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B978-3-437-57182-4.00003-0

10.1016/B978-3-437-57182-4.00003-0

978-3-437-57182-4

Grundregeln zu Beurteilung der Krankheitsentwicklung

Tab. 3.1
Regel Leitfrage
1. Nicht eingreifen, wenn der Patient sich innerlich besser fühlt. Wie fühlt sich der Patient in seinem Innersten?
2. Kein weiteres Mittel geben, solange das Symptombild nicht deutlich ist. Hat sich nach dem ersten Mittel bereits ein klares Symptombild herausgebildet und stabilisiert?
3. Nicht voreilig eine Verordnung treffen, falls ein ehemaliges Symptom oder eine Gruppe früherer Symptome wieder auftritt. Sind die Symptome tatsächlich neu, oder kehrt mit ihnen ein früherer Zustand zurück?
4. Kein Arzneimittel verschreiben, wenn Hautausschläge oder Körperabsonderungen auftreten, die mit einer Besserung des Allgemeinbefindens einhergehen. Sind die Beschwerden aufgrund der Ausscheidungsreaktion dem Patienten noch zumutbar?
5. Kein neues Medikament verabreichen, wenn die noch vorhandenen Symptome den Patienten nur wenig beeinträchtigen. Verläuft die Heilung entsprechend der Hering'schen Regel (2.7.4)?
6. Kein neues Medikament verabreichen, wenn die körperlichen Symptome sich eindeutig von oben nach unten verlagern.

Klassifikation chronisch kranker Patienten

Tab. 3.2
Hauptgruppe Prognose
Patienten mit nur einer oder zwei Schichten miasmatischer Vorbelastung (Prädisposition) (3.1.3) Günstig
Patienten mit mehr als zwei miasmatischen Schichten (3.1.4) Weniger günstige Prognose
Unheilbare Patienten (3.1.5) Palliative Therapie zur Linderung der Beschwerden

Langzeitstrategie

  • 3.1

    Prinzipien der konstitutionellen Behandlung179

    • 3.1.1

      Grundregeln180

    • 3.1.2

      Anwendung der Grundregeln182

    • 3.1.3

      Patienten mit starkem Abwehrgefüge184

    • 3.1.4

      Patienten mit schwerer miasmatischer Vorbelastung186

    • 3.1.5

      Unheilbare Patienten189

  • 3.2

    Komplizierte Fälle190

    • 3.2.1

      Homöopathisch verdorbene Fälle191

    • 3.2.2

      Allopathisch geschädigte oder unterdrückte Fälle195

    • 3.2.3

      Patienten im Endstadium200

    • 3.2.4

      Vom Sinn bewussten Sterbens201

  • 3.3

    Sozioökonomische und politische Folgerungen203

Prinzipien der konstitutionellen Behandlung

BehandlungkonstitutionelleÜber einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt sich die Symptomatik eines jeden Patienten ganz unterschiedlich. Das weitere Spektrum möglicher Veränderungen ausführlich zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Wir beschränken uns in diesem Kapitel auf die Darstellung der allgemeinen Prinzipien, die für die Langzeitstrategie der Behandlung von Bedeutung sind.

Merke

Die Zusammenhänge, um die es hier geht, sind so komplex, dass zunächst noch einmal betont werden muss: Aus Büchern lässt sich die Kunst der Langzeitbehandlung nicht lernen. Dazu bedarf es der praktischen Anleitung durch einen qualifizierten und erfahrenen Homöopathen.

Auch wenn wir uns im zweiten Teil dieses Buches vornehmlich mit der Praxis homöopathischen Heilens befassen, muss der Leser sich stets darüber im Klaren sein, dass alles, was hier behandelt wird, auf den allgemeinen Gesetzen und Prinzipien beruht, die im theoretischen Grundlagenteil beschrieben wurden (Kap. 1). Wer lernen will, mit schwierigen Fällen zurechtzukommen, braucht vor allem eine fundierte Grundlage. Gute ArzneimittelkenntnisseArzneimittelkenntnisse allein reichen nicht aus. Die Kenntnis der theoretischen Grundlagen und der Arzneimittelbilder in Verbindung mit genügend praktischer Erfahrung müssen bei den Entscheidungen, die in unterschiedlichen Situationen zu treffen sind, zusammenwirken. Das homöopathische Mittel zu finden, ist wichtig; noch wichtiger ist aber die Fähigkeit, jederzeit genau beurteilen zu können, was während der Behandlung in einem Patienten vor sich geht, wo sich der Patient im Fortgang der Behandlung befindet.
Wir haben die Frage behandelt, wie die Reaktion des Patienten etwa einen Monat nach Einnahme des Mittels einzuschätzen ist (2.7). Bis zu einem gewissen Grad gelten die gleichen Grundsätze auch für die Langzeitstrategie. Daher scheint es angebracht, zunächst diese Grundsätze in Form von Regeln zu wiederholen. Danach werden wir drei Hauptgruppen von chronisch kranken Patienten vorstellen und zeigen, wie die Prinzipien auf jede dieser Gruppen anzuwenden sind.

Grundregeln

Die folgenden allgemeinen Regeln (Tab. 3.1) gelten für jede Behandlung – allerdings in unterschiedlichem Maße, je nachdem, wie krank ein Patient ist. In welcher Form sie konkret anzuwenden sind, hängt von der Stärke oder Schwäche des Abwehrgefüges ab (1.5.2). Die Richtung, in der die Heilung verläuft, ist bei Patienten mit starkem Abwehrgefüge deutlich, bei Patienten mit schwachem Abwehrgefüge hingegen weniger deutlich erkennbar. Zur sicheren Beurteilung einer unklaren EntwicklungKrankheitsentwicklung, Grundregeln bedarf es vor allem der vielseitigen Erfahrung eines geübten Homöopathen.
Regel: Nicht eingreifen, wenn der Patient sich innerlich besser fühlt
Diese Regel kann als „goldene RegelHomöopathiegoldene Regel“ der Homöopathie gelten. Wer vollständige und dauerhafte Heilungen anstrebt, muss diese Regel so streng wie möglich einhalten. Sie bildet – obgleich nicht selten aus den verschiedensten Gründen missachtet – die Grundlage aller übrigen Beurteilungshilfen. Man lasse sich also nicht in die Irre führen, wenn der Patient zunächst einmal über Enttäuschungen und Beschwerden berichtet. Zu fragen ist immer in erster Linie: Wie fühlt der Patient sich in seinem Innersten?
Regel: Kein weiteres Mittel geben, solange das Symptombild nicht deutlich ist
Diese Regel gilt sowohl für eine Wiederholung des gleichen Mittels als auch für ein neues Mittel. Solange sich das Symptombild nach dem ersten Mittel noch nicht geklärt hat, sollte man, wenn irgend möglich, warten, bis es sich deutlich abzeichnet. Freilich sind Wissen und Erfahrung notwendig, um ein „klares“ Bild überhaupt zu erkennen. Der Anfänger hält mitunter ein Bild für eindeutig, das tatsächlich noch unvollständig ist. Umgekehrt erscheint ihm eine Symptomatik vielleicht undeutlich und verworren, in der der Geübte das Mittel sogleich erkennen würde. Wenn kein erfahrener Homöopath konsultiert werden kann, lautet die Parole: Abwarten, solange man sich über das Bild im Unklaren ist.
Oft kommt es vor, dass ein Patient eine Phase durchmacht, in der er erheblich zu leiden hat und scheinbar ein Mittel braucht. Es geht ihm vielleicht so schlecht, dass er den behandelnden Homöopathen täglich anruft und um Linderungsmittel bittet. In solch einem Fall besteht der erste Schritt darin festzustellen, ob es ihm tatsächlich genauso schlecht geht wie vor der Einnahme des Mittels. Wenn ja, gilt es zu prüfen, ob sich ein eindeutiges Symptombild herausbildet und ob es sich schon stabilisiert hat. Solange sich die Symptome noch verändern, sollte man vermeiden, etwas zu verschreiben. Der Patient befindet sich möglicherweise noch in einem Übergangsstadium; die Arzneimittelsymptomatik ist vielleicht erst vor zwei, drei Tagen deutlich geworden und kann sich daher noch zu einem anderen Bild weiterentwickeln. Wenn irgend möglich, sollte man wenigstens 14 Tage abwarten, damit sich die Symptome „setzen“ können. Dann kann man relativ sicher sein, dass sich das Bild gefestigt (stabilisiert) hat und das Mittel, das man wählt, den Fall nicht verdirbt, sondern voranbringt.
Natürlich gibt es besonders schwierige Ausnahmesituationen, in denen dieses Prinzip nicht streng befolgt werden kann. Abgesehen von diesen Ausnahmen muss der Arzt aber versuchen, den Patienten bis an die Grenze des Ertragbaren hinzuhalten, um ein deutliches Bild des nächsten Mittels zu erhalten. Auf lange Sicht verkürzt sich dadurch seine Leidenszeit, die Chance einer tief greifenden Heilung wächst – auch wenn das Abwarten im Augenblick grausam erscheinen mag.
Regel: Nicht voreilig eine Verordnung treffen, falls ein ehemaliges Symptom oder eine Gruppe früherer Symptome wieder auftritt
Zeigen sich beim Patienten in den ersten sechs Monaten nach Eingabe des Mittels Symptome, die er Monate oder Jahre vorher schon einmal hatte, ist es am besten abzuwarten. In diesem Fall kommt es besonders darauf an, dass zu Beginn der Behandlung eine ausführliche Anamnese aufgenommen wurde. Der Patient ist nämlich unter Umständen nicht objektiv und drängt den Arzt, irgendetwas zu „unternehmen“, weil er glaubt, es gehe ihm schlechter. So scheut er sich vielleicht auch zuzugeben, dass die neu aufgetauchten Symptome tatsächlich die Rückkehr eines früheren Zustands sind. Hier muss der Homöopath sehr genau nachprüfen, wie die Dinge wirklich liegen.
Regel: Kein Arzneimittel verschreiben, wenn Hautausschläge oder Körperabsonderungen auftreten, die mit einer Besserung des Allgemeinbefindens einhergehen
In chronischen Fällen reagiert der Organismus häufig mit einem JuckreizJuckreiz, einem AusschlagHautausschlag oder einer Absonderung auf die homöopathische Behandlung. Bei einem starken Abwehrgefüge ist diese Symptomatik meist intensiv und von kurzer Dauer. Bei einem schwachen Abwehrgefüge kann sie dagegen das Wohl des Patienten stark beeinträchtigen und sich lange hinziehen. Der Patient gerät vielleicht in Angst, seine Gesundheit verschlechtert sich, und er bedrängt seinen Arzt mit der Bitte um Hilfe. Auch dann darf man sich nicht dazu treiben lassen, ein neues Mittel zu verschreiben – es sei denn, die Situation ist absolut unerträglich und das Bild des nächsten Mittels klar erkennbar.
Regel: Kein neues Medikament verabreichen, wenn die noch vorhandenen Symptome den Patienten nur wenig beeinträchtigen
Diese Regel folgt aus der ersten Regel. Für jeden, der begriffen hat, dass eine Heilung des Organismus immer von innen nach außen verläuft (Hering'sche Regel, 2.7.4), ist dieser Grundsatz offensichtlich. Häufig möchte man als Arzt im Übereifer den Patienten „ganz“ gesund machen; dadurch lässt man sich leicht zu Fehlern hinreißen.
Regel: Kein neues Medikament verabreichen, wenn die körperlichen Symptome sich eindeutig von oben nach unten verlagern
Auch dieser Grundsatz leuchtet jedem sofort ein, der die Hering'sche Regel kennt (2.7.4). Er gilt nicht nur für die körperlichen Symptome, sondern für die Symptomatik auf allen drei Seinsebenen (Abb. 1.3, Abb. 1.4; 1.2).

Anwendung der Grundregeln

Um die Grundregeln praktisch anwenden zu können, teilt man die chronischKrankheitchronische kranken Patienten nach ihrer Konstitution in drei Kategorien ein (Tab. 3.2). Das zwingt zwar zu Verallgemeinerungen, stellt aber eine Orientierungshilfe dar.
Diese Klassifikation gibt dem Arzt Anhaltspunkte, nach denen er die Vielfalt von Situationen, die bei der konstitutionellen Behandlung auftauchen, beurteilen kann. Oft wird man gefragt: „Kann die Homöopathie auch bei Krebs helfen? Oder bei Myasthenie? Oder bei Diabetes mellitus?“ Für einen Homöopathen sind solche Fragen im Grunde falsch gestellt; seine Verordnungen richten sich nach der Gesamtheit der Symptome, nicht nach einer speziellen Krankheitsbezeichnung. Die adäquate Antwort lautet deshalb stets: Ob eine Krankheit geheilt werden kann, hängt von der miasmatischen Vorbelastung oder der konstitutionellen Veranlagung des Betreffenden ab (Prädisposition, 1.9). Wer eine starke Konstitution hat, besitzt die Möglichkeit, ganz gesund zu werden, gleichgültig, wie seine Krankheit heißt. Wessen Abwehrgefüge dagegen so weitgehend geschwächt ist, dass es zu keinen spezifischen Symptomen mehr in der Lage ist, kann – auch wenn er nur leichte Beschwerden hat – unheilbar krank sein.
Bei der ersten der drei Gruppen (Patienten mit starkem AbwehrgefügeAbwehrgefügestarkes; 3.1.3) finden wir jede Art chronischer Krankheiten: SchizophrenieSchizophrenie, KrebsKrebs, multiple Sklerosemultiple Sklerose, Myastenia gravisMyastenia gravis, MyopathienMyopathien, Diabetes mellitusDiabetes mellitus, TuberkuloseTuberkulose u. dgl. All diese Leiden sind heilbar – vorausgesetzt, der Patient gehört zur ersten Kategorie, besaß also bis zum Ausbruch der Krankheit ein starkes Abwehrgefüge. Bei solchen Patienten erlebt man oft erstaunliche, oft an Wunder grenzende Heilungen. Jeder Homöopath hat im Laufe seiner Tätigkeit zumindest einige solcher eindrucksvollen Heilungen erlebt. Patienten dieser Gruppe weisen relativ gesunde Eltern auf; sie haben keine längeren allopathischen Behandlungen durchgemacht (1.8.2), also auch keine zusätzlichen miasmatischen Schwächen erworben; auf Impfungen zeigten sie keine ungünstigen Reaktionen (1.8.3) und führten vor Krankheitsbeginn meist ein weitgehend gesundes und seelisch ausgeglichenes Leben.
Patienten der zweiten Gruppe (3.1.4) stellen uns vor größere Schwierigkeiten, obwohl sie unter den gleichen Krankheiten leiden können: Schizophrenie, Krebs, neurologische Störungen, Diabetes mellitus usw. Man wundert sich vielleicht und fragt: „Wieso konnte ich die Krankheit in anderen Fällen heilen und habe diesmal solche Schwierigkeiten?“ Die Antwort lautet: Der Patient bringt eine stärkere miasmatische Vorbelastung mit. Seine Familie zeigt eine beträchtliche Anzahl chronischer Krankheiten; er selbst wurde vielleicht lange mit starken allopathischen Medikamenten behandelt; auf Impfungen zeigte er unter Umständen gar keine oder aber eine sehr schwere Reaktion, und sein Leben ist womöglich von Ängsten und Nervosität geprägt. Angesichts so vieler ungünstiger Faktoren ist dieser Kranke natürlich schwieriger zu behandeln als ein Patient der ersten Kategorie – auch wenn die allopathische Diagnose die gleiche ist.
Man muss also als Homöopath vor allem lernen, die Schwere der miasmatischen Veranlagung zu beurteilen (1.9). Es lassen sich dann Probleme, die womöglich im Laufe der Behandlung auftauchen, voraussehen, und Arzt und Patient geben sich keinen falschen Hoffnungen hin.
Auch Patienten der dritten Gruppe (3.1.5) tragen mitunter die oben genannten Krankheitsbezeichnungen. Ihr Abwehrgefüge ist allerdings so schwach, dass die übliche allopathische Prognose tatsächlich auf sie zutrifft. Trotzdem kann ihnen eine sorgfältige homöopathische Behandlung große Linderung verschaffen und wider Erwarten ihr Leben um viele nützliche Wochen und Monate verlängert werden.
Wie lassen sich nun die Grundregeln der Behandlung bei jeder einzelnen Gruppe praktisch anwenden? Beginnen wir mit der ersten Gruppe – mit Patienten, die ein starkes Abwehrgefüge besitzen.

Patienten mit starkem Abwehrgefüge

Wenn das richtige Mittel seine Wirkung unbehindert entfalten kann, hat der Patient das „sichere Gefühl“, dass es ihm besser geht. Fälle dieser Art haben trotz schlimmer Diagnosen und pathologischer Organbefunde die günstigste Prognose. Es kommt unter der Wirkung des homöopathischen Mittels zu einer auffallenden Besserung, die voraussichtlich von einem halben Jahr bis zu mehreren Jahren anhält – falls die Wirkung des Mittels nicht durch chemische Stoffe oder außergewöhnliche äußere Belastungen beeinträchtigt wird.
Akute KrankheitenKrankheitakute verlaufen bei diesen Patienten meist leicht und klingen auch ohne homöopathische Behandlung rasch ab. Es ist dann sogar besser, kein Mittel zu verschreiben und dem Organismus selbst die Heilung zu überlassen. Freilich gibt es Ausnahmen: Ein Patient ist vielleicht einem außergewöhnlich starken Krankheitsreiz ausgesetzt – z. B. einer länger anhaltenden Durchnässung oder Unterkühlung – und zieht sich dabei eine Lungenentzündung oder eine schwere Bronchitis zu. In einem solchen höchst ungewöhnlichen Fall ist es notwendig, das passende homöopathische Mittel zu verordnen, das dann auch relativ leicht zu finden sein sollte. Wer ein starkes Abwehrgefüge besitzt, dessen Symptombild wird auch bei einer akuten Erkrankung deutlich auf das benötigte Mittel hinweisen. Eine einzige Verordnung (ganz selten noch eine zweite) ist ausreichend, um die akute Erkrankung zu kurieren. In der Behandlung seiner chronischen Krankheit mit dem vorher verabreichten chronischen MittelArzneimittel, homöopathischeschronisches wird der Patient deshalb nicht rückfällig werden. Anschließend wird sein chronisches Mittel weiter wirken.
Patienten der ersten Gruppe bleiben nach dem ersten Mittel gewöhnlich zwei bis fünf Jahre gesund. Falls sie vorher wieder in die Sprechstunde kommen, geschieht dies meist zur Behandlung unbedeutender Probleme. Oft hört man nach dem ersten Mittel jahrelang nichts von ihnen und fragt sich, ob es ihnen überhaupt geholfen hat. Später erfährt man dann, die Arznei habe „Wunder gewirkt“.
Gelegentlich wird das Abwehrgefüge auch dieser Patienten durch Belastungen so weitgehend überfordert, dass ein vollständiger Rückfall eintritt; z. B. nach einem schweren Kummer, einem die Grundfesten erschütternden geschäftlichen Rückschlag oder einer schweren körperlichen Verletzung. Nach einem solchen Rückfall muss die gesamte Symptomatik neu aufgenommen werden. Wahrscheinlich stellt sich dann heraus, dass das frühere Mittel immer noch angezeigt ist. Es sollte nun in einer höheren Potenz verabreicht werden. Möglich ist aber auch, dass der Patient stattdessen ein „ergänzendes“ (komplementäres) Mittel braucht. Manchmal ist vom „konstitutionellen Mittel“ die Rede, so, als benötige ein bestimmter Mensch nur dies eine Mittel. Auf Patienten mit starkem Abwehrgefüge trifft das in der Tat zu. Sie brauchen jahrelang immer wieder das gleiche Mittel – für kleinere Beschwerden ebenso wie für Rückfälle nach schweren Belastungen. Bei Patienten mit schwachem Abwehrgefüge liegen die Dinge, wie wir noch sehen werden, anders.
Nicht selten geht es einem Patienten nach dem richtigen Mittel zunächst viel besser, doch erleidet er später durch die Wirkung eines „Gegenmittels“ (AntidotAntidot, 2.3.2) einen Rückfall, etwa durch allopathische Medikamente, Kaffeetrinken oder eine Zahnbehandlung. Nach solchen Störungen sieht es oft so aus, als kehre die frühere Symptomatik wieder zurück. Trotzdem braucht der Patient nicht sofort ein Mittel, sondern man wartet nach Beendigung des störenden Einflusses auf alle Fälle wenigstens 14 Tage ab. Meist ist das Abwehrgefüge stark genug, mit der Störung allein, d. h. ohne homöopathische Behandlung, fertig zu werden. Hält der Rückfall allerdings längere Zeit an, muss man den Fall neu aufnehmen. Ist dann das gleiche Mittel noch angezeigt, verabreicht man es in der gleichen Potenz, und zwar deshalb, weil die erste Dosis antidotiert wurde, sodass sich nicht herausstellen konnte, ob diese Potenz schon optimal war; wir müssen sie daher nochmals testen.
HautausschlägeHautausschlag treten bei diesen Patienten oft schon in den ersten 10 Tagen auf. Bessert sich mit dem Auftreten des Ausschlags (oder Ausflusses) gleichzeitig das allgemeine Wohlbefinden, geben wir kein weiteres Mittel. Handelt es sich doch um das klassische Beispiel von Symptomen, die im Laufe des Heilvorganges an der Peripherie sichtbar werden. Deshalb wird nichts unternommen, was diesen Prozess stören könnte. Ein Hautausschlag dagegen, der viel später – vielleicht nach sechs Monaten oder einem Jahr – auftritt, sollte behandelt werden. Meist erweist sich dann das gleiche oder ein „ergänzendes“ Mittel als angezeigt. Seien wir aber nicht voreilig: Solange sich das Bild des neuen Mittels noch nicht deutlich erkennen lässt, heißt es auf jeden Fall abwarten. Ein zu früh verordnetes Mittel kann die Symptomatik durcheinanderbringen und das Abheilen des Hautausschlags verzögern.
Auch bei anderen Krankheiten gibt es solche Zusammenhänge. Ein Patient leidet beispielsweise unter schweren Depressionen. Nach dem ersten Mittel bessert sich sein Gemütszustand auffallend; er bekommt aber nun stattdessen eine schwere Gastritis. Geschieht das wenige Tage nach Einnahme des Mittels, dann liegt sehr wahrscheinlich eine Heilreaktion vor, und man sollte nichts weiter unternehmen. Eine solche Reaktion wäre ein typisches Beispiel dafür, wie die Heilung bei starker Konstitution „von innen nach außen“ voranschreitet (Hering'sche RegelHering'sche Regel, 2.7.4). Tritt die Gastritis aber erst mehrere Monate oder ein Jahr nach Verabreichung des ersten Mittels auf, braucht der Patient oft eine neue Verordnung – auch hier vermutlich noch einmal das gleiche oder ein „ergänzendes“ Mittel.
Es kann vorkommen, dass ein Patient der ersten Gruppe im Sinne der Hering'schen Regel (2.7.4) eine Besserung „von oben nach unten“ erlebt. Etwa bei einem Hautausschlag, der zuerst am Kopf abheilt, dann an der Brust und schließlich an Händen und Füßen, oder bei einer Arthritis, die sich vom Nacken über die Kreuzbeingegend und den Ischiasnerv zu den Händen und Füßen hin verlagert. Am häufigsten tritt diese Verschiebung der Symptome drei bis sechs Monate nach Einnahme des Mittels auf. Sie sollte nicht durch weitere Verordnungen gestört werden. Falls aber der Prozess auf irgendeiner Stufe einen Monat oder länger stehen bleibt, ist es gerechtfertigt, das Mittel zu verordnen, das dann auf die Gesamtsymptomatik passt.

Zusammenfassung

Patienten der ersten Gruppe (Tab. 3.2) haben die besten Heilungschancen. Sie besitzen ein starkes Abwehrgefüge, und es wird ihnen voraussichtlich auf allen Ebenen lange Zeit besser gehen, ganz gleich, welche Diagnose gestellt wurde.

Bei diesen Patienten zeigt sich am deutlichsten, wie die Hering'sche Regel funktioniert. Die Beurteilung ihrer Reaktionen fällt selbst dem Anfänger recht leicht. Die Patienten dieser Gruppe gleichen Gefangenen, die plötzlich und unerwartet aus dem Gefängnis entlassen werden.
Jeder Homöopath wünscht sich natürlich, alle seine Fälle würden so glatt verlaufen. Dass dies meist nicht so ist, schmälert nicht unbedingt seine Verdienste, eher zeigt es, dass heute viele Menschen, die sich homöopathisch behandeln lassen, bereits sehr krank sind.

