organsysteme, HierarchisierungOrgansysteme

Tab. 7.2
I. Herz, Zentrales Nervensystem (inkl. Sinnesorgane)
II. Lunge, Nieren
III. Endokrines System, Immunsystem, Fortpflanzungsorgane
IV. Abdominalorgane (Leber, Bauchspeicheldrüse, Milz), Magen-Darm-Trakt
V. Bewegungsapparat
VI. Haut und Hautanhangsgebilde

Verlaufsbeurteilung

Jan Geißler

  • 7.1

    Voraussetzungen170

  • 7.2

    Verlaufsbeurteilung bei akuten Erkrankungen171

    • 7.2.1

      Was ist eine „akute Erkrankung“?171

    • 7.2.2

      Praktisches Vorgehen171

    • 7.2.3

      Akute Erkrankungen und allopathische Therapie175

  • 7.3

    Verlaufsbeurteilung bei chronischen Erkrankungen176

    • 7.3.1

      Was ist eine „chronische Erkrankung“?176

    • 7.3.2

      Behandlung mit hohen C-Potenzen, Verlaufsbeurteilung nach Kent176

    • 7.3.3

      Hering-Regel183

    • 7.3.4

      Arzneimittelwiederholung184

  • 7.4

    Verlaufsbeurteilung bei Therapie mit Q-Potenzen186

  • 7.5

    Wechsel der Arzneimittel bei Therapie mit hohen C-und Q-Potenzen187

  • 7.6

    Allopathische Therapie und homöopathische Konstitutionstherapie189

  • 7.7

    Weitere Beobachtungen bei der Verlaufsbeurteilung190

Voraussetzungen

VerlaufsbeurteilungBehandlungVerlaufsbeurteilungVerlaufsbeurteilungBehandlungKrankheit, akute s. AkuttherapieBehandlungKrankheit, chronische s. KonstitutionstherapieNeben dem Auffinden des passenden Arzneimittels stellt die Verlaufsbeurteilung in all ihren Facetten das zweite wichtige Standbein der erfolgreichen homöopathischen Praxis dar. Ohne die richtige Weiterbehandlung ist, zumindest bei der Behandlung chronisch Kranker, auch die richtige Verordnung des ersten Medikamentes oft nur von begrenztem Nutzen. Nur durch die richtige Anwendung der Regeln für die Verlaufsbeurteilung kann ein chronisch Kranker tatsächlich durch homöopathische Therapie geheilt werden.

Die richtige Anwendung der Regeln für die Verlaufsbeurteilung beinhaltet detaillierte Kenntnisse über die

  • Homöopathische Symptomenlehre.

  • Homöopathische Arzneimittellehre und Repertorien und deren Anwendung als homöopathische Arbeitsmittel.

  • Krankheitslehre und Pathologie.

  • Homöopathische Lehre von den chronischen Krankheiten.

Homöopathische Symptomenlehre
Die Kenntnis der Beschaffenheit und der Einteilung der Symptome im homöopathischen Sinne (Allgemeinsymptome, Lokalsymptome, Schlüsselsymptome etc.) versetzt den homöopathischen Behandler in die Lage, den Heilungsverlauf richtig zu beurteilen. Gerade dieser Bereich der homöopathischen Lehre bringt immer wieder Klarheit bei der Beurteilung von Langzeitverläufen und ermöglicht eine exakte Einschätzung der jeweiligen Situation.
Homöopathische Arbeitsmittel
Da es bei der Verlaufsbeurteilung, v. a. bei Langzeitverläufen, zu interkurrenten Erkrankungen, zu Schüben oder Veränderung in der Grundsymptomatologie des Patienten kommen kann, ist eine genaue Kenntnis der Arzneimittellehre (9.2) und des Arbeitens mit dem Repertorium (5.3) unabdingbar. Nur so kann z. B. beurteilt werden, ob eine Reaktion oder eine Symptomenverschiebung noch zum verabreichten Arzneimittel passt oder welches andere Arzneimittel evtl. neu verordnet werden muss.
Krankheitslehre und Pathologie
Nur durch das Wissen um den natürlichen Verlauf sowohl der akuten als auch der chronischen Erkrankungen (hier im Sinne von schulmedizinischen Diagnosen), ist überhaupt eine korrekte Verlaufsbeurteilung möglich. Dieses Wissen umfasst optimaler Weise die gesamte schulmedizinische Krankheitslehre inklusive Histologie, Pathologie, Pathophysiologie. Auch eine detaillierte Erfassung von labortechnischen Daten und bildgebenden Verfahren kann bei der Verlaufsbeurteilung von großem Nutzen sein.
Lehre von den chronischen Krankheiten
Um einen Heilungsverlauf richtig einschätzen zu können, ist es wichtig, zwischen akuten und chronischen Erkrankungen im Sinne der homöopathischen Krankheitslehre (3.2, 7.2, 7.3) zu unterscheiden, sowie den Verlauf chronischer Erkrankungen nach der homöopathischen Theorie der chronischen Erkrankungen zu kennen. Hinzu kommt das Wissen um die Gesetzmäßigkeiten homöopathischer Heilungsverläufe, die im Folgenden ausführlich dargestellt werden.

Verlaufsbeurteilung bei akuten Erkrankungen

Was ist eine „akute Erkrankung“?

Verlaufsbeurteilungakute ErkrankungEchte AkuttherapieVerlaufsbeurteilungVerlaufsbeurteilungKrankheitakuteakute Erkrankungen zeichnen sich durch einen mehr oder weniger kurzen, selbstlimitierenden Verlauf aus und enden mit Restitutio ad integrum, mit DefektheilungRestitutio ad integrum oder mit dem Tod. AkuterkrankungDefinition Dieser Verlauf lässt sich z. B. beobachten bei:
  • Infektionserkrankungen wie Masern, Windpocken, Scharlach, Mumps, Influenza, EBV etc.

  • Verletzungen wie Gehirnerschütterungen, Knochenbrüche, Weichteiltraumata, Erfrierungen, Verbrennungen etc.

  • Psychische Traumata nach Unfall, Todesfällen, Beziehungskrisen etc.

Bei der Verlaufsbeurteilung muss zwischen akuten Erkrankungen und akuten Exazerbationen chronischer Erkrankungen unterschieden werden. Ein akuter Schub (oder auch die Erstmanifestation) bei chronischem Rheuma, einer Asthmaerkrankung, Multipler Sklerose etc. entspricht zwar häufig den oben genannten Kriterien akuter Erkrankungen, muss im Therapieverlauf bei chronisch Kranken aber anders beurteilt und häufig anders therapiert werden als eine echte Akuterkrankung.

In folgenden Fällen handelt es sich nicht um eine akute Erkrankung:
  • Bleiben längerfristig Restzustände nach einer akuten Erkrankung zurück, unterliegt deren Behandlung den Gesetzmäßigkeiten der Behandlung von chronisch Kranken (z. B. chronische Schwäche nach EBV-Infektion, Sudeck-Syndrom nach Trauma).

  • Das Gleiche gilt, wenn dieselbe Akuterkrankung bei einem Patienten ungewöhnlich häufig auftritt (z. B. rezidivierende Tonsillitis, rezidivierende Otitis media).

  • Nehmen akute Erkrankungen einen ungewöhnlichen Verlauf oder treten Komplikationen auf (z. B. Pneumonie bei Masern), muss die konstitutionelle gesundheitliche Situation des Patienten zumindest in Betracht gezogen werden.

