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B978-3-437-22859-9.50008-7

10.1016/B978-3-437-22859-9.50008-7

978-3-437-22859-9

Anorganische Pneumokoniosen (1)

Tabelle C.15-1
Erkran-kung Häufigkeit in Deutschland Exposition Klinik, allg. Diagnostik Lungen-funktions-parameter Röntgen-morphologie Therapie Prognose, Komplikationen
Silikose, Bergarbeiter-Pneumo-koniose Ca. 2000 neue Fälle pro Jahr. Freie kristalline Kiesel-säure (Quarz = SiO2) in Kohlebergbau, Stein-bruch-, Keramik-, Glas-, Stahl- und Eisenindustrie, Gießereien, Stollenarbeiter, Mineure. Oftmals gering trotz ausgedehnter Röntgen-befunde. Bronchitis, Belastungsluftnot, Zeichen der Bronchitis und des Emphysems. Selten: akute Silikose. Initial normal, später Restriktion und/oder Obstruktion. Reiner Quarzstaub: rundliche Knöt-chen bis 2 mm (Schrotkornlunge). Mischstäube mit geringerem Quarz-anteil: größere, unschärfere Knoten (Schneegestöberlunge). Ober- und Mittelfelder betont. Schwielenbildung durch Konfluenz. Eierschalenhili. Antiobstruktiv, Therapie der Komplikationen. Komplikationen durch Tuberkulose. Rechts- herzbelastung, Caplan-Syndrom, Karzinome. Einschmelzung von Schwielen → Phthisis atra.
Asbestose Ca. 2000 neue Fälle pro Jahr. Serpentinasbest (Chrysotil) und Amphibolasbest (Krokydolith, Amosit und Anthrophyllit): Fasern = Länge:Dicke ≥ 3:1. Mahlen, Vertrieb, Isolierung, Her-stellung/Verwendung von Asbesttextilien, -zement, -papier, Werftindustrie etc. Belastungsluftnot, Husten, Knisterrasseln, Uhrglas-nägel. Restriktion, Minderung der Lungendehnbar-keit. Unregelmäßige kleine Schatten, vorrangig in den Unterlappen, Kaudalverlagerung des horizontalen Interlobiums. Oftmals Koinzidenz mit Pleuraplaques (verkalkt oder unverkalkt). Therapie der Komplikationen. Oft nur langsame Pro-gredienz. Typische Komplikationen: be-nigne Asbestpleuritis, oftmals mit Einroll-atelektase. Bronchial-karzinom und Pleura-mesotheliom nach Latenzzeiten von im Mittel 25 und 35 J.
Siderose Bei E-Schweißern gelegentlich. Eisen beim Elektro-Schweißen. Allenfalls Bronchiolitis. Normalbefund. Ähnlich unkomplizierter Silikose: rundliche kleine Fleckschatten. Keine. Prognose sehr gut (reversibel nach Ex-positionskarenz). Selten: Siderofibrose.
Siderofibrose Selten. Eisen beim Elektro-Schweißen. Belastungsluftnot, Husten. Restriktion. Retikulonoduläres Muster. Therapie der Komplikationen. Heterogen.
Talkose Sehr selten. Talkstaub. Belastungsluftnot. Restriktion, Obstruktion. Noduläre Zeichnung Mittelfelder, teilweise retikulär. Ggf. antiobstruktiv. Eher ungünstig. Komplikationen ggf. durch Kontaminationen des Talks mit Asbest.
Berylliose 0–1 Fall pro Jahr. Herstellung von Glüh-körpern, Reaktortechnik, Raumfahrt, Mahlen von Berrylium. Wie Sarkoidose. Vorange-gangen mitunter toxische Beryllium-Pneumonie, Beryllium-Lymphozyten-Transformationstest oft positiv. Restriktion, teilweise Obstruktion. Wie Sarkoidose. Steroide?? (Nicht belegt) Progression langsam.
Aluminose Selten kleine Cluster Al-Pulverexposition (Pyro-Feinschliff), evtl. Schmelzen. Husten, Belastungsluftnot. Restriktion. Retikulonoduläres Muster. Therapie der Komplikationen. Komplikationen: Pneumothoraces.
Hartmetall-fibrose 1–5 Fälle pro Jahr. Nur (!) gesinterte Karbide von Wolfram, Tantal, Titan, Niob, Molybdän, Chrom und Vanadium; Kobalt und Nickel als Bindemittel. Husten, Belastungsluftnot. Bei Exposition oft Schleimhautreizung. Ggf. Bronchiolitis obliterans. Restriktion. Retikulonoduläres Muster. Therapie der Komplikationen. Heterogen.
Thomas-phosphat-lunge 0–2 Fälle pro Jahr. Thomasschlacke (Stahlerzeugung). Ge-mahlen als Thomasmehl: Düngemittel. Akute Bronchitis. Ggf. Obstruktion. Ggf. Pneumonie. Therapie der Komplikationen. Ausheilung der Bronchitis.

