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B978-3-437-57182-4.00002-9

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Unterschiedliche Empfindlichkeiten bzw. Frequenzbereiche von Prüflingen

Organigramm einer experimentellen Arzneimittelprüfung

Symptommuster von Krankheit und Arzneimittel

Verdünnungen und Verschüttelungen von Potenzen aller drei Reihen

Gewichtung von Symptomen

Experimentelle Arzneimittelprüfung

Tab. 2.1
Prüfungsphase Potenz Dosierung Beobachtungszeitraum
1. Phase D 1–D 12 3 × tgl. über 4 Wo. bzw. bis Arzneimittel-Symptome auftreten 3 Monate
3 × tgl. schriftliche Dokumentation
2. Phase 30. Potenz 1 × tgl. über 2 Wo. 3 Monate
3 × tgl. schriftliche Dokumentation
1 Jahr Pause
3. Phase Hochpotenz
(C 10 000, C 50 000)
Einmalgabe 3 Monate
3 × tgl. schriftliche Dokumentation

Kriterien zur Beurteilung der Zuverlässigkeit eines Symptoms

Tab. 2.2
1. Heilung Symptome, die als Teil einer vollständigen Heilung während des Experiments oder einer Behandlung ausgeheilt wurden.
2. Häufigkeit Symptome, die bei den Prüflingen am häufigsten auftraten.
3. Intensität Symptome, die bei den Prüflingen mit besonderer Stärke auftraten.
4. Potenz Symptome, die während der Prüfung mit Hochpotenzen auftraten; sie sind zuverlässiger als Symptome, die bei unpotenzierten Stoffen auftreten.
5. Zeit Symptome, die bei einem Prüfling unmittelbar nach der Einnahme des Mittels – vor allem der Hochpotenz – auftraten; sie sind von größerer Bedeutung als relativ spät auftretende Symptome.

Besonderheiten der Nomenklatur von Potenzen

Tab. 2.3
Hochpotenzen
C 200 C 200
C 1 000 1 M
C 10 000 10 M
C 50 000 50 M
C 100 000 CM
Ultrahochpotenzen
C 1 000 000 MM
C 50 000 000 50 MM
C 100 000 000 CMM
C 1 000 000 000 MMM

Kapiteleinteilung des Kent'schen Repertoriums nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema

Tab. 2.4
Kapitel Inhalt Besonderheit
1 Psychische Symptome Alle geistigen und emotionalen Symptome, unterteilt in größere, alphabetisch geordnete Kategorien
2 Schwindel Alle Arten von Schwindel, auch wenn sie nicht unter die allopathische Definition des Begriffs fallen
3 Kopf In erster Linie der behaarte Schädel ohne Gesicht und Hals:
  • alle Arten von Kopfschmerz

  • Ausschläge

  • Zustand des Haares

  • Schwellungen usw.

4 Auge und Sehen
5 Ohr und Hören
6 Nase
7 Gesicht Einschließlich des äußeren Teils der Lippen
8 Mund Einschließlich der Schleimhäute, des weichen und harten Gaumens, der Zunge und der Sprache
9 Zähne
10 Innerer Hals Einschließlich Ösophagus, Pharynx, Tonsillen und Uvula
11 Äußerer Hals
12 Magen Einschließlich Appetit, Durst, Abneigung gegen und Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln (= Allgemeinsymptome, obgleich sie als Teil einer Körpergegend aufgeführt sind). Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln, siehe 31. Kapitel „Allgemeines“
13 Abdomen
  • Hypochondrium (unterhalb der Rippen bis zur Nabelhöhe)

  • Hypogastrium (wörtlich „unter dem Magen“, doch gemeint ist: unterhalb des Nabels)

  • Illeozoekalgegend

  • Beckenkamm- oder Leistengegend

  • Leisten

  • Seiten

  • Leber, Milz, Nabel

14 Rektum
  • Einschließlich all seiner Funktionen

  • Diarrhö, Obstipation und Winde

Stühle, siehe 15. Kapitel „Stuhl“
15 Stuhl Art des Stuhls Auslösende Ursachen und Modalitäten des Durchfalls findet man unter „Rektum“ (14. Kapitel), wässrigen Stuhl hingegen unter „Stuhl“ (15. Kapitel)
16 Harnorgane
  • Harnorgane einschließlich des Wasserlassens und Harndrangs

  • Harnröhre des Mannes und der Frau

  • Nieren

  • Prostata

  • Art des Urins

17 Genitalien männlich Äußere Genitalien und ihre Funktionen, einschließlich Sexualtrieb
18 Genitalien weiblich Einschließlich der Menstruationssymptome Allgemeine Symptome, die das sexuelle Verlangen betreffen, sind unter den männlichen Genitalien aufgeführt (17. Kapitel); Nymphomanie unter den psychischen Symptome (1. Kapitel)
19 Larynx und Trachea Einschließlich der Stimme und ihres veränderten Klanges wie z. B. Heiserkeit usw. Sprache inkl. Stottern u. dergl. siehe 8. Kapitel „Mund“
20 Atmung Einschließlich aller mit den Lungen zusammenhängenden Atemfunktionen wie Atemnot, Keuchhusten usw.
21 Husten Ein ganzes Kapitel eigens für den Husten und seine Modalitäten
22 Auswurf Nur die sichtbaren Merkmale des Auswurfs
23 Brust
  • Brustwand (gesondert von der Atmung)

  • Achselhöhle

  • Schlüsselbein

  • Zwerchfell

  • Sternum

  • Rippen

  • Pektoralmuskeln

  • Lungen

  • Herz

  • Brüste

24 Rücken In seiner ganzen Länge vom Nacken über den Thorax, die Lenden, die Kreuzbeingegend bis zum Steißbein
25 Extremitäten
  • Schulter, Oberarm, Ellbogen, Unterarm, Handgelenk, Hand, Finger

  • Hüfte, Oberschenkel, Unterschenkel, Waden, Knöchel, Fuß und Zehen

  • Knochen, Gelenke, Muskeln und Sehnen

Jedes Symptom ist für die oberen und unteren Extremitäten gesondert aufgeführt und ebenfalls für einzelne Teile
26 Schlaf Einschließlich der Schlaflosigkeit und der Träume
27 Fieber
28 Frost
29 Schweiß
30 Haut Im Ganzen mit ihren Ausschlägen Ausschläge bestimmter Körperteile findet man unter Ausschlag im Kapitel des entsprechenden Körperteils
31 Allgemeines
  • Einschließlich aller körperlichen Allgemeinsymptome, Empfindungen, Modalitäten

  • Mehrzahl der im Repertorium enthaltenen pathologischen Begriffe

Beispiel Repertorisation „Kopfschmerz“

Tab. 2.5
Symptom (Hauptrubrik) Schmerzausstrahlung oder -erstreckung Lokalisation Zeitgebundene Verschlimmerung Modalitäten
„Kopfschmerzen“ „als wolle ihm der Kopf zerspringen“ „hinter der Stirn“ „schlimmer morgens um 10 Uhr“ „besser, wenn er sich hinlegt“
Kapitel „Kopf“Hauptrubrik „Kopfschmerz“ → Empfindung „berstend“ → Unterrubrik „Stirn“ → „10 Uhr“ → „beim Liegen“

Reaktionszeit homöopathischer Arzneimittel

Tab. 2.6
Akute Fälle
Schwere Akutfälle 6 Stunden
Leichte bis mittelschwere Akutfälle Bis zu 24 Stunden
Chronische Fälle
Normale Reaktionszeit 4–5 Wochen
Bei ausbleibender Reaktion Zusätzlich 2–4 Wochen abwarten

Kriterienkatalog bei der Nachbefragung zur Beurteilung einer Veränderung der Symptomatik

Tab. 2.7
1. Besserung des Allgemeinbefindens
  • Wie fühlt sich der Patient?

  • Hat sich seine Gesundheit verbessert, verschlechtert oder gar nicht verändert (→ Gesamteindruck)?

2. Tatkraft, Energie
  • Fühlt sich der Patient im täglichen Leben leistungsfähiger, stärker motiviert, hinfälliger, schlapper? Oder spürt er gar keinen Unterschied?

  • Ist er besser imstande, mit den verschiedenen Belastungen seines Alltags fertig zu werden?

3. Körperliche Hauptbeschwerde
  • Veränderung: ja oder nein?

  • Wenn ja: Welche Veränderungsmuster haben sich herausgebildet?

4. Veränderungen auf der geistigen und emotionalen Ebene Diese Symptome drücken die eigentliche Existenz des Patienten aus ( 1.2 ). Deshalb können auch scheinbar geringfügige Veränderungen ein Zeichen für eine tief greifende Wirkung des Mittels sein.
5. Übrige Symptome
  • Prüfung aller Symptome der Erstanamnese nach positiver oder negativer Veränderung.

  • Nicht der Versuchung erliegen, die Befragung abzubrechen, sobald man sich einen allgemeinen Überblick über die Wirkung des Mittels verschafft hat!

  • Jedes einzelne Symptom muss genau nachgeprüft, aufgeschrieben und unterstrichen werden.

6. Auftreten von neuen Symptomen
  • Symptome, die aus der Vergangenheit zurückkehren: → feststellen, wann sie schon einmal vorhanden waren.

  • Neue Symptome: → in allen Einzelheiten mit allen Modalitäten aufnehmen.

7. Vertiefung der eigentlichen Problematik
  • Hat der Patient von sich aus das Bedürfnis, Symptome, über die er früher schon berichtet hat, näher zu erläutern (er hatte Zeit, über die Fragen des ersten Gesprächs nachzudenken, sein Arzt ist ihm bereits vertrauter)?

  • Ein Vordringen in die eigentliche Problematik des Falls kann von entscheidender Bedeutung sein.

Arzneimittelfindung und Verschreibung

  • 2.1

    Entstehung eines homöopathischen Arzneimittels 104

    • 2.1.1

      Arzneiprüfung am Gesunden 104

    • 2.1.2

      Vorbereitungen für eine Arzneiprüfung 108

    • 2.1.3

      Das Experiment 110

    • 2.1.4

      Materia Medica und Arzneimittellehren 112

  • 2.2

    Herstellung eines homöopathischen Arzneimittels 115

    • 2.2.1

      Herkunft und Bearbeitung der Rohstoffe 115

    • 2.2.2

      Standardisierte Arzneimittelzubereitung 118

    • 2.2.3

      Nomenklatur 120

    • 2.2.4

      Hahnemanns Beschreibung der Herstellung von Causticum 124

    • 2.2.5

      Hahnemanns Beschreibung der Verreibung (Trituration) 124

  • 2.3

    Homöopathische Arzneimittel – sachgemäße Handhabung und Störfaktoren 125

    • 2.3.1

      Wirksames Verabreichen eines Mittels 126

    • 2.3.2

      Antidotierung 127

  • 2.4

    Fallaufnahme (Anamnese) 129

    • 2.4.1

      Rahmenbedingungen 131

    • 2.4.2

      Ermitteln der Symptome 133

    • 2.4.3

      Aufschreiben der Symptome 137

    • 2.4.4

      Schwierige Fälle 139

    • 2.4.5

      Anamnese im akuten Fall 143

  • 2.5

    Bewerten der Symptome 144

    • 2.5.1

      Gewichtung der Symptome 145

    • 2.5.2

      Das homöopathische Repertorium 148

  • 2.6

    Fallanalyse und erste Verordnung 155

    • 2.6.1

      Prognostische Beurteilung des Falls 156

    • 2.6.2

      Fallanalyse für Anfänger 159

    • 2.6.3

      Fallanalyse für Fortgeschrittene 162

    • 2.6.4

      Wahl der Potenz 164

    • 2.6.5

      Einzelmittel 167

  • 2.7

    Zweite Konsultation und Folgeverschreibung 169

    • 2.7.1

      Die Zeitspanne zwischen den Konsultationen 172

    • 2.7.2

      Ablauf der zweiten Konsultation 173

    • 2.7.3

      Homöopathische Erstverschlimmerung (Reaktionsphase) 174

    • 2.7.4

      Bestandsaufnahme bei der zweiten Konsultation 176

Einleitung

Wie schon im ersten Teil dieses Buches dargelegt, unterliegen Gesundheit Gesundheit und Krankheit Krankheit natürlichen Gesetzmäßigkeiten, die sich unserem Verstand auf der Grundlage praktischer Erfahrung erschließen. Obwohl diese Gesetzmäßigkeiten schon seit Jahrhunderten bekannt waren, gelang es erst in neuerer Zeit dem genialen Arzt Samuel Hahnemann, sie in der homöopathischen Heilungslehre systematisch zu formulieren. Gerade so, wie sich die Physik der Newton'sche Ära allmählich zur modernen Quantentheorie Quantentheorie der Atomphysik gewandelt hat, steht auch die Medizin im Begriff, die energetischen Bereiche des menschlichen Organismus zu erforschen.
Die in Teil I entwickelte Konzeption ist sicherlich interessant und plausibel, doch bleibt sie fruchtlose Theorie, solange sie nicht auf dem Feld klinischer Erfahrung erprobt worden ist und sich bewährt hat. Erst durch die praktische Anwendung werden die fundamentalen Erkenntnisse der Homöopathie mit Sinn und Leben erfüllt. Wer dieses Buch sowie andere Werke über die theoretischen Grundlagen der Homöopathie gelesen hat, mag genau wissen, was es mit dem Ähnlichkeitsgesetz, den Gesetzmäßigkeiten der Heilung ( 1.6 ), der Potenzierung ( 1.7.3 , 2.2.2 ) und den Hintergründen für die Empfänglichkeit von Krankheiten (Empfindlichkeit) auf sich hat ( 1.9 ). Von diesem rein theoretischen Wissen jedoch bis hin zur praktischen Anwendung ist es ein weiter Weg. Konkret gefragt: Wie lässt sich beispielsweise die Gesamtheit der Symptome eines Patienten ermitteln, sodass ein klares Bild von der Tätigkeit des Abwehrgefüges entsteht? Wie gewinnt man genau das Symptombild, das durch homöopathische Mittel hervorgerufen wird? Welche Schlüsse soll man in der Praxis aus dem Vergleich beider Symptombilder ziehen, wenn man dem konkreten Fall gegenübersteht? Wie zeigen sich die theoretischen Grundlagen nach der Verschreibung eines Mittels? Und schließlich: Menschen passen bekanntlich nur sehr selten in fest vorgegebene Kategorien, in einfache, saubere Schemata; wie also lässt sich die Homöopathie auf komplexe Fälle anwenden, bei denen sich viele komplizierte Faktoren überschneiden?
Die homöopathische Therapie beruht ausschließlich auf der Anregung und Stärkung des energetischen Bereichs im Menschen; deshalb ist es für den Homöopathen so wichtig, die Gesetzmäßigkeiten, denen dieser Bereich unterliegt, gründlich zu verstehen, bevor er eine praktische Behandlung durchführt. Erst nach der theoretischen Vorarbeit jedoch beginnt die eigentliche Kunst der Homöopathie. Jeder Patient ist ein unverwechselbares Einzelwesen. Von daher muss sich auch der jeweilige genaue Ansatzpunkt individuell unterscheiden. Zwar mag man versuchen, analytisch Schritt für Schritt die Grundregeln auf den konkreten Patienten anzuwenden, doch erfordert die eigentliche Verschreibung eines Mittels dann doch ein gewisses Maß an künstlerischem Einfühlungsvermögen. Gestützt auf das Verständnis der Gesetzmäßigkeiten, wächst der Arzt hinein in die Kunst, den Patienten in seinem Wesen zu erfassen, die Besonderheit seines Leidens in klaren Umrissen zu erkennen und schließlich genau das Mittel und die Potenz zu wählen, die gerade dieser Patient braucht. Damit kommt ein Prozess in Gang, der das Abwehrgefüge stimuliert und gegebenenfalls zu neuen Entscheidungen führt, je nachdem, ob und wie das Mittel gewirkt hat. Dann muss die nächste Potenz, das nächste Mittel gewählt werden, und der Prozess geht weiter. Immer wieder sei betont: Jede einzelne Entscheidung verlangt ein umfassendes Verständnis der zugrunde liegenden Gesetze und Prinzipien, doch muss dieses Wissen immer wieder neu auf den Einzelfall bezogen und angewendet werden, wie es der konkrete Patient erfordert.
Die Begegnung zwischen Patient und Arzt Arzt-Patienten-Verhältnis verlangt von beiden ein hohes Maß an menschlicher Öffnung und Zuwendung. Der Patient soll aufrichtig und ausführlich über alle möglichen Aspekte seines Lebens zu sprechen bereit sein, mitunter bis in intimste Bereiche. Dabei darf sich der Arzt jedoch nicht als bloß passiver Zuhörer hinter einem Schutzwall sogenannter Objektivität verschanzen; vielmehr stellt für den Homöopathen jeder Patient eine Herausforderung an das eigene Mensch-Sein dar. Es liegt in der Natur der Sache, dass er innerlich am Leben des Patienten teilnimmt, mit jedem Aspekt vertraut wird, um sich nicht nur als objektiv und aufmerksam, sondern ebenso als wahrhaft wohlwollend und einfühlsam zu erweisen. So wird für den Arzt jeder Tag zu einem existentiellen Erlebnis, und rasch sammelt er Erfahrungen selbst über die tiefsten Schichten menschlichen Seins. Wer mit solchem Engagement Homöopath ist, profitiert innerlich nicht weniger von seinem Dienst als der Patient.
Mit jedem neuen Fall sieht sich der Homöopath einer weiteren Variante der vielen Möglichkeiten gegenüber, wie die Grundprinzipien homöopathischen Heilens auf einzelne Menschen anzuwenden sind. Wenn jedoch auch feststeht, dass die Einmaligkeit eines jeden Einzelfalls es buchstäblich unmöglich macht, ein Lehrbuch zu verfassen, aus dem man bestimmte Behandlungsweisen unverändert wortwörtlich in die Praxis übernehmen könnte, so gibt es doch durchaus übergreifende Fallmuster, die sich aufgrund homöopathischer Erfahrung herausgebildet haben – ebenso, wie es ja auch, unbeschadet der Einmaligkeit des Individuums, bestimmte Menschentypen gibt. Um diese übergreifenden Muster aus der klinischen Praxis geht es in Teil II dieses Buches. Es werden dem Behandler Richtlinien und Anhaltspunkte geboten, mit deren Hilfe die Erkenntnisse aus Teil I in die Praxis umgesetzt werden können.
Der angehende Homöopath muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass die Kunst praktischer Anwendung nicht allein aus Büchern zu erlernen ist. Bücher können den generellen Rahmen vermitteln, nicht aber die Fähigkeit, den konkreten Einzelfall zu lösen. Unerlässlich ist vielmehr die persönliche Anleitung durch einen erfahrenen Homöopathen. Eine solche Anleitung schult den Neuling darin, jeden Fall für sich einzeln zu beurteilen – eine notwendige Voraussetzung für die richtige Entscheidung. Anfangs sind Fehler unvermeidlich, aber mithilfe eines erfahrenen Homöopathen wird der Anwärter daraus lernen; vor allem entwickelt er die unabdingbare Eigenschaft der Vorsicht, d. h., er wird seine Maßgabe trotz geradliniger Entschlusskraft stets innerlich überprüfen und infrage zu stellen bereit sein. Dazu bedarf es großer Übung, wie ja auch anderswo erst diese den Meister macht.
Das vorliegende Buch setzt beim Leser ein gewisses Maß an medizinischem Grundwissen Grundwissen, medizinisches voraus. Um die gesundheitliche Situation eines Patienten zu einem gegebenen Zeitpunkt angemessen zu erfassen, sind hinreichende Kenntnisse über Anatomie, Physiologie, Diagnostik, Laborarbeit, die zahlreichen herkömmlichen Krankheitsbezeichnungen sowie die üblichen Behandlungsmethoden dieser traditionellen Krankheitskategorien erforderlich. Zwar sind die Begriffe, mit denen die traditionelle Medizin Krankheiten bezeichnet, niemals Grundlage für die Wahl eines homöopathischen Mittels, doch ist der genaue pathophysiologische Zustand eines Patienten für eine akkurate Prognose in jedem Fall durchaus von Bedeutung.
Insofern sind Mediziner, die sich der Homöopathie zuwenden, gegenüber anderen Interessenten zweifellos im Vorteil. Sie sind in der Regel befähigt, sich ohne zusätzliche Vorbereitung direkt in die spezifisch homöopathische Materie zu vertiefen, wie sie in diesem Buch dargeboten wird. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass aus praktischen und ideologischen Gründen professionelle Mediziner nicht in dem Maße zur Homöopathie überwechseln, wie die Nachfrage seitens der Öffentlichkeit dies erfordert. Deshalb steht zu erwarten, dass eine beträchtliche Zahl von Nicht-Medizinern den Wagemut sowie die Disziplin und Ausdauer aufzubringen bereit sein wird, die zum Studium der Homöopathie nötig sind.

Merke

Nicht-Medizinern sei eindringlich gesagt: Man muss nicht ein großer Experte der konventionellen Medizin werden, um sich als guter Homöopath zu erweisen, aber man sollte doch unbedingt gut mit diesem Fachgebiet vertraut sein; andernfalls wird man seiner Verantwortung gegenüber dem Patienten nicht gerecht.

Im zweiten Teil des Buches werden wir stark ins Detail gehen, was die verschiedenen technischen Aspekte homöopathischer Verschreibung und was die Regeln und Besonderheiten der konstitutionellen Behandlung anbelangt. In jedem Kapitel werden die in Teil I beschriebenen Grundsätze, soweit es geht, in die Praxis übertragen. Hierin liegt auch der Grund, warum beide Teile zu einem Band vereinigt wurden – es sind zwei Wege, ein und dieselbe Gesetzmäßigkeit zu beschreiben.

Entstehung eines homöopathischen Arzneimittels

Arzneiprüfung am Gesunden

Nachdem wir die theoretischen Grundlagen der Homöopathie kennengelernt haben, gilt unser Interesse nun dem homöopathischen Mittel Arzneimittel, homöopathisches selbst – dem Medium, durch das der Heilprozess in Gang gebracht wird. Soll es wirksam sein, muss es sehr sorgfältig hergestellt und dann genau geprüft werden.
Es gibt genaue Richtlinien, nach denen exakte und gründliche Prüfungen durchgeführt werden können. Bislang existieren bereits Hunderte von Mitteln, hergestellt aus Mineralien, Pflanzen, Tieren und krankem Gewebe (Nosoden Nosode ), die über Jahrzehnte sorgfältig geprüft wurden. Ihre charakteristischen Zeichen und Symptome sind inzwischen bis ins kleinste Detail bekannt. Tausende weiterer Mittel sind zumindest teilweise geprüft. Je mehr sich aber die Homöopathie verbreitet, desto notwendiger wird es, zusätzlich neue Mittel zu prüfen und dadurch die Möglichkeit homöopathischer Behandlung zu erweitern.
Samuel Hahnemann hat als Erster die theoretischen Grundlagen für das Prüfen von Arzneimitteln an gesunden Menschen ausgearbeitet:
„Da nun, was niemand leugnen kann, das heilende Wesen in Arzneien nicht an sich erkennbar ist und bei reinen Versuchen, selbst vom scharfsinnigsten Beobachter, an Arzneien sonst nichts, was sie zu Arzneien oder Heilmitteln machen könnte, wahrgenommen werden kann, als jene Kraft, im menschlichen Körper deutliche Veränderungen seines Befindens hervorzubringen, besonders aber den gesunden Menschen in seinem Befinden umzustimmen und mehrere, bestimmte Krankheitssymptome in und an demselben zu erregen, so folgt: daß wenn die Arzneien als Heilmittel wirken, sie ebenfalls nur durch diese ihre Kraft Menschenbefinden mittels Erzeugung eigentümlicher Symptome umzustimmen, ihr Heilvermögen in Ausübung bringen können, und daß wir uns daher nur an die krankhaften Zufälle, die die Arzneien im gesunden Körper erzeugen, als an die einzig mögliche Offenbarung ihrer inwohnenden Heilkraft, zu halten haben, um zu erfahren, welche Krankheits-Erzeugungskraft jede einzelne Arznei, das ist zugleich, welche Krankheits-Heilungskraft jede besitze.“ 1

1

Hahnemann S: Organon der Heilkunst (1999), § 21.

Merke

Zweck einer Arzneiprüfung ist es, die Gesamtheit krankhafter Symptome aufzuzeichnen, die eine Substanz beim gesunden Menschen hervorrufen kann.

Diese Gesamtsymptomatik Gesamtsymptomatik liefert dann die Indikationen, nach denen das heilende Mittel für den kranken Menschen gewählt wird.
Wahrscheinlich ist es für viele Leser neu, dass buchstäblich jede Substanz ein weites Spektrum ausgesprochen individueller Symptome aufweist. Da es möglich ist, einen Stoff in unterschiedlicher Dosierung, ja Potenzierung zu verabreichen, können seine Symptome durch sorgfältige Prüfungen hervorgelockt werden. Hahnemann stellte eindeutig die Tatsache fest, dass Substanzen tatsächlich spezifische Reaktionen hervorrufen:
„Der menschliche Körper scheint sich in seinem Befinden durch Arzneien (auch deshalb, weil die Einrichtung der Gabe derselben in unserer Macht steht) wirksamer umstimmen zu lassen, als durch natürliche Krankheits-Reize – denn natürliche Krankheiten werden durch angemessene Arznei geheilt und überwunden.“ 2

2

Hahnemann S: a. a. O., § 30.

So ist es möglich, einen Organismus mit jeder beliebigen Substanz zugrunde zu richten, wenn sie in hinreichend großer Menge verabreicht wird, gleichgültig, ob es sich dabei um ein „echtes“ Gift oder ein Nahrungsmittel handelt. Selbst Kochsalz kann, wenn über längere Zeit täglich in großen Dosen eingenommen, bei relativ gesunden Menschen eine Vielzahl von Symptomen hervorrufen. Geben wir einen Stoff in ausreichender Menge, dann wird die Lebenskraft dadurch so stark bedrängt, dass sie das Abwehrgefüge mobilisiert; dessen Tätigkeit ruft nun eine Anzahl von Symptomen hervor, die ausschließlich für diesen bestimmten Stoff charakteristisch sind.
Notieren wir die auftretenden Symptome, so halten wir damit die ganz spezifischen Manifestationen des Abwehrgefüges im Hinblick auf dieses Mittel fest. Das bietet uns die Möglichkeit, die Resonanzfrequenz ( 1.5.2 ) eines Mittels ausfindig zu machen. Analog verhält es sich, wenn wir die Symptome eines Patienten notieren; auch dann halten wir die besondere Art und Weise fest, in der sich die augenblickliche Frequenz des Abwehrgefüges ausdrückt. Nun gilt es, zu dem Symptombild des Patienten das passende Mittel mit ähnlichem Symptombild zu finden. Auf diese Weise stimmen wir die Frequenz des Organismus durch Resonanz mit der Arzneimittelfrequenz ab und bewirken so die Heilung des Patienten, indem wir das Abwehrgefüge an seiner schwächsten Stelle unterstützen. Auf größere Mengen eines toxisch wirkenden Stoffes reagiert jeder Organismus – allerdings mit Symptomen, die für homöopathische Zwecke zu allgemein bzw. zu grob sind, nämlich mit Reaktionen wie Koma, Krämpfe, Erbrechen oder Durchfall; feine Abstufungen lassen sich dabei kaum feststellen. Benutzen wir jedoch sehr kleine oder sogar homöopathisch potenzierte Dosen, so erhalten wir – vor allem auch im geistigen und emotionalen Bereich – eine Vielzahl fein unterschiedener, charakteristischer Symptome. (Übrigens liegt hierin der Grund, warum es in der Homöopathie unerlässlich ist, dass die Stoffe an möglichst gesunden Menschen geprüft werden: Nur sie sind fähig, subtile Befindensänderungen genau zu beschreiben. In der Allopathie dagegen werden Medikamente zuerst an Tieren und dann an Kranken getestet. Tierversuche sind, wenn eine echte Heilung erzielt werden soll, schon deshalb unbrauchbar, weil nur die allgemeinsten körperlichen Symptome festgehalten werden können. Auch Prüfungen an kranken Menschen sind für homöopathische Zwecke wenig geeignet, da die Symptome der Krankheit selbst leicht mit denjenigen, die das Mittel hervorruft, verwechselt werden können. Abgesehen davon haben wir bereits darauf hingewiesen, dass allopathische Medikamente letztlich nur getestet werden, um bestimmte Symptome oder Syndrome zu lindern oder zu unterdrücken [ 1.8.2 ], nicht aber, um die Gesundheit des Patienten insgesamt wiederherzustellen.)
Herstellung und Prüfung
Erhält der Organismus einen bestimmten Stoff, so lassen sich zwei Reaktionsphasen unterscheiden:
  • In der ersten Phase tritt der Primäreffekt Primäreffekt auf; es handelt sich um eine „Erregungsphase“ von wenigen Stunden oder Tagen, die dramatisch verlaufen kann.

  • In der zweiten Phase reagiert der Organismus, bemüht, das Gleichgewicht wiederherzustellen, mit einem Sekundäreffekt Sekundäreffekt . Dieser tritt meist nach einer Zeitspanne auf, die doppelt so lang ist wie die Dauer des Primäreffektes. Es können dabei Symptome auftreten, die denen der ersten Phase genau entgegengesetzt sind.

Bei jeder Prüfung müssen die Symptome beider Phasen aufgezeichnet werden, auch wenn sie widersprüchlich sein mögen. Beide Reaktionskomplexe sind charakteristisch für das Wirken des Abwehrgefüges und verdienen daher gleichermaßen Beachtung.
Homöopathische Mittel werden genau nach Vorschrift aus Pflanzen, Mineralien, Tieren oder Krankheitsprodukten (evtl. auch aus allopathischen Medikamenten) hergestellt. Zur Qualitätssicherung geht man nach detaillierten homöopathischen Arzneimittelhandbüchern mit einheitlichen, international anerkannten Richtlinien vor, wie sie in der deutschen homöopathischen Pharmakopoe niedergelegt sind ( 2.2.1 ).
Die Prüfung Arzneimittelprüfung selbst muss sorgfältig, umfassend, genau und einheitlich durchgeführt werden. Stammt die Pflanze für ein homöopathisches Mittel beispielsweise aus einer bestimmten geografischen Region und ist dort geprüft worden, so dürfen Homöopathen, die ihre Mittelwahl auf die Symptome dieser Prüfung stützen, nur dieses spezifische Präparat verwenden. So muss beispielsweise das von allen Homöopathen verwendete Mittel Pulsatilla pratensis Pulsatilla pratensis genau derselben Art angehören, die in der ursprünglichen Prüfung verwendet worden ist ( 2.2.1 ); verabreicht man ohne neuerliche Prüfung eine andere Art dieser Pflanze, so wäre ihre Symptomatik wahrscheinlich so unterschiedlich, dass man die gewünschte Wirkung nicht erzielen könnte. Wird ein Mittel in Indien hergestellt und geprüft, dann muss auf der ganzen Welt genau dieses Präparat benutzt werden. Nur wenn wir uns an diese Bestimmungen halten, können wir mit der Genauigkeit verordnen, die für die in der Homöopathie möglichen zuverlässigen Resultate Voraussetzung ist.
Damit das Abwehrgefüge überhaupt Symptome hervorbringt, muss sein „Schwellenwert“ erreicht oder übertroffen werden. Das ist auf zweierlei Weise möglich: Entweder die Dosierung des Stoffes muss hoch genug sein, um das Abwehrgefüge zur Reaktion zu zwingen, oder der Organismus muss für die Schwingungen der Substanz besonders empfindlich, d. h. leicht in Resonanz zu versetzen sein. In Abb. 2.1 finden wir dies schematisch verdeutlicht. Die Frequenz der Testsubstanz ist in der Mitte eingezeichnet. Bei Prüflingen, deren Frequenzbereich dem des Mittels sehr unähnlich ist (z. B. Prüfer 1 und 11), muss eine starke, kaum verdünnte (vielleicht sogar toxische) Dosis gegeben werden, damit Symptome entstehen, mitunter sogar mehrmals; erwartungsgemäß bleiben diese Symptome dann ziemlich undifferenziert und zeigen sich hauptsächlich auf der physischen Ebene ( 1.2 ). Ist das Mittel wohl ähnlich, aber nicht das ähnlichste, treten eine Reihe brauchbarer, oft sogar geistig-emotionaler Symptome auf. Würden Prüflinge mit großer Empfindlichkeit für die Substanz (z. B. Prüfer 5 bis 7) eine derart hohe Dosis erhalten, so könnten starke, ja schädigende Symptome auftreten. Nehmen sie jedoch eine winzige, potenzierte Gabe davon ein, so entstehen spezifische und eigentümliche Symptome, wie der Homöopath sie braucht: Sie sind differenziert, individuell und charakteristisch, vor allem auf der geistig-emotionalen Ebene.
Wenn zufällig der Frequenzbereich des nicht vollständig gesunden Prüflings genau mit dem der Substanz übereinstimmt, so werden alle Symptome, die vor dem Experiment als Leiden des Patienten vorhanden waren, in eindrucksvoller Weise und auf Dauer geheilt. Weil die Arzneimittelprüfungen wie auch die Heilungen dem Resonanzprinzip folgen ( 1.5.2 ), stammen die brauchbarsten Symptome von denjenigen Prüflingen, die die größte Empfänglichkeit gegenüber dem Teststoff besitzen.
Mancher mag nun fragen: Ist es ethisch vertretbar, mehr oder weniger gesunden Menschen Stoffe zu verabreichen, die potenziell giftig sind? Dazu sei hier klargestellt: Prüfungen sollen nie mit toxischen Gaben durchgeführt werden; um echte Vergiftungssymptome Vergiftungssymptome kennenzulernen, müssen wir uns ausschließlich auf Berichte über Zufallsvergiftungen stützen, wie sie in Fülle in der toxikologischen Literatur zu finden sind. Ferner wird die Verabreichung einer Testsubstanz eingestellt, sobald sich die ersten Symptome zeigen. Prüflinge, deren Empfindlichkeit für die Substanz gering ist, weisen leichte oder gar keine Symptome auf, ihre Gesundheit wird also in keiner Weise in Mitleidenschaft gezogen. Prüflinge, die empfindlich auf die Substanz reagieren, spüren häufig schon während des Experiments und auch danach einen merklichen gesundheitlichen Aufschwung. Je größer die Empfindlichkeit eines Prüflings, desto spürbarer ist auch die positive Wirkung auf seine Gesundheit. Hahnemann selbst beobachtete dies bei seinen häufigen Prüfungen und forderte jeden an seiner Gesundheit Interessierten auf, daran teilzunehmen.
Vollständiges Arzneimittelbild
Im Wesentlichen gibt es drei Kriterien, die darüber entscheiden, ob ein Mittel als vollständig geprüft gelten kann:
  • Seine Symptome müssen anhand der Prüfung an gesunden Menschen aufgezeichnet werden, und zwar nach Einnahme toxischer (siehe Vergiftungsberichte), hypotoxischer (d. h. niedrig potenzierter) und hochpotenzierter Dosen.

  • Die Symptome müssen von allen drei Ebenen des Organismus stammen: der geistigen, der emotionalen und der physischen ( 1.2 ).

  • Die Symptomatik eines Mittels muss durch diejenigen Symptome vervollständigt werden, die im Laufe einer ganzheitlich wirkenden Behandlung mit diesem Mittel geheilt worden sind.