Praktisches Vorgehen

VerlaufsbeurteilungHomöopathisch gesehen ist die Behandlung von echten Akuterkrankungen, zumindest vom theoretischen Standpunkt aus gesehen, i. d. R. einfach. Der Patient kommt in die Praxis, bekommt für den vorhandenen Krankheitszustand das jeweils passende homöopathische Medikament (evtl. einschließlich anderer notwendiger medizinischer Maßnahmen) in angemessener Dosierung und wird in einem angemessenen Zeitraum wieder vollständig gesund.
Bewertung des Heilungsverlaufs
HeilungsverlaufBewertungKonkret möglich ist das Einschätzen des Heilungsverlaufes bei der Behandlung von Akutkrankheiten durch die Beobachtung der qualitativen und quantitativen Veränderungen der Symptomatologie des Patienten im Bezug auf die LokalsymptomeLokalsymptom, die AllgemeinsymptomeAllgemeinsymptom und eingeschränkt auch den psychischen Zustand. Dies gilt sowohl für Verbesserungen als auch für Verschlechterungen im Symptomenbild des Patienten.
  • LokalsymptomeLokalsymptom (4.2) sind zum Beispiel die Art der Rhinitis, der Konjunktivitis, der Hautausschläge. Husten bei Masern, Halsschmerzen, Tonsillenschwellung, zervikale Lymphadenopathie bei Scharlach, die Art der Diarrhoe oder der Abdominalschmerzen bei akuter Gastroenteritis.

  • AllgemeinsymptomeAllgemeinsymptom sind bei allen Erkrankungen Symptome, die letztlich organübergreifend sind wie Schwäche, Erschöpfung, Fieber, Frost, Veränderungen bei Appetit oder Durst etc. Häufig werden sie vom Patienten in der Ich-Form geschildert: „Ich bin schwach“, „Ich habe keinen Durst“.

  • Psychische SymptomeSymptomepsychischeGeistes- und Gemütssymptome s. a. Symptome, psychische: Für die Verlaufsbeurteilung bei akuten Erkrankungen haben die psychischen Symptome nur eine eingeschränkte Bedeutung. Zum einen besteht häufig eine direkte Korrelation zwischen der Intensität der Lokal- und/oder Allgemeinsymptome (z. B. Ohrenschmerzen, hohes Fieber, schmerzhafter Husten, Juckreiz bei Hautausschlag etc.) und der psychischen Reaktion auf diese (Reizbarkeit, Zorn, Delirium, Weinerlichkeit etc.), zum anderen wiegt eine deutliche Verbesserung von Lokal- und/oder Allgemeinsymptomen eine eventuelle Persistenz oder Verschlechterung von psychischen Symptomen auf – zumindest bei der Verlaufsbeurteilung echter Akuterkrankungen.

Trotzdem können die psychischen Symptome eine große Bedeutung bei der Auswahl des passenden Medikamentes haben.

Aus der Beurteilung der qualitativen und quantitativen Veränderungen der Lokal- und Allgemeinsymptome zum Positiven und Negativen ergeben sich durch das oben Dargestellte theoretisch mehrere Konstellationen bezüglich der Verlaufsbeurteilung in der Praxis (Tab. 7.1).

Ein verbesserter Allgemeinzustand ist unabhängig vom Lokalbefund ein häufiger Indikator für eine positive Arzneiwirkung.

Mögliche Reaktionen im Heilungsverlauf
HeilungsverlaufReaktionenKommt es im Rahmen einer homöopathischen Verordnung bei echten Akuterkrankungen zu einer Veränderung oder Verschlechterung der Symptome, kommen außer dem Ausbleiben einer Heilwirkung wegen falscher Verordnung folgende Möglichkeiten in Betracht.
Erstverschlimmerung
Erstverschlimmerung
  • Art der Reaktion: Im Rahmen der Wirkung des passenden Medikamentes kann es zu einer Erstverschlechterung kommen. Diese tritt bei akuten Erkrankungen schnell nach der Einnahme des Arzneimittels auf, ist (immer entsprechend der zu erwartenden Gesamtkrankheitsdauer) kurz, betrifft v. a. die bereits vorhandenen Lokalsymptome (!) und verschlechtert nie nachhaltig den Allgemeinzustand des Patienten.

  • Praktisches Vorgehen: Abwarten. Es muss im Verlauf eine substanzielle Besserung des gesamten Krankheitszustandes folgen.

Gesundungsreaktionen
Gesundungsreaktionen
  • Art der Reaktion: OrganismusAusscheidungsreaktionAusscheidungsreaktionVon der Erstverschlechterung abzugrenzen sind Gesundungsreaktionen beim Patienten. Hierzu zählen zum Beispiel AusscheidungsreaktionenAusscheidungsreaktionOrganismusAusscheidungsreaktion wie Absonderungen aus Nase, Ohr, Durchfall, Erbrechen oder auch Hautausschläge (wenn diese nicht zum vorliegenden Krankheitsbild gehören). Selbst Fieber kann im Rahmen eines Heilungsverlaufes als positiv angesehen werden. Solche Ausscheidungsreaktionen gehen immer mit einer schnell folgenden Verbesserung des Allgemeinbefindens einher. Treten die genannten Symptome ohne eine Verbesserung des Allgemeinbefindens auf, handelt es sich wohl einfach um eine Veränderung oder Verschlechterung der Erkrankung des Patienten.

  • Praktisches Vorgehen: Abwarten und das Arzneimittel weiterwirken lassen. Auf keinen Fall die Ausscheidungen unterdrücken oder die Temperatur senken – z. B. durch ein anderes homöopathisches Medikament oder allopathische Medikamente (auch Hausmittel wie z. B. Wadenwickel können unter Umständen negative Effekte haben).

Arzneireaktion
  • Art der Reaktion: ArzneireaktionKlar abzugrenzen von der Erstverschlechterung und der Gesundungsreaktion ist die Arzneireaktion. Es handelt sich hierbei um die Reaktion des Patienten auf das verabreichte Arzneimittel ohne eine Verbesserung des Gesundheitszustandes. Diese äußert sich in Symptomen, die dem Arzneimittelbild des verabreichten Arzneimittels entsprechen (zu kontrollieren in Arzneimittellehre und Repertorium), vorher jedoch nicht beim Patienten vorhanden waren. Sie sind als eine Art Arzneimittelprüfung zu sehen. Eine Arzneireaktion kann mit einer positiven Arzneiwirkung einhergehen, bei empfindlichen Patienten kommt sie aber auch bei Fehlverordnungen vor. Im letzteren Fall bleibt der natürliche Krankheitsverlauf unbeeinflusst.

  • Praktisches Vorgehen: Abwarten. Kommt es im weiteren Verlauf nicht zu einer Verbesserung, muss ein anderes Arzneimittel verordnet werden.

Auch eine Verbesserung der Krankheitssymptome birgt die Möglichkeit der Fehlinterpretation: Ist das verordnete Arzneimittel nur teilweise passend zum Krankheitsfall (wenn es z. B. nur einem Teilaspekt der akuten Erkrankung entspricht), kann es zu kurzzeitigen Verbesserungen der Lokalsymptomatik führen (PalliationPalliation). Diese Besserung ist nur von kurzer Dauer, es muss ein anderes Arzneimittel ausgewählt werden.

Nicht jede Veränderung im Zustand des Patienten kann oder muss auf eine verordnete homöopathische Arznei zurückgeführt werden. Krankheitszustände verändern sich auch ohne Zutun von außen – sowohl zum Positiven als auch zum Negativen.

Häufige Fehler
VerlaufsbeurteilungFehlerSowohl bei positiven Heilungsverläufen wie auch bei einem Fortschreiten bzw. der Veränderung von Akuterkrankungen gibt es eine Reihe von möglichen Fehlinterpretationen, die sich auf die Weiterbehandlung des Patienten auswirken.
  • Der spontane Krankheitsverlauf zum Positiven wird als Arzneiwirkung interpretiert. Diese scheinbar harmlose Fehlinterpretation kann dazu führen, dass

    • bei Wiederauftreten der gleichen Akuterkrankung erneut dieses falsche Medikament verordnet wird,

    • falsche Rückschlüsse auf das zum Akutmedikament passende Konstitutionsmittel gezogen werden. Z. B. kann bei der Heilung einer akuten Erkrankung durch a) Belladonna#Belladonna, b) Aconitum #Aconitumoder c) Pulsatilla #Pulsatillanicht automatisch angenommen werden, dass beim Patienten die zu den jeweiligen Akutmitteln passenden Konstitutionsmittel a) Calcarea carbonica#Calcium carbonicum, b) Sulfur #Sulfurund c) Tuberculinum#Tuberculinum infrage kommen bzw. angezeigt sind (4.3.3).

  • Der spontane Krankheitsverlauf zum Schlechteren wird als Erstverschlechterung/Ausscheidungsreaktion interpretiert; es wird kein neues Medikament verordnet.

  • Die Erstverschlechterung/Ausscheidungsreaktion wird als spontaner Krankheitsverlauf bewertet; es wird vorzeitig ein anderes Arzneimittel verordnet, wo Abwarten zu Heilung geführt hätte und das neue Arzneimittel evtl. zu einer Unterbrechung der Heilreaktion führt.

  • Die Arzneireaktion wird als Erstverschlechterung/Ausscheidungsreaktion fehlinterpretiert; es wird kein anderes Medikament verordnet, die Erkrankung verschlechtert sich.

  • Die Erkrankung wird (z. B. durch Fehldiagnose) in ihrem Verlauf falsch eingeschätzt; die Neuverordnung erfolgt zu früh bzw. zu spät. Beispiel: Eine Keuchhustenerkrankung wird nicht als solche erkannt und das verabreichte Arzneimittel wird nach kurzer Zeit unterbrochen (bei bestimmten Diagnosen mit protrahierten Krankheitsverläufen, z. B. Keuchhusten oder EBV-Infektion, werden den Arzneimitteln auch ohne anfängliche Wirkung zum Teil deutlich längere Wirkzeiten eingeräumt). Faustregel:

    • Kurzer zu erwartender Erkrankungsverlauf → schnelle Wirkung

    • Langer zu erwartender Erkrankungsverlauf → langsame Wirkung

  • Das passende Arzneimittel wurde in der falschen DosierungDosierungFehler verabreicht. Obwohl man bei Akuterkrankungen in fast allen Fällen davon ausgehen kann, dass das richtige Arzneimittel in jeder Dosierung eine positive Wirkung zeigt (6.2), gibt es doch einige Fehlerquellen, die zu Fehlinterpretationen führen können:

    • Niedrige D-PotenzenDosierungD-PotenzenD-PotenzenDosierung: Bei leichten Akuterkrankungen haben sie, häufig wiederholt (2–5-mal tgl.), eine positive Wirkung. Zu selten verabreicht (z. B. als Einmalgabe), kann eine positive Wirkung ausbleiben. Bei schweren Akuterkrankungen ist von niedrigen D-Potenzen eher selten eine substanzielle Wirkung zu erwarten.

    • Hohe C-PotenzenDosierungC-PotenzenC-PotenzenDosierung: Sind als Einmalgaben bei Akuterkrankungen die Potenzen der Wahl. Als C30, C200, C1 000 (M) oder C10 000 (XM) verabreicht, ist von ihnen bei passender Verordnung immer eine deutlich positive Wirkung zu erwarten. Werden sie höher verabreicht (C50 000 oder C100 000) besteht die Möglichkeit, dass sie die energetische Ebene der Erkrankung verfehlen und eine positive Wirkung ausbleibt.

    • Q-PotenzenDosierungQ-PotenzenQ-PotenzenDosierung: Sind bei leichten bis mittelschweren Akuterkrankungen selten angezeigt und sollten nur bei schweren Akuterkrankungen verordnet werden. Bei passender Dosierung verfehlen sie selten ihre Wirkung, bei Unterdosierung kann eine positive Arzneiwirkung ausbleiben.

Akute Erkrankungen und allopathische Therapie

Begleitmedikation, allopathischeAllopathieBegleitmedikationArzneimittelpalliativesVerlaufsbeurteilungUnabhängig von der Diskussion über die Notwendigkeit oder Sinnhaftigkeit zusätzlicher allopathischer Behandlung bei Akuterkrankungen kommt es in der täglichen Praxis aus den unterschiedlichsten Gründen vor, dass Patienten zusätzlich schulmedizinische Medikamente einnehmen. Dabei muss unterschieden werden zwischen palliativer und kurativer allopathischer Medikation (8.2.2).
Folgende Konsequenzen ergeben sich für die Praxis:
  • Palliative Medikation Palliation :

    • Einzelgaben palliativer MedikamentePalliation (z. B. Antipyretika bei Fieber, seltene Gaben von Nasentropfen bei Schnupfen oder Hustensaft bei Bronchitis): Die homöopathische Behandlung wird meist nicht gestört oder unterbrochen, das Medikament wirkt weiter und muss nicht wiederholt oder gewechselt werden.

    • Dauermedikation palliativer MedikamentePalliation (z. B. Zinklotio bei Windpocken, Antihistaminika bei Juckreiz durch Exanthem, Hustenblocker bei Bronchitis): Diese Vorgehensweise entspricht einer Unterdrückung von Krankheitsäußerungen (meist einer Teilsymptomatik) und stellt aus homöopathischer Sicht ein Risiko für die gesundheitliche Integrität des Organismus dar. Die Beurteilbarkeit des Krankheits- bzw. Heilungsverlaufs ist erschwert bzw. unmöglich. Sollte eine Parallelbehandlung mit homöopathischen und allopathischen Medikamenten unumgänglich sein, empfiehlt sich eine Dosierungsform, bei der das homöopathische Medikament öfters wiederholt werden kann (niedrige C- oder D-Potenzen, Arzneimittel in verklepperter Form, Q-Potenzen). UnterdrückungKrankheitsprozess

  • Kurative Medikation (z. B. AntibiotikaAntibiotika bei bakteriellen Infekten, antivirale Medikamente): Die Behandlung mit kurativ wirksamen Medikamenten z. B. bei akuten Infektionserkrankungen hat den Charakter einer massiven UnterdrückungUnterdrückung. Aus homöopathischer Sicht ist es in sich nicht schlüssig, eine parallele homöopathische Behandlung durchzuführen, da aus dem Heilungsverlauf nicht ersichtlich ist, ob das homöopathische Medikament oder das allopathische Therapeutikum zum Verschwinden der Krankheitsäußerungen geführt hat.