Krankheiten, bei denen eine Berufskrankheitenanzeige erstellt werden muss.

Tabelle C.15-2
Erkrankung BK-Nummer
Silikose BK4101
– mit Lungenkrebs (bei kristallinem SiO2) BK4112
Silikotuberkulose BL4102
Asbestose BK4103
Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs in Verbindung mit Asbestose oder asbestbedingter Pleuraveränderung oder ≥ 25 Faserjahre BK4104
Lungenkrebs durch das Zusammenwirken von Asbestfaserstaub und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen BK4114
Berylliose BK1110
Lungenfibrose durch extreme und langjährige Einwirkung von Schweißrauchen und Schweißgasen (Siderofibrose) BK4115
Aluminose BK4106
Hartmetallfibrose BK4107
Thomasphosphatlunge BK4108

Pneumokoniosen

DennisNowak(DGP), München

UlrichCostabel(DGP), Essen

Definition und Basisinformation

Unter Pneumokoniose versteht man eine chronische interstitielle Lungenerkrankung, die durch Inhalation von Stäuben hervorgerufen wird. Wesentlicher Vertreter der organischen Pneumokoniosen ist die exogen-allergische Alveolitis (s. Beitrag C 16). Die quantitativ bedeutsamsten anorganischen Pneumokoniosen sind die (Anthrako-)Silikose und die Asbestose.
Die Silikose ist definiert als eine fibronoduläre Form der Pneumokoniose, die durch Inhalation von quarzhaltigem Staub verursacht wird. Die Begriffe Anthrakosilikose bzw. Kohlebergarbeiter-Pneumokoniose beschreiben die knotige Form einer Mischstaub-Pneumokoniose, die durch Aufnahme und Deposition von Kohlenstaub, Gesteinsstaub und Tonmineralien in der Lunge hervorgerufen wird. Der Ausdruck Anthrakose bezieht sich auf eine herdförmige schwarze Pigmentierung der Lunge, hervorgerufen durch Einatmung von quarzfreiem Kohlenstaub oder Ruß, die nicht zu einer Granulombildung und nicht zur progressiven Fibrose führt.
Unter dem Begriff Asbestose wird eine asbestinduzierte Lungenfibrose verstanden, bei der es sich um diffuse fibrotische Veränderungen des Lungengerüsts nach Inhalation von Asbestfasern handelt. Sie entsteht nach meist langjähriger (selten unter 10 Jahren liegender) und massiver Asbestexposition. Häufiger als die Asbestose des Lungenparenchyms werden heute asbestassoziierte Pleuraveränderungen angetroffen (unverkalkte und verkalkte Plaques, diffuse Pleurafibrose, Residuen nach Asbestpleuritis).
Hauptgefährdungsbereiche für die Entwicklung einer Silikose oder Anthrakosilikose sind alle Arbeitsplätze. an denen eine intensive Exposition gegenüber quarzhaltigen Feinstäuben mit einer lungengängigen Korngröße von weniger als 5 µm gegeben ist. Die Silikosegefahr wächst mit der Menge des inhalierten lungengängigen Staubs, seinem Anteil an kristalliner Kieselsäure und der Expositionsdauer. Die Fibrogenität von Stäuben verschiedener Herkunft ist unterschiedlich und hängt unter anderem von der Aktivität der Quarzoberfläche ab. Die Stäube unterscheiden sich außerdem im Penetrationsverhalten sowie in ihrer Wirkung auf das Surfactant-System der Lunge. Zusätzliche Risikofaktoren sind eine gestörte mukoziliare Clearance. In der Bundesrepublik traten etwa drei Viertel aller entschädigten Silikosen und Anthrakosilikosen im Bereich des Kohlebergbaus auf. Es folgen Silikosen bei Arbeitern in Steinbrüchen, in der Keramik- und Glasindustrie, in Gießereien, im Baugewerbe sowie im Tunnel- und Stollenbau. Obwohl die Häufigkeit der Silikose deutlich abgenommen hat, besteht auch heute noch eine relevante inhalative Silikatbelastung bei bestimmten Arbeitsprozessen (z.B. bei Tunnel- oder Abbrucharbeiten; 1).
Das Risiko einer Asbestexposition bestand überall dort, wo Asbest be- oder verarbeitet wurde, vor allem in der Zementindustrie und beim Einsatz von Spritzasbest. Risikobereiche waren auch die Herstellung von Asbesttextilien, die Herstellung und Anwendung von asbesthaltigem Isolationsmaterial, die Automobilindustrie, Schiffsbau, Konstruktions- und Abbrucharbeiten. Die Fülle asbesthaltiger Produkte der Industrie ist kaum zu überblicken.
Einen Überblick auch über die selteneren anorganischen Pneumokoniosen gibt die Tabelle C.15-1.

Symptomatik und klinisches Bild

Die klinischen Symptome sind in der Regel wenig hilfreich. In Spätstadien steht die Atemnot besonders bei Belastung im Vordergrund. Entscheidend sind jedoch Arbeitsplatzanamnese und bildgebende Verfahren.

Diagnostik und Differenzialdiagnose

Der Diagnoseverdacht sollte bei jedem Patienten mit radiologischen Lungenveränderungen und entsprechender Exposition erwogen werden. Der Diagnosebeweis ist bei Silikose und Asbestose in der Regel mit Arbeitsplatzanamnese, Klinik und bildgebenden Verfahren möglich. Eine histologische Sicherung ist nur in Zweifelsfällen erforderlich.
Bei der Silikose finden sich in der Bildgebung überwiegend rundliche, oberlappenbetonte Verschattungen sowie Ballungsschwielen (Kodierung erfolgt nach der internationalen Staublungenklassifikation). Bei Asbestose herrschen unregelmäßige streifige Strukturen mit Bevorzugung der Unterfelder vor. Es finden sich septale Linien, Honigwabenstrukturen, häufig auch Pleuraveränderungen (Plaques, diffuse Pleurafibrose). Bei Asbestose hat sich das hoch auflösende CT als wesentlich sensitiver als die Standard-Röntgenaufnahme erwiesen.
Die Lungenfunktion zeigt bei Asbestose eine restriktive Ventilationsstörung, bei Silikose restriktive, obstruktive und kombinierte Ventilationsstörungen.
Endoskopisch bioptische Verfahren können zur Abklärung einer generalisierten Lungenparenchymerkrankung differenzialdiagnostisch erforderlich sein. Die bronchoalveoläre Lavage (BAL) kann bei Asbestose wichtige Zusatzinformationen über Art und Ausmaß der Asbestbelastung liefern.

Differenzialdiagnose

Bei Silikose sind vor allem Sarkoidose, Tuberkulose, Lungenkarzinom und andere Erkrankungen mit Rundherdbildungen in der Lunge in Erwägung zu ziehen. Eine Metaanalyse belegt das erhöhte Krebsrisiko bei Silikose (Empfehlungsgrad B; 3).
Bei der Asbestose sind vor allem die idiopathische Lungenfibrose oder andere Erkrankungen mit überwiegend retikulärer Lungenverschattung zu beachten. Bei Feststellung eines Lungenkarzinoms ist immer die Möglichkeit einer Berufskrankheit infolge einer inhalativen Asbestexposition zu überprüfen.