Mittel, deren Prüfung sich nur auf physische Symptome erstreckt, sind für homöopathische Zwecke unzureichend. Auch die allopathische Toxikologie, so gründlich und genau sie in ihrer Art auch sein mag, kann unseren Anforderungen nicht gerecht werden, weil sie hauptsächlich auf Tierversuchen beruht. Hinzu kommt, dass toxikologische Studien nicht die Möglichkeiten unterschiedlicher Potenzierung berücksichtigen. Berichte über Vergiftungen von Menschen allein sind gleichfalls unzureichend, da sie gewöhnlich die Symptome zu allgemein beschreiben; ruft beispielsweise eine Vergiftung „Wahnsinn“ hervor, so findet man in der allopathischen Literatur selten eine Beschreibung, welche Art von Wahnsinn für jeden einzelnen der Vergiftungsfälle typisch ist.
Beschreibungen, die die geheilten Symptome nicht mit berücksichtigen, geben ebenfalls ein unvollständiges Bild der Mittelwirkung. Letztlich geht es ja darum, mit dem homöopathischen Mittel zu heilen. Deshalb besitzen Symptome, die bei der Gesundung des Menschen mitgeheilt wurden, die größte Zuverlässigkeit überhaupt: Sie zeigen, dass die Empfindlichkeit für das Mittel ungewöhnlich groß ist. 3

3

Das Verschwinden eines Einzelsymptoms ohne gleichzeitige Gesundung des ganzen Menschen kann dagegen nicht als zuverlässig eingestuft werden.

Die Strenge der konkreten Bedingungen einer Prüfung wird manchen Leser sicherlich überraschen: Zunächst einmal sind für die Prüfung eine ganze Reihe von Versuchspersonen notwendig, sodann eine Zeitdauer von etwa zweieinhalb Jahren, und das alles mit einem kaum vermeidbaren, relativ hohen Kostenaufwand. Man muss diesen Aufwand jedoch gegen die Tatsache abwägen, dass die Informationen, die man bei einem derartigen Vorgehen gewinnt, für viele kommende Generationen eine zuverlässige Grundlage zur Wahl des Mittels sein sollen. In Universitäten und medizinischen Zentren werden heutzutage mit ungeheurem Zeit- und Geldaufwand Daten gesammelt, die dann gewöhnlich bereits nach 10 oder 15 Jahren als überholt gelten. Die hier beschriebenen Experimente erfordern nur einen Bruchteil dieser Ausgaben – dennoch behalten die Ergebnisse auch für kommende Generationen ihre Gültigkeit.

Vorbereitungen für eine Arzneiprüfung

Geeignete Testperson
Wer als Testperson Testperson an einer Prüfung teilnehmen will, muss folgende Voraussetzungen erfüllen:
  • Der Prüfling muss mit der homöopathischen Methodologie hinreichend vertraut sein und vor allem die Symptomatik der homöopathischen Materia Medica ( 2.2.4 ) gut kennen. Dies ist notwendig, damit er (oder sie) richtig einzuschätzen weiß, welche Abweichungen vom Normalzustand während des Experiments entstehen können.

  • Der Prüfling muss zwischen 18 und 45 Jahren alt sein, damit der altersbedingte körperliche Abbau nicht übermäßig ins Gewicht fällt. Er sollte nach allgemeinmedizinischen Maßstäben relativ gesund sein.

  • Der Teilnehmer darf weder zur Hysterie noch zur Überängstlichkeit neigen, da solche Personen besonders häufig einen sogenannten „Placebo-Effekt“ zeigen, d. h., die bloße Einnahme einer medizinischen Substanz genügt bereits, um bei ihnen Symptome hervorzurufen.

  • Der Teilnehmer muss den zu diesem Experiment erforderlichen Ernst besitzen.

  • Der Prüfling muss in der Lage sein, während des Experiments ein möglichst „normales“ Leben zu führen, d. h., seine Lebensumstände müssen einen geregelten Rhythmus für Schlaf, Spaziergänge und Essen erlauben sowie eine Ernährung ohne verfeinerte Lebensmittel, chemische Zusätze, Gewürze und Stimulantien. Er muss in seinen beruflichen, familiären und freundschaftlichen Beziehungen und ganz allgemein in Geist und Gemüt relativ ausgeglichen sein. Kurzum: Er muss während des Experiments ein gemäßigtes Leben führen und Exzesse vermeiden.

Dem Experiment geht eine mindestens einmonatige Vorbereitungszeit voraus. Während dieser Zeit führt der Prüfling genau Tagebuch über alle Symptome bzw. jegliches Unbehagen, das er ohne das Mittel auf der physischen, seelischen und geistigen Ebene an sich bemerkt. Die Eintragungen sind mindestens dreimal täglich vorzunehmen, um auch die kleinsten Gedächtnislücken zu vermeiden. Der Prüfling muss sich bei diesen Beobachtungen der besonderen Bedeutung des Experiments vollständig bewusst sein. Auch die unscheinbarsten Abweichungen von der Norm werden bei den Eintragungen festgehalten. Jedes Symptom wird ausführlich in bildhafter, anschaulicher Sprache geschildert – seine Intensität, seine Dauer und alle Modalitäten, die es verschlimmern oder bessern. Außerdem werden mögliche „auslösende Ursachen“ notiert, die dabei helfen, die Bedeutung des Symptoms angemessen zu beurteilen.
So könnte eine Eintragung z. B. lauten: „Leichter, stechender Schmerz hinter dem linken Auge, zur linken Schläfe ausstrahlend; begann um 21Uhr abends, nachdem Ehefrau schimpfte, weil ich vergessen hatte, Milch mitzubringen; dauerte 40 Minuten, schlimmer durch plötzliche Bewegung und Lärm, besser durch Druck und kalte Umschläge.“ Ein anderes Beispiel wäre: „Reizbarkeit durch zu viele Umwelteindrücke und Lärm, dabei gleichzeitig Hungergefühl; trat um 15:30 Uhr auf; keine Besserung durch Spaziergang oder frische Luft, aber Besserung durch Essen.“
Wurden mindestens einen Monat lang alle diese Einzelheiten über seinen „Normalzustand“ vom Prüfling notiert, so genügt das als Grundlage, um mit dem eigentlichen Experiment anzufangen.
Vor Beginn überprüft der Prüfungsausschuss, der das Experiment durchführt, die Aufzeichnungen aller beteiligten Prüflinge und entscheidet, wer zur weiteren Teilnahme geeignet ist. Folgende Anwärter sollten von vornherein vom Experiment ausgeschlossen werden:
  • Bewerber mit vielen geistigen oder emotionalen Symptomen. Zu viele Symptome auf diesen Ebenen vermindern die Zuverlässigkeit der endgültigen Ergebnisse.

  • Bewerber, die ganz offensichtlich vergessen haben, Symptome aufzuschreiben, oder deren Eintragungen zu oberflächlich sind. Ihnen mangelt es entweder an geistiger Klarheit oder sprachlicher Ausdrucksfähigkeit oder an Aufrichtigkeit.

  • Bewerber, die an Überempfindlichkeiten leiden: an Asthma, Heuschnupfen, Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten usw.

Geeignete Umgebung
Im Idealfall müssten jeweils drei parallele Experimente durchgeführt werden, und jedes in einer anderen Gegend mit Prüflingen verschiedener Nationalität. Da die Prüfungsreaktionen durch die Umgebung unterschiedlich beeinflusst werden, müssten die Prüfungen in den Bergen, im Flachland und an der See stattfinden.
Dies wären ideale Bedingungen, die eine Prüfung absolut zuverlässig machen. Einstweilen sind jedoch solche komplizierten Parallelexperimente kaum durchführbar. Als Kompromisslösung wird daher vorgeschlagen, das Experiment auf dem Lande in einer Höhenlage von 500 Metern und bei geringer Luft- und Wasserverschmutzung durchzuführen. Die Umgebung sollte ruhig sein, fern von Hektik und Stress der Stadt. Zweck einer solchen Umgebung ist es, die Teilnehmer vor Beginn des Experiments gesundheitlich so weit wie möglich zu stabilisieren. Etwa 15 Tage auf dem Lande sollten für diesen Zweck ausreichen; danach sind die vom Teilnehmer beschriebenen Symptome wahrscheinlich Ausdruck seiner tatsächlichen Konstitution. Sobald diese Symptome sich dann in der ländlichen Umgebung stabilisiert haben, kann das eigentliche Experiment beginnen.

Das Experiment

Die experimentelle Prüfung eines neuen Arzneimittels ( Tab. 2.1 ) muss immer im Doppel-blind-Verfahren Doppel-blind-Verfahren durchgeführt werden, d. h., weder der Prüfungsausschuss noch die Teilnehmer dürfen das zu prüfende Mittel kennen ( Abb. 2.2 ). Der Prüfungsleiter bestimmt die Prüfsubstanz und wacht darüber, dass die beim Experiment angewandten Methoden genau den Richtlinien entsprechen. Er entscheidet auch nach einem Zufallsauswahlverfahren darüber, welche Prüflinge die Testsubtanz und welche Prüflinge Placebos bekommen. Etwa 25 Prozent der Teilnehmer erhalten ein Placebo, die übrigen Teststoff. Teststoff und Placebo müssen identisch verpackt sein und der Code, der die „echten“ Prüflinge von den Placeboprüflingen unterscheidet, darf weder dem Prüfungsausschuss noch den Prüflingen bekannt sein. Alle Prüflinge erhalten strengste Anweisung, unter keinen Umständen miteinander über ihre Symptome zu sprechen.
Phase: Hypotoxische Dosierung
Das Experiment beginnt damit, dass die Versuchspersonen den Teststoff in hypotoxischer Dosierung erhalten. Die Potenz sollte etwa zwischen D 1 und D 12 liegen: D 1 bei relativ ungiftigen Stoffen (z. B. essbaren Pflanzen), D8–D 12 bei giftigeren Stoffen (z. B. Hydrozyansäure Hydrozyansäure ). Die Gaben werden täglich verabreicht. Die Prüflinge erhalten genaue Anweisung, dass sie, sobald deutliche, von der Norm abweichende Symptome auftreten, das Mittel abzusetzen haben. Die Tagebucheintragungen werden jedoch nach Absetzen des Mittels weiterhin gewissenhaft dreimal täglich durchgeführt. Auch nach der einmonatigen Einnahme des Mittels werden die Eintragungen noch drei Monate lang fortgesetzt oder zumindest so lange, bis feststeht, dass keinerlei neue Symptome mehr auftreten.
Obwohl etwa 50 bis 100 Prüflinge an dem Experiment teilnehmen, kommt es nur ganz selten vor, dass jemand von Symptomen, die er schon vorher aufwies, geheilt wird. Einige Teilnehmer bekommen in den ersten paar Tagen neue Symptome, eine größere Anzahl erst nach dem 20. Tag, der größte Teil jedoch während der gesamten Beobachtungszeit nur wenige oder gar keine. Die Streuung unterschiedlicher Reaktionen ist nach der Empfindlichkeitsskala in Abb. 2.1 durchaus zu erwarten. Die Prüflinge, die sofort Symptome bekommen, sind für das Mittel am empfindlichsten; sie sind es, an denen das Experiment später in seiner wichtigsten Phase mit Hochpotenzen fortgesetzt wird.
Phase: Arzneimittelgaben in der 30. Potenz
Nachdem so viel Zeit verstrichen ist, dass mit Sicherheit keine neuen Symptome der ersten Prüfungsphase mehr auftreten, bekommen diejenigen Teilnehmer, die sehr rasch auf die hypotoxischen Gaben reagiert haben, das gleiche Mittel in der 30. Potenz; wieder erhalten nach dem Zufallsauswahlverfahren 25 Prozent ein Placebo Placebo . Zwei Wochen lang nehmen alle täglich einmal eine Gabe. Die nachfolgende Beobachtungszeit dauert mindestens drei Monate bzw. so lange, bis ganz offensichtlich keine Symptome mehr auftreten. Auch diesmal wird das Mittel abgesetzt, sobald Symptome erscheinen; die Aufzeichnungen werden so lange fortgesetzt, bis keine Symptome mehr vorhanden sind. Daraufhin übergibt der Prüfling seine Notizen dem Prüfungsausschuss und fährt nach Hause. Seine Aufgabe ist hiermit einstweilen erfüllt.
Phase: Hochpotenz
Ein Jahr sollte verstreichen, dann wird die Hochpotenz Hochpotenz verabreicht. Unterdessen sollten die Prüflinge ihre Selbstbeobachtung, wenn auch mehr inoffiziell, in ihrer normalen Umgebung fortführen. Nach dieser Ruhepause versammeln sich alle, die die 30. Potenz eingenommen hatten, wieder dort, wo das Experiment durchgeführt wurde; sie warten wiederum eine Vorbereitungszeit ab, während der sie ihre schon vorhandenen Symptome beobachten und notieren. Dann bekommen sie eine Dosis der C 10 000 oder der C 50 000 (bei einem 25-prozentigen Placebo-Anteil), und wieder findet eine intensive Beobachtungsphase statt, die drei Monate bzw. so lange dauert, bis die Symptome nicht mehr auftreten.
Abschluss der Prüfung
Bei Beendigung des Experiments sammelt der Prüfungsausschuss alle Tagebücher ein und notiert der Reihe nach jedes Symptom, das vom Normalzustand der Versuchsperson abweicht. Die Mitglieder des Ausschusses besprechen dann mit jedem Prüfling alle Symptome so eingehend wie möglich und klären die Begleitumstände ab: die auslösenden Ursachen, die Zeitangaben und die Modalitäten. Erst jetzt wird den Prüflingen das Mittel bekannt gegeben. Die Symptome der Placeboprüflinge werden eliminiert – es sei denn, ihre Häufigkeit und Intensität ist ungewöhnlich auffällig. Der Forschungsausschuss vergleicht alle übrig gebliebenen Symptome und gibt sie zur Veröffentlichung frei.

Materia Medica und Arzneimittellehren

Materia Medica Bei der Entwicklung und der Entstehung eines homöopathischen Mittels sind die eben beschriebenen Experimente der erste Schritt. Gemeinsam mit den Informationen aus der toxikologischen Literatur liefern sie das Rohmaterial, die Grundlage zur Verwendung des Mittels. Doch so genau und detailliert diese Informationen auch sein mögen – solange sie klinisch nicht geprüft sind, bleiben sie unvollständig. Zuverlässige Homöopathen verwenden nun erstmals das Mittel bei der Behandlung kranker Menschen, und zwar solcher Patienten, bei denen die Beschwerden genau den Symptomen entsprechen, die aus der Prüfung bekannt sind. Im Zuge dieser klinischen Erprobung werden sorgfältig diejenigen Symptome notiert, die bei der Heilung des ganzen Menschen (auf allen drei Seinsebenen, 1.2 ) ausgeheilt werden. Symptome dieser Art sind von besonderem Wert. Symptome dagegen, die mehr zufällig und ohne ganzheitliche Heilung verschwinden, bleiben unberücksichtigt.
Wertigkeit von Symptomen
Aus diesen drei Quellen – den Prüfungen, der toxikologischen Literatur und der klinischen Beobachtung – entsteht allmählich ein abgerundetes Bild des Mittels, das nun in eine umfassende Arzneimittellehre aufgenommen werden kann. Ein Homöopath, der das Mittel kennt, kann jetzt die Symptome nach ihrer Wertigkeit einstufen – nach der Bedeutung, die ihnen als Ausdruck des Charakters oder der „Idee“ des Mittels zukommt. Allerdings ist eine solche Stufung natürlicherweise sehr subjektiv, und bei jedem Homöopathen wird sie etwas unterschiedlich ausfallen; dennoch wollen wir ein ungefähres Beispiel geben, wie Symptome Symptome Kriterien zur Beurteilung eingestuft werden können ( Tab. 2.2 ) – von den besonders zuverlässigen hin zu den weniger zuverlässigen.
Am wertvollsten sind also Symptome, die im Laufe der ganzheitlichen Gesundung geheilt werden, die bei einer Reihe von Probanden besonders intensiv und rasch auftreten und selbst nach Einnahme einer Hochpotenz erscheinen. Am wenigsten zuverlässig sind Symptome, die nur schwach und nur bei wenigen Prüflingen bzw. erst spät im Verlauf der Prüfung auftreten und solche, die nur bei Vergiftungen entstehen oder nur zufällig und ohne allgemeine gesundheitliche Besserung geheilt werden.
„Essenz“ eines Arzneimittels
Indem die Symptome so eingestuft und am behandelten Patienten beobachtet werden, entsteht nach und nach das Charakterbild, die „Essenz Essenz “ oder „Idee“ der geprüften Substanzen. So wie wir einen Menschen nicht als Summe losgelöster Teile – Haarfarbe, Körperbau, Gesten, Benehmen usw. – wahrnehmen, sondern als Persönlichkeit mit zentralem Wesenskern, so wenig können wir auch die Ausdrucksformen eines Mittels isoliert betrachten. Besitzen wir erst einmal die Gesamtheit seiner Zeichen und Symptome, so müssen wir sie als einheitliches Ganzes zu erfassen und zu verstehen suchen, vor allem, wenn wir erlebt haben, wie Kranke durch das Mittel geheilt worden sind. Auf diese Weise entwickeln wir allmählich einen Sinn für die „Idee“, den Charakter des Mittels. Sein endgültiges, vollständiges Bild kann letztlich mit bloßen Worten kaum beschrieben werden; es ist durch eigene Prüfung oder aus der Erfahrung heraus auf lebendige Weise „bekannt“ und vertraut wie ein alter Freund.
Symptommuster
Das Symptombild Symptombild eines Mittels wird in Abb. 2.3 veranschaulicht. Die Gesamtheit der Symptome zeigt sich in dieser Darstellung als zusammenhängende „Form“ oder „Gestalt“. Jeder Gipfel steht für ein bestimmtes Symptom. Der Umriss oder „Habitus“, den die Krankheit eines Patienten annimmt, ähnelt im Idealfall weitgehend dem des passenden Mittels; hier sind die Gipfel größer dargestellt als die des Mittels, um zu zeigen, welche Intensität der krank machende Einfluss auf den Patienten hat. Die Gestalt von Krankheit und Mittel verkörpert deren übereinstimmende „Resonanzfrequenz“ ( 1.5.2 ) und besteht bei Kranken und Prüflingen in einer ganz bestimmten Anordnung von Symptomen. Will nun der Homöopath ein Arzneimittel verordnen, dann ist es seine Hauptaufgabe herauszufinden, welche Symptombilder zueinander passen.
Materia Medica
In der homöopathischen Literatur gibt es nicht nur eine Arzneimittellehre, in der die Mittel beschrieben werden. Das „Wachstum“ in der Beschreibung eines Mittels zeigt sich vielmehr am deutlichsten, wenn wir seine Entwicklung durch verschiedene Arzneimittellehren hindurch verfolgen. Nehmen wir z. B. eines der bekanntesten homöopathischen Mittel, Arsenicum album Arsenicum album . Zunächst finden wir in der reichhaltigen Toxikologie und in den Daten der ursprünglichen Arzneimittelprüfung das Rohmaterial. Der Prüfbericht von Arsen findet sich in Hahnemanns „Chronischen Krankheiten“ und gilt als einer der klassischen Meilensteine in der homöopathischen Literatur. Er ist beispielhaft für die Gründlichkeit, mit der Hahnemann vorging, und für die Aufmerksamkeit, die er bei seiner Arbeit auch den kleinsten Details widmete, sodass wir ihn im Anhang auszugsweise wiedergeben.
Materia Medica Materia Medica nennen wir die Sammlungen von Arzneimittelprüfungen. Die Ergebnisse solcher Arzneimittelprüfungen werden in vielbändigen Symptomensammlungen nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema wie in Hahnemanns Nachschlagewerken „Reine Arzneimittellehre“ und „Die chronischen Krankheiten“ oder in Allens 12-bändiger „Encyclopedia of Pure Materia Medica“ oder in Herings 10-bändigem Werk „The Guiding Symptoms“ zusammengestellt. Für einen Homöopathen sind sie wichtige Nachschlagewerke: Die Symptome sind darin nicht nur nummeriert und detailliert aufgezeichnet, sondern auch mithilfe einer bestimmten Symbolik eingestuft.
Clarkes Clarke, John Henry „Dictionary of Practical Materia Medica“ (deutsch: „Der Neue Clarke“) ist das Beispiel einer Arzneimittellehre Arzneimittellehre , in der die Daten der Prüfungen kompakt zusammengefasst und mit Berichten zu den klinischen Erfahrungen des Herausgebers versehen sind. Es ist ein wertvolles Nachschlagewerk: detailliert und dabei doch handlich. Außerdem werden bei der Beschreibung jedes Mittels die klinischen Hauptmerkmale genau aufgeführt und Fallbeispiele geheilter Patienten dargestellt.
Schließlich gibt es noch Kents Kent, James Tyler „Arzneimittelbilder“ – das beste Beispiel einer Arzneimittellehre, in der die „Idee“, der „Charakter“ des Mittels dargestellt wird. Dieses großartige Werk sollte jeder praktizierende Homöopath sein Leben lang immer wieder von Neuem aufmerksam durcharbeiten. Kent versucht nicht, eine vollständige Auflistung aller Symptome zu liefern; es geht ihm darum, das Mittel in seinem Wesen zu erfassen und darzustellen. Kents besondere klinische Beobachtungsgabe verleiht seinem Wissen und seinen Erfahrungen unschätzbaren Wert und macht seine Erfahrungssammlung besonders zuverlässig.
Eine umfassende Sicht der Charakteristik einer Arznei entsprechend seiner reichen klinischen Erfahrung hat der Verfasser unter dem Titel „Materia Medica Viva“ herausgegeben. Streng genommen, handelt es sich auch hier um eine Arzneimittellehre, nicht um eine Sammlung von Prüfsymptomen.

Herstellung eines homöopathischen Arzneimittels

Soll eine therapeutische Methode überprüfbare Resultate bringen, so kommt es auch auf die technischen Verfahren zur Herstellung der Heilstoffe Arzneimittel, homöopathisches Herstellung an. Für Material und Verarbeitung müssen genaue Maßstäbe festgelegt und befolgt werden. Dies gilt für die Homöopathie ebenso wie für alle anderen Wissenschaften.
Die technischen Aspekte der Arzneimittelherstellung sind in erster Linie Sache der homöopathischen Pharmazeuten. In Anbetracht der winzigen Dosen, die ein Patient bekommt, kann man sich leicht vorstellen, wie schwierig es für sie ist, beim Verkauf einen angemessenen Gewinn damit zu erzielen. Dennoch haben sie bisher bewundernswerte Arbeit geleistet und Homöopathen auf der ganzen Welt mit ausgezeichneten, zuverlässigen Mitteln versorgt. Um dieses Niveau aufrechtzuerhalten, sollte jeder Homöopath die pharmazeutischen Firmen und Apotheker, die unsere wertvollen Mittel herstellen und verkaufen, nach Kräften unterstützen. Es reicht nicht, sich einfach einen Vorrat an Mitteln in der eigenen Praxis anzulegen und darauf zu hoffen, dass Nachschub jederzeit verfügbar sein wird. Wir müssen die Nachfrage so organisieren, dass die Apotheker ebenso viel Gewinn durch unsere Verordnungen haben wie unsere Patienten und wir selber. Andernfalls werden unsere Mittel bald weniger zuverlässig, schwer erhältlich und eines Tages womöglich gar nicht mehr zu bekommen sein; dies kann die Homöopathie ebenso zu Fall bringen wie der Widerstand der Lobby orthodox eingestellter Ärzte- und Pharmaverbände in einzelnen Ländern.
Hinsichtlich des Herstellungsvorgangs wollen wir zunächst betrachten, wie Pflanze, Tier, Mineral oder Nosode nach den Anweisungen Hahnemanns 4

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Hahnemann S: Organon der Heilkunst (1999), § 269 ff.

in potenzierbare Form gebracht werden. Danach befassen wir uns mit den Potenzierungsvorschriften und schließlich mit der Lagerung, Behandlung und Verabreichung der Mittel ( 2.3 ).

Herkunft und Bearbeitung der Rohstoffe

In der Natur finden wir viele Stoffe mit medizinischen Eigenschaften. Einige davon sind, chemisch gesehen, einer Potenzierung leicht zugänglich, andere bedürfen hierzu besonderer Vorbereitung.
Bekanntlich wird in der Homöopathie u. a. eine Vielzahl verschiedener Pflanzen verwendet. Der erste Schritt hierbei ist natürlich, die jeweils richtige Art auszuwählen und darauf zu achten, dass sie unter optimalen Bedingungen gewachsen ist und zum bestmöglichen Zeitpunkt gesammelt wird. Dazu gehören hervorragende botanische Kenntnisse. Ist eine bestimmte Pflanzenart einmal in einer Prüfung verwendet worden, müssen alle Bedingungen, unter denen die Pflanze gesammelt und bearbeitet wurde, bei späteren medizinischen Präparaten identisch sein ( 2.1.1 ).
Es ist aber nicht nur wichtig, auf die korrekte Art zu achten, sondern auch auf den Standort der Pflanze und auf minimale Boden-, Wasser- und Luftverschmutzung. Beispielsweise eignet sich eine Pflanze, die auf einer Anhöhe mit viel Sonne, Regen und weit weg von Schädlingsvertilgungsmitteln wächst, besser als eine, die im Tal am Rande einer viel befahrenen Straße inmitten häufig mit Chemikalien gespritzter Naturpflanzen steht.
Der Zeitpunkt, zu dem die Pflanze gesammelt wird, kann eine Rolle spielen, denn ihre Kraft ist oft – abweichend von anderen Pflanzen – zu einer bestimmten Jahreszeit am größten. Deshalb sollte sie möglichst zur gleichen Zeit gepflückt werden wie bei der ursprünglichen Prüfung; unter idealen Voraussetzungen ist ihre Vitalität dann am größten. Die günstigste Jahreszeit ist meist der Frühling, seltener der Sommer, bei manchen Arten auch ein anderer Zeitpunkt. Am besten wir die Pflanze an einem sonnigen Tag nach vorausgegangenem Regen gepflückt; wahrscheinlich ist die Verunreinigung dann am geringsten. Natürlich muss die Pflanze selbst gesund und frei von Schimmel und Insektenbefall sein.
Bei Pflanzenprüfungen wird in einigen Fällen die ganze Pflanze, in anderen auch nur ein bestimmter Teil davon verwendet. Auch hier muss man genau Bescheid wissen, womit die ursprüngliche Prüfung durchgeführt worden ist. Ist nur die reife Blüte geprüft worden und nicht die Pflanze insgesamt, dann darf auch jetzt nur die Blüte benutzt werden.
Homöopathisches Arzneibuch (HAB)
Es ist natürlich für den Homöopathen unmöglich, die technischen Daten Hunderter von Pflanzen zu kennen. Daher hat schon Hahnemann in der ersten Auflage des „Homöopathischen Arzneibuches (HAB) Homöopathisches Arzneibuch (HAB) “ begonnen, diese Einzelheiten zusammenzutragen. Heute wird das HAB als erste amtliche Ausgabe eines homöopathischen Arzneibuchs Homöopathie Arzneibuch benutzt 5

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Homöopathisches Arzneibuch (HAB), 1. Aufl. 1958 (aktuell 2014).

, das laufend ergänzt und auf den neuesten Stand gebracht wird. Um den Unterschied zur modernen, den homöopathischen Erfordernissen nicht entsprechenden Angaben des HAB zu zeigen, zitieren wir aus dem HAB 34 (3. Auflage 1958) die Monografie von Pulsatilla. Pulsatilla Viele Einzelheiten sind zu beachten, um aus einer Pflanze ein potenziertes Arzneimittel herzustellen.
Pulsatilla pratensis, die Küchenschelle 6

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Zitiert aus: Hahnemann, R. A. M. L. II (1816), S. 232; Buchner, Hom. Arzneibereitungsl. (1840), S. 155.

Stammpflanze: Pulsatilla pratensis Pulsatilla pratensis Miller Fam. nat.: Ranunculaceae.
Vorkommen: Verbreitet auf trockenen Heiden von Dänemark bis Deutschland, von Russland bis Konstantinopel und westlich bis Frankreich.
Angewandter Pflanzenteil: Frische, zur Zeit der Blüte gesammelte ganze Pflanze.
Beschreibung der Pflanze: Wurzelstock vielköpfig, holzig, stielrund, verzweigt, nach oben bis 20 cm hohe Stengel, ebenso lange Wurzelblätter treibend, diese doppelt fiederspaltig mit linearen Fiederblättchen, jedoch zur Zeit der Blüte noch nicht voll entwickelt. Stengel je eine schwarzviolette, glockenförmige, während des Blühens nickende Blüte tragend, vor dem Aufblühen von drei in einem Wirtel gestellten, zerschlitzten oder fiederteiligen Hüllblättern bedeckt. Hüllblätter zur Zeit der Blüte etwa in der Mitte des Blütenschaftes stehend. Blumenkronenblätter eiförmig, an der Spitze zurückgerollt, außen seidig weichhaarig. Ganze Pflanze weich, seidig behaart, geruchlos. Geschmack brennend scharf.
Bereitung der Arzneiform: Zur Essenz nach § 3
Pulsatilla pratensis Herstellung der Arzneiform Charakteristik der Arzneiformen: Die Essenz ist von grünlichbrauner Farbe, ohne besonderen Geruch und von schwach brennendem Geschmack. Mit einem gleichen Raumteil Wasser mischt sie sich trübe. Eisenchlorid-Lsg. färbt sie dunkelgrün. Fehlingsche Lösung wird reduziert. Die 1. und 2. Dezimalpotenz sind in 1 cm dicker Schicht grünlich-braun bis gelblich gefärbt.
Kapillarbild der Essenz: Steigh.: 12,5 cm bei 56 % rel. F., 17 °C. Obert.: 7 cm wässrige Zone, blass-hellbraun, schwach durchscheinend; 0,5 cm Wölbung, farblos. Untert.: 0,5 cm schwach-bräunliche Zone, undurchlässig; 0,2 cm hellgrüner Streifen, 0,5 cm schmutzig-grüne Zone, undurchlässig; 1,5 cm grüne Zone, schwach durchlässig; 1 cm hellgrüne Zone; Fußende farblos. Luminiszenz: Oberteil stark und rein blau, Unterteil dunkelblau mit rotem bis dunklem, mitunter auch grünlichem Belag.
Arzneigehalt der Essenz: 1:3
Aufbewahrung: Urtinktur, 1., 2. und 3. Dezimal-Potenz
Herstellung der Ausgangssubstanz
Nachdem eine Pflanze (oder ein Teil von ihr) auf die vorgeschriebene Weise gesammelt wurde, wird sie für das übliche Potenzierungsverfahren präpariert. Das geschieht normalerweise, indem man eine Urtinktur daraus herstellt – ein Verfahren, das Botanikern und Pflanzenkennern geläufig ist, doch für unsere Zwecke eigens von Hahnemann beschrieben wird:

„Der Kräfte der einheimischen und frisch zu bekommenden Pflanzen bemächtigt man sich am vollständigsten und gewißesten, wenn ihr ganz frisch ausgepreßter Saft unverzüglich mit gleichen Teilen Schwammzündenden Weingeistes wohl gemischt wird. Von dem nach Tag und Nacht in verstopften Gläsern abgesetzten Faser und Eiweiß-Stoffe wird dann das Helle abgegossen, zum Verwahren für den arzneilichen Gebrauch. Von dem zugemischten Weingeiste wird alle Gährung des Pflanzensaftes augenblicklich gehemmt und auch für die Folge unmöglich gemacht, und die ganze Arzneikraft des Pflanzensaftes erhält sich so (vollständig und unverdorben) auf immer, in wohl verstopften, an der Mündung mit geschmolzenem Wachse gegen alle Verdunstung des Inhaltes wohl verdichteten und vor dem Sonnenlichte verwahrten Gläsern.“ 7

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Hahnemann S: a. a. O., § 240 f.

In § 272 des „Organon“ (6. Aufl. 1999) empfiehlt Hahnemann, die Trituration ( 2.2.5 ) für Teile der ganzen Pflanze zu verwenden. Tiere, Mineralien und Nosoden werden ebenfalls genau nach Vorschrift präpariert. Nosoden gewinnt man aus Krankheitsprodukten, z. B. dem Tripperausfluss ( Medorrhinum Medorrhinum ), dem syphilitischen Schanker ( Syphilinum Syphilinum = Luesinum Luesinum ), dem tuberkulösen Herd ( Tuberkulinum Tuberkulinum ), dem Grippevirus ( Influenzinum Influenzinum ), dem Tollwutspeichel ( Hydrophobinum Hydrophobinum = Lyssinum Lyssinum ) o. dgl., außerdem aus Medikamenten wie Valium, Penicillin, Kortison usw. Hierbei ist auf Reinheit, Einfachheit und chemische Aufschließbarkeit besonders zu achten.
Viele Mineralien sowie einige Pflanzen sind in ihrer chemischen Form dem Potenzierungsprozess nicht zugänglich; sie müssen zunächst vorbereitet werden. Je nach Art des Stoffes geschieht dies auf unterschiedliche Weise. Bereits geprüfte Stoffe müssen genau wie bei der ursprünglichen Prüfung präpariert werden, auch wenn inzwischen längst einfachere Methoden entwickelt worden sind. Hahnemann selbst ist eine unserer besten Quellen für die optimale Zubereitung bestimmter Stoffe. Als versierter Chemiker kannte er sich in der Alchemie seiner Zeit aus und wusste daher über die arzneiliche Zubereitung bestimmter Mineralien genau Bescheid. Im Abschnitt 2.2.4 werden wir Hahnemanns Beschreibung der Herstellung von Causticum abdrucken – ein Beispiel für die einzelnen Schritte, die bei der Bearbeitung eines mineralischen Stoffes erforderlich sind. Es zeigt, mit welch unglaublicher Genauigkeit Hahnemann Stoffe sowohl auf ihre biologische Wirkung als auch auf ihre chemischen Eigenschaften hin untersuchte.
Zubereitung der D-6-/C-3-Potenz
Der nächste Schritt bei der Zubereitung eines Mittels ist die Herstellung der millionsten Verdünnung – der D-6- oder C-3-Potenzen. Wenn das vorhandene Präparat oder die Tinktur in Alkohol löslich ist, wird bis hierher auf die übliche, weiter unten beschriebene Weise potenziert. Ist die Substanz jedoch nicht löslich, so kommt man durch eine bestimmte Art der Zerreibung zur millionsten, in Alkohol löslichen Verdünnung, und zwar wird der Stoff zusammen mit einem vorgeschriebenen Anteil Milchzucker drei Stunden lang in einem Mörser zerstoßen. An dieser spezifischen Methode hat sich seit Hahnemanns erster Beschreibung ( 2.2.5 ) nichts geändert.
Wie wir wissen, kann diese erste Zubereitungsstufe das Energiepotenzial eines Stoffes freisetzen, doch entstehen dabei auch rein chemische Wirkungen, die nur schwer erklärbar sind. Hahnemann schreibt hierüber:

„Nicht bloß, wie ich schon anderswo lehrte, entwickeln diese Stoffe ihre Arzneikraft dadurch in einem unermeßlichen Grade, sondern sie verändern auch ihr physisch-chemisches Verhalten dergestalt, daß, wenn man in ihrer rohen Stoff-Gestalt nie eine Auflösbarkeit derselben in Wasser und Weingeist wahrnehmen konnte, sie nach dieser besondern Umwandlung doch gänzlich sowohl in Wasser als in Weingeist auflöslich werden – eine für die Heilkunst unschätzbare Entdeckung. […]

Was kann ich von den gediegenen und den geschwefelten Metallen anderes sagen, als daß sie, ohne Ausnahme, sämtlich durch diese Behandlung in Wasser und Weingeist gleich auflösbar werden und die, jedem eigentümliche Arzneikraft auf die reinste, einfachste Weise in unglaublich hohem Grade entwickeln?“ 8

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Hahnemann S: Die chronischen Krankheiten, Bd. I, S. 180 f.

