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B978-3-437-47154-4.00011-8

10.1016/B978-3-437-47154-4.00011-8

978-3-437-47154-4

Pulstastpunkte

[L190]

FontanellenFontanellen

[L190]

MeningismusMeningismus Säugling (Prüfung beim Säugling)

[L157]

Dyspnoe-Zeichen Dyspnoe Säuglingbeim Säugling

[L138]

Unterschiede zwischen Krupp-Syndrom und Epiglottitis

[L157]

ERC-Algorithmus Atemwegsverlegung durch Fremdkörper

[F781-009]

DBRD-Algorithmus Krampfanfall Kind

[W924]

ERC-Algorithmus Reanimation des Neugeborenen

[F781-009]

Hinweise auf Misshandlungsverletzungen

[L190]

Normwerte der Atemfrequenz (Wachzustand/Schlaf) (/Min.)

Tab. 11.1
Altersgruppe Atemfrequenz/Min.
Wachzustand Schlaf
0.–6. Mon. 50–60 40–50
6.–12. Mon. 30–50 22–31
1.–2. Lj. 30–40 17–23
2.–4. Lj. 23–42 16–25
4.–6. Lj. 19–36 14–23
6.–8. Lj. 15–30 13–23
8.–10. Lj. 15–31 14–23
10.–12. Lj. 15–28 13–19
12.–14. Lj. 18–26 15–18

Krupp-ScoreKrupp-Score

Tab. 11.2
Klinischer Befund Punktzahl
Hautfarbe Normal
Grau
Zyanose in Raumluft
Zyanose mit 40 % O2, Blässe
0
1
2
3 +
Luftaustausch in der Lunge Normal
Leicht vermindert
Mittelmäßig vermindert
Deutlich vermindert
0
1
2
3 +
Stridor Kein
Leicht
Mittelmäßig
Deutlich
0
1
2
3 +
Interkostale oder suprasternale Einziehungen Keine
Leichte
Mittelmäßige
Deutliche
0
1
2
3 +
Bewusstsein Normal
Unruhig
Lethargie/Apathie
0
1
2 +
Diagnose Milder Krupp 0–3
Mittelschwerer Krupp 4–8
Schwerer Krupp 9–14

Differenzierung: Krupp-Syndrom und Epiglottitis

Tab. 11.3
Symptom Krupp-Syndrom Epiglottitis
Fieber Meist leicht 38,5–40 °C
Speichelfluss Kaum Sehr stark
Schluckstörung Keine Meistens
Heiserkeit Ausgeprägt Kaum
Halsschwellung Wenig Meist stark
Anamnese Oft Infekt Keine Hinweise
Husten Ja, bellend Nein
Verhalten Unruhig Ruhig
Atmung Laut Leise
Risikofaktor
Alter 0,5–4. J. Meist 3.–7. Lj.
Tageszeit Abends, nachts Ganztags
Jahreszeit Herbst Ganzjährig
Prognose Sehr gut Hohe Mortalität
Rezidive Häufig Selten

DefinitionenNeugeborenes Definitionen

Tab. 11.4
Neugeborenes Kind von der Geburt bis zum 28. Lebenstag
Reifes Neugeborenes Zwischen der 37. und 42. Schwangerschaftswoche geborenes Kind
Frühgeborenes Vor der 37. Schwangerschaftswoche geborenes Kind
Übertragenes Neugeborenes Nach der 42. Schwangerschaftswoche geborenes Kind
Eutrophes Neugeborenes Neugeborenes mit Geburtsgewicht zwischen dem 10. und 90. Perzentil
Hypertrophes oder makrosomes Neugeborenes (Riesenkind) Neugeborenes mit Geburtsgewicht über dem 90. Perzentil
Hypothrophes oder dystrophes Neugeborenes Small for gestational age (SGA). Neugeborenes mit Geburtsgewicht unter dem 3. Perzentil

Sichtbare Reifezeichen des Neugeborenen nach Finnström

[G534]

Tab. 11.5
Klinisches Kriterium 1 Punkt 2 Punkte 3 Punkte 4 Punkte
Hautdurchsichtigkeit Zahlreiche Venen, Zuflüsse und Venolen sichtbar, besonders am Bauch Weniger große Blutgefäße am Bauch deutlich sichtbar Weniger große Blutgefäße undeutlich sichtbar Keine Blutgefäße erkennbar
Ohren Flache, weiche Ohren mit geringgradiger Einrollung eines Teils des Ohrmuschelrandes Dünner Knorpel am Ohrmuschelrand tastbar, weiche, flache Ohrmuschel Abgeschlossene Einrollung des vollständigen oberen Ohrmuschelrandes mit festen Knorpeln Vollständige feste Knorpel und steife Ohren
Fußsohlenfurchung Keine Furchen Nur im vorderen Drittel Sohlenfurche Einige Furchen über ⅔ der vorderen Sohle Gesamte Sohle mit Furchen bedeckt
Brustdrüsengröße (Durchmesser) < 5 mm 5–10 mm > 10 mm
Brustwarzen Mamille kaum erkennbar, kein Warzenhof Mamille gut erkennbar, Warzenhof vorhanden, nicht erhaben Mamille gut erkennbar, Rand des Warzenhofes über Hautniveau
Fingernägel Fingerkuppen noch nicht erreicht Fingerkuppen erreicht Fingerkuppen erreicht bzw. überragt; distaler Nagelrand deutlich ausgebildet
Kopfhaar Zart, wollen, flaumig; einzelne Haare nicht zu unterscheiden Kräftig, seidig, jedes einzelne Haar erkennbar
Tab. 11.5
Gesamtpunktezahl (7 Kriterien) Gestationsalter (Wochen + Tage) Gesamtpunktezahl (7 Kriterien) Gestationsalter (Wochen + Tage)
7 27 + 2 16 35 + 5
8 28 + 2 17 36 + 4
9 29 + 1 18 37 + 4
10 30 + 1 19 38 + 3
11 31 20 39 + 3
12 32 21 40 + 2
13 32 + 6 22 41 + 2
14 33 + 6 23 42 + 1
15 34 + 5

APGAR-Score

[F210-016]

Tab. 11.6
Klinisches Kriterium 0 Punkte 1 Punkt 2 Punkte
Aussehen und Hautfarbe Blass/blau Extremitäten zyanotisch, Stamm rosig Überall rosig
Puls oder Herzfrequenz Keine < 100/Min. > 100/Min.
Grundtonus Schlaff Träge Flexion Aktive, kräftige Bewegungen
Atmung Keine Unregelmäßig oder Schnappatmung Regelmäßig und kräftig, Schreien
Reflexe Keine Grimassieren Husten, Niesen oder kräftiges Schreien
Ermittlung des APGAR-Score
7–10 Punkte Normal
4–6 Punkte Mäßige Asphyxie
0–3 Punkte Schwere Asphyxie

Alter von Hämatomen Hämatom Altersschätzungabschätzen

Tab. 11.7
Farbe Alter
Rot, rötlich-blau < 24 h
Purpur, dunkel, dunkelblau 1–4 d
Grünlich, gelbgrünlich 5–7 d
Gelblich, bräunlich 7–10 d
Verschwinden der Verfärbung 1–3 Wo.

Pädiatrische Notfälle

Frank Flake

Boris A. Hoffmann

  • 11.1

    Untersuchung364

    • 11.1.1

      Kommunikation mit Kind und Eltern364

    • 11.1.2

      (Fremd-)Anamnese365

    • 11.1.3

      Körperliche Untersuchung365

  • 11.2

    Respiratorische Notfälle369

    • 11.2.1

      Erkennen von Atemnot369

    • 11.2.2

      Krupp-Syndrom (Laryngotracheobronchitis)372

    • 11.2.3

      Epiglottitis374

    • 11.2.4

      Fremdkörperaspiration376

  • 11.3

    Fieberkrampf378

  • 11.4

    Exsikkose/Dehydratation380

  • 11.5

    Neugeborenenmanagement381

    • 11.5.1

      Beurteilung des Neugeborenen381

    • 11.5.2

      Versorgung des Neugeborenen384

    • 11.5.3

      Mekoniumaspiration384

  • 11.6

    Kindesmisshandlung (battered child syndrome)386

    • 11.6.1

      Körperliche Misshandlung386

    • 11.6.2

      Emotionale Misshandlung388

    • 11.6.3

      Sexueller Missbrauch388

    • 11.6.4

      Maßnahmen bei Kindesmisshandlung388

  • 11.7

    Plötzlicher Kindstod389

    • 11.7.1

      Sudden infant death syndrome (SIDS)389

    • 11.7.2

      Apparent life-threatening event (ALTE)390

Untersuchung

Bei der Einschätzung pädiatrischer Pat. ist es notwendig, das kritische vom nicht kritischen Kind zu unterscheiden. Hierzu dienen das pädiatrische Beurteilungsdreieck (Abb. 2.1) als Tool zum Ersteindruck sowie das ABCDE-Schema (Kap. 2.1.4) zur Ermittlung vitaler Bedrohungen.

Merke

Viele der folgenden Untersuchungstechniken finden nur beim nicht kritischen Kind Anwendung. Es ist stets zu prüfen, was wann in welcher Situation notwendig ist.

Kommunikation mit Kind und Eltern

Umgang mit den Kindern
  • Kranke Kinder Kinder Umgang miterwarten Hoffnung und Sicherheit zunächst von ihren Eltern und nahen Bezugspersonen: Das kranke Kind braucht seine Eltern.

    • Möglichst ruhige, freundliche Atmosphäre (schaffen): keine Hektik, langsame Zuwendung, ruhige Stimme. Kleine Kinder mit Schnullern, Spielzeug, kleinen Spielchen in Anamnese und Untersuchung einbeziehen, z. B. Pupillenleuchte „an- und auspusten“

    • Freundlich mit den anwesenden Eltern umgehen: „Wer sich mit Mami gut versteht, kann nicht der Schlimmste sein.“

    • Ehrliche Kommunikation beherzigen; Kinder niemals anlügen oder Versprechungen geben, die nicht zu halten sind („Das tut gar nicht weh“). Vor schmerzhaften oder unangenehmen Untersuchungen stets ankündigen, was passieren wird, und vorschlagen, wie das Kind ggf. mithelfen kann (Kinder verzeihen keine Lügen).

    • Protest akzeptieren: Das Kind zeigt Angst und Aggression, z. B. durch Schreien, Weinen, Trotz, Zorn. Nicht „dagegenhalten“ wollen.

  • Beim Eintreffen am Notfallort sind Kinder meist sehr ängstlich. Sie haben Angst vor:

    • Verletzungen

    • Der Trennung von den Eltern oder von der bekannten Umgebung

    • Dem Unbekannten, z. B. Krankenhaus, Ärzte

  • (Auch) Kinder haben ein Recht zu erfahren, was mit Ihnen geschieht: immer die Untersuchungs- oder Behandlungsschritte altersentsprechend erläutern, z. B. beim Blutdruckmessen: „Das ist wie das Aufpusten von Deinen Schwimmärmeln“.

  • „Fremde Wörter“ wie Schienbein oder Milz vermeiden. Besser Begriffe verwenden wie Bäuchlein, Arm

  • Schmerzen ernst nehmen, niemals versuchen zu bagatellisieren, „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „große Jungs/Mädchen weinen nicht“.

Umgang mit den Eltern
  • Eine Behandlung des Kindes setzt auch eine „Behandlung“ der Eltern voraus → aufgeregte Eltern niemals sich selbst überlassen

  • Vertrauen schaffen: Fragen, Ängste ernst nehmen

  • Eltern reagieren unter Stress oft emotionaler als unter Normalbedingungen

  • In der Diskussion immer sachlich bleiben. Verständlich erklären

  • In Begleitung eines Elternteils sind Kleinkinder und Schulkinder meist wesentlich ruhiger und kooperativer. Beim Transport bewusstloser oder vital gefährdeter Kinder möglichst auf eine Begleitung verzichten.

(Fremd-)Anamnese

  • Alter, Kinder AnamneseGeburtsdatum, Geschlecht

  • Krankheitsbezogene Anamnese: Hauptbeschwerden, weitere Krankheitszeichen, z. B. Diarrhö, Erbrechen. Seit wann? Verschlechterung plötzlich, langsam?

  • Vorerkrankungen, z. B. Diabetes mellitus, Asthma bronchiale

  • Medikamenteneinnahme

  • Bisher durchgemachte (Kinder-)Krankheiten, z. B. Mumps, Masern, Röteln, Windpocken

  • Impfungen

  • Allergien, z. B. gegen Medikamente, Pflanzen, Insekten, Lebensmittel

  • Urinausscheidung: Menge, Häufigkeit und Farbe

  • Stuhlgang: Verstopfung, Durchfall, Farbe

Körperliche Untersuchung

Achtung

Alarmzeichen für einen schlechten AZ beim Kind

  • Marmorierte oder blassgraue Haut, Munddreieck beachten. Schockzeichen, Sepsis, Auskühlung, Anämie, Hypoxämie, Hypoglykämie

  • Zyanose (peripher oder zentral; Kap. 5.1.2)

  • Starrer Blick, seltener Lidschlag, halonierte Augen, z. B. bei Exsikkose

  • Wach erscheinendes, aber sich nicht wehrendes Kind, z. B. bei Exsikkose

  • Schonhaltung des Kopfes, Lichtscheu, erhöhtes Berührungsempfinden, z. B. bei Meningitis

  • Anhaltend hohe Atemfrequenz, Nasenflügeln z. B. bei Pneumonie, angestrengte Atmung mit jugulären/supraklavikulären/interkostalen Einziehungen z. B. bei Krupp-Syndrom, obstruktiven Atemwegserkr.

Grundsätze und Tipps
  • Für Wärme sorgen (insbesondere bei Säuglingen): Kind stets gut einpacken; warme Instrumente (Stethoskop möglichst mit Gummiring, in den Handflächen vorwärmen), mit warmen Händen untersuchen.

  • Einfache Untersuchungen an sich selbst oder dem Teddy vormachen.

  • Bei Kleinkindern sind Schmerzangaben mit Vorsicht zu genießen. Oft werden Schmerzen aus anderen Körperregionen projiziert, z. B. vom Ohr auf den Bauch.

  • Das Kind letztlich komplett entkleiden bzw. von den Eltern ausziehen lassen. Dabei geschickt vorgehen, Ausziehen ängstigt Kinder, zumal viele Eltern in der Aufregung hektisch an den Kleidern ziehen → erneutes Weinen, Schreien. Zum Beispiel zunächst das leicht bekleidete Kind auf dem Schoß der Mutter auskultieren. Nicht alle Kleidungsstücke auf einmal ausziehen: verhindert zudem Auskühlung des Kindes

  • Stets Fieber messen, rektale Messung ist oft mit Gegenwehr verbunden, axilläre Messung ist zu ungenau → professionelles Infrarot-Ohrthermometer oder Schläfenthermometer verwenden

  • Besonderheiten einzelner Altersstufen:

    • Im 1. Lj.: warmer (!) Untersuchungsplatz. Ab 6–9 Mon. am besten Untersuchung auf dem Schoß oder über der Schulter der Mutter oder des Vaters. Untersuchung auf dem Schoß bis zum 4. Lj.

    • 1–3 J. alte Kinder: Kind spielerisch einbeziehen: z. B. Untersuchungsschritte an einem Teddy demonstrieren oder auch an sich selbst, z. B. Auskultation. Untersuchungen erklären → Kinder sind oft überraschend verständig, Loben

    • 3–6 J. alte Kinder: Komplimente, Erzählen lassen. Alles erklären, auch wenn nicht alles verstanden wird. Keine falschen Versprechungen machen

    • > 7 J.: Weitgehend wie beim Erwachsenen, Untersuchung meist in guter Kooperation möglich.

Untersuchungsgang

Minimalprogramm durch Rettungsfachpersonal

  • Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz messen (Normwerte Tab. 11.1, Pulstastpunkte Abb. 11.1)

  • Pulsoxymetrie: SpO2-Normbereich 95–100 %

  • Fieber messen: normal bis 37,5 °C, subfebril bis 38,0 °C, Fieber bis 41 °C, Hyperpyrexie bei > 40,6 °C

  • Evtl. EKG

Haut
  • Farbe: rosig, blass, blass-grau (insbes. bei Säuglingen), zyanotisch, ikterisch oder karotinbeladen („Karottennase“), marmoriert.

  • Turgor: ausreichend oder reduziert, beim Hautfaltentest stehen bleibende Hautfalten (besonders gut beurteilbar über den Wadenmuskeln und der Bauchhaut). Stets Schleimhäute und Windel mitbeurteilen (beides trocken bei Exsikkose).

Merke

  • Unterscheidung zwischen karotinbeladener und ikterischer Haut: Karotinpigmentation ist i. d. R. in der Handinnenfläche und auf den Sohlen und um die Nase herum ausgeprägt und spart die Konjunktiven aus.

  • Periphere und zentrale Zyanose oder blassgraues Kolorit: beim Säugling bei Auskühlung, sonst Alarmsignal, z. B. für O2-Mangel, Sepsis.

Augen „Augen lassen tief blicken“ – Untersuchung gibt mit einfachen Mitteln Hinweis auf Allgemeinzustand (insbesondere beim kranken Säugling)
  • Augenkontakt wird normalerweise vom Kind erwidert. Schlechtes Zeichen: Kind „starrt“ oder „schwimmt weg“, seltener Lidschlag

  • Eingesunkene, halonierte Augen, z. B. bei Exsikkose

  • Lichtscheu, z. B. bei Meningitis (unzuverlässiges Zeichen)

  • Reichlich Tränen sprechen gegen Exsikkose

  • Konjunktivitis: häufig bei viralen Infekten

  • Pupillen, vgl. Erw. (Kap. 15.1.3)

Kopf und Hals
  • Fontanellen: Niveau und Spannung meist bis zum 6. Mon. beurteilbar, Fontanellenerhöht bei Hirndruck (z. B. Meningitis), erniedrigt z. B. bei Exsikkose. (Abb. 11.2). Cave: Fontanellenspannung kann am besten am ruhig sitzenden Kind beurteilt werden. Schreiende Kinder haben gespannte Fontanellen, leichte Pulsationen sind normal.

  • Meningismus: je kleiner das Kind, desto Meningismus Säuglingunzuverlässiger überprüfbar. Bei jedem fiebernden Kind und bei allen unklaren neurologischen Zeichen oder Kopfschmerzen durchführen.

    • Nackensteifigkeit: Schmerzen Nackensteifigkeitbeim passiven Anheben des Kopfes in Rückenlage (Abb. 11.3)

    • „Kniekuss“: beim Kniekussälteren Kind aktiv (Kind soll seine Knie küssen), beim kleineren Kind passiv (Kind wird in den Kniekehlen und im Nacken gefasst und passiv gebeugt, bis die Stirn die Knie berühren). Schmerzschrei des Säuglings als möglicher Hinweis auf Meningismus.

Achtung

Ein Meningismus ist bis zum Beweis des Gegenteils (Lumbalpunktion in der Klinik) verdächtig auf Meningitis oder Enzephalitis; alle anderen Ursachen (z. B. SAB, Hirntumoren, andere schwere Infektionskrankheiten) sind selten.

Thorax/Lunge
  • Atemfrequenz: Normwerte: Alter (Wachzustand/Schlaf)

  • Einziehungen als Hinweis auf Dyspnoe: supraklavikulär, interkostal, unter dem Rippenbogen, epigastrische Einziehungen (insbes. bei Säuglingen schwer zu beurteilen, Bauchatmer).

  • Auskultation (für Nicht-Pädiater schwer beurteilbar)

    • AG: bronchiales AG, lauter als beim Erw., Ausatmung länger

    • Lokal oder einseitig verschärftes AG bei Pneumonie, auch bei Fremdkörper

    • Häufig fortgeleitete, feuchte RG: entstehen beim verschleimten Kind in den oberen Luftwegen. Auf Seitenunterschiede achten. Kind abhusten lassen; evtl. Stethoskop vor den Mund des Kindes halten, macht Differenzierung von intrathorakal entstehenden Geräuschen möglich

    • Trockene RG (z. B. exspiratorisches Giemen, Brummen) bei Obstruktion der unteren Luftwege (obstruktive Bronchitis, Asthma bronchiale)

    • Verlängerte Exspiration bei obstruktiver Bronchitis oder Asthma bronchiale

    • Inspiratorischer Stridor: supraglottisch entstehendes AG bei Obstruktion der oberen Luftwege (Krupp-Syndrom, Epiglottitis)

    • Exspiratorische Stridor: infraglottisch entstehendes AG bei Obstruktion der unteren Luftwege (Asthma bronchiale, obstruktive Bronchitis, Fremdkörperaspiration)

Auskultation

  • Eine orientierende Auskultation ist auch durch ein angezogenes Hemd möglich. Auf diese Weise umgeht man evtl. Weinen oder Schreien.

  • Möglichst auskultieren, solange das Kind noch geduldig ist. Hat man die „günstige Phase“ verpasst, den kurzen Moment der tiefen Inspiration zwischen den Schreiattacken nutzen.

Herz
  • Ausgeprägte atemabhängige Sinusarrhythmien sind normal.

  • Einzelne Extrasystolen (bis 5/Minute) sind meist supraventrikulären Ursprungs und nicht gefährlich.

  • Nicht oder nur abgeschwächt tastbare Femoralispulse als Hinweis auf Aortenisthmusstenose.

Achtung

Primär kardiale Probleme sind beim Kind selten, immer an mögliche Hypoxie denken.

Abdomen
  • Inspektion: Hinweis auf Hernie, gebläht ausladend

  • Palpation: Abwehrspannung? Säugling so lagern, dass der Bauch möglichst entspannt ist: Beine im Hüftgelenk beugen, Kind ablenken, unbedingt mit warmen Händen untersuchen. Wenn das Kind schreit, die Phase des Luftholens zur Palpation nutzen

  • Auskultation: plätschernde Darmgeräusche als möglicher Hinweis auf eine beginnende Gastroenteritis.

Tipps & Tricks

  • Die Beurteilung des Bauches ist bei Säuglingen und Kleinkindern nicht einfach: oft angespannt durch Schreien, Strampeln, Abwehrbewegungen.

  • Bei älteren Kindern Arme ausgestreckt neben den Bauch legen

Respiratorische Notfälle

Asthma bronchiale und obstruktive Bronchitis Kap. 6.2

Erkennen von Atemnot

Die meisten Formen der respiratorischen Insuff. sind im Kindesalter von Atemnot KinderDyspnoe oder Zyanose begleitet.
Definitionen
  • Tachypnoe: schnelle Tachypnoeoder gesteigerte Atemfrequenz durch Stimulation des Atemzentrums bei erhöhtem O2-Bedarf und erniedrigtem O2-Angebot oder bei körperlicher oder psychischer Erregung. Bei Neugeborenen Atemfrequenz > 60/Min., bei Säuglingen > 40/Min.

  • Dyspnoe: erschwerte DyspnoeAtmung oder Luftnot trotz erhöhter Atemfrequenz, häufig verbunden mit Tachypnoe

  • Orthopnoe: höchstgradige, Orthopnoenur in aufrechter Haltung und unter Einsatz der Atemhilfsmuskulatur einigermaßen kompensierbare Dyspnoe

  • Zyanose: bläuliche Verfärbung Zyanoseder Haut und der Schleimhäute infolge eines erhöhten Anteils an desoxygeniertem Hämoglobin (> 5 g/100 ml) äußerlich sichtbar, bei Anämie eher blasses Hautkolorit

  • Blasse Haut: Hypoxie bei peripherer Vasokonstriktion. Ursache: primäre Hypoventilation, z. B. bei Intoxikationen, Krampfanfall

  • Apnoe: Atempause von Apnoelänger als 10–20 Sek. oder Atemstillstand.

Achtung

Zeichen eines drohenden Atemstillstands

  • Zunehmende Bewusstseinstrübung

  • Sinkende Atemfrequenz und nachlassende Atemanstrengung

  • Sinkende Pulsfrequenz

Zeichen der Dyspnoe
  • Beim Säugling (Abb. 11.4): Tachypnoe (> 40/Min.), Nasenflügeln, Stöhnen, thorakale, juguläre oder epigastrische Einziehungen, „Schaukelatmung“ (Abdomen wölbt sich vor, Schaukelatmunggleichzeitig zieht sich der Thorax zusammen.)

  • Beim älteren Kind und Säugling zusätzlich sichtbare Benutzung der Atemhilfsmuskulatur, Orthopnoe.

Ursachen der Dyspnoe
  • Entzündlich: Pneumonie, bakterielle Tracheitis oder Epiglottitis, Asthma bronchiale (obstruktive Bronchitis), Bronchiolitis, Krupp-Syndrom

  • Allergisch

  • Traumatisch: Fremdkörperaspiration, traumatische tracheale oder laryngeale Läsion, chemische Verätzung oder Verbrühung

Vereinfachte Differenzialdiagnose bei Dyspnoe
  • Dyspnoe mit Fieber:

    • Meist hohes Fieber (> 38,5–40 °C): Pneumonie, Epiglottitis

    • Meist mäßiges Fieber (< 38,5 °C): obstruktive Bronchitis, Pseudokrupp

  • Dyspnoe mit inspiratorischem Stridor (Obstruktion der oberen Luftwege): Epiglottitis, Pseudokrupp

  • Dyspnoe mit Giemen und exspiratorischem Stridor (Obstruktion der unteren Luftwege): Asthma bronchiale, obstruktive Bronchitis.

Merke

Bei Dyspnoe oder Zyanose im Kindesalter ist grundsätzlich ein NA erforderlich.

Krupp-Syndrom (Laryngotracheobronchitis)

Symptomkomplex ohne oder mit nur Krupp-Syndromleichtem LaryngotracheobronchitisFieber, Infekten der oberen Luftwege bis hin zur Obstruktion mit Atemnot. Betroffen meist Kinder zwischen 6. Lebensmon. und 4. Lj., vorwiegend während der Herbst- und Wintermonate.
Ursachen (Virus-)Infekte (Infektkrupp), unspezifische Faktoren, z. B. sog. Umweltfaktoren wie Wetterwechsel, kaltes Wetter, Umweltverschmutzung (spielen eine kleine, aber nachgewiesene Rolle).

Merke

Der „echte Krupp“, der im Rahmen einer Diphterie auftreten kann, ist sehr selten geworden.

Ersteindruck
  • Unruhe

  • Bellender Husten und Heiserkeit

  • Inspiratorischer Stridor (meist auf Distanz hörbar)

  • Bei starker Dyspnoe evtl. interkostale oder sternale Einziehungen

  • Zyanose

  • Bewusstseinsstörungen.

  • !

    Keine Schluckstörung, kein Speichelfluss (DD Epiglottitis)

ABCDE-Schema
  • Tachypnoe

  • Tachykardie

  • Ggf. leichtes Fieber, selten > 38,5 °C

Monitoring & Befund

SpO2 ↓, HF ↑, AF ↑, Temp. ↑

  • OPQRST (Kap. 2.1.6) und SAMPLER (Kap. 2.1.5) erheben

  • Anamnese: oft schon seit 2–3 d Infekt der oberen Luftwege, schleichender Beginn

Fokussierte Untersuchung Tab. 11.2
Basismaßnahmen
  • Kind kontinuierlich beobachten.

  • Je nach Schwere, NA nachfordern.

  • Absolute Ruhe → sehr aufgeregte Eltern von einem abkömmlichen Kollegen betreuen lassen.

  • Kind von den Eltern auf den Arm nehmen lassen und beruhigen.

  • Kühle, befeuchtete Luft: im Badezimmer Dusche anstellen oder Raumluftbefeuchter verwenden.

  • Basismonitoring auf ein Minimum beschränken, da jede Manipulation am Kind die Aufregung verschlimmert, evtl. nur Pulsoxymetrie anlegen (Fußsensor verwenden).

  • O2-Gabe bei Zyanose oder Unruhe: 4–6 l/Min. über Nasenbrille, bei älteren Kindern über Gesichtsmaske.

  • Auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten, Kind zum Trinken animieren.

Erweiterte Maßnahmen
  • Leichter Krupp-Anfall: nur Basismaßnahmen erforderlich, evtl. Prednison-Zäpfchen, Sedierung mit einer Chloralhydrat-Rectiole® (Kap. 19.2.12)

  • Mittelschwerer Krupp-Anfall: initial Prednison-Zäpfchen (Kap. 19.2.61), evtl. wiederholen (Geduld: Wirkung setzt erst nach 0,5–1–2 h ein)

    • < 10 kg KG: Prednison 30 mg rektal

    • > 10 kg KG: Prednison 100 mg rektal

  • Schwerer Krupp-Anfall:

    • Prednison: 30 mg oder 100 mg rektal (Kap. 19.2.61)

    • Adrenalin 1–5 mg inhalativ (= 1–5 ml Suprarenin® 1 : 1 000 vernebeln) (Kap. 19.2.23)

Merke

  • Das Krupp-Syndrom verschlechtert sich durch Stress, daher jede unnötige Maßnahme am kleinen Pat. vermeiden.

  • Bei schwerem Krupp-Anfall:

    • Keine Sedierung (Verstärkung der Atemnot)

    • Keine Injektionen, keine venösen Zugänge (Stressvermeidung)

    • Keine Untersuchung des Mund-Rachenraums, z. B. mit einem Spatel

Intubation und Behandlung

  • Indikationen: stark erniedrigte SpO2 ≤ 85 % unter Sauerstoffgabe, Bewusstseinstrübung, Bewusstlosigkeit, Bradykardie

  • Narkose: Narkoseeinleitung nur in Reanimationsbereitschaft und von erfahrenem NA vorher EKG anlegen, Reanimationsmedikamente aufziehen (Atropin, Adrenalin).

    • Einleitung: Etomidat 0,2–0,3 mg/kg KG i. v. (Kap. 19.2.25), evtl. (S)-Ketamin 1–2 mg/kg KG i. v. oder 5–6 mg/kg KG i. m. (Kap. 19.2.39)

    • Bei einfachen anatomischen Verhältnissen Intubation ohne Relaxans, sonst Vecuronium 0,06–0,1 mg/kg KG i. v. (Kap. 19.2.80)

    • Tubusgröße: Innendurchmesser mind. 0,5 mm kleiner als altersentsprechend

  • Kontrollierte Beatmung:

    • I : E = 1 : 1

    • Erniedrigte altersentsprechende AF (Kap. 2.1)

    • Normales AZV: 10 ml/kg KG

    • FiO2: 1,0 (bei Säuglingen < 4 Mon. FiO2: 0,5)

    • Leichter PEEP: 2–4 cmH2O

    • Bei Verwendung von CPAP-Notfallrespiratoren Kind spontan atmen lassen (3–4 cmH2O).

Transport
  • Ein Elternteil sollte im RTW in die Klinik mitgenommen werden: Beruhigung des Kindes.

  • In sehr leichten Fällen: Kind durch NA zu Hause belassen, falls kontinuierliche Betreuung gewährleistet ist.

  • Bei mittelschweren oder schweren Fällen: in Klinik mit pädiatrischer Abteilung. Keine Sonderrechte (verstärken die Aufregung), jedoch mit Voranmeldung.

  • Während des Transports: Kind weiter beruhigen, Monitoring auf ein Minimum beschränken, evtl. nur Pulsoxymetrie angelegt lassen.

Epiglottitis

Entzündung des Kehldeckels Epiglottitis(Epiglottis) infolge einer Haemophilus influenzae KehldeckelentzündungInfektion mit Haemophilus influenzae Typ B. Tritt zumeist bei Kindern zwischen 3 und 7 Lj. auf. Seit Einführung der HIB-Impfung ist die Epiglottitis sehr selten geworden.
Ersteindruck
  • Hohes Fieber (> 38,5–40 °C)

  • Vermehrter Speichelfluss

  • Heiserkeit

  • Halsschmerzen und Halsschwellung

  • Bei älteren Kindern Orthopnoe.

ABCDE-Schema
  • OPQRST (Kap. 2.1.6) und SAMPLER (Kap. 2.1.5) erheben

  • Anamnese: keine Hinweise auf Infekt in den letzten Tagen, akuter Verlauf.

Fokussierte Untersuchung Tab. 11.3, Abb. 11.5
Basismaßnahmen
  • !

    Kind kontinuierlich beobachten.

  • !

    NA nachfordern.

  • Absolute Ruhe → sehr aufgeregte Eltern von einem abkömmlichen Kollegen betreuen lassen

  • Basismonitoring auf ein Minimum beschränken, da jede Manipulation am Kind die Aufregung verschlimmert, evtl. nur Pulsoxymetrie anlegen (Fußsensor verwenden)

  • O2-Gabe bei Zyanose oder Unruhe: 4–6 l/Min. über Nasenbrille, bei älteren Kindern über Gesichtsmaske (6–8 l/Min.) (Hypoxie fördert Gefahr des reflektorischen Herzstillstandes).

Erweiterte Maßnahmen Minimalinvasives Vorgehen („Scoop and Run“) vorziehen.
  • Prophylaktische Intubation nur durch erfahrenen NA bei V. a. Epiglottitis empfehlenswert, da Intubation im Notfall nicht möglich sein könnte.

  • Koniotomie: im äußersten Notfall, z. B. mittels Koniotomieset (z. B. Quicktrach®) (Kap. 2.7.9).

Intubation und Beatmung

  • Indikationen: V. a. Epiglottitis, stark erniedrigte SpO2 ≤ 85 %, Bewusstseinstrübung, Bewusstlosigkeit

  • Narkose: Narkoseeinleitung nur in Reanimationsbereitschaft und von erfahrenem NA vorher EKG anlegen, Reanimationsmedikamente aufziehen (Atropin, Adrenalin).

    • Einleitung: Etomidat 0,2–0,3 mg/kg KG i. v. (Kap. 19.2.25), evtl. (S)-Ketamin 1–2 mg/kg KG i. v. oder 5–6 mg/kg KG i. m. (Kap. 19.2.39)

    • Keine Gabe von Muskelrelaxanzien vor erfolgreicher Intubation

    • Tubusgröße: Innendurchmesser mind. 0,5 mm kleiner als altersentsprechend

  • Kontrollierte Beatmung:

    • I : E = 1 : 1

    • Erniedrigte altersentsprechende AF (Kap. 4.4.10)

    • Normales AZV: 6–8 ml/kg KG

    • FiO2: 1,0 (bei Säuglingen < 4 Mon. FiO2: 0,5)

    • Leichter PEEP: 2–4 cmH2O

    • Bei Verwendung von CPAP-Notfallrespiratoren Kind spontan atmen lassen (3–4 cmH2O)

Transport
  • !

    Immer in NA-Begleitung.

  • Bei V. a. Epiglottitis: In Klinik mit pädiatrischer Intensivstation. Bei nichtintubierten Kindern keine Sonderrechte (Verstärkung der Aufregung), jedoch mit Voranmeldung

  • Während des Transports Kind weiter beruhigen, Monitoring auf ein Minimum beschränken, evtl. nur Pulsoxymetrie angelegt lassen, beim intubierten Kind RR, P, EKG und EtCO2 kontrollieren.

  • Kind bei Mutter belassen. Aufregung vermeiden.

Tipps & Tricks

  • Bei V. a. Epiglottitis nur in Reanimationsbereitschaft Manipulationen im Mund-Rachen-Raum durchführen. Reflektorische Herz- oder Atemstillstände können auch durch harmlose Maßnahmen induziert werden.

  • Alle Maßnahmen auf das nötige Minimum beschränken, insbesondere keine Manipulation im Bereich der Mundhöhle → Epiglottis kann schlagartig anschwellen und die Atemwege komplett verlegen.

Fremdkörperaspiration

Treten häufig bei Kleinkindern Aspiration Kinder(2.–3. Lj.) auf, da sie die Gewohnheit haben, „alles“ in den Mund zu stecken, z. B. Plastikspielzeug (Lego-Steine), Erdnüsse, Bonbons. Folge sind meistens Obstruktionen der oberen Luftwege.
Ersteindruck
  • Plötzliche Atemnot

  • Husten und Keuchen

  • Schluckbeschwerden und Würgen

  • Heiserkeit

  • Dyspnoe

  • Zyanose

  • In schweren Fällen: Bewusstlosigkeit, Apnoe.

Merke

Symptome in Bezug auf die Lokalisation des Fremdkörpers:

  • Oberhalb der Bifurkation: Atemnot, Bewusstlosigkeit, Apnoe

  • Unterhalb der Bifurkation: initialer Husten, dann evtl. symptomfreies Intervall.

ABCDE-Schema
  • Auskultation: Giemen über der Lunge, evtl. ohne Hilfsmittel zu hören, einseitig abgeschwächte Atemgeräusche.

  • OPQRST (Kap. 2.1.6) und SAMPLER (Kap. 2.1.5) erheben.

  • Anamnese: beobachtetes Ereignis? Evtl. bereits länger liegender Fremdkörper: plötzliche Bronchitis, die nach einigen Tagen fieberhaft wurde.

Basismaßnahmen
  • Je nach Schwere, NA nachfordern.

  • Bei Herz-Kreislauf-Stillstand: Fremdkörper mittels Absaugen (evtl. suction booster) oder Magill-Zange entfernen → sofortige Reanimation (Kap. 3).

  • Bei Bewusstlosigkeit: Kind auf den Rücken legen, Kopf zur Seite drehen und versuchen, den Fremdkörper zu entfernen. Cave: Gefahr des Erbrechens und nochmaliger Aspiration bei zu starker Reizung der Rachenhinterwand.

  • Grundsätzlich Vorgehen nach ERC-Algorithmus „Atemwegsverlegung durch Fremdkörper“ (Abb. 11.6).

  • Bei bereits länger liegendem Fremdkörper: Transport, Versuch unterlassen, den Fremdkörper präklinisch zu entfernen

  • Basismonitoring (RR, P, SpO2, evtl. EKG)

  • O2-Gabe 4–6 l/Min. über Nasenbrille oder Gesichtsmaske

  • Evtl. venösen Zugang legen, Vollelektrolytlösung.

Erweiterte Maßnahmen
  • Versuch, den Fremdkörper unter laryngoskopischer Sicht zu entfernen, gelingt meist nur bei großen Fremdkörpern vor dem Tracheaeingang → nur vom NA durchzuführen → evtl. Analgosedierung notwendig

  • Evtl. Sedierung: Midazolam 0,025–0,05 mg/kg KG i. v. (Kap. 19.2.44), alternativ Midazolam über MAD 100 (Nasenzerstäuber)

Merke

In den meisten Fällen wurde der Fremdkörper bis zum Eintreffen des RD wieder herausgehustet.

Transport
  • !

    Bei nicht entfernbarem Fremdkörper, respiratorischer Insuff. immer mit NA, evtl. Sonderrechte und Voranmeldung in Anspruch nehmen.

  • In Kinderklinik oder Klinik mit chirurgischer/internistischer Abteilung (Möglichkeit der Bronchoskopie)

  • Während des Transports: kontinuierliches Monitoring fortsetzen → ständige Absaugbereitschaft.

Fieberkrampf

Häufigste Art der Krampfanfall FieberKrampfanfälle zwischen 6. FieberkrampfLebensmonat und 5. Lj. Dauern meist ca. 2–15 Min. Präklinische Abgrenzung zur Epilepsie nur schwer möglich, z. B. durch Anamnese, bestehendes Fieber.

Achtung

Komplizierter Fieberkrampf: Krampfanfall dauert länger als 15 Min., Alter außerhalb der o. g. Grenze oder Fieberkrampf wiederholt sich innerhalb von 24 h.

Ersteindruck
  • Tonisch-klonischer Krampf

  • Bewusstseinstrübung, Bewusstlosigkeit

  • Vermehrter Speichelfluss

  • Evtl. Zyanose

  • Einnässen

ABCDE-Schema
  • Fieber, oft > 39–40 °C rektal

Monitoring & Befund

Temp. ↑

  • OPQRST (Kap. 2.1.6) und SAMPLER (Kap. 2.1.5) erheben

  • Anamnese: Infektion, bestehender grippaler Infekt

Fokussierte Untersuchung Inspektion: oft lateraler Zungenbiss
Basismaßnahmen
  • !

    Bei bestehendem Krampf NA nachfordern, Kind vor Verletzungen schützen (Gegenstände wegräumen, Kopf unterpolstern) → nicht gewaltsam fixieren

  • Bei Bewusstlosigkeit in der postiktalen Phase: stabile Seitenlage

  • Atemwege frei machen und freihalten → Aspiration verhindern

  • O2-Gabe 4–6 l/Min. über Nasenbrille oder Gesichtsmaske

  • Basismonitoring (RR, P, EKG, SpO2)

  • Fieber rektal messen

  • Temperatursenkung: Paracetamol rektal (Säugling 125 mg, Kleinkind 250–500 mg, Schulkind 500–1 000 mg, Kap. 19.2.55)

  • !

    BZ messen → Ausschluss einer Hypoglykämie

  • !

    Basischeck → Suche nach sekundären Verletzungen

  • !

    Anfallsmuster und Dauer dokumentieren

  • !

    Evtl. venösen Zugang legen, offenhalten mit Vollelektrolytlösung

Erweiterte Maßnahmen Vorgehen und Medikamentengabe nach Algorithmus „generalisierter Krampfanfall“ (Abb. 11.7): Alternativ kann auch nach folgendem Schema vorgegangen werden:
  • Krampfanfall > 2 Min.: Diazepam bei Säuglingen 5 mg rektal, bei Kindern > 3 J. 10 mg rektal (Kap. 19.2.17)

  • Bei längerem Krampf oder fehlender Reaktion auf rektale Diazepam-Gabe Clonazepam 0,25–1 mg i. v. (Kap. 19.2.15) oder Midazolam 0,025–0,05 mg/kg KG i. v. (Kap. 19.2.44) (Cave: Gefahr des Atemstillstandes)

  • Bei erfolgloser Therapie mit Antikonvulsiva Thiopental 1–3 mg/kg KG i. v. (Kap. 19.2.73)

  • Zum Einsatz von Medikamenten: I. d. R. reicht die nasale Midazolam-Gabe nach o. g. Algorithmus aus.

Transport
  • !

    Mit NA und einem Elternteil in Kinderklinik

  • Bei bestehendem Krampf Voranmeldung

  • Während des Transports kontinuierliches Monitoring fortführen

Tipps & Tricks

Beim Fieberkrampf müssen schwerwiegende Krankheiten wie Meningitis oder Enzephalitis ausgeschlossen werden. Deshalb auf jeden Fall Einweisung in ein Krankenhaus.

Exsikkose/Dehydratation

Flüssigkeits- und DehydratationElektrolytverluste, häufig durch Diarrhö oder ExsikkoseErbrechen.
Ursachen des Flüssigkeitsverlusts
  • Atemwege: Tachypnoe

  • GIT: Erbrechen oder Durchfall, Darmverschluss- oder Darmlähmung (Flüssigkeitsverluste in den Darm oder in die Peritonealhöhle stehen dem Kreislauf nicht mehr zur Verfügung), zu geringe Flüssigkeitszufuhr, Gastroenteritis

  • Harnwege: z. B. bei Polyurie, fehlendem antidiuretischen Hormon (ADH) oder anderen Nierenerkr.

Ersteindruck
  • Leichte Exsikkose (bis 5 % Gewichtsverlust): leicht trockene Schleimhäute, meistens Durst, RR und HF ↔, leichte Unruhe

  • Mittelschwere Exsikkose (bis 10 % Gewichtsverlust): trockene Schleimhäute, bei Säuglingen meist Apathie, bei Kleinkind schrilles Schreien, evtl. RR ↓, HF ↑

  • Schwere Exsikkose (> 10 % Gewichtsverlust): zusätzlich zunehmende Schockzeichen, meistens Apathie bis Bewusstlosigkeit, stehende Hautfalten, eingesunkene Fontanelle, halonierte Augen, respiratorische Insuffizienz, Oligurie bis Anurie, marmorierte Haut

ABCDE-Schema
  • Bei schwerer metabolischer Azidose beschleunigte und vertiefte Atmung

Monitoring & Befund

RR ↓, HF ↑

  • OPQRST (Kap. 2.1.6) und SAMPLER (Kap. 2.1.5) erheben

  • Anamnese: anhaltendes Erbrechen oder Durchfall in den letzten Tagen, bekannter Diabetes mellitus

Basismaßnahmen
  • Je nach Schwere, NA nachfordern

  • Flachlagerung

  • Ruhe ausstrahlen

  • Basismonitoring (RR, P, EKG, SpO2)

  • O2-Gabe 4–6 l/Min. über Inhalationsmaske oder Nasenbrille

  • Flüssigkeitszufuhr:

    • Leichte Exsikkose: wenn möglich durch Trinken

    • Mittelschwere Exsikkose: 20–30 ml/kg KG Vollelektrolytlösung i. v.

    • Schwere Exsikkose: 30 ml/kg KG Vollelektrolytlösung i. v.

Erweiterte Therapie Evtl. Sedierung mit Midazolam 0,025–0,05 mg/kg KG i. v. oder nasal (Kap. 19.2.44).
Transport
  • Bei mittelschwerer bis schwerer Dehydratation immer mit NA und einem Elternteil in Kinderklinik.

  • Bei schwerer Dehydratation Voranmeldung

  • Während des Transports: Flüssigkeitszufuhr fortsetzen, kontinuierliches Monitoring fortführen.

  • Auch an verminderte Flüssigkeitszufuhr durch Flüssigkeitsentzug oder Vernachlässigung denken.

Neugeborenenmanagement

Beurteilung des Neugeborenen

Bestimmung des Gestationsalters
Bei unklarer Schwangerschaftsdauer, Findlingen oder inadäquatem Neugeborenes Reifezeichen Neugeborenes GestationsalterGewicht eines Neugeborenen ist es wichtig, das Gestationsalter so früh wie möglich zu ermitteln.
Reifezeichen Tab. 11.5
  • Hautdurchsichtigkeit: Inspektion von Rumpf oder Körper

  • Ohrform und -festigkeit: Inspektion der Ohrfaltung und Abtasten der Ohrmuschel und des Knorpels.

  • Fußsohlenfurchung: Beurteilung der Furchen nach Streckung der Sohlenhaut von den Zehen bis zur Ferse. Nur große Falten werden registriert. Die Furchen werden mit steigendem Gestationsalter deutlicher sichtbar.

  • Brustdrüsengröße: Anheben des Drüsenkörpers zwischen Daumen und Zeigefinger.

  • Brustwarze: Inspektion.

  • Fingernägel: Inspektion und Palpation der Fingerspitzen. Mit steigendem Gestationsalter werden die Fingernägel länger.

  • Kopfhaar: Inspektion und Palpation. Mit steigendem Gestationsalter werden die Haare kräftiger, seidiger und die einzelnen Haare voneinander unterscheidbar.

APGAR-Score
Nach Virginia Apgar (1952). Dient der allgemeinen Beurteilung APGAR-Scoreeines Neugeborenen direkt nach der Geburt. Neugeborenes APGAR-ScoreDokumentation nach 1, 5, und 10 Min. (Tab. 11.6), Liegt der APGAR-Wert nach 10 Min. noch unter 5, alle 5 Min. weiter dokumentieren, bis normaler Zustand erreicht ist.

Versorgung des Neugeborenen

Basismaßnahmen
  • !

    Die Erstversorgung besteht zunächst aus Abtrocknen, Wärmeerhalt, ggf. Absaugen, Freimachen der Atemwege sowie der Beurteilung der Hautfarbe. Grundsätzliches Vorgehen Abb. 11.8.

  • Bei leichter Asphyxie: evtl. Sauerstoffzufuhr oder Maskenbeatmung

  • Bei der sehr seltenen schweren Asphyxie zunächst Maskenbeatmung, ggf. später Intubation und Beatmung (meist nicht notwendig), noch seltener Thoraxkompressionen und Medikamentengabe.

Erweiterte Therapie Bei Bradykardie (< 60/Min.) und Schock trotz adäquater Beatmung mit 100 % O2 und Herzmassage

Mekoniumaspiration

Reife oder übertragene Föten, die in Mekoniumaspirationutero Stress oder Asphyxie erleiden, entleeren Mekonium vorzeitig. Wenn mit Mekonium versetztes Fruchtwasser bei der Geburt mit den ersten Atemzügen eingeatmet wird (2 ml ausreichend), spricht man von Mekoniumaspiration. Letalität 40 %.
Mekonium: in der Fetalperiode im Darm gebildeter Darminhalt des Neugeborenen. Schwarz-braun-grüne zähklebrige Masse, die physiologischerweise erstmals 12–24 h nach der Geburt entleert wird.
Ersteindruck
  • Häufig reife oder übertragene Neugeborene, sehr selten Frühgeborene

  • Gelb-grünlich mekoniumverfärbte Haut, Nabelschnur und Finger- und Fußnägel

  • Stöhnatmung, Tachypnoe, interkostale Einziehungen

  • Zyanose

ABCDE-Schema Auskultation: RG.
Fokussierte Untersuchung Inspektion: mekoniumgefärbtes Fruchtwasser, bei trachealer Untersuchung sind Mekoniumstücke sichtbar, Kehlkopf ist mekoniumverfärbt
Basismaßnahmen
  • !

    Prävention: unmittelbar nachdem der Kopf geboren ist, vor dem ersten Atemzug Mund und Nase absaugen

  • Nach der Geburt: Atemwege frei machen und Trachea inspizieren. Ist Mekonium zu sehen, gründliches Absaugen, um weiteres Eindringen von Mekonium in die Alveolen zu verhindern

  • Bei gesicherter Mekoniumaspiration: gründliches Absaugen, ggf. zunächst Intubation und saugen über den Tubus, Instillation von 2 ml warmer 0,9-prozentiger NaCl-Lösung, nochmaliges Absaugen

  • O2-Gabe: 2–4 l/Min.

  • Basismonitoring (RR, P, EKG, SpO2)

  • Bei Neugeborenen immer EKG zur Überwachung anlagen

  • Venösen (Kap. 2.4.3) oder intraossären Zugang (Kap. 2.4.4) legen, offenhalten mit Vollelektrolytlösung

Transport
  • !

    Mit NA in Kinderklinik mit Neugeborenen-Intensivstation, Voranmeldung

  • Während des Transports kontinuierliches Monitoring fortführen

Kindesmisshandlung (battered child syndrome)

Körperliche Gewaltanwendung, Kindesmisshandlungseelische Schädigung, battered child syndromesexueller Missbrauch eines Kindes. Kann zu Entwicklungshemmungen, Verletzungen oder zum Tode führen. Kindesmisshandlung ist ein typisches Wiederholungsdelikt. Verhältnis Jungen zu Mädchen 7 : 6.
Häufigkeit (Daten vom Bundeskriminalamt für das Jahr 2013):
  • 4051 Kinder wurden körperlich misshandelt (dokumentiert).

  • 14877 Kinder wurden sexuell missbraucht.

  • 153 Kinder starben an den Folgen von Missbrauch.

  • !

    Die Dunkelziffer liegt ca. 10–20 Mal höher.

Merke

Kindesmisshandlung tritt nicht nur in sozial schwachen Familien auf, sondern ist in allen Schichten zu finden.

Körperliche Misshandlung

Traumatisierung der Weichteile, des Skeletts,Kindesmisshandlung körperliche ZNS, innerer Organe oder Zähne durch direkte Gewalteinwirkung.
Typische Verletzungen Abb. 11.9
  • Haut:

    • Hämatome: multipel, unterschiedliches Alter (Tab. 11.7), striemenförmig, Griffmarken an Hals oder Schultern

    • Wunden: Schürfwunden (frisch oder verschorft), Schwellungen

    • Brandwunden: z. B. durch Ausdrücken von Zigaretten (kleine Verbrennungen mit einem Durchmesser < 5 mm). „Stocking burns“, durch Eintauchen der Hand oder der Füße in heißes Wasser (charakteristische „Plantsch-Marken“ bei Festhalten des Kindes mit Abwehrbewegungen)

  • Skelett: multiple Frakturen, Schädelfrakturen

  • ZNS:

    • Zeichen stumpfer Gewalteinwirkung gegen den Kopf: z. B. Kopfplatzwunde, Hämatome

    • „Shaken baby syndrome“: heftiges Schütteln des shaken baby syndromeSäuglings führt zur Subarachnoidalblutung und erhöhtem Hirndruck

  • Innere Organe: intraabdominelle Blutungen

  • Genitalien: Rötungen, Schwellungen, Blutungen, Einrisse an Penis oder Scheideneingang, Zerreißung des Anus, intravaginale oder anale Fremdkörper, evtl. frische Spermaspuren im Anogenitalbereich

Alterstypische Verletzungen Abb. 11.9
  • Bis 2. Lj.: Hämatome, V. a. Kopfverletzungen

  • 3.–12. Lj.: Beine, Rücken, Gesäß, Genitale

  • 12.–17. Lj.: Kopf, Hals, Gesicht, Schultern

Auffälligkeiten bei den Eltern
  • RD wird oft mit zeitlicher Verzögerung alarmiert: „Er ist vor 3 h vom Wickeltisch gefallen, aber wir haben unseren Kinderarzt nicht erreicht.“

  • Bizarre Erklärungen für den Unfallhergang: „gegen die Tür gelaufen“, „vom Wickeltisch gefallen“, „hat am Herd gespielt“, Prügelei mit anderen Kindern.

  • Bei SIDS (Kap. 11.7.1) immer an Misshandlung denken.

  • Alkohol- und Drogenabhängigkeit

  • Verwahrloste Wohnung

Auffälligkeiten beim Kind
  • Meist keine Abwehr gegen eine Untersuchung

  • Extrem ängstlich, macht ungefragt kaum Mitteilungen

  • Entwicklungsverzögerung, Unterernährung

  • Zeichen körperlicher Verwahrlosung, mangelnder Hygiene

Emotionale Misshandlung

Abweisende, ablehnende oder ignorierende Kindesmisshandlung emotionaleVerhaltensweisen der Eltern, die zur Isolation des Kindes führen. Häufig verzögerte Sprachentwicklung.
Im RD kaum zu diagnostizieren. Gehört in die Hände von erfahrenen Kinder- und Jugendtherapeuten/Psychiatern.

Sexueller Missbrauch

Ausbeutung der Kindesmisshandlung sexuelleAbhängigkeit eines Kindes durch sexuelle Handlungen Erw. oder Jugendlicher zur sexuellen Befriedigung des Missbrauchenden.
  • Jede Handlung zur sexuellen Stimulation des Kindes

  • Absicht, das Kind zur eigenen sexuellen Erregung zu benutzen

  • Geschlechtsverkehr

Merke

In 80 % der Fälle spielt sich der Missbrauch innerhalb der Familie ab und beginnt oft schon vor dem 3. Lj. Seltener ist es der „Fremde von der Straße“.

Auffälligkeiten beim Kind
  • Verhaltensauffälligkeiten

  • Sexualisiertes Verhalten

  • Angst, Abwehr bei körperlicher Untersuchung

  • Einnässen, Bauchschmerzen, psychosomatische Erkr.

Maßnahmen bei Kindesmisshandlung

Rettungsfachpersonal
  • Therapie Kindesmisshandlung Maßnahmennach Verletzungsmuster.

  • !

    Evtl. NA nachfordern

  • Bei V. a. Kindesmisshandlung Kind immer in der Kinderklinik oder beim Kinderarzt vorstellen. Verdachtsmomente nicht in Anwesenheit der Eltern besprechen, evtl. Arzt bitten, in einen Nebenraum mitzukommen (kein Bruch der Schweigepflicht)

  • Keine direkten Vorwürfe an die Eltern richten

  • Keine emotionalen Reaktionen, die sachgerechte Versorgung des Kindes steht im Vordergrund

Notarzt
  • !

    Kindesmisshandlung unterliegt nicht der Pflichtstrafanzeige

  • In schweren Fällen oder bei Hinweisen auf Wiederholung ist eine Strafanzeige unumgänglich (Bruch der Schweigepflicht durch gerechtfertigten Notstand nach §34 StGB). Dies gilt besonders, wenn deutlich wird, dass in letzter Zeit häufiger Ärzte gewechselt, bzw. der ÄND (anonym, wechselt häufig) konsultiert wurde.

  • Vorher immer überlegen, ob nicht mildere Mittel möglich sind: Kinder werden durch die Strafanzeige oft doppelt bestraft, die Eltern sind nicht mehr kooperativ.

  • Jugendamt, Fürsorge, Familientherapeuten einschalten. Für das Jugendamt besteht keine Pflicht zum Strafantrag.

  • Wichtig sind intensive Gespräche mit Eltern, Großeltern.

Plötzlicher Kindstod

Sudden infant death syndrome (SIDS)

Der plötzliche Tod („Krippentod“) eines Kindstod, plötzlicher KrippentodSäuglings, der der Anamnese zufolge unerwartet eintrat. Nach heutiger Definition handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose. Todeseintritt fast ausschließlich im Schlaf, oft begleitet von banalen Atemwegsinfekten. Ätiologie unklar, bisher lediglich Risikofaktoren bekannt.
Häufigkeit In Deutschland hat die Zahl der plötzlichen Kindstodfälle seit 1991 kontinuierlich abgenommen. Im Jahr 2011 wurden 147 Fälle bekannt 1990 waren es noch 1,42 Fälle pro 1 000 Lebendgeburten. Der Rückgang wird auf in den letzten Jahren durchgeführte intensive Aufklärungskampagnen zurückgeführt. Das SIDS ist häufigste Ursache der postneonatalen Säuglingssterblichkeit (7. Lebenstag bis Ende des 1. Lj.). Häufigkeitsmaximum: 90 % innerhalb der ersten 6 Monate.
Risikofaktoren
  • Hochrisikogruppe Kindstod, plötzlicher Risikofaktoren(max. 20 % aller SIDS-Fälle): Frühgeburt mit Geburtsgewicht < 1 500 g. Kinder drogenabhängiger Mütter, Kinder mit einem ALTE (apparent life-threatening event, Kap. 11.7.2), nachfolgende Geschwister

  • Bauchlage, besonders auf zu weicher Unterlage

  • Rauchen der Mutter oder in der Umgebung des Kindes

  • Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen

  • Überwärmung durch dicke Kleidung oder zu hohe Raumtemperatur

Maßnahmen beim SIDS
  • Eltern beruhigen, erklären, dass alles für ihr Kind getan wird

  • Allgemeine Reanimationsmaßnahmen nach ERC-Leitlinien (Abb. 11.8), außer bei Kindern mit sicheren Todeszeichen (Leichenflecken, Totenstarre) → Reanimation aus Sicht der Eltern eher belastend, Eltern während der Reanimation nicht ausgrenzen

  • Leichenschau durch den NA: sorgfältige äußere Untersuchung des entkleideten Kindes, auf Hinweise auf Gewalteinwirkung achten, wie Hämatome unterschiedlichen Alters, Wunden, Verbrennungen, Zeichen der Verwahrlosung, Unterernährung. Wenn möglich, rektale Temperaturmessung

  • Ausfüllen der Todesbescheinigung durch den Arzt, dabei:

    • Todesart: „nicht aufgeklärt/ungeklärt“ ankreuzen oder handschriftlich vermerken, evtl. „Obduktion erforderlich/wird angestrebt“ ankreuzen

    • Todesursache: „vermutlich SIDS“ angeben

  • Spuren der Reanimation beseitigen, evtl. venöse Zugänge, Tubus, EKG-Elektroden entfernen, Kind anziehen und für das Abschiednehmen der Familie vorbereiten, z. B. in das Bettchen oder der Mutter/dem Vater in den Arm legen

  • Polizei hinzuziehen

Problembewältigung für Rettungsfachpersonal Der plötzliche Säuglingstod gehört zu den am schwersten zu bewältigenden Notfalleinsätzen.
  • Zeit nehmen, um sich über seine Gefühle beim Tod eines Babys klar zu werden

  • Gespräch im Team oder zu einzelnen Kollegen suchen – sofort, aber auch Tage oder Wochen später

  • Kollegen, die offensichtlich stark betroffen sind, ansprechen, evtl. für Ablösung sorgen

  • Professionelle Berater ansprechen, z. B. Notfallseelsorger, Psychologen, CISD

  • Erneut Kontakt zur betroffenen Familie aufnehmen, auch Tage oder Wochen später.

Kontakte und Informationen

Gemeinsame Elterninitiative Plötzlicher Säuglingstod (GEPS) e. V., Bundesgeschäftsstelle, Simone Beardi, Fallingbosteler Straße 20, 30625 Hannover, Tel.: 0511/8 38 62 02, Web: www.geps.de.

Apparent life-threatening event (ALTE)

Synonym: ALE (anscheinend apparent life-threatening eventlebensbedrohliches Ereignis), früher Near-SIDSNear-SIDS.
Akuter Zustand mit Apnoe, Zyanose/Blässe, verändertem Muskeltonus, Erstickungsgeräusche, Röcheln. Altersgipfel: 2.–3. Lebensmon., Häufigkeit im Säuglingsalter nicht zuverlässig bekannt. Nach einem ALTE ist das SIDS-Risiko deutlich erhöht. In 50–70 % der Fälle ist der Nachweis einer Grunderkr. möglich: Funktionsstörung der Atemwege, des Herzens, des ZNS, des Stoffwechsels.
Risikofaktoren Alter < 6. Mon.apparent life-threatening event Risikofaktoren, Frühgeborenes, Infektionen mit dem Respiratory Syncytial Virus (RS-Virus), Kinder, die während des Fütterns häufig husten, männliches Geschlecht, vorangegangene ALTE (Wiederholungsrisiko > 30 %).
Maßnahmen
  • Viele dieser Säuglinge sind durch frühzeitiges Eingreifen (Berührung, Beatmung) zu retten → evtl. Reanimation nach ERC-Richtlinien (Abb. 3.5).

  • Eltern beruhigen, erklären, dass alles für ihr Kind getan wird.

  • Atemwege frei machen/freihalten.

  • Monitoring frühzeitig durchführen, vor allem EKG.

  • Venösen Zugang legen, evtl. intraossärer Zugang: Offenhalten mit Vollelektrolytlösung.

  • Körperliche Untersuchung sowie neurologischer Befund.

  • Gründliche Anamnese erheben: Wer hat das Ereignis beobachtet? Möglichst detaillierte Beschreibung des Zustands des Kindes vor und während des Ereignisses erfragen (u. a. Dauer des Ereignisses, Geräusche, Hautfarbe, Muskeltonus, vorausgegangene ähnliche Ereignisse).

  • Stationäre Aufnahme in einer Kinderklinik mit pädiatrischer Intensivstation obligat nach Reanimation, klinischen Auffälligkeiten, Alter < 1 Monat, vorangegangenem ALTE in der Anamnese.

Wichtige Differenzialdiagnosen
  • Gastrointestinale Ursachen (z. B. Reflux)

  • Respiratorische Ursachen (z. B. Pneumonie, Aspiration)

  • Ursachen im Bereich des ZNS (z. B. Krampfanfall, Meningitis)

  • Kardiologische Ursachen (z. B. Arrhythmie, Vitium)

  • Stoffwechselstörungen (z. B. Elektrolytstörungen, Hypoglykämie)

  • Kindesmisshandlung (Kap. 11.6)

Merke

Bei mehr als 50 % ist die Ursache nicht zu ermitteln.

Wichtige Informationen zum Weiterbetrieb der Medizinwelt