Verlaufsbeurteilung bei chronischen Erkrankungen

Was ist eine „chronische Erkrankung“?

chronische ErkrankungVerlaufsbeurteilungchronische ErkrankungDefinitionKonstitutionstherapieVerlaufsbeurteilung KrankheitchronischeChronische Erkrankungen haben keine Verlaufsbeurteilungchronische ErkrankungSelbstheilungstendenz und verlaufen mit unterschiedlicher Dynamik über Jahre oder Jahrzehnte. Hierzu zählen unter anderem alle Autoimmunerkrankungen wie Rheuma, neoplastische Erkrankungen, Erkrankungen der Psyche und des Nervensystems wie Multiple Sklerose und Psychosen, Erkrankungen aus dem allergischen Formenkreis etc. Der Verlauf chronischer Erkrankungen ist, neben der Dignität der Erkrankung, geprägt vom grundsätzlichen Gesundheitszustand des Patienten, wodurch sich auch der häufig unterschiedliche Verlauf bei verschiedenen Patienten mit identischer Diagnose erklärt.
Die Verlaufsbeurteilung bei der homöopathischen Behandlung chronisch Kranker stellt eine der größten Herausforderungen für den praktisch tätigen Arzt dar. Um eine Behandlung nach dem Start mit dem passenden Arzneimittel in der richtigen Potenz erfolgreich beenden zu können, ist eine klare Beurteilung der Arzneimittelwirkung und des Heilungsverlaufes notwendig. Gelingt dies nicht, ergeben sich daraus eine Reihe von Fehlermöglichkeiten, die eine Besserung oder Heilung verhindern können, z. B.:
  • Das passende Arzneimittel wird zugunsten eines anderen verlassen.

  • Trotz negativen Therapieverlaufs wird das Arzneimittel nicht gewechselt und die Heilung verzögert oder verhindert.

  • Das Arzneimittel wird zu früh wiederholt.

Ein klares Beurteilungsschema bei der Behandlung von chronisch Kranken mit hohen C-Potenzen, das sich in der Praxis bewährt hat, lieferte Kent$Kent, James Tyler („Zur Theorie der Homöopathie“).

Behandlung mit hohen C-Potenzen, Verlaufsbeurteilung nach Kent

C-PotenzenVerlaufsbeurteilungIm Laufe seiner langjährigen, praktischen Tätigkeit, beobachtete Kent$Kent, James Tyler nach der Gabe von konstitutionell wirksamen Medikamenten unterschiedliche Reaktionen der Patienten auf die Arzneigabe. Er beschrieb seine VerlaufsbeurteilungC-PotenzenBeobachtungen in seinem Grundlagenwerk „Zur Theorie der Homöopathie“. Diese decken das gesamte Spektrum an ReaktionsmöglichkeitenReaktionsmöglichkeiten ab und ziehen jeweils eindeutige Konsequenzen für die Weiterbehandlung nach sich. Die Beobachtungen von Kent (erweitert durch den Autor) können, wie folgt, klassifiziert werden:
  • Besserung der Symptome: ReaktionsmöglichkeitenBesserung

    • Deutliche Besserung der Symptome ohne Erstverschlechterung.

    • Heftige, kurze Verschlechterung, rasche Besserung.

    • Anfängliche Besserung, dann lang anhaltende Verschlechterung.

    • Anfängliche gute Arzneiwirkung, dann Nachlassen der Wirkung.

    • Besserung der Lokalsymptome ohne Besserung des Allgemeinbefindens.

  • Verschlechterung: ReaktionsmöglichkeitenVerschlechterung

    • Langanhaltende Verschlechterung (u. U. mehrere Wochen), dann langsame Erholung.

    • Verschlechterung mit Übergang in den Zusammenbruch.

  • Entwicklung neuer Symptome, Auftreten alter Symptome: ReaktionsmöglichkeitenEntwicklung neuer SymptomeReaktionsmöglichkeitenEntwicklung alter Symptome

    • Auftreten neuer Symptome nach Einnahme des Arzneimittels.

    • Alte Symptome kehren zurück.

    • Symptome entwickeln sich in die falsche Richtung.

  • Weitere Arzneimittelreaktionen:

    • AusscheidungsreaktionReaktionsmöglichkeitenAusscheidungsreaktion

    • Keine Reaktion.

    • Arzneimittelprüfung als Reaktion bei empfindlichen Patienten.ReaktionsmöglichkeitenArzneimittelprüfung

    • Arzneimittelprüfung am Gesunden.

Bedingung für die Beurteilung des Heilungs- bzw. Krankheitsverlaufes nach dem Kent-Schema ist immer die Verordnung des passenden homöopathischen Arzneimittels.

Besserung der Symptome
Deutliche Besserung ohne Erstverschlechterung
ReaktionsmöglichkeitenBesserungDer Patient hat eine sehr gute Prognose, Prognosedas Arzneimittel ist passend, die Potenz optimal gewählt (quasi der Idealfall, Abb. 7.1).
Heftige, kurze Verschlechterung, rasche Besserung
  • Aus homöopathischer Sicht ein wünschenswerter Verlauf. Der Patient hat genügend Reaktionskraft und scheint nicht zu krank zu sein. Es ist eine lang andauernde Besserung bzw. Heilung zu erwarten (Abb. 7.2).

  • Bei diesem Verlauf handelt es sich um die echte Erstverschlechterung. Sie findet sich in der Praxis bei ca. 30 Prozent der richtigen Verordnungen.

Anfängliche Besserung, dann lang anhaltende Verschlechterung
  • Entweder das verordnete Medikament deckt nur die lokale Symptomatik des Patienten ab und wirkt palliativ (Abb. 7.3). Hier muss ein tiefer wirkendes Arzneimittel verordnet werden.

  • Oder der Patient ist unheilbar krank. In diesem Fall muss auf eine palliative homöopathische Therapie mit lokal wirksamen Homöopathika in niedrigen (nicht über C200) Potenzen ausgewichen werden.

Anfängliche gute Arzneiwirkung, dann Nachlassen der Wirkung
  • Nach anfänglicher, guter Arzneiwirkung lässt die Wirkung früher als erwartet nach, und der ursprüngliche Zustand stellt sich wieder ein (Abb. 7.4):

  • Hier liegt meist eine Unterbrechung der Arzneiwirkung vor. Ursachen sind heutzutage meist Behandlungen mit anderen Arzneimitteln, Röntgenuntersuchungen, Lokalanästhetika bei Zahnbehandlungen oder Genuss von Kaffee, Drogen oder anderen Substanzen, welche die Arzneiwirkung stören können.

Besserung der Lokalsymptome ohne Besserung des Allgemeinbefindens
  • Es erfolgt eine Besserung der Lokalsymptome (A) ohne eine echte Besserung des Allgemeinbefindens (B Abb. 7.5):

  • Hier handelt es sich um die klassische Palliation, die nicht nur mit schulmedizinischen Medikamenten, sondern auch mit Homöopathie möglich ist. Bei Patienten mit heilbaren Erkrankungen kommt sie durch die Wahl von Arzneimitteln zustande, die nur oberflächlich auf die Symptome des Patienten passen. Bei unheilbar Kranken ist dies ein wünschenswerter Effekt, wenn neben einer Besserung der Lokalsymptome nicht mehr für den Patienten erreicht werden kann.

Verschlechterung
ReaktionsmöglichkeitenVerschlechterungZu unterscheiden sind eine lang anhaltende Verschlechterung, auf die keine Besserung folgt und eine lang anhaltende Verschlechterung mit langsamer Erholung
Verschlechterung von mehreren Wochen, dann langsame Erholung
  • Ursache: Der Patient ist schwer krank und stand kurz vor der Unheilbarkeit (Abb. 7.6).

  • Weiteres Vorgehen: Bei Verdacht auf schwere Pathologien im Beginn nie zu hoch (über C200) verordnen. Nach Einsetzen der Besserung lange warten, bevor das Arzneimittel wiederholt wird.

Verschlechterung mit Übergang in den „Zusammenbruch“
  • Ursache: Der Patient ist unheilbar krank, es liegen irreversible Organpathologien vor. Möglicherweise wurde das konstitutionell passende Medikament in zu hoher Potenz (höher als C200) verordnet (Abb. 7.7).

  • Weiteres Vorgehen: In diesen Fällen eher nach den Lokalsymptomen, zumindest nicht konstitutionell, verordnen und niedrige Potenzen einsetzen.

