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B978-3-437-22465-2.00001-3

10.1016/B978-3-437-22465-2.00001-3

978-3-437-22465-2

Abb. 1.1

[A300]

Rettungskette Rettungskette

Abb. 1.2

[L190]

Rechtliche Zuständigkeiten im Rettungsdienst

Abb. 1.3

[L157]

  • a)

    TMO-Regelbetrieb

  • b)

    DMO-Einsatzstellenbetrieb

Abb. 1.4

[L157]

  • a)

    Repeater-Betrieb

  • b)

    Gateway-Betrieb

Abb. 1.5

[V740/W1013]

Bedienelemente des Hörers (mit freundlicher Genehmigung der FF Landkreis Fürstenfeldbruck)

Abb. 1.6

[L190]

EKG-BrustwandableitungenBrustwandableitungen

Abb. 1.7

[L157]

Schematischer Boussignac-CPAP-SystemAufbau des Boussignac-CPAP-Systems

Abb. 1.8

[V157]

Boussignac-CPAP-Boussignac-CPAP-SystemSystem

Abb. 1.9

[L157]

Flow-PEEP-Flow-PEEP-Beziehung, NIVBeziehung

Abb. 1.10

[V083]

Beatmungsgerät MEDUMAT BeatmungsgerätMedumat® StandardMedumat® StandardStandard

Abb. 1.11

[V083]

Beatmungsgerät MEDUMAT StandardBeatmungsgerätMedumat® Standard aMedumat® Standard a a

Abb. 1.12

[V083]

Beatmungsgerät MEDUMAT Transport

Abb. 1.13

[V083]

MODUL CPAP

Abb. 1.14

[V086]

Hamilton®-T1

Abb. 1.15a

[W792]

AnhängekarteAnhängekarte für Verletzte/Kranke (Vorderseite)

Abb. 1.15b

[W792]

Anhängekarte Anhängekartefür Verletzte/Kranke (Rückseite)

Abb. 1.16

[W792]

SuchdienstkarteSuchdienstkarte für Verletzte/Kranke

Abb. 1.17

[A300]

Warntafel WarntafelGefahrgutWarntafel

Abb. 1.18

[A300]

Beispiele für GefahrzettelGefahrgutGefahrzettelGefahrzettel

Abb. 1.19a

[W793]

DIVI-DIVI-NotarzteinsatzprotokollNotarzteinsatzprotokollNotarzteinsatzprotokoll (www.divi.de/empfehlungen/notarztprotokoll-mind)

Patientenzustandsbezogene Indikation

Tab. 1.1
Funktionen Zustand Beispiel
Bewusstsein Keine oder inadäquate Reaktion auf Ansprache und Rütteln SHT, Schlaganfall, Vergiftung, Krampfanfall, Koma
Atmung Keine normale Atmung, ausgeprägte oder zunehmende Atemnot, Atemstillstand Asthmaanfall, Lungenödem, Aspiration
Herz/Kreislauf Akuter Brustschmerz, ausgeprägte oder zunehmende Kreislaufinsuff., Kreislaufstillstand Herzinfarkt, Angina pectoris, ACS, Herzrhythmusstörung, hypertone Krise, Schock
Sonstige Schädigungen mit Wirkungen auf die Vitalfunktionen Schwere Verletzung, schwere Blutung, starke akute Schmerzen, akute Lähmungen Thorax-/Bauchtrauma, SHT, größere Amputation, Ösophagusvarizenblutung, Verbrennung, Fraktur mit deutlicher Fehlstellung, Pfählungsverletzung, Vergiftung, Schlaganfall
Schmerz Akute starke und/oder zunehmende Schmerzen Trauma, Herzinfarkt, Kolik

Notfallbezogene Indikation

Tab. 1.2
Schwerer Verkehrsunfall mit Hinweis auf Verletzte
Sonstiger Unfall mit Schwerverletzten
Unfall mit Kindern
Brände/Rauchgasentwicklung mit Hinweis auf Personenbeteiligung
Explosionsunfälle, thermische oder chemische Unfälle mit Hinweis auf Personenbeteiligung
Strom- oder Blitzunfälle
Ertrinkungs- oder Tauchunfälle, Eiseinbruch
Einklemmung oder Verschüttung
Drohender Suizid
Sturz aus großer Höhe (≥ 3 m)
Schuss-, Stich- und Hiebverletzungen im Kopf-, Hals- oder Rumpfbereich
Geiselnahme, Amoklage oder sonstige Verbrechen mit unmittelbarer Gefahr für Menschenleben
Unmittelbar einsetzende oder stattgefundene Geburt
Vergiftung mit vitaler Gefährdung

Statusmeldungen

Tab. 1.3
Status Bedeutung
Fahrzeug
0 Dringender Sprechwunsch
1 Einsatzbereit auf Funk
2 Einsatzbereit auf Wache
3 Einsatz übernommen
4 Einsatzort an
5 Sprechwunsch
6 Nicht einsatzbereit
7 Pat. aufgenommen, gebunden
8 Krankenhaus an
9 Sonderstatus
Leitstelle
A NA ist alarmiert
E Einrücken, Einsatz beendet
C Melden
F Telefon. Rückruf
H Wache anfahren
J Sprechaufforderung
L Lagemeldung geben
P Pause
U Umschalten auf Zielgruppe
c Status korrigieren
d Transportziel durchgeben
h Zielklinik verständigt
o Standort halten
uu Gerät überprüfen

Funknamen für BOS

Tab. 1.4
Organisation Abkürzung TETRA-Funk
Arbeiter Samariter Bund ASB Sama
Deutsches Rotes Kreuz DRK Rotkreuz
Bayerisches Rotes Kreuz BRK Rotkreuz
Johanniter Unfallhilfe JUH Akkon
Malteser Hilfsdienst MHD Johannes
Bergwacht Bergwacht
Wasserwacht Wasserwacht
Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG Pelikan
Technisches Hilfswerk THW Heros
Feuerwehr FW Florian
Katastrophenschutz KatS Kater
Polizei POL Regional unterschiedlich
Private RD-Unternehmer Rettung

Einsatzgrenzen für zivile Rettungshubschrauber

Tab. 1.5
Tag
(Primär-/Sekundäreinsätze)
Nacht
(nur Sekundärtransporte)
Flugsicht (horizontal) > 0,8 km 5 km
Wolken Keine Wolkenberührung Keine Wolkenberührung
Mindestflughöhe Ca. 150 m über Land Ca. 100 m über See
Wind < 45 Knoten < 45 Knoten

Vorlaufzeiten und Besatzung von militärischen Rettungshubschraubern

Tab. 1.6
Baumuster Vorlaufzeiten Besatzung Ausstattung
7:30 Uhr bis Sonnenuntergang Sonnenuntergang bis 7:30 Uhr
Bell UH 1D (RZ) Max. 5 Min. (meist kürzer!) Kein Einsatz 1 Pilot, 1 Bordmechaniker, 1 RA, 1 NA Entspricht RTH, fakultativ Rettungswinde
Bell UH 1D (SAR) Max. 15 Min. Max. 60 Min. 1 Pilot, 1 Bordmechaniker, 1 Luftrettungsmeister Entspricht ein-geschränkt RTW, Rettungswinde
SeaKing MK 41 (SAR) Max. 15 Min. Max. 60 Min. 2 Piloten, 1 SAR-Operationsoffizier, 1 Bordmechaniker Entspricht eingeschränkt RTW, Rettungswinde

Möglichkeiten der O2-Applikation bei SauerstoffgabeSpontanatmungSpontanatmung

Tab. 1.7
O2-Applikator Flow (l/Min.) FiO2
Nasensonde 4/6/(8) 0,3/0,4/0,5
O2-Brille 3/6/8 0,3/0,4/0,5
Nasopharynxkatheter 4/5/6 0,3/0,4/0,5
Maske ohne Beutel 5/6,5/7,5 0,4/0,5/0,6
Maske mit Beutel 6/8/10 0,5/0,6/0,8
Maske mit Beutel und Nichtrückatemventil 14 0,9

Kapnometer

Tab. 1.8
CO2-Anzeige Aussage Gerätebeispiel
Elementar qualitativ CO2 vorhanden: ja/nein MiniCAP® III
Semiquantitativ Abschätzung der CO2-Konzentration innerhalb bestimmter Skalen (Anzahl geräteabhängig) EASY CAP® (3-stufige Skala) Statcap® (8-stufige Skala)
Quantitativ Digitale CO2-Anzeige Normocap®, Capnogard®; Capnocount® mini, Modul CapnoVol; Multifunktionsmonitore

Ausmaß von Massenanfall von VerletztenGroßschadensfallGroßschadensfallAusmaßSchadenslagen

Tab. 1.9
Schadenslage Gefährdung/Schädigung Begrenzung Bewältigungsmaßnahmen
Rettungsdiensteinsatz/Notfall Einzelne Personen und/oder Sachgüter Lokal/kurzfristig Örtlich verfügbare, sofort einsetzbare, einzelne RD-Teams bzw. Rettungsmittel
MANV (niedrige Stufen) Zahlreiche Menschen und/oder Sachgüter Lokal/kurz- bis mittelfristig Zusätzliche Ausschöpfung aller regional verfügbaren RD-Kräfte und Reserven
MANV (höhere Stufen bis Ü-MANV – Großschadensfall) Zahlreiche Menschen und Sachgüter Regional/mittelfristig Zusätzliche Ausschöpfung aller überregional evtl. auch landesweit verfügbaren RD-Kräfte und Reserven
Ü-MANV (Katastrophe) Zahlreiche Menschen und Sachgüter, wesentlicher Lebensgrundlagen und Versorgungsstrukturen größerer Bevölkerungskreise Regional oder überregional/i. d. R. mittel- bis langfristig Zusätzlich überregionale, landesweite oder länderübergreifende Organisationen, Behörden und Stellen unter Leitung einer KatS-Behörde

Organisatorische Erstmaßnahmen bei Großschadensfallorganisatorische ErstmaßnahmenGroßschadensfällen

Tab. 1.10
Unfall Erstmaßnahmen
Massenunfall Unfallstelle absichern, An- und Abfahrtswege, Halteplätze und Bereitstellungsraum festlegen, Verletztensammelplatz ausweisen, evtl. Abschnittsbildung zur Pat.-Sichtung und -Versorgung
Großbrand/Chemieunfall/radioaktiver Unfall Zusätzlich Gefahr von Explosion und Inhalation toxischer Stoffe abklären lassen, Stoffklassifikation abfragen, Konzentrationsmessungen zur Beurteilung der Schadensentwicklung veranlassen, Witterungseinflüsse auf die Schadenslage berücksichtigen, Evakuierung abschätzen und ggf. einleiten, Dekontaminationsbedarf abklären, Information des RD-Personals über Gefährdung und Eigenschutz, Vorabinformation von Krankenhaus-Spezialabteilungen
Hochspannungsunfälle Elektrizitätswerk/Energieversorgungsunternehmen informieren und Abschaltung der Stromzufuhr veranlassen (11.12)
Bundesbahnunfälle S. o., zusätzlich: Ein Zug hat 2 Seiten d. h. mit mind. 2 Verletztenschwerpunkten rechnen, an Rettungszug und Notfallmanager der Bundesbahn denken
Außergewöhnliche Naturereignisse Evtl. spezielle Rettungsmittel erforderlich, erhebliche Verzögerung in der Versorgung und Transport einplanen bei gestörter Infrastruktur
Drohende Panik „Panikpersonen“ identifizieren und isolieren, um eine Ausbreitung einer Panik einzudämmen bzw. zu verhindern. Bei passivem Angstreaktionsmuster Pat. rasch aus dem Gefahrenbereich entfernen; bei Hyperaktivität Informationsbedürfnis stillen, unter Aufsicht in gefahrlosen Arbeitsprozess integrieren; bei manifester Panik Fluchtbewegung ungehindert abfließen lassen und gezielt weiterleiten

Sichtung bei Großschadensfällen

Tab. 1.11
Stufe Farbkodierung Pat. Therapie/Transport Beispiele
Weiß Noch nicht gesichtet
T1 Rot Akut vital bedroht Behandlungs- und Transportpriorität Respiratorische Insuff., Schock, Polytrauma, SHT, Verbrennung mit akuter Vitalbedrohung, Abdominaltrauma
T2 Gelb Schwer verletzt/
erkrankt
Dringende Behandlung, Maßnahmen sind evtl. delegierbar: Schienung, Lagerung, Infusion, Analgesie Frakturen und Gelenkverletzungen mit größeren Blutverlusten, Amputationsverletzungen, ausgedehnte Weichteilwunden, Verbrennungen
T3 Grün Leicht verletzt Minimalbehandlung: Pat. gesondert sammeln, Pat. gehen sonst evtl. ins nächste Krankenhaus → Betreuung, als Sammeltransport verzögerter Abtransport in entferntere Krankenhäuser Leichte Weichteilverletzungen, unkomplizierte periphere Frakturen, Prellungen, Distorsionen
T4 Blau Ohne Überlebenschance Betreuende (abwartende) Behandlung, keine Reanimation
Schwarz Tot Leichnam abdecken

Revised Trauma Score (RTS)

Tab. 1.12
Glasgow Coma Scale Systol. Blutdruck [mmHg] Atemfrequenz [/Min.] RTS-Punktwert
0,9368 (KGCS) 0,7326 (KRR) 0,2908 (KAF)
13–15 > 89 10–29 4
9–12 76–89 > 29 3
6–8 50–75 6–9 2
4–5 1–49 1–5 1
3 0 0 0

Mainzer Emergency Evaluation Score (MEES)Mainzer Emergency Evaluation Score

(nach Reinhardt/Hennes)

Tab. 1.13
MEES-Protokoll MEES1 MEES2
Bewusstsein (Glasgow Coma Scale) 4: 15
3: 14–12
2: 11–8
1*: ≤ 7
Atemfrequenz 4: 12–18
3: 8–11, 19–24
2: 5–7, 25–30
1*: ≤ 4, ≥ 31
SpO2 4: 100–96
3: 95–91
2: 90–86
1*: ≤ 85
Herzfrequenz 4: 60–100
3: 50–59, 101–130
2: 40–49, 131–160
1*: ≤ 39, ≥ 161
EKG-Rhythmus 4: Sinusrhythmus, Schrittmacher (intakt)
3: AV-Block II (Mobitz + Wenckebach), SVES, VESmono
2: Absolute Arrhythmie, AV-Block III, VESpoly
1*: QRS-Tachykardie (schmal/breit) VT, VF, EMD, Asystolie
Blutdruck Systolisch Diastolisch
4: 120–140 mmHg
3: 100–119 mmHg, 141–159 mmHg 95–109 mmHg
2: 80–99 mmHg, 160–229 mmHg ≤ 39 mmHg, 110–119 mmHg
1*: ≤ 79 mmHg, ≥ 230 mmHg ≥ 120 mmHg
Schmerz 4: Kein Schmerz
3: Leichter Schmerz
2: Starker Schmerz
1*: Entfällt
MEES-Wert
Δ MEES

Führungsebenen des KatastrophenschutzFührungsebenenKatastrophenschutzes

Tab. 1.14
Führungsebene Weisungsbefugnis
Obere: Katastrophenschutzbehörde Gegenüber allen im Katastrophenschutz Mitwirkenden
Mittlere: Örtliche Einsatzleiter (ÖEL) Gegenüber allen vor Ort tätigen Kräften
Untere: Einheitenführer Innerhalb ihrer Einheiten (Zugführer > Gruppenführer > Truppführer > Helfer)

Allgemeine Kennzeichnungsregel für Gase und Gasgemische

Tab. 1.15
Eigenschaften Schulterfarbe
Giftig und/oder korrosiv Gelb
Brennbar Rot
Oxidierend Hellblau
Inert Leuchtend grün

Spezielle Kennzeichnung für gebräuchliche Gase

Tab. 1.16
Gas Schulterfarbe
Azetylen Kastanienbraun
Sauerstoff Weiß
Lachgas Blau
Argon Dunkelgrün
Stickstoff Schwarz
Kohlendioxid Grau
Helium Braun

Tipps und Informationen für den Rettungsdienst

FrankErbguth

GünterFrey

AlexanderHaberzeth

Ulrich v.Hintzenstern

JoachimKoppenberg

UweLehmann

Rolf P.Maschke

HelmutOchs

MichaelReng

MartinSchipplick

StefanSchulz-Drost

HaraldStrauss

StefanWeiß

Hanjo v.Wietersheim

  • 1.1

    Vierzehn Gebote für den Notarzt Ulrich v. Hintzenstern und Michael Reng4

  • 1.2

    Grundbegriffe der präklinischen Notfallmedizin Ulrich v. Hintzenstern und Michael Reng5

    • 1.2.1

      Rettungskette5

    • 1.2.2

      „stay and play“ vs. „load and go“ vs. „treat in street“8

    • 1.2.3

      Notarzteinsatz – Indikationen8

    • 1.2.4

      Notkompetenz9

    • 1.2.5

      Effektivitätskontrolle10

  • 1.3

    Rettungsdienst Ulrich v. Hintzenstern, Michael Reng, Helmut Ochs und Harald Strauss11

    • 1.3.1

      Gesetzliche Grundlagen Ulrich v. Hintzenstern, Michael Reng und Helmut Ochs11

    • 1.3.2

      Organisation Helmut Ochs und Michael Reng12

    • 1.3.3

      Personal Ulrich v. Hintzenstern und Michael Reng13

    • 1.3.4

      Funk und Kommunikation Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern16

  • 1.4

    Juristische Aspekte Ulrich v. Hintzenstern und Frank Erbguth23

    • 1.4.1

      Aufklärungs- und Behandlungspflicht23

    • 1.4.2

      Schweigepflicht und -recht25

    • 1.4.3

      Betäubungsmittel im Rettungsdienst26

    • 1.4.4

      Rechtsvorschriften für Medizinprodukte27

  • 1.5

    Ethische Überlegungen im Rettungsdienst Ulrich v. Hintzenstern28

  • 1.6

    Rettungsmittel Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss29

    • 1.6.1

      Fahrtechnik Ulrich v. Hintzenstern29

    • 1.6.2

      Bodengebundene Rettungsmittel Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern30

    • 1.6.3

      Rettungsmittel der Luftrettung Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern33

  • 1.7

    Notarztausrüstung Ulrich v. Hintzenstern, Harald Strauss und Stefan Weiß35

    • 1.7.1

      Notarztkoffer Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss35

    • 1.7.2

      Ausrüstungssets für Großunfälle und -schadensereignisse Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss39

    • 1.7.3

      Sauerstoffapplikatoren Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern40

    • 1.7.4

      Pulsoxymeter Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss40

    • 1.7.5

      Blutdruckmessgerät Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss41

    • 1.7.6

      Elektrokardiografie Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss41

    • 1.7.7

      Laborchemische Schnelltests Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss43

    • 1.7.8

      Blutgasanalyse Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss44

    • 1.7.9

      Beatmung Ulrich v. Hintzenstern und Stefan Weiß44

    • 1.7.10

      Absaugpumpe Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern51

    • 1.7.11

      Kapnografie und Kapnometrie Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern52

    • 1.7.12

      Spritzenpumpe („Perfusor®“, „Injektomat®“) Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern52

    • 1.7.13

      Defibrillator Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern53

    • 1.7.14

      Herzschrittmacher Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern53

    • 1.7.15

      Thermometer Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern54

    • 1.7.16

      Persönliche Ausstattung des Notarztes („Taschendiagnostik“) Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss54

  • 1.8

    Risiken und Sicherungsmaßnahmen der Einsatzstelle Alexander Haberzeth, Ulrich v. Hintzenstern, Rolf P. Maschke und Harald Strauss55

    • 1.8.1

      Gefahren der Einsatzstelle erkennen Rolf P. Maschke55

    • 1.8.2

      Einsatzstelle sichern Rolf P. Maschke und Alexander Haberzeth56

    • 1.8.3

      Eigensicherung Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern57

    • 1.8.4

      Einsätze in problematischen Umfeldern Rolf P. Maschke und Ulrich v. Hintzenstern60

    • 1.8.5

      Verhalten bei Terroranschlägen Rolf P. Maschke64

  • 1.9

    Großschadensfall Martin Schipplick67

    • 1.9.1

      Besonderheiten67

    • 1.9.2

      Frühphase69

    • 1.9.3

      Konsolidierungsphase70

    • 1.9.4

      Patientenversorgung72

    • 1.9.5

      Materialbevorratung für Großschadensfälle78

    • 1.9.6

      Schnell-Einsatz-Gruppen80

  • 1.10

    Score-Systeme in der Notfallmedizin Ulrich v. Hintzenstern81

  • 1.11

    Zusammenarbeit mit anderen Organisationen Günter Frey, Alexander Haberzeth, Ulrich v. Hintzenstern, Rolf P. Maschke, Stefan Schulz-Drost und Hanjo v. Wietersheim84

    • 1.11.1

      Grundsätze und Probleme Ulrich v. Hintzenstern, Rolf P. Maschke und Alexander Haberzeth84

    • 1.11.2

      Polizei Alexander Haberzeth86

    • 1.11.3

      Feuerwehr Rolf P. Maschke87

    • 1.11.4

      Technisches Hilfswerk (THW) Ulrich v. Hintzenstern88

    • 1.11.5

      Bundeswehr Günter Frey88

    • 1.11.6

      Katastrophenschutz Ulrich v. Hintzenstern90

    • 1.11.7

      Psychosoziale Notfallversorgung für Betroffene (PSNV-B) Hanjo v. Wietersheim90

    • 1.11.8

      Rettungshundeteams Ulrich v. Hintzenstern und Stefan Schulz-Drost91

    • 1.11.9

      Verletzten-Versorgungsteam See (VVT See) des Havariekommandos Ulrich v. Hintzenstern und Stefan Schulz-Drost92

  • 1.12

    Zulässige Grenzwerte für Strahlenbelastung Ulrich v. Hintzenstern93

  • 1.13

    Gefahrgut Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss93

    • 1.13.1

      Grundlagen der Gefahrgutkennzeichnung93

    • 1.13.2

      Kennzeichnung gefährlicher Güter bei Transporten94

    • 1.13.3

      Kennzeichnung gefährlicher Stoffe in Betrieben97

  • 1.14

    Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem (TUIS) der chemischen Industrie Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss98

  • 1.15

    Psychologisches Verhalten am Notfallort Ulrich v. Hintzenstern98

  • 1.16

    Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E) Hanjo v. Wietersheim und Ulrich v. Hintzenstern102

  • 1.17

    Hygienemaßnahmen und Problemkeime Ulrich v. Hintzenstern und Michael Reng103

  • 1.18

    Leichenschau/Todesbescheinigung Ulrich v. Hintzenstern105

    • 1.18.1

      Leichenschau105

    • 1.18.2

      Todesfeststellung107

    • 1.18.3

      Todesbescheinigung108

  • 1.19

    Dokumentation Ulrich v. Hintzenstern109

  • 1.20

    Qualitätsmanagement im Rettungsdienst Ulrich v. Hintzenstern112

  • 1.21

    Traumaversorgungskonzepte Uwe Lehmann und Ulrich v. Hintzenstern115

    • 1.21.1

      ATLS115

    • 1.21.2

      PHTLS/ITLS116

    • 1.21.3

      Traumanetzwerke116

  • 1.22

    Risikomanagement im Notarztdienst Joachim Koppenberg und Ulrich v. Hintzenstern117

  • 1.23

    Kontroversen in der Notfallmedizin Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss120

Vierzehn Gebote für den Notarzt

Ulrich v. Hintzenstern und Michael Reng
  • 1.

    Setze Dich mit Notfallsituationen, vor denen Du Angst hast (Geburt, venöse Zugänge und Intubation bei Kleinkindern, Thoraxdrainage usw.), vorher intensiv auseinander ( 1.21 ).

  • Fachlektüre.

  • Mit Kollegen besprechen.

  • HospitationVerhaltensregeln.

  • „Trockentraining“, z. B. mit Trainingspuppe Dräger MaxPLUS® oder Laerdal Megacode Baby®.

  • 2.

    Unterschätze keine scheinbar unspektakuläre Notfallsituation, die Dir vertraut oder „langweilig“ vorkommt.

  • Alt und verwirrt im Heim heißt nicht nur dement und exsikkiert. Von der Sepsis bis zur Intoxikation ist alles möglich.

  • Heftige, beim Eintreffen schon wieder bessere Bauchschmerzen können von der Hodentorsion (beim Kind) bis zum Mesenterialinfarkt (beim Erw.) auch auf kritische Erkr. hinweisen.

  • Immer gezielte Anamnese und körperliche Untersuchung durchführen.

  • Wer das Schlimmste annimmt, wird nicht so leicht überrascht!

  • 3.

    Betrachte den Notfallpatienten als kranken Menschen, nicht als kranken „Gegenstand“.

  • Z. B. persönliche Vorstellung als Notarzt Dr. …

  • Zuwendung entspannt viele Situationen und ist die einfachste und kostengünstigste Form der Sedierung und Analgesie.

  • Sich auf „gleiche Höhe“ mit dem Pat. begeben → beim sitzenden oder liegenden Pat. in die Hocke gehen → auf gleicher Augenhöhe Blickkontakt herstellen.

  • 4.

    Behandle (Erst-)Helfer, Angehörige und vor Ort befindliche Kollegen so, wie Du selbst behandelt werden möchtest.

  • „Zauberworte“: „bitte“ und „danke“.

  • Keine „Oberlehrerattitüden“, stattdessen sachliches und emotionsfreies Auftreten.

  • Nervosität und Fehler in Notfallsituationen sind menschlich und nicht vorsätzlich.

  • 5.

    Verschaffe Dir zunächst einen Überblick über die Gesamtsituation, bevor Du eine Entscheidung für das Wesentliche und Machbare triffst.

  • „Weniger“ ist oft „mehr“.

  • 6.

    Bewahre immer Ruhe.

  • Durch übereiltes und hektisches Agieren kann dem Pat. mehr Schaden zugefügt werden als durch überlegtes Abwarten.

  • 7.

    Beherzige den Grundsatz, dass Erfolg nur durch ein Miteinander zu erzielen ist.

  • Medizinische und technische Rettung sind ohne Kommunikation, Koordination und Kooperation nicht möglich.

  • TEAM = Together Everyone Achieves More.

  • 8.

    Wende nach Möglichkeit nur Maßnahmen und Methoden an, die Du kennst und mit denen Du Erfahrung hast.

  • Keine Erstlingswerke oder „Experimente“ im Notarztdienst.

  • 9.

    Bedenke, dass ein NA kein Hexer oder Wunderheiler sein kann.

  • Primäres Ziel ist die Stabilisierung des Patientenzustands, nicht eine Kausaltherapie, die außerklinisch selten möglich ist.

  • Dennoch sollen die präklinischen Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie möglichst umfassend genutzt werden.

  • 10.

    Dokumentiere Deine Befunde und Maßnahmen exakt und übersichtlich.

  • DIVI-Protokoll.

  • Nur der NA kann Zeugen vor Ort zum Unfallhergang bzw. zum Zustand des Pat. vor dem Ereignis befragen. Diese Information wird in der Klinik dringend benötigt.

  • Leserliche Schrift, evtl. Arztstempel. Ggf. Lesebrille nicht vergessen.

  • Dokumentation auch „negativer“ Ereignisse (z. B. Aspiration, Zahnschädigung bei der Intubation).

  • 11.

    Fahre Kliniken nur nach Voranmeldung an.

  • Baldmöglichst der ILS/RLSt die bevorzugte Klinik nennen, die angefahren werden soll. Dabei erste Informationen mitteilen (z. B. „stumpfer Bauch, intubiert und beatmet“).

  • Bereits vor der Abfahrt vom Notfallort sollte über die ILS/RLSt geklärt sein, ob die Klinik aufnahmebereit und der Pat. angemeldet ist.

  • 12.

    Hinterlasse keine Spuren.

  • Abfall mitnehmen um Verletzungen, Miss- oder Fehlgebrauch (Kinder) vorzubeugen.

  • Keine Materialien, Geräte usw. vergessen.

  • 13.

    Führe nach jedem Einsatz mit Deinen Mitarbeitern eine konstruktive Manöverkritik durch (1.21).

  • „Man lernt nur aus Fehlern.“

  • „Was kann man beim nächsten Mal besser machen?“

  • „Was hat gut geklappt?“

  • Nach psychisch belastenden Einsätzen ein „Debriefing“ durchführen (1.15).

  • 14.

    Versuche ständig zu steigern:

  • Fachwissen.

  • Sozialkompetenz: Verhalten als Kollege, Führungskraft und gegenüber Betroffenen in Ausbildung, Einsatz und Nachbereitung.

  • Methodenkompetenz: setzt sich aus Wissens- und Verhaltenskomponenten zusammen und hilft dem NA (= Führungskraft!) mit Mitarbeitern, Kollegen oder in Stäben/Einsatzleitungen gezielt umsetzbare Maßnahmen zu erarbeiten.

Grundbegriffe der präklinischen Notfallmedizin

Ulrich v. Hintzenstern und Michael Reng

Rettungskette

Nur durch eine lückenlose Versorgung des Notfallpat. vom Notfallort bis zur RettungsketteNotaufnahme können optimale Behandlungsergebnisse erreicht werden. Das Konzept der Rettungskette (Abb. 1.1) veranschaulicht, dass für eine qualitativ hochwertige präklinische Notfallmedizin das Zusammenwirken der Kettenglieder unumgänglich ist.
Sofortmaßnahmen am Unfallort (Laienhilfe)
  • Die Einführung der Breitenausbildung in Sofortmaßnahmen am Unfallort und Erster Hilfe machen eine schnelle Intervention am Notfallort durch Laienhelfer möglich.

  • Seit einigen Jahren ist die Sofortmaßnahmen am UnfallortDurchführung der kardiopulmonalen Reanimation Lehrinhalt der Erste-Hilfe-Ausbildung.

  • Gute Langzeitergebnisse hängen Laienhilfeentscheidend von frühzeitigen Wiederbelebungsmaßnahmen durch Laienhelfer ab.

  • Meist sind am Unfallort schnell zahlreiche Passanten zur Stelle, die aber oft nur „gaffen“ statt helfend einzugreifen und so die Arbeit der Rettungskräfte behindern.

  • Trotz der für den Führerscheinerwerb obligatorischen Ausbildung in Sofortmaßnahmen am Unfallort bzw. der Breitenausbildung in Erster Hilfe geht das Laienhelfer-Wissen und -Engagement meist nicht über die Durchführung der stabilen Seitenlage hinaus.

Notruf
  • Zur besseren Koordinierung der Rettungsdiensteinsätze wurde in Deutschland ein Netz von integrierten Leitstellen bzw. Rettungsleitstellen eingerichtet (1.3.1).

  • Die 112 ist die bundeseinheitliche NotrufNotrufnummer für Feuerwehr und Rettungsdienst (vergleichbar der 110 der Polizei).

  • Die Leitstellen entscheiden anhand eines lokal unterschiedlichen Indikationskatalogs Notrufnummerüber die Notwendigkeit eines Notarzteinsatzes (1.2.3).

Beim Anwählen der Notrufnummer 112 über ein Mobiltelefonnetz (geht auch bei PIN-Sperre des Telefons) wird der Anrufer je nach Funknetzstruktur und Routingverfahren nicht zwangsläufig mit der nächstgelegenen Leitstelle verbunden. Daher Standort exakt beschreiben (hierbei kann eine App wie Google Maps hilfreich sein). Der Notruf 110/112 über eine Telefonzelle ist i. d. R. münz- bzw. kartenfrei möglich.

„First Responder“ (FR)/„Helfer vor Ort“ (HvO)
Synonyme: Sanitäter vor Ort (SanvO), Voraus-Helfer, Notfallhelfer.
Systeme zur Verkürzung des therapiefreien Intervalls zwischen Eingang des Notrufs und dem Eintreffen regulärer Kräfte des RD vor Ort. Entweder hauptamtliche (z. B. Berufsfeuerwehr mit First Responderadäquater RD-Qualifikation) oder freiwillige Kräfte (z. B. freiwillige Feuerwehr, Bergrettung, Wasserrettung mit unterschiedlicher medizinischer Qualifikation), RD-Mitarbeiter oder qualifizierte Ersthelfer, die über einen Smartphone-App-Alarm (z. B. „Irena“ oder „Mobile Retter“) verständigt werden.
Notarzt-/Rettungsdienst
Bodengebundener Notarztdienst
Der bodengebundene RettungsdienstNotarztbodengebundener DienstNotarztdienst wird als Stations- oder als Rendezvous-System betrieben:
  • Stationssystem: NA und RA Stationssystemsind an einem Krankenhaus stationiert. Sie rücken von hier zusammen mit dem NAW zum Einsatz aus. Vorteil: eingespieltes Team aus bekannten Mitarbeitern.

  • Rendezvous-System: NA Rendezvous-Systemrückt vom Krankenhaus mit dem NEF zum Einsatzort aus. Parallel dazu rückt ein RTW von der Rettungswache aus. Vorteil: mehr Flexibilität und größere Schnelligkeit des NEF, v. a. in ländlichen Einsatzbereichen.

Rettungshubschrauber
Rettungshubschrauber Rettungshubschrauberstehen für den Notarzteinsatz in einem größeren Einsatzradius bereit (50–70 km). NA und RA sind gemeinsam am Standort des RTH stationiert. Nach Versorgung des Pat. und Herstellung der Transportfähigkeit erfolgt der Transport entweder mit dem RTH oder einem immer zusätzlich alarmierten bodengebundenen Rettungsmittel. Vorteil: hohe Einsatzschnelligkeit bei größerem Einsatzradius, schneller und schonender Transport auch in entfernt gelegene Spezialkliniken (z. B. bei Verbrennungen, SHT, Polytrauma).
(Zentrale) Notaufnahme (ZNA)
Die Notaufnahme, zentraleinterdisziplinäre, zentrale Notaufnahme einer Klinik bietet zahlreiche Vorteile:
  • Aufnahmeärzte, diagnostische und therapeutische Ressourcen sind rund um die Uhr schnell verfügbar.

  • Informationen über die Aufnahme- und Versorgungsfähigkeit einer Klinik sind zentral verfügbar.

  • Der organisatorische Ablauf der Patientenversorgung wird optimiert und je nach Grad der Patientengefährdung priorisiert (kein Kompetenzgerangel, keine zeitraubenden Rückfragen).

  • Versorgung v. a. von polytraumatisierten Notfallpatienten durch ein Trauma-Team (Anästhesist, Unfallchirurg) und Möglichkeit des schnellen Hinzuziehens weiterer Fachdisziplinen (z. B. Radiologe, Neurochirurg, Pädiater, Kinderchirurg).

Fehlt eine zentrale Notaufnahme, kommt es bei der Suche nach einer adäquaten Versorgungsmöglichkeit häufig zu Verzögerungen und unnötigen Transportwegen („Notfalltourismus“).

Kritisch kranke Notfallpat. werden in der zentralen Notaufnahme über die ILS/RLSt RettungsleitstelleVoranmeldungangemeldet. Wichtig sind detaillierte Informationen über Verletzungen und Zustand des Pat. Falls die nächstgelegenen geeigneten Kliniken eine Aufnahme ablehnen oder wenn dem Pat. wegen vitaler Bedrohung ein weiterer Transport nicht zumutbar ist, ist eine „Zwangsbelegung“Zwangsbelegung der räumlich nächstgelegenen Klinik zulässig und durchzuführen!

OP/Intensivstation
  • Fortführung der präklinisch begonnenen Therapie zur Sicherung optimaler Behandlungsergebnisse.

  • Kapazitätsengpässe führen durch die Suche nach einem Intensivbett zur Unterbrechung der kontinuierlichen Therapie nach abgeschlossener Erstversorgung. Daher immer Aufnahmefähigkeit der Klinik durch ILS/RLSt abklären lassen.

„stay and play“ vs. „load and go“ vs. „treat in street“

Deutschsprachiger Raum„Notarztsystem“ („stay and play“):
  • Versorgung von Notfallpatienten durch Stay And PlayNotarztsystemein Load And GoRettungsteam aus 2 RA bzw. NS und NA.

  • Die Aufgabe vor Ort ist das schnelle Erkennen und die Soforttherapie vitaler Störungen.

  • Nach Herstellung der Transportfähigkeit folgt der Transport in die Klinik durch Rettungsfahrzeuge mit notfallmedizinischer Ausstattung unter NA-Begleitung (kontinuierliche ärztliche Überwachung).

Angloamerikanischer Raum
„Emergency Medical Service“ („load and go“, „scoop and run“):
  • Versorgung von Notfallpatienten durch 2 Emergency Medical ServiceParamedics (Ausbildungsstand vergleichbar dem von RA).

  • Am Scoop And RunEinsatzort wird nur eine Minimaltherapie durchgeführt; vorrangige Aufgabe ist der möglichst schnelle Transport in die Paramedicnächstgelegene Klinik.

  • Die Ambulance-Fahrzeuge sind in ihrer notfallmedizinischen Ausstattung der geringen Versorgungsmaxime entsprechend eher spärlich ausgerüstet.

„Treat in street“: bei kritisch Kranken
  • Therapie vor Ort qualifiziert beginnen, aber nicht „grenzenlos“ ausdehnen

  • Therapie während der Fahrt komplettieren

Notarzteinsatz – Indikationen

Die ILS/RLSt entscheidet nach Eintreffen eines Notrufs anhand eines lokal unterschiedlichen Indikationskatalogs über die einzusetzenden Rettungsmittel.
Die NotarztIndikationskatalogIndikation für den Einsatz des Notarztes ergibt sich aus dem Zustand des Pat. (Tab. 1.1) und der Art der Notfallsituation (Tab. 1.2).

Notkompetenz

Steht zur Versorgung eines Notfallpatienten ein NA nicht oder nur verzögert zur RettungsassistentNotkompetenzVerfügung, können entsprechend ausgebildete RA bzw. NS (1.3.2) Notkompetenzbestimmte ärztliche Maßnahmen im Rahmen der Notkompetenz durchführen.
Voraussetzungen:
  • Die Maßnahme ist für den Erhalt des Lebens des Pat. erforderlich.

  • Die Maßnahme wird vom RA bzw. NS sicher beherrscht (z. B. durch eine 30-stündige Fortbildung zu Indikationen, Wirkungen, Gefahren und Kontraindikationen und praktische Erfahrung).

  • Es gibt keine risikoärmere Alternative.

Von RA bzw. NS im Rahmen der Notkompetenz durchführbare Maßnahmen:
  • Anlage eines peripher-venösen oder intraossären Zugangs

  • Intubation ohne Verwendung von Muskelrelaxanzien

  • Infusion von Elektrolytlösungen bei Volumenmangelschock

  • Applikation von Notfallmedikamenten (Entscheidung über die Auswahl, Dosierung und Applikation sowie Auswahl und Ausschluss der die Maßnahmen durchführenden RA bzw. NS durch den Ärztlichen Leiter Rettungsdienst):

    • Reanimation und anaphylaktischer Schock: Adrenalin

    • Hypoglykämischer Schock: Glukose 40 %

    • Obstruktive Atemwegszustände: β2-Sympathomimetikum als Spray

    • Krampfanfall: Benzodiazepin als Rektiole

    • ACS: Nitro-Spray/-Kapsel

    • Verletzungen und ausgewählte Schmerzsymptome: Analgetikum

  • Frühdefibrillation mit Halbautomaten

Im Rahmen einer mind. 30-stündigen Fortbildung werden die Durchführung dieser Maßnahmen sowie Kenntnisse zu Indikationen, Wirkungen, Gefahren und Kontraindikationen vermittelt.
Die Anwendung dieser Maßnahmen durch RA bzw. NS im Rahmen der Notkompetenz setzt die erfolgreiche Teilnahme an der Abschlussprüfung sowie die fortlaufende Übung und die regelmäßige ärztliche Kontrolle des Kenntnisstands zwingend voraus.
Die Dokumentation des Einsatzablaufs (Patientenzustand und durchgeführte Maßnahmen der Notkompetenz im zeitlichen Verlauf) auf den bundeseinheitlichen DIVI-Rettungsdienstprotokollen (1.19) ist zur medizinischen DokumentationNotkompetenzwie rechtlichen Absicherung der Rettungsassistenten unerlässlich.
Einen Durchschlag des Einsatzprotokolls erhält oft der für den Rettungsdienstbereich verantwortliche Arzt zur Auswertung des Einsatzablaufs und ggf. zur Fallanalyse gemeinsam mit dem RA bzw. NS.

Effektivitätskontrolle

  • Art und UmfangEffektivität der präklin. Versorgung beeinflussen entscheidend das Outcome der EffektivitätKontrolleNotfallpatienten.

  • Eine DokumentationEffektivitätskontrollebundeseinheitliche Dokumentation mit dem DIVI-Notarztprotokoll (1.19) ist eine wichtige Voraussetzung für Untersuchungen zur Effektivitätskontrolle und Qualitätssicherung in der präklinischen Notfallmedizin (aktuelle Version: 5.1).

  • Die Beurteilung dieser Effektivität kann in drei Stufen erfolgen:

    • Primäre Effektivität: erreichte EffektivitätprimäreVerbesserung bzw. vermiedene Verschlechterung des Zustands von Notfallpat. während der präklin. Versorgung vom Notfallort bis zur Übergabe in der Klinik.

    • Sekundäre Effektivität: durchEffektivitätsekundäre die präklin. Versorgung begünstigter bzw. verkürzter stationärer Verlauf bis zur Krankenhausentlassung (z. B. kürzere Intensivpflegebedürftigkeit).

    • Tertiäre Effektivität: aufgrund Effektivitättertiäreder präklinischen Versorgung erreichter Zuwachs am gesamten Behandlungsergebnis, Grad der Wiederherstellung des Ausgangszustands.

  • Bisher ist nur ein Nachweis der primären Effektivität (MEES, 1.10) möglich.

Rettungsdienst

Ulrich v. Hintzenstern, Michael Reng, Helmut Ochs und Harald Strauss

Gesetzliche Grundlagen

Ulrich v. Hintzenstern, Michael Reng und Helmut Ochs
Leistungsträger
Der RD in Deutschland wird zu ca. 55 % vom Deutschen Roten Kreuz Rettungsdienstdurchgeführt. Danach folgen die RettungsdienstLeistungsträgerBerufsfeuerwehren mit ca. 20 %. Die restlichen ca. 25 % werden von den LeistungsträgerHilfsorganisationen ASB, JUH, MHD und privaten Betreibern erbracht.
Aufgaben des Rettungsdienstes
NotfallrettungErhalt des RettungsdienstAufgabenNotfallrettungLebens von Notfallpatienten, so weit an Ort und Stelle möglich, Herstellung der Transportfähigkeit und Transport unter fachlicher Betreuung in eine für die weitere Versorgung geeignete Klinik. Der RD stellt in der Rettungskette (1.2.1) die professionelle Schnittstelle zwischen Laienhilfe und klinischen Versorgung dar.
KrankentransportHilfeleistung für RettungsdienstKrankentransportKrankentransportKranke, Verletzte oder Hilfsbedürftige, die keine Notfallpatienten sind und Transport unter fachgerechter Betreuung.
Rettungsdienstgesetze
In RettungsdienstGesetzeDeutschland liegt die Regelungskompetenz für den RD bei den Bundesländern. Nach derzeitiger Rechtsauffassung der Länder ist der RD noch als Einheit, bestehend aus der Notfallrettung (samt Notarztdienst) und dem Krankentransport, ein Teil der Daseinsvorsorge (Abb. 1.2).
Nach den jeweiligen Rettungsdienst- oder Feuerwehrgesetzen FeuerwehrGesetzesind die Landkreise und kreisfreien Städte Träger des RD. Diese Tätigkeit wird z. B. in Bayern, Saarland und Sachsen von Rettungszweckverbänden Rettungszweckverbändeoder Zweckverbänden für Rettungsdienst- und Feuerwehralarmierung (ZRF) ausgeführt. Die gebildeten RD-Bereiche umfassen entweder einen oder mehrere kommunale Körperschaften.
Hauptinhalte der Landesrettungsdienstgesetze: allgemeine Bestimmungen und Begriffe, RettungsdienstBereichDefinitionen des RD, der Notfallrettung und des Krankentransportes, Hilfsfristen (Zeitraum zwischen Eingang Landesrettungsdienstgesetzeder Meldung in der Leitstelle und dem Beginn notfallmedizinischer Maßnahmen am Pat.), Aufgaben, Pflichten, Träger und Organisation, Strukturen der RD-HilfsfristBereiche, ILS bzw. RLSt und Rettungswachen, Luft-, Wasser- und Bergrettung, Finanzierung, Genehmigungsverfahren für die Durchführenden, Anforderungen an die Leistungsträger, Qualifikation des Personals, Mitwirkung und Zusammenarbeit mit Dritten, Notarztdienst.