Standardisierte Arzneimittelzubereitung

Nachdem das Mittel als C 3 oder D 6 in löslicher Form vorliegt, wird auf die übliche Weise weiterpotenziert ( 1.7.3 ): Man gibt einen Tropfen dieser Potenz in eine bestimmte Menge (entweder 99 oder 9 Tropfen) Lösungsmittel und schüttelt diese Lösung kräftig mit einer bestimmten Anzahl von Schlägen. Wieder wird dann ein Tropfen davon verdünnt und geschüttelt; dies wiederholt man, bis die verordnete Potenzstufe erreicht ist. (Für die 50 000-Potenzen werden jedes Mal Globuli zwischengeschaltet, vgl. „Organon“ [6. Aufl. 1999], § 270)
Verdünnung Verdünnung und Verschüttelung Verschüttelung können von Hand oder maschinell erfolgen. Zwar ist das maschinelle Vorgehen einfacher, rascher und müheloser, doch selbst dabei kann die Herstellung einer Hochpotenz bis zu drei Monaten dauern. Zur Verschüttelung hat man die verschiedensten Geräte entwickelt. Wichtig ist dabei eine festgesetzte Anzahl von Verschüttelungsschlägen; die Erfahrung hat gezeigt, dass für eine Potenz zwischen 10 und 100 Verschüttelungsschläge nötig sind. Die Kraft, mit der geschüttelt wird, sollte mindestens so groß sein, als würde man mit dem Fläschchen in der Hand gegen eine feste Oberfläche schlagen (z. B., wie Hahnemann vorschlägt, gegen ein ledergebundenes Buch). Bei der Benutzung von Maschinen müssen Zahl und Stoßkraft der Verschüttelung sorgfältig überwacht werden, damit keine technischen Fehler die Mittel beeinträchtigen. Auch der Einfluss elektromagnetischer Felder muss strikt vermieden werden.
Die Praktik gewisser skrupelloser Arzneimittelhersteller, nur nach jeder 5. oder 10. Verdünnung zu verschütteln, ist sinnlos und muss auf das Schärfste zurückgewiesen werden. Auch jüngere Versuche, kinetische Energie auf unkonventionelle Weise zu übertragen (etwa durch Ultraschall, durch Einspritzen von Lösungsmitteln in einen wirbelnden Bottich u. dgl.) sind abzulehnen. Physikalisch gesehen, mag man von solchen abweichenden Herstellungsverfahren die gleiche Wirkung erwarten, doch die umfangreichen homöopathischen Erfahrungen stützen sich ausnahmslos auf Mittel, die in der traditionellen, oben beschriebenen Weise hergestellt sind; bei größeren Änderungen sind die damit erzielten Resultate jedenfalls nicht mehr sicher zu interpretieren. Jedes abweichende Vorgehen muss experimentell auf seine Zuverlässigkeit hin lange und gründlich geprüft werden, bevor wir uns darauf verlassen können. Als verantwortungsbewusster Homöopath sollte jeder die Art und Weise, in der die Mittel hergestellt werden, persönlich in Augenschein nehmen und sie nur von Firmen beziehen, die sie nach streng klassischen Maßstäben herstellen.
Zurzeit existieren zwei gleich brauchbare Methoden der Verdünnung Verdünnung . Eine davon ist die Methode Hahnemanns, jeweils einen Tropfen der vorangegangenen Potenz in Alkohol zu lösen und zu verschütteln, wobei das alte Glasfläschchen nach Herstellung der neuen Potenz jedes Mal weggeworfen wird. Bei der anderen Methode nach Korsakoff Korsakoff, Semion von wird die Lösung der vorangegangenen Potenz weggeschüttet; es bleibt nur ein (genau berechneter) Tropfen davon an den Wänden des Gläschens zurück, und man schüttet nun das Lösungsmittel für die nächste Potenz hinzu. Auf diese Weise kann für jede Potenz das gleiche Fläschchen benutzt werden. Natürlich wird man auch bei dieser Methode von Zeit zu Zeit Zwischenpotenzen zur Aufbewahrung abzweigen wollen und braucht deshalb für eine C oder D 200 vielleicht sechs bis acht Fläschchen; nach Hahnemanns Methode hingegen sind 200 erforderlich.
Gegen die Methode Korsakoffs wird bisweilen eingewendet, sie könne zu einer Vermischung der Potenzen führen. Uns scheint diese Befürchtung unbegründet, denn durch die Verdünnung und Verschüttelung hat man schließlich die gesamte Lösung des Fläschchens auf eine neue Frequenzstufe gehoben. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Teil der Lösung von dieser Frequenzänderung ausgeschlossen bleibt. Eine Kontamination von einer Potenz zur anderen ist undenkbar.
Die Frage, welche Methode zu bevorzugen sei, ist nicht nur von theoretischem Interesse; für homöopathische Arzneimittelhersteller hat sie durchaus praktische Bedeutung. Für Hahnemanns Verfahren wird eine große Anzahl von Fläschchen gebraucht, die man nur nach starker Erhitzung wieder verwenden kann. Das ist natürlich kostspielig. Deshalb ist sowohl im Interesse unserer homöopathischen Arzneimittelhersteller als auch zur Sicherung ihres Niveaus die Methode nach Korsakoff zumindest in den sehr hohen Potenzen vorzuziehen.
Hahnemanns ursprüngliche Potenzen wurden mit Alkohol hergestellt. Auch dies ist – vor allem bei Hochpotenzen – für die Arzneimittelproduzenten eine starke wirtschaftliche Belastung. Da Alkohol zur Potenzierung nicht wieder verwendet werden kann, sind zur Herstellung einer Hochpotenz enorme Mengen davon erforderlich. Um beispielsweise eine C 10 000 zu produzieren, braucht man 50 Liter Alkohol – eine kostspielige Sache! Desto erfreulicher, dass es offenbar keinen Unterschied macht, ob man hochprozentigen Alkohol oder Wasser verwendet: Beide sind in der Vergangenheit erfolgreich benutzt worden, wobei anscheinend jedes Mal die Struktur des Wassers der Überträger der spezifischen Arzneifrequenzen ist, der Alkoholanteil aber konservierend wirkt. Es liegt daher nahe, für die Zwischenpotenzen doppelt destilliertes Wasser zu benutzen. Potenzen jedoch, die als Arzneimittel zur Aufbewahrung bestimmt sind, sollten in 90-prozentigem Alkohol konserviert werden. Wasser ist dazu weniger geeignet, da sich im Laufe der Zeit Mikroorganismen darin vermehren, die die Wirkung des Mittels beeinträchtigen könnten. Alkohol dagegen ist ein von Hahnemann benutztes ausgezeichnetes Konservierungsmittel und verbürgt die unbegrenzte Haltbarkeit der Potenzen.
Auf jeden Fall ist darauf zu achten, dass alle Materialien, die bei diesem überaus subtilen Prozess verwendet werden, von makelloser Beschaffenheit sind; denn selbst die geringsten Verunreinigungen können durch die Potenzierung erhebliche Ausmaße annehmen. Deshalb muss die Umgebung der Potenzierungsgeräte möglichst frei von Staub, chemischen Gerüchen, Sonnenlicht usw. sein. Phiolen, Wasser und Alkohol, die zur Herstellung der Mittel verwendet werden, sollten den höchsten Ansprüchen genügen; außerdem sollte das Wasser zwecks größerer Reinheit doppelt destilliert sein. Zum Verschluss der Fläschchen eignet sich hochwertiger Kork oder zumindest ein Stöpsel mit Korkschicht. Auch beim Milchzucker, der zur Verreibung verwendet und als Mittel verabreicht wird, ist auf besondere Qualität zu achten. Schließlich sollte man noch Mörser und Stößel vor Herstellung eines jeden Mittels entsprechend hoch erhitzen.

Nomenklatur

Potenz-Reihen
Die Terminologie zur Benennung von Potenzen Potenzreihen verschiedener Reihen hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Dabei haben sich Bezeichnungen herausgebildet, die für den Anfänger oft etwas verwirrend sind.
Die Dezimalreihe Dezimalreihe basiert auf dem Verdünnungsverhältnis von 1:10. Die erste Potenz oder D 1 (bzw. im englischsprachigen Raum „1 x“) ist die Verdünnung der Urtinktur 1:10 mit Alkohol oder die Urtinktur eines Mittels selbst. Die zweite Verdünnung (1:10 = 1:100) wird D 2 (bzw. „2 x“) genannt. Nach diesem Prinzip wird z. B. die achte Dezimalverdünnung (1:10 mal 1:10 mal 1:10 mal 1:10 mal 1:10 mal 1:10 mal 1:10 mal 1:10 = 1:10 8 = 1:100 000 000) D 8 (englisch „8 x“) genannt. Eine Potenz der Dezimalreihe zeigt also die Zahl der Nullen im Nenner der endgültigen Verdünnung an.
Die Zentesimalreihe Zentesimalreihe , von Hahnemann entwickelt, wird in der klassischen Homöopathie am häufigsten verwendet. Sie ist auf der reihenweisen Verdünnung im Verhältnis von 1:100 aufgebaut. Deshalb besitzt eine Zentesimalpotenz eine doppelt so starke Verdünnung wie eine Dezimalpotenz. Eine C 30 entspricht im Hinblick auf ihre Verdünnung einer D 60.
Schließlich gibt es noch die 50-Millesimalreihe 50-Millesimalreihe , deren Verdünnung bei jedem Schritt 1:50 000 beträgt. Ihre Potenzen werden als Q- oder fälschlich LM-Potenzen bezeichnet (englisch m-Potenzen). Nach dem Experimentieren mit verschiedenen Verdünnungen und Verschüttelungen schlug Hahnemann gegen Ende seines Lebens die Verwendung dieser besonderen Verdünnungsform vor. Ausgehend von einer C-3-Trituration werden Q-Verdünnungen hergestellt 9

9

Vgl. Hahnemann S: Organon der Heilkunst (1999), § 270.

, die Verdünnung von 1:50 000 wird als Q 1 (bzw. 1. LM), die von 1:125 000 000 000 000 (1:50 000 mal 1:50 000 mal 1:50 000) als Q 3 bezeichnet.
Bedeutung von Verdünnung und Verschüttelung
Es ist äußerst wichtig, dass Verdünnung Verdünnung und Verschüttelung Verschüttelung für das Herstellen einer bestimmten, klinisch wirksamen Potenzstufe unabdingbar notwendig sind. Jede Potenzstufe erfordert eine vorgeschriebene Anzahl von Verschüttelungsschlägen und die ihrer Reihe entsprechende Verdünnung. Aus Abb. 2.4 ist zu entnehmen, wie sich numerisch gleiche Potenzen unterschiedlicher Reihen hinsichtlich ihrer Verdünnungen und der Anzahl ihrer Verschüttelungsschläge (bei durchschnittlich 100 Verschüttelungsschlägen auf jeder Q-Potenzstufe) unterscheiden. Einmal kann man eine bestimmte Anzahl von Verschüttelungen (z. B. 20 000) mit den sehr unterschiedlichen Verdünnungen verschiedener Reihen vergleichen. Zum andern lässt sich feststellen, welche Potenzen in etwa gleich stark verdünnt, jedoch unterschiedlich verschüttelt sind.
Da beide Faktoren bei der Potenzierung eine Rolle spielen, ist es nicht statthaft, Potenzen nur auf ihre Verschüttelung oder nur auf ihre Verdünnung hin zu vergleichen. Nehmen wir z. B. die C 30 oder die D 30; die Anzahl der Verschüttelungen (= 300) ist bei beiden gleich, die der Verdünnungen jedoch unterschiedlich: Die D 30 ist 30-mal 1:10 verdünnt, die C 30 dagegen 30-mal 1:100, d. h. 60-mal 1:10; die C 30 verkörpert also eine höhere Potenz. Wenn wir andererseits zwei Mittel gleicher Verdünnung vergleichen, z. B. eine C 30 mit einer D 60, so ist die D 60 eine höhere Potenz: sie ist, wenn bei jedem Verschüttelungsschritt 10-mal geschüttelt wurde, 600-mal verschüttelt worden, die C 30 jedoch nur 300-mal. (In Deutschland wird nach Hahnemanns Angaben bei den C- und D-Potenzen nur jeweils 10-mal geschüttelt.)
Gelegentlich taucht in der Praxis die Frage auf, welche Potenz einer Reihe in ihrer Wirkung der einer anderen Reihe entspricht. Nehmen wir beispielsweise an, die C 30 hat bei einem Patienten eine gewisse Wirkung erzielt; das gleiche Mittel ist immer noch angezeigt, wir möchten aber zur Q-Reihe überwechseln. Welche Q-Potenz entspricht nun der C-30-Potenz? Ist beispielsweise die Q IX eine höhere Potenz? Oder ist sie eine niedrigere Potenz, weil sie seltener verschüttelt worden ist? Bisher weiß man darauf noch keine Antwort; gewiss eignet sich diese Fragestellung gut für ein Forschungsprojekt. Eines Tages gelingt es vielleicht, eine Formel für den Vergleich von Potenzreihen zu entwickeln; bisher ist das wegen zu vieler unbekannter Faktoren noch nicht möglich. Sind Verschüttelung und Verdünnung beispielsweise gleich wichtig, oder kommt einer von beiden größere Bedeutung zu? Oder ist die eine Behandlungsform vielleicht wichtiger bei den niedrigen, die andere bei den hohen Potenzen? Hat eine bestimmte Anzahl von Verschüttelungen die gleiche oder eine anders geartete Wirkung auf unterschiedliche Verdünnungen? Ist die Wirkung unterhalb der Avogadro-Zahl – vor allem, wenn noch ein großer Teil der ursprünglichen Substanz vorhanden ist – eine andere, oder ist das Verhältnis zwischen ursprünglicher Substanz und Lösungsmittel irrelevant? Bisher sind alle diese Fragen noch nicht geklärt und lassen sich z. T. nur durch aufmerksame Beobachtung und klinische Erfahrung einer Antwort näher bringen.
Spezielle Bezeichnungen
Ebenfalls aufgrund praktischer Erfahrung hat sich im Laufe der Zeit der häufige Gebrauch bestimmter Potenzen Potenzen, Nomenklatur eingebürgert ( Tab. 2.3 ): D 2, D 6, D 12, C 12, C 30, C 200, C 1 000, C 10 000, C 50 000 und C 100 000. Außerdem benutzt man zur Abkürzung römische Ziffern: C 1 000 heißt „1 M“, C 10 000 „10 M“, C 50 000 „50 M“, C 100 000 „CM“ usw. (Das „M“ schreiben wir hier groß, um es von dem „m“, das die Q-Potenzen im englischen Sprachgebrauch kennzeichnet, zu unterscheiden.) Sogenannte Ultrahochpotenzen gehen sogar bis zur MM (C 1 000 000), 50 MM (C 50 000 000), CMM (100 000 000), MMM (C 1 000 000 000) usw. Ab und zu kommt es auch vor, dass ein Homöopath aus bestimmten Gründen eine ungewöhnliche Potenz verschreibt, z. B. eine D 18, eine C 500 oder dergleichen.
Avogadro-Zahl
Wie schon erwähnt, wird die Avogadro-Zahl Avogadro-Zahl verdünnungsmäßig bei D 24 bzw. bei C 12 oder zwischen der Q 5 und 6 (englisch zwischen 5 m und 6 m) unterschritten ( 1.7.2 ), d. h., über diesen Punkt hinaus ist wahrscheinlich kein Molekül des ursprünglichen Stoffes mehr vorhanden. Potenzen wie 10 M oder MMM gehen astronomisch weit über eine chemische Wirksamkeit des Stoffes hinaus. Vielmehr wird die Energie oder der Frequenzbereich der ursprünglichen Substanz auf die energetische Struktur des Lösungsmittels übertragen.
Als Chemiker war Hahnemann wohl die Avogadro-Zahl bekannt 10

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Avogadro-Zahl/-Konstante: Nach dem italienischen Physiker Amedeo Avogadro (1778–1856) benannte Fundamentalkonstante, die die Anzahl der Atome oder Moleküle angibt, die in einem Mol eines Stoffes enthalten sind: NA ≈ 6,0221354(18) × 10 23 mol -1 .

, und es spricht für seine geistige Offenheit sowie für die Bedeutung, die er der empirischen Beobachtung beimaß, dass er dennoch darüber hinausging und Potenzen benutzte, die jenseits dieser Grenze lagen. Er stellte fest, dass ihre Wirksamkeit erstaunlicherweise ständig zunahm, während die Erstreaktionen häufig geringer ausfielen als bei den niedrigen Potenzen. Viele von Hahnemanns Anhängern und Nachfolgern konnten ihm jedoch bis hierhin nicht mehr folgen. Ihre Ideen waren zu sehr geprägt vom physikalisch-chemischen Weltbild, das zur damaligen Zeit um sich griff, und so fanden sie es unglaubhaft, dass Mittel jenseits der stofflichen Dimension noch eine Wirkung haben sollten. Dies führte zu einer Spaltung, aus der schließlich zwei Lager entstanden: auf der einen Seite das der Niedrigpotenzler, auf der anderen das der Hochpotenzler. Mittel, die unterhalb der Avogadro-Zahl liegen, bezeichnet man gewöhnlich als Niedrigpotenzen, Mittel, die darüber hinausgehen, als Hochpotenzen.
Abweichungen von der klassischen Homöopathie
Es trifft jedoch nicht den Kern der Sache, wollte man diese Spaltung einzig unter dem Gesichtspunkt der Potenz sehen. Diejenigen Homöopathen, die von Hahnemann abfielen, lehnten nämlich nicht nur die Verwendung von Hochpotenzen ab, sondern verwarfen auch viele andere seiner Prinzipien. Beispielsweise begannen sie, verschiedene Mittel zu „Komplexmitteln“ zu vermischen, verabreichten mehrere Potenzen auf einmal, wiederholten eine Dosis oft tage- oder wochenlang, verschrieben ihr Mittel isoliert für ein einzelnes erkranktes Organ oder aufgrund einer „klinischen Diagnose“, gaben Drainagemittel usw. – kurzum, sie benutzten die Mittel weitgehend auf allopathische Art und Weise. Diese Pseudo-Homöopathie ist auch heutzutage noch weit verbreitet und raubt in vielen Fällen dem Patienten die Möglichkeit, wirklich gesund zu werden.
Irreführend ist es aber auch, klassische Homöopathen, die in Hahnemanns Sinne wirken, als Hochpotenzler zu bezeichnen. Wer sich als Arzt oder Heilpraktiker streng an die Gesetze der Homöopathie hält, wird jede Potenz benutzen – je nachdem, was der Patient benötigt. Zwar geben Anhänger Hahnemanns in den meisten Fällen wohl Potenzen jenseits der Avogadro-Zahl, weil sie erfahrungsgemäß rascher und tief greifender wirken, doch gibt es auch immer wieder Umstände, unter denen eine D 6 verschrieben werden muss. Die Spaltung hat also tatsächlich weniger mit den Potenzgraden als mit den theoretischen Grundlagen und der Art und Weise der Mittelwahl zu tun.

Hahnemanns Beschreibung der Herstellung von Causticum

„Die Kalkerde, im Zustande des Marmors, verdankt ihre Unlösbarkeit im Wasser und ihre milde Beschaffenheit einer mit ihr verbundenen Säure von der niedrigsten Ordnung, die der Marmor im Glühe-Feuer als Gas entweichen lässt und indess, als gebrannter Kalk, (außer gebundenem Hitzestoffe) eine andere Substanz in seine Zusammensetzung aufgenommen hat, welche, ungekannt von der Chemie, ihm seine ätzende Beschaffenheit erteilt so wie seine Auflösbarkeit in Wasser zu Kalkwasser. Diese Substanz, obgleich selbst nicht Säure, verleiht ihm die kaustische Kraft und läßt sich durch Zusatz einer flüssigen (feuerbeständigen) Säure, die sich mit der Erde durch nähere Verwandtschaft verbindet, in der Destillation abscheiden, als wässeriges Causticum Causticum (Hydras Caustici?).

Man nimmt ein Stück frisch gebrannten Kalk von etwa zwei Pfunden, taucht dieses Stück in ein Gefäß voll destillierten Wassers, eine Minute lang, legt es dann in einen trockenen Napf, wo es bald, unter Entwicklung vieler Hitze und dem eignen Geruche, Kalk-Dunst genannt, in Pulver zerfällt. Von diesem feinen Pulver nimmt man zwei Unzen, mischt damit in der (erwärmten) porcellänenen Reibeschale eine Auflösung von zwei Unzen bis zum Glühen erhitztem und geschmolzenem, dann, wieder erkühlt, gepülvertem, doppelsaurem schwefelsaurem Kali (bisulphas kalicus) in zwei Unzen siedend heißem Wasser, trägt dies dickliche Magma in einen kleinen gläsernen Kolben, klebt mit nasser Blase den Helm auf und an die Röhre des letzteren die halb im Wasser liegende Vorlage und destilliert unter allmählicher Annäherung eines Kohlenfeuers von unten, das ist, bei gehörig starker Hitze, alle Flüssigkeit bis zur Trockenheit ab. Dieses etwas über anderthalb Unzen betragende Destillat, von Wasser-Helle, enthält in konzentrierter Gestalt jene erwähnte Substanz, das Causticum, riecht wie Ätz-Kali-Lauge und schmeckt hinten auf der Zunge schrumpfend und ungemein brennend im Halse, gefriert nur bei tieferen Kältegraden als das Wasser und befördert sehr die Fäulnis hinein gelegter tierischer Substanzen; auf Zusatz von salzsaurem Baryt lässt es keine Spur Schwefelsäure und auf Zusatz von Oxal-Ammonium keine Spur von Kalkerde wahrnehmen.“ 11

11

Hahnemann S: Die chronischen Krankheiten, Bd. III, S. 84 f.

Hahnemanns Beschreibung der Verreibung (Trituration)

Verreibung Trituration

„In dieser der Homöopathie eignen Zubereitung nimmt man von irgend einer, sowohl der in den sechs Bänden der reinen Arzneimittellehre abgehandelten, als insbesondere der hierunten folgenden antipsorischen Arznei-Substanzen: von Kieselerde, kohlensaurer Baryterde, kohlensaurer Kalkerde, kohlensaurem Natrum und Ammoniaksalz, kohlensaurer Magnesia, Holzkohle, Tierkohle, Graphit, Schwefel, rohem Spießglanz-Metall, Gold. Platina, Eisen Zink, Kupfer, Silber, Zinn (die starren, noch nicht in Blättchen verdünnten Metalle auf einem feinen, harten Abzieh-Steine unter Wasser, auch wohl unter Weingeist (wie beim Eisen zerrieben) einen Gran in Pulver (von Quecksilber in laufender Gestalt einen Gran, von Bergöl, statt eines Grans, einen Tropfen) usw., tut ihn zuerst auf ein ungefähres Drittel von 100 Gran Milchzucker-Pulver in der unglasurten (oderw mit nassem Sande auf dem Boden matt gerieben) porcellänenen Reibeschale, rührt Arzneistoff und Milchzucker einen Augenblick mit dem porcellänenen Spatel unter einander und reibt das Gemisch, mit einiger Kraft, 6 Minuten lang, scharrt dann, binnen vier Minuten, das Geriebene auf von dem Boden der Reibeschale und von der (ebenfalls matt geriebenen oder unglasurten) porcellänenen Reibekeule (damit das Geriebene gleichartig unter einander komme), und reibt dies Aufgescharrte, ohne Zusatz, nochmals (zum zweiten Male) 6 Minuten lang mit gleicher Kraft. Zu dem nun wiederum binnen 4 Minuten rein auf- und abgescharrten Pulver (wozu das erste Drittel der 100 Grane verwendet worden) wird nun das zweite Drittel Milchzucker getragen, beides mit dem Spatel einen Augenblick zusammen gerührt, wieder 6 Minuten mit gleicher Kraft gerieben, das dann binnen 4 Minuten Aufgescharrte (ohne Zusatz) zum zweiten Male 6 Minuten lang kräftig gerieben und, wenn es in etwa 4 Minuten rein aufgescharrt worden, mit dem letzten Drittel Milchzucker-Pulver durch Umrühren mit dem Spatel vereinigt, um so das ganze Gemisch nach sechsminütlichem, kräftigen Reiben, und vierminütlichem Wiederaufscharren, zum letzten (zweiten) Male von 6 Minuten zu reiben und dann rein aufzuscharren – ein Pulver, welches in einem verstöpselten Glase aufbewahrt wird, mit dem Namen der Substanz und der Signatur 100 bezeichnet, weil sie hundertfach potenziert darin enthalten ist. Um die Substanzen nun bis 10 000 zu potenzieren, wird ein Gran von dem, wie gedacht, bereiteten Pulver 100 zu einem Drittel von 100 Gran frischem Milchzucker getan, in der Reibeschale mit dem Spatel umgerührt und eben so verfahren, daß jedes solches Drittel zweimal 6 Minuten kräftig gerieben und nach jedem sechsminütlichen Reiben wohl (etwa 4 Minuten über) aufgescharrt wird, ehe das zweite Drittel, und (nachdem dies eben so behandelt und wieder aufgescharrt worden) ehe das letzte Drittel Milchzucker darunter gerührt, und eben so zweimal 6 Minuten gerieben wird, um es dann aufgescharrt in ein zu verstopfendes Glas zu tun mit der Signatur 10 000, als den Arzneistoff zu hunderttausendfacher Verdünnung potenziert enthaltend.“ 12

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Hahnemann S: a. a. O., Bd. I, S. 182–184.

Homöopathische Arzneimittel – sachgemäße Handhabung und Störfaktoren

In diesem Kapitel wollen wir näher auf die äußeren Faktoren eingehen, die eine Wirkung der homöopathischen Mittel Arzneimittel, homöopathisches verhindern können.
Zunächst muss beim Gebrauch des Mittels darauf geachtet werden, dass sein empfindlicher Energiezustand nicht schon zerstört (inaktiviert) ist, bevor der Patient es einnimmt. Dann sind die Faktoren zu beachten, die die Wirksamkeit des Mittels noch Monate oder Jahre nach seiner Einnahme aufheben können.
Nachdem man sich die Mittel beim Apotheker oder bei einer pharmazeutischen Firma besorgt hat, ist es wichtig, dass man sachgemäß damit umgeht. Die meisten klassischen Homöopathen bewahren ihre Mittel in der Praxis auf und geben sie selbst an die Patienten ab. Es gibt heute auch eine wachsende Zahl von Apothekern, die die Mittel auf Rezept verkauft. Gegen beide Methoden ist nichts einzuwenden, solange eine ordnungsgemäße Aufbewahrung der Mittel gewährleistet ist.
Meist befindet sich das Mittel in einem Glasfläschchen mit Kork- oder (korkbesetztem) Plastikstöpsel. Bei langfristiger Lagerung sollte das Fläschchen aus getöntem Glas bestehen, um Lichteinwirkung abzuhalten. Zur Abgabe an Patienten werden auch Fläschchen aus durchsichtigem Glas benutzt. Die Arzneien müssen aber immer so aufbewahrt werden, dass sie weder der Sonne noch großer Hitze, Kälte, Feuchtigkeit oder starken Gerüchen ausgesetzt sind. Alle diese Faktoren können den dynamisierten Zustand des Mittels zerstören.
Jeder Homöopath hat seine eigene Methode, in welcher Form er die Mittel verabreicht; ich glaube jedoch, dass ihre Qualität nur dann garantiert ist, wenn sie vorschriftsmäßig von guten Apotheken abgegeben werden. Bei Nichtbeachtung der Vorschriften kann es leicht passieren, dass eine Arznei inaktiv wird, noch bevor sie den Patienten erreicht.
Nun taucht allerdings eine Schwierigkeit auf: Wenn ein Mittel seine Wirksamkeit Arzneimittel, homöopathisches Wirksamkeit verloren hat, wird man wahrscheinlich einige Zeit gar nichts davon merken. Stellt der Patient keine Besserung fest, wird man, anstatt die Wirkung des Mittels infrage zu stellen, erst einmal annehmen, er habe das falsche Mittel bekommen. Da es bei der homöopathischen Behandlung ohnehin schon viele Unsicherheitsfaktoren gibt, ist es außerordentlich wichtig, mit den Arzneimitteln unter ständigen Kontrollen so vorsichtig wie möglich umzugehen.
Vom Horten großer Mittelvorräte rate ich dringend ab. Wer die Mittel in der eigenen Praxis aufbewahrt, sollte sie unter allen Umständen jedes Mal, wenn sie aufgebraucht sind, bei einer homöopathischen Arzneimittelfirma neu bestellen. Das hat vor allem den Vorteil, dass der pharmazeutische Hersteller daran verdient – ein wichtiger Gesichtspunkt, um sicherzustellen, dass wir jederzeit wirksame Arzneien auf dem Markt vorfinden. Selbst wenn wir unsere Mittel immer wieder neu kaufen, bleiben die Kosten verschwindend gering.
Trotz dieser Erwägungen ziehen viele Homöopathen es vor, einen eigenen Vorrat an Mitteln in ihrer Praxis zu lagern. Vielleicht ließe sich ein Kompromiss schließen, indem man sich den Vorrat auf zweierlei Weise anlegt: Einen Teil in „trockener“ Form, d. h. als Milchzuckerglobuli, die dem Patienten direkt verabreicht werden können; den anderen Teil als Dauervorrat in flüssiger Form. Ist ein Fläschchen mit Globuli aufgebraucht, wird es mit neuen gefüllt, denen man ein paar Tropfen des flüssigen Mittels zusetzt. Auf diese Weise werden inaktivierte Mittel mithilfe des flüssigen Dauervorrats reaktiviert, den man in getönten, nur selten geöffneten Glasfläschchen aufbewahrt. Geht schließlich ein Mittel des flüssigen Vorrats zu Ende, wird es in der Apotheke nachbestellt.

Wirksames Verabreichen eines Mittels

Im Allgemeinen werden homöopathische Mittel Arzneimittel, homöopathisches Verabreichung verabreicht, indem man dem Patienten einige Milchzuckerglobuli Globuli Milchzuckerglobuli auf die Zunge gibt. Er kann sie im Mund zergehen lassen oder herunterschlucken. Als Homöopath sollte man sich angewöhnen, vor Öffnen des Fläschchens einen Augenblick innezuhalten, um zu prüfen, ob im Raum irgendwelche starken Gerüche wahrnehmbar sind. Auch sollte der Patient kein Parfüm tragen, wenn er die Arznei einnimmt.
Die beste Zeit zum Einnehmen Globuli Einnahme ist morgens vor dem Frühstück und bevor die Zähne mit Zahnpasta geputzt worden sind. Der Mund soll nämlich frei sein von starken Aromen (besonders zu vermeiden sind z. B. Kampfer, Pfefferminz, Zwiebeln, Knoblauch usw.) Falls bei der Einnahme solch ein Geschmacksrest noch im Mund ist, kann das Mittel inaktiviert werden, sobald es die Zunge berührt. Deshalb muss der Patient nach dem Essen mindestens eineinhalb Stunden mit der Einnahme warten, um sicherzugehen, dass sich der Geschmack aller Gewürze verflüchtigt hat. Wenn er das Mittel aber vor der Mahlzeit einnimmt, kann er nach 10 Minuten bedenkenlos essen. Manche Mittel sollten abends vor dem Einschlafen genommen werden.
Ein Mittel, das öfters wiederholt werden soll, gibt man in Wasser. Am besten verrührt man einige Globuli in einem Glas (nicht in einem Plastikbecher) mit destilliertem Wasser, bis sie sich vollständig aufgelöst haben. Dann nimmt der Patient nach Anweisung des Homöopathen im Laufe des Tages schrittweise den Inhalt ein. Soll er am nächsten Tag eine weitere Dosis erhalten, füllt er das Glas mit destilliertem Wasser nach, deckt es fest zu und schüttelt es kräftig, dann nimmt er wieder daraus. Während der ganzen Zeit bewahrt er es an einer Stelle auf, an der es vor direktem Sonnenlicht, großer Hitze oder Kälte oder starken Gerüchen geschützt ist. Am nächsten Tag nimmt er wieder eine Dosis und kann diesen Prozess so oft wie nötig wiederholen. Man nennt diese Methode auf Englisch „Plussing“ oder Aktivieren und verwendet sie normalerweise bei niedrigen Potenzen. Durch das Verrühren oder Verschütteln wird vor jeder Einnahme eine geringradig höhere Potenz erzeugt, wie Hahnemann das für die Einnahme der Q-Potenzen im „Organon“ vorgeschrieben hat 13

13

Hahnemann S: Organon der Heilkunst (1999), §§ 280–282.

. Nehmen wir beispielsweise an, ein Patient bekommt ein Mittel in der D 12 mit der Anweisung, es in dieser Zubereitung 10 Tage lang einzunehmen. Die Dosis ändert sich geringfügig, der Verschüttelungsgrad aber steigt, sodass er am ersten Tag etwa eine D 13 einnimmt, am zweiten Tag etwa eine D 14 stärker verschüttelt und so fort. Am 10. Tag hat sich die Potenz – je nach Hinzufügen von Wasser – nur wenig erhöht, die Verschüttelung aber wäre schon mit D 23 vergleichbar.

Antidotierung

Nach der wirksamen Verabreichung des Mittels wendet sich unsere Aufmerksamkeit nun den vielen Faktoren zu, die es, nachdem der Organismus bereits darauf reagiert hat, antidotieren können; dies ist möglich durch eine Beeinträchtigung des Abwehrgefüges.

Merke

Als allgemeine Regel gilt: Mehr oder weniger alles, was auf einen Menschen eine medizinische Wirkung hat, kann das homöopathische Mittel antidotieren. Ebenso kann alles, was einen überaktiven, nervösen Zustand oder einen künstlichen Ruhe- oder Schlafzustand hervorruft, die Wirkung des Mittels stören.