Entwicklung neuer Symptome, Auftreten alter Symptome
Auftreten neuer Symptome nach Einnahme des Arzneimittels
Reaktionsmöglichkeiten Entwicklung neuer Symptome Reaktionsmöglichkeiten Entwicklung alter Symptome
  • Ursache: Meist ist das verordnete Medikament falsch.

  • Weiteres Vorgehen: Abwarten, bis die Symptome abgeklungen sind, dann für den ursprünglichen Zustand eine neues Medikament aussuchen. Sollte der Zustand nach Abklingen der Arzneimittelwirkung dauerhaft etwas verändert erscheinen, also neue Symptome vorhanden oder bereits bestehende leicht verändert sein, wird für diesen neuen Zustand verschrieben. Häufig kommt man in der Praxis so auf die Fährte des wirklich passenden Arzneimittels.

Anmerkung zu den letzten drei Beobachtungen: Manche Patienten, v. a. diejenigen, die eine Vorbildung im Bereich der Homöopathie haben, schildern nach der Einnahme von Arzneien Symptome passend zum verordneten Arzneimittel, ohne eine echte Überempfindlichkeit zu haben, eine Arzneimittelprüfung durchzumachen oder echte, neue Symptome zu entwickeln. Am ehesten handelt es sich hier um das Phänomen der Autosuggestion, das vermieden werden kann, indem der Patient zunächst nicht erfährt, welches Arzneimittel er verabreicht bekommt.

Alte Symptome/Symptomenkomplexe kehren zurück
Kommt es im Heilungsverlauf zum Wiederauftreten alter Symptome, ist der Patient auf dem besten Weg der Heilung. Dabei ist der Allgemeinzustand des Patienten immer gebessert. Es ist wichtig zu wissen, dass es sich um wiederkehrende Symptome und nicht um ein erneutes Auftreten von Krankheiten handelt. Nicht ein vormals unterdrücktes Rheuma mit starker Beeinträchtigung des Allgemeinzustandes kommt wieder, sondern nur die Schmerzen an den Gelenken. Die Symptome eines früheren Bandscheibenvorfalls stellen sich erneut ein, ohne dass es zum wiederholten Diskusprolaps kommt. Es entstehen Halsschmerzen, die denen früherer, durch Antibiotika unterdrückten Tonsillitiden ähneln etc. In diesem Fall wird das Arzneimittel auf keinen Fall gewechselt.
Symptome entwickeln sich in die falsche Richtung
Findet während der homöopathischen Behandlung eine Verschiebung von Symptomen oder Erkrankungen von außen (z. B. Haut oder Bewegungsapparat) nach innen (z. B. Brust- oder Bauchorgane) oder von unwichtigeren (z. B. Galle, Darm) zu wichtigeren Organen (z. B. Herz, Gehirn) statt, handelt es sich um einen ungünstigen Therapieverlauf. Hering hat für diesen Sachverhalt bzw. für den entsprechenden Heilungsverlauf die sog. Hering-Regeln formuliert (7.3.3). Diese haben für die Verlaufsbeurteilung in der Praxis eine große Bedeutung.
  • Ursache: Meist Unterdrückung durch zu oberflächlich (symptomorientiert = palliativ) ausgewählte Arzneimittel. Bei korrekter Dosierung (seltene Gaben von Hochpotenzen oder gut überwachte Therapie mit Q-Potenzen [6.4]) besteht keine Gefahr der homöopathischen Unterdrückung.

  • Weiteres Vorgehen: Erneute Verschreibung nach den Gesetzen der konstitutionellen homöopathischen Therapie (6.3). In seltenen Fällen (bei dramatischem Verlauf) kann ein Homöodot (9.3.1) zum vorhergehenden Arzneimittel verabreicht werden.

Weitere Arzneireaktionen
ArzneimittelWirkdynamikNeben den Beobachtungen von Kent lassen sich in der täglichen Praxis weitere Beobachtungen machen, deren Kenntnis für eine erfolgreiche Therapie von chronischen Erkrankungen unabdingbar ist.
Ausscheidungsreaktionen
ReaktionsmöglichkeitenAusscheidungreaktionAusscheidungsreaktionOrganismusAusscheidungsreaktionBei manchen Patienten kommt es nach der Verabreichung des richtigen homöopathischen Arzneimittels zu teils erheblichen Ausscheidungsreaktionen (z. B. Schweiß, Durchfall, Rhinitis). Ist der Heilungsverlauf ansonsten gut, sind diese Ausscheidungen als positive Reaktion des Organismus zu werten (auf keinen Fall sollten diese, wie auch immer, unterdrückt werden).
Keine erkennbare Reaktion
Reaktionsmöglichkeitenkeine ReaktionKommt es beim Patienten nach passender Dosierung und Ablauf der Mindestwirkzeit zu keinerlei Reaktion, wurde meist das falsche Medikament verabreicht. Seltene Ausnahmen sind Heilungsblockaden. Hierbei kann es sich um eine andauernde Konfliktsituation (z. B. unglückliche Beziehung, andauernde und existenzielle finanzielle Probleme), einen ungünstigen Lebenswandel (z. B. Drogenkonsum, extremer Schlafmangel etc.) oder um ein Fortbestehen der schädigenden/krankheitsauslösenden Einflüsse (z. B. Noxen, erhebliche Probleme in Arbeit oder Privatleben) bzgl. der vorliegenden Symptomatik handeln. Eine Lösung dieser Blockaden muss meist auf nicht-homöopathischem Weg erfolgen (z. B. Psychotherapie [30.7], Umstellung der Lebensgewohnheiten).
Eine weitere Möglichkeit ist das Vorliegen einer miasmatischen BlockadeBlockade, miasmatische. In diesem Fall muss der Krankheitsfall durch ein passendes homöomiasmatisch wirksames Medikament quasi „aufgeschlossen“ werden (3.5).
Arzneimittelprüfung als Reaktion bei empfindlichen Patienten
ReaktionsmöglichkeitenArzneimittelprüfungArzneireaktionDiese Art, auf die Einnahme von homöopathischen Medikamenten zu reagieren, findet sich nur bei sehr wenigen Patienten. Sie reagieren auf jede Arznei heftig und immer spezifisch mit Symptomen des jeweiligen Arzneimittels. Nach der entsprechenden Wirkzeit (Abhängig von der Potenz und der Wirkdynamik der jeweiligen Arznei) klingen die Symptome ab, und es stellt sich der ursprüngliche Zustand ein. In der Praxis zeigt sich, dass es bei diesen Patienten schwer ist, eine substantielle Verbesserung des Gesundheitszustandes zu erreichen. Eine Möglichkeit die Arzneireaktion auf einem möglichst niedrigen Niveau zu halten ist die Einnahme durch einmaliges Riechen am Arzneimittel (6.6).
Arzneimittelprüfung am Gesunden
ReaktionsmöglichkeitenArzneimittelprüfungDurch eine wiederholte Einnahme, v. a. von niedrigeren Potenzen über einen längeren Zeitraum (meist mehrere Wochen) entstehen Symptome des Arzneimittels im Sinne einer Arzneimittelprüfung am Gesunden (2.3)

Hering-Regel

Hering-RegelHering hat für die Entwicklung von Symptomen, die während der homöopathischen Behandlung auftreten wichtige, in der Praxis bestätigte und für die Verlaufsbeurteilung bedeutsame Muster beobachtet. Diese sog. Hering-Regeln finden Anwendung bei der Beurteilung des Heilungsverlaufs bzw. der Krankheitsentwicklung Während einer echten, homöopathischen Heilung verschwinden bzw. entwickeln sich die Symptome nach folgendem Muster:
  • Von innen nach außen: von den inneren, lebenswichtigen Organen zu den unwichtigeren, äußeren Körperpartien (Bewegungsapparat, Haut etc.).

