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B978-3-437-22235-1.00007-3

10.1016/B978-3-437-22235-1.00007-3

978-3-437-22235-1

Abb. 7.1

[X335, L157]

Nationale Versorgungsleitlinie Therapie des Typ-2-Diabetes: Algorithmus zur Diagnose eines Typ-2-Typ-2-DiabetesDiagnosealgorithmusDiabetes mellitus

1 Erhebung durch Fragebögen

2 Bei Diabetessymptomen sofortige Glukosemessungen

3 Wenn eine Verfälschung des HbA1c-Werts zu erwarten ist, primär Diagnose durch Glukosemessung

Abb. 7.2

[L157]

Entscheidungsdiagramm HypoglykämiediagnostikHypoglykämieDiagnostik, Entscheidungsdiagramm

Abb. 7.3

[X336, L157]

Flussdiagramm Nüchternglukose-Kategorien nach erhöhter Gelegenheitsglukose oder erhöhter Nüchternglukose vor SSW 24. Bei erhöhter Gelegenheitsglukose kann die Diagnose eines manifesten Diabetes mit einer Zweitmessung der Gelegenheitsglukose ≥ 200 mg/dl (11,1 mmol/l) bestätigt werden

Abb. 7.4

[X336, L157]

Screening- und Diagnosealgorithmus auf manifesten Diabetes und Gestationsdiabetes in der SchwangerschaftGestationsdiabetesDiagnose-/Screeningalgorithmus

1 Risiko (mind. 1): Alter ≥ 45 J.; BMI ≥ 30 kg/m2 präkonzeptionell; körperliche Inaktivität; familiäre Diabetesbelastung; ethnische Risikopopulation (z. B. Asien, Lateinamerika); Geburt eines Kindes ≥ 4.500 g; GDM anamnestisch; RR ≥ 140/90 mmHg oder Antihypertensiva; Dyslipidämie; PCOS; früherer Prädiabetes; klin. Insulinresistenz; KHK, pAVK, zerebral-art. Makroangiopathie; kontrainsulinäre Medikation (z. B. Glukokortikoide).

2 Alternativ als erste Messung nüchtern möglich; Ergebnisse ≥ 92 mg/dl (5,1 mmol/l) müssen durch Zweitmessung bestätigt werden. Zweitmessung entscheidet.

3 Bestätigen durch Zweitmessung.

4 50-g-GCT als Vortest möglich; pos. Screening (venöses Plasma) nach 1 h: ≥ 135 mg/dl (7,5 mmol/l).

Probenarten zur quantitativen BlutglukoseProbenartenBlutglukosebestimmung

Tab. 7.1
Blutabnahme Vorbehandlung Probe zur Messung
Arterialisiertes Kapillarblut Hämolyse kapilläres Vollblut (Hämolysat)
Enteiweißung kapilläres Plasmawasser
Venenblut Hämolyse venöses Vollblut (Hämolysat)
NaF-Röhrchen Zentrifugation venöses Plasma
Enteiweißung venöses Plasmawasser

Diagnosekriterien bezogen auf Nüchtern-NüchternglukoseReferenzwerteBlutglukoseNüchternwerteBlutglukose

Tab. 7.2
Bewertung Plasma, venös Vollblut (kapillär, hämolysiert)
mg/dl mmol/l mg/dl mmol/l
Normal < 100 < 5,6 < 90 < 5,0
Abnorme Nüchternglukose 100–125 5,6–6,9 90–109 5,1–6,0
Diabetische Nüchternglukose ≥ 126 ≥ 7,0 ≥ 110 ≥ 6,1

Diagnostische Grenzwerte (bezogen auf venöse Plasmaglukose) oGTT (oraler Glukosetoleranztest)diagnostische Grenzwerte

Tab. 7.3
Messzeitpunkt Messwert Bewertung
mg/dl mmol/l
oGTT-2-h-Wert < 140 < 7,8 normal
140–199 7,8–11,0 path. Glukosetoleranz
≥ 200 ≥ 11,1 diabetische Belastungsglukose

Diagnose des manifesten Diabetes in der Schwangerschaft bei Erstvorstellung vor SSW Gestationsdiabetesdiagnostische Grenzwerte24 nach Leitlinie Gestationsdiabetes DDG + DGGG (2011)

Tab. 7.4
Glykämie-Messmethode Grenzwert venöses Plasma Beurteilung
mg/dl mmol/l
Gelegenheitsglukose (random glucose) ≥ 200 11,1 V. a. manifesten Diab. (Bestätigung durch Zweitmessung nüchtern)
Nüchternglukose ≥ 126 7,0 V. a. manifesten Diab. (Bestätigung durch Zweitmessung)
< 92 5,1 ohne Befund (Normalbefund)
92–125 5,1–6,9 V. a. GDM (Bestätigung durch Zweitmessung)

Zweitmessung entscheidet; Zweitmessung soll zeitnah erfolgen. Bei der Nüchternglukose ist eine Zweitmessung nur dann erforderlich, wenn vorher keine Gelegenheitsglukose gemessen wurde. Alle Zweitmessungen können am selben Tag nach erneuter Venenpunktion erfolgen.

Grenzwerte des diagnostischen 75-g-oGTT in der oGTT (oraler Glukosetoleranztest)Schwangerschaft, GrenzwerteSchwangerschaft

Tab. 7.5
Zeitpunkt: 24+0 bis 27+6 SSW Venöses Plasma
mg/dl mmol/l
Nüchtern > 92 > 5,1
1-h-Wert > 180 > 10,0
2-h-Wert > 153 > 8,5

Therapieziele (DDG-Leitlinien) für HbA1cHbA1cTherapieziele

Tab. 7.6
Zielwert Interventionsbedürftig
Typ-2-Diab. 6,5–7,5 %
48–58 mmol/mol
≥ 7,5 %
≥ 58 mmol/mol
Typ-1-Diab. < 7,5 %
< 58 mmol/mol
≥ 7,5 % oder 1,2 % über dem Referenzbereich der Messmethode

Angabe des HbA1c in % nach NGSP HbA1c; in mmol/mol Hb nach IFCC

Referenzbereiche InsulinReferenzbereichInsulin und C-C-PeptidReferenzbereichPeptid

Tab. 7.7
pmol/l ng/ml mU/l Umrechnung in pmol/l
Insulin (IRP 66/304) 20–120 0,13–0,7 3–17
  • ng/ml × 172

  • mU/l × 7,24

  • ng/ml × 330

C-Peptid (WHO 84/510) 230–1.000 0,7–3
Proinsulin < 8

Differenzialdiagnose InsulinomDifferenzialdiagnoseInsulinom – Hypoglycaemia factitiaDifferenzialdiagnoseHypoglycaemia factitia

Tab. 7.8
Diagnose Insulin C-Peptid Proinsulin Sulfonylharnstoff-Nachweis
Insulinom n–↑ n–↑ negativ
Hypoglycaemia factitia durch exogenes Insulin ↑↑ negativ
Hypoglycaemia factitia durch Sulfonylharnstoffe positiv

Beurteilung HungerversuchBeurteilungHungertest

Tab. 7.9
Hypoglykämie-Symptome Blutglukose Insulin C-Peptid Proinsulin U-Keton
mg/d mmol/l pmol/l pmol/l pmol/l pmol/l
Negativ (−) > 60 > 3,3 < 36 < 200 < 5 +
Positiv (+) < 40 < 2,2 ≥ 36 ≥ 200 ≥ 5 −/+

Glukosestoffwechsel

Birgid Neumeister

Bernhard Böhm

  • 7.1

    Wichtige Krankheitsbilder130

    • 7.1.1

      Einleitung130

    • 7.1.2

      Diabetes mellitus130

    • 7.1.3

      Hypoglykämie132

  • 7.2

    Diagnosestrategie132

    • 7.2.1

      Hyperglykämie132

    • 7.2.2

      Hypoglykämie133

  • 7.3

    Glukose $135

  • 7.4

    Oraler Glukosetoleranztest137

  • 7.5

    Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes)139

  • 7.6

    HbA1c $$142

  • 7.7

    Fructosamin $143

  • 7.8

    Insulin, C-Peptid, Proinsulin $$$144

  • 7.9

    Hungerversuch145

  • 7.10

    Modulatoren des Glukose- und Intermediärstoffwechsels148

    • 7.10.1

      Einführung148

    • 7.10.2

      Myokine148

    • 7.10.3

      Adipokine148

    • 7.10.4

      Hepatokine149

Wichtige Krankheitsbilder

Einleitung

Der Glukosestoffwechsel(störungen)Glukosestoffwechsel wird durch eine Vielzahl von Hormonen beeinflusst. Das einzige blutzuckersenkende Hormon ist InsulinInsulin. Blutzuckersteigernd wirken v. a. Glukagon, Kortisol (ACTH), STH, Thyroxin sowie die Katecholamine.
Störungen des Glukosestoffwechsels können sich entweder als HyperglykämieHyperglykämie (evtl. mit Glukosurie) oder als HypoglykämieHypoglykämie manifestieren.

Differenzialdiagnostisch wichtig: Glukosurien ohne Hyperglykämie (7.3).

Diabetes mellitus

Glukosestoffwechsel(störungen)HyperglykämieHeterogenes Sy. mit Störung des Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsels. Zentraler Befund ist eine chron. Hyperglykämie. Der primäre Diab. mell. Diabetes mellitusprimärerist die häufigste Störung des Glukosestoffwechsels. Zwei Hauptformen:
  • Typ 1 (absoluter Insulinmangel)

  • Typ 2 (Insulinresistenz/relativer Insulinmangel)

Kategorien der Hyperglykämie
Diabetes mellitusHyperglykämie-KategorienKeine Laboruntersuchung erlaubt die zuverlässige Unterscheidung von Typ-1- und Typ-2-DiabDiabetes mellitusTyp 2Diabetes mellitusTyp 1. Diese Zuordnung beruht hauptsächlich auf Anamnese und klin. Befund und kann durch Laboruntersuchungen nur unterstützt werden.
  • Typ-1-Diabetes: Typ-1-DiabetesManifestation meist < 30. Lj., akuter Beginn, klassische Diab.-Symptome, Ketoazidoseneigung (häufig als Erstmanifestation), organspez. Auto-AK (22.5.16, 22.5.17, 22.5.18)

  • Typ-2-Diabetes: Typ-2-Diabetesmeist Übergewicht und keine klassischen Diab.-Symptome, keine Ketoazidoseneigung

  • LADA (latent autoimmune diabetes in the adultsLADA (Latent Autoimmune Diabetes in the Adult)Diabetes mellitusLADA): klin. Bild wie Typ-2-Diab., jedoch Vorhandensein von Inselzell-AK (22.16, 22.17, 22.18), höheres Risiko der Entwicklung einer Insulinbedürftigkeit

  • Genet. bedingte Diabetes mellitusMODYDiabetesformen (z. B. MODY (Maturity Onset Diabetes of the Young)MODY, Maturity Onset Diabetes of the Young; Typ-2-diabetesartige Erkr.) Manifestation < 25. Lj. (Gendiagnostik, 2.1)

  • GestationsdiabetesDiabetes mellitusSchwangerschaft (7.5): Diab. Gestationsdiabetesmell., der sich in der Schwangerschaft manifestiert. Abgrenzung gegen SchwangerschaftGlukosurieSchwangerschaftsglukosurie (ohne Hyperglykämie! Erniedrigte Nierenschwelle für Glukoseausscheidung)

  • Sekundärer Diab. mell.: Diabetes mellitussekundärergestörter Glukosestoffwechsel bei verschiedenen Grundkrankheiten oder Therapieformen

  • Abnorme Nüchternglukose (impaired fasting glucose, IFG) Nüchternglukoseabnormeund path. Glukosetoleranz (GlukoseToleranz, pathologischeimpaired glucose tolerance, IGT): Störung des Glukosestoffwechsels mit erhöhtem Risiko, einen manifesten Diab. mell. zu entwickeln (Abb. 7.1; 7.2)

Komplikationen
  • Coma diabeticum: Coma diabeticumgefährliche akute Komplikation des Diab. mell. Diabetes mellitusKomplikationen

  • Ketoazidotisches Diabetes mellitusKomaKomaketoazidotischesKetoazidotisches KomaKoma: meist bei Typ-1-Diab., häufig als „Manifestationskoma“. Bei Insulinmangel wird der Energiebedarf durch vermehrten Fettabbau gedeckt. Aus dem dabei anfallenden Acetyl-CoA entstehen vermehrt „Ketonkörper“, die akkumulieren können. Die Ketone können, zusammen mit der Glukose, i. U. mittels Teststreifen festgestellt werden. Atypische Fälle einer diab. Ketoazidose unter SGLT2-Inhibitoren bei Typ-2-Diab. (7.3). Cave: Auch bei Gesunden sind nach mehrstündiger Nahrungskarenz Ketone (aber ohne Glukose!) i. U. nachweisbar!

  • Hyperosmolares KomaHyperosmolares (nicht ketoazidotisches) KomahyperosmolaresKoma: meist bei Typ-2-Diab. Hyperglykämische Entgleisung, wobei aber die Insulinsekretion ausreicht, um eine Ketoazidose zu verhindern. Die osmotische Wirkung hoher Glukosespiegel bewirkt Dehydratation der Gewebe durch Wasserverlust.

  • Therapiekomplikationen: selten Laktatazidose unter Biguanidtherapie (evtl. Koma); Hypoglykämie (evtl. Koma).

  • Folgeschäden: chron. Komplikationen, die nach langjähriger Diabetesdauer an verschiedenen Organen und Geweben auftreten können.

    • Diabetische Diabetische NephropathieNephropathie: Nephropathiediabetischekann im reversiblen Frühstadium an einer isolierten Vermehrung der Urin-Albuminausscheidung („Mikroalbuminurie“, 15.1.5) erkannt werden, die mit den herkömmlichen Streifentests für Gesamteiweiß oder Albumin nicht erfasst wird. Die Nierenfunktion kann durch Messung der Retentionsparameter i. S. und der endogenen Krea-Clearance abgeschätzt werden.

    • Dyslipoproteinämie: Der DyslipoproteinämieMangel an Insulin hat auch Auswirkungen auf den Fettstoffwechsel mit Hypertriglyzeridämie und erniedrigtem HDL-Chol (metabolisches Sy.Metabolisches Syndrom).

Hypoglykämie

Glukosestoffwechsel(störungen)HypoglykämieDiabetes mellitusHypoglykämieHypoglykämieBei Diabetikern ist die häufigste Ursache einer Hypoglykämie eine (relative) Überdosierung der Therapie, meist in Verbindung mit körperlicher Belastung, Alkohol oder Nahrungskarenz. Extremform der Hypoglykämie ist das hypoglykämische KomahypoglykämischesHypoglykämisches KomaKoma. Eine Diabeteseinstellung mit Insulin und/oder Sulfonylharnstoffen kann mit gehäuften Hypoglykämieepisoden verbunden sein. Bei Nichtdiabetikern ist als Ursache einer Hypoglykämie auch an eine Hypoglycaemia Hypoglycaemia factitiafactitia (missbräuchliche Anwendung von Insulin oder Sulfonylharnstoffen) oder ein InsulinomInsulinom (autonome endogene Insulinüberproduktion) zu denken.

Diagnosestrategie

Hyperglykämie

HyperglykämieDiagnostikLaborchemisch beruht die Diagnose des Diab. mell. auf dem gesicherten Nachweis einer chron. Hyperglykämie (mit oder ohne typische diab. Symptome) (Abb. 7.1).
Diagnostik
  • HbA1c ≥ 6,5 % (≥ 48 mmol/mol)

  • Gelegenheits-Plasmaglukosewert ≥ 200 mg/dl (≥ 11,1 mmol/l)

  • Nüchtern-Plasmaglukose von ≥ 126 mg/dl (≥ 7,0 mmol/l)

  • oGTT-2-h-Wert im venösen Plasma ≥ 200 mg/dl (≥ 11,1 mmol/l)

Therapieüberwachung
  • Blutglukose (7.3): nach individuellen Umständen bis zu mehrmals täglich (Pat. Selbstkontrolle mittels Teststreifen) Diabetes mellitusTherapieüberwachung

  • HbA1c (7.6): Kontrolle der durchschnittlichen Stoffwechseleinstellung über einen längeren Zeitraum. Seit 2010 auch zur Primärdiagnose zugelassen

  • Triglyzeride (8.6), LDL- und HDL-Chol (8.3, 8.5), da bei schlechter Diabeteseinstellung Fettstoffwechselstörungen bestehen können

(Früh-)Erkennung einer diabetischen NephropathieNephropathiediabetischeDiabetische Nephropathie(Früh-)ErkennungAbhängig von individuellen Umständen und klin. Befunden. Bisher keine allg. akzeptierten Regeln. Bei stabiler Stoffwechseleinstellung Kontrollen etwa ¼-jährlich bis jährlich:
  • Urin-Albumin, immunchem. (15.1.5)

  • Serum-Krea; ggf. Krea-Clearance (9.1.2, 9.1.3)

  • Urin-Gesamteiweiß (15.1.4)

Nierenschäden im Stadium der Mikroalbuminurie sind potenziell reversibel, daher rasche und konsequente Therapie notwendig! Stoffwechseleinstellung, Blutdruck und Lipide optimieren.

Akute StoffwechselentgleisungenStoffwechselentgleisungen, akuteKetoazidoseDD Ketoazidose, HyperosmolaritätHyperosmolarität, LaktatazidoseLaktatazidose, HypoglykämieHypoglykämie; bei Koma auch an nichtdiab. Komaursachen denken.
  • Blutglukose (7.3)

  • Serumosmolalität (11.2.5)

  • Elektrolyte (11.2)

  • BGA (11.3.3)

  • Laktat (11.3.4)

  • Krea und Harnsäure i. S. (9.1.2, 9.1.5)

  • Urin-Teststreifen auf Glukose und Aceton (15.1.2)

  • Infektionserregerdiagnostik, insb. Blutkulturen

Hypoglykämie

HypoglykämieAnamnese (z. B. Diabetiker unter Insulin- oder Sulfonylharnstofftherapie, postprandiale Hypoglykämie nach Magen-OP, Alkoholabusus) und klin. Befund (z. B. Leberzirrhose, Niereninsuff.) können die Ursache meist klären. Entscheidungsdiagramm Abb. 7.2.
BasisdiagnostikBlutglukose (7.3).
Weiterführende Diagnostik
  • NüchternhypoglykämieNüchternhypoglykämie: DD Hypoglycaemia factitia, Insulinom. Insulin, Proinsulin, C-Peptid (7.8). Wenn Befunde grenzwertig Hungerversuch (7.9). Zusätzliche Urinprobe einfrieren für evtl. spätere Untersuchungen auf z. B. Sulfonylharnstoffe

  • V. a. postprandiale reaktive Hypoglykämie: Hypoglykämiepostprandiale reaktiveverlängerter oGTT (7.4)

  • Bei entsprechendem klin. Verdacht: weitere Untersuchungen, z. B. Ausfall kontrainsulinärer Hormone (7.3)

Glukose $

GlukoseGlukose ist ein wichtiges Substrat zur Energiegewinnung. Quellen der Glukose im Organismus sind exogene Nahrungszufuhr, körpereigene Glykogenspeicher und endogene Glukoneogenese.
In den Nieren wird Glukose glomerulär filtriert und tubulär rückresorbiert. Bei einer Blutglukosekonz. von mehr als etwa 180 mg/dl (10 mmol/l) ist die tubuläre Rückresorptionskapazität erschöpft, und es kommt zur GlukosurieGlukosurie. Diese sog. GlukoseNierenschwelleNierenschwelle für die Glukoseausscheidung steigt mit dem Alter an und kann in der Schwangerschaft erniedrigt sein (SchwangerschaftGlukosurieSchwangerschaftsglukosurie).
Indikationen
  • Blutglukose: Blutglukose

    • Gesundheitsvorsorge

    • Diagnose und Therapiekontrolle des Diab. mell.

    • Risikopat. (jährliche Kontrolle): Pat. ab 45 J., Familienanamnese für Diab. mell., Übergewicht, Hyperlipidämie, Hypertonie

    • Diab.-Symptome: Gewichtverlust, Durst, Polyurie, Polydipsie, Lethargie, Pruritus vulvae, Balanitis

    • Schwangerschaft

    • Grundkrankheiten oder Therapieformen (s. u. „Bewertung“)

    • V. a. Hypoglykämie

    • Koma unklarer Ursache

    • Abgrenzung einer renalen Glukosurie

  • Uringlukose, Teststreifen: (15.1.2) Uringlukose, Teststreifen

    • Screening auf Glukosurie (Glukosurie ohne Hyperglykämie)

    • Therapiekontrolle bei Diabetikern, bei denen ein Selbstmonitoring der Blutglukose nicht möglich ist

    • V. a. ketoazidotische Stoffwechselentgleisung

Die Uringlukose-Analyse ist kein Standard in der Diagnostik und Therapieüberwachung, denn sie ist nur bei hohen Plasmaglukosewerten positiv und nicht verwertbar bei Schwangerschaft sowie unter Therapie mit SGLT2-Inhibitoren. Sie kann lediglich zur Komaprophylaxe wertvolle Hinweise geben.

Untersuchungsmaterial
Pat. 10–12 h nüchtern. Probenarten: Tab. 7.1.
  • Blutglukose:

    • Venöses Vollblut, z. B. NaF-Röhrchen (Natriumfluorid)

    • Serum: sofort nach Gerinnung abseren

    • Kapillarblut: sofort hämolysieren/enteiweißen oder sofort messen (Teststreifen)

  • Urin: Spontanurin (Teststreifen), 24-h-Sammelurin

Alle Probenarten ergeben unterschiedliche Messwerte (s. u.).
Bestimmungsmethode
BlutglukoseBestimmungsmethodeGlukose kann im Blut und im Urin (qualitativ oder quantitativ) bestimmt werden.
  • Enzymatische Methoden unter Verwendung verschiedener Enzyme wie Hexokinase, Glukose-Dehydrogenase oder Glukose-Oxidase und unterschiedlicher Nachweisverfahren für die entstandenen Reaktionsprodukte

  • Trägergebundene Nachweisverfahren: Blut- und Urin-Teststreifen, Membran-Durchflusstechnik, Multilayer-Filmtechnik, Einweg-Mikroküvetten beruhen ebenfalls auf enzymatischen Messmethoden

Bewertung
Zur Erstdiagnose eines Diab. mell. wird BlutglukoseDiabetesnachweisdie Bestimmung der Nüchtern-Blutglukose oder des HbA1c-Werts (7.6) empfohlen (Tab. 7.2). Die Nüchtern-Blutglukose kann zwar länger durch die restliche endogene Insulinwirkung kompensiert sein als die „postprandiale“ Glukose, ist aber von der Zusammensetzung der Mahlzeit unabhängig und daher besser definiert. Außerdem weist die Nüchtern-Blutglukose im Gegensatz zum „postprandialen“ Status keine klin. relevante arteriovenöse Differenz zwischen arterialisiertem Kapillarblut (wirksame Glukosekonz. für die Insulinstimulation) und peripherem Venenblut (nach Glukoseabstrom ins Gewebe) auf, sodass im Nüchternzustand die Probenart eine untergeordnete Rolle spielt.

Die Diagnose eines Diab. sollte nur mit Glukosewerten gestellt werden, die mit einer qualitätskontrollierten Labormethode gemessen wurden. Geräte zur Selbstmessung der Plasmaglukose eignen sich hierfür nicht!

Hyperglykämie Hyperglykämie
  • Prim. (genuiner) Diab. mell. (7.1.2): Typ-1-Diab., Typ-2-Diab. Diabetes mellitusprimärer

  • Sek. Diab. mell.: Diabetes mellitussekundärer

    • Pankreaserkr.: chron. Pankreatitis, Z. n. Pankreatektomie, Pankreas-Ca

    • Hämochromatose, Mukoviszidose, schwere Fehl- oder Mangelernährung

    • Endokrine Erkr.: Hyperkortisolismus (endogen, exogen), Phäochromozytom, Akromegalie, Conn-Sy.

    • β-Zell-toxische Medikamente: Pentamidin (i. v.), L-Asparaginase

    • Verschiedene (seltene) genet. Syndrome

  • Schwangerschaft

Hypoglykämie Hypoglykämie
  • Therapie-NW: Überdosierung von Insulin oder oralen Antidiabetika (7.1)

  • Hypoglycaemia factitiaHypoglycaemia factitia: missbräuchliche Anwendung von Insulin oder Sulfonylharnstoffen

  • Insulinom

  • Schwerer Leberschaden, Alkoholismus, Niereninsuff.

  • Anorexie

  • Ausfall kontrainsulinärer Hormone: NNR-/HVL-Insuff., Katecholaminmangel (Zetterström-Sy.), schweres Myxödem

  • Paraneoplastisch: sehr selten extrapankreatische Tumoren mit IGF-Produktion (z. B. Mesotheliom, Hämangioperizytom, Fibrosarkom)

  • Postprandiale reaktive Hypoglykämie: nach Magen-OP, Vagotomie oder funktionell bei Gesunden

  • Selten:

    • Nesidioblastose/Inselzellhyperplasie, v. a. bei Kindern

    • Enzymdefekte: leucinempfindliche Hypoglykämie, Ahornsirupkrankheit (6.6.4), Fruktose-/Galaktose-Intoleranz, Glykogenosen

    • Gestörte Verwertung freier Fettsäuren: systemischer Carnitinmangel, Enzymdefekte der β-Oxidation

Glukosurie ohne HyperglykämieGlukosurieFanconi-Sy. (bei idiopathischer Tubulopathie, M. Wilson, Vit.-D-resistente Rachitis, Plasmozytom, Amyloidose, Intoxikationen), Niereninsuff., Diab. renalis, Schwangerschaftsglukosurie (erniedrigte Nierenschwelle DD Gestationsdiabetes!).
Störungen und Besonderheiten
Referenzwerte sind abhängig vom Probenmaterial:
  • Kapillarblut (arterialisiert): postprandial bis zu 20 % höhere Glukosekonz. als im venösen Blut (arteriovenöse Differenz). Im oGTT kann die Differenz noch höher ausfallen.

  • Serum/Plasma: 10–15 % höhere Glukosekonz. als Vollblut.

  • Vollblut: Glykolyse führt zur Abnahme der Glukosekonz. Maßnahmen: Glykolysehemmer (z. B. Natriumfluorid), sofortige Enteiweißung/Hämolyse (Kapillarblut) oder rasches Abseren.

  • !

    Zur Vergleichbarkeit der Messergebnisse immer die gleiche Probenart verwenden!

Oraler Glukosetoleranztest

Der orale oGTT (oraler Glukosetoleranztest)Oraler Glukosetoleranztest (oGTT)Glukosetoleranztest (oGTT) dient GlukoseToleranztestder Beurteilung der Glukosetoleranz unter standardisierten Stimulationsbedingungen.
Indikationen
  • Grenzwertige Nüchternblutzuckerwerte (Abb. 7.1)

  • Glukosurie ohne Hyperglykämie

  • V. a. postprandiale reaktive Hypoglykämie: Testverlängerung auf 5 h, da Hypoglykämie erst 2–5 h nach Glukosebelastung auftreten kann!