Patienten mit schwerer miasmatischer Vorbelastung

miasmatische VorbelastungMenschen mit starker Konstitution stammen in der Regel aus einem naturverbundenen Milieu. Zu dieser Gruppe gehören vor allem Dorfbewohner abgelegener Gegenden, die ein einfaches Leben in den Bergen oder am Meer führen.
Menschen dagegen, die mit mehreren MiasmenVorbelastung, miasmatische belastet sind, also der zweiten Gruppe angehören (Tab. 3.2), kommen eher aus einem sogenannten „fortschrittlichen“ und „gebildeten“ Milieu. Die Faktoren, die hier gesundheitlich wirksam werden, sind u. a. die Trennung des Städters vom Rhythmus der Natur, die chemischen Giftstoffe, denen er in besonderem Maße ausgesetzt ist, die hektische und künstliche Lebensweise in der Großstadt, die Unausgewogenheit der Ausbildung und die dadurch hervorgerufene einseitige Intellektualisierung, die Arzneimittelabhängigkeit und vieles andere mehr.
In zivilisatorisch „hoch entwickelten“ Regionen bringen Patienten häufig die Veranlagung zu allen möglichen Krankheiten mit (1.9). Nur ein sehr qualifizierter Homöopath kann diese Menschen gesund machen. Wie schon gesagt: Bei Patienten mit starker Konstitution kann jeder Erfolge vorweisen (3.1.2); bei konstitutionell schwachen Patienten dagegen ist wirkliches Können erforderlich – hier zeigt sich, wer ein Meister ist. Denn mögen sie auch grundsätzlich heilbar sein – ihre Heilung verlangt vom Homöopathen neben einer sorgfältigen Ausbildung ein hohes Maß an Urteilsvermögen, Geschicklichkeit, Übung, Erfahrung und Geduld. Vom Patienten wiederum verlangt die Behandlung besonders viel Verständnis, Vertrauen und Geduld.
Schon die erste Grundregel stellt den Arzt bei dieser zweiten Gruppe von Patienten vor ein Problem: Eine Besserung auf den inneren Ebenen lässt sich bei Patienten, die so schwer krank sind, nicht leicht erkennen. Bereits bei der Fallaufnahme ergibt sich aus der persönlichen und der Familienanamnese meist eine eher ungünstige Prognose. Auch die Wahl des ersten Mittels ist schwierig, und mitunter lässt sich nicht eindeutig feststellen, wie der Patient auf dieses Mittel reagiert. Oft ist eine Besserung nur anhand unauffälliger Veränderungen – manchmal an unbedeutenden Symptomen – zu erkennen. Nur wenn Arzt und Patient es fertig bringen, sehr lange geduldig zu warten, fängt der Patient vielleicht nach mehreren sorgfältig gewählten Mitteln im Laufe von ein, zwei Jahren ganz allmählich an, sich wohler zu fühlen.
Hier stellt sich die Frage: Angenommen, die Reaktion ist unklar und der Patient leidet – wie lange kann man warten? Die Antwort lautet: Das hängt weitgehend von den besonderen Umständen und von der Erfahrung des Homöopathen ab. Am wichtigsten sind für den Arzt Hinweise auf Bereiche, die mit der Schaffensfreude und Kreativität des Patienten in Zusammenhang stehen: Eine Besserung der Vitalität oder der geistig-emotionalen Symptome, selbst wenn sie minimal sind, muss ihn zum Warten veranlassen, auch wenn der Patient weiterhin unter Beschwerden auf periphereren Ebenen leidet. Jedes Mal, wenn er zur Sprechstunde erscheint, kommt es darauf an, seine gesundheitlichen Fortschritte (vor allem hinsichtlich der zentralen Bereiche) so exakt wie möglich zu beurteilen.
Manche Patienten dieser Kategorie klagen darüber, dass sich ihre ursprünglichen Symptome nach dem ersten Mittel verschlimmert hätten. Eine solche VerschlimmerungErstverschlimmerung körperlicher Symptome kann zwischen 20 Tagen und drei Monaten nach Einnahme des ersten Mittels geradezu unerträglich werden – trotz der Tatsache, dass der Patient sich innerlich besser fühlt. Unter allen Umständen muss man dann versuchen, die Verschlimmerung (2.7.3) durchzustehen. Falls aber die Lokalsymptome wirklich nicht mehr auszuhalten sind, ist man – ein klares Bild vorausgesetzt – unter Umständen gezwungen, das nächste Mittel zu verabreichen. Wenn Patienten dieser Gruppe auf das erste Mittel mit einem Hautausschlag reagieren, handelt es sich gewöhnlich um einen schweren Ausschlag – und dabei in der Regel um die letzte ihrer Schwierigkeiten. Ihr Abwehrgefüge versucht, den Organismus zu heilen, wobei diese Heilung zu kaum erträglichen Symptomen auf der Körperoberfläche führt. Hier heißt es auszuharren bis zum Letzten – eine Situation, die Arzt und Patient gleichermaßen auf eine harte Probe stellt. Sollte aber ein neues Mittel unbedingt erforderlich werden, muss der Arzt sicher sein, dass sich das neue Symptombild voll entfaltet und stabilisiert hat.
In sehr komplizierten Fällen erweist es sich mitunter als notwendig, zwei, drei Mittel rasch hintereinander zu geben. Sie müssen sich jedoch immer auf eine klare Gesamtsymptomatik stützen. Durch Patentlösungen oder übereilte Verordnungen riskiert man lediglich, dass sich die endgültige Heilung um Monate oder noch länger verzögert.
Patienten mit schwerer miasmatischer Vorbelastungmiasmatische Vorbelastung müssen auf dem Weg zur Heilung mit vielerlei körperlichen Beschwerden rechnen – nicht nur Hautausschläge oder Absonderungen, sondern auch Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen usw. können auftreten. Auch hier gilt der gleiche Grundsatz: Ein Mittel gegen die Beschwerden erhält der Patient nur, wenn sie wirklich unerträgliche Ausmaße annehmen und das Symptombild sich abgerundet und gefestigt hat.
Die Richtung des Heilungsverlaufs von einem wichtigen zu einem weniger wichtigen Organ lässt sich bei miasmatisch vorbelasteten Patienten nur schwer erkennen. Die Gesamttendenz mag zwar stimmen, doch leidet der Patient unter Umständen so sehr unter seinen Symptomen, dass er seine Lage gar nicht mehr objektiv einzuschätzen vermag und sich beschwert, es gehe ihm nun noch schlechter als vor Beginn der Behandlung. Solange aber die Richtung stimmt, sollte man seine Klagen skeptisch aufnehmen. Lässt er sich durch nichts beschwichtigen, kann man ihn auf die Probe stellen: Man schlägt ihm vor, allopathische Mittel zu nehmen, und weist ihn gleichzeitig auf die Gefahr hin, dadurch die Wirkung des Mittels zu zerstören. In der Regel wird er diese Alternative ablehnen, weil er spürt und im Grunde weiß, dass er jetzt weniger leidet als vor der Behandlung.
Bei Patienten dieser Gruppe kehren in den ersten Behandlungsmonaten frühere Symptome normalerweise nicht zurück. Wenn überhaupt, treten sie in sehr schwerer Form wieder auf – und oft mit verändertem Symptombild. Auch hier muss man die Geduld des Patienten oft auf eine harte Probe stellen, indem man darauf wartet, bis sich die Symptomatik zu einem klaren Bild entwickelt hat. Sobald aber das Bild feststeht, muss der Patient ein neues Mittel erhalten.
Oft erreichen miasmatisch belastete Patienten einen Punkt, an dem die Symptomatik eindeutig auf eine Nosode oder ein für diese miasmatische Belastung spezifisches Mittel passt. Sobald man das feststellt, sollte man dieses Mittel verabreichen, selbst dann, wenn die letzte Verordnung erst eine Woche zurückliegt. Die Nosode oder miasmatische Arznei wird zwar nicht das letzte Mittel sein, das der Patient braucht, es wird aber mit Sicherheit seine Heilung weiter vorantreiben (1.9.4). Halten wir daher die Augen offen, um das Auftauchen einer solchen Symptomatik nicht zu verpassen.
In schweren Fällen bedeutet das Auftreten eines neuen Symptombildes meist, dass der Patient ein neues Arzneimittel braucht. Man kann hier also nicht von „konstitutionellen“ MittelnArzneimittel, homöopathischeskonstitutionelles sprechen. Nach mehrjähriger Behandlung mag es vielleicht vorkommen, dass sich ein bestimmtes Reaktionsmuster wiederholt, sodass dann jedes Mal das gleiche Mittel angezeigt ist. Dieser Übergang zu einem konstitutionellen Mittel ist aber ungewöhnlich; eher sind die miasmatischen Schichten so zahlreich, dass immer wieder ein neues Symptombild zum Vorschein kommt.
Akute Krankheiten verlaufen bei diesen Patienten in der Regel schwer und dauern lange. Oft sind drei oder mehr Mittel nacheinander nötig, um sie in den Griff zu bekommen. Dabei erleidet der Patient leicht einen Rückfall in seinen früheren Zustand. Gesetzt den Fall, ein Patient hat im Laufe von sechs Monaten drei Arzneien erhalten, und alle drei haben ihm geholfen. Im sechsten Monat erkrankt er an einer schweren Bronchitis, zu deren Behandlung drei akute Mittel notwendig sind. Unter diesen Umständen kommt es leicht zu einem Rückfall: Der Patient fühlt sich nun wieder so schlecht wie vor der Einnahme des letzten chronischen Mittels. Entspricht sein Symptombild jetzt erneut diesem dritten Mittel, verschreiben wir es in höherer Potenz. Entspricht das Bild aber einem anderen Mittel, wählen wir die Potenz, die der Klarheit der Symptomatik und dem Ausmaß der organischen Veränderungen angemessen ist.
Patienten dieser zweiten Kategorie (Tab. 3.2) setzen den behandelnden Arzt häufig stark unter Druck. Bei jedem Besuch in der Sprechstunde sowie bei Krisen, die zwischendurch auftreten, scheinen sie ein Mittel zu brauchen. Ihre Leiden und ihre fortwährenden Klagen führen den Arzt ständig in Versuchung, etwas zu verschreiben. Erliegt er dieser Versuchung und verordnet er ihnen Mittel, um auch sich selbst Ruhe zu verschaffen, wird sich das früher oder später rächen: Die Symptomatik wird sich verändern, zunehmend undeutlicher und damit schwerer erkennbar. Da das Abwehrgefüge schwach ist, dauert es dann eine „Ewigkeit“, bis der Patient sich wieder von den falschen Verordnungen erholt hat. Fazit: Übereilte Verordnungen vergrößern auf lange Sicht die Leiden des Patienten und schaden dem Ruf des Therapeuten. Warten wir daher grundsätzlich ab, bis der Patient wirklich die Grenze seines Durchhaltevermögens erreicht hat, und verschreiben wir nur dann ein Mittel, wenn das neue Symptombild deutlich geworden ist!
Gute klinische Kenntnisse sind bei der Behandlung dieser Patienten wichtig. Allzu leicht kann es sonst passieren, dass man einen Kranken leiden lässt, weil man annimmt, es handle sich nur um eine Phase auf seinem Weg zur Besserung, während in Wirklichkeit organische Schäden entstehen. Selbst erfahrenen Praktikern fällt es oft schwer, diesen Unterschied zu erkennen. Deshalb sollte man die Möglichkeit, dass es zu Gewebeschäden kommt, nie aus den Augen verlieren.

Merke

Bei Patienten mit tief greifenden miasmatischen Belastungen kommen Behandlungsfehler besonders häufig vor. Handelt es sich dabei aber nur um mangelnde Arzneimittelkenntnisse, dann lässt sich der Fehler beheben, indem man den Patienten zu einem homöopathischen Arzt mit größerer Erfahrung schickt. Häufiger aber entstehen Fehler durch Verordnungen, die zum falschen Zeitpunkt gegeben werden. Diese Fehler können das Symptombild schließlich derart verändern und verwirren, dass eine Heilung fast nicht mehr möglich ist.

Mitunter werden schwere Fehler begangen, wenn der Patient einen Rückfall erleidet, dieser Rückfall aber zunächst noch nicht vollständig erfolgt ist: Der Kranke klagt bitter, und man überschätzt als Arzt leicht den Ernst der Lage. Ein klares Symptombild ist noch nicht erkennbar, doch unter Druck gesetzt, verordnet man ein Mittel, das eventuell passen könnte.
Daraufhin kann zweierlei eintreten: Das falsche Mittel kann zu weiteren „Rückfällen“ führen, die so lange behandelt werden, bis es schließlich zu einem vollständigen Rückfall kommt. Wenn man Glück hat, passt dann das Symptombild auf das zuletzt gegebene Simillimum, und man wird dieses Simillimum nun noch einmal mit Erfolg verschreiben – mit Erfolg, falls man gelernt hat, danach abzuwarten. Ist aber das Bild bis zur Unkenntlichkeit verändert, steht man vor einer schwierigen Entscheidung. Falls eines der zuletzt verordneten Mittel recht gut gewirkt hat, kann man es wiederholen und darauf hoffen, dass es die Ordnung der Symptomatik wiederherstellt und die Heilung weiter vorantreibt. Die beste Lösung besteht jedoch darin, dass man versucht, die Wirkung aller Mittel, die den Fall verdorben haben, wieder aufzuheben (2.3.2): Man verschreibt zwei, drei Wochen lang leicht allopathische Medikamente zur Linderung der Symptome. Nach Absetzen dieser Medikamente wartet man weitere ein bis zwei Wochen, bis sich die Symptomatik stabilisiert, und verschreibt dann ein neues Mittel. Man kann Kaffee und Kampfer in ähnlicher Weise einsetzen, falls allopathische Medikamente zur Linderung der Symptome ungeeignet oder wirkungslos sind. Von homöopathischen Gegenmitteln ist abzuraten, da sie unter Umständen die Symptomatik weiter durcheinanderbringen.