Genau genommen, wird hier eigentlich nicht das Mittel antidotiert Antidot – man verwendet diese Redewendung nur der Einfachheit halber –, sondern das Abwehrgefüge wird in seiner Reaktion gestört, z. B. durch den Reiz von allopathischen Medikamenten, Kaffee, Pfefferminz usw. Der Patient ist also dafür verantwortlich, Stoffe, von denen man weiß, dass sie eine störenden Wirkung auf das Abwehrgefüge haben und einen Rückfall hervorrufen können, strengstens zu vermeiden.
In erster Linie sind solche „Gegenmittel“ allopathische Medikamente Medikamente, allopathische . Schmerzmittel, Antibiotika, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Abführmittel und dergleichen sind heute so weit verbreitet, dass viele Menschen gedankenlos und routinemäßig davon Gebrauch machen. Dennoch handelt es sich um stark wirksame Substanzen, die homöopathische Mittel leicht antidotieren können. Allopathische Arzneien sollten daher, wenn nicht ausdrücklich vom behandelnden Homöopathen genehmigt, konsequent vermieden werden.
Die einzigen Ausnahmen können leichte Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure sein, soweit sie nicht mit anderen Stoffen zusammen verarbeitet sind. In geringen Mengen für akute Zustände verwendet, kann man sie sogar unter bestimmten Voraussetzungen einer homöopathischen Behandlung vorziehen. Ein Patient z. B., dessen chronische Beschwerden homöopathisch behandelt werden, sollte bei kurzen akuten Erkrankungen, die von selbst heilen, kein homöopathisches Mittel erhalten; besser ist es, ihm bei unerträglichen Schmerzen Acetylsalicylsäure zu verabreichen.
Kaffee Kaffee ist ein anderes, wohlbekanntes „Gegenmittel“. Wer homöopathisch behandelt wird, sollte auf Bohnenkaffe völlig verzichten. Da es nicht möglich ist, im Voraus zu wissen, welche Patienten auf Kaffee empfindlich reagieren und welche nicht, ist es zweckmäßig, den Kaffeegenuss generell zu verbieten, gleichgültig, ob jemand gewöhnt ist, eine oder drei Tassen pro Tag zu trinken. Winzige Mengen, wie sie in Mokkakuchen oder Mokkaeis vorkommen, brauchen uns in der Regel nicht zu beunruhigen. Es geht vielmehr darum, dass Kaffee eine Medizin ist, die das Nervensystem stark stimuliert. Die Menge, die ein Patient zur Anregung braucht, kann bei ihm einen Rückfall verursachen. Andere Getränke wie geringe Mengen schwarzen Tees (solange er nicht zu anregend wirkt), Kornkaffe usw. sind akzeptabel.
Wenn ein Patient allerdings vorwiegend Kräutertee Kräutertee trinkt, ist besondere Vorsicht geboten. Die üblichen „Kräutertees“ schaden zwar nicht, wenn nicht täglich die gleiche Sorte verwendet wird. Durch Wiederholung aber können sie medizinisch wirken. Am geeignetsten sind nicht-medizinische Früchtetees. Ein Tee, von dem der Patient weiß, dass er in ihm Reaktionen auslöst – dass er z. B. anregend, beruhigend, verdauungsfördernd, diuretisch oder Magenschmerzen lindernd wirkt –, sollte nicht getrunken werden.
Kampfer Kampfer ist ebenfalls ein Stoff, der homöopathische Arzneien antidotieren kann. Die üblichen Einreibemittel wie Vaporub ® , Transpulmin ® und dergleichen, die z. B. „für die Bronchien“ angewendet werden, enthalten oft sehr viel Kampfer. Man sollte sie nicht benutzen. Das Gleiche gilt für die meisten Lippenpomaden. Sogar das Einatmen von Kampferdämpfen kann die Mittelwirkung aufheben.
Kosmetika Kosmetika enthalten dagegen, falls nicht ausdrücklich anders angegeben, nur unbedeutende Zusätze. Im Allgemeinen gibt die Inhaltsbeschreibung eines kosmetischen Produktes genügend Aufschluss; ansonsten sind stark aromatische Stoffe zu vermeiden.
Auch Zahnbehandlungen Zahnbehandlungen antidotieren sehr oft die Wirkung homöopathischer Mittel. Wer sich zur homöopathischen Therapie entschließt, zugleich aber weiß, dass er demnächst zum Zahnarzt muss, wartet am besten mit der Einnahme des ersten Mittels, bis die Zahnbehandlung abgeschlossen ist. Sollte sich jedoch eine Zahnbehandlung während der homöopathischen Therapie als unumgänglich erweisen, ist es von Vorteil, eine Akupunkturbetäubung zu wählen oder das Betäubungsmittel so niedrig wie möglich zu dosieren. Der Zahnarzt sollte auch vom Patienten gebeten werden, keine Medikamente oder stark aromatische Stoffe – vor allem Gewürznelkenöl oder pfefferminzhaltige Substanzen – einzusetzen. Es gibt Fälle, in denen sogar der Pfefferminzgeschmack einer Zahnpasta das Mittel antidotiert. Dergleichen kommt besonders bei Ignatia Ignatia , Natrium muriaticum Natrium muriaticum und anderen Natriumsalzen vor und wird so häufig beobachtet, dass man als Homöopath diese Möglichkeit unbedingt in Betracht ziehen muss.
Auch bei verschiedenen anderen therapeutischen Maßnahmen wurde schon beobachtet, dass sie der homöopathischen Behandlung entgegenwirken, z. B. beim Einsatz von Nasentropfen und -sprays sowie hohen Vitamindosen, bei Heilbädern, Polaritätsmassagen und Kräuterkuren. Selbst die Akupunktur kann eine begonnene Reaktion des Abwehrgefüges ungünstig beeinflussen. Am besten verzichtet man während der Therapie darauf.
Nahrungsmittel beeinträchtigen den Organismus im Allgemeinen nicht so weitgehend, dass sie das Mittel antidotieren. In gewöhnlichen Mengen scheinen sie keine medizinische Wirkung zu haben. Interessanterweise trifft das auch auf Zigaretten und Alkohol in Maßen zu: Bisher hat man nicht beobachtet, dass sie die Wirkung eines Mittels beeinträchtigen.

Fallaufnahme (Anamnese)

Die Homöopathie ist eine wissenschaftliche Disziplin, fest gegründet auf verifizierbare Gesetze, Methoden und Prinzipien. Bei ihrer Anwendung auf den einzelnen Patienten jedoch wird sie auch zu einer Kunst; nirgends wird dies so deutlich wie bei der Fallaufnahme Fallaufnahme Anamnese . Obgleich es allgemeine Orientierungshilfen zur homöopathischen Anamnesetechnik gibt, so ist doch jede Befragung in ihrer Art einmalig und einzigartig. Sie verlangt vom Homöopathen großes menschliches Einfühlungsvermögen, denn der Zugang zum Patienten muss jeweils auf ganz individuelle Weise gefunden werden. Es ist dies ein lebendiges, von der Eigenart der Begegnung und von in diesem Augenblick gerade Zufallendem geprägtes Zusammenwirken, dessen Ergebnisse dennoch wissenschaftlich fundierte Schlussfolgerungen erlauben.
In chronischen Fällen Krankheit chronische (zur Aufnahme eines akuten Falles 2.4.5 ) erfordert die Fallaufnahme zunächst gründliche Anleitung und Erfahrung; aus Büchern lässt sie sich kaum erlernen. Gewiss können Lehrbücher die Grundlagen der Zielsetzung einer guten homöopathischen Befragung vermitteln. Der Nachteil ist jedoch, dass der Leser leicht dazu verleitet wird, sich den Befragungsprozess anhand fester Regeln vorzustellen. Der Autor des Buches sieht sich meist genötigt, seine Erfahrungen und Beispiele zu verallgemeinern und zu systematisieren; dadurch bildet sich der Leser oft eine Vorstellung, die zu schematisch ist, zu wenig differenziert und flexibel. Die einzig zuverlässige Art, die Kunst der Fallaufnahme zu erlernen, besteht darin, dass man bei einem erfahrenen und erfolgreichen Homöopathen in die Lehre geht. Das mag am Anfang so aussehen, dass man einfach dabeisitzt und beobachtet, wie er die Befragung durchführt, und anschließend die Eindrücke bespricht. Ideal ist dafür eine Praxis mit durchsichtigem Spiegel oder mit einer Videokamera: Das Interview kann in aller Diskretion stattfinden, während der Student hinter dem Spiegel oder am Fernsehschirm sitzt und sich Notizen macht. Später kann dann der Lehrer diese Notizen durchsehen und sich zu den Nuancen und Besonderheiten des Falles äußern. Dieses Feed-back zur Aufnahme der Symptome und zur Interpretation des Patientenverhaltens wird anfangs sehr wichtig sein: Der Student lernt dadurch, das nötige Fingerspitzengefühl für einen Patienten zu entwickeln und dessen Ausdrucksweise in homöopathisch brauchbare Terminologie zu übersetzen.
Später soll der Student die Befragung selbstständig durchführen. Er muss versuchen, subjektive Fehlerquellen zu erkennen und zu vermeiden, und eine gewisse Selbstdisziplin lernen, wie sie aufgrund der Befragungssituation notwendig ist. Außerdem muss er lernen, verschiedenen Erfordernissen gleichzeitig zu entsprechen: Es muss exakte, objektive Informationen zusammentragen, ein Gespür dafür entwickeln, was der Patient wirklich ausdrücken will, und einen persönlichen Kontakt herstellen, durch den der Patient sich ermutigt fühlt, seine innersten Empfindungen auszusprechen. Auch dieser Schritt sollte möglichst unter Leitung eines erfahrenen Homöopathen erlernt werden, sodass der Anfänger seine Befragungstechnik stetig verbessern kann. Jeder Interviewer hat seine eigene Persönlichkeitsausstrahlung und seinen individuellen Befragungsstil, zugleich muss dieser aber auf jeden Patienten adäquat zugeschnitten werden. So ist es wichtig, die Geschicklichkeit beim Interview immer mehr zu verfeinern, sodass die Auskünfte, die man schließlich zu Papier bringt, eine zuverlässige Grundlage für weitere Nachforschungen bilden.
Die Informationen, die bei der homöopathischen Befragung gesammelt werden, stellen schon den halben Weg zur Heilung dar. Man kann einen gut aufgenommenen Fall, der in die Tiefe geht und ein lebendiges Bild vom Patienten vermittelt, stundenlang mit Gewinn studieren – nicht nur auf der Suche nach dem passenden Mittel, sondern auch, um zu einem tieferen Verständnis über die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Krankheit zu gelangen. Für den Patienten ist eine gut durchgeführte Befragung ebenfalls eine bereichernde Erfahrung: Sie bietet ihm Gelegenheit, sich in Selbsterkenntnis die bedeutsamsten und persönlichsten Bereiche seines Lebens bewusst zu machen.
Ein schlecht aufgenommener Fall kann hingegen zur Quelle endloser Frustration werden: Je länger man ihn studiert, desto unklarer wird der eigentliche Gesamtzusammenhang; die Wahl des Mittels anhand derartiger Informationen bleibt ein Ratespiel. Werden die Auskünfte nicht durch Folgebefragungen korrigiert und vervollständigt, kann ein derartiger Fall sich unter Umständen jahrelang hinziehen: Immer wieder wird das Bild aufs Neue getrübt, weil die Mittel aufs Geratewohl verordnet wurden – bis der Fall schließlich unheilbar ist. Derartiges erlebt jeder Homöopath während seiner ersten Jahre, in denen er noch Erfahrungen sammelt; der Schaden, den er anrichtet, kann jedoch durch praktische, fachkundige Beaufsichtigung zumindest sehr verringert werden.
Zweck des homöopathischen Interviews ist es, die Gesamtheit der Symptome, die für den Patienten auf allen drei Ebenen von Bedeutung sind, genau festzuhalten. In dieser Gesamtsymptomatik äußert sich die im dynamischen Feld vorliegende pathologische Störung ( 1.6.2 ), und nur, indem alle Symptome genau und vollständig ermittelt werden, ist es möglich, diese Störung zu begreifen. Erst in der Gesamtheit der Symptome drückt sich die charakteristische Frequenz einer Krankheit aus. Bei der Befragung werden daher nicht einfach Einzeldaten gesammelt, die man später schematisch oder mittels eines Computers analysieren kann; vielmehr ist ihre Gesamtheit lebendiger Ausdruck von Störungen der persönlichsten Bereiche im Leben des Patienten, und der Befrager muss daher den Kranken behutsam zur Äußerung über diesen inneren Zustand ermutigen.
In diesem Sinne lässt sich die homöopathische Fallaufnahme als eine Kunst bezeichnen. Der Befrager gleicht einem Maler, der mit vielen gezielten Pinselstrichen nach und nach ein Bild schafft, das in seiner wesentlichen Aussage einen bestimmten Aspekt der Wirklichkeit wiedergibt. Ein Gemälde ändert, nachdem der Künstler an irgendeiner Stelle angesetzt hat, allmählich seine Gestalt; es entwickelt sich zuweilen in unvorhersehbarer Weise und nimmt immer klarere Formen an. Ebenso ist es mit dem homöopathischen Interview. Zu Beginn deuten die Aussagen des Patienten vielleicht auf ein bestimmtes Mittel hin, die Entwicklung seines Krankheitsbildes stellt sich in einer bestimmten Weise dar; doch kann sich das durch weitere Aussagen im Laufe des Interviews vollständig ändern. So sind denn die Informationen, die die homöopathische Befragung liefert, verifizierbar wie alle wissenschaftlichen Daten; die Art jedoch, in der sie gewonnen werden, ist eine Kunst.

Rahmenbedingungen

Auch der Rahmen, in dem das Interview Anamnese Rahmenbedingungen stattfindet, ist von Bedeutung: ein ruhiger Raum, einfach, aber harmonisch und geschmackvoll ausgestattet. Starke optische Reize sind so weit wie möglich auszuschalten, ebenso Hektik und Unruhe, denn der Befragte darf sich nicht unter Zeitdruck fühlen. Am besten ist es, wenn der Patient ohne allzu viel Vorwissen, d. h. möglichst unvoreingenommen, zur Befragung kommt. Wohl können ein paar Hinweise gegeben werden – etwa, dass die homöopathische Fallaufnahme den Menschen als Ganzes einbezieht und sich nicht auf körperliche Beschwerden beschränkt. Eine ausführliche Erläuterung der gewünschten Informationen und vor allem die Benutzung von Fragebögen sollte jedoch vermieden werden. Allzu leicht wird der Patient dadurch veranlasst, unbedeutenden Einzelheiten besondere Beachtung zu schenken, anstatt sich auf die Dinge zu konzentrieren, die für sein Leben tatsächlich wichtig sind. Natürlich ist auch das Verhalten des Homöopathen ein bedeutsamer Faktor; es kann sich günstig oder ungünstig auf den Erfolg der Befragung auswirken. Ausschlaggebend ist jedoch, dass der Therapeut echte Anteilnahme am Wohlergehen seines Patienten zeigt. Diese Anteilnahme sollte, während der Kranke erzählt, durch hin und wieder eingeworfene, unaufdringliche Fragen zum Ausdruck kommen; vor allem aber zeigt sie sich dem Patienten am konzentrierten, aufmerksamen Zuhören. Spürt der Befragte beim Homöopathen echtes Interesse, wird er bereit sein, alle gewünschten Informationen zu geben.
Der Homöopath sollte sich während des Interviews jeden Urteils enthalten und die vom Patienten geäußerten Symptome mit Interesse, aber ohne Wertung anhören. Er sollte weder Ratschläge noch moralische Hinweise geben. Fühlt der Patient sich nämlich beurteilt, dann besteht die Gefahr, dass er sich innerlich zurückzieht bzw. bestimmte Erwartungen erfüllen will und genau die Informationen verweigert, die am wichtigsten sind. Unvoreingenommenheit ist nicht nur notwendig, damit sich der Patient wohlfühlt und offen äußert, sondern auch, damit der Homöopath selbst das Problem erkennen kann. Häufig neigt man dazu, Symptome aufgrund von früheren Erfahrungen oder Kenntnissen der Materia Medica zu interpretieren. Vielleicht lässt sich das nicht völlig vermeiden, doch sollte man sich sehr davor hüten, die Äußerungen eines Patienten bewusst oder unbewusst in vorgefasste Kategorien zu zwängen.
Damit ist der empirische Ansatz der Befragung im Wesentlichen umrissen. Schon Hahnemann warnt vor übereilten Schlüssen:

„Bei Erforschung des Symptomen-Inbegriffs […] ist es sehr gleichgültig, ob schon ehedem etwas Ähnliches unter diesem oder jenem Namen in der Welt vorgekommen sei. Die Neuheit oder Besonderheit einer solche Seuche macht keinen Unterschied weder in ihrer Untersuchung noch Heilung, da der Arzt ohnehin das reine Bild jeder gegenwärtig herrschenden Krankheit als neu und unbekannt voraussetzen und es von Grunde aus für sich erforschen muß, wenn er ein echter, gründlicher Heilkünstler sein will, der nie Vermutung an die Stelle der Wahrnehmung setzen, nie einen, ihm zur Behandlung aufgetragenen Krankheitsfall weder ganz noch zum Teile für bekannt annehmen darf, ohne ihn sorgfältig nach allen seinen Äußerungen auszuspähen;“ 14

14

Hahnemann S: Organon der Heilkunst (1999), § 100.

James Tyler Kent Kent, James Tyler (1849–1916), einer der bedeutendsten nordamerikanischen Homöopathen, bekennt in aller Bescheidenheit, wie leicht sich Vorurteile in diesen Prozess einschleichen können und kommentiert obigen Paragrafen Hahnemanns folgendermaßen:

„Halten sie sich dies (den Paragraphen 100) immer vor Augen, unterstreichen Sie es ein halbes Duzend mal rot, schreiben Sie es sich an die Wand, setzen Sie den Zeigefinger darauf. Es gehört zum Wichtigsten, sich bei der Prüfung eines Falles jeden anderen Fall, der scheinbar ähnlich war, aus dem Kopf zu schlagen; andernfalls schleicht sich, allen guten Vorsätzen zum Trotz, Voreingenommenheit ein. Ich selbst muss das bei jedem neuen Fall, den ich bearbeite, in mir bekämpfen. Es kostet mich Mühe, nicht an Parallelen aus meiner ärztlichen Erfahrung zu denken; dies aber würde mich zu Vorurteilen verleiten.“ 15

15

Kent JT: Lectures on Homoeopathic Philosophy, Kap. XXVI, S. 128.

Der Homöopath Homöopath-Patienten-Verhältnis muss dem Patienten mit wachem Einfühlungsvermögen und lebendiger Vorstellungskraft zuhören. Er muss die Fähigkeit entwickeln, die Erfahrungen seines Patienten mitzuerleben; das bedeutet nicht bloß, sich selbst in sein Gegenüber hineinzuversetzen, sondern auch, dessen Erfahrungen jeweils innerhalb ihres Bezugsrahmens zu sehen. Natürlich kann ein Homöopath nicht all das erlebt haben, was Patienten im Laufe eines Praxistages berichten. Er muss daher versuchen, alle persönlichen Vorurteile aufzugeben und sich mithilfe seiner Vorstellungskraft in die Situation des anderen hineinzuversetzen, um dessen Erfahrungen wenigstens einen Moment lang nachzuempfinden.
Ein Patient berichtet beispielsweise, er bekomme in einer Menschenmenge Angst. Wer als Homöopath dieses Symptom persönlich nie erlebt hat, wird sich nun fragen: Was ist damit eigentlich gemeint? Ein Gefühl der Beklemmung oder Erstickung, als ob man eingeschlossen wäre und keine Luft bekäme? Oder die Angst vor körperlicher Verletzung? Oder der Gedanke, nicht weglaufen zu können, falls irgendetwas passieren sollte? Oder eine emotionale Empfindsamkeit für das Leiden der anderen Menschen in der Menge? Oder das Gefühl, in der Masse seine Identität zu verlieren? Aus dergleichen Überlegungen heraus kann der Homöopath dann Fragen formulieren, die dem Patienten die genaue Beschaffenheit dieses Symptoms klarer zu Bewusstsein bringen. Indem er sich so in ein Symptom hineinversetzt, vermittelt der Arzt dem Patienten das Gefühl echten Interesses und zeigt, dass er imstande ist, dessen innerstes Erleben und Denken zu verstehen.
Für den homöopathischen Neuling findet bei der Befragung der gleiche Prozess statt, den er auch beim Studium der Arzneimittellehre erlebt: Zunächst ist er außerordentlich frustriert angesichts der überwältigenden Masse von scheinbar unzusammenhängenden Daten. Beginnt er jedoch, über jedes einzelne Symptom in der oben beschriebenen Weise nachzudenken, wird er das Mittel allmählich als lebendige Einheit kennenlernen. Alle Symptome sind mit Ernst und Interesse aufzunehmen und müssen mithilfe der Vorstellungskraft zum eigenen Erlebnis werden. Dabei ist stets zu fragen: Welche Empfindungen ruft dieses Symptom wohl hervor? In welcher Beziehung steht es zu den anderen Symptomen? Wer sich derart eingehend in die Bedeutung der Symptome und ihr Verhältnis untereinander vertieft, erwirbt sich allmählich ein gründliches Verständnis des Mittels – genauso, wie er später durch diesen Prozess ein besseres Verständnis für den Patienten gewinnt. Fühlt ein Patient, dass man sich um ihn kümmert und ihn zu verstehen sucht, anstatt über ihn Gericht zu halten, so wird er schließlich auch sein Innerstes auftun. Und gerade so enthüllt am Ende auch ein Mittel sein innerstes Wesen, seine „Idee“, wenn es der Homöopath mit Interesse, Verständnis und ohne Vorurteil aufnimmt. Diese beiden lebendigen Bilder oder „Ideen“ (Patient und Mittel) aufeinander abzustimmen – darin besteht ja letztlich die Hauptaufgabe der Homöopathie.

Ermitteln der Symptome

Spontanbericht des Patienten
Während des Interviews spricht der Homöopath verhältnismäßig wenig; nur von Zeit zu Zeit stellt er die eine oder andere Frage, um irgendeinen Punkt zu klären bzw. dem Patienten sein Interesse zu zeigen oder um den Bericht auf wichtigere Aspekte hinzulenken. Es ist ein behutsames, klärendes Vorgehen, kein ödes, mechanisches Anhäufen von Fakten. Der Homöopath nimmt lebendigen inneren Anteil an dem, was der Patient erzählt – ein Prozess, der sich vom Gebrauch der Fragebögen grundlegend unterscheidet. Es geht nicht darum, möglichst viele Daten zusammen zu tragen, sondern ein lebendiges Bild des eigentlichen, inneren Leidens des Patienten zu erhalten.
Gewöhnlich beginnt man das Gespräch, indem man den Patienten erst einmal alle seine augenblicklichen Probleme erzählen lässt. Meist fängt er dann an, in allgemeinen Begriffen über seine körperlichen Symptome zu berichten und sich auf Dinge zu konzentrieren, die in erster Linie für den Allopathen von Interesse sind: Laboruntersuchungen, Diagnosen anderer Ärzte usw. Man lässt ihn in Ruhe ausreden, bis ihm für den Augenblick nichts mehr einfällt.
Die allopathische Information ist auch für den Homöopathen wichtig – nicht weil sie ihm hilft, das passende Mittel zu finden, sondern weil sich danach beurteilen lässt, wie schwerwiegend das derzeitige Leiden des Patienten ist und welche Prognose für die Zukunft gestellt werden kann. Deshalb ist es durchaus sinnvoll, allopathische Unterlagen und Laborberichte durchzugehen. Ist der pathologische Zustand dann immer noch unklar, sollten weitere Labor- und Röntgenuntersuchungen stattfinden und ggf. die Diagnose eines Spezialisten hinzugezogen werden.
Gelenkter Bericht
Nachdem der Patient ausgeredet hat, kann der Homöopath fragen: „Und was sonst noch?“ Damit deutet er an, dass nicht nur körperliche Beschwerden von Bedeutung sind. Überhaupt kann er kurz darauf aufmerksam machen, dass für ihn die Gesamtheit der Symptome wichtig ist.
Der nächste Schritt besteht meist darin, den Bericht Anamnese gelenkter Bericht noch einmal durchzugehen, um die genaue Beschaffenheit jedes einzelnen Symptoms zu klären und die für die Homöopathie so wichtigen Einzelheiten zu erfahren. Man fragt nach der exakten Lokalisation des Symptoms und der Empfindung, die damit verbunden ist; wann es normalerweise schlimmer wird, und wann es zum ersten Mal aufgetreten ist, d. h. vor wie vielen Monaten oder Jahren; außerdem fragt man nach den Modalitäten, durch die es besser oder schlimmer wird: Kälte, Wärme, Wetteränderungen, Bewegung, Ruhe, Lage, Massage, Druck usw. Da diese Symptome die Hauptbeschwerden des Patienten sind, sollte ausführlich auf sie eingegangen werden, selbst wenn sich schließlich herausstellt, dass sie für die Wahl des Mittels weniger wichtig sind. Auch die nötigen körperlichen Untersuchungen sollten durchgeführt werden; sie liefern zusätzlich objektive Informationen und signalisieren dem Patienten, dass sein Problem gründlich untersucht wird.
Hieran anschließend ergibt sich die Frage: Wie hat sich der derzeitige Krankheitszustand des Patienten entwickelt? Dazu sollte nicht nur die Vorgeschichte ermittelt werden, sondern vor allem auch die genaue Reihenfolge, in der die derzeitigen Symptome aufgetreten sind. Wann wurden sie zum ersten Mal bemerkt? Fallen irgendwelche bedeutsamen Ereignisse im Leben des Patienten ungefähr mit dem Auftreten der Symptome zusammen? Welche „auslösenden Ursachen Ursachen auslösende könnten bei ihrem Entstehen eine Rolle gespielt haben? Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Krankheit sind ganz besonders folgende Faktoren zu berücksichtigen:
  • Alle Ereignisse, die beim Patienten einen geistigen oder seelischen Schock ausgelöst haben könnten, z. B. Kummer, größere Besitzverluste, Trennung von geliebten Menschen, Identitätskrisen und andere Belastungen.

  • Alle Erkrankungen, die sich möglicherweise nachhaltig auf die gesundheitliche Verfassung des Patienten ausgewirkt haben; vor allem Geschlechtskrankheiten, lang andauernde Infektionskrankheiten, Nervenzusammenbrüche oder geistig-seelische Gleichgewichtsstörungen.

  • Alle Behandlungen, die der Patient im Laufe seines Lebens erhalten hat. Behandlungen haben häufig eine unterdrückende Wirkung ( 1.8.2 ), können also dazu beitragen, die Krankheitserscheinungen in zentralere Bereiche des Organismus zu verdrängen. Das gilt u. a. für medikamentöse Behandlungen, Operationen, Psychotherapie, Naturheilverfahren und sogar Meditationstechniken. Vor allem muss gefragt werden nach Kortison, Kontrazeptiva, Schilddrüsenhormonen, Beruhigungsmitteln und Antibiotika. Häufig hilft dem Patienten das Nachfragen, um sich an irgendein weiteres wichtiges Ereignis in der Vergangenheit zu erinnern.

  • Alle Impfungen und die damit zusammenhängenden Reaktionen des Patienten ( 1.8.3 ).

Das gesammelte Material ist in chronologischer Reihenfolge zu ordnen, sodass sich die Entwicklungsstadien der derzeitigen Pathologie überblicken lassen. Oft ist die Befragung auch für den Patienten sehr aufschlussreich, denn für gewöhnlich hat er sich über manche dieser Faktoren im Zusammenhang mit seiner Gesundheit bisher keine Gedanken gemacht.
Ist die Befragung so weit fortgeschritten, dürfte die Erkrankung und ihre Entwicklung im Wesentlichen geklärt sein. Der Arzt kann sich nun der für die Homöopathie typischen Symptomatik zuwenden – Lebensbereichen, die der Patient wahrscheinlich für medizinisch unwichtig gehalten hat und die daher – abgesehen von dem Aufschluss, den sie dem Homöopathen geben – auch für ihn wiederum instruktiv sind. Diese Fragen sollten ausführlich behandelt werden, allerdings schwerpunktmäßig auf den Bereichen, die im täglichen Leben des Patienten von Bedeutung sind:
  • Verträglichkeit von Temperaturen, Feuchtigkeit, Wetteränderungen, Sonne, Mond, Nebel, Wind, Zugluft, geschlossenen Räumen usw.

  • Änderungen des Wohlbefindens zu bestimmten Tages- oder Nachtzeiten bzw. während bestimmter Jahreszeiten.

  • Schlaf: ruhiger oder unruhiger Schlaf, Lage beim Schlafen, Zeiten und Gründe des Aufwachens bzw. der Schlaflosigkeit, Bedürfnis nach viel oder wenig Decken und welche Körperteile zugedeckt werden; geöffnetes oder geschlossenes Fenster usw. Häufig auftretende Träume, Somnambulismus, eigentümliche Äußerungen oder Gebärden während des Schlafens usw.

  • Appetit, Hunger, Durst, Verlangen nach oder Abneigung gegen bzw. Verschlimmerung durch bestimmte Nahrungsmittel.

  • Sexuelles Bedürfnis, sexuelle Befriedigung und besondere sexuelle Hemmungen oder Zwänge.

  • Funktionen der verschiedenen Körpersysteme: des endokrinen, Kreislauf-, Magen-Darm-, Urogenital- und Atmungssystems, der Haut usw. Bei Frauen Menstruation und Geburtenanamnese.

  • Allgemeine Vitalität: im täglichen Leben und unter besonderen Belastungen.

  • Seelische Probleme, die die Lebensfreude einschränken: besondere Ängstlichkeit, Furcht oder Phobien, Depressionen, Apathie, Mangel an Selbstbewusstsein, Reizbarkeit usw.

  • Psychosoziale Situation: Beziehungen innerhalb der Familie, zu geliebten Menschen, zu Freunden und Kollegen.

  • Geistige Symptome wie Gedächtnisschwäche, Konzentrations- oder Begriffsschwäche, Wahnvorstellungen, Verfolgungswahn.

Dieser Symptomenkatalog Symptomenkatalog ist lediglich ein Beispiel; welche Fragen im Einzelfall gestellt werden, richtet sich nach der Art der Krankheit selbst. Es ist wichtig, dass der Homöopath bei der Befragung flexibel bleibt, damit der Patient, nachdem er einmal erkannt hat, worum es geht, einen möglichst großen Spielraum zu persönlichem Ausdruck behält.

Symptomenkatalog aus der Erstanamnese

  • Krankheitsentwicklung

  • Aktuelles Beschwerdebild

  • Auslösende Ereignisse

  • Bisherige bedeutende Erkrankungen

  • Bisherige medizinische Maßnahmen inkl. Impfungen

  • Lebensumstände

  • Wetterverträglichkeit/-unverträglichkeit

  • Modalitäten des Wohlbefindens

  • Schlaf

  • Nahrungsmittelverlangen/-unverträglichkeiten

  • Sexualverhalten

  • Funktionen der Körpersysteme

  • Allgemeine Vitalität

  • Psychische Situation

  • Psychosoziale Umstände

  • Geistige Beschwerden

Bei jedem Symptom, das der Patient äußert, ist zu prüfen, wie genau und konkret es ist. Berichtet er beispielsweise, er leide unter „Depressionen“, so muss geklärt werden, was er eigentlich meint. Denn seit die Psychologie in Mode gekommen ist, wird dieser Begriff von jedermann benutzt; seine Bedeutung bleibt daher verschwommen und allgemein. Der eine Patient versteht darunter Selbstmordtendenzen, ein anderer Hoffnungslosigkeit, Entmutigung, Mangel an Selbstachtung, Ängstlichkeit, Pessimismus, Apathie, geistige Lethargie usw. Das Symptom muss also mit allen seinen Modalitäten genau abgeklärt werden.
Wesentlich ist, dass aus diesen Symptomen ein lebendiges Bild entsteht, aus dem hervorgeht, welchen Stellenwert sie im Leben des Patienten haben. Liefert der Patient eine sehr allgemeine Darstellung, kann der Homöopath z. B. fragen: „Wie meinen Sie das?“ oder „Können Sie ein konkretes Beispiel dafür geben?“. Auf diese Weise wird die Schilderung lebendig, und der Arzt kann den Wert und die Besonderheit des Symptoms genauer einschätzen.

Merke

Sich stets um ein lebendiges Gesamtbild zu bemühen, ist von prinzipieller Bedeutung; wer nur trockene Fakten sammelt, hat am Ende keinen wirklichen „Fall“ und kann daher auch das passende Mittel oft nicht finden.

Wenn man alle körperlichen Symptome gesammelt hat, ist die Beziehung zum Patienten in der Regel entspannt genug, um nun Fragen zu Gemütsproblemen anzusprechen. Diese Leiden nehmen in der Homöopathie den wichtigsten Stellenwert ( 1.2.1 ) ein und sollten daher ganz besonders sorgfältig ermittelt werden. Oft verbirgt der Patient im geistig-seelischen Bereich seine tiefsten Geheimnisse; sie hervorzulocken, erfordert außerordentlich viel Takt und Einfühlungsvermögen.
Vor allem chronisch kranke Patienten hegen oft im tiefsten Inneren Gedanken oder Gefühle, die sie verunsichern und deren sie sich schämen. Sie glauben, diese Regungen seien für andere unzumutbar und zu schockierend oder „unmoralisch“, als dass sie sie jemandem anvertrauen könnten. Doch gerade diese versteckten Vorstellungen, Gefühle und Ängste sind für den Homöopathen von größter Bedeutung; in ihnen zeigt sich, auf welche Weise das Abwehrgefüge im tiefsten Inneren des Organismus wirkt. Bringt der Patient solche Symptome zum Ausdruck – vielleicht sogar mit starker Gemütsbewegung –, dann kann der Homöopath sicher sein, dass sich ihm nun die Krankheit in ihrem ganzen Umfang enthüllt. Dann – und nur dann – kann ein Mittel gefunden werden, das tatsächlich bis an die Basis der Verteidigungsbarriere des Abwehrgefüges vordringt und Heilung bewirkt.
Diese tief verborgenen Symptome hervorzulocken, ist eine heikle Sache. Der erste Hinweis auf ihr Vorhandensein ist vielleicht bloß eine gewisse Anspannung, ein Zögern, eine Geste oder eine Änderung des Tonfalls beim Patienten. Seit Langem hat er einen Schutzwall um diese wunden Stellen errichtet, und auch jetzt wird er versuchen, rasch darüber hinwegzugehen, um auf weniger schmerzliche Dinge zurückzukommen. Der Befrager muss viel Fingerspitzengefühl für diese Phase des Gesprächs entwickeln. Innerhalb unseres sozialen Bezugsrahmens existieren unzählige subtile Signale – verbaler und nichtverbaler Art –, durch die wir andere davor warnen, in unsere „Privatsphäre“ einzudringen. Das geschieht oft mehr oder weniger unbewusst. Als Homöopath muss man die Fähigkeit entwickeln, diese Signale aufzufangen. Der einfachste Zugang besteht vielleicht darin, dass wir uns der Spannungen, die in uns selber aufkommen, bewusst werden. Haben wir während der Befragung an irgendeiner Stelle ein ungutes Gefühl, sollten wir versuchen, vorsichtig und einfühlend, aber dennoch bestimmt weiter in dieses Gebiet vorzudringen – vorausgesetzt, es handelt sich dabei nicht bloß um einen wunden Punkt bei uns selber.
Homöopathen sind Menschen wie andere auch und wollen natürlich von ihren Patienten geschätzt und respektiert werden. Das mag für manchen Grund genug sein, nicht in Bereiche vorzudringen, die für den Kranken problematisch sind. Stößt man als Homöopath jedoch auf solch einen „wunden“ Punkt, ist es unumgänglich, dass man – unter Enthaltung jedes eigenen Urteils – den Patienten behutsam dazu bringt, offen über das betreffende Symptom zu sprechen. Häufig genügt bereits ein kleiner Anstoß, dass er seine Verschlossenheit aufgibt: Er beginnt zu weinen oder reagiert erregt und zornig. Solche Gefühlsausbrüche im Zusammenhang mit bestimmten Symptomen erleichtern den Patienten und sind für den Arzt von großem Wert. Der Schutzwall des Kranken ist in diesem Augenblick durchbrochen; was immer er auch vorbringt – es kommt aus seinem tiefsten Inneren und ist für das Erkennen der „Idee“ des Patienten von Bedeutung.
Manch einen mag dieses Vorgehen an die Techniken der Psychoanalyse erinnern. Formal betrachtet, hat das homöopathische Interview tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit der Psychoanalyse; der Zweck der homöopathischen Befragung ist jedoch ein völlig anderer. Die Ermittlung der Symptome dient in der Homöopathie dazu, einen tieferen Einblick in die Art der Erkrankung, in das Wirken des Abwehrgefüges zu gewinnen, weil nur so das heilende Mittel gefunden werden kann. Trifft der Psychoanalytiker auf einen wichtigen Gedanken, ein Gefühl oder eine Erfahrung, so arbeitet er in analytischer Weise daran weiter. Der Homöopath hingegen ist zufrieden, sobald er ein Symptom festgestellt hat, und geht zum nächsten über.

Aufschreiben der Symptome

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn man die homöopathische Befragung durchführen könnte, ohne sie durch das Aufschreiben von Symptomen Symptome aufschreiben unterbrechen zu müssen. Leider ist das jedoch nicht möglich, denn die schriftlichen Unterlagen sind für die Behandlung des Patienten unumgänglich. Sie dienen dem Arzt nicht nur als Gedächtnisstütze bei Folgeterminen, sondern ermöglichen auch eine kontinuierliche Behandlung, falls eine Überweisung des Patienten zu einem anderen Homöopathen notwendig ist. Formal geht es bei der schriftlichen Fixierung der homöopathischen Anamnese darum, alle wichtigen Fakten so präzise wie möglich festzuhalten und gleichzeitig zu erkennen, welche Informationen irrelevant und daher wegzulassen sind. Außerdem ist die Intensität der Symptome anzugeben.
Fragetechnik für die nähere Bestimmung von Symptomen
Soweit möglich, sollte man die wörtlichen Formulierungen des Patienten notieren. 16

16

Vgl. Hahnemann S: Organon der Heilkunst (1999), § 84.

Ganz bewusst werden in der gesamten homöopathischen Literatur die bildhaften Begriffe der Alltagssprache verwendet. Auch bei allen Prüfungen werden die Symptome Symptome Fragetechnik so weit wie möglich in der spontanen Ausdrucksweise der Prüflinge festgehalten. Zwar können gelegentlich Ausdrücke der Alltagssprache durch Fachausdrücke ersetzt werden; Hahnemann schlägt beispielsweise vor, die Begriffe „Periode“, „Regel“ und „Monatsblutung“ durch „Menstruation“ zu ersetzen. Solche Umformulierungen sind aber nur bei körperlichen Symptomen mitunter unproblematisch, bei seelischen und geistigen dagegen ist wegen Verfälschungsgefahr Vorsicht geboten. Auf jeden Fall muss der Patient angehalten werden, seine Symptome sehr präzise zu beschreiben, sodass die genaue Begriffsentsprechung in der homöopathischen Terminologie gefunden werden kann. Am besten ist es aber, wie gesagt, man hält sich so weit wie möglich an die ursprüngliche Formulierung des Patienten.
Es ist auch wichtig, dem Patienten keine Worte in den Mund zu legen. 17

17

Vgl. Hahnemann S: a. a. O., § 87.

Die Fragen sollten so gestellt werden, dass er keine Antworten geben kann, von denen er meint, sie würden von ihm erwartet. Man könnte z. B. fragen: „Wie vertragen Sie Wetteränderungen?“ Diese Frage lässt sich unterschiedlich beantworten, und der Patient wird veranlasst, über diesbezügliche Erfahrungen nachzudenken. Oder man könnte die Frage stellen: „Haben Sie ein starkes Verlangen nach bzw. eine starke Abneigung gegen irgendwelche Nahrungsmittel?“, anstatt etwa zu fragen: „Haben sie starkes Verlangen nach Süßigkeiten?“.
Entscheidungsfragen (wie z. B. auf Fragebögen), die mit Ja oder Nein beantwortet werden können, sind möglichst zu vermeiden. Bejaht ein Patient beispielsweise die Frage: „Haben Sie starkes Verlangen nach Süßigkeiten?“, so braucht die Antwort gar nicht erst notiert zu werden. Um festzustellen, ob es sich hier tatsächlich um ein pathologisches Symptom handelt, wären weitere Informationen nötig, die die Zuverlässigkeit dieser Antwort bestätigen: „Wie stark ist das Verlangen?“, „Wie häufig tritt es auf?“, „Wie schwer fällt es Ihnen, auf Süßigkeiten zu verzichten?“, „Können Sie ein Beispiel dafür geben, wann Ihr Heißhunger danach am stärksten ist?“ Auch hypothetische Fragestellungen sollt man vermeiden. „Stellen Sie sich vor, Sie hätten sich zu einem Termin verspätet, weil Ihr Wagen nicht anspringen wollte, nachdem Sie unvorhergesehen lange an einem Bahnübergang gewartet hatten, während die Kinder auf dem Rücksitz zankten und schrieen. Wären Sie in dieser Situation reizbar?“ Solch eine Frage ergäbe keinerlei Information, in der das Wirken des Abwehrgefüges zum Ausdruck käme.
Manchmal weiß der Patient auf eine absichtlich allgemein gehaltene Frage nichts zu antworten. Der Arzt fragt z. B.: „Haben Sie irgendwelche Ängste?“ Der Patient antwortet: „Nein, nicht dass ich wüsste.“ Nun interessiert es den Arzt aber wegen der bisher ermittelten Gesamtheit der Symptome, ob sein Gegenüber Höhenangst kennt. Falsch wäre es, jetzt zu fragen: „Haben Sie Angst an hoch gelegenen Orten?“, denn der Patient nimmt dann vielleicht an, dass eine bejahende Antwort von ihm erwartet wird. Stattdessen könnte der Fragesteller eine Reihe von Möglichkeiten anbieten, um dem Gedächtnis des Befragten auf die Sprünge zu helfen, z. B.: „Haben Sie Angst vor der Dunkelheit, vor dem Alleinsein, vor Höhen, Gewitter, Hunden oder irgendetwas anderem?“ Der Patient ruft aus: „Oh ja, ich hatte schon immer große Angst an hoch gelegenen Plätzen! Ich vermeide sie nach Möglichkeit.“ Solch einer Antwort kann man trauen, denn sie wurde gegeben, nachdem im ruhigen Ton eine Reihe von Möglichkeiten aufgezählt worden war.
Wichtigen Symptomen sollte man nicht leichtfertig Glauben schenken, sondern stets nachprüfen, ob sie auch wirklich zutreffen. Wird ein Patient beispielsweise gefragt: „Sind Sie sehr ordentlich oder eher unordentlich?“, so antwortet er vielleicht: „Ich bin eigentlich ziemlich unordentlich.“ Fragt man jedoch weiter: „Was haben andere denn für einen Eindruck von Ihnen?“, so lautet die Antwort vielleicht: „Die finden mich sehr ordentlich!“ Ein übergenauer Patient ist niemals ganz mit sich zufrieden und hält sich deshalb für unordentlich. Auch der umgekehrte Fall ist denkbar.
Wenn der Patient ein Symptom vorbringt, schreibt man es auf und lässt darunter möglichst etwas Platz frei. Man sollte ihn nicht gleich unterbrechen, nur um klärende Zusätze zu erfragen. Besser ist es, Platz zu lassen und die Informationen später, wenn ihm nichts mehr einfällt, nachzutragen. Allerdings ist es bei Menschen, die ununterbrochen reden, manchmal notwendig einzugreifen, um zu wesentlicheren Punkten zurückzukehren. Doch selbst in einer solchen Situation sollte man sich nur im Notfall einschalten, denn immer besteht die Möglichkeit, dass sich auch aus weitschweifigem Gerede Anhaltspunkte für ein wichtiges Symptom ergeben.
Gewichtungshilfen
Ein wertvolles Hilfsmittel bei der homöopathischen Anamnese ist das Unterstreichen. Die Wichtigkeit eines Symptoms Symptome Wichtigkeit lässt sich durch drei Faktoren bestimmen: Eindeutigkeit, Intensität und Spontaneität. Ein Symptom, das für den Patienten große Bedeutung hat, sehr genau von ihm beschrieben wird, so intensiv ist, dass es sein Leben stark beeinträchtigt und über das er spontan berichtet (d. h., ohne dass er danach gefragt wurde) – solch ein Symptom nimmt bei der Gewichtung der Anamnese einen hohen Stellenwert ein. Beim Unterstreichen werden die drei Faktoren folgendermaßen ausgedrückt:
  • Nicht unterstreichen: Symptome, die verschwommen sind, vom Patienten nicht als besonders intensiv empfunden werden und erst auf Befragen hin geäußert werden.

  • Einmal unterstreichen: Symptome, die klarer und intensiver sind, aber erst auf Befragen hin angegeben werden.

  • Zweimal unterstreichen: eindeutige, spontan geäußerte Symptome von mittelmäßiger Intensität.

  • Dreimal unterstreichen: Genau geschilderte eindeutige Symptome von größter Intensität, die vom Patienten spontan geschildert werden.

Wichtig ist es nicht nur bei der Erstanamnese, sondern auch bei späteren Befragungen, so genau wie möglich zu unterstreichen. Auf diese Weise lassen sich nicht nur Vorhandensein oder Fehlen eines Symptoms, sondern Änderungen in der Wichtigkeit eines Symptoms im Verhältnis zum Gesamtbild festhalten. Hierdurch ergeben sich im Laufe der Behandlung äußerst wertvolle Hinweise in Bezug auf Fortschritt und Prognose eines Falls. Schließlich sollten die Unterlagen faktische Angaben enthalten wie Name, Adresse, Alter, Geburtsdatum, Größe, Gewicht und Datum der Befragung. Eine kurze Beschreibung des Patienten – Aussehen, Körperbau, Benehmen, Gestik und Haltung – wird helfen, das Bild abzurunden. Laborberichte, Röntgenaufnahmen und Befunde klinischer Untersuchungen sind den Unterlagen hinzuzufügen.
Nach jeder Befragung sollten etwaige Empfehlungen, die der Patient erhält (z. B. hinsichtlich der Ernährung), oder sonstige Behandlungsumstellungen notiert werden; desgleichen Arzneihersteller, Potenz, Dosis und Einnahmedauer des verordneten Mittels.

Schwierige Fälle

Die Befragung findet jedes Mal auf individuelle Weise statt. Einen festgelegten Routineablauf gibt es nicht, obgleich natürlich gewisse Grundinformationen für die Wahl des passenden Mittels bei jedem Patienten unerlässlich sind; doch jeder stellt den Homöopathen zugleich vor eine neue Aufgabe, mit jedem muss er sich im Behandlungsgespräch auf persönlich zugeschnittene Weise auseinandersetzen.
Darüber hinaus gibt es jedoch Patienten Patienten, schwierige , die besonders schwierig zu befragen sind. Aus verschiedenen Gründen lässt sich bei ihnen die Gesamtsymptomatik nur sehr schwer klar erfassen. Die Symptome, die diese Patienten erzählen, dürfen, solange sie nicht hinreichend verifiziert sind, nur unter Vorbehalt notiert werden.
Die erste Gruppe dieser schwierigen Patienten besteht aus schüchternen, sensiblen, zurückhaltenden oder in sich gekehrten Menschen. Sie rücken mit ihren Symptomen oft entweder gar nicht heraus oder beschreiben sie nicht mit dem gebührenden Nachdruck. Sie glauben, der Homöopath sei an ihren kleinen Wehwehchen nicht wirklich interessiert und fände das Zuhören langweilig oder ermüdend. Auch empfinden sie es unter Umständen als beschämend, über ihre geistigen, seelischen oder sexuellen Probleme zu sprechen. Indem sie ihre Symptome verbergen oder herunterspielen, führen sie den Homöopathen in die Irre: Er macht sich ein falsches Bild und verschreibt dann das falsche Mittel.
Bei diesen Patienten gilt es zunächst, ihnen Vertrauen einzuflößen und zu zeigen, dass man tatsächlich an den kleinsten Einzelheiten interessiert ist, wie „unbedeutend“ oder „beschämend“ sie auch dem Patienten erscheinen mögen. Geht man mit vorsichtigen, verständnisvollen Fragen auf diese Patienten zu, so lässt ihre Anspannung allmählich nach, und nach einer Weile sind sie meist bereit, die erforderlichen Auskünfte zu erteilen.
Bei „verschlossenen“ Patienten, die nur wenige Symptome liefern, fallen eigene Beobachtungen des Arztes besonders ins Gewicht. Bestimmte Gesten und Anzeichen von Nervosität müssen notiert werden, z. B. Unruhe der Finger, der Füße oder des Körpers, übermäßige Reizbarkeit, Redestil, die Zeit, die für eine Antwort gebraucht wird (ob auffallend viel oder wenig), Schwierigkeiten bei der Wortfindung, rasches Erröten, Gesichtsausdruck, Schwellungen im Bereich der Augen, Hautfarbe, Haarausfall, Nägelkauen, Fingernagelsymptome, Zaghaftigkeit im Ausdruck, Händedruck, Schwitzen der Hände oder des Körpers, Geruch usw.
Die zweite Gruppe schwieriger Fälle sind die Hypochonder Hypochonder . Zu ihnen zählen nicht nur Menschen, die sich übermäßig um ihre Gesundheit ängstigen, sondern auch solche, die beinah zwanghaft jede Einzelheit im Zusammenhang mit ihrer Gesundheit beobachten und schließlich vollkommen den Blick für das Wesentliche verlieren. Ihre Tendenz zu übertreiben, macht die Unmenge winziger Symptome, die sie aufzählen, für den Homöopathen nahezu wertlos. In solchen Fällen notiert man die hypochondrische Haltung selbst und, falls vorhanden, die übermäßige Angst um die eigene Gesundheit. Alle anderen Symptome sollte man nur unter Vorbehalt notieren, vielleicht erst, nachdem man sie sich von objektiven Kollegen oder von Verwandten des Kranken hat bestätigen lassen. Häufig sind diese Patienten darauf aus, den Homöopathen davon zu überzeugen, wie krank sie sind. Ein Patenrezept, diesem Verhalten zu begegnen, gibt es nicht. Am besten nimmt man eine sachliche Haltung ein und zeigt sich weder übermäßig mitleidig noch besonders beunruhigt. Gleichzeitig versucht man, den Patienten dazu anzuhalten, einen allgemeinen Überblick über sein Leiden zu geben, Symptome zusammenzufassen und das Besondere hervorzuheben, dabei aber nur diejenigen anzugeben, die besonders hartnäckig sind.
Die dritte Gruppe problematischer Patienten ist eine bestimmte Art von Intellektuellen Intellektuelle – Menschen, die viel studiert haben und sich bei der Lösung von Problemen ausschließlich auf ihren Intellekt verlassen. Man sollte annehmen, mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe wären sie die besten Homöopathie-Patienten. Tatsächlich ist es oft genau umgekehrt: Solche Rationalisten neigen dazu, die Realität nur in dem zu sehen, was sie verstandesmäßig begreifen; für sie eigentümliche und unerklärliche Phänomene klammern sie aus ihrem Bewusstsein aus oder deuten sie um. Das bedeutet aber: Ihre Wahrnehmung erfasst mehr das Allgemeine als das Besondere, sodass sie oft unfähig sind, unvoreingenommen über ungewöhnliche Symptome bei sich selbst zu berichten. Sie bewerten und interpretieren ihre Symptome nach gängigen Theorien oder nach dem, was sie gelesen haben bzw. was zu ihrer Weltanschauung passt; auf diese Weise verfälschen sie genau die Symptome, die für den Homöopathen am wichtigsten sind. Ein einfacher, ungebildeter Landmensch drückt seine Symptome mitunter sehr viel klarer und deutlicher aus als ein voreingenommener Rationalist. Der Intellektuelle, der beispielsweise irgendwelche Ängste hat, wird sogleich hinzufügen, das hänge aber zusammen mit der hektischen Umwelt, in der er lebe. Oder wenn er sich vor etwas fürchtet, wird er das sofort mit einem Schock in seiner Kindheit erklären und behaupten: „Die Angst ist aber zu 80 Prozent überwunden.“ Solche Begründungen und Erklärungen machen es dem Homöopathen nahezu unmöglich festzustellen, ob es sich nun tatsächlich um ein wichtiges Symptom handelt oder nicht. Fragt man: „Wie schlafen Sie?“, antwortet der Intellektuelle: „Nicht so gut, aber das hängt damit zusammen, dass meine Abende so ungeregelt verlaufen.“
Nach einem langen, mühsamen Interview hat man dann eine Menge Symptome, die alle mit „Ja, aber …“ beginnen. Möglicherweise ist kein Einziges davon für die Wahl des Mittels verwendbar. Solche Fälle zu beurteilen, ist sehr schwierig. Die Erklärungen eines komplizierten Denkers sind mit großer Skepsis zu betrachten, und man muss sich ständig fragen, ob das Symptom wirklich so schwerwiegend bzw. unbedeutend ist, wie der Patient behauptet. Wie viele Menschen haben nicht etwa in der Kindheit ein Trauma erlitten oder schlafen unregelmäßig, nur weil sie beruflich überlastet sind – doch welche von ihnen entwickeln dadurch zeitlebens Ängste oder chronische Schlaflosigkeit? Vergessen wir nicht: Zwischen der „auslösenden Ursache“, auf die sich der Intellektuelle meist konzentriert, und der Empfänglichkeit für diese „Ursache“ besteht meist ein entscheidender Unterschied.
Noch eine Verzerrung der Symptomatik ist gerade bei gebildeten Patienten leicht möglich: Sie haben allerlei über Diät, Vitamine, Entschlackung usw. gelesen und wenden diese Ratschläge oft an, ohne die besondere Veranlagung ihres Organismus zu berücksichtigen. Ein geistig geschulter Lehrer z. B., der an Heuschnupfen, Darmgeschwür, Verstopfung und noch einigem anderen leidet, liest ein Buch über Ernährung und ist seither davon überzeugt, dass Salz für den Menschen ungesund sei. Also isst er kein Salz mehr, obgleich er stets starkes Verlangen danach gehabt hat. Sein Organismus hat vielleicht besonders viel Salz gebraucht und wird nun – um einer Theorie willen – noch weiter aus dem Gleichgewicht gebracht. Dadurch verschleiert dieser Patient nicht nur ein homöopathisch wichtiges Symptom, sondern leidet vielleicht sogar infolge dieser Störung des chemischen Gleichgewichts unter Depressionen oder Reizbarkeit und rascher Ermüdung. Angesichts dieser neuen Symptomatik zieht er weitere Ernährungsliteratur zurate und nimmt darauf hin z. B. große Dosen Vitamin-B-Komplex, um seinen angeblichen Vitaminmangel zu kurieren. Dadurch entstehen wieder andere Symptome, und sein Fall wird immer verfahrener. Kommt der Patient dann endlich zum Homöopathen, hat er aufgrund seiner Experimente die natürliche Ausdrucksweise seines Organismus so sehr verändert, dass sich nicht mehr feststellen lässt, was das Abwehrgefüge zu Beginn eigentlich beabsichtigt hatte. Natürlich kann ein solcher Patient jeden seiner Schritte rational genau begründen, doch ist es kaum mehr möglich, zu klären, welche Symptome erst durch derartige Eingriffe entstanden und welche ursprünglicher Ausdruck der tatsächlichen Erkrankung sind. In solch einem Fall kann man als Homöopath nur eines tun: Dem Patienten raten, die Vitamine abzusetzen, alles zu essen, was ihm schmeckt, um dann in ein paar Monaten zur Fallaufnahme wiederzukommen.
Gerade geistig rege Patienten neigen oft dazu, alle therapeutischen Entscheidungen infrage zu stellen: Wenn sie schon nicht selbst (mit)bestimmen dürfen, so wollen sie wenigstens Kritik äußern. Zudem erwarten sie für alles eine Begründung. Natürlich soll der Patient sich für seine Gesundheit mitverantwortlich fühlen und auch den Mut haben, sich nach den Fortschritten seiner Heilung oder dem Sinn der angewandten Therapie zu erkundigen. Doch darf das nicht dazu führen, dass er glaubt, jede einzelne Entscheidung, zu der sich der Homöopath in langen Jahren des Studiums und der Praxis die Kompetenz erworben hat, beurteilen zu können. Von einem gewissen Punkt an muss er ganz einfach bereit sein, der Sachkenntnis des Arztes zu vertrauen. Ganz besonders tritt dieses Problem bei Patienten auf, die sich selbst eine Arzneimittellehre kaufen und dann als Hobby-Homöopathen jedes Mal, wenn sie ein Mittel bekommen, darin nachlesen. Da sie weder eine homöopathische Ausbildung noch klinische Erfahrung besitzen, geraten sie durch die feinen Unterschiede, die bei der Wahl des Mittels eine Rolle spielen, leicht in Verwirrung. Und was noch schlimmer ist: Nachdem sie in der Materia Medica einige Mittel nachgelesen haben, fangen sie an, ihre eigenen Symptome in genau dieser Terminologie zu beobachten und zu schildern, sodass die Symptome, die man als Homöopath erhält, nicht mehr das Kranksein des Patienten, sondern nur mehr seine „homöopathischen Mutmaßungen“ wiedergeben.
Eine letzte Gruppe schwieriger Patienten besteht aus Menschen, die es sich leisten können, Spezialisten in der ganzen Welt aufzusuchen. Da stellt dann der eine z. B. die Diagnose „Neurasthenie“ und verordnet Ruhe; ein anderer spricht von „Adrenalinmangel“ und verordnet eine bestimmte Zusammenstellung von Vitaminen, Mineralien und Kräutern; ein dritter – diesmal ein Ernährungsspezialist – diagnostiziert „Unverträglichkeit von Kohlehydraten“, woraufhin der Patient auf Kohlehydrate verzichtet; schließlich stellt ein Allergologe anhand von Hauttests und kontrollierten Pulsmessungen fest, dass eine Allergie gegen 25 verschiedene, in Nahrungsmitteln und Umwelt befindlichen Stoffe besteht; er verbietet die unverträglichen Nahrungsmittel, verordnet eine Diät, die den Bedürfnissen des Organismus nicht entspricht, und führt eine Desensibilisierungskur oder eine Bekämpfung der allergischen Reaktionen mit Antihistaminika oder Kortison durch. Erscheint solch ein Patient dann schließlich in der Praxis des Homöopathen, ist seine Ernährung völlig unnormal; außerdem nimmt er massenweise Vitamine zu sich, fühlt sich geschwächt durch das ständige Einnehmen von Valium und hat womöglich gerade vorher seine „Allergiespritze“ bekommen. Anstatt brauchbare Symptome zu beschreiben, nennt er als seine Hauptbeschwerden „Neurasthenie“, „Adrenalinmangel“, „Unverträglichkeit von Kohlehydraten“ und „Überempfindlichkeit gegen Chemikalien“.
Für solche Patienten ist der Homöopath gewöhnlich nur irgendjemand aus einer bunten Palette von Fachleuten, die dafür bezahlt werden, dem Kranken das Leben so erträglich wie möglich zu machen. Diese Kranken sind seelisch total abhängig von ihren Medikamenten, Vitaminen, Allergiespritzen usw., und der bloße Vorschlag, damit aufzuhören, versetzt sie schon in Panik. Sie befinden sich in einer äußerst bemitleidenswerten Lage: Das Bild, das ihr Abwehrgefüge hätte hervorbringen können, ist längst in tiefere Bereiche hinein unterdrückt worden; sie haben die Fähigkeit der Selbstbeobachtung verloren und sind Opfer der „Gesundheits“-Industrie geworden. Für den Homöopathen besteht wenig Hoffnung, solche Menschen erfolgreich zu behandeln. Schaffen es diese Patienten nicht, zu den Grundgesetzen der Natur und des Heilens zurückzukehren, müssen sie ihren Drogenmissbrauch und ihre Pilgerfahrten von einem Arzt zum anderen fortsetzen und erleben, wie ihre Gesundheit dabei mehr und mehr verfällt.
Bei jeder Gruppe dieser schwierigen Fälle, aber auch bei „einfacheren“ Patienten stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt die homöopathische Behandlung für den ganzen Menschen und seine Reifung? Heilen wir durch die Gabe eines Mittels vielleicht Leiden, die eigentlich den Anstoß zu geistig-seelischem Wachstum geben sollen? Greifen wir nicht störend in das „Karma“ ein, das ihm auferlegt ist? Die Antwort ergibt sich aus der Feststellung: Ein Mensch muss über eine gute Einsichtsfähigkeit und einen gefestigten Charakter verfügen, soll er bereit sein, nicht nur sich selbst zu beobachten und aufrichtig über seine Symptome zu berichten, sondern auch nach Einnahme des Mittels die erforderliche Geduld aufzubringen, der Heilung ungestört ihren Lauf zu lassen. Die Homöopathie verlangt sehr viel vom Patienten: Er muss sich relativ natürlich und seinen eigentlichen Bedürfnissen entsprechend ernähren, dabei Stoffe (Medikamente, Koffein, Pfefferminz) meiden, die das Wirken des Abwehrgefüges beeinträchtigen können, alle markanten Reaktionen auf unterschiedliche Reize sachlich und objektiv beobachten und gewillt sein, offen darüber zu sprechen, wie er die Gleichgewichtsstörung in seinem Innersten erlebt. Ist jemand bereit, sich all diesen Anforderungen zu stellen, dann regelt sich die Frage seiner Reifung als Mensch oft im Verlauf der Heilung.

Anamnese im akuten Fall

Als akut Anamnese Akutfall bezeichnet man zeitlich begrenzte Krankheiten. Sie sind durch drei Phasen gekennzeichnet: eine Latenzphase Latenzphase , eine Verschlimmerungsphase Verschlimmerungsphase und eine Phase, in der die Symptome zurückgehen und entweder geheilt werden oder zum Tode führen. Es sind dies Krankheiten, mit denen das Abwehrgefüge selber fertig werden kann. Wirklich akute Krankheiten Krankheit akute hinterlassen keinerlei Folgen. Es ist sogar so, dass vorhandene chronische Beschwerden während der akuten Störung in den Hintergrund treten und erst danach wieder zum Vorschein kommen.
Bei akuten Krankheiten dient deshalb das homöopathische Mittel ganz einfach zur Beschleunigung der natürlichen Prozesse, die das Abwehrgefüge in Gang gesetzt hat. Der Homöopath braucht also nur für die auffallenden Symptome der akuten Phase zu verschreiben; die zeitweilig verdeckten Symptome des chronischen Zustands kann er außer Acht lassen. Das ist relativ einfach, denn die akuten Symptome sind unübersehbar oder dem Patienten klar bewusst.

Merke

Es ist wichtig herauszufinden, mit welchen Symptomen das Abwehrgefüge speziell auf den akuten Stimulus reagiert.

Bei einer akuten Krankheit erhält der Homöopath seine Informationen im Idealfall aus drei Quellen. Die erste ist die Umgebung des Patienten. Ein Hausbesuch, wenn möglich, kann bei einer schweren akuten Krankheit eine große Hilfe sein. Dabei lässt sich feststellen, ob das Zimmer verdunkelt oder vom Tageslicht durchflutet ist, ob das Fenster geöffnet oder geschlossen ist, ob der Patient sich in Decken eingewickelt hat oder sich am liebsten gar nicht zudecken würde, ob er eine Wärmflasche benutzt, ob er von einer Reihe Kissen gestützt im Bett aufsitzt, ob ein Glas kaltes Wasser oder eine Tasse heißer Tee auf dem Nachttisch steht, ob ein Stuhl für Besuch da ist usw. Außerdem kann man den Patienten selbst in Augenschein nehmen: Wirkt sein Gesichtsausdruck ängstlich, friedlich, ungewöhnlich lustig oder wie betäubt? Ist sein Gesicht bleich, oder sind seine Wangen gerötet? Sind seine Augen klar oder getrübt, seine Lippen trocken und rissig oder feucht? Sind ungewöhnliche Gerüche wahrnehmbar? Berichtet der Patient über seine Symptome mühelos und bereitwillig, oder möchte er lieber allein gelassen und nicht gestört werden? Wirkt er ängstlich oder reizbar? Ein Homöopath, der die akuten Mittel aus Erfahrung gut kennt, nimmt beim Besuch am Krankenbett schon in den ersten paar Minuten eine große Anzahl von Symptomen wahr.
Die zweite Informationsquelle ist der Patient selbst. Wenn er in der Lage ist, zuverlässige Symptome anzugeben, werden sie wie üblich gesammelt und ihre homöopathischen Charakteristika aufgeschrieben: Wo und wann sie auftreten, wie lange sie andauern, mit welcher Empfindung sie verbunden sind und durch welche Modalitäten sie sich verschlimmern oder bessern. Beim akuten Fall sind diese Informationen leicht zu erhalten, da die Symptome offenkundig sind und der Patient sich nicht erst zurückerinnern braucht. Es folgt eine klinische Untersuchung, um die Schwere der Krankheit zu ermitteln und entsprechend Diagnose und Prognose stellen zu können.
Die dritte Informationsquelle sind Freunde oder Verwandte, die den Patienten pflegen. Häufig ist er selbst zu stark mitgenommen, um genau über seine Symptome zu berichten; dann helfen vor allem die objektiven Beobachtungen der Pflegepersonen.
Ein akutes Symptom – das Fieber – mag beispielhaft zeigen, welche Faktoren zu berücksichtigen sind.
Es kann sein, dass das Fieber nur nachmittags oder nur in den Morgenstunden auftritt, vielleicht nur zwischen 9 und 11 Uhr bzw. zwischen 18 und 20 Uhr. Möglicherweise sinkt es nach dem Essen, oder es steigt nach jeder Mahlzeit an. Vielleicht wird es nur durch den Schlaf gebessert. Gelegentlich betrifft es nur bestimmte Körperteile oder nur eine Seite des Körpers. Vor oder nach dem Fieber können Kälteschauer auftreten. Schwitzen bringt oft Erleichterung, kann aber auch ohne Einfluss auf das Fieber bleiben. Einige Patienten verspüren großen Durst, andere sind nicht durstig. Jedes dieser Charakteristika kann die Wahl des Mittels beeinflussen.
In gleicher Weise muss jedes Symptom in allen Einzelheiten untersucht werden, bis die Gesamtheit der akuten Symptome erfasst ist. Erst dann kann man die Entscheidung treffen, welches Mittel zu diesem Zeitpunkt angezeigt ist. Natürlich ändern sich die Symptome bei akuten Krankheiten oft sehr rasch, und es kann vorkommen, dass der Kranke innerhalb weniger Stunden bereits ein anderes Mittel braucht. Doch welches Mittel man auch verordnen mag: Wenn es der augenblicklichen Gesamtheit der akuten Symptome entspricht, dann beschleunigt es die Heilung und verschafft dem Patienten große Erleichterung.

Bewerten der Symptome

Symptome Bewertung Nachdem der Fall sorgfältig aufgenommen ist, arbeitet man ihn in Ruhe durch, um schließlich zu entscheiden, welches Mittel der Patient als Erstes bekommen soll. Anfänger ersparen sich Schwierigkeiten, wenn sie chronisch leidenden Patienten von vornherein erklären, dass die Wahl des ersten Mittels eine eingehende Bearbeitung des Falles erfordert und der Betreffende deshalb sein Rezept in ein bis zwei Tagen bekommen wird. Übereilte Verordnungen – eine große Gefahr für alle unter Zeitdruck stehenden Homöopathen – lassen sich auf diese Weise vermeiden. Der Patient wird über solch ein Vorgehen bestimmt nicht enttäuscht sein, und das Mittel kann aufgrund reiflicher Überlegung gewählt werden. Außerdem wird der Kranke zur weiteren Mitarbeit angeregt und merkt, wie wichtig es ist, dass er über seine Symptome ausführlich und gewissenhaft berichtet. Ganz zu Beginn seiner Laufbahn muss ein Homöopath vielleicht sogar mehrere Befragungstermine ansetzen, bevor er sich endgültig für ein Mittel entscheidet. Als Anfänger kennt er erst wenige Mittel und auch diese nur teilweise; deshalb sind die Fragen, die er stellt, oft unvollständig. Aus Mangel an Erfahrung wird er bestimmte Gesichtspunkte, die sich später als sehr wichtig herausstellen, beim ersten Gespräch vielleicht nur streifen. Am besten nimmt er daher nach dem ersten Interview den Fall mit nach Hause, arbeitet ihn behutsam durch und macht sich Gedanken darüber. Vermutlich tauchen dann an manchen Stellen neue Fragen und Unklarheiten auf. Mittlerweile denkt der Patient ebenfalls über das Anamnesegespräch nach und hat vielleicht das Bedürfnis, einige Punkte genauer zu klären. Deshalb findet eine zweite, meist kürzere Befragung statt, bei der weitere Einzelheiten behandelt werden. Vielleicht möchte der Homöopath den Fall nun noch einmal durchdenken. Dieser Rhythmus von Bearbeitung und Befragung sollte so lange fortgesetzt werden, bis der Arzt überzeugt ist, das richtige Mittel gefunden zu haben. Verordnen sollte er nur, nachdem er eingehend über einen Fall nachgedacht hat, egal, ob er als Anfänger mehrere Tage dazu braucht oder als geübter Homöopath nur kurze Zeit. Wer jeden Fall derart sorgfältig behandelt, sammelt rasch Erfahrung und eignet sich eine gründliche und zuverlässige Kenntnis der Mittel an. Schließlich erfordert dann die Analyse des Falles ( 2.6 ) oft nur noch Minuten, nach denen der Homöopath bereits sicher sein kann, das richtige Mittel zu verschreiben.

Gewichtung der Symptome

Beginnt man, einen Fall durchzuarbeiten, gilt es zunächst einmal, die Gesamtheit der Symptomatik zu begreifen. Wie wir wissen, macht sich das Abwehrgefüge ausschließlich durch Zeichen und Symptome bemerkbar ( 1.5.2 ) – auf der geistigen, emotionalen und physischen Ebene ( 1.2 ); deshalb sollte man den Fall wieder und wieder durchlesen, so lange, bis man ihn vollständig und als Einheit begriffen hat. Er muss so vor unserem geistigen Auge erscheinen, dass die wichtigsten Äußerungen des Abwehrgefüges im Vordergrund stehen und dennoch gleichzeitig alle weniger wichtigen Symptome in ihrem Stellenwert genau verstanden und einbezogen sind. Auch ätiologische Faktoren, miasmatische Veranlagungen und die (nicht-krankhafte) Persönlichkeit des Patienten sind mit einzubeziehen.
Nun schreibt man die Hauptsymptome Symptome Wertigkeit – geordnet nach ihrer Wertigkeit – nieder. Hierbei kommen nur die wichtigsten Symptome infrage; weniger wichtige bleiben unberücksichtigt. Man sollte sich diese Zusammenstellung sehr genau überlegen und die Symptome nicht etwa bloß mechanisch aneinanderreihen (z. B. nur die dreimal unterstrichenen Symptome aufschreiben [ 2.4.3 ] oder automatisch mit den Hauptbeschwerden des Patienten beginnen). Im Wesentlichen werden die Symptome danach eingestuft,
  • wie eigentümlich und für diesen Fall charakteristisch sie sind, 18

    18

    Hahnemann schreibt dazu in seinem Werk „Organon der Heilkunst“ (1999), § 153: „Bei dieser Aufsuchung des homöopathisch specifischen Heilmittels, das ist, bei dieser Gegeneinanderhaltung des Zeichen-Inbegriffs der natürlichen Krankheit gegen die Symptomenreihen der vorhandnen Arzneien […] sind die auffallendern, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalles, besonders und fast einzig fest in's Auge zu fassen […].“

  • wie tief sie sitzen (für gewöhnlich gelten geistige und seelische Symptome als die wichtigsten, und sie sitzen am tiefsten),

  • wie intensiv sie empfunden werden oder ausgeprägt sind.

