© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-41654-5.00005-0

10.1016/B978-3-437-41654-5.00005-0

978-3-437-41654-5

Abb. 5.1

[P048/L106]

Teufelskreis aus Malnutrition und Funktionalitätsverlust

Abb. 5.2

[E118, L106]

Zugangswege in das Geriatrische Zentrum (Abb. 5.3)

Abb. 5.3

[P048/L106]

Geriatrischer Versorgungsverbund

Barthel-Barthel-IndexIndex

Tab. 5.1
Punkte Pflegebedürftigkeit
0–30 Weitgehend pflegeabhängig
35–80 Hilfebedürftig
85–95 Punktuell hilfebedürftig
100 Selbstständig

Sturzursachen

Tab. 5.2
Ursachenkomplex Beispiele
Extrinsisch Äußere Umstände, fehlende Beleuchtung, Stolperfallen, fehlende Handgriffe, zu niedrige Toilettensitze
Intrinsisch Schlechte Balance, Einschränkung von Kraft und Bewegung, muskuloskeletale Komponenten

Folgen der Mangelernährung im Alter

Tab. 5.3
Durch Mangelernährung erhöht Durch Mangelernährung erniedrigt
Sturzrisiko
Frakturrisiko
Infektionsrisiko
Erschöpfung
Inzidenz von Dekubiti
Häufigkeit der Krankenhausaufenthalte
Länge der Krankenhausverweildauer
Sterblichkeit
Muskelmasse und -kraft
Funktionalität
Knochenmasse
Impferfolg nach Influenzaimpfung
Kognitive Leistung
Wundheilung

ISARISAR (Identification of Seniors at Risk)

Tab. 5.4
Bereich Frage Antwort Punkte
Hilfebedarf 1. Waren Sie vor der Erkrankung oder Verletzung, die Sie in die Klinik geführt hat, auf regelmäßige Hilfe angewiesen? Ja 1
Nein 0
Akute Veränderung des Hilfebedarfs 2. Benötigten Sie in den letzten 24 Stunden mehr Hilfe als zuvor? Ja 1
Nein 0
Hospitalisation 3. Waren Sie innerhalb der letzten 6 Monate für einen oder mehrere Tage im Krankenhaus? Ja 1
Nein 0
Sensorische Einschränkung 4. Haben Sie unter normalen Umständen erhebliche Probleme mit dem Sehen, die nicht mit einer Brille korrigiert werden können? Ja 1
Nein 0
Kognitive Einschränkung 5. Haben Sie ernsthafte Probleme mit dem Gedächtnis? Ja 1
Nein 0
Multimorbidität 6. Nehmen Sie pro Tag sechs oder mehr verschiedenen Medikamente ein? Ja 1
Nein 0

