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B978-3-437-22205-4.00021-1

10.1016/B978-3-437-22205-4.00021-1

978-3-437-22205-4

Psychische Probleme in Gravidität und Wochenbett Wochenbettpsychische ProblemeSchwangerschaftpsychische ProblemePsychosenpostpartaleNeurosenpostpartaleMaternity BluesHeultage

Tab. 21.1
Postpartale (= puerperale) Psychose Maternity Blues („Heultage“) Postpartale depressive Neurose
Inzidenz 0,1–0,3 % ≤ 50 % ≤ 15 %
Risikofaktoren Puerperalpsychose bei vorangehenden Schwangerschaften (50 %. Wdh.-Risiko), manisch-depressive Psychose/Schizophrenie in der Eigenanamnese, Psychosen in der Familienanamnese, Durchschlafstörungen Labile o. narzisstische Persönlichkeitsstruktur, Schlafentzug (durch Betreuung des NG) Erstgebärende (70 %.), präpartale Depression, Schwangerschaftskonflikte in der Frühschwangerschaft (Ambivalenz zur Schwangerschaft, Interruptiogedanke), Alter < 20 J., unverheiratet, ≥ 6 Geschwister im mütterlichen Elternhaus, Trennung von einem o. beiden Elternteilen (Broken Home), niedriges Selbstwertgefühl, Partnerschaftsprobleme, finanzielle Probleme, Unzufriedenheit mit Beruf
Beginn 3. Tag p. p. bis 1 Mon. p. p.
Häufigkeitsgipfel: 3.–14. Tag p. p.
1. Tag p. p. bis 6 Wo. p. p.
Häufigkeitsgipfel: 2.–4. Tag p. p.
6 Wo. p. p. bis 1 J.
Klinik Rastlosigkeit, Kopfschmerzen, starke Stimmungsschwankungen (auch ggü. Kind), Verwirrtheit, Realitätsverlust, Trübsinn, Depression, Ideenflucht, Halluzinationen, Agitiertheit Milde Depression, Angst, Weinerlichkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Erregbarkeit, Gefühl, die Versorgung des NG nicht zu bewältigen, spontane Remission ohne Ther. Starkes Weinen; Inkompetenzgefühl, das Kind gut zu versorgen; ungewöhnliche Müdigkeit, Anorexia, Schlafstörungen, reduzierte Libido, Ambivalenz ggü. dem Kind, hypochondrische Fehlhaltung
Suizidrisiko Hoch Sehr gering Gering
Kindstötungsrisiko Erhöht Sehr gering Gering
Therapie Durch Psychiater! Hospitalisierung, möglichst mit Rooming-in, Neuroleptika, Psychother., soziale Unterstützung (z. B. bei Wohnungssuche), Betreuung des Sgl. organisieren (Pflegemutter) Unterstützung durch die Familie wichtig: Erläuterung über die Normalität des Maternity Blues durch den Geburtshelfer Durch Psychiater! Medikamentös, Psychother., soziale Unterstützung, Pflegemutter zur Betreuung des Sgl., bei schwerer Depression: stat. Behandlung
Prognose unter Therapie Gut für die erste psychotische Episode, jedoch hohe Rezidivgefahr von ≥ 50 % bei der nächsten Geburt Sehr gut Sehr unterschiedlich, je nach psychodynamischer Ursache

Psychische und psychosomatische Probleme

Kay Goerke

Axel Valet

  • 21.1

    Grundlagen664

    • 21.1.1

      Einführung664

    • 21.1.2

      Begriffsdefinitionen664

    • 21.1.3

      Hinweise auf psychosomatische Krankheitsursachen665

    • 21.1.4

      Gesprächsführung665

  • 21.2

    Gynäkologie666

    • 21.2.1

      Anorexia nervosa666

    • 21.2.2

      Zyklusstörungen und Unterbauchbeschwerden667

    • 21.2.3

      Prämenstruelles Syndrom (PMS)668

    • 21.2.4

      Sterilität669

    • 21.2.5

      Klimakterium669

  • 21.3

    Geburtshilfe670

    • 21.3.1

      Psychische Probleme in der Gravidität670

    • 21.3.2

      Geburt671

    • 21.3.3

      Wochenbett671

Grundlagen

Einführung

Psychische/psychosomatische ProblemeDie heutige, weitgehend somatisch geprägte Medizin tendiert zur Betrachtung der Pat. als Summe ihrer somatischen Probleme. Psychische u. soziale Einflüsse auf körperliche Erkr. werden von vielen Ärzten u. großen Teilen der Bevölkerung als nebensächlich o. unbegründet abgetan. Deshalb sollten mögliche psychische o. psychosomatische Ursachen von Beschwerden immer mit äußerster Behutsamkeit angesprochen werden, um eine Stigmatisierung zu vermeiden.

Fassbare körperliche Ursachen von gyn. Beschwerden dürfen nicht übersehen werden. Andererseits muss bei psychosomatischen Erkr. möglichst frühzeitig eine entsprechende Diagn. u. Ther. eingeleitet werden, um eine Chronifizierung mit gestörtem Arzt-Pat.-Verhältnis, häufigem Arztwechsel u. unbefriedigendem Behandlungsverlauf zu vermeiden.

Begriffsdefinitionen

  • KonversionKonversion: unbewusste Abwehr u. Umwandlung von konflikthaften Triebwünschen (z. B. Sexualität, Angst, Wut, Aggression) in körperliche Symptome. Häufig assoziiert mit Unterbauchschmerzen, Vaginismus.

  • Larvierte DepressionLarvierte DepressionDepression: Körperliche Symptome (häufig Schmerzen) stehen im Vordergrund einer endogenen Depression. Meist sind zusätzlich Ängste, Antriebsstörung o. traurige Verstimmungen erkennbar.

  • Burnout-SyndromBurnout-Syndrom: Zustand emotionaler Erschöpfung u. reduzierter Leistungsfähigkeit. Pat. fühlt sich ausgebrannt, schwach, lustlos, Fehlen von Erholungsmöglichkeiten. Bes. betroffen sind Menschen in sozialen Berufen, Krankenschwestern, Ärzte, Lehrer, die neben ihrer hohen Leistung auch persönliches Engagement einbringen. Form einer Depression. Unbehandelt mit erhöhtem Suizidrisiko.

  • SimulationSimulation: absichtliches Vortäuschen nicht vorhandener Symptome. Dient meist dem Erreichen eines sek. Krankheitsgewinns (z. B. Krankenhausaufenthalt, Pat. wird von allen gepflegt, erfährt mehr Zuwendung; Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, Rentenbegehren).

  • PsychosenPsychosen: Erkr. mit erheblicher Beeinträchtigung der psychischen Funktionen. Man unterteilt die Psychosen ätiologisch in:

    • Organisch: z. B. nach Trauma, Inf., Stoffwechselerkr., durch Alkohol, Drogen

    • Endogen: z. B. Schizophrenie, schwere Affektstörungen, endogene Depression

    • Paranoid: mit Wahnerscheinungen im Vordergrund

    • Reaktiv: können kürzlich vorausgegangenem Erlebnis zugeschrieben werden

    • Zykloid: phasisch verlaufende endogene Psychose

  • Neurose:Neurosen Symptome sind Ausdruck eines in der Kindheitsentwicklung verwurzelten seelischen Konflikts (z. B. Angst-, Zwangs-, Konversionsneurose).

Hinweise auf psychosomatische Krankheitsursachen

  • Krankheitsursachen, psychosomatischeEine somatische Ursache lässt sich nicht finden o. erklärt die Beschwerden nur unzureichend.

  • Wechselnde Untersuchungsbefunde bei unterschiedlichen Untersuchern o. im zeitlichen Verlauf.

  • Lange Krankheitsgeschichte. Cave: Umkehrschluss möglich, d. h., somatische Ursache wird lange Zeit auf Psyche geschoben.

  • Therapieresistenz o. plötzliches Verschwinden der Beschwerden ohne Ther.

  • Psychovegetative Begleiterkr. (z. B. Schlafstörungen, Schweißausbrüche, Herzbeschwerden).

  • Suggestibilität. Cave: Unsicherheit der Pat. kann Suggestibilität vortäuschen.

  • Belastende Familienanamnese, aktuell schwierige Lebenssituation.

  • Zusätzliche psychische Beschwerden (Ängste, Zwänge, Depressionen, innere Unruhe).

  • Beschwerden stehen in zeitlichem Zusammenhang mit Hintergrundkonflikten (Partnerschaft, Familie, Sexualität, Beruf).

  • Häufiger Arztwechsel.

Gesprächsführung

ZielsetzungZiel des Gesprächsführung, psychische/psychosomatische ProblemeErstgesprächErstgesprächs ist es, ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt-Patient-VerhältnisGesprächsführungArzt u. Pat. aufzubauen. Hierzu ist eine störungsfreie Gesprächssituation ohne Zeitdruck absolut notwendig. Zunächst sollte der Arzt eine abwartende, zuhörende Haltung einnehmen. In weitere Gespräche ggf. den Partner einbeziehen.
Prinzipien
  • Med. Fachvokabular unbedingt vermeiden (wirkt dominierend u. distanzierend).

  • Offene Fragen allg. Art stellen, Zurückhaltung bei gezieltem Erfragen pathognomonischer Symptome (z. B. „Erzählen Sie doch erst einmal mit eigenen Worten, welche Probleme Sie hergeführt haben“).

  • Wertende Äußerungen vermeiden (auch nonverbaler Art; z. B. Hochziehen der Augenbrauen, Mimik).

  • Bei ausweichenden Antworten möglichst nicht gleich konkret nachfragen, sondern zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal auf das Thema zurückkommen.

  • Begriffe wie psychisch, psychosomatisch genau erklären, um keine Stigmatisierung hervorzurufen. Oft sind diese Begriffe für die Pat. sehr neg. besetzt (Simulation, geistige Behinderung). Wörter wie „seelische Belastung“ o. „Traurigkeit“ verwenden.

  • Pausen als Mittel der Gesprächsführung nutzen. Die meisten Menschen fangen nach einer Gesprächspause aus eigenem Antrieb wieder zu reden an.

  • Keine Krankheitsbilder in die Pat. „hineindiagnostizieren“. Dies ruft Ohnmachtsgefühle hervor, unter denen die Pat. sowieso schon leidet.

  • Interaktionsverhalten in der Arzt-Pat.-Beziehung beachten. (Welche Wünsche u. Bedürfnisse traut sich die Pat. evtl. nicht zu artikulieren o. sind ihr selbst nicht bewusst?)

  • Einfühlendes Verständnis zeigen u. die eigene Emotionalität zur Konfliktbewältigung benutzen (z. B. durch Sätze wie „Das kann ich gut verstehen“ o. „In Ihrer Situation würde ich mich aber ähnlich fühlen“). Cave: Eigenes „Coming-out“ selten einsetzen, wirkt sonst aufgesetzt u. wird nicht akzeptiert.

  • Keine zu frühe Konfrontation bzgl. der Psychogenese, dies führt häufig zu einer Befundverschlechterung.

Vorgehen
  • Art, Ausmaß, Entwicklung u. mögliche Ursachen der Beschwerden klären (z. B. „Sie haben sich doch sicherlich auch selbst Gedanken über die Beschwerden gemacht. Können Sie sich erklären, womit das Problem zusammenhängen könnte?“).

  • Aktuelle Lebenssituation erfragen; hierbei die Pat. in Ruhe mit ihren eigenen Worten die Umstände schildern lassen.

  • Erstmalige Symptommanifestation sowie damalige soziale u. psychische Rahmensituation erfragen (Partnerschaft, Beruf, Familie).

  • Eigenverantwortlichkeit der Pat. stärken (Frage nach dem subjektiven Krankheitsverständnis, z. B. „Wie könnten wir das Problem denn Ihrer Meinung nach gemeinsam angehen?“).

  • Eigene Gefühle genau beobachten u. in Bezug auf die Pat. reflektieren. Bei Antipathie o. dem Gefühl der Überforderung von Folgegesprächen eher Abstand nehmen.

  • Weitere notwendige Schritte konkret vereinbaren (Termin bei Psychiater, Psychotherapeuten, -somatiker, Erziehungsberatung), da meist Schwellenangst.