Häufig wird bei dieser Aufstellung der konkrete Anlass, wegen dem der Patient den Arzt aufgesucht hat, gar nicht in Betracht gezogen. Vielleicht ist er wegen ein paar Warzen, wegen chronischer Kopfschmerzen oder Verstopfungsneigung gekommen – der Homöopath aber entdeckt bei der Befragung: Dieser Mensch leidet unter einer Reihe von Ängsten, und seine Vitalität war zeitlebens schwach. In solch einem Fall berücksichtigt man weniger die Symptome, die der Kranke selbst als Hauptbeschwerden genannt hat, sondern notiert diejenigen, die seine Entfaltungskraft am stärksten einschränken.
In Abb. 2.5 befinden sich die wichtigsten Symptome an der Spitze des Diagramms, die unbedeutendsten am unteren Ende. Ein starkes Geistessymptom, das auch noch besonders ungewöhnlich ist, erhält bei der Bewertung den ersten Platz; z. B. „Reizbarkeit, nur wenn allein“ oder „Reizbarkeit, nur beim Lesen“ oder aber „Ängstlichkeit, besser durch kalte Getränke“. Ein Symptom, das sich nur auf eine Stelle des Körpers beschränkt und den Patienten nur gelegentlich beeinträchtigt, wird am wenigsten beachtet, etwa Clavus der Fußsohle, ein paar Warzen an den Fingern oder auch ein kleiner Makel im Gesicht, der nur aus kosmetischen Gründen stört.
Charakteristische Symptome
Bei der Wahl des Mittels gilt ein Symptom Symptome charakteristische als auffallend, eigentümlich, ja ungewöhnlich im Sinne des „Organon“ (§ 153), wenn es nicht nur aufgrund allgemeiner Erfahrung charakteristisch ist, sondern auch im Repertorium in einer kleinen Rubrik mit wenigen Mitteln zu finden ist. So mag ein Patient berichten, er habe ständig das Gefühl, andere wollten ihn beleidigen – ein Symptom, das unserer Erfahrung nach sicherlich ungewöhnlich, homöopathisch gesehen jedoch unbrauchbar ist, weil es bisher in den Arzneimittelprüfungen nicht aufgetaucht ist. Ein anderer Patient klagt vielleicht über ein Gefühl der Angst, das nur auftritt, wenn er Musik hört; im homöopathischen Repertorium haben nur zwei Mittel dieses Symptom – Digitalis Digitalis und Natrium carbonicum Natrium carbonicum . Es könnte daher für die Verordnung von großem Wert sein. Man darf dabei nur nie vergessen, dass sowohl die Prüfungen als auch das Repertorium hier noch unvollständig sein könnten. Seltsame Symptome – wie wertvoll sie auch sein mögen – sollten deshalb niemals allein zur Wahl eines Mittels herangezogen werden, sondern die restlichen Symptome müssen diese bestätigen.
Gewöhnliche Symptome
Ein Symptom Symptome gewöhnliche gilt als gewöhnlich, wenn es der Erfahrung nach nicht nur häufig auftritt, sondern auch im Repertorium viele Mittel unter seiner Rubrik vereinigt. Abneigung gegen Gesellschaft ist z. B. nicht nur ein häufig vorkommendes Symptom, sondern das Repertorium zeigt auch: 100 Mittel haben dieses Symptom hervorgebracht!
Beim Bewerten von Symptomen muss man sich fragen: Welche von ihnen drücken tatsächlich das Wirken des Abwehrgefüges aus und welche sind so allgemein, dass sie nur eine herkömmliche diagnostische Krankheitskategorie kennzeichnen? Leidet ein Patient unter „Rheumatoider Arthritis“, erwarten wir natürlich, dass er über Gelenkschmerzen klagt. Dies Symptom ist zwar bei der allopathischen Diagnose verwendbar, für die homöopathische Mittelwahl jedoch ist es in der Regel nutzlos. Ein Gelenk mag sehr schmerzhaft, rot, geschwollen und berührungsempfindlich sein – dem Homöopathen jedoch hilft es keinen Schritt weiter. Dagegen kann eine schmerzlose Gelenkschwellung der oberen Extremitäten als Symptom besonders wertvoll sein: Sie ist etwas sehr Seltenes, Ungewöhnliches, und die entsprechende Rubrik im Repertorium enthält nur zwei Mittel.
Allgemeinsymptome
Als „allgemein“ bezeichnet man ein Symptom Symptome Allgemeinsymptome , das den ganzen Patienten betrifft. Meist drücken sich solche Symptome in Sätzen aus, die mit den Worten beginnen: „Ich fühle mich …“ oder „Ich bin …“. Dementsprechend sind alle geistigen und emotionalen Symptome Allgemeinsymptome und werden gewöhnlich in allgemeiner Form beschrieben: „Ich bin ängstlich“, „Ich bin depressiv“, „Ich fürchte mich vor …“.
Es gibt auch körperliche Allgemeinsymptome. Sie beziehen sich auf die physische Verfassung des Patienten insgesamt. Er sagt dann vielleicht: „Mir ist immer so kalt“ oder „Ich kann die Sonne nicht vertragen“ oder „Ich bin dauernd müde“. Auch das Verlangen nach bzw. die Abneigung gegen Nahrungsmittel gelten als allgemeine Symptome: „Ich habe Heißhunger auf Süßigkeiten“, „Ich ekle mich vor Fleisch“ oder „Ich habe immer Durst auf kalte Getränke“. Es sind Symptome, die nicht nur den Magen betreffen, sondern durch die sich die Verfassung des Gesamtorganismus manifestiert.
Sexualität
Sexualität Sexualsymptome Symptome Sexualsymptome folgen ihrer Wichtigkeit nach unmittelbar auf die körperlichen Allgemeinsymptome. Zu ihnen gehört die Intensität des sexuellen Verlangens, das Ausmaß sexueller Befriedigung und die Verschlimmerung oder Besserung von Symptomen durch die Menstruation. Beschwerden, die sich hingegen auf sexuelle Organe beziehen, gelten als lokale Symptome, z. B. Fluor, Menstruationsunregelmäßigkeiten oder die Unfähigkeit, eine Erektion zu bekommen oder beizubehalten (Impotentia coeundi).
Schlaf
Schlaf An nächster Stelle stehen Schlafsymptome Symptome Schlafsymptome . Sie zählen zu den allgemeinen Symptomen, weil ihre Entstehung zusammenhängt mit der geistigen und seelischen Verfassung des Patienten, mit hormonellen oder sonstigen Gleichgewichtsstörungen, körperlicher Unruhe usw. Man notiert daher, in welcher Lage der Patient einschläft, unmöglich schlafen kann oder beunruhigende Träume hat; Körperteile, die er im Schlaf entblößt; Zeiten des Aufwachens; Schlaflosigkeit, Schläfrigkeit u. dgl.
Lokalsymptome
Lokalsymptome Besondere körperliche Symptome sind von relativ geringer Bedeutung. Selbst wenn sie sehr intensiv sind, betreffen sie doch immer nur einen Teil des Organismus und sind daher eine unbedeutende Äußerung des Abwehrgefüges. Werden sie uns aber spontan vollständig geschildert oder sind sie sonderbar, können sie uns eine unschätzbare Hilfe sein.
Pathognomonische Symptome (pathologische Veränderungen)
Symptome pathognomonische An letzter Stelle stehen – als unwichtige Symptome – pathologische Gewebeveränderungen und Störungen, die durch diese Veränderungen verursacht werden. Für die allopathische Diagnose und auch in prognostischer Hinsicht spielen sie eine große Rolle. Für die Wahl des Mittels sind sie jedoch relativ unwichtig. Beispielsweise ist bei älteren Männern verlangsamtes Wasserlassen durch ein Prostataadenom ein häufiges Problem; für die homöopathische Mittelfindung ist es als Symptom jedoch kaum verwendbar. Das Gleiche gilt für Verstopfung durch Darmkrebs – es sei denn, individualisierende Modalitäten oder Begleitsymptome sind vorhanden. Selbst ein so ernstes Symptom wie Atembeschwerden bei vergrößerter Schilddrüse kann ohne differenzierende Merkmale für die Mittelwahl nicht verwendet werden.
Entscheidend ist, dass man, bevor man den Fall eingehend studiert, die Symptome nach ihrer Bedeutung ordnet. Wie dies praktisch aussieht, hängt vom Einzelfall ab und lässt sich hier nur durch allgemeine Hinweise andeuten ( Abb. 2.5 ). Es handelt sich nicht um einen mechanischen Prozess, und es gibt deshalb auch kein Patentrezept dafür. Erforderlich sind intensives Nachdenken, Fachkenntnisse und große Erfahrung. In den ersten Praxisjahren sollte dieser Schritt von qualifizierten und geübten Homöopathen begleitet werden. Die Gewichtung und Anordnung der wahlanzeigenden Symptome sind für die Wahl des Mittels ebenso wichtig wie die gründliche Fallaufnahme.

Das homöopathische Repertorium

Bevor wir uns eingehender mit der Fallanalyse beschäftigen, scheint es an dieser Stelle angebracht, dass wir Inhalt und Struktur unseres neben der Materia Medica unentbehrlichsten Hilfsmittels – des Repertoriums – kennenlernen.
Selbstverständlich wäre es für den Homöopathen höchst unpraktisch, wollte er jedes Mal sämtliche Bände der Materia Medica durchstöbern, um das Mittel zu finden, das am besten zur Gesamtsymptomatik eines Patienten passt. Deshalb hat man in besonderen Nachschlagewerken, den Symptomenverzeichnissen Symptomenverzeichnis – Repertorien Repertorium genannt –, für ein bestimmtes Symptom diejenigen Mittel zusammengestellt, die es hervorgebracht oder geheilt haben. Mehrere Repertorien wurden seit Entstehung der Homöopathie entwickelt. Unter ihnen gilt Kents Repertorium Kents Kent, James Tyler Repertorium 19

19

Vgl. Keller G v, Künzli J (Hrsg.): Kents Repertorium

als das zuverlässigste und hat sich aufgrund langjähriger Erfahrungen bewährt. Es ist ein bewunderungswürdiges Werk, von unschätzbarem Wert bei der Mittelwahl. Bis in alle Einzelheiten werden die zahlreichen Symptome aus sämtlichen bis zu seinem Erscheinen (1877) bekannten Arzneimittelprüfungen dargestellt – und es geht noch darüber hinaus. Kent, ein hervorragender und außerordentlich erfahrener Homöopath, dokumentierte außerdem seine eigenen Beobachtungen im Repertorium. Das Werk verdankt seine besondere Qualität und Verlässlichkeit der umfassenden Sammlung von Prüfungsergebnissen als auch Kents vielseitigem und profundem Wissen, das der Bearbeiter noch erweitert hat.
Zweck des Repertoriums ist es, dem Homöopathen bei der Fallanalyse einen raschen Überblick über die infrage kommenden Mittel zu verschaffen, die in dem gegebenen Fall die zu studierenden Symptome hervorgebracht haben. Als Interpretationshilfe sind auch Intensität und Häufigkeit, mit der ein Symptom auftritt, für jedes Mittel durch drei (oder vier) verschiedene Gradeinteilungen besonders verzeichnet. Das Repertorium soll also als Anhaltspunkt und Gedächtnisstütze dienen: Es kann dem Homöopathen Anregungen geben, über Mittel nachzudenken, die er sonst vielleicht vergessen hätte. Es ist ein spezifisches Inhaltsverzeichnis für die Materia Medica.
Andererseits darf man jedoch die Bedeutung des Repertoriums nicht überschätzen. Die Tendenz, eine Art Computerprogramm darin zu sehen, das automatisch das vermeintliche Simillimum Simillimum 20

20

Simillimum: Hahnemann bezeichnete damit das Mittel, dessen Symptomatik der des Patienten am ähnlichsten ist.

ausspuckt, ist nur zu verständlich, und tatsächlich gibt es verschiedene digitale Versionen des Repertoriums. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden – bedenklich wird die Sache aber, wenn sich homöopathisch unausgebildete Praktiker auf dieses System verlassen, als würde es zur Wahl eines Mittels ausreichen. Beim Repertorisieren kann nichts anderes herauskommen, als was in der Falldarstellung bereits enthalten ist. Einen Fall aber sachgemäß aufzunehmen und zu analysieren, d. h. Stärke und Bedeutung der Symptome richtig einzuschätzen und zu bewerten, dazu bedarf es langjähriger Ausbildung und Übung.

Merke

Letztlich muss jede Verschreibung auf einem sorgfältigen Studium der Materia Medica basieren. Daraus ergibt sich, ob die Essenz des Arzneimittels und dessen Gesamtheit der Symptome mit den Symptomen des Patienten in Übereinstimmung gebracht werden kann.

Einen Fall so in Übereinstimmung zu bringen, erfordert intensives Studium und ein geschultes Entscheidungsvermögen. Man muss sich stets darüber bewusst sein, dass das Repertorium bei diesem Prozess lediglich ein Hilfsmittel ist.
Bei aller Hochachtung für Kents hervorragendes Nachschlagewerk dürfen wir ferner nicht vergessen, dass es auch in seiner neuesten Ausgabe noch unvollständig ist. Kents Wissen war sehr umfassend, aber nicht lückenlos. Mit wachsender Erfahrung stellte sich hier und da heraus, dass das Repertorium auch fehlerhafte Eintragungen enthält, die immer wieder verbessert werden müssen. Das Repertorium wird ständig erweitert: Angaben zu Symptomen, die – belegt durch immer umfassendere Erfahrungen in der Praxis – geheilt worden sind, werden ebenso ergänzt wie Daten aus aktuellen Prüfungen alter und neuer Mittel. Selbst bestgeprüfte Mittel wie Sulfur Sulfur , Kalzium carbonicum Kalzium carbonicum oder Natrium muriaticum Natrium muriaticum können Symptome hervorbringen und heilen, die noch nicht im Repertorium verzeichnet sind. Das Werk sollte deshalb nicht als absolute, endgültige Informationsquelle betrachtet werden. Ein unverzichtbares Hilfsmittel – gewiss, das ist es, doch nicht die letzte Entscheidungsgrundlage.
Was die Form betrifft, so ist Kents Repertorium Repertorium Kents zunächst einmal ein umfangreiches Buch, das eine Fülle von Symptomen detailliert auflistet. Jedem Symptom folgt eine Rubrik, in der alle Mittel aufgeführt sind, die das Symptom hervorgebracht oder geheilt haben. Im Kent'schen Repertorium sind die Symptome auf dreifache Weise gekennzeichnet:
  • Mittel, bei denen ein Symptom mit ungewöhnlicher Stärke und Häufigkeit aufgetreten ist, sind fett markiert; wir geben ihnen drei Punkte und bezeichnen sie als dreiwertig.

  • Bei mittlerer Stärke und Häufigkeit des Symptoms stehen die entsprechenden Mittel in Kursivschrift und heißen zweiwertig.

  • Bei geringer Stärke und Häufigkeit des Symptoms sind die Mittel in Standardschrift abgedruckt und werden einwertig genannt.

Übrigens sollte jeder geübte Homöopath das Kent'sche Repertorium gemäß seiner Erfahrung vervollständigen. Man sollte es sich zur Gewohnheit machen, Symptome aufzuschreiben, die bei der Gesundung des ganzen Menschen mitgeheilt werden. Erlebt man solch eine Heilung, sollte man jedes geheilte Symptom im Einzelnen nachprüfen, auch seine Modalitäten, Empfindungen und Begleitsymptome – ganz so, wie es in der Prüfung geschieht. Hat man dreimal beobachtet, dass ein Symptom bei der Gesundung des ganzen Menschen unter dem betreffenden Mittel mitgeheilt wurde, ist man berechtigt, es im Repertorium nachzutragen. Steht das Mittel schon unter dieser Rubrik, ist aber nur einwertig, kann man es, entsprechend dieser Erfahrung, aufwerten.
Aufbau nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema
Wie gehen wir mit dem Repertorium um? Wie finden wir uns darin zurecht? Kents Kent, James Tyler Repertorium kann den Anfänger leicht in Verwirrung stürzen. Die Symptome sind hier nicht einfach alphabetisch aufgelistet, sondern folgen in etwa den Gesichtspunkten, die wir auch bei der homöopathischen Anamnese als Richtschnur benutzen. Nehmen wir also ein Repertorium zur Hand: Jedes Kapitel ist auf gleiche Weise aufgebaut: räumlich (auf den Körper bezogen) von oben nach unten, logisch vom Allgemeinen zum Besonderen. Das Buch umfasst insgesamt 31 Kapitel ( Tab. 2.4 ).
Alphabetische Ordnung innerhalb der Kapitel
Jedes Kapitel ist in größere Abschnitte oder Kategorien unterteilt, in denen bestimmte Zustände, Symptome, pathologische Veränderungen usw. alphabetisch beschrieben sind. Psychische Symptome Symptome psychische (1. Kapitel) schließen z. B. große Kategorien wie Angst, Furcht, geistige Trägheit, Wahnideen, Reizbarkeit, geistige Ruhelosigkeit usw. ein. Die übrigen, auf körperliche Leiden bezogenen Kapitel (2–31) thematisieren z. B. Ausschläge, Blutandrang, Gefühllosigkeit, Lähmung, Schmerz, Schwäche, Wärme und Kälte usw. Diese Hauptrubriken sind innerhalb jedes Kapitels alphabetisch geordnet.
Anders die Aufteilung der nächsten Differenzierungsstufe: Hier gerät der Anfänger in Verwirrung, denn die alphabetische Reihenfolge wird nicht notwendigerweise beibehalten.
Jede vorhandene Rubrik – das müssen wir zunächst einmal klären – bezieht sich entweder auf ein bestimmtes Gefühl bzw. auf einen Zustand oder aber auf einen Verschlimmerungsfaktor (wenn nicht ausdrücklich „Besserung“ dabeisteht). Sie besitzt folgende feststehende Gliederung:
  • 1.

    das eigentliche Symptom, Empfindung (Hauptrubrik),

  • 2.

    zeitgebundene Verschlimmerungen,

  • 3.

    Modalitäten, die verschlimmern (oder bessern, wenn ausdrücklich angegeben),

  • 4.

    Lokalisation,

  • 5.

    Schmerzausstrahlung oder -erstreckung.

Diese Reihenfolge wiederholt sich für alle Untergruppierungen. Wir stellen fest: Das Repertorium ist wie ein umgekehrtes Teleskop angelegt – von Stufe zu Stufe ausführlicher werdend, folgt es doch immer dem gleichen Ordnungsprinzip.
Abweichung von der alphabetischen Ordnung
Sehen wir uns den inhaltlichen Aufbau des Repertoriums an einem konkreten Beispiel an: Ein Patient klagt über „Kopfschmerzen, als wolle ihm der Kopf bersten“; sie sitzen „hinter der Stirn“, sind schlimmer morgens um 10 Uhr und besser, wenn er sich hinlegt. Diesem Symptom – Kopfschmerz – kann man im Repertorium auf vielerlei Weise nachspüren und dabei mehr und mehr ins Detail gehen ( Tab. 2.5 ).
Zunächst schlagen wir das Kapitel „Kopf“ auf. Dann suchen wir alphabetisch die Hauptrubrik Kopfschmerz Kopfschmerz .
Erst einmal stoßen wir auf die zeitgebenden Verschlimmerungen, die den Kopfschmerz allgemein betreffen. Hier finden wir mehrere Rubriken, die weiterhelfen könnten: tagsüber, morgens, beim Aufstehen, beim Aufwachen, bis 10 Uhr morgens (mit sieben Mitteln). Doch diese Information ist für unseren Zweck noch zu ungenau.
Wir schlagen also die Modalitäten bei Kopfschmerz allgemein auf und stellen fest, dass unter „Besserung durch Liegen“ 61 Mittel stehen. Das ist erst recht zu ungenau.
Nun suchen wir etwas zur Lokalisation des Schmerzes: die Stirn. Der entsprechende Abschnitt ist ziemlich lang. Wir sehen nach unter Kopf, Schmerz, Stirn, 10 Uhr vormittags und finden dort nur zwei Mittel. Nachdem wir nun also den allgemeinen Schmerz, seine Lokalisation, seine markante Modalität und die zeitliche Verschlimmerung berücksichtig haben, dürfen wir davon ausgehen, dass das gesuchte Mittel mit großer Wahrscheinlichkeit eins dieser beiden ist.
Jetzt hilft vielleicht weiter, dass der Patient gesagt hat: „als wolle der Kopf bersten“, und wir lesen bei den verschiedenen Empfindungen des Kopfschmerzes nach. Unter „Bersten“ stehen zuerst einige zeitliche Verschlimmerungen (wir werfen rasch einen Blick auf „morgens“), dann einige Modalitäten (wir überfliegen „beim Liegen“); schließlich kommt das Stichwort „Stirn“. Unter „Stirn, 10 Uhr morgens“ steht nur ein Mittel, und auch unter „Liegen“ steht nur eins. Wir haben Glück: Beide Male ist es das gleiche Mittel! Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um das vom Patienten benötigte Mittel handelt, ist weiter gestiegen. Die Rubrik, in der wir alle Informationen des Patienten berücksichtigt finden, heißt also: Kopf, Schmerz, berstend, Stirn, 10 Uhr und beim Liegen. Für dieses spezifische Symptom würden wir also das Mittel Gelsemium Gelsemium stark in Betracht ziehen. Also doch ein ziemlich schematischer Vorgang – so denkt der Leser vielleicht. Aber die Sache ist in der Praxis sehr viel komplizierter. Da kommt es nämlich recht selten vor, dass ein Mittel in so vielen infrage kommenden Rubriken auftaucht. Je kleiner die Rubriken werden, desto mehr Aufmerksamkeit schenken wir in der Regel den Mitteln, die dort stehen. Stets müssen wir uns auch dessen bewusst sein, dass sich Ungenauigkeiten in diesen Prozess einschleichen können. Immer ist eine Reihe von Faktoren zu beachten: Wie genau war die Beschreibung, als der Patient sagte „bersten“? Könnte es sich vielleicht eher um ein „Drücken“, „Schneiden“, „Durchzucken“, „Stechen“ oder „Reißen“ handeln? Sitzt der Schmerz tatsächlich hinter der Stirn oder vielleicht mehr an den Schläfen oder aber über den Augen, hinter den Augen oder im Gesicht? Wie zuverlässig ist die „Verschlimmerung um 10 Uhr“? Wäre vielleicht „morgens“, „beim Aufstehen“ oder „beim Aufwachen“ richtiger?
Auch die Unsicherheit, die das Repertorium selbst mit sich bringt, müssen wir berücksichtigen. Bei der Verwendung kleinerer Rubriken sollten wir uns jedes Mal fragen: Sind wirklich alle infrage kommenden Mittel aufgeführt? Gibt es vielleicht neuere Mittel, in deren Prüfung dieses Symptom aufgetaucht ist? Oder gibt es bekannte Mittel, die das Symptom vielleicht auch haben, aber nicht im Repertorium stehen?
Diese Möglichkeiten verlangen ein wachsames Auge für jede Rubrik, die bei der Mittelsuche infrage kommen könnte – bis es schließlich gelingt, eine zu finden, die möglichst vollständig alle Einzelheiten enthält, die der Patient angegeben hat. Bei obigem Beispiel würden wir besonders an Gelsemium Gelsemium denken, weil wir es in der Mehrzahl der Rubriken – nicht in allen – finden konnten.
Jedes wichtige Symptom, über das der Patient berichtet, wird auf diese Weise nachgeschlagen und überprüft – ein Prozess, der viel Arbeit und Reflexion erfordert. In unserem Beispiel mag Gelsemium zwar für dieses eine Symptom angezeigt sein, kommt aber vielleicht bei anderen Symptomen des Patienten gar nicht in Betracht. Um sich in einer solchen Situation schließlich für ein Mittel zu entscheiden, bedarf es fachmännischen Könnens, reifer Erfahrung, klaren Urteilsvermögens und sehr guter Kenntnisse der Materia Medica.
Diese komplizierte Problematik ist der Grund, warum schematische oder allein von Computern gefundene Verordnungen wenig Erfolg zeigen. Der Fall muss zunächst exakt und behutsam aufgenommen werden; dann gilt es, korrekt zu beurteilen und aufzuschreiben, wie intensiv, wie charakteristisch und wie allgemein jedes Symptom ist; und schließlich müssen wir die richtige Wahl unter den möglichen Rubriken treffen.
Das Nachschlagen im Repertorium dient also – es sei nochmals betont – lediglich als ein Anhaltspunkt, ein Hinweis, der „den Stein ins Rollen bringen soll“. Zu guter Letzt muss man die Einzelinformationen, die man gelesen hat, sozusagen vergessen und die infrage kommenden Mittel aufmerksam in der Materia Medica und in den Arzneimittellehren studieren. Das Ziel ist ja, „Idee“ und Gesamtsymptomatik von Patient und Mittel möglichst weitgehend zur Deckung zu bringen. Die genaue Beschreibung der Mittel finden wir aber in den Arzneimittellehren – nicht im Repertorium. Als Nächstes werden wir uns daher die Materia Medica vornehmen und uns mit wachem forschendem Geist und wirklicher Hingabe in sie vertiefen, ständig bemüht, herauszufinden, ob das Wesen des Mittels mit der Gesamtsymptomatik des Patienten übereinstimmt. Erst wenn die größtmögliche Übereinstimmung zwischen beiden erreicht ist, dürfen wir das Mittel – immer noch unter Vorbehalt – verordnen.

Fallanalyse und erste Verordnung

Der Leser weiß nun, wie ein Fall aufgenommen wird, nach welchen allgemeinen Prinzipien man Symptome bewertet und wie man sie hinsichtlich ihrer homöopathischen Bedeutung einstuft (Gewichtung). Er hat ferner einen allgemeinen Überblick über das Kent'sche Repertorium erhalten und gelernt, wie man ein bestimmtes Symptom darin findet. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, genauer zu untersuchen, wie man einen Fall Fallanalyse analysiert und die Wahl des ersten Mittels trifft.
Im Verlauf dieses Buches mag hier und da der Eindruck entstehen, als brauche man, um einen Fall zu analysieren und ein Mittel zu wählen, einfach nur automatisch den Regeln zu folgen wie beim Lösen einer Rechenaufgabe. Dieser Anschein wird geweckt, weil es hier aus praktischen Gründen nötig ist, einen sehr komplexen Prozess zwecks sprachlicher Klarheit und Verständlichkeit zu vereinfachen. Die Gesetze und Prinzipien, nach denen ein Mittel gewählt wird, sind an sich eindeutig und überprüfbar ( Kap. 1 ); sie im konkreten Fall anzuwenden, ist jedoch kompliziert: Es ist ein Prozess von Überlegungen und Entscheidungen, die naturwissenschaftliche Objektivität und intuitives Einfühlungsvermögen erfordern. Der Leser sollte nicht denken, diese Aufgabe ließe sich durch geistlose, computergesteuerte Automatik bewerkstelligen. Ebenso wenig aber sollte er glauben, fortgeschrittene Homöopathen träfen ihre Mittelwahl Arzneimittel, homöopathisches Mittelwahl nur rein intuitiv oder gar auf magische Art und Weise. Es gibt einen definitiven Rahmen – einerseits feste Gesetze und Prinzipien, andererseits aber (bei der Anwendung) eine quasi künstlerische Komponente. Der Homöopath vereint eine Vielzahl von Patientenaussagen mit seinen umfassenden Kenntnissen der homöopathischen Grundsätze und der Arzneimittellehre zu einer „Gestalt“ – der Grundlage für die Wahl des Mittels.
Voraussetzung hierfür sind geistiger Einsatz, intensives Studium und die Fähigkeit, den Patienten in seinem Innersten zu begreifen. Nur wenige Menschen werden genügend Motivation und Geduld aufbringen, die Homöopathie mit dieser Ernsthaftigkeit auszuüben. Die meisten Praktiker werden eher dazu neigen, sich die Dinge zu vereinfachen: durch schematische Verwendung von Leitsymptomen, durch Computermethoden, die Zeit und Energie bei der Suche nach dem passenden Mittel einsparen usw. Derartige Versuche, auf Abkürzungen zum Ziel zu gelangen, haben auf lange Sicht immer enttäuschende Ergebnisse gezeitigt. Dem Image der Homöopathie können sie nur schaden. Zu Beginn seiner Laufbahn muss ein Homöopath die Entscheidung treffen, ob er sich den hohen Anforderungen der klassischen Homöopathie stellen will. Wer sich die Sache leichter zu machen sucht, wird zwar auch zunächst gewisse Erfolge verzeichnen; auf Dauer wird er aber mehr und mehr enttäuscht sein, weil er seine Fälle durcheinanderbringt, indem er Mittel verordnet, die nur einen Teilaspekt der Symptomatik decken, oder indem er sie zum falschen Zeitpunkt verabreicht. Wer sich jedoch entschließt, nach strengen Maßstäben zu arbeiten, wird entdecken, dass seine Erfolgsquote ständig steigt, und er weiß jedes Mal genau, was bei einem Fall vor sich geht. Eine Tätigkeit, nach diesen Prinzipien ausgerichtet, kommt nicht nur dem Patienten zugute, sondern erfüllt auch den Homöopathen mit innerer Befriedigung.
Nun mag sich mancher angehende Homöopath fragen: „ Verdiene ich überhaupt genug, um leben zu können, wenn ich nach diesen Maßstäben arbeite? Wie kann ich, wenn ich so viel Zeit für jeden einzelnen Patienten aufwende, genügend Patienten betreuen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten?“
Es stimmt, jeder Fall erfordert viel Zeit, und die Kosten sind für den Patienten in der Tat oft höher, als wenn er zum Allopathen geht. Man bedenke jedoch: Die Resultate der Homöopathie sind häufig weit besser als die der Allopathie. Das erkennen auch die Patienten, es spricht sich herum, und sie sind bereit, entsprechend dafür zu zahlen. Auf lange Sicht gibt der einzelne Patient beim Homöopathen viel weniger Geld für seine Gesundheit aus als beim Allopathen: Mit zunehmender Gesundung braucht er immer seltener zur Behandlung zu kommen, die Medikamente sind viel billiger, und was Laboruntersuchungen und Krankenhausaufenthalte betrifft, so werden diese auf ein Minimum reduziert. Ein klassischer Homöopath, der sein Fach beherrscht und sich auf den Erfolg seiner Mittel verlassen kann, wird mit Sicherheit eine volle Praxis haben und ein Einkommen, von dem sich gut leben lässt.

Prognostische Beurteilung des Falls

Bei der ersten Befragung besteht eine der wichtigsten Aufgaben darin, die Schwere des Falls Fallbeurteilung zu beurteilen. Im Verlauf eines Tages sieht sich der Homöopath den unterschiedlichsten Patienten gegenüber. Es kommt vor, dass zwei von ihnen mit ganz ähnlichen Symptomen kommen, z. B. mit steifen Knien.

Fallbeispiel

Der eine Patient ist bis auf diese Beschwerde gesundheitlich ziemlich unbelastet. Sein Leben ist erfüllt und kreativ und verläuft, abgesehen von dieser gelegentlichen Steifheit der Knie, relativ problemlos. Seine Vorgeschichte weist keine Besonderheiten auf; Eltern und Großeltern waren bis ins hohe Alter gesund und starben dann rasch ohne längere Krankheit. Man braucht nicht lange zu überlegen, um sagen zu können: Dieser Patient hat eine stabile Gesundheit, und seine Knie werden rasch und problemlos heilen.

Fallbeispiel

Der andere Patient kommt mit genau der gleichen Beschwerde, bietet aber bei der Befragung ein völlig anderes Bild: Er leidet unter Ängsten, mit denen er notgedrungen zu leben gelernt hat, sein Selbstwertgefühl ist gering, er leidet zeitweise unter Depressionen und hat sich im Laufe der letzten 20 Jahre immer mehr in sich selbst zurückgezogen. Man merkt, dass es ihm schwerfällt, über Dinge zu sprechen, die ihn bewegen. Zwar sagt er, seine Vitalität reiche für die Erfordernisse des täglichen Lebens aus; doch bei weiterem Nachforschen stellt sich heraus, dass er seine Aktivitäten bewusst einschränkt, um sich nicht zu überlasten, und sich jeden Mittag hinlegen muss. Als Kind war er – so zeigt seine Vorgeschichte – sehr empfindsam, und später hat er eine Reihe schwerer Enttäuschungen erlebt. Im Laufe der Jahre wurde alles für ihn zur Belastung: neue Menschen kennenzulernen, sich um eine Arbeit zu bewerben, den Entschluss zum Umziehen zu fassen. Alles ist ihm jetzt zu viel, und er braucht Tage, um sich von einem Erlebnis dieser Art zu erholen. Die Familiengeschichte zeigt mehrere Fälle von Krebs und Diabetes, und der Patient hat Verwandte, die in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden mussten. Rasch wird in solch einem Fall klar: Die Prognose ist ungünstig. Gründliche Laboruntersuchungen ergeben vielleicht nur „chronische Arthritis“. Der Homöopath weiß jedoch, dass bei einem solchen Patienten in absehbarer Zeit mit einer ernsten Krankheit zu rechnen ist. Selbst eine sorgfältige homöopathische Behandlung wird nicht ohne allerlei Schwierigkeiten verlaufen. Ein Mittel, das nur teilweise angezeigt ist oder zur falschen Zeit gegeben wird, kann diesen Fall so durcheinanderbringen, dass weitere passende Mittel kaum mehr zu finden sind.

Jeder Patient erwartet aber vom Homöopathen nicht nur ein Heilmittel, sondern auch Auskunft darüber, wie es um ihn steht – ob sein Leiden heilbar ist und wenn ja, wie lange es in etwa dauert, bis er gesund wird. Macht man ihm falsche Hoffnungen, sodass er mit einer deutlichen Besserung innerhalb weniger Monate rechnet, sind die Schwierigkeiten, die er auch in späteren Stadien des Heilprozesses erwarten muss, für ihn eine große Enttäuschung. Vielleicht lässt er sich dadurch so sehr entmutigen, dass er die homöopathische Behandlung ganz aufgibt.
Deshalb ist es bei der Bearbeitung eines Falles wichtig, zunächst zu beurteilen, wie ernst er ist. Bei unserem ersten Fallbeispiel kann man zuversichtlich davon ausgehen, dass das richtige Mittel die Symptome rasch und dauerhaft heilt. Beim zweiten Fallbeispiel hingegen muss man die Prognose sehr viel vorsichtiger stellen. Man darf beim Patienten nicht den falschen Eindruck erwecken, als könne er leicht oder rasch gesund werden. Er muss wissen, dass er Geduld haben muss und dass es notwendig ist, sich von den Gesetzmäßigkeiten des Heilprozesses leiten zu lassen. Bei einem derartigen Fall werden im Laufe der Gesundung wahrscheinlich viele Probleme auftreten, und selbst das endgültige Resultat ist vielleicht weniger zufriedenstellend, als man beim ersten Fallbeispiel erwarten kann.
Wie kommen wir aber nun zu einem zuverlässigen prognostischen Urteil? Im Wesentlichen sind es vier Faktoren, die eine ungünstige Prognose ergeben.
Faktor: Beträchtliche Einschränkung der Lebenslust und der Schaffensfreude
Sind Lebensfreude und Tatendrang eines Patienten dauerhaft getrübt und erschlafft, muss man trotz unbedeutender Beschwerden damit rechnen, dass er eine starke Veranlagung zu chronischen Leiden besitzt. Kreative, sozial aufgeschlossene Menschen erlauben im Allgemeinen eine günstige Prognose. Wer jedoch seinen Horizont bewusst verengt, allem Stress aus dem Wege geht oder nähere Kontakte mit anderen Menschen vermeidet, dessen Aussichten sind prognostisch eher ungünstig.
Oft kann der Homöopath bestimmte Tendenzen dieser Art schon zu Beginn des Interviews feststellen: Die Offenheit, mit der sich ein Patient ausdrückt; seine Bereitwilligkeit, über Dinge zu sprechen, die ihn innerlich stark bewegen; seine Haltung; seine Fähigkeit, Kontakt zum Arzt herzustellen – all dies sind Fingerzeige. Außerdem liefern einfache äußere Beobachtungen wertvolle Hinweise: Hautfarbe, Beschaffenheit von Haut und Muskeln, Klarheit der Augen, Aussehen der Zunge, Glanz des Haares usw.
Faktor: Schwerpunkt der Symptome
Befindet sich das Schwergewicht der Symptomatik auf der geistigen oder emotionalen Ebene ( 1.4 ), ist die Prognose relativ ungünstig. Patienten dieser Art werden meist nur langsam und schwer gesund. Dagegen kann man bei Menschen, die auf der geistig-seelischen Ebene nur wenig eingeschränkt sind, eine rasche und leichte Heilung erwarten. Je tiefer der Schwerpunkt sitzt, desto schlechter ist die Prognose.
Faktor: Überempfindlichkeit gegenüber Umweltreizen
Menschen, die auf jede kleine Veränderung in ihrer Umgebung empfindlich reagieren ( 1.1.2 ); die sich von Leid und Unrecht unverhältnismäßig bedrücken lassen; die kein spöttisches Wort und keine Zurückweisung ertragen können; die jeder Auseinandersetzung aus dem Weg gehen; die ständig aufpassen müssen, was sie essen; die sich sehr leicht erkälten usw. – solche Menschen müssen häufig eine ungünstige Prognose hinnehmen. Ihr Organismus ist unfähig, das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, und das Abwehrgefüge muss ständig versuchen, einen Ausgleich zu schaffen.
Faktor: Vorgeschichte und Familiengeschichte
Patienten, die schwere, tief sitzende Krankheiten oder eine Reihe von Unterdrückungstherapien durchgemacht haben, werden ebenfalls im Verlauf der Heilung häufiger auf Schwierigkeiten stoßen; dasselbe gilt für Patienten, die aus Familien mit stark miasmatischer Vorbelastung stammen ( 1.9 ), z. B. mit Verwandten, die durch schwere organische Veränderungen früh gestorben sind, an langwierigen chronischen Krankheiten leiden, geistesgestört sind o. dgl.
Entdeckt man bei einem Patienten einen der obigen vier Faktoren, so sollte man sogleich Verdacht auf ernste Gefährdung schöpfen. Selbst wenn es nur ein einziger Faktor ist, sollte man mit Schwierigkeiten rechnen und sorgfältig weiterforschen, um festzustellen, wie tief die Krankheit sitzt. Gelegentlich kann zwar einer der Faktoren vorhanden sein, ohne die Prognose ungünstig zu beeinflussen; normalerweise aber stößt man, wenn ein Faktor vorhanden ist, auch auf weitere. Treffen gar alle vier auf einen Patienten zu, sollte man außerordentlich auf der Hut sein, ganz gleich, wie geringfügig die derzeitige Beschwerde aussehen mag. In derartigen Fällen kann eine unbedeutende Störung leicht die „Spitze des Eisberges“ darstellen. Viel Zeit und Mühe sind nötig, die Gesundheit eines solchen Patienten einigermaßen wiederherzustellen.