  • Chron. Hautinf. (Candida spp.)

  • Schwangerschaftskomplikationen unklarer Ursache (Abort, Hydramnion, Fehlbildungen), Geburtsgewicht > 4,5 kg

  • Unklare Neuropathie, Retinopathie, Nephropathie

  • Familiäre Diabetesbelastung, Adipositas, art. Gefäßerkr., Hypertonie, Hypertriglyzeridämie, Hyperurikämie

  • Alter > 45 J.

Kontraindikationen
  • Nüchtern-Blutglukose > 125 mg/dl, Ketonurie ohne Glukosurie als Zeichen einer niedrigen Blutglukose

  • Der oGTT ist nicht verwertbar bei:

    • intestinalen Störfaktoren: Malabsorptionssy., Diarrhö, Magenentleerungsstörung, Duodenalulkus, Leberzirrhose

    • extraintestinalen Störfaktoren: Hypokaliämie, Hypomagnesiämie, Hyperthyreose, Urämie, Fieber, akuten Lebererkr.

Testdurchführung
PatientenvorbereitungoGTT (oraler Glukosetoleranztest)Durchführung
  • Ernährung mit mind. 150–200 g Kohlenhydraten/d für mind. 3 d; entspricht etwa normaler Mischkost

  • Normale körperliche Aktivität

  • Mind. 12 h vorher nicht rauchen, kein Kaffee, Tee, Alkohol

  • Mind. 3-tägiger Abstand zur Menstruation

  • Mind. 14-tägiger Abstand zu einer akuten Krankheit

  • Störende Medikamente mind. 3 d vorher absetzen: Amiodaron, Betablocker, Glukokortikoide, orale Kontrazeptiva, NSAID, Saluretika (Thiazide), Laxanzien, Benzodiazepine, Salicylate, Psychopharmaka, Pentamidin, MAO-Hemmer, Nikotinsäure, Isoniacid, Reserpin

Durchführung (nach WHO-Empfehlung)
  • Pat. innerhalb von 5 Min. eine Lsg. von 75 g Glukose oder Oligosacchariden in 300 ml Wasser trinken lassen, z. B. Dextrose-O.G-T®

  • Blutglukose-Bestimmung nach 0 und 2 h.

  • !

    Nicht mit Teststreifen messen!

  • Bei V. a. renale Glukosurie: Nach Blutglukoseabnahme zusätzlich frisch gelassenen Urin auf Glukose testen

Modifikationen
  • V. a. reaktive Hypoglykämie: Testverlängerung mit Blutglukosebestimmung nach 2, 3 sowie 5 h oder bei Auftreten einer hypoglykämischen Symptomatik

  • Kinder: Dosierung der Glukosebelastung nach Körpergewicht: 1,75 g Oligosaccharide (entspr. 7 ml Dextrose-O.G-T®) pro kg KG, max. 75 g

Bewertung
Beurteilungskriterium ist der Anstieg und Abfall der Blutglukosekonz. nach oraler Glukosebelastung (Tab. 7.3). Der Test wird von der Magenentleerung, der intestinalen Glukoseresorption und der Leberfunktion beeinflusst.

Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes)

Glukosestoffwechsel(störungen)SchwangerschaftSchwangerschaftDiabetesGestationsdiabetesAls Schwangerschafts- oder Gestationsdiabetes (GDM) wird eine erstmals in der Schwangerschaft diagnostizierte Glukosetoleranzstörung bezeichnet. Der GDM ist eine weltweit zunehmende Erkr. und eine der häufigsten Schwangerschaftskomplikationen.
Indikationen zur DiagnostikGemäß AWMF-Leitlinie, Evidenzbasierte Leitlinie zu Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Gestationsdiabetes mellitus der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) 2011:
  • Diagnose des manifesten Diab. bei Erstvorstellung in der Schwangerschaft (Tab. 7.4): Bei Erstvorstellung in der Frühschwangerschaft (vor SSW 24) sollen Schwangere mit erhöhten Risiken auf das Vorliegen eines manifesten Diab. mell. hinsichtlich einer bisher unerkannten manifesten diab. Stoffwechsellage untersucht werden (Abb. 7.3).

Zu den erhöhten Risiken zählen: GestationsdiabetesRisikofaktoren
    • BMI > 30 kg/m2 präkonzeptionell

    • Körperliche Inaktivität

    • Eltern oder Geschwister mit Diab.

    • Angehörige einer ethnischen Risikopopulation (z. B. Asiatinnen, Lateinamerikanerinnen)

    • Geburt eines Kindes > 4.500 g

    • GDM in der Vorgeschichte

    • Art. Hypertonie (Blutdruck > 140/90 mmHg) oder Einnahme von Antihypertonika

    • Dyslipidämie präkonzeptionell (HDL< 35 mg/dl [0,9 mmol/l] und/oder Triglyzeride > 250 mg/dl [2,82 mmol/l])

    • Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS)

    • Prädiabetes (IGT/IFG/HbA1c > 5,7 %) bei früherem Test (unabhängig von einem früheren GDM)

    • Andere mit Insulinresistenz assoziierte klin. Zustände (z. B. Acanthosis nigricans)

    • Vorgeschichte mit KHK, pAVK, zerebral-art. Durchblutungsstörung

    • Einnahme kontrainsulinärer Medikation (z. B. Glukokortikoide)

    • Alter > 45 J.

  • Diagnostik des GDM mit 24–28 (24+0 bis 27+6) SSW: Bei Ausschluss einer Hyperglykämie nach Erstvorstellung in der Schwangerschaft wird mit 24–28 SSW zur Diagnose des GDM ein 75-g-oGTT eingesetzt, der unter Standardbedingungen (Leitlinie) morgens nüchtern durchgeführt werden muss. Als GDM wird gewertet, wenn mind. einer der drei Grenzwerte aus Tab. 7.5 im venösen Plasma erreicht oder überschritten wird. Ein 50-g-oGTT als Vortest (Screening) ist möglich, erreicht jedoch nicht die diagn. Sensitivität des 75-g-oGTT. Der 50-g-oGTT wird ab einem 1-h-Wert von ≥ 135 mg/dl (≥ 7,5 mmol/l) als path. gewertet (Abb. 7.4).

Blutglukosemessungen beim Screening und beim diagn. Test müssen mit einer qualitätsgesicherten Labormethode durchgeführt werden – Handmessgeräte für Glukose-Schnelltests sind ungeeignet.

Störungen und Besonderheiten
  • !

    Blutentnahme und -versand in das Labor innerhalb von 24 h in einem Behälter mit Zusatz eines sofort (z. B. Citrat/Citratpuffer oder D-Mannose) und verzögert wirkenden Glykolysehemmers (NaF) sowie Zusatz eines Gerinnungshemmers (EDTA oder Heparin).