Grundlagen der Geriatrie

A. Welz-Barth

  • 5.1

    Definition und Prinzipien169

  • 5.2

    Geriatrisches Basis-Assessment (GBA)171

    • 5.2.1

      Barthel-Index – Aktivitäten des täglichen Lebens172

    • 5.2.2

      Kognition172

    • 5.2.3

      Stimmung172

    • 5.2.4

      Soziale Situation172

    • 5.2.5

      Mobilität173

    • 5.2.6

      Ziele des geriatrischen Assessments173

  • 5.3

    Geriatrische Syndrome und Erkrankungen173

    • 5.3.1

      Sturzsyndrom, Immobilität und Sturzneigung174

    • 5.3.2

      Malnutrition, Fehl- und Mangelernährung174

    • 5.3.3

      Gebrechlichkeit (Frailty-Syndrom)176

    • 5.3.4

      Weitere Erkankungen177

  • 5.4

    Versorgungsstrategien und Behandlungsziele178

  • 5.5

    Perspektiven180

Definition und Prinzipien

Die GeriatrieGeriatrie ist der Zweig der Medizin, der sich fachübergreifend mit der Gesundheit, dem Alter sowie präventiven, rehabilitativen, klinischen und sozialen Aspekten von Krankheiten und erkrankten Menschen im Alter beschäftigt. Dazu gehören die Behandlung alter Patienten mit akuten oder chronischen Erkrankungen, eine präventive Zielsetzung, frührehabilitative Behandlungsstrategien und spezielle, auch palliative Fragestellungen am Lebensende unter Mitarbeit von
(1)Ärzten,
(2)Pflegekräften,
(3)Seelsorgern,
(4)Diätassistentinnen,
(5)Psychologen,
(6)Pflegeberatung,
(7)Physiotherapeuten,
(8)Ergotherapeuten,
(9)Logopäden,
(10)Angehörigen.
Definition des geriatrischen Patienten
Charakteristika des geriatrischen PatientenPatient, geriatrischer:
(1)Altersbedingte strukturelle und funktionelle Veränderungen von Organen und Geweben
(2)Funktionseinschränkungen mit reduzierten Reservekapazitäten
(3)Erhöhte Vulnerabilität
(4)Multimorbidität
(5)Drohende oder manifeste Einschränkungen der selbstständigen Lebensführung
Spezifischer Behandlungsbedarf:
(1)Umfassende Berücksichtigung des medizinischen, funktionellen und sozialen Status
(2)Einbeziehung persönlicher und externer Kontextfaktoren
(3)Transsektoraler/interdisziplinärer/multiprofessioneller Behandlungsansatz
(4)Behandlungsfokussierung auf Lebensqualität, Teilhabe und Selbstständigkeit
Geriatrisches Behandlungskonzept: Identifikation des spezifischen Behandlungsbedarfs (z.B. Screening, Assessment).
Definition der Geriatrie
(1)Definition Geriatrie: GeriatrieDefinitionUEMS (Europäische Facharztgesellschaft) Malta, 3. Mai 2008:
Geriatrie ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit
  • körperlichen,

  • psychischen,

  • funktionellen,

  • sozialen Problemen

beschäftig, die auftreten bei
  • akuten oder chronischen Erkrankungen,

  • Rehabilitation,

  • Prävention,

  • sozialen Schwierigkeiten

  • oder am Lebensende älterer Personen.

(2)Definition Geriatrie:
Diese Patienten sind oft von
  • Gebrechlichkeit (Frailty) und

  • Multimorbidität betroffen und

  • erfordern eine ganzheitliche Herangehensweise.

Erkrankungen im höheren Lebensalter
  • manifestieren sich oft in unterschiedlicher Weise und

  • sind vielfach schwierig zu diagnostizieren.

  • Der Erfolg einer Behandlung stellt sich oft mit Verspätung ein und

  • in vielen Fällen besteht ein Bedarf an sozialer Unterstützung.

(3)Definition Geriatrie: Die Geriatrie geht über den organbezogenen Ansatz der Medizin hinaus und bietet zusätzliche Therapieoptionen in einem multidisziplinären Team. Das Hauptziel besteht
  • in der Verbesserung des funktionellen Status und der Lebensqualität und

  • in der Stärkung der Autonomie des älteren Patienten.

Die Definition Geriatrie bezieht sich damit nicht auf ein bestimmtes Alter; sie hat jedoch zu tun mit den typischen Krankheitsbildern älterer Patienten. Die meisten Patienten sind älter als 65 Jahre, der Schwerpunkt der Geriatrie liegt aber in der Altersgruppe der über 80-jährigen Personen.
Aus historischen und strukturellen Gründen unterscheiden sich Organisation und Anwendung von Geriatrie in den Mitgliedsstaaten der EU.
Die Geriatrie ist aufgrund der demografischen Entwicklung ein stark wachsender Bereich. Weiterhin stellt sie sich als ein Querschnittsfach dar, das interdisziplinär vernetzt ist und unter dem Dach der Inneren Medizin mit anderen Fachbereichen intensiv in Verbindung steht (z. B. Alterstraumatologie). Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Geriatrie und geriatrisches Fachwissen können in diesem Sinn zukünftig dazu beitragen, Diagnostik und Therapie älterer Menschen zu verbessern, wobei es hier spezifische Methoden gibt, dies auch sicherzustellen (Assessment).

Wichtig

Geriatrische Patienten sind definiert durchPatient, geriatrischer

(1)geriatrietypische Multimorbidität und höheres Lebensalter (überwiegend 70 Jahre oder älter) oder

(2)durch Alter ≥ 80 Jahre,

außerdem aufgrund der alterstypisch erhöhten Vulnerabilität, z.B. wegen

(1)des Auftretens von Komplikationen und Folgeerkrankungen,

(2)der Gefahr der Chronifizierung sowie

(3)des erhöhten Risikos eines Verlusts der Autonomie mit Verschlechterung des Selbsthilfestatus.

