© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-42502-8.00241-2

10.1016/B978-3-437-42502-8.00241-2

978-3-437-42502-8

Urolithiasis

S. Merseburger

T.R.W. Herrmann

Zur Orientierung

In westlichen Ländern ist die UrolithiasisUrolithiasis eine Volkskrankheit, definiert durch jede Art von Konkrementen im Urogenitaltrakt. Nach Definition ist die Urolithiasis jedoch ein multifaktoriell ausgelöstes Syndrom und keine Erkrankung. Einige Erkrankungen wie Hyperoxalurie (Oxalatausscheidung > 1,5–3,0 mmol/d), Hyperkalzurie (Kalziumausscheidung > 4 mg/kg KG/d), Morbus Crohn, renale tubuläre Azidose, Kurzdarmsyndrom, Hyperthyreose, Sarkoidose oder Gicht können zur Urolithiasis führen.

Das Leitsymptom sind Schmerzen bis hin zu vernichtenden KolikschmerzenKolikschmerzenUroolithiasis in der Nierengegend.

Die Diagnose wird durch Ultraschall, Röntgen, CT und Inspektion mit Hilfe der Endoskopie gestellt.

Formen

Folgende Gruppen von Steinarten können auftreten:
  • Kalziumoxalatsteine (75 %): KalziumoxalatsteineKalziumoxalat-Monohydrat (Whewellit) und -Dihydrat (Weddellit)

  • Harnsäuresteine (10–15 %) Harnsäuresteine Infektsteine Zystinsteine Xanthinsteine

  • Infektsteine: Struvit, Ammoniumurat, Karbonatapatit

  • Zystinsteine: bei autosomal-rezessiv vererbbarer tubulärer Transportstörung (lebenslange Nachsorge notwendig!)

  • Xanthinsteine: Rarität, autosomal-rezessiv vererbbare Defekt der Xanthinoxidase (Familienanamnese!).

Je nach Lokalisation der Steine unterscheidet man NierenbeckensteineNierenbeckensteine (Nephrolithiasis) Nephrolithiasisund HarnleitersteineHarnleitersteine (Ureterolithiasis).Ureterolithiasis

Therapie

Ziel in der Therapie ist die Steinfreiheit und möglichst lange rezidivfreie Zeit nach der Behandlung.
Primärtherapie bei einer Harnleiterkolik sollte in der Schmerzbekämpfung mit gleichzeitiger Spasmolyse (Diclofenac, Butylscopolamin, Metamizol) zur Erleichterung eines spontanen Steinabgangs bestehen.
Konkremente < 4 mm (insbesondere bei Lage im oberen Kelchsystem und im distalen Harnleiter) werden meist spontan ausgeschieden und bedürfen daher keiner Therapie; ggf. kann der Steinabgang medikamentös gefördert werden (Chemolitholyse) .
Bei Konkrementen > 4 mm ist grundsätzlich eine interventionelle Therapie je nach Lage und Größe des Konkrements zu empfehlen, da es im Verlauf zu Größenzunahme und Komplikationen (s. u.) kommen kann.
  • Für eine Nephrolithiasis ist die Lage im Kelchsystem entscheidend. Vor allem die untere Kelchgruppe zeigt anatomisch bedingt ein schlechtes Ansprechen auf nichtinvasive Therapien (ESWL). Für Steine der mittleren und oberen Kelchgruppen sowie des Nierenbeckens kommen je nach Steingröße sowohl invasive als auch nichtinvasive Verfahren zum Einsatz.

  • Für den Harnleiter ist die Höhe der Steinlage sowie die Größe entscheidend . Entsprechend dieser Kriterien kommt auch hier ein fein ausdifferenziertes Schema zum Einsatz.

Zur interventionellen Therapie der Urolithiasis gehören:
  • ESWL (= extrakorporale Stoßwellentherapie): Zertrümmerung der Konkremente durch von außen am Körper wirkende Stoßwellen

  • URS (= semiregide oder flexible ureterrenoskopische Lithotripsie und Konkrementextraktion): endoskopische Steinentfernung mittels Körbchen, Zangen und Zertrümmerungsinstrumenten (Laser)

  • PNL (= perkutane Nephrolithotripsie): Nierenbecken- oder Kelchpunktion mit Steinentfernung.

  • Chemolitholyse: medikamentöse Steinauflösung, z. B. bei Harnsäuresteinen.

Die allgemeine Rezidivprophylaxe zielt darauf ab, die Flüssigkeitsausscheidung zu steigern und somit lithogene Substanzen im Urin zu reduzieren. Dies kann u. a. erreicht werden durch Steigerung der Trinkmenge, Urin-Alkalisierung oder je nach Äthiologie Ansäuerung, Vermeiden von Kaffee, schwarzem Tee und Alkohol, Stuhlregulierung, Vermeiden von tierischen Eiweißen. Auch regelmäßige Steinkontrollen sollten erfolgen.

Wichtige Evidenzen und Empfehlungen bei Urolithiasis

Evidenzgrad Empfehlungsstärke
Medikamentöse Alphablockertherapie (medikamentöse expulsive Therapie, MET) kann die Steinausscheidungsrate erhöhen und den Steinabgang beschleunigen. I B
Der Ultraschall soll die bildgebende Diagnostik der ersten Wahl sowohl in der Akutsituation als auch in der allgemeinen Diagnostik und Nachsorge sein. II C
Bei medikamentös nicht beherrschbaren Koliken, hochgradiger Obstruktion mit konsekutiver Harnstauungsniere und/oder steigenden Retentionswerten (postrenales Nierenversagen) oder infizierter Harnstauungsniere besteht die Indikation zur Harnableitung. I B
Vor aktiver Steintherapie soll eine akute Harnwegsinfektion ausgeschlossen oder eine resistenzgerechte Antibiotikatherapie eingeleitet sein. III

Komplikationen

Die wichtigsten Komplikationen sind NierenkolikenNierenkolikUrolithiasisHarnleiterkolikenUrolithiasis, Schmerzen, rezidivierende Infektionen, postrenales Nierenversagen und Urosepsis.
Obstruktive Nieren- und Harnleiterkoliken sollten bei ausbleibender Schmerzfreiheit (im Extremfall: Status colicus) mittels sofortiger Harnleiterschienung und Spasmoanalgesie (z. B. Butylscopolamin und Metamizol i. v.) therapiert werden. Bei unbehandeltem Krankheitsprogress kann es andernfalls zum postrenalen NierenversagenpostrenalesSepsisUrolithiasisNierenversagen und/oder intensivpflichtigen septischen Krankheitsbild kommen. Die notfallmäßige Behandlung besteht primär in einer sofortigen möglichst Niederdruck-Harnableitung (Harnleiterschiene, Nierenfistel, Dauerkatheter) und testgerechter Antibiose.
Durch eine vollständige Konkrementsanierung des Harntraktes lassen sich nach antibiotischer Therapie rezidivierende Infektionen meist erfolgreich behandeln.

Ökonomische Aspekte

Die Urolithiasis ist in den entwickelten Ländern ein Volksleiden und korreliert mit Adipositas und dem metabolischen Syndrom. Präventive Maßnahmen, sportliche Betätigung sowie ausreichend hohe Trinkmengen (ca. 2 Liter/Tag) sind anzuraten.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen