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B978-3-437-26914-1.00010-1

10.1016/B978-3-437-26914-1.00010-1

978-3-437-26914-1

Verbale Rangskala

[L157]

Numerische Rangskala

[V174]

Schmerzeinschätzung und -therapie

Thomas Bauer

(Vorauflage: Thomas Fischer)
  • 10.1

    Schmerzen bei Intensivpatienten564

  • 10.2

    Einschätzung von Schmerzen (Schmerzassessment)564

    • 10.2.1

      Schmerzeinschätzung beim wachen Patienten565

    • 10.2.2

      Schmerzeinschätzung bei sedierten, komatösen oder deliranten Patienten567

  • 10.3

    Dokumentation des Schmerzassessments568

  • 10.4

    Pflegerische Aufgaben in der medikamentösen Therapie568

  • 10.5

    Nichtmedikamentöse Verfahren der Schmerztherapie570

  • 10.6

    Patientenedukation572

Schmerzen bei Intensivpatienten

Der Aufenthalt auf einer Intensivstation ist für viele Patienten aufgrund ihrer Erkrankung aber auch durch diagnostische und therapeutische Maßnahmen oftmals mit Schmerzen verbunden (DGAI/DIVI 2010; Puntillo 1990; Kwekkeboom, Herr 2001). Etwa 75 % der intensivpflichtigen Patienten berichten über starke bis stärkste Schmerzen während ihrer Behandlung, dagegen halten über 80 % der Behandelnden die Schmerztherapie für adäquat (DGAI/DIVI 2010).
Schmerzauslöser können dabei einerseits die Erkrankung selbst, andererseits auch pflegerische oder medizinische Interventionen wie das endotracheale Absaugen, Manipulationen an Wunden oder auch durchgeführte Bewegungen sein (Saur, Gatzert, Kettler 2004).
Das Erleben von Schmerzen hat Auswirkung auf das physische, psychische und auch das soziale Befinden von Patienten. Die negativen Auswirkungen von nicht oder nicht ausreichend gelinderten Schmerzen reichen von momentanen Belastungen und Beeinträchtigungen der Lebensqualität bis zu lang andauernden Einschränkungen der Qualität der gesamten Lebenssituation. Weiterhin haben Schmerzereignisse erheblichen Einfluss auf Heilungs- oder Genesungsprozesse. Schmerzbedingte Komplikationen können die Leiderfahrung verlängern und bei einer damit einhergehenden Verweildauerverlängerung im Krankenhaus Kosten für das Gesundheitswesen verursachen. Vor allem jedoch formt jede Schmerzerfahrung eines Menschen seine nächste.
Pflegefachkräfte müssen durch ihr Handeln und ihre Interaktionen mit dem an Schmerzen Leidenden Einfluss auf sein Schmerzerleben nehmen und es aktiv und positiv im Sinne des Patienten mitgestalten. Dabei setzt das pflegerische Schmerzmanagement unmittelbar zu Beginn des pflegerischen Auftrags ein. Im Zentrum des pflegerischen Schmerzmanagements steht die Wahrnehmung von Anzeichen und typischen Risikofaktoren für Schmerz. Dabei muss davon ausgegangen werden, dass nicht alle an Schmerz leidenden Patienten diese Empfindung unmittelbar zu äußern in der Lage sind (DNQP 2011).
Schmerzen sind ein subjektives Phänomen, das sich nicht objektiv messen lässt. Daher steht die Selbstauskunft des Patienten immer im Mittelpunkt.

Schmerzen sind das, was der Betroffene über Schmerzen mitteilt, sie sind vorhanden, wenn der Betroffene sagt, dass er Schmerzen hat (McCaffery 1968).

Einschätzung von Schmerzen (Schmerzassessment)

Das Erkennen und die Einschätzung von Schmerzen bilden die Grundlage der gesamten Schmerztherapie. Bei Patienten, die keine Auskunft geben können, weil sie z. B. sediert sind oder ein Delir-Syndrom haben, sind ein besonderes Vorgehen und hohe Aufmerksamkeit gefordert. Schmerzassessment

Grundsätze

  • Eine systematische Schmerzeinschätzung ist Voraussetzung für ein erfolgreiches und effektives multiprofessionelles Schmerzmanagement

  • Selbsteinschätzung hat grundsätzlich Vorrang vor Fremdeinschätzung

  • Ist eine Selbsteinschätzung des Patienten nicht möglich, ist eine Fremdeinschätzung durch die primäre Bezugsperson oder Pflegefachkraft angezeigt. Dazu benötigt die Pflegefachkraft ein aktuelles Wissen über altersentsprechende Kommunikationsformen, Schmerzanzeichen nonverbaler und verbaler Art, Risikofaktoren für Schmerz und die situationsspezifische Wahrscheinlichkeit des Auftretens und eine Auswahl an zielgruppenspezifischer Einschätzungsinstrumente (DNQP 2011).