Unheilbare Patienten

Die dritte Gruppe (Tab. 3.2) besteht aus Patienten, die eine Langzeitbehandlung benötigen und die Schwelle möglicher Heilung bereits überschritten haben. Besserung ist hier das Ziel. Die Prinzipien der Heilung sind bei diesen Kranken kaum noch erkennbar. Ihr Abwehrgefüge erweist sich als so geschwächt, dass typische Heilreaktionen nicht mehr zustande kommen.
Wenn ein solcher Patient das richtige Mittel erhalten hat, berichtet er vielleicht bei seinem nächsten Besuch, es gehe ihm sehr viel besser. Das bedeutet: Er ist von seinen unmittelbaren, vordergründigen Beschwerden erlöst; es heißt aber nicht, dass er sich im Ganzen wohler fühlt. Da er jedoch vor der Behandlung sehr gelitten hat, entsteht für ihn der Eindruck, als gehe es ihm insgesamt besser.
Bei unheilbarenKrankheitunheilbare Patienten besteht keine Hoffnung mehr, dass sie den Sprung auf eine peripherere Ebene schaffen. Die Linderung ihres unmittelbaren Leidens (palliative Therapie) ist hier das realistische Ziel der Behandlung, sodass die verbleibende Zeit ihres Lebens erträglich, ja relativ unbeschwert sein kann.
Rückfälle treten bei diesen Patienten häufig auf, und in der Regel verändert sich dabei ihr Symptombild. Man muss also ein wachsames Auge für die Bilder neu auftauchender Mittel haben.
Wenn Hautausschläge und Absonderungen erscheinen, fehlt die gleichzeitige, tief greifende Besserung des ganzen Menschen, wenn auch bei einem kleinen Prozentsatz dieser Patienten eine Besserung deutlich wahrnehmbar ist. Gewöhnlich sind die Hautausschläge oder Absonderungen langwierig und eine große Belastung für den Patienten. Oft ist man in der Tat gezwungen, ein Mittel zu verabreichen, obgleich das neue Symptombild noch undeutlich ist. Es bleibt einem dann nichts anderes übrig, als das Mittel zu verschreiben, das auf die augenblickliche Symptomatik am besten passt. Dazu gehört natürlich viel Übung, und Anfänger übernehmen sich leicht mit solchen Problemfällen.
Frühere Symptome kehren bei unheilbaren Patienten normalerweise nicht zurück. Das Abwehrgefüge ist zu schwach, um seine ehemalige Frequenz wieder zu erreichen.

Merke

Bei sehr geschickter, fehlerfreier Behandlung besteht für diese Patienten die Möglichkeit, noch viele Jahre relativ beschwerdefrei zu leben, vorausgesetzt, ihr Zustand ist nicht bereits zu weit fortgeschritten. Da ihre Symptomatik selten der Hering'schen Regel folgt (2.7.4), hängt die Linderung ihres Zustands ganz von der Befähigung und Erfahrung des Homöopathen ab.

Vielleicht ist im Laufe dieses Kapitels der Eindruck entstanden, Menschen mit schweren chronischen Leiden hätten unter der homöopathischen Behandlung unerbittlich zu leiden. Gewiss kann das bei den schwersten Fällen tatsächlich vorkommen. Nichtsdestoweniger steht fest, dass die Kranken während der ganzen Zeit dieser Behandlung zweifellos weniger leiden, als dies ursprünglich und ohne homöopathische Behandlung der Fall gewesen wäre. Die Homöopathie lohnt sich also auch für diese Menschen immer, denn sie ist meist ihre einzige Hoffnung.

Komplizierte Fälle

In diesem Kapitel wollen wir uns mit Patienten befassen, die schon beim ersten Praxisbesuch ein völlig ungeordnetes Beschwerdebild zeigen oder sich im Endstadium befinden. Um ihnen helfen zu können, ist größte Geschicklichkeit, Erfahrung, Geduld und ein hoher Zeitaufwand unabdingbar notwendig. Anfänger sollten sich nicht an derartige Fälle wagen: Sie würden die Symptomatik durch ungeschickte Verordnungen nur noch mehr durcheinanderbringen und das Leiden der Patienten unnötig vermehren.
Die Homöopathie ist für diese Kranken oft der letzte Ausweg, denn weder allopathische noch andere Behandlungsmethoden haben ihnen bisher geholfen. Als unerfahrener Arzt und Patient macht man sich aber oft keine Vorstellung von den Leiden und Komplikationen, die auch die homöopathische Behandlung eines solchen Falles mit sich bringen kann. Sehr bald merkt man, dass einem der Fall über den Kopf wächst. Wem es wirklich um das Wohl des Kranken geht, der sollte als Anfänger eine solche Behandlung ablehnen und den Patienten an einen erfahreneren Kollegen überweisen. Die vielen Beschwerden, die der schwer kranke Patient um der Heilung willen durchstehen muss, sind umsonst, wenn man nicht fähig ist, die merkwürdigen und schwierigen Situationen und Komplikationen, die sich während der Behandlung mit Sicherheit einstellen werden, richtig zu deuten und zu behandeln.
Der Schaden, den die „falsche“ potenzierte Arznei bei einem chronisch Kranken anrichten kann, ist immer noch bedeutend geringer als der Schaden, den das „richtige“ allopathische Mittel unter Umständen hervorruft. Die Nebenwirkungen der allopathischen MedikamenteMedikamente, allopathische sind sehr viel schwerwiegender als eine unzureichende homöopathische Behandlung. Unpassende und deshalb nicht wirklich homöopathische Potenzen schädigen den Organismus nicht unmittelbar. Sie können aber das Abwehrgefüge so weitgehend behindern, dass treffende Verordnungen außerordentlich schwierig, wenn nicht unmöglich werden.
In diesem Kapitel soll es um Fälle gehen, die den Arzt bereits zu Beginn der Behandlung vor hochkomplizierte Probleme stellen. Man kann sie in drei Gruppen gliedern:
  • 1.

    Patienten, deren Beschwerdebild über lange Zeit durch homöopathisch ungenaue Behandlung immer unklarer geworden ist (3.2.1).

  • 2.

    Patienten, die über viele Jahre allopathische Medikamente zu sich genommen haben (3.2.2).

  • 3.

    Patienten, die schon unheilbar krank sind, wenn sie zum ersten Mal in die Sprechstunde kommen (3.2.3).

Homöopathisch verdorbene Fälle

Nur mit Überwindung vertieft man sich in die Krankengeschichte von Patienten, die schon jahrelang ohne merklichen Erfolg von Homöopathen behandelt worden sind. Sie stellen von allen Fällen die schwierigsten dar. In der Homöopathie basiert jede Verordnung auf der Gesamtheit der Symptome, in der das Wirken des Abwehrgefüges sichtbaren Ausdruck findet (1.6). Bei einem Patienten, der jahrelang mit den verschiedensten „homöopathischen“ Mitteln behandelt wurde, hat sich das Wirken des Abwehrgefüges verändert – zunächst unmerklich, dann einschneidend. Wenn der Patient schließlich zu einem erfahrenen Homöopathen geschickt wird, manifestiert sich sein Abwehrgefüge in einem so desolaten Zustand, dass es beinahe unmöglich geworden ist, die korrekte Abfolge der für die Heilung notwendigen Mittel zu finden und ihre Wirkung eindeutig zu beurteilen. Im Wesentlichen lassen sich homöopathisch verdorbene Fälle in zwei Kategorien einteilen:
  • 1.

    heilbare Patienten,

  • 2.

    unheilbare Patienten.

Heilbar sind Kranke, deren Abwehrgefüge noch stark genug ist, um auf gut gewählte Mittel zu reagieren. Als unheilbar gelten diejenigen, deren Abwehrgefüge so geschwächt wurde, dass keine Hoffnung mehr besteht, selbst mit dem passenden (= homöopathischen) Mittel eine Heilreaktion anzuregen. Bei solchen Patienten kann nur noch eine Linderung ihrer Leiden erzielt werden.
Nach welchen Kriterien entscheidet sich, ob das Abwehrgefüge eines Patienten noch die Kraft der Heilung besitzt oder nicht? Mit absoluter Sicherheit lässt sich das nicht beurteilen, vielmehr geht es hier um Wahrscheinlichkeit und menschliches Ermessen. Völlig hoffnungslose Fälle im eigentlichen Sinne gibt es deshalb nicht, wenn auch jeder Homöopath Patienten erlebt hat, bei denen auch die sorgfältigste Behandlung nur sehr begrenzte Erfolge zeitigt. Doch auch in solchen Fällen dürfen wir den Patienten nicht „abschreiben“, nur stellen wir gezwungenermaßen eine äußerst zurückhaltende Prognose. Ob jemand als unheilbar zu behandeln ist, bleibt stets eine sehr individuell Entscheidung, die immer von den jeweiligen Umständen abhängt. Sie sollte nie als endgültig betrachtet werden.
Kriterien zur Beurteilung der Heilbarkeit
Die klinische Diagnose. Eine ernste klinische Diagnose bedeutet für sich genommen noch nicht, dass der Kranke als unheilbar einzustufen ist. Sie ist aber ein Faktor, der unbedingt gebührend in Betracht gezogen werden muss.
  • Der konstitutionelle Hintergrund des Patienten, besonders vor Beginn der ursprünglichen Behandlung. Ein jüngerer Patient, der früher eine starke Konstitution besaß, hat eine weit bessere Chance, gesund zu werden, als ein älterer oder geschwächter Patient.

  • Die Art der Reaktion auf frühere Mittel. Um sie zu beurteilen, muss man die gesamte Entwicklung des Falls zurückverfolgen. So könnte es z. B. sein, dass der Patient auf etwa die Hälfte der eingenommenen Mittel reagiert hat und auf die übrigen nicht. Die Tatsache, dass überhaupt Reaktionen stattfanden, ist an sich jedoch noch kein ermutigendes Zeichen.

    Handelt es sich dabei nämlich nur um Palliativreaktionen, ist die Prognose ungünstig. Erlebte der Patient aber deutliche Erstverschlimmerungen, gefolgt von echten Besserungen, dann ergibt sich eine günstigere Prognose.

  • Die derzeitige Klarheit des Symptombildes. Oft erkennt der behandelnde Homöopath das richtige Mittel einfach deshalb nicht, weil er das angezeigte Mittel nie eingehend studiert hat. Ein Kollege nimmt es vielleicht recht deutlich wahr, und die Prognose fällt daher viel günstiger aus.

  • Die Gesundheit bzw. die Krankheitsbelastung der Vorfahren des Patienten.

Zusammenfassung

Kriterien zur Beurteilung der Heilbarkeit homöopathisch verdorbener Fälle

Heilbarkeit, Kriterien
  • Schwere der klinischen Diagnose

  • Konstitutioneller Hintergrund

  • Art der Reaktion auf frühere homöopathische Arzneimittel

  • Klarheit des aktuellen Symptombildes

  • Familiäre Gesundheit bzw. Krankheitsbelastung

Alle diese Faktoren sind bei der Beurteilung, ob ein Patient nach menschlichem Ermessen heilbar ist, zu berücksichtigen. Eine uneingeschränkte oder endgültige Schlussfolgerung erlauben sie allerdings nicht.
Trotzdem hat die Frage nach der Heilbarkeit für uns nicht nur theoretisches Interesse: Zielsetzungen und Vorgehen sind bei der Behandlung von heilbaren und voraussichtlich nicht mehr heilbaren Patienten unterschiedlich.
Strategien für die Behandlung „unheilbarer“ Patienten
Behandlungunheilbarer PatientenBefassen wir uns zuerst mit den Patienten, die als mehr oder weniger „unheilbar“ beurteilt werden, nachdem sie über Jahre viele verschiedene potenzierte Medikamente eingenommen haben. Wichtig ist es hierbei, dass wir nicht automatisch das Mittel verschreiben, das ihnen zuletzt eine Besserung gebracht hat. Bei unheilbaren Fällen ändert sich in der Regel das Symptombild sehr rasch. Es ist ungewöhnlich, wenn ein Mittel zweimal nacheinander angezeigt ist. Die Symptomatik muss daher bei jeder Konsultation sorgfältig neu aufgenommen werden, sodass das Mittel, das der Patient bekommt, dem augenblicklichen Symptombild entspricht. Nehmen wir beispielsweise an, ein unheilbarer Patient litt vor einem Monat beim Husten oder beim Anspannen der Bauchmuskulatur unter Harninkontinenz; jetzt stellt sich heraus, dass eine starke Abneigung gegen Süßigkeiten eingetreten ist. Der Gedanke an Causticum liegt nahe, aber wahrscheinlich ist die Inkontinenz inzwischen schon verschwunden und durch ein anderes Symptom ersetzt worden, das z. B. besser zu GraphitGraphit passt.

