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B978-3-437-26164-0.00020-2

10.1016/B978-3-437-26164-0.00020-2

978-3-437-26164-0

Neuroleptika (Antipsychotika)

Tab. 20.2
Substanzen Tagesdosis Nebenwirkungen
Schwache klassische Neuroleptika (gering antipsychotisch, stark sedierend)
Levomepromazinum, z. B. Neurocil® 75–300 mg Vegetative NW: Mundtrockenheit, Hypotonie, orthostatische Dysregulation, Obstipation, Glaukomverschlechterung, Bewegungsunruhe (Akathisie): Nicht-stillsitzen- oder Nicht-ruhigstehen-Können
Parkinsonoid: (nach Tagen bis Wochen): Bewegungsarmut, Muskelsteifigkeit, Tremor
Frühdyskinesien (nach Stunden bis Tagen): Zungen-, Mund- und Blickkrampf
Spätdyskinesien bei Langzeittherapie: Hypokinese, Ruhetremor, Speichelfluss, Unruhe und „Trippeln“ (oft irreversibel)
Chlorprotixen, z. B. Truxal® 25–150 mg
Promethazin, z. B. Atosil® 50–150 mg
Starke klassische Neuroleptika (stark antipsychotisch, gering sedierend)
Haloperidol, z. B. Haldol® 3–15 mg
Flupentixol, z. B. Fluanxol® 2–15 mg
Perphenazin, z. B. Decentan® 8–20 mg
Atypische Neuroleptika (stark antipsychotisch, gering sedierend)
Amisulprid, z. B. Solian® 400–800 mg Müdigkeit, Beeinträchtigung der Orientierungsfähigkeit, Konzentrationsstörungen, Gewichtszunahme, Diabetes und Dyslipidämie
Risperidon, z. B. Risperdal® 3–6 mg
Olanzapin, z. B. Zyprexal® 10–20 mg

Schlafmittel (Benzodiazepin-Rezeptoragonisten)

Tab. 20.3
Substanzen Abendliche Dosierung Nebenwirkungen
Zolpidem, z. B. Bikalm®
Zopiclon, z. B. Ximovan®
Zaleplon, z. B. Sonata®
5–10 mg per os
3,75–7,5 mg per os
5–10 mg per os
  • Mundtrockenheit

  • Übermäßiges Schwitzen

  • Sonst wie Benzodiazepine

Hauptwirkung: schlafanstoßend, weniger antiepileptisch und muskelrelaxierend, geringere Abhängigkeitsgefahr, Schlafarchitektur kaum beeinträchtigt.

Antidepressiva (grundsätzlich stimmungsaufhellend)Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer

Tab. 20.4
Substanz Wirkung auf den Antrieb Nebenwirkungen
Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer
Fluoxetin, z. B. Fluctin® Steigernd Verstopfung, Übelkeit, Kopfschmerzen, Unruhe und Schlafstörungen, Orgasmusschwierigkeiten, Restless Legs Syndrom
Citalopram, z. B. Cipramil® Neutral
Paroxetin, z. B. Parexat® Steigernd
Trizyklische Antidepressiva
Amitryptilin, z. B. Saroten® Dämpfend Kreislaufregulationsstörungen, Herzjagen, Schwindel, Schwitzen, Mundtrockenheit, Obstipation, Blasenentleerungsstörungen
Doxepin, z. B. Aponal® Dämpfend
Imipramin, z. B. Tofranil® Neutral
Noradrenalin-Serotonin-selektive Antidepressiva
Mirtazapin, z. B. Remergil® Steigernd Müdigkeit, Gewichtszunahme durch Wassereinlagerung
Selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer
Reboxetin, z. B. Edronax® Steigernd Mundtrockenheit, Benommenheit, Schwitzen, Miktionsstörungen
Monoaminoxidase-Hemmer
Moclobemid, z. B. Aurorix® Steigernd Schlafstörungen, Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen, Vorsicht bei tyraminhaltigen Nahrungsmitteln

DemenzstadienDemenzStadien

Tab. 20.5
Stadium Einschränkung Beschreibung
Leicht kognitiv Komplexe tägliche Aufgaben können nicht mehr ausgeführt werden; Abnahme von Gedächtnis u. Denken; Lernen und Wortfindung erschwert
Alltag Ein unabhängiges Leben und die Selbstversorgung sind noch möglich; komplizierte Aufgaben fallen zunehmend schwerer; Geld kann nicht mehr verwaltet werden
affektiv Antriebsmangel, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, evtl. depressiv
Mittel kognitiv Einfache Tätigkeiten können selbstständig ausgeführt werden; neue Informationen werden nur noch kurz behalten, Dinge des täglichen Lebens werden vergessen
Alltag Unabhängiges Leben ist nicht mehr möglich; Hilfe ist notwendig, jedoch keine ständige Betreuung oder Beaufsichtigung
affektiv Unruhe, Angst, aggressive Verhaltensweisen, Schreien, gestörter Tag-Nacht-Rhythmus, Nesteln
Schwer kognitiv Neue Informationen werden nicht behalten; Verwandte werden nicht mehr erkannt; Orientierung ist verloren, spricht kaum noch
Alltag Es ist keine unabhängige, selbstständige Lebensführung mehr möglich; dauerhafte Betreuung und Pflege sind nötig
affektiv/körperlich Affektiv wie bei mittlerer Demenz; zusätzlich Schluckstörungen, Inkontinenz und Bettlägerigkeit

Vergleich normale Altersvergesslichkeit – Demenz (Alzheimer bzw. vaskulär)

Tab. 20.6
Normale Altersvergesslichkeit Demenz (Alzheimer, Vaskuläre Demenz)
Gelegentliches Vergessen, Verlegen wichtiger Dinge oder Kleinigkeiten wie Brille, Schlüssel Häufiges Vergessen, Verlegen wichtiger Gegenstände wie Geldbörse, Scheckkarte, Pass
Verlegtes wird meist schnell an üblichen Orten gefunden Verlegtes wird nur mit großer Mühe meist an unüblichen Orten gefunden
Teilweises Vergessen von Erlebnissen, Gedächtnisinhalten, später häufig Erinnerung Komplettes Vergessen von Erlebnissen, Gedächtnisinhalten, später selten Erinnerung
Fähigkeit, Merkhilfen wie Notizzettel zu nutzen, bleibt erhalten Fähigkeit, Merkhilfen wie Notizzettel zu nutzen, geht verloren
Gesprochenen oder schriftlichen Anweisungen kann problemlos gefolgt werden Probleme bis Unfähigkeit, gesprochenen oder schriftlichen Anweisungen zu folgen
Keine sonstigen Störungen Zusätzliche Störungen bei kognitiven Fähigkeiten, Orientierung, Geschicklichkeit

Trink-Typen nach JellinekTrink-Typen nach Jellinek

Tab. 20.7
Trinktypen Abhängigkeit Weitere Merkmale
α-Typ
(Konflikt-, Erleichterungs-, Problemtrinker)
Teils psychische Abhängigkeit Kein Kontrollverlust, Fähigkeit zur Abstinenz, Alkohol wird zum Abbau innerer Spannungen getrunken
β-Typ
(Gelegenheitstrinker, unregelmäßig, teils übermäßig)
Weder psychische noch körperliche Abhängigkeit Gefahr gesundheitlicher Schäden, trinkt in Gesellschaft große Mengen, kein Kontrollverlust, Fähigkeit zur Abstinenz
γ-Typ
(Rauschtrinker, süchtiger Trinker)
Starke psychische Abhängigkeit – kaum körperliche Kontrollverlust ist typisch, unregelmäßiges Trinkverhalten, kann über längere Phasen abstinent sein, erhöhte Alkoholtoleranz
δ-Typ
(Gewohnheits-, Spiegeltrinker, kontinuierlich, rauscharm)
Körperliche Abhängigkeit stärker ausgeprägt als psychische Kein Kontrollverlust, trinkt täglich, oft große Alkoholmengen, erhöhte Alkoholtoleranz, schwere gesundheitliche Schäden
ɛ-Typ
(„Quartalssäufer“, episodischer Trinker)
Psychische Abhängigkeit stärker ausgeprägt als körperliche Kontrollverlust, auf lange Phasen ohne Alkohol folgen kurze Phasen exzessiven Konsums

Symptomvergleich zwischen depressiver Episode und Episode, depressiveDysthymiaDysthymia

Tab. 20.8
Depressive Episode Dysthymia
Durchschlafstörungen Einschlafstörungen
Früherwachen mit Stimmungstief am Morgen Stimmungstief am Abend
Gefühl der Gefühllosigkeit Stimmungsschwankungen evtl. täglich
Selbstanklage Tendenz, andere zu beschuldigen
Häufig grundloses Auftreten Konflikte mit Umfeld, zusätzliche neurotische Symptome (z. B. Waschzwang)
Plötzlicher Beginn mit phasischem Verlauf und plötzliche, übergangslose Stimmungsaufhellung Früher, langsamer Beginn mit jahrelangem Verlauf
Veränderungen in der Umwelt haben keinen erkennbaren Einfluss Ablenkbarkeit
U. U. familiäre Belastung Oft auffällige Biografie
Zusätzliche somatische Störungen wie Inappetenz, Gewichtsverlust, Menstruationsstörungen, Libidoverlust Auch somatische Begleiterscheinungen möglich
Schuldwahn oder Verarmungswahn Keine Wahnentwicklung

Der Symptomvergleich ist nicht unbedingt zur diagnostischen Einteilung, sondern als grober Anhaltspunkt zu sehen.

Pflege von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen

Robert Mühlbauer

  • 20.1

    Hauptbeschwerden und Leitsymptome658

  • 20.2

    Psychopharmaka661

    • 20.2.1

      Neuroleptika (Antipsychotika)661

    • 20.2.2

      Benzodiazepine/Schlafmittel662

    • 20.2.3

      Clomethiazol (Distraneurin®)664

    • 20.2.4

      Antidepressiva664

    • 20.2.5

      Phasenprophylaktika/Stimmungsstabilisierer665

  • 20.3

    Demenz666

  • 20.4

    Alkoholkrankheit670

    • 20.4.1

      Alkoholabhängigkeit670

    • 20.4.2

      Alkoholentzugsdelir673

  • 20.5

    Postoperatives Delir675

  • 20.6

    Schizophrenie675

  • 20.7

    Affektive Störungen677

    • 20.7.1

      Manie678

    • 20.7.2

      Depression680

  • 20.8

    Suizid683

Hauptbeschwerden und Leitsymptome

Psychiatrie

Psychiatrische LeitsymptomeOrientierungsstörungenAuffassungsstörungKonzentrationsstörungMerkfähigkeitsstörungKurzzeitgedächtnisLangzeitgedächtnisKonfabulationDenkstörungenformaleDenkstörungeninhaltlicheZwangWahnHalluzinationIch-Erleben, gestörtesStimmungsveränderungenAffektstörungAntriebsstörung

Tab. 20.1
Symptom Definition Differenzialdiagnose
Bewusstseinsstörungen Kap. 2.10.1
Orientierungsstörungen
Zeitlich Wochentag, Monat, Jahreszeit werden nicht oder nur teilweise gewusst Delir, Demenz
Örtlich Der gegenwärtige Aufenthaltsort kann nicht oder nur teilweise genannt werden
Situativ Die gegenwärtige Situation wird in ihrer Bedeutung nur teilweise oder gar nicht erfasst
Zur Person Die aktuelle persönliche Situation wird nicht oder nur teilweise gewusst
Auffassungs- und Gedächtnisstörung
Auffassungsstörung Gestörte Fähigkeit, Wahrnehmungen in ihrer Bedeutung zu erfassen und sinnvoll miteinander in Verbindung zu bringen Demenz, Delir, Schädel-Hirn-Erkrankung
Konzentrationsstörung Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit auf einen Sachverhalt/Gegenstand auszurichten oder zu sammeln Demenz, Alkoholismus, affektive Störungen
Merkfähigkeitsstörung Herabsetzung bzw. Aufhebung der Fähigkeit, sich neu Erfahrenes zu merken Depression, Demenz, Alkoholismus
Ultrakurzzeitgedächtnis
(einige Sekunden)
Funktioniert rein elektrisch, nimmt jede neue Information auf und bearbeitet sie kurz. Nur wenn sie so wichtig ist, dass sie weiterer Bearbeitung bedarf, wird sie an das Kurzzeitgedächtnis weitergeleitet Depression, Demenz, Alkoholismus
Kurzzeitgedächtnis
(ein bis zwei Tage)
Behält die Informationen bis zu etwa ein bis zwei Tagen. Bei einer Störung können die Informationen nicht „behalten“ bzw. nicht ins Langzeitgedächtnis weitergegeben werden
Langzeitgedächtnis
(dauerhaft)
Speichert alle wichtigen und markanten Informationen dauerhaft. Bei einer Störung können Informationen nicht gespeichert werden oder die Erinnerungsfähigkeit auf die gespeicherten Inhalte geht verloren
Konfabulation Erzählen von Vorgängen, die entweder nur in der Fantasie des Kranken existieren oder in keinem Zusammenhang mit der gegebenen Situation stehen. Der Patient hat eine starke subjektive Überzeugung von der Richtigkeit des Gesagten Kompensationsmechanismus bei Gedächtnislücken
Formale Denkstörungen: Störungen des Denkablaufs
Gedankenabreißen Der Gedanke bricht mitten im Satz ab, er kann nicht zu Ende gedacht werden Schizophrenie
Ideenflucht „Vom Hundertsten ins Tausendste kommen“ Manie
Verlangsamtes Denken,
Denkhemmung
Blockierter Denkablauf, inhaltliche Verarmung auf wenige Themen Depression
Perseverierendes Denken Gedankenkreisen, der Betroffene bleibt bei einem Gedanken hängen Depression, Demenz
Verwirrtheit Nicht zusammenhängendes Denken, durcheinander sein/sprechen Demenz
Zerfahrenheit Logischer Zusammenhang eines Gedankengangs nicht erkennbar Schizophrenie
Inhaltliche Denkstörungen: Denkinhalte weichen von der Realität ab
Zwang wie z. B. Zwangsidee oder Zwangshandlung Eine Vorstellung oder Handlung kann nicht unterdrückt werden, obwohl sie als unsinnig erkannt wird Neurotische Störung
Überwertige Idee Gedanken und Vorstellungen, die den Betroffenen beherrschen Fanatismus
Wahn Objektiv falsche Überzeugung krankhafter Ursache, die ohne Anregung von außen entsteht und trotz vernünftiger Gegengründe aufrechterhalten wird Schizophrenie, Manie, Depression, Alkoholismus, organische Hirnerkrankung
Beziehungswahn Zustand, in dem belanglose Ereignisse auf die eigene Person bezogen werden, sie glaubt, es passiere ihretwegen bzw. ist für sie von Bedeutung Schizophrenie
Verfolgungswahn Ereignisse, die harmlos sind, werden als Bedrohung/Verfolgung empfunden Schizophrenie
Größenwahn Der Kranke überschätzt seine gesellschaftliche Bedeutung und seine eigenen Fähigkeiten massiv Manie
Hypochondrischer Wahn Wahnhafte Überzeugung, krank zu sein. Eine unheilbare Krankheit wird für die Stimmung verantwortlich gemacht Depression
Eifersuchtswahn Unbegründete Überzeugung, vom Partner betrogen und hintergangen zu werden (vorwiegend Männer) Alkoholismus
Halluzination: Wahrnehmungsstörung, Sinnestäuschung ohne reellen Bezug
Akustische Halluzination Z. B. Stimmen hören Schizophrenie
Optische Halluzination Z. B. weiße Mäuse sehen Alkoholdelir
Geruchshalluzination Z. B. Gasgeruch Schizophrenie, Aura vor epileptischem Anfall
Geschmackshalluzination Z. B. bitteres Essen
Haptische Halluzination Z. B. elektrisiert werden Schizophrenie
Gleichgewichtshalluzination Z. B. Gefühl des Fliegens Alkoholintoxikation
Leibhalluzinationen
(coenästhestische Halluzinationen)
Z. B. Gefühl des leiblichen Beeinflusst Werdens Schizophrenie
Gestörtes Ich-Erleben
Derealisation Die Umwelt erscheint unwirklich, fremdartig, dadurch wirkt sie unvertraut, sonderbar, oder auch gespenstisch Posttraumatische Belastungsstörung, psychotrope Substanzen
Depersonalisation Die Person kommt sich selbst fremd, unwirklich, unmittelbar verändert, als oder wie ein anderer vor
Gedankenlautwerden,
Gedankenausbreitung
Überzeugung bzw. Gefühl, dass die eigenen Gedanken von Anderen mitgehört bzw. mitgedacht werden Schizophrenie
Gedankenentzug Die Gedanken werden von Anderen, einer fremden Macht entzogen. Ein flüssiger Gedankengang reißt plötzlich mitten im Satz ab Schizophrenie
Stimmungsveränderung (länger dauernd)
Gesteigerte Stimmung
– Euphorie
Übersteigertes Wohlbefindens, übertriebene Heiterkeit Manie
Gesteigerte Stimmung
– Gereiztheit
Zustand erhöhter Reizbarkeit bis hin zur ausgeprägten Gespanntheit
Verminderte Stimmung
– gefühllos
Der Betroffene erlebt sich als gefühlsverarmt und leer Depression
Verminderte Stimmung
– hoffnungslos
Pessimistische Zukunftsorientierung. Der Glaube an eine positive Zukunft ist vermindert oder nicht vorhanden
Affektstörung (kurze und heftige Gefühlswallung)
Affektinkontinenz Verringerte Beherrschung der Gefühlsäußerung, z. B. Weinen bei geringstem Anlass Hirnorganische Erkrankungen
Affektstarre Verlust der Modulationsfähigkeit, Verharren in seinem Zustand, ohne sich von äußeren Einflüssen beeinflussen zu lassen Depression, Schizophrenie
Affektarmut Kaum auslösbare Gefühlsregungen bzw. Affekte. Die Betroffenen wirken emotional kaum ansprechbar Psychopathie
Ambivalenz Zwiespältigkeit, gleichzeitig bestehende, miteinander unvereinbare gegensätzliche Gefühle Schizophrenie
Angst Zustand, bei dem eine Gefahr erwartet wird, mit vegetativen Begleiterscheinungen Ohne Grunderkrankung, bei vielen Erkrankungen möglich
Antriebsstörung (Antrieb = eine jedem Verhalten zugrunde liegende, ungerichtete Kraft)
Antriebssteigerung Unruhe, rastloser Unternehmungstrieb, ständiges Sprechen Manie, Hirnentzündungen, Rauschzustände
Motorische Unruhe Gesteigerte und ungerichtete motorische Aktivität ADHS
Antriebshemmung Einfache Tätigkeiten können nicht begonnen bzw. erledigt werden Depression
Antriebsverarmung Ehemals vorhandene Antriebe sind nicht mehr vorhanden, Mangel an Energie, Eigeninitiative und Spontanität Schizophrenie, organische Hirnschädigung

Psychopharmaka

Neuroleptika (Antipsychotika)

Neuroleptikum Psychopharmaka mit „antipsychotischem“ Antipsychotikum Effekt (Tab. 20.2). Einsatz in der Akut- und Langzeittherapie bei Schizophrenie, Manie und anderen psychischen Erkrankungen.
Indikationen
  • Psychotische Störungen, bes. paranoid-halluzinatorische Phänomene, schizophrene Denk- und Ich-Störungen sowie Sperrungen von Antrieb und Affekt

  • Zustände psychomotorischer Erregtheit und Angst, wie z. B.