Organisation

Helmut Ochs und Michael Reng
Integrierte Leitstelle (ILS) – Rettungsleitstelle (RLST)
Die Leitstelle ist ein ständig einsatzbereites RettungsleitstelleLeitstelleKommunikations- und LeitstelleintegrierteOrganisationszentrum für einen Leitstellenbereich. Die Integrierte Leitstelle ist zuständig für die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr, d. h. für Rettungsdienst, Feuerwehr und Katastrophenschutz. Vereinzelte Rettungsleitstellen sind weiterhin ausschließlich für den Rettungsdienst zuständig.
Die Leitstelle verfügt über alle relevanten Informationen, die zur Erfüllung ihrer Aufgaben notwendig sind:
Aufgaben
  • Entgegennahme aller Notrufe, Notfallmeldungen, sonstiger Hilfeersuchen und Informationen für Rettungsdienst (Land-, Luft-, Wasser-, Berg-, und Höhlenrettung) und Feuerwehr im Leitstellenbereich.

  • Alarmierung der erforderlichen Einsatzkräfte und Einsatzmittel, Begleitung aller Einsätze und Unterstützung der Einsatzleitung.

  • Führung eines Behandlungskapazitätennachweises durch die Integrierte Leitstelle durch Vereinbarung von Verfahren für die notwendigen Meldungen mit den Krankenhäusern.

  • Anmeldung bzw. Abklärung von Aufnahmebereitschaft von Notfallpatienten bei den Kliniken.

  • Fachliches Weisungsrecht gegenüber dem RD-Personal, ausgenommen dem Weisungsrecht eines NA, LNA oder am Einsatz beteiligten Arztes in medizinischen Fragen.

  • Enge Zusammenarbeit mit dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst, den Krankenhäusern, der Feuerwehr, der Polizei, den Katastrophenschutzbehörden und -organisationen.

  • Ggf. Vermittlung des Vertragsärztlichen Bereitschaftsdienstes (unterschiedliche Landesregelungen).

  • Übersicht der diensthabenden Apotheken im Leitstellenbereich. Übersicht der Giftnotrufzentralen, Blutspendezentralen, Druckkammern und anderen Einrichtungen, soweit dies zur Erledigung ihrer Aufgaben erforderlich ist.

  • Gefahrgutinformationen.

  • Vorhalten von Einsatz- und Alarmplänen.

  • Überwachung des Funkverkehrs (betriebsführende Stelle). Zur Dokumentation werden alle ein- und ausgehenden Telefon- und Funkgespräche auf Tonträger aufgezeichnet. Die zeitliche Aufbewahrungspflicht ist sehr unterschiedlich geregelt. Disposition und Dokumentation mittels spezieller Einsatzleitprogramme.

Rettungswache
RettungswacheRettungsdienstRettungswacheDie Rettungswachen gehören organisatorisch zu den durchführenden Institutionen. Sie sind funktionelle Einheiten des RD.
Aufgaben
  • Einsatz- und RettungswacheAufgabenabrufbereiter Vorhalt der mobilen Rettungsmittel (RTW, NAW, KTW, NEF, evtl. auch RTH), die im Einsatzfall der Leitstelle unterstellt sind, sowie des erforderlichen Personals.

  • Instandhaltung und Wartung der Rettungsmittel: überprüfen der Fahrzeugausrüstung (MPBetreibV), Auffüllen verbrauchten Materials, Reinigen und Desinfizieren.

  • Die Alarmierung des Rettungsdienstpersonals erfolgt von der Leitstelle aus über Telefon („Draht“), Meldeempfänger, Lautsprecheranlage oder Funk.

Sanitäts-Einsatzleitung (SanEl)
Personelle Sanitäts-EinsatzleitungBesetzung: Leitender NA (1.3.3) und organisatorischer Leiter (1.3.3).
Aufgaben
  • Leitung Sanitäts-EinsatzleitungAufgabenund Koordination des Einsatzes der zur Verfügung stehenden RD-Mitarbeiter bei einem Massenanfall von Verletzten mit dem Ziel einer bestmöglichen medizinischen Versorgung aller Verletzten.

  • Abstimmung der Maßnahmen mit dem für die Leitung des Gesamtschadensereignisses zuständigen örtlichen Einsatzleiters.

  • Beratung des örtlichen Einsatzleiters in Fragen des RD-Einsatzes.

Unterstützungsgruppe Sanitäts-Einsatzleitung (UG-SanEl)
Personelle Sanitäts-EinsatzleitungUnterstützungsgruppeBesetzung: 4 Personen in Zweifachbesetzung.
AufgabenUnterstützung der SanEl, insbes. bei:
  • Sichtung, Einrichtung von Erstversorgungsbereichen vor Ort.

  • Verletztenerfassung.

  • Verletztenabtransport einschließlich Einweisung und Koordination der Transportmittel vor Ort.

  • Kommunikation.

Personal

Ulrich v. Hintzenstern und Michael Reng
Ärztliches Personal
Notarzt
Arzt, der im Rettungsdienst tätig ist und für seinen Einsatz über eine besondere NotarztQualifikation verfügen muss:
  • Zusatz-Weiterbildung „Notfallmedizin“ bzw. Fachkundenachweis „Rettungsdienst“ (länderspezifische FortbildungFachkundenachweis).

  • Mindestvoraussetzungen je nach Landesärztekammer, z. B.:

    • 12–24 Mon. klinische Tätigkeit, davon mind. 3–6 Mon. ganztägig auf einer Intensivstation oder in einer Notaufnahme

    • Teilnahme an verbindlich vorgeschriebenen Kursen

    • Nachweis von Kenntnissen und Erfahrungen in speziellen Notfalltechniken

Leitender Notarzt
Arzt, Notarztleitenderder im RD tätig ist und über eine besondere Qualifikation für seine Aufgaben verfügen muss:
  • Fachkundenachweis „Rettungsdienst“ bzw. Zusatz-Weiterbildung „Notfallmedizin“ (medizinische Kompetenz). Umfassende Kenntnisse in der Notfallmedizin und regelmäßige Tätigkeit im RD.

  • Fortbildung „Leitender NA“ (mind. 40 h).

  • Detailkenntnisse der regionalen Infrastruktur des Rettungs- und Gesundheitswesens.

  • In manchen Bundesländern Gebietsanerkennung eines Gebiets mit Tätigkeit in der Intensivmedizin.

  • Bestallung durch die für den Rettungs- bzw. Notarztdienst zuständige Behörde.

Übernahme besonderer ärztlicher Aufgaben am Notfallort bei einer großen Anzahl Verletzter bzw. akut Erkrankter, v. a. Leitung, Koordinierung und Überwachung sämtlicher medizinischer Maßnahmen am Unfallort (1.8.3).
Leitender Notarzt/See
ArztNotarztleitender, See, der im RD im Bereich der Berufsfeuerwehren der Küstenländer tätig ist und über eine besondere Qualifikation für seine Aufgabe als Teamleiter eines „Verletzten-Versorgungsteams See“ (VVT See 1.11.9) verfügen muss:
  • Alle Qualifikationen des Leitenden Notarztes jeweils bundeslandspezifisch.

  • Ergänzend regelmäßige NA-Tätigkeit im RD-Bereich einer der Berufsfeuerwehren der Küstenländer, die ein VVT See für das Havariekommando der Bundesrepublik Deutschland stellen.

  • Praktische Fortbildung „Sea-Survival“ gemäß Standards der Bundesmarine.

  • Fortbildung NA/LNA See des Havariekommandos der Bundesrepublik.

  • Regelmäßige Teilnahme an Übungen des Havariekommandos und der Behörden, die an der Gestellung der „Küstenwache“ beteiligt sind.

Übernahme besonderer ärztlicher Aufgaben als Team-Leiter eines VVT See, Transport zu einem oder auf ein havariertes Schiff außerhalb der 12-Meilen-Zone, am Notfallort Erst- und Akutversorgung Erkrankter und Verletzter, v. a. Leitung, Koordinierung und Überwachung sämtlicher medizinischer Maßnahmen am Unfallort (1.8.3).
Ärztlicher Leiter Notarztstandort, Standort-Obmann
Arzt Ärztlicher LeiterNotarztstandortmit entsprechender Qualifikation, der im RD tätig und mit der organisatorischen Leitung, ggf. auch Sach- und Fachaufsicht für einen Notarztstandort beauftragt ist.
Ärztlicher Leiter Rettungsdienst
Arzt Ärztlicher LeiterRettungsdienstmit Zusatzqualifikation, der im RD tätig ist und auf regionaler bzw. überregionaler Ebene die medizinische Leitung und Kontrolle des RD wahrnimmt sowie die Verantwortung für Effektivität und Effizienz der präklinischen notfallmedizinischen Patientenversorgung und -betreuung übernimmt.
Nicht ärztliches Personal
Rettungshelfer
Mitarbeiter RettungshelferRettungsdienstPersonal, nicht ärztlichesmit minimaler rettungsdienstlicher Ausbildung (z. B. Zivildienstleistende und ehrenamtliche Mitarbeiter):
  • Theoretische Ausbildung an einer RettungsdienstschuleRettungsdienstschule (160 h).

  • Klinischer Ausbildungsabschnitt, möglichst im Bereich Anästhesie/OP (80 h).

  • Ausbildung auf einer Lehrrettungswache (80 h).

Rettungssanitäter
Mitarbeiter Rettungssanitätermit fortgeschrittener rettungsdienstlicher Ausbildung.
Ausbildung gemäß bundesweiter Richtlinie (520-h-Ausbildung): theoretischer Unterricht an einer Rettungsdienstschule (160 h), Krankenhauspraktikum im Bereich Anästhesie/OP (160 h), praxisorientierte Ausbildung an einer Lehrrettungswache (160 h), Abschlusslehrgang mit mündlicher und schriftlicher Prüfung (40 h).
Rettungsassistent
Mitarbeiter Rettungsassistentmit umfassender rettungsdienstlicher Ausbildung:
  • Seit 1989 „Gesetz über den Beruf der Rettungsassistenten/innen“: bundesweite Festlegung einheitlicher Ausbildungsrichtlinien für die zweijährige Ausbildung in Theorie und Praxis mit spezieller Prüfung:

    • 1. Ausbildungsjahr: theoretischer Unterricht (1200 h) an einer Rettungsdienstschule (Anatomie, Physiologie, allgemeine und spezielle Notfallmedizin, Rettungsdienst-Organisation und rechtliche Aspekte der präklinischen Notfallmedizin). Praktikum im Krankenhaus (allgemeine Pflegestation, Notaufnahme, Anästhesie/Operationsbereich, Intensivstation).

    • 2. Ausbildungsjahr: praxisorientierte Ausbildung (1.600 h) an einer Lehrrettungswache.

  • Jährliche Fortbildung von mind. 30 h.

  • Spezielle Fortbildungskurse: z. B. Rettungsleitstellen-Disponent, Lehrrettungsassistent, staatlich geprüfter Desinfektor, Leiter Rettungsdienst, Trainer für präklinische Reanimation, Notkompetenz: Frühdefibrillation (unter ärztlicher Aufsicht und Prüfung), EKG-Diagnostik, ATLS, ACLS.

Notfallsanitäter
Mitarbeiter Notfallsanitätermit umfassender rettungsdienstlicher Ausbildung: ab 1.1.2014 „Gesetz über den Beruf der Notfallsanitäterin und des Notfallsanitäters“: bundesweite Festlegung einheitlicher Ausbildungsrichtlinien für die dreijährige Ausbildung in Theorie und Praxis mit spezieller Prüfung. Mit dieser neuen Ausbildung, die aus theoretischem und praktischem Unterricht und einer praktischen Ausbildung besteht und mit einer staatlichen Prüfung abschließt, wird die bisherige zweijährige Rettungsassistentenausbildung abgelöst.
Notfallsanitätern ist die eigenverantwortliche Durchführung medizinischer Maßnahmen der Erstversorgung bei Pat. im Notfalleinsatz und das Anwenden von in der Ausbildung erlernten und beherrschten, auch invasiven Maßnahmen erlaubt, um einer Verschlechterung der Situation der Pat. bis zum Eintreffen der Notärztin oder des Notarztes oder dem Beginn einer weiteren ärztlichen Versorgung vorzubeugen, wenn ein lebensgefährlicher Zustand vorliegt oder wesentliche Folgeschäden zu erwarten sind.
Lehrrettungsassistent
RA mit Lehrrettungsassistententsprechender Zusatzausbildung, die zur Ausbildung von RA in einer RD-Schule oder Lehrrettungswache berechtigt.
Wachleiter RD
Leitung des RD Wachleiter RDan einer Rettungswache.
Leiter Rettungsdienst
Leitung Leiter Rettungsdienstdes RD einer Organisation an einem RD-Standort.
Organisatorischer Einsatzleiter Rettungsdienst (OrgL)
Aufgaben 1.8.3.

Funk und Kommunikation

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
Als Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) kommunizierenBOS-Funktechnische Grundlagen Polizei, Feuerwehr sowie Hilfsorganisationen fast flächendeckend in einem digitalen Funknetz, dem TETRA-Netzsog. TETRA-Netz (Terrestrial Trunked Radio) im 70 cm-Wellenlängenbereich.

Die BOS-FunkFunkUmstellung auf digitalen BOS-Funk ist noch im Gange. Teilweise werden länder-/organisations-/lokal-spezifische Konventionen benutzt. Vor Aufnahme einer notärztlichen Tätigkeit ist eine entsprechende Einweisung in die Nutzung des digitalen BOS-Funks daher unumgänglich, um alle Möglichkeiten optimal nutzen zu können und keine Störungen zu verursachen!

Technische Grundlagen
  • Digitaler Bündelfunk mit einzelnen vernetzten Zellen (= Funkmasten), in die sich Berechtigte einwählen können (ähnlich wie in den Mobiltelefon-Netzen).

  • Zusammenfassung zusammengehörende Teilnehmer in festgelegten statischen Gruppen oder in aktuell durch die LSt einzurichtenden dynamischen Gruppen mit Zuweisung von Abkürzungen oder (gerätespezifischen) Gruppennummern.

  • Vorteile: dezidierte Notruffunktion, effektive End-zu-End-Verschlüsselung (Verhindern unbefugten Mithörens), Möglichkeit des Versendens von Kurznachrichten (SDS) sowie bessere Sprachqualität durch Unterdrückung von Störgeräuschen und Vermeiden von Überlagerungen. Außerdem melden digitale Funkgeräte, wenn kein Netzempfang besteht.

Das bisherige analoge Funknetz wird nur noch zur Alarmierung per Funkmeldeempfänger („Piepser“), als Rückfallebene sowie für Fahrzeuge genutzt, die noch nicht auf Digitalfunk umgerüstet sind.

Betriebsarten
  • TMO-Betrieb (Trunked Mode Operation): reservierte TMO-BetriebFrequenzen im UHF- (Ultra High Frequency)Bereich von 380–385 MHz als uplink (senden) und 390–395 MHz als downlink (empfangen), jeweils im Raster von 25 kHz. Alle Gespräche laufen über die Funkmasten der entsprechenden Zelle. Alle in diese Gruppe eingebuchten Funkgeräte sowie die Leitstelle können den gesamten Funkverkehr mithören. Dies ist der Regelbetrieb im Rettungsdienst (Abb. 1.3a).

  • DMO-Betrieb (Direct Mode Operation): reservierte DMO-BetriebFrequenzen im UHF-Bereich und von 406,1–410 MHz. Alle Gespräche laufen direkt vom sendenden Gerät zu allen anderen Geräten ohne zwischengeschaltetem Funkmast. Die Leitstelle kann den Funkverkehr nicht mithören. Dieses Verfahren wird vorzugsweise an Einsatzstellen zur lokalen Kommunikation benutzt (Abb. 1.3b).

Funktionen
  • Gruppen-Ruf (Halb-Duplexbetrieb): Alle Gespräche Halb-Duplexbetriebkönnen von allen Teilnehmern der Gruppe mitgehört werden; während eines laufenden Gesprächs kann kein anderer Teilnehmer senden. Dies ist der (Ressourcen-schonende) Regelbetrieb!

  • Ziel-/Einzelruf (Voll-Duplexbetrieb): Nur Voll-Duplexbetriebdie zwei direkt betroffenen Funkgeräte können das Gespräch hören; alle anderen Teilnehmer der Gruppe können nicht mithören. Wegen des hohen Ressourcenbedarfs ist dies nur in Ausnahmefällen zulässig!

  • FMS (Funk-Melde-System): freihalten Funk-Melde-Systemdes Funkverkehrkreises von der Vielzahl an Routinemeldungen vom Einsatzfahrzeug zur Leitstelle (Tab. 1.3). Durch (langen) Tastendruck auf dem Funkhörer wird eine im Leitstellenbereich vorher festgelegte Kodierung („Status“) zusammen mit der Fahrzeugkennung an die ILS/RLSt übertragen. Ein derartiges Signal wird auch bei laufendem Gespräch erkannt und über den separaten Organisationskanal weitergeleitet. Zusätzlich können durch Buchstaben kodierte Anweisungen oder Klartext-Meldungen von der ILS/RLSt an die Einsatzfahrzeuge weitergeleitet werden (SDS, Tab. 1.3).

  • Notruf: Durch BOS-FunkNotrufDrücken der orangefarbenen Notruftaste wird ein Notruf an alle eingebuchten Funkgeräte (TMO/DMO) und die LSt (nur TMO) abgesetzt. Gleichzeitig wird die dezidierte Kennung übertragen, das Funkmikrofon für 30 s eingeschaltet und ggf. die GPS-Daten des Geräts übermittelt. Dieser Notruf hat höchste Priorität und unterbricht ein weniger priorisiertes Gespräch!

Sonderfunktionen
  • Repeater: Hier BOS-FunkRepeater-Betriebwird bei funkversorgungstechnisch ungünstiger Situation (gesamte Einsatzstelle kann nicht im normalen DMO-Betrieb abgedeckt werden) ein Funkgerät im DMO-Modus in der Repeaterfunktion quasi als „lokaler Funkmast“ zur Funkabdeckung eingesetzt. Diese Betriebsart darf nur auf Anweisung der zuständigen Einsatzleitung geschaltet werden und ist der Leitstelle zu melden! (Abb. 1.4a).

  • Gateway: Hier BOS-FunkGateway-Betriebwird bei funkversorgungstechnisch ungünstiger Situation (die Leitstelle kann im TMO-Betrieb nicht erreicht werden, lokal kann aber mit DMO gefunkt werden), ein Funkgerät an exponierter Stelle im Gateway-Modus platziert. Alle Gespräche werden von dort via TMO-Modus an die Leitstelle weitergeschaltet; entspricht im analogen System der „2 m-4 m-Funkaufschaltung“. Diese Betriebsart darf nur auf Anweisung der zuständigen Einsatzleitung geschaltet und muss von der Leitstelle genehmigt werden; hierbei ist eine gesonderte DMO-Gruppe zu benutzen! (Abb. 1.4b).

Störungsursachen
  • UHF-WellenBOS-FunkStörungsursachen breiten sich wie Lichtwellen geradlinig „quasi-optisch“ aus → Funkkontakt ist nur bei (theoretischem) „Sichtkontakt“ zum Funkmasten möglich.

  • Berge, Täler und Gebäude können einen „Funkschatten“ mit fehlendem Kontakt verursachen → bei MRT Standortwechsel (oft um nur wenige Meter) hilfreich; bei HRT in Gebäuden ans Fenster gehen.

  • Nicht entstörte Maschinen (z. B. Elektromotoren, ÜberreichweiteMofa- und Rasenmähermotoren, defekte Kfz-Lichtmaschinen) und Stromleitungen können Störungen verursachen → ggf. Abschalten veranlassen oder Ortswechsel.

Durchführen des Funkverkehrs
  • MRT (Mobile Radio Terminal): fest eingebautes Funkgerät im Fahrzeug.

  • HRT (Handheld Radio Terminal): Handsprechfunkgerät, kann auch mit einer speziellen aktiven Einbauhalterung auch „mobil“ genutzt werden.

  • FRT (Fixed Radio Terminal): fest eingebautes Funkgerät in einer Station/LSt.

Die fest einbauten sowie die Handsprechfunkgeräte verschiedener Hersteller sind weitestgehend identisch aufgebaut, was die Bedienung erleichtert. Die Bedeutung der Bedienelemente auf dem Hörer zeigt Abb. 1.5.
  • Rufaufbau: Gesendet wird, indem die Sprechtaste im Funkhörer links gedrückt und gehalten wird. Cave: Erst, wenn nach ca. 0,5 s ein Tonsignal erfolgt, steht die Verbindung und es kann gesprochen werden. Bei Anzeige „Netzstau“ Taste weiter gedrückt halten, bis Tonsignal erfolgt. Nach Beendigung der Durchsage die Taste sofort wieder loslassen. Falls die Taste weiterhin gedrückt bleibt, wird der Sprechfunkverkehr behindert.

  • Rufname: Jede Funkstelle besitzt einen eindeutigen und unverwechselbaren Namen, der die Zuordnung nach Zugehörigkeit und Fahrzeugtyp erlaubt. Funktechnisch entspricht eine solche Kennung der OPTA (Operativ-taktische Adresse) eines Funkgeräts, die bei jedem Sendevorgang auf das Display einer empfangenden Station übertragen wird (Tab. 1.4). Beispiel: „Sama Erlangen 41/71/2“: Sama (Organisation) Erlangen (Landkreis) 41 (Wachen-Nr.) 71 (Fahrzeugart) 2 (fortlaufende Fahrzeug-Nr.).

Immer in der zugewiesenen Gruppe bleiben. Wechseln auf andere Gruppen nur nach Anordnung durch die ILS/RLSt. Eine direkte Kommunikation mit der Polizei ist in der Regel nicht möglich!

  • Anruf: (Rufname der Gegenstelle) „von“ (eigener Rufname), Nachricht (nur bei sicheren Sprechfunkverbindungen, sonst Antwort der Gegenstelle abwarten), „kommen“ (Aufforderung zur Antwort). Beispiel: „Leitstelle Nürnberg von Sama Erlangen 41/71/2 – Einsatzstelle an – kommen“.

  • Anrufantwort: „Hier“ (eigener Rufname), „verstanden“ bzw. „kommen“.

  • Abschluss einer Nachricht/Meldung jeweils mit „kommen“, Empfangsbestätigung jeweils mit „verstanden“.

  • Abschluss des Gesprächs mit „Ende“ und Bestätigung der aufnehmenden Funkstelle mit „verstanden – Ende“.

  • Meldungen (häufig als FMS): Abmeldung (nach Alarmierung beim Verlassen des Standortes), Eintreffmeldung (am Einsatzort), Lagemeldung (Unterrichtung der ILS/RLSt über Art und Umfang des Ereignisses sowie über getroffene Maßnahmen), ggf. Nachforderung (weiterer Kräfte), Schlussmeldung (Ende der Tätigkeit an der Einsatzstelle), Bereitmeldung (erneute Einsatzbereitschaft), Zurückmeldung (Wiedereintreffen am Standort).

Eine reibungslose Kommunikation BOS-FunkDisziplinsetzt Funkdisziplin voraus, sonst häufige Rückfragen (v. a. bei größeren Schadenslagen evtl. Zusammenbruch der Funknetze):

  • Unnötige Funksprüche unterlassen.

  • Kurze, klare Funksprüche, nur mit den absolut erforderlichen Informationen.

  • Keine überflüssigen Floskeln („Bitte“, „Danke“) und Flüche.

  • Deutlich und nicht hastig sprechen; „zwo“ statt „zwei“; kein Dialekt.

  • Möglichst keine Abkürzungen verwenden.

  • Schwierige Worte ggf. buchstabieren (Buchstabiertafel).

  • Personenbezogene Daten und Diagnosen nur durchgeben, wenn unbedingt erforderlich.

  • Funkspruch erst dann absetzen, wenn das laufende Gespräch beendet ist.

  • Bei lebenswichtigen Meldungen Ankündigung mit „Notfall“ oder „Blitz“ → Unterbrechung des weniger dringlichen Gesprächs.

  • Von der ILS/RLSt angekündigte „Funkstille“ einhalten, damit wichtige Meldungen abgesetzt werden können (siehe TMO-Betrieb)!

Funk-Draht-ÜberleitungRein technisch wäre eine Nutzung der Funkgeräte als Mobiltelefone möglich. Das TETRA-Netz ist aber gegenüber normalen Telefonnetzen strikt abgeriegelt. Überleitung des Funkverkehrs in Telefonnetze nur durch Telefon-Gateway möglich. Dazu im BOS-Funkgerät in den Modus „TMO-Telefonie“ wechseln. Cave: Aufhebung der Verschlüsselung! Da dies einem Zielruf (Vollduplex) entspricht und sehr viele Ressourcen bindet, ist dieses Vorgehen nur extremen Ausnahmen vorbehalten. Besser ein konventionelles Handy benutzen!
Bei ausgedehnten und länger dauernden Schadenslagen ggf. durch entsprechende Kräfte der Hilfsorganisationen (Fernmeldetrupp) oder der Telekom Anschlüsse an das vorhandene Netz neu schalten lassen und über diese „Standleitungen“ den Informationsaustausch zwischen den Führungsstrukturen abwickeln → geringere Störanfälligkeit, Abhörsicherheit und erhebliche Entlastung des Funkverkehrkreises.
TelefonsystemeVerschiedene Funktelefonnetze (D1, D2, O2) sowie der Internetzugang mittels WAP und UMTS-Technologie werden im RD erprobt. Zudem führt praktisch jeder NA sein persönliches Mobiltelefon mit sich (und nutzt es häufig).
  • Vorteile: direkte Anrufe im TelefonsystemeGegensprechverkehr (z. B. bei einer Vergiftungszentrale oder Klinik) möglich. Einsatz bei Führungsgruppen (z. B. Sanitätseinsatzleitung) zur Übermittlung von Daten (Datex-J) oder Dokumenten (Telefax).

  • Nachteil: Funknetze häufig überlastet (bei Stau auf der Autobahn viele Anrufe: „Ich komme später nach Hause“), keine Banddokumentation des Gesprächs durch LSt. Ggf. Priorisierung beim Betreiber beantragen.

Juristische Aspekte

Ulrich v. Hintzenstern und Frank Erbguth

Aufklärungs- und Behandlungspflicht

Aufklärung
  • Der NA ist zur (minimalen) Aufklärung des Pat. in groben Zügen verpflichtet:

    • Verlaufsaufklärung: Art, AufklärungBehandlungspflichtVerlaufsaufklärungUmfang, Durchführung, Schmerzhaftigkeit und Folgen des geplanten präklinischen Eingriffs.

    • Risikoaufklärung: typische Risikoaufklärungoder nicht unwahrscheinliche Komplikationen des geplanten präklinischen Eingriffs.

  • Je dringlicher der Eingriff, desto geringer der Umfang der Aufklärungspflicht.

  • Einwilligung des Pat.: ausdrücklichEinwilligung, schlüssig (stillschweigend) oder mutmaßlich (bei Bewusstlosigkeit).

  • Sicherungsaufklärung: Instruktion, Sicherungsaufklärungwas der Pat. in der Folge zu tun bzw. zu unterlassen hat; z. B. WV bei Symptompersistenz oder -progredienz.

  • Aufklärung bei Verweigerung von therapeutischen Maßnahmen durch den Pat.:

    • Folgen und Gefahren bei Nichtdurchführung des geplanten Eingriffs.

    • Je dringlicher der Eingriff, desto drastischer ist der behandlungsunwillige Pat. über die Folgen der Unterlassung aufzuklären.

    • Ablehnung bei willensfähigen Pat. sorgfältig dokumentieren und vom Pat. und Zeugen (RD-Personal, keine unbeteiligten Dritten wegen Datenschutz und Schweigepflicht) gegenzeichnen lassen. Pat. ist nicht zur Unterschrift verpflichtet → Zeugen bestätigen lassen!

    • Bei Verweigerung eines vital indizierten Eingriffs, wenn die freie Willensentscheidung eingeschränkt ist → nächste Angehörige oder Hausarzt informieren (kein Verstoß gegen die Schweigepflicht; ggf. Strafbarkeit wegen unterlassener Hilfeleistung § 323 c StGB).

Verhalten gegenüber behandlungsunwilligen Pat.
  • Ablehnung einer Patientbehandlungswilligererforderlichen Behandlung nur bei Pat. mit freier Willensentscheidung akzeptieren, Willenserklärungen eines Geschäftsunfähigen nach §§ 104, 105 BGB sind nichtig.

  • Rettungspflicht besteht daher immer bei Suizidversuchen (auch Rettungspflichtausdrücklich erklärter Selbsttötungswille ist immer unbeachtlich), Schock, Alkohol- oder Drogeneinwirkung, psychischen Notfällen, Bewusstlosen, eingeschränkt auch bei Kindern (12.1.3).

  • „Zwangseinweisung“ 10.3.

  • Bei Widerstand des Pat. gegen Behandlung oder Transport bei gleichzeitiger Eigengefährdung Polizei verständigen (Gewaltmonopol). Bei akuter Gefährdung des Pat. und noch nicht eingetroffener Polizei maßvolle Nötigungsmittel einsetzen und nur im äußersten Notfall Gewaltanwendung zum Schutz des Pat. sowie zum Eigenschutz.

Verhalten bei begrenzenden Vorausverfügungen
Da Pat. zunehmend Therapiebegrenzungen bei lebensbedrohlicher Erkrankung per Patientenverfügung und/oder Ernennung eines Vorausverfügung, Verhalten beiBevollmächtigten im Voraus verwirklicht haben wollen, werden auch Notärzte zunehmend mit entsprechenden „Unterlassungswünschen“ durch Angehörige bei nicht kontaktfähigen Pat. konfrontiert.
PatientenverfügungSeit 1.9.2009 ist der Umgang mit einer Patientenverfügung gesetzlich geregelt (§§ 1901a–c; 1904). Verbindlich ist die Verfügung, wenn die aktuelle PatientenverfügungEntscheidungssituation in der Verfügung konkret oder sinngemäß wiedergegeben wird. Arzt und Bevollmächtigter bzw. Betreuer sind gehalten festzustellen, ob getroffene Festlegungen auf die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation zutreffen. Fehlt eine schriftliche Verfügung, so ist auch ein hinreichend sicher rekonstruierbarer „mutmaßlicher“ Wille zu beachten. Schließt z. B. ein bereits erkrankter Pat. für den Fall einer Ateminsuff. eine künstliche Beatmung explizit aus, könnte ein notärztliches Zuwiderhandeln den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen.
Da in Patientenverfügungen jedoch meist auf Prognosen Bezug genommen wird (z. B. „für den Fall dauerhafter Bewusstlosigkeit“) und diese in der Einsatzsituation noch völlig unklar sind, kann vom mutmaßlichen Patientenwillen ausgegangen werden. In diesem Sinne wird eine Initialtherapie zur weiteren Behandlung im Krankenhaus begonnen, um im weiteren Erkrankungsverlauf beurteilen und entscheiden zu können, ob die vom Pat. gemeinte Situation eingetreten ist, auf die sich die geforderte Unterlassung bezieht. Zudem signalisiert eine Anforderung des Notarztes durch Angehörige trotz vorliegender begrenzender Verfügungen auch eine gewisse Unsicherheit oder Ambivalenz. Der NA sollte sich auf seine Hilfepflicht nach dem Rettungsgesetz berufen.

Die Authentizität der Patientenverfügung (die Patientenverfügung wurde von dem Pat. autorisiert) und ihre aktuelle Gültigkeit (eine Patientenverfügung kann jederzeit mündlich widerrufen werden) sind vor Behandlungsverzicht zu prüfen, sind aber beim bewusstlosen Pat. nicht überprüfbar. Der Pat. kann seinen Behandlungsverzicht zudem bereits durch „konkludentes Handeln“ widerrufen, indem er den Rettungsdienst alarmiert oder alarmieren lässt.

Im Zweifelsfall sollten daher – insbesondere beim nicht bewusstseinsklaren Pat. – alle erforderlichen lebensrettenden Maßnahmen ergriffen werden. Diese können dann nach Klärung der Situation im Krankenhaus ggf. wieder eingestellt werden.

VorsorgevollmachtBesteht Vorsorgevollmachteine Vorsorgevollmacht, so ist der Bevollmächtigte in gleichem Maß wie der Pat. berechtigt, Maßnahmen abzulehnen. Nur bei dringendem Verdacht auf Missbrauch der Vollmacht durch Unterlassungsforderungen, die eindeutig den mutmaßlichen Interessen des Pat. zuwiderlaufen (z. B. bei lebensbedrohlicher, aber gut therapierbare Situation), ist ein Handeln gegen den Willen des Bevollmächtigten möglich. Anschließend muss das Betreuungsgericht über den vermuteten Missbrauch informiert werden.

Schweigepflicht und -recht

Schweigepflicht
Die SchweigepflichtSchweigepflicht ist in § 203 des Strafgesetzbuches verankert, sowie in der „Berufsordnung für Ärzte“, den RD-Gesetzen und Dienstanweisungen für den RD. Alle Rettungsdienstmitarbeiter sind schweigepflichtig (auch nach dem Tod des Pat.), d. h. keine Weitergabe von personenbezogenen Daten.
Nicht unter die Schweigepflicht fallen Angaben über die äußeren Umstände (Anlass, Ort und Zeit des Einsatzes) bei Unfällen im öffentlichen Bereich (z. B. Verkehrs- oder Arbeitsunfall).
  • Bei Auskunftswünschen der PolizeiAuskunftswünschePolizei keine Diagnosen nennen. Klassifizierung der Verletzung in „leicht/schwer/lebensbedrohlich“ ist ausreichend für die Polizeiarbeit. Wachen Pat. ggf. fragen, ob er mit solch einer allgemeinen Aussage einverstanden sei und durch Polizei selbst befragen lassen!

  • Bei Einwilligungsunfähigkeit (z. B. Bewusstlosigkeit, Trunkenheit, Kleinkinder) können personenbezogene Daten EinwilligungsunfähigkeitMutmaßlicher Willeoffenbart werden, wenn dies dem mutmaßlichen Willen (z. B. Weitergabe von Daten eines Unfall- oder Verbrechensopfers an die Polizei zur Wahrung seiner Rechte, Angabe des Transportziels an Familienangehörige) entspricht.

  • Keine Weitergabe von Informationen an die Presse (an die Polizei verweisen).

Die SchweigepflichtAusnahmenSchweigepflicht kann bzw. muss unter besonderen Umständen gebrochen werden:

  • Der NA ist von der Schweigepflicht entbunden, wenn die Weitergabe personenbezogener Daten mit dem Behandlungsauftrag im Zusammenhang steht (z. B. an die Rettungsleitstelle, DIVI-Protokoll, Abrechnung mit der KV).

  • Bei geplanten schweren Verbrechen wie z. B. Mord, Totschlag, Landesverrat, gemeingefährlichen Straftaten (z. B. Attentat, Bombenanschlag) oder der Gefahr der Verbreitung von Seuchen, die evtl. noch abgewendet werden können, muss Anzeige erstattet werden (§ 138 StGB bzw. §§ 6 f. IfSG).

  • Die Schweigepflicht sollte gebrochen werden (§ 34 StGB), wenn die Wiederholung einer Tat gegen „Leben und Leib“ droht, z. B. bei schwerer Kindesmisshandlung (12.5.9), oder sexuellem KinderMisshandlungMissbrauch von Minderjährigen, da sonst ggf. Strafbarkeit wegen unterlassener Hilfeleistung (§ 323c StGB). Kindeswohl geht immer vor Schweigepflicht! Das Jugendamt und in schweren Fällen unmittelbar die Polizei verständigen (nach Möglichkeit Beweise sichern). Auf jeden Fall Hinweis an aufnehmende Klinik bei Übergabe des Kindes (ggf. Entscheidung dort; Hinweis dokumentieren!).

Schweigerecht
Über SchweigerechtZeugnisverweigerungsrechtdas, was man in seiner Eigenschaft als Arzt erfahren hat, darf man aufgrund des Zeugnisverweigerungsrechts schweigen. Ausnahme: Entbindung von der Verpflichtung zur Verschwiegenheit durch den Pat. (§ 53 StPO) oder durch Gerichtsbeschluss.
Cave: Haftpflichtversicherungsverträge sehen meist einen „Zwang“ zur Zeugnisverweigerung vor. Bei Abgabe haftungsrechtlich relevanter Erklärungen evtl. Verlust des HaftpflichtversicherungHaftpflichtversicherungsschutzes.
Allerdings besteht seit 2013 im Patientenrechtegesetz (PatRG) § 630c Abs. 2 BGB die Verpflichtung den Pat. bei Annahme eines Behandlungsfehlers auf Nachfrage oder zur Abwendung gesundheitlicher Gefahren darüber zu informieren.

Betäubungsmittel im Rettungsdienst

RD-relevante Analgetika, die der Betäubungsmittel-VerschreibungsverordnungRettungsdienstBetäubungsmittelBetäubungsmittelBetäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) unterstehen: Fentanyl, Morphin, Pethidin, Piritramid, Remifentanil und Sufentanil.
Personenunabhängige Ausstattung der RD-Fahrzeuge mit Betäubungsmitteln („Stationsbedarf“)
  • Beauftragung eines Arztes durch den Träger des RD zur Verschreibung der benötigten BtM und Durchführung der monatlichen BetäubungsmittelStationsbedarfBestandsprüfung.

  • Verschreibung mittels BtM-Anforderungsschein (BetäubungsmittelAnforderungsscheinbei der Bundesopiumstelle erhältlich).

  • Verschreibungsmenge: durchschnittlich 2-Wo.-Bedarf, mind. jedoch die kleinste Verpackungseinheit; die Vorratshaltung sollte den Monatsbedarf nicht überschreiten.

  • Nach Verabreichen eines BtM ist der NA zur Aufzeichnung des Verbleibs und Bestands im BtM-Buch verpflichtet (bei der Bundesanzeiger-Verlagsgesellschaft erhältlich).

  • Mindestens halbjährlich werden die BtM-Vorräte des RD durch die beliefernde Apotheke hinsichtlich einwandfreier Beschaffenheit (Verfall) und ordnungsgemäßer Aufbewahrung überprüft.

Personengebundene Ausrüstung eines NA mit Betäubungsmitteln („Praxisbedarf“)Verschreibung des Bedarfs an BtM BetäubungsmittelRezeptfür den privaten NA-Koffer.
  • Verschreibung mittels BtM-Rezept (bei der Bundesopiumstelle erhältlich).

  • Verschreibungsmenge wie bei personenunabhängiger Ausstattung (s. o.).

  • Der NA ist zur Aufzeichnung des Verbleibs und Bestands, d. h. zur Führung von Karteikarten nach amtlichem Formblatt (bei der Bundesanzeiger-Verlagsgesellschaft erhältlich) verpflichtet.

Rechtsvorschriften für Medizinprodukte

Aufgrund europäischer Vorgaben in Form von mehreren Richtlinien mussten die nationalen Vorschriften für Medizinprodukte, insbes. die Medizingeräteverordnung (MedGV) abgelöst werden. Die Vorgaben, die durch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG bzw. durch die Europäische Gemeinschaft (EG) erlassen wurden, sind in Deutschland durch das Medizinproduktegesetz vom 2. August 1994 (MPG) in das deutsche Recht umgesetzt. Das MPG wurde zwischenzeitlich mehrfach geändert und durch zusätzliche Medizinproduktegesetznationale Rechtsvorschriften in Form von Verordnungen ergänzt. Das MPG regelt im Wesentlichen den Anwendungsbereich, den Zweck, die Definitionen und die Straf- und Bußgeldvorschriften. So ist z. B. der Betrieb und die Anwendung von Medizinprodukten mit sicherheitsrelevanten Mängeln für die Betreiber und auch für die Anwender ein Straftatbestand.
Die bei der täglichen Anwendung von Medizinprodukten (medizinisch-technische Geräte, Zubehör, medizinisches Verbrauchsmaterial und Einwegartikel) zu beachtenden Rechtsvorschriften sind in der Medizinproduktebetreiberverordnung (MPBetreibV) aufgeführt und i. d. R. für die Betreiber und Anwender mit Ordnungswidrigkeiten bis zur Höhe von 25.000 € belegt.Medizinproduktebetreiberverordnung Als wesentliche Vorschriften der MPBetreibV sind zu nennen:
  • Die Dokumentation von medizinischen Geräten (Bestandsverzeichnis und Medizinproduktebuch).

  • Die Forderung nach einem hohen Ausbildungs- und Kenntnisstand der Anwender.

  • Die Durchführung qualifizierter Einweisungen einschließlich der zugehörigen Dokumentation.

  • Die Prüfung der Medizinprodukte vor der Anwendung durch den Anwender.

  • Die Durchführung von technischen Prüfungen (sicherheitstechnische Kontrollen/STK, messtechnische Kontrollen/MTK und Prüfung auf ordnungsgemäßen Zustand/DGUV V3 nach den Unfallverhütungsvorschriften).

Vorkommnisse (= Zwischenfälle), die durch Fehler oder Mängel eines Medizinprodukts zu einem Personenschaden geführt haben, geführt haben könnten oder führen könnten, sind nach § 3 der Medizinproduktesicherheitsplanverordnung (MPSV) unverzüglich an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit vorgegebenen Formblättern zu melden. MedizinproduktesicherheitsplanverordnungAnwenderfehler sind nicht meldepflichtig und sind wegen der u. U. drohenden Weitermeldung an die Strafverfolgungsbehörden zu vermeiden. Vorkommnisse werden i. d. R. durch Sachverständige im Auftrag des BfArM, meist aber im Auftrag von Gerichten und Staatsanwaltschaften untersucht.
Im Gegensatz zur MedGV beinhaltet das MPG eine Reihe von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, die auch die Betreiber und die Anwender von Medizinprodukten betreffen. Weitere Ordnungswidrigkeiten sind in den einzelnen Verordnung aufgeführt.

Ethische Überlegungen im Rettungsdienst

Ulrich v. Hintzenstern
ProblematikDie ReanimationÜberlegungen, ethischeSituation am Notfallort stellt eine Ethische ÜberlegungenAusnahmesituation dar: Unter ungewohnten und evtl. ungeeigneten Umgebungsbedingungen müssen unter Zeitdruck Entscheidungen getroffen werden, die für das Leben und das Outcome des Pat. entscheidend sein können. Erschwerend wirken sich Stressmomente (z. B. Reanimation auf Marktplatz mit großer Menschenmenge, aufgeregte Angehörige) und sehr eingeschränkte diagnostische Möglichkeiten aus.
Da sich der NA im Einsatz nicht mit Kollegen besprechen kann, muss er alleinverantwortlich Entscheidungen fällen, die menschliche Grenzbereiche berühren (z. B. Verzicht bzw. Abbruch der Reanimation → sicherer Tod des Pat.). „Ethische Algorithmen“ (z. B. allgemeingültige Kriterien zum Abbruch einer Reanimation) für jede Notfallsituation fehlen → der NA ist bei jedem Einsatz erneut vor Entscheidungskonflikte gestellt.
Typische ethische Konfliktsituationen im Rettungsdienst
  • Reanimation (präklinisch „erfolgreiche“ Reanimationen → häufig hypoxische Dauerschäden).

  • Anfall mehrerer Verletzter (Versorgungspriorität).

  • Krisen bei inkurablen Krankheiten, z. B. Hirntumor (8.4.4) oder irreversible neuromuskuläre Erkr. (8.4.5).

  • Berücksichtigung des Patientenwillens (z. B. multimorbider Pat. im Finalstadium: Recht auf einen würdevollen Tod zu Hause vs. Krankenhauseinweisung).

Lösungsansätze

Ethische Entscheidungen im Rettungsdienst sind immer situationsgebunden, d. h., es kann keine allgemeingültigen Richtlinien geben.

Jede Entscheidung muss unter folgenden Prämissen getroffen werden:
  • Derjenige, der sie trifft, muss sie für richtig halten und alleine vertreten können, da ihm niemand die Verantwortung dafür abnehmen kann. Dabei sollen die oft fordernd vorgetragenen Meinungen der Team-Mitglieder berücksichtigt werden, diese dürfen den NA aber nicht „überreden“. Im Zweifelsfall: „Ich verstehe die Einwände, kann mich aber nicht gegen meine Überzeugung entscheiden.“

  • Die Entscheidungsfindung sollte nicht unbewusst („aus dem Bauch heraus“ → Entscheidungsprozess wird auf ein intuitives „Ja“ oder „Nein“ reduziert), sondern so transparent ablaufen („Warum breche ich jetzt bei diesem Pat. die Reanimation ab?“), dass man sich selbst über die eigene Motivation im Klaren ist und seine Entscheidung auch noch später vertreten kann.

  • Auf den Beginn einer Reanimation wird meist nur verzichtet werden können, wenn sichere Todeszeichen vorliegen (1.18.2) oder wenn der NA den Pat. und seine Krankengeschichte genau kennt (z. B. Tumorpatient mit infauster Prognose, aus der Klinik oder von früheren Einsätzen bekannt).

  • Werden während der Reanimation Informationen bekannt, die eine weitgehend sichere infauste Prognose erwarten lassen (Arztbrief, Unfallmechanismus), so kann ein „vorzeitiger“ Abbruch der Reanimation erwogen bzw. verantwortet werden.

  • Ggf. (extreme Ausnahme!) kann ein kurzer Reanimationsversuch auch bei infauster Prognose gerechtfertigt sein, wenn dadurch z. B. den Angehörigen eine bessere Verarbeitung des unerwarteten Verlusts (z. B. Reanimation eines „toten“ Säuglings → „es wurde alles versucht“) ermöglicht wird.

Ethische Probleme und die daraus resultierenden Emotionen sollten nicht verdrängt, sondern nach Möglichkeit in offenen Gesprächen mit anderen Kollegen und Rettungsdienstmitarbeitern vertieft werden → Stärkung der eigenen Konfliktlösungs- und Verantwortungsfähigkeit.

Rettungsmittel

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss

Fahrtechnik

Ulrich v. Hintzenstern
Sonderrechte
Wenn SonderrechteRettungsmittelNotarzteinsatzfahrzeugFahrtechnikFahrtechnikhöchste Eile zur Rettung von Menschenleben oder Abwendung schwerer gesundheitlicher Schäden geboten ist, sind Fahrzeuge des RD von den Vorschriften der Straßenverkehrsordnung befreit.
  • Die Sonderrechte dürfen nur bei gebührender Berücksichtigung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ausgeübt werden, was einer besonderen, erhöhten Sorgfaltspflicht des Fahrers entspricht.

  • Voraussetzung zur Inanspruchnahme der Sonderrechte ist ein entsprechendes Meldebild.

  • Wegerecht kann von anderen Verkehrsteilnehmern nur bei Verwendung von Blaulicht und EinsatzhornBlaulichtEinsatzhorn gefordert werden.

  • Die Fahrt zum Einsatzort ist immer nur Mittel zum Zweck: Die eigentliche Aufgabe wartet am Ende der Fahrt!

Die Belastungen und Beanspruchungen bei Einsatzfahrten mit Inanspruchnahme von Sonder- und Wegerechten sind extrem. Insbesondere von ungeübten Fahrern kann dabei neben einer hohen Selbstgefährdung auch eine erhebliche Gefährdung der Allgemeinheit ausgehen.

Grundsätze beim Führen von Einsatzfahrzeugen
Bei VerkehrssicherheitEinsatzfahrzeugeFühren vonsämtlichen Fahrten sind die Grundsätze der Verkehrssicherheit zu beachten. Deswegen insbesondere beim Verlassen des Einsatzortes aber auch bei Dienstbeginn überprüfen, ob das Fahrzeug sichtbare Schäden aufweist (z. B. Außenspiegel abgebrochen, Radmuttern gelockert) und verkehrssicher ist.
  • Die Sicherheit der Insassen und der anderen Verkehrsteilnehmer haben immer Vorrang vor der Schnelligkeit des Einsatzes, unabhängig von der Dringlichkeit des Einsatzes:

    • Geschwindigkeit an Ampeln, Kreuzungen oder Einmündungen verringern oder ggf. anhalten.

    • Nicht an unübersichtlichen Streckenabschnitten überholen.

    • Nur links überholen und dabei rechtzeitig den Fahrbahnwechsel durch Blinken anzeigen.

    • Überholen möglichst Überholennur im Bereich des Mittelstreifens und nicht auf der kompletten Gegenfahrbahn fahren.

    • Auf mehrspurigen Schnellstraßen in StausituationenStausituationen nicht „Slalom“ fahren, sondern immer die Bildung einer RettungsgasseRettungsgasse veranlassen (zwischen der linken und der rechts danebenliegenden Spur, unabhängig von der Anzahl der Fahrspuren), da hier andere Verkehrsteilnehmer am ehesten mit RD-Fahrzeugen rechnen.

    • Bei notwendiger Fahrt/Anfahrt auf einer Stand-/Pannenspur oder einem Autobahn-Seitenstreifen immer Martinshorn einschalten und langsam fahren, um keinen Unfall zu provozieren.

    • Immer nur in der vorgeschriebenen Fahrtrichtung fahren, außer evtl. in Ausnahmesituationen auf kurzer übersichtlicher Strecke.

    • Sobald die Unfallstelle zu erkennen ist, Geschwindigkeit verringern. Nicht plötzlich bremsen (Gefahr von Auffahrunfällen).

  • Bei Unfällen:EinsatzfahrzeugeUnfall überprüfen, ob ein Personenschaden vorliegt. Sofort Polizei über die RLSt verständigen lassen. Fahrt fortsetzen, wenn kein Personenschaden vorliegt bzw. wenn kein anderes Rettungsmittel gleich schnell am Einsatzort sein kann.

  • Am Tag immer mit Abblendlicht, Tagfahrleuchten (soweit vorhanden) und Nebelschweinwerfer fahren → generell bessere Erkennbarkeit, insbesondere von niedrigen Fahrzeugen (NEF).

Die hohe physische und psychische Belastung bei Einsatzfahrten erfordert eine besondere Beherrschung des Fahrzeugs.

Bodengebundene Rettungsmittel

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
Krankentransportwagen (KTW)
Konzept(Verlegungs-)Transport Krankentransportwagenvon Nicht-Notfallpat., bei denen keine Störung der Vitalfunktionen vorliegt und auch nicht zu erwarten ist.
Ausstattung(DIN EN 1789 A1 und A2). Infusionslösungen (3 × 500 ml) samt Zubehör, 1 manueller Beatmungsbeutel, Sauerstoffanlage (2 × 400 l) mit Inhalationsmöglichkeit, Absaugeinrichtung, Vakuummatratze, Set zur Notgeburt, Replantatbeutel. Gelegentlich weitergehende Ausstattung als „Hilfs-RTW“ bei manchen Hilfsorganisationen.
TechnikDer Typ A2 ist meist auf größeren Pkw-Fahrgestellen oder kleinen Lieferfahrzeugen aufgebaut. Geeignet zum Transport von zwei liegenden oder einem liegenden und einem sitzenden Pat. Typ A1 ist in der BRD ungebräuchlich und dient zum Transport von nur einem Pat.
Besatzung2 Mann, i. d. R. mind. 1 RS und 1 RH; bundeslandspezifische Regelungen.
Sonderform4-Tragen-KTW des Katastrophenschutzes. Einsatz bei der Betreuung von Veranstaltungen, im Rahmen der SEGs, bei Großunfällen und Katastrophen. Transportkapazität vier liegende Pat.; außerordentlich beengte Raumverhältnisse, medizinische Ausstattung wie KTW (mengenmäßig erweitert).
Notfall-Krankentransportwagen (NKTW)
Ausstattung(DIN EN 1789 B) Hinsichtlich Ausstattung und Raumangebot zwischen KTW und RTW angesiedelt; eine Art „Dual-use“-Fahrzeug. Häufig bei Hilfsorganisationen anzutreffen, weniger im regulären Rettungsdienst.
Rettungswagen (RTW)
KonzeptVersorgung Rettungswagenund Transport von Pat., bei denen gestörte Vitalfunktionen wiederhergestellt und aufrechterhalten werden müssen.
Ausstattung(DIN EN 1789 C). Zur Versorgung nahezu aller Notfälle ausreichend. EKG/Defibrillator-Einheit, Notfall-Beatmungsgerät, Intubationsbesteck, Spritzenpumpe, Pulsoxymeter, Infusionsbestecke, Infusionslösungen und Medikamente, Sauerstoffanlage 2 × 2.200 l, transportable und stationäre Absaugeinheiten, Vakuummatratze, Luftkammer- und sonstige Schienen, Notfallkoffer (Atmung, Kreislauf, Kinder, Vergiftungen, chirurgisches Besteck, Entbindung), Infusionswärmebox, Replantatbeutel. Zusätzliche Ausrüstung durch Hilfsorganisationen häufig üblich.
TechnikMeist größere Kastenwägen mit Stehhöhe für Personal und von drei Seiten zugängliche Trage; geeignet zum Transport von einem liegenden und – notfalls – einem sitzenden Pat.
Besatzung2 Mann, meist 2 RA bzw. NS, ausnahmsweise 1 RA/NS und 1 RS.
Notarztwagen (NAW)
KonzeptÄrztliche NotarztwagenPrimärversorgung von Pat. mit vital gefährdenden Störungen und Transport unter ärztlicher Begleitung.
Ausstattung(DIN EN 1789 C). Mit einem Arzt besetzter RTW. Im Kompaktsystem meistens mit standortspezifischer Zusatzbeladung ausgestattet. Optimale Ausnutzung der Ausrüstung nur durch einen entsprechend ausgebildeten Arzt (NA) möglich.
Notarzteinsatzfahrzeug (NEF)
KonzeptSchneller NotarzteinsatzfahrzeugAntransport des NA (und eines RA bzw. NS) mit Ausrüstung zum Notfallort im Rendezvous-System.
Ausstattung(DIN 75079). Ausrüstung zur Erstversorgung bis zum Eintreffen des RTW. Notfallkoffer, EKG/Defi-Einheit, Pulsoxymeter, Kapnografie, Absaugpumpe, transportable Sauerstoffanlage (400 l); häufig erweiterte Zusatzausstattung nach ortsspezifischen Notwendigkeiten.
TechnikPkw-Fahrzeuge üblicher Bauart, häufig Kombifahrzeuge, SUVs oder Vans. Keine Trage oder Transportmöglichkeit für Pat.
Besatzung1 NA und 1 RA bzw. NS als Fahrer; selten in ländlichen Gebieten NA als Selbstfahrer (erhebliche psychische Belastung).
Intensivtransportwagen (ITW)
KonzeptVerlegungstransport – auch Intensivtransportwagenüber längere Strecken – von Notfall- und Intensivpatienten von einem Krankenhaus zu einem anderen (Interhospital-Transfer) unter den Therapie- und Monitoringbedingungen einer modernen Intensivstation.
Ausstattung(DIN 75076.2012) Intensivrespirator zur differenzierten Beatmung, Vielkanal-Monitoring zur invasiven Überwachung, Medikamentensortiment aus dem Bereich Intensivmedizin, Blutgas-Vielkanalanalyzer, große Vorräte an medizinischen Gasen (teilweise Druckluftkompressor) und 230 V Wechselstrom; zusätzlich Basisausstattung analog RTW/NAW als Back-up.
Technik(DIN EN 1789 Typ C) Größere Kastenwägen oder LKW mit Stehhöhe und von 3 Seiten zugängliche Liege. Aufnahmemöglichkeit für Schwerlasttrage/Krankenbett. Zumeist Luftfederung und Klimaanlage. Einzelexemplare auf Bus-Fahrgestell.
Besatzung2 Mann, i. d. R. RA bzw. NS mit Zusatzausbildung Intensivtransport, teilweise auch Fachpflegekräfte Intensivmedizin; 1 Arzt mit intensivmedizinischer Ausbildung.
Fahrzeuge der SEG
KonzeptFahrzeuge zur Schnell-Einsatz-GruppenFahrzeugeZuführung von Personal und Material bei Großschadensereignissen. Ausrückzeiten konzeptbedingt wenige Min. bis ½ h.
AusstattungMedizinisches Material zur Erstversorgung einer größeren Anzahl von Verletzten („von Wenigem viel“), logistische Unterstützung durch Zelte, Container, Notstromversorgung, Funk etc. Ausschließlich regionale Konzepte, keine Normung.
TechnikEinsatzfahrzeuge verschiedenster Bauart, meist klassifizierbar in Fahrzeuge für Personal-, Material- und Patiententransport.
BesatzungSEG-spezifische Regelungen.
Infektions-Krankentransportwagen (IKTW)
KonzeptTransport Infektions-Krankentransportwagenvon (potenziell) Infektionskranken („Seuchenwagen“) oder radioaktiv kontaminierten Pat.
AusstattungSehr einfache Innenausstattung und medizinisch-technische Ausrüstung; z. T. eigener Betreuerraum; gasdichte Trennung von Fahrerkabine und Krankenraum, luftdichter Verschluss der Außentüren, kontrollierte Zu- und Abluft (Fenster und Dachluken verschlossen); Schutzanzüge für die Betreuer.
TechnikFahrzeuge verschiedenster Bauart.
BesatzungStandortspezifische Regelungen.

Teilweise werden Fahrzeuge für den Transport infektiöser Pat. auch in umfangreicherer Ausstattung vorgehalten (IRTW).

Schwerlast-Rettungswagen (SRTW)
KonzeptVersorgung Schwerlast-Rettungswagenund Transport von Pat., bei denen gestörte Vitalfunktionen wiederhergestellt und aufrechterhalten werden müssen.
AusstattungEntsprechend KTW/RTW; Fahrtrage für übergewichtige Pat. bis ca. 300 kg. Meist pro Rettungsdienstbereich zentral vorgehalten.
TechnikAuf kleinen Lieferfahrzeugen aufgebaut. Geeignet zum Transport von einem liegenden Pat.
Besatzung2 Mann, i. d. R. mind. 1 RS und 1 RH; bundeslandspezifische Regelungen.
Großraum-Rettungswagen (GRTW)
KonzeptVersorgung RettungswagenGroßraumGroßraum-Rettungswagenund Transport von bis zu 10 Notfallpat. (je nach standortspezifischer Regelung und Ausstattung z. B. 3 Pat. der Kategorie T1, 2 Pat. der Kategorie T2 und 5 Pat. der Kategorie T3) im GSF und/oder Katastrophenfall.
Ausstattung
  • 1–3 fest eingerichtete Intensivbehandlungsplätze mit medizin-technischer Ausrüstung in Anlehnung an DIN 75080, 2–10 (je nach Standort) zusätzliche Liegeplätze kurzfristig aufzubauen, bis zu 10 Sitzplätze für Pat. und Betreuungspersonal.

  • In Anlehnung an DIN 75080 medizinische Ausstattung für bis zu 10 Notfallpat. mit Medikamentensortiment „Notfallmedikamente“, Infusionen, Verbandsmaterial, mehrere EKG/Defibrillator-Einheiten, Notfall-Beatmungsgeräte, Absaugeinrichtungen, Pulsoxymeter, Kapnometer, Sauerstoffanlage, Spritzenpumpen, Intubationsbestecke, Vakuummatratzen, Materialien zur Schienung, chirurgisches Besteck, Verbrennungssets, Decken und Auflagen.

  • Markise im Heckbereich des Dachs ab der hinteren Einstiegstüre (für zusätzlichen Behandlungsraum bei schlechtem Wetter).

  • Je nach Standort zusätzliche Ausrüstung üblich.

TechnikEin Niederflurbus ist auf einem Mercedes-Benz-Citaro-Fahrgestell aufgebaut. Möglichkeit, die Karosserie per Knopfdruck um mehrere Zentimeter anzuheben (bei schlechtem Gelände) oder abzusenken, um die Einstiegshöhe zu verringern.
Besatzung1 Fahrzeugführer, 1 NA mit LNA-Qualifikation, 1 RA bzw. NS mit OrgL-Qualifikation, 1 Fahrer, 4 RA/NS/RS, teilweise auch Fachpflegekraft Intensivmedizin.

Rettungsmittel der Luftrettung

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
Rettungshubschrauber (RTH)
KonzeptSchneller RettungshubschrauberTransport des NA und des RA samt Ausrüstung zum Notfallort, v. a. bei abgelegenen oder schwer zugänglichen Schadensstellen sowie zum schonenden Transport des Pat. Prinzipiell wird bei jedem Einsatz eines RTH gleichzeitig ein bodengebundenes Rettungsmittel alarmiert (meist RTW).
Ausstattung(EN 13718). Medizinische Ausstattung im Prinzip wie RTW. Viele standortspezifische Variationen.
TechnikHubschrauberbaumuster in (1- oder) 2-Turbinentechnik (z. B. Bell UH 1D, Bell 212, BK 117, EC 135, EC 145). SeilwindeSeilwinde teilweise fest eingebaut, in einigen Fällen nachrüstbar in Minutenfrist (Rettung aus Gebirge, Wasser usw.). Fluggeschwindigkeiten um 200 km/h; Innenraum außerordentlich beengt. Transportmöglichkeit für einen, bei einigen Baumustern unter sehr beengten Verhältnissen auch zwei liegende Pat. Einsatzbereit von 7:00 Uhr bis Sonnenuntergang. I. d. R. keine Primäreinsätze nach Sonnenuntergang oder bei schlechten Wetter- und Sichtbedingungen. Einsatzgrenzen Tab. 1.5.
Besatzung1 Pilot, u. U. 1 Bordmechaniker bzw. Copilot, 1 RA bzw. NS als Rettungshubschrauber-Besatzungsmitglied, 1 NA.
Intensivtransporthubschrauber (ITH)
KonzeptDringliche ITHIntensivtransporthubschrauberVerlegung intensivmedizinisch versorgter Pat. zur Behandlung in Spezialkliniken.
Ausstattung(DIN 13230–4). Intensivmedizinisches Equipment zur lückenlosen Weiterführung der Intensivbehandlung. Respirator zur differenzierten Beatmung, mehrere Spritzenpumpen, Infusionspumpen etc. Bei Dual-use auch Ausrüstung zur Erstversorgung.
TechnikHubschrauberbaumuster in 2-Turbinentechnik (Bell 412HP, EC 145 usw.). Transportmöglichkeit für 1 Intensivpatienten. Einsatzbereit rund um die Uhr für Flüge von Landeplatz zu Landeplatz an Kliniken. I. d. R. keine Außenlandungen. Einsatzgrenzen Tab. 1.5.
Besatzung2 Piloten, 1 RA bzw. NS, 1 NA mit intensivmedizinischer Erfahrung, fallweise weiteres Personal (z. B. Pädiater, Intensiv-Kinderkrankenschwester).
Großraumhubschrauber Sikorsky CH-53
KonzeptMittlerer Sikorsky CH-53GroßraumhubschrauberTransporthubschrauber (Ladekapazität > 5 Tonnen) der Bundeswehr für Einsätze bei Massenanfall von Verletzten (Transport von zusätzlichem Fachpersonal oder von Verbrauchsmaterial und Spezialgerät an die Notfallstelle, v. a. bei blockierten Verkehrswegen oder in schwer zugänglichem Gelände) bzw. zur Verlegung einer größeren Anzahl von Pat. (max. 12 Liegendverletzte, davon 6 Beatmete).
Besatzung2 Piloten, 1 Bordmechaniker, ärztliches und nichtärztliches Personal der Bundeswehr (Tab. 1.6).

Derzeit aufgrund ausländischer Verpflichtungen der Bundeswehr nur sehr einschränkt verfügbar.

Search and Rescue (SAR)
KonzeptDie Search and RescueICAO (International Civil Aviation Organization)International Civil Avication Organization fordert einen flächendeckenden Such- und Rettungsdienst nach abgestürzten und vermissten Luftfahrzeugen. Wird in Deutschland von Hubschraubern und Flugzeugen der Bundeswehr sichergestellt (SAR-Kommandos). Die Rettungsmittel können über die Search and RescueLeitstellenSAR-Leitstellen (22.2) im Rahmen der dringlichen Nothilfe angefordert werden.
TechnikHubschrauber Bell UH 1 D, Sikorsky SeaKing MK 41 (Tab. 1.6).

Notarztausrüstung

Ulrich v. Hintzenstern, Harald Strauss und Stefan Weiß

Notarztkoffer

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss
In jedem NEF, RTW und NAW muss eine „Notfallausrüstung“ (DIN 13232:2011) mitgeführt werden, die es dem NA ermöglichen, direkt am Einsatzort Gefährdungen der Vitalfunktionen zu DIN 13233DIN 13232diagnostizieren und Maßnahmen zu deren Erhaltung einzuleiten.
„Notfallausrüstung“
Die DIN 13232:2011 gilt für Notfallausrüstungen in der Notfallmedizin. Zweck dieser Festlegung Notfallausrüstungist es, dem in der Notfallmedizin tätigen Personal, insbesondere dem NA, eine Grundausstattung für die Erstversorgung von Notfallpatienten zur Verfügung zu stellen. Der Inhalt der Notfallausrüstung ist grundsätzlich zur Notfallversorgung eines Notfallpatienten ausgelegt, wobei vorausgesetzt wird, dass weiteres Verbrauchsmaterial innerhalb von ca. 15 Minuten zur Verfügung steht. Die Notfallausrüstung kann in einem oder mehreren Koffern, Taschen oder Rucksäcken aufbewahrt werden. Die Notfallausrüstung gliedert sich in drei Teil-Ausrüstungen: Teil A Basis, Teil B Erwachsene und Teil C Kinder. Der Teil A beinhaltet alle medizinischen Ausrüstungsgegenstände, die zur Basis einer Notfallausrüstung gehören. Der Teil B beinhaltet alle Ausrüstungsgegenstände, die zur Diagnostik und Versorgung von erwachsenen Notfallpatienten erforderlich sind. Der Teil C beinhaltet alle Ausrüstungsgegenstände, die zur Diagnostik und Versorgung von Notfällen bei Säuglingen oder Kindern erforderlich sind. Eine Notfallausrüstung besteht entweder aus einem Teil A und B (Notfallausrüstung Erw.), oder aus einem Teil A und C (Notfallausrüstung Kinder) oder aus einem Teil A, B und C (Notfallausrüstung Kinder und Erwachsene). Die Notfallausrüstung nach DIN stellt eine Mindestanforderung dar. Der Inhalt wird i. d. R. nach einem der etablierten Systeme (z. B. Ulmer-System) oder standortspezifisch ergänzt. Der Inhalt kann auch in 2 Koffern („Atmung“ und „Kreislauf“) untergebracht sein. Das Gewicht der gesamten Notfallausrüstung (Behältnisse und Inhalt) darf max. 30 kg betragen.
Koffer „Atmung“ (blau)
Absaugung und Beatmung
  • Teil A: tragbare NotarztkofferAtmungSekretabsaugpumpe (Sog mehr als 40 kPa), PEEP-Ventil, Bakterienfilter für Beatmungsbeutel.

  • Teil B: Einmalabsaugkatheter (CH 18), Beatmungsbeutel für Erwachsene mit Anschlussmöglichkeit zur Sauerstoffgabe, Beatmungsmasken für Erwachsene (2 Größen) Guedel-Tuben für Erwachsene (3 Größen), Larynxmaske oder Larynxtubus.

  • Teil C: Beatmungsbeutel für Säuglinge und Kinder, Beatmungsmasken für Säuglinge und Kinder (3 Größen), Guedel-Tuben für Säuglinge und Kinder (3 Größen), Einmalabsaugkatheter (4 Größen).

  • Zusätzlich empfehlenswert: Sauerstoffflasche mit mindestens 160 l, Sauerstoffreservoir für Beatmungsbeutel, Oxy-Demand-Ventil.

Notintubation
  • Teil A: Laryngoskopgriff.

  • Teil B: 2 Spatel (mittel und groß), Magill-Zange für Erwachsene, je 1 Trachealtubus mit 6, 7, 8 ID (jeweils mit Cuff), 1 flexibler Einführungsmandrin für Erw.

  • Teil C: 2 Spatel (verschiedener Größen), je 1 Trachealtubus mit 3, 4 und 4,5 (jeweils ohne Cuff) und 5 mm ID (mit Cuff), 1 flexibler Einführungsmandrin für Kinder.

  • Zusätzlich empfehlenswert: Gleitmittel, 10 ml Einmalspritze, Heftpflaster.

MedikamenteIn der DIN sind nur Arzneimittelgruppen genannt. Die Auswahl der einzelnen Präparate ist dem Anwender überlassen, z. B.: 1 Fenoterol-Spray mit 100 µg, 1 Amp. Theophyllin 200 mg, 1 Amp. Terbutalin 0,5 mg, 1 Amp. Reproterol-HCL 0,09 mg, 2 Amp. Etomidat 20 mg, 3 Amp. Esketamin 25 mg, 2 Amp. Vecuronium 10 mg, 2 Amp. Prednisolon 250 mg, 1 Amp. Midazolam 15 mg, 2 Amp. Thiopental 0,5 g, 1 Kortikosteroid-Spray.
Koffer „Kreislauf“ (rot)
Diagnostik
  • Teil A: Blutdruckmessgerät NotarztkofferKreislaufStethoskop, Diagnostikleuchte, Reflexhammer, BZ-Messgerät mit Teststreifen, Fieberthermometer

  • Teil B: Blutdruckmanschette für Erw.

  • Teil C: Blutdruckmanschette für Kinder

Infusionstherapie
  • Teil A: Hautdesinfektionsmittel, Fixierpflaster. Intraossäres Punktionsgerät (geeignet für Erwachsene und Kinder), 500 ml kolloidales Volumenersatzmittel (im Kunststoffbeutel), 500 ml Vollelektrolytlösung (im Kunststoffbeutel), 4 Infusionsbestecke, Staubinde. Zusätzlich empfehlenswert: Druckinfusionsmanschette.

  • Teil B: 3 Venenverweilkanülen in verschiedenen Größen. Zusätzlich empfehlenswert: 2 Punktionssysteme für zentrale Venenpunktion (V. jugularis und V. subclavia) und intraossäres Punktionsgerät.

  • Teil C: 3 Venenverweilkanülen in verschiedenen Größen für Kinder.

Ge- und Verbrauchsmaterial
  • Teil A: je 1 chirurgische und anatomische Pinzette, gerade Arterienklemme, spitz/stumpfe chirurgische Schere, 1 Einmal-Skalpell, 1 Nadelhalter, 6 Kompressen 10 × 10 cm, 2 elastische Fixierbinden 4 m × 8 cm, 2 Verbandspäckchen, 2 Verbandstücher; 8 × Wundschnellverband, Heftpflaster, 1 Rettungsdecke (metallisierte Polyesterfolie Größe 210 × 160 cm), Händedesinfektionslösung, 2 Paar sterile Handschuhe, 4 Paar Einmalhandschuhe; Einmalspritzen (5 à 2 ml, 5 à 10 ml, 2 à 20 ml), je 10 Einmalkanülen Größe 1. Kanülensammelbox, Thoraxdrainage, 2 × Mundschutz (Schutzklasse FFP 3).

  • Zusätzlich empfehlenswert: Kleiderschere, überbreite elastische Binden.

MedikamenteIn der DIN sind nur Arzneimittelgruppen genannt. Die Auswahl der einzelnen Präparate ist dem Anwender überlassen, z. B.: 1 Phiole Nitrendipin, 1 Nitroglycerin-Spray, 1 Amp. Urapidil 50 mg, 2 Amp. Cafedrin/Theodrenalin, 1 Amp. Noradrenalin 1 mg, 6 Amp. Atropin 0,5 mg, 1 Amp. Butylscopolamin 20 mg, 2 Amp. Metoclopramid 10 mg, 2 Amp. Dimetindenmaleat 4 mg, 2 Amp. Cimetidin 200 mg, 5 Amp. Glukose 40 %, 2 Amp. Heparin 5.000 IE, 1 Amp. ASS 0,5 mg, 1 Amp. Adenosin 6 mg, 1 Amp. Esmolol 100 mg, 1 Amp. Metoprolol 5 mg, 1 Amp. Furosemid 40 mg, 2 Amp. Morphin 10 mg, 5 × 10-ml-Amp. NaCl 0,9 %, 3 Amp. Adrenalin 1 mg, 1 Amp. Adrenalin 25 mg, 2 Amp. Amiodaron 150 mg, 5 Amp. Glukose 5 %, 1 Amp. Lidocain 2 %, 1 Amp. Naloxon 0,4 mg, 1 Amp. Promethazin 50 mg, 1 Amp. Haloperidol 5 mg, 1 Amp. Diazepam 10 mg, 500 ml Vollelektrolytlösung, 500 ml kolloidale Lösung, 100 ml Natriumbikarbonat 8,4 %.
„Notfallausrüstung für Säuglinge und Kleinkinder“
DIN 13232:2011 Teil A und C. Der Teil A beinhaltet alle medizinischen Ausrüstungsgegenstände, die zur Basis einer Notfallausrüstung gehören. NotarztkofferSäuglinge und KleinkinderDer Teil C beinhaltet alle Ausrüstungsgegenstände, die zusätzlich zur Diagnostik und Versorgung von Notfällen bei Säuglingen oder Kindern erforderlich sind.
Absaugung und BeatmungHandabsaugpumpe, 1 Baby-Schleimabsauger, 3 Einmal-Absaugkatheter (je 1 Stück CH 12,14,16), Kinder-Beatmungsbeutel, Rendell-Baker-Beatmungsmasken (Größen 0, 1, 2), 4 Guedel-Tuben (Größen 00, 0, 1, 2). Sauerstoffreservoir für Beatmungsbeutel. Larynxmaske/-tubus für Säuglinge und Kleinkinder.
IntubationLaryngoskopgriff, Spatel für Kleinkinder (2 Größen), Magill-Zange für Kleinkinder, jeweils 1 Trachealtubus mit 2,5, 3, 3,5, 4, 4,5 mm ID ohne Cuff und 1 Trachealtubus mit 5 mm ID mit Cuff, 1 flexibler Einführungsmandrin (Größe 1), Gleitmittel.
DiagnostikBlutdruckmessgerät mit 2 Blutdruckmanschetten für Kinder in verschiedenen Breiten, Kinderstethoskop, Diagnostikleuchte, Fieberthermometer, BZ-Messgerät mit Teststreifen.
Infusionstherapie6 Flügelkanülen (3 Größen), 4 Venenverweilkanülen (2 Größen), 2 Infusionsbestecke, 500 ml Volumenersatzflüssigkeit, 250 ml Glukose 10 %, 500 ml Vollelektrolytlösung, Hautdesinfektionsmittel, Staubinde, intraossäres Punktionsgerät.
Ge- und VerbrauchsmaterialJe 1 chirurgische und anatomische Pinzette, 1 Klemme, spitz/stumpfe chirurgische Schere, 2 Einmal-Skalpelle in verschiedenen Formen, 2 elastische Fixierbinden 4 m × 6 cm, 2 Nabel-Einmalklemmen, 1 Verbandspäckchen, 1 Verbandstuch, Wundschnellverband, Heftpflaster, Pflasterstrips (verschiedene Größen), 12 Kompressen 10 × 10 cm, 1 Rettungsdecke (metallisierte Polyesterfolie Größe 210 × 160 cm), 2 Silberwindeln, Händedesinfektionslösung, 2 Paar sterile Handschuhe; Einmalspritzen (5 à 2 ml, 5 à 5 ml, 5 à 10 ml, 2 à 20 ml), 10 Einmalkanülen Größe 1.
MedikamenteIn der DIN sind nur Arzneimittelgruppen genannt. Die Auswahl der einzelnen Präparate ist dem Anwender überlassen, z. B.: je 2 Paracetamol-Supp. 125, 250, 500 mg, 2 Diazepam-Rectiolen 10 mg, 2 Prednison-Supp. 100 mg, 1 Fenoterol-Spray 100 µg, 1 Amp. Theophyllin 200 mg, 2 Amp. Esketamin 5 mg/ml, 2 Amp. Vecuronium 10 mg, 2 Amp. Prednisolon 50 mg, 2 Amp. Diazepam 10 mg, 1 Amp. Thiopental 0,5 g, 1 Kortikosteroid-Spray, 2 Amp. Atropin 0,5 mg, 2 Amp. Dimetinden, 1 Amp. Glukose 40 %, 1 Amp. Furosemid 20 mg, 1 Amp. Morphin 10 mg, 3 × 10-ml-Amp. NaCl 0,9 %, 2 Amp. Adrenalin 1 mg, 1 Amp. Lidocain 2 %, 100 ml Natriumbikarbonat 8,4 %.
Notarztkoffer „Chirurgische Zusatzausrüstung“
Keine DIN-Norm, mögliche Ausstattung:
Allgemein3 Einmalskalpelle (verschiedene Formen), spitz/stumpfe chirurgische Schere, Wundspreizer Notarztkofferchirurgische Zusatzausrüstungmit Gelenk, 2 Einmallochtücher, 2 Wundhaken 2-zinkig scharf, sterile Einmalhandschuhe, 2 Amputatbeutel
KoniotomieNasenspekulum, Koniotomiebesteck (z. B. Mini-Trach II®)
ThoraxdrainageAbdecktuch, Nahtmaterial und Nadelhalter, Klemme, Thoraxdrainagen verschiedener Größen
VerbrennungenBurn Pac®
BlutungenAnatomische und chirurgische Pinzette, je 1 Klemme nach Overhold, Pean gerade und Halsted, Schere, 12 Kompressen 10 × 10 cm, 2 elastische Fixierbinden 4 m × 8 cm, 2 Verbandspäckchen
Toxkoffer
Keine DIN-Norm, mögliche Ausstattung:
Medikamente2 Amp. Biperidin 5 mg/ml, 2 Amp. Cafedrin/Theodrenalin, Toxkoffer2 Amp. VergiftungskofferFlumazenil 1 mg/10 ml, 2 Amp. Physostigminsalicylat 2 mg/5 ml, 10 IntoxikationskofferAmp. Atropin 100 mg, 5 Amp. Obidoximchlorid 250 mg/ml, 5 × Kortikosteroid-Spray, 10 × Salbutamol Dosieraerosol 20 mg, 100 g Kohlepulver, 5 Amp. Dimethylaminophenol (4-DMAP) 250 mg/5 ml, 2 Inj.-Fl. Hydroxocobalamin 2,5 g, 3 × 100 ml Inf.-Fl. Natriumthiosulfat 10 %, 250 ml Augenspüllösung, 5 Amp. Naloxon 0,4 mg/ml, 1 Fl. Simeticon 30 ml, 2 Amp. Toloniumchlorid 300 mg/10 ml, 10 Amp. Ethanol (95-prozentig), 10 Amp. Diazepam 10 mg/2 ml, 1 Fl. Macrogol 400, Natriumsulfat-10 Hydrat krist. 50 g.
AsservatenbehältnisseGerätschaften zur Magenspülung: Trichter, Gießbecher, Verbindungsschlauch, Eimer, dicke Magensonde (weicher Gummi, 12 mm und 18 mm), Schlauchklemme, Einmalhandschuhe, Blasenspritze, flüssigkeitsabweisende Unterlage, Einmalschürze.
Infusionswärmebehälter
Vorwärmung von Infusionen z. B. mittels 12-Volt-Wärmflaschen in entsprechendem Transportbehälter (Koffer, Rucksack, Brust- oder Gürteltasche), der ggf. noch eine InfusionswärmebehälterWärmeisolierdecke enthalten kann (z. B. Barkey® rescuetherm). Vorteil: vorgewärmte Infusionen sind nicht nur im RTW, sondern direkt vor Ort am Pat. verfügbar (Prognoseverschlechterung durch Hypothermie bei Traumapat.).

Ausrüstungssets für Großunfälle und -schadensereignisse

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss
Einsatzkiste „Großunfall“
Keine DIN-Norm, Bevorratung an definierten Depotstellen. Materialauslegung: 1 Behältnis für die Versorgung von 5–10 Verletzten.
Ausstattungsvorschlag5 Einsatzkiste GroßunfallMetalline®-Folien (80 × 120 cm), je 5 Verbandstücher (60 × 80 cm und 80 × 120 cm), 2 Rollen Pflaster 2,5 cm, 10 Rettungsdecken, 2 Venen-Stauschläuche, Kleiderschere, 10 Einmalhandschuhe, Filzschreiber, 10 Einsatzprotokolle, 10 × 500 ml Vollelektrolytlösung, 5 × 500 ml kolloidale Volumenersatzmittel, 15 Infusionssets (je 1 Venenverweilkanüle 18 G = grün und 16 G = grau, 1 Infusionssystem, 2 Kanülenpflaster, 1 ES-Kompresse), 2 Spritzensets I (je 5 Amp. Midazolam 5 mg, 5 Kanülen, 5 × 5-ml-Spritzen, 5 Alkoholtupfer), 2 Spritzensets II (je 5 Amp. Esketamin 25 mg, 5 Kanülen, 5 × 5-ml-Spritzen, 5 Alkoholtupfer).
Ein-Personen-Versorgungsset zur Ersten Hilfe beim Massenanfall, Großschadensereignis und im Katastrophenfall
In der DIN 13156 sind Mindestanforderungen an Ein-Personen-Versorgungssets zur Ersten Hilfe bei einem Massenanfall, Großschadensereignis und im Einpersonen-VersorgungssetKatastrophenfall festgelegt. Die Sets werden in größeren Mengen bei den zuständigen Einheiten eingelagert und bei Bedarf an die Einsatzstelle verbracht, um das Material des Rettungsdienstes sinnvoll zu ergänzen.
Ausstattung500 ml Vollelektrolytlösung mit Infusionsbesteck, 3 Venenverweilkanülen verschiedener Größe, 4 × Hautreiniger, Heftpflaster und Kanülenpflaster, 2 Verbandspäckchen, 4 Kompressen, 1 Fixierbinde, 1 Staubinde, 1 Kanülenabwurfbox, 2 Paar Einmalhandschuhe, 1 Anhängekarte für Verletzte/Kranke, 1 Rettungsdecke.

Sauerstoffapplikatoren

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
Transport des SauerstoffsIn blauen Gasflaschen mit weißer Schulter oder weißer Flaschenschulter mit dem Großbuchstaben „N“ (für Neu, New, Nouveau) nach der neuen Farbkennzeichnung (DIN EN SauerstoffgabeApplikatoren1089–3) mit Volumina von 0,5/1/2,5/5 und 10 l. Inhalt = Volumen × Druck (bar). Cave: Da Respiratoren bei einem Flaschendruck < 20 bar nicht mehr zuverlässig arbeiten, verringert sich das Nutzvolumen. Beispiel: 5-l-Flasche mit 200 bar → nutzbarer Inhalt = 5 × (200–20) = 900 l. Flow von 6 l/Min. → O2-Vorrat für 150 Min.
Auswahl des SauerstoffapplikatorsAbhängig vom erforderlichen FiO2 (Tab. 1.7).
  • Nasensonde und Sauerstoffbrille: gute SauerstoffbrilleNaseSondeToleranz durch den Pat.; ungenaue Dosierbarkeit.

  • Nasopharynxkatheter: Wendl-TubusNasopharynxkatheterWendl-Tubus mit integrierter O2-Zuführung; bei Pat. mit eingeschränktem Bewusstsein.

  • Maske: höherer FiO2, schlechte Toleranz durch den Pat. (Engegefühl, Sprechen Nasopharyngealtubusund Husten behindert). Mindestflow 5 l/Min. (sonst CO2-Rückatmung), mit Beutel und speziellem Nichtrückatemventil (z. B. Oxy-Demand®) → CPAP (z. B. bei Lungenödem, 7.5).

Einmal begonnene O2-Gabe nicht unterbrechen.

Pulsoxymeter

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss
IndikationenErkennenPulsoxymetrie respiratorischer Störungen (hypoxische Hypoxämie) und Erfolgskontrolle der O2-Zufuhr bzw. Beatmung.

Messfehler, z. B. durch Bewegungsartefakte, unzureichende Perfusion bei Zentralisation oder Hypothermie, Nagellack. Evtl. Messsonde statt am Finger am Ohrläppchen anbringen.

  • Überschätzen der Messwerte (falsch-positive Ergebnisse) bei Dyshämoglobinämien: CO-Exposition (z. B. Raucher, Suizidversuch mit Autoabgasen, Rauchgasinhalation) oder Met-Hb (Nitritvergiftung).

  • Im Bereich hoher Sauerstoffsättigungen (98–100 %) kann wegen des nicht linearen Verlaufs der pO2- und SpO2-Relation nicht direkt auf den entsprechenden pO2-Wert (100 oder 500 mmHg?) geschlossen werden.

  • Das konventionelle Pulsoxymeter zeigt den prozentualen Anteil des O2-gesättigten Hb am Gesamt-Hb an → keine Aussage über den absoluten O2-Gehalt des Blutes möglich (Hb-abhängig).

  • Inzwischen sind Mehrwellenpulsoxymeter erhältlich, mit denen auch der COHb- (spCO) und MetHb-gesättigte Anteil (spMet) des Hämoglobins bestimmt werden kann.

Blutdruckmessgerät

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss
Messung nach Riva-Rocci
  • Palpatorische Methode: Manschettendruck zum Zeitpunkt eines gerade distal der Manschette erstmals Blutdruckmessungtastbaren Pulses → systolischer RR.

  • BlutdruckmessungRiva-RocciAuskultatorische Methode: 1. hörbarer Ton → systolischer RR, völliges Verschwinden der Töne → diastolischer RR.

Oszillometrische MessungSystolischer, Blutdruckmessungoszillometrischemittlerer und diastolischer RR. Vorteil: einstellbare Zeitintervalle und Alarmgrenzen, unabhängig von Umgebungsgeräuschen.

Die Manschettenbreite sollte ca. 40 % des Extremitätenumfangs entsprechen. Zu große Manschette → falsch niedriger Wert. Zu kleine Manschette → falsch hoher Wert.

  • Schlechte Schallleitung durch Kleidung bzw. Behinderung der Zirkulation durch nach oben geschobene Kleidungsteile → Extremität entkleiden.

  • Fehlmessungen bei automatischen Geräten z. B. bei ausgeprägten Arrhythmien, starkem Muskelzittern oder Fahrzeugschwingungen.

  • Geräte zur Messung am Handgelenk sind unzuverlässig und die Messwerte allenfalls als Trend verwertbar.

Elektrokardiografie

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss
IndikationRoutinemäßiges Monitoring aller Notfallpat., v. a. bei Manipulationen am Pat. (z. B. Injektion, Intubation), zur Rhythmusdiagnostik, Diagnosesicherung (Arrhythmien, Myokardinfarkt), ElektrokardiografieTherapiekontrolle bei Defibrillation, Kardioversion und Schrittmachertherapie, ZVK-Lagekontrolle.
Geräte und Leistungsumfang
  • Häufig als EKG/Defi-Kombination oder in Multifunktionsmonitoren.

  • Eingebaute Drucker zur Dokumentation der EKG-Ableitungen; elektronische Speicher (RAM) oder Magnetbandspeicher zur retrospektiven Analyse des Notfallgeschehens (Einsatzbesprechung, Dokumentation).

  • Z. T. mit „Diagnose“-Algorithmus zur Interpretation der Ableitungen.

  • Z. T. Datenübertragung per Funk in ein Krankenhaus zur Interpretation durch einen erfahrenen Kardiologen möglich.

  • 3- oder 6-Kanal-Geräte.

  • Die EKG-Ableitung über aufgesetzte Defi-Paddles ist nur zur ersten orientierenden Untersuchung (Kammerflimmern?) geeignet, sehr hohe Artefaktrate.

  • 3-Pol-Kabel: Ableitung von I, II und III. Monitoring von Herzfrequenz und -rhythmus; keine Infarktdiagnostik möglich.

  • 5-Pol-Kabel: Ableitung von I, II, III, aVR, aVL, aVF. Bei Platzierung der weißen Elektrode nacheinander auf Position V1–V6 ist die Auswertung von 12 vollständigen Ableitungen (6 Extremitäten- und 6 Brustwandableitungen) mit jedem EKG-Monitor möglich → Infarktdiagnostik (präklinische Lyse?). Zum Routine-Monitoring Extremitätenableitungauf Position V5 kleben („poor man's V5“).

  • 10-Pol-BrustwandableitungKabel: Ableitung von I, II, III, aVR, aVL, aVF, V1–V6 ohne Elektrodenwechsel.

Platzierung der Elektroden
  • Positionen für Defi-Elektroden (1.7.13) freilassen.

  • Ableitung über Defi-Paddles: Platzierung wie zur Defibrillation (1.7.13).

  • 3-Pol-Kabel: rot rechte Schulter, gelb (Erde) linke Schulter, grün Verlängerung der Herzachse auf Höhe des Bauchnabels (linke Flanke auf der hinteren Axillarlinie).

  • 5-Pol-Kabel: rot rechter Arm/Schulter, gelb linker Arm/Schulter, grün linkes Bein/Leiste, schwarz rechtes Bein/Leiste, weiß 6 Positionen von V1–V6 (Abb. 1.6).

  • 10-Pol-Kabel: 4 Extremitätenableitungen (wie 5-Pol-Kabel), 6 Brustwandableitungen (Abb. 1.6).

Wichtig ist die korrekte Anlage der EKG-Elektroden. Mit den häufig anzutreffenden „Fantasie-Ableitungen“ ist nur ein Rhythmus-Monitoring möglich und nahezu jede pathologische Veränderung (ST-Strecke) zu simulieren bzw. zu unterdrücken.