Merke

Jede Verordnung muss sich ausschließlich auf das gegenwärtige Symptombild stützen.

Bei unheilbaren Patienten geht es stets darum, das Mittel zu finden, das die Symptome möglichst rasch lindert (palliative TherapieTherapiepalliative). Freilich ist immer damit zu rechnen, dass auf diese Besserung bald ein Rückfall folgt, der höchst wahrscheinlich nach einem neuen Mittel verlangt. Deshalb bestellt man solche Patienten häufig in die Sprechstunde und legt ihnen nahe, sich bei den ersten Anzeichen eines Rückfalls zu melden. Unter diesen Umständen warten wir nicht, bis sich ein klares Symptombild entwickelt hat, denn solche Rückfälle können innerhalb kurzer Zeit sehr bedrohlich werden. Der Patient braucht dann das passende Mittel umgehend, damit die Linderung seiner Symptome aufrechterhalten werden kann. Deshalb sei nochmals ausdrücklich betont, dass nur erfahrene Homöopathen solche Fälle übernehmen sollten. Schon eine einzige fehlerhafte Verordnung kann rasch einen schweren Rückfall hervorrufen, und dann sind klare Zeichen und Symptome für ein angezeigtes Mittel oft nicht mehr erkennbar. Einerseits hat also der Arzt nicht die Zeit, auf ein vollständiges Symptombild zu warten, andererseits besteht auch kein Spielraum mehr für eine falsche Verordnung. In einer solchen Situation hat nur ein sehr guter und erfahrener Homöopath Aussichten, die Behandlung erfolgversprechend durchführen zu können – und selbst er wird Fehlgriffe im Laufe der Behandlung kaum vermeiden können.
Als Reaktion auf ein Mittel entwickeln unheilbare Patienten zwar oft Symptome dieses Mittels, ohne aber danach eine allgemeine Besserung zu verspüren. Solch eine Reaktion ist ein schlechtes Zeichen, und man sollte so bald wie möglich ein neues Mittel verordnen. Bei einem gesunden, konstitutionell starken Menschen kann sich eine derartige „Mittelprüfung“ positiv auswirken: Es folgt darauf eine allgemeine Besserung seines Befindens. Unheilbare Patienten besitzen jedoch ein besonders schwaches Abwehrgefüge, und ein Mittel, das in etwa, aber nicht genau passt, kann es anstatt in heilender, in krankmachender Weise anregen (2.7.3). Wenn das eintritt, muss man noch einmal genau die Symptome überprüfen, die der Patient vor Einnahme des Mittels aufwies. Vielleicht finden wir dann ein anderes Mittel, das besser zu den Symptomen passt und die Ordnung im Organismus wiederherstellt.
Strategie für die Behandlung heilbarer Patienten
Behandlungheilbarer PatientenWenden wir uns nun denjenigen Patienten zu, die noch heilbar sind, obwohl ihre Symptomatik durch ungenau verordnete Mittel durcheinandergebracht worden ist. Auch bei einer ursprünglich sehr ernsten Diagnose gibt es vielleicht Anzeichen für eine ziemlich starke Konstitution. Der Patient mag relativ jung sein, und ein oder zwei Mittel haben ihm früher geholfen. Seit etwa einem Jahr scheint jedoch nichts mehr über längere Zeit zu wirken. In solch einem Fall darf man durchaus noch mit einer Heilung rechnen. Man versucht also, eine Folge von Mitteln zu finden, die nach und nach die Ordnung im Organismus wiederherstellt, d. h. den Patienten schrittweise heilt.
Handelt es sich um einen Patienten, der nicht zu schwer krank ist, räumt man dem Abwehrgefüge am besten eine längere Frist ein, um ein erkennbares Symptommuster hervorbringen zu können. Das kann 3 bis 10 Monate dauern, stellt also für die meisten Patienten angesichts ihres Leidens keinen praktikablen Vorschlag dar. Manche sind freilich bereit, derart lange zu warten, und bei ihnen sollte man diese Möglichkeit in Betracht ziehen.
Falls uns die vollständige ErstanamneseErstanamnese (2.4) – also das Symptombild vor den früheren homöopathischen Behandlungsversuchen – zugänglich ist, studieren wir sie sehr gründlich. Manchmal war schon das erste Mittel falsch gewählt und die Symptomatik dadurch von Anfang an verfälscht. Oder es war vielleicht passend, aber der behandelnde Homöopath war ungeduldig und verordnete weitere Mittel, ohne dem ersten Mittel genügend Zeit zu gewähren, seine Wirkung vollständig zu entfalten. Durch das Studium der allerersten Anamnese erkennt man möglicherweise ein klares Symptombild, aufgrund dessen man dann das Mittel verordnen kann, das den Fall wieder zurechtrückt.
Diese Taktik kann zum Erfolg führen, selbst wenn das angezeigte Mittel gar nicht auf das gegenwärtige Symptombild zu passen scheint. Der Grund ist folgender: Trotz der mehrjährigen Behandlung wurde die erste miasmatische Schicht nie wirklich beseitigt (1.9.3). Die Behandlung hat die Symptome durch eine Reihe nur teilweise passender Mittel laufend verändert, aber der eigentliche Heilungsprozess konnte nie vollständig ablaufen. Daher kann das Mittel, das genau auf das Symptombild passt, auch jetzt noch eine tiefe Wirkung erzielen und die Ordnung im Organismus wiederherstellen, wenn man ihm Zeit dazu lässt. Ein Fall aus der Praxis des Verfassers mag dieses taktische Vorgehen veranschaulichen.

Fallbeispiel

Ein Arzt mit nur wenigen Jahren homöopathischer Erfahrung hatte versucht, ein Kind zu behandeln, das an einer ernsten geistigen Störung litt. Dem kleinen Patienten wurden nach und nach etwa 15 Mittel verabreicht, von denen einige teilweise, andere gar nicht gewirkt hatten. Aus den Unterlagen der Erstanamnese ergab sich der deutliche Hinweis auf Veratrum album.Veratrum album Das Kind hatte diese Arznei als 10. Verordnung zwischen einer ganzen Reihe anderer Mittel erhalten. Aufgrund des ursprünglichen Symptombildes wurde nun Veratrum album C 50 000 (in solchen Fällen sollte man, wenn möglich, hohe Potenzen geben) als einmalige Dosis verabreicht. Den Eltern des Kindes wurde erklärt, dass eine dreimonatige Wartezeit notwendig sei, damit sich die Wirkung des Mittels einwandfrei beurteilen ließe. Nach Ablauf dieser Frist hatte sich deutlich das Symptombild von Acidum nitricumAcidum nitricum entwickelt, und auf die Einnahme dieses Mittels folgte eine dauerhafte Heilung.

In diesem Fall verlangte die ursprüngliche, miasmatische Schicht Veratrum albumVeratrum album. Als das Kind es jedoch zum ersten Mal erhielt, wirkte es zu langsam, als dass der behandelnde Homöopath seine Wirkung erkannt hätte. Deshalb gab er bald darauf ein anderes Mittel, das diese Wirkung wieder unterbrach.

Merke

Wenn man versucht, eine derart durcheinandergebrachte Symptomatik wieder zu ordnen, ist es angebracht, das Mittel zu verabreichen, das dem ursprünglichen Symptombild am genauesten entspricht, und dann lange genug zu warten, bis sich das nächste Bild deutlich entwickelt hat; dies stellt dann die nächste miasmatische Schicht dar.

Falls die Unterlagen der Erstbefragung aus irgendeinem Grunde nicht zugänglich sind, muss man den Patienten bitten, sich so weit wie möglich alle wichtigen Details der damaligen Befragung ins Gedächtnis zurückzurufen. Dazu braucht man sein volles Vertrauen. Man erklärt ihm also, wie wichtig diese Informationen für die weitere Behandlung sind, und bemüht sich, ihm geduldig zuzuhören, wenn er versucht, sich an die früheren Symptome zu erinnern. Jeder Anhaltspunkt muss genutzt werden. Vielleicht bringen sogar allopathische Unterlagen wichtige Hinweise, weshalb sie sorgfältig studiert werden sollten.
Falls die Erstanamnese nicht einzusehen ist, die Symptomatik aber sehr verworren erscheint, versucht man am besten, die Wirkung der früheren Mittel zu antidotieren (2.3.2). Danach lässt man so viel Zeit verstreichen, dass sich das eigentliche Symptombild zeigen kann. Um die früheren Mittel unwirksam zu machen, ist es am einfachsten, dem Patienten drei Monate lang geeignete allopathische Medikamente zur Linderung seiner Symptome zu verschreiben. Diese Medikamente erleichtern zwar einen Teil seiner Beschwerden, üben aber gleichzeitig einen schädigenden Einfluss auf das Abwehrgefüge aus. Nach ihrem Absetzen wartet man noch etwa einen Monat, bevor man das homöopathische Mittel wählt. Die genaue Wartezeit muss den klinischen Umständen entsprechend festgelegt werden:
  • Inwieweit konnte sich die Symptomatik entfalten?

  • Wie ernst ist die Krankheit?

  • Wie sehr leidet der Patient?

Unter günstigen Umständen besitzt das in seinen Funktionen gestörte Abwehrgefüge noch genug Kraft, Zeichen und Symptome des notwendigen Mittels hervorzubringen.
Es gibt auch andere Methoden, einen in Unordnung gebrachten, verworrenen Fall zu antidotieren. Sie erweisen sich aber in der Regel als weniger wirksam. Der Patient kann z. B. dreimal am Tag Kaffee trinken; meiner Erfahrung nach dauert es – je nach konstitutioneller Schwäche und Empfindlichkeit des Patienten – drei bis neun Monate, um die Wirkung von Mitteln dadurch aufzuheben. Wer sehr empfindlich auf Kaffee reagiert oder eine besonders schwache Konstitution besitzt, wird sofort eine Veränderung der Symptomatik bemerken. Da man aber nicht sicher voraussagen kann, wie lange es dauern wird, bis frühere Mittel durch Kaffee aufhören zu wirken, ist diese Methode recht unpraktisch. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass der Patient seinen Körper mit einer stark kampferartigen Substanz einreibt, z. B. mit Vaporub®. Aber auch hierauf sind die Reaktionen unterschiedlich. Wenn es daher notwendig ist, einen in Verwirrung gebrachten Fall zu antidotieren, ist erfahrungsgemäß das Verordnen von allopathischen Medikamenten die sicherste Art und Weise.