    • Alkoholentzugsdelir Kap. 20.4.2

    • Postoperatives Delir (Hirnorganisches Psychosyndrom, HOPS), Kap. 20.5

    • Akute organische Psychosyndrome, z. B. Schilddrüsenstörungen, Exsikkose, Urämie

    • Erregtheit und Angst in Ausnahmesituationen, z. B. Intensivtherapie, Aufwachphase nach Narkosen, bei akuten Trauerreaktionen

  • Neuroleptika mit geringer antipsychotischer Wirkung in geringer Dosierung auch als Einschlafhilfe und zur Sedierung

  • Wirkungsverstärkung zentral wirkender Analgetika.

Pflege
  • Verwechslungen von Frühdyskinesien mit epileptischem Anfall bzw. akuter Halluzination sind möglich → deshalb z. B. laut in die Hände klatschen, laut ansprechen

    • Blickkrampf: Reaktion und korrekte Antwort

    • Epileptischer Anfall: keine Reaktion, Bewusstseinstrübung

    • Halluzinationen: Reaktion, keine korrekte Antwort, Ablenkung

  • Immer präzise und ausführlich dokumentieren.

Benzodiazepine/Schlafmittel

Benzodiazepin Psychopharmaka mit tranquilierenden (Schlafmittel ausgleichend wirkend), angstlösenden, sedierenden, schlafanstoßenden, antiepileptischen und muskelrelaxierenden Wirkungen (Tab. 20.3).
Indikationen
  • Als Beruhigungsmittel (auch bei kurzfristigen Konfliktsituationen), z. B. Lorazepam (Tavor®), Bromazepam (Lexotanil®)

  • Als Antiepileptikum (Notfall), z. B. Clonazepam (Rivotril®), Diazepam (Valium®)

  • Als Muskelrelaxans, z. B. Tetrazepam (Musaril®), Diazepam (Valium®)

  • Als Schlafmittel, z. B. Oxazepam, Temazepam, Flurazepam.

Nebenwirkungen
  • Müdigkeit, Schläfrigkeit (als Schlafmittel erwünscht)

  • Konzentrationsminderung, Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit

  • Benommenheit, Schwindel

  • Koordinationsstörungen der Extremitäten, Gangunsicherheit

  • Paradoxe Reaktionen (vor allem bei älteren Patienten)

  • „Wurstigkeit“, evtl. zu starke angstlösende Wirkung als Zeichen relativer Überdosierung.

Kontraindikationen
  • Myasthenia gravis wegen muskelrelaxierender Wirkung

  • Akute Alkohol-, Analgetika-, Psychopharmaka-Intoxikationen

  • Vorsicht bei Leber-, Nierenerkrankungen wegen längerer Halbwertszeit

  • Schwangerschaft und Stillzeit.

Pflege
Suchtgefahr: bei Langzeitanwendungen (ab 4 Wochen) insbesondere von Benzodiazepinen mittlerer und kürzerer Halbwertszeit.

Tipps, Tricks und Fallen

  • Große therapeutische Breite und infolgedessen vergleichsweise untoxische und sichere Medikamente. Allerdings Gefahr der Abhängigkeit und Gewöhnung bei Benzodiazepinen, auch bei niedriger, noch therapeutischer Dosis!

  • Schlaflosigkeit entsteht oft wegen nicht zu Ende gedachter Gedanken. Aktiv die Gelegenheit nutzen, um Probleme auszusprechen, statt Schlaftabletten zu geben

  • Patienten schlafen tagsüber viel, nächtliche Schlafprobleme sind kein Grund zur Panik

  • Alten Menschen hilft nachts statt Medikamenten oft auch eine Tasse Bohnenkaffee: wegen der paradoxen Wirkung

  • Orientierungshilfen geben: Nachtlicht, Uhr, Nachtstuhl statt langem Weg zur Toilette; ggf. Nachtstuhl ans Bett stellen

  • Wegen der erhöhten nächtlichen Sturzgefahr Maßnahmen zur Sturzprophylaxe ergreifen (Kap. 2.2.8) und beachten, dass alte Menschen durch das Anbringen von seitlichen Bettbegrenzungen meist noch unruhiger werden

  • Patienten, die gegen Mitternacht aufwachen und desorientiert sind, haben u. U. einen niedrigen BZ-Spiegel (Kap. 12.6).

Clomethiazol (Distraneurin®)

Thiamin-(Vit. B1)-ähnliches Psychopharmakon mit sedierenden, anti-epileptischen und schlafanstoßenden Eigenschaften.
Indikationen
  • Schwere Alkohol-Entzugserscheinungen bzw. ausgeprägtes Delirium tremens

  • Bei Erregungszuständen durch HOPS (Kap. 20.5), wenn Neuroleptika nicht wirken

  • Schwere Schlafstörungen in höherem Lebensalter, wenn Benzodiazepine nicht wirken.

Nebenwirkungen
  • Verschleimung der Atemwege, Atemlähmung, Darmatonie

  • Tachykardie, Blutdruckabfall, Muskelrelaxation.

Kontraindikationen
  • Pneumonie, schwere Ateminsuffizienz

  • Distraneurin® darf nicht ambulant gegeben werden!

Pflege
  • Maximale Behandlungsdauer 10 Tage wegen Suchtgefahr → gewissenhafte Dokumentation der Verabreichung

  • Häufigste Fehler: zu starke Sedierung, fehlende Überwachung

  • Sorgfältige Pneumonieprophylaxe, da Distraneurin® bereits bei normaler Dosierung zu erhöhter Sekretion in den Bronchien führt

  • Therapeutische Breite von Distraneurin® ist relativ gering

  • Wichtig bei korpulenten Patienten, da Distraneurin® zuerst ins Fettgewebe geht und nicht wirkt → Wirkungseintritt erst wenn Fettgewebe „voll“ ist

  • Ärztlich angeordnete Dosierung und Zeitplan einhalten, auch wenn Patient momentan ruhig erscheint.

Antidepressiva

Medikamente mit depressionslösender Antidepressivum und stimmungsaufhellender Wirkung (Tab. 20.4).
Indikationen
  • Depressive Zustände, z. B. depressive Episoden, Dysthymia (Kap. 20.7.2)

  • Psychovegetative Allgemeinstörungen bei Zuständen mit depressiver Symptomatik, z. B. unheilbaren Erkrankungen und Trauer

  • Bei depressiven Zuständen im Alter.

Tipps, Tricks und Fallen

  • Antidepressiva haben eine lange „Anlaufzeit“, bevor sie wirken

  • Therapieerfolg abwarten, mind. 14 Tage

  • Durch antriebssteigernde Wirkung (setzt sofort ein) bei noch weiterbestehender Depression besteht Suizidgefahr!

Phasenprophylaktika/Stimmungsstabilisierer

Phasenprophylaktika/Stimmungsstabilisierer werden insbesondere bei bipolaren Erkrankungen angewendet, um das Rückfallrisiko in eine erneute Krankheitsphase zu verringern bzw. möglichst ganz zu verhindern. Die gebräuchlichsten Substanzen sind LithiumLithium sowie verschiedene Antiepileptika wie z. B. Carbamazepin, Lamotrigin und Valproinsäure.
Wirkung
  • Phasenprophylaktika wirken bei depressiven/manischen Phasen stimmungsausgleichend

  • Die genaue Wirkungsweise von Lithium ist bis heute nicht geklärt

  • Die unterschiedlichen Wirkmechanismen der Antiepileptika Carbamazepin, Valproinsäure und Lamotrigin hinsichtlich einer Stimmungsstabilisierung sind noch nicht im Einzelnen geklärt.

Anwendung
  • Die Therapie mit Lithium muss individuell auf den Patienten abgestimmt werden

  • Wichtig ist, dass der Patient in der Lage ist, das Medikament verlässlich mit der genau angegebenen Dosierung zu nehmen. Wegen der geringen therapeutischen Breite kommt man relativ leicht in den potenziell gefährlichen Dosisbereich

  • Die optimale Blutspiegeleinstellung muss jeweils mit dem Arzt abgesprochen werden

  • Antikonvulsiva werden dann eingesetzt, wenn die Therapie mit Lithium erfolglos war

  • Stimmungsstabilisierer machen auch bei längerer Einnahme nicht abhängig.

Nebenwirkungen/Kontraindikationen (Lithium)
  • Häufige NW: Tremor, Konzentrationsstörungen, Polyurie, Durst, Gewichtszunahme, Durchfälle, Übelkeit, abdominale Beschwerden, Struma

  • Vergiftungserscheinungen: Koordinationsstörungen, Gangstörungen (Ataxie), Schwindel, Sprachstörungen, Erbrechen, Krampfanfälle, Bewusstseinstrübungen bis hin zum Koma

  • Kontraindikationen: Nierenfunktionsstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, primär chronische NNR-Insuffizienz, Epilepsie, Schilddrüsenunterfunktion.

Antiepileptika (Kap. 19.5) sind im Allgemeinen recht gut verträglich.
Pflege (Lithium)
  • Abendliche Verabreichung wegen NW

  • Für Blutspiegelkontrollen (erst wöchentlich, dann monatlich, später vierteljährlich) muss Pat. nicht nüchtern sein, zwischen letzter Einnahme und Blutentnahme müssen 8–10 h liegen

  • Ausstellung eines Lithiumpasses für den Patienten mit allen wichtigen Daten

  • Regelmäßige Halsumfangskontrollen: Struma?

  • Häufigere Blutspiegelkontrollen bei körperlichen Erkrankungen mit Flüssigkeitsverlusten, z. B. Schwitzen, Durchfall, und bei Behandlung mit Diuretika. Patienten bei der Entlassung darauf hinweisen

  • Vermehrtes Durstgefühl: ausreichend Getränke bereitstellen.