  • Unregelmäßige kleingezackte Artefakte weisen auf muskuläre Ursachen hin wie z. B. Kältezittern, falsche Lagerung, Angst, M. Parkinson.

  • Falsche Polung: Werden die Elektroden des re und li Arms vertauscht, resultieren negative Kammerkomplexe in Abl. I und aVF.

  • Durch Elektrodenablösung wird evtl. Kammerflimmern vorgetäuscht.

  • Zur exakten Diagnostik (ST-Strecke) ausschließlich den Ausdruck verwenden, da wegen Filteralgorithmus möglicherweise verzerrtes Monitorbild.

Laborchemische Schnelltests

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss

Blut zur Untersuchung aus dem Ansatz der Punktionsnadel oder mittels Lanzette aus Fingerbeere, Schnelltests, laborchemischeOhrläppchen, Ferse bei Kindern gewinnen (meist 1 Tropfen ausreichend).

  • Zahlreiche Fehlerquellen durch Fehlbedienung und durch Abpressen von Kapillarblut.

  • Regelmäßige Funktionskontrollen mit Kontrolllösungen erforderlich.

Blutzucker
IndikationSämtliche BlutzuckermessungBewusstseinsstörungen, Therapiekontrolle.
DurchführungGenaue Auswertung durch Reflexionsfotometer (z. B. Reflotron®, Messergebnis unabhängig von den Lichtverhältnissen und der Farbwahrnehmung des Untersuchers). Einfachere, aber ungenauere Methode: Blutstropfen auf Teststreifen aufbringen. Nach definiertem Zeitintervall (meist 1 Min., s. Gebrauchsanleitung) Blut abwischen und Farbton des Teststreifens mit der Farbskala der Verpackung vergleichen. Normalwert 60–120 mg/dl.
Hämoglobin
IndikationV. a. größeren HämoglobinmessungBlutverlust.
Durchführung(z. B. HemoCue®): Messküvette mit Blut füllen und in das Gerät einschieben und Messwert ablesen. Normalwert 12–16 g/dl.

Die präklinische Hb-Bestimmung hat nur eine sehr eingeschränkte Relevanz. Bei akuter Blutung nimmt das Blutvolumen, nicht der Hb-Wert ab. Außerdem ergeben sich für die präklinische Versorgung keine therapeutischen Konsequenzen, da keine Blutkonserven verfügbar sind.

Troponin T
IndikationV. a. MyokardinfarktTroponin-T-Schnelltest.
Durchführung150 µl heparinisiertes oder EDTA-Blut in das Testfeld des TROPT®-Stick pipettieren, Ergebnis nach 5 bis max. 20 Min. ablesen: Ein Kontrollstrich zeigt die korrekte Funktion an, ein zusätzlicher Strich bedeutet ein positives Messergebnis. Cave: Eine Ausschlussdiagnostik ist mit diesem Test nicht möglich.
Drogenscreening
IndikationenV. a. Intoxikation. Testkarten verfügbar für Amphetamine, Metamphetamine, Barbiturate, Benzodiazepine, Cannabinoide, Kokain, Methadon, Opioide, PCPs.
DurchführungVier Tropfen Urin auf das DrogenscreeningTestfeld (z. B. microLine®) geben. Nach 5–10 Min. kann das Ergebnis abgelesen werden: Ergebnis negativ bei zwei Strichen im Testfeld, ein Strich bedeutet den positiven Nachweis der Droge oder ihrer Metaboliten.

Blutgasanalyse

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss
IndikationenKontrolle des Säure-Basen-Status bei Reanimation (NaHCO3-Gabe) bzw. beatmeter Pat. bei längeren Transportwegen.
DurchführungBei manchen Geräten istBlutgasanalysegerät vor jeder Messung eine Kalibrierung notwendig. Mit Blut (art. oder arterialisiertes Kapillarblut) gefüllte Kapillare in das Messgerät einstecken und Anzeige des Messergebnisses abwarten. Cave: Manche Geräte sind bei Temperaturen > 30 °C nicht mehr funktionsfähig.

Beatmung

Ulrich v. Hintzenstern und Stefan Weiß
Standardbeatmungsmuster
Kontrollierte Beatmung (IPPV, intermittent positive pressure ventilation)Beatmungsform bei Pat. ohne Spontanatmung. Intermittend Positive Pressure VentilationBeatmungsgerätEinstellungenSämtliche BeatmungMusterBeatmungIPPVBeatmungsparameter werden vom Beatmungsgerät vorgegeben. Der intrapulmonale Druck in den Atemwegen fällt auf mind. 0 cmH2O, wird jedoch nie negativ wie bei Spontanatmung. Formen der kontrollierten Beatmung:
Volumenkontrollierte Beatmung: Ein Beatmungvolumenkontrolliertevorgegebenes Tidalvolumen wird dem Pat. während der eingestellten Inspirationszeit verabreicht. Cave: abhängig von Tidalvolumen, Inspirationszeit, Resistance und Compliance können (extrem) hohe Beatmungsdrücke entstehen → Gefahr der Lungenschädigung.
Druckkontrollierte Beatmung: Der Beatmungdruckkontrollierteeingestellte Druck wird mittels eines exponenziell dezelerierenden Flowmusters, das aus der Anpassung an die Resistance und Compliance entsteht, rasch erreicht und bis zum Ende der Inspirationszeit/Flowzeit konstant gehalten. Festlegung der maximalen Atemwegsdrücke → „lungenprotektive“ Beatmung. Nachteil: Das applizierte Volumen kann nicht durch Einstellung am Beatmungsgerät definiert werden → Atemminutenvolumen sorgfältig überwachen bzw. Alarmgrenzen patientenadaptiert einstellen.

BIPAP® oder BiLevel-Beatmung stellt bei einem Pat. ohne Spontanatmungsaktivität eine druckkontrollierte Beatmung dar.

PEEP-Beatmung (Positive Endexpiratory Pressure)Beatmung, bei BeatmungPEEPwelcher der intrapulmonale Druck max. auf einen voreingestellten Mindestdruck Positive Endexpiratory Pressureabfällt (z. B. 5 PEEP-BeatmungcmH2O).
Mischform aus maschineller Beatmung und Spontanatmung (SIMV, Synchronized Intermittent Mandatory Ventilation)Der Pat. kann in vorgegebenen, regelmäßigen Pausenzeiten spontan atmen, Synchronized Intermittent Mandatory VentilationBeatmungSIMVwährend in der Zwischenzeit SIMV-Beatmungmandatorische Beatmungshübe eine Mindestventilation sichern.
Spontanatmung mit positivem Atemwegsdruck (CPAP, Continuous Positive Airway Pressure)Spontanatmung, bei der der intrapulmonale Druck nicht unter einen voreingestellten Mindestdruck BeatmungCPAPContinuous Positive Airway Pressureabfällt. Mit speziellen Geräten oder behelfsmäßig mit Maske und PEEP-Ventil.
Nichtinvasive Atemunterstützung(3.4.8). Technische Voraussetzungen und BeatmungnichtinvasiveSystemunterschiede:
Boussignac-CPAP-System: einfach BeatmungBoussignac-CPAP-Systemanzuwendendes Flow-CPAP-System, das inzwischen auf einigen RTW und NEF vorgehalten wird. In einen Kunststoffzylinder wird über seitliche Kanäle Sauerstoff mit hohen Flussraten eingeleitet (Abb. 1.7 und Abb. 1.8). Im Verlauf des Zylinders vermindert sich der Querschnitt der Kanäle, sodass die Strömungsgeschwindigkeit zunimmt. Am Ende wird der Sauerstoff in die Mitte des Zylinders ausgeleitet. Durch den hier entstehenden Sauerstoffwirbel wird ein positiver Druck erzeugt, dessen Höhe von der Flussrate H2O des eingeleiteten Sauerstoffs abhängt (Abb. 1.9). Der erzeugte CPAP wird über ein im Nebenstromverfahren angeschlossenes Manometer gemessen. Als Orientierungsgröße für den gewählten Druck ist dabei der Wert zum Ende der Exspiration (PEEP = positive endexpiratory pressure) relevant.
Beatmungsgeräte mit NIV-Möglichkeit: gegenüber Boussignac-CPAP-Systemen Therapieoption auch bei hyerpkapnischem oder kombiniertem respiratorischem Versagen. Bei jeder Einatmungsbemühung Druckunterstützung des Atemhubs möglich (ASB = augmented spontaneous breathing). Ggf. auch Vorgabe von zwei unterschiedlichen Druckniveaus (PEEP und inspiratorischer Spitzendruck) mit voreingestellter Frequenz (BiPAP® oder BiLevel-Beatmung). Eigene Atembemühungen des Pat. sind auf beiden Druckniveaus möglich und können druckunterstützt werden.
Einstellungen am Beatmungsgerät
  • FiO2 wählbar zwischen 1,0 oder BeatmungsgerätEinstellungen0,21.

  • Einstellung der Beatmungsparameter geräteabhängig: AMV und Frequenz (VT = AMV : f) oder Atemzugvolumen (VT) und Frequenz (AMV = VT × f).

  • Fakultativ: variable inspiratorische Druckbegrenzung (Pmax auf ca. 30 mbar zur Vermeidung von Lungenschäden einstellen), I : E-Verhältnis, Triggersignal, PEEP; exspiratorisches Minutenvolumen.

Kurzbedienungsanleitungen

Ausschlaggebend für die Bedienung der Geräte ist die jeweilige Bedienungsanleitung des Herstellers.

Oxylog® 1.000 (Dräger)
CharakteristikNotfallbeatmungsgerät.
VentilationsformenVolumenkontrollierte BeatmungBeatmungsgerätOxylog® 1000Oxylog® 1000.
Gerätebedienung
  • Beatmungsfrequenz und Minutenvolumen mittels der Drehknöpfe Freq. und MV einstellen

  • Sauerstoffkonzentration einstellen: Air Mix (FiO2 = 0,6) oder No Air Mix (FiO2 = 1,0)

  • Druckbegrenzung mittels Drehknopf Pmax vorgeben

  • Sauerstoffflaschenventil öffnen und Hauptschalter auf I stellen

Oxylog® 2.000 plus (Dräger)
CharakteristikNotfallbeatmungsgerätOxylog® 2000 plusBeatmungsgerätOxylog® 2000 plus.
VentilationsformenVolumenkontrollierte und assistierte volumenkontrollierte Beatmung, SIMV (volumenkontrolliert und drucklimitiert), CPAP, optional: NIV und pressure support.
Gerätebedienung volumenkontrollierte Beatmung
  • Sauerstoffflaschenventil öffnen und Gerät einschalten

  • Beatmungsform VC-CMV auswählen

  • Beatmungsfrequenz und Tidalvolumen mittels der Drehknöpfe RR und VT einstellen

  • Inspirationszeit Ti auswählen

  • Druckbegrenzung mittels Drehknopf Pmax vorgeben

  • Im Menü den Trigger einstellen

  • Im Menü den gewünschten PEEP-Wert einstellen

  • O2-Konzentration einstellen: Air Mix (FiO2 = 0,4) oder No Air Mix (FiO2 = 1,0)

Oxylog® 3.000 plus (Dräger)
CharakteristikNotfall- und Oxylog® 3000 plusBeatmungsgerätOxylog® 3000 plusIntensivtransportbeatmungsgerät. Ventilationsformen: Volumenkontrollierte und assistierte volumenkontrollierte Beatmung, VC-SIMV/PS, SpnCPAP/PS, PC-BIPAP/PS, Apnoeventilation, NIV, Anwendung mit Inhalationsmaske, optional CO2-Messung.
Gerätebedienung volumenkontrollierte Beatmung
  • Beatmungsmodus wählen: Taste VC-CMV für ca. 3 s gedrückt halten oder kurz drücken und mittels Drücken des Drehknopfs bestätigen.

  • Beatmungsparameter anhand der Drehknöpfe einstellen: VT, RR, Pmax und O2.

  • Weitere Beatmungsparameter im Bildschirm einstellen: Taste Einstell. drücken, Parameter PEEP, I : E und Tplat mittels Drehen des Drehknopfs auswählen, durch Drücken aktivieren, durch Drehen Wert einstellen und durch Drücken bestätigen. Trigger muss auf AUS gestellt sein.

Gerätebedienung assistierte volumenkontrollierte Beatmung
  • Beatmungsmodus wählen: Taste VC-CMV für ca. 3 s gedrückt halten oder kurz drücken und mittels Drücken des Drehknopfs bestätigen.

  • Beatmungsparameter anhand der Drehknöpfe einstellen: VT, RR, Pmax und O2.

  • Weitere Beatmungsparameter im Bildschirm einstellen: Taste Einstell. drücken, Parameter Trigger, PEEP, I : E und Tplat mittels Drehen des Drehknopfs auswählen, durch Drücken aktivieren, durch Drehen Wert einstellen und durch Drücken bestätigen.

Gerätebedienung VC-SIMV
  • Beatmungsmodus wählen: Taste VC-SIMV für ca. 3 s gedrückt halten oder kurz drücken und mittels Drücken des Drehknopfs bestätigen.

  • Beatmungsparameter anhand der Drehknöpfe einstellen: VT, RR, Pmax und O2.

  • Weitere Beatmungsparameter im Bildschirm einstellen: Taste Einstell. drücken, Parameter Tinsp, Tplat, PEEP und Δ ASB mittels Drehen des Drehknopfs auswählen, durch Drücken aktivieren, durch Drehen Wert einstellen und durch Drücken bestätigen. Taste Einstell. nochmals drücken und Parameter Trigger und Rampe einstellen.

Gerätebedienung SPnCPAP
  • Beatmungsmodus wählen: Taste SPnCPAP für ca. 3 s gedrückt halten oder kurz drücken und mittels Drücken des Drehknopfs bestätigen.

  • Beatmungsparameter anhand der Drehknöpfe einstellen: Pmax und O2.

  • Weitere Beatmungsparameter im Bildschirm einstellen: Taste Einstell. drücken, Parameter Trigger, PEEP, Δ PS und Rampe mittels Drehen des Drehknopfs auswählen, durch Drücken aktivieren, durch Drehen Wert einstellen und durch Drücken bestätigen. Ggf. bei Maskenbeatmung Taste Einstell. nochmals drücken und Parameter NIV (EIN) einstellen.

Gerätebedienung PC-BIPAP
  • Beatmungsmodus wählen: Taste PC-BIPAP für ca. 3 s gedrückt halten oder kurz drücken und mittels Drücken des Drehknopfs bestätigen.

  • Beatmungsparameter anhand der Drehknöpfe einstellen: RR, Pmax und O2.

  • Weitere Beatmungsparameter im Bildschirm einstellen: Taste Einstell. drücken, Parameter Tinsp, Pinsp, PEEP und Δ PS mittels Drehen des Drehknopfs auswählen, durch Drücken aktivieren, durch Drehen Wert einstellen und durch Drücken bestätigen. Taste Einstell. nochmals drücken und Parameter NIV (ggf. EIN bei Maskenbeatmung), Trigger und Rampe einstellen.

MEDUMAT Standard (Weinmann)
CharakteristikNotfallbeatmungsgerät Abb. 1.10.
VentilationsformenVolumenkontrollierte BeatmungBeatmungsgerätMedumat® StandardMedumat® Standard.
Gerätebedienung
  • Sauerstoffkonzentration einstellen: Air Mix (FiO2 = 0,61) oder No Air Mix (FiO2 = 1,0).

  • Frequenz mittels Drehknopf Freq. (Min.−1) einstellen.

  • Minutenvolumen mittels Drehknopf MV (l/Min.) wählen.

  • Drucklimit mittels Drehknopf Pmax (mbar) vorgeben.

  • Sauerstoffflaschenventil öffnen und Ein-/Ausschalter O/I drücken.

MEDUMAT Standard a (Weinmann)
CharakteristikNotfallbeatmungsgerät Abb. 1.11.
VentilationsformenVolumenkontrollierte Beatmung, BeatmungsgerätMedumat® Standard aMedumat® Standard aassistierte Beatmung.
Gerätebedienung volumenkontrollierte Beatmung
  • Sauerstoffkonzentration einstellen: Air Mix (FiO2 = 0,61) oder No Air Mix (FiO2 = 1,0)

  • Frequenz mittels Drehknopf Freq. (Min.−1) einstellen

  • Minutenvolumen mittels Drehknopf MV (l/Min.) wählen

  • Drucklimit mittels Drehknopf Pmax (mbar) vorgeben

  • Sauerstoffflaschenventil öffnen und Ein-/Ausschalter O/I drücken

Gerätebedienung assistierte Beatmung
  • Mandatorische Beatmungshübe anhand der Parameter der volumenkontrollierten Beatmung (s. o.) einstellen.

  • Mit Taste Assist den assistierten Beatmungsmodus einschalten.

  • Bei maschineller Beatmung immer sorgfältige Überwachung (Pulsoxymeter und Kapnografie)

  • Für die Beatmung von Kleinkindern und Säuglingen sind die Transportbeatmungsgeräte ungeeignet → manuelle Beatmung mittels Kuhn-System oder Beatmungsbeutel

  • Ab einem Flaschendruck von ca. 20 bar ist keine korrekte Respiratorfunktion gewährleistet → Flasche wechseln

MEDUMAT Transport (Weinmann)
CharakteristikNotfall- und Intensivtransportbeatmungsgerät (Abb. 1.12).
VentilationsformenVolumen- und BeatmungsgerätMedumat® TransportMedumat® Transportdruckkontrollierte Beatmung, jeweils auch assistiert, SVV, SPV, SIMV, BiLevel/ASB, CPAP, ASB, NIV, Präoxygenierung.
Gerätebedienung
  • Gerät einschalten.

  • Auswahl: Notfallbeatmung (Erw./Kind/Kleinkind) oder differenzierte Beatmung (letzter Pat. oder neuer Pat. als Erw./Kind/Kleinkind).

  • Notfallbeatmung: Sofortstart IPPV-Beatmung mit Default-Werten für den ausgewählten Patiententyp. Beatmungsparameter PEEP, Pmax, VT, Freq., I : E mit Drehstellern einstellbar.

  • Differenzierte Beatmung letzter Pat.: Sofortstart mit den zuletzt eingestellten Parametern.

    • Beatmungsparameter entsprechend dem Beatmungsmodus mit Drehstellern einstellbar. Je nach Modus auch Trigger und ΔpASB zuschaltbar.

    • Erweiterte Beatmungsparameter: Menütaste drücken, Menüpunkt „Erweiterte Beatmungsparameter“ auswählen und bestätigen. Druckrampe, Flowrampe, Flowverlauf, Inspirationstriggerschwelle, Exspirationstriggerschwelle einstellen.

    • Notfallbeatmunsmodi jederzeit über die Funktionstasten direkt auswählbar.

  • Differenzierte Beatmung neuer Pat.:

    • Modusauswahlmenü erscheint.

    • NIV auswählen, falls erforderlich.

    • Cursor auf gewünschten Beatmungsmodus setzen.

    • Parallel Beatmungsparameter mit Drehsteller einstellen.

    • Beatmung durch Bestätigung des ausgewählten Modus starten.

    • Erweiterte Beatmungsparameter: Menütaste drücken, Menüpunkt „Erweiterte Beatmungsparameter“ auswählen und bestätigen. Druckrampe, Flowrampe, Flowverlauf, Inspirationstriggerschwelle, Exspirationstriggerschwelle einstellen.

    • Beatmungsparameter während des Betriebs entsprechend dem Beatmungsmodus mit Drehstellern einstellbar. Je nach Modus auch Trigger und ΔpASB zuschaltbar.

    • Moduswechsel über die Funktionstaste Modus jederzeit direkt anwählbar.

    • Notfallbeatmungsmodi jederzeit über die Funktionstasten direkt auswählbar.

  • Direkte Funktionstasten: Alarm stumm – Menü – Präoygenierung – O2-Konzentration (40–100 %).

MODUL CPAP (Weinmann)
CharakteristikGerät Modul CPAP®BeatmungsgerätModul CPAP®zur nichtinvasiven Atemunterstützung (Abb. 1.13).
VentilationsformCPAP.
Gerätebedienung(3.4.8).
  • Sauerstoffflasche öffnen.

  • CPAP-Boussignac-Ventil anschließen.

  • Passende Maske auswählen und mit dem CPAP-Ventil verbinden.

  • Drehregler bis zum linken Anschlag drehen (Minimum).

  • Gerät einschalten.

  • CPAP-Druck langsam bis zu einem Druck von 2 mbar erhöhen.

  • CPAP-Druck langsam (2 mbar/Min.) weiter erhöhen, bis der gewünschte Therapiedruck erreicht ist.

T1 (Hamilton®)
CharakteristikNotfall- und HamiltonBeatmungsgerätHamilton®Intensivtransportbeatmungsgerät (Abb. 1.14).
VentilationsformenVolumenkonstante druckregulierte Beatmung, druckkontrollierte Beatmung, SIMV (volumenkonstant, druckreguliert und druckkontrolliert), DuoPAP (druckkontrollierte Beatmung auf zwei Druckniveaus), APRV (zeitgesteuerte druckkontrollierte Beatmung auf zwei Druckniveaus), Spontanatmung mit oder ohne Druckunterstützung, NIV, NIV-ST, ASV (Adaptive Support Ventilation), Seufzerbeatmung, bidirektionale Apnoe-Ventilation.
Gerätebedienung
  • Volumenkonstante druckregulierte Beatmung (APVcmv):

    • Im Bildschirmfeld „Parameter“ die Punkte „Frequenz, Vt, PEEP/CPAP, Sauerstoff, I : E, V Trigger“ auswählen, einstellen.

    • Einstellungen durch Auswahl des Felds „Bestätigen“ aktivieren.

  • Druckkontrollierte Beatmung (PCV):

    • „Modus“ anwählen.

    • Das Feld „PCV“ anwählen und bestätigen.

    • Im Bildschirmfeld „Parameter“ die Punkte „Frequenz, P-Kontroll, PEEP/CPAP, Sauerstoff, Trigger, Druckrampe“ auswählen, einstellen.

    • Einstellungen durch Auswahl des Felds „Bestätigen“ aktivieren.

  • Druckkontrollierte Beatmung auf zwei Druckniveaus (DuoPAP):

    • „Modus“ anwählen.

    • Das Feld „DuoPAP“ anwählen und bestätigen.

    • Im Bildschirmfeld „Parameter“ die Punkte „Frequenz, Phoch, PEEP, Sauerstoff, Thoch, Trigger, P Support, Druckrampe, ETS“ auswählen, einstellen.

    • Einstellungen durch Auswahl des Felds „Bestätigen“ aktivieren.

Absaugpumpe

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
IndikationenVerlegung von AbsaugpumpeNasen-, Mund- und Rachenraum, Aspiration. Vakuummatratze entlüften.
Modelle
  • Im RTW: stationäre oder mobile akkubetriebene Absaugpumpe, die über das Bordnetz des Fahrzeugs betrieben bzw. aufgeladen wird.

  • Weitere tragbare Modelle: hand- oder fußbetriebene Produkte (mäßige Saugkraft, Ausnahme: Ambu TwinPump). Bessere Leistung bieten gasbetriebene Absaugpumpen, die nach dem Injektorprinzip mit Druckgas (O2) arbeiten und meist in Notfallkoffern eingebaut sind. Cave: hoher Gasverbrauch (bis 20 l/Min.).

Kapnografie und Kapnometrie

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
Indikationen
  • Unterscheidung Kapnografievon trachealer und ösophagealer Tubuslage (alle Modelle)

  • Kontinuierliche Überwachung der Beatmung bezüglich Tubuslage, Diskonnektion oder Stenose (nur elektronische KapnometrieKapnometer)

  • Steuerung des Atemminutenvolumens zur Erzielung einer Normo- bzw. Hyperventilation (nur quantitative Kapnometer)

  • Kapnometer Tab. 1.8

  • Kapnografie: digitale CO2-Anzeige und Kurvendarstellung → Plausibilitätskontrolle und Interpretationshilfe

  • Bei Reanimation frühzeitige Anzeige eines suffizienten Kreislaufs durch zügigen etCO2-Anstieg bzw. eines erneuten Kreislaufzusammenbruchs durch plötzlichen etCO2-Abfall.

  • Effektiver und sicherer Einsatz nur bei Spontankreislauf. Unter Reanimationsbedingungen (3.4) u. U. z. B. kein CO2-Nachweis trotz korrekter Tubuslage.

  • Semiquantitative Kapnometrie erlaubt keine differenzierten Aussagen („Unschärfe“ der CO2-Werte in bestimmten Bereichen → nur grobe Orientierung).

  • Kapnometrie ohne BGA-Abgleich fehlerbehaftet. Einstellung des AMV nach endexspiratorischer CO2-Konzentration trotzdem sinnvoller als nach Schätzung des KG.

  • Für den RD besonders geeignet: Kapnografie als Teil eines Multifunktionsmonitors.

Spritzenpumpe („Perfusor®“, „Injektomat®“)

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
IndikationenKontinuierliche Zufuhr hochwirksamer Pharmaka mit kurzer Halbwertszeit (z. B. Katecholamine, Vasodilatatoren, Injektomat®Bronchodilatatoren, Perfusor®SpritzenpumpeAntiarrhythmika, Anästhetika).
VorteileNetzunabhängig durch Akkubetrieb. Teilweise sind auch pharmakokinetische Modelle für Narkotika und Opioide integriert (TCI-Modus).
NachteileZubehör (Spritzen, Leitungen) häufig herstellerspezifisch und nicht mit anderen Fabrikaten kompatibel → Mehrarbeit und Mehrkosten beim Wechsel des Rettungsmittels (RTW – RTH, RTW – Klinik). Neuere Produkte haben z. T. 2–6 voneinander unabhängige Kanäle und akzeptieren mehrere Spritzentypen.

Defibrillator

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
(3.4.11)
Indikationen
  • Kammerflimmern oder -flattern → unsynchronisierte DefibrillationDefibrillationunsynchronisierteDefibrillation

  • Vorhofflimmern oder -flattern, symptomatische Tachykardien → synchronisierte Defibrillation (Kardioversion)Defibrillationsynchronisierte

Geräte
  • Halbautomatische Defibrillatoren: RhythmusdiagnoseDefibrillatorhalbautomatischer (Kammerflimmern: ja/nein) und Aktivierung des Ladevorgangs auf eine vorgegebene Energie durch Kardioversiondas Gerät, Impulsabgabe durch Drücken der Entladetaste durch den Anwender; Speichermedien zur Dokumentation und späteren Analyse von EKG und z. T. von Betriebsdaten oder Umgebungsgeräuschen bzw. Stimmen.

  • Manuelle Defibrillatoren: EnergiewahlDefibrillatormanueller, Laden und Entladen durch den Anwender.

Unterschiedliche Energiestufen bei monophasischen und biphasischen Kurvenformen (3.4.11).

Herzschrittmacher

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
(3.4.12)
IndikationenAdam-Stokes-Anfall, hämodynamisch wirksame SA- oder AV-Blockierungen oder Bradykardien, die pharmakologisch nicht Schrittmacherbeeinflussbar sind.
Durchführung
  • Elektrodenpositionierung bei transkutaner Stimulation(Abb. 3.16):

    • Vordere negative Elektrode (FRONT): präkordial links parasternal (Wilson-Ableitung V4).

    • Hintere positive Elektrode (BACK): zwischen Wirbelsäule und Stimulation, transkutaneunterem linken Schulterblattrand.

    • Beide Elektroden sollten sich möglichst gegenüberliegen.

  • Arbeitsmodi: starrfrequent (FIX-Modus, V00) oder inhibiert (DEMAND- oder INHIBIT-Modus, VVI).

  • Einstellungen: Frequenz und Impulsstärke (Spannung, Stromstärke, Impulsbreite) sowie die Sensing-Schwelle (nur bei VVI).

  • Funktionskontrolledurch Frequenzzählung (manuell oder Pulsoxymeter), da die elektrische Aktivität im EKG von der mechanischen Systole differieren kann!

Thermometer

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
Für Thermometerden RD bes. geeignet sind elektronische Thermometer (Bruchgefahr und eingeschränkter Messbereich bei „Quecksilber“-Fieberthermometern). Epitympanale (Ohr-) und dermale (Stirn-)Thermometer sind in der Anwendung einfacher, liefern aber häufig unzuverlässige Werte. Goldstandard ist die rektale Messung.
Einige Multifunktionsmonitore haben eine Temperaturmessung über verschiedene Sonden (rektal/ösophageal/dermal/vesikal/epitympanal) integriert.

Persönliche Ausstattung des Notarztes („Taschendiagnostik“)

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss
Neben der DIN EN-Ausstattung der Rettungs-Taschendiagnostik und Notarztfahrzeuge sollte sich der Notarztpersönliche AusstattungNA je nach Struktur des jeweiligen Einsatzgebiets eine persönliche, direkt am Mann zu tragende Notfallausrüstung zulegen.
Während der im Großstadtbereich tätige NA im NEF nicht selten zusammen mit einem Fahrer oder gar komplett besetzt auf einem NAW arbeitet und aufgrund der Rettungsmitteldichte in Großstädten meist zeitgleich oder nur gering zeitversetzt mit dem Rettungswagen am Notfallort eintrifft, kehren sich die Verhältnisse in strukturarmen ländlichen Regionen nahezu um. Hier können Situationen entstehen, in denen sich der selbst fahrende NA aus dem NEF heraus längere Zeit alleine versorgen oder nur mit Unterstützung eines meist spärlich ausgestatteten KTW auskommen muss. Während der „Großstadtnotarzt“ neben Schreibzeug, Pupillenleuchte und Stethoskop kaum etwas mit sich führen muss, kann bei einem „Überlandnotarzt“ ein nicht unerheblicher Teil der primären Notfalldiagnostik primär aus der Jackentasche heraus erforderlich werden.
Persönliche Schutzkleidung1.8.3.
Basisausrüstung
  • Kugelschreiber, Ölstift (Edding/OHP-Stift) zum Kennzeichnen von Infusionen und aufgezogenen Medikamenten

  • Staubinde (mit Namen versehen)

  • Robuste Pupillenleuchte (z. B. MagLite®)

  • Batteriebetriebene LED-Stirnlampe

  • Fingerspitzen-Pulsoxymeter

  • Einmalhandschuhe (nach Einsatz die Jackentasche entsprechend auffüllen)

  • Elektronisches Thermometer

StethoskopBei Stethoskopder Auswahl des Stethoskops ist zu bedenken:
  • Arbeiten in extremen Einsatzsituation → Verschmutzungs- und Beschädigungsgefahr

  • Arbeiten in unübersichtlicher fremder Umgebung sowie Arbeiten in Stresssituationen in verschiedenen Rettungsmitteln (z. B. mehrere RTW abgedeckt durch ein NEF) → hohe Verlustgefahr

Fazit: Für den Einsatzalltag des NA empfiehlt sich ein einfaches, stabiles Stethoskop (Namensgravur).
RettungswerkzeugKräftige Verbandsschere, idealerweise eine Metall und Leder schneidende Rettungsschere, die direkt in einem Gürtelhalter griffbereit getragen wird. Professionelle Rettungsscheren (Rettungswerkzeugz. B. SafetyBoy®) sind aufgrund von Größe, Gewicht und des hohen Preises für das „Am-Mann-Tragen“ weniger zu empfehlen.
Feuerwehrrettungsmesser, kleine, meist mit Gürtelclip ausgestattete Spezialmesser, die sich mit einer Hand auch mit Handschuhen öffnen lassen. Durch besonderen Klingenschliff ist das Durchtrennen von Sicherheitsgurten, Kleidung, Herauslösen von Fensterdichtungen usw. besonders einfach, einige Modelle sind sogar mit Glasschneidemöglichkeit und mit Federkörner versehen. (z. B. Rescue Tool®; Cave: Das Rescue Tool® mit Einhandmesser fällt unter die Regelung von § 42a Abs. 1 Nr. 3 des Waffengesetzes und darf daher nur im Notfallkoffer mitgeführt werden.)
MedikamenteAn einigen RD-Standorten ist es nicht üblich, BtMVV-pflichtige Analgetika (1.4.3) im RTW oder NEF vorzuhalten. In diesem Fall muss der NA ein eigenes, am BtMG-pflichtige AnalgetikaKörper zu tragendes, BtM-Ampullarium mit sich führen. Der NA AnalgetikaBtMG-pflichtigesollte sich auf möglichst wenige Analgetika (z. B. Fentanyl und Morphin) beschränken, mit denen er ausreichend Erfahrung hatBetäubungsmittelAmpullarium. Sie sollten mengenmäßig für mindestens eine NA-Schicht ausreichen.
Häufig ist die Medikamentenzusammenstellung eines NA-Standorts geprägt vom jeweiligen Träger des Rettungsmittels sowie von den Vorgaben des angeschlossenen Akutkrankenhauses → falls der NA ihm „vertraute Präparate“ vermisst und sich keine Möglichkeit bietet, die gewünschten Medikamente mit in die Bestandsliste aufzunehmen, sollte ein zweites Ampullarium mit den „persönlichen Favoriten“ mitgeführt werden. Jedoch gilt auch hier der Leitsatz: „Weniger ist oft mehr“.
Elektronische Blutdruckmessgeräte
Einfache oszillometrische Handgelenkblutdruckmessgeräte sind allenfalls eine orientierende Unterstützung bei der Basisdiagnostik und Überwachung von Notfallpatienten als Ergänzung zumBlutdruckmessgerät Manschettenblutdruckmessgerät.
Die Grenzen der Genauigkeit sind bei Abwägung mit den Vorteilen unter dem Aspekt der präklinischen Fragestellungen (Hypertonie, Normaldruck, Hypotonie bzw. Veränderungen des Drucks im Verlauf) zu bedenken bzw. in Kauf zu nehmen, wenn kein Manschettenblutdruckmessgerät zur Verfügung steht (1.7.5).
Pulsoxymeter
Eine deutliche qualitative Verbesserung in der Primärdiagnostik und Überwachung von Notfallpatienten, insbes. bei vorübergehender Alleinversorgung, ist die Anwendung von Pulsoxymetrienichtinvasiven Hand- und Fingerpulsoxymetern (1.7.4). Diese sind auch mit Pulston und sättigungsabhängiger Tonhöhe erhältlich.
VorteileSchnelle und einfache Anwendung, aufgrund der geringen Größe problemlos in der Jacke oder am Gürtel zu verstauen.

Risiken und Sicherungsmaßnahmen der Einsatzstelle

Alexander Haberzeth, Ulrich v. Hintzenstern, Rolf P. Maschke und Harald Strauss

Gefahren der Einsatzstelle erkennen

Rolf P. Maschke
Bereits bei der Anfahrt zur Einsatzstelle das Alarmstichwort (Baugrubeneinsturz, Wohnungsbrand, EinsatzstelleGefahrenerkennungEisunfall) hinsichtlich Einsatzstellepotenzieller Gefahren auswerten.
Zunächst Überblick verschaffen und die eigene Gefahrenlage beurteilen. Ein bewährtes Schema zur Gefahreneinschätzung ist 4A1C4E-Merkregeldie 4A1C4E-Merkregel. Durch die 9 „Bausteine der Gefahrenanalyse“ können alle denkbaren Gefahren einer Einsatzstelle erfasst werden:
  • A1 Ausbreitung der Gefahr. A2 Atemgifte. A3 Angstreaktion. A4 Atomare Gefahren

  • C Chemische GefahrenanalyseGefahren

  • E1 Explosion, Stichflamme, Brand. E2 Elektrizität. E3 Einsturz, Absturz. E4 Erkrankung, Verletzung

Beispiele für drohende Gefahren:
  • Ausbreitung: Ausweitung eines Brandes, Nachfließen eines Gefahrgutmediums nach Leckage, Folgeunfälle auf einer Schnellstraße

  • Atemgifte: austretendes Gas aus einer defekten Leitung, Rauchgase bei Bränden, CO2 in Gärkellern und Silos

  • Angstreaktion: Angstzustände bei Pat., Angehörigen oder Passanten (z. B. Fenstersprung bei Brandgefahr). Überstürztes, unorganisiertes Handeln der Hilfeleistenden

  • Atomare Gefahren: Unfälle und Defekte an kerntechnischen Anlagen

  • Chemische Stoffe: in Industrieanlagen, bei Transportunfällen

  • Explosion, Stichflamme, Brand: durch entzündbare oder explosible Gase, Dämpfe, Nebel, Schwebstoffe, Defibrillation in explosiblem Gas-/Luftgemisch, Treibstoffdämpfe

  • Elektrizität: durch vorhandene E. (Person unter U-Bahn, Kabeldefekt), oder durch nicht vorhandene E. (Beleuchtungsausfall, Ausfall der Aufzugstromversorgung)

  • Einsturz/Absturz: Bauunfälle, nach Explosion geschwächte Bauteile, Nachrutschen von Erdmassen, Umkippen labiler Lasten

  • Erkr. und lebensbedrohliche Zustände: Infektionsgefahr, Schädigung durch Einsatzmaßnahmen (Funkenflug bei Trennschleiferarbeiten, Herumfliegen abgetrennter Metallteile)

Einsatzstelle sichern

Rolf P. Maschke und Alexander Haberzeth
  • Bei EinsatzstelleSicherungAnkunft Einsatzfahrzeug möglichst so abstellen, dass das Fahrzeug durch Position und angemessene Entfernung die Einsatzstelle zusätzlich absichert. Bei Großlagen ist zu beachten, dass die Zuführung anderer Einsatzkräfte nicht behindert wird.

  • Zur Sicherheitssteigerung optische Warneinrichtungen (z. B. Warnblinkanlage, ggf. Blaulicht), die fahrzeugtypabhängig jedoch ggf. nur mit laufendem Motor versorgt werden können, einschalten.

  • „Letztes Auto“ bzw. bei unübersichtlich gelegener Unfallstelle: zur Absicherung Blaulicht, Warnblinkanlage und Abblendlicht Blaulichteinschalten.

  • Warndreieck mind. 50 m vor WarnblinkanlageEinsatz-/Unfallstelle aufstellen lassen, mind. 100 m bei schnell fließendem Verkehr (auf Autobahnen mind. 200 m) sowie vor unübersichtlichen Kurven oder Kuppen (Abstand Warndreieckzwischen den Leitpfosten beträgt 50 m).

  • Für Schnellstraßen und Autobahnen ggf. über die Leitstelle Verkehrssicherungsanhänger von Autobahnmeistereien, Bauhof oder Feuerwehr anfordern.

Bei speziellen Gefährdungen entsprechende Maßnahmen ergreifen bzw. veranlassen:
  • Bei Gefährdung durch fließenden Verkehr Sperrung oder Umleitung veranlassen.

  • Bei Freisetzung von gesundheitsgefährdenden Stoffen, Brand, Absturz, Einsturz oder Elektrizität unverzüglich technische Hilfe (Feuerwehr, ggf. Stadtwerke, Stromversorgungsunternehmen, THW) nachfordern.

  • Bei Anhaltspunkten für ein hohes Gefährdungspotenzial Einsatzstelle nicht vor Sicherung und Freigabe durch technische Hilfe betreten (z. B. Bahngleise oder Hochspannungsleitungen).

  • Bis zum Eintreffen technischer Hilfe, Gefährdungszone räumen und absperren lassen.

  • Bei der Einschätzung des Gefahrenbereichs bei Bränden, giftigen oder radioaktiven Stoffen Ausbreitung durch Wind, Wasser oder Nachfließen bei Leckage bedenken.

  • Bei Brand oder Explosionsgefahr Zündquellen fernhalten. Elektrische Geräte (auch Defi) und Fahrzeugzündanlagen ausschalten, Notabschaltung von stromführenden Leitungen veranlassen, absolutes Rauchverbot.

  • Einsturzgefährdete Gebäude und Baugruben sowie durch herabstürzende Teile gefährdete Bereiche abschätzen und räumen lassen.

  • !

    Eigensicherung niemals vernachlässigen! Sicherheit vor Schnelligkeit!

Eigensicherung

Harald Strauss und Ulrich v. Hintzenstern
Eigensicherung durch permanente sorgfältige Beobachtung und Beurteilung der Eigensicherungspeziellen SelbstschutzSchadenslage sowie der daraus drohenden GefahrenEinsatzstelleEigensicherung (1.8.1). Tragen einer angemessenen persönlichen Schutzausrüstung, gesundheits- und sicherheitsbewusstes Verhalten sowie ausreichenden Impfschutz (Tetanus, Hepatitis B, Poliomyelitis).
Schutzausrüstung
Da das Umfeld eines Einsatzes und eines evtl. direkt daran anschließenden Folgeeinsatzes nie vorhersehbar sind (z. B. Regen, Eisglätte, splitterndes Glas, spritzendeSchutzausrüstungSchutzkleidungEinsatzbekleidung Flüssigkeiten, spitze Metallteile, offenes Feuer, Dunkelheit, bissige Hunde) immer Schutzausrüstung tragen (Schutzkleidung, Schuhwerk) bzw. mitführen (Kopfschutz, Handschuhe, Atemschutz).
  • Schutzkleidung: Overalls oder die Kombination aus Einsatzjacke und (Latz-)Hose mit guter Signalwirkung (fluoreszierend hellrot oder orange) mit zusätzlich aufgenähten Reflexstreifen nach DIN EN 471. Material: nur chemisch-thermisch-mechanisch stabile Gewebe (nach DIN EN 533DIN EN 533) empfehlenswert, z. B. aus Schurwolle (flammhemmend) oder Polyaramidfasern (z. B. NOMEX III®DIN EN 471); eine Kombination mit atmungsaktiven Geweben (mikroporös) nach DIN EN 343 DIN EN 343verbessert Wetterschutz und Tragekomfort. Rückenschild („Notarzt“) sowie Namensschild („Dr. Mustermann“) erlauben Hilfskräften (Polizei, Feuerwehr usw.) sowie dem Pat. eine eindeutige Kennzeichnung und Identifizierung des Notarztes. Cave: Absolut ungeeignet und gefährlich sind als Einsatzbekleidung OP-Kleidung, Freizeitbekleidung oder ein Arztkittel.

  • Schuhe: durchtrittsichere, chemiekalienbeständige, grobstollige Sohlen. Zehenschutz durch Stahlkappe. Einschluss des Sprunggelenks verhindert Distorsionen. Neben Unfallschutzschuhen aus der Industrie eignen sich insbes. Feuerwehreinsatzstiefel (nach DIN EN 345DIN EN 345, S3) oder gleichartige Anfertigungen speziell für den RD (nach DIN EN 4843, S1). Cave: Turnschuhe, FeuerwehrEinsatzstiefelSandalen und „Klinik-Clogs“ sind absolut ungeeignet.

  • Kopfschutz: Feuerwehrhelm DIN EN 443nach DIN EN 443 mit aufklappbarem Gesichtsvisier, Nackenleder (z. B. bei Verkehrsunfall, BaustelleKopfschutz, Brände), FeuerwehrHelmnachleuchtender Farbe und umlaufendem Reflexband. LED-leuchte häufig integrierbar.

  • Handschuhe: generell naturlatexfreie HandschuheSchutzhandschuheSchutzhandschuhe aus Vinyl oder Nitril nach DIN EN 455DIN EN 455 verwenden (Infektionsschutz, kein Schutz vor mechanischen Verletzungen) oder allenfalls ungepuderte allergenarme Naturlatexhandschuhe (Cave: latexsensibilisierte Pat.!). Bei Einsätzen mit Verletzungsgefahr (z. B. technische Rettung) über den Latexhandschuhen DIN EN 659zusätzlich Schutzhandschuhe mit langen Lederstulpen nach DIN EN 659 tragen.

  • Atemschutz: für RD-Mitarbeiter nur in extrem seltenen Fällen PressluftatmerFluchtmaskeAtemschutzerforderlich (Aufenthalt i. d. R. nur im sicheren Bereich; Rettung der Pat. aus Gefahrenbereich z. B. durch Feuerwehr). Ohne entsprechende Ausbildung (z. B. bei einer Feuerwehr) ist der Einsatz eines umluftunabhängigen Atemschutzgeräts (Pressluftatmer) nicht zulässig, risikobehaftet und gefährlich. Als Fluchtmaske in offenem Gelände kann allenfalls eine Atemschutzmaske mit einem „Universal-Filter“ (Klasse ABEK2-CO-P3) vorgehalten werden.

Verhaltensregeln am Einsatzort
  • Brennende EinsatzstelleVerhaltensregelnoder einsturzgefährdete Gebäude und ungesicherte Baugruben keinesfalls betreten.

  • Bei Atemgiften Sicherheitsabstand wahren (auf Windrichtung achten).

  • Spannungführende Teile erst nach sicherer Freischaltung und Erdung berühren, bei Hochspannung (Fahrdraht) Abstand halten.