Allopathisch geschädigte oder unterdrückte Fälle

Als Homöopath hat man ständig mit Patienten zu tun, die allopathische Medikamente nehmen bzw. vor Beginn der homöopathischen Behandlung genommen haben. Handelt es sich um schwache Medikamente oder werden sie nur gelegentlich eingenommen, kann man sie einfach absetzen und mit der Befragung nach 15 bis 30 Tagen beginnen. Diese Wartezeit reicht für gewöhnlich aus, damit nach Schmerzmitteln für Migräne, Schlaftabletten, Beruhigungsmitteln u. dgl. ein klares Symptombild entstehen kann. Problematisch wird es jedoch, wenn Patienten jahre- oder jahrzehntelang starke Medikamente zu sich genommen haben, z. B. bei chronischem Asthma bronchialeAsthma bronchiale, primär chronischer PolyarthritisPolyarthritis, primär chronische (PCP), EpilepsieEpilepsie, chronischen HerzkrankheitenHerzkrankheitchronische oder schweren Gemütsleiden. Durch die langjährige Einnahme dieser Medikamente wurden die wichtigsten Symptome solcher Kranken weit in tiefere Bereiche des Organismus verdrängt. Das Abwehrgefüge ist in seinem Wirken stark beeinträchtigt.
Patienten, die mit starken Allopathika vorbehandelt wurden
Von den starken Medikamenten scheinen die KortikosteroideKortikosteroide und ACTHACTH (adrenokortikotrope Hormone) dem Abwehrgefüge am meisten zu schaden. Es wird durch die monate- oder jahrelange Behandlung mit diesen Stoffen außerordentlich geschwächt, gleichgültig, ob sie oral genommen oder subkutan, intramuskulär, intraartikulär oder intravenös verabreicht werden. Wie diese Schwächung genau entsteht, ist nicht bekannt, doch dass sie eintritt, wird durch die homöopathische Erfahrung immer wieder bestätigt. Patienten, die diese Medikamente regelmäßig mehrere Jahre genommen haben, können in der Regel nicht mehr geheilt werden. Aufgrund der Kortikosteroide ist es nicht nur schwierig, das passende Mittel zu finden, sie verhindern auch, dass dieses Mittel, wenn es verschrieben wird, seine Wirkung voll entfaltet. Das einzige mögliche Vorgehen ist der Versuch, die Kortikosteroide abzusetzen – eine in den meisten schweren Fällen undurchführbare Maßnahme: Der Entzug dieses Hormons hat seine eigene Charakteristik und bewirkt eine zeitweilige – mitunter lebensbedrohliche – Verschlimmerung der Symptome. Außerdem dauert es danach noch mindestens drei Monate, bis sich ein klares Symptombild entwickelt hat. Aufgrund all dieser Schwierigkeiten erscheint es ratsam, die homöopathische Behandlung derartiger Fälle nur nach Abwägung aller Möglichkeiten zu beginnen.
Auch andere Fälle, in denen Patienten seit Langem mit starken allopathischen MedikamentenMedikamente, allopathische behandelt werden, sollte man im Allgemeinen für eine homöopathische Behandlung ablehnen, und zwar aus den bereits erwähnten Gründen: Es ist außerordentlich schwierig, das homöopathische Mittel zu erkennen, solange allopathische Medikamente eingenommen werden; setzt man sie jedoch ab, kann es durchaus zu lebensbedrohlichen Zuständen kommen. Der Arzt muss also nicht nur hervorragende allgemeinmedizinische Kenntnisse besitzen, er muss sich auch der Wahl und der zeitlichen Abfolge seiner Mittel vollkommen sicher sein. Außerdem beanspruchen solche Patienten tägliche, manchmal sogar stündliche Betreuung. Der zeitliche, Tag und Nacht währende Aufwand ist für den Arzt neben seiner Praxistätigkeit realistischerweise nicht zu erbringen. Oft wird eine – zuweilen langwierige – stationäre Behandlung notwendig, wofür es bislang kaum klinische Möglichkeiten gibt. Außerdem begibt man sich durch die Risiken, die mit dem Absetzen der allopathischen Medikamente im Rahmen der homöopathischen Therapie verbunden sind, vom rechtlichen Standpunkt aus in eine heikle Lage, da es kaum Gutachter gibt, die die Zusammenhänge zutreffend beurteilen können. Natürlich ist es bedauerlich, dass man diesen Kranken die homöopathische Hilfe verweigern muss, denn viele von ihnen hätten Aussicht auf Heilung gehabt, wären sie von Anfang an homöopathisch behandelt worden. Solange es aber weder homöopathische Hochschulen noch genügend Krankenhäuser und konsiliarisch qualifizierte und erfahrene homöopathische Ärzte gibt, sollte man die Betreuung solcher Patienten ablehnen.
Gelegentlich begegnet man jedoch Menschen, die um der homöopathischen Behandlung willen eisern entschlossen sind, alle allopathischen Medikamente abzusetzen. Deshalb ist man trotz aller Schwierigkeiten geneigt, sich auf eine Behandlung einzulassen. Für fortgeschrittene Homöopathen mit langjähriger Erfahrung soll daher versucht werden, aus der Praxis des Verfassers einige grundsätzliche Überlegungen zu dieser schwierigen Situation zu vermitteln.
Bevor man sich auf das Wagnis einer derartigen Behandlung einlässt, muss man sich sowohl als Patient als auch als Homöopath über die möglichen Folgen durchaus im Klaren sein. Allzu leicht kann es passieren, dass man als Kranker in einem Augenblick verzweifelter Hoffnung den Leiden und Risiken einer solchen radikalen Therapie zustimmt. Als Homöopath wiederum erklärt man sich vielleicht zur Behandlung bereit, weil man die Folgen dieses Entschlusses zunächst noch gar nicht übersieht. Nach wochen- oder monatelangen Krisen und schlaflosen Nächten bereut man dann diesen Schritt. Deshalb ist es notwendig, dass Arzt und Patient sich gleichermaßen Zeit nehmen, um die Sache reiflich zu überlegen, sie ggf. mit der Familie des Kranken zu besprechen und erst dann eine endgültige Entscheidung zu treffen.
Vor- und Begleitbehandlung mit Kortikosteroiden
Die meisten Fälle dieser Art betreffen erfahrungsgemäß Patienten, die schon viele Jahre KortikosteroideKortikosteroide nehmen. Wir befassen uns daher mit ihnen stellvertretend für andere, vergleichbare Fälle.
Ermitteln der Symptome
Wenn man diesen Kranken helfen will, darf man keine Mühe scheuen, ihren Fall in seiner ganzen Entwicklung so gründlich und vollständig wie möglich aufzunehmen. Über die Symptomatik vor der Kortisonbehandlung sollte man sich zuerst unterrichten. Der Patient wird sich vielleicht nur schwer daran erinnern, doch ist jede Information, die man in dieser Hinsicht erhält, durchaus wichtig. Außerdem erforscht man die Symptome – vor allem die eigenartigen, die charakteristischen, individualisierenden (2.5) –, die während der Jahre mit Kortisonbehandlung aufgetreten oder trotz der Behandlung beständig vorhanden gewesen sind. Schließlich notiert man den gegenwärtigen Zustand, wobei auch hier die eigenartigen Symptome, die während des gesamten Krankheitsverlaufs sichtbar waren, am wichtigsten sind.
Das mag recht einfach klingen, tatsächlich handelt es sich um einen höchst komplizierten Vorgang. Wenn der Patient allopathische Medikamente zu sich nimmt, sind die Modalitäten vieler Symptome durch die Medikamente selbst und den Zeitpunkt, zu dem sie eingenommen werden, verändert.

Fallbeispiel

Ein Asthmatiker nimmt morgens Kortison und dann bis zum Schlafengehen Theophyllin-Adrenalin-Kombinationen. Wenn er um 4 Uhr nachts mit Atemnot aufwacht: Worum handelt es sich dann? Um ein homöopathisch verwertbares Symptom, das Natrium sulfuricumNatrium sulfuricum erfordert? Oder einfach darum, dass zu diesem Zeitpunkt die Wirkung der allopathischen Medikamente anfängt nachzulassen? Die meisten Symptome sind in dieser Situation vermutlich nicht Manifestationen des Abwehrgefüges, sondern eine Folge der Medikation.

Einschränkung der allopathischen Medikation
Nachdem man die ständig vorhandenen Symptome gesammelt und den Fall gründlich studiert hat, wählt man das Mittel. Ohne die Kortikosteroide zunächst abzusetzen, verabreicht man es wiederholt in niedriger Potenz: z. B. 10 Tage lang dreimal täglich in der C 12 oder als niedrige Q-Potenz. Hat man den Eindruck, dass das Mittel wirkt, schränkt man die allopathische Medikation so rasch wie möglich ein. Wenn es sich tatsächlich um das Simillimum handelt, setzt man sie noch schneller ab, als es die allopathischen Anweisungen empfehlen – allerdings nicht ohne engmaschige medizinische Kontrolle.
Während dieser Phase der Therapie sollte man den Optimismus des Patienten vorsorglich dämpfen. Bei manch einem sind die Arzneimittel vielleicht zum ersten Mal so stark herabgesetzt worden, und so hegt er die Erwartung, bald ganz gesund zu sein. Derartige Hoffnungen sollte man jedoch nicht unterstützen, denn es ist sehr leicht möglich, dass ein Rückfall eintritt und der Patient erneut Kortikosteroide braucht. In diesem Fall sollte man aber den Rückfall nicht als Versagen betrachten, sondern lediglich als Phase in einem Heilungsprozess, der sich über mehrere Jahre erstreckt.
Verschlimmerung durch Entzug der Allopathika
Medikamente, allopathischeEntzugWenn es tatsächlich gelingt, die Kortikosteroide auf Dauer abzusetzen, stellt sich als nächste Aufgabe, mit der Verschlimmerung fertig zu werden, die unweigerlich auf den Medikamentenentzug folgt. Dies ist unter Umständen der schwierigste Behandlungsabschnitt, da es zu folgenschweren Symptomen und Gewebeveränderungen kommen kann. Arzt und Patient sollten sich von vornherein darauf gefasst machen. Womöglich wird es für beide eine sehr leidvolle Zeit. Es kann aber gelingen, sie durchzustehen, wenn sich beide über die Risiken und das, was erreicht werden soll, im Klaren sind. Wie gesagt, darf es nie als ein Versagen betrachtet werden, wenn gelegentlich in schweren Krisen die Einnahme von Kortikosteroiden nicht zu umgehen ist. Doch genau so eisern muss man sich an das Prinzip halten, sie tatsächlich nur als Rettungsanker für den Notfall einzusetzen. Um diese Behandlungsphase erfolgreich durchzuführen, braucht der Therapeut fundierte homöopathische und allopathische Fachkenntnisse. Ebenso müssen der Patient und seine Familie große Leidensbereitschaft und Geduld aufbringen.
Nach Entzug der Kortikosteroide sollte man möglichst nicht ein Mittel nach dem anderen verschreiben – vor allem, wenn sich der Kranke den Umständen entsprechend einigermaßen wohlfühlt. Das Abwehrgefüge braucht Zeit, um in einen verhältnismäßig stabilen Zustand zurückzukehren und ein klares Symptombild hervorzubringen. Danach kann nach den homöopathischen Regeln der Kunst weiterbehandelt werden. Während evtl. auftretender Krisen sind ab diesem Zeitpunkt Kortikoide nur unter höchst lebensbedrohlichen Umständen angezeigt. Der Patient wird, so weit wie möglich, rein homöopathisch behandelt.
Diese Vorschläge lassen sich sinngemäß auch beim Entzug anderer starker Medikamente anwenden.
Strategische Hinweise für häufig eintretende Situationen
Herzkrankheiten
HerzkrankheitHerzpatienten, die allopathische Medikamente einnehmen, stellen ein besonderes Problem dar und setzen beim behandelnden Homöopathen unbedingt allopathische Fachkenntnisse voraus. Jeder Fall bedarf einer individuellen Beurteilung. Im Allgemeinen heißt es, besonders bei älteren Menschen oder Patienten mit nachgewiesener Arteriosklerose auf der Hut zu sein. Bei ihnen sollten Arzneimittel nur langsam und vorsichtig verringert werden – bei gleichzeitiger Verabreichung von ausreichend Vitamin B6, B9 (Folsäure) und B12, um das Immunsystem zu schützen. Bei jüngeren Patienten ist das Absetzen leichter, aber auch dabei ist Vorsicht geboten. Unter gewissen Voraussetzungen sollten manche Medikamente gar nicht abgesetzt werden: Antihypertensiva bei Phäochromozytom, gefäßerweiternde Mittel und B-Vitamine bei nachgewiesener Arteriosklerose, Antiarrhythmica oder Betablocker bei Arrhythmie oder Herzvergrößerung u. dgl. Für diese Entscheidungen braucht der Arzt gesunden Menschenverstand und klinische Erfahrung. Vor allem darf man sich nie allzu große Hoffnungen machen – selbst die besten Praktiker treffen gelegentlich nicht das Simillimum, was beim Versuch, starke allopathische Medikamente abzusetzen, schwerwiegende Folgen haben kann.
Schizophrenie
SchizophreniePatienten mit starken psychotischen oder schizophrenen Störungen, die gewalttätig sind oder zu Selbstmord neigen und schwere Psychopharmaka nehmen, sollte man unter gar keinen Umständen behandeln. Sie sind zu unberechenbar und selbst- bzw. fremdgefährdend, als dass man eine derartige Behandlung wagen könnte. Wenn ein psychopharmakologisches Medikament bei einem solchen Patienten die Symptome bisher erfolgreich unterdrückt hat, kann man es nicht ohne erhebliches Risiko so lange absetzen, bis ein passendes homöopathisches Mittel gefunden ist. Das Absetzen weniger starker Drogen wie Valium® oder Lexotanil® bei Kranken mit leichteren Psychosen oder Neurosen kann und sollte dagegen konsequent erfolgen: Der Patient hört mit der Einnahme auf und erhält, entsprechend der Entwicklung seiner Symptomatik, das erforderliche homöopathische Mittel.
Diabetes mellitus
Diabetes mellitusJugendliche Diabetiker sind sehr schwer zu heilen. Hin und wieder gelingt die Heilung, aber es ist ein langer und mühsamer Weg. Das gespritzte Insulin behindert die Wirkung homöopathischer Mittel nicht und verändert auch nicht die Symptomatik – abgesehen von den hyper- und hypoglykämischen Symptomen.

Merke

Der Patient muss darüber informiert werden, dass sich durch die homöopathische Behandlung sein Insulinbedarf ändern kann, der deshalb engmaschig zu kontrollieren ist. Nimmt er ohne Kontrolle weiter seine gewohnte Dosis ein, besteht das Risiko, dass er eine hypoglykämische Krise erleidet oder ins Koma fällt.