Demenz

Allgemeiner Verlust von DemenzHirnleistungsfunktionen in Zusammenhang mit einer diffusen zerebralen Schädigung ohne ausgeprägte Bewusstseinstrübung (Tab. 20.5). Führt zum Abbau geistiger Fähigkeiten, z. B. des Denkens, des Gedächtnisses, der Fähigkeit, Alltagsprobleme zu lösen, der Ausführung senso-motorischer und sozialer Fähigkeiten, der Sprache und Kommunikation sowie der Kontrolle emotionaler Reaktionen.
Einteilung
  • Primäre Demenzen: Demenz vom Alzheimer-Typ (~ 65 % aller Demenzen), vaskuläre Demenz (d. h. durch Gefäßkrankheiten bedingte Demenz, z. B. Multi-Infarkt-Demenz, ~ 25 % aller Demenzen). Andere Formen sind selten

  • Sekundäre Demenzen: mit anderen Erkrankungen verbundene Demenzen, z. B. bei Schilddrüsenerkrankungen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, entzündlicher oder traumatischer Hirnschädigung, Hirntumoren.

Alzheimer-Demenz
AlzheimerDemenzAlzheimerSchwere, progrediente und unheilbare Hirnleistungsschwäche mit Beginn in der zweiten Lebenshälfte. Ablagerungen von β-Amyolid und Entstehung von Neurofibrillenbündeln verursachen in bestimmten Bereichen der Großhirnrinde den Untergang von Nervenzellen.
Vaskuläre Demenz
Demenzvaskuläre Stufenweise Verschlechterung DemenzMulti-Infarkt der Hirnleistung mit zwischenzeitlicher teilweiser Verbesserung. Bestimmte Bereiche des Gehirns werden aufgrund von Durchblutungsstörungen oder mehrerer kleiner Schlaganfälle schlecht oder überhaupt nicht mit Sauerstoff versorgt und gehen unter.
Diagnostik (bei allen Demenzformen)
  • Genaue Anamnese und Fremdanamnese, Symptomatik, Verlauf: stufenweise zunehmend, fortschreitend? (Tab. 20.6)

  • Internistische Untersuchung: Herz-, Kreislauf- und Gefäßsituation

  • Differenzierte neurologische und psychiatrische Untersuchung

  • EEG(-Veränderungen?), CT, besser MRT

  • Labordiagnostik, Liquordiagnostik, Doppler-Sonografie, Genetik, PET.

Symptomatik (alle Demenzformen)
Demenz Symptome
  • Orientierungsstörungen: zu Beginn zeitliche Desorientierung, später örtlich und situativ, zuletzt zur eigenen Person

  • Konzentrationsstörungen: Zielorientiertes Denken ist beeinträchtigt, Routinehandlungen können nicht mehr zu Ende gebracht werden

  • Gedächtnisstörungen: Vorwiegend Beeinträchtigung der Merkfähigkeit und des Kurzzeitgedächtnisses, das Langzeitgedächtnis bleibt noch lange erhalten

  • Schlafstörungen: Tag-Nacht-Rhythmus umgedreht, verbunden mit nächtlicher Agitiertheit (Erregung mit ruhelosem Umherlaufen)

  • Paranoide Veränderungen: Übersteigertes Misstrauen mit ungerechtfertigten Anschuldigungen, unberechtigte Beschwerden, wahnhafte Verarbeitung anderer Störungen, z. B. verlegte Geldbörse sei gestohlen worden

  • Kommunikationsstörungen: anfangs Probleme, Gesprächen zu folgen, später Unfähigkeit, einzelne Worte zu verstehen oder sich in Worten auszudrücken

  • Antriebsstörung: anfangs Antriebsminderung, dann vollständige Antriebs- und Interessenlosigkeit, kein spontanes Verhalten mehr

  • Dysphorische Stimmungslage: leichte Reizbarkeit, Streitsucht, spontane Aggressionen und Wutanfälle

  • Persönlichkeitsveränderungen, Verhaltensstörungen: Persönlichkeit verändert sich zum Negativen, Entwicklung von störenden Verhaltensweisen, wie lautes Rufen, ständiges Einmischen, übertriebene „Sammelleidenschaft“

  • Körperliche Störungen: motorische Einschränkungen, zunehmende Inkontinenz.

Therapie
Medikamentös
Demenz Therapie
  • Acetylcholinesterase-Hemmer, z. B. Exelon® bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz, der therapeutische Nutzen ist umso größer, je früher die Therapie beginnt

  • Memantine, z. B. Axura® bei mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Demenz

  • Depressive Symptomatik: Antidepressiva (Kap. 20.2.4)

  • Paranoide Symptome: Neuroleptika (Kap. 20.2.1)

  • Gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus: ggf. Distraneurin® (Kap. 20.2.3), keine Hypnotika

  • Keine Benzodiazepine und keine Medikamente mit anticholinerger Wirkung.

Nicht-medikamentös
Unterschiedliche Ansätze, z. B. Verhaltenstherapie, Bewegungstherapie, Psycho-biographisches Pflegemodell nach Prof. Böhm, Validation, Milieutherapie, richtige Ernährung, soziale Integration und Angehörigenarbeit.
Gesundheitsförderung und Prävention
  • Körperliche und geistige Aktivität bei Personen ohne kognitive Einschränkungen fördern

  • Kardio- bzw. zerebrovaskuläre Risikofaktoren sollten konsequent vermieden bzw. behandelt werden.

Pflege
Allgemeine pflegerische Aspekte
  • Allgemeine Pflege, Prophylaxen je nach Zustand des Patienten

  • Regelmäßige Puls- und Blutdruckkontrollen bei vaskulären Demenzen, um hypertensive Krisen zu vermeiden

  • Auf fürsorglichen, aber trotzdem direktiven Führungsstil im Umgang mit dem Patienten achten. Grundsätzlich eine verständnisvolle Haltung aufrechterhalten

  • Anschuldigungen durch den Patienten überhören, keine fruchtlose Diskussion mit dem Patienten beginnen, Ablenken und Einlenken führt schneller zum Erfolg

  • Hirnleistungsgestörte Patienten nicht mit Gesunden oder kleinen Kindern vergleichen

  • Richtige Reaktionen und Antworten ausdrücklich anerkennen → „positive Verstärkung“

  • Überforderungen vermeiden, d. h. nur sehr langsam schrittweise steigern, nächste Steigerungsstufe nur, wenn vorhergehende sicher beherrscht wird.

Kommunikation
  • Durch Gespräche über frühere Lebensgeschichte und Stärkung der Orientiertheit (Orientierungstraining) Kontinuität zwischen Erinnerung und momentanem Erleben herstellen, z. B. jahreszeitlich passende Tätigkeiten ausführen, und von früheren Erlebnissen erzählen lassen (Biografiearbeit)

  • Durch Verwendung einfacher Wörter und kurzer, prägnanter Sätze versuchen, die zunehmende Störung von Kommunikation und kognitiven Fähigkeiten auszugleichen; verstärkt mit nonverbalen Mitteln wie Mimik, Gestik, Berührung arbeiten

  • Konkrete Anweisungen in einfachen, kurzen Sätzen formulieren

  • Klaren, bestimmten Tonfall benutzen und auf der Erwachsenen-Ebene mit Patienten sprechen. Keinesfalls Verniedlichungen, wie z. B. „Omi“, „Opi“ benutzen

  • Falls der Patient auf Anweisungen, Informationen oder Fragen nicht reagiert, diese wiederholen, danach Zeit geben für Reaktion oder Antwort

  • Gedächtnisinhalte bezüglich der Vergangenheit als Brücke zur Gegenwart benutzen: Wenn der Patient sich die Ortschaft merken kann, wo Pflegekraft herstammt, aber nicht den Namen, immer Ortschaft zusammen mit dem Namen nennen.

Sicherheit
  • Für den dementen Patienten sind feste Gewohnheiten und einfache, klare Regeln absolut notwendig, z. B. Mahlzeiten zu festgelegten Zeiten. Die Struktur im Tagesablauf muss beständig durchgehalten werden, egal ob Wochentag, Wochenende oder Feiertag

  • Zur Orientierung bzw. zum Orientierungstraining gleiche Materialien benutzen wie Uhr, Kalender, Hinweisschilder

  • Orientierungshilfen wie Zeit, Datum, Ort, Namen auch bei Gesprächskontakten außerhalb des Orientierungstrainings im Verlauf des Tages geben, abhängig vom Zustand des Patienten.

Beobachten

  • Auf kleine Veränderungen im Verhalten achten, diese dokumentieren und im Team weitergeben. Besonders wichtig bei positiven Veränderungen

  • Bewältigungsstrategien des Patienten, welche (unbewusst) zur Verschleierung des Zustands dienen (z. B. Konfabulationen) beobachten und Verlauf dokumentieren

  • Auf adäquate Ernährung und Einhaltung achten. Besonders wichtig ist die Kontrolle der Trinkmenge: mind. 1 500 ml tgl., wenn der Gesundheitszustand es erlaubt.

Tipps, Tricks und Fallen

  • Gezielte, kontinuierliche Beschäftigung im Alltag durch Förderung vorhandener Fertigkeiten → Pflegeanamnese mit Einschätzung einschließlich Begründung. Frühere Hobbys oder Lieblingsbeschäftigungen aufgreifen → Ressourcen

  • Die Welt des Patienten hinnehmen (z. B. bei Wahnideen) und nicht mit logischen Argumenten überzeugen wollen: Für den Patienten ist sein Wahn Realität

  • In problematischen Situationen, auch wenn der Patient zu dekompensieren droht, konkrete Ablenkung durch Wechsel von Umgebung und Gesprächsthema.