  • Von oben nach unten (wenn möglich): Gelenkbeschwerden wandern z. B. von den oberen zu den unteren Extremitäten, Hauterkrankungen verlagern sich von der oberen auf die untere Körperhälfte etc.

  • In umgekehrter Reihenfolge ihres Auftretens: Beschwerden, die zuletzt entstanden, verschwinden zuerst. Die Symptomatologie anamnestisch vorhandener Erkrankungen oder Symptomatiken wird in umgekehrter Reihenfolge durchlaufen.

Diese Regeln sind keine „Conditio sine qua non“. Heilungen können auch erzielt werden, ohne dass eine oder mehrere dieser Beobachtungen gemacht werden. Wenn sie aber auftreten, sind sie ein fast sicherer Indikator für einen guten Heilungsverlauf.

Um die Hering-Regeln am Patienten zu beobachten, sind oft Monate oder Jahre korrekter homöopathischer Behandlung notwendig.

Abzugrenzen vom Wiederauftreten früherer Symptome/Erkrankungen ist das Auftreten von neuen, vom Patienten bisher nicht durchgemachten, chronischen Erkrankungen oder Symptomenkomplexen. Handelt es sich um echte Neuerkrankungen (d. h. keine Erkrankungen, an die der Patient sich evtl. nur nicht erinnert), ist die Beurteilung dieser Entwicklung von zwei Faktoren abhängig:
  • Dignität der Erkrankung: Handelt es sich bei der Neuerkrankung/Symptomatik um eine harmlosere Erkrankung oder eine Erkrankung mit grundsätzlich benignerem Verlauf, liegt meist eine Verlagerung auf eine gesundheitlich bessere Ebene vor und der Heilungsverlauf ist als positiv zu beurteilen.

  • Betroffenes Organ oder OrgansystemOrgansysteme, Hierarchisierung: Abhängig von der Bedeutung des Organs oder Organsystems bezüglich der Überlebensfähigkeit (= Entbehrlichkeit eines Teils oder einer Teilfunktion, z. B. bei großen Organen wie Darm oder Haut, paarig angelegten Organen wie Lunge und Niere) des Organismus, lässt sich als Anhaltspunkt annähernd folgende (theoretische) Hierarchie der Organe/Organsysteme erstellen (Tab. 7.2).

Treten im Therapieverlauf Erkrankungen oder Symptomenkomplexe auf, die in ihrem Verlauf harmloser sind als die gebesserte bzw. geheilte Grunderkrankung, oder die ein Organsystem betreffen, das nach obiger Hierarchie auf einer niedrigeren Stufe steht, hat sich der Gesundheitszustand des Patienten verbessert, der Therapieverlauf ist positiv.

Arzneimittelwiederholung

ArzneimittelwiederholungC-PotenzenC-Potenzen können, abhängig von der jeweiligen Erkrankung, eine sehr lange Wirkzeit haben (6.1.2), unter Umständen Monate bis Jahre. Wie lange ein Arzneimittel wirkt bzw. wann es aufgehört hat zu wirken, ist von folgenden Faktoren abhängig:
  • Von der verabreichten Potenzstufe: Arzneimittel sollten vor Ablauf der Mindestwirkzeit nicht wiederholt werden (6.1.2). Tritt eine erneute, echte Verschlechterung der Symptomatik vor Ablauf der MindestwirkzeitArzneimittelMindestwirkzeit auf, war das Arzneimittel wahrscheinlich nicht ganz passend oder dessen Wirkung wurde unterbrochen. Unabhängig von Schwankungen in der Symptomatologie, die mit und ohne homöopathische Therapie auftreten (Abb. 7.11, Abb. 7.12, Abb. 7.13), kommt es bei manchen Patienten zu einem scheinbaren, kurzzeitigen Einbruch der Arzneiwirkung nach sieben bis acht Wochen und nach etwa drei Monaten (nach Jahr, „Handbuch der Hauptanzeigen für die richtige Wahl der Homöopathischen Heilmittel“), der keiner Arzneiwiederholung bedarf.

  • Von der ArzneimittelWirkdynamikWirkdynamik der verabreichten Arznei: Jedes Arzneimittel hat seine eigene Wirkdynamik, die in die Beurteilung des Therapieverlaufs mit einfließen muss. So muss z. B. bei Plumbum metallicum #Plumbum metallicummit einem deutlich langsameren Wirkungseintritt (z. T. viele Wochen) und auch einer wesentlich längeren Wirkdauer gerechnet werden als zum Beispiel bei Stramonium#Datura stramonium.

  • Von der Art der Erkrankung des Patienten: Erkrankungen mit einer langsamen (z. B. jahrelangen) Entwicklung und einer allmählichen Steigerung der Symptome haben erfahrungsgemäß wesentlich längere Wirkzeiten der Arzneimittel als Erkrankungen, die einen heftigen Verlauf zeigen bzw. erst kurz bestehen.

  • Von der Reaktionsfähigkeit des Organismus: Abhängig von der Schwere der Erkrankung und auch der miasmatischen Vorbelastung (3.4) muss mit einer unterschiedlichen Dynamik und Dauer der Arzneiwirkung gerechnet werden.Mindestwirkzeit, Arzneimittel

  • Bei einer eindeutig positiven Arzneiwirkung sollte das passende Medikament erst wiederholt werden, wenn der Patient quantitativ und/oder qualitativ wieder (annähernd) so deutliche Symptome hat wie vor der Arzneigabe (Abb. 7.8).

  • Treten die Krankheitssymptome nach einer guten und ausreichend langen Wirkzeit nicht in der gleichen Intensität auf, kann das Arzneimittel nach einer entsprechend langen stabilen Phase wiederholt werden (bei chronischen Erkrankungen meist Wochen bis Monate, Abb. 7.9).

Existiert auch nur der geringste Anhalt für eine anhaltend positive Arzneiwirkung, wird das Arzneimittel nicht wiederholt.

Verlaufsbeurteilung bei Therapie mit Q-Potenzen

VerlaufsbeurteilungQ-PotenzenQ-PotenzenVerlaufsbeurteilungQ-Potenzen werden im Gegensatz zu hohen C-Potenzen kontinuierlich und regelmäßig wiederholt. Dadurch erfährt der Organismus des Patienten – im Gegensatz zur Behandlung mit hohen C-Potenzen – eine permanente, durch das kontinuierliche Verdünnen und Verschütteln leicht veränderte Stimulation (Abb. 7.9 Abb. 7.9). Als Konsequenz ergeben sich z. T. deutlich andere Schlussfolgerungen auf die am Patienten sichtbaren Reaktionen auf das homöopathische Mittel.

Anmerkung: Wenn im Folgenden von „Verbesserung“ oder „Verschlechterung“ ohne Spezifizierung die Rede ist, sind damit „echte homöopathische Verbesserungen“ bzw. „Verschlechterungen“ unter Berücksichtigung von Lokal-, Allgemein- und psychischer Symptomatik des Patienten gemeint (4).