Hauptziel bei der Behandlung von Diabetes mellitus ist nicht in erster Linie ein Verringern oder Absetzen des Insulins. Bedeutender ist der Versuch, die Langzeitfolgen des Diabetes durch die homöopathische Behandlung zu verhindern: Arteriitis, Retinitis und Erblindung, Neuropathien, Nephropathien, Infektionsanfälligkeit usw.
Diabetes mellitus Typ 2, der im Erwachsenenalter begonnen hat (Altersdiabetes), ist völlig anders einzustufen als juveniler Diabetes. Falls noch keine ernsten Komplikationen bestehen, kann er relativ leicht homöopathisch beeinflusst und geheilt werden. Mit der Einnahme von hypoglykämischen Medikamenten kann der Patient in den meisten Fällen ohne Weiteres aufhören. Er erhält dann entsprechende Diätvorschriften und wird nach den üblichen Regeln homöopathisch behandelt.
Epilepsie
EpilepsieEpileptiker, die jahrelang Antikonvulsiva genommen haben, sind außerordentlich schwierig zu behandeln. Häufig kommen diese Patienten zum Homöopathen, wenn die Wirkung ihrer Medikamente spürbar nachzulassen beginnt und die Allopathie ihnen nichts mehr zu bieten hat. Bis dahin aber ist die Symptomatik so weitgehend unterdrückt worden, dass ein Entzug oder auch nur eine Verringerung der Medikamente sehr gefährlich wäre. In einem homöopathischen Krankenhaus könnten solche Patienten unter ständiger Kontrolle behandelt werden und hätten dann nichts zu befürchten. Ihre Medikamente würden allmählich verringert und die Anfälle beobachtet, bis das richtige Mittel gefunden ist. Zurzeit gibt es aber nur wenige solche Krankenhäuser. Deshalb muss der Homöopath die Behandlung von Epileptikern, deren Symptome stark unterdrückt worden sind, in der Regel ablehnen.
Schilddrüsenerkrankungen
SchilddrüsenerkrankungThyroxin ist ein Wirkstoff, der die Wirkung der homöopathischen Mittel nicht unmittelbar beeinflusst. Er verschleiert jedoch die Symptomatik und erschwert die Wahl des richtigen Mittels erheblich. Im Übrigen sollte man hier genauso verfahren wie im Falle der Kortikosteroide. Schafft man es, das homöopathische Mittel zu finden, ist es durchaus möglich, Thyroxin vollständig abzusetzen, sobald der Gesundheitszustand sich insgesamt hinreichend gebessert hat. Handelt es sich aber um die Substitution einer nicht mehr funktionierenden oder nicht mehr vorhandenen Schilddrüse, muss diese natürlich weiter durchgeführt werden.
Fieberhafte chronische Krankheiten
Krankheitfieberhaft chronischeKrankheiten wie BrucelloseBrucellose u. dgl. werden gewöhnlich mit Langzeit-Antibiotika behandelt. Während der Einnahme dieser Antibiotika ist eine homöopathische Behandlung nicht indiziert. Man setzt daher die Medikamente ab und wartet, bis das Symptombild eindeutig erkennbar ist. Das dauert bei fieberhaften Krankheiten in der Regel nicht länger als ein paar Tage. Sobald man das Mittel gefunden hat, verordnet man es und nimmt die Antibiotikabehandlung nicht wieder auf.

Merke

Eine Grundregel sollte man ohne jede Ausnahme strikt beachten: Solange sich der Patient unter irgendeiner Therapie wirklich wohlfühlt (gleichgültig, um welche es sich handelt), sollte man sie auf keinen Fall zugunsten einer homöopathischen Behandlung aufgeben. Wenn er sich hingegen trotz der Einnahme seiner Medikamente nicht wohlfühlt, dann richte man sich nach oben dargestellten Strategien.

Patienten im Endstadium

KrankheitEndstadiumNicht selten wird man als Homöopath zu einem Kranken gerufen, mit dem es zu Ende geht und der wahrscheinlich in wenigen Tagen oder Wochen sterben wird. Krebspatienten erhalten üblicherweise Zytostatika. Dann kann auch die Homöopathie nicht mehr helfen. Es gibt aber Patienten, die solche Medikamente nicht einnehmen – sei es, dass die Allopathie keine wirksame Behandlung für ihr Leiden kennt, sei es, dass sie der Schulmedizin nicht vertrauen. Solche Fälle lassen sich – unter Berücksichtigung etwaiger rechtlicher Einschränkungen – homöopathisch behandeln. Allerdings ist nur noch eine Linderung ihres Zustands möglich (palliative Therapie).
Der Leser stellt sich eine lediglich palliative homöopathische Therapie wahrscheinlich einigermaßen einfach vor. Tatsächlich bedeutet sie für den homöopathischen Arzt – vor allem, wenn es sich um sterbenskranke Patienten handelt – eine echte Herausforderung. Alle Schwierigkeiten, die wir schon im Zusammenhang mit unheilbaren Patienten besprochen haben (3.1.5, 3.2.1), sind auch hier zu beachten. Der Kranke muss täglich betreut werden. Er braucht oft und immer wieder neue Mittel, deren Einnahmezeitpunkt so abgepasst werden muss, dass es nicht zu schweren Rückfällen kommt. Jedes Mittel muss stimmen, denn die Symptomatik wird sonst leicht derartig verfälscht, dass auch eine Linderung nicht mehr möglich ist.
Seltsamerweise sind in diesen Fällen oft ungewöhnliche Mittel angezeigt: Aurum muriaticumAurummuriaticum, EuphorbiumEuphorbium, TelluriumTellurium u. Ä. Der Grund dafür liegt noch im Unklaren. Selbstverständlich verschreibt man dem Patienten auch SulfurSulfur oder andere Polychreste, wenn es die Symptomatik verlangt. Doch nach der Erfahrung des Verfassers brauchen Schwerkranke, die dem Tode nahe sind, „kleine“ Mittel, die der unerfahrene Homöopath normalerweise gar nicht kennt. Aus diesem Grund, aber auch wegen eventueller rechtlicher Schwierigkeiten, sollte man zurückhaltend sein mit der Behandlung solcher Fälle.
Wer dennoch versucht, diesen Menschen zu helfen, sollte zufrieden sein, wenn er ihr Leiden verringern kann. Völlige Schmerzfreiheit ist oft nicht zu erzielen, die schlimmsten Symptome lassen sich jedoch lindern. Wer zu viel erreichen will, läuft Gefahr, ein falsches Mittel zu geben und dadurch einen Rückfall auszulösen. Dieser Rückfall kann dann leicht den Zustand bis zu dem Grad verschlimmern, wie er ohne homöopathische Behandlung eingetreten wäre.
Es ist eine unter Homöopathen allgemein vertretene Ansicht, lindernde Mittel würden die letzten Tage eines im Sterben liegenden Patienten verkürzen. Diese Auffassung wird jedoch durch die Erfahrungen des Verfassers keineswegs erhärtet.

Fallbeispiel

In den ersten Jahren meiner Praxis hatte ich eine Patientin, die an Brustkrebs litt, der Metastasen im lumbosakralen Abschnitt der Wirbelsäule, in den Beckenknochen und den Rippen gebildet hatte. Tag und Nacht schrie sie vor Schmerzen, und jeder glaubte, dass sie höchstens noch ein paar Tage zu leben hätte. Kein Krankenhaus wollte sie aufnehmen, ihr Fall schien aussichtslos; man hielt es für das Beste, sie zu Hause sterben zu lassen. In dieser Situation bat mich ihre Familie, sie zu behandeln. Ich erklärte, die homöopathischen Mittel könnten – meiner damaligen Meinung nach – wohl schmerzlindernd wirken, gleichzeitig aber die Lebensspanne der Patientin verkürzen. Die Verwandten waren einverstanden, und ich begann mit der Behandlung. Zu meiner Überraschung besserten die Mittel nicht nur die schrecklichen Schmerzen, sondern die Patientin lebte daraufhin noch volle eineinhalb Jahre! Sie war zwar schwach und konnte nicht viel mehr als fernsehen, aber sie hatte zumindest nicht schwer zu leiden und blieb geistig rege.

Dieser Fall verdeutlicht auch den Grundsatz, dass man sich mit dem Fortbestand kleinerer Beschwerden abfinden sollte: Die Frau hatten Schmerzen in den Waden, die durch die Mittel nicht beeinflusst wurden. Ein allopathischer Arzt meinte, es handele sich lediglich um rheumatische Beschwerden, die man durch Verabreichen von Vitaminen beseitigen könne. Folgerichtig bekam sie hohe Vitamindosen. Drei Tage später erlitt sie einen vollständigen Rückfall, der sich durch homöopathische Mittel nicht mehr beeinflussen ließ. Rasch wurde sie ins Krankenhaus gebracht, erhielt allopathische Medikamente, vegetierte nur mehr vor sich hin und starb innerhalb von 10 Tagen.
Auch der folgende eindrucksvolle Fall straft die Vorstellung Lügen, zur Linderung eingesetzte homöopathische Mittel würden das Leben des Patienten zwangsläufig verkürzen.

Fallbeispiel

Ein 74-jähriger Mann litt an fortgeschrittenem Lungenkrebs, der an verschiedenen Stellen Metastasen gesetzt hatte. Laut allopathischer Prognose sollte der Patient in wenigen Wochen sterben. Er bekam nun homöopathische Mittel zur Linderung. Wieder war das Resultat erstaunlich: Drei Jahre lang lebte der Mann noch praktisch schmerzfrei, und er war kräftig genug, um in seinem Garten zu arbeiten. Dann starb er an einer plötzlichen schweren Lungenblutung. Dass er „geheilt“ war, kann man nicht behaupten. Dennoch ging es ihm über lange Zeit sehr viel besser, und er konnte sich wider Erwarten noch einiger nutzbringender Jahre seines Lebens erfreuen.

Vom Sinn bewussten Sterbens

Das Ereignis des Todes ist für den Menschen ein entscheidender Wendepunkt, der, wie jede Lebenskrise, zur Entwicklung seines Bewusstseins entscheidend beitragen kann. Die Homöopathie spielt dabei insofern eine wichtige Rolle, als sie dem Patienten helfen kann, diesen Übergang bewusst zu beschreiten. Für jeden Menschen sollte die Voraussetzung geschaffen werden, bei möglichst klarem Bewusstsein und möglichst unbeeinträchtigt von Schmerzen zu sterben.
Niemand wird bestreiten, dass man versuchen sollte, das Leiden eines Sterbenden zu verringern. Doch dass es ebenso wichtig ist, ihm zu einem klaren Bewusstsein zu verhelfen, darüber hat man sich bisher kaum Gedanken gemacht. Allzu oft lässt man Sterbende in Krankenhäusern, fernab vom Beistand und der Liebe ihrer Verwandten und Freunde, unter der Einwirkung starker Medikamente dahinvegetieren. Ärzte und Angehörige rechtfertigen diese Haltung damit, dass man für den Kranken ja doch nichts weiter tun könne. Weil man sich aber verpflichtet fühlt, seine Qualen zu lindern, hält man es für das Beste, ihn zu betäuben.
Im Verlauf dieses Buches dürfte deutlich geworden sein, dass wir das menschliche Dasein nicht als blinden kosmischen Zufall betrachten. Vielmehr hat es einen tieferen Sinn, der sich nicht im materiellen Bereich erschöpft. Der Mensch ist zu bewusster geistiger Selbstgestaltung berufen (1.2.1). Dazu gehört, dass er die Erfahrungen seines Lebens reflektiert und im Licht der Wahrheit und Liebe sehen lernt.
So, wie sich das Leben aus ständig neuen Situationen und Aufgaben zusammensetzt, so kann auch unser Erdendasein selbst als vorübergehende Phase in einem umfassenderen sinnvollen Plan betrachtet werden. Jeden Tag bieten sich uns Gelegenheiten, so unbedeutend und flüchtig sie auch erscheinen mögen, uns in der Liebe zu üben und an Weisheit zu wachsen. Eine besondere Chance zu echtem Wachstum sind schwere Krisen und Leiden, wie sie im Laufe wohl jedes Menschenlebens auftreten. Die meisten von uns nehmen die Möglichkeit zu reifer Lebensgestaltung allerdings kaum wahr. Gewöhnlich stellen wir uns unserer hohen Berufung gegenüber taub, jagen vergänglichen Pseudowerten nach und verdrängen oder rechtfertigen unsere Schwäche, bis wir in eine Sackgasse geraten und zur Einsicht gezwungen werden. Solange wir das Gefühl haben: „Es geht auch so“, sind wir selten bereit, uns unsere Schwächen einzugestehen.
Die entscheidende Konfrontation mit der Wahrheit findet für die meisten Menschen angesichts des Todes statt. Der Sterbende steht an einem Wendepunkt. Dieser Abschnitt seiner Existenz geht zu Ende. Unweigerlich wird er Einkehr halten und sich über die Ereignisse und den Sinn seines Lebens Gedanken machen. Jetzt, da ihm unmittelbar und unentrinnbar der Tod bevorsteht, sieht er seine Vergangenheit in einem neuen Licht. Der Sterbende wird vielleicht von einem Gefühl tiefer Betroffenheit und Trauer erfasst, bis er bereit ist, der Wahrheit ins Auge zu blicken und die innere Befreiung durch Schuldbekenntnis und Reue anzunehmen. Sobald dies geschieht, fühlt er sich gewappnet, dem Tode versöhnt und gelassen gegenüberzutreten.
Ein ähnlicher Prozess kann sich auch während anderer großer Krisen unseres Lebens vollziehen, doch in der Regel wird er vor dem Tod erfahren. Es ist dies womöglich der wichtigste Augenblick im Leben eines Menschen – wichtiger noch als der Tod selbst. Die spontane innere Umkehr jedoch, die in diesem Moment stattfinden kann, setzt voraus, dass der Sterbende bei klarem Bewusstsein ist. Vielen Menschen wird diese Möglichkeit verwehrt, indem man sie mit Narkotika und Sedativa betäubt. Die unterdrückenden Maßnahmen, die man heute anwendet, sind derart tief greifend, dass die Patienten in Senilität, Verblödung und oft sogar im Koma enden. Diese gedankenlose, unmenschliche Behandlung im Namen der Wissenschaft begründet man mit der Beteuerung: „Wir haben getan, was wir konnten.“ Dem Patienten aber hat man das wichtigste Ereignis seines Lebens vorenthalten.
Während der Jahre vor dieser letzten, entscheidenden Lebenskrise dient die Homöopathie dazu, den Menschen gesund zu machen, damit er sich möglichst ungehindert gemäß seiner Berufung entwickeln und wandeln kann. Wenn aber der Tod naht, hat sie eine andere Aufgabe: Anstatt zu heilen, soll sie dem Sterbenden helfen, seine letzten Stunden bei klarem Bewusstsein und unter minimalen Beschwerden zu durchleben. Auf diese Weise erleichtert sie es ihm, angemessen und furchtlos dem Tode zu begegnen.

Sozioökonomische und politische Folgerungen

Wenn der Welt eine neue Idee geschenkt wird, darf man nicht erwarten, dass die Gesellschaft sie ohne Weiteres akzeptiert. Neue Erkenntnisse stellen immer zugleich auch eine Herausforderung an traditionelle Denkweisen und Strukturen dar. Aus diesem Grund setzen sie sich nur langsam und unter Schwierigkeiten durch. Dennoch – eine wesentliche Erkenntnis, die auf Wahrheit beruht, kann allen Hindernissen zum Trotz nicht vollständig verschwiegen werden. Das ist die Lage, in der sich die Homöopathie gegenwärtig befindet.
Mit der Homöopathie besitzen wir eine Therapie, die für die Zukunft der Menschheit von grundlegender Bedeutung sein kann. Nicht nur handelt es sich um eine Behandlungsweise, die chronische Krankheiten zu heilen vermag; sie ist gleichzeitig auch eine Methode, um das Abwehrgefüge zu stärken und die Konstitution kranker Menschen insgesamt ins Gleichgewicht zu bringen. Indem sie die Empfindlichkeit für störende Einflüsse vermindert, bewirkt sie bei den Behandelten in zunehmendem Maße innere Stabilität, Produktivität und Kreativität. Diese Tatsache allein hätte im Falle ihrer praktischen Verwirklichung für die Gesellschaft erhebliche Konsequenzen.
Stellen wir uns eine Zukunft vor, in der die Homöopathie eine der Hauptbehandlungsweisen darstellt und in der jedem Kranken qualifizierte Homöopathen zur Verfügung stünden. Die positiven Auswirkungen wären offensichtlich: Je mehr Menschen homöopathisch behandelt würden, desto weniger Leistungsabfall gäbe es an ihren Arbeitsplätzen. Das unsoziale Verhalten, an dem die heutige Gesellschaft krankt, würde abnehmen. Die Neigung, dem Leiden für kurze Zeit durch Drogen zu entgehen, ließe nach, und die Menschen wären aus der Fülle ihrer Lebensfreude heraus eher geneigt, einander zu helfen und zu erfreuen, Spannungen und Konflikte wären seltener und würden leichter friedlich geregelt.
Eine solche Vision erscheint utopisch. Niemand wird glauben, dass eine bloße Therapie derartige Auswirkungen haben könnte. Doch diese Skepsis hängt mit der begrenzten Sichtweise zusammen, die für die gängigen Behandlungsweisen allgemein üblich ist. Die Homöopathie hingegen sieht im Menschen von jeher die Person, eine komplexe Ganzheit geistigen, emotionalen und physischen Seins (1.4). Indem sie das Wohlbefinden auf allen drei Ebenen fördert, erhöht sie die Wahrscheinlichkeit konstruktiver, sinnvoller Daseinsgestaltung. Homöopathische Ärzte und ihre Patienten machen diese Erfahrung täglich. Für sie klingen die oben beschriebenen Erwartungen nicht weit hergeholt, sondern vernünftig und realisierbar – natürlich unter der Voraussetzung, dass ein entsprechend hohes Niveau der klassischen Homöopathie verbreitet und anerkannt ist.
Zugegeben, es handelt sich um hohe Erwartungen, und ihrer Verwirklichung stehen massive Interessen anderer Gruppen entgegen. Die heutige medizinische und pharmazeutische Industrie gehört zu den gewaltigsten Monopolen der Welt, wenn man an die vielen organisierten Ärzte, Praktiker, Krankenhäuser, Arzneimittelhersteller und alle zugehörigen Hilfsindustrien denkt. Der personelle, technische und finanzielle Aufwand zugunsten der allopathischen Perspektive ist enorm. Wir können weder erwarten noch dafür sorgen, dass dieser Zustand sich über Nacht ändert. Der bestehende mächtige Apparat, der ja nicht zuletzt der Selbsterhaltung dient, wird kaum bereit sein, ein naturgesetzliches System wie die Homöopathie, das völlig anders – eine echte Alternative zur Universitätsmedizin – ist, anzuerkennen. Jeder Wandel zu einem dem Menschen nach seinem Schöpfungspotenzial gemäßen Sein wird unweigerlich langsam und mühselig vonstatten gehen.
Doch die Gesellschaft selbst ist bereits in einem Umdenken begriffen, das Änderung oder Untergang erwarten lässt: Mehr und mehr Menschen verlieren ihre Illusionen, weil sie begreifen, dass die moderne Allopathie vor den chronischen Krankheiten versagt. Die Voraussetzungen, von denen die Schulmedizin ausgeht, werden diskutiert und infrage gestellt. Man hat begonnen, die verschiedensten alternativen Therapien auszuprobieren. Wenn der Öffentlichkeit angesichts einer solchen Stimmung bewusst wird, dass die Homöopathie eine systematische Wissenschaft von umfassender Wirkung ist, deren Prinzipien auf zeitlosen Naturgesetzen beruhen, dann kann es eine kraftvolle Welle der Unterstützung geben.
Die weltweite Ausbreitung der Homöopathie kann aus den oben genannten Gründen nur in kleinen Schritten vor sich gehen. Es gibt eine detaillierte Strategie, wie man der Homöopathie zu allgemeinem Ansehen verhelfen könnte. Wir wollen an dieser Stelle versuchen, die einzelnen Etappen kurz zu skizzieren.
Als Erstes muss gewährleistet sein, dass die Homöotherapie streng gemäß den klassischen Anforderungen praktiziert wird. Nur dann können ihre Resultate einer eingehenden Prüfung unterzogen werden. Voraussetzung dafür ist die Ausbildung von Lehrern, die diesen strengen Maßstäben genügen. Solche Lehrer können durch den Einsatz und die finanzielle Unterstützung einer interessierten Öffentlichkeit Institute zur ganztätigen Ausbildung homöopathischer Praktiker einrichten. Die klinischen Erfolge könnten dann vermutlich den zu erwartenden rechtlichen und politischen Widerstand gegenüber dem Aufkommen eines neuen Berufsstandes überwinden. Die klassisch-homöopathische Ausbildung würde offizielle Anerkennung erlangen, sodass jedermann in der Lage ist, einen qualifizierten Homöopathen von einem unqualifizierten zu unterscheiden. Sind die Ausbildungsstätten erst eingerichtet und die Homöopathen in ihrem Wirkungsbereich bekannt, können klinische Untersuchungen durchgeführt werden, um der Öffentlichkeit die Erfolge der homöopathischen Behandlung überzeugend zu demonstrieren. Vertreter der Schulmedizin werden offiziell eingeladen, um die Wirksamkeit beider Methoden zu vergleichen. Gleichzeitig sollten Physiker weiter untersuchen, welche dynamischen Prozesse sich bei der Wirkung homöopathischer Arzneimittel abspielen. Sind die Erfolge gut ausgebildeter Homöopathen erst allgemein nachgewiesen und anerkannt, können sowohl Fachbücher als auch laienverständliche Bücher und Artikel die Öffentlichkeit über die Gesetze und Prinzipien informieren, die tatsächlich für Gesundheit und Krankheit verantwortlich sind.
Auf diese Weise mag es recht lange dauern, bis die Homöopathie schließlich generelle Anerkennung genießt. Dabei wären die finanziellen Auswirkungen, die ein solcher Wandel mit sich brächte, auch gesellschaftspolitisch interessant: Obgleich der beträchtliche Zeitaufwand, den die homöopathische Behandlung erfordert, gut bezahlt wird, würden sich die Gesamtkosten für die Gesundheit des Einzelnen drastisch verringern. Staat und Gesellschaft bräuchten nicht länger die Unkosten für ständigen Verbrauch palliativer Medikamente und periodische Krankenhausaufenthalte zu tragen. Sie hätten lediglich für eine verhältnismäßig preiswerte homöopathische Therapie aufzukommen, die sich als Intensivbehandlung in den meisten Fällen auf Monate oder höchstens wenige Jahre bei relativ bescheidenem Aufwand an Behandlungszeit und Material beschränkt. Danach wären Konsultationen nur selten nötig, der Kostenaufwand also äußerst gering, verglichen mit den permanenten hohen Ausgaben, die das allopathische „Gesundheitswesen“ erfordert.
Die Arzneimittelindustrie müsste natürlich einen drastischen Strukturwandel hinnehmen. Wahrscheinlich würde sie auf einen Bruchteil ihres gegenwärtigen Umfangs schrumpfen. Auch die Belastung der Krankenhäuser würde sich enorm verringern, sodass dort ebenfalls eine Kostensenkung möglich wäre (anstelle des gegenwärtigen unkontrollierten Kostenanstiegs). Zu guter Letzt wäre der gesamte Ausbildungsrahmen für Ärzte schließlich ein ganz anderer: Man würde sich nicht mehr vorwiegend mit bestimmten „Krankheiten“ beschäftigen, sondern diese im großen Zusammenhang der natürlichen Heilvorgänge studieren. Bei alledem würden die echten Errungenschaften der Universitätsmedizin selbstverständlich nicht verloren gehen. Spezialgebiete wie Notfallmedizin, Chirurgie, Orthopädie und Geburtshilfe werden immer notwendig bleiben, ebenso wie ein gewisses Maß an palliativer allopathischer Behandlung. Doch die Ausrichtung der Medizin insgesamt würde eine Neuorientierung erfahren.
Wenn auch die gegenwärtige Verbreitung der Homöopathie sich (vorerst nur sehr) allmählich vollzieht, so dürfte ihr doch die Zukunft gehören. Je eher die Öffentlichkeit dieses großartige Heilverfahren verstehen und anerkennen wird, desto schneller wird es sich durchsetzen, sofern es in unserer rasch degenerierenden Welt noch zum Zuge kommen kann.

Bibliografie Kapitel 3

Hahnemann, 1921

S. Hahnemann Organon der Heilkunst v. Haehl R. Schwabe Nach der handschriftlichen Neubearbeitung Hahnemanns für die 6. Aufl. 1921 Leipzig

Hahnemann, 1999

S. Hahnemann Organon der Heilkunst J.M. v. Schmidt Standardausgabe der 6. Aufl. 1999 Haug Heidelberg

Kent, 1973

J.T. Kent Lectures on Homoeopathic Philosophy, nach der Übersetzung von Jost Künzli von Fimelsberg, Grundlagen und Praxis Leer 1973

Kent, 1996

J.T. Kent Prinzipien der Homöopathie, übers. von Tiedeman M. Barthel & Barthel Schäftlarn 1996

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