Alkoholkrankheit

Alkoholabhängigkeit

AlkoholkrankheitNach der internationalen Abhängigkeit Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) liegt eine Abhängigkeit vom Alkohol dann vor, wenn drei oder mehr der nachfolgenden Kriterien erfüllt sind:
  • Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu trinken

  • Verminderte Fähigkeit, den Alkoholkonsum zu kontrollieren

  • Alkoholkonsum zur Milderung/Vermeidung von Entzugssymptomen (z. B. Tremor)

  • Toleranzentwicklung, zunehmend wird mehr Alkohol benötigt, um die (gewünschte) Wirkung zu erzielen

  • Zunehmende Vernachlässigung der eigenen Person oder des sozialen Umfeldes: z. B. Probleme in Schule oder Arbeit, Konflikte mit Mitmenschen bzw. Familie, Vernachlässigung von Interessen und Hobbys, häufige Krankschreibungen oder Unfälle

  • Schädlicher Alkoholkonsum, das „Trinken“ wird fortgeführt, trotz klarer Hinweise auf negative körperliche, psychische oder soziale Folgen.

Formen des Alkoholmissbrauchs
  • Akuter Rausch: IntoxikationakuteZustandsbild mit Störungen von Bewusstseinslage, kognitiven Fähigkeiten, Wahrnehmung, Affekt, Verhalten und Reaktionen, nimmt mit der Zeit ab

  • Schädlicher Gebrauch: regelmäßiger Konsum von Alkohol mit der Folge von Gesundheitsschäden körperlicher (z. B. Leberschädigung) oder psychischer Natur

  • Abhängigkeitssyndrom: siehe oben

  • Entzugssyndrom (mit Delir): Symptome wie Entzugssyndrom Zittern, Unruhe, Angst, Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle, Krampfanfälle, Schlaflosigkeit, lebensbedrohliche Kreislaufstörungen, Delirien

  • Psychotische Störung: während oder nach dem Konsum von Alkohol, unabhängig von der Intoxikation, auftretende Störung wie Alkoholhalluzinose

  • Amnestisches Syndrom: Syndrom, das mit einer ausgeprägten, andauernden Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses einhergeht, z. B. Korsakow-Syndrom

  • Restzustand: Korsakow-Syndrom Störung, bei der alkoholbedingte Störungen der kognitiven Fähigkeiten, des Affektes, der Persönlichkeit oder des Verhaltens über einen Zeitraum hinaus bestehen, z. B. alkoholische Demenz oder chronisches hirnorganisches Syndrom bei Alkoholismus.

Einteilung in Trink-Typen nach Jellinek (Tab. 20.7).
Therapie: Schädlicher Alkoholkonsum
Patienten über Alkoholgehalt verschiedener Getränke informieren. Feedback über Ergebnisse der Blutuntersuchung geben. Grenzwerte verdeutlichen und die Notwendigkeit zur Reduktion des Alkoholkonsums besprechen. Trinklimits vereinbaren und zur aktiven Mitarbeit ermutigen.
Therapie: Alkoholabhängigkeit
AlkoholkrankheitTherapieDas therapeutische Ziel bei Alkoholabhängigkeit ist grundsätzlich eine vollständige Abstinenz. Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass ein kleiner Teil der Alkoholabhängigen (ca. 8 Prozent), unter Einhaltung fester Kriterien, zu kontrolliertem Trinken in der Lage ist.
Fachleute unterteilen die Behandlung einer Alkoholabhängigkeit in vier Phasen:
Erste Phase (Motivationsphase)
Hier geht es darum, die Therapie vorzubereiten und zunächst einmal eine Motivation zur Therapie zu erreichen. Dies geschieht oft durch Haus- oder Fachärzte, Suchtberatungsstellen, psychosoziale Beratungsstellen und Psychologen bzw. Psychotherapeuten.
Zweite Phase (Entgiftungs- und Entzugsphase)
Am Anfang steht die körperliche Entgiftung (völlige Abstinenz). Diese Phase dauert etwa drei bis sieben Tage. Hierbei treten oft starke körperliche Entzugserscheinungen wie Schwitzen, Zittern, Gereiztheit etc. (Kap. 20.4.2) auf, sodass der Entzug meist stationär und mit medikamentöser Unterstützung durchgeführt wird. In leichteren Fällen kann der Entzug aber auch ambulant, durch einen niedergelassenen Facharzt, durchgeführt werden.
Auf die körperliche Entgiftung folgt die eigentliche Entzugstherapie, die in der Regel zwei bis drei Wochen dauert. Während dieser Zeit nimmt der Patient an Einzel- und Gruppentherapiemaßnahmen teil, in der durch Gespräche versucht wird, den Wunsch nach Abstinenz zu festigen.
Dritte Phase (Entwöhnungs- und Rehabilitationsphase)
In dieser Phase geht es darum, den Betroffenen durch umfassende Maßnahmen körperlich, psychisch und sozial zu stabilisieren. Dabei arbeiten meist Psychotherapeuten, Sozialtherapeuten und medizinische Fachkräfte eng zusammen. Die Maßnahmen richten sich nach der Schwere der Alkoholproblematik und der Motivation des Patienten. So kann die Behandlung entweder stationär (Reha-Klinik), teilstationär (Tagesklinik) oder ambulant (Suchtberatungsstätten, amb. Psychotherapie) durchgeführt werden.
Vierte Phase (Nachsorge)
In der letzten Phase geht es darum, die Behandlungserfolge zu stabilisieren oder die langfristige Versorgung des Patienten sicherzustellen. Für viele Betroffenen ist der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe, eine ambulante Psychotherapie oder Beratungstermine bei einer Suchtberatungsstelle hilfreich, um langfristig abstinent zu bleiben.
Pflegeproblem: Patient beschafft sich Alkohol
Patient bringt Alkohol mit in die Klinik, trinkt zu jeder Gelegenheit und entfaltet Beschaffungsaktivitäten.
Aufgaben der Pflege
  • Dokumentieren, Arzt informieren

  • Wenn Alkoholtherapie nicht Zweck des Krankenhausaufenthaltes ist, Patienten ansprechen sowie Therapie und Hilfe anbieten (z. B. Anonyme Alkoholiker)

  • Verbote sind meist zwecklos

  • Alkohol nicht einsammeln: Drohendes Entzugsdelir (Kap. 20.4.2).

Pflegeproblem: Alkoholisierter Patient
Patient ist betrunken, es kommt zu eskalierenden Auseinandersetzungen mit anderen Patienten, Angehörigen und Pflegenden.
Aufgaben der Pflege
  • Deeskalierend und beruhigend intervenieren

  • Ggf. Unterstützung anfordern

  • Darauf hinweisen, dass derartige Vorkommnisse dem Behandlungsvertrag zuwiderlaufen und einen Grund für den sofortigen Abbruch der Behandlung darstellen können

  • Dokumentieren, Arzt informieren.

Alkoholentzugsdelir

Delirim AlkoholentzugDas Alkoholentzugsdelir (Delirium tremens) ist eine Alkoholentzugsdelir potenziell lebensbedrohliche akute Folge des chronischen Alkoholismus mit psychotischer und neurovegetativer Symptomatik.
Andere, seltene Ursachen für ein Delirium tremens sind: Drogen, Medikamente (Anticholinergika, Antiparkinsonmittel, Kortison, Diuretika), Stoffwechselstörungen (Urämie, Hypothyreose, Morbus Cushing), Schädel-Hirn-Erkrankungen (Traumen, Enzephalitis, etc.).
Entstehungsarten des Alkoholdelirs
  • Abstinenz-Delir: häufigste Form, nach abruptem Entzug des Alkohols

  • Kontinuitäts-Delir: entsteht während ununterbrochen fortgesetzten Trinkens

  • Gelegenheits-Delir: durch seelische oder körperliche Belastung produziert.

Symptome und Schweregrade
  • Prädelir: evtl. Tage bis Wochen vorher, flüchtige, meist abendliche Halluzinationen, leichte und flüchtige vegetative Symptomatik mit Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Schwitzen und morgendlichem Tremor, oft begleitende tonisch-klonische Anfälle

  • Vollständiges Delir:

    • Beginn nach 2–3-tägiger Abstinenz, oft akut und in der Nacht

    • Verwirrtheit, Desorientierung, Bewusstseinsverminderung

    • Ausgeprägte motorische Unruhe

    • Lebhafte optische Mikrohalluzinationen (optische Halluzinationen von abnormer Kleinheit), z. B. „Sehen“ vieler kleiner Tiere im Zimmer

    • Suggestibilität (Beeinflussbarkeit), z. B. Patient liest nach Aufforderung fließend vom leeren Blatt, trinkt aus imaginärem Glas

    • Illusionäre Verkennungen mit Beziehung zum Alkohol (Pfleger wäre der Kellner)

    • Vegetative Störungen: Tremor, Kreislaufinsuffizienz, Pulsbeschleunigung, Schwitzen

  • Lebensbedrohliches Delir (7 % aller Delirien): zusätzlich schwere, vor allem kardiale und pulmonale Komplikationen mit schweren Bewusstseinsstörungen. Unbehandelt ist ein Delirium in ~ 15 % der Fälle tödlich, Ursache: Kammerflimmern.

Therapie
  • Mittel der Wahl sind Benzodiazepine (Kap. 20.2.2) und Clomethiazol (Kap. 20.2.3), ggf. in Kombination mit Neuroleptika (Kap. 20.2.1), bei kardiopulmonaler Vorerkrankung und milden Verläufen nur Benzodiazepine

  • Bei schweren Verläufen ist eine i. v.-Kombinationstherapie (Benzodiazepin/Neuroleptikum) auf der Intensivstation nötig; ggf. zusätzlich Clonidin (Catapresan®) verabreichen

  • Bei vorbekannten Entzugsanfällen: Anfallsprophylaxe mit Carbamazepin

  • Ernährung: Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution 2 500–4 500 ml tgl. (häufig Hypokaliämie), Thiamin (Vit. B1) 50–100 mg tgl. bis zum Abklingen des Delirs.

Komplikationen
  • NW des Distraneurin® (Kap. 20.2.3)

  • Hyperthermie: Eisbeutel, Wadenwickel, evtl. Kühlzelt

  • Krampfanfälle: zusätzlich Diazepam (Valium®) 10 mg langsam i. v.

Pflege
  • Stress reduzieren: kontinuierliche Bezugsperson, Lärm und Unruhe vermeiden, Angehörige informieren und einbeziehen (soweit möglich), Fixierungen vermeiden

  • Wahrnehmung fördern: Brille aufsetzen, Hörgeräte einsetzen

  • Kommunikation ermöglichen: Maßnahmen erklären, Zeit nehmen, Sicherheit und Orientierung geben, Berührungen gezielt einsetzen

  • Pneumonieprophylaxe: insbesondere Oberkörper halbhoch zur Atmungserleichterung

  • Unbedingt auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten, ggf. Ein- und Ausfuhrkontrolle

  • Versuchen, Angst des Patienten zu mindern, z. B. Zugewandtheit, Nähe, Körperkontakt.

Tipps, Tricks und Fallen

  • Jede Alkoholgabe ist kontraindiziert, auch bei Nahrungsmitteln und Medikamenten

  • Desorientierte Patienten ausreichend überwachen

  • Patienten nicht zu stark sedieren, sonst erschwerte Verlaufsbeobachtung

  • Pflegerische Besonderheiten bezüglich Distraneurin® Therapie beachten (Kap. 20.2.3).

Postoperatives Delir

Das postoperative DelirDelirpostoperatives (früher Durchgangssyndrom) oder Durchgangssyndrom hirnorganisches Psychosyndrom (HOPSHOPS) ist eine zeitlich begrenzte und vollständig rückbildungsfähige organische Psychose. Es tritt insbesondere nach chirurgischen Eingriffen auf. Typisch ist das verzögerte nächtliche Auftreten, etwa ein/zwei Tage nach einem Eingriff. Die genauen Ursachen sind bis heute unklar.
Symptome
  • Denkstörungen, Gedächtnisstörungen, Halluzinationen

  • Antriebsarmut, aber auch Unruhe sind möglich

  • Plötzliche Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen (oft mit Alpträumen)

  • Desorientierung, besonders zeitlich und räumlich.

Therapie
Neuroleptika wie Risperidon®, Haloperidol® oder ggf. Clomethiazol (Kap. 20.2.3).
Pflege
  • Stress für den Patienten vermeiden oder zumindest vermindern

  • Vorbeugung vor zusätzlichen Unfällen und Verletzungen

  • Auf geeignete Ernährung und ausgeglichenen Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushalt achten

  • Patienten vor Lärm schützen und ggf. Beleuchtung reduzieren

  • Besuch der Familienmitglieder gut dosieren, nicht zu viel aber auch nicht zu wenig

  • Versuchen, Unruhe und Angst des Patienten zu mindern, vorwiegend durch nichtverbale Äußerungen: z. B. Zugewandtheit, Nähe zum Patienten, Körperkontakt

  • Häufig Orientierungshilfen geben durch Nennen von Zeit, Datum, Ort, Namen.

Schizophrenie

Endogene Schizophrenie Psychose mit charakteristischen PsychoseendogeneSymptomen verschiedener psychischer Bereiche wie Wahrnehmung, Denken, Ich-Funktionen, Affektivität, Antrieb und Psychomotorik. Bezeichnend sind einerseits episodisch auftretende akute psychotische Zustände und andererseits chronische Beeinträchtigungen insbesondere von negativen Symptomen. Nach heutigem Wissensstand sind für die Entstehung folgende Faktoren verantwortlich:
  • Genetische Disposition

  • Neurobiochemische Faktoren, z. B. Störung im Dopamin-Transmitter-System

  • Psychologische Faktoren, z. B. Stress.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Vulnerabilitäts-Stress-Modell Integriert die verschiedenen Ansätze. Demnach wird nicht einfach die Krankheit vererbt, sondern die Vulnerabilität (Verletzlichkeit, Anfälligkeit), auf Belastungen jeder Art mit einer Schizophrenie zu reagieren. Kommt es im Laufe des Lebens zu „Verletzungen“ durch besondere psychische oder körperliche Belastungen, verändert sich der Hirnstoffwechsel. Je höher die Vulnerabilität eines Menschen ist, desto geringere zusätzliche Belastungen können zum Ausbruch der Erkrankung führen.

Leitsymptome nach ICD-10
  • 1.

    Gedankenlautwerden/-ausbreitung: „Meine Gedanken werden von allen gehört/gedacht“

  • 2.

    Hören von kommentierenden oder dialogisierenden Stimmen

  • 3.

    Wahn, wie z. B. Kontrollwahn, Beeinflussungswahn oder Wahnwahrnehmungen

  • 4.

    Anhaltender, kulturell unangemessener oder völlig unrealistischer Wahn

  • 5.

    Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität

  • 6.

    Denkstörungen, wie Gedankenabreißen oder -einschiebungen in den Gedankenfluss

  • 7.

    Katatone (körperlich-motorische) Symptome

  • 8.

    „Negative“ Symptome wie Apathie, Sprachverarmung, verflachte, inadäquate Affekte und sozialer Rückzug.

Erforderlich für die Diagnose Schizophrenie ist mind. ein eindeutiges Symptom (zwei oder mehr, wenn weniger eindeutig) der Gruppen 1–4 oder mind. zwei Symptome der Gruppen 5–8 fast ständig über mind. einen Monat.
Therapie
  • Stationäre Behandlung bei akuten Zuständen, Selbst- oder Fremdgefährdung

  • Psychoedukative Maßnahmen: Förderung des informierten selbstverantwortlichen Umgangs mit der Erkrankung, mit dem Ziel der Verbesserung des Krankheitsverlaufs

  • Training sozialer Kompetenz, Soziotherapie und kognitives Training

  • Pharmakotherapie:

    • Bei Ersterkrankung: frühzeitig, niedrig dosiert atypische Neuroleptika

    • Bei Wiedererkrankung atypische Neuroleptika bevorzugen, falls hochpotente typische Neuroleptika angewendet werden, auf Haloperidol oder Flupentixol zurückgreifen

    • Monotherapie anstreben, bei krankhafter Erregung und/oder Angstzuständen Kombination mit einem angstlösend wirkenden Benzodiazepin wie Tavor®

    • Langzeitbehandlung/Rezidivprophylaxe bei chronisch-produktivem Verlauf oder häufigen Episoden bevorzugt mit atypischen Depot-Neuroleptika wie Risperidon®.

Pflege
Allgemeine pflegerische Aspekte
  • Bei immobilen Patienten: allgemeine Pflege und Prophylaxen

  • Medikamente: immer persönlich verabreichen, bei Einnahme anwesend sein

  • Bedürfnisse des Patienten achten, z. B. nach Akutphase bei Partnerbesuch allein lassen

  • Eigene Ängste und Unsicherheiten nicht auf Patienten übertragen

  • Patienten in seinem Wahn akzeptieren, aber deutlich machen, dass man diese Wahninhalte selbst nicht wahrnimmt; möglichst nicht auf diese eingehen, andere Themen suchen.

Spezielle pflegerische Aspekte
  • Struktur bieten: Tagesablauf etc. so weit wie möglich unter Einbeziehung des Patienten

  • Auf Einhaltung des Tag-Nacht-Rhythmus, der Ruhezeiten und Mahlzeiten achten

  • Den Patienten nicht überfordern, d. h. keine Tätigkeiten abverlangen, welche er momentan nicht leisten kann, z. B. ganztägige Arbeitstherapie

  • Ressourcen herausfinden, erhalten und fördern, z. B. Schach spielen, wenn er es möchte

  • Bereits bestehende Defizite so weit wie möglich rückgängig machen, z. B. bestehende Kommunikationsschwierigkeiten durch gezielte Gesprächskontakte vermindern

  • Das Wiedererlernen verloren gegangener Alltagsfähigkeiten durch gezieltes Training fördern, z. B. Kleider einkaufen und umtauschen, um eine Resozialisierung zu erleichtern.

Sicherheit von Patienten und Personal
  • Hilfe bei erfahrenen Kollegen einholen, v. a. bei Neubeginn auf einer psychiatrischen Station

  • Sicherheit bieten: kleine Zimmer, geschlossene Station, häufige Gespräche, um Patienten Angst zu nehmen

  • Selbst- und Fremdgefährdung durch engmaschige Kontrollen verhindern, z. B. Entfernen der Infusionen von Mitpatienten

  • Therapeutische Distanz: z. B. nicht auf Du-Verhältnis einlassen

  • In akuten Krisensituationen sich nicht selbst überschätzen (Fixierung Kap. 20.7), bei Erregungszuständen sich dem Patienten nicht alleine nähern.

Beobachten

  • Beobachtung des Patienten und präzise Dokumentation, z. B. von suizidalen Tendenzen und Sozialverhalten: Kontakt zu Mitpatienten, Umgang mit Angehörigen, Personal

  • In der Anfangsphase Begleitung, um bestehende Defizite und Fähigkeiten festzustellen

  • Auf NW der Neuroleptika achten (Kap. 20.2.1), präzise Dokumentation bei Auffälligkeiten

  • Regelmäßigkeit der Ausscheidungen überwachen.

Tipps, Tricks und Fallen

  • Bei Katatonie: Medikation absolut korrekt verabreichen, häufige Kontrolle der Vitalfunktionen (Überwachungsprotokoll)

  • Vermeidung von vagen Aussagen gegenüber Patienten: nicht „Vielleicht gehen wir heute Nachmittag spazieren“, sondern „Wir können heute Nachmittag spazieren gehen“

  • Kein inkonsequentes Verhalten gegenüber dem Patienten, z. B. keine Versprechungen, die später nicht gehalten werden können.

Affektive Störungen

Verlaufsformen der affektiven Störungen
  • Bipolarer Verlauf: sowohl manische Störungaffektive als auch depressive Phasen, ~ 30 % der Fälle

  • Monopolares, rein manisches Erkrankungsbild, ~ 10 % der Fälle, fast nur mehrphasisch

  • Monopolares, rein depressives Erkrankungsbild, ~ 60 % der Fälle, bei ~ 35 % mehrphasisch, bei ca. 25 % hat Patient nur eine einzige Erkrankungsphase im Leben.

Manie

„Mania“ = Raserei, Wut. Erkrankung aus dem ManieFormenkreis der affektiven Störungen. Tritt oft im Wechsel mit einer depressiven Episode auf, sog. Bipolare affektive Störung.
Symptome
  • Gehobene Stimmungslage: heiter, witzig, ansteckend bis gereizt, angriffslustig, zornig

  • Gesteigerter Antrieb: „schwindelerregendes“ Ausmaß an körperlichen, seelischen und sozialen Aktivitäten; Enthemmung, welche sich auch im Verlust des Schamgefühls äußern kann, z. B. sexuelle Aufdringlichkeit, derbe Witze, Liebesanträge. Bei extrem gesteigertem Antrieb kann es bis zur Tobsucht kommen

  • Rededrang mit Ideenflucht (Kap. 20.1)

  • Selbstüberschätzung und Größenideen

  • Vegetative Funktionen und Vitalgefühle: Körpersignale werden nicht beachtet, z. B. übermäßiges „Fressen“ bzw. „Vergessen“ der Nahrungsaufnahme, Übersehen von Schmerzsignalen; auf Schlaf kann tagelang verzichtet werden.

Diagnostik
  • Anhand von Anamnese und Zustandsbild: drei Symptome wenigstens eine Woche lang

  • Ausschluss organischer Ursache, z. B. progressive Paralyse bei Lues.

Therapie
  • Bei ausgeprägter Manie stationäre Behandlung, vor allem zum eigenen Schutz des Patienten vor überschießendem Tatendrang, z. B. unkritische Ausgabe von Geld, Tätigung unsinniger Geschäfte

  • Zu Beginn der Erkrankung: atypische Neuroleptika wie Risperidon oder Benzodiazepine

  • Zusätzlich: Phasenprophylaxe/Stimmungsstabilisierung mit Lithium (Kap. 20.2.5), Carbamazepin (Kap. 19.5) oder Valproinsäure (Kap. 19.5)

Fixierung

Vorsicht bei manischen Patienten

Bei manischen Patienten kommt es wegen der häufig fehlenden Krankheitseinsicht in Verbindung mit Erregungszuständen in der Akutphase immer wieder zu Situationen, in denen ggf. eine FixierungFixierungbei Manie des Patienten zu seinem eigenen Schutz angezeigt sein kann (Kap. 1.9.5).

Durchführen
  • Mehrere Personen, evtl. pro Extremität eine, bringen den Patienten ins Bett, wo er dann mind. an beiden Beinen und einem Arm, u. U. an allen vier Extremitäten, ggf. zusätzlich mit Bauchgurt, fixiert wird

  • Größere Zahl von Personen beeinflusst das Verhalten des Patienten u. U. positiv

  • Bei Fixierung Intimsphäre soweit möglich wahren, z. B. weibliche Pflegende bei Frauen und umgekehrt

  • Für die Dauer der Fixierung Sinneseindrücke ermöglichen, um Selbststimulierung wie Halluzinationen zu verhindern, z. B. Bilder an sichtbare Wand

  • Nach Abklingen der Akutphase dem Patienten die Aufarbeitung der Zwangsmaßnahme im therapeutischen Gespräch ermöglichen.

Rechtliche Aspekte
  • Fixierung ist nur nach schriftlicher richterlicher Genehmigung möglich. Ausnahme: sofortige Fixierung, wenn „Gefahr im Verzug ist“, d. h. in Not- oder Akutsituationen, wenn der Patient sich selbst oder andere gefährdet. Bedingung: schriftliche Anordnung durch den Arzt muss unverzüglich nach dem Vorgang eingeholt werden, richterliche Genehmigung innerhalb der zutreffenden Frist (je nach Bundesland)

  • Schriftliche Anordnung, in welchen Fällen (mit Begründung) und für welche voraussichtliche Dauer fixiert werden darf (Arzt)

  • Während der Fixierungszeit sehr engmaschige Kontakte und Kontrollen des Patienten auf körperlichen und psychischen Zustand und der Fixiergurte auf Festigkeit und Spielraum für Extremitäten. Zu großer Spielraum → Verletzungs-, Strangulationsgefahr

  • Unter Umständen muss ärztlicherseits eine Sitzwache angeordnet werden

  • Präzise Dokumentation über Vorfall und Dauer der Fixierung.

Pflege
Aufnahme
  • Ruhe und Geduld bewahren, Zeit nehmen. Wenn möglich Bezugsperson bieten, besser zwei, um Überforderung möglichst gering zu halten

  • Möglichst wenig „Publikum“, wie z. B. Mitpatienten

  • Den Patienten nicht gleich zu stark einschränken

  • „Zwei-Minuten-Kontakt“: bei längeren Kontakten kann der Patient überfordert sein

  • Zeitpunkt der „formalen“ Aufnahme von der Situation abhängig machen

  • Verhalten ernst nehmen, bei Akutsituationen den Patienten evtl. fixieren, z. B. wenn er extrem gereizt oder aggressiv gegen Mitpatienten oder Personal ist.

Allgemeine pflegerische Aspekte
  • Krankheitseinsicht fehlt aufgrund der euphorischen Stimmungslage oft völlig, deshalb wird die Notwendigkeit einer Medikamenteneinnahme meist nicht erkannt

  • Oberflächliche Körperpflege, unordentliche Kleidung situationsabhängig ggf. akzeptieren

  • Ruhige, reizarme Atmosphäre bieten, z. B. Einzelzimmer

  • Mitpatienten informieren, damit diese z. B. nichts verleihen. Gegenstände wegräumen lassen

  • Möglichst viel Freiraum lassen, nötige Grenzen aufzeigen

  • Nach Abklingen der akuten Phase versuchen, im Gespräch mit dem Patienten Schuldgefühle zu nehmen. Patient hat keinen Gedächtnisverlust und weiß daher alles, was geschehen ist

  • Regelmäßige und ausführliche Gespräche mit den Angehörigen, um schwierige Zeit vor der Aufnahme zu bearbeiten und um Verständnis für Patienten und seine Erkrankung zu wecken.

Beschäftigung
  • Überschüssige Energien in sinnvolle Richtungen lenken, z. B. Sport. Patient sich abreagieren lassen, z. B. Kraftraum. Auch Bewegungsspiele, Spaziergänge, Zeichnen, Kollagen, Musizieren sind oft hilfreich

  • Auf Wunsch den Patienten Stationsarbeiten übernehmen lassen, ohne Mitpatienten zu beeinträchtigen

  • Beachtenswertes bei Beschäftigung auf der Station:

    • Manische Patienten müssen schnelle Erfolge sehen

    • Möglichst nicht mit depressiven oder anderen manischen Patienten zusammen beschäftigen

  • Der Patient sollte das persönliche Umfeld selbst gestalten können.

Kommunikation
  • Durch die Äußerungen des Patienten nicht persönlich angegriffen fühlen: derbe Witze, sexuelle Anzüglichkeiten sind krankheitsbedingt

  • Von Witzeleien bzw. Anzüglichkeiten nicht mitreißen lassen bzw. selbst welche von sich geben, um den Patienten in seinem Verhalten nicht noch zu verstärken

  • Sachliche und entschlossene Anweisungen für den Patienten: „Kommen Sie jetzt zum Mittagessen“; „Wenn Sie bis 12:30 Uhr nicht erscheinen, gibt es kein Mittagessen mehr“

  • Das Team muss einheitlichen Umgang mit dem Patienten festlegen, der konsequent durchzuhalten ist.

Beobachten

  • Wert auf jahreszeitgemäße Bekleidung legen

  • Ausscheidungen kontrollieren (Patienten achten oft nicht darauf)

  • Korrekte Medikamenteneinnahme überprüfen

  • Wöchentliche Gewichtskontrolle

  • Auf NW von Neuroleptika wie Frühdyskinesien, Parkinsonsyndrom und Überdosierungserscheinungen von Lithium (Kap. 20.2.5) achten. Wöchentlich Halsumfang kontrollieren

  • Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr (2–2,5 l/Tag) achten, ggf. Trinkplan.

Tipps, Tricks und Fallen

Bei „Heißhunger“ eher kalorienarme Nahrungsmittel anbieten, z. B. Karotten, Salate, Joghurt.

Depression

Hauptsymptome
Depression
  • Depressive Verstimmtheit: innere Leere, Gefühl des „Innerlich-Totseins“, Nicht-traurig-Sein und Nicht-Weinen-Können → „Gefühl der Gefühllosigkeit“, Niedergeschlagenheit

  • Interessenverlust und Freudlosigkeit: Interesse/Freude an wichtigen Aktivitäten (Beruf, Hobby, Familie) geht verloren

  • Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit: schwunglos, entschlussunfähig, gleichgültig, energielos, müde und abgeschlagen.

Zusatzsymptome
  • Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit

  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen

  • Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit

  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven

  • Suizidgedanken/Suizidhandlungen

  • Schlafstörungen (Ein-/Durchschlafstörungen)

  • Vitalstörungen wie Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Obstipation, Druckgefühl in Kopf-, Hals-, Brustbereich, Menstruationsstörungen, Libidoverlust.

Formen/Einteilung
Bipolare affektive Störung (gegenwärtig depressiv), Depressive Episode (einmalig), Rezidivierende depressive Störung (wiederholte depressive Episoden).
Diese Depressions-Formen werden in eine leichte, mittelgradige und schwere Form eingeteilt, unabhängig von der Ursache der Erkrankung:
  • Leichte Depression bei 2 Hauptsymptomen und 1–2 Zusatzsymptomen

  • Mittelgradige Depression bei 2 Hauptsymptomen und 3–4 Zusatzsymptomen

  • Schwere Depression bei 3 Hauptsymptomen und mind. 4 Zusatzsymptomen über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen.