Fallanalyse für Anfänger

Beim Studium der homöopathischen Anamnese ( 2.4 ) stehen wir nun vor der Aufgabe, das passende Mittel – das Simillimum Simillimum – zu finden. Für den Anfänger, der nur eine begrenzte Kenntnis der Materia Medica Materia Medica besitzt, kann diese Entscheidung, besonders bei chronischen Fällen, sehr schwierig sein.

Merke

Die Wahl des ersten Mittels ist die wichtigste Entscheidung in der homöopathischen Behandlung! Versuchen wir nicht, uns diese Entscheidung zu vereinfachen – durchdenken wir sie sehr genau!

Das erste Mittel verschafft dem Homöopathen den Zugang zu einem Fall. Entweder es mobilisiert das heilende Potenzial des Abwehrgefüges und steuert den Fall in Richtung größerer Ordnung, oder aber es stiftet Unordnung und Verwirrung. Da der Fall bis dahin noch nicht unter falschen Verordnungen gelitten hat, ist das erste Mittel oft leichter zu wählen als die nachfolgenden. Nochmals: Es ist von allen Verordnungen die wichtigste.
Gelegentlich, aber nicht oft, ist der Fall zu Beginn der Behandlung ziemlich klar: Der Patient leidet unter einigen leichten Beschwerden, sein Symptombild passt genau auf ein bestimmtes Mittel, ein paar eigentümliche Symptome bestätigen dieses Mittel, und Kontraindikationen sind keine vorhanden. Der Fall liegt klar auf der Hand, und der Homöopath kann das Mittel ohne Zögern verordnen. Sogar der unerfahrene Praktiker kommt zu eindrucksvollen Heilerfolgen, wenn das Bild zu Beginn der Behandlung eindeutig ist. Ganz besonders wichtig ist es dann, lange Zeit zu warten, bevor man das Mittel wiederholt oder ein neues verschreibt.
Meist ergibt die Anamnese jedoch ein gemischtes Symptombild. Der Patient weist vielleicht ein sehr charakteristisches Gemütssymptom von Pulsatilla Pulsatilla auf, das den Arzt auf den Gedanken bringt, dies sei das angezeigte Mittel. Man fragt weiter, und siehe da – so gut wie kein anderes Symptom bestätigt Pulsatilla: Außerdem friert der Patient sehr und spürt ein Verlangen nach Fett – zwei Symptome, die Pulsatilla völlig widersprechen. Auf keinen Fall darf man jetzt der Versuchung erliegen, trotzdem Pulsatilla zu geben. Man sollte vielmehr den Bericht des Patienten weiter durchdenken und überprüfen, um ein Mittel zu finden, das tatsächlich die Gesamtheit der Symptome abdeckt. Jedes einzelne Symptom wird vielleicht nicht passen, aber wahrscheinlich lässt sich ein Mittel finden, das den meisten der wichtigen Symptome entspricht.
Der Anfänger steht oft vor einem verwirrenden und scheinbar unzusammenhängenden Sammelsurium von Symptomen, das zu keinem einzigen Mittel zu passen scheint. Der Grund liegt darin, dass er noch keine ausreichende Kenntnis der Mittel besitzt. Wer sich besser auskennt und mehr Erfahrung hat, erkennt in dem Konglomerat von Symptomen das passende Mittel vielleicht mühelos. Doch was soll der Anfänger in solch einem Fall tun?
Repertorisation
Das Beste ist, er „repertorisiert“ den Fall. Dazu fertigt man eine sorgfältige Aufstellung der Symptome an ( 2.5 ). Man überlegt genau, welche Symptome für die Repertorisation Repertorisation infrage kommen. Dann ordnet man sie so umsichtig wie möglich nach ihrem Stellenwert: Das wichtigste Symptom steht an erster Stelle usw.
Die besonders charakteristischen und eigentümlichen Symptome (zu denen im Repertorium nur wenige Mittel genannt sind) schließt man zunächst von der formalen Repertorisation aus.
Man listet also auf einem Blatt Papier nacheinander alle Symptome in dieser Weise auf und schreibt dann unter jedes Symptom alle Mittel, die in der dazugehörigen Rubrik stehen – einschließlich ihrer Wertigkeit. Jedes Mittel wird berücksichtigt, um zu verhindern, dass man womöglich das passende Mittel übersieht (wenn die richtigen Rubriken gewählt wurden). Danach schreibt man diejenigen Mittel auf, die in allen Rubriken vorkommen.
Im Idealfall trifft das nur auf ein einziges Mittel zu. Man liest es aufmerksam in der Materia Medica nach. Entspricht die „Idee“ dieses Mittels der „Idee“ des Patienten und besitzt das Mittel die Mehrzahl seiner Symptome, kann man es mit Zuversicht verschreiben.
In der Praxis kommt das aber selten vor. Meist tauchen drei oder vier Mittel in allen Rubriken auf, und man muss sich für eins entscheiden. Dazu sieht man sich nun die Rubriken der charakteristischen Symptome („Organon“ [1999], § 153, 2.5.1 ) an und studiert als Erstes die Mittel, die sowohl in diesen als auch in allen anderen Rubriken vorkommen. Falls die charakteristischen Symptome keines der drei oder vier repertorisierten Mittel bestätigen, müssen diese Mittel so lange in den Arzneimittellehren studiert werden, bis man dasjenige sicher gefunden hat, das der Gesamtsymptomatik des Patienten am besten entspricht.

Merke

Niemals sollte man ein Mittel geben, nur weil es die höchste Punktzahl bei der Repertorisation erreicht.

Selbst wenn es punktemäßig weit vor den anderen liegt, darf man es nicht geben, solange nicht seine Beschreibung in den Arzneimittellehren auf den Patienten passt. Das Repertorisieren ist also, wie schon erwähnt, lediglich ein richtungsweisendes Hilfsmittel, nicht die endgültige Antwort.

Fallanalyse mittels Repertorisation

  • Aufstellung der Symptome (ohne §-153-Symptome)

  • Bewertung der Symptome

  • Nachschlagen der Rubriken im Repertorium

  • Notieren aller aufgeführten Arzneimittel inkl. ihrer Wertigkeit

  • Abgleich der(s) in allen Rubriken aufgeführten Arzneimittel(s) in der Materia Medica

  • Gegebenenfalls Hinzuziehen der §-153-Rubriken

  • Erneuter Abgleich der repertorisierten Arzneimittel in der Materia Medica

Einige Homöopathen haben Repertorisationsbögen entwickelt, auf denen man zu jedem Symptom die dazugehörigen Mittel, einschließlich ihrer Wertigkeit, eintragen kann. Diese Bögen sind zwar recht praktisch, werden aber für Anfänger nicht empfohlen. In den ersten Jahren soll das Studium eines Falles u. a. auch das Verständnis des Arztes für die Homöopathie und ihre Mittel vertiefen; die Repertorisationsbögen aber können verhindern, dass man tatsächlich im Hinblick auf den einzelnen Patienten über jedes Mittel nachdenkt. Das Aufschreiben der einzelnen Rubriken mit allen darin enthaltenen Mitteln ist zwar mühsam, hilft aber, sich die Wertigkeit der einzelnen Mittel einzuprägen. Mit zunehmender Kenntnis der Mittel kann man nach einiger Zeit oft auswendig voraussagen, ob ein bestimmtes Symptom in der Prüfung eines Mittels vorkommt oder nicht. Beim Aufschreiben der Rubrik sieht man dann, ob man richtig vermutet hat.
Zweifellos ist dies ein mühevoller Prozess. Übertragen wir ihn aber nicht unserem Assistenten oder der Sekretärin: Er dient ja in erster Linie dazu, dass wir selber lernen.
„Kleine“ Mittel
Besondere Aufmerksamkeit sollte man den „kleinen“ Mitteln Arzneimittel, homöopathisches kleines schenken, die beim Repertorisieren in mehreren Rubriken auftauchen – auch wenn sie überall nur einwertig stehen. Mittel bezeichnet man als „klein“, wenn sie noch nicht vollständig geprüft und somit erst wenige ihrer Symptome bekannt sind. Taucht solch ein Mittel beim Repertorisieren immer wieder auf, sollten wir stutzig werden und es in allen verfügbaren Arzneimittellehren nachschlagen. Es mag die Symptomatik unseres Falles nicht lückenlos decken – seine Prüfung ist ja noch unvollständig –, aber vielleicht können wir sein Symptombild klar genug erkennen, um es zu verschreiben. Natürlich ist das eine heikle Entscheidung, die einige Erfahrung voraussetzt, doch sollte man das Mittel in Erwägung ziehen.
Häufig kommt es vor, dass ein Mittel in fast allen Rubriken unserer nach der Gewichtung geordneten Liste steht, aber beispielsweise in der dritten und fünften Rubrik fehlt – es steht unter den ersten (wichtigsten) und unter einigen weniger wichtigen Symptomen, fehlt dagegen bei ein paar Symptomen in der Mitte. Fällt nun bei der Repertorisation kein anderes Mittel auf, das offensichtlich passt, dann sollte man auch solch ein Mittel in Betracht ziehen. Dazu prüft man, ob es irgendwelche von den eigentümlichen Symptomen des Patienten aufweist, und studiert es dann ausführlich in der Materia Medica. Da die Anamnese, das Bewerten und Ordnen der Symptome sowie die Aufnahme von Symptomen in das Repertorium mancherlei Unsicherheitsfaktoren enthalten, kommt es häufig vor, dass das Simillimum Simillimum nicht alle wichtigen Symptome des Patienten abdeckt. In solchen Fällen befragt man den Patienten nach seiner Heilung ausführlich über diese fehlenden Symptome, um festzustellen, ob sie bei der Heilung des ganzen Menschen mitgeheilt worden sind. Wenn ja und wenn sie bei anderen Patienten ebenfalls geheilt worden sind, kann das Mittel in die entsprechende Rubrik aufgenommen werden.
Durch solche mühsame und gewissenhafte Kleinarbeit werden die Arzneimittelkenntnisse des Einzelnen und der Homöopathie stetig erweitert. Nach 10-jähriger Praxis gehört man dann als Arzt nicht mehr zu den Anfängern. Auch im Repertorisieren bekommt man mehr und mehr Übung und kann sich schließlich die Arbeit durch ein Aussonderungsverfahren erleichtern. Freilich setzt diese Methode, die wir gleich beschreiben werden, eine ausgezeichnete Kenntnis der Arzneimittellehre voraus, denn sie schränkt die für den Patienten infrage kommenden Mittel erheblich ein.
Aussonderungsverfahren (Eliminieren)
Beim eliminierenden Repertorisieren Repertorisation aussondernde werden nach gründlicher Überlegung nur die wichtigsten Symptome zusammengestellt. Von diesen wählt man dann die besonders charakteristischen aus und ordnet sie nach ihrer Bedeutung (Gewichtung) – ein Vorgang, der große Behutsamkeit und Umsicht erfordert. Viele Faktoren sind hierbei zu beachten: die Schwere eines Symptoms, die Frage, wo es innerhalb der Hierarchie der Ebenen zu platzieren ist, inwieweit es das eigentliche Kranksein des Patienten ausdrückt und wann es im Verhältnis zur derzeitigen Krankheitsentwicklung aufgetreten ist usw.
Nun schreibt man das erste Symptom dieser Liste auf ein Blatt Papier und darunter alle Mittel der entsprechenden Rubrik. Ebenso verfährt man mit dem zweiten Symptom, doch diesmal nur gefolgt von den Mitteln, die in beiden Rubriken stehen – der ersten und der zweiten. Dadurch bleiben diejenigen Mittel unberücksichtigt, die zwar in der zweiten, nicht aber in der ersten Rubrik stehen. Unter das dritte Symptom setzen wir nur die Mittel, die sowohl in der dazugehörigen Rubrik als auch in den vorhergehenden beiden Rubriken, also in allen drei Rubriken vorkommen. Wenn man so bei jedem Schritt weiter eliminiert, bleiben am Ende nur wenige Arzneien übrig. Diese studiert man dann eingehend in den Arzneimittellehren.

Fallanalyse mittels Eliminieren

Hierarchisierung charakteristischer Symptome

  • 1. Symptom: Notieren aller in der Rubrik aufgeführten Arzneimittel

  • 2. Symptom: Notieren des(r) Arzneimittel, die in beiden Rubriken (1. und 2. Symptom) aufgeführt sind

  • 3. Symptom: Notieren des(r) Arzneimittel, die in allen drei Rubriken aufgeführt sind usw.

  • 4. Abgleich der in allen Rubriken aufgeführten Arzneimittel in der Materia Medica

Sicher klingt die beschriebene Methode verlockend, erspart sie doch offensichtlich eine Menge mühsamer Kleinarbeit. Aber – sie ist riskant. Ihr Erfolg hängt ganz davon ab, ob man zuvor die richtigen Symptome ausgewählt hat. Wurde beispielsweise ein Symptom, das eigentlich an dritter Stelle stehen sollte, als Erstes angeordnet, kann es passieren, dass man dadurch das Simillimum nicht mehr unter den verbleibenden Mitteln hat. Der Patient bekommt dann gleich zu Beginn der Behandlung ein falsches Mittel. Nur ein Homöopath mit guter Arzneimittelkenntnis wird diesen Fehler rechtzeitig bemerken und ihn beheben.

Fallanalyse für Fortgeschrittene

„Finger“-Repertorisation
Mit wachsender Erfahrung hat der Arzt die schriftliche Repertorisation immer weniger nötig. Wer seine Mittel genau kennt, hat oft schon am Ende der sorgfältigen Anamnese ein Gespür dafür, welches das passende Mittel ist. Es genügt, wenn er einen Blick auf einige Rubriken im Repertorium wirft, um sich zu vergewissern, ob sein Eindruck stimmt oder nicht. Das geschieht durch eine „Finger“-Repertorisation Repertorisation Finger- : Man steckt seine Finger zwischen die Seiten mit den entsprechenden Rubriken und schlägt, um Mittel auszusondern, nach Bedarf eine um die andere Seite auf.
Dieses Verfahren erscheint dem Anfänger, der einen langjährig praktizierenden Homöopathen dabei beobachtet, recht einfach. In Wirklichkeit ist es sehr kompliziert, denn das mühsame schriftliche Repertorisieren spielt sich jetzt „im Kopf ab“. Der erfahrene Homöopath kennt die Mittel so gut, dass er sie nicht mehr aufzuschreiben braucht. Durch jahrelanges schriftliches Repertorisieren hat er sich viele Rubriken so gut eingeprägt, dass er nun auswendig sondieren kann.
Arzneimittel-Idee
Ein langjährig geübter Homöopath hat auch das Charakterbild der einzelnen Mittel so gründlich erfasst, dass er auf Anhieb sieht, ob die „Idee“ des Mittels der „Idee“ des Patienten entspricht. Wenn ja, braucht er nur noch einige bestätigende Symptome, um das richtige Mittel zu wählen. Die Anamnese freilich muss auch er in jedem Fall vollständig aufnehmen, um sicher zu sein, dass keine widersprüchlichen Symptome vorhanden sind. Wir sehen also: Stimmen Mittel und Symptomatik des Kranken ihrer Idee nach überein, kann ein erfahrener Homöopath den Fall außerordentlich rasch beurteilen. Findet er dann zusätzlich bestätigende Symptome, bedarf er zur Verschreibung des Mittels keiner weiteren Überlegungen.
Schwieriger wird die Sache, wenn ein oder zwei Symptome auftauchen, die dem Mittel stark widersprechen. Dann muss der Fall noch einmal von vorn aufgerollt werden. Der Fortgeschrittene braucht dafür ebenso viel Zeit und Mühe wie der Anfänger, denn der Vorgang ist der gleiche: Die Gesamtheit der Symptome wird aufmerksam erwogen, alle Risikofaktoren werden in Betracht gezogen, die entsprechenden Rubriken im Repertorium nochmals nachgeschlagen und die charakteristischen Symptome schließlich besonders eingehend berücksichtigt. Nachdem der Homöopath sich den Fall auf diese Weise nochmals eingehend vor Augen geführt hat, entschließt er sich zu einem Kompromiss, doch muss auch dabei die Gesamtsymptomatik des Patienten mit der des Mittels so weit wie möglich übereinstimmen.
§-153-Symptome
Symptome nach § 153 In solchen komplizierten Fällen ist es mitunter sogar notwendig, wichtige geistige und allgemeine Symptome unbeachtet zu lassen und seine Wahl auf scheinbar weniger wichtige, aber besonders eigenartige Symptome („Organon“ [1999], § 153; 2.5.1 ) zu stützen. Wann und wie man diese Entscheidung zu treffen hat, lässt sich in einem Lehrbuch, das allgemeine Richtlinien vermitteln will, kaum befriedigend beantworten, weil natürlich auch jeder schwierige Fall einzig in seiner Art ist. Dies lernt man aus Erfahrung – doch mehr noch durch gezielte Anleitung. Bei diesen Entscheidungen tritt der künstlerische Aspekt der Homöopathie besonders in den Vordergrund, obgleich sie sich auch jedes Mal durchaus sachlich begründen lassen müssen.
Häufig trifft man auf Fälle mit vielen gewöhnlichen, aber vielleicht nur zwei eigentümlichen Symptomen. Ein klares Gesamtbild der Symptomatik lässt sich nicht ausmachen. Man repertorisiert den Fall und erhält wegen der vielen gewöhnlichen Symptome eine ganze Reihe von Mitteln, die besonders gründlich geprüft sind (sogenannte Polychreste Polychrest ). Analyse und Repertorium helfen hier nur selten, das passende Mittel zu finden. In solchen Fällen ist es notwendig, sich ganz auf die eigentümlichen Symptome (§ 153) zu konzentrieren und – ohne die Repertorisation weiter zu beachten – das passende Mittel aus diesen Rubriken zu wählen. Oft ist es ein ungewöhnliches Mittel, das man wie bei jeder Verordnung vor der endgültigen Entscheidung gründlich studieren muss, wo immer man es in den vorhandenen Arzneimittellehren finden kann.
Auslösende Ursache
Ferner gibt es gelegentlich Fälle, in denen ein chronisches Leiden auf eine ganz bestimmte starke äußere Einwirkung – eine „Causa“, eine auslösende Ursache Ursachen auslösende – zurückzuführen ist. Ein Patient ist beispielsweise miasmatisch unbedeutend vorbelastet, leidet aber, seit er sich bei einem Autounfall den Kopf verletzt hat, an einer Reihe neurologischer Störungen. Finden sich bei der Anamnese ein oder zwei eigentümliche Symptome, die auf Arnica Arnica oder Natrium sulfuricum Natrium sulfuricum hindeuten (Mittel, die für Verletzungsfolgen bekannt sind), kann der Arzt eine Verordnung sicher auf die so bestätigte auslösende Ursache stützen. Unter diesen besonderen Umständen lässt man die übrigen Symptome zunächst unbeachtet (bei späteren Verordnungen können sie freilich wichtig werden).
Zusammenfassung
Die Wahl des Arzneimittels stützt sich auf vielschichtige Überlegungen. Die verschiedensten Gegebenheiten müssen berücksichtigt und gegeneinander abgewogen werden. Wegen der vielen Unsicherheitsfaktoren ist eine zuverlässige Anamneseerhebung besonders wichtig. Die oben beschriebenen Prinzipien und vor allem die „Ausnahmen von der Regel“ gelten nur, wenn die Informationsgrundlagen stimmen. Ist die Anamnese dürftig, irreführend oder unrichtig, werden auch die subtilen Entscheidungen, die später gefällt werden müssen, falsch. Die Wahl des richtigen Mittels hängt also ab von einer zuverlässigen Anamnese, zuverlässigen Prüfungsergebnissen, einem zuverlässigem Repertorium und schließlich einer korrekten Analyse des Falls.
Zweifellos kann auch das Verschreiben aufgrund von Leitsymptomen (sogenannten Keynotes Keynotes ) gelegentlich erfolgreich sein. Es kommt sogar vor, dass ein nur oberflächlich mit der Homöopathie vertrauter Kollege in wenigen Minuten ein Mittel verordnet, auf dessen Wahl ein wirklicher Könner viel Zeit und Mühe verwendet hätte. In solch einem Fall mag der Eindruck entstehen, allzu großer Aufwand sei töricht und sinnlos. In Wirklichkeit ist es aber so: Wer nach Leitsymptomen verschreibt, hat keine zuverlässigen Erfolge. Er trifft das richtige Mittel nur hin und wieder. Wer dagegen die homöopathischen Prinzipien genau verstanden hat und sorgfältig anwendet, ist in der Lage, das Simillimum für die Mehrzahl seiner Patienten sicher zu finden.

Wahl der Potenz

Hat man ein Mittel gewählt, dann ist als Nächstes zu überlegen, in welcher Potenz Potenzwahl man es dem Patienten verschreiben soll. Hierfür gibt es keine festen Regeln, sondern es kommt in erster Linie darauf an, zu beobachten und aufgrund von Erfahrungen zu entscheiden. Einige allgemeine Hinweise sind zwar möglich, doch man sollte sie nicht als unabdingbare Vorschriften verstehen.
Vor allem der Anfänger legt oft großes Gewicht auf die Wahl der Potenz; als Leiter homöopathischer Seminare wird einem seltsamerweise häufiger die Frage gestellt, warum eine bestimmte Potenz gegeben wurde, als die Frage, warum ein bestimmtes Mittel verabreicht wurde. Die Wahl der Potenz ist aber vergleichsweise zweitrangig, denn Grundlage des Heilens ist das Ähnlichkeitsgesetz; der Prozess des Potenzierens ist eher ein beigeordneter Faktor. Ein gut gewähltes Mittel wirkt in allen Potenzen heilend – nur hat die passende Potenz für den Patienten eine mildere, angenehmere Wirkung. Ein falsches Mittel dagegen wirkt entweder gar nicht, oder es bringt die Symptomatik durcheinander, gleichgültig, welche Potenz man gibt. Genaue Richtlinien für die Wahl der Potenz lassen sich deshalb nur schwer aufstellen, weil man nie mit Sicherheit sagen kann, was in einem Fall passiert wäre, wenn der Patient eine andere Potenz erhalten hätte. Angenommen, ein Patient leidet unter Arthritis, Asthma und hat Angst um die eigene Gesundheit; er bekommt Arsenicum album Arsenicum album C 30 und braucht sechs Monate, bis es ihm besser geht. Eine C 10 000 hätte ihn vielleicht schon in drei Monaten geheilt. Beweisen lässt sich das aber nicht, denn dazu hätte man die Potenz rückgängig machen und am selben Patienten ausprobieren müssen, was die C 10 000 bewirkt hätte.
Ebenso wenig hätte es einen Sinn, in zwei Fällen, die sich scheinbar ähnlich sind, zwei verschiedene Potenzen zu geben, um aus dem Experiment sichere Rückschlüsse auf die Wirkung der Potenzierungen zu ziehen. Denn vollkommen gleich sind zwei Fälle nie – deshalb lassen sich auch die Verschreibungen nie wirklich miteinander vergleichen. Nur unter einer Voraussetzung ist ein solcher Vergleich zulässig: Wenn eine virulente Epidemie herrscht, und viele Menschen das gleiche homöopathische Mittel brauchen. In dieser Situation lässt sich allerdings überzeugend nachweisen, dass höhere Potenzen wirkungsvoller sind – was aber auf chronisch Kranke nicht ohne Weiteres übertragbar ist. Bei der Behandlung chronischer Krankheiten spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass man zur Wahl der Potenz nur allgemeine Ratschläge geben kann.
Potenzwahl bei chronischen Krankheiten
Gewisse Patienten sollten – zumindest anfangs – niedrige Potenzen Potenzwahl bei chronischen Krankheiten bekommen; es sind dies Menschen mit schwacher Konstitution, alte Menschen und solche, die übersensibel reagieren. Sie erhalten am besten zuerst Potenzen von der D 12 bis zur C 200. Höhere Potenzen regen nämlich ein geschwächtes Abwehrgefüge zu stark an, und es tritt eine unnötig schwere Erstverschlimmerung ein. Vor allem trifft das auf Patienten mit Gewebeveränderungen zu, z. B. mit Arteriosklerose, Koronarinsuffizienz, PCP oder Krebs. Befinden diese Erkrankungen sich in einem fortgeschrittenen Stadium, dann ist die gesamte Konstitution geschwächt. Nach Einnahme einer hohen Potenz hat der Patient, selbst wenn das Mittel passt, durch starke Reaktionen erheblich zu leiden.

Merke

Allgemein gilt: Je schwerer ein Mensch organisch erkrankt ist, desto niedriger sollte die Potenz des ersten Mittels gewählt werden.

Gibt man eine D 12, kann der Patient die Einnahme des Mittels eine Zeitlang regelmäßig wiederholen, vorausgesetzt, er weiß, dass er damit aufhören muss, sobald sich die Symptome auffallend verschlimmern oder bessern. Von den Patienten, die wegen ihrer Schwäche eine D 12 brauchen, können die vitaleren 30 Tage lang zweimal, evtl. auch dreimal täglich eine Dosis einnehmen. Die sehr Schwachen sollten dagegen weniger, vielleicht 20 Tage lang täglich nur eine Dosis bekommen.
Gesetzt den Fall, der Patient ist ein 70-jähriger Mann mit stark vergrößerter Prostata und Krebsverdacht. Wenn er sich kräftig genug fühlt, seine täglichen Pflichten einigermaßen zu bewältigen, kann er 30 Tage lang dreimal täglich eine D 12 einnehmen, natürlich auch wieder mit der Anweisung, sofort damit aufzuhören, falls eine merkliche Verschlimmerung oder Besserung eintritt. Ist er dagegen so geschwächt, dass er die meiste Zeit im Bett zubringt, gibt man ihm besser nur eine D 12 (oder sogar eine D6) 20 Tage lang einmal täglich – wiederum mit der Anweisung, das Mittel im Falle einer offensichtlichen Veränderung sofort abzusetzen.
Ein Problem stellen bei der Wahl der Potenz die überempfindlichen Patienten dar. Sie sind besonders „nervös“, reagieren stark auf alle körperlichen und emotionalen Reize, sind meist schlank, unruhig, rastlos und hastig in ihren Bewegungen, empfindlich gegenüber Gerüchen, Lärm und Licht und oft allergisch gegen Chemikalien in Nahrungsmitteln und Umwelt. Solche Menschen sprechen sehr empfindlich an, und zwar hinsichtlich der physischen Ebene auf niedrige Potenzen und hinsichtlich der tieferen Ebenen auf sehr hohe Potenzen. Deshalb ist es bei ihnen besser, als anfängliche Einzelgabe keine andere Potenz als C 30 oder C 200 zu verordnen; später kann man – entsprechend ihrer Reaktion – höhere oder niedrigere Potenzen verabreichen.
Kinder mit ernsten gesundheitlichen Problemen sollten im Allgemeinen niedrigere Potenzen Potenzwahl bei Kindern erhalten. Ein Kleinkind mit schwerem Ekzem oder Psoriasis würde auf eine hohe Potenz wahrscheinlich mit einer starken Verschlimmerung reagieren. Deshalb gibt man in solchen Fällen nur einige Dosen der D 12 (täglich) oder eine einzelne Dosis der C 30 oder C 200.
Auch bei bösartige Erkrankungen sollte das erste Mittel die C 200 nicht überschreiten; bei bloßem Verdacht auf einen malignen oder prämalignen Zustand sollte es keinesfalls über die C 1 000 hinausgehen. Diese Beschränkungen sollen eine unnötig starke Erstverschlimmerung, deren Behandlung viel Erfahrung verlangt, vermeiden.
Hingegen können Patienten, die allem Anschein nach problemlos heilbar sind und kaum pathologische Gewebeveränderungen zeigen, von Anfang an höhere Potenzen bekommen – von der C 30 bis zur C 100 000. Letztlich hängt die Höhe der Potenz davon ab, wie sicher man ist, das richtige Mittel gewählt zu haben. Handelt es sich um ein Mittel, das genau auf die Gesamtsymptomatik passt, kann man dem Patienten dieser Kategorie eine sehr hohe Potenz verabreichen. Ist das Mittel aber weniger deutlich erkennbar, beginnt man besser mit einer C 30.
Angenommen, es kommt eine Frau in die Praxis, die seit Jahren einen Ausschlag an den Händen hat. Die Anamnese ergibt: Die Frau hat keine nennenswerten Beschwerden, sie fühlt sich im großen Ganzen froh und unbeschwert, ist kreativ, liebt ihre Arbeit, lernt gern fremde Länder und Menschen kennen, hat gute Freunde und kennt keinerlei sexuelle Probleme. Aus ihrem Bericht kristallisiert sich deutlich das Bild von Pulsatilla Pulsatilla heraus; auch als Typ bestätigt die Patientin diesen Eindruck. In solch einem Fall kann man bedenkenlos Pulsatilla C 50 000 oder sogar C 100 000 verschreiben.
Eine andere junge Frau kommt mit einem ähnlichen Leiden zum Arzt; es lässt sich aber schwer entscheiden, ob sie Pulsatilla oder Sulfur Sulfur braucht. Nach stundenlangem Abwägen wird Pulsatilla verabreicht, doch diesmal eine C 30 oder C 200, weil das Bild des Mittels unklar ist.
Bei einem dritten Fall mit Hautausschlag ist Pulsatilla zwar eindeutig angezeigt, die Patientin berichtet aber, sie brauche „nur“ zweimal wöchentlich Kortisonsalbe zu benutzen, um den Ausschlag unter Kontrolle zu halten. Man beobachtet noch andere Schwächen ihres Organismus: geringe Vitalität, leichte Ermüdbarkeit und Empfindlichkeit gegen Chemikalien aus der Umwelt. Hier würde man sich für eine Potenz entscheiden, die die C 200 nicht übersteigt; andernfalls könnte es zu einer unnötig langen Verschlimmerung kommen.
Zuweilen hört man, Hochpotenzen Hochpotenz seien einzusetzen, wenn das Schwergewicht der Symptomatik auf der geistigen Ebene, Niedrigpotenzen dagegen, wenn es auf der physischen Ebene liege. Diese Auffassung ist falsch. Gemütssymptome sind zwar bei der Wahl eines Mittels zweifellos am wichtigsten, und wenn sie eindeutig auf ein bestimmtes Mittel hinweisen, können wir es, selbst wenn die körperlichen Symptome nicht vollkommen passen, in einer hohen Potenz verordnen. Das geschieht dann aber nicht, weil es ein Gemütsfall ist, sondern weil wir eine sichere Indikation für das richtige Mittel haben. Ein Patient mit vielen Gemütssymptomen, die aber nicht eindeutig auf ein Mittel zutreffen, erhält, weil das Bild verschwommener ist, eine niedrige Potenz.
Ein anderer Irrtum lautet, man könne als Anfänger keinen Schaden anrichten, wenn man Potenzen unter C 30 gibt. Wir haben jedoch gesehen, dass bei großer Ähnlichkeit zwischen Patient und Mittel jede Potenz tief greifend wirken kann ( 1.7.2 , 2.2 ). Handelt es sich um das Simillimum, kann eine sehr niedrige Potenz, ja sogar der unpotenzierte Rohstoff eine tief greifende Wirkung hervorrufen. Wurde das verabreichte Medikament nun aus einem giftigen Rohstoff hergestellt, besteht bei überempfindlichen Patienten die Gefahr, dass durch eine Niedrigpotenz eine schwere, vielleicht sogar bedrohliche Verschlimmerung eintritt.
Es gibt Mittel, bei denen man von vornherein mit der Gabe von Hochpotenzen vorsichtig sein sollte: Arzneien wie Lachesis, Lachesis Aurum Aurum und tief wirkende Nosoden (vor allem Medorrhinum Medorrhinum ) zeigen starke Tendenzen zu pathologischen Organveränderungen. Aus diesem Grunde sollte man sie hauptsächlich in niedrigen Potenzen (C 30, C 200 oder Q-Potenzen) einsetzen, es sei denn, es ist sicher nachgewiesen, dass bei dem Patienten keine degenerativen Gewebeschäden vorliegen.
Potenzwahl bei akuten Krankheiten
Was nun die akuten Fälle betrifft, so gelten im Allgemeinen die gleichen Prinzipien, doch muss das Mittel, falls sich seine Wirkung rasch erschöpft, häufiger wiederholt werden. Kinder verfügen im Allgemeinen über ein starkes Abwehrgefüge; deshalb gibt man ihnen normalerweise keine Potenzen unter C 200, sondern – je nachdem, wie eindeutig das Mittel erkennbar ist – zwischen C 200 und C 10 000. Bei älteren Menschen, die unter chronischer Schwäche oder infolge einer akuten Erkrankung, z. B. einer schweren Lungenentzündung, unter Entkräftung leiden, fängt man am besten mit der C 200 an, und zwar sogar dann, wenn das Mittel eindeutig ist.
Auch bei akuten Krankheiten Potenzwahl bei akuten Krankheiten verabreicht man zunächst nur eine Dosis des Mittels und wartet dann die Wirkung ab. Eine Niedrigpotenz wirkt vielleicht für ein paar Stunden und muss dann wiederholt werden. Dies soll aber nicht automatisch geschehen; vielmehr werden zuerst die Symptome neu aufgenommen, damit man sicher ist, dass kein anderes Mittel infrage kommt. Es gibt Homöopathen, die bei akuten Krankheiten grundsätzlich jedes Mal eine wiederholte Einnahme verordnen, z. B. sechs Stunden lang stündlich fünf Kügelchen oder Tropfen. Schaden wird das den Patienten vermutlich nicht, aber notwendig ist es ebenso wenig. Wenn man ein eindeutig angezeigtes Mittel in hoher Potenz verordnet, genügt normalerweise eine einzelne Gabe; falls die Behandlung aber wiederholt werden muss, nehmen wir den Fall erst noch einmal auf, um festzustellen, ob nicht inzwischen das Bild eines anderen Mittels sichtbar geworden ist.

