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B978-3-437-42502-8.00226-6

10.1016/B978-3-437-42502-8.00226-6

978-3-437-42502-8

Reizdarmsyndrom

J. Keller

F. Bertram

P. Layer

Zur Orientierung

Das Reizdarmsyndrom (RDS) Reizdarmsyndromist die wichtigste funktionelle gastrointestinale Erkrankung und als variabler Symptomkomplex aus abdominalen Schmerzen, Blähungen und Stuhlgangveränderungen definiert. Die Diagnose erfordert zusätzlich das Fehlen von Alarmzeichen und den Ausschluss relevanter Differenzialdiagnosen, unter anderem durch eine unauffällige Ileokoloskopie. Die Pathogenese ist unzureichend geklärt; insbesondere beim postinfektiösen RDS finden sich aber Veränderungen des intestinalen Mikrobioms, Störungen der mukosalen Barriere, geringgradige mukosale Inflammation und Alteration neuronaler intestinaler Strukturen und Funktionen. Diese können Störungen von Motilität, Sekretion und Perzeption als Ursache von Symptomen erklären, deren Ausprägung zusätzlich von psychosozialen Faktoren beeinflusst wird. Derzeit gibt es keine kausale Therapie, die Behandlung erfolgt probatorisch und symptomorientiert.

Einteilung/Formen

Anhand von Symptomclustern wird das RDS klassifiziert und therapiert: DerDiarrhötyp, ReizdarmsyndromObstiptionstyp, ReizdarmsyndromSchmerztyp, ReizdarmsyndromBlähtyp, Reizdarmsyndrom Diarrhötyp zeichnet sich durch breiige bis wässrige Stühle aus, oft besteht ein imperativer oder früh-postprandialer Stuhldrang. Der Obstipationstyp hat nur zum Teil eine reduzierte Stuhlfrequenz, oft erfolgen am Tag mehrere, aber mühsame und unvollständige Stuhlentleerungen mit zunächst hartem, dann zunehmend weichem Stuhl. Der Schmerztyp klagt über oft schwer lokalisierbare und teils krampfartige abdominale Schmerzen. Typischerweise bessern sich bei allen Formen einschließlich Blähtyp die Symptome nach dem Stuhlgang und werden durch Nahrungsaufnahme induziert oder verschlimmert.

Therapie

Eine kausale Therapie des Reizdarmsyndroms gibt es nicht; eine gute Arzt-Patienten-Beziehung mit Vermittlung eines Krankheitskonzeptes und eine offene Kommunikation bezüglich des probatorischen Charakters der Behandlung sind unerlässlich. Jeder Patient sollte zunächst zu einem „gesunden Lebensstil“ einschließlich ausreichender Bewegung und gesunder Ernährung mit Meidung individueller Triggerfaktoren (Nahrungsmittel, Stress) ermutigt werden .
Ergibt sich nach diesen Basismaßnahmen keine zufriedenstellende Besserung der Symptome, kann medikamentös behandelt werden . Trotz teils guter Studienlage sind allerdings nicht alle bei RDS wirksamen Medikamente in Deutschland erhältlich bzw. in dieser Indikation zugelassen. Bei Obstipation Obstipationkönnen lösliche Laxanzien (Flohsamenschalen) helfen, faserhaltige nicht, die meist sogar zu verstärkten Beschwerden führen. Sonst sollten zunächst Laxanzien, z. B. Makrogole, eingesetzt werden, in ausgewählten Fällen der 5-HT4-Rezeptoragonist Prucaloprid oder der Guanylatcyclase-C-Aktivator Linaclotid (zugelassen, aber nur über die Internationale Apotheke verfügbar). Bei Diarrhö Diarrhöist eine sorgfältige Differenzialdiagnostik essenziell, weil sich in der Mehrzahl der Fälle andere, kausal behandelbare Ursachen finden. Falls nicht, kann Loperamid zur Hemmung der Motilität oder Colestyramin als Gallensäurebinder gegeben werden. Von den in Studien hocheffektiven 5-HT3-Antagonisten ist Ondansetron in Deutschland erhältlich und in anderweitig therapierefraktären Fällen einsetzbar (off-label). Bei Schmerzen helfen Spasmolytika wie Mebeverin, Pfefferminzöl oder Butylscopolamin. Gegen Blähungen kBlähungenönnen Entschäumer eingesetzt werden und in therapierefraktären Fällen das topische Antibiotikum Rifaximin (off-label). Probiotika und Phytotherapeutika werden oft von den Patienten eigenständig eingenommen und sind eine Option bei sämtlichen RDS-Formen, ohne dass das individuelle Ansprechen auf ein bestimmtes Präparat vorhergesagt werden kann . Stuhlregulierung kann Schmerzen und Blähungen durch indirekte Effekte lindern , .
Teilweise können auch durch diätetische Therapie sehr gute Erfolge erzielt werden . Manche Patienten profitieren von glutenfreier Kost, auch wenn keine Sprue vorliegt (Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität). Die Reduktion osmotisch aktiver, fermentierbarer Saccharide im Rahmen einer sog. low-FODMAP-Diät kann bei vielen Patienten die Symptome lindern. Eingreifende Diäten sollten zeitlich begrenzt und unter professioneller Anleitung erfolgen. Sie können frühzeitig sinnvoll sein , sofern sich im Rahmen von Anamnese und Diagnostik entsprechende Hinweise ergeben.
Psychologische Betreuung und/oder die Gabe von Antidepressiva ist bei psychischer Komorbidität primär sinnvoll und sollte auch mit langfristig therapierefraktären Patienten besprochen werden . Antidepressiva werden hierbei niedrigdosiert appliziert und nach dem Nebenwirkungsprofil ausgewählt.

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