Prinzipien bei der Schmerzeinschätzung
  • Die situationsspezifische und zielgruppenorientierte Informationssammlung über den Schmerz stellt die Grundvoraussetzung für ein systematisches und effektives Schmerzmanagement dar

  • Zu Beginn des pflegerischen Auftrags wird mittels eines initialen Assessments erhoben, ob der Patient zu erwartende Schmerzen, Schmerzen oder schmerzbedingte Probleme hat

  • Ist dies nicht der Fall, wird die Einschätzung in individuell festzulegenden Zeitabständen wiederholt, jedoch mindestens einmal pro Schicht (alle 8 Stunden)

  • Bei zu erwartenden Schmerzen, festgestellten Schmerzen oder schmerzbedingten Problemen wird ein differenziertes Schmerzassessment mittels geeigneter Instrumente durchgeführt

  • Die Einschätzung des Schmerzes sowie der schmerzbedingten Probleme wird in Ruhe und bei Belastung oder Bewegung durchgeführt (DNQP 2011).

Schmerzeinschätzung beim wachen Patienten

Optimaler Standard für ein effektives multiprofessionelles Schmerzmanagement ist die individuelle Einschätzung durch den Patienten selbst, mittels folgender Instrumente zur Schmerzeinschätzung.
Instrumente zur Schmerzeinschätzung
Numerische Rangskala (NRS)
  • SchmerzskalenNumerische RangskalaNRSBei der numerischen Rangskala (NRS) (Abb. 10.1) handelt es sich um eine elfteilige Skala mit Zahlen von 0–10

  • Die Zahl „0“ steht für keinen Schmerz, die Zahl „10“ für den stärksten Schmerz, den der Patient sich vorstellen kann

  • Der Patient wird aufgefordert, die Stärke seiner Schmerzen durch einen entsprechenden Zahlenwert auszudrücken, entweder verbal oder durch Fingerzeig auf die Skala

  • Dieser Wert wird dann dokumentiert und entsprechende Maßnahmen werden eingeleitet

  • Eine Intervention hat ab einer Schmerzstärke von 3–4 zu erfolgen, solange mit dem Betroffenen keine anderen Ziele verabredet wurden

  • Die Numerische Rangskala (NRS) zeigt eine geringe Fehlerquote und eine hohe Akzeptanz

  • Weiterhin kann die Numerische Rangskala (NRS) als Instrument eingesetzt werden, um eine Schmerzlinderung zu messen.

Verbale Rangskala (VRS)
  • VRSVerbale RangskalaDie verbale Rangskala (VRS Abb. 10.2) ist eine 6-teilige Skala, die dem Patienten zur Darstellung der Schmerzstärke Begriffe anbietet

  • Zur Dokumentation werden den Begriffen Zahlen zugeordnet

  • Eine Intervention hat ab einem Zahlenwert von 2–3 zu erfolgen

  • Diese Form zur Erfassung der Schmerzstärke ist nicht so differenziert wie bei der NRS

  • Die Skala ist gut verständlich, einfach in der Handhabung und für kognitiv leicht eingeschränkte Personen geeignet

  • Die Verbale Rangskala (VRS) ist aber ungeeignet für die Abbildung von Veränderung über einen langen Zeitraum.

Visuelle Analogskala (VAS)
  • Visuelle AnalogskalaVASDie visuelle Analogskala (VAS) besteht aus nur zwei Begriffen (ggf. Smileys): Am linken Rand steht „kein Schmerz“ (lachender Smiley), am rechten Rand „stärkster vorstellbarer Schmerz“ (weinender Smiley)

  • Der Patient kann durch das Verstellen eines Schiebers zur einen oder anderen Seite die Stärke seiner Schmerzen ausdrücken. Dabei sollte die Skala vertikal gehalten werden

  • Auf der Rückseite der Skala befindet sich eine numerische Rangskala von 0–10, anhand deren die Schmerzstärke analog der Position des Schiebers abgelesen und dokumentiert werden kann.