Anhaltende affektive Störungen wie DysthymiaDysthymia (Neurotische Depression, vgl. Tab. 20.8).
Diagnostik
  • Anamnese, aktuelle Beschwerden

  • Ausschluss organischer Störungen, z. B. Hypothyreose

  • Abschätzen der Suizidalität, die Depression ist häufig Grundlage für Suizidversuche und vollendete Suizide (Kap. 20.8).

Therapie
Allgemeine Maßnahmen bei allen Formen:
  • Psychoedukation: Förderung des Psychoedukation informierten selbstverantwortlichen Umgangs mit der Erkrankung, mit dem Ziel der Verbesserung des Krankheitsverlaufs

  • Förderung der Compliance (Therapietreue und konsequente Mitarbeit des Patienten)

  • Psychotherapie, wichtig: Familienangehörige mit einbeziehen

  • Verhinderung der Eigengefährdung, Suizidalität erkennen und behandeln (Kap. 20.8)

  • Bei quälenden Schlafstörungen und/oder Angst: Benzodiazepine (Kap. 20.2.2).

Leichte Depression: aktiv-abwartende Begleitung, wenn anzunehmen ist, dass die Symptomatik auch ohne spezifische Behandlung abklingt. Hält die Symptomatik deutlich länger als 14 Tage an, spezifische Therapie in Form von allgemeinen Maßnahmen; Antidepressiva nur in Ausnahmefällen.
Mittelgradige und schwere Depression:
  • Allgemeine Maßnahmen wie oben beschrieben

  • Stationäre Behandlung bei akuter Suizidgefahr oder drohender Verwahrlosung

  • Pharmakotherapie, ggf. Antidepressiva

  • Ggf. Phasenprophylaxe mit Lithium, Carbamazepin, Valproinsäure oder Lamotrigin

  • Psychotherapie: Konfliktthemen bearbeiten; therapeutische Beziehung aufbauen, um dem Geborgenheitsverlust entgegenzuwirken

  • Schlafentzug: führt evtl. über einige Tage zur Verbesserung des Befindens

  • U. U. Lichttherapie: zwei Stunden täglich Licht mindestens 2 000 Lux

  • Verhinderung der Eigengefährdung, Suizidalität erkennen und behandeln.

Pflege
Allgemeine pflegerische Aspekte
  • Den Patienten von Pflichten und Ansprüchen anderer an ihn entlasten, d. h. Versorgung von Wohnung und Familie ohne Einbeziehung des Patienten klären, um vorhandene Schuldgefühle nicht zu verstärken

  • Keinen Zwang ausüben, z. B. „Sie müssen jetzt aufstehen“, sondern dem Patienten die Möglichkeit zum Rückzug bieten

  • Einfühlsame Pflege in der Akutphase, später nur Anleitung, nicht die Geduld verlieren, wenn Patient etwas mehr Zeit benötigt

  • Bei angeordnetem Schlafentzug: Patient bleibt komplett angezogen, Aufenthalt nicht im Zimmer, mit Kaffee versorgen, Ablenkungen anbieten, z. B. spielen, mit Patient unterhalten. Einnicken verhindern: gefährdet Therapieerfolg

  • Gespräche mit Angehörigen führen, um Akzeptanz gegenüber dem Patienten und seinem Zustand zu erreichen.

Kommunikation
  • Anwesenheit statt Aktivität betonen → anteilnehmendes Zuhören

  • Begleitung statt Trost → keine Phrasen oder Floskeln verwenden wie „Es wird schon wieder werden“

  • Alle Besserungssignale müssen vom Patienten kommen. Dem Patienten bei der Unterscheidung von Situationen helfen, nicht: „Ihnen geht's doch heute besser als gestern“, sondern: „Was ist denn heute anders als gestern?“.

Beschäftigung
  • Mit Abklingen der akuten Phase den Patienten stärker ins Stationsleben einbeziehen und zu Aktivitäten außerhalb des Hauses mitnehmen. Dabei Art und Intensität der Beschäftigung langsam steigern

  • Alltagsfähigkeiten mit einbeziehen → Materialien zur Ausübung von Hobbys beschaffen

  • Bereits vorhandene Minderwertigkeitsgefühle durch übertriebene Ansprüche nicht noch verstärken, z. B. keinesfalls bei nicht optimaler Ausführung von Stationsarbeiten sofort Kritik üben.

Beobachten

  • Differenzierte Krankenbeobachtung hinsichtlich der Symptomatik, präzise Dokumentation von Veränderungen (v. a. positiven)

  • Auf NW der Antidepressiva (Kap. 20.2.4) und der Lithiumpräparate (Kap. 20.2.5) achten

  • Regelmäßige Gewichts- und Halsumfangskontrolle

  • Suizidäußerungen (verbal, nonverbal) ernst nehmen und darauf eingehen

  • Medikamenteneinnahme kontrollieren, um Sammeln von Medikamenten und Einnahme in suizidaler Absicht zu verhindern.

Tipps, Tricks und Fallen

  • SuizidgefahrSuizidgefahrbei Depression (Depression ist häufig Grundlage für Suizidversuche und vollendete Suizide):

    • Morgentief, beginnt ca. ab 4:00 Uhr nachts → Nachtdienst. Einschätzung der Suizidalität am Nachmittag bei bestehendem und nicht erfragtem Morgentief kann zu fatalen Fehlannahmen führen

    • Zu Beginn und am Ende einer Phase/Episode: „Der Antrieb überholt die Stimmung“

    • Die antriebssteigernde Antidepressiva-Wirkung geht der stimmungsaufhellenden deutlich voraus; Folge: Zeiten erhöhter Suizidgefahr in der Anfangszeit der Behandlung

    • Bei scheinbar „schlagartigem“ Verschwinden depressiver Symptome

  • Gefahr von Überbetreuung nach der Akutphase → Patient verbleibt in depressivem Zustand, Entstehung von Aggressionen gegenüber dem Patienten bei Pflegenden

  • Depressionen bei alten Menschen können wegen der ähnlichen Symptomatik als Demenz verkannt werden: Pseudodemenz.

Suizid

Im Durchschnitt sterben in Deutschland Suizidjährlich etwa 10 000 Menschen durch Suizid, somit gehört der Suizid zu den häufigsten Todesursachen.
Verhältnis Suizid/Suizidversuch ca. 1 : 10. Suizide häufiger bei Männern und älteren Menschen.
Suizidversuche sind bei jungen Menschen häufiger und deutlich häufiger bei Frauen.
Gefährdet sind: z. B. Depressive, Abhängige, Menschen in lebensgeschichtlichen Krisenzeiten (Pubertät, Adoleszenz, Klimakterium, Alter), Einsame, chronisch Erkrankte, Patienten nach Schicksalsschlägen (Trennung, Verlust von Partner, Kind), Psychotiker.
Präsuizidales Syndrom (Entwicklung)
  • Zunehmender innerer Rückzug von der vertrauten Umgebung

  • Einengung der Wahrnehmung

  • Ausgeprägte Gefühle der Einsamkeit, Ausweglosigkeit, Frustration

  • Aggressionen gegen sich selbst oder andere Menschen

  • Suizidankündigungen: z. B. „Es hat alles keinen Sinn“, „Wenn ich nur Mut hätte, ich würde sterben“, „Ich würde am liebsten abhauen“

  • Flucht in Fantasien: Vorstellungen über Suizid, Zeit danach

  • Auffälligkeiten: erhöhte Aufmerksamkeit ist geboten, wenn Patienten alles verschenken, plötzlich aufräumen, Schulden zurückzahlen, Versicherungsangelegenheiten regeln, ihr Testament machen oder plötzlich gefasst sind nach vorher auffälligem Verhalten.

Umgang mit suizidalen Patienten

  • Oft ist Suizid ein Hilferuf, ein letzter Versuch, die Situation zu ändern

  • Ursachen herausfinden

  • Überwachung (Notbehelf), besser Beziehung herstellen

  • Vertrauensbasis schaffen, zuhören, über Probleme reden

  • Signale ansprechen

  • Alternativen bieten, z. B. Selbsthilfegruppen, Sozialarbeiter, Seelsorger

  • Angehörige miteinbeziehen

  • Nachbetreuung: z. B. ambulante Beratungsstellen, sozialpsychiatrischer Dienst.

Tipps, Tricks und Fallen

  • Suizidankündigungen, Auffälligkeiten immer ernst nehmen; ca. 80 % werden angekündigt

  • Depressive Patienten sind besonders suizidgefährdet (Kap. 20.7.2)

  • Suizidverdacht ansprechen, es fördert nicht den Suizid, mit dem Patienten über seine diesbezüglichen Äußerungen/Fantasien zu reden.

Literaturhinweise

Sauter et al., 2011

D. Sauter Lehrbuch Psychiatrische Pflege 3. Aufl. 2011 Hans Huber Verlag Bern

Thiel et al., 2010

H. Thiel M. Jensen S. Traxler Psychiatrie für Pflegeberufe 5. Aufl. 2010 Elsevier, Urban & Fischer Verlag München

Schädle-Deininger, 2010

H. Schädle-Deininger Fachpflege Psychiatrie 2010 Mabuse Verlag Frankfurt a. M

Websites

deutsche,

www.deutsche-alzheimer.de

dgbs,

www.dgbs.de (Manie und Depression)

suizidprophylaxe,

www.suizidprophylaxe.de

anonyme,

www.anonyme-alkoholiker.de

kompetenznetz,

www.kompetenznetz-schizophrenie.de

dfpp,

www.dfpp.de (Deutsche Fachgesellschaft für Psychiatrische Pflege)

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