Einzelmittel

Einer der wichtigsten Grundsätze in der Homöopathie lautet, dass jeweils nur ein Mittel Einzelmittel gegeben wird. Die Zweckmäßigkeit dieses Prinzips ist so offensichtlich, dass es auch für jedes andere Heilverfahren gelten sollte. Wenn man nämlich mehr als ein Mittel bzw. eine Behandlungsweise verordnet, und es tritt danach eine positive oder negative Wirkung ein, kann man unmöglich feststellen, wodurch sie verursacht wurde. Es gibt dann keinerlei Anhaltspunkte, um herauszufinden, welche Komponente der Mischbehandlung (z. B. Komplextherapie) gewirkt hat. Außerdem lässt sich auch nicht vorhersehen, wie verschiedene Behandlungen einander wechselweise beeinflussen. Wenn ein definiertes Einzelmittel verabreicht wird, ist seine Wirkung aufgrund der Arzneimittelprüfungen und Heilerfahrungen voraussehbar – doch wer kann wissen, wie die Mittelwirkung verändert wird, wenn es mit anderen vermischt wird? Niemand kann das ohne Prüfungen vorhersagen.
Angenommen, ein Patient erhält ein Komplexmittel Komplexmittel mit sechs (oder mehr) verschiedenen potenzierten Stoffen, und es tritt eine deutliche Verschlechterung ein. Was ist geschehen? Hat der Komplex als Ganzes die Verschlimmerung hervorgerufen? Oder ist die Verschlimmerung durch eins der Mittel im Sinne einer Heilungskrise eingetreten, während ein anderes Mittel vielleicht eine schon eingetretene Besserung wieder zunichtegemacht hat? Wirkt eines innerhalb von Tagen, ein anderes vielleicht erst nach einer Woche? Reagiert der Patient auf eine der Substanzen besonders empfindlich? Wenn ja, auf welche? Falls die Verschlimmerung bedrohlich wird: Wie soll man vorgehen, um das nächste Mittel, das den Patienten retten kann, zu finden?
Nehmen wir auch den anderen Fall an: Ein Patient bekommt einen Komplex von mehreren Mitteln, und im Verlaufe von drei Monaten geht es ihm merklich besser. Welches der Mittel hat die Besserung bewirkt? Falls sie nur eine Zeitlang anhält – wie findet man nun ein ergänzendes Mittel? Oder angenommen, das Mittel, das gewirkt hat, wurde in einer zu niedrigen Potenz gegeben, um dauerhaft zu heilen – wie lässt sich dann entscheiden, welches von den Mitteln in einer höheren Potenz gegeben werden müsste? Und das sind noch längst nicht alle Fragen: Komplexmittel sind nie geprüft worden; wie soll man also wissen, welche Symptomatik durch einen Komplex geheilt werden kann? Wäre die Wirkung im Fall einer Prüfung bloß ein Gemisch der Symptome, die bereits aus den Prüfungen der Einzelmittel bekannt sind, als eine „Summe der einzelnen Teile“, oder entstünde ein völlig anderes Symptombild?
Wer Komplexmittel Komplexmittel verordnet, verstößt demzufolge nicht nur gegen die Grundsätze der Homöopathie, sondern auch gegen den gesunden Menschenverstand. Trotzdem ist diese Behandlungsmethode mancherorts sogar die Regel: Der „Homöopath“ nimmt einen Fall auf, und da er das Mittel, das auf die Gesamtheit der Symptome passt, nicht kennt oder findet, verordnet er mehrere Arzneien gleichzeitig, die seiner Meinung nach einen Teil der Symptomatik abdecken. Schlimmer noch: Er mischt verschiedene Potenzen und setzt fest, welche Mittel zu welchen Tageszeiten einzunehmen sind. In der Homöopathie – das weiß der Leser inzwischen – geht es darum, für jeden Patienten das eine Mittel zu finden, dessen Frequenz der des Abwehrgefüges ( 1.5.2 ) am ähnlichsten ist. Wer also Komplexmittel verschreibt, gleicht einem Menschen, der sechs verschiedene Radiosender gleichzeitig einstellt und hofft, nun eine Symphonie zu hören.
Derartige Praktiken schaffen nichts als Chaos. Und in der Tat handelt es sich bei einigen der schlimmsten Fälle in der homöopathischen Praxis um Patienten, die jahrelang einen Wirrwarr von Mitteln bekommen haben. Ihr Abwehrgefüge ist so stark beeinträchtigt, dass man sie nicht einmal mehr so gesund machen kann, wie sie es vor Beginn der Behandlung waren, von einer wirklichen Heilung ganz zu schweigen.
Ein verantwortungsvoller und kompetenter Homöopath kann den Einsatz von Komplexmitteln nur zutiefst bedauern. Auch mit der Einstellung „Wir haben eben unsere Art, und ihr habt eure“ ist das Problem nicht abgetan, denn wer potenzierte Mittel wahllos verschreibt, schadet dem Ruf der Homöopathie. Wenn man schon bewusst versucht, sich eine Therapie zunutze zu machen, die auf Energien beruht, die bislang dem gewöhnlichen Vorstellungsvermögen fremd sind, so sollte man sich streng an die subtilen Gesetzmäßigkeiten halten, von denen ihre Wirkungen abhängen.

Zweite Konsultation und Folgeverschreibung

Bei der üblichen homöopathischen Praxis besteht vonseiten des Arztes ein einseitiges Interesse an der Symptomatologie der Erstbefragung und an der Wahl des ersten Mittels. Die erste Konsultation ist zwar für jeden Patienten die allerwichtigste; wir müssen aber begreifen, dass der richtigen Auswertung durch den Arzt, wie nämlich der Patient auf diese Verordnung reagiert, die gleiche Bedeutung zukommt. Natürlich hat man es leicht, wenn man bei der Nachbefragung lediglich prüft, ob der Patient positiv auf das Mittel angesprochen hat oder nicht; wenn ja, stößt man einen Seufzer der Erleichterung aus und gibt die gebräuchlichste homöopathische Devise aus: „Abwarten!“ Ist der Patient nicht zufrieden und hat sein Fall sich offenbar wenig verändert, beginnt man von Neuem, das genau passende Mittel zu suchen.
Tatsächlich liegen die Dinge aber wesentlich komplizierter. Man sollte sich die Weiterbehandlung nicht zu leicht machen oder sie gar dem Zufall überlassen. Wenn auch die erste Verordnung die wichtigste Entscheidung in der Homöopathie darstellt, so ist die zweite Verordnung sicherlich die schwierigste. Bei der ersten Konsultation geht es einfach darum, den Patienten zu verstehen und seine Problematik so zu analysieren, dass man das zutreffende Mittel findet. Später dagegen sind viel komplexere Fragen zu klären: Geht es dem Patienten wirklich besser? Hat das verabreichte Mittel den erwünschten Effekt hervorgerufen oder nicht, oder hat es nur eine Teilbesserung gebracht? Wie sieht jetzt, da wir die Reaktion auf das erste Mittel kennen, die Prognose aus? Braucht der Patient diesmal überhaupt ein Mittel? Benötigt er eine andere Potenz? Ist es im Augenblick besser, einfach die weitere Entwicklung abzuwarten? Vielleicht wird aber deutlich, dass der Patient auf das erste Mittel nicht richtig reagiert hat: Ist sein Symptombild jetzt für die Verordnung eines anderen Mittels klar genug, oder sollte man doch noch warten, bis sich das Bild des notwendigen Mittels voll entfaltet hat?
Dies sind nur einige der Fragen, mit denen sich der homöopathische Arzt bei den folgenden Besuchen des Patienten auseinanderzusetzen hat. Im Grunde verlangt die zweite Verordnung Folgeverordnung sogar wesentlich mehr Wissen, mehr Kompetenz, Einfühlungsvermögen und Urteilsfähigkeit vom Arzt als die Erstverordnung; die gesamte Palette homöopathischer Kenntnisse kommt hier zum Tragen. Es sind hier Entscheidungen zu treffen, die zwar auf verifizierbaren wissenschaftlichen Prinzipien beruhen ( Kap. 1 ), doch ist die Anwendung dieser Prinzipien im konkreten Fall derart komplex, dass man tatsächlich von einer Kunst sprechen muss.
Veränderung der Symptomatik
Verständlicherweise neigt der Homöopath dazu, seine Arbeitskraft vorwiegend auf die Suche nach dem passenden Mittel zu konzentrieren. Auf Tagungen, in Diskussionen, Arbeitskreisen und bei Besprechungen untereinander geht es gewöhnlich darum, welches Mittel man in diesem oder jenem Fall geben sollte. Im Hinblick auf die erste Verordnung ist das durchaus legitim; bei den nächsten Besuchen stellt sich aber vor allem die Frage: Was geht bei diesem Patienten im Einzelnen wirklich vor sich? Beantworten kann das nur, wer sich in der homöopathischen Theorie sehr gut auskennt, denn oft lässt sich eine befriedigende Antwort nur schwer finden. Sie ist aber Voraussetzung für die Entscheidung, ob der Homöopath lieber abwarten oder ein Mittel geben soll. Entschließt er sich, ein Medikament zu verabreichen, dann stellt sich die Frage, ob es ein anderes oder das gleiche sein soll und ob eine Potenzänderung angezeigt ist.
Auch an den Patienten stellt die zweite Konsultation neue Anforderungen. Bei der Erstbefragung war er sicher erstaunt, dass der Homöopath so viele Einzelheiten von ihm wissen wollte. Deshalb richtet er seine Aufmerksamkeit auch jetzt auf Details und übersieht die große Linie. Er möchte seinen Arzt so genau wie möglich informieren und hofft auf die Bestätigung, dass das Mittel wirkt.
Nicht jeder Patient verhält sich in dieser Situation gleich: Ein „verschlossener“ Mensch, der die Dinge sachlich und nüchtern sieht und nur über das spricht, was besonders auffällt und 100-prozentig feststeht, mag in seinen Äußerungen übervorsichtig sein. Der Arzt wird dadurch womöglich irregeführt und stellt die Wirkung des Mittels infrage. Ein „offener“ Patient dagegen lässt sich vielleicht hinreißen von dem Wunsch, eine positive Entwicklung zu sehen: Seine Aussagen sind übertrieben optimistisch gefärbt. Ein Hypochonder schließlich – stets darauf bedacht, dem Arzt klarzumachen, wie ernst seine Probleme sind – betont unbedeutende Einzelheiten, übergeht Symptome, die sich positiv verändert haben und übertreibt die Wichtigkeit neuer Symptome. Überempfindliche Patienten erleben mitunter direkt nach der ersten Gabe auffallende Veränderungen und beachten daher nicht genügend, was sich im Laufe der Zeit außerdem ändert.
Es ist daher überaus wichtig, dass die Patienten so genau und objektiv wie möglich über ihre Symptome berichten. Den Vergesslichen hilft es vielleicht, wenn man sie zu Beginn der Behandlung auffordert, sich Notizen zu machen; den Übergenauen ist davon jedoch abzuraten; sie verlieren leicht den Überblick. Der Homöopath muss bei allen späteren Befragungen die Antworten des Patienten noch vorsichtiger abwägen als beim ersten Mal. Bereits die Erstbefragung bringt bestimmte Probleme mit sich, die wir schon besprochen haben ( 2.4 ); ebenso haben die späteren Befragungen ihre Schwierigkeiten – zwar sind sie anders geartet, oft aber sogar noch größer. Es gilt, jede Antwort des Patienten genau unter die Lupe zu nehmen, um zu klären, auf welche Weise die Symptome sich verändert haben. Mangelnde Gründlichkeit kann den Fall – durch ein falsches oder zum falschen Zeitpunkt gegebenes Mittel – leicht verderben. Viele Homöopathen sind durchaus in der Lage, beim ersten Mal das richtige Mittel zu finden; manch einer macht aber diesen Erfolg zunichte, indem er das Mittel zum falschen Zeitpunkt wiederholt oder durch die Verordnung eines weiteren Mittels den Fortgang der Heilung stört.
Nehmen wir beispielsweise den Typus des recht verschlossenen Patienten: Er hat ein Mittel gegen seine chronische Erkrankung bekommen. Zum Zeitpunkt der zweiten Befragung ist er aber nicht sicher, ob es gewirkt hat. Er will sich nicht zu optimistisch geben und sagt daher aus, er habe keine definitiven Veränderungen festgestellt. Der Homöopath nimmt den Fall nochmals auf und stellt fest, dass sich die geringen Änderungen ebenso gut auf Umweltfaktoren zurückführen lassen. Er entscheidet deshalb: Der Patient braucht ein neues Mittel.
Er studiert den Fall also von Neuem: Das ursprüngliche Mittel passt zwar noch immer gut, hat aber anscheinend nicht gewirkt. Er verordnet daher das zweitbeste Mittel. Der Patient erscheint zur nächsten Konsultation, und immer noch scheint sich wenig getan zu haben. Ein weiteres Mittel wird versucht. Nach fünfmonatiger Behandlung bemerkt der Patient beiläufig: „Wissen Sie, Herr Doktor, von allen Mitteln, die Sie mir gegeben haben, hat mir eigentlich das erste am besten geholfen; ich erinnere mich, dass sich damals ein paar Symptome deutlich gebessert hatten.“ Das ist so ungefähr das Schlimmste, was einem Homöopathen passieren kann, denn nach Einnahme so vieler Mittel ist es vielleicht gar nicht mehr möglich, einfach das erste Mittel zu wiederholen. Der Fall wurde inzwischen womöglich so weitgehend verzerrt, dass das ursprüngliche Mittel gar nicht mehr angezeigt ist, ja die Symptomatik erscheint derart verworren, dass sich im Augenblick überhaupt kein klares Symptombild erkennen lässt.
Der Schaden, der durch eine falsche Beurteilung der Angaben des Patienten bei seinem zweiten Besuch erwächst, kann so enorm sein, dass ich mich zuweilen zu etwas drastischen Maßnahmen veranlasst sehe: Wenn ich den Verdacht schöpfe, ein verschlossener Patient berichtet mir nicht den wirklichen Verlauf, entgegne ich unter Umständen: „Also gut – da sich ja offensichtlich überhaupt nichts verändert hat, bin ich gezwungen, Ihnen ein anderes Mittel zu geben. Falls das erste Mittel aber doch gewirkt haben sollte, müssen wir damit rechnen, dass das neue Mittel diese Wirkung wieder zunichtemacht.“ Der Patient erkennt die Gefahr, dass weitere Mittel die Heilwirkung der ersten Arznei ernsthaft gefährden können, und versucht nun wahrscheinlich, so gut er kann, zu beschreiben, wie es ihm tatsächlich geht. Auf diese Weise ist es dann doch häufig möglich, das wirkliche Symptombild herauszufinden.
Es ließen sich zahllose Beispiele aufführen über die Fallen, in die Arzt und Patient geraten können. Wir wollen in diesem Kapitel diejenigen Gefahren behandeln, die am häufigsten auftreten, denn auf alle denkbaren Reaktionen eines Patienten einzugehen, ist natürlich unmöglich. Vieles lässt sich nur aus Erfahrung lernen. Hier beschränken wir uns auf die typischsten Reaktionen. Wir werden versuchen, sie zu interpretieren und dann zu beschreiben, welche therapeutischen Maßnahmen sich daraus ergeben.
Zweite Verordnung

Definition

Zweite Verordnung

Hierunter verstehen wir diejenige Verordnung, die auf das Mittel folgt, das gewirkt hat.
Die zweite Verordnung Verordnung, zweite ist nicht einfach das zweite Mittel, das verschrieben wird. Wenn erst das dritte Mittel homöopathisch war, d. h. gewirkt hat, dann ist das vierte Mittel die „zweite Verordnung“. Ein falsches Mittel, das in keiner Weise einen Resonanzeffekt auf die Frequenz des Organismus hatte ( 1.7.2 ), bleibt ohne Folgen und wird deshalb nicht gezählt. Das erste Mittel, das eine – wenn auch noch so geringe – Wirkung auf den Patienten hat, wird also als „erste Verordnung“ betrachtet. Es ist genau zu überlegen, ob ein und welches Mittel ihm folgen soll.
Das gilt vor allem, wenn es sich um sogenannte unvereinbare Arzneimittel, homöopathisches unvereinbares oder unverträgliche Arzneimittel, homöopathisches unverträgliches Mittel handelt, z. B. Phosphor Phosphor und Causticum Causticum . Sie können erfahrungsgemäß gegensätzlich wirken, sofern man sie nacheinander verordnet. Das trifft aber nur zu, wenn der Patient auf eine der beiden Arzneien reagiert hat. Verabreicht man Causticum, und es verändert sich nichts, dann kann man ohne Weiteres Phosphor Phosphor als nächstes Mittel verschreiben. Sieht es aber so aus, als habe Causticum Causticum gewirkt, dann sollte man vermeiden, danach Phosphor Phosphor zu geben.

Die Zeitspanne zwischen den Konsultationen

Nachdem der Patient das erste Mittel erhalten hat, stellt sich die Frage: Wann soll er wiederkommen? Natürlich hängt das weitgehend von der Art seiner Beschwerden ab ( Tab. 2.6 ). Akute oder schwere chronische Fälle bedingen einen früheren Termin als beim Durchschnittspatienten. Da sich nicht genau vorhersehen lässt, was nach dem ersten Mittel geschehen wird, muss man den Patienten auf jeden Fall darauf aufmerksam machen, dass er, falls irgendwelche auffallenden Veränderungen es erfordern, schon vor dem vereinbarten nächsten Termin kommen kann und soll.
In akuten Fällen hängt der Zeitpunkt für die nächste Konsultation von der Schwere der Krankheit ab. Bei schwer kranken Patienten sollte man bereits nach 6 Stunden prüfen, wie das Mittel gewirkt hat; andernfalls kann man 24 Stunden warten; 6 bzw. 24 Stunden sind erfahrungsgemäß am günstigsten, um zu beurteilen, ob das Mittel gewirkt hat bzw., falls sich das Symptombild auffallend verändert hat, um ein neues Mittel zu wählen. Wenn sich allerdings der Zustand des Patienten nach Einnahme der Medizin deutlich gebessert hat und dann offensichtlich ein Rückfall eingetreten ist, muss man den vorgesehenen Termin unter Umständen verkürzen. Bei der Behandlung chronischer Krankheiten wäre ein Intervall von zwei Monaten ideal. Die Reaktion auf das Mittel lässt sich dann in nahezu jedem Fall eindeutig beurteilen. Falls aber keine Reaktion eintritt, sind zwei Monate für die meisten Patienten zu lang. Deshalb empfehlen wir als Kompromiss eine vier- bis fünfwöchige Wartezeit. Sowohl positive als auch negative Veränderungen lassen sich nach Ablauf dieser Frist in 95 Prozent der Fälle feststellen. War das Mittel richtig gewählt, zeigt sich die Wirkung meist schon innerhalb eines Monats. Oft kommt es auch vor, dass Patienten in den ersten 20 Tagen nach Einnahme des Mittels keinerlei Reaktion Arzneimittel, homöopathisches Reaktionszeit (oder vielleicht eine Verschlimmerung) bemerken und sich erst etwa ab der vierten Woche allmählich sehr viel besser fühlen. Nur in seltenen Fällen wirkt ein Mittel, ohne dass diese Wirkung im Laufe eines Monats erkennbar wird.
Ab und zu kommt es vor, dass die Symptome sich nach einem Monat zwar deutlich verändert haben, aber noch keine eindeutige Interpretation zulassen. Dann muss man weitere 14 Tage oder sogar 4 Wochen warten, um sich über die Art der Reaktion klar werden zu können. Verloren ist diese Wartezeit nie: Man erhält Angaben über zusätzliche Symptome, was einem später weiterhelfen kann.
Eins sollte für jeden klar sein: Es ist keineswegs notwendig, bei jeder Konsultation ein Mittel zu verordnen. Die Vorstellung, man müsse etwas verschreiben, stammt von den Allopathen. Wer ihr folgt, läuft Gefahr, seine Fälle zu verderben. Solange man sich nicht darüber im Klaren ist, was in einem bestimmten Fall wirklich vor sich geht bzw. welches Mittel angezeigt ist, sollte man keine „Wartetropfen“ verordnen. Das Abwehrgefüge wird, wenn man ihm genügend Zeit lässt, das eindeutige Bild mit Sicherheit hervorbringen. Dann kommt es natürlich darauf an, dass man es auch erkennt. Immer wieder gibt es Fälle, in denen der Patient vor Ablauf eines Monats wiederkommen muss. Die Symptomatik kann sich – vor allem bei Patienten mit schwerwiegenden Veränderungen des klinischen Bildes – rascher entwickeln als erwartet; dann muss die Konsultation vielleicht schon ein paar Tage nach Einnahme des Mittels stattfinden. Das kommt vor allem bei Patienten vor, die im Krankenhaus liegen. Ambulante Patienten sollte man möglichst nicht mit täglichen oder wöchentlichen Konsultationen verwöhnen; zwar macht man ihnen dadurch Mut, setzt sich als Homöopath aber unnötig dem Druck aus, „etwas tun zu müssen“, und verordnet vielleicht etwas, das die Heilung auf Dauer beeinträchtigt.

Ablauf der zweiten Konsultation

Normalerweise wird für die folgenden Behandlungen weniger Zeit angesetzt als für das Aufnahmegespräch. Das ist verständlich und durchaus berechtigt, denn beim ersten Besuch des Patienten hatte sich der Arzt ja ein umfassendes Urteil gebildet ( 2.4 ). Es darf jedoch deshalb nicht der Eindruck entstehen, Nachfragen seien weniger wichtig; im Gegenteil – in mancher Hinsicht stellen sie den Homöopathen vor eine schwierigere Aufgabe als das Erstgespräch. Er muss sich daher ebenso genau Notizen machen und Symptome ebenso exakt unterstreichen. Es genügt nicht, wie es bei Nachbefragungen oft geschieht, einfach „besser“, „schlechter“ oder „unverändert“ zu notieren, sondern sehr viel mehr muss in Erfahrung gebracht und beurteilt werden. Konkret sind während der zweiten Konsultation Konsultation, zweite folgende Fragen zu klären:
  • Wie hat der Patient – abgesehen von seinem eigenen Eindruck – auf die Erstverordnung reagiert? Hat das Mittel wirklich eine Heilung in Gang gesetzt? War es nur z. T. ähnlich, und hat es deshalb nur nebensächliche Veränderungen hervorgerufen? Hat es unterdrückend gewirkt und die Gesundheit des Patienten insgesamt verschlechtert? Oder war es ganz einfach falsch und hat zu keinen nennenswerten Veränderungen geführt?

  • Braucht der Kranke ein anderes Mittel, oder ist es besser abzuwarten?

  • Falls ein anderes Mittel notwendig ist: Welches Mittel ist es, und in welcher Potenz?

Diese Fragen zeigen die Aufgaben und strukturieren den Verlauf der zweiten Konsultation. Natürlich braucht man sich nicht starr an dieses Konzept zu halten, denn jeder Fall ist einzig in seiner Art, und jede Befragung verläuft daher anders. Dennoch mag eine grundsätzliche Reihenfolge als Orientierungshilfe dienen ( Tab. 2.7 ).
Der Aspekt der Vertiefung steht in dieser Aufzählung an letzter Stelle, kann und soll jedoch bei der Befragung jeweils den Platz einnehmen, der ihm von der Bedeutung her zukommt. Es wäre daher unklug, sich an ein bestimmtes Konzept zu klammern und damit womöglich zu verhindern, dass der Patient sich öffnet.
Bei der zweiten Konsultation sind die Punkte eins bis vier aus Tab. 2.7 die wichtigsten: die Gesundheit des Patienten allgemein; die Tatkraft, die Energie, die ihm zur Verfügung steht; seine Hauptbeschwerde und die Veränderung seiner geistigen und seelischen Symptome – all diese Punkte sind für den Arzt wesentliche Anhaltspunkte, um festzustellen, wie das erste Mittel gewirkt hat. Die Zuverlässigkeit dieser Informationen ist genau zu prüfen und in den Unterlagen festzuhalten. Wenn man die Aussagen des Patienten zu leichtgläubig annimmt, sind gravierende Fehler kaum zu vermeiden. Die Punkte fünf bis sieben liefern zusätzliche Hinweise, die Wirkung des ersten Mittels zu beurteilen und als Grundlage für weitere Verordnungen zu benutzen.

Homöopathische Erstverschlimmerung (Reaktionsphase)

Die größten Kontroversen hinsichtlich der homöopathischen Heilbehandlung entzünden sich immer wieder an der Frage der Erstverschlimmerung Erstverschlimmerung . In diesem Punkt weicht die Homöopathie vielleicht am auffallendsten von anderen Behandlungsverfahren ab, und es sind Missverständnisse entstanden, die auch unter den Homöopathen selbst zu ernsten Spaltungen geführt haben.
Aktivität des Abwehrgefüges
Da das Simillimum Simillimum eines Kranken bei einem gesunden Menschen Symptome hervorruft, die denen des Kranken ähnlich sind, ist zu erwarten, dass es die gleichen Symptome auch bei dem Kranken selbst erzeugen wird. Folglich muss man damit rechnen, dass einer echten Heilwirkung zunächst eine gewisse Verschlimmerung der Symptome vorausgeht. Wie schon weiter oben eingehend beschrieben, manifestiert sich die Aktivität des Abwehrgefüges ausschließlich durch Zeichen und Symptome ( 1.5.2 , 1.6 ). Indem wir nun das homöopathische Mittel verabreichen, intensivieren wir diese sich in Symptomen äußernde Aktivität so weitgehend, dass die Lebenskraft des Patienten schließlich die Gesundheit, für die sie kämpft, wiederherstellen kann. Eine Reaktion im Sinne einer Verschlimmerung der Symptome ist also – wenn wir das richtige Mittel verordnet haben und eine echte Heilung bezwecken – nicht nur zu erwarten, sondern geradezu wünschenswert.
Diese Reaktionsphase ist als eine Möglichkeit zu betrachten, durch die der Organismus tief sitzende Störungen oder Fehlhaltungen, die bisher verdrängt waren, ans Licht zu bringen. Um wirklich gesund zu werden, muss der Organismus seine Abwehrkräfte unter den gegebenen Voraussetzungen voll entfalten können. Wird ihm diese Selbstreinigung verboten, wird seine Äußerung behindert, unterdrückt oder geheim gehalten, dann bleibt der Patient ein kranker Mensch. Bei der homöopathischen Befragung muss der Arzt daher bis zu einem gewissen Grad den „inneren“ Ausdruck des Abwehrgefüges hervorlocken, um das passende Mittel für den Patienten zu finden. Die passende Medizin stimuliert dann das Abwehrgefüge und verstärkt dadurch für eine gewisse Zeit dessen einzige, für uns wahrnehmbare Manifestation – die Zeichen und Symptome.
Von daher ist es begreiflich, dass wir – vor allem in chronischen Fällen – die homöopathische Erstverschlimmerung als wünschenswert bezeichnen. Homöopathen, die sie zu unterdrücken suchen, verhindern also im Grunde die Heilung. Wer glaubt oder lehrt, man müsse Mittel geben, die möglichst keine Erstreaktion hervorrufen, hat von der Homöopathie als Heilkunst wenig verstanden.
Wenn Patienten ihren Homöopathen anrufen, um ihm von ihrer Verschlimmerung zu berichten, sind sie meist überrascht, wenn er entgegnet: „Ein gutes Zeichen! Ich bin zufrieden!“ Er sagt das nicht aus Herzlosigkeit und möchte natürlich auch nicht, dass seine Patienten unnötig leiden. Im Gegenteil, alles wird getan, die Erstverschlimmerung zu erleichtern und abzukürzen – vorausgesetzt, die Grundsätze des Heilens werden dabei nicht verletzt.
Auf die Patienten wirkt der Homöopath vielleicht zuweilen grausam; doch wenn er nicht unerschütterlich bleibt, erweist er seinen Patienten einen schlechten Dienst: Ihr Leiden wird unausweichlich verlängert, weil sie nämlich nicht gesund werden.
Für die allermeisten Patienten ist die Erstverschlimmerung unschädlich. Das Abwehrgefüge gehorcht dem kybernetischen Grundsatz: Ein hoch organisiertes System reagiert auf jeden Umweltreiz immer in der bestmöglichen Weise. Deshalb wird nach der Einnahme des passenden Mittels ein Symptom, das eine Gefahr für den Organismus bedeutet (z. B. sehr hoher Blutdruck), sofort erleichtert, während sich ungefährliche Symptome während der Heilungskrise unter Umständen verschärfen. Diese Tatsache ist für den Arzt sehr wichtig; er sollte sie, wenn er die Reaktion auf ein Mittel beurteilt, stets im Auge behalten.
Überschießende Reaktion des Abwehrgefüges
Schaden kann eine Verschlimmerung, wenn ein nicht genau passendes Mittel wiederholt wird: Irrt sich der Arzt in seiner Beurteilung und gibt das unpassende Mittel erneut, dann wird das Abwehrgefüge Abwehrgefüge überschießende Reaktion überreizt; hier kann es möglicherweise zu Schädigungen kommen. Im Allgemeinen müsste dazu das Mittel aber unverhältnismäßig oft wiederholt werden, was eigentlich nur bei völlig gedankenloser Behandlung möglich ist; theoretisch wäre es jedoch denkbar.
Starke Reaktionen bei Patienten mit schweren klinischen Veränderungen und geschwächter Vitalität mahnen ebenfalls zur Vorsicht. Eine Heilung ist in diesen Fällen zwar möglich – der Organismus ist ja immerhin noch kräftig genug, eine Verschlimmerung hervorzurufen –, doch die Behandlung der Reaktionsphase verlangt außerordentliches Geschick und große Erfahrung. In diesem Fall sind gute medizinische Kenntnisse wichtig: Man muss beurteilen können, wann sich ernste organische Veränderungen entwickeln. Dann muss man unverzüglich das korrekt gewählte Mittel verabreichen, und zwar zu dem Zeitpunkt, der dafür am besten geeignet ist – möglicherweise schon wenige Tage nach der Erstverordnung. Verschlimmerungen dieser Art sind sehr schwierig zu behandeln und treten gewöhnlich bei Patienten auf, die im Krankenhaus liegen; ein Anfänger wird wohl kaum damit konfrontiert werden. Man sollte aber wissen, dass es diese Situation gibt.
Ein gutes Beispiel dafür bietet die Cholera. Normalerweise reagiert das Abwehrgefüge auf Infektionskrankheiten mit Fieber, Unwohlsein, Muskelschmerzen, Appetitlosigkeit und verschiedenen anderen Symptomen. Bei der Cholera erfolgt diese Abwehrreaktion so stark, dass sie den Patienten umbringt; nicht der Erreger verursacht den Tod, sondern die Dehydratation (der Wasserverlust), hervorgerufen durch die starken Durchfälle, durch die das Abwehrgefüge versucht, die Erreger loszuwerden. Deshalb ist auch die allopathische Behandlung lebensrettend – nicht durch das Verabreichen von Antibiotika, sondern durch die intravenöse Flüssigkeitszufuhr, die den Organismus vor der lebensbedrohlichen Austrocknung bewahrt. Sobald die Abwehrreaktion vorüber ist, kann der Tropf abgehängt werden, und der Zustand des Patienten normalisiert sich. Wir stellen fest: Die überschießende Reaktion des Abwehrgefüges kann tödliche Folgen haben. Vorsicht ist auch geboten, wenn eine zu starke Erstverschlimmerung bei konstitutionell schwachen und schwer kranken Menschen auftritt. Das passende Mittel im rechten Augenblick wird dem Abwehrgefüge helfen, die Krise zu überwinden und heilend zu wirken; dagegen kann unnötig langes Warten, wenn sich die Krankheit rasch entwickelt, organische Schäden verursachen.
Solche bedrohlichen Verschlimmerungen kommen jedoch, wie gesagt, nur unter sehr ungewöhnlichen Umständen vor, und es ist unwahrscheinlich, dass der Anfänger damit konfrontiert wird. Beim Durchschnittspatienten, wie man ihn in der täglichen Praxis vor sich hat, richtet die Erstverschlimmerung keinen Schaden an. Man braucht sie deshalb weder zu fürchten noch ängstlich zu vermeiden, sondern sollte sie vielmehr begrüßen. Soweit möglich, wählt man eine Potenz, von der anzunehmen ist, dass sie beim Patienten eine angemessene Reaktion hervorruft; hüten sollte man sich jedoch, ein bestimmtes Mittel unter dem Gesichtspunkt zu wählen, dadurch eine Verschlimmerung ganz zu vermeiden.

Merke

Die Erstverschlimmerung ist das ermutigende Zeichen, dass die Arznei wirkt und der Patient sich auf dem Wege der Besserung befindet.

Bestandsaufnahme bei der zweiten Konsultation

Die zweite Konsultation nach Ablauf von etwa fünf Wochen stellt den Arzt vor die schwierige Aufgabe zu beurteilen, welche Wirkung das erste Mittel erzielt hat.
Dabei gilt es zunächst zu erkennen, wie zuverlässig die Angaben des Kranken sind. Der Patient kann den Arzt ungewollt auf vielerlei Weise irreführen; doch auch die Befragung selbst hat ihre Tücken, indem der Fragesteller z. B. unbewusst versucht, den Befragten zu „führen“, wodurch er verfälschte Informationen erhält ( 2.4 ).
Beurteilung der Wirkung des ersten Mittels
Sodann wendet man sich der Hauptfrage zu: Hat das Mittel selbst eine Wirkung gehabt? War es das Simillimum? War es vielleicht ein Simile – ähnlich, doch nicht am ähnlichsten – und daher nur für einen Teil der Symptome wirksam? War es zu unähnlich, um überhaupt eine Wirkung zu erzielen? War es ähnlich genug, um Symptome zu unterdrücken und den Fall durcheinanderzubringen? Hat der Patient die Wirkung des Mittels durch ein Antidot aufgehoben? Alle diese Fragen müssen geklärt werden, wenn die zweite Verordnung dem Patienten weiterhelfen soll. Eine fehlerhafte Beurteilung kann die Wirkung des ersten Mittels leicht beeinträchtigen.
Ein weiterer Gesichtspunkt, der eine erneute Beurteilung verlangt, ist der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten. Die Anamnese enthält bereits viele Anhaltspunkte für eine Prognose. Gesichert werden kann diese Prognose jedoch erst, wenn man weiß, wie der Patient auf die Medizin reagiert hat. Erst dann zeigt sich, welche Heilungsaussichten für ihn bestehen.
Hering'sche Regel
Hering'sche Regel Aufgrund klinischer Erfahrungen hat man im Laufe der homöopathischen Praxis herausgefunden, wie die Reaktionen, die das Mittel beim kranken Menschen hervorruft, zu interpretieren sind. Gewiss, die homöopathische Literatur befasst sich von jeher in erster Linie damit, wie man das richtige Mittel findet. Daneben gab es aber auch Homöopathen, die mit scharfer Beobachtungsgabe allmählich entdeckten, dass nach Einnahme eines Mittels Reaktionsmuster von ganz bestimmter Bedeutung auftreten. Diese Beobachtungen Constantin Herings Hering, Constantin (1800–1880) brachten seine Schüler auf eine Formel, die seither als die Hering'sche Regel bekannt ist: „Die Heilung verläuft von oben nach unten, von innen nach außen, von den wichtigen zu den unwichtigen Organen und in der umgekehrten Reihenfolge, in der die Symptome aufgetreten sind.“ Es sind nicht etwa vier Richtungen, in die die Heilung voranschreitet; es gibt tatsächlich nur eine einzige Richtung. Sprachlich jedoch lässt sie sich am besten durch die vier getrennten, von Hering einzeln formulierten Beobachtungen beschreiben.
Es ließe sich ergänzen: Der Heilungsprozess wird durch eine Besserung auf den inneren Ebenen gefördert und in seinem letzten Stadium begleitet von einem Ausschlag oder einer Absonderung der Haut/Schleimhäute. Diese Erweiterung der Hering'schen Regel beinhaltet keine neue Idee, sondern versucht lediglich, die Veränderungen, die bei der Heilung auftreten, anschaulich zu vervollständigen. Diese Interpretationsregel bedeutet eine große Hilfe bei der Beurteilung, ob eine Arznei wirkt. Sie formuliert kurz und bündig die Prinzipien, die im theoretischen Grundlagenteil dieses Buches beschrieben sind ( Kap. 1 ). Während des Heilungsprozesses werden mithilfe des Abwehrgefüges durch Frequenzänderungen die Verteidigungsbarrieren immer weiter zur Peripherie des Organismus hin verschoben, d. h., die zentralen Symptome schwinden zuerst, die Symptomatologie erscheint zunehmend auf periphereren Ebenen und hindert daher das Individuum immer weniger an einem schöpferischen und erfüllten Leben ( Abb. 1.4 ). Dies ist das Konzept, das der Hering'schen Hering, Constantin Regel zugrunde liegt.

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