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B978-3-437-47154-4.00020-9

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978-3-437-47154-4

Akute Belastungsreaktion versus posttraumatische Belastungsstörung

[M234]

Bildwörterbuch für ausländische Patienten

[J804]

Critical incident stress management

Tab. 20.1
Defusing Demobilisation Defbriefing
Zeit Innerhalb von 8 h Direkt nach Einsatzende 24–72 h nach Einsatz
Ziele Nachbetrachtung Stressbewältigung Minderung der Stressbelastung
Erholung Unterstützung bei der Erholung Beschleunigung der Erholung
Entscheidung über Notwendigkeit eines Debriefings Keine Psychotherapie
Dauer 20–45 Min. 10 Min. (Vortrag) 1–4 h
Etwa 20 Min. Essen/Ausruhen
Inhalt Einführung Information über Stress Strukturierte Einsatznachbesprechung (7-Phasen-Modell)
Untersuchung Entspannungsübungen
Information Erfrischungen

Fahrzeugmaße nach DIN EN 1789

Tab. 20.2
Fahrzeugtyp Höhe des Krankenraums Höhe über der Trage Länge Breite
Ehem. KTW 1400 800 2300 1300
A1 1270 920 2000 1300
A2 1270 920 2400 1300
B 1600 920 2500 1400
Ehem. RTW 1800 1150 2610 1550
C 1800 1150 2600 1500

Notarzteinsatzfahrzeug

Tab. 20.3
Vorteile Nachteile
  • Hohe Flexibilität: Nicht jeder Notarzteinsatz wird zu einem notärztlich geleiteten Transport

  • Geringe Personal-, Haltungs- und Anschaffungskosten

  • Dem NEF können auf Grund der größeren Schnelligkeit und höheren Wendigkeit größere Einzugsgebiete zugeordnet werden.

  • Kein primärer Behandlungsraum vorhanden

  • Wird bei Einsatzfahrten aufgrund seiner geringeren Fahrzeughöhe von den übrigen Verkehrsteilnehmern schlechter wahrgenommen.

Rettungshubschrauber

Tab. 20.4
Vorteile Nachteile
  • Schnelles Transportmittel

  • Kann spezielle Einsatzmittel in überschaubaren Zeiträumen zum Einsatzort bringen, z. B. Rettungshunde, Rettungstaucher nebst Ausrüstung, mobile Druckkammer

  • Einsatz witterungsabhängig

  • Einsatz i. d. R. nicht über 24 h möglich

  • Geeignete Landeplätze nicht immer in unmittelbarer Nähe zum Notfallort → sekundärer Transport von NA, RA und Material z. B. mittels Polizeiwagen zum Einsatzort

  • Eingeschränkter Behandlungsraum macht Maximalversorgung des Pat. noch am Notfallort erforderlich

Fort- und Weiterbildungen, die absolviert werden sollten

Tab. 20.5
Was Inhalt Wo Wie oft
Intensivmedizinische und anästhesiologische Hospitationen Überwachen von Pat. und Vitalparametern, Legen peripher-venöser Zugänge, Durchführen von Intubationen unter Narkosebedingungen Krankenhaus mit entsprechender Fachabteilung Alle 3 J.
Reanimationstraining und Schulung regionaler Algorithmen Training erweiterter Maßnahmen im Rahmen der Reanimation und anhand von Algorithmen Rettungsdienstschule oder -wachen intern Mind. jährlich
PHTLS Kurs Training erweiterter Maßnahmen im Rahmen der Traumaversorgung anhand von Algorithmen Rettungsdienstschule oder als Inhouse Kurs Mind. alle 5 Jahre
AMLS Kurs Training erweiterter Maßnahmen im Rahmen der Versorgung internistisch neurologischer Erkrankungen Rettungsdienstschule oder als Inhouse Kurs Mind. alle 5 Jahre
EPC Kurs Training erweiterter Maßnahmen im Rahmen der Versorgung pädiatrischer Patienten Rettungsdienstschule oder als Inhouse Kurs Mind. alle 5 Jahre
ERC ALS Provider Kurs Training erweiterter Maßnahmen im Rahmen der kardiozirkulatorischen Notfälle anhand von Algorithmen Rettungsdienstschule oder als Inhouse Kurs Mind. alle 5 Jahre
EKG-Diagnostik-Seminar Erlernen der EKG-Diagnostik, Infarkt- und Rhythmusdiagnostik, Interpretation von 12-Kanal-EKGs Rettungsdienstschule Alle 4 J.
Organisatorischer Leiter Rettungsdienst Führen an Großschadensstellen Rettungsdienstschule Alle 5 J.

Medikamentenkatalog gemäß Pyramidenprozess (Stand Februar 2014)

Tab. 20.6
Substanz Besondere Anwendungsbereiche Leitlinien Kapitel
Adrenalin i. m. Anaphylaxie ERC Reanimationsleitlinien 19.2.23
Adrenalin i. v. Reanimation, Anaphylaxie, Bradykardie ERC Reanimationsleitlinien 19.2.23
Adrenalin inhalativ Asthma, Anaphylaxie, Pseudokrupp 19.2.23
Amiodaron Reanimation, VT ERC Reanimationsleitlinien 19.2.5
Antiemetika Starke Übelkeit und Erbrechen 19.2.19, 19.2.43
Acetylsalicylsäure ACS ESC Leitlinie; ERC Leitlinie 19.2.1
Atropin Bradykardie, Intoxikation mit Alkylphosphaten ERC Leitlinie 19.2.6
Benzodiazepine (Fieber) Krampfanfall, Status epilepticus, Sedierung, Erregungszustände DSG/DGN Leitlinie 19.2.14, 19.2.17, 19.2.44
β2-Sympathomimetika und Ipratropiumbromid Asthma, COPD, Bronchitis ERC Leitlinie 19.2.26, 19.2.64, 19.2.66, 19.2.71
Butylscopolamin Koliken 19.2.9
Furosemid Lungenödem 19.2.30
Glukose Hypoglykämie 19.2.31
H1-Antihistaminika Allergische Reaktion ERC Leitlinie 19.2.13, 19.2.21, 19.2.62
H2-Antihistaminika Allergische Reaktion ERC Leitlinie
Heparin ACS ESC Leitlinie 19.2.34
Ibuprofen Fieber, Schmerzen
Paracetamol Fieber, Schmerzen 19.2.55
Ketamin Schmerzen 19.2.39
Glukokortikoide Asthma, Allergie ERC Leitlinie 19.2.7, 19.2.16, 19.2.42, 19.2.60, 19.2.61, 19.2.77
Kristalloide Infusion (balancierte VEL) Volumenersatz, Medikamententräger 19.2.47, 19.2.65
Kolloidale Lösungen 19.2.36
Lidocain Intraossäre Punktion 19.2.40
Metamizol Fieber, Schmerzen 19.2.41
Naloxon Opiatintoxikation ERC Leitlinie 19.2.46
Nitrate ACS, Lungenödem ESC, ERC Leitlinie 19.2.32
Nitrendipin Hypertensive Krise 19.2.50
Opiate Analgesie bei ACS und Trauma 19.2.8, 19.2.28, 19.2.45, 19.2.59, 19.2.76

Katalog Invasive Maßnahmen durch Notfallsanitäter

Tab. 20.7
Maßnahme Notfallmedizinisches Zustandsbild und -situation
i. v. Zugang Notwendigkeit für Medikamtente/Volumen
Intraossärer Zugang Reanimation
extraglottischer Atemweg Reanimation/Atemwegssicherung
Laryngoskopie plus Magill-Zange Bolussuche und -entfernung
Nicht-invasives CPAP COPD, Kardiales Lungenödem
Tourniquet/pneumatische Blutsperre Amputation mit nicht abdrückbarer Blutung
Beckenschlinge Beckentrauma
Achsengerechte ImmobilisationMit Extension Grobe Fehlstelllung bei Extremitätenfrakturen
Thoraxpunktion Spannungspneumothorax
Manuelle Defibrillation Kammerflimmern
Kardioversion Instabile Tachykardie mit Bewusstlosigkeit
Externe Schrittmacheranlage Instabile Bradykardie mit Bewusstlosigkeit
Geburtsbegleitung Geburt eines Kindes
Umgang mit tracheotomierten Patienten (einschl. Wechsel der Trachealkanüle) Verlegung bzw. Defekt der Trachealkanüle
Tiefes endobronchiales Absaugen Behinderung der Atmung durch endobronchiales Sekret

NACA-ScoreNACA-Score

[F928-001]

Tab. 20.8
Schweregrad Nichttraumatologisch traumatologisch DIVINA-Protokoll
0 Keine Erkr. Keine Verletzung
1 Geringe Funktionsstörung Geringfügige Verletzung Geringfügige Störung
2 Mäßig schwere Funktionsstörung Mäßig schwere Verletzung Ambulante Abklärung
3 Schwere, aber nicht bedrohliche Störung einer Vitalfunktion Schwere, aber nicht bedrohliche Verletzung einer Körperregion Stationäre Behandlung
4 Schwere, aber nicht lebensbedrohliche Störung der Vitalfunktion Schwere, aber allein nicht gefährliche Verletzung mehrerer Körperregionen Akute Lebensgefahr nicht auszuschließen
5 Schwere, lebensbedrohliche Störung der Vitalfunktion Schwere, gefährliche Verletzung einer Körperregion Akute Lebensgefahr
6 Schwere, akut lebensbedrohliche Störung der Vitalfunktion Schwere, gefährliche Verletzungen mehrerer Körperregionen Reanimation
7 Primär tödliche Erkr. Primär tödliche Verletzung Tod

Injury Severity Score (ISS)*Injury Severity Score

Tab. 20.9
Schweregrad
Region 1 2 3 4 5
Allgemein Kleinere Weichteilverletzung Verbrennung von 10–20 % KOF, ausgedehnte Weichteilverletzung an 1 oder 2 Extremitäten Verbrennung 3. Grades von 20–30 % KOF, ausgedehnte Weichteilverletzung an > 2 Extremitäten Verbrennung 2.–3. Grades von 30–50 % KOF, ausgedehnte Weichteilverletzung mit bedrohlicher Blutung Verbrennung 2.–3. Grades von > 50 % KOF
Kopf/Hals SHT ohne Bewusstseinstrübung, HWS-Schleudertrauma ohne path. Röntgenbefund SHT mit < 15 Min. Bewusstlosigkeit, ohne retrograde Amnesie, HWS-Schleudertrauma mit röntgenologischen Zeichen SHT mit Bewusstlosigkeit > 15 Min. ohne Seitenzeichen, retrograder Amnesie bis 3 h, dislozierte Frakturen von Kalotte, Mittelgesicht, Orbita der Nasennebenhöhlen, HWS-Fraktur ohne Rückenmarksverletzung, Zerstörung des Auges, Optikusabriss SHT mit Bewusstlosigkeit > 15 Min. oder Seitenzeichen, retrograder Amnesie 3–12 h, mehrfache Schädelfrakturen SHT mit Bewusstlosigkeit > 24 h, retrograder Amnesie > 12 h, intrakranielle Blutung, Hirndruckerhöhung, HWS-Fraktur mit Querschnittssymptomatik
Thorax Thoraxprellung Einfache Rippen-/Sternumfraktur, Kontusion ohne Atembehinderung Mehrfache Rippenfrakturen und Lungenkontusion ohne Atembehinderung, Pneumothorax, Hämatothorax, Zwerchfellruptur Offenes Thoraxtrauma, instabiler Thorax, Pneumomediastinum, Perikardverletzung, Herzkontusion ohne Kreislaufbeeinträchtigung Thoraxverletzung mit schwerer Atembehinderung, Tracheaabriss, Hämomediastinum, Aortenruptur, Myokardruptur, schwere Herzkontusion
Abdomen Bauchwandkontusion Ausgedehnte Kontusion des Abdomens Kontusion von Bauchorganen, retroperitoneales Hämatom, extraperitoneale Blasenruptur, Ureter- und Urethraverletzung, BWS- und LWS-Frakturen ohne neurologische Ausfallserscheinungen Weniger schwere Verletzung von Abdominalorganen (Milz-/Nierenruptur, Pankreasschwanzkontusion) intraperitoneale Blasenruptur, Genitalverletzung, BWS-/LWS-Fraktur mit Querschnittssymptomatik Ruptur oder Perforation abdominaler Organe außer Milz, Niere, Blase und Pankreasschwanz
Extremitäten Verstauchung, Fraktur von Fingern/Zehen Geschlossene Frakturen von Becken-/Röhrenknochen, Verstauchung großer Gelenke Dislozierte geschlossene oder einfache offene Röhrenknochenfrakturen, dislozierte Beckenfraktur, mehrfache Hand-/Fußfrakturen, Luxationen großer Gefäße, Verletzung von großen Extremitätennerven/-gefäßen Mehrfache Röhrenknochenfrakturen, Gliedmaßenamputation Mehrfache offene Röhrenknochenfrakturen

*

The Injury Severity Score: A Method for Describing with Multiple Injuries and Evaluating Emergency Care. In: Baker, S et al. Journal of Trauma-Injury Infection & Critical Care: March 1974, Vol. 14, Issue 3, p. 187–196

Mainz Emergency Evaluation Score (modifiziert nach Albrech, Schlechtriemen, Altemeyer)Mainz Emergency Evaluation Score

[F781-006]

Tab. 20.10
Parameter Bewertungsstufe Wertegrenzen Erwachsener/Schulkind Kleinkind/Säugling/Neugeborenes
GCS (Glasgow-Coma-Scale) 4 15 15–13
3 14–12 12–11
2 11–8 10–8
1 ≤ 7 ≤ 8
Herzfrequenz 4 60–100 ≥ 110
3 50–59; 101–130 110–90
2 40–49; 131–160 89–60
1 ≤ 39; ≥ 160 ≤ 60
Atemfrequenz 4 12–18 Ungestörte Spontanatmung
3 8–11; 19–24 Nasenflügeln
2 5–7; 25–30 Einziehungen, Stridor
1 ≤ 4; ≥ 31 Schnappatmung, Apnoe
Herzrhythmus 4 Sinusrhythmus Sinusrhythmus
3 SVES, VESmono SVES, VESmono
2 AA; VESpoly AA; VESpoly
1 VT, VHFli, Asystolie VT, VHFli, Asystolie
Schmerz 4 Kein Schmerz Kein Schmerz
3 Leichter Schmerz Leichter Schmerz
2 Starker Schmerz Starker Schmerz
1 Entfällt Entfällt
Blutdruck 4 120/80–140/90 Kräftiger Radialis- bzw. Brachialispuls
3 100/70–119/79141/91–159/94 Gerade tastbarer Radialispuls
2 80/60–99/69160/95–229/119 Kräftiger Karotis- bzw. Femoralispuls
1 ≤ 79/59; ≥ 230/120 Gerade tastbarer oder fehlender Karotis- bzw. Femoralispuls
SpO2 4 100–96 100–96
3 95–91 95–91
2 90–86 90–86
1 ≤ 85 ≤ 85

Blutalkoholkonzentrationen in Promille und klinische Symptomatik (nach Keyl)Alkoholmissbrauch klinische Symptomatik

Tab. 20.11
≥ 0,25 Stimmungsänderungen: Euphorie, gesteigertes Selbstvertrauen, Einschränkung feinmotorischer Fähigkeiten, beginnende Koordinationsschwierigkeiten
≥ 1,0 Deutliche mentale Veränderungen: zunehmende Enthemmung, eingeschränkte geistige Aufnahme- und Urteilsfähigkeit, Sprachstörungen, Diplopie (Doppeltsehen), Nystagmus, Gangunsicherheit
≥ 2,0–2,5 Sinneswahrnehmungsstörungen einschließlich eingeschränkter Schmerzwahrnehmung, Konfusion, Lethargie, Schwierigkeiten, ohne Unterstützung zu sitzen
≥ 3 Apathie, Koma, Inkontinenz, zunehmende Temperaturregulationsstörung
≥ 5 Lebensbedrohung durch Verlegung der Atemwege, Aufhebung der Schutzreflexe und zunehmende Atemdepression

Aufgeführte Blutalkoholkonzentrationen sind nur ungefähre Angaben, die individuell stark schwanken können, insbesondere wenn es sich um alkoholgewöhnte Pat. handelt.

Prophylaktische DesinfektionHändereinigung Händedesinfektion, hygienische Abschlussdesinfektion Desinfektion prophylaktische

Tab. 20.12
Was? Wie oft? Wie? Womit? Wer?
Händereinigung Vor und nach jedem Einsatz Waschen Waschlotion und Bürste Fahrdienstpersonal
Hygienische Händedesinfektion Vor und nach Kontakt mit Pat. bzw. mit Körperflüssigkeiten 5 ml 30 Sek. verreiben Alkoholisches Händedesinfektionsmittel aus Spender
Bekleidung Bei Bedarf oder mind. täglich Wechseln Fahrdienstpersonal
zusätzliche Schutzkleidung Wenn Kontakt mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten möglich ist Einmalhandschuhe tragen Fahrdienstpersonal
Krankenraum Mind. täglich oder bei Bedarf Scheuer- bzw. Wischdesinfektion des Fußbodens und der Inneneinrichtung Vorhandenes Flächendesinfektionsmittel Fahrdienstpersonal
Fahrerraum Bei Bedarf Nicht ausfegen, sondern feucht auswischen (Keime wirbeln sonst auf) Vorhandenes Desinfektionsmittel → Flächendesinfektionsmittel
Kopfkissenbezüge Nach jedem Transport Wechseln – im Wäschesack sammeln Fahrdienstpersonal
Tragenauflagen und Bezüge Mind. tägl., bei Bedarf bzw. nach 3 Einsätzen Wechseln – im Wäschesack sammeln Fahrdienstpersonal
Absauggefäße, Instrumente, Schläuche, Masken, Tuben usw. Nach jeder Benutzung, mind. täglich Desinfizierend reinigen, alle Mat. müssen mit Lösung bedeckt sein Vorhandenes Instrumentendesinfektionsmittel Fahrdienstpersonal
Feuchtigkeitsempfindliche Geräte, z. B. RR-Gerät Nach jeder Benutzung Sichtbare Verschmutzungen entfernen und desinfizierend abwischen Vorhandene Desinfektionstücher Fahrdienstpersonal
Steckbecken, Urinal Nach jeder Benutzung Reinigend desinfizieren Vorhandenes Desinfektionsmittel Fahrdienstpersonal
Abfallbehälter Nach jedem Einsatz Spitze, scharfe und zerbrechliche Gegenstände nur in sicherem Sammelgefäß Fahrdienstpersonal
Vorratsbehälter, Frisch- und Abwasser Täglich Wechseln Trinkwasser Fahrdienstpersonal
Abschlussdesinfektion Bei meldepflichtigen Krankheiten Behördlich angeordnete Schlussdesinfektion gem. § 10c BSeuchG Vorhandenes Desinfektionsmittel Desinfektor

Hygiene- und Desinfektionsplan nach InfektionstransportHändereinigung Händedesinfektion, hygienische Abschlussdesinfektion Desinfektion Infektionstransport

Tab. 20.13
Was? Wie oft? Wie? Womit? Wer?
Hygienische Händedesinfektion Unverzüglich Desinfizieren mit 2 × 5 ml, Einwirkzeit mind. 30 Sek., evtl. anschließend waschen Alkoholisches Händedesinfektionsmittel aus Spender Fahrdienstpersonal
Zusätzliche Schutzbekleidung Nach Anweisung des Arztes, bzw. nach Erkrankung Mundschutz, Handschuhe und zusätzlich Schutzkittel tragen Fahrdienstpersonal
Personal Sofort nach Rückfahrt Duschen Fahrdienstpersonal
Bekleidung Unverzüglich nach Rückfahrt zur Wache Kleidung wechseln und als Kochwäsche weiterleiten. Schutzkleidung in festen Plastiksack verschließen, Sack kennzeichnen → Infektionswäsche Fahrdienstpersonal
Tragenauflagen und Bezüge Unverzüglich nach Rückfahrt zur Wache Auflagen und Bezüge in festen Plastiksack verschließen, Sack kennzeichnen → Infektionswäsche Fahrdienstpersonal
Krankenraum Unverzüglich nach Rückfahrt Nasswisch- und Scheuerdesinfektion Zugelassenes Desinfektionsmittel Desinfektor
Geräte und Gerätschaften, Instrumente Sofort nach Gebrauch In Lösung abwerfen → evtl. im Krankenhaus sterilisieren lassen Zugelassenes Instrumentendesinfektionsmittel Fahrdienstpersonal
Auswurf und Sputum Bei offener Tbc Mit einem phenolischen Desinfektionsmittel versetzt entsorgen lassen Zugelassenes phenolisches Desinfektionsmittel Fahrdienstpersonal
Stuhl und Harn Wie immer entsorgen Urinal/Steckbecken Fahrdienstpersonal

Hygienemaßnahmen bei ausgewählten Infektionskrankheiten

Tab. 20.14
Krankheit Übertragungsweg Schutzmaßnahmen Nass-Scheuer-Desinfektion Instrumentendesinfektion
AIDS H H F A, mit Blut E
Amoebiasis (Amöbenruhr) SS H F A
Anthrax (Milzbrand) SS, St, T K G, 522 E
Borreliose (Lyme-Disease) V H A
Botulismus (Lebensmittelvergiftung) Nahrungsmittel H A
Brucellose (Maltafieber) SS H F A
Cholera SS H, O P, evtl. 522 E
Diphtherie T, K, SS K P E
Enteritis infectiosa (Salmonellosen) SS H, O bei unbek. Erreger F A
Fleckfieber V bzw. St H P E
FSME V H A
Gasbrand/Gasödem H A
Gonorrhö H H A
Gelbfieber V H A
Hämorrhagisches Fieber (Ebola, Dengue, Lassa) H, T K G, 522 E
Hepatitis A, E SS H F E
Hepatitis B, C, D H H F A, mit Blut E
Influenza epidemica (Virusgrippe) T H, M P E
Legionellose (Legionärskrankheit) sanitäre Anlagen H A
Listeriose K H F A
Lues (Syphilis) SS H F A
Malaria V H A
Masern T K P E
Meningitis/Meningoenzephalitis T K P E
Mumps (Parotitis) T H, M F E
Mononukleose (Pfeiffer-Drüsenfieber) T H A
Ornithose (Psittakose) St, T H P E
Pertussis (Keuchhusten) T, SS K P E
(Lungen-)Pest T, V, SS K G, 522 E
(Wind-)Pocken (Varizella, Variola) T K P E
Poliomyelitis (akute) SS, T K P E
Q-Fieber T, V K G, 522 E
Röteln (Rubeola) T H P E
Rotz SS, T, V K P E
Rückfallfieber SS, V H F A
Scharlach (Scarlatina) T K P E
Shigellenruhr SS H F A
Tollwut H, T K u. Schutzbrille P E
Tuberkulose (offene Lungen-Tbc) T K G, evtl. 522 E
Tularämie (Hasenpest) St H, M F E
Typhus (Paratyphus) SS H F E

Abkürzungserläuterungen:

Übertragungsweg: SS = Schmutz-Schmier, T = Tröpfchen, H = hämatogen,

V = vektoriell, K = Kontakt, St = Staub.

Schutzmaßnahmen: H = Handschuhe, O = Overall, K = Komplett, M = Mundschutz für Patient bzw. Personal.

Nass-Scheuer-Desinfektion: F = kontaminierte Flächen, P = Patientenraum,

G = vorne und hinten, 522 = Vernebelung mit Formaldehyd.

Instrumentendesinfektion: A = Alkohol (Tücher), E = Einlegen in Desinfektionslösung.

Klinische Merkmal der Virushepatitiden

Tab. 20.15
Gruppe Inkubationszeit Chronischer Verlauf Wann infektiös? Patientengruppe/Übertragungswege
Hepatitis A (45 %) 15–45 d Keine chron. Verläufe Solange Anti-HAV-IgM erhöht Fäkal-oral, z. B. verunreinigtes Wasser, Nahrungsmittel, rohe Meeresfrüchte; Kanalarbeiter, Homosexuelle, Drogenabhängige
Hepatitis B und D (40 %) 30–180 d 10–30 % aller Pat. Solange HBs-Ag pos., Nachweis von HBV-DNA Parenteral, z. B. Blut, kontaminierte Instrumente; sexuell, perinatal
Hepatitis C (10 %) 15–150 d 50–80 % aller Pat. Bei pos. HCV-RNA, bei chron. Pat. immer Wie Hepatitis B, jedoch geringeres Risiko einer sexuellen Übertragung
Hepatitis E 15–60 d Keine bekannt (etwa 10 % verlaufen fulminant) Anti-HEV-IgM und HEV-RNS nachweisbar Wie Hepatitis A, zudem auch während der Geburt möglich
Hepatitis G Nicht bekannt Nicht bekannt HGV-RNA nachweisbar Nur parenteral, hauptsächlich Blutkonserven; Drogenabhängige

Schätzwerte der Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Infektion nach einmaliger beruflicher Exposition

Tab. 20.16
Häufigkeit/Wahrscheinlichkeit Hepatitis B Hepatitis C HIV
Häufigkeit des Vorkommens Infektiöser in der Bevölkerung 1 : 200 1 : 500 1 : 1 000
Wahrscheinlichkeit, dass Inokulation von virus-positivem Blut zur Infektion beim Nichtimmunen führt 1 : 3 1 : 10 1 : 250
Wahrscheinlichkeit, dass Exposition mit Blut unbekannter Infektiosität beim Nichtimmunen zur Infektion führt 1 : 600 1 : 5 000 1 : 250 000

Phasen des Sterbeprozesses bei chronisch Kranken (modifiziert nach Kübler-Ross)Sterbeprozess

Tab. 20.17
1. Unwissenheit Pat. weiß noch nicht um seinen Zustand. Arzt, RD-Personal und die Familie des Pat. sind informiert, Symptom-Therapie (→ Bekämpfung der Beschwerden).RD: Pat. nie über seinen Zustand informieren → nicht Aufgabe des RD
2. Unsicherheit Pat. verschweigt Zweifel über den Krankheitsverlauf, hofft auf Genesung. Er ist ängstlich und traurig.RD: Pat. ermutigen, aber Krankheit nicht herunterspielen
3. Leugnung Pat. rechnet evtl. schon mit tödlichem Ausgang, will es aber nicht wahrhaben. Er leugnet die Krankheit, schmiedet Pläne (z. B. Weltreise).RD: Wenig Möglichkeit zu intervenieren → zuhören, nicht argumentieren
4. Auflehnung Pat. ist aggressiv gegenüber seiner Umwelt, sucht nach einem Schuldigen („Sündenbock“), Vertrauenskrise (z. B. Arztwechsel).RD: Pat. beruhigen, Verständnis zeigen
5. Verhandeln/Feilschen Pat. wünscht, dass sein Leben aufgrund von Versprechungen verlängert wird („Gnadenfrist“). Er hat Schuldgefühle.RD: wenig Möglichkeit zu intervenieren → zuhören
6. Depression Pat. gibt auf, verweigert die Nahrung und Medikamente, soziale Kontakte brechen ab.RD: zeigen, dass andere Menschen an ihn denken, Hand halten
7. Abnahme Pat. ist müde und schwach, hat das Bedürfnis nach Ruhe, das Leben verliert an Bedeutung.RD: Pat. beistehen, Hand halten
8. Erfüllung Pat. empfindet das Ende als Erfüllung seines Lebens.RD: Verständnis zeigen, Krankheit nicht herunterspielen

Zeitpunkte des Auftretens von typischen Leichenveränderungen/Bestimmung des Todeszeitpunktes (nach V. Schneider)Zsako-Reflexe Totenstarre Totenflecke Tod Zeitpunkt Fettwachsbildung

Tab. 20.18
Sofort–3 h Erschlaffungsphase
20–30 Min. Totenflecke, erstes Auftreten an abhängigen Körperpartien
1–2 h Totenflecke, allgemeines Erscheinen
1,5–2 h Zsako-Reflexe: Beklopfen der Muskeln zwischen den Mittelhandknochen auf dem Handrücken mit dem Reflexhammer → Annäherung der Finger; Beklopfen 4–5 Finger oberhalb der Kniescheibe → Hochziehen der Kniescheibe; Beklopfen zwischen den Schulterblättern → Annäherung der Schulterblätter
2–3 h Kaum Veränderung der Körpertemperatur, danach etwa 1 °C pro Stunde bis zum Erreichen der Umgebungstemperatur (bei Zimmertemperatur erfolgt Temperaturausgleich innerhalb 24 h)
3–5 h Totenstarre deutlich nachweisbar
6 h Totenflecke sind umlagerbar, d. h. sie verschwinden nach Drehen der Leiche von der ursprünglichen Stelle
6–10h Totenstarre kräftig nachweisbar
6–16 h Totenflecke, komplette Ausbildung (Totenflecke bis etwa 20 h nach Todeseintritt wegdrückbar)
1–2 d Beginnende Lösung der Totenstarre
2–4 d Vollständige Lösung der Totenstarre
2–3 d Grünverfärbung, beginnende Verfärbung im rechten Unterbauch, später im linken Unterbauch (stark temperaturabhängig)
4–max. 8 d Vollständige Lösung der Totenstarre (bei niedrigen Umgebungstemperaturen)
7 d Zunehmende Grünverfärbung der gesamten Bauchhaut, eingesunkene Augäpfel
10–14 d Ausbreitung der Grünverfärbung, Fäulnisblasen, aufgetriebenes Abdomen, Ausfluss rötlicher Flüssigkeit aus Mund und Nase
21–30 d Ablösung der Haut in Fetzen, Haare und Nägel abziehbar, Fäulnisblasen in den Weichteilgeweben, stark aufgedunsenes Gesicht
30–60 d Beginnende Fettwachsbildung → Umwandlung des Körperfetts zu einer weißlichen, schmierigen und bröckeligen Masse
5–6 Mon. Ausgedehnte Fettwachsbildung

Organisation und Praxis des Rettungsdienstes

Frank Flake

Boris A. Hoffmann

Klaus Runggaldier

  • 20.1

    Das Rettungsfachpersonal567

    • 20.1.1

      Rettungssanitäter (RS)567

    • 20.1.2

      Rettungsassistent (RA)568

    • 20.1.3

      Notfallsanitäter (NFS)568

    • 20.1.4

      Praxisanleiter569

    • 20.1.5

      Dozent im Rettungsdienst569

    • 20.1.6

      Einsatzsanitäter570

    • 20.1.7

      Rettungshelfer (RH)570

    • 20.1.8

      Notarzt (NA)571

    • 20.1.9

      Leitender Notarzt (LNA)571

    • 20.1.10

      Ärztlicher Leiter Rettungsdienst (ÄLRD)572

    • 20.1.11

      Organisatorischer Leiter Rettungsdienst (OrgLRD)572

    • 20.1.12

      Leitstellendisponent573

  • 20.2

    Das Einsatzteam573

    • 20.2.1

      Auftreten in der Öffentlichkeit573

  • 20.3

    Psychosoziale Betreuung und Begleitung im Rettungsdienst575

    • 20.3.1

      Folgen des psychischen Traumas575

    • 20.3.2

      Basis-Krisenintervention (Basis-KIT)576

    • 20.3.3

      Krisenintervention im Rettungsdienst (KIT)577

    • 20.3.4

      Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen (SBE)578

  • 20.4

    Rettungsmittel579

    • 20.4.1

      Rettungswagen/Krankentransportwagen579

    • 20.4.2

      Krankentransport580

    • 20.4.3

      Notarztwagen (NAW)581

    • 20.4.4

      Notarzteinsatzfahrzeug (NEF)581

    • 20.4.5

      Rettungshubschrauber581

    • 20.4.6

      Intensivtransporthubschrauber (ITH)583

    • 20.4.7

      Intensivtransport/Interhospitaltransfer583

    • 20.4.8

      Intensivtransportwagen584

  • 20.5

    Schnelleinsatzgruppe (SEG)584

  • 20.6

    Helfer vor Ort/First responder585

  • 20.7

    Rettungsdienstliche Fort- und Weiterbildung585

  • 20.8

    Juristische Aspekte586

    • 20.8.1

      Unterlassene Hilfeleistung586

    • 20.8.2

      Körperverletzung588

    • 20.8.3

      Patientenverfügung589

    • 20.8.4

      Schweigepflicht589

    • 20.8.5

      Aufklärungspflicht590

    • 20.8.6

      Notfallsanitätergesetz591

    • 20.8.7

      Infektionsschutzgesetz595

    • 20.8.8

      Medizinproduktegesetz (MPG)597

  • 20.9

    Dokumentation im Rettungsdienst598

  • 20.10

    Trauma-Scores599

    • 20.10.1

      NACA-Score600

    • 20.10.2

      Injury Severity Score (ISS)600

    • 20.10.3

      Mainz Emergency Evaluation Score (MEES)603

  • 20.11

    Besondere Patientengruppen605

    • 20.11.1

      Der alkoholkranke Patient605

    • 20.11.2

      Der drogenabhängige Patient606

    • 20.11.3

      Der suizidgefährdete Patient607

    • 20.11.4

      Der aggressive Patient609

    • 20.11.5

      Der alte Patient610

    • 20.11.6

      Der ausländische Patient611

    • 20.11.7

      Der blinde Patient613

    • 20.11.8

      Kinder und Säuglinge613

  • 20.12

    Infektionsprophylaxe614

    • 20.12.1

      Hygiene und Desinfektion614

    • 20.12.2

      Infektionskrankheiten und Maßnahmen617

    • 20.12.3

      Der infektiöse Patient619

    • 20.12.4

      Berufsbedingte Infektionen621

  • 20.13

    Sterben und Tod im Rettungsdienst623

    • 20.13.1

      Der sterbende Patient623

    • 20.13.2

      Leichenschau im Rettungsdienst624

    • 20.13.3

      Obduktion627

Das Rettungsfachpersonal

In den 1980er-Jahren wurde versucht, den „Hilfsarbeiterstatus“ Rettungssanitäter in eine RettungsfachpersonalBerufsausbildung umzuwandeln. Das geschaffene Berufsbild des Rettungsassistenten im Jahre 1989 sollte die Stellung der Mitarbeiter im RD aufwerten, was es sicher auch geschafft hat. Es stellte jedoch lediglich einen Kompromiss zwischen Notwendigem und dem Bestehenden dar, sodass eine Novellierung auch dieses Berufsbildes schnell erkannt wurde. So trat dann am 1.1.2014 das Notfallsanitätergesetz in Kraft.
Geschaffen wurde eine Ausbildung die folgende Rahmenbedingungen erfüllt:
  • Umwandlung der Ausbildung von der seminaristischen in eine duale Ausbildungsform: 3 J. Ausbildung, abwechselnd Schule, Klinik und praktische Phasen auf der Rettungswache

  • Schaffung bundeslandeinheitlicher Curricula zur Ausbildung

  • Schaffung eines definierten Ausbildungsinhaltes der den Handlungsspielraum bei der Durchführung von Maßnahmen am Pat. → Fach- bzw. Regelkompetenz statt Notkompetenz beschreibt.

  • Steigerung der Attraktivität des Berufsbildes

Rettungssanitäter (RS)

Voraussetzungen
  • Vollendung Rettungssanitäterdes 18. Lj.

  • Gesundheitliche Eignung zur Ausübung des Berufs (ärztliche Bescheinigung)

  • Hauptschulabschluss oder eine gleichwertige Schulbildung bzw. eine abgeschlossene Berufsausbildung

AusbildungEinheitliche Ausbildungsform, die vom Bund-Länder-Ausschuss „Rettungswesen“ 1977 ins Leben gerufen wurde. Die Umsetzung in den Bundesländern findet anhand von Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen statt. Wird zukünftig die Standardausbildung für das Rettungsfachpersonal auf KTW und Fahrerposition RTW.
Die Ausbildung umfasst 520 h:
  • 160 h theoretische Ausbildung

  • 160 h Klinikpraktikum, z. B. in der Anästhesie, Intensivstation: Erlernen der Intubation und des Legens peripher-venöser Zugänge

  • 160 h Rettungsdienstpraktikum auf einer anerkannten Lehrrettungswache unter Anleitung eines erfahrenen Praxisanleiters (Kap. 20.1.4)

  • 40 h Abschlussprüfung

TätigkeitsfelderVariiert je nach Bundesland (Vorgabe durch die länderspezifischen Rettungsdienstgesetze beachten). In der Regel jedoch Einsatz wie der Rettungshelfer, zusätzlich:
  • Fahrer: NEF

  • Fahrer, Beifahrer: KTW, RTW, NAW.

Kompetenz, QualifikationHat rechtlich nur eingeschränkte Kompetenzen (z. B. kaum invasive Maßnahmen).
Weiterbildung
  • Schulungen, z. B. zertifizierte Kurssysteme (PHTLS, AMLS etc.), EKG-Diagnostik, Desinfektor.

  • Nach früherem § 8 RettAssG war eine Weiterbildung vom RS zum RA unter Anerkennung der 520-h-Ausbildung möglich (verkürzter Ausbildungsgang).

Rettungsassistent (RA)

AusbildungBerufsausbildung für Rettungsfachpersonal nach dem RettungsassistentRettungsassistentengesetz (RettAssG) vom 10.7.1989 bis zum 31.12.2014. Anschließend durch den Notfallsanitäter ersetzt (Kap. 20.1.3).
Regelausbildung (Dauer: 2 J.)
  • 1. Ausbildungsjahr: 1 200 h theoretische und praktische Ausbildung, staatliche Abschlussprüfung am Ende des 1. Ausbildungsjahres.

  • 2. Ausbildungsjahr: 1 600 h Praktikum auf einer anerkannten Lehrrettungswache unter Anleitung und Aufsicht eines erfahrenen Lehrrettungsassistenten. Tätigkeiten, die nach Bestehen des Rettungssanitäterlehrgangs absolviert werden, können auf die Gesamtstundenzahl angerechnet werden.

Verkürzter Ausbildungsgang (§ 8 RettAssG)Galt nurRettungsassistent verkürzte Ausbildung für das erste Ausbildungsjahr. Verkürzung der theoretischen Ausbildung.
  • Ergänzungslehrgang für Krankenschwestern oder -pfleger, Kinderkrankenschwestern oder -pfleger

  • Ergänzungslehrgang für RS

  • Ergänzungslehrgang für Soldaten und Polizisten, die an einer dem RS vergleichbaren Ausbildung teilgenommen haben

Kompetenz, QualifikationDer RA beherrschte viel der im RD anfallenden Tätigkeiten, ausgenommen rein invasive seltene ärztliche Maßnahmen wie das Legen einer Thoraxdrainage, die Narkoseeinleitung. Ausbildungsziel war Helfer des Arztes und Ergreifen lebensrettender Maßnahmen.
TätigkeitsfelderDer RA konnte in allen Bereichen im RD eingesetzt werden. In der Zukunft vermutlich Fahrertätigkeit auf dem RTW und NAW sowie Verantwortlicher auf dem KTW.

Notfallsanitäter (NFS)

Voraussetzung
  • Vollendung Notfallsanitäterdes 16. Lj.

  • Gesundheitliche Eignung zur Ausübung des Berufs

  • Realschulabschluss oder Hauptschulabschluss und abgeschlossene Berufsausbildung von mind. 2-jähriger Dauer

AusbildungDreijährige bezahlte Berufsausbildung für Rettungsfachpersonal nach dem Notfallsanitätergesetz (NotSanG) vom 28. Februar 2013. Ist am 1.1.2014 in Kraft getreten.
RegelausbildungDuale Ausbildung bei der sich Theorie, klinische Praxisphasen und solche auf der Rettungswache abwechseln. Im Vergleich zum RA deutliche erweiterte Ausbildung in allen Bereichen. Während der 3-jährigen Ausbildungsdauer werden folgende Stundenanteile geleistet:
  • 1 920 h Schule

  • 1 960 h Lehrrettungswache

  • 720 h Klinik

Kompetenz, QualifikationIm Gegensatz zum RA soll der Notfallsanitäter eigenverantwortlich oder im Rahmen der Delegation invasive Maßnahmen ergreifen. Dies ist vom Gesetzgeber gewollt und so im NotSanG verankert. Zukünftig wird er in vielen Fällen den Arzt ersetzen oder ein deutlich professioneller Teampartner an der Seite des spezialisierten Notarztes sein.
TätigkeitsfelderDer Notfallsanitäter kann in allen Bereichen im RD eingesetzt werden:
  • Fahrer, Beifahrer: KTW, RTW, NAW

  • Fahrer: NEF

  • Begleiter: RTH, ITH.

Weiterbildung
  • Schulungen, wie ERC-ALS-Training, PHTLS, AMLS oder EPC-Kurse, EKG-Diagnostik und vor allem lokale/regionale Kompetenzschulungen (SOP) usw.

  • Praxisanleiter mit 200 h Ausbildung (vormals Lehrrettungsassistent) (Kap. 20.1.4)

  • Leitstellendisponent (Kap. 20.1.12)

Praxisanleiter

(Vormals Lehrrettungsassistent)
Voraussetzungen
  • NotfallsanitäterPraxisanleiter

  • Mind. 2-jährige Tätigkeit im RD.

  • !

    In Betracht kommen hier nur fachlich sowie menschlich besonders qualifizierte Mitarbeiter

AusbildungZusatzqualifikation für Notfallsanitäter. Dauer der Ausbildung 200 h.
TätigkeitsfelderBetreuung und Ausbildung von Rettungssanitäterpraktikanten und vor allem Notfallsanitäterauszubildenden während der praktischen Ausbildung auf der Rettungswache.

Dozent im Rettungsdienst

Voraussetzungen
  • Abgeschlossene DozentAusbildung mind. zum RA, möglichst LRA.

  • Mind. 2-jährige Tätigkeit im Rettungsdienst.

  • Evtl. polizeiliches Führungszeugnis.

  • Weiterbildung wird vermutlich in den kommenden Jahren durch den Notfallsanitäter und Praxisanleiter komplett ersetzt.

AusbildungZusatzausbildung für RA und LRA. Dauer der Ausbildung nach den gemeinsamen Empfehlungen der Hilfsorganisationen 160 h. 120 h LRA Ausbildung werden anerkannt → Zusatzkurs 40 h.
Ausbildungsinhalte:
  • Lernpsychologische Grundlagen

  • Methodik

  • Fachdidaktik

  • Planung und Durchführung von Unterricht

  • Rechtsfragen

Tätigkeitsfelder
  • Dozent an Rettungsdienstschule für fachtheoretische und fachpraktische Aus- und Fortbildung in der Rettungssanitäterausbildung

  • Dozent in einer Lehrrettungswache

  • Mitwirkung bei der Entwicklung von Lehr- und Lernunterlagen für die Rettungssanitäterausbildung

  • Prüfer in der Rettungssanitäterausbildung

  • Qualifikation reicht nicht um in der Notfallsanitäterausbildung tätig zu werden

Einsatzsanitäter

Merke

Hat in den vergangenen Jahren komplett die SanitätshelferSanitätshelfer ersetzt, da die Einsatzsanitäterausbildung deutlich umfangreicher ist.

VoraussetzungVollendung Einsatzsanitäterdes 18. Lj.
AusbildungNeue Ausbildungsstufe innerhalb der Hilfsorganisationen, die beim Malteser Hilfsdienst entwickelt wurde: erweiterte Sanitäter-Ausbildung z. T. mit Berücksichtigung rettungsdienstlicher Arbeitstechniken. Lehrgang wird von den Rettungswachen/Hilfsorganisationen selbst durchgeführt. Dauer umfasst 80 h Theorie und 20 h Rettungsdienstpraktikum mit mind. 5 Hilfeleistungen. Stunden können auf die Rettungssanitäterausbildung angerechnet werden.
Tätigkeitsfelder
  • Katastrophenschutz

  • Schnelleinsatzgruppen (SEG)

  • Sanitätsdienst, z. B. bei Großveranstaltungen

  • Evtl. 3. Besatzungsmitglied: KTW, RTW

Kompetenz, QualifikationBeherrscht die wesentlichen Grundkenntnisse in der Notfallmedizin.

Rettungshelfer (RH)

AusbildungSpezielle RettungshelferAusbildungsform für Zivildienstleistende. Entspricht in der theoretischen Ausbildung dem Rettungssanitäter-Grundlehrgang.
  • 160 h theoretische Ausbildung

  • 80 h Klinikpraktikum, z. B. Anästhesie, Ambulanz

  • 80 h Rettungsdienstpraktikum auf einer anerkannten Lehrrettungswache.

TätigkeitsfelderVariiert je nach Bundesland (Vorgabe durch die länderspezifischen Rettungsdienstgesetze beachten; Kap. 20.2). Fahrer in KTW, RTW, NEF (evtl. 3. Besatzungsmitglied).
Kompetenz, QualifikationBeherrscht die theoretischen Kenntnisse eines RS. Auf Grund der verkürzten Praktika kann nicht davon ausgegangen werden, dass er eigenverantwortlich tätig werden kann.
  • Assistent des RS, RA, NA

  • Darf nach entsprechender Einweisung (MPG) medizinische Geräte bedienen

  • Darf keine invasiven Maßnahmen am Pat. durchführen

WeiterbildungNach Ableistung von zusätzlichen 80 h Rettungsdienstpraktikum auf einer anerkannten Lehrrettungswache und 80 h Klinikpraktikum kann ein 7–14 d dauernder Rettungssanitäter-Abschlusslehrgang besucht werden.

Notarzt (NA)

Voraussetzungen
  • Ärztl. ApprobationNotarzt

  • Fachkundenachweis „Rettungsdienst“ (in einigen Bundesländern [z. B. Niedersachen]: Zusatzbezeichnung „Rettungsmedizin“)

  • In einigen Bundesländern mind. 2-jährige klinische Tätigkeit

AusbildungDer Begriff Notarzt ist im Gegensatz zur Zusatzbezeichnung „Rettungsmedizin“ oder „Notfallmedizin“ kein geschützter Begriff. In der Regel sind die auf den verschiedenen Rettungsmitteln tätigen Ärzte gemeint. Die theoretische Ausbildung muss nach den geltenden Empfehlungen der Bundesärztekammer vom 21.9.1994 erfolgen:
  • Mind. 18-monatige klinische Tätigkeit, davon mind. 3 Mon. im Intensiv-, Anästhesie- oder Notaufnahmebereich (Abweichungen sind je nach Bundesland möglich)

  • Einzelnachweise über notfallmedizinische Tätigkeiten, z. B. 25 endotracheale Intubationen

  • Fachkundenachweis: 80 Doppelstunden à 45 Min., die in 8 thematisch zusammenhängende Blöcke unterteilt sind

  • Mind. 10 lebensrettende Notfalleinsätze auf NEF, NAW, RTH unter Anleitung eines zur Weiterbildung ermächtigten NA

Tätigkeitsfelder
  • NAW, NEF

  • RTH, ITH

  • Ausbildung von Rettungsfachpersonal

Kompetenz, QualifikationDie Kompetenz eines NA richtet sich nach der Erfahrung und den absolvierten Einsätzen. Die Mindestvorgabe von 10 Einsätzen reicht sicherlich nicht aus. Die Maßnahmen, die der NA am Pat. ergreift, sind auf Grund seines Status unbegrenzt, sofern sie sicher beherrscht werden. Besonders wichtig ist die Eingliederung des NA in das Rettungsdienstteam, was z. B. durch gemeinsame Fortbildungen gefestigt werden kann.

Leitender Notarzt (LNA)

Notarzt leitenderZusatzqualifikation. Für den Einsatz an Großschadensstellen, z. B. beim Massenanfall von Verletzten.
Er ist am Schadensort, zusammen mit dem Organisatorischen Leiter Rettungsdienst (OrgLRD), für die Organisation und den möglichst reibungslosen Ablauf des Einsatzes zuständig. Die Einrichtung eines solchen Leitungsteams zur Bewältigung von Großschadenslagen ist auf Grund mangelnder Verankerung in den Rettungsdienstgesetzen oder der fehlenden Finanzierungsmöglichkeit noch nicht überall vollzogen. In einigen Rettungsdienstgesetzten ist er aber gemeinsam mit dem Organisatorischen Leiter integriert und die Aufgaben sind klar zugewiesen.
Voraussetzungen(laut Bundesärztekammer)
  • Umfassende Kenntnisse in der Notfallmedizin, regelmäßige Tätigkeit im RD

  • Besitz des Fachkundenachweises „Rettungsdienst“ oder der Zusatzbezeichnung „Rettungsmedizin“

  • 40 h dauernde Weiterbildung zum LNA

  • Detailkenntnisse über den regionalen Rettungsdienstbereich

  • Besitz einer Gebietsanerkennung im Bereich der Intensivmedizin

Ärztlicher Leiter Rettungsdienst (ÄLRD)

Der „Ärztliche Leiter Rettungsdienst“ ist Ärztlicher Leiter Rettungsdienstein im Rettungsdienst tätiger Arzt, der auf regionaler bzw. überregionaler Ebene die medizinische Kontrolle über den Rettungsdienst wahrnimmt und für Effektivität und Effizienz der präklinischen notfallmedizinischen Patientenversorgung und -betreuung verantwortlich sein soll.
Voraussetzungen
  • Abgeschlossene Weiterbildung in einem Gebiet mit Bezug zur Notfall- und Intensivmedizin

  • Fachkundenachweis „Rettungsdienst“ oder eine von der zuständigen Ärztekammer als vergleichbar anerkannte Qualifikation

  • Qualifikation als „Leitender Notarzt“ entsprechend den Empfehlungen der Bundesärztekammer

  • Langjährige und anhaltende Tätigkeit in der präklinischen und klinischen Notfallmedizin

  • Zu erwerbende Kenntnisse in der Systemanalyse, Konzeptentwicklung und Problemlösung im Rettungsdienst

  • Detailkenntnisse der Infrastruktur des Rettungsdienstes und des Gesundheitswesens

  • Teilnahme an einer speziellen Fortbildung zum „Ärztlichen Leiter Rettungsdienst“ entsprechend den Empfehlungen der Bundesärztekammer

  • Kontinuierliche Fortbildung in den Fachfragen des Aufgabengebiets

AusbildungSiehe Voraussetzungen.
Tätigkeitsfelder
  • Medizinische Leitung bzw. Mitwirkung bei der Leitung eines Rettungsdienstbereichs

  • Erstellung von Behandlungsrichtlinien sowie medizinisches Qualitätsmanagement in einem Rettungsdienstbereich

Kompetenz, QualifikationNeben der geforderten fachlichen Kompetenz (siehe Voraussetzungen) sollte der ärztliche Leiter auch über eine ausgeprägte Sozialkompetenz verfügen. Unverständlicherweise ist der ärztliche Leiter seinen eigenen ärztlichen Kollegen gegenüber nicht fachlich weisungsbefugt. Dies stellt z. T. die Einführung von Behandlungsrichtlinien ad absurdum, da sie von den eigenen Kollegen nicht eingehalten werden müssen (Ärztliche Therapiefreiheit).

Organisatorischer Leiter Rettungsdienst (OrgLRD)

Voraussetzungen
  • Organisatorischer Leiter RettungsdienstNotfallsanitäter oder RA mit langjähriger Erfahrung und fachlicher Eignung

  • Selbstbewusstes Auftreten

  • Kenntnisse über Organisation, Ressourcen und Infrastruktur des regionalen Rettungs- und Gesundheitswesens.

Ausbildung
  • Umfang und Inhalt der Ausbildung noch nicht einheitlich geregelt

  • Ausbildungsstunden variieren von 40–120 h.

  • Der Notfallsanitäter mit 3 jähriger Ausbildung benötigt hierzu keine Zusatzausbildung.

Tätigkeitsfelder
  • Zusammenarbeit mit dem LNA an Großschadensstellen

  • Leitung von Schnelleinsatzgruppen (Kap. 20.5)

  • Eigenständige organisatorische Leitung bei Schadensfällen unterhalb der Alarmierungsschwelle für den LNA

Kompetenz, QualifikationDer OrgLRD ist an der Großschadensstelle gleichwertiger Partner des LNA. Aufgabenverteilung ist unterschiedlich, sollte aber auf jeden Fall von den beteiligten Organisationen klar definiert und abgesprochen sein.

Leitstellendisponent

Voraussetzungen
  • Notfallsanitäter Leitstellendisponentoder RA mit mehrjähriger Berufserfahrung im RD

  • Evtl. Ausbildung im Brandschutz bei integrierten Leitstellen

Ausbildung
  • Eine einheitliche Ausbildung gibt es zurzeit noch nicht, einige Rettungsdienstschulen bieten Lehrgänge für Disponenten an

  • Praxisbezogene Kenntnisse durch regelmäßige Praktika im RD und in Krankenhäusern (Anästhesie und Intensivstation)

Tätigkeitsfelder
  • Disponent in der Rettungsleitstelle

  • Mitarbeit in örtlichen Einsatzleitstellen, z. B. bei Großschadensfällen

Kompetenz, QualifikationGrundsätzlich sollte in Leitstellen nur besonders qualifiziertes Rettungsfachpersonal eingesetzt werden, um bei Hilfeersuchen die richtigen Rettungsmittel entsenden zu können. Auch Strategien, wie z. B. Telefonreanimation oder die Ersthelferalarmierung, lassen sich nur mit gut geschultem, erfahrenem Personal erreichen. Je nach gesetzlicher Grundlage sind die Disponenten dem vor Ort befindlichen Personal weisungsbefugt, was den Einsatz zusätzlicher Rettungsmittel und logistischer Maßnahmen betrifft. Nicht weisungsbefugt sind sie dagegen in allen medizinischen Fragen, z. B. Auswahl des geeigneten Krankenhauses, Nachforderung eines NA.

Das Einsatzteam

Auftreten in der Öffentlichkeit

Das Bild des RD Einsatzteamin der Öffentlichkeit ist durch mangelhafte Kenntnis der rettungsdienstlichen Arbeit, aber auch durch z. T. mangelnde Seriosität und Unfreundlichkeit der Mitarbeiter und Organisationen nicht uneingeschränkt positiv. Selbst eine qualitativ hochwertige Versorgung (für einen Pat. oder Passanten i. d. R. nicht zu beurteilen) kann nicht über einen mangelnden, rauen oder gar unverschämten Gesprächston Hygiene persönlichehinwegtäuschen.

Merke

Der erste Eindruck ist für Pat., Angehörige und Arzt entscheidend.

Persönliche Hygiene
  • Auf korrektes Äußeres und saubere Dienstkleidung achten:

    • Einsatzkleidung häufig wechseln

    • Unterwäsche mind. täglich wechseln

    • Lange Haare zusammenbinden

    • Piercings im Gesichtsbereich oder lange Ohrringe sind schon aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen nicht zulässig → entfernen

  • Nach jedem Einsatz:

    • Verschmutzte Wäschestücke wechseln

    • Hände desinfizieren

    • Nach Infektionstransporten evtl. duschen

HilfsbereitschaftHilfe leisten Hilfsbereitschaftist das Kernstück der Tätigkeit des Rettungsfachpersonals. Dies beinhaltet nicht nur Tätigkeiten wie das Legen venöser Zugänge, sondern auch Gefälligkeiten, wie beim Anziehen oder Zusammenstellen und Tragen der persönlichen Gegenstände für den Krankenhausaufenthalt behilflich zu sein.
NeutralitätEs ist Neutralitätunerheblich, welcher sozialen Schicht, welcher Religion oder welcher Nationalität ein Pat. angehört: Jedem gebührt die gleiche zuvorkommende und freundliche Behandlung.
Verhalten gegenüber ErsthelfernDie Ersthelfer, Verhalten gegenüberBereitschaft zu helfen ist in der BRD eher gering. Findet sich an der Notfallstelle dennoch ein Ersthelfer, bedenken:
  • Den Ersthelfer ausreden lassen. Er kann meist, wenn auch nur laienhaft ausgedrückt, eine genaue Fremdanamnese formulieren („Der fing auf einmal am ganzen Körper an zu zucken.“)

  • Dem Ersthelfer die Möglichkeit geben, einmal begonnene Maßnahmen zu Ende zu bringen (z. B. Verband anlegen).

  • Keine Kritik üben, auch nicht bei offensichtlich falschen Maßnahmen, eher Lob und Tipps anbringen („Das haben Sie sehr gut gemacht, Sie hätten noch die Beine hochlagern können.“)

  • Dem Ersthelfer für die geleistete Arbeit danken, auch wenn die Versorgung nicht so perfekt war. → Nur so wird er ermutigt, beim nächsten Mal wieder zu helfen oder einen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen.

  • Evtl. die Adresse des Ersthelfers notieren und dem Pat. übergeben, damit auch dieser die Möglichkeit hat, sich bei seinem „Retter“ zu bedanken.

Verhalten gegenüber SchaulustigenIn Deutschland Sensationstourismus Schaulustige, Verhalten gegenüberist „Sensationstourismus“ sehr verbreitet: Bevor der RD eintrifft, sind bereits die ersten „Gaffer“ am Einsatzort, Gafferbesonders bei Bränden, Verkehrsunfällen, Bewusstlosen in Innenstädten. Meist ist die Schwelle, selbst aktiv einzugreifen, zu hoch, oder die Masse der Umstehenden verunsichert („Der kann das bestimmt besser als ich.“). Beim Umgang mit Schaulustigen hilft bestimmtes, aber freundliches Auftreten mehr als Beschimpfungen. Ist ein Arbeiten dennoch nicht möglich, muss die Polizei im Sinne des Pat. hinzugezogen werden. Bei einzelnen Störern ist es sinnvoll, diese mit (Schein-)Aufträgen zu beschäftigen, z. B. Personalien der Unfallbeteiligten notieren, Decken holen, Warndreieck aufstellen.
Verhalten gegenüber anderen DienstenAm Einsatzort spielt es keine Rolle, von welcher Organisation der Helfer kommt. Oberstes Gebot ist, kollegial mit anderen RD bzw. Fachdiensten zusammenzuarbeiten und die Maßnahmen abzustimmen. Streitereien gehen fast immer auf Kosten des Pat.

Psychosoziale Betreuung und Begleitung im Rettungsdienst

Folgen des psychischen Traumas

Viele Betreuung, psychosozialeEinsätze von Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei können für alle Beteiligten (Pat., Verwandte oder Zeugen, z. B. eines Unfallhergangs, Einsatzkräfte selbst) lang anhaltende massive psychische Traumen und Beeinträchtigungen zur Folge haben.
Das Erlebte ist überwältigend: Der Betroffene kann sich weder körperlich noch psychisch entziehen und erlebt (Todes-)Angst, absolute Hilflosigkeit und Entsetzen. Eine solch traumatische Situation liegt weit außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrung, wobei das Erleben der Bedrohung des eigenen Lebens oder des nahe stehender Personen im Mittelpunkt steht.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet im Wesentlichen zwei Diagnosen, die durch ein psychisches Trauma ausgelöst werden können (Abb. 20.1):
  • Akute Belastungsreaktion

  • Posttraumatische Belastungsstörung

Achtung

Eine traumatische Situation kann Einsatzkräfte, Angehörige, Pat. und sonstige Beteiligte betreffen. Die Folgen sind für beide Gruppen gleich, die Interventionen zur Prävention der posttraumatischen Belastungsstörung sind jedoch unterschiedlich. Diese unterschiedlichen zielgruppenspezifischen Interventionen dürfen auf keinen Fall miteinander „vermischt“ werden.

Akute Belastungsreaktion
Die akute Belastungsreaktion, akuteBelastungsreaktion ist eine „normale“, d. h. angemessene und physiologische Reaktion auf ein „unnormales“ traumatisierendes Ereignis und hält i. d. R. für Tage bis max. 4 Wo. an.
Sekundäre Symptome(Stunden später):
  • Sich aufzwängende sensorische Wiedererinnerung: Bilder, Geräusche, Gerüche etc.

  • Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen

  • Schlafstörungen, Alpträume

  • Konzentrationsschwierigkeiten, Gereiztheit, Schreckhaftigkeit, sozialer Rückzug.

Folgen der akuten BelastungsreaktionSelbstisolation, Selbstzweifel, Schuldgefühle, die Unfähigkeit, Freude zu erleben.

Merke

Das Bewusstwerdenlassen dieses „Etwas“ und das Wissen darum, dass es Möglichkeiten der Hilfe gibt, ist der Kern jeglicher Krisenintervention.

Posttraumatische Belastungsstörung
Belastungsstörung, posttraumatischeDiese schwere Störung „schleicht“ sich gewissermaßen in die Biografie der Betroffenen ein.
Klinisches BildZahlreiche unspezifische, psychosomatische Symptome: Verminderung der Leistungsfähigkeit (Wechsel der Arbeitsstellen, hohe Unzufriedenheit), verminderte Beziehungsfähigkeit, soziale Isolation, Aufgabe von Hobbys und Freundeskreisen, Alkoholismus, bis hin zu erhöhter Suizidgefahr.

Basis-Krisenintervention (Basis-KIT)

Bezieht Krisenintervention Basis-KITsich auf „Standardsituation“, z. B. Betreuung Hinterbliebener im häuslichen Bereich nach Exitus einer erwachsenen Person mit internistischer Ursache. Komplexere Situationen erfordern spezielle Kenntnisse, z. B. Tod eines Kindes, Selbsttötung, Gewalterfahrung.
Die Basis-Krisenintervention ist ein Bestandteil des notfallmedizinischen Versorgungsauftrags. Die Strategie besteht aus fundierten und gesicherten Handlungsempfehlungen, über die der Rettungsdienstmitarbeiter als „Handwerkszeug“ verfügen sollte.
Das Rettungsfachpersonal kann Kompetenz, psychotraumatologischeeine psychotraumatologische Kompetenz entwickeln und am Einsatzort umsetzen. Von der Intervention profitieren Betroffene und Einsatzkräfte (→ Überwindung der eigenen Hilflosigkeit):
  • Das Rettungsfachpersonal kann aktiv dazu beitragen, das Leid von Trauernden und Hinterbliebenen nicht zusätzlich und unnötig zu verstärken, sondern auch diesen „(besonderen) Notfallpat.“ qualifiziert zu helfen

  • Der Rettungsdienst ist keine reine Vitalfunktionsmechanik.

  • Psychosozialer Kontext ist kein „Störfaktor“, sondern eine Chance zur Verhinderung schwerer gesundheitlicher Folgeschäden im psychischen Bereich.

  • !

    Kein intuitives oder beliebiges („auf gesundem Menschenverstand“) basierendes Betreuen. Eine qualifizierte Ausbildung in Basis-Krisenintervention im Rettungsdienst ist erforderlich.

Teilschritte der Basis-Krisenintervention
  • !

    Umsetzung braucht etwa 20–30 Min.

1. Angehörige nicht ausgrenzenOberstes Ziel eines jeden rettungsdienstlichen Einsatzes ist die adäquate Versorgung des Pat. Angehörige oder „Zuschauer“ sollen mitbekommen, dass alles Menschenmögliche versucht worden ist, um dem Pat. zu helfen. Eventuell Angehörige in die Maßnahmen mit einbinden, z. B. Infusion halten lassen, anamnestische Angaben.
2. Floskeln vermeiden, eindeutige WortwahlKlar formulieren, so auch den Tod benennen. Auf keinen Fall falsche Hoffnungen erzeugen. Evtl. auch eigene Emotionen ausdrücken, z. B. „es tut mir Leid, wir haben Ihrem Verwandten nicht mehr helfen können“.
3. Kontinuierliche BetreuungKeine langen und unverständlichen Erklärungen, stattdessen: einfache Worte wählen und dem Informationsbedürfnis der Angehörigen und Betroffenen nachkommen, erklären, was abläuft, Orientierung vermitteln. Wenn Betreuungsbedarf bei Angehörigen von außen erkennbar bzw. abfragbar ist, weitere Unterstützung leisten oder anbieten.
4. Abschied nehmen lassenNach jeder Reanimation auf einen würdigen Zustand des Toten achten, Abschied vom Toten als Kernschritt für den Verlauf der Trauer, dennoch: Abschied nehmen vom Toten ist lediglich ein Angebot, keinesfalls ein Muss. Obsolet sind Formulierungen wie „Behalten Sie den Toten so in Erinnerung, wie er lebend war.“
5. Soziale Ressourcen mobilisierenHilfreich ist insbesondere die Frage: „Wen möchten Sie in dieser Situation bei sich haben?“ An Nachbarn und Freunde denken. Den Betroffenen selbst wählen lassen (→ Wiedergewinnung der Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit), um der späten sozialen Isolation vorzubeugen.
6. Hinweis auf psychosoziale BeratungsdiensteAuf psychosoziale Beratungsstellen aufmerksam machten. Besondere Betreuungssituationen sind eine Kontraindikation für Basis-KIT und i. d. R. eine eindeutige Einsatzindikation für eine Krisenintervention im Rettungsdienst bzw. ein KIT-Team.

Krisenintervention im Rettungsdienst (KIT)

Die Krisenintervention Krisenintervention Teamsystematische und fundierte Wahrnehmung der Aufgabe „Krisenintervention im Rettungsdienst“ ist i. d. R. an eine eigene Organisationsstruktur gebunden, d. h. die KIT-Teams sind in örtliche Rettungsdienststrukturen eingebunden. Das KIT-Team sollte, z. B. über Melder rund um die Uhr erreichbar sein. Die Alarmierung sollte grundsätzlich nur über die Leitstelle erfolgen. Ein Einsatz der Krisenintervention im Rettungsdienst dauert normalerweise zwei, manchmal auch bis zu vier Stunden.

Merke

Mitarbeiter in der Krisenintervention im Rettungsdienst müssen über eine spezielle Ausbildung verfügen, um den großen Belastungen gewachsen zu sein und qualifiziert helfen zu können. Mindestanforderungen: RD-Ausbildung, oft auch Pädagogen, Soziologen. Die Inhalte der mindestens viertägigen Ausbildung sind breit gefächert.

Typische Indikationen für den Einsatz eines KIT-Teams
  • Suizid

  • Betreuung Krisenintervention Indikationvon Hinterbliebenen nach erfolgloser Reanimation oder Exitus im häuslichen Bereich

  • Plötzlicher Kindstod

  • Geiselnahme und Vergewaltigung

  • Gewaltverbrechen

  • Schwere Unfälle

  • Großschadenslagen

  • Personenunfälle im Gleisbereich

AblaufOrientiert sich im Wesentlichen an den allgemeinen Prinzipien zur Prävention psychischer Folgeschäden:
  • Unterstützung Krisenintervention Ablaufvon Bewältigungsstrategien der Betroffenen

  • Entdramatisierung der Situation

  • Aufbau einer kontinuierlichen Beziehung zum Betroffenen

  • Hilfe zur Selbsthilfe, d. h. Exploration und Einführung der sozialen Ressourcen

  • Brückenfunktion zu professionellen Beratungseinrichtungen

  • Unterstützung bei Fragen zur Tätigkeit der Polizei, Erläuterung medizinischer Maßnahmen, Fragen um die Bestattung.

Tipps & Tricks

  • Entscheidend ist, gemeinsam mit den Betroffenen nach einem Weg zu suchen, wie es in der neuen Situation konkret weitergeht und wie sich die neue Situation für die Betroffenen erträglicher gestalten lässt, z. B. das Suchen eines Schlafplatzes, das Anrufen eines Freundes bzw. einer Freundin oder das Verabschieden von einem Toten.

  • Krisenintervention im Rettungsdienst muss sich abgrenzen. Aufgabe ist es nicht, die Probleme allumfassend zu lösen oder den Pat. längerfristig zu begleiten, sondern den Betroffenen einer für die weitere Betreuung geeigneten „Einrichtung“ zuzuführen: Familie, Freundeskreis oder spezielle kirchliche, psychosoziale oder sonstige (Selbsthilfe-)Gruppen, Arbeitskreise und Vereine.

Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen (SBE)

Die Stressbearbeitung critical incident stress managementständige Auseinandersetzung mit Tod und menschlichem Leid geht auch an Einsatzkräften von Rettungsdienst, Feuerwehren und Polizei nicht spurlos vorüber. Insbesondere nach dramatischen Einsätzen können auch (erfahrene) Einsatzkräfte psychische Belastungen bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln.
CISM (Critical incident stress management)Der von den beiden amerikanischen Psychologen Mitchell und Everly entwickelte Ansatz (Tab. 20.1) ist ein Konzept für Einsatzkräfte, die für sich selbst und für ihre Kollegen Möglichkeiten zu einer psychischen Ersten Hilfe kennenlernen und vertiefen möchten, um einer psychischen Traumatisierung vorzubeugen. Es umfasst im Wesentlichen drei Hauptmethoden, die gebräuchlichste davon ist derzeit das sog. Debriefing, d. h. die Debriefingstrukturierte EinsatznachbesprechungEinsatznachbesprechung.

Merke

Über folgende Stressbearbeitung KontakteHotlines können rund um die Uhr bundesweit entsprechende CISM/SBE-Teams angefordert werden:

  • 0 18 05–87 28 62 (Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen e. V.)

  • 02 28–96 99 20 („Hilfe für Helfer“ des Malteser Hilfsdienstes)

Rettungsmittel

RettungsmittelMindestanforderungen für Rettungsmittel sind seit dem 1.1.2000 nicht mehr die alten DIN Normen DIN 75080 Teil I und II, sondern die DIN EN 1789 und die DIN EN 1865. Damit wurden die einschlägigen Normen Europaweit harmonisiert.
  • DIN EN 1789 „Rettungsfahrzeuge und deren Ausrüstung Krankenkraftwagen“

  • DIN EN 1865 „Festlegungen für Krankentragen und andere Krankentransportmittel im Krankenkraftwagen“

Rettungswagen/Krankentransportwagen

Die Rettungswagen KrankentransportwagenEinteilung der Fahrzeuge erfolgt in drei Gruppen nach ihren Behandlungsmöglichkeiten (Tab. 20.2). Gruppe 1 ist wiederum in zwei Gruppen eingeteilt.
Typ A1: Patient Transport Ambulance (PTA), KrankentransportwagenTransport eines einzelnen Pat., meist Kombi oder Großraum-Limousine.
  • Medizinische Ausstattung: Trage, Tragestuhl, Tragetuch, tragbares Sauerstoffinhalationsgerät, manuelles Absauggerät, Feuerlöscher, Verbandmittel, Infusionshalterung, Funk

  • Empfohlene Zusatzausstattung: Beatmungsbeutel, Defibrillator, Notgeburtbesteck.

Typ A2: Patient Transport Ambulance (PTA), KrankentransportwagenTransport eines oder mehrerer Pat. mit Krankentrage und/oder Tragestuhl.
  • Medizinische Ausstattung: Wie damaliger KTW aber ohne RR-Messgerät, Vakuummatratze, Infusionen

  • Empfohlene Zusatzausstattung: wie Typ A1.

Typ B: Emergency Ambulance (EA), NotfallkrankenwagenTransport,Notfallkrankenwagen Erstversorgung und Überwachung von Patienten. Entspricht bis auf die Innenraummaße dem ehemaligen RTW.
  • Medizinische Ausstattung: Trage, Tragestuhl, Schaufeltrage, Vakuummatratze, Schienungsmaterial, Immobilisationskragen, Sauerstoffanlage im Fahrzeug und tragbare Sauerstoffinhalationseinheit, Beatmungsbeutel, Absauggerät, RR-Manschette, Pulsoxymeter, Infusionen und Zubehör sowie Wärmebox für Infusionen, EKG, Defibrillator, tragbare Notfallausrüstung (u. a. mit Beatmungsbeutel, Absaugung etc.), Magenspülset, Verbandmittel, tragbares und stationäres Funkgerät

  • Empfohlene Zusatzausstattung: Spineboard, Medikamente usw.

Typ C: Mobile Intensive Care Unit (MICU), RettungswagenTransport, erweiterte RettungswagenVersorgung, Behandlung und Überwachung von Patienten. Entspricht einem Rettungswagen/Notarztwagen.
  • Medizinische Ausstattung: Wie Typ B, zusätzlich externer Herzschrittmacher, erweiterte tragbare Notfallausrüstung (Infusionen, Intubation, Medikamente, Beatmungsbeutel, etc.), Thoraxdrainage, Perikardpunktions-Satz, ZVK, PEEP-Ventil, Beatmungsgerät, Spritzenpumpe, Kapnometer.

Krankentransport

Transport Krankentransportvon Nicht-Notfallpat.,
  • die aus medizinischen Gründen nicht in der Lage sind, öffentliche Verkehrsmittel (Taxen, Mietwagen) zu benutzen,

  • die liegend transportiert werden müssen,

  • die an ansteckenden oder Ekel erregenden Krankheiten leiden (Verdacht rechtfertigt Transport),

  • die auf dem Transport eine fachliche Betreuung benötigen.

KTW (Kap. 20.4.11)
Qualifizierter KrankentransportRettungsmittel Krankentransport qualifizierter(KTW) entspricht der DIN EN 1789 (alte Norm DIN 75080) und ist mit entsprechend fachlich geeignetem Personal besetzt. KTW fährt in öffentlicher Beauftragung.
Nichtqualifizierter KrankentransportFahrzeug Krankentransport nichtqualifizierter Liegetaxientspricht einem „Liegetaxi“. Oft nur mit einer Person besetzt. Fahrzeug fährt außerhalb der öffentlichen Beauftragung. Achtung: Nur für Pat., die keine fachliche Betreuung benötigen (könnten).
Einsatzindikationen
  • Transport von Krankenhaus zu Krankenhaus

  • Transport von Wohnung, Arztpraxis oder Altenheim zu Krankenhaus

  • Entlassungen in die eigene Wohnung oder in ein Altenheim

  • Transport von Dialysepatienten

  • Transport von Pat. zu konsiliarischen Untersuchungen

Notarztwagen (NAW)

Mit NA besetzter NotarztwagenRettungswagen im Stationssystem. Ausstattung nach erforderlichen Gegebenheiten. Medikamentenauswahl meist um Betäubungsmittel (BTM) ergänzt.

Notarzteinsatzfahrzeug (NEF)

DIN 75 079. Mit DIN 75079 NotarzteinsatzfahrzeugSondersignalanlage versehene Limousine, Kombi, Kleinbus oder Geländewagen zum Transport des NA und der notfallmedizinischen Ausrüstung zum Notfallort (Tab. 20.3). Der NA steigt in den mitalarmierten RTW um (Rendezvous-SystemRendezvous-System).
Im NEF sollten dieselben, nach regionalen Gegebenheiten ausgewählten Geräte und Medikamente mitgeführt werden wie auf den regionalen RTW (Austausch und Kompatibilität). → Abstimmung zwischen den jeweiligen am RD beteiligten Organisationen

Merke

Baby-Notarztwagen, -Notarzteinsatzfahrzeug (Baby-NAW, -NEF) ist ein speziell Baby-Notarztwagenausgestattetes Fahrzeug, ähnlich wie NAW oder NEF, zur primären Behandlung von pädiatrischen Notfallpat. oder zum Inkubatortransport.

Rettungshubschrauber

DIN 13 230 gibt DIN 13230 Rettungshubschrauberunter anderem das Mindestraumangebot und die Möglichkeit zum gleichzeitigen Transport von zwei Pat. vor.
  • Schneller NA-Zubringer, besonders über größere Entfernungen

  • Schonender Transport von Notfallpat., z. B. bei Wirbelsäulentrauma

  • Rettung von Personen aus besonderen Notlagen, z. B. Höhenrettung, Wasserrettung

Der Einsatz eines Rettungshubschraubers (RTH, Tab. 20.4) bedeutet einen schnellen und sicheren Transport für den Notfallpatienten in eine geeignete Klinik der Maximalversorgung.
Hauptindikationen
  • Schwere Verletzungen nach Triage-Kriterien und Verletzungsmechanismen

  • Bodengebundenes notarztbesetztes Rettungsmittel ist in ausreichender Zeit nicht erreichbar, dies gilt auch für internistische Einsätze

  • Transport mit bodengebundenen Rettungsmitteln ist schwierig oder würde eine Krankenhauseinweisung verzögern, z. B. Polytrauma, Akut-PTCA bei akutem Myokardinfarkt.

Triage-Kriterien bei Trauma
  • Hoher Trauma-Score

  • Glasgow Coma Score < 10

  • Penetrierendes Trauma im Bereich Kopf, Hals, Thorax, Abdomen oder Becken

  • Wirbelsäulenverletzung mit neurologischen Ausfällen

  • Teilweise oder vollständige Amputation einer Extremität (ausgeschlossen sind Zehen oder Finger)

  • Frakturen zwei oder mehrerer langer Röhrenknochen

  • Schwerwiegende Beckenfraktur

  • Stumpfe Traumen gegen Kopf und Abdomen

  • Schwerwiegende Verbrennungen (Kap. 16.1), insb. mit Inhalationstrauma

  • Schwerwiegende Verätzungen oder Stromunfall

  • Schweres Trauma von Patienten < 12 J. oder > 55 J.

  • Beinahe-Ertrinken mit/ohne Hypothermie (Kap. 16.5)

  • Erwachsener Pat. mit kritischen Vitalparametern: RRsyst < 90 mmHg, Herzfrequenz < 60 oder > 120/Min., Atemfrequenz < 10 oder > 35/Min.

Verletzungsmechanismen
  • Fahrzeugüberschlag mit nicht angeschnallten Insassen

  • Fußgängeranfahrunfall mit Fahrzeuggeschwindigkeit > 20 km/h

  • Sturz aus großer Höhe > 5 Meter

  • Zweiradfahrer verunglückt mit Geschwindigkeiten > 35 km/h

Weitere Einsatzkriterien
  • Rettung aus unwegsamem, schwer erreichbarem Gelände, aber auch Insel- und Bergrettung

  • Transport über eine lange Distanz, z. B. auch Patient aus ländlicher Gegend zur Akut-PTCA in Schwerpunktklinik

  • benötigte Fahrzeit mit bodengebundenen Rettungsmittel zu einem Trauma-Center > 15 Min. und/oder dauert länger als der Transport mit dem RTH

  • Zeit am Einsatzort um Patienten zu retten, z. B. aus Fahrzeugwrack > 20 Min.

  • Logistische Probleme, z. B. RTW/NAW einziges Fahrzeug im Rettungsdienstbereich

Intensivtransporthubschrauber (ITH)

DIN 13230–4. Für DIN 13230–4Intensivtransporte konzipiertes RettungsmittelIntensivtransporthubschrauber mit spezieller Ausstattung, z. B. spez. Beatmungsgerät, Transportmonitore, Spritzenpumpen usw.
  • Zulassung für Nacht- und Instrumentenflugbedingungen: Entsprechende Instrumentierung, z. B. GPS Satelliten-Navigationssystem, Autopilot, 2 Triebwerke, 2 Berufspiloten

  • Ausreichende Reichweite (mind. 400 km)

  • Ausreichende Platzreserven

  • Ausreichende Klimatisierung

  • Abtrennung Cockpit/Behandlungskabine

  • Kommunikationseinrichtungen: Flugfunk, BOS, Funk, Funktelefon

Intensivtransport/Interhospitaltransfer

Fachgerechter Intensivtransportund schonender Transport intensivüberwachungs- und/oder intensivtherapiepflichtiger Pat. zwischen Krankenhäusern Interhospitaltransferunterschiedlicher Versorgungsniveaus. Spezielle Rettungsmittel (Kap. 20.4.5, Kap. 20.4.6)
Logistik und Voraussetzungen
Einsatzindikationen
  • Vernetzung von Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung mit Kliniken der Schwerpunkt-/Maximalversorgung, z. B. vital bedrohte Traumatisierte

  • Vernetzung von Krankenhäusern und Spezialkliniken, z. B. Schwerbrandverletzte, Wirbelsäulenverletzte

  • Vernetzung von Kliniken höherer Versorgungsstufe mit Krankenhäusern niedriger Versorgungsstufe, z. B. Rückverlegung noch intensivpflichtiger Pat. nach Abschluss spezieller Therapiemaßnahmen zur Entlastung hochspezialisierter Intensiveinheiten

  • Ergänzungsversorgung bei Primäreinsätzen und Großschadenslagen. Unterstützung originär arztbesetzter Rettungsmittel bei akuter Kapazitätsüberlastung

Probleme und Gefahren
  • Fehlende gesetzliche Grundlagen

  • Fehlende Aufklärung des Klinikpersonals (Besonderheiten des Lufttransportes): „Erzwingen“ medizinisch nicht absolut dringlicher Einsätze

  • Privatanbieter mit wirtschaftlichem Interessen: schnelle Zunahme der Einsatzzahlen infolge Indikationsausweitung, Unterlaufen des Qualitätsstandards, Durchführung unnötiger Transporte

  • Kostenexplosion

  • Vermeidbare Flugunfälle bei Lufttransport

Allgemeine Voraussetzungen
  • Verankerung in Landes-Rettungsdienstgesetzen

  • Restriktive Handhabung von Nachtflügen: einheitliche, verbindliche Wetterminima, kein wirtschaftliches Interesse des Personals (Festgehalt)

  • Ausbau des bodengebundenen Interhospitaltransfers

  • Vernetzung und sinnvoller Einsatz der Transportkomponenten (Ergänzung von ITW und ITH bei identisch medizinisch-technischer und personeller Ausstattung)

  • Zentrale Leit-/Koordinierungsstelle mit einheitlicher Rufnummer, wie z. B. in Niedersachsen und Hessen (KOST, Koordinierungsstelle Sekundärtransporte)

Medizinische Voraussetzungen
  • Anbindung an medizinisches Zentrum der Schwerpunkt-/Maximalversorgung

  • Ärztliche Leitung durch erfahrenen Intensivmediziner

  • Medizinischer Koordinator

  • Qualifikation des medizinischen Personals

  • Einheitliche Dokumentation und überregionale Auswertung der Einsätze

Ärztliche Qualifikation für den Interhospitaltransfer
Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI):
  • 3 J. klinische Weiterbildung in einem Fach mit intensivmedizinischen Versorgungsaufgaben

  • 6 Mon. nachweisbare Vollzeittätigkeit auf einer Intensivstation

  • Fachkundenachweis Rettungsdienst bzw. Zusatzbezeichnung Rettungsmedizin

  • 20 h Kurs „Intensivtransport“.

Intensivtransportwagen

DIN 13230–2 (Medizinisch-technische Ausstattung, auch ITH). Arztbesetztes Intensivtransportwagen DIN 13230–2Rettungsmittel mit besonders umfangreicher medizinischer Ausstattung. Meist kann ein Intensivtransportbett im Fahrzeug transportiert werden. Somit sind Transporte möglich, ohne die begonnene Intensivtherapie zu unterbrechen.
  • Beatmung: mobiler Intensivrespirator, zusätzlich mobiler Notfallrespirator

  • Monitoring: EKG-Überwachung, invasive Druckmessung, nichtinvasive Blutdruckmessung, Pulsoxymetrie, Kapnometrie, Temperaturmessung, Analysegeräte für BZ, BGA, Hb, Hkt, Elektrolyte

  • Therapie: relevante Medikamente der Notfall- und Intensivmedizin, Defibrillator mit internem und transthorakalem Schrittmacher, mind. 4 Spritzenpumpen, mind. 1 Infusionspumpe.

Schnelleinsatzgruppe (SEG)

In den letzten Jahren aus den SchnelleinsatzgruppeKatastrophenschutzeinheiten entstanden. Veränderte Problemstellungen bei Großschadensfällen forderten flexiblere Anforderungsprofile als die der schwerfälligen KatSchutz-Einheiten. Sie bestehen regional unterschiedlich aus ehrenamtlichem und hauptamtlichem Personal der Rettungswachen und werden vom OrgLRD oder LNA an der Großschadenstelle, evtl. im Vorfeld durch die Leitstelle oder am Einsatzort befindliche Rettungskräfte angefordert.
Alarmierung von der Leitstelle aus. Bestehen i. d. R. aus 10–20 Personen. Zur Versorgung von bis zu 30 Pat. Bei größerer Anzahl von Verletzten zieht Einsatzleitung (LNA Kap. 20.1.9, OrgLRD Kap. 20.1.11) mehrere benachbarte SEG zusammen. Sind ihr an Großschadensstellen Großschadensstelleunterstellt. Ausrüstung orientiert sich meist an den regionalen Rettungsmitteln.
Verschiedene Aufgabenstellung möglich, z. B.:
  • SEG Rettung (rettungsdienstliche Versorgung)

  • SEG Versorgung (Versorgung mit Nahrung)

  • SEG Betreuung (Betreuung von Leichtverletzten).

Helfer vor Ort/First responder

Notfallmedizinisch erfahrene und geschulte ehrenamtliche Helfer der Helfer vor Ort first responderHilfsorganisationen, die vor allem in ländlichen Gebieten die Versorgungslücke schließen. Sinnvoll, wenn die Anfahrtszeit des nächsten Rettungsmittel mindestens 8 Min. beträgt. Kein Ersatz für den Rettungsdienst, aber z. T. sinnvolle Ergänzung. Die Alarmierung erfolgt mittels Meldeempfänger über die zuständige Rettungsleitstelle. Nach Rücksprache, z. B. per Telefon, erhält er dann genaue Einsatzdaten. Die Anfahrt zum Einsatzort erfolgt mit Privat-PKW (ohne Sonderrechte) oder Dienstfahrzeugen.
AusbildungRegional unterschiedlich, da es keine spezielle Ausbildung gibt. Mindestanforderung Sanitätshelfer mit Einsatzerfahrung. Besser RS oder RA.
Aufgabe
  • Durchführung von Erster Hilfe oder erweiterten Maßnahmen

  • Lageerkundung

  • Absetzen einer qualifizierten Meldung an die Rettungsleitstelle

  • Einweisung nachfolgender Rettungsmittel.

AusrüstungDa unterschiedliche Ausbildungsstände, variiert die Ausrüstung, meist jedoch:
  • Notfallkoffer

  • Rettungsdienstjacke bzw. Overall

  • Warnweste

  • Privat-PKW: Dachaufsetzer (beleuchtet) mit Aufschrift, z. B. „Rettungsdienst im Einsatz“

  • Evtl. halbautomatischer bzw. automatischer Defibrillator.

Rettungsdienstliche Fort- und Weiterbildung

Einmal erlangtesWeiterbildung FortbildungWissen reicht vor allem im Bereich der Medizin nicht aus. Die erworbenen Kenntnisse im Rahmen einer Ausbildung zum RA oder zum Erlangen des Fachkundenachweises „Rettungsmedizin“ für Ärzte müssen ständig aufgefrischt werden (Tab. 20.5). Zumeist hat das Wissen um die ständige Fort- und Weiterbildung Eingang in die Landesrettungsdienstgesetze gefunden: z. B. im Hessischen Rettungsdienstgesetz 30 h pro Jahr bei den Hilfsorganisationen MHD, JUH, DRK, ASB. Jeder Mitarbeiter ist für die Einhaltung der vorgegebenen Stunden verantwortlich.

Merke

Nicht alles, was angeboten wird, ist sinnvoll. Eine genaue Auswahl ist nötig. Es setzen sich zunehmend zertifizierte Kurssysteme durch, nach deren Absolvierung und Bestehen einer Prüfung ein international gültiges Zertifikat ausgestellt wird.

Schließlich sollte man sich darum bemühen, regelmäßig
  • Fachbücher und Zeitschriften zu lesen,

  • Kongresse und Symposien zu besuchen und

  • innerbetriebliche Fortbildungen zu organisieren.

Juristische Aspekte

Unterlassene Hilfeleistung

§ 323c StGB

„Wer Hilfeleistung, unterlassenebei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Nach § 323c StGB ist für jedermann eine Hilfeleistungspflicht begründet (Schutzzweck des § 323c StGB: gebotene mitmenschliche Solidarität zur Schadensabwehr in akuten Notfällen). Aber auch in Notfällen haben nicht nur Personen mit medizinischen Kenntnissen, sondern auch nicht in Erster Hilfe ausgebildete Personen, Hilfe zu leisten. Die hilfspflichtige Person muss sofort und auf die wirksamste Weise helfen (BGHSt 14, 213). Unter Umständen (z. B. alte, gebrechliche Person trifft auf brennenden PKW mit bewusstlosen Insassen) kann dazu die Benachrichtigung eines zur Hilfe besser Geeigneten (Arzt, RD) genügen.
Rettungsfachpersonal ist grundsätzlich verpflichtet, sich zum Notfallort zu begeben. Die qualifizierte Hilfeleistungspflicht des Rettungsfachpersonals besteht darin, im konkreten Fall Hilfeleistungspflicht, qualifiziertelebensrettende Sofortmaßnahmen zu leisten und zu entscheiden, welche Hilfsmaßnahmen zu erbringen sind. Die formale Unterscheidung zwischen Maßnahmen, die Ärzten vorbehalten sind und allgemeinen Hilfsmaßnahmen, ist im Notfall ohne rechtliche Bedeutung. → Rettungsfachpersonal hat eine spezielle Ausbildung und muss sein Fachwissen bei einer Hilfeleistung anwenden.
Aufgaben des Rettungsfachpersonal(Näheres regeln die entsprechenden Gesetze):
  • Notfallsanitäter: Einleitung von, auch invasiven, Maßnahmen die lebensrettend sind und Folgeschäden verhindern bis zum Eintreffen eines Arztes (Notarzt) oder der Übergabe an einen Arzt (Klinik).

  • Eine Verschlechterung des Zustands des Pat. vor Ort nach Möglichkeit zu verhindern, bis dieser, falls notwendig, ärztlich versorgt werden kann

  • !

    Das Rettungsfachpersonal muss erkennen, welche Maßnahmen es auf Grund der individuellen Erkenntnisse, Fähigkeiten und des Ausbildungsstands zur Versorgung am Notfallort selbstständig ergreifen darf.

Rettungsfachpersonal haftet nicht nur (§ 323c StGB), sondern hat, wie auch weiter unten erwähnt, eine Garantenstellung gegenüber dem Pat. zu erfüllen. D. h., dass der RD auf Grund seiner besonderen Pflichtenstellung, nämlich der Übernahme von Schutz- und Beistandspflichten (durch Vertrag der RD-Organisation mit Kommune/Landkreis), rechtlich dafür einzustehen hat, dass eine medizinisch erforderliche und vom Rettungsfachpersonal im Rahmen seiner Fachkompetenz durchführbare Maßnahme nicht unterlassen werden.

Merke

Jeder Mitarbeiter des RD muss entsprechend seinen medizinischen Kenntnissen und seinem Erfahrungsstand nach bestem Wissen und Gewissen die den Umständen entsprechend beste Versorgung des Pat. gewährleisten.

Gleich ob Arzt oder Rettungsfachpersonal: Im Notfall ist zu tun, was lebensrettend ist, und das aus der für beide Professionen gleichermaßen geltenden Verpflichtung zur Hilfeleistung heraus. Dabei unterliegt man jedoch immer Sorgfaltspflichtder Sorgfaltspflicht.

Tipps & Tricks

Klagen kann grundsätzlich nur der behandelte Pat., was er i. d. R. nur tun wird, wenn er dabei Schaden erlitten hat. Wichtiger Hinweis: Ein Hausarzt oder anwesender Notarzt kann keine zivilrechtliche Klage auf Grund durchgeführter invasiver Maßnahmen des Rettungsfachpersonals einreichen.

Körperverletzung

Für KörperverletzungRettungsfachpersonal ist im Rahmen seiner Tätigkeit der Abschnitt 17 des StGB von Bedeutung: strafrechtliche Folgen der Körperverletzung:
  • § 223 StGB: Körperverletzung: „Wer eine andere Person körperlich misshandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

  • § 224 StGB: gefährliche Körperverletzung.

  • § 226 StGB: schwere Körperverletzung.

  • § 227 StGB: Körperverletzung mit Todesfolge.

  • § 228 StGB: Einwilligung des Verletzten.

  • § 229 StGB: fahrlässige Körperverletzung.

Im Rahmen der Aufgabenstellung für das Rettungsfachpersonal wird bei einer Hilfeleistung, z. B. dem Legen eines venösen Zugangs, regelmäßig eine Körperverletzung begangen. Der Pat. wird zusätzlich zu dem i. d. R. schon vorliegenden gesundheitlichen Schaden, z. B. akuter Myokardinfarkt durch das Einstechen der Venenverweilkanüle in die Haut und Vene, „körperlich misshandelt“ und „an der Gesundheit beschädigt“ (§ 223 StGB). Dieser Vorgang verwirklicht rechtlich sogar den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung, denn die „körperliche Misshandlung“ und „Gesundheitsbeschädigung“ werden mittels eines „gefährlichen Werkzeugs“ (§ 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB) begangen, nämlich der Venenverweilkanüle, die auf Grund ihrer Beschaffenheit und Art der Benutzung dazu geeignet ist, erhebliche Verletzungen hervorzurufen. Dies gilt für jeden Menschen, auch für Ärzte.
Rechtfertigung der Körperverletzung durch Einwilligung
Die Strafbarkeit wegen einer vorsätzlich begangenen (gefährlichen) Körperverletzung EinwilligungKörperverletzung, z. B. beim Legen eines venösen Zugangs zur notwendigen Volumensubstitution, wird in aller Regel durch Einwilligung des Pat. in die vom Rettungsfachpersonal durchgeführte Hilfeleistung ausgeschlossen.
Wichtige Voraussetzung für eine einwandfreie Einwilligung ist allerdings eine sachgemäße Aufklärung des Pat. über die vom Rettungsfachpersonal durchzuführenden Maßnahmen. Ziel einer solchen „Selbstbestimmungsaufklärung“ muss sein, dem Pat. Art, Bedeutung und SelbstbestimmungsaufklärungTragweite des Eingriffs zu verdeutlichen (BverfG NJW 79, 1 929 f.). Eine Verletzung der Aufklärungspflicht führt zur Unwirksamkeit der Einwilligung (BGHSt 11, 111). Evt. Strafbarkeit wegen fahrlässiger Körperverletzung (Kap. 20.8.2).
Problematisch wird das Einholen einer Einwilligung für eine invasive, potenziell körperverletzende Maßnahme, wenn der Pat. nicht einwilligungsfähig ist. Relativ einfach stellt sich die Situation bei einer bewusstlos vorgefundenen Person dar. Hier ist in aller Regel der mutmaßliche Wille eines gemeinhin sachgerecht, normal und vernünftig denkenden Pat. zugrunde zulegen: „Wenn nichts den Interessen eines vernünftigen und verständigen Pat. entgegenspricht, ist dieser objektiv vernünftige hypothetische Wille anzunehmen.“ (BGHSt 35, 249, 250). Somit wird also die Strafbarkeit durch mutmaßliche Einwilligung des Einwilligung mutmaßlichePat. ausgeschlossen.
Grundsätzlich setzt die Einwilligungsfähigkeit voraus, dass der Pat. durch seine geistige und Einwilligungsfähigkeitsittliche Reife in der Lage ist, Bedeutung und Tragweite des Eingriffs zu erkennen und sachgerecht zu beurteilen. Ein bestimmtes Alter (Minderjährige) ist dafür nicht erforderlich. Es kommt insbesondere nicht darauf an, ob der Einwilligende im zivilrechtlichen Sinne voll geschäftsfähig ist (BGHSt 12, 379).
Bei mangelnder Einsichtsfähigkeit bedarf es der Zustimmung seines gesetzlichen Vertreters. Wenn auch die Einwilligung des gesetzlichen Vertreters (z. B. Elternteil bei nicht voll Geschäftsfähigen, Betreuer bzw. Vormund älterer Pat.) wegen Unerreichbarkeit oder aus sonstigen Gründen nicht einzuholen ist, so ist wiederum auf die mutmaßliche Einwilligung abzustellen.

Achtung

Der Meinung von Angehörigen, Pflegepersonal oder Patiententestamentauch Testamenten von Pat. kommt allenfalls Bedeutung zur Ermittlung des mutmaßlichen Willens zu, sie hat jedoch keine stellvertretende Wirkung. Für das Rettungsfachpersonal bedeutet dies, dass im Zweifelsfall (z. B. Kreislaufstillstand) immer mit den erforderlichen Maßnahmen anzufangen ist.

Schwieriger ist die Rechtslage bei handlungsunfähigen Suizidpatienten (Selbstbestimmungsrecht gegenüber lebensrettendem Eingriff in die noch vorhandene Suizid Selbstbestimmungsrechtkörperliche Unversehrtheit). Aber auch hier besteht für das Rettungsfachpersonal selbstverständlich eine Hilfeleistungspflicht (BGHSt NJW 60, 1821 f.), lebensrettende Maßnahmen, die gemäß § 34 StGB (rechtfertigender Notstand rechtfertigenderNotstand) gerechtfertigt sind, durchzuführen.

Patientenverfügung

Immer mehr an rechtlicher Bedeutung gewinnt die Patientenverfügung. Sie gibt Auskunft über den Willen des Patienten, wenn dieser nicht mehr in der LagePatientenverfügung ist, diesen eigenständig zu äußern. Eine solche Verfügung unterliegt gewissen Formalien. Hilfe bietet die Internetseite www.bmj.de.
Folgende Anforderungen sollten dabei erfüllt werden:
  • Verfügungen, die den Notruf außer Kraft setzen, müssen klar und bedingungslos formuliert sowie sofort verfügbar sein.

  • Liegt keine Patientenverfügung vor, ist der Rettungsdienst mit der Ermittlung des mutmaßlichen Willens des Patienten am Einsatzort überfordert.

  • Im Zweifel ist das Leben zu erhalten.

  • Entscheidungen über die Nichteinleitung oder den Abbruch notfallmedizinischer Maßnahmen am Einsatzort gehören in den Zuständigkeitsbereich des (Not-)Arztes.

  • DNR-Order (Do Not Resuscitate) im Krankentransport muss durch den Arzt schriftlich fixiert werden.

Merke

Die Patientenverfügung muss am Notfallort einsehbar sein. Die Aussage z. B. von Angehörigen, dass eine solche vorliegt, reicht dabei nicht aus.

Schweigepflicht

Jeder SchweigepflichtMitarbeiter im RD ist über alle ihm im Dienst zugänglichen persönlichen Daten eines Pat. und dessen Umfeld, über alle Funkgespräche, alle dienstlichen Angelegenheiten der Dienststelle, seinen Auftrag und personengebundene Daten von Mitarbeitern Dritten gegenüber an die Schweigepflicht gebunden.
Eine Verletzung der Schweigepflicht wird nach § 203 StGB mit einer Freiheitstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bestraft. Die Schweigepflicht gilt auch gegenüber Behörden, z. B. der Polizei.
Hinsichtlich der Mitteilung von Anlass, Ort und Zeit eines Einsatzes ist zu beachten:
  • Bei Unfällen oder Verletzungen im häuslichen oder familiären Bereich fallen Angaben darüber sowie personengebundene Daten unter die Schweigepflicht.

  • Bei Unfällen oder Verletzungen im öffentlichen Bereich (z. B. Verkehrsunfälle, Betriebs- und Arbeitsunfälle) unterliegen Angaben darüber nicht der Schweigepflicht.

Personenbezogene Daten oder andere der Schweigepflicht unterliegende Angaben dürfen nur weitergegeben werden, wenn das Rettungsfachpersonal zur Offenbarung befugt oder verpflichtet ist:
  • Bewusste Einwilligung des Pat., z. B. Weitergabe von Personendaten im Krankenhaus zur Weiterbehandlung des Pat., Abrechnung der Benutzungsentgelte bei den Kostenträgern.

  • Mutmaßliche Einwilligung des Pat., z. B. bei Bewusstlosigkeit: Weitergabe von Daten dient dazu, dessen Rechte zu wahren, etwa nach einem Verkehrsunfall gegenüber der Polizei.

  • Offenbarung nach einer entsprechenden Güterabwägung, wenn die Weitergabe von Daten einem höheren Interesse als dem des Pat. an der Geheimhaltung dient, z. B. bei der Gefahrenabwehr für Leib und Leben des Pat. oder Dritter, oder wenn sich das Rettungsfachpersonal durch die Nichtweitergabe der Daten strafbar machen würde.

  • Offenbarung bei gesetzlicher Verpflichtung, z. B. Weitergabe von Daten nach den Bestimmungen des Bundesseuchengesetzes, bei der Anzeige bevorstehender Verbrechen, bei der Verpflichtung zur Aussage vor der Staatsanwaltschaft und den Verbrechen, bevorstehendesStrafgerichten.

Tipps & Tricks

In der Praxis wird es immer wieder Tatsachenentscheidungen des Personals geben, schützenswerte Daten in den oben genannten Fällen weiterzuleiten.

Aufklärungspflicht

Das Rettungsfachpersonal hat den Pat. vor einer Maßnahme, insbesondere wenn diese invasivAufklärungspflicht ist, über deren Wesen, Bedeutung und Tragweite aufzuklären, z. B. Venenpunktion im Rahmen der Not- bzw. Regelkompetenz.
Der Umfang der Aufklärung richtet sich nach der Dringlichkeit der Behandlung und dem Bildungs- und Erfahrungsstand des Pat.
Die Aufklärung muss dem Pat. die Selbstbestimmung, d. h. eine abwägende Wahrnehmung seiner Interessen, ermöglichen. Das Aufzeigen der Alternativen ist der eigentliche Sinn der Aufklärung. Der Pat. entscheidet kraft seines Selbstbestimmungsrechts, ob und von wem er sich behandeln bzw. transportieren lässt.
Verweigerung der Einwilligung
  • !

    Verweigert ein Pat. die Einwilligung, so ist der Wille zu respektieren.

Von diesem Grundsatz gibt es einige Ausnahmen, Einwilligung Verweigerungin denen es sinnvoll ist, den Pat. zu einer Mitfahrt zu „überreden“ oder dem Patientenwillen nicht gefolgt werden darf und er einer ärztl. Untersuchung zugeführt werden muss:
  • Pat. hat Angst, Transport ist aber aus medizinischer Sicht notwendig.

  • Bewusstloser Pat. wird vom RD unter mutmaßlicher Einwilligung in die nächste Klinik gebracht.

  • Pat. steht unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen, Medikamenten; auch wenn er äußerlich keine sichtbaren Verletzungen aufweist.

In Notsituationen, in denen nur sofortiges Eingreifen den Pat. retten oder vor schweren Schäden bewahren kann, ist die Aufklärungspflicht zunächst zu vernachlässigen. Dem Pat., der gerettet werden will, bleibt hier keine andere Wahl. Gilt insbesondere für bewusstlose oder nicht entscheidungsfähige Pat.
  • „… kann sich der Arzt (auch der Rettungsassistent) um so eher mit einer mehr pauschalen Aufklärung begnügen, wenn es um eine unaufschiebbare oder gar lebensrettende Maßnahme geht.“ (BGHSt 12, 282 f.)

Verweigert ein verletzter oder erkrankter und voll geschäftsfähiger Pat. die Mitnahme bzw. Behandlung, so bricht der RD den Einsatz ab:
  • Über medizinische Folgen und die möglichen Konsequenzen patientenverständlich aufklären und zusätzlich auf der Transportverweigerung dokumentieren, z. B. „Aufgeklärte Komplikationen: Hirnblutung, Bewusstlosigkeit, Koma, Tod“.

  • Über mögliche verwaltungsrechtliche Kosten, z. B. eigene Erstattung der Einsatzkosten bei Nichtübernahme der Kosten durch die Krankenkasse, aufklären.

  • Den Vordruck „Transportverweigerung“ vom Pat. und einem Zeugen unterschreiben lassen.

Einweisung in bestimmtes Krankenhaus
Wünscht der Pat. eine Einweisung in ein bestimmtes Krankenhaus, was mit gefährlich langem Transport verbunden wäre, auf das erhöhte Risiko und die möglicherweise zusätzlich entstehenden Kosten hinweisen. Erklären, dass die Verantwortung dafür nicht vom Rettungsfachpersonal übernommen werden kann.
Bleibt der Pat. oder ein Sorgeberechtigter (z. B. Angehöriger) bei seinem Verlangen, dem Wunsch folgen, wenn nicht übergeordnete Gesichtspunkte entgegenstehen, wie etwa der Abruf zu einem anderen Notfallort oder eine übermäßige zeitliche Inanspruchnahme des Personals und des Rettungsmittels durch die Verlängerung des Transportwegs. Kostenübernahmeerklärung unterschreiben lassen.

Notfallsanitätergesetz

Aufgrund zahlreicher Defizite bei der Rettungsassistentenausbildung wurden schon in den 1990er-Jahren Stimmen laut, das Rettungsassistentengesetz zu reformieren. Gefordert wurde bereits damals eine 3-jährige Ausbildung und erweiterte Kompetenzen mit einer verbesserten rechtlichen Absicherung.
Nach einigen Anläufen durch verschiedene Institutionen und langer Vorarbeit hat das Bundesgesundheitsministerium im Mai 2012 das Gesetz über einen sog. Referentenentwurf über den Beruf der Notfallsanitäterin und des Notfallsanitäters (Notfallsanitätergesetz – NotSanG) vorgelegt. Im Oktober 2012 folgte der Regierungsentwurf, und am 28.2.2013 wurde das NotSanG durch den Bundestag verabschiedet. Nach Zustimmung durch den Bundesrat am 22.3.2013 konnte das Gesetz zum 1.1.2014 in Kraft treten. Damit wurde das neue Berufsbild Notfallsanitäter(in) geschaffen.
Entscheidende Inhalte sind:
  • 3-jährige Ausbildung

  • Ausbildungsvergütung

  • Verbesserte rechtliche Absicherung

Wichtig zu beachten ist aber, dass es sich um ein Ausbildungs- und nicht um ein Berufsausübungsgesetz handelt. Es wird also nur geregelt, was ausgebildet wird. Es ist aber zu erwarten, dass alles, was ausgebildet wird, im Laufe der Zeit auch angewendet wird. Die wichtigste Regelung des Notfallsanitätergesetz findet sich im § 4 Ausbildungsziel.
§43 NotSanG Ausbildungsziel
(1) Die Ausbildung zur Notfallsanitäterin oder zum Notfallsanitäter soll entsprechend dem allgemein anerkannten Stand rettungsdienstlicher, medizinischer und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse fachliche, personale, soziale und methodische Kompetenzen zur eigenverantwortlichen Durchführung und teamorientierten Mitwirkung insbesondere bei der notfallmedizinischen Versorgung und dem Transport von Patientinnen und Patienten vermitteln. Dabei sind die unterschiedlichen situativen Einsatzbedingungen zu berücksichtigen. Die Ausbildung soll die Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter außerdem in die Lage versetzen, die Lebenssituation und die jeweilige Lebensphase der Erkrankten und Verletzten und sonstigen Beteiligten sowie deren Selbstständigkeit und Selbstbestimmung in ihr Handeln mit einzubeziehen.
(2) Die Ausbildung nach Absatz 1 soll insbesondere dazu befähigen,
  • 1.

    die folgenden Aufgaben eigenverantwortlich auszuführen:

    • a.

      Feststellen und Erfassen der Lage am Einsatzort und unverzügliche Einleitung notwendiger allgemeiner Maßnahmen zur Gefahrenabwehr,

    • b.

      Beurteilen des Gesundheitszustands von erkrankten und verletzten Personen, insbesondere Erkennen einer vitalen Bedrohung, Entscheiden über die Notwendigkeit, eine Notärztin oder einen Notarzt, weiteres Personal, weitere Rettungsmittel oder sonstige ärztliche Hilfe nachzufordern sowie Umsetzen der erforderlichen Maßnahmen,

    • c.

      Durchführen medizinischer Maßnahmen der Erstversorgung bei Patientinnen und Patienten im Notfalleinsatz und dabei Anwenden von in der Ausbildung erlernten und beherrschten, auch invasiven Maßnahmen, um einer Verschlechterung der Situation der Patientinnen und Patienten bis zum Eintreffen der Notärztin oder des Notarztes oder dem Beginn einer weiteren ärztlichen Versorgung vorzubeugen, wenn ein lebensgefährlicher Zustand vorliegt oder wesentliche Folgeschäden zu erwarten sind,

    • d.

      angemessenes Umgehen mit Menschen in Notfall- und Krisensituationen,

    • e.

      Herstellen und Sichern der Transportfähigkeit der Patientinnen und Patienten im Notfalleinsatz,

    • f.

      Auswählen des geeigneten Transportzielortes sowie Überwachen des medizinischen Zustands der Patientinnen und Patienten und ihrer Entwicklung während des Transports,

    • g.

      sachgerechtes Übergeben der Patientinnen und Patienten in die ärztliche Weiterbehandlung einschließlich Beschreiben und Dokumentieren ihres medizinischen Zustands und seiner Entwicklung,

    • h.

      Kommunizieren mit am Einsatz beteiligten oder zu beteiligenden Personen, Institutionen oder Behörden,

    • i.

      Durchführen von qualitätssichernden und organisatorischen Maßnahmen im Rettungsdienst sowie Dokumentieren der angewendeten notfallmedizinischen und einsatztaktischen Maßnahmen und

    • j.

      Sicherstellen der Einsatz- und Betriebsfähigkeit der Rettungsmittel einschließlich Beachten sowie Einhalten der Hygienevorschriften und rechtlichen Arbeits- und Unfallschutzvorschriften,

  • 2.

    die folgenden Aufgaben im Rahmen der Mitwirkung auszuführen:

    • a.

      Assistieren bei der ärztlichen Notfall- und Akutversorgung von Patientinnen und Patienten im Notfalleinsatz,

    • b.

      eigenständiges Durchführen ärztlich veranlasster Maßnahmen bei Patientinnen und Patienten im Notfalleinsatz und

    • c.

      eigenständiges Durchführen von heilkundlichen Maßnahmen, die vom Ärztlichen Leiter Rettungsdienst oder entsprechend verantwortlichen Ärztinnen oder Ärzten bei bestimmten notfallmedizinischen Zustandsbildern und -situationen standardmäßig vorgegeben, überprüft und verantwortet werden,

  • 3.

    mit anderen Berufsgruppen und Menschen am Einsatzort, beim Transport und bei der Übergabe unter angemessener Berücksichtigung der Gesamtlage vom individual-medizinischen Einzelfall bis zum Großschadens- und Katastrophenfall patientenorientiert zusammenzuarbeiten.

Pyramidenprozess
Da die Inhalte der Ausbildung und somit auch das Wissen und die Kompetenzen von Rettungsfachpersonal bundesweit nicht einheitlich war, soll nun versucht werden, dies durch den Pyramidenprozess zu verbessern. Unter Federführung des Bundesverbandes der Ärztlichen Leiter Rettungsdienst gemeinsam mit dem Deutschen Berufsverband Rettungsdienst wurde eine Liste an Medikamenten (Tab. 20.6) und Maßnahmen (Tab. 20.7) erstellt, die zunächst Inhalt der neuen Notfallsanitäterausbildung sein sollen.
Im weiteren Verlauf sollen diese dann auch durch den Notfallsanitäter angewendet werden. Entweder im Rahmen der eigenverantwortlichen Gabe oder im Rahmen von SOP (Standard Operation Procedere) als Delegation durch den ÄLRD. Allerdings gilt dieser auch mit den Ländern, Kommunen und Fachgesellschaften erarbeitete Konsens weiterhin nur als Empfehlung. Es ist aber davon auszugehen, dass sich dieser zukünftig als Standard etabliert.
Folgende Maßnahmen soll der Notfallsanitäter während seiner Ausbildung erlernen:

Infektionsschutzgesetz

InfektionsschutzgesetzGesetz mit dem Zweck, übertragbare Krankheiten beim Menschen zu verhindern, Infektionen frühzeitig zu erkennen und ihre Weiterverbreitung zu verhindern. Es hat am 1.1.2001 das bis dahin gültige Bundesseuchengesetz abgelöst.
Unterschieden wird zwischen der Meldepflicht von Krankheiten und von Krankheitserregern.
Zur Meldung verpflichtete Personen
  • Immer der feststellende Arzt, in Krankenhäusern der leitende oder behandelnde Arzt

  • Leiter der Laboratorien bzw. eines pathologisch anatomischen Instituts

  • Leiter von Pflegeeinrichtungen, Heimen, JVA etc.

  • Heilpraktiker

  • Tierärzte bei tollwutverdächtigen Tieren, die mit Menschen in Kontakt gekommen sind

  • Die Angehörigen von Heil- und Pflegeberufen (nur wenn kein Arzt zugezogen wurde).

Für Rettungsfachpersonal bedeutet dies, dass eine Meldung nur dann erfolgen muss, wenn der Transport nicht von oder zu einem Arzt durchgeführt wurde.
Die Meldung erfolgt über das zuständige Gesundheitsamt und sollte spätestens nach 24 h geschehen. Dies ist dafür zuständig, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um eine weitere Verbreitung der Infektion zu verhindern. Gesundheitsamt meldet weiter an zuständige Landesbehörde, diese meldet an Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin.
Meldepflichtige Krankheiten
Bei Verdacht auf eine Erkr. oder der nachgewiesenen Infektionskrankheit Krankheiten, meldepflichtigemuss gemeldet werden:
  • Akut infektiöse Gastroenteritis und mikrobiell bedingte Lebensmittelvergiftung (wenn der Betreffende im Lebensmittelbereich tätig ist oder zwei oder mehr Erkrankte mit wahrscheinlich epidemischem Zusammenhang auftreten)

  • Verletzung oder Berührung eines Menschen durch ein tollwutverdächtiges oder ansteckungsverdächtiges Tier

  • Auftreten einer bedrohlichen Erkr. oder von mind. 2 gleichartig bedrohlichen, unbekannten Erkr. mit wahrscheinlich epidemischen Zusammenhang

  • Behandlungsverweigerung oder der Abbruch bei behandlungsbedürftiger Lungentuberkulose und gehäuftes Auftreten nosokomialer Infektionen mit wahrscheinlich epidemischem Zusammenhang

  • Verdacht einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung.

Bei Verdacht, Erkrankung und Tod müssen gemeldet werden:
  • Cholera

  • Diphtherie

  • Hämolytisch-urämisches Syndrom

  • Masern

  • Meningitis

  • Milzbrand

  • Pest

  • Poliomyelitis (Kinderlähmung)

  • Sepsis

  • Tollwut

  • Typhus und behandlungsbedürftige Tuberkulose

  • Virushepatitis

Merke

Bei einigen Krankheiten wie Syphilis und HIV ist eine nicht namentliche Meldung an das Robert Koch-Institut (RKI) erforderlich.

HygienemaßnahmenDas Gesundheitsamt ist auch zuständig für die Einhaltung der Hygienevorschriften in Arztpraxen, Zahnarztpraxen und Praxen sonstiger Heilberufe. Hygienepläne müssen praktisch für alle Gemeinschaftseinrichtungen, z. B. Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, JVA usw., erstellt werden. Betreiber von Krankenhäusern und ambulanten OP-Zentren werden verpflichtet, besonders auf das Vorkommen sog. multiresistenter Keime zu achten, Dokumentationen zu erstellen und diese regelmäßig zu analysieren.

Medizinproduktegesetz (MPG)

Gesetz, das den Verkehr mit Medizinprodukten regelt und dadurch für den Schutz von Pat., Anwendern und Sonstigen sorgt.
Das MPG bestimmt die Aufgaben von Hersteller, Lieferanten, Betreiber (z. B. Rettungswache XY) und Anwender (Rettungsfachpersonal, Ärzte usw.)
EinteilungDie Geräte werden lt. § 2 MPG in verschiedene Gruppen unterteilt:
  • Gruppe 1: energetisch betriebene medizinisch-technische Geräte (z. B. EKG-Defibrillator-Einheiten, Beatmungsgeräte, Perfusoren)

  • Gruppe 2: existiert nicht mehr

  • Gruppe 3: energetisch betriebene medizinisch-technische Geräte, die nicht in die Gruppe 1 fallen (z. B. Tragetische, Inhalationseinheiten, Absaugpumpen, Laryngoskope)

  • Gruppe 4: alle sonstigen medizinisch-technischen Geräte. (z. B. RR-Manschetten, Beatmungsbeutel, manuelle Absaugpumpen, PEEP-Ventil, Vakuummatratze, Schienenmaterial, Venenverweilkatheter usw.)

Sinn & ZweckZiel des MPG ist es, Zwischenfälle mit medizinisch-technischen Geräten, durch Fehlbedienung, technische Defekte, mangelnde Pflege und ungenügende Einweisung des Bedienungspersonals im Einsatz zu vermeiden, um die Sicherheit von Pat. und Anwender zu gewährleisten.
Aufgaben des Betreibers
  • Bei Neuanschaffung von Geräten muss die Bauartzulassung und CE-Kennzeichnung vorhanden sein.

  • Absprache mit dem Hersteller über anfallende sicherheitstechnische und messtechnische Kontrollen.

  • Altgeräte müssen gewartet und überprüft werden.

  • Medizinproduktebücher sind Medizinproduktebuchfür alle Geräte der Gruppe 1 anzulegen und zu führen. Zu dokumentieren sind

    • Einweisungen des Personals,

    • Ereignisse, z. B. Fehlfunktionen,

    • Dokumentationen der sicherheitstechnischen Kontrollen.

  • Medizinproduktebücher und Bedienungs-/Gebrauchsanleitungen sind so aufzubewahren, dass jeder Anwender sie während seines Dienstes einsehen kann.

  • Erstellen eines Bestandsverzeichnisses für alle aktiven nichtimplantierbaren Medizinprodukte.

  • Benennung eines Medizinproduktebeauftragten (MedizinproduktebeauftragterMPG-Beauftragten), der vom Hersteller bzw. Lieferanten bei Inbetriebnahme vor Ort ersteingewiesen wird. (Achtung: Nur Ersteingewiesene dürfen die weiteren Anwender einweisen.) Zuständig für

    • Einweisung und Auffrischung der Kenntnisse der Anwender,

    • Entscheidung, ob der Anwender auf Grund Ausbildung, Kenntnisstand und Erfahrungen eine sachgerechte Handhabung sicherstellen kann oder ob ihm die Einweisung und damit die Benutzung untersagt werden muss.

  • Die Schulung und Einweisung der Anwender muss systematisiert und organisiert werden, z. B. durch regelmäßige Fortbildungen

  • Bei Auslieferung/Inbetriebnahme eines Medizinprodukts muss eine Funktionskontrolle durch den Hersteller oder eine von ihm befugte Person erfolgen.

  • Absprache zwischen Betreiber und Anwender zur Meldung von Funktionsausfällen und Störungen mit Personen- oder Sachschäden. Diese sind unverzüglich dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zu melden.

Aufgaben des Anwenders
  • Er darf nur dann Medizinprodukte benutzen bzw. einsetzen, wenn er die entsprechende Einweisung (sofern vorgeschrieben) erhalten hat.

  • Er muss auf spezifische Fortbildungen drängen, ggf. aber auch eigenständig und selbstkritisch seine Kenntnisse anhand der Betriebsanleitungen, Medizinproduktebücher, Checklisten und evtl. vorhandener Gesetzestexte überprüfen und vertiefen.

  • Vor der Anwendung eines Medizinprodukts ist eine Prüfung auf Funktionstüchtigkeit und Funktionssicherheit vorgeschrieben. Diese hat bei Schichtbeginn, nach Reinigung und nach Gebrauch, also mindestens vor jedem Einsatz, zu erfolgen. Dies ist zu dokumentieren.

  • Die Anwendung von Geräten mit festgestellten gefährlichen Mängeln ist verboten. Festgestellte Defekte oder Mängel sind dem Betreiber bzw. dem Geräteverantwortlichen umgehend mitzuteilen. Kommt es zu einem Ereignis, bei dem ein Patient geschädigt wurde oder beinahe geschädigt wurde, muss eine „Vorkommnismeldung“ an das BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) gesendet werden.

Merke

Immer wieder kommt es vor, dass Rettungsfachpersonal in die Handhabung von Geräten nicht eingewiesen ist. Kommt es dann zur Schädigung des Pat., haften sowohl Anwender als auch Betreiber.

Dokumentation im Rettungsdienst

Achtung

Jeder Einsatz im Rettungsdienst und Krankentransport muss möglichst lückenlos dokumentiert sein.

Mehr als ein Akt der Bürokratie: Die Forderung nach einer systematischen und umfassenden DokumentationDokumentation im Rettungsdienst. Sie ist nicht nur für das Leben von Pat. wichtig, sondern auch für das Rettungsfachpersonal und Notärzte im Falle eines Gerichtsverfahrens.
Jeder Pat. hat nicht nur Anspruch auf eine korrekte und fachkundige Versorgung und Betreuung, sondern auch auf eine sorgfältige Dokumentation. Gerade wenn wichtige Fakten unerwähnt bleiben, kann dies nach der Übergabe des Pat. im Krankenhaus möglicherweise zu einer unangemessenen oder sogar falschen Versorgung führen: die „Weiterbehandelnden“ (im Krankenhaus) haben den Pat. üblicherweise nicht selbst vorgefunden, sie sind auf jeden Hinweis, der eine korrekte Einschätzung des Patientenzustands und der bedarfsgerechten Therapie ermöglicht, zwingend angewiesen. Die Dokumentation des Rettungsdienstes wird somit zum Ausgangspunkt für die weitere definitive Versorgung in der Klinik.
Das Handwerkszeug für eine fundierte und praxisnahe Dokumentation im Rettungsdienst sind standardisierte Einsatzprotokolle, z. B. Notarzteinsatz- und Rettungsdienstprotokolle nach Empfehlungen der DIVI: Sie helfen, medizinische und rettungstaktische Aspekte der präklinischen Versorgung systematisch festzuhalten. Darüber hinaus dienen solche – auf standardisierten Datensätzen basierende – Einsatzprotokolle auch dazu, das Gesamtsystem Rettungsdienst transparenter zu machen und Qualitätssicherung und -verbesserung sowie Aus- und Weiterbildung, aber auch Kosten- und Effizienzanalysen zu ermöglichen und zu fördern.
Das Einsatzprotokoll des Rettungsdienstes ist ein schriftliches Festhalten des Zustands, der Versorgung und Betreuung eines Pat. vom Einsatzort bis zur Übergabe in einer Klinik. Es dokumentiert persönliche und medizinische Daten des Pat. sowie Angaben über die äußeren Umstände der Erkrankungen oder Verletzungen. Das Protokoll dient also als formales Kommunikationsmittel zwischen Rettungsfachpersonal, Notarzt und Klinikpersonal.
Saubere Dokumentation ist ein Beweis für Qualifikation und Kompetenz des Rettungsfachpersonals. Wer gut ist und weiß, was er tut, kann ohne Probleme und ruhigen Gewissens seine Arbeit „vor Ort“ und während des Transportes dokumentieren. Wer „nichts“ oder gar „Falsches“ tut, dürfte sich schwer tun, seine Arbeit am Pat. vollständig und lückenlos zu dokumentieren. Kurzum: Eine gute Dokumentation ist das beste formale Gütesiegel.
Die Inhalte der Dokumentation sind in der Regel durch die verwendeten Protokolle oder auch elektronischen Dokumentationssysteme vorgegeben.

Merke

  • Dokumentation hilft, die Qualität des Rettungsdienstes zu verbessern.

  • Eine saubere Dokumentation gibt Sicherheit und verbessert das Image.

Tipps & Tricks

  • Bei Mitfahrverweigerung besonders auf eine sorgfältige Dokumentation achten, z. B. Situation, Patientenzustand, Zeugen (idealerweise mit Adresse) usw. Der Pat. sollte die Mitfahrverweigerung immer durch Unterschreiben eines entsprechenden Textes, z. B. DIVI-Protokoll, quittieren.

  • Bei eigenverantwortlicher Durchführung invasiver Maßnahmen durch das Rettungsfachpersonal unbedingt auf sorgfältige und umfassende Dokumentation achten: Was, wann, warum und wie gemacht wurde.

  • Dokumentationen stets zeitgerecht vervollständigen (spätestens bei Übergabe des Pat. im Krankenhaus).

  • Zeitlücken im Protokoll vermeiden.

  • Nach Abgabe der „Durchschläge“ keine Änderungen mehr am Protokoll durchführen.

  • Alle Personen, die Einträge am Protokoll vorgenommen haben, müssen das Protokoll unterschreiben.

  • Medizinische Fachausdrücke nur verwenden, wenn sie korrekt angewandt und geschrieben werden können.

Trauma-Scores

Klassifizierung von Verletzungen oder akut lebensbedrohlichen Zuständen. Anhand von summierten Punktwerten sind damit Trauma-ScoresAussagen möglich über
  • Schweregrad der Verletzung,

  • Kategorisierung → richtiger Pat. an den richtigen Ort (Krankenhaus),

  • Prognose der Überlebenswahrscheinlichkeit,

  • Vergleichbarkeit klinischer Studien,

  • Kosten/Nutzen-Analysen → Effizienz der Therapie in Relation zu den Kosten.

NACA-Score

NACA-ScoreDer vom National Advisory Committee for Aeronautics erarbeitete Score (Tab. 20.8) hilft bei der Beschreibung des Allgemeinzustands. Am häufigsten genutzter Score. In den NA-Protokollen (DIVI) enthalten.

Injury Severity Score (ISS)

Standardscore Injury Severity Scoreder morphologischen Verletzungsklassifizierung.
Berechnung: Punktwert der drei am schwersten verletzten Regionen quadrieren und zum Gesamtwert summieren. (Studie belegt engen Zusammenhang zwischen Traumaschwere und Letalitätsrate.)
Punktebewertung geht von „leichte Verletzung“ (1 Pkt.) bis „schwerste Verletzung“ (5 Pkt.). Gesamt-Score liegt zwischen 1 und 75 Punkten (Tab. 20.9).
BerechnungsbeispielEin 40 J. alter Radfahrer wird von einem Auto erfasst und dabei vom Rad geschleudert. Er trägt als Folge mehrere Verletzungen davon:
  • Multiple Hautabschürfungen („Allgemein“ 1)

  • Commotio cerebri mit retrograder Amnesie („Kopf/Hals“ 3)

  • Thoraxprellung links („Thorax“ 1)

  • Pneumothorax rechts („Thorax“ 3)

  • Geschlossene Tibia-/Fibulafrakur links („Extremitäten“ 2)

  • Offene Trümmerfraktur Femur rechts („Extremitäten“ 5).

Zur Berechnung kommen nur die drei am schwersten (punktzahlhöchsten) verletzten Regionen:
Die 3 schwersten VerletzungenPunkteBerechnung (Punkte × Punkte)Ergebnis
1. Commotio cerebri33 × 39 +
2. Pneumothorax33 × 39 +
3. Trümmerfraktur55 × 525
= ISS-Ergebnis= 43

Mainz Emergency Evaluation Score (MEES)

Score Mainz Emergency Evaluation Scorezur Überprüfung der Ergebnisqualität in der Notfallmedizin (Tab. 20.10), unabhängig vom Notfallgeschehen (Trauma, internistisches Problem usw.). Beurteilung von 7 Vitalparametern des Pat. mit jeweils 4 möglichen Punkten bei
  • Eintreffen des Notarztes (MEES1) und bei

  • Übergabe in der Klinik (MEES2).

Die 4 möglichen Punktebewertungsstufen geben in Bezug auf die ermittelten Parameter folgende Bewertungsstufen:
4Physiologischer Zustand
3Gering abweichender Zustand
2Erheblich abweichender Zustand
1Lebensbedrohlicher Zustand
AuswertungInsgesamt sind MEES-Ergebnisse von maximal 28 Punkten und minimal 8 Punkten möglich. Bei der Bewertung wird die Differenz zwischen MEES1 und MEES2 errechnet:
Δ MEES = MEES2 − MEES1
Δ MEES ≥ +2Verbesserung des Patientenzustands
Δ MEES 0 ± 1Keine nachweisliche Veränderung
Δ MEES ≤ -2Verschlechterung des Patientenzustands

Besondere Patientengruppen

Der alkoholkranke Patient

Häufigkeit50 % der Bevölkerung in Deutschland trinkt täglich Alkohol. Mehr als 2,5 Millionen Patient alkoholkrankerBundesbürger sind alkoholkrank. In den alten Bundesländern werden jährlich ca. 30 000–42 000 Todesfälle direkt auf Alkohol Alkoholikerzurückgeführt. Bei ca. 5 % aller Rettungsdiensteinsätze ist der Einsatzgrund „Alkohol“ (z. B. Alkoholintox., Delir), die Begleitdiagnose Alkoholmissbrauch„Alkoholmissbrauch“ ist weitaus häufiger.

Merke

Resorption und Elimination von Alkohol hängen ab von Geschlecht, Alter und Konstitution, Trinkgeschwindigkeit, Magenmotilität, gleichzeitiger Nahrungsaufnahme, Rauchen und chronischer Gewöhnung.

ErsteindruckTab. 20.11
Im RD trifft man auf Pat. mit:
  • Akuter Alkoholintox. (Kap. 17.4)

  • Verletzungen im Rahmen von Alkoholkonsum

  • Chron. Alkoholmissbrauch

Folgen von regelmäßigem Alkoholkonsum
  • Störungen im Vitamin- und Kaliumhaushalt, Laborveränderungen (MCV ↑, Transaminasen ↑, CDT ↑)

  • Leberzirrhose, portale Hypertension (Ösophagusvarizen, Caput medusae), Pankreatitis, Gastritis, Herzrhythmusstörungen, Erweiterung der Gefäße.

  • Störungen von Libido und Potenz.

  • Unterernährung, massiven Durchfällen, Muskelschwäche und -schwund, Anfälligkeit gegenüber Infektionskrankheiten.

  • Geistig-seelischen Folgen: Störungen des Langzeitgedächtnisses, herabgesetzte Aufmerksamkeit, gesteigerte Ermüdbarkeit, Abnahme der Urteilsfähigkeit, Euphorie, die mit depressiven Stimmungen abwechselt. Bei langjährigem Missbrauch Alkoholdelir, Wernicke-Enzephalopathie (Thiaminmangel), oft mit Korsakow-Syndrom

  • Soziale Folgen: Vereinsamung, sozialer Abstieg, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Verschuldung, Kriminalisierung

Achtung

  • Die gleichzeitige Aufnahme von Alkohol und anderen zentral dämpfenden Substanzen hat eine additive und potenzierende Wirkung.

  • Bei chronischem Alkoholmissbrauch führt ein Abfall des Alkoholspiegels zu Entzugserscheinungen.

Alkoholentzug – klinisches Bild
  • Unruhe, AlkoholentzugHyperaktivität

  • Ängstlichkeit, Depression

  • Grobschlägiger Tremor an Händen, Zunge und Augenlidern

  • Agitiertheit, albtraumähnliche Bilder, visuelle Halluzinationen

  • Evtl. Krämpfe, herabgesetzte Krampfschwelle

  • Delirium tremens (bei ca. 5 % der Betroffenen 2–3 d nach Alkoholentzug): vollkommene Verwirrtheit, Delirium tremensKontaktaufnahme ggf. unmöglich, beängstigende visuelle, akustische oder taktile Halluzinationen, die zu Panikreaktionen führen können, Fieber, Krampfanfälle, Inkontinenz, Herzrhythmusstörungen.

Tipps & Tricks

  • Das Einsatzstichwort „Alkoholintoxikation“ grundsätzlich nicht als Bagatelle, sondern als potenziell lebensbedrohliche Situation auffassen.

  • Bei Verkehrsunfällen, Tötungs- und Selbsttötungsdelikten, Verbrennungs- und Ertrinkungsunfällen und Stürzen aus großer Höhe ist Alkohol ein wesentlicher Risikofaktor, der im Vergleich zu nüchternen Pat. eine höhere Traumaschwere und Mortalität zur Folge hat. → Bei traumatisierten Pat. auch an möglichen Alkoholzusammenhang denken.

Der drogenabhängige Patient

Bei Bewusstlosigkeit unklarer Genese stets an eine evtl. zu Grunde liegende Patient drogenabhängigerIntoxikation denken (Kap. 17.5). Häufig finden sich bereits anamnestisch Hinweise auf Drogenintoxikation, z. B. Einsatzort und Art des Auffindens, Umfeld, herumliegendes „Fixerbesteck“.
ErsteindruckEvtl. Foetor: „Alkoholfahne“, evtl. aromatischer Geruch bei Drogen, Einstichstellen, Zeichen allgemeiner Verwahrlosung, „leere Wohnung“.
ABCDE-Schema
  • Atmung: Hypoventilation nach Einnahme zentral dämpfender Pharmaka, z. B. Barbiturate

  • Pupillen: Miosis → Hinweis auf Opiate, Mydriasis → Hinweis auf Alkohol- oder Kokainintox.

  • Haut: sichtbare Injektionsstellen (nicht nur in der Ellenbeuge, sondern auch Leiste, Fußrücken), „Barbituratblasen“

  • Neurologische Untersuchung: Tonuserschlaffung der Muskulatur bei Barbiturat-, Alkohol- und Tranquilizerintoxikation.

Achtung

Symptomorientierte Notfalltherapie! Sicherung der Vitalfunktionen. Bezieht sich vor allem auf Atmung und Kreislauf.

Spezifische MaßnahmenKap. 17.5.

Tipps & Tricks

  • Neben Intox. können auch andere Komaursachen vorliegen, z. B. intrakranielle Blutung nach Sturz.

  • Bei drogenabhängigen Pat. mit Verdacht auf i. v. Drogenmissbrauch an mögliches Infektionsrisiko (Hepatitis, HIV) denken und entsprechende Schutzmaßnahmen (z. B. Handschuhe) beachten.

  • Bei unruhigen oder aggressiven Pat. Sedierung erwägen.

  • Pat. nicht allein im Fahrzeug lassen bzw. Medikamentenschrank sicher abschließen.

  • Nach Gabe von Antagonisten Pat. kontinuierlich überwachen:

    • Häufig ist die Wirkdauer des Antagonisten kürzer als die der verwendeten Droge (z. B. Flumazenil bei Benzodiazepinen: erneutes Auftreten von Intoxikationserscheinungen nach 0,5 h möglich).

    • Es kann sich sehr schnell Entzugssymptomatik entwickeln, z. B. nach Naloxon-Gabe bei Opiatvergiftungen.

  • In zunehmendem Maße wird der RD mit Designer-Drogen (z. B. Methylendioxymetamphetamin, MDMA = „Ecstasy“) konfrontiert, die von Chemikern „maßgeschneidert“ werden. Sie enthalten Fentanyl, Kokain, Pethidin oder AmphetaminAmphetamin als Grundgerüst und können bis zu 10 000 Mal (!) stärker als z. B. Heroin wirken. Die neuen Drogenprodukte sind sehr kurzlebig, vorliegende Dokumentationen entsprechend rar. Die Therapie sollte daher symptomorientiert sein.

  • Bei Drogenintox. auch an die typischen Entzugssymptome denken, z. B. stärkste Kopf- und Gliederschmerzen, Schweißausbrüche, Wechsel von Kälte- und Hitzegefühl, Hyperthermie, starke innere Unruhe, Tremor, Tachykardie, Hypo- oder Hypertonie, evtl. Delir, Depression und Suizidneigung (z. B. bei Amphetaminabhängigkeit).

Der suizidgefährdete Patient

Etwa 10 000–15 000 Menschen/Jahr sterben in der BRD durch Suizid. Die Patient suizidgefährdeterHäufigkeit von Suizidversuchen ist um ein Vielfaches, ca. Suizidalität10-fach, höher. Während bei vollendeten Suiziden Männer überrepräsentiert sind, werden Suizidversuche häufiger von Frauen verübt. „Erfolgreiche“ Suizidmethoden sind Erschießen, Erhängen, Sturz aus großer Höhe usw. Suizidversuche geschehen meist durch Intox., vor allem mit psychotropen Medikamenten, z. B. Benzodiazepinen, Neuroleptika, frei verkäuflichen „Schlafmitteln“.
Die Konfrontation mit einem suizidalen Pat. während des Rettungsdiensteinsatzes ist eine emotional besonders belastende Herausforderung (Kap. 18.6). Einer ruhigen Klärung der Situation steht vieles im Wege: allgemeine Aufregung und Verunsicherung bei Angehörigen und Nachbarn, massive Abwehrbestrebungen des Suizidanten selbst mit Verschlossenheit, Beschämung, Bagatellisierung oder offener Schuldzuweisung.
Einschätzung der Suizidalität des PatientenEvtl. Angehörige befragen:
  • Gehört der Pat. einer Personengruppe an, die Suizidalität Einschätzungsich durch ein erhöhtes Suizidrisiko auszeichnet, z. B. Pat. mit psychiatrischer Grunderkrankung, Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängige, alte und vereinsamte Menschen?

  • Befindet sich der Pat. in einer Krisensituation, z. B. Verlassen des Elternhauses, schwer wiegende Erkrankung, Behinderung und Invalidität, Partnerschaftsprobleme, soziale Niederlagen, äußere Katastrophen, Tod eines Familienangehörigen, Verlust des Arbeitsplatzes, Pensionierung?

  • Gibt es Anzeichen einer suizidalen Entwicklung, z. B. Stadium der Erwägung, Stadium der Ambivalenz, Stadium des Entschlusses?

  • Besteht Präsuizidales Syndromein sog. „präsuizidales Syndrom“, z. B. Depression, Psychose, Einengung auf die Problematik, Suizidfantasien?

  • Gibt es andere psychopathologische Auffälligkeiten, z. B. Autoaggression, Angst, Depression?

  • !

    Ergebnisse dokumentieren, in der Klinik weitergeben.

Verhalten gegenüber suizidalen Patienten
  • Pat., die nach einem Suizidversuch ernsthaft vital bedroht sind, nach Erstversorgung umgehend in die Klinik bringen.

  • Bei Pat. mit suizidaler Bedrohung oder nach Suizidhandlung ohne unmittelbare vitale Gefährdung ist die Situation für das Rettungsfachpersonal weitaus schwieriger: Ruhigen, um einen Dialog bemühten Gesprächskontakt aufbauen, Voraussetzungen sind Geduld und eindringliche, ehrliche Anteilnahme. Pat. dazu auffordern, über seine verzweifelte Situation zu sprechen und Gründe für sein Verhalten zu schildern.

  • Wenn eine unmittelbare Suizidhandlung, z. B. ein Sprung aus einem Fenster, droht, muss die offene und besonnene Grundhaltung umso vordringlicher sein:

    • Oberstes Ziel ist es, den Pat. aus der aktuellen Gefahrenzone in eine sichere Gesprächssituation zu bewegen.

    • Ungeduld, Verärgerung oder unbedachtes Vorgehen unbedingt vermeiden, da gerade dadurch der letzte Anstoß für die Tat gegeben werden kann.

    • Gesprächsangebot machen: Erfolg hängt davon ab, inwieweit es gelingt, eine vertrauensvolle Beziehung zum Pat. aufzubauen.

    • !

      Heftige Affektäußerungen des Pat. annehmen, vorschnelle therapeutische Ratschläge vermeiden, persönliche Notlage des Pat. relativieren.

Achtung

Die Beurteilung von Suizidalität und Gefährdungspotenzial ist schwierig und überfordert leicht. Daher frühzeitig an die Alarmierung von geschulten psychologischen Helfern, sog. Kriseninterventionsteam oder Notfallseelsorger, denken.

Maßnahmen
  • Vitale Bedrohung angehen

  • Krisenorientiertes Gespräch mit dem suizidalen Pat. anstreben

  • Bei Erregung: Benzodiazepine in niedrigen, titrierenden Dosen: z. B. Midazolam 2,5–5 mg (0,05–0,1 mg/kg KG) i. v. (Kap. 19.2.44) oder Haloperidol 5–10 mg i. v. (Kap. 19.2.33)

  • Bei großer Ängstlichkeit Benzodiazepine in niedriger Dosierung i. v. bzw. p. o.

  • Evtl. stationär-psychiatrische Einweisung bzw. Zwangseinweisung (Kap. 18.85)

  • !

    Rund 80 % aller Suizidhandlungen werden zuvor im Familien- oder Bekanntenkreis angekündigt.

Tipps & Tricks

  • Hinweise auf eine Intox. mit Benzodiazepinen sind eine KI für die Gabe von Psychopharmaka.

  • Liegt eine ernsthafte Suizidalität vor, ist Zwangseinweisung Suizidversuchder NA verpflichtet, eine Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung auch gegen den Willen des Pat. zu veranlassen.

Der aggressive Patient

Wesentlich häufiger als sogenannte endogene Psychosen, z. B. Schizophrenie oder Depression, Patient aggressiversind exogen oder organisch bedingte Psychosen bei akuten internistischen oder neurologischen Störungen, z. B. Stoffwechselentgleisungen, postoperatives Durchgangssyndrom, akuter Entzugssymptomatik.

Merke

Bei Aggressivität mit Unruhe oder Halluzinationen auch an eine akute Psychose denken.

Umgang mit aggressiven Patienten
  • Nicht mit dem Pat. allein bleiben bzw. niemanden (z. B. Kollegen) mit dem Pat. allein lassen.

  • Sich als Rettungsdienstmitarbeiter vorstellen.

  • Hilfe und Gespräch anbieten, beruhigen.

  • Sicher und bestimmt auftreten.

  • Nicht mit Zwangseinweisung drohen.

  • Sicherheitsabstand zum Pat. einhalten (Schutz vor Panikreaktionen), gilt besonders, wenn Pat. bewaffnet ist.

  • Alle notwendigen Handlungen oder Behandlungen dem Pat. erklären.

  • Falls möglich, Fremdanamnese: Hinweise auf exogene Psychose, Alkohol- und Drogenkonsum, bekannte psychiatrische oder innere Erkr.?

Medikamentöse Sedierung
  • Haloperidol 5–10 mg i. v. oder i. m. (Kap. 19.2.33), Wirkung abwarten. Falls Pat. nach 5 Min. immer noch agitiert und aggressiv ist, evtl. Nachinjektion von 5 mg

  • Midazolam 2,5–5 mg (0,05–0,1 mg/kg KG) i. v. (Kap. 19.2.44)

  • Promethazin 50 mg i. v. oder i. m. (Kap. 19.2.62)

  • Triflupromazin 5–10 mg langsam i. v.

Transport
  • Bei Intox. Transport in Klinik mit internistischer (Intensiv-)Station

  • Bei akutem Schub einer endogenen Psychose oder persistierenden Zeichen einer Selbst- oder Fremdgefährdung Transport in eine psychiatrische Fachklinik (Voranmeldung), evtl. Zwangseinweisung.

Tipps & Tricks

  • Es ist nicht Aufgabe des Rettungsfachpersonals, einen aggressiven Pat. körperlich zu „bändigen“. → Im Zweifelsfall immer Polizei zur Unterstützung an die Einsatzstelle nachfordern.

  • Pat. nie den Rücken zuwenden, immer offen ins Gesicht sehen.

  • Zur Durchführung einer körperlichen Untersuchung oder Einleitung einer Therapie bzw. von Entgiftungsmaßnahmen kann eine medikamentöse Sedierung durch den Arzt notwendig sein, i. v. Gabe meist unmöglich, bei gut fixiertem Pat. notfalls i. m. Applikation durchführen.

  • Bei aggressiven Pat. auf keinen Fall Opiate oder Barbiturate zur medikamentösen Sedierung einsetzen.

Der alte Patient

Dem höheren Anteil in unserer Gesellschaft entsprechend werden im RD immer mehr ältere Menschen versorgt. Oft weisen sie Krankheitsbilder auf, die vorwiegend im Alter auftreten Patient alteroder eine für das Alter spezifische Ausprägung erfahren. – Nicht jeder alte Mensch ist ein geriatrischer Pat. Alte Patienten sind eingeschränkt durch
  • Schwerhörigkeit,

  • Gebrechlichkeit,

  • Alterskrankheiten, z. B. Arteriosklerose, arterieller Hypertonus, Diabetes mellitus,

  • körperlich begründbare exogene Psychosen, endogene Psychosen.

  • !

    Typisches Merkmal ist die Multimorbidität.

Umgang mit alten Patienten
  • !

    Alte Pat. reagieren häufig auf eine neue Umgebung bzw. fremde Menschen ängstlich. Ein ruhiges, freundliches, entgegenkommendes Auftreten des Rettungsfachpersonals ist daher besonders wichtig.

  • Sich die körperliche Einschränkung bewusst machen: langsam und deutlich sprechen.

  • Pat. anschauen, während man spricht.

  • Sich korrekt vorstellen, erklären, wer man ist und was man möchte.

  • Korrekt ansprechen: nicht „Opa“ und „Du“.

  • Konsequente Kontrolle und frühzeitige Therapie der Vitalparameter, z. B. Puls, Blutdruck, Atmung. Dies gilt auch bei scheinbar einfachen bzw. unproblematischen Krankentransporten: Der AZ alter Pat. kann sehr schlecht sein, ohne dass hieraus eine direkte vitale Bedrohung entsteht. Besonnenes, risikoabwägendes und freundliches Verhalten mit umfassender Überwachung ist angezeigt.

Merke

Im RD konzentrieren sich Basismaßnahmen und erweiterte Maßnahmen auf die Abwendung akuter vitaler Bedrohung. Ausgangspunkt sind die jeweiligen Leitsymptome, nicht die bestehende Multimorbidität.

Der ausländische Patient

Merke

Es ist unmöglich, auf alle sprachlichen, kulturellen und religiösen Unterschiede und Besonderheiten einzugehen. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass kulturelle und religiöse Unterschiede Anlass und Auslöser von Missverständnissen, Irritationen oder sogar Konflikten sein können. Sich um freundliches, rücksichtsvolles, verständnisvolles und ggf. nachgebendes Verhalten bemühen.

SprachbarriereAbb. 20.2
  • Auch wenn Patient ausländischer Ausländerder Pat. die Rettungsdienstmitarbeiter auf Grund seiner begrenzten Sprachkenntnisse mit „Du“ anspricht, den Pat. immer siezen.

  • Evtl. Zeichensprache einsetzen.

  • Häufig gibt es im Patientenumfeld Personen, die als Dolmetscher behilflich sind.

  • Falls möglich, auf „Weltsprachen“, wie Englisch, ausweichen.

  • Auf einfache Wortwahl und Grammatik achten, jedoch kein „Ausländerdeutsch“ benutzen.

Übersetzung durch Familienmitglieder

  • Die Qualität der Übersetzung ist nicht einzuschätzen, medizinische Fachausdrücke sind oft nicht geläufig.

  • Bei jungen Mädchen in der Pubertät bedenken, dass einige Themen schambesetzt sind. Es ist dann eher ungünstig, wenn Vater oder Bruder übersetzen.

Kulturelle UnterschiedeAndere Gewohnheiten und Verhaltensweisen
  • Bei der Versorgung von Familienangehörigen hat es sich bewährt, das Unterschiede, kulturelleFamilienoberhaupt hinzuzuziehen und dieses über die Behandlung zu informieren.

  • Kein Mensch ist frei von Vorurteilen. Eigene Vorurteile und Fremdenangst bewusst machen. Bedenken, dass Vorurteile und feste Bilder auch bei Pat. bestehen können, z. T. durch schlechte Erfahrungen. Manchmal bestehen hohe Erwartungen an die westliche Medizin.

  • Im abendländischen Kulturraum wird zwischen Körper und Geist (Psyche) unterschieden, auch ist die Erkr. nur eines Teils des Körpers denkbar. Wird diese Trennung nicht gemacht, dann ist eine Erkr. einzelner Organe z. B. nicht vorstellbar, sondern der ganze Mensch ist krank: „Alles ist krank“; Schmerzangaben (und -empfinden) an diversen Stellen.

  • „Psychische Erkr.“ wird häufig mit „Geisteskrankheit“ (verrückt, geistig behindert) gleichgesetzt. Vorsicht bei Formulierungen wie „psychisch bedingt“, verständlicher ist „durch Sorgen, Ärger“.

Religiöse BesonderheitenRegeln, Verbote und Erwartungen
  • Bei islamischen Glaubensangehörigen ist es üblich, beim Betreten verschiedener ReligionRäumlichkeiten, z. B. Moscheen, Islamdie Schuhe auszuziehen. Sollte man als Rettungsdienstmitarbeiter ebenfalls dazu aufgefordert werden, dann kostet das Ausziehen zwar Zeit, eine Debatte darüber dauert jedoch meist länger.

  • Krankheit ist in vielen Vorstellungen etwas, das von außen in den Körper eindringt. Die Ursache der Krankheit muss gefunden, benannt und dementsprechend therapiert werden.

    • Wird die Ursache nicht bald gefunden: Besorgnis, dass die Erkr. ernst ist; u. U. werden magische Ursachen vermutet.

    • Je nach angenommener Ursache werden Heilungsaussichten und Behandlung bewertet. Konsequenzen für Krankheitsbewältigung und Mitarbeit.

Tipps & Tricks

Mittlerweile gibt es einige Tools um die Sprachbarrieren zu überwinden. Beim ansprechbaren Patienten sind solche „Übersetzungshilfen“ sehr wertvoll.

Der blinde Patient

Etwa 60 % aller Sinneswahrnehmungen werden durch die Augen vermittelt. Es bedarf Patient blinderdeshalb eines hohen Einfühlungsvermögens, sich in die Situation eines Blinden hineinzuversetzen. Die Hilfe muss nützlich und vor allem korrekt sein.
Der Blinde ist von fremder Hilfe abhängigEr ist auf folgende Informationen angewiesen:
  • Mit wem hat er es zu tun? Sich vorstellen mit Namen und Funktion.

  • Sich vor den Pat. stellen und ihn z. B. über einen Ortswechsel informieren, dabei z. B. kurz die Umgebung beschreiben.

  • Genau über Tätigkeiten am und um den Pat. informieren: Berührungen, Untersuchungen, Tätigkeiten.

Blinde müssen sich auf ihr Gehör verlassenDeshalb:
  • Viel mit dem Pat. reden, damit er sich orientieren kann und weiß, wo man sich gerade aufhält.

  • Pat. mit Namen ansprechen, damit er weiß, dass er gemeint ist.

  • Weitere im Raum befindliche Personen vorstellen.

  • Pat. ansprechen, wenn man in den Raum eintritt oder ihn verlässt.

Kinder und Säuglinge

  • Zuerst Krankheitsanamnese erheben (z. B. bekannte KinderGrunderkr. wie Krampfleiden), später SäuglingeFamilienanamnese

  • Sich vergegenwärtigen, dass man es bei kindlichen Pat. zusätzlich mit den Eltern zu tun hat

  • Mit den Eltern zusammenarbeiten:

    • Durchgeführte Behandlungen der Eltern nicht als Unsinn darstellen.

    • Elternteil, wenn möglich, mitfahren lassen → gibt dem Kind Sicherheit.

    • Fragen der Eltern immer ernst nehmen.

    • Eltern über die Untersuchung und Behandlung aufklären.

Merke

Eltern sind keine Gegner, und man sollte sie auch nicht dazu machen.

  • Augenkontakt aufnehmen und dem Kind die Sicherheit geben, dass ihm geholfen wird.

  • Außer in Notfällen: Sich dem Kind langsam nähern, ohne seine persönliche Sphäre zu sehr zu verletzen. Es spielerisch in die Untersuchung einbeziehen.

  • Niemals etwas versprechen, was man nicht halten kann (z. B. „Du wirst nicht gestochen“, „Morgen darfst Du wieder nach Hause“ usw.). Lieber keine oder unklare Aussage als eine falsche – Kinder (auch kleine) verzeihen keine Lügen.

  • Immer mit warmen Händen untersuchen, Stethoskop erst begutachten und anfassen lassen, bevor man es einsetzt → vorher Membran anhauchen, anwärmen.

  • Mit Spielzeug ablenken → die kleine Leuchte zur Pupillenkontrolle kommt meist gut an (Pupillenleuchte „an- und ausblasen“), ebenso ein aufgeblasener Handschuh.

  • Säugling: mit Vornamen ansprechen. Evtl. mit Schnuller beruhigen.

  • Kleinkind: mit Vornamen ansprechen und beruhigen. Schmerzen und Empfindungen vorsichtig interpretieren. Viele Erkr. werden auf den Bauch projiziert.

Tipps & Tricks

  • Kleine, einfache Stofftiere auf den Einsatzmitteln mitführen.

  • Bei Jugendlichen möglichst Anamnese auch ohne Eltern (nach)erheben: kann ergiebiger sein.

Infektionsprophylaxe

Hygiene und Desinfektion

Merke

Die Hygiene und Desinfektion von Fahrzeug und Material sind ein sehr sensibler Teilbereich des RD und von Hygienebesonderer Wichtigkeit. Der kranke Pat. muss vor weiteren Infektionen, z. B. bei Blutungen aus offenen Wunden, geschützt werden.

Zur Überwachung der Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen (Tab. 20.12) und zur Durchführung von „angeordneten“ Desinfektionen, z. B. nach einem Infektionstransport (Tab. 20.13), muss es auf jeder Rettungswache einen Hygienebeauftragten oder staatlich geprüften Desinfektor geben. Er erstellt einen Hygiene- und Desinfektionsplan (prophylaktische Desinfektion), der gut sichtbar im Desinfektionsraum aufgehängt wird und der Information des Personals sowie der Sicherstellung der ordnungsgemäß durchgeführten Maßnahmen dient.

Merke

  • Nur von der Hygienekommission ausdrücklich zugelassene Desinfektionsmittel verwenden.

  • Grundsätzlich bei Arbeiten mit Desinfektionsmitteln Handschuhe tragen!

Merke

  • Bei Schichtbeginn und nach jedem Einsatz: Ablagen und Boden mit Desinfektionsmittel Fahrzeughygienewischen

  • Nach jedem Einsatz Tragenwäsche wechseln, Instrumente und Fahrzeug desinfizieren

  • Mind. 1 Mal pro Woche bei jedem Fahrzeug Grunddesinfektion durchführen:

    • Fahrzeug komplett ausräumen

    • Alle Geräte und Gegenstände desinfizieren, inkl. Notfallkoffer von innen

    • Verbrauchsmaterial checken: Packung unbeschädigt, Haltbarkeit

  • Nach Infektionstransporten nach Anweisung des Desinfektors desinfizieren.

Infektionskrankheiten und Maßnahmen

Die Entscheidung über die Einleitung von Maßnahmen zum Schutz des Pat. Hygiene Infektionskrankheitenund des Rettungsfachpersonals obliegt nicht dem Klinikpersonal sondern erfolgt nach den Anweisungen des Robert Koch-Instituts (RKI, www.rki.de). Mitunter wird man vom Klinikpersonal darüber belehrt, die eingeleiteten Infektionsschutzmaßnahmen seien nicht notwendig. Diesem sollte bei Widersprechen mit den RKI Richtlinien auf keinen Fall Folge geleistet werden.

Der infektiöse Patient

Achtung

Prophylaktische Maßnahmen sind bei allen Patientenkontakten Patient infektiöseruneingeschränkt wichtig.

HIV-Infektion und AIDS
Es wird eine Infektion mit dem HI-Virus (HIV = human immunodeficiency virus) vom Patient HIV-InfektionVollbild der AIDS-Erkr. (acquired immunodeficiency syndrome) unterschieden. Die Unterscheidung ist klinisch und erfolgt anhand der Anzahl CD-4-Helferzellen und dem Vorliegen typischer AIDS-assoziierten Erkr., z. B. Toxoplasmose, Pneumocystis-jiroveci-Pneumonie, Tuberkulose.
HäufigkeitIn Deutschland gab es (Daten RKI) Ende 2014 etwa 83 400 HIV-infizierte Pat., von denen 57 600 eine antiretrovirale Therapie erhielten. Seit Beginn der AIDS-Epidemie sind insgesamt schätzungsweise 27 600 Pat. an den Folgen von AIDS verstorben (2014: 480 Pat.). Hauptsächlich sind Risikogruppen, wie homosexuelle, promiskuitive Männer (66 %) und Drogenabhängige (15 %) betroffen. Jedoch ist die Tendenz in der Gruppe der heterosexuellen Jugendlichen und jungen Erw. stark ansteigend.
Transport
  • Allgemeine Schutzmaßnahmen beim Legen venöser und zentraler Zugänge, Spritzen und Kanülen fachgerecht unmittelbar nach Punktion entsorgen

  • Pat. im Vollbild AIDS sollte ein Mundschutz angelegt werden (wegen der für sie hohen Gefahr opportunistischer Infektionen).

Tipps & Tricks

Keine übertriebenen Schutzmaßnahmen. Ein doppeltes Paar Handschuhe ist genauso wenig notwendig wie hektische Desinfektionsmaßnahmen nach Transportende.

Virushepatitis
Wird durch zahlreiche Viren ausgelöst; 90 % aller akuten Hepatitis, viraleVirushepatitiden werden von den Hepatitisviren A-G verursacht.
Die klinischen Symptome bei den einzelnen Hepatitis-Arten gleichen sich (Tab. 20.15):
  • Prodromalstadium (2–7 d) mit grippeähnlicher Symptomatik: Gliederschmerzen, Husten, Übelkeit, Müdigkeit, subfebrile Temperaturen, Appetitlosigkeit, Druckschmerz im rechten Oberbauch

  • Stadium der organischen Organmanifestation: Dunkelfärbung des Urins, Ikterus, Juckreiz, Leber- und Milzvergrößerung.

ORSA/MRSA und ESBL
Methicillin-resistenter Staphylococcus aureusMethicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) und Oxacillin-resistenter Staphylococcus aureusOxacillin-resistenter Staphylococcus aureus (ORSA) sowie die Extended Spectrum β-LactamasenExtended Spectrum β-Lactamasen (ESBL) beschreiben Erreger mit ausgeprägter Antibiotikaresistenz. Sie können auch bestimmte Körperstellen kolonialisieren, ohne Krankheitssymptome auszulösen und auch eine schwere Sepsis auslösen.
Für den Rettungsdienst relevant sind diese Erreger bei Infektionstransporten. Vor allem im Krankenhaus führt der Erreger zu Problemen, da hier eine Infektionsausbreitung unbedingt vermieden werden muss. Pat. im Krankenhaus sind bekanntermaßen bereits krank, aus diesem Grund kann eine zusätzliche Ausbreitung der Infektion zu großen Problemen führen. Daher sind solche Pat. auch stets isoliert. Im Rettungsdienst sind solche Maßnahmen allerdings nicht mehr erforderlich genauso wenig wie ein Vollschutz.
TransportFolgendes beachten:
  • Die Pat. sind immer einzeln zu transportieren.

  • Der Pat. sollte frische Wäsche tragen.

  • Hautläsionen oder Wunden sollten frisch verbunden und abgedeckt sein.

  • Ausschließlich bei einer Besiedelung der Atemwege sollte der Pat. einen Mund-Nasen-Schutz tragen.

  • Vor dem Transport sollte der Pat. seine Hände desinfizieren.

  • Liegeflächen sollten mit einem Einmallaken abgedeckt sein.

  • Bei Gefahr von Besiedlung (Kontakt mit kontaminierten Hautbereichen) sind Schutzhandschuhe und Schürze zu tragen

  • Nach dem Transport Einmalmaterialien entsorgen.

  • Schutzkleidung und Bettwäsche in die Reinigung geben.

  • Patientennahe- und Kontaktflächen mit einem alkoholischen Desinfektionsmittel reinigen.

Tipps & Tricks

  • Von Trägern dieses Keimes geht für die Allgemeinbevölkerung keine Gefahr aus. Gefährdet sind praktisch nur Menschen mit Wunden oder ekzematösen Hauterkrankungen. Insofern ist auch Rettungsfachpersonal nicht mehr gefährdet.

  • Das Tragen von Overalls ist genauso überflüssig wie die Verwendung von Mund-Nasen-Schutz für den Retter, es sei denn man muss den Pat. absaugen.

Berufsbedingte Infektionen

Blutkontakte sind häufig bei Blutentnahmen, beim Legen und Entfernen von HIV-Infektion vermeintlicheInfusionssystemen, besonders in eiligen Situationen. Hat eine Exposition stattgefunden, ist die Möglichkeit der Schadensminimierung begrenzt.
RisikoDas Risiko einer beruflich bedingten HIV-Infizierung ist deutlich geringer als Infektionen, berufsbedingtedas einer Hepatitis-B- oder C-Infektion (Tab. 20.16). Die Zahl der weltweit registrierten, mit an Sicherheit Hepatitis, virale Risikogrenzender Wahrscheinlichkeit beruflich erworbenen HIV-Infektionen beträgt seit Beginn der Zählung 73 Fälle. Die Zahl der HIV-Infektion Risikopublizierten gesicherten HIV-Übertragungen in Deutschland beträgt derzeit 2, die der wahrscheinlichen ebenfalls 2.
  • Die Infektionswahrscheinlichkeit bei einem HIV-positiven Pat. liegt bei ca. 3 %.

  • Ist die Infektionsquelle ein HBe-Antigen-positiver Pat. (Hepatitis B), so liegt die Infektionswahrscheinlichkeit nach einer Nadelstichverletzung bei ca. 30–40 %, bei einem Hepatitis-C-RNS-positiven Pat. bei ca. 5–10 %.

ÜbertragungswegeNadelstichverletzung
Keine Übertragungswege
  • Unverletzte Haut: Kontakt mit Virusträger

  • Speichel- oder Tränenflüssigkeit

  • Anhusten, Anniesen

Prophylaktische Maßnahmen
  • Grundsätzlich mit Nitril, aber mind. mit Latex-Handschuhen arbeiten

  • Pat. fragen, ob chron. Infektionskrankheiten bekannt sind, z. B. Hepatitis, HIV/AIDS

  • Besondere Vorsicht bei Risikopat., z. B. i. v.-Drogenabhängigen

  • Größte Vorsicht beim Umgang mit kontaminierten Nadeln:

    • Nie die Spitze auf eine Person richten.

    • Nie in Schutzhülle zurückstecken.

    • Umgehend in separatem, speziellem Behälter entsorgen.

  • Evtl. Mundschutz tragen

  • Atemspende nur mit Schutzfolie, z. B. Laerdal Notfall-Beatmungstuch. Wenn möglich, Beatmungsbeutel und Maske verwenden.

Postexpositionsprophylaxe (PEP)Für das Hepatitis-C-Virus und HI-Virus ist die Postexpositionsprophylaxe nicht gesichert. Trotzdem wird Postexpositionsprophylaxe Hepatitis Cnach einer HIV-Exposition Postexpositionsprophylaxe HIVdie Behandlung mit einer HAART (high active anti-retroviral therapy) empfohlen, um die Infektionswahrscheinlichkeit zu vermindern bzw. einen späteren Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen oder komplett zu verhindern.

Achtung

Wichtig ist die eingehende und möglichst frühzeitige Aufklärung des Mitarbeiters über Infektionswahrscheinlichkeiten, Möglichkeiten und Grenzen der antiretroviralen Infektionsprophylaxe, NW usw., damit er in die Entscheidung darüber, ob die Behandlung fortgesetzt oder abgebrochen werden soll, einbezogen werden kann.

  • Nach dem Kontakt mit möglicherweise infektiöser Körperflüssigkeit sofort Desinfektion und Reinigung.

  • Nach Schnitt- oder Stichverletzung: Wunde ausbluten lassen (evtl. erst ausreichend desinfizieren, dann Blutung provozieren).

  • Gründliche Desinfektion der Wunde bzw. des Stichkanals mit jodhaltigem Desinfektionsmittel, z. B. Povidoniod-Lösung → mind. 3–5 Min.

  • Bei Schleimhautkontakt mit Wasser und evtl. Desinfektionsmittel spülen (Cave: nicht an den Augen verwenden).

  • Adäquate Wundversorgung und Unfallanzeige: Unfallmeldung, Durchgangsarzt (chirurgische Ambulanz).

  • Bei gesicherter Hepatitis-B-Infektion: Bis zu 6 h nach der Infizierung ist eine passive Immunisierung mit 0,06 ml/kg KG Hepatitis-B-Immunglobulin S Behring® möglich.

  • Standardtherapie zur HIV-PEP: Einnahme des Integraseinhibitors Raltegravir (Isenstress®, 2 × 1 Tablette pro Tag) in Kombination mit den Nukleotid/Nukleosidanaloga Tenofovir + Emtricitabin (Truvada®, 1 × 1 Tablette pro Tag) für 4 Wochen. Bei Schwangeren sollte Raltegravir (Isenstress®) durch den Proteaseinhibitor Lopinavir/r (Kaletra®) ersetzt werden.

  • HIV-Antikörpertest am selben Tag oder am Tag nach der Verletzung durchführen (Nullserum). Serologische Kontrolluntersuchungen nach 6 Wo., 3, 6 und 12 Mon.

  • Eingehende medizinische und psychologische Beratung des Verletzten, Aufklärung über mögliche Akutsymptomatik: Empfehlung, in den folgenden 12 Mon. kein Blut zu spenden, Safersex-Empfehlung (Kondom, kein ungeschützter Oral-, Vaginal- oder Analverkehr) nach HIV-Infektion bzw. nach Hepatitis-Viren-Exposition für die folgenden 6 Mon.

  • Adressen aller Krankenhäuser/Notaufnahmen, die eine HIV-PEP vorrätig haben, unter https://www.aidshilfe.de/gibt-pep

Sterben und Tod im Rettungsdienst

Der sterbende Patient

Das Bewusstsein Patient sterbenderum die Tatsache, dass das Sterben zum Leben gehört, ist wichtig, Sterbenum Menschen Todin dieser Lebensphase begleiten zu können. Sterben ist die letzte Zeitspanne vor dem Einsetzen des Todes (Tab. 20.17).

Tipps & Tricks

  • Die Würde des Menschen ist vor allem bei Sterbenden zu bewahren. Das Rettungsfachpersonal sollte hier seine Menschlichkeit zeigen und dem Pat. beistehen.

  • Reanimierte Pat. können oft die Reanimation und die Gespräche während dieser Zeit bis ins kleinste Detail wiedergeben. → Auch bei bewusstlosen Pat. oder Reanimationen mit unbedachten Äußerungen sehr vorsichtig sein.

Leichenschau im Rettungsdienst

Phasen des Todes
Klinischer Tod
  • Kreislaufstillstand Leichenschau(Pulslosigkeit der Karotiden)

  • Bewusstlosigkeit

  • Atemstillstand

  • Graue oder blaue Hautfarbe

  • Weite, lichtstarre Pupillen.

Der klinische Tod ist durch Reanimationsmaßnahmen (Kap. 3) evtl. reversibel. Der Erfolg hängt Tod klinischervon der Zeitspanne ab, die Gehirn und Organe nicht mit Sauerstoff versorgt werden. Das Gehirn hat die geringste Hypoxietoleranzzeit: Wenn nicht innerhalb von 3–5 Min. mit der Wiederbelebung Hypoxietoleranzzeitbegonnen wird, sind die Chancen einer vollständigen, vor allem zerebralen Wiederherstellung gering (Ausnahmen: Zustände mit reduziertem Stoffwechsel, z. B. Hypothermie, Barbituratintox.).
Gehirntod Irreversible Einstellung aller Gehirnfunktionen. Erfassbar nur mittels EEG. Ist der Gehirntod schon eingetreten, die GehirntodWiederbelebungszeiten der anderen Organe aber noch nicht überschritten, steht eine Organspende zur Diskussion.
Biologischer TodÜberschreiten der Wiederbelebungszeiten aller Organe. Irreversibel! Auch der biologische Tod Tod biologischerverläuft Schrittweise, z. B. Fäulnis.
Gesetzliche Grundlagen
LeichenschauGesetzliche Regelungen über die Durchführung sind Landesrecht: Sie variieren ebenso wie die Formulare von Bundesland zu Bundesland (Leichenschauscheine, Todesbescheinigungen).

Merke

  • Die Leichenschau ist eine ausschließlich ärztliche Tätigkeit.

  • Es gibt keine bundeseinheitliche Form des Leichenschauscheines.

Aufgaben des Arztes bei der Leichenschau
  • Feststellung des Todes, wenn möglich auch des Todeszeitpunkts

  • Äußerung zur Todesart: natürlicher oder nichtnatürlicher Tod, z. B. Unfall, Selbsttötung, Tod natürlicherTötung von fremder Hand. Verdacht auf Tod nicht natürlichernichtnatürlichen Tod?

  • Klärung der Todesursache, soweit es die Kenntnis der Umstände und Vorgeschichte zulassen.

Feststellen des Todes
Unsichere Todeszeichen
  • BewusstlosigkeitTodeszeichen unsichere

  • Atemstillstand

  • Pulslosigkeit

  • Weite, lichtstarre Pupillen

  • Reflexlosigkeit

  • Auskühlung

  • Null-Linien-EKG

Sichere Todeszeichen(Tab. 20.18)
  • Totenstarre: Erstarrung Todeszeichen sichere Totenstarreder Muskulatur, zuerst vor allem an Kaumuskulatur und kleinen Gelenken (z. B. Fingergelenken). Tritt nach ½–2 h auf. Nach ca. 8 h, abhängig von der Außentemperatur, ist die Totenstarre voll ausgeprägt

  • Totenflecke: nach dem Sistieren des Kreislaufs,Totenflecke durch Absinken der Erythrozyten gemäß den Gesetzen der Schwerkraft. Meist zuerst im Bereich des Nackens, nach frühestens 20 Min. an den abhängenden Körperpartien. Nach 2 h beginnen sie zusammenzufließen, bleiben bis zu 6 h völlig „umlagerbar“. Totenflecke treten nicht immer auf, z. B. bei Anämien

  • Leichenfäulnis: Grünverfärbung der Bauchhaut im rechten Unterbauch, dann Durchschlagen des Venennetzes. Flüssigkeitsgefüllte LeichenfäulnisHautblasen. Fäulniserscheinungen sind extrem temperaturabhängig und können bereits nach wenigen Stunden beginnen. Leichenfäulnis erübrigt jede weitere Suche nach Lebenszeichen.

Tipps & Tricks

Im RD, z. B. unter Reanimationsbedingungen, sind Totenstarre und Totenflecken als „sichere Todeszeichen“ meist nicht relevant, aus medizinischer Sicht gibt es weitere Zeichen, die die gleiche juristische Wertigkeit haben:

  • Nicht mit dem Leben vereinbare Verletzungen, z. B. Enthauptungsverletzung

  • Suffizient, aber erfolglos durchgeführte Reanimationsmaßnahmen von hinreichender Dauer (Kap. 3)

„Scheintod“ (Vita minima)Lebensvorgänge sind auf ein Minimum eingeschränkt und durch einfache Untersuchung nicht Scheintodmehr feststellbar. Die Kombination von Vita minimaKälte, Alkohol und zentralwirksamen Arzneimitteln, aber auch Intox., Epilepsien, Stromeinwirkung, schwere SHT, katatone Schizophrenie (Muskelstarre) oder ein Stoffwechselkoma können zur Vortäuschung und fälschlichen Annahme des Todeseintritts führen.
Verhalten beim Tod eines Patienten

Merke

Beim Tod VerhaltenTod eines Pat. ist vom Rettungsfachpersonal, insbesondere wenn Angehörige des Pat. anwesend sind, Pietät, Zurückhaltung und soziales Handeln gefordert.

Die Mitteilung des Todes den Angehörigen gegenüber sollte Aufgabe des Arztes sein. Das erfahrene Rettungsfachpersonal kann jedoch in dieser Situation mit Einfühlungsvermögen helfen, evtl. ist der Einsatz eines Kriseninterventionsteams (KIT), welches psychologisch ausgebildet ist, in Erwägung zu ziehen, z. B. bei plötzlichem Kindstod oder Suizid.
Tod im Freien
  • Leitstelle informieren

  • Evtl. Arzt nachfordern

  • Polizei an den Einsatzort bestellen

  • Verstorbenen bedecken (z. B. Rettungsdecke)

  • An der Einsatzstelle bis zum Eintreffen der Polizei bzw. eines Bestattungsunternehmens bleiben

  • Einsatzbereitschaft wiederherstellen, evtl. Wache anfahren: Fahrzeug, Material reinigen, desinfizieren und „auffüllen“

Tod im Einsatzfahrzeug
  • Leitstelle informieren, NA nachfordern

  • Wird der Tod des Pat. vom (eintreffenden) Arzt festgestellt, keinen weiteren Transport des Pat. durchführen, auf die Übernahme des Verstorbenen durch ein Bestattungsunternehmen warten

  • Fahrzeug, insbesondere die Trage, desinfizieren

Tod in einer Wohnung
  • Familienmitglieder, Angehörige informieren, Beistand leisten, Personalien aufnehmen, wenn möglich, Hausarzt verständigen

  • Einsatzstelle aufräumen: Verbrauchsmaterial und Geräte entfernen, zusammenräumen

  • Verstorbenen z. B. von Reanimationsspuren reinigen und „schön machen“: z. B. vom Boden auf das Bett umlagern, etwaige ReanimationsspurenBlutspuren, Erbrochenes entfernen, Kleidung ordnen, zuknöpfen, wieder anziehen, Augen und Mund des Verstorbenen schließen, evtl. dazu den Unterkiefer mit einer Binde fixieren

  • Sich selbst reinigen.

  • Angehörige nicht alleine lassen, z. B. Nachbarn, Verwandte, Geistlichen oder auch Kriseninterventionsteam verständigen.

  • Leichenschau durch Arzt vornehmen lassen, evtl. Polizei benachrichtigen.

Tipps & Tricks

  • Bis heute gilt für das Rettungsfachpersonal die Regel, in jedem Fall beim Antreffen eines leblosen Menschen Reanimationsmaßnahmen einzuleiten. Nur bei sicheren Todeszeichen darf eine Reanimation unterbleiben. Das sichere Erkennen des irreversiblen Todes, insbesondere anhand von unsicheren Todeszeichen, bedarf einer großen Erfahrung. → Beim geringsten Zweifel am unwiderruflichen Tod des Pat. immer mit der Reanimation beginnen. Diese Maßnahmen dürfen nur von einem Arzt abgebrochen werden.

  • „Nobody is dead until he is warm and dead“. Diesen Grundsatz insbesondere bei hypothermischen Notfällen, z. B. Eiseinbrüchen oder Ertrinkungsunfällen, berücksichtigen (Kap. 16.4).

  • Jeder Rettungsdienstmitarbeiter sollte sich nach Einsatz mit einem Toten die Zeit nehmen, um mit Kollegen über diesen Einsatz zu sprechen und um sich über seine Gefühle und Ängste klar zu werden.

Obduktion

Bei natürlicher Todesursache nur möglich mit Einwilligung der Angehörigen, evtl. auch nach Ablauf Obduktioneiner 24-h-Frist, Autopsieinnerhalb der die Angehörigen Einspruch erheben können. Erzwingbar ist die Obduktion bei Seuchenverdacht.
Bei nicht natürlicher Todesursache (oder Verdacht darauf) wird vom Staatsanwalt eine gerichtliche Sektion veranlasst. Vom Rettungsdienst ist die Kripo zu alarmieren und der Angehörige über diese „formelle“ Maßnahme aufzuklären.

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