Erstverschlechterung
ErstverschlechterungDurch die geänderten Verdünnungsverhältnisse setzt die Wirkung von Q-Potenzen deutlich milder ein als bei C-Potenzen, Erstverschlechterungen werden selten beobachtet (einer der Gründe, warum Hahnemann die Entwicklung zu den Q-Potenzen vollzog, Kap. 2.4.3).
Kommt es trotzdem zu einer Erstverschlechterung, muss die Arzneidosis verringert werden (seltenere Einnahme oder Verdünnung ins 2. oder 3. Glas).
Arzneireaktionen
ArzneireaktionTreten Prüfungssymptome des verabreichten Arzneimittels am Patienten auf, wird trotzdem – jedoch in einer niedrigeren Dosierung (seltenere Einnahme oder Verdünnung ins 2. oder 3. Glas) – mit der Einnahme fortgefahren, bis klar ist, ob auch eine echte Verbesserung des Gesundheitszustandes eintritt.
Besserung der Krankheitssymptome
Kommt es zu einer echten Verbesserung des Gesundheitszustandes des Patienten, wird mit der Einnahme der Q-PotenzQ-Potenzen fortgefahren. Bei anhaltender Verbesserung des Gesundheitszustandes wird nach Beendigung einer Q-Potenz übergangslos mit der nächst höheren fortgefahren (Q1, Q2, Q3 usw.).
Verschlechterung der Symptome nach anfänglicher Besserung
Verschlechtern sich die Symptome unter der kontinuierlichen Einnahme von Q-PotenzenQ-Potenzen nach längerer, eindeutiger Verbesserung des Krankheitszustandes, ist der Organismus im Moment „gesättigt“. Die Q-Potenz wird abgesetzt. I. d. R. folgt eine lang anhaltende Besserung bzw. Konsolidierung des Gesundheitszustandes. Folgt (meist nach längerer Zeit) wieder eine anhaltende Verschlechterung, wird mit der Einnahme der Q-Potenz fortgefahren. Folgt keine echte Verbesserung durch die erneute Gabe der Q-Potenz, muss davon ausgegangen werden, dass das verordnete Medikament nicht mehr passend ist. Ein neues Medikament muss ausgewählt werden.
Wiederauftreten früherer Erkrankungen
Treten unter der Einnahme von Q-Potenzen Symptomenkomplexe früherer Erkrankungen auf, wird mit der Einnahme der Q-Potenz fortgefahren.
Dauerhafte Veränderung des Symptomenbildes unter der Verordnung von Q-Potenzen
Q-PotenzenZeigen sich während der Einnahme von Q-Potenzen dauerhaft neue Symptome, die auf ein anderes Arzneimittel hinweisen, sollte bei entsprechender Persistenz der Symptome über einen längeren Zeitraum und bei ungenügender Heilwirkung des verabreichten Medikamentes das Arzneimittel gewechselt werden (ähnlich wie bei C-Potenzen, Kap. 7.3.2).

Wechsel der Arzneimittel bei Therapie mit hohen C- und Q-Potenzen

Q-PotenzenArzneimittelwechselC-PotenzenArzneimittelwechselArzneimittelwechselIm Therapieverlauf chronischer Erkrankungen gibt es zwei Gründe, das gewählte Arzneimittel zu verlassen und ein neues zu verabreichen:
  • 1.

    Bei interkurrenten AkuterkrankungenKrankheitinterkurrenteKrankheitakute: Das für die jeweilige Akuterkrankung passende Akutmittel wird dabei in der entsprechenden Potenz verabreicht. Nach Abklingen der Akuterkrankung wird mit der Therapie der chronischen Erkrankung fortgefahren. In jedem Fall sollte das konstitutionell wirksame Medikament nicht sofort wiederholt werden, sondern einige Zeit (meist ein bis zwei Wochen, auf jeden Fall für die Dauer der Mindestwirkzeit des verabreichten Konstitutionsmittels) abgewartet werden. Nach der Erfahrung des Autors hält die positive Wirkung des „chronischen“ Medikamentes auch nach einer homöopathisch therapierten Akuterkrankung weiter an.

  • 2.

    Um den Heilungsverlauf der chronischen ErkrankungKrankheitchronischezu befördern: Zeigt das verabreichte Konstitutionsmittel nach Ablauf der Mindestwirkzeit keine Wirkung, sollte es – sofern es die Umstände der Erkrankung zulassen – noch einmal wiederholt werden (evtl. in der nächsthöheren Potenz nach der Kent-Reihe, Kap. 6.1.2). Erst bei erneutem Ausbleiben einer positiven Reaktion sollte ein neues Medikament ausgewählt werden. (Bei positiver Arzneiwirkung wird das Medikament nach erneuter Verschlechterung der Symptome und frühestens nach Ablauf der Mindestwirkzeit wiederholt. Bei positiver Arzneiwirkung gilt das auch für den Fall, dass sich neue Symptome zeigen, die auf ein anderes Arzneimittel hinweisen.) Bleibt eine erneute, positive Arzneimittelwirkung aus, kann nun auf ein anderes ArzneimittelArzneimittelWechsel gewechselt werden. Ein solcher Wechsel kann auf jeder Stufe der Kent-Skala (7.3.2) bzw. im Verlauf einer Therapie mit Q-Potenzen notwendig werden.

„Never change a winning team“!

Prinzipiell sind bezüglich des Wechselns von Arzneimitteln sowohl bei C-PotenzC-Potenzen-Reihen als auch bei der Behandlung mit Q-PotenzenQ-Potenzen drei verschiedene Therapieverläufe möglich (Abb. 7.10):
  • Der Patient benötigt während des kompletten Therapieverlaufs nur ein einziges Medikament (a). Wie oft und in welchen Zeitabständen das Medikament bis zur Heilung verabreicht werden muss, hängt dabei von der Konstitution des Patienten und dessen Erkrankung sowie von der individuellen Wirkdynamik der verabreichten Arznei ab.

  • Während der Therapie der chronischen Erkrankung sind zwei oder mehr Arzneimittel im WechselArzneimittelWechsel notwendig (b). Dabei kann der Wechsel entweder nach jeder Verordnung notwendig sein oder, was deutlich häufiger ist, nach einer längeren Zeitspanne, während der das jeweilige Arzneimittel häufiger wiederholt wurde.

  • Während des Therapieverlaufs müssen die unterschiedlichsten Arzneimittel im WechselArzneimittelWechsel verabreicht werden (c). Auch hier kann der Wechsel nach jeder Verordnung oder nach jeweils mehrmaliger Wiederholung erforderlich sein.

Ob und wie häufig Wechsel der ArzneimittelArzneimittelWechsel im Therapieverlauf notwendig werden, ist zu Beginn der Therapie einer chronischen Erkrankung prinzipiell nicht vorherzusehen – und vor Behandlungsbeginn nicht von allzu großer Bedeutung, da sich aus dem Therapieverlauf ergibt, wann und wohin eventuelle Wechsel notwendig sind. Einige Hinweise können sich aber trotzdem aus der Anamnese ergeben:
  • Kurzzeitig bestehende chronische Erkrankungen mit sonst blander Eigen- und Familienanamnese brauchen meist nur ein Arzneimittel zur Ausheilung.

  • Länger bestehende chronische Erkrankungen, die sich über den gesamten Bestehenszeitraum in ihrer Symptomatologie nicht wesentlich verändert haben, benötigen häufig nur ein Medikament.

  • Patienten mit verschiedenen chronischen Erkrankungen in der Vorgeschichte, die anamnestisch alle das gleiche Arzneimittel benötigt hätten, werden oft durch dieses eine Arzneimittel geheilt.

  • Patienten mit unterschiedlichen chronischen Erkrankungen in der Vorgeschichte, die sich anamnestisch bezüglich der Arzneimittelwahl heterogen darstellen, benötigen meist verschiedene Arzneimittel, um gesund zu werden.