Gesichterskala (Faces Pain Scale Revised – FPS-R)
  • GesichterskalaFaces Pain Scale RevisedDiese Form der Schmerzskala stellt Gesichter mit verschiedenen Abstufungen eines schmerztypischen Gesichtsausdrucks dar

  • Dem Patienten muss erklärt werden, dass er einen Geschichtsausdruck auswählt, der seinem Schmerzempfinden entspricht und nicht dem tatsächlichen Aussehen seines Gesichts

  • Ursprünglich wurde diese Form der Schmerzeinschätzung für die Erfassung der Schmerzstärke bei Kindern entwickelt. Sie wird eingeschränkt aber auch für ältere Patienten empfohlen, wenn diese mit NRS oder VRS nicht zurechtkommen (DIVS 2009; DGAI/DIVI 2010).

Schmerzeinschätzung bei sedierten, komatösen oder deliranten Patienten

Schmerzassessment:sedierter/komatöser/deliranter PatientSedierte, komatöse oder delirante Patienten können zu möglichen Schmerzen nicht selbst Auskunft geben. Hinweise auf Schmerzen müssen bei dieser Patientengruppe durch die Beobachtung ihres Verhaltens und der Veränderung physiologischer Parameter unter Zuhilfenahme von speziellen Skalen erfasst werden. Auch diese Patienten versuchen mitunter, sich verständlich zu machen, ihre Signale werden aber oft nicht verstanden (Puntillo 1990). Solch eine Erfahrung ist für die Patienten traumatisierend (Blenkharn, Faughnan, Morgan 2002). Sie bleibt dem einzelnen Patienten präsent und gerät nicht, wie häufig angenommen, in Vergessenheit.
Fremdeinschätzung von Schmerzen
  • Schmerzen:FremdeinschätzungSchmerzassessment:FremdeinschätzungZur Einschätzung der Schmerzen von sedierten Patienten wird die Behavioral Pain ScaleBehavioral Pain Scale (BPS/Verhaltensbezogene Schmerzskala) empfohlen (DGAI/DIVI 2010; DIVS 2009). Sie berücksichtigt die Parameter Gesichtsausdruck, Bewegung der oberen Extremitäten und Adaptation an das Beatmungsgerät. Der Summenscore der Skala kann dabei zwischen 3 (keine Schmerzen) und 12 (maximale Ausprägung des Schmerzverhaltens) liegen

  • Ein weiteres Instrument zur Schmerzerfassung ist das „Zurich Observation Pain Assessment“ (ZOPA©)ZOPA (Schmerzerfassungsinstrument). Bei diesem Fremdeinschätzungsinstrument werden vier Verhaltenskategorien (Lautäußerung, Gesichtsausdruck, Körpersprache und physiologische Indikatoren), die 13 Verhaltensmerkmale (z. B. stöhnende Laute, Ruhelosigkeit, Vitalzeichenveränderung) beinhalten, erfasst. ZOPA© erhebt eindimensional ob Schmerzen vorhanden sind, nimmt dabei aber keine Gewichtung der Verhaltensmerkmale vor. Dadurch ist keine Aussage zur Schmerzintensität möglich

  • Bewegung, Mimik und physiologische Parameter, wie Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz, sollen herangezogen werden, um zu einer Einschätzung möglicher Schmerzen bei Patienten zu gelangen, die keine Auskunft geben können (DGAI/DIVI 2010). Insbesondere Veränderungen dieser Parameter nach einer schmerztherapeutischen Intervention können als Anhaltspunkt für die Bewertung des Therapieerfolgs gewertet werden

  • Die Fremdeinschätzung von Schmerzen ist nicht gleichzusetzen mit der Selbstauskunft. Patienten können auch dann unter Schmerzen leiden, wenn sich keine entsprechenden Verhaltensmerkmale zeigen. Bei typischerweise schmerzverursachenden Erkrankungen oder Interventionen sollte davon ausgegangen werden, dass der Patient Schmerzen hat (Herr et al. 2006)

  • Die Fremdeinschätzung wird durch eine regelmäßige, systematische Dokumentation des Sedierungsgrads begleitet, z. B. mittels Richmond Agitation and Sedation Scale (RASS) oder RAMSAY-Sedation-Scale (Tab. 9.1) (DNQP 2011).

Dokumentation des Schmerzassessments

  • Ein Dokumentationssystem muss mindestens die Möglichkeit bieten, ein Schmerzassessment in Ruhe, Belastung und Bewegung mehrmals täglich, aber mindestens einmal pro Schicht (alle 8 Stunden) zu dokumentieren. Nur so kann der Schmerzverlauf dargestellt werden

  • Die Dokumentation muss für alle am Patienten agierenden Personen einsehbar und verständlich sein

  • Standardisierte Formulare für das initiale und differenzierte Assessment sollten entwickelt und benutzt werden

  • Bei einer Ablehnung der Schmerztherapie durch den Patienten wird empfohlen, jede verweigerte Therapie, die Methoden, den Patienten zur Anwendung zu bewegen, und die Begründung des Patienten für die Ablehnung zu dokumentieren (DNQP 2011).

Pflegerische Aufgaben in der medikamentösen Therapie

Medikamentöse Schmerztherapie Kap. 9.1ZOPA (Schmerzerfassungsinstrument)

Aufgaben von Pflegefachkräften im Rahmen der Schmerztherapie (gemäß Krankenpflegegesetz Kap. 1.1.1):

  • Erfassung des Schmerzbehandlungsbedarfs

  • Frühzeitige Information des behandelnden Arztes über festgestellte Schmerzen oder eine veränderte Schmerzsituation

  • Einholen und Umsetzen ärztlicher Anordnung zur Einleitung oder Anpassung einer Schmerztherapie

  • Zeit- und fachgerechte Applikation von Schmerzmitteln

  • Überwachung und Evaluation der medikamentösen Therapie

  • Vorbeugung und Therapie unerwünschter Nebenwirkungen (DNQP 2011)

  • Weitere Grundsätze der medikamentösen Schmerztherapie sind:

    • Erstellung eines individuellen Analgesieplans unter Berücksichtigung der Schmerzursache (DGAI/DIVI 2010; DIVS 2009). Die Schmerztherapie beruht auf der Gabe von Analgetika oder dem Einsatz von Regionalanästhesieverfahren

    • !

      Außerhalb von Studien, keine Anwendung von Placebos (DIVS 2009)

    • !

      Besondere Vorsicht bei Patienten, die nicht oder nur eingeschränkt kommunizieren können, um Analgesiebedarf, Wirkung und Nebenwirkungen frühzeitig und zuverlässig zu erkennen.

Erforderliches Fachwissen
  • Wissen um die Verantwortlichkeit der medikamentösen Schmerztherapie (Vorbereiten, Stellen/Richten und Verteilen von ärztlich angeordneten Medikamenten zur Schmerztherapie)

  • Kenntnis des WHO-Stufenschemas

    • Bei leichten bis mittleren Schmerzen wird die Anwendung von Paracetamol und nichtsteroidalen Antirheumatika empfohlen

    • Bei mittleren bis starken Schmerzen hingegen ist eine Initiale Gabe von Opioiden als Maßnahme anzuwenden

  • Wirkung und Nebenwirkungen von Analgetika und Adjuvanzien

  • Zeitschemata der Schmerzmittelgabe

  • Geeignete Applikationsformen (dem Patienten so viel eigene Kontrolle wie möglich über die Schmerztherapie geben, z. B. orale Medikamente oder PCA)

  • Wissen um schmerztherapeutische Verfahren und deren Umsetzung

    • Patientenkontrollierte Analgesie (PCA)

    • Periduralanalgesie (PDA)

    • Patientenkontrollierte Periduralanalgesie (PCEA).

Schmerzprävention
Potenziell schmerzverursachende Maßnahmen sind oftmals pflegerische Handlungen, wie beispielsweise der Transfer im Bett, die Mobilisation oder das erste Aufstehen nach Operationen. Aber auch geplante diagnostische und therapeutische Maßnahmen können schmerzhaft sein, wie z. B. Verbandwechsel, Punktionen oder endoskopische Eingriffe. Hier müssen präventive Analgesieverfahren eingesetzt werden.
  • Absprachen über den zeitlichen und organisatorischen Verlauf zwischen allen Beteiligten

  • Sind Schmerzen bei Interventionen nicht vermeidbar, rechtzeitig vorab Schmerzmittel geben (ggf. Bolusgabe oder Dosiserhöhung), um Patienten schmerzfrei zu halten. Vorbeugende Analgesie ist besonders bei älteren Menschen wirkungsvoll, auch um das Risiko zu reduzieren opioidindizierte Nebeneffekte zu erleiden

  • Ergänzend nichtmedikamentöse Maßnahmen anwenden, um vor einer potenziell schmerzhaften Prozedur bereits für Schmerzlinderung zu sorgen (Kap. 10.5)

  • Weitere Maßnahmen der pflegerischen Schmerzprophylaxe sind Information, Schulung und Anleitung der Betroffenen (Kap. 10.6) (DNQP 2011).

Erfolgskontrolle bei Analgetikagabe
  • Analgetika:ErfolgskontrolleNach Verabreichung eines Analgetikums erfolgt die Überprüfung der Wirksamkeit durch die betreuende Pflegefachkraft, mittels eines geeigneten Instruments für die Schmerzerfassung

  • Diese Erfolgskontrolle wird nach Durchführung im Verlauf dokumentiert

  • Auf Basis der Erfolgskontrolle ggf. weitere Maßnahmen zur Analgesie einleiten, wenn die bisherige Therapie keinen ausreichenden Erfolg hatte.

Umgang mit Nebenwirkungen
  • Nebenwirkungen (NW) der Analgesie müssen dokumentiert werden (DIVS 2009)

  • Kritische Reflexion der Schmerztherapie bei auftretenden NW (DNQP 2011)

  • Interventionsgrenzen und entsprechende Gegenmaßnahmen im Rahmen des Analgesieplans festlegen und bei Bedarf umsetzen (DIVS 2009)

  • Soweit möglich, frühzeitige Prophylaxe von Nebenwirkungen, z. B. Laxanziengabe bei Opioidtherapie (Kap. 9.1)

  • Frühzeitig Absprachen im Umgang mit Nebenwirkungen innerhalb des multiprofessionellen Teams treffen.

Verfahrensregelung und Algorithmen zur Schmerztherapie
Schmerztherapie:VerfahrensregelungUm eine effektive Schmerztherapie sicherstellen zu können, sollte die jeweilige Abteilung über eine interprofessionell geltende Verfahrensregelung verfügen (DNQP 2011). Festgelegt werden die Aufgaben der einzelnen Berufsgruppen beim Schmerzmanagement sowie Therapieschemata (sog. Algorithmen) für bestimmte Krankheitsbilder/Patientengruppen, einschließlich der Interventionsgrenzen. Der genaue Inhalt ist abhängig von den zu versorgenden Patientengruppen, den vertretenen Fachabteilungen und Kliniken sowie den grundsätzlichen Regelungen zur Übernahme primär ärztlicher Tätigkeiten durch Pflegefachkräfte, z. B. hinsichtlich i. v. Injektion.
Der zentrale Bestandteil der Verfahrensregelung ist das Schmerzschema. Hier wird zielgruppenspezifisch die standardisierte Schmerztherapie für die Patienten, orientiert an der (zu erwartenden) Schmerzintensität, festgelegt. Ein Schmerzschema beinhaltet:
  • Die zu verabreichenden Medikamente

  • Die Dosierungen

  • Die Applikationsarten

  • Die Bedarfsmedikation bei Erreichen der Interventionsgrenzen.

Neben der medikamentösen Schmerztherapie sollte auch eine adjuvante medikamentöse Therapie (z. B. Behandlung von Nebenwirkungen) sowie eine Auswahl von nichtmedikamentösen Maßnahmen (Kap. 10.5) zur Unterstützung der Schmerzbehandlung zielgruppenspezifisch in das Schmerzschema aufgenommen werden (DNQP 2011).
Verfahrensregelungen beschleunigen die Schmerztherapie im Einzelfall, da das jeweilige individuelle Einholen einer ärztlichen Anordnung entfallen kann und Aushandlungsprozesse vermieden werden. Die Einleitung oder Anpassung der Schmerztherapie kann, basierend auf der systematischen Schmerzeinschätzung durch die Pflegenden, schneller erfolgen. Verfahrensregelungen und Algorithmen vergrößern den Handlungsspielraum und Verantwortungsbereich der Pflegenden zum Nutzen des Patienten.

Nichtmedikamentöse Verfahren der Schmerztherapie

Schmerztherapie:nichtmedikamentöse VerfahrenNeben der medikamentösen Therapie stellen nichtmedikamentöse Verfahren eine weitere Möglichkeit der Schmerzbeeinflussung dar. Maßnahmen, wie Ablenkung, Zuwendung und Berührung, beginnen erst allmählich im Verständnis der Pflegenden unter dem Gesichtspunkt der Schmerzlinderung und auch unter forschungsbasierten Aspekten eine Rolle zu spielen. Das Wissen darüber ist zumeist vorhanden, dennoch wird ein möglicher schmerzlindernder Effekt nicht konsequent gemessen, sondern bis heute höchstens vermutet (DNQP 2011). Häufig kommen nichtmedikamentöse Maßnahmen nur selten oder unsystematisch zum Einsatz, obwohl sie einen wichtigen Baustein des pflegerischen Angebots zum Umgang mit Schmerzen darstellen. Auf der Basis vorhandener Erfahrungen und mittels gezielter Fortbildungen soll ihre Anwendung verstärkt werden. Sie sind auch Teil von Verfahrensregelungen zur Schmerztherapie (Kap. 10.4).
Ziele
  • Schmerzreduktion, nur bei wenigen Maßnahmen belegt (DIVS 2009)

  • Steigerung des Wohlbefindens (DNQP 2011)

  • Durchbrechen des Kreislaufs sich gegenseitig verstärkender Beschwerden, die zu Schmerzen führen und umgekehrt, z. B. Verspannung und Durchblutungsstörungen

  • Reduktion von Angst und Wiedererlangung der Kontrolle über die eigenen Schmerzen

  • !

    Nichtmedikamentöse Verfahren können eine medikamentöse Schmerztherapie nicht ersetzen, sondern stellen eine Ergänzung der medikamentösen Schmerztherapie dar.

Herangehensweisen
Pflegefachkräfte nutzen die nichtmedikamentösen Maßnahmen systematisch als Erweiterung der schmerztherapeutischen Maßnahmen. Dazu gehören alltägliche Pflegehandlungen, wie z. B. Bewegung und Mobilisation, Positionswechsel und Druckreduktion, aber auch das Initiieren von Schlaf-Wach-Rhythmen, die Gestaltung des Patientenumfelds und die Reduktion von störenden Ablenkungen (z. B. Unterhaltungen des Personals) aus der Umgebung, können positiven Einfluss auf das Schmerzerleben haben. Weiterhin können Maßnahmen zur Ablenkung oder zur Veränderung der Aufmerksamkeit des Patienten weg vom Schmerz, wie z. B. Gespräche, Fernsehen oder Musik hören, die Schmerzintensität lindern.
Bei spezifischen Maßnahmen wird unterschieden zwischen:
  • Primär peripher wirkenden Maßnahmen, z. B. Kälte- und Wärmetherapie, Massage oder transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)

  • Primär zentral wirkende Maßnahmen, z. B. Ablenkung, Entspannungsübungen, Imaginationen (DNQP 2011).

Weitere Angebote bedürfen ausgebildeter Spezialisten, z. B. im Fall der Akupunktur, der Transkutanen Elektrische Nervenstimulation (TENS) und der speziellen Physiotherapie (DIVS 2009). Spezielle Bewegungskonzepte, z. B. das Aktivitas-Konzept® oder Kinaesthetics® (Kap. 3.6.2), können sich ebenfalls schmerzreduzierend auswirken.

Grundsätze

  • !

    Selbst bei scheinbar harmlosen Anwendungen, z. B. bei der Wärme- oder Kältegabe, gibt es Kontraindikationen, die bekannt sein müssen, um Komplikationen zu vermeiden

  • Nichtmedikamentöse Maßnahmen sind nach Abstimmung im therapeutischen Team in den Pflege- und Analgesieplan aufzunehmen. Maßnahmen sind in der Regel nicht einer bestimmten Berufsgruppe vorbehalten, sondern müssen untereinander abgestimmt werden

  • Nur Maßnahmen anwenden, deren Indikationen und Kontraindikationen vertraut sind

  • Die Wirkdauer ist sehr unterschiedlich und teils primär nur auf den Zeitraum der Anwendung begrenzt (etwa Wärme-/Kälteanwendung)

  • Maßnahmen müssen nach der individuellen Patientensituation (Erkrankungen, Sedierung, Vorlieben) sowie den Gegebenheiten auf der Intensivstation ausgewählt und angepasst werden. Insbesondere bei kognitiv-verhaltensorientierten Maßnahmen darauf zurückgreifen, was der Patient bereits kennt

  • Maßnahmen, wann immer möglich, mit dem Patienten abstimmen; wenn angemessen, Anwendung auch durch den Patienten selbst oder durch seine Angehörigen ermöglichen. Dies vermindert das Gefühl der Hilflosigkeit und Untätigkeit

  • Nichtmedikamentöse Maßnahmen in evtl. durchgeführter präoperativer Patientenschulung berücksichtigen

  • Erfolgskontrolle muss durchgeführt werden, etwa durch Befragung des Patienten oder Verhaltensbeobachtung bei sedierten Patienten mittels geeigneter Instrumente. Ebenso muss die Erfolgskontrolle dokumentiert werden.

Patientenedukation

Information, Anleitung und Schulung beziehen sich auf die Vermittlung von Wissen und technischen Fertigkeiten und die Fähigkeit, diese in die eigene Lebenssituation umzusetzen. Dazu gehören z. B. Selbsteinschätzung von Schmerz mittels standardisierter Skalen, das Erlernen von schmerzreduzierenden praktischen Übungen, den Einsatz nichtmedikamentöser Verfahren oder der Umgang mit Schmerzmedikamenten und deren Nebenwirkungen.
Ziel der Information, Anleitung und Schulung ist es, die Patienten zu einem adäquaten Schmerzmanagement zu befähigen und in ihrer aktiven Bereitschaft zu unterstützen. Dazu gehört, falsche Grundannahmen oder Ängste von Patienten und deren Angehörigen im Umgang mit Schmerzen auszuräumen, da diese oftmals ein effektives Schmerzmanagement verhindern.
Auch wenn die Leitlinien (DGAI/DIVI 2010) kaum spezifische Aspekte für die Patientenedukation auf der Intensivstation ausweisen Schmerzen:Patientenedukationwird mit der umfassenden Information, Anleitung und Schulung von Betroffenen teils rechtlich und teils ethisch verpflichtende Aufgaben der Pflege erfüllt (DNQP 2011).

Literatur

Blenkharn et al., 2002

A. Blenkharn S. Faughnan A. Morgan Developing a pain assessment tool for use by nurses in an adult icu Intensive and Crit Care Nurs 18 6 2002 332 341

DGAI/DIVI, 2015

DGAI/DIVI Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin. AWMF-Leitlinie Online: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/001-012.html (letzter Zugriff: 20.7.2015)

DIVS, 2015

DIVS Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Schmerztherapie (DIVS). Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen. Inkl. Änderung. AWMF-Leitlinie Online: www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/001-025.html (letzter Zugriff: 20.7.2015)

DNQP, 2011

DNQP Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen Osnabrück 2011

Herr et al., 2006

K. Herr P.J. Coyne T. Key American Society for Pain Management Nursing: Pain assessment in the nonverbal patient: position statement with clinical practice recommendations Pain Manag Nurs 7 2 2006 44 52

Kwekkeboom and Herr, 2001

K.L. Kwekkeboom K. Herr Assessment of Pain in the Critically Ill Crit Care Nurs Clin North Am. 13 2 2001 181 194

McCaffery, 1968

M. McCaffery Nursing practice theories, related to cognition, bodily pain, and man – environment interactions 1968 University of California at Los Angeles LA

McCaffery and Pasero, 1999

M. McCaffery C. Pasero Pain. A Clinical Manual 2nd Ed. 1999 Mosby St Louis

Puntillo, 1990

K.A. Puntillo Pain experiences of intensive care unit patients Heart Lung 19 5 Pt 1 1990 526 533

Puntillo et al., 2002

K.A. Puntillo D. Stannard C. Miaskowski K. Kehrle S. Gleeson Use of a pain assessment and intervention notation (P. A. I. N.) tool in cirtical care nursing practi Nurses' evaluations Heart Lung 31 4 2002 303 314

Saur et al., 2004

P. Saur S. Gatzert D. Kettler Untersuchung zur Befindlichkeit von beatmeten Patienten Anesthesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 39 9 2004 542 550

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