Gynäkologie

Anorexia nervosa

DefinitionErnstes Krankheitsbild, bei dem durch restriktives EssstörungenAnorexia nervosaEssverhalten u. a. Verhaltensweisen ein Gewichtsverlust selbst herbeigeführt u. das Untergewicht willentlich aufrechterhalten o. verstärkt wird. KG mind. 15 %. unter dem für Geschlecht, Größe u. Alter zu erwartenden Gewicht, bei Erw. BMI < 17,5 kg/m2. Bei Kindern u. Jgl. Unterschreiten der 10. Altersperzentile. Trotz bestehenden Untergewichts Angst, zu dick zu sein u./o. ausgeprägtes Bestreben nach „Schlankheit“. Um KG zu reduzieren, wird die Nahrungszufuhr eingeschränkt (Vermeidung von Fetten bzw. Kohlenhydraten). Evtl. exzessive sportliche Betätigung, selbstinduziertes Erbrechen o. Abführmittelmissbrauch.
Klinik
  • Magersucht bis zur Kachexie bei Nahrungsverweigerung, häufig komb. mit provoziertem Erbrechen, abwegige Appetitgelüste mit bulimischen BulimiePhasen

  • Obstipation, oft Gebrauch von Abführmitteln (→ Gefahr der Hypokaliämie)

  • Hypotonie, evtl. orthostatische Dysregulation

  • Amenorrhö, oft prim., Pubes u. Mammae häufig nur schwach entwickelt, ansonsten unauffälliges äußeres Genitale

  • Psychischer Befund meist mit Verleugnung des Krankheitsbildes („heile Welt“); es bestehen jedoch häufig verdeckte Beziehungsprobleme (Eltern, evtl. auch Geschwister, selten Partner), sehr leistungsbereite Mädchen, oft mit hohen ethisch-moralischen Ansprüchen

Diagnostik
  • Primärdiagn. durch Kinder- u. Jugendpsychiater o. geschulten Frauenarzt:

    • Körpergröße u. Körpergewicht (Bewertung mithilfe des BMI o. mit Perzentilenkurven bei Jgl.)

    • Blutdruck u. Puls

  • Zur Abschätzung der vitalen Gefährdung:

    • Körpertemperatur

    • Inspektion der Körperperipherie (Durchblutung, Ödeme)

    • Auskultation des Herzens, Orthostasetest

    • EKG

  • Labor: BB, Harnstoff, E’lyte, Krea, Leberwerte, Blutglukose, Urinstatus, FSH u. LH normal bis leicht ↓, E2 < 30 µg/l, Albumin (Unterernährung)

  • DD: sicherer Ausschluss organischer Erkr. (z. B. konsumierende Tumoren, Hirntumoren, Hyperthyreose, M. Addison, GIT-Affektionen, Psychosen anderer Genese mit Anorexie als Begleitsy.)

TherapieBehandlungsoptionen: stat., teilstat./tagesklin. u. amb. Setting.
  • Diät: diätetische Behandlung mit ausreichender Kalorien- u. Eiweißzufuhr, notfalls Sondenernährung

  • Psychother. nach Stabilisierung o. Besserung des körperlichen Verfalls

  • Hormonsubstitution: z. B. Femoston® 1/10 über mind. 3–6 Mon., dann Auslassversuch

  • Ther. entsprechend der S3-Leitlinie Essstörungen, Diagnostik u. Therapie, Stand: 2010 (www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-026.html)

Zyklusstörungen und Unterbauchbeschwerden

ÄtiologieZyklusstörungen, psychosomatischeUnterbauchbeschwerdenPelveopathia spastica/vegetativaNeben den rein somatischen Ursachen (z. B. für irreguläre Blutungen, 15.1.1) sind psychische u. psychosomatische Ursachen häufig: z. B. chron. Überforderung o. Überlastung in Beruf o. Haushalt, Eheprobleme, Probleme mit der Rollenidentifikation als Frau, allg. psychovegetative Erschöpfung.
KlinikNeurovegetative Beschwerden in Form von spastischen Muskelkontraktionen, irregulären Blutungen u. Hypersekretion der Zervix werden auch als Pelveopathia vegetativa o. Pelveopathia spastica bezeichnet. Auftreten i. d. R. während der Geschlechtsreife mit Altersgipfel bei etwa 30 J.
Diagnostik
  • Psychosomatische Klärung v. a. bei Komb. mit chron. Unterbauchschmerzen ohne fassbare Organveränderungen erwägen

  • Schmerzkalender führen

  • Mögliche DD ausschließen:

    • Leukozyten, BSG, CRP, Temp. ↑ → Adnexitis (16.4)

    • Schmerzmaximum prämenstruell → Endometriose (15.4.4)

    • Hypermenorrhö, Dysmenorrhö → Myome (15.4.1)

Therapie
  • Zunächst somatische Ursachen ausschließen; bei Unterbauchschmerzen ggf. diagn. Laparoskopie, bei Zyklusstörung ggf. Hormonanalyse, diagn. Hysteroskopie u. fraktionierte Abrasio durchführen

  • Eine deutliche Besserung der Symptome ist oft schon durch die Aufklärung über die Ursache der Beschwerden möglich (Befreiung von der Angst vor schweren Erkr.). Psychosomatisch orientiertes Gespräch anbieten

  • Die oft wünschenswerte Veränderung der ursächlichen Lebensumstände ist meist nicht o. nicht sofort möglich. In diesen Fällen eine sympt. medikamentöse Ther. (z. B. Buscopan®, Ibuprofen) u./o. eine Psycho- o. Verhaltensther. anstreben

  • Evtl. eine Kur o. einen Urlaub mit Trennung von Familie o. Beruf anstreben, ggf. Arbeitsplatzwechsel

  • Ggf. Selbsthilfegruppen in die Ther. einbeziehen, balneolog. physikalische Ther., Antidepressiva

Prämenstruelles Syndrom (PMS)

DefinitionPrämenstruelles SyndromPMS (prämenstruelles Syndrom)In jedem Monatszyklus auftretendes komplexes Beschwerdebild bei Frauen, das 4 d bis 2 Wo. vor dem Eintreten der Regelblutung einsetzt. Bis zu 8 %. der Frauen mit bes. starker Form (prämenstruelle dysphorische Störung, PMDS), mit Behinderungen von Arbeitsumfeld u. sozialen Kontakten.
ÄtiologieNicht eindeutig geklärt. Hormonelle Ursachen (Progesteronmangel, Schilddrüsenunterfunktion) können nur bedingt verantwortlich gemacht werden. Bei vielen Frauen spielen psychosoziale Schwierigkeiten (Partnerkonflikte, familiäre Probleme, berufliche Überlastung) o. psychiatrische Probleme (manisch-depressive Verstimmung, Angstzustände) eine Rolle. Auch diese sind jedoch nicht ausschließlich verantwortlich.
Klinik
  • Psychische Symptome: Müdigkeit, Reizbarkeit, labiler Gemütszustand, Hypersensibilität u. Konzentrationsprobleme, Antriebslosigkeit, Hyperaktivität, Ruhelosigkeit, Depressionen o. manische Phasen, Angstzustände, Aggressivität, grundloses Weinen/Lachen, vermindertes Selbstwertgefühl

  • Somatische Symptome: z. B. Blähungen, Empfindlichkeit der Brust, Blutungsstörungen, Akne, Appetitveränderungen (Heißhunger, Appetitverlust), Kopfschmerzen, Gewichtszunahme durch Wasseransammlungen im Gewebe, Hautveränderungen, Übelkeit u. Kreislaufbeschwerden, Durchfall, Krämpfe im Unterbauch, Rückenschmerzen, erhöhte Sensibilität auf Reize (Licht, Berührung, Lärm, Geruch, Zeit- u. Arbeitsdruck), Schmerzen im Bereich der Geschlechtsorgane u. im kleinen Becken beim GV (Dyspareunie, psychosomatisch bedingteDyspareunien)

Psychisch-emotionale u. physische prämenstruelle Veränderungen sind häufig (ca. 80 % d. F. in der Geschlechtsreife).

TherapieMeist sympt. mit einer Komb. aus körperlicher Aktivität u. Medikamenten:
  • Regelmäßige körperliche Aktivität.

  • Drospirenon- o. desogestrelhaltige OH (18.5).

  • Akupunktur scheint gute Erfolge zu versprechen.

  • Bei Erfolglosigkeit obiger Maßnahmen u. deutlicher Ödembildung kann Spironolacton (z. B. Aldactone®) o. Alprazolam 3 × 0,5 mg/d p. o. (z. B. Tafil®) als Psychopharmakon eingesetzt werden.

Diätetische Maßnahmen (Koffein u. Schokolade meiden, mehr ungesättigte Fettsäuren zu sich nehmen) haben nur sehr begrenzten Erfolg. Yamswurzel-Extrakte wurden erfolgreich eingesetzt.

Sterilität

Siehe auch 17.Sterilität
ÄtiologieAm häufigsten sind hypothalamisch-hypophysäre Störungen (17.4.3) u. Störungen des Sexuallebens. Wahrscheinlich sind die meisten ungeklärten Sterilitätsursachen dem Tubenfaktor zuzuordnen (z. B. Eiauffang- u. Eitransportmechanismus, intratubare Spermien-AK).
Die psychischen u. psychosomatischen Ursachen der Sterilität werden wahrscheinlich in ihrer Bedeutung derzeit überschätzt. Eine intensive Sterilitätsdiagn. u. -ther. kann sich jedoch früher o. später neg. auf das psychische Wohlbefinden des Paares auswirken u. dann selbst zur Sterilitätsursache werden.
Psychische Probleme bei SterilitätSterilitätpsychische Ursachen
  • Extreme zeitliche Beanspruchung der Frau durch Sterilitätsbehandlung

  • Dauernder Wechsel zwischen Hoffnung auf eine Schwangerschaft u. Enttäuschung bei Einsetzen der Menstruation

  • Sexualität wird nur noch als Mittel zur Konzeption gesehen

  • Normales, spontanes Sexualleben kaum noch praktiziert („Sex auf Kommando“), obwohl in früher Follikelphase u. in Lutealphase uneingeschränkt möglich

  • Kinderwunsch wird zum zentralen u. alleinigen Thema in der Partnerschaft

  • Probleme des Rollenverständnisses u. der Akzeptanz der Frau durch Reduktion auf die generative Funktion

  • Minderung des Selbstwertgefühls der Frau durch „Misserfolge“

  • Schuldgefühl des Mannes bei androlog. Sterilitätsursache (erheblicher Therapieaufwand für die Frau bis hin zur ICSI, 17.5.3)

SterilitätsbehandlungSterilitätTherapieDer Umgang mit diesen Problemen erfordert eine ausgeprägte Sensibilität aller Beteiligten. Vor Beginn einer umfangreichen Sterilitätsther. (z. B. Stimulationszyklen):
  • Mit dem Paar die Motivation für die aufwendige Behandlung besprechen. Die Partner sollten v. a. klären, warum sie Kinder haben wollen u. wie ein Weiterleben auch ohne Kinder aussehen könnte.

  • Unbedingt auf die evtl. auftretenden psychischen Probleme hinweisen. Ein Verharmlosen der anstehenden Schwierigkeiten hilft nicht.

Während der Behandlung:
  • Vor Beginn einer weiteren, invasiveren Therapiestufe jeweils erneut auf Chancen u. Risiken hinweisen.

  • Bei „Misserfolgen“ möglichst mit dem Paar u. nicht mit der Frau allein ein einfühlsames Gespräch suchen, wobei emotionale Nähe u. Mitfühlen meist mehr helfen als sachlich-med. Erklärungen.

  • Zur psychischen Stabilisierung hat sich eine Therapiepause („Verschnaufpause“) nach spätestens 9–12 Mon. o. vor Beginn einer intensiveren Stufe der Ther. (z. B. vor IVF) über 3–6 Mon. sehr bewährt. Das Paar hat dann Gelegenheit, die Beziehung zueinander zu stabilisieren u. die nächsten anstehenden Schritte mit allen Konsequenzen nochmals zu überdenken.

Klimakterium

Auch 19.1.Klimakteriumpsychische Probleme
KlinikBedingt durch die hormonelle Umstellung (v. a. Wegfall der Östrogene) während der Wechseljahre treten bei vielen Frauen psychische Veränderungen mit einer Tendenz zu depressiven Verstimmungen auf. Außerdem kommt es zum Auftreten neurovegetativer Beschwerden (Schlaflosigkeit, Hitzewallungen, Kopfschmerzen, Herzklopfen). Der Hormonabfall wird häufig als Ausfallsymptomatik empfunden. Bei ca. ⅓ der Frauen treten starke vasomotorische Beschwerden auf, bei einer Vielzahl eine urogenitale Symptomatik.
Erschwerende Faktoren
  • Angst vor dem Älterwerden

  • Evtl. nachlassende Libido, gleichzeitig beginnende Atrophie im Genitalbereich mit Kohabitationsbeschwerden; Angst vor mangelnder Attraktivität für den Sexualpartner

  • Wegfall der Ovarialfunktion u. Ausbleiben der Regelblutung führt zur Änderung des Rollenbilds als Frau

  • Häufig gleichzeitige Lösung der Kinder vom Elternhaus

  • Evtl. Tabuisierung des Themas („darüber spricht man nicht“)

TherapieBei stärkerer psychischer u./o. somatogener Symptomatik sollte der Pat. eine endokrine Ther. (perkutane Estradiol-Substitution plus natürliches Gestagen [Utrogest®]) angeboten werden. Bei Schlafstörungen zusätzlich eine abendliche Gestagensubstitution (200–400 mg Progesteron, z. B. 2–4 Kps. Utrogest® 1–2 Kps./d o. Femenita® 200 1 Kps./d).
Neben der medikamentösen Ther. (19.1.3, 19.2), v. a. der hormonellen Substitution, sollte die Frau zunächst über die Reversibilität der körperlichen Symptome aufgeklärt werden. Evtl. ist auch hier ein einfühlsames Gespräch im Beisein des Partners hilfreich. In Ausnahmefällen Einleitung einer psychother. Behandlung im Sinne einer Verhaltensther. Echte neurotische Störungen treten in dieser Altersgruppe extrem selten auf; hier muss eine fachärztlich-psychiatrische Behandlung erfolgen.

Geburtshilfe

Psychische Probleme in der Gravidität

Der Eintritt einer Grav. bedeutet für nahezu jede Frau zunächst eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle. Hieraus kann sich zum einen eine Veränderung in der Partnerbeziehung ergeben, zum anderen machen die meisten Schwangeren eine Phase der ambivalenten o. ablehnenden Haltung ggü. dem Ungeborenen durch, die wiederum zu Schuldgefühlen führen kann. Diese Prozesse können für die Frau mehr o. weniger bewusst ablaufen.

Klinik
  • Hyperemesis gravidarum (5.8.1)

  • Partnerkonflikte

  • Angst vor kindlichen Fehlbildungen

  • Ablehnung der Schwangerschaft, Angst vor körperlicher Veränderung (Verlust des Schönheitsideals)

  • Abnahme der Libido, Neigung zu depressiven Verstimmungen

  • Extreme, auch kurzfristige Stimmungsschwankungen, evtl. Manifestation einer larvierten DepressionDepressionSchwangerschaftLarvierte Depression

  • Vorzeitige Wehentätigkeit

TherapieHäufig reichen die Erklärung der Harmlosigkeit der Symptome u. der Hinweis auf die Tatsache, dass fast alle Schwangeren ähnliche Probleme haben, aus. Evtl. können häufigere Sono-Kontrollen zur Beruhigung beitragen (cave: wird von den Krankenkassen nicht finanziert!). Medikamentöse Ther. außer bei Hyperemesis gravidarum selten notwendig, Antidepressiva nur nach Vorstellung der Pat. bei einem Psychiater u. dann auch nur sehr zurückhaltend.
Vorzeitige Wehentätigkeit zunächst medikamentös behandeln (5.11). Durch Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bzw. stat. Aufnahme wird die Pat. häufig ihrem akuten Problemfeld entzogen.

Geburt

Siehe auch 8.Geburtpsychische Probleme
Die Geburt stellt für die Frau, aber auch für den Partner in körperlicher wie in psychischer Hinsicht eine extreme Ausnahmesituation dar. Neben der Angst vor Geburtsablauf u. Schmerzen sowie dem evtl. Verlust der Selbstkontrolle spielen bei vielen Frauen auch unbewusste Ängste vor einer Fehlbildung o. einer Schädigung des Kindes unter der Geburt eine wesentliche Rolle. Außerdem ist nach der Geburt die familiäre Situation völlig verändert, was zu Partnerkonflikten führen kann. Die psychischen Konflikte der Frau können sich sehr unterschiedlich äußern (von völligem Rückzug bis zu offener Aggression, z. B. ggü. Partner o. Hebamme).
Prophylaktische und unterstützende Maßnahmen
  • Einfühlsame Betreuung vor u. unter der Geburt, ruhige, ausgeglichene, familiäre Atmosphäre im Kreißsaal schaffen

  • Ausreichende Geburtsvorbereitung mit Erklärung der physiolog. Abläufe. Bewusste Einbeziehung des Partners o. der Vertrauensperson in den Geburtsablauf, alle notwendigen Maßnahmen erklären u. mit der Frau/dem Paar besprechen

  • Ausreichende Analgesie unter der Geburt (8.4)

  • Auf Wünsche der Frau unter der Geburt, soweit vertretbar, eingehen

  • Betreuung der Frau durch dieselben Personen während der Geburt (im Schichtdienst häufig problematisch)

  • Emotionale Nähe aufbauen u. zeigen

Wochenbett

Siehe auch 10. Tab. 21.1.Wochenbettpsychische Probleme

Psychische Probleme in Grav. u. Wochenbett sind meist depressiver Natur, die sich in unterschiedliche Krankheitsbilder unterteilen. Häufig manifestieren sich diese erst nach Entlassung von der Entbindungsstation.

ÄtiologieSchizophrenie, postpartaleDie Ursache der postpartalen psychischen Störungen ist auch heute noch ungeklärt. Vielfach werden die reduzierten Östrogen- u. Progesteron- sowie der Tryptophan-Serumspiegel nach Geburt der Plazenta als Auslöser vermutet. Dies ist wahrscheinlich aber nur für den Maternity Maternity BluesBlues gültig. ProlaktinProlaktin scheint ebenfalls eine auslösende o. verstärkende Rolle (v. a. bei Manien u. manisch-depressiven Psychosen) zu spielen; es gibt Berichte über einen pos. ther. Effekt mit BromocriptinBromocriptin. Familien- u. Zwillingsstudien unterstützen die These, dass eine genetische Disposition sowohl bei der manisch-depressiven als auch bei der schweren depressiven PuerperalpsychosePuerperalpsychose besteht.

Bei einem geringen Anteil psychotischer Pat. tritt eine Schizophrenie auf; diese hat aber bei Erstmanifestation als postpartale Schizophrenie, postpartaleSchizophrenie eine bessere Prognose als unabhängig vom Wochenbett.

FrüherkennungFür den Verlauf wichtig ist die frühzeitige Erkennung psychischer Probleme. Gerade hierbei kommt dem nachbetreuenden Gynäkologen und v. a. den Hebammen eine wichtige Rolle zu, denn häufig entwickeln sich die PuerperalpsychosePuerperalpsychose u. die postpartale NeuroseNeurosenpostpartale erst nach der stat. Entlassung. Deshalb sollte gerade bei der Wochenbettabschlussuntersuchung nach 4–6 Wo. das psychische Wohlbefinden erfragt werden. Wegen des hohen Suizidrisikos sollte ein Psychiater lieber einmal zu viel als einmal zu wenig konsultiert werden.
Nicht zu unterschätzen ist die Rolle des Pädiaters. Er sollte der Mutter auf jeden Fall das Gefühl der mütterlichen Kompetenz vermitteln u. bei Problemen der Mutter-Kind-Beziehung frühzeitig an ein psychisches Problem denken.
Bei Unklarheit über die Ursache einer mütterlichen depressiven Verstimmung o. Anzeichen einer Ambivalenz der Mutter ggü. dem Kind sollte(n) auf jeden Fall die Krankenhausentlassung verzögert u. entsprechende Maßnahmen (psychiatrisches Konsil, Sozialdienst, evtl. Jugendamt) eingeleitet werden.

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