  • Alternativ: Sofortiges (innerhalb von 15 Min.) Zentrifugieren des Vollblutes (nur mit Gerinnungshemmern versetzt) in einer gekühlten Zentrifuge und Abpipettieren des zellfreien nichthämolysierten Überstands (= Plasma). Dieses Plasma kann innerhalb von 24 h ungekühlt versandt und im Labor untersucht werden.

HbA1c $$

HbA1c HbA1cist ein Hämoglobinderivat, das durch nichtenzymatische Reaktion von Glukose mit dem N-terminalen Valin der β-Kette des HämoglobinsHämoglobinglykiertes entsteht. HbA1c umfasst demgegenüber auch Glykierungsprodukte mit anderen Hexosen. Als Glykohämoglobin wird eine Mischung von Hb-Derivaten bezeichnet, die an unterschiedlichen Aminosäuren glykiert sind.
Die Bestimmung von HbA1c hat sich ggü. den anderen Fraktionen durchgesetzt, die zahlenmäßig nicht miteinander vergleichbare Ergebnisse liefern. Die Messung anderer Glykierungsprodukte (z. B. Fructosamin) hat keine allg. Anwendung gefunden.
Der Anteil des glykierten Hb korreliert mit der Höhe und Dauer hyperglykämischer Stoffwechsellagen. Da die Glykierung irreversibel ist, wird glykiertes Hb erst mit dem Abbau der Erys (HWZ etwa 120 d) aus dem BlutglukosegedächtnisBlut eliminiert → „Blutglukosegedächtnis“.
IndikationenMittelfristige Beurteilung Diabetes mellitusStoffwechseleinstellungder Stoffwechsellage bei Diab. mell. (Tab. 7.6). Der Hb-Glykierungsgrad erlaubt die retrospektive Beurteilung der durchschnittlichen Stoffwechseleinstellung:
  • Verlaufskontrollen sind etwa alle 3 Mon. sinnvoll.

  • Nach Therapieumstellung oder Stoffwechselentgleisung ist eine Änderung nach 4–6 Wo. (frühestens nach 2 Wo.) zu erwarten.

  • Evtl. zur Unterstützung der Primärdiagnose des Diab. mell.

UntersuchungsmaterialEDTA-Blut, Heparinblut.
BestimmungsmethodeIonenaustauschchromatografie: HPLC (gilt als Referenzmethode), Minisäulentest, Immunoassays.
ReferenzbereichNichtdiabetiker: 4–6 % (HPLC); 20–42 mmol/mol Hb.
Bewertung
  • !

    Da die Messverfahren noch nicht standardisiert sind, Verlaufskontrollen immer mit der gleichen Methode (gleiches Labor) durchführen.

  • !

    HbA1c eignet sich nicht als alleiniges Kriterium zur Diagnose/Ausschluss eines Diab. mell.

Merke

  • Bei schwangeren Diabetikerinnen sollte das HbA1c (möglichst schon präkonzeptionell) unter 6,1 % liegen, ohne jedoch das Risiko von Hypoglykämien zu erhöhen.

  • Grundsätzlich sind individuelle Therapieziele festzulegen, die u. a. Faktoren wie Komorbidität und Alter der Betroffenen berücksichtigen.

Störungen und Besonderheiten
  • Falsch hohe Ergebnisse sind möglich bei Niereninsuff. (Carbamyl-Hb), Alkoholismus, Leberzirrhose, Eisenmangelanämie, Polyzythämie, Z. n. Splenektomie, ASS-Therapie, Bleivergiftung.

  • Zweifelhafte Ergebnisse bei verkürzter Ery-Überlebenszeit oder Ery-Verlust (z. B. hämolytische Anämie, Blutverlust), nach Ery-Transfusion und bei Hämoglobinopathien, ferner bei erhöhter Vit.-C- und Vit.-E-Einnahme.

Fructosamin $

FructosaminFructosamine sind nichtenzymatisch glykierte Serumproteine (Albumin, IgG). Die Glykierung ist abhängig vom Blutglukosespiegel.
IndikationenIm Rahmen einer rationellen Labordiagnostik besteht keine klin. Indikation zur routinemäßigen Fructosaminbestimmung.
UntersuchungsmaterialSerum.
BestimmungsmethodeMessung der reduzierenden Wirkung von Fructosamin auf einen Farbstoff.
ReferenzbereichBei guter Diabeteseinstellung: 200–285 µmol/l.
BewertungDie Fructosaminbestimmung kann HbA1c nicht ersetzen, seine Relevanz ist fraglich. Nachteilig ist auch seine Störanfälligkeit ggü. Proteinzusammensetzung (Akute-Phase-Proteine, Hypoproteinämie, Paraproteine), Proteinumsatz (Hyperthyreose), Hydratationszustand (Körperlage, Dauer der Stauung, Ödeme, Schwangerschaft, Exsikkose), Bilirubinämie > 2 mg/dl sowie Hämolyse.
Die Verweildauer wird durch die HWZ von Albumin und IgG (1–2 Wo.) bestimmt.
Korrigiertes Fructosamin: FructosaminkorrigiertesBei Gesamteiweißkonz. < 6,5 g/dl oder > 8,0 g/dl Korrekturberechnung durchführen:
Ob die Korrektur auch bei Dysproteinämie (z. B. bei Entzündungen, Myokardinfarkt, Leberzirrhose, nephrotischem Sy., Paraprotein, erhöhtem Proteinumsatz) zu verlässlichen Werten führt, ist nicht geklärt.
Störungen und Besonderheiten
Falsch hohe Werte: Bili > 2 mg/dl, längere Orthostase vor der Blutentnahme oder Dauer der Stauung > 1 Min.

Insulin, C-Peptid, Proinsulin $$$

In den β-Zellen der Langerhans-C-PeptidInseln Insulindes Pankreas wird ProinsulinProinsulin gebildet, das überwiegend in Insulin und C-Peptid (äquimolar) gespalten wird. Insulin hat eine biol. HWZ von etwa 5 Min. Proinsulin und C-Peptid haben wesentlich längere HWZ. Die Insulinsekretion wird durch Glukose stimuliert, durch Fasten supprimiert.
Bei InsulinomInsulinomen besteht eine autonome, auch unter Nahrungskarenz fortbestehende endogene Insulinsekretion, die meist zu sympt. (Nüchtern-)Hypoglykämien führt. Gegenüber den oft nicht eindeutig interpretierbaren Nüchternblutspiegeln von Insulin und C-Peptid können Funktionsteste (z. B. HungerversuchHungerversuch) eine verbesserte Aussage ergeben. Entdifferenzierte (maligne) Insulinome sezernieren häufig einen höheren relativen Anteil an Proinsulin und zusätzlich ein weiteres Hormon: z. B. Gastrin, ACTH, Glukagon, Somatostatin, 5-Hydroxytryptamin, pankreatisches Polypeptid, HCG. Andererseits können Insulinome auch zusammen mit anderen hormonproduzierenden Tumoren i. R. MEN-1-Syndromeines MEN-1-Sy. (multiple endokrine Neoplasie Typ 1, Wermer-SyndromWermer-Sy.) auftreten.
IndikationenV. a. Insulinom, V. a. Hypoglycaemia factitia.
UntersuchungsmaterialSerum. Pat. 10–12 h nüchtern. Fernversand in Trockeneis.

Merke

Gleichzeitig Probe für Blutglukose abnehmen!
BestimmungsmethodeImmunoassays.
ReferenzbereicheTab. 7.7.
BewertungInsulinBefundinterpretationC-PeptidBefundinterpretation
  • Insulin, C-Peptid und Proinsulin sind nur in Verbindung mit der korrespondierenden Blutglukosekonz. beurteilbar. Biologisch verhalten sie sich gleichsinnig. Auch die Differenzierung zwischen exogen zugeführtem Insulin bei missbräuchlicher Anwendung und endogener Synthese bei Insulinom ist mit C-Peptid oder Proinsulin möglich (Tab. 7.8).

  • Die missbräuchliche Anwendung von Insulin oder Sulfonylharnstoffen (Hypoglycaemia factitia) ist die häufigste DD eines Insulinoms (Tab. 7.8). Sie betrifft meist med. Personal oder Angehörige von Diabetikern (Anamnese!).

  • Mangel an kontrainsulinären Hormonen wie Kortisol und Wachstumshormon.

  • Typ-2-Diabetiker haben meist eine (kompensatorische) Hyperinsulinämie (Insulinresistenz) mit Hyperglykämie.

Proinsulinmessungen sind bisher nicht allg. zur Insulinomdiagnostik verbreitet.

Störungen und Besonderheiten
  • Keine hämolytischen, lipämischen oder ikterischen Proben verwenden.

  • Niereninsuff. führt durch Akkumulation i. S. zu erhöhten Werten.

  • Falsche Insulinmesswerte durch endogene Insulin-AK.

Hungerversuch

HungerversuchBei intakter Regulation führt der sinkende Blutglukosespiegel bei Nahrungskarenz zur Suppression der Insulinsekretion. Bei autonomer Insulinsekretion bleibt der Insulinspiegel trotz niedriger Blutglukose inadäquat hoch.
Indikationen
  • Spontanhypoglykämie:SpontanhypoglykämieHypoglykämieHungerversuch wenn Nüchternwerte von Blutglukose, Insulin und C-Peptid grenzwertig sind

  • V. a. InsulinomInsulinomHungerversuchInsulinom

  • V. a. Hypoglycaemia Hypoglycaemia factitiaHungerversuchfactitia

Testdurchführung
Vorbereitung Hungerversuch Durchführung
  • Patientenaufklärung: Nahrungskarenz während des Hungerversuchs, nur energiefreie Getränke wie ungesüßter Tee oder Mineralwasser (etwa 3 l/d), normale körperliche Aktivität. Sofortige Meldung beim Auftreten hypoglykämieverdächtiger Symptome (s. u.)

  • Bereitstellen: 20 % Glukoselsg.; 10-mg-Ampulle Diazepam (bei Krampfanfällen). Peripheren i. v. Zugang legen (Verweilkanüle)

DurchführungBlutglukose generell im Labor bestimmen. Die Grenzwertangaben beziehen sich auf Messungen im kapillären oder venösen Vollblut, bei Messung im Serum/Plasma etwa 20 % höhere Grenzwerte zugrunde legen.
  • Test beginnt nach letzter Mahlzeit am Abend.

  • Alle 2–4 h Blutglukosekonz. bestimmen. Während der Schlafperiode Pat. am besten zur Blutglukosemessung wecken und nach Symptomen befragen.

  • Bei Blutglukose < 60 mg/dl (3,3 mmol/l) kürzere Abstände wählen.

  • Fakultativ: 4-stündl. RR- und Pulskontrolle.

  • Bei neuroglukopenischen Symptomen zum Zeitgewinn zusätzlich orientierende Untersuchung mit Blutglukose-Teststreifen!

  • !

    Testabbruch, wenn Blutglukose < 40 mg/dl (2,2 mmol/l) und Hypoglykämiesymptomatik oder nach 72 h, wenn keine Hypoglykämie eintritt.

  • Bei Testende unbedingt erst Blutabnahme (nicht aus i. v. Zugang) für Insulin-, C-Peptid- und Proinsulinmessung. Bei Hypoglykämie anschließend kohlenhydratreiches Getränk (Apfelsaft, Cola) oder 4 Stücke Traubenzucker und eine (kleine) Mahlzeit geben. Bei Bewusstseinsstörung 20-proz. Glukoselsg. i. v. applizieren.

  • Blutprobe nach Gerinnung abzentrifugieren und Serum bis zur Messung oder Versand bei –20 °C einfrieren. Fernversand im Trockeneis.

  • Tritt weder eine sympt. Hypoglykämie noch ein Blutglukoseabfall auf Werte < 40 mg/dl auf, Pat. körperlich belasten, z. B. Treppensteigen, Fahrradergometer (z. B. 100 W, bis zu 30 Min.). Anschließend Blutglukose, Insulin, C-Peptid- und Proinsulin bestimmen.

Hypoglykämiesymptomatik

  • HypoglykämieSymptomeAdrenerge Symptome: Tachykardie, Unruhe, Zittern, Parästhesien, Übelkeit, vermehrter Speichelfluss, Heißhunger

  • Neuroglukopenische Symptome: Sehstörungen, Somnolenz, Sprachstörungen, unkontrolliertes Verhalten, Krämpfe, Lähmungen, Bewusstlosigkeit

Modifikationen
  • Zusätzliche Blutentnahmen während des Hungerversuchs zur Insulin-, C-Peptid und Proinsulinbestimmung (z. B. alle 4–6 h): verbesserte Beurteilbarkeit (Verlauf) und erhöhte Sicherheit (falls keine letzte Probennahme vor Testabbruch), aber auch höhere Kosten.

  • Bei Ausbleiben einer Hypoglykämie (aber pos. Ketonnachweis, s. u.) kann zur Kosteneinsparung auf die Messung von Insulin/C-Peptid/Proinsulin in den asservierten Proben verzichtet werden, da dann kein Anhalt für eine Hyperinsulinämie besteht.

Merke

  • Hungerversuch nie am Wochenende durchführen (weniger Personal, evtl. schlechtere Überwachungsmöglichkeit).

  • Bei V. a. Hypoglycaemia Hypoglycaemia factitiaHungerversuchfactitia: parallele Messung von Sulfonylharnstoffen im 24-h-Sammelurin.

  • Einhaltung der Nahrungskarenz überprüfen: Ketone i. U. (Teststreifen). Effektives Fasten ist gewährleistet, wenn eine Hypoglykämie auftritt oder wenn Ketonnachweis positiv.

Bewertung
Der Hungerversuch gilt bisher als der sicherste Funktionstest zum Nachweis einer autonomen endogenen Insulinüberproduktion. Etwa 90 % der Pat. mit Insulinom sind nach 24 h hypoglykämisch, nahezu 100 % nach 72 h.
Differenzialdiagnostisch ist an eine Hypoglycaemia factitia (7.2.2) zu denken.
  • Neg. Hungertest (Tab. 7.9): kein Anhalt für Insulinom. Keine Hypoglykämie-Symptomatik, Blutglukose > 60 mg/dl (3,3 mmol/l), Insulin, C-Peptid und Proinsulin supprimiert, Keton i. U. (Teststreifen) positiv

  • Pos. Hungertest (Tab. 7.9): autonome endogene Insulinüberproduktion. Hypoglykämie-Symptomatik und Blutglukose < 40 mg/dl (2,2 mmol/l), Insulin, C-Peptid und Proinsulin nicht supprimiert

Störungen und Besonderheiten
  • Asympt. Hypoglykämien (30–40 mg/dl) treten gelegentlich auch bei Gesunden (meist Frauen) auf. Insulin-, C-Peptid- und Proinsulinspiegel sind physiologisch supprimiert.

  • Da die Insulinausschüttung gelegentlich intermittierend ist, bei neg. Hungerversuch und fortbestehendem klin. Verdacht Test wiederholen (ggf. mehrfach).

Stimulationstests (Tolbutamid, Calcium, Glukagon u. a.HypoglykämieStimulations/-Suppressionstests) und Suppressionstests (InsulinSuppressionstestsInsulin) fallen häufig falsch neg. oder falsch pos. aus und sollten nicht mehr durchgeführt werden.

Modulatoren des Glukose- und Intermediärstoffwechsels

Einführung

Intermediärstoffwechsel, ModulatorenGlukosestoffwechsel(störungen)ModulatorenEs existiert eine Vielzahl von hormonähnlichen Botenstoffen, die von verschiedenen Organsystemen ausgeschüttet werden können und sowohl direkt als auch indirekt den Glukose- und Fettstoffwechsel sowie die Insulinempfindlichkeit modulieren können. Diese Signale werden auch als Myokine, Adipokine und Hepatokine bezeichnet.

Myokine

Interleukin 6 (IL-6)
Interleukin (IL)IL-6Prototypisches MyokinMyokin, das bei körperlicher Aktivität freigesetzt wird; gleichzeitig bekannt als Akute-Phase-ProteinAkute-Phase-Proteine (22.8.2) und als ein Signal des Fettgewebes.
IndikationenMetabolisches Sy., Fettstoffwechselstörung (TG hoch, HDL-Chol niedrig); Diab. mell.; nichtalkoholische Fettleber (non-alcoholic fatty liver disease, NAFLD) und nichtalkoholische Fettleberentzündung (non alcoholic steatosis hepatis, NASH).
UntersuchungsmaterialSerum, Plasma.
BestimmungsmethodeELISA, andere.
ReferenzbereichTestabhängig.
Bewertung
Erhöhte Werte:
  • Vorliegen der Komponenten des metabolischen Sy.

  • Adipositas, viszerale Adipositas, NAFLD, NASH, Typ-2-Diab.

Adipokine

AdipokineAdipokine sind Signalstoffe, die vom Fettgewebe, das aus Fettzellen und verschiedenen Immunzellen besteht, sezerniert werden können. Dazu gehören neben IL-6 (22.8.3), Tumornekrosefaktor alpha (TNF-α) (22.8.4) auch die Mediatoren Adiponektin und Leptin.
Adiponektin
AdiponektinAdiponektin reguliert mit Leptin, Insulin u. a. Hormonen das Hungergefühl und die Nahrungsaufnahme. Es erhöht die Wirkung des Insulins an den Fettzellen, zudem sind entzündungshemmende und gefäßschützende Effekte beschrieben.
Die Adiponektinspiegel sind umgekehrt proportional zum Grad der Adipositas; die Adiponektinkonz. korrelieren neg. mit Glukose-, Insulin-, Triglyzeridkonz., Leberfett und dem BMI sowie pos. mit HDL-Chol.
IndikationenMetabolisches Sy., Adipositas, viszerale Adipositas, Diab. mell., KHK, Fettstoffwechselstörungen, NAFLD und NASH.
UntersuchungsmaterialSerum, Plasma.
BestimmungsmethodeELISA.
ReferenzbereichTestabhängig.
Bewertung
  • Hohe Werte: protektiv in Bezug auf metabolisches Sy., Diab. mell., KHK, NAFLD und NASH

  • Niedrige Werte: erhöhtes Risiko für metabolisches Sy., Diab. mell., KHK, Adipositas, insb. viszerale Adipositas

Leptin
Das Peptidhormon LeptinLeptin wird von Fettzellen freigesetzt und gilt als Sättigungshormon; es steuert die Energiebilanz, indem es zentral die Nahrungsaufnahme herunterreguliert und den Energieverbrauch erhöht. Es hat zudem einen direkten Einfluss auf die Fertilität (GnRH-Pulsator 19.1).
IndikationenÜbergewicht, Fettleibigkeit, v. a. genet. bedingte Adipositas (Leptinmangel, Leptinrezeptordefekt), Pädiatrie: DD von Ernährungsstörungen, Übergewicht
UntersuchungsmaterialSerum, Plasma.
BestimmungsmethodeELISA, andere.
ReferenzbereichTestabhängig; abhängig von Körperfettmasse/BMI, Geschlecht und Alter.
Bewertung
Erhöhte Werte:
  • Adipositas

  • NAFLD, NASH

  • Leptinrezeptordefekt

Erniedrigte Werte:
  • Leptinmangel (Gendefekt)

  • Lipatrophischer Diab.

BesonderheitenEin biologisch inaktives, jedoch immunologisch reaktives Leptin kann falsch normale Leptinspiegel trotz Vorliegen eines Leptinmangels vortäuschen. Im Einzelfall kann ein DNA-Test angezeigt sein (2).

Hepatokine

FGF21
FGF21FGF21 ist Mitglied der Fibroblast-Growth-Factor-Familie und gilt als prototypisches HepatokinHepatokine. Es beeinflusst das Appetit- und Belohnungszentrum im Gehirn. FGF21 ist zudem Regulator des Glukose- und Lipidstoffwechsels. Es stimuliert additiv zu Insulin die Glukoseaufnahme durch Adipozyten und erhöht Energieverbrauch, Fettverbrennung und Fettausscheidung.
IndikationenMetabolisches Sy., Diab. mell., Fettstoffwechselstörung.
UntersuchungsmaterialSerum, Plasma.
BestimmungsmethodeELISA.
ReferenzbereichTestabhängig.
Bewertung
Erhöhte Werte: Adipositas, Fettstoffwechselstörung, PCOS, Typ-2-Diab.

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