Die geriatrietypische Multimorbidität Multimorbidität, geriatrietypischesteht hierbei vorrangig vor dem kalendarischen Alter.

Charakteristika:

(1)Chronischer Verlauf

(2)Verlust der Unabhängigkeit

(3)Keine erkennbare/multiple Ursachen

(4)Keine einfache Behandlungsmöglichkeit

(5)Minderung der Lebensqualität

Geriatrisches Basis-Assessment (GBA)

Die deutscheAssessment, geriatrisches und die europäische Definition des geriatrischen Patienten (Kap. 5.1) stellen neben der akuten Erkrankung das grundlegende, altersbedingte Risiko und die Multimorbidität, d. h. das Nebeneinanderexistieren mehrerer aktuell behandlungsbedürftiger Erkrankungen, in den Vordergrund. Die Behandlungsbedürftigkeit geht hierbei über die Aspekte technischer Untersuchungen und pharmakotherapeutischer Behandlungen hinaus und umfasst Wahrnehmung und Behandlung funktioneller Einschränkungen sowie die daraus resultierenden eingeschränkten Fähigkeiten und schließlich die eingeschränkte Partizipation am alltäglichen Leben.
Im Gegenschluss ergeben sich Fähigkeiten und Ressourcen, die ebenfalls erkannt werden müssen. Von daher ergänzt und erweitert das Assessment die klassische Patientenuntersuchung und gehört elementar zur gesamten Behandlungsplanung und Konzeption in der Geriatrie dazu.
Im Rahmen der Anamneseerhebung wird hierbei ein besonderer Stellenwert auf die strukturierte Sozialanamnese gelegt. Die klinische Untersuchung wird durch eine besondere Wahrnehmung kognitiver Auffälligkeiten beim Patienten ergänzt. Die organbezogene Untersuchung wird erweitert durch Instrumente, die Funktionen, aber auch angewandte Fähigkeiten, überprüfen. Das GBA dient weiterhin auch der Evaluation der Behandlungserfolge und ist ein Instrument des Qualitätsmanagements.
Die Datenerhebung erfolgt durch Testverfahren mittels Beurteilung von Funktionstests, Eigen- oder Fremdanamnese sowie durch Beobachtung. Durch die AGAST (Arbeitsgruppe Geriatrisches Assessment) wurden Testverfahren, die standardisiert und evaluiert sind, zusammengefasst und in die unterschiedlichen Bereiche unterteilt. Das GBA umfasst Instrumentarien zur Beurteilung der Basisaktivitäten des täglichen Lebens (Barthel-Index) sowie zur instrumentellen Aktivität des täglichen Lebens (IADL). Darüber hinaus werden Instrumente zur Klärung der Kognition (Gedächtnis, Sprache, Rechnen, Abstraktionsvermögen und visuell konstruktive Fähigkeiten) sowie der Stimmung (Depression) eingesetzt. Spezifische Instrumente zur Mobilität und ein strukturiertes Sozial-Assessment runden das GBA ab.

Barthel-Index – Aktivitäten des täglichen Lebens

Der Barthel-Barthel-IndexIndex (Tab. 5.1) wurde ursprünglich zur Bestimmung von Aktivitäten und der Pflegebedürftigkeit genutzt. Er ist ein weitverbreiteter Test in der Geriatrie und Neurologie, gilt aber auch für die Bereiche Kontinenz, Nahrungsaufnahme und Mobilität. Auch die Kostenträger wenden ihn zur Frage der Selbstversorgung an. Er erlaubt eine Beurteilung der basalen Aktivitäten des täglichen Lebens sowie von Rehabilitationsverläufen. Die Erhebung ist durch Eigen- bzw. Fremdbeobachtung der unterschiedlichen Professionen möglich. Dabei wird bewertet, was der Patient macht (Performance) und nicht was er kann (Capacity). Als Beobachtungszeitraum dienen hierzu die letzten 48 Stunden.

Kognition

Uhrentest (nach Shulman)Das Zeichnen einer UhrentestUhr ist wegen der Praktikabilität ein ausreichender Test, um kognitiv und visuell räumliche Defizite im kognitiven Bereich aufzudecken. Er dient als Eingangstest zur Demenzdiagnostik. Der Patient wird hier aufgefordert, in den Kreis einer Uhr die 12 Zahlen sowie Stunden und Minuten einer vorgegebenen Zeit einzutragen. Bei einer Gesamtpunktzahl < 6 liegt der Verdacht einer kognitiven Störung nahe, sodass weitergehende neuropsychologische Testverfahren durchgeführt werden sollten. In Ergänzung zum Basis-Assessment kann eine Auswahl weiterer, teilweise spezifischer Assessmentverfahren zum Einsatz kommen.
Mini-Mental-State-Examination (MMSE nach Folstein)Der Mini-Mental-State-Examination (MMSE)MMSE ist ein Instrument zum Screening der kognitiven Fähigkeiten in den Bereichen Orientierung (zeitlich, örtlich), Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Rechenfähigkeit, Erinnerungsfähigkeit, Sprachvermögen sowie visuell konstruktiver Fähigkeiten. Der MMSE dient als Screening-Instrument und muss insbesondere bei neurologischen Auffälligkeiten durch weitere Testverfahren erweitert werden.

Stimmung

Die Depression(en)im Altergeriatrische Depressionsskala nach Yesavage et al. ist ein Fragebogen zur Selbstbewertung. Sie besteht aus 15 Fragen mit den Kategorien Stimmung, Denken, Psychomotorik und Verhaltensweisen und dient ebenfalls als Screening-Instrument und nicht als diagnostisches Kriterium einer Depression. Sie wird oft auch als Abgrenzungskriterium im Rahmen der Beurteilung von Depressionen und Demenzkomplexen genutzt.

Soziale Situation

Der Sozialfragebogen nach Nicolas umfasst 24 Fragen in den Kategorien soziale Kontakte und Unterstützung, soziale Aktivitäten, Wohnsituation, ökonomische Verhältnisse. Der Fragebogen ist zielgerichtet auf die Planung der Behandlung und Entlassung und sollte deshalb möglichst früh zum Einsatz kommen.

Mobilität

Hier kommen zwei Testinstrumente zum Einsatz.
Der Timed-up-and-go-Test Timed-up-and-go-Testdient zur Messung der Mobilität und zur Abschätzung des Sturzrisikos. Er ist ein einfacher und schnell durchzuführender Test, der keine Hilfsmittel benötigt und in Sekunden gemessen wird.
Daneben dient der Mobilitätstest nach Tinetti zur Mobilitätstest nach TinettiFunktionserfassung von Mobilität, Balance und Gangbild und wird mithilfe eines Punkte-Scores bewertet. Er dient zur Identifizierung des Sturzrisikos und des Hilfsmittelbedarfs. Er gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil wird das Gleichgewicht geprüft (freies Setzen, Aufstehen vom Stuhl, Stehsicherheit, Balance bei Drehung, Balance nach Stoß gegen die Brust, Hinsetzen), im zweiten Teil wird der Gang bezüglich Schrittauslösung, -höhe, -länge, -symmetrie, Gangkontinuität, Wegabweichung, Rumpfstabilität und Schrittbreite bewertet.

Ziele des geriatrischen Assessments

Steht bei Assessment, geriatrischesZielejüngeren Patienten eine Heilung oder Rückkehr in die Arbeitswelt im Vordergrund, geht es bei älteren oft um den Erhalt der Alltagskompetenz. Entscheidend für eine erfolgreiche Therapie ist es, Ressourcen und Störgrößen zu erfassen. Diesbezüglich dient das geriatrische Assessment als interdisziplinärer und multidimensionaler diagnostischer Prozess. Ziel ist es, die medizinischen, psychosozialen und funktionellen Probleme sowie die Möglichkeiten eines Patienten zu erfassen und auf dieser Grundlage einen Betreuungs- und Behandlungsplan zu entwickeln. Mittels des geriatrischen Screenings wird entschieden, ob und wie bei einem Patienten weiterverfahren wird.

Wichtig

Hauptziele und Anliegen des umfassenden geriatrischen Assessments:

(1)Erkennen des geriatrischen Risikopatienten

(2)Förderung der Selbsthilfefähigkeit

(3)Verbesserung der diagnostischen Genauigkeit

(4)Optimierung der medizinischen Therapie

(5)Verbesserung der medizinischen Ergebnisse

(6)Verhinderung unnötiger Hospitalisierung/Pflegeheimeinweisung

(7)Verminderung unnötiger Hilfeleistungen

(8)Optimierung der Wohnumgebung

(9)Reduktion der Angehörigenbelastung

(10)Verbesserung der Funktionen und der Lebensqualität

Geriatrische Syndrome und Erkrankungen

Die Altersmedizin kennzeichnet die Betrachtungsweise weg von einzelnen Krankheitsentitäten hin zu funktionellen Defiziten sowie die umfassende Betrachtungweise über die einzelne organmedizinische Betrachtungsweise hinaus.
Im Vordergrund stehen hier die sog. geriatrischen Syndrome, zu denen das Sturzsyndrom, die Fehl- und Mangelernährung, die akute Verwirrtheit (Delir) und die Gebrechlichkeit (Frailty) gehören. Kennzeichnend für diese Syndrome ist, dass sie als akute oder subakute Ereignisse aufgefasst werden und durchweg zu Krankenhauseinweisungen führen. Sie stellen auch die häufigsten Veränderungen dar, die zu einer stationären Klinikeinweisung von alten Menschen führen.

Sturzsyndrom, Immobilität und Sturzneigung

Die SturzneigungSturzsyndrom des alten Menschen ist aufgrund der deutlichen Zunahme von Morbidität und Mortalität, aber auch der Gesundheitskosten bei Sturzproblemen, ein schwerwiegendes Problem und stellt eine der größten, zum Autonomieverlust führenden Konstellationen dar. Statistisch stürzt nahezu die Hälfte der über 80-Jährigen einmal jährlich, jeder zehnte mit behandlungsbedürftigen Verletzungsfolgen und jeder zwanzigste mit Frakturfolgen. Etwa 15 % aller Notaufnahmen älterer Menschen in Krankenhäusern in Deutschland erfolgen aufgrund von Stürzen. Man unterscheidet hier extrinsische Faktoren und altersphysiologische (intrinsische) Ursachenkomplexe (Tab. 5.2). Synkopen müssen in die Differenzialdiagnostik mit einbezogen werden und auch lokomotorisch-posturale Faktoren, die durch Störungen der sensorischen und koordinativen Fähigkeiten oder durch zentral wirksame Medikamente impliziert sein können.
Die „sturzunklare“ Genese sollte bei Älteren immer abgeklärt werden und folgende Punkte beinhalten:
(1)Labor
(2)EKG
(3)Geriatrisches Assessment von Visus, Kognition, Mobilität (Kap. 5.2)
(4)Differenzierte Medikamentenanamnese
(5)Schellong-Test, ggf. Kipptischuntersuchung
(6)Langzeit-EKG, ggf. Langzeit-Blutdruckmessung
(7)Neurologische Untersuchungen zur Abgrenzung neurologischer Ursachenkomplexe (z. B. subdurale Hämatome, Normaldruckhydrozephalus, Polyneuropathie etc.)
Eine wichtige Sonderform ist das sog. Post-Fall-Syndrom, Post-Fall-Syndromdas die Zunahme der Angst infolge vermutlicher oder tatsächlicher Sturzgefahr beinhaltet. Man findet einen Schwankschwindel oder unspezifische Gleichgewichtsstörungen beim Gehversuch oder Stehen. Das Gangbild ist kurzschrittig und breitbeinig. Es besteht eine Tendenz zum Festhalten sowie eine Sturzangst beim freien Gang. Diese Befunde implizieren ein differenziertes therapeutisches Vorgehen.