Verlaufskontrollen

Verlaufskontrollen sind vor allem zur Erfassung von Komplikationen indiziert (Tuberkulose, Lungenkarzinom bei der Silikose; Lungen-, Kehlkopfkarzinom und Mesotheliom bei der Asbestose). Sie erfolgen in der Regel nach den entsprechenden berufsgenossenschaftlichen Grundsätzen für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen.

Therapie

Eine ursächliche Behandlung der Silikose und der Asbestose gibt es nicht.
Die Primärprävention hat dazu geführt, dass die Silikose-Frequenz in den großen Kohlebergbauzentren deutlich abgenommen hat. Die fortgeschrittene Form der Silikose tritt in westlichen Ländern nicht mehr auf. Durch Festlegung der Grenzwerte für asbesthaltigen Feinstaub ist im heutigen Arbeitsleben kein Risiko einer Lungenasbestose mehr gegeben. Die Sekundärprävention, also die Krankheitsfrüherkennung und Beseitigung begleitender Risikofaktoren, muss das Hauptziel aus ärztlicher Sicht sein.
Bei Silikosen, die mit einer chronisch-obstruktiven Bronchitis bzw. einem Lungenemphysem einhergehen, ist eine konsequente antiobstruktive Behandlung wichtig.

Nachsorge/Rehabilitation

Nachuntersuchungen in Intervallen zwischen 12 und 36 Monaten sowie nach dem Ausscheiden eines Arbeitnehmers sind im Sinne der Sekundärprävention von Bedeutung (Klinik, Lungenfunktion, bildgebende Verfahren, Raucherentwöhnung). Insbesondere die Früherkennung von Krebserkrankungen der Lunge bei Patienten mit einer asbeststaubassoziierten Lungen- oder Pleuraerkrankung oder mit einer Silikose steht im Zentrum dieser Nachuntersuchungen. Ein Screening-Programm für ehemals asbestexponierte Raucher befindet sich derzeit (Stand März 2016) in einer Pilotphase.
Bei einer Latenzzeit von 10 bis 40 Jahren (im Mittel 17 Jahren) zwischen Beginn der Asbestexposition und Krankheitsbeginn tritt das Karzinom meist im mittleren Lebensalter auf. Viele Patienten erleben jetzt ein Alter, in dem sie an Lungenkrebs erkranken (in 50% Lungenkrebs und Mesotheliom Haupttodesursache). Bei Silikose liegen oft 20 bis 30 Jahre zwischen Expositionsbeginn und röntgenologisch sichtbarer Silikose. Der Verlauf ist hier ausgesprochen langsam. Die Lebenserwartung erreicht inzwischen die der Durchschnittsbevölkerung.

Berufskrankheitenanzeige

Bei begründetem Verdacht auf das Vorliegen einer der in Tabelle C.15-2 genannten Krankheiten ist eine Berufskrankheitenanzeige zu erstellen.
Bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Asbestfaserstaub-Dosis am Arbeitsplatz von mindestens 25 Faserjahren (25 × 106 [(Fasern/m3) × Jahre]) wird ein Lungenkarzinom in der Regel als Berufskrankheit anerkannt.

Autorenadressen

Prof. Dr. med. Dennis Nowak
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
WHO Collaborating Centre for Occupational Health
Klinikum der Universität München
Ziemssenstr. 1,
80336 München
Prof. Dr. med. Ulrich Costabel
Ruhrlandklinik
Westdeutsches Lungenzentrum am Universitätsklinikum Essen gGmbH
Tüschener Weg 40
45239 Essen

Literatur

1

MI Greenberg J Waksman J Curtis Silicosis; A review DM 53 2007 394 416

2

F Huaux New developments in the understanding of immunology in silicosis Durr Opin Allergy Clin Immunol 7 2007 168 173

3

Y Lacasse S Martin S Simard Meta-analysis of silicosis and lung cancer Scand J Jork Environ Health 31 2005 450 458

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