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B978-3-437-23144-5.00016-1

10.1016/B978-3-437-23144-5.00016-1

978-3-437-23144-5

Degenerative Erkrankungen und Entwicklungsstörungen

Achim Berthele

  • 16.1

    Degenerative Erkrankungen des motorischen Systems554

    • 16.1.1

      Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)554

    • 16.1.2

      Spastische Spinalparalyse (SSP/HSP)556

    • 16.1.3

      Spinale Muskelatrophie (SMA)557

  • 16.2

    Ataxien558

    • 16.2.1

      Klinik, diagnostisches Vorgehen und Therapie558

    • 16.2.2

      Erworbene Kleinhirnatrophie559

    • 16.2.3

      Autosomal-rezessiv vererbte Ataxien560

    • 16.2.4

      Ataxien im Rahmen von maternal vererbten Systemerkrankungen562

    • 16.2.5

      Autosomal-dominant vererbte Ataxien563

    • 16.2.6

      Sporadische degenerative Ataxie – Multisystematrophie (MSA-C)564

  • 16.3

    Phakomatosen564

    • 16.3.1

      Definition564

    • 16.3.2

      Neurofibromatose (NF)564

    • 16.3.3

      Tuberöse Hirnsklerose (TS)566

    • 16.3.4

      Von-Hippel-Lindau-Syndrom (VHL)567

    • 16.3.5

      Sturge-Weber-Syndrom (SWS)568

    • 16.3.6

      Weitere Phakomatosen568

  • 16.4

    Infantile Zerebralparese (ICP, CP)569

Degenerative Erkrankungen des motorischen Systems

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

Lateralskleroseamyotrophe (ALS)Erkrankungdegenerative, d. motorischen SystemsICD-10 G12.2. Syn.: myatrophe LateralskleroseLateralsklerosemyatrophe, Lou Gehrig DiseaseLou Gehrig Disease.
DefinitionDegeneration des 1. u. 2. Motoneurons (MN). Inzidenz 2,5/100.000, Prävalenz 6–8/100.000, Lebenszeitrisiko ≈1 ‰. Klassische Form mit Beginn 40.–70. Lj, M : F = 1,5–2 : 1.
UrsacheMeist sporadisch, in 5–10 % familiäre Häufung.
Klinik
  • Atrophische, meist distale symmetrische Paresen mit Faszikulationen, meist zuerst der kleinen Hand- u. Unterarmmuskeln.

  • Gut auslösbare o. gesteigerte Reflexe, evtl. mit Pyramidenbahnzeichen u. erhöhtem Muskeltonus, meist erhaltene Bauchhautreflexe.

  • Keine Stör. der Sensibilität; allenfalls Angabe von Parästhesien.

  • Fakultativ mimische Enthemmungsphänomene: Path. Weinen u. Lachen (1.1.11).

  • Resultiert in Kachexie und respiratorischer Insuff.

  • Okulomotorik u. Sphinkter nur in Spätstadien betroffen.

  • ALS-FTD: 5–10 % aller ALS-Patienten haben Symptome einer Frontotemporalen Demenz.

Varianten:
  • Lateralskleroseprimäre (PLS)Prim. Lateralsklerose (PLS): Betrifft nur 1. MN; meist beinbetont.

  • Progressive Muskelatrophie (PMA): Muskelatrophieprogressive

    • klinisch nur 2. MN betroffen.

    • DD: Von der SMA Typ IV (16.1.3) durch raschere Progression zu unterscheiden.

  • SyndromFlail-Arm-SyndromFlail-LegFlail-Arm-Sy. (Vulpian-Bernhard-VarianteVulpian-Bernhard-Variante), Flail-Leg-Sy. Flail-Arm-SyndromFlail-Leg-Syndrom:

    • asymmetrische prox. Atrophie („flail“ = Dreschflegel).

    • M > F.

  • Progressive BulbärparalyseBulbärparalyse, progressive (PBP) (PBP):

    • F > M.

    • prim. bulbäre Sympt. mit Dysphagie, Dysarthrie, Dysphonie, Zungenatrophie mit Fibrillationen u. Faszikulationen, Hypomimie.

  • Hemiplegische Mills-Variante: Mills-Variante, hemiplegischeInitiale Sympt. auf eine Körperseite beschränkt bzw. einseitig betont.

Varianten gehen häufig im Verlauf in eine klassische ALS über.

DiagnostikDie Diagnose einer ALS erfolgt anhand der revidierten El-Escorial-Kriterien/El-Escorial-KriterienAwaji-shima-EmpfehlungenAwaji-shima-Empfehlungen. Die Kategorie „klinisch mögliche ALS“ reicht aus, die Diagnose formal zu stellen.
  • EMG (2.5): Generalisierte neurogene Veränderungen, auch in klin. nicht betroffenen Muskelgruppen:

    • hochamplitudige MAPs, pos. scharfe Wellen/Fibrillationen.

    • bei gleichzeitigem Nachw. chron. neurogener Veränderungen können Faszikulationen den Nachweis pos. scharfen Wellen/Fibrillationen ersetzen.

  • NLG: Im Verlauf niedrige motorische Amplituden bei normaler NLG; sensible Neurografie unauffällig.

  • Evozierte Potenziale: MEP mit hohen Reizschwellen/niedrigen Potenzialen, SSEP normal.

  • Labor: Leichte CK-Erhöhung möglich; Liquor: Nur zum Ausschluss DD sinnvoll.

  • MRT: Degeneration der Pyramidenbahn kann in T2-gewichteten Sequenzen nachweisbar sein.

  • Lungenfunktion: Vitalkapazität ↓.

  • Sono: Nachweis von Faszikulationen (v. a. geeignet für Unters. der Zunge).

Revidierte El-Escorial-Kriterien/Awaji-shima Empfehlungen

El-Escorial-KriterienAwaji-shima-EmpfehlungenKlinische, elektrophysiologische (EMG) oder neuropathologische Zeichen der Degeneration des 2. MN und klinische Zeichen der Degeneration des 1. MN und Ausbreitung auf mehrere Körperregionen und Ausschluss von DD. Je nach Ausprägung lassen sich unterscheiden:

  • Klinisch definitive ALS: Klinisch oder elektrophysiologisch 1. u. 2. MN in ≥ 3 Regionen betroffen (HN/zervikales/thorakales/lumbosakrales RM).

  • Klinisch wahrscheinliche ALS: Klinisch oder elektrophysiologisch 1. u. 2. MN in 2 Regionen betroffen, zusätzlich Zeichen des Befalls des 1. MN rostral.

  • Klinisch mögliche ALS: Klinisch oder elektrophysiologisch 1. u. 2. MN in 1 Region betroffen oder Zeichen des alleinigen Befalls des 1. MN in ≥ 2 Regionen oder 2. MN rostral der Region des Befalls des 1. MN. betroffen.

DifferenzialdiagnosenBenigne Faszikulationen: Keine Sympt. des 1. MN, keine sonstigen ALS-typ. Befunde im EMG.
  • Endokrinologisch, z. B. Hyperthyreose mit Muskelzuckungen, -schwäche; Hyperinsulinismus mit Hypoglykämie; Hyperparathyreoidismus.

  • Paraneoplastisch (13.7): Bronchial-, Prostata- o. Mamma-Ca: Paraneoplastische AK (v. a. Anti-Hu).

Mit Überwiegen von Muskelatrophie o. -schwäche:
  • Myasthenia gravis (21.1), Lambert-Eaton-Sy. (21.2).

  • Entzündl. Erkr.: Neurosyphilis (9.3.7); Poliomyelitis/Post-Polio-Sy. (14.4.3).

  • Muskelerkr., z. B. Einschlusskörperchen-Myositis (20.7.1, 20.7.4); Polymyositis (20.7.1, 20.7.3).

  • Multifokale motorische Neuropathie (MMN): Leitungsblöcke, Anti-GM1-AK im Serum.

  • CIDP: Sensibilitätsstör., NLG, Liquor.

  • Funikuläre Myelose (19.5.3): Sensibilitätsstör., Labor, MRT.

  • Intox. (3.17): Blei, Quecksilber, Aluminium.

Mit Überwiegen von Pyramidenbahnzeichen:
  • Spastische Spinalparalyse (16.1.2).

  • Spinale o. medulläre Raumforderung (Tumor, Bandscheibenprolaps), zervikale Myelopathie.

  • Syringomyelie (14.9).

  • Vask. Myelopathie.

  • Entzündl. Erkr.: HIV (9.4.8); HTLV-I-assoziierte Myelitis.

  • Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (9.6.2).

DD der prim. bulbären Verlaufsform:
  • Vask. Pseudobulbärparalyse: MRT.

  • Bulbäre Form der Myasthenia gravis (21.1), Lambert-Eaton-Sy. (21.2).

  • Miller-Fisher-Sy. (19.9.2): GQ1b-AK.

  • Okulopharyngeale Muskeldystrophie: Augenbeteiligung.

  • Basiläre Impression (14.8.1).

Therapie
Medikamentöse Ther.: Glutamatantagonist Riluzol (Rilutek®; 2 × 50 mg/d p. o.): Verlängert Überleben um ≈ 3 Mon.
NW: Übelkeit, Erbrechen, Schwäche, Leberschäden, selten Neutropenie (monatliche Kontrolle der Leberenzyme in den ersten 3 Mon., danach 3-monatlich im 1. J.; Kontrolle der Leukos bei Fieber).

Kontakt zu Selbsthilfegruppen

Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) e. V., www.dgm.org
PrognoseRespiratorische Insuffizienz nach 3–5 J., aber variabel. Schlechtere Progn. bei Bulbärparalyse.

Spastische Spinalparalyse (SSP/HSP)

ICD-10 G11.4. Syn.: SpinalparalysespastischeHereditäre spastische Spinalparalyse (HSP), Strümpell-Lorrain-Sy.Strümpell-Lorrain-SyndromSyndromStrümpell-Lorrain- Genetische Klassifikation: SPG („spastic paraplegia gene“).
DefinitionBetroffen ist in der reinen Form nur das 1. MN, chron. progredienter Verlauf ohne Remissionen. M : F = 2 : 1; Beginn im 2.–4. Ljz.
Ätiologie
  • Hereditäre Erkr. mit hoher intrafamiliärer Variabilität.

  • Aut.-dom. (am häufigsten SPG4), aut.-rez., X-chomosomaler Erbgang o. sporadisch.

Klinik
Reine Formen: Überwiegend aut.-dom.
  • Zuerst spastisches Gangbild mit gesteigerten MER/Kloni u. Pyramidenbahnzeichen; bilateraler Adduktorenspasmus typisch.

  • Später spastische Paresen, Spastik stets ausgeprägter als Paresen.

  • Armbeteiligung selten u. erst nach vielen Jahren.

  • Pallhypästhesie u. leichte Blasenstör. möglich.

Komplexe Formen: Systemerkr. mit zusätzlichen zerebellären o. visuellen Sympt., kognitiven Defiziten, Ataxie/Neuropathie. Überwiegend aut.-rez. o. X-chrom.
Diagnostik
  • Anamnese: Familien- u. Geburtsanamnese (DD infantile Zerebralparese).

  • MRT: Kranial (z. A. vask. o. entzündl. Veränderungen) u. zervikal (dünnes Corpus callosum z. B. bei SPG 11 o. z. A. Raumforderung mit Myelonkompression).

  • Elektrophysiologie: Evozierte Potenziale, NLG/EMG.

  • Molekulargenetische Diagn.:

    • zur Diagnosesicherung, insbes. bei pos. Familienanamnese. Nicht für alle Loci routinemäßig angeboten.

    • Übersicht über durchführende Labors: www.hgqn.org.

    • !

      Voraussetzung: Humangenetische Beratung des Pat.!

TherapieSymptomatisch antispastische Ther. (14.2.2) u. frühzeitig Physiother.
PrognoseAbhängig von Form u. individueller Ausprägung sowohl Rollstuhlpflichtigkeit als auch erhaltene Gehfähigkeit > 30 J. nach Erkr.-Beginn möglich.

Spinale Muskelatrophie (SMA)

ICD-10 G12.0: Typ Werdnig-Hoffmann; G12.1: übrige. Muskelatrophiespinale (SMA)
DefinitionErkr. des 2. MN, bei manchen Formen auch der motorischen HN-Kerne.
KlinikSchlaffe, symmetrische, atrophische Lähmung mit abgeschwächten MER, Faszikulationen u. Fibrillationen ohne Sensibilitätsstör.
Proximale spinale Muskelatrophie
  • CK: Normal bis mäßig ↑.

  • Typ I – infantile Form (Werdnig-Hoffmann):

    • Erkr.-Beginn: Geburt bis < ½ J.

    • „Floppy infant“floppy infant: Trinkschwäche, prox. beinbetonte Schwäche, bulbäre u. Atemmuskulatur früh betroffen.

    • Tod meist vor 3. Lj wegen Ateminsuff., Sitzen wird nicht erlernt.

  • Typ II – intermediäre Form:

    • Erkr.-Beginn 1.(–3.) Lj.

    • Sitzen wird erlernt, nicht jedoch Stehen u. Gehen.

    • prox. beinbetonte Schwäche, später auch Stamm- u. Gesichtsmuskulatur; atrophiebedingte Gelenkfehlstellungen, Kyphoskoliose.

    • Tod durch Lähmung der Atemmuskulatur meist vor 20. Lj.

  • Typ III – juvenile Form (Kugelberg-Welander):

    • Erkr.-Beginn 1.–18. Lj.

    • Paresen von Beckengürtelmuskulatur, Oberschenkel, später Schultergürtel u. Arme.

    • Gowers-ZeichenGowers-Zeichen pos., Trendelenburg-Gang.

    • geringe Progredienz mit Stillstand, ⅔ der Pat. werden rollstuhlpflichtig.

    • meist normale Lebenserwartung.

    • Progn. mit frühem Erkr.-Beginn schlechter.

Die SMA Typ I–III sind aut.-rez. Erkr. mit Deletionen im Bereich des SMN1-Gens („survival motor neuron gene“) auf Chr. 5. Klin. u. genetisch überlappen alle Typen stark.

  • Typ IV – adulte Form: SMA

    • genetisch heterogen.

    • Krankheitsbeginn > 18.–30. Lj.

    • normale Kraft in der Kindheit.

    • prox. beinbetonte Schwäche, Pseudohypertrophie der Waden. Hyperlordose, Skoliose.

    • Zungenfaszikulationen möglich, sonstige bulbäre Sympt. sind sehr selten.

    • Atemmuskulatur betroffen.

    • sehr langsam progredient, normale Lebenserwartung.

  • Spinobulbäre Muskelatrophie Kennedy: Muskelatrophiespinobulbäre, Kennedy

    • häufigste spinale Muskelatrophie im Erw.-Alter (Inzidenz 2/100.000); X-chrom. vererbt durch Trinukleotid-Expansion im Androgenrezeptor.

    • nur M betroffen; subklinische Defizite auch bei F.

    • Beginn: 20.–60. Lj mit Schwäche der Gesichtsmuskulatur, häufig mit Faszikulationen („Chivering Chin“).

    • später Dysarthrie, Dysphagie, Zungenatrophie u. Schwäche/Atrophie der Schultergürtelmuskulatur, Tremor.

    • langsame Progredienz, normale Lebenserwartung.

    • Sensibilität erhalten, sensible Neurografie kann jedoch auffällig sein.

    • CK häufig ↑ (< 5 × obere Norm).

    • bei 50 % der Betroffenen Androgenresistenz: Hodenatrophie/Oligospermie, Gynäkomastie, Glukoseintoleranz.

Segmentale SMA/monomelische Muskelatrophie
  • M > F, vorwiegend Asiaten.

  • Distale, meist einseitige Atrophie der oberen (Hirayama-Erkr.;Hirayama-Erkrankung häufigste DD: Flexionsmyelopathie) o. unteren Extremität (peronealer Typ) mit langsamer Progredienz.

Diagnostik
  • Elektrophysiologie:

    • neurografisch mot. Amplituden ↓ bei normaler NLG; sensibel Normalbefund.

    • EMG: Neurogene Veränderungen.

    • bei infantilen Formen häufig noch kein Nachweis chron. neurogener Veränderungen.

  • Muskelbiopsie: Nicht zielführend. Typ. Bild der neurogenen Atrophie einer motorischen Einheit.

  • Molekulargenetische Diagn.: SMN1-Gen auf Chr. 5 bei SMA I–III(IV) o. CAG-Expansion (> 40) im Androgenrezeptor-Gen bei Kennedy-Sy.

    • Übersicht über durchführende Labors: www.hgqn.org.

    • !

      Voraussetzung ist eine humangenetische Beratung des Pat.!

Therapie
  • Typ I–III: Nusinersen (Spinraza™) i. th. Aktiviert SMNZ als Ersatz für SMN1.

  • Physiother., orthopädische Behandlung von Kontrakturen u. Skoliose.

  • Versorgung mit Orthesen u. Hilfsmitteln.

  • Nichtinvasive Heimbeatmung bei Sympt. einer nächtlichen Hypopnoe wie Schlafstör., morgendlichem Kopfschmerz, Appetit-, Konzentrationsstör.

Ataxien

Klinik, diagnostisches Vorgehen und Therapie

KlinikAtaxieKlinikZum Leitsympt. zerebelläre Ataxie kommen je nach Krankheitsbild fakultative Sympt. hinzu:
  • Hinterstrangsympt.: Par- u. Hypästhesien von Füßen u. Unterschenkeln mit sensibler Ataxie.

  • Beteiligung der Pyramidenbahn: Spastik, Hyperreflexie, Pyramidenbahnzeichen.

  • Extrapyramidale Sympt.: Rigor, Hypomimie, Tremor.

  • Orthostatische Dysregulation.

  • Mentale Retardierung.

  • Augensympt.: Katarakt, Retinitis pigmentosa, Strabismus, Nystagmus, Blickparesen.

Diagnostisches Vorgehen Ataxie Diagnostik

  • Erkr.-Beginn nach dem 40. Lj u. neg. Familienanamnese: Zunächst Ausschluss der Urs. für eine erworbene Kleinhirnatrophie (16.2.2), danach V. a. sporadische degenerative Ataxie (16.2.6), selten SCA (v. a. SCA 6) o. Friedreich-Ataxie.

  • Erkr.-Beginn vor dem 25. Lj mit sporadischem Auftreten oder betroffenen Geschwistern: V. a. aut.-rez. vererbte Ataxie (16.2.3).

  • Bei ebenfalls betroffenem Elternteil u. variablem Krankheitsbeginn: V. a. aut.-dom. vererbte Ataxie (16.2.3).

Allgemeine Therapie zerebellärer Erkrankungen

  • Erkrankungzerebelläre, TherapieBeseitigung der Urs. bei erworbenen Formen.

  • Bei hereditären u. idiopathischen Formen keine kausale Ther. möglich.

Medikamentöse Ther.: Bei Bedarf internistische Behandlung von Begleiterkr.
Allg. Maßnahmen:
  • Physiother.: Mobilität erhalten, Fehlbelastungen verhindern, Verspannungen lockern.

  • Übergewicht vermeiden; spezielle Diäten bei metab. Ataxien.

  • Hilfsmittel: Orthopädische Schuhe, Gehhilfen, Stützkorsett, später Rollstuhl.

Kontakt zu Selbsthilfegruppen

Deutsche Heredo-Ataxie-Gesellschaft (DHAG) e. V., www.ataxie.de

Erworbene Kleinhirnatrophie

Alkoholische Kleinhirndegeneration (AKD/ACD)
KleinhirnatrophieerworbeneKleinhirndegenerationalkoholische (AKD/ACD)ICD-10 G31.2.
Vorwiegend bei M im mittleren Lebensalter. Betrifft zerebellären Kortex mit Betonung des Oberwurms; auch generalisierte Hirnatrophie.
UrsachenTox. Wirkung des Äthanols kombiniert mit Vit.-B1-Mangel.
Klinik
  • Gang- u. Standataxie; andere Kleinhirnzeichen eher milde.

  • Verlauf variabel: Subakut (im Rahmen einer Wernicke-Enzephalopathie, 24.7.1) bis langsam progredient.

DiagnostikcMRT, Vit. B1, Leberenzyme, CDT („carbohydrate-deficient transferrin“).
TherapieAlkoholkarenz, Vit.-B1-Substitution (100 mg/d p. o.). Darunter Stabilisierung, z. T. auch Besserung möglich.
Andere Ursachen
  • Paraneoplastische Kleinhirndegeneration (PKD/PCD): Kleinhirndegenerationparaneoplastische (PKD/PCDVor allem bei kleinzelligem Bronchial-Ca, Mamma-Ca, Ovarial-Ca, Lymphomen (13.7).

  • Medikamentös-toxisch:

    • Kleinhirnatrophiemedikamentös-toxischeAntiepileptika (Phenytoin, Carbamazepin), Benzodiazepine (Nitrazepam), Lithium.

    • Zytostatika (v. a. 5-FU, Cytosin-Arabinosid).

    • Schwermetalle (Blei, Thallium, Quecksilber, Lithium); Chemikalien (Lösemittel).

  • Metab.: Kleinhirnatrophiemetabolische

    • Vit.-E-, Vit.-B1-, Vit.-B12-Mangel (14.6.1, 19.5.3).

    • Hypothyreose (24.5.3).

    • Wilson-Krankheit (15.5): Westphal-Variante mit Dysarthrie u. Intentionstremor.

  • Nutritiv: KleinhirnatrophieZöliakieBei glutensensitiver Enteropathie (ZöliakieZöliakie/SprueSprue, mit Nachweis von Gliadin-AK). Glutenfreie Diät kann helfen.

  • Infektiös: Kleinhirnatrophieinfektiöse

    • viral: VZV > EBV, Röteln, Mumps, FSME, Influenza, Parainfluenza, Polio, HSV, CMV, Echo-, Coxsackie-, JC-Viren, HIV.

    • Bakt.: Mykoplasma, Hämophilus, Legionellen, syphilitische Tabes, Abzesse.

    • Pilze u. Parasiten: bei Immunsuppression: Cryptococcus, Aspergillus, Candida; Toxoplasmose.

    • Prionen: Creutzfeldt-Jakob-Erkr. (9.6.2), Gerstmann-Sträussler-Sy.

  • Autoimmun: Kleinhirnatrophieautoimmune

    • MS (10.1); GAD-AK-assoziierte Ataxie (häufig im Rahmen eines polyglandulären Autoimmunsy., z. B. mit Diab. mell.).

Autosomal-rezessiv vererbte Ataxien

Ataxieautosomal-rezessiv vererbteErkr.-Beginn meist vor dem 25. Lj. Gruppe von Krankheiten, die unter dem Begriff EOCAEOCA, Early-onset cerebellar ataxia („Early-onset cerebellar ataxia“) zusammengefasst werden.
Friedreich-Ataxie (FRDA)
ICD-10 G11.1. Friedreich-Ataxie (FRDA)AtaxieFriedreich- (FRDA)
EpidemiologieHäufigste aut.-rez. Ataxie, Prävalenz 3/100.000. Zu 80 % Beginn bis zum 25. Lj.
ÄtiologieZu > 95 % intronische Trinukleotid-Expansion auf Chr. 9q (FRDA1/Frataxin). Zweiter Lokus: FRDA2 auf Chr. 9p.
Klinik
  • Betrifft Hinterstränge, spinozerebelläre Bahnen, z. T. auch Pyramidenbahn u. sensible periphere Nerven.

  • Meist Areflexie der unteren Extr., Stör. der Tiefensensibilität, zerebelläre Ataxie.

  • Zunächst Gang- u. Standataxie; Rollstuhlpflichtigkeit besteht nach ≈10 J. Dysarthrie bildet sich innerhalb von 5 J. nach Krankheitsbeginn aus.

  • Kardiomyopathie (60 % der Pat.), Diab. mell. (20 % der Pat.).

  • Zusätzliche Sympt.: Distale atrophische Paresen, Pyramidenbahnzeichen, Hohlfußbildung, Nystagmus, Seh- u. Hörstör., Dysphagie, Skoliose.

Diagnostik
  • MRT: Zervikale Myelonatrophie, keine Kleinhirnatrophie.

  • SSEP, MEP, Nystagmografie: Pathologisch.

  • NLG: Sensible Amplituden ↓.

  • Molekulargenetische Diagn.: Bestimmung der GAA-triplet-repeat-Zahl; bei FRDA > 120, typ. 800–1.000.

    • Übersicht über durchführende Labors: www.hgqn.org.

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      Voraussetzung: humangenetische Beratung des Pat.!

Ataxie mit okulärer Apraxie (AOA)
ICD-10 G11.3. Ataxiemit okulärer Apraxie (AOA)
ÄtiologieSelten; Mutationen im Aprataxin- (AOA1) o. Senataxin-Gen (AOA2).
KlinikBeginn vor dem 20. Lj.
  • AOA1: Ataxie, okulomotorische Apraxie (horizontal ruckartige Kopfbewegungen statt Augenzielbewegungen), Chorea, axonale PNP, mentale Retardierung.

  • AOA2: Ataxie, PNP; okulomotorische Apraxie eher selten.

Diagnostik
  • MRT: Kleinhirnatrophie.

  • AOA1: Im Serum Chol. ↑, Albumin ↓; Molekulargenetik.

  • AOA2: im Serum AFP ↑, IgG ↑, CK ↑; Molekulargenetik, wenn AFP ↑.

Ataxia teleangiectatica (AT)
ICD-10 G11.3. Ataxia teleangiectatica (AT)
Syn.: Ataxie-Telangiektasie, Louis-Bar-Sy. Wird auch zu den Phakomatosen gezählt.
ÄtiologiePunktmutationen im ATM-Gen auf Chr. 11q.
Klinik
  • Progrediente Ataxie/Choreoathetose, okulomotorische Apraxie, okulokutane Teleangiektasien, Infektneigung, erhöhte Strahlensensitivität, vermehrt Malignome (v. a. hämatologisch).

  • Krankheitsbeginn < 10. Lj; im Verlauf schwere Behinderung, verkürzte Lebenserwartung.

Diagnostik
  • Im Serum IgG/A/E ↓, IgM ↑, AFP ↑, Lymphozyten-Radiosensitivitätsassay.

  • MRT (CT/Rö wegen Strahlensensitivität kontraindiziert): Kleinhirnatrophie.

  • Molekulargenetik: Nicht routinemäßig verfügbar.

TherapieSymptomatische Behandlung der Infekte; Chemother. bei Malignomen.
A-Betalipoproteinämie
Bassen-Kornzweig-SyndromA-BetalipoproteinämieICD-10 E78.6. Syn.: Bassen-Kornzweig-Sy.
ÄtiologieMutationen im mikrosomalen Triglyzerid-Transfer-Protein-Gen (MTP) auf Chr. 4q.
KlinikGestörte Fettresorption mit Mangel an Vit. A, D, E, K. Steatorrhö. Ataxie, Beteiligung von Hintersträngen u. Pyramidenbahn wie bei Friedreich-Ataxie. Retinitis pigmentosa, kardiale Begleiterkr.
Diagnostik
  • Lipidstatus (β-Lipoprotein fehlt, VLDL ↓, LDL ↓, Vit. E ↓, Chol. 20–50 mg/dl)

  • Akanthozytose im BB.

  • Molekulargenetik.

TherapieFettarme Diät, Substitution von Vit. A, K u. E.
Ataxie mit isoliertem Vitamin-E-Defizit (AVED)
Ataxiemit isoliertem Vitamin-E-Defizit AVED)ÄtiologieMeist Mutationen im α-Tocopherol-Transferprotein-Gen (TTPA) auf Chr. 8q.
KlinikBeginn in der Pubertät. Sympt. wie Friedreich-Ataxie (jedoch seltener Hohlfuß, Paresen; Retinitis pigmentosa kann dagegen vorkommen).
Diagnostik
  • Vit. E ↓↓ bei normalem Fettstoffwechsel.

  • Molekulargenetik.

TherapieVit. E 800–2.000 mg/d p. o.
Ataxien im Rahmen von aut.-rez. vererbten Systemerkrankungen
  • Ataxieaut.-rez. vererbte SystemerkrankungenAtaxie bei Mutationen der Polymerase γ (POLGPOLG): Ataxie AtaxiePOLGund Neuropathie (ähnlich Friedreich-Ataxie), zusätzlich Epilepsie (häufig) > Ophthalmoplegie > Myoklonien. Beginn auch nach dem 25. Lj. KI für Valproat u. Propofol (Leberversagen).

  • AhornsirupkrankheitAtaxieAhornsirupkrankheitAhornsirupkrankheit (MSUD; ICD-10 E71.0): Mentale Retardierung, rezid. ketoazidotisches Koma, epileptische Anfälle, Halluzinationen, Pankreatitis, Erbrechen. Diagn.: Verzweigtkettige Aminosäuren in Blut u. Urin ↑.

  • Cockayne-SyndromAtaxieCockayne-SyndromCockayne-Sy. (ICD-10 Q87.1): Minderwuchs, Mikrozephalie, mentale Retardierung, Retinitis pigmentosa, Katarakt, Innenohrschwerhörigkeit, Fotosensitivität.

  • Coenzym Q10MangelAtaxieCoenzym-Q10-MangelCoenzym-Q10-Mangel: Spektrum mit Enzephalopathie, Ataxie, Myopathie.

  • GLD (Morbus Krabbe; ICD-10 E75. 2): 24.2.5.

  • GM2-Gangliosidose (Tay-Sachs-Sy.; ICD-10 E75.0): 24.2.5.

  • MLD (ICD-10 E75.2): 24.2.5.

  • Refsum-Sy. (ICD-10 G60.1): 19.10.5, 24.2.6.

  • Zerebrotendinöse Xanthomatose (CTX; ICD-10 E75.5): Syn. Cerebrotendinosis xanthomatosa; 24.2.7.

Ataxien im Rahmen von maternal vererbten Systemerkrankungen

X-chromosomal
  • Ataxiematernal vererbte SystemerkrankungenALD (ICD-10 E71.3): 24.2.6.

  • X-Tremor-Ataxie-Syndrom, fragilesSyndromX-Tremor-Ataxie-, fragilesFragiles X-Tremor-Ataxie Sy. (FXTAS): Bei Prämutation des FMR1-Gens (Lokus des fragilen X-Syndroms [FXS]); Ataxie, (Aktions-)Tremor, kognitive Defizite mit Beginn im höheren Lebensalter; typische MRT-Veränderungen in mittl. Kleinhirnstiel und Corpus callosum.

  • Pelizaeus-Merzbacher-Erkr.Pelizaeus-Merzbacher-ErkrankungAtaxiePelizaeus-Merzbacher-Erkrankung (ICD-10 E75.2): 24.2.7. Wird auch zu den spastischen Spinalparalysen gezählt (SPG2).

Mitochondrial
  • MELAS: 20.4.3. Selten ataktische Sympt.

  • MERRF: 20.4.4.

  • Neuropathie, Ataxie u. Retinitis pigmentosa (NARP): 24.3.1.

Autosomal-dominant vererbte Ataxien

Autosomal-dominante zerebelläre Ataxie (SCA)
ICD-10 G11.2. Ataxieaut.-dom. zerebelläre (SCA)Syn.: ADCA.
EpidemiologieHäufigkeit 3/100.000. Erkr.-Beginn variabel, manche auch in hohem Lebensalter (z. B. SCA 6). Häufigste SCA in Deutschland: SCA 3 (früher: Machado-Joseph-Krankheit [MJD]), gefolgt von SCA 6 > SCA 1 > SCA 2.
Ätiologie> 30 Typen mit unterschiedlichen Mutationen, meist Trinukleotid-Expansion, seltener Punktmutationen.
EinteilungNach genetischen Kriterien (SCA) u. nach zusätzlichen Sympt.:
  • ADCA Typ I: Spinozerebelläre Ataxie; zusätzlich (variabel) Ophthalmoplegie, Optikusatrophie, pyramidale u. extrapyramidale Sympt., Neuropathie, Demenz: SCA 1–4, 6, 8, 12, 13, 17 u. DRPLA (dentatorubro-pallidolysische Atrophie).

  • ADCA Typ II: Spinozerebelläre Ataxie mit pigmentärer Retinadegeneration: SCA 7.

  • ADCA Typ III: Reine spinozerebelläre Ataxie: SCA 5, 10, 11, 14, 15.

Klinik
Leitsympt.: progrediente Gang- u. Standataxie; selten (SCA 3 u. 6) Doppelbilder vor Beginn der Ataxie.
  • Rollstuhlpflichtig nach ≈ 15 J., bei rein zerebellärer SCA nach ≈ 25 J.

  • Lebenserwartung nach Diagnose ≈20–25 J., bei rein zerebellärer SCA normal.

  • MRT:

    • reine zerebelläre Atrophie: SCA 3, 5, 6, 8–15, u. a.

    • olivopontozerebelläre Atrophie (OPCA): SCA 1–4, 6, 7, u. a.

  • Molekulargenetische Diagn.:

    • Übersicht über durchführende Labors: www.hgqn.org.

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      Voraussetzung: Humangenetische Beratung des Pat.!

Die genetische Diagn. kann sich neben der Krankheitshäufigkeit (s. o.) auch an den zusätzlichen Sympt. orientieren: RLS (SCA 3); Schluckstörung (SCA 1, 6); Doppelbilder (SCA 3, 6); Pyramidenbahnzeichen (SCA 1, 3, 6); kognitive Defizite (SCA 1, 2); Neuropathie (SCA 1–3); Parkinsonoid (SCA 3).

TherapieKeine spezifische Ther. bekannt. Ther. des Restlegs-Legs-Sy. bei SCA 3.
Episodische Ataxien
ICD-10 G11.8. Ataxieepisodische
Episodische Ataxie Typ 1 (EA-1)
ÄtiolAut.-dom. vererbte Mutationen eines Kaliumkanal-Gens (KCNA1 auf Chr. 12p).
KlinikBeginn im Jugendalter. Kurze (Sekunden bis Min.) Episoden einer Ataxie; durch Schreck, Aufregung, Stress o. körperl. Belastung auslösbar. Im Intervall fakultativ Myokymien (Gesicht, Hände).
Episodische Ataxie Typ 2 (EA-2)
ÄtiologieAut.-dom. vererbte Mutationen eines Kalziumkanal-Gens (CACNA1A auf Chr. 19p o. CACNB4 auf Chr. 2q).
Klinik
  • Erkr.-Beginn bis in höheres Lebensalter (bis 50. Lj).

  • Längere (15 Min. bis zu Tagen) Episoden einer Ataxie nach Stress u. körperl. Belastung; häufig mit Nystagmus, Schwindel, Übelkeit/Erbrechen (DD Vestibulopathien!).

  • Passagere Lähmungen möglich.

  • Häufig mit Migräne vergesellschaftet.

  • Im Intervall Blickrichtungsnystagmus, mitunter langsam progredientes zerebelläres Sy.

DiagnostikTyp. Anamnese. Molekulargenetik.
TherapieReduktion der Auslöser. Acetazolamid (62,5–700 mg/d p. o.), Kaliumsubstitution. Alternativ 4-Aminopyridin (3 × 5 mg/d) oder Carbamazepinin.

Sporadische degenerative Ataxie – Multisystematrophie (MSA-C)

Ataxiesporadische degenerativeMultisystematrophie (MSA)MSA-CAtrophieMultisystem-(MSA-C)ICD-10 G23.3. Zerebellärer Typ der MSA. Parkinson-Sy. mit
  • zerebellärer Ataxie,

  • autonomen Stör. (schwere orthostatische Hypotonie, Blasenstör.) und

  • schlechtem Ansprechen auf L-Dopa.

DiagnostikMRT: Atrophie von Kleinhirn, Hirnstamm, T2-Hyperintensitität im Pons („Hot Cross Bun Hot Cross Bun SignSign“/„SemmelzeichenSemmelzeichen“) u. lat. Putamen („Rim SignRim Sign“).
Weitere Diagnostik und Therapie15.2.5.

Phakomatosen

Definition

Phakomatose(n)Gruppe von Erkr., die Gewebedysplasien u. Tumoren an Haut, Augen u. Gehirn gemeinsam haben.

Neurofibromatose (NF)

ICD-10 Q85.0. Neurofibromatose (NF)
Definition
  • Mutationen im Neurofibromin-Gen auf Chr. 17q (NF-1) o. Merlin-/Schwannomin-Gen auf Chr. 22q (NF-2); Expression der Sympt. individuell variabel.

  • Aut.-dom. vererbt, aber bis zu 50 % Spontanmutationen.

  • Prävalenz 20–30/100.000 (NF-1, 90 % aller Neurofibromatosen) bzw. 2–3/100.000 (NF-2).

Klinik
Neurofibromatose Typ 1 (NF-1, Morbus von Recklinghausen): Neurofibromatose (NF)Morbus von RecklinghausenNeurofibromatose (NF)Typ 1Vor allem Hautsympt. meist bereits bei Geburt vorhanden, spätestens bis zum ≈15. Lj.
  • Diagnosekriterien: Pat. mit mind. 2 der folgenden Sympt.:

    • > 5 Café-au-Lait-FleckCafé-au-Lait-Flecken mit einem Durchmesser von > 0,5 cm (präpubertäre Pat.) bzw. > 1,5 cm (postpubertäre Pat.).

    • > 1 Neurofibrom jeglichen Typs o. mind. 1 plexiformes Neurofibrom.

    • „Freckling“ (sommersprossenartige Hyperpigmentierungen v. a. subaxillär, inguinal, submammär).

    • Optikusgliom.

    • > 1 Lisch-KnötchenLisch-Knötchen (gelbbraune Irishamartome).

    • Knochenveränderungen: Verkrümmungen der langen Röhrenknochen (v. a. Tibia), Pseudoarthrosen, Knochenzysten, (kurzbogige) Skoliose, Wirbelkörperdysplasie, Defekte des Schädelknochens, Osteoporose.

    • 1 Verwandter 1. Grads mit NF-1.

  • Weitere typ. Sympt.:

    • ZNS: Lernbehinderung, Hydrozephalus, zerebrale Marklagerveränderungen/Hamartome; selten Dysraphien: Meningozele, Arachnoidalzyste, Syrinx, Aquäduktstenose mit Hydrocephalus occlusus, durale Ektasien.

    • Kardiovask.: Prim. u. sek. Hypertonie, Vaskulopathien (Stenosen, Aneurysmen; auch intrakraniell mit Moya-Moya-ähnlichem Bild).

    • Maligne Tumoren: Maligne Entartung der Neurofibrome (Fibrosarkom; in 5 %), hirneigene Tumoren, hämatologische Neoplasien, GIT-Tumoren, Phäochromozytom.

Neurofibromatose Typ 2 (NF-2, „zentrale“ Neurofibromatose): Neurofibromatose (NF)zentraleNeurofibromatose (NF)Typ 2Erkr.- Beginn später als NF-1, meist ab Pubertät, spätestens bis zum 30. Lj.
  • Haut: Café-au-Lait-Flecken u. Neurofibrome, weniger als bei NF-1.

  • Diagnosekriterien: Pat. mit mind. 1 der folgenden Symptomenkomplexe:

    • Nachweis von bilateralen Tumoren des N. VIII.

    • 1 Verwandter 1. Grads mit NF-2 u. 2 der Folgenden: Neurofibrom, Meningeom, Gliom, Schwannom, juvenile post. subkapsuläre Linsentrübung.

    • unilateraler Tumor des N. VIII u. 2 der Folgenden: Neurofibrom, Meningeom, Gliom, Schwannom, juvenile post. subkapsuläre Linsentrübung.

    • multiple Meningeome u. 2 der Folgenden: Unilateraler Tumor des N. VIII, Neurofibrom, Gliom, Schwannom, Katarakt.

Schwannomatose: SchwannomatoseNeurofibromatose (NF)Schwannomatose
  • Sehr seltene Form der Neurofibromatose mit multiplen Schwannomen: HN (jedoch nicht am N. VIII), Spinalnerven, periphere Nerven.

  • Erkr. beginnt später als die NF-1/2; wird meist durch Schmerzen manifest.

Diagnostik
  • MRT: Intrakranielle Tumoren, jährliche Kontrolle.

  • Konsile:

    • HNO (Hörstör., jährliche Kontrolle).

    • Haut (Café-au-Lait-Flecken, Freckling).

    • Augen (Visus, Lisch-Knötchen, Linsentrübungen).

  • Molekulargenetische Diagn.:

    • Übersicht über durchführende Labors: www.hgqn.org.

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      Voraussetzung ist eine humangenetische Beratung des Pat.!

Therapie
  • Entfernung symptomatischer Neurofibrome.

  • OP intrazerebraler Tumoren.

  • Bei Akustikusschwannomen mitunter hörerhaltende Resektion möglich; bei fortgeschrittenen Tumoren auch „auditory brainstem implant“ möglich.

  • Skoliose: Typ. kurzbogig, daher RM-Dehnung mit Gefahr der Querschnittsentwicklung. Frühzeitige OP, da durch Physiother. kaum zu beeinflussen.

PrognoseAbhängig von Menge, Art u. Lokalisation der Tumore (bei NF-1 u. Schwannomatose besser als bei NF-2).

Informationen für Patienten/Selbsthilfegruppen

Von Recklinghausen Gesellschaft e. V. – Bundesverband Neurofibromatose e. V., Martinistr. 52/Haus O 54, 20246 Hamburg www.bv-nf.de

Tuberöse Hirnsklerose (TS)

Hirnsklerose, tuberöse (TS)ICD-10 Q85.1. Syn.: Bourneville-Pringle-KrankheitBourneville-Pringle-Krankheit.
Definition
  • Pathoanatomisch multiple Hamartome (gutartige Gewebsproliferationen mit unvollständiger Differenzierung) in Gehirn, Retina, Haut, Herz, Lunge u. Nieren.

  • Aut.-dom. vererbt; zu ≈50 % Mutationen im TS-Komplex: TSC1-Gen (Hamartin) auf Chromosom 9q u. TSC2-Gen (Tuberin) auf Chromosom 16p; zu ≈ 50 % Neumutationen.

  • Prävalenz 0,2/100.000.

Klinik
Erkr.-Beginn < 10. Lj. Trias aus Minderbegabung, Epilepsie u. Adenoma sebaceum; Ausprägung sehr variabel.
Diagnosekriterien: Gesicherte TS: 2 Hauptkriterien o. 1 Haupt- u. 2 Nebenkriterien; Wahrscheinliche TS: 1 Haupt- u. 1 Nebenkriterium; mögliche TS: 1 Haupt- o. 1 Nebenkriterium.
  • Hauptkriterien: Schmetterlingsförmiges Adenoma sebaceum (Angiofibrom) Gesicht (Entwicklung vor 10. Lj)., Koenen-Tumoren (Fibrome der Nagelfalze), blattförmige hypomelanotische Flecken (> 3, Entwicklung bis zum 6. Lebensmon.), multiple retinale Hamartome, kortikale Tubera (noduläre Hamartome), subependymale Gliaknötchen mit Verkalkungen o. subependymale Astrozytome, kardiale Rhabdomyome, Lymphangiomyomatose, Angiomyolipome der Niere.

  • Nebenkriterien: Dentale Einschlüsse („enamel pits“), rektale Polypen, Knochenzysten, Gingivafibrome, kortikale Dysplasien, multiple Nierenzysten.

Weitere ZNS-Sympt.:
  • Mikro-/Makrogyrie o. kortikale Dysplasie/Heterotopien, retinale Phakome (knotige Gliawucherungen), Hamartome am Sehnerv.

  • Fokale u. generalisierte epileptische Anfälle bei ≈80 % der Pat. (meist Erstsympt.); mentale Retardierung.

  • Spastische Lähmungen.

  • Hydrozephalus.

  • !

    Periphere Nerven u. Skelettmuskulatur sind nie betroffen.

Diagnostik
  • cCT, cMRT: Tubera, intrakranielle Hamartome u. Astrozytome.

  • EEG.

  • Echokardiografie: Multiple Rhabdomyome (60 % der betroffenen Kinder).

  • CT u. Sono: Angiolipome in parenchymatösen Organen (Niere o. selten Lunge).

  • Augenkonsil: Retinale Phakome u. Hamartome.

Therapie
  • Antikonvulsiva/Epilepsiechirurgie.

  • OP symptomatischer zerebraler Tumoren.

  • Shuntimplantation bei Verschlusshydrozephalus.

PrognoseBei klin. Vollbild hohe Letalität vor dem 20. Lj. Oligosymptomatische Pat. können normale Lebenserwartung haben. Ausmaß der Demenz abhängig von der Effektivität der antikonvulsiven Ther.

Kontakt zu Selbsthilfegruppen

Tuberöse Sklerose Deutschland e. V., Südring 20, 63500 Seligenstadt, Tel.: 06182/12 44

Von-Hippel-Lindau-Syndrom (VHL)

ICD-10 Q85.8. Von-Hippel-Lindau-Syndrom (VHL)SyndromVon-Hippel-Lindau- (VHL)
Definition
  • Mesenchymale Dysplasie mit Hämangioblastomen retinal, Hirn/RM u. viszeralen Organen; im ZNS: 80 % Gehirn (überwiegend zerebellär), 20 % spinal (intradural, meist zervikal).

  • Aut.-dom. Mutationen im VHL-Gen auf Chromosom 3p.

  • Prävalenz: 2/100.000.

KlinikErstmanifestation 18.–50. Lj.
  • Zerebelläre Sympt.

  • Später Hirndrucksympt., bei tiefem Sitz der Tumoren progrediente Querschnittssympt. durch Spinalkompression. Blutungsgefahr!

  • Hämangioblastome der Retina (bereits bei Kindern nachweisbar): Ablatio, Glaukom.

  • Lindau-ZystenLindau-Zysten (Hämangioblastome) in Niere, Nebenhoden, Pankreas, Leber u. Lunge.

  • Häufige Assoziation mit Phäochromozytom, Nierenzell-Ca u. Zystenbildungen in Knochen, Pankreas, Leber, Milz, Niere, Lunge u. inneren Genitalien.

  • Diagnosekriterien: Die Diagnose ist sicher bei einer der 3 folgenden Konstellationen:

    • mind. je 1 Hämangioblastom in Retina u. Gehirn.

    • 1 Hämangioblastom in Retina o. Gehirn u. Lindau-Zysten in Niere/Pankreas/Leber/Nebenhoden o. Phäochromozytom o. Nieren-Ca.

    • Pos. Familienanamnese u. Hämangioblastom in Retina o. Gehirn o. Lindau-Zysten in Niere/Pankreas/Leber/Nebenhoden o. Phäochromozytom o. Nieren-Ca.

Diagnostik
  • MRT: Oft multiple Hämangioblastome (Zystisch mit randständigem Knötchen, kräftige KM Aufnahme).

  • DSA: Darstellung der Hämangioblastome.

  • Augenkonsil: Hämangioblastome, Augeninnendruckmessung.

  • Sono u. CT: Nierenveränderung, Zysten.

  • Labor: Ausschluss Phäochromzytom (24-h-Urin).

  • Molekulargenetische Diagn.

    • Übersicht über durchführende Labors: www.hgqn.org.

    • !

      Voraussetzung ist eine humangenetische Beratung des Pat.!

Jährliche Screening-Unters. (Bildgebung u. Augenkonsil) bei Genträgern o. nach Erstmanifestation.

Therapie
  • OP o. Bestrahlung von Kleinhirn- u. anderen Tumoren; Shunt-OP bei Verschlusshydrozephalus. Bei symptomfreien Pat. abwartende Haltung.

  • Laserfixierung der Retina bei Ablatio.

PrognoseSehr langsam progredient, Rezidive operierter Kleinhirntumoren ≈ 20 %. Lebenserwartung ≈ 50 J. (wegen Begleittumoren).

Sturge-Weber-Syndrom (SWS)

Sturge-Weber-Syndrom (SWS)SyndromSturge-Weber- (SWS)ICD-10 Q85.8. Syn. Sturge-Weber-Krabbe-Sy., enzephalotrigeminale Angiomatose.
EpidemiologieNicht monogen erblich, aber familiäre Häufung. Prävalenz: 0,5/100.000.
Klinik
  • Meist einseitiger Naevus flammeus (meist 1. Trigeminusast), ipsilat. kapillär venöses Hämangiom der Meningen, ipsilat. Angiomatose der Choroidea.

  • Kapillär-venöses Hämangiom der Meningen: Stauungsbedingte ischämisch-hypoxische Hirnläsionen mit konsekutiver (Hemi-)Hirnatrophie u. pialen Verkalkungen. Blutungen sind selten.

  • Fokale epileptische Anfälle (> 90 %), beginnend in der Kindheit.

  • Fokal-neurol. Ausfälle: Hemianopsie, Hemiparese.

  • Wesensänderung, mentale Retardierung (60 %).

  • Angiomatose der Choroidea: Konsekutives Glaukom.

Diagnostik
  • Bildgebung: Hämangiom der Meningen, lokale Hirnatrophie.

    • cCT: Verkalkungen.

    • MRA: „Pial Blush“.

    • DSA: Gestörte venöse Drainage.

  • Fundusskopie: Angiomatose.

  • EEG.

TherapieAntikonvulsiva, Epilepsiechirurgie, Glaukomprävention.
PrognoseLebenserwartung ≈ 50 J., abhängig vom Ausmaß der zerebralen Läsionen. Ausmaß der kognitiven Defizite abhängig von der Effektivität der antikonvulsiven Ther.

Weitere Phakomatosen

Klippel-Trenaunay-Sy. (ICD-10 Q85.8):Klippel-Trenaunay-SyndromSyndromKlippel-Trenaunay-
  • Sporadisches Auftreten, sehr selten.; M > F.

  • Hämagiomatöse Fehlbildungen mit Naevus flammeus, Knochen- u. Weichteilhypertrophie, Riesenwuchs einzelner Extremitäten (Makromelie).

  • Neurol. Defizite v. a. durch AV-Fehlbildungen.

Neurokutane MelanoseNeurokutane Melanose (ICD-10 Q85.8):Melanose, neurokutane
  • Sporadisches Auftreten.

  • Nävuszellnävi, Hypertrichose.

  • Neurol.: Melanose der Leptomeningen mit Hydrozephalus, Syringomyelie, Myelomeningozele, Dandy-Walker Sy. als mögliche Folgen.

Ataxia teleangiectatica (AT): 16.2.3.

Infantile Zerebralparese (ICP, CP)

ICD-10 G80. Zerebralparese, infantile (ICP, CP)
Definition
  • Folge einer prä- o. perinatalen Hypoxie o. (Stammganglien-)Blutung.

  • Häufigkeit: 1/1.000 Geburten, höheres Risiko bei Frühgeburten.

Klinik
  • Sympt. treten konnatal auf, werden aber bei geringer Ausprägung häufig erst später diagnostiziert.

  • Besserung bis zum Abschluss der motorischen Entwicklung möglich.

  • Sympt. immer abhängig vom Ort der max. Gewebeschädigung; spastische Sympt. am häufigsten.

    • spastische Parese (Läsion Pyramidenbahn): Beinbetonte Diplegie (Paraparese) mit Scherengang, Spitzfuß u. meist normaler geistiger Entwicklung; seltener auch Hemiparese/-plegie.

    • Choreoathetose, Dystonie u. Stör. der Feinmotorik (Läsion Stammganglien), kombiniert mit spastischer Parese.

    • Ataxie, Tremor, Hypotonie u. Nystagmus (Läsion Kleinhirn).

    • Wachstumsverzögerungen der betroffenen Extremitäten.

    • Sehstör. (Schielen) u. Hör-/Sprachstör.

    • Epilepsie u. Intelligenzminderung (Ausprägung korreliert mit mot. Behinderung).

Schweregrad der ICP nach WHO

  • Grad I: Kaum funktionelle Beeinträchtigung.

  • Grad II: Freies Gehen möglich.

  • Grad III: Kein freies Gehen bis zum 5. Lj.

  • Grad IV: Keine selbstständige Fortbewegung, schwere Beeinträchtigung der Handfunktion.

Diagnostik
  • Anamnese: Geburtsanamnese inkl. Risikofaktoren, z. B. Frühgeburt, Beckenendlage, Geburtsstillstand, APGAR-Index vermindert; Sitzen, Laufen, Sprechen verspätet; Progredienz, Besserung o. Stillstand der Symptomatik.

  • EEG.

  • cMRT, cCT: Hemiatrophie, auch des knöchernen Schädels.

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