Malnutrition, Fehl- und Mangelernährung

Die Unter- oder MangelernährungMalnutrition, im AlterMangelernährungim AlterFehlernährung, im Alter stellt ein großes Problem bei geriatrischen Patienten dar und bestimmt die Mortalität und Morbidität dieser Altersgruppe wesentlich mit. Mangelernährte ältere Menschen bilden eine ausgesprochene Risikogruppe für eine Vielzahl infektiöser, entzündlicher oder sonstiger Erkrankungen.
Akute und chronische Erkrankungen können einen altersbedingten physiologischen Verlust an Muskelmasse deutlich verstärken und eine vorbestehende Malnutrition oder Untergewichtigkeit kritisch werden lassen.
Ein höheres Lebensalter bedingt Veränderungen von Metabolismus, Appetitregulation sowie Körperzusammensetzung, in deren Folge sich eine zunehmende Gefährdung für das Auftreten einer Mangelernährung entwickelt. Wenngleich deren höhere Prävalenz in Krankenhäusern und Institutionen zu verzeichnen ist, finden sich in absoluten Zahlen die meisten älteren Menschen mit Mangelernährung im ambulanten Bereich. Hier weisen natürlich Personen mit chronischen Erkrankungen und funktionellen Einbußen das größte Ernährungsrisiko auf.
Im ambulanten Bereich sollte ein routinemäßiges Screening älterer Menschen bezüglich des Vorliegens einer Mangelernährung initiiert werden. Eine erfolgreiche Therapie der Mangelernährung setzt neben der Einleitung einer Ernährungstherapie die sorgfältige Prüfung medizinischer und sozialer Ursachen voraus. Hinsichtlich des Erhalts der Funktionalität kommt einer ausreichenden Eiweißzufuhr besondere Bedeutung zu.
Neben der Einnahme von Zwischenmahlzeiten erweisen sich eine Erhöhung der Essensqualität und ggf. die Zufuhr (hochkalorischer) Trinknahrung als wertvolle Bestandteile einer optimalen, altersgerechten Ernährung. Insbesondere während und nach einem Krankenhausaufenthalt sollte auf das Zusammenwirken von Ernährung und körperlicher Bewegung hinsichtlich des Erhalts von Funktionalität und Lebensqualität geachtet werden.
Wie auch bei den anderen geriatrischen Syndromen gilt es auch hier, die Vielschichtigkeit der Ursachen und Einflussfaktoren zu berücksichtigen und neben initial notwendigen Screening-Instrumenten auch individuelle und biografische Faktoren mit zu berücksichtigen.
Unphysiologische Gründe der Mangelernährung im Alter
(1)Soziale Faktoren:
  • Armut,

  • Unfähigkeit, einzukaufen,

  • Unfähigkeit, Mahlzeiten zuzubereiten,

  • Unfähigkeit, selbstständig zu essen,

  • Alleinleben, soziale Isolation, Fehlen eines sozialen Netzwerks.

(2)Psychologische Faktoren:
  • Depression,

  • kognitiver Abbau/Demenz,

  • Trauer,

  • Diätwahn, v. a. Cholesterin.

(3)Medizinische Faktoren:
  • Herzinsuffizienz,

  • chronisch-obstruktive Lungenerkrankung,

  • Infektionen,

  • Tumorerkrankungen,

  • Alkoholismus,

  • Dysphagie,

  • chronische Polyarthritis,

  • Malabsorptionssyndrome, Diarrhö,

  • Obstipation,

  • Hyperthyreose,

  • Morbus Parkinson.

(4)Medikation, u. a.:
  • Antibiotika,

  • Chemotherapeutika,

  • nichtsteroidale Antirheumatika,

  • Psychopharmaka.

Klinische Folgen der Mangelernährung im AlterTab. 5.3, Abb. 5.1.
Kriterien für das Vorliegen eines klinisch relevanten Ernährungsrisikos
(1)Unzureichende orale Nahrungszufuhr
(2)Unbeabsichtigter Gewichtsverlust von 5 % in 3 bzw. 10 % in 6 Monaten
(3)Body-Mass-Index < 20 kg/m2

Gebrechlichkeit (Frailty-Syndrom)

Das Frailty-SyndromFrailty-SyndromGebrechlichkeit, im Alter ist ein eigenständiges geriatrisches Syndrom, das altersassoziiert ist, sich aber nicht allein aus dem Lebensalter ableitet. Dabei verfügt der geriatrische gebrechliche Patient aufgrund der geringeren Leistungsfähigkeit aller Organsysteme über verminderte funktionelle Reserven und ist anfälliger gegenüber externen Stressfaktoren. Das Frailty-Syndrom kann sowohl die physische als auch die psychische oder die soziale Gesundheit betreffen.
Patienten sind anfälliger für Hospitalisierung aufgrund der schon beschriebenen Faktoren wie z. B. Immobilität und Sturzneigung. Die Mortalitätsrate dieser Patienten ist deutlich erhöht. Eine genaue Definition und ein Konsens bezüglich einer einheitlichen Definition und Eingrenzung der Defizite gibt es nicht, sodass die aktuell geläufigsten Definitionen und Verfahren beschrieben werden. Frailty weist eine enge Beziehung zur Sarkopenie auf, die definiert ist als erniedrigte Muskelmasse, und führt zur Verringerung der Ganggeschwindigkeit.
Die Muskelmasse z. B. eines 80-Jährigen beträgt ca. 40 % weniger als die eines 25-Jährigen. Ursache ist hier oftmals die Reduktion oder Wirkabschwächung der anabolen Stimulation im Alter: Hormonmangel, Malnutrition, verminderte Proteinzufuhr und körperliche Inaktivität. Es besteht eine starke Assoziation zwischen Frailty und der Erhöhung inflammatorischer Marker wie TNFα, IL-6.
Unterschieden werden hier Frailty-Kriterien nach Fried:
(1)Unfreiwilliger Gewichtsverlust
(2)Objektivierbare Muskelschwäche
(3)Erschöpfung
(4)Gang- und Standunsicherheit bzw. herabgesetzte Ganggeschwindigkeit
(5)Herabgesetzte körperliche Aktivität
Ebenfalls gut genutzt werden kann die Clinical-Frailty-Scale nach Rockwood, die ähnliche Kriterien beinhaltet.
Wichtig sind auch hier ein genaues Assessment, die Ermittlung des Ernährungsstatus, Laboruntersuchungen und die Abklärung einer Malnutrition.
Wichtig ist, dass Frailty kein grundsätzlich unumkehrbarer Zustand, sondern noch veränderbar ist. Wesentliche Elemente hierzu stellen die sozialen Interventionen dar mit dem Ausbau sozialer Netzwerke, körperlicher Aktivitäten, Gedächtnistraining sowie einer adäquaten Ernährung, die insbesondere auch die Osteoporoseprophylaxe (Kap. 2.2) mit berücksichtigt.

Weitere Erkankungen

Weitere – nicht nur – bei älteren Patienten auftretende Erkrankungen finden sich in den einzelnen Organkapiteln:
Erkrankung/Gesundheitsstörung Kapitel
Pharmakotherapie im Alter:
Grundlagen und potenziell inadäquate Medikation für ältere Menschen: Die PRISCUS-Liste
Kap. 12.3
Herz-Kreislauf:
Myokardinfarkt, Herzrhythmusstörungen, Hypertonie, arterielle Verschlusskrankheit, Herzinsuffizienz
Kap. 13, Kap. 14, Kap. 15
Lunge: Atemwegsinsuffizienz Kap. 1.3, Kap. 16
Neuropsychiatrische Erkrankungen:
Schwindel und Synkopen, Verwirrtheit, Alzheimer, Depression, Schlafstörungen, Suizidalität
Kap. 1.5, Kap. 27
Exsikkose und Elektrolytentgleisungen:
Enterale und parenterale Ernährung, PEG
Kap. 2.5, Kap. 19
Schmerzzustände Kap. 1.2
Stoffwechselerkrankungen:
Adipositas, Diabetes mellitus, Gicht, Fettstoffwechselstörungen
Kap. 25
Niere: Harnwegsinfekte, Niereninsuffizienz Kap. 19
Endokrinologie: Hypothyreose Kap. 24
ZNS: TIA, Schlaganfall Kap. 27
Bewegungsapparat: rheumatische Erkrankungen, Osteoporose Kap. 23, Kap. 24.6
Onkologie Kap. 22
Infektionskrankheiten, Fieber unklarer Genese, antiinfektiöse Pharmakotherapie Kap. 1, Kap. 9, Kap. 26
Blutgerinnungsstörungen Kap. 21
Palliativmedizin Kap. 4
Weitere Erkrankungen/Syndrome der Geriatrie siehe Index.