  • Zeigt die FamilienanamneseFamilienanamnese schwere Erkrankungen (Krebs, neurologische Erkrankungen, schwere Autoimmunerkrankungen, genetische Erkrankungen etc.), kann davon ausgegangen werden, dass der Patient nicht mit einem einzigen Arzneimittel gesund werden wird. Dies gilt sogar unabhängig von der Eigenanamnese des Patienten.

Allopathische Therapie und homöopathische Konstitutionstherapie

AllopathieBegleitmedikationKonstitutionstherapieBegleitmedikation, allopathischeBegleitmedikation, allopathischePrinzipiell sollte während einer homöopathischen Konstitutionstherapie auf allopathische Zusatzmedikation verzichtet werden. In der Praxis ist diese Prämisse nicht immer einzuhalten, insbesondere dann, wenn es sich um schwer kranke Patienten handelt (z. B. Krebserkrankungen), um Patienten mit hohem subjektivem Leidensdruck (z. B. Migräne, Neuralgien) oder wenn allopathische Medikamente als Substitutionstherapie (z. B. Insulin, Schilddrüsenhormone) unumgänglich sind (8.2.1).
Folgendes praktisches Vorgehen hat sich bewährt:
  • Medikamente, die keinen direkten Bezug zur Erkrankung oder Symptomatik des Patienten haben (z. B. Vitamine, NahrungsergänzungspräparateNahrungsergänzungsmittel, Lipidsenker und andere, nicht indizierte Therapeutika) und durch deren Absetzen keine Veränderung oder Verschlechterung der Symptomatik des Patienten zu erwarten ist, werden zum Therapiebeginn abgesetzt.

  • Arzneimittel, bei deren Absetzen eine Verschlechterung oder Veränderung der Symptomatik wahrscheinlich ist, werden zu Therapiebeginn belassen. Erst später, nachdem das homöopathisch wirksame Arzneimittel gefunden ist, werden sie schrittweise reduziert. Alternativ können die Arzneimittel dieser Gruppe, wenn es für den Patienten bzw. dessen Erkrankung tolerabel erscheint, auch einige Tage bis Wochen vor Therapiebeginn abgesetzt werden. Nach anfänglichen Veränderungen der Symptomatik wird sich im weiteren Verlauf ein konstantes Symptomenbild zeigen. Werden die Arzneimittel jedoch mit Beginn der homöopathischen Therapie abgesetzt, sind die folgenden Veränderungen/Verschlechterungen beim Patienten nicht klar bezüglich ihres Ursprungs interpretierbar. Nur erfahrene Homöopathen sollten Veränderungen einer suffizienten, allopathischen Medikation direkt zu Beginn der homöopathischen Therapie vornehmen.

  • Lebenswichtige Arzneimittel wie Insulin, Substitutionstherapie bei Verlust der Schilddrüse etc., Medikamente, deren Weglassen den Patienten in vital bedrohliche Situationen bringen würde (Antiepileptika, Asthmamedikamente bei schwerem Asthma, herzwirksame Medikamente, Antikoagulanzien, wenn wirklich indiziert etc.), werden für die Dauer des Therapieverlaufs auf jeden Fall belassen.

Nach der Sicherheit des Patienten ist das oberste Gebot bei der Therapieplanung – mit und ohne allopathische Begleitmedikation – die Beurteilbarkeit des Therapieverlaufs der homöopathischen Therapie.

Dies gilt auch für das Ansetzen eines allopathischen Medikamentes während einer bereits laufenden homöopathischen Therapie. Wenn es die Therapieplanung zeitlich erlaubt, sollte während einer Änderung oder einem Neuansetzen der schulmedizinischen Rezeptierung keine Veränderung der homöopathischen Medikation erfolgen, da die nachfolgenden Veränderungen/Verbesserungen wiederum schwer interpretierbar sind.

Dies gilt übrigens auch für Lebensphasen, in denen es unabhängig von Gesundheit, Krankheit oder medikamentöser Therapie zu Veränderungen der Befindlichkeit kommt (z. B. Urlaub, Jobwechsel, Umzug etc.).

Weitere Beobachtungen bei der Verlaufsbeurteilung

Abschließend sollen noch drei wichtige, hilfreiche Aspekte der Verlaufsbeurteilung erläutert werden, deren Berücksichtigung Fehler vermeiden hilft. Scheinbar banal, aber doch eminent wichtig bei der Beurteilung jedes Krankheits- bzw. Heilungsverlaufs ist die Tatsache, dass es keine linearen Krankheits- und Heilungsverläufe gibt (Abb. 7.11, Abb. 7.12, Abb. 7.13).
  • Bei allen Erkrankungen (akuten wie chronischen) und auch bei deren Heilungsverläufen muss mit natürlichen Schwankungen im Befinden des Patienten gerechnet werden, unabhängig davon, ob der Patient das passende homöopathische Arzneimittel erhalten hat oder nicht (Abb. 7.11).

  • Somit kann auch bei positiven Heilungsverläufen der Eindruck erweckt werden, dem Patienten ginge es zu einem bestimmten Zeitpunkt schlechter, obwohl insgesamt eine Besserung eingesetzt hat (Abb. 7.12).

  • Ebenso kann eine (scheinbare, kurzzeitige) Besserung eintreten, obwohl die homöopathische Therapie nicht greift (Abb. 7.13).

  • Insbesondere bei anfallsartig oder periodisch auftretenden Leiden (Migräne, Asthma etc.) kann eine Verbesserung quantitativ und/oder qualitativ erfolgen (Abb. 7.14):

    • Quantitativ: die Häufigkeit der Anfälle nimmt bei gleicher Anfallsintensität ab (a).

    • Qualitativ: die Anfallsintensität nimmt bei gleich bleibender Anfallshäufigkeit ab (b).

    • Qualitativ und quantitativ: sowohl Anfallshäufigkeit als auch Anfallsintensität nehmen ab (c).

  • Bei scheinbar richtiger Arzneimittelwahl und korrektem Wiederholen nach der Kent-Skala (7.3.2) lässt sich ein objektives und/oder subjektives Nachlassen der positiven Wirkung bei jeder erneuten Wiederholung des Arzneimittels beobachten.

    • Eine mögliche Ursache hierfür ist, dass das Arzneimittel dem Fall nur teilweise bzw. oberflächlich (= palliativ) entspricht. Hier muss ein neues, besser passendes Arzneimittel verordnet werden.

    • Eine weitere Erklärung für diese Beobachtung liegt einem grundsätzlichen Phänomen zugrunde, dass bei einwandfreier klassisch homöopathischer Therapie beobachtet werden kann: Der Heilungseffekt des homöopathischen Medikamentes ist bei der ersten Gabe am deutlichsten ausgeprägt und nimmt mit Fortschreiten der Behandlungsdauer und mit wiederholter Gabe des homöopathischen Medikaments ab. Eine Erklärung liefert die Tatsache, dass mit jedem Fortschreiten der Behandlung die zu therapierende Restsymptomatik des Patienten qualitativ und/oder quantitativ weniger wird, der gleiche therapeutische Effekt einer erneuten Verordnung des passenden Arzneimittels mit jeder Wiederholung also scheinbar geringer ausfällt. Reduziert sich z. B. die Intensität der Beschwerden (rein theoretisch) bei jeder Verordnung um die Hälfte (50 %), erfährt der Patient bei der ersten Gabe eine Besserung um 50 % des Ausgangszustandes, bei der zweiten Gabe eine Besserung um 25 %, bei der dritten Gabe um 12,5 %, bei der vierten Gabe um 6,125 % usw. (Abb. 7.15). Hier handelt es sich also um ein scheinbares, subjektives Nachlassen der Arzneiwirkung, das durch den Heilungsfortschritt erklärt werden kann.

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