  • Bei Rettungsmaßnahmen mit schwerem Gerät Abstand wahren oder zumindest Schutzkleidung tragen:

    • Funkenflug bei Trennschleifereinsatz → Helm mit Visier oder Schutzbrille, Handschuhe.

    • Mechanische Spannungen können sich plötzlich entladen (Herumfliegen von Metallteilen bei Einsatz von Rettungsspreizern oder -scheren bzw. von Holzteilen beim Durchtrennen umgestürzter Masten oder Bäume) → Sicherheitsabstand, Helm.

  • Verunfallte Gefahrguttransporte erst von Feuerwehr oder THW untersuchen lassen, Kontamination mit freigesetzten Stoffen vermeiden.

  • Keine privaten Aufnahmen von Personen (Täter bzw. Opfer) z. B. mit Foto-Handy machen, da evtl. Straftatbestand nach § 201a StGB „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ bzw. § 22 KUG (Kunsturheberrechtsgesetz), es sei denn, die Aufnahmen werden bewusst als „Beweisfotos“ angefertigt und der Polizei oder Berechtigten überlassen.

Verhalten bei Selbstverletzung mit gebrauchten Kanülen und Skalpellen

Sicherheitsmaßregeln

Sofort Skalpelle, gebrauchteKanülen, gebrauchtenach Gebrauch in sichere Behälter entsorgen, niemals Kappe wieder aufsetzen, Instrumente mit Klingen und Spitzen nach Blutkontakt selbst entsorgen, scharfe oder spitze Gegenstände nicht übergeben.
Bei einer Selbstverletzung kurze Inspektion: Verletzungstiefe, Blutgefäße betroffen?
Blutende Wunde
  • Extremität nach unten halten, bluten lassen. Geringen Blutfluss durch Kompression und gleichzeitiges zentrifugales Auspressen der Selbstverletzung mit kontaminierter SpritzeGefäße oberhalb der Stichverletzung verstärken. Kein Quetschen und Ausdrücken direkt im Einstichbereich.

  • Notfalls Wunde möglichst rasch mit Seife unter fließendem Wasser reinigen, danach in jedem Fall großzügig mit einem viruswirksamen Hautdesinfektionsmittel desinfizieren.

  • Tupfer mit viruzidem Antiseptikum satt benetzen, über der Stichverletzung fixieren und für > 10 Min. durch ständige Applikation des Antiseptikums feucht halten. Bei Risiko für eine Infektion mit dem Hepatitis-C- oder -B-Virus Ethanolkonzentration > 80 % erforderlich.

  • Verletzung dokumentieren (D-Arzt-Bericht).

  • Pat. nach bekannter Hepatitis- oder HIV-Infektion befragen. Falls unbekannt, nach evtl. Risiken für eine Hepatitis- oder HIV-Infektion erkundigen. Ggf. um Zustimmung zur serologischen Untersuchung bitten.

  • Versuch, Pat. serologisch untersuchen zu lassen (Hepatitis und HIV: Zustimmung des Pat. erforderlich).

  • Eigene serologische Untersuchung und Kontrolle nach 6, 12 und 26 Wo., ggf. auch noch später (bei positivem Ergebnis Mitteilung an die BG → Anerkennung als Berufskrankheit).

Postexpositionsprophylaxe
  • Ggf. Simultanimpfung gegen Hepatitis B.

  • Risiko einer HIV-Infektion Postexpositionsprophylaxeliegt bei 0,3 %. Es wird größer, wenn keine Handschuhe getragen wurden (Abstreifeffekt!), wenn das Stichobjekt äußerlich mit Blut kontaminiert war, der Stich sehr tief geht oder sich die verletzende Hohlnadel zuvor in einem Gefäß des Pat. befand.

  • Gesicherte oder sehr wahrscheinliche (umgehende Abklärung!) HIV-Infektiosität: Informationen über Infektionsstatus, Viruslast und CD4-Zahlen sowie zur aktuellen und früheren antiretroviralen Ther. einholen. Wegen etwaiger Resistenzen und deshalb evtl. erforderlicher Modifikation der Postexpositionsprophylaxe (PEP) möglichst Kontakt mit behandelndem Arzt aufnehmen. Expertenrat bezüglich des Infektionsrisikos und der Ind. der PEP einholen (Liste mit Kliniken, die 24-h-PEP anbieten www.rki.de).

  • Ansonsten: Prophylaxe mit Kombinationstherapie (z. B. Truvada® = Tenofovir + Emtricitabin und Keletra® = geboostetes Lopinavir) erwägen. Die Behandlung sollte innerhalb von 2 h nach der Verletzung beginnen (bis zu 24 h möglich, nach 72 h wirkungslos). Kontakt mit einer Institution mit Erfahrung in HIV-/AIDS-Therapie aufnehmen. Empfehlungen und Verhaltensregeln („Empfehlungen zur Postexpositionsprophylaxe nach beruflicher HIV-Exposition“) können auch über die Internet-Website (unter „Infektionskrankheiten“) des Robert Koch-Instituts (s. o.) abgerufen werden.

Andere Verletzungen
  • Bei nicht spontan blutender Wunde kurz auf die Umgebung der Wunde drücken: wenn Blut austritt (Blutgefäß penetriert) wie bei spontan blutender Wunde vorgehen (s. o.). Andernfalls Hautdesinfektion.

  • Bei einer Kontamination von Schleimhaut oder entzündlich veränderten Hautarealen schnellstmöglich Reinigung mit alkoholgetränkten Tupfern. Falls nicht zur Hand, gründlich mit viel Wasser spülen.

  • Bei einer Kontamination der Mundschleimhaut Mundhöhle und Rachen gründlich mit Wasser spülen.

Keine längeren mechanischen Manipulationen an der Verletzung, Wunde nicht ausschneiden. Kontrolle des eigenen Infektionsstatus (HIV, HBV, HCV) sofort, nach 6 Wo., 3 und 6 Mon.

Rückenschonendes Arbeiten
RD-Mitarbeiter sind besnders exponiert für Wirbelsäulenprobleme (z. B. Heben von Pat.).
  • Vor dem Anheben immer in die Arbeiten, rückenschonendesKnie gehen

  • Den Rücken möglichst gerade halten

  • Immer mit beiden Armen gleichzeitig anheben

  • Nicht ruckartig anheben

  • Rumpfrotation unter Last vermeiden

  • Evtl. Hebegurte verwenden

Gesetzliche Unfallversicherung
  • Angestellte Ärzte (Rettungsdienste bzw. LNA-Einsätze werden ausschließlich als Dienstaufgabe erbracht) sind über den Arbeitgeber im Rahmen ihres Unfallversicherung, gesetzlicheBeschäftigungsverhältnisses in der gesetzlichen Unfallversicherung versichert.

  • Ärzte, die außerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses im Rettungsdienst tätig werden und ihre Leistungen selbst liquidieren, üben eine selbstständige Tätigkeit im Gesundheitswesen aus → Abschluss einer freiwilligen Versicherung bei der BGW erforderlich.

Einsätze in problematischen Umfeldern

Rolf P. Maschke und Ulrich v. Hintzenstern
RD-Mitarbeiter können an der Einsatzstelle evtl. eine unklare Situation vorfinden, Opfer krimineller Handlungen werden Einsatzstelleproblematischeoder mit aggressiven Pat. oder gewaltbereiten Personen konfrontiert werden.
Allgemeine Einsatzvorbereitung
  • Mit erfahrenen RD-Mitarbeitern reden bzw. den Lokalteil Einsatzvorbereitungder Tageszeitung lesen: Wo Einsatzvorbereitungsind Gewalt- und Unfallschwerpunkte des Einsatzgebiets (Bahnhofsbereich, Randgruppenviertel, Asylantenheime, „Problemkneipen“, Drogenhandelsplätze).

  • Erfahrungsaustausch mit Kollegen über erlebte Gefahrensituationen und ihre Bewältigung.

  • Vorbeugende Beratung durch die örtliche Kriminalberatungsstelle der Polizei über das Verhalten in Gewaltsituationen.

  • Möglichkeiten zum Absetzen eines Notrufs bei Eigenbedrohung: Funk (1.3.3), öffentliche Notrufmelder, Telefone an der Einsatzstelle, Sondersignal, Hupsignale, lautes Rufen nach RTW-Besatzung.

  • Ggf. mit der ILS/RLSt ein harmlos oder medizinisch klingendes Codewort vereinbaren, damit auch im Beisein des Pat. mitgeteilt werden kann, dass eine akute Bedrohung durch den Pat. oder andere Personen vorliegt (Stichwort „Polizei“ → mögliche Aggressionen).

  • Ggf. mit der ILS/RLSt abklären, wie verfahren wird, wenn sich ein RD-Team 30 Min. nach Eintreffen an der Einsatzstelle nicht mehr gemeldet hat? Fährt jemand zum Nachsehen?

Einsatznachbereitung zur Einsatzvorbereitung („nach dem Spiel ist vor dem Spiel“): problematisch verlaufende Einsätze analysieren und Verbesserungspotenziale entwickeln, insbesondere wenn mehrere Stellen beteiligt waren („Mannschaftsspiel“).

Aktuelle Einsatzvorbereitung
Gedanklich auf Gewaltsituationen einstellen, ggf. bereits im Vorfeld des Einsatzes. Kontaktaufnahme mit Polizei hinsichtlich des zu erwartenden Einsatzverlaufs (RD und FW als benachbarte Kräfte) suchen, insbesondere bei:
  • Fußballspiel mit gewaltbereiten „Fans“ (Hooligans),

  • Volksfesten,

  • Demonstrationen (z. B. Bereitstellung von RD/NAW an von Polizei erwarteten Brennpunkten),

  • Einsatzstichwort, z. B. „Geiselnahme“, „Überfall“, „Drogennotfall“, „Kindesmisshandlung“, „Räumung besetzter Objekte“, „angetrunkene Person“, „Schussverletzung“,

  • Stadt-/polizeibekannter Alarmadresse.

Grundsätzliches Sicherheitsverhalten
  • Fahrzeug nach SicherheitsverhaltenMöglichkeit so abstellen, dass eine rasche Abfahrt ohne aufwendige Auspark- und Wendemanöver gewährleistet ist.

  • Schutzkleidung anlegen (Helm, Handschuhe).

  • Fahrzeug beim Verlassen immer abschließen (eigener Schlüssel für jedes Besatzungsmitglied, Zentralverriegelung).

  • Prüfen, ob Name und Adresse vor Ort mit der Meldung übereinstimmen. Wenn nicht, vor Betreten des Gebäudes Leitstelle informieren. Korrekturmeldungen z. B. über Stockwerksnummern durchgeben.

  • Bei Dunkelheit Taschenlampe/Handscheinwerfer seitlich vom Körper weghalten; beim Betreten zwielichtiger Plätze uneinsehbare Stellen ausleuchten (z. B. kurzer Blick hinter Müllcontainer).

  • Bedrohlich wirkende Personen höflich aber bestimmt ansprechen und wie zufällig mit Handscheinwerfer blenden.

  • Gerät man in einen Hinterhalt, ggf. trotz alleiniger Anwesenheit bluffen, z. B. durch Zuruf an nicht anwesende RA Richtung Straße: „Thomas, Karl, hier gibt es Ärger, schickt die beiden Polizisten her.“

Unklare Notfallsituationen
  • Ggf. Polizei nachalarmieren, evtl. auf Eintreffen warten.

  • Mit den RD-Mitarbeitern unverfängliches Stichwort für einen sofortigen Abzug ausmachen.

  • Umgebung einprägen, mögliche Fluchtwege?

  • Bei (angeblich) bekanntem Aufenthaltsort des Pat. nach Möglichkeit immer dorthin führen oder begleiten lassen.

  • Nicht hastig oder zögerlich, sondern mit ruhigen Schritten bewegen (keine Angst oder Unsicherheit anmerken lassen). In Distanz zu anderen RD-Mitarbeitern gehen (kein einheitliches Ziel für möglichen Angreifer bieten). Im Stand Beine nicht parallel, sondern versetzt stellen und vorderes Bein belasten (schnellere Rückzugsmöglichkeit bei Überraschungsangriff).

  • Immer 2 bis 3 Schritte Mindestabstand von Umstehenden bzw. Rücken zur Wand halten (Schutz vor unvermittelten Angriffen).

  • Niemals unmittelbar vor eine verschlossene Wohnungstür, sondern immer neben den Türpfosten stellen, der zum Treppenhaus führt (Möglichkeit zum sofortigen unversperrten Rückzug Richtung Treppenhaus, Aufenthalt außerhalb des Schussbereichs).

  • Bei Gefahr durch Schusswaffengebrauch Helm tragen und nur im Deckungsbereich durchschusssicherer Objekte bewegen. Dabei auch die Gefahr von Querschlägergeschossen einkalkulieren. Grundregel: Direkter SchusswaffengebrauchSichtkontakt zum Aufenthaltsort des Täters bedeutet auch Aufenthalt im (i. d. R. geradlinigen) Schussbereich.

  • Wird die Tür geöffnet, Abstand von 2–3 Schritten halten und den Notfallkoffer mit angewinkeltem Arm auf Brusthöhe tragen (Schutzschild gegen Messerstiche oder Schläge).

Verhalten bei Bedrohung durch Hunde

Jede Gefahrensituation im Zusammenhang mit Hunden ist anders, deshalb gibt es keine allgemeingültige Lösung für alle Vorkommnisse und Hunderassen.

  • Auf Türbeschriftung (z. B. „Vorsicht Hund“) achtenHundeBedrohung durch; Hunde an die Leine nehmen oder in Zimmer sperren lassen.

  • Bei überraschender Konfrontation Hund ansehen, aber nicht in die Augen blicken, nicht weglaufen (→ Jagdtrieb). Entweder energisch auftreten, scharfes „Zurück“-Kommando und auf den Hund zugehen oder stehenbleiben und sich langsam so drehen, dass man dem Hund den Rücken zudreht. Gleichzeitig Hände an den gerade herunterhängenden Armen öffnen, damit er sieht, dass man nichts in den Händen hat. Anschließend auf Hilfe warten.

  • Bei Angriff: Körper mit Notarztkoffer schützen, andernfalls einrollen, Kopf zur Brust ziehen, um Kehle nicht zu zeigen, wenig Körperteile exponieren. „Tot spielen“. Notfalls kräftiger Schlag auf die Hundenase, Finger in die Augen des Hundes drücken oder Unterkiefer mit einer Hand festhalten und mit der anderen Hand Halsband greifen (Handschuhe!). Evtl. Maul zubinden. Wenn man zu zweit ist, kann der andere dem Hund die Hinterläufe wegziehen oder ihn kräftig seitlich gegen das Hinterteil treten, sodass er das Gleichgewicht verliert. Cave: Bei manchen Rassen (z. B. Pit Bull) löst man allerdings einen Festbeißreflex aus, wenn man versucht, sie wegzuziehen oder noch auf sie einschlägt.

  • Möglichkeiten, wenn beim Eintreffen bekannt ist, dass sich ein scharfer Hund an der Einsatzstelle befindet:

    • Eine Person, auf deren Kommando der Hund gehorcht, bändigt das Tier.

    • Von der Polizei oder einer Tierschutzorganisation wird zeitnah ein Hundeführer angefordert, der das Tier in Gewahrsam nimmt.

    • Bei Gefahr-im-Verzug erschießt die Polizei nach sorgfältiger Abwägung das Tier.

Verhalten gegenüber aggressiven Pat.
10.4.2
  • „Unkooperativer“ Pat. (1.4.1).

  • Bei „Zwangseinweisung“ (10.3) Polizei hinzuziehen.

  • Ständig mit dem Pat. reden („talk down“), Vertrauensbasis schaffen, ihn davonPatientaggressiver überzeugen, dass nur das „Beste“ für ihn getan wird.

  • Bei Angst vor polizeilicher „Verfolgung“ Hinweis auf die ärztliche Schweigepflicht.

  • Niemals körperliche Gewalt gegen Pat. anwenden („Gewaltmonopol“ der Polizei); ggf. Verzicht auf diagnostische und therapeutische Maßnahmen bzw. Abbruch des Transports.

  • Bei Gewaltanwendung durch Pat.:

    • Prinzipiell jegliche physische Konfrontation vermeiden

    • Im RTW Pat. zum Aussteigen auffordern, notfalls eigener Rückzug

    • Vorsicht vor „Bewaffnung“ des Pat. mit medizinischem Material und Gerät

Verhalten bei gewalttätigen Ausschreitungen oder kriminellen Handlungen
  • Bereits bei der Anfahrt über Funk Art der Notlage bzw. des dazugehörigen Umfelds so weit möglich Ausschreitungen, gewalttätigeerkunden.

  • Nicht mit NAW in „Krisengebiet“ einfahrenHandlungen, kriminelle, sondern Bereitstellungsraum aufsuchen. Fluchtmöglichkeiten? An vorsätzlichen Hinterhalt und Versperrung des Rückzugwegs denken.

  • An der Einsatzstelle vorrangig Kontakt zum Einsatzleiter der Polizei suchen, um:

    • Eine kompetente Lageeinschätzung zu erhalten.

    • Der Polizei im Fall eines kriminellen Hintergrunds Hinweise darauf zu geben, ob und ggf. wer (Täter, Opfer bzw. Zeuge?) wann wohin gebracht wurde, zur Beurteilung des Geschehens und zur weiteren Abklärung von Ermittlungs-/Fahndungs- bzw. möglichen Schutzmaßnahmen für (weitere) potenzielle Opfer („Schweigepflicht“ 1.4.2).

    • Nicht unnötig Spuren am Tatort vernichten („Trampelpfad“ anlegen). Veränderungen an Kleidung oder Wohnungseinrichtung des Pat. der Polizei melden.

    • Zwecks Eigenschutz Zugang zum Pat. nur unter Abschirmung der Polizei („Schutzschild“).

  • Ist die Polizei nicht vor Ort, genaue Lagebeschreibung an die ILS/RLSt absetzen, um der Polizei die Möglichkeit zur Entsendung ausreichender Kräfte zu geben.

  • Keine eigene Gewaltbereitschaft zeigen. Bestimmtes und souveränes, aber kein provozierendes Auftreten und Handeln. Deeskalation als Mittel der Wahl. Weisungen der Polizei folgen.

  • Bei Angriffen sofortiger Rückzug bzw. Deckung suchen.

  • Muss ein Einsatzfahrzeug inmitten einer aufgebrachten Menschenmenge fluchtartig verlassen werden, ggf. Funkgerät unbrauchbar machen (z. B. Durchschneiden der Stromzuführung und des Mikrofonkabels, Kanal verstellen) → Missbrauch des Funkgeräts (Abhören und Stören des Funkverkehrs) durch Dritte Funkgeräterschwert.

  • In Situationen mit feindseliger oder aggressiver Stimmung versuchen, aus der aufgebrachten Menschenmenge den „Rädelsführer“ ausfindig zu machen und mit diesem ins Gespräch zu kommen („talking down“ 10.4.2; Erläuterung und Begründung der eigenen Maßnahmen).

  • Ggf. den Pat. vor Verladung in den RTW von der Polizei nach Waffen durchsuchen und fesseln lassen.

Schutzmaßnahmen

  • Evtl. getragenes Namensschild entfernen (Klettband) oder mittels Heftpflaster abkleben → Vermeiden späterer persönlicher Repressalien.

  • Persönliche Schutzausrüstung (1.8.3), ABC-Schutzmaske/Atemschutzmaske (gegen Reizgas, CS, filterabhängig ggf. nur kurzzeitige Schutzwirkung im Freien) verwenden.

  • Türen des NEF bzw. RTW während der Fahrt durch Menschenmengen und am Einsatzort verschlossen halten.

  • Feuerlöscher und Löschdecke (Wolldecke) einsatzbereit halten.

Verhalten bei Terroranschlägen

Rolf P. Maschke
Aufgrund der weltpolitischen Entwicklungen im Terrorismus besteht zeit- und lageabhängig ggf. eine abstrakte Gefahrenlage im Einsatzbezirk des Notarztes, die es für TerroranschlägeEinsatzkräfte erforderlich macht, sich mit der Thematik „Terroranschläge“ im Vorfeld zu beschäftigen. Erst bei direkter Androhung oder tatsächlichem Stattfinden eines Terroranschlags besteht eine konkrete Gefahrenlage.

Über die jeweils aktuelle Lage in seinem Einsatzbezirk kann sich der NA bei der zuständigen Polizeidienststelle informieren.

Gefahren
  • Nukleare Mittel: Gefahren durch Druckwelle, radioaktive Strahlung, Wärmestrahlung, nukleare elektromagnetische Impulse usw.

  • Radioaktive Mittel: Gefahr durch Kontamination, Inkorporation

  • Biowaffen: akute Infektionen, auch mit protrahiertem Verlauf

  • Chemische Waffen: akute Intoxikationen mit protrahiertem Verlauf

  • Sprengmitteln: Gefahr durch Druckwirkung und Sekundärschädigung durch Zerknall des Sprengmittelträgers

Die Mittel werden jeweils in flüssiger (z. B. größere Flüssigkeitsmengen, Tropfen), gasförmiger (z. B. Dämpfe, Gase) oder fester Form (z. B. Stäube, Pulver) bzw. durch Strahlung freigesetzt. Cave: Eigenschutz beachten!

  • ABC-Lagen mit atomaren/biologischen/chemischen Kampfmitteln.

  • CBRN-Lagen mit chemischen, biologischen, radiologischen, nuklearen Gefahrenquellen, wobei „CBRN“ auch in der englischen Fachliteratur analog Verwendung findet.

Anschläge drohen auch durch Sabotage, d. h. vorsätzlich herbeigeführte Havarien durch Manipulation oder Zerstörung von Sicherheits- und Betriebseinrichtungen mit der Folge von Störfällen, welche Menschen, Tiere, Umwelt und Sachwerte gefährden.
Ziele solcher Anschläge können z. B. sein:
  • Von Terroristen gezielt ausgewählte Einzelpersonen

  • Organisationen/Interessengruppen/Wirtschaftsunternehmen/Behörden

  • Massenveranstaltungen wie Open-Air-Konzerte, internationale Großveranstaltungen wie Weltmeisterschaften, Massenverkehrsmittel wie U-Bahnen zur Erreichung einer größtmöglichen Anzahl von Toten/Verletzten

Im Fall eines Terroranschlags stehen im Vordergrund:

  • Weiträumige Absperrung.

  • Erkundung, ob weitere Sprengmittel vorhanden sind.

  • Rettung von Verletzten.

  • Sicherung von Spuren und Beweismitteln.

  • Bergung von Toten.

Der NA muss an der Einsatzstelle Kontakt zur Polizeieinsatzleitung aufnehmen zwecks Lagebesprechung und Lageeinschätzung. So ist es z. B. bei bestimmten terroristischen Organisationen üblich, wenige Min. nach der Explosion einer Autobombe eine 2. Bombe zu zünden, die die angerückten Einsatzkräfte treffen soll.

Attentäter können u. U. zur Verübung des Anschlags ihren eigenen Tod mit in Kauf nehmen!

Disposition der RettungsmittelSie richtet sich nach:
  • Art des Anschlags,

  • Anzahl der zu vermutenden Opfer,

  • Notwendigkeit des Eigenschutzes für eingesetzte Rettungskräfte,

  • Dauer des Einsatzes,

  • Vorhandensein eines sicheren Bereitstellungsraums, an dem Rettungskräfte voraussichtlich nicht selbst Opfer des Anschlags oder von Folgeanschlägen werden können (Beachtung der Windrichtung mit der Ausbreitung von Schadstoffen, Aufstellung außerhalb des Trümmerschattens potenziell einsturzgefährdeter Gebäude, Schaffung einer vom Sprengkommando der Polizei durchsuchten und für Rettungskräfte freigegebenen sprengmittelfreien Zone usw.).

EinsatzkräfteJe nach Lage müssen an der Einsatzstelle verschiedene Kräfte unter Führung einer örtlichen Einsatzleitung zusammenwirken, so z. B. Polizei, Feuerwehr mit Einsatzmitteln des Strahlenschutzes bzw. mit Gefahrgutausrüstung, RD, Kampfmittelräumdienst, THW (zum Beseitigen von Trümmern), Spezialkräfte des Katastrophenschutzes oder der Bundeswehr (Spüren, Messen, Dekontaminieren), Werkschutzkräfte, (Landes-)Umweltämter, Forschungsinstitute.
Taktische VorbereitungBeobachtung weltweiter Entwicklungstendenzen, beispielsweise durch die Medien, das Internet. Lokale organisatorische Vorbereitung, insbesondere:
  • Auswerten potenzieller Gefahren, z. B. Gefahrenanalyse im Vorfeld von Großveranstaltungen.

  • Analyse, wie weltweit andere Organisationen auf aktuelle Attentate reagiert haben (z. B. ausländische Fachzeitschriften).

  • Vorkehrungen für die Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten.

  • Kontakte zu den lokalen Gesundheitsbehörden, Laboratorien mit Analysetechnik, gemeinsame Übungen mit anderen Organisationen (z. B. Katastrophenschutzübung mit entsprechendem Szenario und Dekontamination von Personen).

  • Vorhalten von Adressenlisten mit Fachkräften und im Alarmfall zu verständigenden Personen/Behörden.

  • Im internen Sprechfunkverkehr keinen Klartext sprechen, um Dritte nicht zu beunruhigen und den Datenschutz der Betroffenen zu gewährleisten. Mit der Rettungsleitstelle Codewörter vereinbaren, um die Gefahr von ABC-Waffen oder durch Sprengmittel in der Funkrückmeldung vertraulich übermitteln zu können.

Spezielles VorgehenRisiken und Sicherungsmaßnahmen der Einsatzstelle (1.8), Großschadensfall (1.9), Zusammenarbeit mit anderen Organisationen (1.11), Vergiftungen, speziell chemische Kampfstoffe (9.6.5).
Biogefahren mit terroristischem Hintergrund
Ein Anschlag auf eine Person mit biologischen Mitteln ist eine Straftat und liegt damit grundsätzlich im TerroranschlägeBiogefahrenZuständigkeitsbereich der Polizei, bezüglich potenzieller Seuchengefahren auch der Gesundheitsbehörden.
Die Vielzahl potenziell verwendbarer biologischer Waffen kann aufgrund des Erregerspektrums nicht umfassend dargestellt werden. Letztlich bestimmt der Täter, wer betroffen ist, und was, wann, wo und in welcher Form und Wirkungszeitdauer freigesetzt wird. Aktuell gab es Vorfälle, bei denen z. B. weißes Pulver auf dem Postweg verschickt wurde, wobei in Begleitschreiben die Behauptung aufgestellt wurde, das Pulver wäre mit Anthrax (Milzbranderreger) verseucht.

Checkliste grundsätzliches Vorgehen bei V. a. Biogefährdung mit terroristischem Hintergrund

(Je nach Lage können zusätzliche bzw. alternative Maßnahmen erforderlich werden!)
  • Polizei verständigen.

  • Lage erkunden.

  • Eigenschutz bedenken (Kontaminations-/Ansteckungsgefahr?).

  • Absperrgrenze festlegen.

  • Noch nicht betroffene Bereiche ggf. von Personen räumen.

  • Betroffene Personen ggf. in Quarantänebereich verbringen.

  • Sofern vor Ort überhaupt möglich, erfolgt nun eine Identifizierung des Mediums, das unter Verdacht der Biogefährdung steht.

  • Ggf. Probennahme (i. d. R. Probennahme durch Feuerwehr unter Benutzung von Einsatzgerät, das auch bei Chemieunfällen zum Einsatz kommt).

  • Verbringen der Probe zu einem geeigneten Laboratorium zwecks Analyse. Transport durch Polizei (auf der Straße oder mittels Polizeihubschrauber) oder durch geeignetes Feuerwehrfahrzeug (zwecks Eigenschutz Fahrerkabine vom Laderaum getrennt, Probe im umschlossenen Behälter; ggf. behelfsmäßiges Anfertigen von Transportpapieren und Kennzeichnung des Transportguts mit Gefahrenhinweisschild „BIOHAZARD“ gemäß „Gefahrgutverordnung Straße“ für den Fall, dass das Einsatzfahrzeug in einen Verkehrsunfall verwickelt wird).

  • Sicherstellung des Mediums gemäß Weisung der Polizei.

  • Ggf. Desinfektion/Dekontamination durch Fachpersonal. Größere Mengen an Desinfektionsmitteln können ggf. über Krankenhäuser, Feuerwehren (Berufsfeuerwehren und freiwillige Stützpunktfeuerwehren mit Atemschutzpflegezentren), Katastrophenschutzeinheiten in kurzer Zeit beschafft werden.

  • Patientenbehandlung gemäß Gefährdungsbild; Einweisung ggf. in Fachkliniken (Infektionsstation, Tropenmedizinisches Institut).

  • Feststellen der Adressen aller mutmaßlich Betroffenen, um mit dem späteren Analyseergebnis Behandlungen einleiten zu können.

  • Festlegen, an welche zuständige Stelle das Ergebnis der Laboranalyse gemeldet werden soll und was diese zuständige Stelle nach Auswerten der Information weiter veranlassen soll.

  • In Rücksprache mit Polizei ggf. Verständigungen (je nach Lage) veranlassen, z. B.:

    • Gesundheitsbehörden (Seuchenalarmplanung!).

    • Besondere Führungskräfte.

    • Ordnungsamt/Landratsamt (ggf. Einrichtung eines Bürgertelefons, Koordination der Pressearbeit).

    • Lagezentrum des zuständigen Innenministeriums.

  • Betreuungsdienste/Notfallseelsorger.

Großschadensfall

Martin Schipplick

Besonderheiten

Die Übergänge zwischen den GroßschadensfallKategorien „Notfall“, „MANV“ (Massenanfall von Verletzten und Erkrankten), „Großschadensfall“ und „Katastrophe“ sind fließend und werden wesentlich durch die örtliche Infrastruktur, das soziale und wirtschaftliche Gefüge der betroffenen Bevölkerung sowie Vorkehrungen für den Ereignisfall bestimmt (Tab. 1.9). Weitere Kriterien sind die regionalen RD-Kapazitäten, die Anzahl der Verletzten/Erkrankten als Grad des medizinischen Versorgungsaufwands sowie der Grad des organisatorischen Aufwands. Entsprechend der daher regional höchst unterschiedlichen Alarm- und Ausrückordnungen haben sich einsatztaktisch die Begriffe Rettungsdiensteinsatz, MANV Stufe I bis IV und Ü-MANV eingebürgert.
  • Einsatzfall unterhalb der Katastrophenschwelle: Die alarmierten Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) werden zunächst selbstständig nebeneinander tätig. In manchen Bundesländern (z. B. Bayern) kann auch in diesem Fall ein örtlicher Einsatzleiter mit Weisungsbefugnissen gegenüber allen Kräften eingesetzt werden, wenn dadurch das geordnete Zusammenwirken am Einsatzort wesentlich erleichtert wird.

  • MANV: Eine große Massenanfall von VerletztenAnzahl Betroffener muss versorgt werden. Der reguläre RD einer Region stößt dabei schnell an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit.

  • Großschadensfall/Ü-MANV: Die Anzahl der Verletzten/Erkrankten oder die Schwere der gesundheitlichen Schädigung übersteigt die Kapazität des regulären RD. Zur Bewältigung müssen überregionale Kräfte angefordert werden.

Am Schadensort wird i. d. R. unter der Führung des Einsatzleiters der Feuerwehr (FW-EL) eine Technische Einsatzleitung (TEL) gebildet, die sich aus fachlich kompetenten Fachgruppenleitern zusammensetzt.EinsatzleitungFeuerwehr
Der Leitende Notarzt (LNA) fungiert hier als Fachgruppenleiter Einsatzleitungtechnische„Medizinische Versorgung“. Ihm zur Seite steht der Organisatorische Leiter Rettungsdienst (OrgL), zuständig für die Leitender NotarztNotarztleitenderrettungsdienstlich taktisch-EinsatzleitungorganisatorischeOrganisatorischer Einsatzleiter Rettungsdienstorganisatorischen Aspekte der Schadenslage.
Einsatztaktische Grundsätze
  • Menschenrettung und der Schutz von Menschen haben den absoluten Vorrang.

  • Einsatzschwerpunkte bilden und Kräfte nicht überfordern, Zersplitterung von Kräften vermeiden.

  • Einsatz angemessener Mittel.

  • Rechtzeitig Kräfte und Material nachfordern, Anpassung an veränderte Situationen.

  • Überregionale Einheiten in ihrer Struktur belassen, nicht in Teileinheiten einsetzen, sondern ihnen möglichst komplette, abgegrenzte Einsatzaufgaben zuteilen.

  • Klare und eindeutige Handlungsanweisungen geben.

  • Abgewogene Eigeninitiative ermöglichen.

Ziel medizinischer und organisatorischer Überlegungen beim Massenanfall von Verletzten bzw. beim Großschadensfall ist die schnellstmögliche Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der individualmedizinisch orientierten Notfallversorgung.

Wichtige Informationen zum Thema Katastrophenfall enthält das Buch „Katastrophenmedizin. Leitfaden für die ärztliche Versorgung im Katastrophenfall“ das beim Bundesverwaltungsamt (Zentralstelle für Zivilschutz) angefordert werden kann.

Frühphase

Grundregeln zur Aufstellung von Einsatzfahrzeugen des Rettungsdienstes
  • Erstes Fahrzeug zur Absicherung der Einsatzstelle (falls nicht schon GroßschadensfallAufstellung von EinsatzfahrzeugenGroßschadensfallFrühphasegeschehen).

  • Fahrzeuge außerhalb des Gefahrenbereichs abstellen.

  • Rückzugsmöglichkeit offenhalten, Fahrzeuge nach späterer Abfahrtsrichtung ausrichten.

  • Frühzeitig einen Bereitstellungsraum ausweisen, um eine Überfrachtung der Einsatzstelle mit Fahrzeugen zu vermeiden.

  • Zugang zur Einsatzstelle für Einsatzfahrzeuge der FW und des RD offenhalten.

  • Durchführung der RD-Maßnahmen nicht behindern (z. B. Einsatz von Drehleitern).

Lageerkundung und Lagemeldung

Auf den ersten Blick erkennen, dass das Team überfordert, d. h. personell und materiell nicht ausreichend in der Lage ist, um die Vielzahl der Verletzten zu versorgen → nicht durch Therapie Einzelner die Hilfe für alle verzögern!

  • Direkt nach Ankunft Rückmeldung des ersten Eindrucks über den Großunfall an die Rettungsleitstelle, LNA sowie Organisatorischen Leiter anfordern.

  • Erste orientierende Lageerkundung GroßschadensfallLagemeldungunter besonderer Beachtung des Eigenschutzes: ungefähre Anzahl der Verletzten, Schwere der Verletzungen, technische Hilfe erforderlich?

  • Falls schon eine technische Einsatzleitung vor Ort ist, Kontakt aufnehmen und sich über die Lage informieren lassen.

  • Nach Erkundung gezielte Lagemeldung über Anzahl und Schweregrad der Verletzten, über benötigte Rettungsmittel, technische oder organisatorische Hilfen (Feuerwehr, Polizei). Ziel: frühestmöglich personelle und materielle Verstärkung an der Einsatzstelle.

EinsatzgrundätzeFolgende Maßnahmen helfen bei der Bewältigung der Zwangssituation, mit wenigen Einsatzkräften eine große Zahl von Pat. versorgen zu müssenGroßschadensfallEinsatzgrundsätze:
  • Ersteintreffender NA und ersteintreffender RA/NotSan bilden bis zum Eintreffen von LNA und OrgL die Vorläufige Einsatzführung.

  • Hilfeleistung beschränken auf die Durchführung einfacher, lebensrettender Sofortmaßnahmen.

  • Keine verfrühten Abtransporte der ersten oder am lautesten schreienden Verletzten in umliegende Krankenhäuser. Unaufschiebbare Transporte von Pat. mit höchster Versorgungs- und Transportpriorität ohne Arztbegleitung veranlassen. Ziel: Transport- und Aufnahmekapazität für Schwerstverletzte freihalten.

  • Einsatzschwerpunkte bilden, übersichtliche Verletztensammelstelle einrichten und für nachrückende Einsatzkräfte kennzeichnen. Dabei achten auf Sicherheit vor potenziell schädigenden Umwelteinflüssen, Löschmitteln, Hitze und inhalativen Noxen, Erreichbarkeit für Einsatzfahrzeuge.

  • Schon im Bereich der Verletztensammelstelle eine erste Vorsichtung durchführen, um bei dem in dieser Phase relativen Mangel an qualifizierten Helfern schnellstmöglich die Hilfsbedürftigsten zu identifizieren.

  • Nachrückende Einsatzkräfte bestimmten Einsatzschwerpunkten/Pat. zuteilen.

  • Unverletzte Personen in die Patientenversorgung einbeziehen. Mögliche Einsatzbereiche: Wegweisen zur Einsatzstelle für nachrückende Kräfte, psychische Betreuung von Pat. (v. a. Kinder und Leichtverletzte), Tragehilfe oder Infusionshalter, Botendienste, Räumarbeiten.

Typische Fehler in der Frühphase:

  • Chaotische Rückmeldungen, mangelnde Funkdisziplin

  • Gegenseitige Behinderung bei der Anfahrt, KTW vor RTW

  • Ungeordnete Aufstellung der Rettungsfahrzeuge mit gegenseitiger Behinderung

  • Blockade von Behandlungs- und Transportplätzen

  • Mangelnde Absperrung und Absicherung

  • Im weiteren Verlauf unübersichtliche Teamtrennung

  • Vorzeitiger Patientenabtransport

Konsolidierungsphase

Aufgaben des Leitenden NotarztesLeitender NotarztAufgabenGroßschadensfallKonsolidierungsphaseLeitung, Koordination und Überwachung sämtlicher medizinischer Maßnahmen an der Einsatzstelle.
LagebeurteilungWährend der Anfahrt zur Großschadensstelle hält der LNA Kontakt zur ILS/RLSt → erste Informationen über die Schadenslage sowie über Personal- und Materialsituation. Nach Ankunft an der Einsatzstelle erster Informationsaustausch mit den Rettungsdienstkräften vor Ort, mit der TEL und dem OrgL.
Beurteilung der Schadenslage
  • Anzahl und Art der Verletzten/Erkrankten

  • Schadensentwicklung (statisches Ereignis oder dynamischer Verlauf zu erwarten)

  • Hinweise auf atomare, biologische/infektiologische oder chemische Schadenslage mit oder ohne terroristischen Hintergrund 1.8.5

  • Zusatzgefährdung der Pat., Helfer oder weiterer Bevölkerungskreise

Beurteilung des Einsatzortes(Nur, solange kein OrgL vor Ort!)
  • An- und Abfahrtswege: Kapazität und Qualität

  • Verkehrslage: ggf. Verkehrsleitung oder -sperrung mit der Polizei absprechen

  • Hubschrauberlandemöglichkeit: Bebauung, Bewuchs

  • Geeignete Sammelstellen: Witterungsschutz, Beleuchtung, Zugänglichkeit

  • Potenzielle Risiken: Einsturzgefahr, Feuer, Chemikalien, Rauchgase, Löschwasserabfluss

Bei unklarem Gefährdungspotenzial bei industriellen Großschadensfällen Kontaktaufnahme mit Informationssystemen (z. B. Gefahrgutdatenbanken) oder Informationssystemen der chemischen Industrie (TUIS, 1.14).

Beurteilung der eigenen Lage
  • Zahl, Qualifikation und Belastbarkeit der eigenen Einsatzkräfte

  • Ausstattung mit Geräten, Materialien, Fahrzeugen

  • Versorgungslage: Versorgung mit Verbandsmitteln, Wasser, Strom, Licht

  • Fernmeldelage: genügend Funkgeräte vorhanden, ggf. Funk-Telefon-Aufschaltung veranlassen. Cave: Mobilfunkverkehr relativ schnell überlastet

  • Falls neben der TEL auch ein Stab eingerichtet wird, zusätzlichen LNA (oder ÄLR) entsenden

Zusammenfassende Beurteilung der Schadenslage (durch SanEl, d. h. zusammen mit OrgL)(Tab. 1.10)
  • Was ist geschehen?

  • Ist die Einrichtung von Verletztensammel- und -behandlungsplätzen erforderlich? Ggf. Einrichtung durch OrgL veranlassen.

  • Wie ist die Schadensentwicklung in Bezug auf Verlauf und Zusatzgefährdung von Pat., Helfern und Bevölkerung → ggf. Evakuierung empfehlen, Sammelstellen verlegen, Schutzausrüstung nachfordern.

  • Ist die Versorgungskapazität in qualitativer und quantitativer Hinsicht ausreichend → ggf. zusätzliche oder spezialisierte Rettungskräfte nachfordern.

  • Ist die Transportkapazität vor Ort ausreichend → ggf. Transportkräfte nachfordern.

  • Sind die Behandlungsmöglichkeiten der regionalen Krankenhäuser ausreichend → ggf. überregionale Kliniken in die Versorgung einbeziehen. Aufnahme- und Versorgungskapazität der Kliniken durch ILS/RLSt abklären lassen.

  • Vor Eintreffen des LNA getroffene Entscheidungen überprüfen und ggf. korrigieren. Cave: Die Revision einer einmal getroffenen Entscheidung kann in dieser Lage selbst zum Chaos führen!

Aufgaben des Organisatorischen Einsatzleiters Rettungsdienst (OrgL)
  • Erkundung und Beurteilung der Lage aus logistisch-organisatorischer Sicht.

  • Kontaktaufnahme mit der Organisatorischer Einsatzleiter RettungsdienstEinsatzleitung von Feuerwehr und Polizei und Abstimmen der beabsichtigten Maßnahmen.

  • Verstärkungen heranführen und einweisen, Einsatz der Rettungsmittel lenken.

  • Verletztensammelstelle, Behandlungsplatz und Hubschrauberlandeplätze festlegen, kennzeichnen und einrichten.

  • Bereitstellungsraum für RTW, KTW, NEF, GRTW usw. anlegen.

  • Kommunikation vor Ort, mit der ILS/RLSt und zu anderen Rettungseinheiten sicherstellen.

  • Erstinformation regionaler und angrenzender überregionaler Krankenhäuser.

  • Steuerung des Abtransports der Verletzten.

Kriterien für die Einrichtung des Einsatzabschnitts „Verletztenversorgung“ (Verletztensammelstelle, Behandlungsplatz, Bereitstellungsraum)
  • Sichere GroßschadensfallBehandlungsplatzBehandlungsplatzEntfernung vom Gefahrenbereich und möglichst geringe Entfernung vom Schadensraum.

  • Schutz vor schädigenden Witterungseinflüssen.

  • Zu- und Abfahrtswege zum Schadensgebiet und den Bereichen der Verletztenversorgung offenhalten.

  • Eindeutige Kennzeichnung des Einsatzabschnitts Verletztenversorgung und seiner Funktionsbereiche.

  • Sichere Kommunikationsverbindungen den Funktionsbereichen, RD-Personal im Schadensgebiet, Einsatzleitung und ILS/RLSt.

Nicht jede größere Schadenslage macht den Aufbau eines vom Schadensraum abgesetzten Behandlungsraums nötig, v. a. dann, wenn es sich um ein statisches Schadensereignis handelt, keine weitere Gefährdung zu erwarten ist, der Schadensraum übersichtlich und zugänglich ist und keine technische Hilfeleistung oder Brandbekämpfung nötig ist.

Aufgaben der Sanitäts-Einsatzleitung (SanEl) 1.3.1; Aufgaben der Unterstützungsgruppe Sanitäts-Einsatzleitung (UG-SanEl) 1.3.1.

Patientenversorgung

Sichtung
ProblemMissverhältnis zwischen medizinischem Bedarf und momentanen Behandlungs- und TriageGroßschadensfallPatientenversorgungTransportmöglichkeitenSichtung.
ZielDas Bestmögliche für möglichst viele Erkrankte/GroßschadensfallSichtungVerletzte tun, d. h. nach bestem ärztlichem Wissen unter Zeitdruck pragmatisch Vordringliches von Aufschiebbarem trennen. Dazu individuelle Schädigungsmuster in ein einfaches und schnell handhabbares Bewertungssystem einordnen (Tab. 1.11). Dabei Unter- und/oder Übertriage vermeiden.
Sichtungssystem bei GroßschadensfällenAngesichts dieser Situation ist die Delegation der 1. orientierenden Sichtung an speziell ausgebildetes Rettungsdienstpersonal nach mSTART (modifizierte Simple Triage and Rapid Treatment) sinnvoll.
  • Gehfähigkeit? Wenn ja, Stufe T3. Pat. dann möglichst zum Leichtverletzten-Sammelplatz begleiten lassen und dort erneute Sichtung durchführen.

  • Mit dem Leben nicht vereinbare Verletzungen? Wenn ja, Todesfeststellung durch einen Arzt.

  • Basiskriterien (ABCD-Schema) anwenden. Akute vitale Bedrohung erkennen durch Überprüfung von Atem-, Herz- und Kreislauffunktion: Atem- und Pulskontrolle, Zyanose, lebensbedrohliche Blutungen?

  • Sichtbare oder palpable Verletzungen: Schädel, HWS, Thorax, Abdomen, Becken, Extremitäten, WS, große Gefäßverletzungen (11.1).

  • Bewusstseinslage und ausreichende Schutzreflexe (ansprechen, berühren, gezielte Schmerzreize setzen, Bewegungs- und Gehfähigkeit 4.1.2).

  • Anamnestische Angaben und spontan geklagte Beschwerden.

  • Bei größeren Schadensereignissen Aufgaben abschnittsweise an andere NA oder ausgebildete Rettungsassistenten (mSTART) delegieren.

  • In der Frühphase eines MANV/Großschadenfalls bei beschränkter ärztlicher Kapazität die weiteren ärztlichen Maßnahmen auf das notwendigste Maß beschränken → klare Handlungsanweisungen an das Rettungsdienstpersonal bezüglich der durchzuführenden Behandlung und Überwachung.

  • Beurteilung auf jeder Versorgungsstufe wiederholen.

Therapeutische Behandlungsprinzipien bei Großschadensereignissen
Kernpunkt der notfallmedizinischen Maßnahmen ist die Überprüfung, die Wiederherstellung und die GroßschadensfallBehandlungsprinzipienAufrechterhaltung der Vitalfunktionen → Versorgungsmaßnahmen auf einer niedrigen Stufe nach individuellem Bedarf durchführen, soweit sie dem unmittelbaren Lebenserhalt und der Abwendung lebensbeeinträchtigender Gesundheitsschäden dienen.
Phase 1 (Basismaßnahmen)
  • Atemwege frei machen, ggf. Esmarch-Handgriff (3.4.1)

  • Bei Bewusstlosigkeit und ausreichender Spontanatmung stabile Seitenlagerung (2.5)

  • Bei Schock nicht kardialer Genese Volumenmangelschock-Lagerung (2.5)

  • Bei Thoraxtrauma leichte Oberkörperhochlagerung oder Lagerung auf die verletzte Seite

  • Bei bedrohlichen äußeren Blutungen Druckverband (2.6)

Bei Herz-Kreislauf-Stillstand traumatischer Genese wegen des hohen personellen Aufwands und der extrem schlechten Prognose auf die Basismaßnahmen der CPR verzichten!

Phase 2 (erweiterte Maßnahmen)
  • Spätestens an der Verletztensammelstelle, u. U. auch schon vor dem Beginn technischer Rettungsmaßnahmen, jedem behandlungsbedürftigen Pat. 1, bei Schockgefährdung 2–4 großvolumige i. v. Zugänge legen.

  • Bei schwerem Trauma, Schock- oder Hypoxiegefahr mit suffizienter Spontanatmung: O2-Gabe über Nasensonde oder Gesichtsmaske (1.7.3, 1.22). Unterstützung durch Lagerungsmaßnahmen.

  • Indikation zur Intubation (3.4.4):

    • Höchste Dringlichkeit: schwere respiratorische Insuff. z. B. bei instabilem Thorax oder Bewusstlosigkeit und schwerer Verletzung der oberen Atemwege im Gesichtsschädel- und Halsbereich.

    • Hohe nachgeordnete Dringlichkeit: Pat. mit schwerem Polytrauma, Thoraxtrauma oder Schockgeschehen, bewusstlose Pat. mit aufgehobenen Schutzreflexen oder nach ausgedehnter Rauch- und Reizgasinhalation bzw. thermischem Inhalationstrauma, schweres Schädel-Hirn-Trauma.

    • Narkoseeinleitung (3.3) zur adäquaten Analgesie bei verzögerter technischer Rettung.

Phase 3 (Stabilisierung der Vitalfunktionen und Herstellung der Transportfähigkeit)
StandardtherapieansätzeFlüssigkeitstherapie, Blutstillung (Druckverband 2.6), Beatmung (3.4.7), Analgesie undGroßschadensfallMaßnahmen, erweiterte Sedierung (3.1, 3.2) entsprechend den Grundsätzen der individualmedizinischen Versorgung.
Spezielle Therapiemaßnahmen
  • Schädelhirntrauma (11.2): zur Beurteilung, Verlaufskontrolle und Dokumentation Glasgow Coma Scale anwenden (8.2.3).

  • Thoraxtrauma (11.3): sofortige Entlastungspunktion bei Spannungspneumothorax (7.7), vor Transportbeginn Bülau-Drainage anlegen (2.10.1), bei stumpfem Thoraxtrauma nach Ausschluss vitaler Bedrohung max. Zurückhaltung mit der Beatmungsindikation.

  • Abdominaltrauma (11.4): nach kurzer Erstversorgung hohe Transportpriorität auch ohne Arztbegleitung in das nächstgelegene Krankenhaus.

  • Polytrauma (11.8): nach Stabilisierung Frühtransport im RTW oder RTH mit Arztbegleitung in ein leistungsfähiges Traumazentrum.

  • Frakturen (11.7.1): Reposition bei groben Fehlstellungen der Extremitäten mit Sensibilitäts- und Durchblutungsstörungen, Rettung und Lagerung mit Schaufeltrage, Vakuummatratze, Luftkammerschienen.

  • Verbrennungen, Verbrühungen (11.10), Inhalationstraumen (9.7.1): Kaltwassertherapie mit normal temperiertem Wasser, Infusionstherapie mit Ringeracetat (1.22), Wärmeerhalt (Alufolie). Bei Inhalationstrauma Dexamethason-Spray, Sauerstoff-Inhalation (1.7.3), Intubation (3.4.4).

  • Vergiftung (9): Selbstschutz ist oberstes Gebot. Symptomatische Maßnahmen zur Stabilisierung der Vitalfunktion. Dekontaminierung durch Säuberung der Haut, Augenspülung, kontaminierte Kleidung entfernen. Bei V. a. Inhalation toxischer Substanzen Dexamethason-Spray, Indikation inzwischen umstritten!

Phase 4 (Transport)
  • Pat. nach Prioritäten geordnet in klin. oder ambulante Behandlung weiterleiten.

  • Oberste Priorität haben dabei die Pat. der DringlichkeitsstufeGroßschadensfallTransport 1, soweit für sie in der Phase 3 Transportstabilität erreicht werden konnte oder sie vor Ort nicht weiter zu stabilisieren sind.

  • Auswahlkriterien für ein geeignetes Zielkrankenhaus (durch ILS/RLSt abklären lassen):

    • Diagnostische Möglichkeiten (z. B. Sonografie, Computertomografie).

    • Kapazität zur Akutbehandlung (aktuelle verfügbare personelle und materielle Ausstattung in Notaufnahme und OP).

    • Verfügbarkeit von Intensivbetten.

    • Entfernung vom Schadensort.

Dokumentation
  • Sichtung und Registrierung → Anhängekarten mit GroßschadensfallDokumentationAnhängekarteFarbkodierung (Ampelfarben Rot, Gelb und Grün sowie Blau, Weiß und GroßschadensfallAnhängekarten mit FarbkodierungSchwarz; Abb. 1.15aa, Abb. 1.15ab), wetter- und wasserfest, stabil, widerstandsfähig und sicher zu befestigen, dauerhaft zu beschriften, einfach auszufüllen mit Kreuzen und Strichen (vorgefertigte Rubriken und Bilder). Zusätzliche Registrierung auf einer Suchdienstkarte (Abb. 1.16).

  • Übersichtsdokumentation → LNA-Übersichtsprotokoll: Sichtungsergebnisse, Verletztensammelstelle, freie Krankenhausplätze, Bereitstellungsraum.

  • Individualdokumentation → Einsatzprotokoll (1.19), z. B. NA-Protokoll für Gruppe 1 und 2, RD-Protokoll für Gruppe 3 in einer Anhänge-Dokumentationstasche.

Materialbevorratung für Großschadensfälle

Verbindliche GroßschadensfallMaterialbevorratunglandes- oder bundeseinheitliche gesetzliche Regelungen zur Bevorratung für Schadensereignisse unterhalb der Katastrophenschwelle existieren nicht.

Siehe aber unterschiedlich weite Regelungen in den Rettungsdienstgesetzen der Länder sowie Konzeption des Deutschen Städtetages für die Reform des Zivil- und Katastrophenschutzes in der BRD.

Allgemeine Anforderungen an die Materialbevorratung
  • Präklinische Versorgung von bis zu 50 Pat. (40 % leicht, 30 % mittelschwer und 30 % schwer verletzt) bei einer zeitlich verlängerten präklinischen Versorgungsphase

  • Berücksichtigung der Behandlungsschwerpunkte bei Großschadensereignissen: Verletzungen, Verbrennungen, Intoxikationen und Schutz vor extremen Witterungseinflüssen (eindeutige Beschriftung und farbliche Kennzeichnung nötig)

  • Verfügbarkeit am Schadensort innerhalb von 30 Min. nach Anforderung

  • Kompatibilität mit den im Rettungsdienstbereich (besser landesweit) üblichen Materialien

  • Angemessener und realisierbarer Kostenrahmen

Patienten-Set oder Rucksack-SystemMedizinisches Basismaterial zur Erstversorgung Rucksack-Systemvon 1–2 Pat.
  • Evtl. GroßschadensfallRucksack-SystemUnterteilung in Patienten-Seteinander ergänzende Basis-Sets, z. B. Trauma-Sets, Verbrennungs-Sets, Intoxikations-Sets

  • Lagerung als Basis-Set dezentral bei jedem RD- oder SEG-Mitarbeiter oder zentral in Kisten auf RTW, bei den Rettungswachen, der Feuerwehr oder der Rettungsleitstelle

  • Problemloses Heranführen durch RD- oder SEG-Personal auch an unübersichtliche Einsatzstellen

  • Ausrüstungsbeispiel: 2 Ringeracetat 500 ml, 4 Infusionsbestecke, 8 Venenverweilkanülen verschiedener Größen, Verschlussstopfen, 10 Alkoholtupfer, Pflaster, 2 Staubänder, diverse Verbandspäckchen, Mullkompressen, Mullbinden, Schere, Einmalhandschuh, 2 Rettungsdecken

Boxen-SystemAls Nachschubbox für das Pat.-Set-System oder Zusammenstellung des medizinischen Materials Boxen-Systemzur Primärversorgung von 15–20 Pat. u. U. unterteilt GroßschadensfallBoxen-Systemnach Versorgungsschwerpunkten Trauma, Verbrennung und Intoxikation sowie Verbandsmaterial, Schienungs- und Lagerungsmaterial, Dokumentationsmaterialien.
  • Ermöglicht die materielle medizinische Ausrüstung von Patientensichtungs- und Versorgungsplätzen.

  • Lagerung bei den Rettungswachen, der Feuerwehr oder der Rettungsleitstelle.

  • Transport durch nachrückende RTW-/SEG-Fahrzeuge oder durch spezielle „Gerätewägen-Rettungsdienst“.

Absetz-Container-SystemAls Sammelcontainer für Patienten-Sets/-Boxen oder als Lagerungs- und Transportsystem Absetz-Container-Systemfür das komplette sanitätstechnische und GroßschadensfallAbsetz-Container-Systemmedizinische Material zur Versorgung von ca. 50 Pat. möglichst in kleinen Versorgungseinheiten, in kleinen Sichtungs- und Behandlungszelten (BHP50-Konzept). Für den unabhängigen Betrieb eines BHP 50 sind 4–5 Notärzte, 15 Rettungsassistenten, 15 Rettungssanitäter und 5 Rettungshelfer erforderlich. Transportkomponenten müssen gesondert berücksichtigt werden.
  • Nur für finanzstarke Rettungsdienstbereiche oder als überregionales Materialvorhaltekonzept geeignet.

  • Lagerung bei der Feuerwehr, Transport mit Lkw.

Beispiele

Medizinische Ausrüstung

Notfallkoffer „Atmung“, Sauerstoff-Inhalations- und Beatmungseinheiten, Reserve-O2-Flaschen, Notfallkoffer „Kindernotfall“, Akku-Absaugpumpen, Notfallkoffer „Chirurgisches Besteck“, Schwerverbrannten-Sets mit diversen Aluderm-Bett- und Verbandstüchern, Rettungsdecken (Silber/Gold), Notfallkoffer „Vergiftung“, Infusionslösungen: HAES, Ringer, Glukose 5 %, NaCl 0,9 %, EKG-Defibrillations-Einheiten inkl. externer Schrittmacher-Einheit; zusätzliche Ampullarien mit Diazepam, Esketamin, Tramadol, Dexamethason-Spray, Augenspüllösungen, Kohle-Pulvis.

Sanitätstechnische Ausstattung

Klapptragen mit Infusionshaltern, Bergetücher, Wolldecken, Rettungsdecken, Behandlungsliegen, Entsorgungsmaterialien wie Müllsäcke, Kontamed®-Boxen, Schaufeltragen, Dokumentationsmaterial, Vakuummatratzen mit Handpumpen, HWS-Immobilisationskragen, Großzelt mit Zeltheizung, Notstromgenerator, Halogenstrahler und Handscheinwerfer.
Zusätzliche Patienten-Transportmittel
  • Vom Rettungsdienst ausrangierte KTW und RTW

  • Linien- oder Reisebusse der nächstgelegenen Stadtwerke

  • In einigen GroßschadensfallPatiententransportmittelRD-Bezirken: 4-Tragen-KTW, Großraumkrankenwagen, Rettungsbusse, Großraum-RTW und/oder Rettungszug der Bundesbahn

Medikamentöse Ausstattung
  • Trauma: Volumenersatzmittel, Analgetika, Sedativa, Narkotika, Hautdesinfektionsmittel

  • Verbrennungen, Inhalationstrauma: wie bei Trauma, ggf. zusätzlich Hydroxocobalamin, Oberflächenanästhetika.

  • Intoxikationen: medizinische Kohle. Beim Vorhalten größerer Mengen spezieller Antidota müssen regionale Risikokonstellationen und Gefahrenschwerpunkte berücksichtigt werden → Absprache mit Verantwortlichen der Industrie und den jeweiligen (Werks-)Feuerwehren.

  • Für alle Bereiche gilt neben den oben genannten Anforderungen:

    • Bevorraten von Arzneimitteln auf wenige Arzneigruppen beschränken (kleines Sortiment in großer Menge)

    • Zeit- und sachgerechtes Umwälzen auf den regulären RD frühzeitig vor Ablauf der Verfallsdaten

    • Möglichst enge Kooperation mit Krankenhausapotheke anstreben, um deren Logistik zur Bevorratung von Arzneimitteln nutzen zu können

  • Zusätzliche Einsatzbereitschaft von Material und Logistik des Katastrophenschutzes und der Bundeswehr für die Bewältigung eines Großschadensereignisses im Vorfeld abklären.

Schnell-Einsatz-Gruppen

Eine Schnell-Einsatz-GruppenGroßschadensfallSchnell-Einsatz-Gruppenbundesweit einheitliche, gesetzliche Regelung über die Funktion, den Aufbau und die Ausstattung der SEG existiert nicht. Die max. Zeitspanne von der Alarmierung bis zum Eintreffen am Schadensort sollte aber 30 Min. nicht überschreiten.

Ausstattung
Personal: meist Gruppenstärken von 7–15 Personen und 2–3 SEG pro Rettungsdienstbereich; Zusammensetzung: 1 Leiter SEG, (1 NA), 1–2 RA, 2–Schnell-Einsatz-GruppenAusstattung4 RS, 4–7 Rettungs-, Sanitätshelfer oder andere geeignete Betreuungskräfte.
Material: Transportfahrzeug mit Sondersignalanlage, Funkmeldeempfänger und Schutzausrüstung für jedes Mitglied, 1 Funkgerät BOS 4-m- und 2-m-Band, Infusions-, Verbandsmaterial, Notfallkoffer, O2-Flaschen, Schienungs- und Immobilisationsmaterial, Decken und Tragen zur Versorgung von 20 Pat. (kompatibel mit den im regulären Rettungsdienst verwendeten Materialien), Dokumentationsmaterial.
Aufgabenbereiche
  • Behandlung: Unterstützung Schnell-Einsatz-GruppenAufgabenbereichedes regulären RD-Personals bei notwendigen medizinischen und sanitätsdienstlichen Maßnahmen.

  • Transport: Heranführen von zusätzlich benötigtem Material und Personal zum Schadensort, Verletzten-/Patiententransport zum Verbandsplatz und/oder zum Bereitstellungsraum für RTW und RTH. Transportbegleitung in Krankenhäuser.

  • Betreuung: Einrichten von Verletztensammelstellen und Notunterkünften, Betreuung unverletzter und leicht verletzter Personen sowie der Angehörigen von Opfern. Mithilfe bei Evakuierungs- und Suchmaßnahmen.

  • Führungsunterstützung von LNA und OrgL

EinsatzkriterienAnforderung durch den LNA und/oder OrgL.
  • Patientenzahl oder Transportkapazität übersteigt die Möglichkeiten Schnell-Einsatz-GruppenEinsatzkriteriendes regulären Rettungsdienstes.

  • Ausreichende reguläre Rettungsmittel können nicht in weniger als 30 Min. am Schadensort zur Verfügung stehen.

  • Besetzung der Rettungswachen mit SEG-Personal zur Aufrechterhaltung des regulären Rettungsdienstes neben der Bewältigung eines Großschadenfalls.

Score-Systeme in der Notfallmedizin

Ulrich v. Hintzenstern
Instrumente zur Patientenklassifizierung (z. B. nach Score-SystemeVerletzungsschwere, Gefährdung der Vitalfunktionen oder Rettungsaufwand) → objektive und rasche Patientenbeurteilung:
  • Identifikation bes. gefährdeter Pat., Triage-Instrument bei Großschadensfällen (1.9.4)

  • Unterstützung bei der Entscheidungsfindung

  • Effektivitätskontrolle der notärztlichen Maßnahmen (Qualitätskontrolle 1.2.5)

  • Voraussetzung bei wissenschaftlichen Untersuchungen zum Vergleich von Patientenkollektiven

  • Scores sind statistische Größen, aber nie zur individuellen Prognosestellung geeignet.

  • Bisher ist keine Überlegenheit Score-gestützter Entscheidungen gegenüber auf Erfahrung und Intuition basierenden Maßnahmen nachgewiesen.

Glasgow Coma Scale (GCS)
Einteilung Glasgow Coma Scaleeiner Bewusstseinsstörung (8.2.3).
  • Punktsumme < 8 → Indikation zur Intubation

  • Bewertung problematisch bei intubierten und/oder relaxierten Pat. (entwickelt wurde die GCS zur Klassifizierung von SHT-Pat.)

APGAR-Schema
Einteilung der Vitalität Neugeborener (14.3.5).
NACA-Score (National Advisory Committee for Aeronautics)
Einteilung NACA-Scoredes Schweregrads einer Verletzung/Erkrankung
  • I.

    Geringfügige Verletzungen und Erkrankungen, die keiner akuten ärztlichen Therapie bedürfen

  • II.

    Weitere Abklärung bzw. Therapie, aber kein stationärer Krankenhausaufenthalt erforderlich

  • III.

    Stationäre Abklärung bzw. Therapie erforderlich, jedoch akut keine Vitalgefährdung zu erwarten

  • IV.

    Keine unmittelbare Lebensgefahr, aber kurzfristige Entwicklung einer Vitalgefährdung nicht auszuschließen

  • V.

    Akute Vitalgefährdung. Transport in Reanimationsbereitschaft

  • VI.

    Z. n. Wiederherstellung der Vitalfunktionen oder erfolgreicher Reanimation

  • VII.

    Verletzungen und Erkrankungen mit Todesfolge am Einsatzort oder auf dem Transport

Injury Severity Score (ISS)
Traumaklassifikation nach anatomisch-morphologischen Variablen. Anwendung im Prinzip Injury Severity Scoreerst nach klin. Diagnostik korrekt.
Untersuchung5 Körperregionen: Kopf oder Hals, Gesicht, Thorax, Abdomen oder Beckeninhalt, Extremitäten oder Beckengürtel.
Beurteilung(Punktwert von 0–6) der Verletzungen in den einzelnen Körperregionen nach Schweregraden: 0: keine, 1: leichte, 2: mäßige, 3: ernste, 4: schwere, 5: lebensbedrohliche, 6: tödliche Verletzung(en).
DurchführungAuswahl der 3 am schwersten verletzten Körperregionen → Einstufung der jeweiligen Körperregion mit dem maximal möglichen Punktwert (z. B. 3, 4, 5) → Quadrierung der jeweiligen Punktzahl (9, 16, 25) → Summierung dieser 3 Quadrate (9 + 16 + 25 = 50).
Revised Trauma Score (RTS)
TraumaklassifikationTraumaklassifikationRevised Trauma Score nach physiologischen Variablen (Tab. 1.12).
  • Umständliche Berechnung am Notfallort (Taschenrechner erforderlich)

  • In den USA häufig von nicht ärztlichem Rettungspersonal („paramedics“) als Kriterium zur Triage oder zur Zuweisung in ein spezielles Traumazentrum verwendet

Mainzer Emergency Evaluation Score (MEES)
Beurteilung der primären Effektivität der präklinischen Versorgung anhand von 7 Parametern der Vitalfunktionen und deren Abweichung Mainzer Emergency Evaluation Scorevom Normalzustand (Tab. 1.13).
KlassifikationAbweichungen vom physiologischen Zustand werden anhand von Punkten angegeben:
4: physiologischer,
3: gering abweichender,
2: erheblich abweichender,
1*: lebensbedrohlicher Zustand.
Durchführung
  • Punktzuweisung (Tab. 1.13) für jede Variable (PGCS, PRR, PAF) → Multiplikation jedes Punktwerts mit dem dazugehörigen Koeffizienten (PGCS × KGCS, PRR × KRR, PAF × KAF) → Summierung der 3 Produkte [(PGCS × KGCS) + (PRR × KRR) + (PAF × KAF)].

    • Bei bewusstlosen Pat. (GCS ≤ 7): Parameter „Schmerz“ = 4 (schmerzfrei).

    • Bei ausgekühlten und agitierten Pat. Artefakte bei der Pulsoxymetrie möglich.

    • Bei differenten Punktwerten für systolischen und diastolischen Blutdruck geht der jeweils niedrigere Wert in die Addition ein.

    • Quantifizierung des Parameters „Schmerz“ ist von den individuellen Angaben des Pat. und von der subjektiven Bewertung durch den NA abhängig.

  • Bestimmung der Punktsumme beim Eintreffen an der Notfallstelle (MEES1) und bei der Übergabe in der Notaufnahme (MEES2) → Subtraktion der Punktsumme der Erstuntersuchung von der Übergabe (MEES2 – MEES1 = Δ MEES):

    • Δ MEES ≥ 2: Zustand gebessert.

    • Δ MEES ± 1: Zustand unverändert.

    • Δ MEES ≤ 2: Zustand verschlechtert.

Geht in die Punktsumme ein Parameter mit dem Wert „1*“ ein, so handelt es sich um einen lebensbedrohlichen Zustand, unabhängig von der Gesamtsumme des MEES.

Veränderungen des MEES sind in der Diskussion (z. B. Verzicht auf diastolische Blutdruckwerte sowie auf den Parameter „Atemfrequenz“).

Zusammenarbeit mit anderen Organisationen

Günter Frey, Alexander Haberzeth, Ulrich v. Hintzenstern, Rolf P. Maschke, Stefan Schulz-Drost und Hanjo v. Wietersheim

Grundsätze und Probleme

Ulrich v. Hintzenstern, Rolf P. Maschke und Alexander Haberzeth
Bei vielen Einsätzen ist die Rettung des Pat. nicht allein durch NA und RD-Personal möglich. Ein optimaler Einsatzablauf, d. h. eine effektive medizinische und technische Rettung sowie psychologische Betreuung erfordert eine enge Zusammenarbeit ggf. mit Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk (THW), Bundeswehr, Katastrophenschutzbehörden und Notfallseelsorger. Diese Organisationen sind Partner, nicht Konkurrenten bei der Rettung. Das Einsatzziel kann nur gemeinsam erreicht werden durch permanente Kommunikation, Koordination und Kooperation.
KommunikationDirekt nach dem Eintreffen an der Notfallstelle sollte der NA kurz Kontakt aufnehmen mit dem jeweiligen Einsatzleiter z. B. von Polizei und Feuerwehr. Dabei muss angesprochen Kommunikationwerden:
  • Wie viele Personen sind verletzt, erkrankt, oder bedroht?

  • Wo befinden sich diese Personen?

  • Welche Gefahren drohen an der Einsatzstelle (1.8.1)?

  • Müssen zusätzliche Kräfte nachalarmiert werden?

Die gemeinsame Lagebeurteilung und gegenseitige Informationsweitergabe muss während des gesamten Einsatzes gewährleistet sein.
KoordinationEin gemeinsamer Erfolg kann nur durch eine gemeinsame Strategie erreicht werden, d. h. bei Koordinierung der Einzeltaktiken. Unkoordinierte Maßnahmen können dem Pat. und den Helfern Koordinationevtl. sogar schaden. Deshalb ist das jeweilige, grundsätzlich eigenverantwortliche Vorgehen mit den vor Ort anwesenden Leitungskräften der anderen Fachdienste (RD, FW, Polizei) ggf. vorher kurz abzustimmen. In einer unübersichtlichen Lage muss jede Einzelaktion aufeinander abgestimmt werden: Wer macht was, wann, warum, wie lange, mit wessen Unterstützung?
KooperationEine effektive Zusammenarbeit ist nur möglich, wenn jede am Notfallort eingesetzte Organisation ihre Aufgabe nicht als Selbstzweck, sondern als Teil einer Gesamtaufgabe begreift, die nurKooperation gemeinsam mit vereinten Kräften bewältigt werden kann. Dabei muss die alleinige Fachkompetenz jeder Organisation für ihren Aufgabenbereich akzeptiert werden, das Vorgehen im Einzelnen jedoch genau abgesprochen werden.
Für besondere Lagen empfiehlt sich im Vorfeld eines entsprechenden Ereignisses die Erstellung einer gemeinsamen Einsatzkonzeption („Alarmplan“) als Handlungs- und Orientierungsrahmen, z. B. für den Bereich von Flughäfen, potenziell umweltgefährdenden Industriestandorten (Firmen) oder wiederkehrenden Großveranstaltungen.

Bei Einsätzen an entsprechenden Objekten beim ÖL nachfragen lassen, ob ein Alarmplan vorliegt.

Nahtstellenprobleme im Zusammenwirken der beteiligten OrganisationenProbleme und Lösungsansätze:
Unklarheit über die Aufgaben und Kompetenzen des jeweils anderen Bereichs → Informationsbesuch bei den anderen Organisationen, Nahtstellenproblemegemeinsame Übungen, Planbesprechungen, Seminare, Einsatznachbereitung zur Erhöhung der Effizienz.
Mangelnde Erkennbarkeit der Verantwortlichen vor Ort → Anschaffen von Sonderkleidung, z. B. reflektierende Rückenschilder („Einsatzleiter“, „Notarzt“), Kennzeichnung der Einsatzleitfahrzeuge, z. B. Dachaufsätze an Führungsfahrzeugen („Einsatzleitung“, „Pressestelle“). In Bayern z. B. landeseinheitliche Warnwesten für LNA und OrgL mit farblicher Gestaltung und entsprechender Aufschrift.
Keine gemeinsame Einsatzleitung (außer im Katastrophenfall) → Einsatz von Verbindungskräften zum jeweiligen Führungsstab fördert Verständnis für Maßnahmen der jeweils anderen Organisation/Einrichtung, erleichtert die Abstimmung/Koordination von Maßnahmen. Wagenburgprinzip für kurze Wege; Standleitungen schalten (Telefon, Telefax). In manchen Bundesländern (z. B. Bayern) kann aufgrund der Neukonzeption der Führung bei Katastrophen auch zur Bewältigung von Schadensereignissen unterhalb der Katastrophenschwelle ein örtlicher Einsatzleiter bestellt und eingesetzt werden, der allen eingesetzten Kräften, d. h. auch der SanEl, Weisungen erteilen darf.
Unterschiedlicher Informationsstand kann sich nachteilig auswirken, z. B. auf Pressearbeit → gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, d. h. „eine Sprache sprechen“ fördert glaubwürdige Information.

Polizei

Alexander Haberzeth
AufgabenbereicheDie Polizei hat die Aufgabe, die allgemein oder im Einzelfall bestehenden Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung abzuwehren.
  • Unterstützung Polizeianderer Organisationen (z. B. Feuerwehr, Rettungsdienst, THW) PolizeiAufgabenbereichezur Ermöglichung bzw. Gewährleistung deren Einsätze z. B. durch Freimachen/-halten der Anmarsch- und Rettungswege, Fernhalten von Schaulustigen, Betreuung der Presse- und Medienvertreter

  • Schutz von Sachwerten

  • Erforschung und Verfolgung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten (Verfolgungspflicht bei Straftaten)

  • Sicherung von Beweismitteln und Spuren zur Ermittlung von Täter bzw. Verursacher

Organisationsformen
  • Bundesebene: Bundespolizei (ehemals Bundesgrenzschutz, BGS), Bundeskriminalamt (BKA)

  • Landesebene:

    • Landespolizei untergliedert in Schutzpolizei (Streifendienst,PolizeiOrganisationsformen Unfall-Aufnahme u. a.) und Kriminalpolizei

    • Bereitschaftspolizei zur Verstärkung der Landespolizei im Rahmen des täglichen Dienstes oder in herausragenden Fällen (z. B. Demonstrationen)

    • Landeskriminalamt (LKA) für bes. schwere Kriminalitätsphänomene mit strategischem Innovationszentrum und kriminaltechnischen Institut

Ausstattung
  • Funkstreifenwagen, z. B. in Bayern: Unfallaufnahmegerät, Beleuchtungsgerät, Absperrgerät und Markierungskegel, reflektierende Sicherheitswesten, Brechstange und Dreikantschlüssel PolizeiAusstattungzum Öffnen von Absperrpfosten, Notfall-Beatmungstücher, Atemschutzmasken, Rettungsseil, Einmaldecken für Verletzte, Handdesinfektionsmittel und Schutzhandschuhe, AIDS-Ausrüstung, Foto, Atemalkoholmessgerät.

  • Über die jeweilige Einsatzzentrale der Polizeidirektion bzw. Polizeipräsidium abrufbar: Flutlichtanlagen zur weiträumigen Ausleuchtung von Unfallstellen und Tatorten, Lautsprecherwagen, Tauchergruppen, Strahlenspürtrupps (Gefahrgutgruppe), Polizeihubschrauber. Schweres technisches Gerät bei der Bereitschaftspolizei.

  • Die jeweilige Einsatzzentrale verfügt häufig über eine Online-Verbindung zum Verkehrsfunk und zu den Medien, um in Sekunden entsprechende Informationen bzw. Warnungen oder Fahndungsmitteilungen bekannt zu geben.

Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und PolizeiDie Polizei erwartet als Arbeitsgrundlage von der Sanitätseinsatzleitung (NA/OrgL, z. T. im Zusammenwirken mit der Feuerwehr) folgende Informationen/Hinweise:
Ausmaß der Schadens-/Gefahrenlage, Radius des Absperrbereichs, vorzusehende Anmarsch-/Not-/Rettungswege, Notwendigkeit einer Warnung/Evakuierung der Bevölkerung. Einrichtung von Verletztenablagen, Verbandsplätzen, Unverletzten-/Vermisstensammelstellen, Krankenwagenhalt- und Hubschrauberlandeplätzen (RD und Polizei), Verletztenerfassung (= Registrierung), Organisation des Verletztentransports.

Feuerwehr

Rolf P. Maschke
Aufgabenbereiche
  • Abwehrender (Brandbekämpfung) und vorbeugender Brandschutz (Gefahrenvorbeugung)

  • Technische FeuerwehrHilfeleistung für Menschen, Tiere, Umwelt und FeuerwehrAufgabenbereicheSachwerte (Priorität in dieser Reihenfolge)

  • Teilweise Mitwirkung im Krankentransport-, Rettungs-, Notarzt-, Wasserrettungs- und Luftrettungswesen

Organisationsformen
  • Berufsfeuerwehr: Beamte, meist in Städten > 100.000 Einwohner.

  • Freiwillige Feuerwehr mit ständig besetzter Wache: Hauptamtliche unterstützen FeuerwehrOrganisationsformenEhrenamtliche, wenn hohe Einsatzhäufigkeit in stark beanspruchten Städten freiwillige Helfer überlastet.

  • Freiwillige Feuerwehr: meist Ehrenamtliche, häufigste flächendeckende Organisationsform.

  • Pflichtfeuerwehr: verpflichtete Feuerwehrdienstleistende, wenn eine freiwillige Einrichtung nicht zustande kommt.

  • Werkfeuerwehr: gesetzlich geforderte Einrichtung in Betrieben mit besonderer Gefährdung.

  • Betriebsfeuerwehr, früher auch Hausfeuerwehr: Selbsthilfeeinrichtung besonderer gewerblicher Betriebe.

AusstattungAbklären, ob die FW des Einzugsgebiets neben den typischen Löschfahrzeugen auch für den RD-Einsatz nützliches Sondergerät vorhält, z. B. Gerät zur Rettung aus Höhen und Tiefen,FeuerwehrAusstattung zur Einsatzstellenausleuchtung, Kranwagen, Gefahrgutausrüstung, Strahlenschutzausrüstung, Messgeräte aller Art, Taucher- bzw. Wasserrettungsgerät, Zelte, für BOS-Aufgaben zugelassene UAV (unpiloted aerial vehicles = unbemannte Luftfahrzeuge = Drohnen) z. B. für Erkundungsflüge, Messungen oder Transportaufgaben.
Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und Feuerwehr
  • Wurden vor dem Eintreffen der Feuerwehr durch den NA besondere Gefahren („4A1C4E-Regel“, 1.8.1) festgestellt?

  • Benötigt der NA technische Hilfe von der FW zur Patientenbehandlung?

  • Kann der RD einen Verbindungsmann („OrgL“) zur Feuerwehreinsatzleitung abstellen?

  • Feuerwehrsprache in Grundzügen erlernen! Was bedeutet es, wenn der Feuerwehr-Einsatzleiter „1 Trupp unter PA mit 1 C über DL“ einsteigen lässt?

Technisches Hilfswerk (THW)

Ulrich v. Hintzenstern
Aufgabenbereiche
  • Technische Hilfe für Kräfte anderer Organisationen Technisches Hilfswerkdurch Sichern (z. B. Abstützen eines Gebäudes nach einer Technisches HilfswerkAufgabenbereicheExplosion), Beseitigen oder Überwinden von Hindernissen (z. B. Brückenbau, Freimachen von Fahrbahnen, Seilbahnen zum Verletztentransport, Auf- und Abseilen von RD-Personal).

  • Mitwirkung im Katastrophenschutz und bei großen Schadensereignissen (Menschenrettung, Tierrettung, Beseitigung von Umweltgefahren, Ölwehr, Transport von Hilfskräften, Betroffenen, Sachgütern).

  • Autobahndienst (technische Hilfe auf Verkehrswegen).

  • Humanitäre Hilfe im Ausland.

OrganisationsformenOrtsverband (i. d. R. einmal pro Kreis/Stadt), Geschäftsführerbereich, Landesverband, Bundesleitung.
AusstattungImmer Rettungs- und Technisches HilfswerkAusstattungBergungsgerät, Pressluftatmer, Gerät zur Rettung aus Höhen und Tiefen (bis 30 m) sowie zur Absturzsicherung, Beleuchtungsgerät. Es ist jeweils örtlich abzuklären, ob zusätzliche, auch für den Rettungsdienst nützliche Ausstattung vorhanden ist, wie z. B. Rüstsatz „Technische Hilfe auf Verkehrswegen“, Kranwagen, Radlader, Verpflegungseinrichtungen, Zelte, Sonderausstattungen Gas, Wasser, Elektro, Ölwehr, Wasserrettungsgeräte, Boote.
Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und THW
  • Einzelabsprache im Einsatz: THW-Einsatz zur direkten Menschenrettung oder zur technischen Unterstützung des RD im Hintergrund (Zelte, Verpflegung, Transport von Einsatzpersonal und Betroffenen, z. B. über Gewässer, Trümmer, Höhen und Tiefen).

  • THW kann an Stellen arbeiten, die für den RD unerreichbar sind (z. B. Trümmer, große Höhen und Tiefen, Wassergefahr, Absturzgefahr, Atemgifte).

  • Unterstützung durch Nachbarortsverbände mit Personal und schweren technischen Geräten nach Absprache unproblematisch (auch kurzfristig während des Einsatzes).

Bundeswehr

Günter Frey
Hilfsmaßnahmen durch Einheiten der Bundeswehr können über die jeweils zuständige ILS/RLSt und/oder die unteren BundeswehrKatastrophenschutzbehörden im Wege der Amtshilfe nach Art. 35 GG angefordert werden bei:
  • Naturkatastrophen: Waldbrände, Überschwemmungen, Erdbeben

  • Besonders schweren Unglücksfällen: Explosionen, Massenerkr., Nuklearunfälle, Flugzeug- oder Schiffskatastrophen

Daneben besteht die Möglichkeit des Einsatzes der Bundeswehr im Rahmen der „dringenden Nothilfe“: Hilfeleistung der Bundeswehr, wenn geeignete zivile Hilfskräfte und Material nicht, nicht ausreichend oder nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen; auf Ersuchen von Behörden oder Dringende Nothilfeprivaten Organisationen/Unternehmen/Einzelpersonen.

Der Einsatz der Bundeswehr erfolgt in allen Fällen subsidiär im Rahmen verfügbarer Ressourcen.

Kranken- und Material-Transport (Primär-, Sekundär-, Such- und Rettungs-Einsätze)
KrankenkraftwagenTeilweise geländegängig, i. d. R. mit reiner Transportfunktion; bis zu 4 Liegendverletzte.
HubschrauberAnforderung über die zivilen Rettungs-Leitstellen oder über die Leitstelle des Such- und Rettungs-Dienstes (engl.: Search and Rescue, SAR). SAR-Hubschrauber (Bell UH-1D und SeaKing MK41) verfügen über RTH-Ausstattung, sind aber nur fallweise mit einem NA besetzt.
Transportflugzeuge
  • C-160 „Transall“ in MedEvac-Version („MedEvac“ = Medical Evacuation) mit 2–3 ICU-Plätzen und zusätzlich bis zu 10 Liegend-Transport-Plätzen mit Notfall-TransportflugzeugMonitoring und Notfall-Respiratoren.

  • „Airbus A-310 MedEvac“ mit 6 ICU-Plätzen und bis zu 44 Liegend-Transport-Plätzen.

Diese Flugzeuge dienen zwar primär der Rückführung von Verletzten aus Auslandseinsätzen der Bundeswehr, sind aber für Einsätze im Wege der Amtshilfe bei Katastrophen nach Art. 35 GG und im Rahmen der „Dringenden Nothilfe“ bei freier Kapazität auch im Inland verfügbar.
Beide MedEvac-Transportflugzeuge sind mit Fachärzten und Fachpflegepersonal aus den Bundeswehrkrankenhäusern besetzt.

Im Rahmen der Fluthilfe an der Elbe 2002 wurde deutlich, dass die C-160 Transall infolge der einfacheren Be- und Entladung auf der Kurzstrecke innerhalb Deutschlands gegenüber dem Airbus deutliche einsatztaktische Vorteile bietet.

Einsatz mobiler und modularer Sanitätseinrichtungen
Für die Anforderungen im militärischen Auslandseinsatz wurden hochmobile und modular aufbaubare Sanitätseinrichtungen auf der Basis von Zelt- und Containersystemen entwickelt, die in ihrer max. Ausstattung mit Schockraum, OPs, Intensivstation, CT und Labor einem zivilen Krankenhaus vergleichbar sind.
Die Anforderung dieser Einheiten erfolgt bei größeren Katastrophen (z. B. Hochwasser) durch die Katastrophenschutzbehörden direkt beim Bundesministerium der Verteidigung.
AusstattungSie verfügen über mobile ärztliche Einsatzgruppen und können unabhängig von Wasser- und Energieversorgung autark betrieben werden. Entsprechende Aufbereitungs-, Erzeugungs- und Führungsmittel sowie Transportkomponenten sind vorhanden. Zusätzlich bei Bedarf Veterinär- und Hygienetrupp.
  • Einsatzbereitschaft innerhalb 12–24 h (zuzüglich Verlegungszeit an den Einsatzort).

  • Die Einheiten sind in ganz Deutschland verteilt. Die Verlegung erfolgt primär im Lufttransport, bei Bedarf an Großgerät i. d. R. per Lkw oder Eisenbahn.

Katastrophenschutz

Ulrich v. Hintzenstern
Die Feststellung über Vorliegen bzw. Ende einer Katastrophe erfolgt durch die Katastrophenschutzbehörde (Landrat/Oberbürgermeister bzw. ein KatastrophenschutzBevollmächtigter). Der Katastrophenschutz ist keine für sich bestehende Organisation oder feste Einrichtung, sondern eine organisatorische Aufgabe der Behörden von Bund und Ländern.
Zur Mitwirkung bei der Katastrophenhilfe sind per Gesetz verpflichtet: Polizei, Behörden und Dienststellen der Länder, Gemeinden, Landkreise und Bezirke, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts, Feuerwehren, freiwillige Hilfsorganisationen (z. B. DRK/BRK, MHD, JUH, ASB, DLRG), Verbände der freien Wohlfahrtspflege, Katastrophenhilfe des Bundes (z. B. Bundeswehr, THW).
Aufgabenbereiche (der Katastrophenschutzbehörden)Katastrophenvorbeugung, Anlegen von Katastrophenschutzplänen, Durchführen von Katastrophenschutzübungen, bilden von Katastropheneinsatzleitungen. Tätigkeitsschwerpunkte sind Brandschutz, Bergung, Sanitätswesen, Betreuung, ABC-Schutz.
OrganisationsformenTräger der einzelnen Aufgabenbereiche sind in erster Linie bereits existierende, geeignete Organisationen (z. B. Übertragung von Brandschutz an die Feuerwehren, Sanitätswesen an die Hilfsorganisationen).
AusstattungJe nach Aufgabenbereich von Organisation zu Organisation unterschiedlich (Tab. 1.14).
Zusammenarbeit zwischen Katastrophenschutz und Sanitätseinsatzleitung (LNA/OrgL)
  • Der Sanitätseinsatzleitung unterstehen alle eingesetzten Ärzte, Personal des RD, Einheiten und Helfer des Sanitätsdienstes der freiwilligen Hilfsorganisationen solange diese am Schadensort tätig sind.

  • Enge Zusammenarbeit zwischen örtlicher Einsatzleitung und Sanitätseinsatzleitung. Bei Katastrophen, deren Schwerpunkt der Massenanfall von Verletzten ist, kann die Katastropheneinsatzleitung die Sanitätseinsatzleitung zur örtlichen Einsatzleitung bestimmen.

Psychosoziale Notfallversorgung für Betroffene (PSNV-B)

Hanjo v. Wietersheim
DefinitionAktuelle Nomenklatur des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK):
  • Psychosoziale Notfallversorgung(PSNV): alle KriseninterventionNotfallseelsorgePsychosoziale Notfallversorgungpsychosozialen Tätigkeiten und Maßnahmen von der Prävention und Ausbildung bis hin zur langfristigen Nachbereitung z. B. durch niedergelassene Psychotherapeuten.

  • „Einsatz(unter)abschnitt PSNV“: alle psychosozial tätigen Einsatzkräfte, von der psychischen Betreuung der Geschädigten bis hin zur Begleitung und Unterstützung der Einsatzkräfte.

Stammen die Helfenden aus dem kirchlichen Bereich: spricht man von „Notfallseelsorge“, stammen die Helfenden aus dem nicht kirchlichen Bereich, spricht man von „Krisenintervention im Rettungsdienst“.

Aufgabenbereiche
  • Stabilisierung der Geschädigten, ihrer Angehörigen und sonstiger Betroffenen durch Gespräche und intensive persönliche Begleitung, Hilfe bei der seelischen Bewältigung der Notlage.

  • Unterstützung bei der langfristigen Betreuung durch die Vermittlung anderer sozialer Angebote.

  • Zugehörigkeit zu einer besonderen Konfession oder nichtchristlicher Religion (z. B. Moslems) spielt in der Praxis selten eine Rolle. In einigen Bereichen wurden spezielle Betreuungssysteme z. B. für Muslime eingerichtet.

Organisationsformen
  • PSNV ist Psychosoziale NotfallversorgungOrganisationsformeneinsatztaktisch auf Landkreis- und Landesebene organisiert.

  • Bundesweite Zusammenarbeit der Notfallseelsorge in der Konferenz Evangelische Notfallseelsorge (KEN) und in der Konferenz der Diözesanbeauftragten für Notfallseelsorge.

  • Für Krisenintervention im Rettungsdienst gibt es keine übergeordnete Organisation. Die meisten Systeme arbeiten auf Landkreisebene.

  • In etlichen Bundesländern werden Zentralstellen PSNV aufgebaut.

  • Es gibt ein bundesweit abgestimmtes Curriculum und festgelegte Qualitätskriterien für Einsatzkräfte der PSNV.

AusstattungEinsatzbekleidung (Erkennungsfarbe: uneinheitlich, oft Gelb oder Violett, Aufschrift: PSNV-NOTFALLSEELSORGE, Erkennungsfarbe für Krisenintervention: uneinheitlich, Aufschrift PSNV-KRISENINTERVENTION o. Ä.). Oft Einsatz-Rucksack mit Betreuungsmaterial, Informationsflyer für Betroffene und für Einsatzkräfte.
Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und PSNV-B
  • Wie viele PSNV-Einsatzkräfte werden benötigt?

  • In welchem Bereich können die PSNV-Einsatzkräfte ungefährdet arbeiten?

Rettungshundeteams

Ulrich v. Hintzenstern und Stefan Schulz-Drost
Als RettungshundeRettungshunde werden speziell ausgebildete Hunde eingesetzt, die eine Rettungshundeprüfung erfolgreich absolviert haben und mit einem Rettungshundeführer zusammenarbeiten (= Rettungshundeteam). Organisierte Einheiten mehrerer Teams werden z. B. als Rettungshundestaffel oder -zug bezeichnet.
Organisationen mit RettungshundenDRK/BRK, DLRG, ASB, MHD, JUH, THW, Feuerwehr, Polizei usw.
Sparten der Rettungshundearbeit Rettungshunde Einsatzbereiche
  • Flächensuche: Suche Flächensuchenach vermissten Personen (z. B. Kinder, Personen mit Suizidabsichten, verwirrte Unfallopfer, Demenzkranke) im unwegsamen Gelände oder in großen Waldflächen. Dabei durchstöbern die Hunde das Gelände auf menschliche Witterung hin.

  • Trümmersuche: Suche Trümmersuchenach verschütteten Personen, die unter meterdicken Trümmerschichten begraben sein können (z. B. nach Gasexplosionen oder Erdbeben).

  • Lawinensuche: Suche nach LawinensucheLawinenopfern. Spezialisierte Lawinensuchhundeteams werden überwiegend in den Bergregionen trainiert und vorgehalten.

  • Mantrailing: Der Hund folgt dem MantrailingIndividualgeruch eines bestimmten Menschen ab dem letzten vermuteten Aufenthaltsort. Dort wird dem Hund ein Geruchsgegenstand der vermissten Person angeboten (z. B. ein getragenes Wäschestück), der nicht durch Berührung anderer Personen kontaminiert sein sollte. Daraufhin verfolgt der Hund die Spur konsequent weiter.

  • Wassersuche: Der WassersucheWassersuchhund spürt untergegangene menschliche Körper auf und verweist auf die Stelle im Wasser, an der am intensivsten menschlicher Geruch bzw. der Geruch der Indexperson (analog Mantrailing) aufsteigt.

  • Leichensuche: Der Suchhund zeigt (Leichensucheauch) tote Personen an. Gesonderte Ausbildung bei vollkommen anderer Geruchsqualität, häufig nur bei der Polizei verfügbar.

Alarmierung eines RettungshundeteamsÜber die örtliche Leitstelle des RD/der FW, die Hundeeinheiten über Handy oder Piepser alarmiert. In einigen Gebieten steht für Einsatzanfragen ein Fachberater „Rettungshund“ zur Verfügung.

Verletzten-Versorgungsteam See (VVT See) des Havariekommandos

Ulrich v. Hintzenstern und Stefan Schulz-Drost
Der „Graubereich“ der Großunfälle von und mit Wasserfahrzeugen sowie im Bereich von Hochseebaustellen (zVerletzten-Versorgungsteam See. B. Offshore-Windparks) auf internationalen Meeren außerhalb der 12-Meilen-Zone im Bereich der Deutschen Nord- und Ostseeküste, für den der primäre Land- und Luftrettungsdienst Deutschlands sowie auch die „Seenotretter“ (DGzRS) keine direkte Zuständigkeit, i. d. R. auch keine ausreichenden Valenzen und keinen unmittelbaren Auftrag haben, wird seit 2003 durch den Einsatz von Spezialkräften abgedeckt, die vom Havariekommando der Bundesrepublik Deutschland (Central Command for Maritime Emergencies) geführt werden.
Hierzu gehören u. a. Brandbekämpfungseinheiten See (BBE) und Verletzten-Versorgungsteams See (VVT), die bei verschiedenen Feuerwehren der Küstenländer personell und ausrüstungsspezifisch angegliedert sind.
OrganisationEin VVT See besteht aus 1 LNA See, 1 NA See, sowie 4 RA/RS See, davon mind. 1 OrgEL. Alle Einsatzkräfte sind für diesen speziellen Aufgabenbereich gesondert ausgebildet. Das Team wird mittels Hubschrauber (Bundesmarine/Bundespolizei) oder Schiff (Bundesmarine/Küstenwache/Seenotkreuzer der DGzRS) zum Einsatzort gebracht.
Aufgaben
  • Übernahme Erstversorgung von Notfallpatienten an Bord eines Havaristen.

  • Entscheidung und Führung aller medizinischen Maßnahmen an Bord eines Havaristen.

  • Medizinische Beratung des Gesamteinsatzleiters.

  • Enger kontinuierlicher Kontakt zum Havariekommando/Gesamteinsatzleitung.

AusstattungEin VVT See kann als vollständig autarke Einheit arbeiten. Das mitgeführte Material ist formal für 12 Personen ausgelegt. Hierzu ist die gesamte Ausrüstung seewasserfest auf Rucksäcken untergebracht, spezielle extrem handliche Stretcher-Systeme können mitgeführt werden, jedes Teammitglied hat u. a. eine persönliche Sea-Survival-Ausrüstung wie Überlebensanzug, wetterfeste Extremkleidung, Helm, Handschuhe. Interne und externe Kommunikationsmittel wie Handfunkgeräte, Satelliten-Telefon und GPS runden das Ausrüstungskonzept ab.

Die Alarmierung des VVT See erfolgt ausschließlich über das Maritime Lagezentrum des HK in Cuxhaven (Tel.: +49 4721 567485, 24 h erreichbar, www.havariekomando.de), das wiederum mit dem MRCC in Bremen in engem Kontakt steht.

Zulässige Grenzwerte für Strahlenbelastung

Ulrich v. Hintzenstern
Verordnung über den Schutz vor Schäden durch ionisierende Strahlen (Strahlenschutzverordnung)
StrlSchV 2001 § 59 Strahlenexposition bei Personengefährdung und Hilfeleistung:
  • (1) Bei Maßnahmen zur Abwehr von Gefahren für Personen ist anzustreben, dass eine effektive Dosis von mehr als 100 mSv nur einmal im Kalenderjahr und Strahlenbelastung, Grenzwerteeine effektive Dosis von mehr als 250 mSv nur einmal im Leben auftritt.

  • (2) Die Rettungsmaßnahmen dürfen nur von Freiwilligen > 18 J. ausgeführt werden, die zuvor über die Gefahren dieser Maßnahmen unterrichtet worden sind.

StrlSchV 2001 § 56 Berufslebensdosis: Der Grenzwert für die Summe der in allen Kalenderjahren ermittelten effektiven Dosen beruflich strahlenexponierter Personen beträgt 400 Millisievert.

Gefahrgut

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss

Grundlagen der Gefahrgutkennzeichnung

  • Bei der Beförderung gefährlicher Güter ab bestimmten Mindestmengen führen die Fahrzeuge auf der Straße GefahrgutGefahrgutKennzeichnungorangefarbene Warntafeln mit oder ohne Kennzeichnungsnummern (s. u.), auf der Schiene immer mit Kennzeichnungsnummern.

  • Bei Stückguttransporten auf der Straße sind die Transportfahrzeuge mit Warntafeln ohne Nummer gekennzeichnet (Gefahrzettel an den einzelnen Versandstücken).

  • Bei kleineren Gebinden können die Fahrzeuge auch nur mit dem LQ-Symbol (Limited Quantities) gekennzeichnet sein. Für diese Transporte gibt es keine Mengenbegrenzung.

  • Für den Schiffstransport gelten besondere Kennzeichnungen (s. u.).

  • Bei Unfällen mit Hinweisen auf möglicherweise vorhandene gefährliche Stoffe immer umgehend die Feuerwehr nachalarmieren.

  • Ladung oder Versandstücke können auch unklar oder falsch gekennzeichnet sein.

  • Gefahrgüter sind erst ab einer bestimmten stoffabhängigen Mindestmenge kennzeichnungspflichtig → können auch ohne sichtbare Kennzeichnung bei entsprechender Verpackungsweise in größeren Mengen vorhanden sein.

  • Die Feuerwehr-Dienstvorschrift 500 „Einheiten im ABC-Einsatz“ kann von der Homepage der Staatlichen Feuerwehrschule Würzburg (www.sfs-w.de) heruntergeladen werden.

Kennzeichnung gefährlicher Güter bei Transporten

Warntafel
  • Mit Kennzeichnungsnummer (Anbringung vorn und hinten) bei Beförderung von einem Stoff (Gefahrgut) in WarntafelGefahrgutWarntafelTankfahrzeugen auf Straße oder Schiene.

    • Oberer Teil: Nummer zur Kennzeichnung der Gefahr (Gefahrnummer).

    • Unterer Teil zur Kennzeichnung des Stoffs (UN-Nummer).

  • Ohne Kennzeichnungsnummer (vorn und hinten angebracht):

    • Straßenfahrzeuge bei Stückguttransport (Gefahrzettel an den einzelnen Versandstücken).

    • Mehrkammertankfahrzeuge beim Transport mehrerer Gefahrgüter gleichzeitig (dann an beiden Seiten jedes Tanks Warntafeln mit Kennzeichnungsnummern).

GefahrnummerKennzeichnung der Gefährlichkeit mit 2 oder 3 Ziffern:
  • 1. Ziffer Hauptgefahr, 2. und 3. GefahrnummerGefahrgutGefahrnummerZiffer zusätzliche Gefahren.

  • Verdopplung einer Ziffer → bes. starke Gefährdung.

  • 0 als 2. und 3. Ziffer → Gefahr lässt sich durch nur eine Ziffer ausreichend charakterisieren.

  • X vor der Zahl → Stoff reagiert in gefährlicher Weise mit Wasser.

  • 1.

    Entweichen von Gas durch Druck oder chemische Reaktion.

  • 2.

    Entzündbarkeit von flüssigen Stoffen (Dämpfen) und Gasen oder selbst-erhitzungsfähiger flüssiger Stoff.

  • 3.

    Entzündbarkeit von festen Stoffen oder selbst erhitzungsfähiger fester Stoff.

  • 4.

    Oxidierende (brandfördernde) Wirkung.

  • 5.

    Giftigkeit oder Ansteckungsgefahr.

  • 6.

    Radioaktivität.

  • 7.

    Ätzwirkung.

  • 8.

    Gefahr einer spontanen heftigen Reaktion.

  • !

    Beispiel: X 423 → entzündbarer fester Stoff, der mit Wasser gefährlich reagiert und entzündbare Gase bildet (z. B. Natrium).

UN-Nummer
  • 4-stellige UN-NummerGefahrgutUN-NummerZahl zur Kodierung eines Stoffs oder einer Stoffgruppe.

  • Beispiel: 1.203 = Benzin.

  • UN-Nummer > 3.000: Sammelnummer, d. h. mehrere Stoffe mit denselben chemischen Eigenschaften sind unter einer UN-Nummer zusammengefasst.

Gefahrzettel
Transportfahrzeuge und -verpackungen sind durch daran befestigte Gefahrzettel (Abb. 1.18) gekennzeichnet, auf denen die von Gefahrzettelden gefährlichen Gütern ausgehenden Gefahren durch Symbole GefahrgutGefahrzetteldargestellt sind. In der unteren Hälfte kann sich eine Aufschrift befinden, die auf die Art der Gefahr hinweist (z. B. „POISON“). Der Gefahrzettel enthält in der unteren Ecke die Gefahrklassennummer.
Schriftliche Weisungen (Sammelunfallmerkblatt) und Beförderungspapier
Die Hinweise in Beförderungspapierdiesen Merkblättern sind in erster Linie für den UnfallmerkblätterFahrzeugführer gedacht und nur allgemeiner Natur:
  • Bezeichnung und Eigenschaft der Güter, Angaben zur Ersten Hilfe, Maßnahmen bei Brandausbruch, Maßnahmen bei Ausbreitung infolge Leckage, Maßnahmen bei Gewässergefährdung, zusätzliche Hinweise und Rückfragemöglichkeit.

  • Hinweise für das Fahrpersonal über Sofortmaßnahmen bei Unfällen sowie für Polizei und Feuerwehr.

  • Aufbewahrung: Im Führerhaus des Lkw, im Steuerhaus des Binnenschiffs, im Führerstand der Lok, im Rangierbetrieb beim Fahrdienstleiter.

Das vierseitige Sammelunfallmerkblatt muss Sammelunfallmerkblattnur in der Sprache, die der Fahrzeugführer lesen und verstehen kann, mitfgeführt werden.

Das Beförderungspapier enthält u. a. Angaben über Stoff (Name, Gefahr- u. UN-Nummer), Verpackungsart, Gesamtmenge, Absender und Empfänger der geladenen Güter. Evtl. sind auch zur Lokalisierung einzelner Versandstücke Ladelisten verfügbar (v. a. bei Eisenbahn- und Schiffstransport). Das Beförderungspapier ist in der Regel papiergebunden, kann aber auch in elektronischer Form mitgeführt werden.

Spezielle Kennzeichnung von Binnenschiffen
  • Drei blaue Kegel, nachts drei blaue Lichter: explosionsgefährliche Stoffe.

  • Zwei GefahrgutBinnenschiffeblaue Kegel, nachts zwei blaue Lichter: Ammoniak oder Binnenschiffe, Gefahrgutgleich gestellte Stoffe.

  • Ein blauer Kegel, nachts ein blaues Licht: feuergefährliche Stoffe.

  • Bei Containerschiffen sind die einzelnen Container ab bestimmten Mengen gefährlicher Stoffe gekennzeichnet. Stauplan und schriftliche Unterlagen im Schiffsführerstand.

  • Schallzeichen („Bleib-weg-Signal“: kurz, lang).

Informationsmöglichkeiten bei Transportunfällen
  • Stückgüter: Gefahrzettel an den einzelnen Versandstücken (Abb. 1.18).

  • Kraftfahrzeuge: Gefahrzettel (Abb. 1.18), Warntafel (ggf. mit Kennzeichnungsnummern, Abb. 1.17), Beförderungspapiere.

  • Eisenbahnwaggons: Gefahrzettel, Warntafel mit Kennzeichnungsnummern (Abb. 1.17), umlaufender orangefarbener Farbstreifen an Flüssiggas-Bahnkesselwagen. Unfallmerkblattsammlung und Beförderungspapiere auf der Lok.

  • Binnenschiffe: Beförderungspapier, Stauplan, Unfallmerkblätter.

Kennzeichnung gefährlicher Stoffe in Betrieben

Kennzeichnung Gefahrstoffe, Kennzeichnungerfolgt durch Aufkleber auf Gebinden mit gefährlichen Stoffen. Diese enthalten Gefahrensymbole auf orangem Grund mit dazugehörigen Gefahrenbezeichnungen. Die Symbole entsprechen weitgehend denen auf Gefahrzetteln (Abb. 1.18). Zusätzlich können besondere Gefahren durch R-Nummern (z. B. R12: hochentzündlich) und Sicherheitsratschläge durch S-Nummern (z. B. S24: Berührung mit der Haut vermeiden) angegeben sein.
Der Stoffname muss auch in Klartext angegeben sein, außerdem der Hersteller bzw. Importeur des Gefahrstoffs, sowie verschiedene Identifizierungsnummern.
Stoffidentifizierung in Gebäuden oder stationären AnlagenGefahrenkennzeichnung durch Symbole und Gefahrenbezeichnungen. Kennzeichnung von Gasflaschen nach DIN EN 1089–3 (Tab. 1.15, Tab. 1.16). Gasgemische werden am Flaschenhals ringförmig mit den Farben der 2 Komponenten gekennzeichnet.

Sicherheitshinweise, Merkblätter usw. zum Umgang mit Gasen können beim Industriegaseverband (www.industriegaseverband.de) angefordert werden.

Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem (TUIS) der chemischen Industrie

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss
Bei Unfällen mit chemischen Produkten auf Transporten oder in Lagern kann auf Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystemdas Fachwissen und die Hilfe von Werkfeuerwehren zahlreicher Chemieunternehmen zurückgegriffen werden. Die möglichen Hilfeleistungen reichen von der telefonischen Beratung (auch per FAX) über den Einsatz eines Fachberaters am Unfallort bis zur technischen Hilfe am Unfallort (Einsatz einer Werkfeuerwehr).
Alarmiert wird i. d. R. die nächstgelegene TUIS-Stelle. Durch die Einbindung in den europäischen Verbund „International Chemical Environment“ bestehen auch Kontakte zu ausländischen Herstellern chemischer Produkte. Als internationale Leitstelle fungieren die Leitstelle der Werkfeuerwehr der BASF AG in Ludwigshafen (Tel.: 0621 604–3333, Fax: 0621 6092664) für Deutschland und Österreich, die ggf. an zuständige Stellen weitervermitteln und für die Schweiz die Leitstelle der Werkfeuerwehr der Fa. Novartis (ehemals Ciba Geigy), Basel (Tel.: +41 61 696–3333).

Weitere Informationen zu diesem Thema sowie Broschüren zum Download finden sich unter www.tuis.org.

Psychologisches Verhalten am Notfallort

Ulrich v. Hintzenstern

Ziele einer psychologischen Ersten Hilfe

Vertrauen EinsatzstelleVerhalten, psychologischesschaffen, Beruhigen des Pat., Situation entspannen, Sicherheit vermitteln.

  • Dem Pat. nicht als medizinischer Roboter, sondern als Mensch mit Gefühlen gegenübertreten.

  • Immer so verhalten, wie man selbst behandelt werden möchte.

  • Es gibt kein allgemeingültiges Verhaltensschema → auf jeden Pat. individuell eingehen.

Verhalten gegenüber dem Pat.
Vertrauen schaffen
  • Sich vorstellen: „Guten Tag, ich bin Dr. XY, wie kann ich Ihnen helfen?“

  • Den Pat. als einen Menschen behandeln, den man ernst nimmt.

  • Pat. nicht aus PatientUmgang mitder Distanz anreden, Blickkontakt und Nähe suchen.

  • Pat. mit „Sie“ bzw. Nachnamen anreden (auch zu älteren Pat. nicht „Oma“ oder „Opa“).

  • Kurze Sätze, einfache Sprache (kein „Fachchinesisch“!), ruhiger Sprachfluss.

  • Eigene Körperbewegungen und Gesichtsausdruck kontrollieren: Hektik und Anspannung verunsichern den Pat. Ruhig, souverän und kompetent handeln.

  • Pat. nach seinen Beschwerden und Schmerzen fragen.

  • Dem Pat. im Gespräch Verständnis für seine Situation und Beschwerden ausdrücken, Mut machen und Mitgefühl zeigen.

Beruhigen
  • Dafür sorgen, dass der Pat. nicht von Schaulustigen „begafft“ werden kann.

  • Dem Pat. keine Vorwürfe machen („warum mussten Sie auch so schnell fahren“, „warum haben Sie uns nicht früher gerufen“).

  • Insbes. bei älteren Pat. vorsichtigen Körperkontakt suchen: z. B. Hand oder Schulter halten, frierenden Pat. zusätzliche Decke überlegen, bei unbequemer Kopflage weiteres Kissen unterschieben, Schweiß von der Stirn abtrocknen, Puls fühlen.

  • Gespräch mit alltäglicher Thematik zur Ablenkung versuchen.

  • Auf Fragen des Pat. der Situation entsprechend möglichst ehrlich antworten, d. h. weder banalisieren noch dramatisieren.

  • Pat. kurz erklären, warum er in ein Krankenhaus transportiert wird („Bein muss geröntgt werden“), in welches Krankenhaus er gebracht wird und wie lange die Fahrzeit etwa dauern wird.

  • Offene, entstellende Verletzungen, die sich im Blickfeld des Pat. befinden, baldmöglichst abdecken; Blutflecken abwischen.

  • Pat. nie alleine lassen.

  • Kinder (12.1.3):

    • Ausreichend analgesieren und sedieren; ggf. Narkose.

    • Möglichst immer ein Elternteil beim Kind belassen.

    • Kind in den Arm nehmen und wiegen (am besten durch die Mutter).

    • Mit Worten beruhigen.

Weitere Patientenführung
  • Fragen, ob Angehörige verständigt werden sollen.

  • Fragen, ob noch etwas aus dem Unfallfahrzeug geholt werden soll.

  • Angehörige beruhigen (lassen), Transportziel mitteilen.

  • An Geduld appellieren: Diagnostik und Therapie erst in der Klinik und danach erst Prognose.

  • Affektausbrüche (Schreien, Weinen) des Pat. akzeptieren.

  • Medizinische Maßnahmen vorher kurz erklären; schmerzhafte Prozeduren ankündigen.

  • Auch „unsympathische“ Pat. (Betrunkene, Drogenabhängige, Straftäter) korrekt behandeln.

  • Nicht in der Nähe des Pat. über ihn sprechen (Fehlinterpretationen → Verunsicherung).

  • Keine Konflikte mit Mitarbeitern vor dem Pat. austragen.

  • Sich auch um unverletzte Unfallbeteiligte (insbes. Unfallverursacher) kümmern.

  • Bei Übergabe nicht: „Das ist eine Unterschenkelfraktur“, sondern: „Das ist Herr Müller, bei ihm besteht der V. a. eine Unterschenkelfraktur.“

  • Vom Pat. verabschieden („Ich wünsche Ihnen noch alles Gute“).

Verhalten gegenüber Rettungsdienstmitarbeitern
  • Notärzte und Rettungsdienstmitarbeiter können Fehler machen.

  • RD-Mitarbeiter versuchen ihr Bestes zu geben, können aber trotzdem nicht hexen:

    • Auch im dringendsten Notfall kann kein Mensch gleichzeitig eine Infusion richten, EKG anlegen, Tubus und Laryngoskop bereitstellen und Medikamente aufziehen.

    • Auch „banale“ Tätigkeiten (z. B. Tubusfixierung) erfordern ein Mindestmaß an Zeitaufwand → sorgfältiges Arbeiten erhöht die Sicherheit.

    • Den Mitarbeitern anfangs einen ganz kurzen Gesamtüberblick („Gliederung“) über die geplanten Maßnahmen geben und diese dann in einzelne Schritte unterteilen und nach Priorität ordnen („zuerst das Laryngoskop und einen Tubus Größe 9.0, jetzt …“).

  • Die eigene Ungeduld über langsame Mitarbeiter auch bei „vitaler Indikation“ beherrschen. Andernfalls Hektik und Nervosität → Unsicherheit → Fehler.

  • Keine Auseinandersetzungen am Einsatzort. Bei Differenzen angeordnete Maßnahmen kurz und sachlich begründen („wir machen das, weil …“) und dann nochmals einfordern. Diskussion des Konfliktstoffs nach dem Einsatz anbieten („wir besprechen das dann nachher in Ruhe, o. k.?“).

  • Ggf. Vorschläge oder Einwände der Mitarbeiter berücksichtigen.

  • Teamgedanken („wir sind eine Mannschaft und können unser Ziel nur gemeinsam erreichen“) stärken und gemeinsam über Verbesserungsmöglichkeiten nachdenken.

  • Mitarbeiter motiviert man nur durch positive Verstärkungen und sachliche Kritik.

Verhalten gegenüber Kollegen
  • Hausärzte und zufällig am Unfallort anwesende Kollegen, die den Pat. vor Eintreffen des NA betreut haben, besitzen z. T. sehr wenig Erfahrung in der präklinischen Versorgung von Schwerverletzten oder Pat. mit akuter Bedrohung der Vitalfunktionen → ein „professioneller Standard“ kann nicht vorausgesetzt werden.

  • Ruhiges, kompetentes und zielgerichtetes Verhalten statt selbstherrlichen Gebärden („weg da, hier bin jetzt ich“) → Anerkennung bzw. Führungsanspruch nicht durch forsches Auftreten, sondern durch fachliche Leistung erwerben.

  • Kollegen nicht in untätige Zuschauerrolle abdrängen, sondern mit einbeziehen („könnten Sie sich um den Beifahrer kümmern?“).

  • Leistung des „Vorgängers“ anerkennen („danke, dass Sie schon mit der Reanimation begonnen haben“).

  • Bei inadäquater Versorgung durch den „Vorgänger“:

    • Eine unzureichende Ersttherapie kann auch nicht durch aggressives Verhalten („so ein Schwachsinn“) verbessert werden.

    • Keine Belehrungen („wissen Sie denn nicht, dass …“).

    • Ggf. klärendes Gespräch am Einsatzende (unter 4 Augen oder später telefonisch).

Verhalten gegenüber Mitarbeitern anderer Organisationen
  • Im Mittelpunkt der medizinischen und technischen Rettung steht der Pat. Dessen Zustand kann nur der NA kompetent beurteilen → Koordination aller Maßnahmen und des Ablaufs der technischen Rettung durch NA (11.1).

  • Immer möglichst umgehend Kontakt mit den Einsatzleitern der anderen Organisationen aufnehmen. Kommunikation während des gesamten Einsatzes aufrechterhalten.

  • Mitarbeiter anderer Organisationen nicht als „Hiwis“ des RD, sondern als kompetente und für ihren Bereich eigenverantwortliche Fachleute behandeln.

  • Bei Unstimmigkeiten die eigene Position nicht „mit Gewalt durchdrücken“, sondern die persönliche Auffassung kurz und sachlich begründen.

  • Bei tiefer greifenden Meinungsverschiedenheiten Angebot, sich nach dem Einsatz nochmals zusammenzusetzen und die Probleme „in Ruhe“ zu diskutieren bzw. mögliche Missverständnisse zu klären.

  • „Kleines Dankeschön“ am Einsatzende („die Zusammenarbeit hat prima geklappt“) → „Klimaoptimierung“ und Motivationssteigerung bei den Mitarbeitern der anderen Organisationen.

Verhalten gegenüber Ersthelfern
  • Ersthelfer können Fehler machen, aber sie haben geholfen.

  • Für Tätigkeit danken.

  • Wenn möglich, Ersthelfer nicht abdrängen, sondern in weiteren Ablauf mit einbinden (z. B. weiter mit dem Pat. sprechen oder Infusion halten lassen).

  • Bei größeren Unglücken oder bei (mehreren) Todesfällen: zu stressbearbeitenden Maßnahmen einladen (lassen) bzw. dafür die Adresse des Ersthelfers erbitten.

Verhalten gegenüber Schaulustigen

Schaulustige Schaulustigeauf Distanz halten.

  • Schaulustigen die Möglichkeit geben, ihr Verhalten aus eigener „Einsicht“ zu ändern: nicht gereizt und unwirsch: „Sie stören, hauen sie ab, Gaffer können wir hier nicht brauchen“, sondern höflich, aber bestimmt: „Bitte treten Sie zurück. Dem Pat. sind Ihre Blicke unangenehm, außerdem beeinträchtigen Sie unsere Arbeit. Bitte räumen Sie die Unfallstelle und gehen/fahren Sie weiter.“

  • Bes. störende Zuschauer mit einer „Aufgabe“ betreuen und direkt ansprechen:

    • „Bitte überprüfen Sie, ob die Unfallstelle richtig abgesichert ist“.

    • „Bitte helfen Sie uns und sorgen Sie dafür, dass sich alle Passanten hinter die Ampel zurückziehen“.

  • Ggf. Zurückweisung der Schaulustigen durch Polizei.

„Gaffer“, die den Einsatzablauf nachhaltig behindern, können aufgrund dieser Ordnungswidrigkeit mit einer Geldbuße bis zu 5.000 Euro belegt werden, in manchen Bundesländern kann auch ein Platzverweis durch den Rettungsdienst ausgesprochen werden.

Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E)

Hanjo v. Wietersheim und Ulrich v. Hintzenstern
Es gibt EinsätzePsychosoziale Notfallversorgung und Situationen, die erfahrungsgemäß bes. stark belasten, z. B.
  • Eigenunfall,

  • Tod oder Selbsttötung eines Kollegen oder Mitarbeiters,

  • Gewalt gegen Einsatzkräfte,

  • Einsatz mit Schusswaffengebrauch,

  • größere Anzahl von Verletzten oder Toten,

  • persönliche Bekanntschaft mit dem Opfer,

  • Beteiligung von Kindern,

  • Besonderes Medieninteresse,

  • lang andauernde und schwierige Einsätze.

Die Reaktion auf solche Situationen ist Stress, der individuell sehr unterschiedlich empfunden und verarbeitet wird. Die Stressbelastung kann sich äußern in
  • Übelkeit,

  • Herzrasen,

  • Erschöpfungszuständen,

  • Schlafstörungen und Albträumen,

  • verminderter Konzentrationsfähigkeit,

  • gedanklichen Rückblenden,

  • Schuldgefühlen,

  • Unfähigkeit, Freude und Anteilnahme zu empfinden,

  • übertriebener Lustigkeit,

  • extremer Schweigsamkeit,

  • verändertem Ess-, Trink- und Rauchverhalten,

  • Rückzug aus sozialen Beziehungen,

  • Unausgeglichenheit.

Normalerweise verschwinden die Stressreaktionen umgehend oder nach einigen Tagen, wenn ausreichende Gelegenheit besteht, den Stress abzubauen. Falls die Stressreaktionen > 2 Wo. anhalten, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden (s. u.).
Tipps für die Tage nach einem belastenden Ereignis
  • Sport- und Fitnesstraining.

  • Versuchen, ein normales Leben weiterzuführen, Zeit einteilen, sich nicht „hängen lassen“.

  • Sich klarmachen, dass man normal ist und normale Reaktionen hat, d. h. sich nicht selbst „verrückt machen“. Akzeptieren, dass man sich nach einem belastenden Ereignis schlecht fühlt. Intensive Gedankenarbeit, Albträume und sich aufzwingende Erinnerungen sind normal. Sie lassen sich nicht willentlich verdrängen. Sie werden mit der Zeit weniger und verschwinden.

  • Mit anderen Menschen reden. Erzählen ist eine wirksame Heilmethode zur Stressreduktion!

  • Zeit mit anderen Menschen verbringen. Gemeinsame Unternehmungen bringen einen auf neue Gedanken.

  • Nicht versuchen, die Gefühle mit Alkohol oder anderen Drogen zu mildern. Sie kommen wieder!

  • Sich um andere Betroffene kümmern und mit ihnen über die Erlebnisse und Gefühle reden.

  • Wenn man nachts nicht schlafen kann, ggf. die Gedanken und Erlebnisse in einem Tagebuch niederschreiben.

  • Dinge tun, die einem gefallen.

  • Daran denken, dass auch die Menschen in der Umgebung Stress haben.

  • Keine großen Entscheidungen treffen. Den täglichen kleinen und z. T. banalen Entscheidungen aber nicht ausweichen. So behält man die Kontrolle über sein Leben. Wenn man z. B. gefragt wird, was man essen will, sollte man antworten, auch wenn es einem eigentlich egal ist.

  • Regelmäßig und ausgewogen essen, auch wenn man keinen Hunger hat.

  • Sonstige Stresssituationen vermeiden und Ruhe suchen.

Für Freunde und Angehörige
  • Für den Betroffenen Zeit mitbringen und ihm zuhören.

  • Ggf. auf den Betroffenen zugehen.

  • Bei täglichen Arbeiten helfen, z. B. sauber machen, kochen, auf die Kinder aufpassen.

  • Ärger oder Stimmungsschwankungen nicht persönlich nehmen.

  • Den Betroffenen nicht damit „trösten“, dass es noch schlimmer hätte sein können. Ihm stattdessen Mitgefühl ausdrücken und sich bemühen, ihn zu verstehen und ihm zu helfen.

Weitere Informationen z. B. beim Verein für Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SBE e. V.).

Hygienemaßnahmen und Problemkeime

Ulrich v. Hintzenstern und Michael Reng
Hygienemaßnahmen im RD dienen dem Schutz des Pat. und des Hygienemaßnahmenihn versorgenden RD-Teams. NotarztHygienemaßnahmenFür den hygienischen Zustand des Rettungsmittels ist RettungsdienstHygienemaßnahmenimmer die jeweilige „Transportorganisation“ (Durchführende) verantwortlich.
ProblematikDie Versorgung von Notfallpat. findet an den unterschiedlichsten Orten (z. B. Acker, Fahrzeugwrack, Vorratskeller) unter z. T. widrigen Bedingungen (Regen, Kälte, Dunkelheit) statt. Daraus resultieren auch zwangsläufig Unterschiede zwischen präklinischen und klinischen Hygienestandards.

Der Erhalt von Vitalfunktionen hat immer Priorität vor der Vermeidung von Infektionsgefahren.

Kontaminationsschutz(1.8.3).
  • Routinemäßig EinmalhandschuheKontaminationsschutzEinmalhandschuhe verwenden (immer einige Handschuhe „am Mann“ mitführen).

  • Haut- und insbes. Schleimhautkontakt mit Blut, Speichel, Sekreten, Urin und Stuhl des Pat. unbedingt vermeiden.

  • Bei versehentlicher Kontamination sofortige Desinfektion: grobe Verunreinigungen mit Zellstoff, der mit Desinfektionsmittel getränkt ist, entfernen und danach die betroffene Hautfläche großzügig mit Desinfektionsmittel einreiben.

Hautdesinfektion
  • „Sprühen – wischen (Hautdesinfektionmit Tupfer oder Kompresse) – sprühen“.

  • Mindesteinwirkzeit des Hautdesinfektionsmittels: Venenpunktion: 15–30 s, chirurgische Maßnahmen (z. B. Thoraxdrainage): 1 Min.

  • Händedesinfektion Händedesinfektiondurchführen vor dem Anziehen steriler Handschuhe, nach Kontakt mit potenziellen Infektionsquellen, häufig „mal zwischendurch“.

Umgang mit Sterilgut
  • Sterilgut (Spritzen, Kanülen, Katheter, Drainagen, chirurgisches Besteck, Entbindungsset) Sterilgutnicht durch das Verpackungspapier drücken, sondern Umhüllung immer an den dafür vorgesehenen Stellen auseinanderziehen und Inhalt steril anreichen.

  • „OP-Gebiete“ immer möglichst weiträumig abdecken, sodass auch die verwendeten Materialien bequem und sicher abgelegt werden können.

  • Bes. geeignet zur sterilen Abdeckung sind durchsichtige Lochtücher mit Klebestreifen: können nicht verrutschen und beeinträchtigen nicht die anatomische Orientierung.

Abfallentsorgung
  • Kanülen Abfallentsorgungnie in die Schutzhülle zurückstecken (Verletzungsgefahr), sondern immer umgehend in einem dafür vorgesehenen durchstichsicheren Behälter entsorgen.

  • Keine gebrauchten Kanülen und Skalpelle am Unfallort oder in Patientennähe (z. B. auf der Trage) liegen lassen.

  • Während des Einsatzes Abfall nicht „wild in der Gegend“ verteilen, sondern möglichst an einer Stelle „häufeln“.

  • Möglichst keinen Abfall am Notfallort zurücklassen bzw. sachgerechte Entsorgung sicherstellen.

Besondere Maßnahmen bei ProblemkeimenNicht Problemkeimeselten wird der Rettungsdienst zu Pat. gerufen, bei denen z. B. aus vorangegangenen Krankenhausaufenthalten eine Besiedelung mit Problemkeimen bekannt ist. Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut empfiehlt beim Umgang mit MRSA-besiedelten Pat. neben der Beachtung der allgemeinen Hygieneregeln:
  • das Zielkrankenhaus via ILS vorab über die Infektion des Pat. zu informieren,

  • dem Pat. vor Transport – nach Möglichkeit – frische Wäsche anzulegen,

  • Wunden bzw. Hautläsionen dicht abzudecken,

  • das Anlegen eines Mund-Nasen-Schutzes beim Pat., sofern das diesem zumutbar ist,

  • die Durchführung einer hygienischen Händedesinfektion beim Pat. vor dem Transport,

  • das Tragen von Einmalhandschuhen und Schutzkitteln durch das den Pat. unmittelbar begleitende Personal bis zum Ende des Transports mit abschließender, hygienischer Händedesinfektion nach Ablegen der Schutzausrüstung,

  • dass der Fahrer vor dem Einsteigen in das Führerhaus die ggf. am Einsatzort getragene Schutzausrüstung ablegt und eine hygienische Händedesinfektion durchführt,

  • alle Kontaktflächen im Transportfahrzeug nach Einsatzende zu desinfizieren (es werden schnell wirksame Desinfektionsmittel empfohlen, die Wiederbenutzung des Fahrzeugs ist dann möglich, sobald die Oberfläche spontan getrocknet ist).

Bei Rendezvous-Einsätzen zwischen NEF und RTW kann eine zeitaufwendige Reinigung des NEF nach Einsatzende vermieden werden, wenn alle am Pat. eingesetzten und damit potenziell kontaminierten Ausrüstungsgegenstände ausschließlich im Pat.-Transportfahrzeug (RTW) befördert werden. Die Reinigung der Ausrüstungsgegenstände kann dann nach Übergabe des Pat. im Rahmen der Endreinigung des RTW stattfinden. Danach können die ggf. dem NEF zugeordneten Ausrüstungsgegenstände wieder dorthin verbracht werden, ohne dass im NEF selbst größere Reinigungsmaßnahmen erforderlich wären.
In besonderen Situationen (Abkömmlichkeit des Notarztes, Einsatz eines RTH usw.) können andere Vorgehensweisen effizienter sein.
In jedem Fall sollte auch bedacht werden, dass Pat., die mit sogenannten Problemkeimen besiedelt sind, öffentlichen Verkehrsmittel – zu denen laut RKI explizit auch der nichtqualifizierte Krankentransport zählt – ohne Einschränkungen nutzen dürfen. Sollte sich ein Einsatz bei einem Pat. mit Problemkeim-Besiedlung als nur wenig kritisch herausstellen, so stellt eine MRSA-Besiedlung alleine keinen Grund für die Nutzung des qualifizierten Krankentransports dar. In diesem Fall sollte ein ggf. erforderlicher Transport – natürlich nur, wenn medizinisch vertretbar – mit dem nichtqualifizierten Krankentransport erfolgen, um den sonst unvermeidbar hohen Hygieneaufwand zu minimieren.
Die Anwendung der obigen Hygieneregeln ist mangels anderer, verbindlicher Regelungen auch in Bezug auch auf andere Problemkeime sinnvoll. Bei diesen Infektionen ist es in Ergänzung zu den o. g. Maßnahmen wichtig, dass das Personal einen Atemschutz in Form einer sog. Filtermaske (FFP-2 Maske – auf dichten Sitz achten) und ggf. auch eine Schutzhaube trägt.
Auch der Patient sollte, nach Möglichkeit eine Atemmaske für die Dauer des Transports aufsetzen.

  • Durch Schmierinfektionen werden für den RD relevante multiresistente Erreger (MRE) übertragen: Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA), Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE), Klebsiella spp., Beta-Lactamasen mit breitem Wirkungsspektrum (ESBL), Pseudomonas spp., multiresistente gramnegative Erreger (MRGN), Clostridium difficile und Noroviren.

  • Als vorwiegend aerogene Tröpfcheninfektion sind für den RD relevant: Influenza, Tuberkulose, Meningokokken-Meningitis.

Leichenschau/Todesbescheinigung

Ulrich v. Hintzenstern

Leichenschau

Keine bundeseinheitliche Regelungen → Landesgesetze und -verordnungen:
  • Die Leichenschau Leichenschauist die letzte ärztliche Untersuchung eines (toten) Menschen; dies erfordert zumindest die gleiche Sorgfalt wie die Erstuntersuchung eines Kranken.

  • Nicht in allen Bundesländern ist der NA zur Leichenschau verpflichtet, teils abhängig vom Status des NA (Klinikarzt bzw. niedergelassener Arzt). Teils nur vorläufige Todesbescheinigung durch NA (s. u.).

  • Abbruch von Reanimationsmaßnahmen bzw. festgestellte sichere Todeszeichen müssen dokumentiert werden.

  • Verstöße gegen die Leichenschauvorschriften (z. B. leichtfertige Ausstellung einer unzutreffenden Todesbescheinigung) können durch Ordnungsgeld oder sogar Strafverfolgung des Arztes geahndet werden!

Aufgaben der Leichenschau
  • Sichere Todesfeststellung.

  • Aufdecken von nicht natürlichen Todesarten (insbes. von Tötungsdelikten, Unfällen, Suiziden, z. B. bei Vergiftungen bes. schwierig!).

  • Prävention, Schutz von anderen z. B. bei Stromeinwirkung, CO-, H2S- oder Gasvergiftung.

  • Vermeiden der Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

  • Feststellung von Berufskrankheiten.

  • Datenerhebung für die offizielle Todesursachenstatistik.

  • Qualitätssicherung (z. B. bei Pflegeschäden oder Behandlungsfehlern).

  • Wahrung der Interessen des Toten gegenüber Versicherungen (z. B. keine Leistung der Unfallversicherung bei natürlichem Tod) und Privatpersonen (z. B. Erben).

  • In den meisten Fällen kennt der NA weder den Pat. noch seine Vorgeschichte → falls möglich Hausarzt befragen bzw. diesen die Leichenschau durchführen lassen.

  • Im Prinzip kann eine Todesursache niemals durch eine äußere Leichenschau definitiv geklärt werden.

  • Der Kreislaufstillstand liegt gelegentlich erst so kurz zurück, dass noch keine sicheren Todeszeichen vorliegen → ggf. spätere Rückkehr an den Einsatzort.

  • Abbruch von Reanimationsmaßnahmen bei erkennbarer Erfolglosigkeit (z. B. Nulllinie im EKG über 10 Min., mit Ausdruck dokumentieren).

  • Die Angabe „nicht natürliche“ oder „ungeklärte“ Todesart kann v. a. bei älteren Verstorbenen Kontroversen mit Angehörigen, Polizei und Amtsärzten bewirken (Desinteresse an „Komplikationen“ und Mehrarbeit).

Durchführung
  • Die sorgfältige Durchführung der Leichenschau erfordert erheblichen Zeitaufwand.

  • Keine Leichenschau „in der Öffentlichkeit“ (→ Pat. in RTW verbringen).

  • Angehörigen verdeutlichen, dass die Leichenschau keine Schikane oder Störung der Totenruhe, sondern eine sinnvolle und generell vorgeschriebene Untersuchung ist.

  • Für ausreichende Beleuchtung sorgen, um mögliche Hinweise auf einen nicht natürlichen Tod nicht zu übersehen → ggf. Überführung in eine Leichenhalle.

  • Nur vollständig entkleidete Leichen untersuchen. Bei Leichenstarre ggf. Kleidung aufschneiden → evtl. Angehörige, Polizei, Bestatter hinzuziehen und mithelfen lassen.

  • Haut und Körperöffnungen der Leiche von allen Seiten gründlich inspizieren.

  • Rötliche bzw. kirschrote Leichenflecken als Hinweis auf eine CO-Intoxikation beachten.

  • Hinweise auf Tod durch Ersticken (Strangfurchen am Hals, Würgemale; feine petechiale Blutungen in den Lid-, Binde- oder Mundschleimhäuten, im Gesicht oder hinter den Ohren), für die Einwirkung spitzer oder scharfer Gewalt (Pflaster und Verbände entfernen), für ein SHT (Schädel betasten → abgrenzbare Beule?) oder für eine Vergiftung (Nadelstichverletzung als Hinweis auf i. v. Drogenkonsum, alkoholischer Geruch aus Mund/Nase bei Druck auf den Brustkorb, Ätzgifte → Lippenveränderung, Warnfarbe von Pflanzenschutzmitteln, Tablettenreste im Mund, Erbrochenes)?

  • Tiefe rektale Körperkerntemperaturmessung (evtl. wichtig zur Bestimmung des Todeszeitpunkts → geeignetes Thermometer beschaffen!).

  • Orientierende Untersuchung des Leichenfundorts (z. B. im Hinblick auf Tabletten, Gifte, Spuren, Tatwerkzeuge).

  • Befunde schriftlich mit Zeitpunkt der Beobachtung dokumentieren.

Todesfeststellung

„Sichere“ Todeszeichen
  • Totenflecken (Livores): blauviolette zyanotische Flecken (bei Livoreshellroter Todsichere ZeichenFärbung V. a. TodFeststellungCO-Vergiftung; 9.7.2).

    • Erstes Auftreten an abhängigenTotenflecken Körperpartien, z. B. am Nacken, ca. 30 Min. p. m.

    • Konfluenzbeginn: 2–6 h p. m., vollständige Ausprägung mit Konfluenz nach 6–12 h.

    • Innerhalb der ersten 12 h verschwinden die Livores durch leichten Druck, nach 1–2 d sind sie nicht mehr wegdrückbar.

  • Totenstarre:Beginn 1–4 h p. m., v. a. im Kopfbereich (Unterkiefer).

    • Vollständige Ausprägung nach 6–12 h.

    • Lösung (temperaturabhängigTotenstarre) ca. 2–3 d p. m. (bei 20 °C).

    • !

      Leichenstarre der Augenlider schwer feststellbar.

  • Fäulnis: Beginn nach 2–3 Tagen meist in der Bauchhaut, wenn sich die Leichenstarre löst.

  • Verletzungen, die nicht mit dem Leben vereinbar sind (z. B. Dekapitation).

„Unsichere“ TodeszeichenLeichenblässe Todunsichere Zeichenund -kälte, Atemstillstand, Asystolie, Korneatrübung, weiche Bulbi, weite reaktionslose Pupillen, evtl. entrundet, Reflexlosigkeit.

  • Bei Verzicht auf Reanimationsmaßnahmen bei einer Leiche ohne sichere Todeszeichen → EKG-Null-Linien-Dokumentation über mind. 10 Min. Bei Schrittmacherpat. entspricht eine fehlende Depolarisation dem Null-Linien-EKG.

  • Ein Hirntod ist vom NA nicht diagnostizierbar (EEG bzw. Beobachtung über 12 h erforderlich).

  • Todesfeststellung unter Reanimation (3.5).

  • Bei Leichenfunden, bei denen der V. a. Hirntodeine Gewalttat vorliegt, sofort Polizei verständigen. Der NA ist dafür verantwortlich, dass der Tatort unverändert bleibt und keine Spuren verwischt werden. Also bis zum Eintreffen der Polizei am Tatort bleiben oder klare Absprachen treffen.

Todesbescheinigung

In manchen Bundesländern TodBescheinigungnur „vorläufige Bescheinigung des Todes“ als reine Todesfeststellung. Leichenschau dann durch Hausarzt, kassenärztlichen Notfalldienst, gerichtsärztlichen Dienst o. Ä. nach Todvorläufige Bescheinigungunverzüglicher Verständigung durch den NA.

Identifikation des TotenEintrag entsprechend kommentieren: „persönlich bekannt“, „aufgrund von Ausweispapieren/Angaben Dritter“ bzw. „unbekannt“.
SterbeortBei nicht beobachtetem Todeseintritt: „aufgefunden …“.
Zeitpunkt des TodesBei nicht beobachtetem Todeseintritt „unsicher, tot aufgefunden am … um … Uhr“, „zuletzt lebend gesehen um … Uhr“ bzw. „ungeklärt“.
Todesart
  • „Natürlicher Tod“ (Todnatürlicherdurch Krankheit, Fehlbildung oder Lebensschwäche); in einigen Bundesländern auch „keine Anhaltspunkte für nicht natürliches Geschehen“. Nicht von der Polizei drängen lassen, wider besseren Wissens eine natürliche Todesart zu bescheinigen, z. B. „nur“ aufgrund des Alters oder scheinbar klarer Familiensituation.

  • „Nicht natürlicher Todnicht natürlicherTod“ (z. B. durch Unfall, Suizid, Mord, Gewalteinwirkung, Komplikation medizinischer Behandlung, Intoxikation, Sturz, Ertrinken, aber auch bei einer letztlich „inneren“ Todesursache, die sich aber über eine Kausalkette mit einem nicht natürlichen Ursprungsereignis verbinden lässt, z. B. Lungenembolie nach Gipsruhigstellung, Pneumonie bei verletzungsbedingtem Krankenlager); in einigen Bundesländern auch „Anhaltspunkte für nicht natürliches Geschehen“.

  • „Nicht aufgeklärt, ob natürlicher oder nicht natürlicher Tod“ (z. B. unbekannte Leiche ohne äußere Verletzungszeichen). In Leichenschauscheinen, in denen der Terminus „ungeklärte Todesart“ nicht vorkommt, entsprechenden handschriftlichen Eintrag vornehmen.

  • Bei Verdacht eines nicht natürlichen Todes oder unbekannter Leiche keine TodTodesart, ungeklärteVeränderungen an der Leiche (z. B. keine Entfernung von Kathetern und Tuben nach Reanimation) oder der Auffindungssituation vornehmen (Ausnahme: Aussicht auf Erfolg von Rettungsmaßnahmen). Umgehend Polizei verständigen.

  • Bei „nicht aufgeklärt, ob natürlicher oder nicht natürlicher Tod“ oder „nicht natürlichem Tod“ genügt es, ein sicheres Zeichen des Todes und ggf. einen Verdacht zur Todesursache zu dokumentieren. Die vollständige Leichenschau kann dann unterbleiben, um nicht Spuren zu verwischen. Sie ist dann Sache des zugezogenen Amtsarztes bzw. Gerichtsmediziners.

V. a. eine übertragbare KrankheitBesteht der V. a. einen Seuchenfall, Leiche speziell kennzeichnen, in eine Transportfolie oder ein mit Desinfektionsmittel getränktes Tuch einhüllen, in eine Leichenhalle überführen lassen und den zuständigen Amtsarzt umgehend verständigen. Ansonsten „unbekannt“ eintragen. Problemkeime (MRSA, MRGN etc.) sind kein Grund, eine Leiche als an übertragbarer Krankheit erkrankt zu kennzeichnen.
TodesursacheBei jedem unklaren Todesereignis oder unerwarteten Tod aus scheinbar natürlicher Ursache als Todesursache „ohne Sektion nicht feststellbar“ bzw. „ungeklärt“ eintragen.

  • Nach vollständigem Ausfüllen den Leichenschauschein so verschließen, dass die vertraulichen Angaben (u. a. Todesursache) für Unbefugte nicht einsehbar sind.

  • Die Todesbescheinigung erhält bei natürlichem Tod ein Angehöriger zur Weitergabe an den Bestatter und bei nicht natürlichem oder nicht aufgeklärten Tod die Polizei.

  • In der Todesbescheinigung nur das beurkunden, was man selbst gesehen hat und sicher weiß. Falschangaben und/oder grobe Fahrlässigkeit stellen eine Ordnungswidrigkeit dar und können sogar strafrechtliche Konsequenzen haben.

  • Angaben von Angehörigen können unzutreffend sein.

  • Die äußeren Umstände des Todesfalls können täuschen oder manipuliert sein.

  • Nie von Polizisten zur Bescheinigung eines natürlichen Todes überreden lassen.

Dokumentation

Ulrich v. Hintzenstern
Aufgaben und Ziele der Dokumentation
Jeder DokumentationNA ist verpflichtet (ärztliche Berufsordnung, z. T. einige Landesrettungsdienst-Gesetze), über jeden von ihm behandelten Pat. sachgerechte Aufzeichnungen zu erstellen.
  • Eine standardisierte Dokumentation des RD-Einsatzes ist Voraussetzung für die Datenerfassung und -analyse für das Qualitätsmanagement im RD.

  • Durch eine sorgfältige und umfassende Dokumentation schützt der NA sich und die RD-Mitarbeiter vor ungerechtfertigten Vorwürfen im Rahmen von juristischen Auseinandersetzungen.

Primäre Aufgabe der DokumentationÜbermittlung von eindeutigen und aussagefähigen Informationen über das Notfallgeschehen, die Anamnese, den Erstbefund und die durchgeführten notfallmedizinischen Maßnahmen an die Mitarbeiter der aufnehmenden Klinik (Sicherung wichtiger Befunde für die weitere Diagnostik und Behandlung des Pat.).
Einsatzprotokolle
Die Empfehlung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sieht zur Dokumentation drei Vordrucke vor: Notarzteinsatz- und EinsatzprotokollRettungsdienstprotokoll sowie als gemeinsame Empfehlung mit dem Bayerischen Staatsministerium des Inneren das Intensivtransportprotokoll.
NotarzteinsatzprotokollDokumentation notärztlicher Befunde und Maßnahmen.
Das DIVI-Notarzteinsatzprotokoll (DIVI-NotarzteinsatzprotokollNotarzteinsatzprotokollaktuelle Version: 5.1, Abb. 1.19a) wird mit 1 oder 2 Durchschlägen ausgeliefert. Das Original verbleibt nach der Patientenübergabe im aufnehmenden Krankenhaus. Der 1. Durchschlag wird am Standort des arztbesetzten Rettungsmittels archiviert. Der 2. Durchschlag kann entweder für die persönliche Archivierung des den Einsatz durchführenden Notarztes oder – nach Anonymisierung der personenbezogenen Daten – einer zentralen Datenerfassungsstelle zugeführt werden.
Für die Datenerfassung des DIVI-Notarzteinsatzprotokolls stehen mehrere Software-Versionen zur Verfügung, die z. T. kostenlos abgegeben werden.

Abb. 1.19b

[W793]

DIVI-Notarzteinsatzprotokoll (www.divi.de/empfehlungen/notarztprotokoll-mind)

Rettungsdienstprotokoll (Version 1.0)Dokumentation Rettungsdienstprotokollrettungsdienstlicher Befunde und Maßnahmen. Zusätzlich ist ein Vordruck „Verordnung eines Krankentransports“ beigeheftet.
Auf der Rückseite befinden sich Abschnitte zur Dokumentation einer Transportverweigerung durch den Pat., des Materialverbrauchs und von Zwischenfällen (Komplikationen seitens des Pat., technische und organisatorische Probleme, jeweils mit Bewertung der Relevanz).
Intensivtransportprotokoll (Version 1.0)Das Intensivtransportprotokoll ist eine Weiterentwicklung des DIVI-Notarzteinsatzprotokolls, das die besonderen Dokumentationsanforderungen bei der IntensivtransportprotokollVerlegung von kritisch Kranken berücksichtigt.

Qualitätsmanagement im Rettungsdienst

Ulrich v. Hintzenstern
Im gesamten Bereich der medizinischen Versorgung – so auch im Rettungsdienst – Qualitätsmanagementist die Einrichtung eines Qualitätsmanagements (QM) zur Steigerung der medizinischen Effektivität und der wirtschaftlichen Effizienz geboten und zwingend erforderlich.
Das Qualitätsmanagement im Rettungsdienst unterscheidet die drei Ebenen Strukturqualität, Prozessqualität und Ergebnisqualität.
Strukturqualität
  • Rettungsdienstbereiche: Die räumliche Ordnung und Größe der Rettungsdienstbereiche, die in Deutschland meist durch die kommunale Struktur vorgegeben ist, QualitätsmanagementStrukturqualitätbestimmt entscheidend die Grundproblematik des lokalen Rettungsdienstes, entspricht aber nicht immer den rettungsdienstlichen Erfordernissen.

  • Standorte der Rettungsmittel: Innerhalb der Rettungsdienstbereiche gilt es die richtigen Standorte der Rettungsmittel oder alternative Einsatztaktiken (z. B. mobile Einheiten, Prädiktion von Notfallereignissen) festzulegen, um bei gegebener Hilfsfrist das Sicherstellungsniveau zu optimieren und die gesetzlichen Vorgaben der Landesrettungsdienstgesetze zu erfüllen.

  • Personelle Vorgaben: Bestallung eines Ärztlichen Leiters Rettungsdienst; Organisation einer Gruppe Leitender Notärzte für den Großschadensfall Rettungsdienst; Qualifikation des Notarztes und des eingesetzten Personals in der Leitstelle und den Rettungs- und Krankentransportfahrzeugen.

  • Aus- und Weiterbildung: Art, Inhalt und Vorgaben der Aus- und Weiterbildung für das eingesetzte Personal.

  • Ausstattung: technische Ausrüstung sowie medizinische Ausstattung (Medikamente, Medizintechnik) der Rettungsdienstfahrzeuge, bauliche Voraussetzungen in den Rettungsmittelstandorten und der Rettungsleitstelle.

  • Kommunikation: Zugang zur Leitstelle über eine einheitliche, europaweit einheitliche Notrufnummer (112) für alle nichtpolizeilich Hilfeersuchen (→ integrierte Leitstelle), Optimierung der Kommunikationsstruktur (z. B. Anruferortung, GPS-Ortung der Einsatzfahrzeuge, computerunterstützte Disposition, digitale bidirektionale Funkkommunikation, Vernetzung der Informationsstrukturen Leitstelle – Rettungsmittel – Zielklinik).

  • Organisatorische Rahmenbedingungen: Festlegungen zur Aufgabenverteilung im Rettungsdienst (Krankentransport, Notfallrettung, bodengebundene Rettung, Luftrettung, Primärrettung, Intensivtransport), Konzeption der Schnittstelle zur Zielklinik (z. B. zentrale interdisziplinäre Notaufnahme, ggf. auch mit Beschäftigung des Personals der arztbesetzten Rettungsmittel).

Prozessqualität
  • Strukturen und Prozesse im Rettungsdienst müssen eindeutig definiert und zweifelsfrei festgelegt sein, d. h. sie sollten sich an Normierungsstandards (z. B. Norm QualitätsmanagementProzessqualitätEN ISO 9001: 2008) orientieren. Das betrifft z. B. Abläufe im Verwaltungsbereich, Standardprozeduren auf den Rettungswachen (Geräteüberprüfungen, Einhaltung des MPG sowie der MPBetreibV, Hygienestandards), Dispositionsprozesse auf der Leitstelle (z. B. Verwendung definierter Abfragealgorithmen und Nutzung eine Notarzteinsatzkatalogs), die präklinische Patientenversorgung sowie die Patientenübergabe an der Schnittstelle zur Zielklinik.

  • Präklinische Patientenversorgung: Hier gilt es für die Rettungsassistenten und -sanitäter aber auch für die Notärzte nachvollziehbare Algorithmen und Richtlinien der präklinischen Versorgung vorab festzulegen, die sich an den Richtlinien der medizinischen Fachgesellschaften orientieren sollten (evidenzbasierte Notfallmedizin). Zur Dokumentation sollten im Konsens verabschiedete Protokolle zum Einsatz kommen, z. B. DIVI-Rettungsdienstprotokoll, DIVI-Notarzteinsatzprotokoll, DIVI-Intensivtransportprotokoll (Abb. 1.19a), die zudem elektronisch erfasst und lokal ggf. überregional ausgewertet werden (Benchmarking).

  • Prozessabläufe: Im Rahmen des Qualitätsmanagements im Rettungsdienst sollten die zuvor definierten Prozesse regelmäßig reevaluiert werden. Insbes. gilt es, die Einhaltung der Hilfsfrist und des Sicherheitsniveaus kurzfristig zu erfassen. Zur Prozessanalyse ist ein Datenrücklauf der klin. und einsatztaktischen Befundkonstellation vom Einsatzort an die Leitstelle notwendig, um die Sinnhaftigkeit der Dispositionsentscheidung zu evaluieren. Ein Datenrücklauf aus der Zielklinik an den Notarzt/Ärztlichen Leiter Rettungsdienst ist unabdingbar notwendig, um die Prozessabläufe der präklinischen Versorgung zu evaluieren.

Ergebnisqualität
  • Standardisierte Auswertungen präklinisch häufiger und medizinisch relevanter Tracer-Diagnosen, z. B. akutes Koronarsy., akuter QualitätsmanagementErgebnisqualitätSchlaganfall, schweres SHT/Polytrauma, schwere Atemnot, plötzlicher Herztod mit präklinischer Reanimationsbehandlung, welche vom European Resuscitation Council (ERC) als „First-hour-Quintett“ bezeichnet werden.

  • Zur standardisierten Auswertung sollten unter anderem die Häufigkeit des Auftretens der Erkrankung, die Zeit bis zur definitiven Behandlung (Defibrillation bei Kammerflimmern, Thrombolyse bei Herzinfarkt, Entlastung des epiduralen Hämatoms etc.), die Befundänderung bis zur Krankenhausaufnahme und das endgültige Behandlungsergebnis gehören.

  • Die Ergebnisqualität lässt sich nur bewerten, wenn überregionale Auswertungen und Vergleiche im Sinne eines Benchmarking möglich sind. Insofern sollten Initiativen zur zentralen Auswertung rettungsdienstlicher Daten und der Aufbau rettungsdienstlicher Datenbanken unterstützt werden (z. B. Notarzteinsatzerfassung in Baden-Württemberg, das Reanimationsregister der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, das Projekt „Referenzdatenbank Rettungsdienst“ der Bundesanstalt für Straßenwesen).

  • Bestimmung von Parametern zur Effizienzberechnung (Division der Kosten durch die erzielten Leistungen, z. B. Kosten pro Pat., der mit Kreislauf nach präklinischer Reanimation zur Aufnahme in ein Krankenhaus kommt).

Probleme des Qualitätsmanagements im Rettungsdienst

  • Fehlende finanzielle Mittel.

  • Lokale organisatorische Restriktionen.

  • Fehlende Einigkeit über grundlegende Elemente des Qualitätsmanagements.

  • Mangelnde Motivation der Mitarbeiter bezüglich des Engagements in Fragen des Qualitätsmanagements.

  • Wissenschaftliche Outcome-Studien (z. B. zum Reanimationserfolg, SHT/Polytraumaversorgung) sind anspruchsvoll und z. T. problematisch, da zumeist der Informationsrücklauf aus dem Krankenhaus unvollständig ist und der Rettungsdienst im Vergleich zur folgenden Krankenversorgung nur einen relativ kurzen Teil der Patientenversorgung übernimmt → die Anteile der rettungsdienstlichen Versorgung am Therapieergebnis sind somit oft schwierig zu beurteilen.

Empfehlungen
  • Wie in den meisten Dienstleitungsbereichen ist das Qualitätsmanagement zunächst stark personengebunden → die Verbreitung sowie das „Vorleben“ des QM-Gedankens durch Vorgesetzte ist essenziell!

  • Die Bestallung eines möglichst hauptamtlichen „Ärztlichen Leiters Rettungsdienst“ hat sich als höchst effizient erwiesen, ein medizinisches Qualitätsmanagement umzusetzen. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem die Definition von Zielen, sowie die Planung, Festlegung, Durchführung und Überprüfung von entsprechenden Maßnahmen zur Erreichung der Ziele.

  • Qualitätsmanagement muss sowohl standortbezogen (intern/lokal) als auch standortübergreifend (extern/überregional) betrieben werden.

  • Die Finanzierung des medizinischen Qualitätsmanagements ist Aufgabe der Kostenträger, da es unmittelbar den Pat. zugutekommt.

Zusammenfassung
  • Qualitätsmanagement im Rettungsdienst ist keine „Liebhaberei einer interessierten Minderheit“, sondern schließt die gesamte Organisation des Rettungsdienstes, das ärztliche und nichtärztliche Personal, besondere Bereiche (Leitstelle, Intensivtransport) sowie sämtliche spezifischen Funktionen (Organisatorischer Leiter RD, Lehrrettungsassistent, Leitender Notarzt, Ärztlicher Leiter Notarztstandort, Ärztlicher Leiter RD) mit ein.

  • Qualitätsmanagement muss permanent, ernsthaft und konsequent betrieben werden.

  • Qualitätsmanagement bedeutet auch Transparenz von Leistungen und Kosten. Nur durch den Nachweis entsprechender Erfolge bezüglich klin. Wirksamkeit und gleichzeitiger wirtschaftlicher Effizienz können eine Begrenzung oder gar Abschaffung des Notarztdienstes verhindert werden.

Traumaversorgungskonzepte

Uwe Lehmann und Ulrich v. Hintzenstern

ATLS

Konzept und IdeeDas Advanced Trauma Life SupportATLS-Ausbildungskonzept (Advanced Trauma Life Support) ist mittlerweile weltweit verbreitet und vermittelt ein standardisiertes und prioritätenorientiertes Management schwer verletzter Pat. im Schockraum. Der Zustand des Traumapatienten soll zügig und präzise erhoben werden, um anhand des Gesamtverletzungsmusters unter Zugrundelegung der eigenen Ressourcen über eine definitive Behandlung des Pat. oder dessen Verlegung zu entscheiden.
Ziel ist es, einen Sekundärschaden zu vermeiden, die Behandlungszeit möglichst kurz zu halten und eine gleichbleibende Qualität in der Versorgung aufrecht zu halten. Dazu werden systematisches Wissen, Techniken, Fertigkeiten und Verhalten in Diagnostik und Therapie in Kursen vermittelt, die Ärzte aller Fachrichtungen erreichen soll, die an der Versorgung schwer verletzter Pat. im Schockraum beteiligt sind.
ATLS ist ein Ausbildungskonzept, das sehr stringent und standardisiert diagnostische und therapeutische Behandlungsabläufe der frühen Schockraumphase vorgibt. ATLS orientiert sich hierbei individuell an den Patientenbedürfnissen sowie an den vorgegebenen Rahmenbedingungen. Damit lässt sich ATLS in einem Klinikum der Maximalversorgung genauso adaptieren wie in einem Kreiskrankenhaus mit 100 Betten. ATLS ist somit kein fester Algorithmus, sondern ein rein innerklinisches Konzept.
InhalteEs gibt zwei Untersuchungsdurchgänge zum Erfassen des wesentlichen Gesamtbilds eines Traumapatienten. Wichtig hierbei ist die frühe Einschätzung und Behandlung der vital bedrohlichen Störungen und des Gesamtzustands und nicht die detaillierte Erfassung und Behandlung aller Einzelverletzungen.
Im Primary-Survey wird in fester Reihenfolge das „ABCDE“ im ATLS abgearbeitet:
  • A: Airway and Cervical Spine Protection

  • B: Breathing

  • C: Circulation

  • D: Disability

  • E: Exposure and Environment

Prinzip: „Treat first what kills first!“
Der Secondary-Survey erfolgt erst, wenn alle Probleme des Primary-Survey abgearbeitet und gelöst sind. In diesem zweiten Untersuchungsgang werden detailliert alle Verletzungen auch unter Einsatz technischer Diagnose-Hilfen (Röntgen/Sono/CT) erfasst.
AnwendungATLS ist ein durch das American College of Surgeons (ACS) lizensiertes Ausbildungskonzept, das seit 1976 international Verbreitung und Anwendung findet. Die Kursinhalte sind international absolut identisch, sodass ATLS-Provider untereinander immer „die gleiche Sprache“ sprechen, d. h. eine nahtlose Zusammenarbeit ist gewährleistet.
Der ATLS-Provider-Kurs dauert 2 Tage und wird durch die AUC (Akademie der Unfallchirurgie), einen Wirtschaftsbetrieb der DGU (Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie) sowohl in festen Kurszentren als auch in sogenannten „In-House-Kursen“ angeboten.
Mittlerweile wird das begleitende ATLS-Kursbuch auch in deutscher Sprache herausgegeben.
Nachteile
  • Durch die stringenten Vorgaben des ACS sind die Kursinhalte teilweise unflexibel.

  • Eine jeweils nationale Adaptation war anfangs nicht gestattet und wurde in jüngster Zeit erst langsam umgesetzt. So nimmt z. B. das Thema Schussverletzungen, bedingt durch die amerikanischen Wurzeln des Konzepts, einen großen Teil der Ausbildung ein, während dieses Thema in Deutschland bislang keine wesentliche Relevanz hat.

  • Aufgrund der hohen Lizenzgebühren für das Kurskonzept sind die Kurskosten relativ hoch, was eine breit gestreute Ausbildung hemmt.

In Europa formiert sich mittlerweile ein sehr ähnliches, aber weniger kommerziell und auf europäische Bedürfnisse angepasstes Kurskonzept, European Trauma Courseder European Trauma Course (ETC).

PHTLS/ITLS

Basierend International Trauma Life SupportPrehospital Trauma Life Supportauf den ATLS-Inhalten entstand wenig zeitversetzt die präklinisch orientierte Variante, der Prehospital Trauma Life Support (PHTLS) sowie parallel in den USA der International Trauma Life Support (ITLS), ebenfalls ein präklinisches, für nichtärztliches Rettungspersonal ausgelegtes Konzept zur systematischen Abarbeitung eines Trauma-Pat. ATLS und PHTLS sind untereinander perfekt kompatibel.
Derzeit findet ITLS in Deutschland insbesondere bei den nichtärztlichen Rettungsdienstanwendern eine höhere Akzeptanz. Inhaltlich sind die Kurskonzepte einander sehr ähnlich.

Traumanetzwerke

Durch die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) wurde 2008 das Projekt TraumaNetzwerk DGU® initiiert, um die Prozess- und Strukturqualität geprüfter Kliniken in einer Region zu optimieren, die sich regelmäßig, d. h. alle 3 Jahre, einer zertifizierten Vernetzung unterziehen und regelhaft die Versorgung Schwerverletzter gewährleisten. Sowohl Rettungsdienste, Ärzte, als auch kompetente Einrichtungen und Zentren zur Behandlung spezieller Verletzungsmuster wie Rückenmark-, Schwerbrandverletzten und Replantationszentren sind darin eingebunden. Die zweite Auflage des Weißbuches sichert dabei die Vorgaben der Versorgungsqualität und wird in Zukunft auch Institutionen zur Rehabilitation und ambulanten Weiterbehandlung in eines der Traumanetzwerke einbinden.
Ein Traumanetzwerk zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
  • Je nach Versorgungsstufe wird zwischen lokalen, regionalen und überregionalen Traumazentren differenziert. Neben fachlichen Kompetenzen verfügen diese über spezielle personelle, strukturelle und apparative Ressourcen, wie z. B. in der Ausstattung eines Schockraums.

  • Es wird die Aufnahme Schwerverletzter rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr durch jedes Traumazentrum gewährleistet.

  • Durch definierte Kriterien wird ein Schwerverletzter einer Klinik zugewiesen; dabei sollte die Rettung und Erstversorgung eines Pat. innerhalb von etwa 30 Minuten erfolgen und dieser entsprechend seinem Verletzungsmuster in einem dafür geeigneten Traumazentrum eintreffen.

  • Der Versorgung von Schwerverletzten werden Algorithmen gemäß evidenzbasierten Leitlinien zugrunde gelegt, die u. a. auf die S3-Leitlinie Polytrauma und Schwerverletztenversorgung zurückgreift.

  • In Zukunft wird die flächendeckende telemedizinische Kommunikation innerhalb sowie zwischen den Traumanetzwerken zur schnellen Übertragung von Bilddaten sowie anderen Informationen durch das Projekt TeleKooperation TNW® weiter ausgebaut werden.

  • Zur Verbesserung der Versorgungsqualität verpflichten sich die Kliniken, an internen und externen qualitätssichernden Maßnahmen teilzunehmen und im Rahmen dessen Behandlungsdaten Unfallverletzter in das Traumaregister DGU® einzugeben. Dadurch können medizinische Behandlungsmethoden hinsichtlich ihrer Effektivität untersucht und Abläufe optimiert werden. Dazu gehört es weiterhin, für Ärzte und Pflegepersonal Hospitationen, Austauschprogramme und gezielte Fort- und Weiterbildungsprogramme wie z. B. ATLS oder PHTLS anzubieten, um eine noch höhere Qualifizierung zu erreichen.

  • Innerhalb eines Netzwerkes findet ein Abgleich der Traumazentren hinsichtlich der Vorhaltung spezifischer fachlicher Kompetenzen nach medizinischen Notwendigkeiten und Entwicklungen statt.

Nach aktuellem Stand wird Deutschland seit 2015 flächendeckend durch 52 Traumanetzwerke und aktuell 615 beteiligte Kliniken (Stand: Juli 2016) versorgt. Zunehmend findet eine Etablierung auch in den benachbarten Ländern Österreich, Schweiz, Niederlande, Belgien und Luxemburg statt.
Der NA sollte über Folgendes an seinem Standort informiert sein:
  • Welches Traumanetzwerk ist in meiner Region zuständig?

  • Gibt es ein Schockraum-Anmelde-Protokoll/-Verfahren?

  • Welche Versorgungsmöglichkeiten bieten die Kliniken innerhalb des zuständigen Traumanetzwerkes?

Risikomanagement im Notarztdienst

Joachim Koppenberg und Ulrich v. Hintzenstern
Problematik
Notarzteinsätze sind häufig gekennzeichnet durch Stress und Zeitdruck in Kombination mitRisikomanagement häufig wechselnden Teams mit unterschiedlicher Qualifikation. Der NA wird mit ihm unbekannten, häufig vital bedrohten Notfallpatienten aus allen medizinischen Fachgebieten und sämtlichen Altersgruppen konfrontiert. Zudem kommen teilweise selten praktizierte invasive Techniken zum Einsatz (z. B. Thoraxdrainage, Koniotomie). Dadurch ist die Notfallmedizin grundsätzlich für das Auftreten von systematischen Fehlern prädestiniert:
  • Ca. 70 % aller Fehler sind dabei durch den „Faktor Mensch“ verursacht.

  • Ca. 80 % der Fehler aus diesem Bereich gelten durch die Einführung einer Sicherheitskultur als potenziell vermeidbar.

Typische Fehlerquellen im Notarztdienst

  • Medikamentenverwechslungen: v. a. bei ähnlich klingenden Medikamentennamen oder ähnlich aussehenden Ampullen: „sound alike – look alike drugs“, z. B. Esmeron® – Esmolol.

  • Technische Probleme: z. B. falsch zusammengebautes Rückschlagventil am Notfallbeatmungsgerät.

  • Organisatorische Probleme: z. B. unklare Kompetenzenregelung.

  • Kommunikationsprobleme: z. B. mangelnde Kommunikation bei der Übergabe im Schockraum.

Systematische Ansätze zur Fehlervermeidung
Strukturiertes RisikomanagementAnalog zu dem bekannten PDCA-Zyklus aus dem Qualitätsmanagement wurde ein Regelkreis aus 4 Schritten etabliert, der immer wieder von vorne beginnt:
Risikoidentifizierung: Definition der möglichen Risiken, die Pat. oder RD-Mitarbeiter treffen können. Geeignete Instrumente dabei sind z. B. das CIRS (Critical Incident Reporting System) oder gegenseitige Sicherheitsvisiten („peer review“). Dabei sollten auch sog. „never events“ definiert werden (z. B. Schädigung/Tod eines Pat. durch unerkannte Fehlintubation oder Schädigung eines NACA III-Pat.).
Risikobewertung: Quantifizierung der Risiken und Klärung möglicher Auswirkungen. Das Risikoausmaß und damit die Dringlichkeit der Risikobewältigung werden durch die kombinierte Bewertung der Wahrscheinlichkeit für das Auftreten des Risikos und die zu erwartende potenzielle Schadensgröße erfasst. So können die zu treffenden Maßnahmen priorisiert werden.
Risikobewältigung: Aufgrund der Identifikation und Bewertung der Risiken werden entsprechende Folgerungen gezogen und Gegenmaßnahmen eingeleitet (z. B. durch Etablierung von Standards und Einführung von Checklisten, s. a. Praktische Tipps zur Fehlervermeidung).
Risikoüberwachung: Schaffung eines Systems zur frühzeitigen Erkennung und Bewertung von neuen Zwischenfällen bzw. Beinahe-Zwischenfällen, um neue Risiken mit ihren potenziellen Schadensmöglichkeiten rechtzeitig minimieren bzw. neutralisieren zu können (z. B. durch ein CIRS [Critical Incident Reporting System]) als Frühwarnsystem (z. B. www.cirs-notfallmedizin.de).

Teilnahme an CRM(Crisis Resource Management)-Trainingskursen

  • CRM-Schulungen, die meist im Rahmen von Simulationstrainings stattfinden, zielen beim Thema Fehlervermeidung konkret auf den „Faktor Mensch“.

  • Dabei werden Techniken vermittelt zur Situationswahrnehmung und Steuerung der Aufmerksamkeit, zur Koordination der Arbeitsabläufe, zur Entschlussfassung und -realisierung sowie zur Zusammenarbeit der beteiligten Berufsgruppen.

  • Eine zentrale Stellung nimmt dabei die Stärkung der verbalen und non-verbalen Kommunikationskompetenz und die Schaffung einer Sicherheitskultur ein.

Praktische Tipps zur Fehlervermeidung
  • Einführungskonzept für neue Mitarbeiter erarbeiten.

  • Klar definierte Kompetenzzuteilungen festlegen (in Zusammenarbeit mit dem ärztlichen Leiter des Rettungsdiensts = ÄLRD).

  • Standards etablieren und Checklisten erstellen (z. B. Stroke- oder ACS-Protokoll).

  • Regelmäßiges praktisches Training (z. B. Thoraxdrainagenanlage, intraossäre Infusion, BLS-, ACLS-, PALS und ATLS-Kurse, Simulationstraining).

  • Teilnahme an CRM(Crisis Resource Management)-Trainingskursen inkl. Kommunikationstraining.

  • Ablauf und Probleme selten auftretender Notfallsituationen (z. B. Geburt) mit den RD-Mitarbeitern besprechen und nach Möglichkeit trainieren.

  • Regelmäßige Schulungen zum Thema Geräte (Defibrillator, Notfallbeatmungsgerät) und Notfallmedikamente (Wirkungen, Nebenwirkungen, Dosierungen, Besonderheiten) durchführen.

  • Technische Geräte regelmäßig auf Funktionstüchtigkeit überprüfen (auch außerhalb des MPG).

  • Auf einen übersichtlichen Medikamentenstamm beschränken und Präparate eines Wirkstoffs möglichst selten gegen preisgünstigere wirkstoffgleiche Medikamente austauschen (z. B. Lasix, Furosemid, Furorese, Furo-CT).

  • Alle Anordnungen konsequent mündlich bestätigen (sog. „read backs“).

  • Permanente Aufmerksamkeit beim Aufziehen von Medikamenten.

  • Doppelte Kontrolle (4-Augen-Prinzip) vor der Injektion: dem NA die leere Ampulle zusammen mit der Spritze zeigen. Verdünnungen z. B. bei Kindern vereinheitlichen, definitiv bestätigen lassen oder selbst vornehmen.

  • Verwendung von standardisierten Medikamenten-Etiketten (DIVI gemäß ISO 26825).

  • Eindeutig festlegen, ob Angaben entweder immer in ml-Einheiten oder mg angegeben werden. Immer mündlich klar anweisen: z. B. „Gib 5 mg Midazolam“ statt „Gib 5 Midazolam“ (ml oder mg?).

  • Pat. auch beim Notfalleinsatz immer aktiv identifizieren und patientenzentriert kommunizieren.

  • Alle verfügbaren technische und personelle Ressourcen optimal nutzen und Hilfe rechtzeitig anfordern (z. B. RTH, LNA).

  • Aktive Nutzung von Checklisten, Merkhilfen etc.

  • Bei Unsicherheiten oder Unklarheiten bzgl. Verständigung oder Abläufen diese aktiv im Team ansprechen („speak up“) und ausräumen im Sinne einer Sicherheitskultur. Jedem Teammitglied sollte das Recht eingeräumt werden, Unsicherheiten und Unklarheiten anzusprechen und diese zu klären.

  • Bei Blockaden bzw. Problemen alle Handlung kurz einstellen (ca. 10 s) und aktiv die Situation mit allen Beteiligten analysieren und das weitere Vorgehen für die nächsten 10 Min. vereinbaren („10-für-10-Prinzip“).

  • Regelmäßige Reevaluation der Situation – Notfälle sind oft sehr dynamisch und die Voraussetzung ändern sich ggf. schnell.

  • Übergaben im Krankenhaus bzw. im Schockraum strukturiert und stringent durchführen.

  • Einsatzdebriefing nutzen für Klärung möglicher sicherheitsrelevanter Punkte.

Grunderkenntnis Fehlermanagement: Fehler werden nicht absichtlich gemacht, sondern entstehen meist aufgrund systematisch schlechter Rahmenbedingungen, die durch entsprechende Maßnahmen optimiert werden können.

Kontroversen in der Notfallmedizin

Ulrich v. Hintzenstern und Harald Strauss
Die Notfallmedizin ist wie die gesamte Medizin einem ständigen Wandel Kontroversenunterworfen. Oft vergehen mehrere Jahre von der Erarbeitung von Leitlinien bis zu ihrer Publikation bzw. bis eine Überarbeitung oder Aktualisierung stattfindet. Daher sind die neuesten Studien in den Leitlinien meist nicht berücksichtigt und stehen teilweise im Widerspruch zu ihnen.
Gerade in der Notfallmedizin ist ein pragmatisches Vorgehen obligat. Dies betrifft auch die Auswahl der Medikamente. Daher ist es sinnvoll, eine überschaubare Anzahl von Notfallmedikamenten zur Verfügung zu haben, die möglichst breit und sicher einsetzbar sind.
Zu einigen auch in der Notfallmedizin eingesetzten Medikamenten gibt es neuere Studien bezüglich möglicher Nebenwirkungen. Da die Ergebnisse dieser Untersuchungen meist nicht unter präklinischen Bedingungen, sondern bei ausgewählten Patientengruppen (z. B. Septikern) gewonnen wurden, ist die Übertragung der Studienresultate auf Notfallpatienten nicht unkritisch zu sehen und wird z. T. sehr kontrovers diskutiert. Deshalb können zur Zeit der Drucklegung dieses Buches teilweise keine allgemeingültigen Empfehlungen für die Präklinik gegeben werden.
Aus diesem Grund macht es Sinn, sich Alternativen zurechtzulegen, deren „Gültigkeit“ aber regelmäßig kritisch hinterfragt werden muss.
Etomidat
Etomidat ist das Narkoseeinleitungshypnotikum mit schneller Anschlagszeit EtomidatKontroverseund den geringsten hämodynamisch bedeutsamen Nebenwirkungen. Diskutiert wird die Möglichkeit, dass bereits eine Einzelbolusgabe im Rahmen einer Narkoseeinleitung ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Nebennierenrindeninsuffizienz mit der möglichen Konsequenz für eine ungünstige Überlebens- und Komplikationsrate v. a. bei kritisch kranken und schwer traumatisierten Pat. sein könnte.
Eine in dieser Hinsicht sicherere Alternative wäre die Kombination aus Propofol und Esketamin zur Narkoseeinleitung.
Hydroxyethylstärke (HES, HAES bzw. HÄS)
Die derzeitige Datenlage zur Anwendung von Hydroxyethylstärke beruht insbesondere auf Untersuchungen an kritisch HydroxyäthylstärkeKontroversekranken Sepsispatienten. Es gibt wichtige Hinweise darauf, dass der Nutzen von hydroxyethylstärkehaltigen Infusionslösungen die Risiken nicht länger überwiegt, was einen kritiklosen Einsatz dieses Kolloids auch in der Notfallmedizin verbietet.
Als pragmatisches Vorgehen bei präklinischen Pat. mit relevantem Blutverlust bzw. Volumenmangel empfiehlt sich primär die Infusion von 1–2 l balancierter Vollelektrolytlösung (s. u.). Falls daraufhin keine Kreislaufstabilisierung eintritt, sollte weiterhin Hydroxyethylstärke 130/0,4 eingesetzt werden (aber nur in balancierter Basislösung).
Vor dem Hintergrund der Diskussion um den Einsatz von hydroxyethylstärkehaltigen Infusionslösungen könnten Gelatinelösungen aufgrund ihrer fehlenden renalen NW sowie ihrer weitgehenden Gerinnungsneutralität (bei allerdings etwas geringerem Volumeneffekt) an Bedeutung gewinnen.
Kristalloide Infusionslösungen
Entscheidend Kristalloide InfusionslösungenKontroversefür die Auswahl einer kristalloiden Standardinfusionslösung in der Präklinik ist der Gesichtspunkt, dass auch große Mengen möglichst nebenwirkungsarm infundiert werden können. Dafür kommen grundsätzlich ausschließlich möglichst isotone Vollelektrolytlösungen infrage:
  • NaCl 0,9 % (renale Vasokonstriktion, Abnahme der Diurese, hyperchlorämische Dilutionsazidose)

  • „Klassische“ Ringer (Dilutionsazidose)

  • Ringerlaktat (Aktivierung neutrophiler Granulozyten sowie iatrogener Anstieg des Plasmalaktatspiegels)

  • Ringermalat (leicht hypoton)

  • Ringeracetat (leicht hypoton)

Derzeit haben sich im klinischen Gebrauch die (leicht hypoosmolale) Ringeracetat- bzw. Ringermalat-Lösung als universelle Standardlösung durchgesetzt, da diese eine geringe Menge freies Wasser für die Nierenfunktion zur Verfügung stellen sowie eine leicht alkalisierende Potenz durch die Metabolisierung des Acetats bzw. Malats besitzen.
Da für Ringermalat wesentlich weniger klinische Studien als für Ringeracetat vorliegen, wird in diesem Buch Ringeracetat als Standardinfusionslösung empfohlen.
Aus mehr theoretischen Erwägungen sollte beim isolierten Schädelhirntrauma eine möglichst balancierte plasmaadaptierte Infusionslösung bevorzugt werden. Aus pragmatischen praxisorientierten Überlegungen wird jedoch in dieser Auflage für alle Notfallsituationen durchgängig eine balancierte Ringeracetatlösung empfohlen.
Sauerstoff
In der Diskussion ist die Sauerstoffgabe in der Notfallmedizin durch Untersuchungen zur Anwendung SauerstoffgabeKontroversewährend der Reanimation nach Wiederherstellung des Spontankreislaufs sowie beim akuten Koronarsyndrom („Reperfusionsschaden“). Die Frage ist, ob ein isolierter Faktor, z. B. eine Sättigung von 99 % in der präklinischen Phase, das Outcome von Notfallpatienten nachweisbar negativ beeinflussen kann.
Unstrittig ist, dass während einer Reanimation maximale Sauerstoffkonzentrationen einzusetzen sind. Für alle anderen Notfallsituationen bei einem spontan atmenden Pat. empfiehlt sich ein pragmatisches Vorgehen, bei dem Sauerstoff in der Menge angeboten wird, dass eine spO2 von 96–98 % erreicht wird. Mit einer O2-Dosierung von 2–4 l/Min. per Nasensonde/-brille wird dabei eine FiO2 < 0,4 und damit ein „sicherer“ paO2 < 300 mmHg erzielt.

  • Zu vermeiden ist grundsätzlich eine sicher schädliche Hypoxie sowie eine möglicherweise schädliche erhebliche Hyperoxie (paO2 > 300 mmHg).

  • Bei beatmeten Pat. sollte zunächst 100 % O2 verwendet und die Sauerstoffkonzentration nur unter pulsoxymetrischer Kontrolle stufenweise reduziert werden bis zu einem Minimalwert von 96 %.

Succinylcholin versus Rocuronium
Die SuccinylcholinKontroverseSicherung des Atemwegs ist in der Präklinik signifikant schwieriger als in der Klinik. Durch eine Relaxierung werden die Intubationsbedingungen deutlich verbessert und die Risiken für Folgeschäden (z. B. Blutungen, Atemwegs- und Zahnverletzungen) gesenkt. Daher sollte nach strenger Indikationsstellung zur Intubation der Einsatz eines Muskelrelaxans in der Präklinik Standard sein.
Für die Relaxierung bei einer RSI (Rapid Sequence InductionRapid Sequence Induction) im Rahmen einer präklinischen Notfallnarkose (nicht nüchterner Pat.!) stehen die Muskelrelaxanzien Succinylcholin und Rocuronium zur Verfügung.
Bei der Gabe von Succinylcholin 0,8–1,0 mg/kg KG oder Rocuronium 1,2 mg/kg KG bestehen nach 60 s identische Intubationsbedingungen. Die Wirkdauer bis zur vollständigen Erholung wird bei diesen Dosierungen mit 7–10 Min. bei Succinylcholin bzw. 120 Min. bei Rocuronium angegeben. Succinylcholin kann zwar nicht antagonisiert werden, da aber die Antagonisierung von Rocuronium durch das Aufziehen von 6 Amp. (16 mg/kg) des Antidots (Sugammadex) mit einer zeitlichen Verzögerung von mehreren Minuten geschieht (Zeit bis Entscheidung zum Einsatz von Sugammadex; Berechnung, Aufziehen und Injizieren der entsprechenden Dosis) und der Wirkbeginn des Antidots dann erst nach 3 Min. zu erwarten ist, spielt dieser Nachteil im RD keine Rolle.
Unter diesen Gesichtspunkten kann Succinylcholin als sicheres Relaxanz in der Präklinik gelten.

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