Versorgungsstrategien und Behandlungsziele

Die GeriatrieGeriatrieBehandlungszieleGeriatrieVersorgungsstrategien in Deutschland ist im europaweiten Vergleich noch eine relativ junge Disziplin. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung hat ihre Bedeutung in den letzten Jahren enorm zugenommen, der Bedarf an fachspezifischen Versorgungsstrukturen wird auch künftig weiter stark wachsen. Denn gerade multimorbide geriatrische Patienten benötigen sowohl akut medizinische als auch rehabilitative Leistungen. Wirft man einen Blick auf die geriatrische Versorgungsstruktur in Deutschland, findet man keine einheitliche Versorgungslandschaft. Aufgrund ihrer Historie und den verschiedenen politischen Konzepten hat sich die Geriatrie in den einzelnen Bundesländern strukturell bzw. hinsichtlich ihrer sozialrechtlichen Verankerung unterschiedlich entwickelt. Das Problem in der klinischen Praxis ist, dass die Behandlung eines betagten bzw. hoch betagten Patientenklientels, wie oben beschrieben, häufig an der Grenze zwischen Pflege- und Krankenversicherung erfolgt. Die strukturellen Versorgungsprobleme unseres heutigen Gesundheitssystems zeigen sich im Bereich der Geriatrie besonders deutlich, da dieses Fachgebiet von seinem Versorgungsauftrag genau zwischen den verschiedenen Sektoren und Budgetgrenzen angesiedelt ist. Unabhängig von dieser Struktur ist es natürlich das Ziel, dem geriatrischen Patienten mit seinen spezifischen Bedürfnissen ganzheitlich wahrzunehmen und die Versorgungsangebote entsprechend zu nutzen.
Damit diese Versorgungsangebote ihre Zielgruppe erreichen, ist es erforderlich, vulnerable Patienten als solche zuPatient, geriatrischervulnerabler identifizieren. Dies geschieht durch die entsprechenden Screening-Instrumente wie oben schon beschrieben (Kap. 5.2). Zur Vereinfachung haben sich die geriatrischen Fachgesellschaften für die Situation der Krankenhausaufnahme auf das Instrument „ISAR“ (Identification of Seniors at Risk) verständigt ISAR (Identification of Seniors at Risk)(Tab. 5.4). Ermittelt wird die Summe aus den einzelnen Antworten. Das Screening gilt ab 2 Punkten als positiv.
Nach dem ISAR-Konzept kommt ein Patient für ein geriatrisches Management dann infrage, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:
(1)Alter > 70 Jahre und
(2)ISAR-Screening positiv (ab 2 Punkte).
Darauf aufbauend wird durch den Einsatz spezifischer bedarfsgerechter Assessment-Instrumente der geriatrische Behandlungsplan erstellt. Ist der Patient als vulnerabel identifiziert, sollte er in eine entsprechende geriatrische Abteilung weitergeleitet werden (Abb. 5.2).
Auch der Hausarzt kann entsprechend eine Vorauswahl durchführen (Abb. 5.2):

Wichtig

Geriatrisches Identifikationsscreening für Hausärzte, Rettungsärzte, Notaufnahmen (Entwurf, Lüttje 2011):GeriatrieIdentifikationsscreening

(1)Alter 80 Jahre: immer oder

(2)Alter 70 Jahre und 1 Punkt von:

  • Sturz.

  • Delir.

  • Früherer Aufenthalt in der Geriatrie.

  • Aus Pflegeheim.

  • Pflegestufe 1 und höher.

  • Mehr als 2 ungeplante Krankenhausaufenthalte in den letzten 12 Monaten.

  • VIP 4 („variable indicative of Placement risk”): Hohes Risiko bei Entlassung mit 3 oder 4 Punkten:

    • Lebt allein (Ja: 1 Punkt; Nein: 0 Punkte).

    • Kann telefonieren (Ja: 0 Punkte; Nein: 1 Punkt).

    • Selbstständig Waschen, Anziehen (Ja: 0 Punkte; Nein: 1 Punkt).

    • Kann Wohnung ohne Hilfe verlassen (Ja: 0 Punkte; Nein: 1 Punkt).

Im Weiteren wird dann entschieden, wie nach der akutmedizinischen Intervention und in welchem Setting der Patient entsprechend weiterversorgt werden sollte. Um den künftigen Bedarf an fachspezifischer geriatrischer Versorgung decken zu können, müssen die bestehenden Versorgungsstrukturen weiterentwickelt werden, mit der Perspektive einer adäquaten Versorgung im demografischen Wandel.

Perspektiven

Gute Medizin für den hochbetagten vulnerablen Patienten erfordert
(1)spezialisierte Behandlung einzelner Krankheiten,
(2)Umgang mit Komplexität und Vulnerabilität der Patienten,
(3)Verbesserung der Alltagsaktivitäten,
(4)individualisierte Medizin.

Wichtig

Zusammenfassend kann man folgende Aussagen treffen:

(1)Geriatrie ist notwendig.

(2)Entwicklungen der Demografie, Medizin, Gesellschaft

(3)Geriatrische Versorgung ist nützlich.

(4)Sie hat einen positiven Effekt auf die Lebensqualität und Selbstständigkeit älterer Patienten.

(5)Wahrscheinlich positiver Effekt auf die Mortalität.

Geriatrie ist ein wesentlicher Aspekt der Medizin der Zukunft.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen