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B978-3-437-45165-2.00010-7

10.1016/B978-3-437-45165-2.00010-7

978-3-437-45165-2

Abb. 10.1

[L157]

Körperdreiecke nach Castillo Morales: a) kontrollierte Stützaktivität, b) zu breite Basis der Dreiecke, keine Stützaktivität

Abb. 10.2

[O172]

Atembild: Das Kind malt mit einem Stift die gestrichelten Linien nach und atmet summend aus (Lippenbremse)

Frühkindliche ReflexeReflexe, frühkindliche

Tab. 10.1
Reflex Auslösung Reaktion physiologisch Waltezeit Bemerkungen
Nutritionsreflexe/Ernährungsreflexe
Saugreflex Kl. Finger mit Fingerbeere nach oben in den Mund des Säuglings schieben Rhythmische Zungenbewegung, kräftiges salvenartiges Saugen ≈ 0.–3./4. Monat Kann bei gestillten Kindern deutlich länger dauern
Suchreflex Mit dem Finger auf der Lippe von der Mitte zum Mundwinkel hin ausstreichen Kopfwendung zum Stimulus und Mundöffnung ≈ 0.–6. Woche Kann bei gestillten Kindern deutlich länger dauern
Rooting Mit dem Finger vom Mundwinkel ausgehend über die Wange streichen Kopfwendung und Suche nach dem Stimulus mit leichten Kopfpendelbewegungen ≈ 0.–3. Monat
Babkin-Reflex Gleichzeitiger leichter punktueller Druck in beide Handinnenflächen Mundöffnung und HWS-Extension ≈ 0.–4. Woche Ist ab 6. Woche pathologisch und tritt häufig bei Hirnschädigungen auf
Greifreflexe
Handgreifreflex Th. legt Finger in die Handfläche des Kinds (gefaustete Kinderhände öffnet man, indem man über den Handrücken streicht) Das Kind umklammert den Finger so fest, dass man es daran hochziehen könnte. ≈ 0.–5. Monat Wird vom Handstütz und willkürlichen Greifen der Hand abgelöst
Fußgreifreflex Berühren bzw. leichten Druck auf den Fußballen ausüben Zehen krallen sich zusammen, lösen sich wieder, wenn der Druck nachlässt bzw. die Berührung beendet wird ≈ 0.–10./12. Monat Mit beginnender Stützaktivität beginnt sich der Reflex abzuschwächen, wird von der Fähigkeit zu stehen und gehen überlagert.
Motorische Augenreflexe
Glabellareflex Druck auf die Mitte der Stirn, etwa zwischen den Augenbrauen Augen schließen sich ≈ 0.–2./3. Monat Möglichkeit zur Diagnostik einer Fazialisparese
Puppenaugenphänomen Th. dreht den Kopf des Kinds zu einer Seite Die Augen wandern starr (wie bei einer Puppe) mit. ≈ 0.–10. Lebenstag Der vestibulookulare Reflex (motorische Gegensteuerung der Augen zur Blickfixation während der Kopfrot.) löst das Puppenaugenphänomen ab.
Jenseits des 10. Lebenstags Hinweis auf schwere Hirnschädigung.
Beinreflexe
Magnetreflex Kind in RL: bei gebeugten Hüften und Knien Druck mit beiden Daumen auf beide Fußsohlen und Hände langsam zurückziehen Der Kontakt zwischen Fingern und Füßen bleibt bestehen, die Beine werden langsam gestreckt. ≈ 0.–6./8. Woche
Gekreuzter Streckreflex Kind in RL: Ein Bein wird vom Th. mit Add./IR der Hüfte angebeugt, evtl. Druck ins Hüftgelenk geben. Das freie Bein streckt sich in Hüfte, Knie und Fuß und die Zehen werden fächerförmig abgespreizt. ≈ 0.–6. Woche Reziprokes Innervationsmuster, bleibt lebenslang als Schutzreflex erhalten
Extensorenstoß der Beine Kind am Rumpf vertikal halten, beide Beine auf die Unterlage bringen und Gewicht übernehmen lassen Das Kind übernimmt kurzzeitig Gewicht und „steht“, das Nachlassen der Extensorenaktivität gehört ebenfalls zur physiologischen Reflexantwort. ≈ 0.–4. Woche
Suprapubischer Reflex Kind in RL: Druck mit Daumen oberhalb der Symphyse nach dorsal kaudal Lockere Streckung beider Beine in den ersten 4 Wochen, dann werden die Beine angebeugt ≈ 0.–4. Woche ≈ 1.–3. Monat
Rumpfaktivitäten
Gehautomatismus Schreitreaktion Das Kind wird mit beiden Händen am Rumpf vertikal gehalten. Drückt man die Fußsohle des einen Beins in die Unterlage, dann beugt sich das andere Bein. Abwechselnder Druck auf die Fußsohlen vermittelt die alternierende Bewegung des Schreitens, dabei ist der Oberkörper des Kinds leicht nach vorne gehalten. ≈ 0.–4. Woche
Placing-Reaktion (Steigreaktion) Kind wird am Rumpf unter den Armen gehalten. Die Füße sind unterhalb der Tischkante. Langsam zieht man das Kind nach oben wobei die Tischkante über den Fußrücken streicht. Das Kind zieht den Fuß auf den Tisch. Es erweckt den Anschein, als ob es auf den Tisch „steigen“ möchte. ≈ 0.–2. Monat
Bauer-Reaktion (Kriechreaktion) Kind in BL: mit den Daumen auf die Fußsohlen drücken Kind beginnt alternierend zu kriechen ≈ 0.–4. Monat Schwächt sich mit zunehmender Rumpfstabilität in Rückenlage ab
Galant-Reflex Das Kind wird horizontal auf der flachen Hand in BL gehalten. Mit Finger seitlich an der WS von Scapula bis LWS-Becken-Bereich entlangfahren Anfangs Lateralflex. des Rumpfs mit Bewegung von Beinen, Kopf, Becken auf die Seite, später nur noch Lateralflex. der WS ≈ 0.–4. Monat
Labyrinthreaktionen
Moro-Reaktion Th. rüttelt an der Unterlage oder hält das Kind vor sich in Schräglage und entzieht kurzzeitig dem Kopf die stützende Hand 1. Phase: Kind spreizt die Arme vom Körper ab und umklammert anschließend den Rumpf
2. Phase: nur noch Abspreizen der Arme
1. Phase ≈ 0.–6. Wo.
2. Phase ≈ bis 3. Monat
Moro-Reaktion auslösbar über vestibulären, auditiven, taktilen oder visuellen Reiz; wandelt sich in Schreckreaktion (Zusammenzucken) um
Sprungbereitschaft (Parachute-Reaktion) Kind wird am Rumpf vertikal (Kopf tief) vor der Unterlage gehalten und zügig (um Abstützreaktion zu provozieren) darauf zu bewegt Beide Arme werden zum Abstützen Richtung Unterlage ausgestreckt. ≈ 5./6. Monat
Wahrnehmungsverarbeitungsreflexe
ROF (Reflex opticofacialis) Mit der offenen Hand, ohne das Gesicht zu berühren, über das Gesichtsfeld (Augen) des Kinds „wischen“. Wird gleichzeitig Luft in das Gesicht des Kinds gefächelt, wird der Lidschluss über die Hautrezeptoren aktiviert. Die Augen schließen sich. ≈ ab 3./4. Monat Der ROF bleibt als Lidschluss (Fremdreflex) das ganze Leben lang bestehen. Das genaue Auslösen gibt dem Th. Aufschluss darüber, ob das Kind sieht oder nicht, liefert jedoch keinerlei Aufschluss über die Qualität des Sehens.
RAF (Reflex acusticofacialis) Neben dem Kind in die Hände klatschen Augenblinzeln oder -schließen, z. T. wird die Moro-Reaktion mitausgelöst ≈ ab 10. Lebenstag
Tonische Reflexe
TLR (tonische Labyrinthreaktion) Vorwärts: Kind in RL halten, Kopf nach vorne neigen Fötale Beugehaltung ≈ 0.–3./4. Monat
Rückwärts: Kind in BL halten, Kopf nach hinten neigen Arme und Beine in Abd./Ext. ≈ 0.–6. Woche Vollständige Hemmung kann bis zu 3 Jahre dauern
STNR (symmetrisch-tonischer Nackenreflex) RL, Anheben des Kopfs (HWS Ext.) Ext. der Arme und Flex. der Beine ≈ 0.–8/11. Monat
RL, Beugen des Kopfs (HWS Flex.) Flex. der Arme und Ext. der Beine
ATNR (asymmetrisch-tonischer Nackenreflex) RL, Kopfrotation zur Seite Gesichtsseite: Arm und Bein in Ext.
Hinterhauptseite: Arm und Bein in Flex.
≈0.–6. Monat Die motorische Antwort des ATNR wird auch Fechterstellung (z. T. auch ATNR-Schablone) genannt.

Einteilung der Neugeborenen

Tab. 10.2
Gestationsalter
GA < 28 SSW (<197 Tage) Extrem unreifes Frühgeborenes
GA < 32 SSW (<225 Tage) Sehr unreifes Frühgeborenes
GA < 37 SSW (<260 Tage) Frühgeborenes (6–10 % der Geburten)
GA 37.–42. SSW (260–293 Tage) Termingeborenes
GA > 42 SSW (>293 Tage) Übertragenes Neugeborenes
Geburtsgewicht
GG < 2500 g „Low Birthweight Infant“ (LBW)
GG < 1500 g „Very low Birthweight Infant“ (VLBW)
GG < 1000 g „Extremely low Birthweight Infant“ (ELBW)
Geburtsgewicht bezogen auf GA
GG < 10. Perzentile Hypotrophes NG („small for gestational age“, SGA)
GG: 10.–90. Perzentile Eutrophes NG („appropriate for gestational age“, AGA)
GG > 90. Perzentile Hypertrophes NG („large for gestational age“, LGA)

NG = Neugeborenes, GA = Gestationsalter, GG = Geburtsgewicht.

Atemfrequenz bei Kindern und Erwachsenen

Tab. 10.3
Neugeborene ca. 37 ± 7 Atemzüge/Min.
0–1 Jahr ca. 30 ± 7 Atemzüge/Min.
1–2 Jahre ca. 26 ± 4 Atemzüge/Min.
3–6 Jahre ca. 23 ± 4 Atemzüge/Min.
7–18 Jahre ca. 19 ± 5 Atemzüge/Min.
Erwachsene ca. 18 Atemzüge/Min.

Pädiatrie

Ralph Bax

Silke Schellhammer

  • 10.1

    Entwicklung768

    • 10.1.1

      Neugeborenes (1.–28. Lebenstag)768

    • 10.1.2

      Säugling (2.–12. Lebensmonat)774

    • 10.1.3

      Kleinkind (2.–5. Lebensjahr)780

    • 10.1.4

      Kind (6.–10. Lebensjahr)783

    • 10.1.5

      Jugendalter (11.–21. Lebensjahr)784

  • 10.2

    Therapie785

    • 10.2.1

      Befund785

    • 10.2.2

      Therapiekonzepte787

    • 10.2.3

      Aspekte der Physiotherapie791

  • 10.3

    Das frühgeborene Kind792

    • 10.3.1

      Befunderhebung794

    • 10.3.2

      Physiotherapie795

  • 10.4

    Erkrankungen des Bewegungsapparats795

    • 10.4.1

      Torticollis (kongenitaler muskulärer Schiefhals)795

    • 10.4.2

      Haltungsschwäche798

    • 10.4.3

      Morbus Scheuermann799

    • 10.4.4

      Skoliose800

    • 10.4.5

      Hüftdysplasie802

    • 10.4.6

      Pes calcaneus (Hackenfuß)805

    • 10.4.7

      Pes adductus (Sichelfuß)805

    • 10.4.8

      Pes equinovarus congenitus (Klumpfuß)806

  • 10.5

    Erkrankungen der Atemwege808

    • 10.5.1

      Atembefund809

    • 10.5.2

      Akute Bronchitis/chronische Bronchitis810

    • 10.5.3

      Pneumonie812

    • 10.5.4

      Asthma bronchiale814

    • 10.5.5

      Mukoviszidose (CF, Cystische Fibrose)817

    • 10.5.6

      Krupp, Pseudokrupp819

  • 10.6

    Erkrankungen des Nervensystems820

    • 10.6.1

      Verletzung des Plexus brachialis (Armplexusparese)820

    • 10.6.2

      Neuralrohrdefekte (Dysraphien)823

    • 10.6.3

      Zerebralparese (CP)826

    • 10.6.4

      Neuromuskuläre Erkrankungen830

  • 10.7

    Herzerkrankungen832

    • 10.7.1

      Angeborene Herzfehler833

    • 10.7.2

      Herzrhythmusstörungen834

    • 10.7.3

      Entzündliche Herzerkrankungen834

    • 10.7.4

      Kardiomyopathien835

  • 10.8

    Rheumatische Erkrankungen837

Das Fachgebiet der Pädiatrie umfasst die Behandlung von Kindern unterschiedlicher Alters- und Entwicklungsstufen. Neben den Krankheitsbildern und Symptomen müssen in der Therapie der ständige Wandel von körperlichen und geistigen Möglichkeiten der Patienten und deren individuelle Entwicklungsverläufe berücksichtigt werden.

Entwicklung

Die Entwicklung wird im Folgenden zur Verdeutlichung nach Altersstufen und Modalitäten (Motorik, Wahrnehmung) getrennt beschrieben. Entwicklung erfolgt auf jedoch allen Gebieten simultan und die einzelnen Bereiche beeinflussen sich dabei gegenseitig. Entwicklung ist ein in sich verwobener Prozess, der sich nicht stringent an einen Zeit- und Ablaufplan hält.

Neugeborenes (1.–28. Lebenstag)

Von einem gesunden, Neugeborenesreifen Neugeborenen spricht man in der Medizin, wenn das Kind:
  • zwischen der 37. und 42. SSW geboren wurde und entsprechende Reifezeichen hat.

  • zwischen 2.500 und 4.499 g wiegt.

  • keine Fehlbildungen oder Krankheitssymptome zeigt.

  • normale APGAR-Werte hat.

  • normale pH-Werte im art. Nabelschnurblut gemessen werden.

APGAR-Schema

Bewertung dAPGAR-Schemaer Vitalfunktionen des Neugeborenen. 1, 5 und 10 Minuten nach der Geburt werden Herzfrequenz, Atmung, Reflexe, Muskeltonus und Hautfärbung anhand eines Punktesystems beurteilt.
Direkt nach der Geburt muss sich der Organismus des Kinds den neuen Bedingungen in seiner Umgebung anpassen. Die Phase der Adaptation beinhaltet:
  • Lungenatmung,

  • Temperaturregulation,

  • Nahrungsaufnahme und Verdauung,

  • Schwerkrafteinfluss (7-fach größer als intrauterin),

  • neue sensorische Informationen.

Reflexe und Reaktionen
Die frühkindlichen Reaktionen und Reflexe (Tab. 10.1) sind das motorische Erbe, durch das das Überleben der Spezies gesichert wird. Manche Reaktionen werden im Laufe der Entwicklung von der Willkürmotorik überlagert, andere bleiben ein Leben lang in ihrer ursprünglichen Form, z. B. als Schutzreflexe, erhalten. Ihre Ausprägung und der physiologische Zeitraum, in dem sie auslösbar sind (Waltezeiten), geben Auskunft über den Reifegrad des Gehirns und dienen als diagnostisches Mittel.
Pathologische Veränderungen der frühkindlichen Reaktionen und Reflexe sind z. B.:
  • Fehlen von Reaktionen und Reflexen,

  • abgeschwächtes Vorhandensein von Reaktionen und Reflexen,

  • übersteigerte Reizantwort,

  • deutlich überschrittene WaltezeitWaltezeiten.

Motorische Entwicklung
Beugehaltung des NeugeborenesMotorische EntwicklungNeugeborenen
  • Entwickelt sich aufgrund der beengten Lage im Mutterleib (Dehnung der extensorischen und Annäherung der flexorischen Muskulatur) und als Reaktion auf den Schwerkrafteinfluss nach der Geburt

  • Die RL ist für das neugeborene Kind deutlich instabiler als die BL oder SL. Innerhalb der ersten 4 Wo. wird die RL stabiler.

Als Schlafposition sollte die BL erst in Betracht kommen, wenn der Säugling sich selbst drehen kann (Tipps & Fallen: SIDS).

Tipps & Fallen

SIDS

Die Ursache des plötzlichen Kindstods (SIDSSIDS = Sudden Infant Death SyndromeSudden Infant Death Syndrome) ist trotz großer Plötzlicher KindstodForschungsbemühungen weiterhin unbekannt. Es werden mehrere Faktoren vermutet und es existieren viele Theorien, die jedoch bisher nicht wissenschaftlich bewiesen werden konnten. Epidemiologische Studien zeigten jedoch, dass sich durch die Beachtung folgender Faktoren die SIDS-Rate senken lässt:
  • Rückenschlaflage (im ersten Lebensjahr)

  • Rauchfreie Umgebung (während der Schwangerschaft und in der Umgebung des Kinds)

  • Schlafsack statt Bettdecke (in Länge und Weite für Säugling passend)

  • Keine Überhitzung (Kleidung, Bettzeug, Raumtemperatur zum Schlafen 16–18 °C)

  • Säuglinge im elterlichen Schlafzimmer, aber im eigenen Bett schlafen lassen

  • Säuglinge, wenn möglich, 6 Monate voll stillen

Holokinese
Bezeichnet die Bewegungen eines Neugeborenen. Die Steuerung der Muskelfunktion und Stabilisierung des Rumpfs sind noch nicht entwickelt. Kleinste Bewegungen führen zur Beteiligung des gesamten Körpers (Massenbewegungen).
Erste differenzierte Bewegungen in BL:
  • Kopf drehen (ohne Abheben von der Unterlage)

  • Becken abheben

  • Beine seitlich abspreizen oder beugen

  • Füße dorsal extendieren

  • Hände sind mit inklinierten Daumen leicht gefaustet

Entwicklung der sensorischen Systeme
Sehen und Erkennen
  • Neugeborene sehen Neugeborenessensorische Entwicklungetwa eine Handlänge (eines Erwachsenen) weit, unscharf und verschwommen. Auch das Gesicht der Mutter wird anfangs eher im Umriss wahrgenommen.

  • Etwa 2 Wo. nach der Geburt haben sich die neuronalen Schaltkreise den neuen sensorischen Informationen angepasst. Visuelle Informationen können nun in der Hirnrinde verarbeitet werden. Vestibular-okularer Reflex löst Puppenaugenphänomen ab (Motorische Augenreflexe, Tab. 10.1).

  • Direkt nach der Geburt gibt es noch keine richtige Differenzierung von Farben. Rot kann am besten wahrgenommen werden.

  • Die Koordination der Augenbewegungen ist nur horizontal möglich.

  • Die Blickfixation ist sehr vage.

  • Strabismus (Schielen) kann noch physiologisch auftreten.

  • Die Pupillen reagieren auf Licht.

Hören und Sprechen
  • Der auditive Sinn ist bereits vor der Geburt sehr weit entwickelt. Das Neugeborene erkennt die Stimme und die Sprache seiner Mutter. Selbst Geschichten oder Musik, die es intrauterin oft gehört hat, erkennt es wieder.

  • Bei Geräuschen in der Umgebung reagiert das Neugeborene deutlich, akustische Orientierung ist aber noch nicht möglich.

Riechen und Schmecken
  • Sowohl der Geschmacks- als auch der Geruchssinn sind gut entwickelt.

  • Etwa 2 Std. nach der Geburt können (nachgewiesenermaßen) süße, salzige oder bittere Flüssigkeiten unterschieden werden, was intrauterin ebenfalls schon möglich ist.

  • Etwa 1 Wo. nach der Geburt erkennt das Neugeborene seine Eltern am Geruch und kann zwischen Vater und Mutter unterscheiden.

Fühlen und Begreifen
Der Tastsinn liefert die wichtigsten Informationen für das Neugeborene. Während im wohltemperierten Fruchtwasser die eigenen Körpergrenzen vage zu fühlen waren, bekommt das Gehirn des Neugeborenen nun deutlichere Informationen, um ein genau definiertes Körperschema zu entwickeln.
Soziale und emotionale Entwicklung
Die Emotionen Interesse, Trauer, Ärger, Angst, Ekel und Freude kann ein Neugeborenes schon in den ersten Lebenswochen zum Ausdruck bringen. Das legt die Vermutung nahe, dass sie angeboren sind.

Säugling (2.–12. Lebensmonat)

Das menschliche Verhalten wird durch Willkürmotorik und Wahrnehmung bestimmt. Während der Säuglingsphase entwickelt sich die Basis dieser Fähigkeiten. Der Begriff „kompetenter Säugling“ soll zeigen, dass das Kind zwar noch auf Hilfe und Betreuung angewiesen ist, aber bereits in diesem Lebensabschnitt Kompetenz für seine späteren Handlungen entwickelt.
Körperliche Entwicklung
  • Ein SäuglingSäuglingkörperliche Entwicklung wächst im 1. Lj. im Durchschnitt 25 cm und nimmt etwa 6 kg zu.

  • Die Knochen verdichten sich und werden durch den Muskelzug und den Einfluss der Schwerkraft massiv umgebaut.

  • In den ersten Jahren findet die Myelinisierung der Nervenbahnen statt (Ausbildung einer Isolationsschicht → schnellere Reizweiterleitung). Bis sie abgeschlossen ist (zum größten Teil im 2./3. Lj., je nach Gehirnregion auch erst im Alter von 20–30 J.), reagieren Kinder langsamer und brauchen mehr Zeit zur Reizverarbeitung.

Motorische Entwicklung
Der Grundstein der Säuglingmotorische Entwicklungmotorischen Entwicklung wird im 1. Lj. gelegt. Das Kind lernt die wichtigsten motorischen Grundfertigkeiten. Die Gestaltung neuer Bewegungen basiert auf dem Erproben des schon Gelernten.
2. Monat
Rückenlage
  • Lagestabilisation durch „Fechterstellung“ (ATNR, Tab. 10.1)

  • Kopfrotation zu beiden Seiten

  • Alternierende Strampelbewegungen mit den Beinen

  • Ist der Kopf zur Seite gedreht, kann der Säugling seine Hand in den Mund stecken.

  • Dystone Beweglichkeit = fahrige, unkoordinierte Bewegungen, die die Diskrepanz zwischen der Motivation zur Bewegung und dem motorischen Können des Säuglings verdeutlichen. Die Phase endet mit dem Erlernen des sym. Ellenbogenstützes.

Greifen
  • In den ersten 2 Mon. streckt der Säugling die Arme Richtung Geräuschquelle aus. Er kann noch nicht zwischen greifbarem und nicht greifbarem Objekt unterscheiden.

  • Daumen befinden sich außerhalb der leicht gefausteten Hand.

  • Bei Bewegungen des Arms kann sich der Faustschluss verstärken.

Bauchlage
  • Unterarmstütz

  • Abheben des Kopfs von der Unterlage

Atmung
Typisch: abdominale Atmung; für Atembewegungen im thorakalen Bereich fehlt die nötige Aktivität der Rumpfmuskulatur.
3. Monat
Rückenlage
  • Freies Tragen der Beine in RL

  • !

    Ineinander verhakte Füße beim freien Tragen der Beine sind meist ein Zeichen für schwache BM.

  • Hand-Hand-Koordination

Greifen
  • Hand-Augen-Koordination

  • Der Säugling betrachtet seine Hände, verfolgt die bewegten Hände.

  • Hand-Hand-Koordination.

  • Die Hände berühren sich gegenseitig. Es kommt zu einem doppelten sensorischen Input der re. und li. Hemisphäre. Beide Hemisphären organisieren ihre Zusammenarbeit (Kommunikation über den Balken = Corpus callosum).

Bauchlage
Symmetrischer Ellenbogenstütz.
4. Monat
Rückenlage
  • Laterales Greifen: Das Kind greift nach Spielzeug, das ihm von der Seite angeboten wird. In der Mitte angebotene Gegenstände verlieren den Reiz, sie scheinen unerreichbar zu sein, da sich noch keine der beiden motorischen Großhirnhälften für diesen Sektor zuständig fühlt.

  • Hand-Mund-Augen-Koordination → Voraussetzung, um das Greifen zu lernen

  • Die Hände greifen ineinander, werden angeschaut und in den Mund gesteckt. Spielzeug kann in der Mitte gehalten werden.

  • Greiffunktion beginnt. Handgreifreflex wird inkonstant, zufälliges Loslassen wird immer mehr forciert, bis die Hand sich willkürlich öffnen und schließen lässt.

  • Beine werden vermehrt in 90° Hüft- und Knieflexion gehalten

Bauchlage
Einzelellbogenstütz, vergrößert den Aktionsradius des Säuglings in BL.
5. Monat
Rückenlage
  • Hand-Knie-Koordination, das Kind betastet seine OS bis zu seinen Knien.

  • Mit dem Greifen über die Mittellinie ist die motorische Organisation der Mitte abgeschlossen. Das Gehirn arbeitet jetzt nicht länger wie zwei Hälften, sondern wie eine funktionelle Einheit.

  • Drehen von RL zu SL geschieht anfangs zufällig (der Säugling hebt beide Arme und Beine von der Unterlage und fällt zur Seite), wird aber zunehmend geübt und motorisch gesteuert.

Greifen
  • Spontanes Greifen über die Mitte; Spielzeug kann in der Mitte angeboten und mit der re. oder li. Hand gegriffen werden

  • Die visuelle Bewegungskontrolle der Handbewegungen ist so weit differenziert, dass gezieltes Greifen möglich ist. Der Gegenstand wird mit der ganzen Hand, meist sogar mit beiden Händen ergriffen.

Bauchlage
  • Handwurzelstütz (Unterschied zum richtigen Handstütz: Hauptlast ruht auf den Handwurzeln, die Hände stehen noch weit vor den Schultern).

  • Schwimmen: eine der ersten Fortbewegungsmöglichkeiten. Das Hauptgewicht ist auf dem Bauch, Arme und Beine werden abgehoben und führen manchmal kleine Ruderbewegungen aus. Entwicklungsphysiologisches Phänomen aus der Amphibienzeit.

6. Monat
Rückenlage
  • Auge-Hand-Fuß-Koordination

  • Das Kind kann seine Füße greifen und mit ihnen spielen, dabei wird das Gesäß abgehoben.

  • Koordiniertes Drehen vom Rücken auf den Bauch

  • Voraussetzungen dazu sind:

    • Freies Tragen der Beine

    • Greifen über die Mitte

    • Schrägstellen der Beckenachse in der Frontalstellung: Während sich der Säugling dreht, werden die Beine in Schrittstellung gehalten. Der Kopf wird seitlich angehoben. Die meisten Säuglinge bevorzugen eine Seite.

Bauchlage
  • Pivoting, auch Kreisrobben oder Rundrobben genannt: Fortbewegungsbemühungen der Beine ohne Stützaktivität der Arme führt dazu, dass sich der Säugling auf dem Bauch liegend im Kreis dreht.

  • Hand-Becken-Stütz. Der Säugling stützt sich auf die voll entfaltete Hand, die immer noch deutlich vor der Schulter steht. Becken und OS liegen auf der Unterlage.

7. Monat
Rückenlage
  • Augen-Hand-Mund-Fuß-Koordination: Der Säugling entdeckt seine Füße mit Händen, Augen und Mund. Sehr hoher koordinativer Anspruch, mit den Füßen im Mund auf dem Rücken liegen zu bleiben.

  • Koordiniertes Drehen auf beide Seiten: Der Säugling sollte in der Lage sein, die Drehbewegung jederzeit stoppen zu können. Die SL wird häufiger zum Spielen eingenommen. Durch vermehrtes seitliches Aufrichten zeichnet sich die Entwicklung zum schrägen Sitz ab.

Mit der Koordination von Augen, Händen, Mund und Füßen und dem koordinierten Drehen auf beide Seiten ist die motorische Entwicklung in der RL abgeschlossen. Die Möglichkeiten aus dieser Position sind ausgeschöpft. Der Säugling liegt nur noch selten auf dem Rücken und dreht sich meist sofort auf den Bauch.

Bauchlage
Handstütz: Der Stütz auf die entfaltete Hand setzt voraus, dass der Handgreifreflex inzwischen von koordinierter Greifaktivität abgelöst wurde. Die Hände stehen im Stütz direkt unter den Schultern, wobei die Ellenbogen leicht flektiert gehalten werden.
Fortbewegung
Robben: Mit gebeugten Ellenbogen zieht der Säugling seinen Körper nach vorne, dabei wird der Bauch leicht angehoben. Die Beine stützen, schieben aber nicht aktiv nach vorne. Robben geht überwiegend von den Armen aus. Qualität der Stützaktivität beachten.
Varianten:
  • Rückwärts Robben: Anstatt sich nach vorne zu ziehen, schiebt sich der Säugling nach hinten.

  • Einseitiges Robben mit einem Arm und Stütz auf dem heterolateralen Bein

  • Manche Säuglinge robben nicht, sondern bewegen sich lieber rollend vorwärts, was im Rahmen der Variabilität nicht als pathologisch zu werten ist.

8. Monat
Bauchlage
Hand-Knie-Stütz → Vorläufer des VFST: Die Hauptlast tragen die Arme.
Sitz
  • Aus dem Einzelellenbogenstütz und Einzelhandstütz entwickelt sich eine halbliegende Sitzposition, in der noch nicht beide Arme frei beweglich sind.

  • Aus dieser Position beginnt der Säugling, über seine Schulterhöhe zu greifen.

9. Monat
Bauchlage
  • VFST: Das Gewicht ist gleichmäßig zwischen Armen und Beinen aufgeteilt. Die WS zeigt am Anfang im LWS-Bereich eine starke Lordose, die sich mit zunehmender Sicherheit verringert.

  • Rocking: Der Säugling wippt im VFST nach hinten und vorne. Die Bewegung in dieser Position dient der Gelenkerprobung (vor allem Schulter und Hüfte) mit frei gehaltenem Rumpf und der „Überarbeitung“ des STNR-Einflusses.

Die Entwicklung aus der BL hat mit dem Erreichen des VFST an Attraktivität für den Säugling verloren. Er spielt meist im Sitz und verwendet seine Energie hauptsächlich darauf, zum Stehen zu kommen.

  • Sitz: schräger Sitz: Aus der bisher liegenden gestützten Sitzposition wird zunehmend ein schräger Sitz, bei dem beide Arme frei beweglich sind.

Greifen
  • Pinzettengriff: Der Säugling versucht, kleinere Gegenstände wie Rosinen zwischen gestrecktem Daumen und gestrecktem Zeigefinger zu greifen.

  • Der Säugling kann Gegenstände aktiv loslassen und fallen lassen.

Fortbewegung
Unreifes Krabbeln: Der Säugling beginnt, mit wenig Rotation und viel Lateralflexion im Rumpf zu krabbeln. Der in der Position ausgereifte VFST wird in der Bewegung wieder von einer vermehrten Rumpflordose dominiert.

Eine Faustregel besagt, dass ein Säugling etwa 2 Wo. nach dem ersten Krabbeln beginnt, sich an Gegenständen hochzuziehen.

10.–11. Monat
Sitz
Langsitz: Aus dem schrägen Sitz kommt der Säugling zum Langsitz oder Grätschsitz. Manchmal bevorzugt er den Hocksitz oder Zwischenfersensitz (Hüftdysplasie,10.4.5).
Greifen
Zangengriff: Der Griff verfeinert sich, indem die Spitze des Zeigefingers und des Daumens sich berühren und kleine Gegenstände, wie bei einer Zange, zwischen den Kuppen eingeklemmt werden.
Fortbewegung
Reifes Krabbeln: Die Koordination der Extremitätenbewegung hat sich deutlich verbessert, die Rumpfrotation beim Krabbeln ist klar erkennbar. Der Säugling gewinnt in der Fortbewegung an Geschwindigkeit.
Stand
Erstes Hochziehen und Wippen: Das Hochziehen an Gegenständen geht anfangs überwiegend über die Zugkraft der Arme. Die Beine drücken noch nicht aktiv mit. Das liegt daran, dass die Arme über die Stützaktivität schon motorisch geschult sind, die Extensoren der Beine bislang noch kaum gegen die Schwerkraft gearbeitet haben. Aus diesem Grund steht der Säugling anfangs auch mit flektierten Hüft- und Kniegelenken. Das Becken wird weit nach dorsal geschoben, dadurch verstärkt sich die Hüftflexion.
Das Wippen in dieser Position zeigt die beginnende Aktivierung der Beinextensoren.
12. Monat
Stand
  • Freies Stehen: Beim Spielen an einem niedrigen Tisch o. Ä. ergibt sich, dass der Säugling sich nicht mehr festhält oder anlehnt und plötzlich frei steht. Wird dies dem Säugling bewusst, fällt er meist um, da Wahrnehmung und willkürliche Motorik in diesem Fall der automatischen motorischen Haltungssteuerung im Weg stehen.

  • Das freie Stehen beinhaltet auch das freie Aufstehen (über Vierfüßlerhocke) und Hinsetzen ohne Hilfe.

Fortbewegung
  • Seitliche Schritte: An einer niedrigen Tischkante o. Ä. beginnt der Säugling seine ersten seitl. Schritte im Kreuzgangmuster:

    • Erste Hand in Laufrichtung an der Kante greifen

    • Gleichseitigen Fuß in Laufrichtung stellen

    • Zweite Hand greift nach

    • Zweiter Fuß wird angestellt

    • Variante: Erst greifen beide Hände und dann werden beide Füße im Anstellschritt nachgesetzt.

  • Freie Schritte: Die ersten freien Schritte sind, motorisch gesehen, reflektorische Schutzschritte. Der Säugling unterschätzt die Entfernung zwischen zwei Gegenständen, an denen er entlang hangelt. Meist enden die ersten Schritte mit einem erschrockenen „Plumpser“ auf den Boden.

  • Freies Gehen: Etwa 59 % aller Säuglinge lernen in ihrem 1. Lj., frei zu gehen. Das bedeutet, dass sie:

    • jederzeit anhalten können,

    • die Richtung im Gehen wechseln können,

    • frei im Raum aufstehen und sich wieder hinsetzen können.

Kinder lernen zwischen dem 12. und 18. Monat, frei zu gehen.

Entwicklung der sensorischen Systeme
Sehen und Erkennen
  • Ab der 7. Lebenswoche beginnt das Farbsehen, Säuglinge bevorzugen nun farbige Stimuli.

  • 2. Monat: Babys können kurzfristig Gegenstände mit ihren Augen fixieren.

  • 3. Monat:

    • Personen und Gegenstände werden angeschaut und fixiert.

    • Zielgerichtetes Schauen beginnt mit der Bewegung des Kopfs, die Entwicklung der koordinierten Augenbewegung folgt.

    • Mit dem Betrachten der Hände beginnt die visuelle Kontrolle der Handlungen.

  • 4. Monat: Entwicklung der Akkommodation, Dinge in der Ferne werden zunehmend scharf gesehen

  • 5. Monat: Binokuläres Sehen (notwendig für Entfernungs-, Tiefensehen und Raumwahrnehmung) beginnt, sich bis ungefähr zum 2. Lj. zu entwickeln und stabilisiert sich etwa bis zum 4. Lj.; von vollständig entwickeltem binokulären Sehen kann man etwa ab dem 9. Lj. ausgehen.

  • 7. Monat: Doppelbilder werden als störend empfunden.

Sprechen und Verstehen
  • 1. Phase des Lallens: In den ersten Wochen überwiegend Gurgel- und Sprudellaute. Ausgelöst durch taktile Reize im Bereich der Zunge und Mundhöhle, ist das erste Lallen auch bei hörgeschädigten Kindern möglich.

  • In den ersten 5 Mon. erproben Säuglinge ihre Stimme, modulieren Klang und Lautstärke und ahmen Geräusche nach.

  • 2. Phase des Lallens (etwa ab 5./6. Mon.) wird durch auditive Reize ausgelöst. Muttersprachlich typische Silbenketten wie „da-da-da-da“, „ma-ma-ma-ma“ sind erkennbar.

  • Früher Worterwerb; ab dem 10. Monat kann ein Kind gehörte Worte mit Gegenständen in Verbindung bringen.

  • Mit 12 Mon. große Vielfalt an Lauten, erste Worte

Tasten und Begreifen
  • Anfangs sind Mund und Zunge die bevorzugten Tastorgane des Säuglings, orales Erkunden wird etwa ab dem 3. Mon. vom Ertasten und Begreifen mit der Hand verdrängt. Trotzdem liefert der orale Bereich bis weit ins Kindesalter die zuverlässigeren Informationen.

  • Säuglinge sind in der Lage, mit der Zunge Formen von Gegenständen zu erfassen.

  • Für den Säugling ist die Haut und deren Berührung ein wichtiges Kommunikationsorgan.

  • Etwa mit 9 Mon. kann ein Kind verschieden schwere Gegenstände unterscheiden.

Soziale und emotionale Entwicklung
  • Soziale Signale des Säuglings, auf die Erwachsene reagieren, sind:

    • Aussehen des Kinds (Kindchenschema),

    • Blickkontakt, Lächeln, Anschmiegen,

    • Schreien, Abwenden, Such- und Greifreflex.

  • Interaktions- und Kommunikationsspiele: Der Säugling ahmt Geräusche und Mimik des betreuenden Erwachsenen nach, der wiederum jeden Ton und jede Geste des Säuglings wiederholt.

  • Der Säugling lebt in einer globalen Empathie und übernimmt in emotionalen Situationen die vorgelebten Gefühle.

  • Fremdeln: Etwa ab dem 8. Mon. beginnt die Unterscheidung zwischen Fremden und bekannten Menschen.

  • Mutter-Kind-Dyade: Der Säugling lebt im emotionalen Einklang zu seiner Bezugsperson.

Spielentwicklung
  • Sensomotorische Spiele stehen als erste erkennbare Spielform im Vordergrund.

    • Die eigenen Körpergrenzen spüren: Finger-, Streichel-, Körperspiele kombiniert mit Reimen oder Liedern

    • Greifspiele, orales und manuelles Erkunden von Gegenständen

  • Zweites Lebenshalbjahr:

    • Ab 9. Monat: „Kuckuck-da-Spiele“, Verstecken und Finden verdeckter Gegenstände

    • „Geben-und-Nehmen“-Spiele

    • Rhythmische Bewegungsspiele, z. B. „Hoppe-Hoppe-Reiter“

Kleinkind (2.–5. Lebensjahr)

Häufig wird die Kleinkindphase weiter differenziert in:
  • Kleinkindalter (2. und 3. Lj.)

  • Vorschulalter (4. und 5. Lj.)

Körperliche Entwicklung
  • Längenwachstum verlangsamt sich deutlich

  • „Erste Fülle“: Zunahme an Muskel- und Fettmasse

  • Skelettknochen deutlich stabiler

Motorische Entwicklung
Motorische Entwicklung Kleinkindmotorische Entwicklungfolgt einem „inneren Programm“ und ist überwiegend von zentralen Reifungsprozessen abhängig.
13.–15. Monat
Das Kind kann:
  • knien und ohne Hilfe frei stehen.

  • eine Treppe hinaufkrabbeln.

  • frei gehen (die meisten Kinder).

  • einen Ball rollen, aber nicht werfen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren.

  • einen Turm aus zwei Klötzchen bauen.

16.–18. Monat
Das Kind kann:
  • einen Ball werfen, ohne umzufallen, es kann den Ball allerdings nicht fangen oder kicken.

  • auf einen Stuhl klettern.

  • eine Treppe hinauf- und hinuntersteigen, wenn es sich am Geländer festhält, wobei es immer eine Stufe mit beiden Füßen betreten wird, bevor es auf die nächste geht.

  • mit beiden Füßen hüpfen.

  • sich bücken und etwas vom Boden aufheben.

  • Beim Gehen zieht das Kind gerne ein Spielzeug hinter sich her oder schiebt einen Wagen.

19.–24. Monat
Das Kind kann:
  • rückwärts und seitwärts gehen.

  • besser laufen, springen und Treppen steigen und ist dabei gut koordiniert.

  • auf beiden Füßen hüpfen, wenn es sich irgendwo festhalten kann.

  • einen größeren Ball werfen und kicken, fangen allerdings nur, wenn er auf die ausgestreckten Arme fällt.

  • einen Turm aus 3–4 Klötzchen bauen.

  • Flüssigkeiten von einem Becher in einen anderen gießen.

  • mit einem Löffel essen.

3. Lebensjahr
Das Kind kann:
  • 3–4 Sek. auf einem Bein stehen; das Gleichgewicht verbessert sich zunehmend.

  • im Wechselschritt Treppen steigen, zuerst aufwärts, dann abwärts.

  • balancieren.

Entwicklung der sensorischen Systeme
Sehen und Erkennen
  • Am Ende des 1. Lj. Kleinkindsensorische Entwicklunghaben viele Kinder schon 100 % Sehschärfe erreicht.

  • Im 5. Lj. sollte der zielgerichtete Blick (im Gesichtsfeld) nur über die Augenmotorik und nicht mehr über die Kopfrotation bewerkstelligt werden.

Sprechen und Verstehen
  • 18 Monate:

    • Das Kind beginnt, erste Laute gezielt zur Wortbildung einzusetzen.

    • „Sprachexplosion“ („Benennungsexploration“): Mit 18 Mon. vergrößert das Kind seinen Wortschatz sehr schnell; neben Objektbenennung beginnt es auch, Objektmerkmale zu bezeichnen.

    • Einwortsätze mit unterschiedlicher Betonung

  • 2 Jahre:

    • Wortschatz umfasst bis zu 50 Worte

    • Zweiwort-, z. T. Dreiwortsätze

    • Erstes Fragealter; die Frage wird anhand der Satzmelodie gekennzeichnet.

  • 2½ Jahre:

    • Mehrwortsätze

    • Grammatikalische Endungen werden nicht richtig eingesetzt.

    • Erster Gebrauch von „ich“

  • 3 Jahre:

    • Einfache Sätze mit richtiger Nebensatzbildung

    • Konsonantenverbindung, wie bl-, kn-, gr-

    • Zweites Fragealter; Fragestellung mit „wer, wie, warum“

  • 4 Jahre:

    • Ab ungefähr 4 Jahren ist ein Kind in der Lage, einen richtig konstruierten Satz in seiner Muttersprache zu sprechen.

    • Zischlaute („s, sch, z“) und schwierige Konsonantenverbindungen (kl-, gl-, dr-) z. T. noch schwierig

  • Manchmal kommt es zum entwicklungsbedingten Stottern, da das Gehirn schneller denken als der Mund Worte formen kann.

  • 5 Jahre:

    • Erzählen von zusammenhängenden Geschichten (Reihenfolge nicht 100 % richtig)

    • Erzählungen nicht selbst erlebter Geschichten folgen

    • Mit Menschen reden, die das Kind nicht sieht (telefonieren)

Tasten und Begreifen
  • Mit etwa 1–2 Jahren hört das Kind auf, sich Gegenstände in den Mund zu stecken, um haptische Informationen von Objekten zu erhalten. Die Hand wird zum Hauptorgan des Tastsinns.

  • Das Kind ist mit etwa 1 Jahr in der Lage, taktil erfahrene Objektmerkmale zu kategorisieren und zuzuordnen.

  • 3 Jahre:

    • Das Kind kann alleine Buchseiten umblättern.

    • Die Feinmotorik beim Zeichnen wird deutlicher.

Soziale und emotionale Entwicklung
  • Nach dem 1. Lj. entdeckt das Kind seinen eigenen Willen (nicht zu verwechseln mit dem affektiven Ausdruck eines Bedürfnisses beim Säugling).

  • Vom 2.–4. Lj. erlebt das Kind eine Phase der egozentrischen Empathie, es vermischen sich eigene Emotionen mit fremden Gefühlen.

  • Im Vorschulalter lernt das Kind komplexe Emotionen wie Neid, Stolz, Schuld, Scham kennen.

  • Das Kind kann etwa ab 4 Jahren zwischen eigenen und fremden Gefühlen unterscheiden und beginnt sich in die Situation anderer hineinzudenken.

  • Von der Dyade zur Triade: Der Vater oder eine 2. Bezugsperson wird nach dem 1. Lj. noch wichtiger für das Kind, da sich im Loslösungsprozess von der Mutter die Beziehung zur 2. Bezugsperson stabilisiert und vertieft.

Spielentwicklung
  • 2. Lebensjahr:

    • Fang-, Lauf- und Versteckspiele

    • Kind erforscht Gegenstände und ihre Wirkungszusammenhänge: Bauklötze stapeln, Formen einpassen (Puzzle), Dinge sortieren.

    • Erkennt in einem Bilderbuch Einzelheiten

  • 3. Lebensjahr:

    • Erste einfache Regelspiele unter Anleitung möglich

    • Einfaches Rollenspiel: „Tu-so-Spiele“: Kind spielt allein mit eigenen Requisiten alltägliche Szenen nach.

    • Konstruktives Gestalten: Knete, Höhlen bauen, Lego spielen

    • Erstes horizontales und vertikales Bauen nach eigenen Vorstellungen

  • 4. Lebensjahr:

    • Kollektives Rollenspiel: Kind kann an einem thematischen gemeinsamen Spiel teilnehmen (z. B. Kochen spielen), Verständigung gering: „kollektiver Monolog“ → Jedes Kind redet vor sich hin, es findet kein Austausch von Informationen statt.

    • Regelspiele, Absprachen werden nicht konstant eingehalten

    • Komplexeres, konstruktives Gestalten

  • 5. Lebensjahr:

    • Soziales Rollenspiel mit Absprache „Ich wäre die Prinzessin … da würde ein Ungeheuer leben … ich hätte aber keine Angst …“

    • Regelspiele ohne Spielleiter sind möglich.

    • Gemeinsames Planen und Bauen ist möglich.

Kind (6.–10. Lebensjahr)

Körperliche Entwicklung
  • Erster Gestaltwandel: Im 6.–9. Lj. kommt es zum 1. Wachstumsschub.

  • „Zweite Fülle“ (Kind nimmt deutlich an Muskel- und Fettmasse zu) im Alter zw. 9 und 13 Jahren.

Motorische Entwicklung
In der weiteren motorischenKindmotorische Entwicklung Entwicklung werden weniger neue Fertigkeiten erlernt, als die vorhandenen motorischen Möglichkeiten verfeinert und verbessert. Im Bewegungsbild ändern sich folgende Merkmale:
  • Bewegungsrhythmus erkennbar

  • Bewegungstempo kann gesteuert werden.

  • Reaktionsfähigkeit und motorische Möglichkeiten sind im Einklang.

  • Messbare qualitative Verbesserung von Bewegungen in der Trainingssituation

  • Weiterer Differenzierungsprozess der elementaren Fertigkeiten

  • Feinmotorische Fertigkeiten reifen immer mehr aus.

Entwicklung der sensorischen Systeme
Sehen und Erkennen
  • Im 6./7. Lj. ist die Sehentwicklung Kindsensorische Entwicklungvonseiten des Auges abgeschlossen.

  • Mit 8–9 Jahren ist das Gesichtsfeld so weit entwickelt, dass das Kind komplexe Szenarien wahrnehmen kann (Verkehrstauglichkeit für z. B. Fahrradfahren im Straßenverkehr ist möglich).

Sprechen und Verstehen
6. Lebensjahr:
  • Alle normgerechten Laute werden beherrscht.

  • Der Wortschatz ist für differenzierte Ausdrucksweise groß genug.

  • Grammatik wird gut beherrscht.

  • Geschichten nacherzählen oder Erlebnisse berichten sollte möglich sein.

Soziale und emotionale Entwicklung
  • Das Kind verfügt über eine komplexe Empathie, d. h. es kann aus unterschiedlichen Kontexten emotionale Situationen wahrnehmen und Gefühle stellvertretend für andere miterleben.

  • Ab dem 7. Lj. sind Kinder in der Lage, aus Rücksicht auf andere Personen, Gefühle vorzutäuschen.

Spielentwicklung
  • Kind hat zunehmend Spaß an Spielen mit komplexerem Regelwerk.

  • Bewegungsspiele: Gummi hüpfen, Klettern, Fangen, Völkerball

  • Übergang zu individuellen Sportarten, Mannschaftssport

Jugendalter (11.–21. Lebensjahr)

Entwicklungsbezogene Veränderungen während der Adoleszenz (Übergang vom Kind zum Erwachsenen) umfassen einen größeren, je nach Kulturkreis anders definierten Zeitraum als im juristischen oder medizinischen Bereich. Die Adoleszenz kann in drei Abschnitte unterteilt werden:
  • 11.–14. Lj.: frühe Adoleszenz

  • 15.–17. Lj.: mittlere Adoleszenz

  • 18.–21. Lj.: späte Adoleszenz

Die Entwicklung im Jugendalter beruht auf den Resultaten der frühen Aufgabenbewältigung aus der Kindheit und der Auseinandersetzung mit den Anforderungen des Erwachsenenalters.
Körperliche Entwicklung
  • Während der Pubertät wächst der Jugendlichekörperliche EntwicklungJugendliche i. d. R. um 30–50 cm und legt etwa 30 kg an Gewicht zu.

  • Mit dem Ende der Pubertät schließen sich die Wachstumsfugen der Knochen. Es ist kein weiteres Wachstum mehr möglich.

  • Berechnung der genetischen Zielgröße: Größe der Mutter (cm) addiert zur Größe des Vaters (cm), dividiert durch 2, plus 6,5 cm (Jungen) bzw. minus 6,5 cm (Mädchen). Weitergehende Diagnostik bei Verdacht auf Klein-/Hochwuchs.

  • „Zweiter Gestaltwandel“: Der Wachstumsschub setzt bei Mädchen etwa im 12./13. Lj. ein, bei Jungen etwa 2 Jahre später. Da die Extremitäten lange vor dem Rumpf anfangen zu wachsen, kommt es zur unproportionalen, schlaksigen (Pubertäts-)Haltung und ungelenken Bewegungsabläufen.

  • Reifung der Geschlechtsmerkmale bei ♀ im 10.–14. Lj., bei ♂ im 12.–16. Lj.

  • Das Gehirn eines Pubertierenden gleicht einer Großbaustelle; überall werden neuronale Bindungen abgebaut und neue Verbindungen aufgebaut.

Soziale und emotionale Entwicklung
  • Gesteigerte Selbstwahrnehmung

  • Ablösung vom Elternhaus

  • Entwicklung einer eigenen Zukunftsperspektive und Weltanschauung

Therapie

Befund

Der Befund soll in seiner Ausführlichkeit dem BefunderhebungKindKrankheitsbildKindBefunderhebung des Kinds angepasst sein.
Anamnese
  • Persönliche Daten:

    • Name des Kinds, Geburtsdatum, evtl. korrigiertes Gestationsalter („Frühgeborenenbonus“) (10.3)

    • Diagnose, Nebendiagnosen, bisheriger Verlauf, Untersuchungen

    • Namen der Eltern, familiäre Situation

    • Geschwister: Alter, ggf. Erkrankungen

    • Betreuung des Kinds: Kindergarten, Schule, Hort, zu Hause, spezielle Einrichtung, Tagesmutter

  • Weitere Punkte sind von Diagnose und Alter des Kinds abhängig:

    • Nahrungsaufnahme: Wie? Was? Probleme?

    • Haut: Trophik? Farbe? Schweißig? Teigig? Temperatur?

    • Kommunikation: Nonverbal? Altersentsprechend? Verbal? Zeichen? Gebärden?

    • Weitere Therapien?

    • Schwangerschaftsverlauf? Geburtsverlauf? Komplikationen?

    • Hilfsmittelversorgung?

  • Erster Eindruck:

    • Wirkt das Kind ängstlich, neugierig, interessiert, ablehnend, müde, apathisch, verschlafen oder leicht erregbar? Lässt sich das Kind gut beruhigen?

    • Ist soziale Kontaktaufnahme möglich: Blickkontakt? Lächeln? Wie reagiert das Kind auf direkte Ansprache?

    • Kommunikation: Wie kann mit dem Kind kommuniziert werden? Kann das Kind seine Bedürfnisse vermitteln? Antwortet es auf Ansprache?

    • Begleitperson: In welcher Beziehung steht die Begleitperson zum Kind? Unterstützt sie die Selbstständigkeit des Kinds in seinen Handlungen oder beim Reden bzw. Antworten?

  • Sensorischer Befund:

    • Hört das Kind? Reagiert es auf Geräusche? Ist es akustisch orientiert? Funktioniert die akustische Wahrnehmung? Kann es Geräusche erkennen?

    • Sieht das Kind? Kann es fixieren? Mit den Augen verfolgen? Ist es optisch orientiert? Schielt es? Erkennt es Gegenstände? Kann es Farben sehen?

    • Wie reagiert das Kind auf Berührung, auf Bewegung? Kann es unterschiedliche taktile Reize zuordnen?

    • Kann das Kind riechen und Geschmäcke zuordnen?

Spontanmotorik
Was kann das Kind?
Angaben der Begleitperson KindSpontanmotorikzu den motorischen Fertigkeiten des Säuglings können als Ergänzung der eigenen Beobachtung gesehen werden.
  • Neugeborenes und Säugling:

    • Welche Bewegungen zeigt der Säugling?

    • Welche Positionen nimmt er selbstständig ein?

    • Transfer von einer in die andere Position?

    • Besucht das Kind eine Gruppe wie z. B. PEKiP-Gruppe, Babyschwimmen, Babymassage, Krabbelgruppe?

  • Kleinkinder und Kinder:

    • Welche motorischen Fertigkeiten beherrscht das Kind? Treppe gehen; Fahrrad, Roller, Dreirad fahren; Hüpfen auf einem, auf beiden Beinen; Balancieren?

    • Welche alltäglichen Tätigkeiten kann es allein verrichten? Zähne putzen, Waschen, sich allein an- und ausziehen, Schuhe anziehen, mit Besteck essen? Kann es selbstständig/mit Hilfe/gar nicht selbst essen, aus einem Becher trinken?

    • Welche feinmotorischen Fertigkeiten beherrscht es? Stifthaltung beim Malen? Ausschneiden mit der Schere? Basteln? Knöpfe/Reißverschlüsse selbst schließen? Schuhe binden? Brot streichen? Mit dem Messer schneiden?

    • Bewegungsprofil: Wie viel Zeit am Tag bewegt sich das Kind? Schulweg, zusätzliche Sportangebote, draußen spielen? Hat es Spaß an Bewegung oder ist es eher ein Bewegungsmuffel? Wie sieht die Freizeitgestaltung der Familie, z. B. am Wochenende, aus?

  • Jugendliche:

    • Das Bewegungsrepertoire ist nur bei zentralmotorischen Störungen relevant. Bei orthopädischen oder internistischen Beschwerden wird bei Jugendlichen ein entsprechender Erwachsenenbefund gemacht, natürlich unter Berücksichtigung ihres motorischen Entwicklungsstandes (10.1.5).

    • Bewegungsprofil: Treibt der Jugendliche regelmäßig Sport? Was? Wie häufig? Wie legt er Wegstrecken, z. B. zur Schule/zu Freunden, zurück – per Fahrrad oder Bus? Wie sieht die Freizeitbeschäftigung aus? Hat der Jugendliche Spaß an Bewegung?

Wie bewegt sich das Kind?
  • Qualität der Bewegungen? Kompensationsmechanismen? Assoziierte Reaktionen? Auf wenige Grundmuster reduzierte Motorik? Stereotypie? Bewegungsfluss?

  • Entspricht die Haltung an jedem Punkt der Bewegung der willkürlichen Motorik?

  • Können Positionen symmetrisch gehalten werden? Konstante Asymmetrie?

  • Welche Qualität hat die Aufrichtung?

Tonus der Muskulatur
Pathologische Veränderungen des Tonus entwickeln sich erst im Laufe der ersten Monate. Spastik kann frühestens mit 6 Monaten gesichert diagnostiziert werden.
  • Entspricht der Muskeltonus den motorischen Ansprüchen? Ist eine bestimmte Form der Tonusveränderung erkennbar, wie Spastik, Hypotonie, Athetose? Wo ist sie lokalisiert?

  • Behindern Veränderungen des Tonus die normale Bewegungsausführung? In welchen Positionen? Bei welchen Aktivitäten?

Fortbewegung
  • Wie bewegt sich das Kind fort? Auffälligkeiten?

  • Benötigt es Hilfsmittel? Welche?

Reflexe und Reaktionen
Primäre Reaktionen oder frühkindliche Reflexe
Lagereaktionen nach Vojta (posturale Reaktibilität)
Lagereaktionen sind durch eine bestimmte Änderung der Körperlage provozierte Reflexhaltungen, die sich je nach erreichter Entwicklungsstufe modifizieren, d. h., sie verlaufen in verschiedenen Phasen. Während der normalen Entwicklung zeigt das Kind verschiedene Stadien des Stützens, Greifens, der Aufrichtung, Bewegungssynergien und der selektiven Motorik. Mit der Überprüfung der Lagereaktionen erhält der Therapeut ein schnelles Bild über den Entwicklungsstand des Kinds.
Ist die Gesetzmäßigkeit der Lagereaktion gestört, kann das ZNS die afferenten Impulse nicht entsprechend verarbeiten.
Zu den Lagereaktionen nach Vojta gehören:
  • Vojta-Versuch

  • Traktionsversuch

  • Kopfabhangversuch nach Peiper-Isbert

  • Collis horizontalis

  • Collis vertikalis

  • Landau-Reaktion

  • Axillarer Hängeversuch

Die diagnostische Interpretation der Lagereaktionen:
  • gibt Aufschluss über den Reifegrad des ZNS.

  • erlaubt die Differenzierung zwischen normalen und abnormalen Reaktionen.

Je nach Anzahl der abnormalen Lagereaktionen kann eine Aussage über die zu erwartende Bewegungskoordination gemacht werden:
  • 1–3 abnormale Lagereaktionen = leichteste zentrale Koordinationsstörung

  • 4–5 abnormale Lagereaktionen = leichte zentrale Koordinationsstörung

  • 6–7 abnormale Lagereaktionen = mittelschwere zentrale Koordinationsstörung

  • 7 abnormale Lagereaktionen und zusätzlich schwere Tonusstörung = schwere zentrale Koordinationsstörung

Aspekte des Therapieziels
  • Lässt sich für alle Mängel in den Bewegungen ein Hauptgrund benennen?

  • Was erwartet das Kind von der Therapie?

  • Welche Veränderungen wünschen sich die Eltern/Bezugspersonen?

  • Wünsche aller Beteiligten respektieren

  • Ein gemeinsam formuliertes Therapieziel ist für den Erfolg der Behandlung unumgänglich.

  • Durch ein grobes Zeitraster mit kleineren Etappenzielen wird die Therapie für alle transparent gestaltet.

  • !

    Befundbesonderheiten sind unter den jeweiligen Krankheitsbildern zu finden.

Therapiekonzepte

Bobath-Konzept
2.6
Therapiekonzept nach Castillo Morales
Der argentinische KindTherapiekonzepteRehabilitationsarzt Therapiekonzept nach Castillo MoralesDr. Rodolfo Castillo Morales entwickelte ein neurophysiologisches Behandlungskonzept, mit dessen Hilfe sich kommunikative, sensomotorische und orofaziale Störungen von Kindern und Erwachsenen behandeln lassen.
Ziele
  • Verbesserte orofaziale Funktionen wie Saugen, Schlucken, Kauen, Speichelkontrolle, Mimik und Artikulation

  • Verbesserte Wahrnehmung

  • Erweiterte Kommunikationsmöglichkeiten (verbal und nonverbal)

  • Optimierte Haltung und Bewegung

Indikationen
  • Kinder mit:

    • genetischen Syndromen und Muskelhypotonie, wie z. B. Down-Syndrom

    • verzögerter sensomotorischer Entwicklung, z. B. frühgeborene Kinder

  • Kinder und Erwachsene mit:

    • zentralmotorischen Störungen

    • orofazialen Störungen, Lippen-/Kiefer-/Gaumenspalten

    • neuromuskulären Erkrankungen, Schädel-Hirn-Traumen

    • peripheren Paresen, Plexusparese

Kontraindikationen
Keine.
Grundlagen
Die Konzepte der neuromotorischen Entwicklungstherapie (NET) und der orofazialen Regulationstherapie (OFR) verschmelzen zu einem einheitlichen Therapiekonzept. Die folgenden Stichpunkte sollen einen Eindruck der Therapie und ihrer Vielschichtigkeit vermitteln.
Neuromotorische Entwicklungstherapie (NET)
Das Modell zurNeuromotorische Entwicklungstherapie (NET) Entwicklungstherapie basiert auf zwei gedachten Körperdreiecken (Abb. 10.1). Die Spitzen der Dreiecke treffen sich in der dorsolumbalen Zone (Nabel), jeweils zwei weitere Eckpunkte sind an den oberen und unteren Extremitäten lokalisiert. Therapeutisch interessant ist vor allem der Abstand der unteren (am weitesten entfernten) Dreieckslinien. Sie liegen im physiologischen Entwicklungsverlauf deutlich dichter zusammen als im pathologischen.
Orofaziale Regulationstherapie (OFR)
Die OFR basiert auf dem Konzept der engen Verbundenheit des orofazialen Bereichs über Schädel und Wirbelsäule mit dem restlichen Körper, mit entsprechenden Einflüssen des orofazialen Bereichs auf die Motorik und Statik des gesamten Körpers.
Zustand der motorischen Ruhe
Durch die Afferenzflut beim Neugeborenen ist die Motorik von Massenbewegungen und unterschiedlichen Reflexen (primäre Reaktionen, Nackenreflexe und Labyrinthreaktionen) geprägt. In der motorischen Ruhe werden die Afferenzen kontrolliert. Zu diesem Zweck wird eine Hand flächig an den Hinterkopf des Kinds gelegt und ein leichter rhythmischer intermittierender Zug nach kranial gegeben. Die andere Hand liegt auf dem Sternum und übt einen intermittierenden Zug nach kaudal und dorsal aus. Ein Neugeborenes ist jetzt in der Lage, optisch zu fixieren, Gegenstände zu ergreifen oder die Hände zur Mittellinie zu führen. Dies sind motorische Fertigkeiten, die es intrauterin schon konnte, aber aufgrund der veränderten Bedingungen (Schwerkrafteinfluss) nach der Geburt wieder lernen muss.
Klassische Kopf- und Kieferkontrolle
Der Hinterkopf wird mit flächigem Griff unterstützt und korrigiert. Der Unterkiefer wird von außen mit Daumen und Zeigefinger entlang des Knochenverlaufs wie eine Zange umfasst, die restlichen Finger sind angewinkelt, der Mundgrund liegt auf dem Mittelfinger auf. Mit Hilfe dieses Griffs kann die Kopf- und Kieferhaltung kontrolliert und verbessert werden.

Tipps & Fallen

Bei Down-Syndrom keine klassische Kieferkontrolle durchführen, da der symmetrische Stimulus eine Protrusion des Unterkiefers bewirkt.

Befunderhebung
Eine genaue Befunderhebung und exakte Kenntnisse des orofazialen Bereichs sind für die Behandlung unerlässlich:
  • Analyse der Mundmotorik bei genauer Kenntnisse der Muskulatur im orofazialen Bereich

  • Beobachtung der Haltung und des Bewegungsablaufs beim Saugen, Kauen und Schlucken sowie evtl. Kompensationsmechanismen

  • Stellung und Aktivitäten von Lippen, Gaumen und Zunge (Mundschluss, primäre oder unreife Zungenbewegungen, Tremor, Athetose der Zunge usw.)

  • Beurteilung von Atmung, Zahn- und Bissentwicklung, Gaumensegel, Zungenposition und -ausbildung

  • Formen der Nahrungsaufnahme und Artikulation

  • Haltungsveränderungen bei unterschiedlichen Aktivitäten im orofazialen Bereich

Techniken
Zonen
  • Fünfzehn Stimulationszonen am Körper

  • Sechs motorische Zonen im Gesicht

Stimulation der sensorischen Bereiche
  • Berührung: mit Fingerspitzen oder ganzer Handfläche

  • Streichung:

    • Fest und langsam

    • Meist vom Punctum fixum des Muskels ausgehend

  • Zug:

    • Langsam

    • Bei einzelnen Muskeln oder Synergisten

    • Prox. oder dist. des zu stimulierenden Körperteils

  • Druck:

    • Fest, aber nicht schmerzhaft

    • Genau bestimmte Stimulationszone

    • Definierte Druckrichtung

    • Um Reiz aufrechtzuerhalten, intermittierender Druck (Vibration)

  • Vibration:

    • Zur Stimulation, Fazilitation oder Stabilisation einzelner Übungen

    • Breitet sich über den ganzen Körper aus und prallt am Punctum fixum (Ziel der Stimulation) ab, kommt wieder zum Ausgangspunkt zurück. Der Körper bringt sich in ein neues Gleichgewicht durch Spannungsaufbau.

    • Regelmäßige, lang anhaltende Vibrationen senken den Muskeltonus.

    • Intermittierend, mit variablen Pausen, wirken sie kurzzeitig Tonus steigernd.

    • Der Stimulus muss in eine genaue Richtung gegeben werden.

    • Die Vibration muss immer einen stabilen Aufprallpunkt haben.

Behandlungsschwerpunkte
  • Motorische Ruhe, um die Aufmerksamkeit zu zentrieren

  • Modellation: Auflösen von bestehenden Kompensationen, Tonusregulation, Vorbereitung der verschiedenen Muskelgruppen

  • Anwendung der Techniken (s. o.), um verschiedene Therapieziele zu erreichen

  • Basisübung und ihre Variationen: Für den Pat. muss eine Position gefunden werden, die sich auf den Muskeltonus positiv auswirkt.

    • Der Th. faltet die Finger ineinander und legt beide Hände an den Hinterkopf des Pat. Zur Entspannung der Hals- und Nackenmuskulatur werden Extensions-, Flexions-, Lateralflexions- und Rotationsbewegungen ausgeführt.

    • Eine Hand umfasst den Hinterkopf mit Daumen und Zeigefinger an den Mastoidfortsätzen, die andere Hand umfasst das Kinn. Kopf in Mittelstellung, leichter Zug mit beiden Händen, Kopf in Ext., dann Flex. mit Rotation zur Kinnhand des Th.; mit einem Stretch auf den Nacken (Hinterhaupthand) kommt es zur Schluckbewegung. Kann durch Streichung oder leichten Druck, mit Vibration Richtung dorsal und kranial, noch forciert werden.

    • Verschiedene Variationen der Basisübung, um unterschiedliche Therapieziele zu erreichen.

Konduktive Förderung nach Petö
Der ungarische Konduktive Förderung nach PetöNeurologe Dr. András Petö entwickelte seine Behandlungsmethode in den 1940er-Jahren, um behinderten Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Zu dieser Zeit war es in Ungarn Grundvoraussetzung für den Besuch einer Behindertenschule, dass das Kind laufen konnte. Das Förderprogramm wurde für gruppenorientiertes Arbeiten entwickelt. Die unterschiedlichen Aspekte der Therapie (physio-, ergotherapeutische, logopädische, pädagogische und psychologische) werden von einer speziell ausgebildeten Konduktorin vermittelt.
Ziele
  • Orthofunktion, die selbstständige Eingliederung in die Gesellschaft

  • Erhöhte Eigenaktivität

  • Kommunikation mit der Umgebung

Indikationen
  • Kinder mit überwiegend zentralmotorischen Störungen

  • Findet vor allem in Sonderschulen und -kindergärten Anwendung, da nur in der Gruppe behandelt wird

Grundlagen
Förderprogramme:
  • Folgen einem genauen Tagesprogramm.

  • Vermitteln Lernen durch Imitation als gruppendynamischen Prozess mit dem Einsatz von funktionsorientierten Hilfsmitteln.

  • Sprachliche Vermittlung von Aufgaben.

  • Konduktorin vermittelt die Aufgaben, bestärkt Erfolge über klassische Konditionierung, bietet motorische Lösungsvorschläge an, wenn das Kind Hilfe braucht.

Techniken
  • Rhythmisches Intendieren

  • Systematische Planung und Aufgabenserien

  • Gruppenarbeit

  • Teilnehmende Beobachtung

  • Fazilitation

Vojta-Konzept
2.40

Aspekte der Physiotherapie

Aktivität/Partizipation
Motivation durch Spaß
  • In jeder Therapieeinheit KindAspekte der Physiotherapiesoll es mindestens zwei Aktionen geben, die dem Kind richtig Spaß machen.

  • Nahezu alle Übungen und Aktivitäten lassen sich spielerisch, dem Alter des Kinds entsprechend vermitteln.

  • Fremdelt ein Kind oder verhält sich anfangs scheu, zeigt der Th. der Bezugsperson die Behandlung anhand einer Puppe.

Das Kind ernst nehmen
  • Jedes Kind soll seinem Alter entsprechend über sein Krankheitsbild und die therapeutischen Möglichkeiten informiert werden.

  • Keine Versprechen machen, die nicht gehalten werden können.

  • Die Regeln, die während der Therapie gelten, sollen dem Kind bekannt sein und eingehalten werden. Sie geben Struktur und sparen Zeit.

  • Das Kind an gegebene Versprechen erinnern.

Kooperation mit den Eltern/Bezugspersonen
  • Eltern sind die Ko-Therapeuten, ohne die keine Therapie zum Erfolg führt.

  • Keinen Druck auf Eltern ausüben, kein schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle vermitteln oder wecken.

  • Für viele Eltern ist ein Heft, in das sie sich Fragen/Anmerkungen schreiben oder Übungen aufzeichnen können, sehr hilfreich. Es wird zu jeder Therapieeinheit mitgebracht. Kann auch bei größeren Kindern verwendet werden, die z. T. schon allein zur Therapie gehen.

  • Häufig sind Eltern über das Krankheitsbild ihres Kinds besser informiert als der Th. Begegnet man sich auf Augenhöhe, kann der Th. von den Eltern lernen.

  • Wirklicher Informationsaustausch funktioniert nur dann, wenn konstruktiv nach Lösungen für Probleme gesucht wird.

  • Viele Eltern sind sehr erfinderisch in der Hilfsmittelversorgung und Therapieanwendung und haben z. T. gute Lagerungsideen. Fühlen sie sich im Umgang mit dem Th. sicher, besprechen sie diese Überlegungen mit ihm.

Durchführung
Der Therapieaufbau orientiert sich am Ziel.
Positionen in der Therapie
  • Immer den Einfluss der Schwerkraft berücksichtigen

  • Durch Polster, Keile, Rollen, Pezziball wird auf den Schwerpunkt des Körpers und die Qualität seiner Unterstützungsfläche (labil, stabil, instabil) Einfluss genommen.

  • Schoßbehandlung beinhaltet jede Haltung auf dem Schoß des Th.

Lagerung
  • Lagerungsmaterial reduziert einsetzen und möglichst unter das Laken (größeres Spannbetttuch) legen. Je mehr Kissen, Decken und Polster ein Kind im Bett hat, umso eher läuft es Gefahr, darin zu ersticken.

  • Normalerweise liegen Säuglinge zum Schlafen auf dem Rücken. BL ist nicht empfohlen (Tipps & Fallen in 10.1.1), SL erst dann, wenn die Kinder sich drehen können. Es gibt Untersuchungen, nach denen zu frühes Lagern auf der Seite (z. B. zum Schlafen) die Hüftentwicklung stört, da zu viel Druck auf das Hüftgelenk ausgeübt wird.

  • In den ersten 3 Mon. ist der Säugling ein „Tragling“. Er braucht die körperliche Nähe „zum Rudel“, sonst fühlt er sich verlassen. Tragevarianten im Tragetuch können therapeutisch genutzt werden.

Spielerische Umsetzung
  • Einfachen Kontakt zu Kindern bekommt man z. B. mit einer Handpuppe (Hygiene beachten); oder man malt sich ein Gesicht auf den Nagel, setzt seinem Finger einen weißen Kegel mit Rotem Kreuz auf und ist „Dr. Finger“, der sich sehr wundert, warum gerade dieses Kind in seinem Krankenhaus liegt. Aus Socken kann man Handpuppen machen, die beim Kind bleiben.

  • Lieder und Kinderreime machen viel Spaß und vermitteln Bewegungsrhythmus.

  • Klatschspiele und Fingerspiele dienen der Koordination.

  • Atemtherapie: nicht einfach nur Watte pusten, sondern die Kinder z. B. aus einem Fußballheft Fußballer ausschneiden lassen und mit geknicktem, hinten angeklebtem Papierstreifen Stehmännchen daraus machen. Welches Kind pustet nicht lieber die Nationalmannschaft um, als Watte über einen Tisch?

  • Jonglieren lernen, Türmchen balancieren, auf Stelzen gehen lernen: keine klassischen Behandlungselemente, aber großer motorischer Anspruch

  • Bewegungswiederholungen sinnvoll gestalten. Wenn 20 Puzzleteile unter dem Tisch liegen, bückt sich das Kind 20-mal, ohne zu murren. Bei 20 Rumpfbeugen fragt es bei jeder Wiederholung nach!

Das frühgeborene Kind

Neugeborene werden Frühgeborenesnach dem Gestationsalter (Dauer der Schwangerschaft vom 1. Tag der letzten Menstruation bis zur Geburt), dem Geburtsgewicht (GG) und dem GG bezogen auf das Gestationsalter unterteilt (Tab. 10.2).
Um die motorischen Fertigkeiten eines frühgeborenen Kinds genauer einschätzen zu können, wird das Gestationsalter korrigiert, indem die „fehlende“ intrauterine Zeit vom tatsächlichen Alter des Kinds abgezogen wird. Beispiel: Ein 18 Wo. altes Kind, das in der 34. SSW geboren wurde (6 Wo. fehlen), ist korrigiert vom Entwicklungsstand her 18 minus 6 = 12 Wo. alt.
Ursachen für Frühgeburtlichkeit
  • Mütterliche Faktoren,FrühgeburtlichkeitUrsachen z. B. Diabetes, Bluthochdruck, Herzleiden, Gebärmutterfehlbildungen, EPH-Gestose (Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen, 11.5.3), psychische und psychosoziale Belastung

  • Komplikationen während der Schwangerschaft (11.5.3), z. B. Plazentainsuffizienz, akute Plazentaablösung, Amnioninfektionssyndrom, vorzeitige Wehen, vorzeitiger Blasensprung

Symptome
  • Ernährung: FrühgeburtlichkeitSymptomeSchwierigkeiten mit der Nahrungsaufnahme, Ernährungssonde, parenterale Ernährung (Infusionstherapie)

  • ZNS: motorische Retardierung

  • Muskelhypotonie

  • Herz: persistierender Ductus arteriosus (PDA)

  • Apnoen (Atempausen > 15–20 Sek.) und Bradykardien (Herzfrequenz < 100/Min.)

  • Immunabwehr: erhöhte Infektionsdisposition, nosokomiale Sepsis

  • Hypothermie, Hypoglykämien

Ärztliche Therapie
Ggf. Intubation und Beatmung oder O2-Gabe über Nasensonde oder Maske notwendig. Häufig antibiotische Therapie, parenterale Ernährung, vorsichtiger Nahrungsaufbau.
Prognose
Die Überlebenschance eines frühgeborenen Kinds mit einem GG < 1500 g hat sich aufgrund der besseren Betreuung der Risikoschwangerschaften und der Fortschritte der Neonatologie seit den 1980er-Jahren auf deutlich > 90 % verbessert. Schwerpunkt jetzt ist die Verminderung möglicher neurologischer Defizite (z. B. Einsatz von brain cooling) und die Optimierung der künftigen Lebensqualität.

Befunderhebung

Reflexe
Frühkindliche FrühgeborenesBefunderhebungReflexe und Reaktionen sind aufgrund der Unreife des Gehirns schwach ausgeprägt oder gar nicht vorhanden.
Atmung
Die Schwierigkeiten mit der Atmung resultieren aus:
  • Unreife der Atemreflexe,

  • Unreife der Lunge, Surfactantmangel,

  • Schwierigkeiten, die Atembewegung gegen die Einwirkung der Schwerkraft auszuführen.

Häufig kommt es zu einem Atemnotsyndrom (ANS oder IRDS: Infant Respiratory Distress Syndrome) oder Surfactantmangelsyndrom, der häufigsten Todesursache in der Neonatalperiode.
Haltung
Durch das unreife Nervensystem und die verkürzten intrauterinen Bewegungserfahrungen sind die Möglichkeiten, sich gegen die Schwerkraft zu behaupten, gering. Die typische Haltung eines frühgeborenen Kinds entspricht nicht der physiologischen Beugehaltung des Neugeborenen, sondern zeigt deutlich mehr Extension in allen Gelenken und einen hypotonen Gesamttonus der Muskulatur. Die Haltung wird durch die Fehlentwicklung der Gelenke und knöchernen Strukturen unter dem verfrühten Schwerkrafteinfluss maßgeblich beeinflusst.
Wahrnehmung
Im Gegensatz zum intrauterinen Milieu ist die Umgebung für das frühgeborene Kind zu trocken, unbegrenzt weit, laut, grell, thermisch instabil und reizintensiv. Übererregbarkeit, Störungen der sensorischen Integration und Probleme mit der sensorischen Reizverarbeitung können die Folge davon sein.
Der Mangel an intrauterinen sensorischen Erfahrungen bedingt mangelndes Körperempfinden, Lageunsicherheit und motorisches Unvermögen.
Bedrohung durch akute Erkrankungen und Folgeschäden
  • Infektionen, Sepsis

  • Chron. Lungenerkrankung (CLD), bronchopulmonale Dysplasie (BPD)

  • Frühgeborenenretinopathie (Gefäßwucherungen in der Netzhaut mit potenziell nachfolgender Netzhautablösung), Taubheit

  • Nekrotisierende Enterokolitis (Darmschädigung infolge Unreife, Infektion und Hypoxie)

  • Peri- und intraventrikuläre Hirnblutung (etwa 40 % aller frühgeborenen Kinder haben Hirnblutungen unterschiedlichen Schweregrads, bei 80–90 % treten sie in den ersten 48 Std. nach der Geburt auf). Die Prognose hängt von Vorhandensein und Ausdehnung der Parenchymläsion ab.

  • Psychomotorische Retardierung, neurologische Schäden mit Behinderung

Physiotherapie

Bei der Behandlung von frühgeborenen FrühgeborenesPhsyiotherapieKindern sind folgende Punkte wichtig:
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit

  • Behandlungszeiten richten sich nach den Bedürfnissen des Kinds (Ruhephasen, Essenszeiten und Untersuchungstermine)

  • Einbeziehung der Eltern hat oberste Priorität. Lagerung auch des beatmeten frühgeborenen Kinds auf dem Thorax der Eltern mit Hautkontakt („Känguruhen“).

Sicherheit in der Haltung geben
Lagerung:
  • Umgrenzungen in unterschiedlichen Lagen schaffen; Nestlagerung, um die typische Beugehaltung zu ermöglichen

  • Taktiler Kontakt mit einer Umgrenzung hilft der Körperwahrnehmung

Aus sicherer Lage heraus kann das „Frühchen“ seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenken.
Atemfunktion verbessern
  • Pneumonieprophylaxe

  • Gute Belüftung der Lunge in unterschiedlichen Positionen

  • Sekrettransport

  • Eigene Atemaktivität des Kinds durch Kontaktatmung, Ausstreichungen anregen.

Wahrnehmung unterstützen
  • !

    Dem Kind Zeit für seine Reaktionen geben.

  • Stimulation im orofazialen Bereich (Castillo Morales, 10.2.2)

  • Propriozeptive Reize zur Eigenwahrnehmung und Bewegung geben

  • Akzeptanz von äußeren Reizen steigern

  • Sensomotorische Entwicklung unterstützen

  • Visuelle Reize anbieten (für die Reaktion – wie z. B. Kopfbewegung, Blickkontakt, Verfolgen mit den Augen – Zeit lassen)

  • Mit verschiedenen sensorischen Reizen altersentsprechende motorische Aktivitäten initiieren und deren Ausführung unterstützen

Erkrankungen des Bewegungsapparats

Torticollis (kongenitaler muskulärer Schiefhals)

Etwa 1–2 % aller Neugeborenen Schiefhals, kongenitaler muskulärersind von einem TorticollisTorticollis betroffen. Durch die Entwicklung einer Teilfibrose des M. sternocleidomastoideus kommt es zu dessen vollständigem oder partiellem Funktionsverlust.
  • ¾ der Kinder haben einen rechtsseitigen Schiefhals.

  • Mädchen sind häufiger betr. als Jungen.

  • In 20 % der Fälle kann gleichfalls eine Hüftdysplasie diagnostiziert werden.

Ursachen
  • Geburtstrauma, vor allem bei Erstgeborenen oder langer, schwieriger Geburt

  • Intrauterine Zwangshaltung

  • Kompartmentsyndrom: Aufgrund eines starken Anstiegs des Gewebedrucks kommt es zur akuten oder chronischen Durchblutungsstörung des Muskels.

  • Genetische Komponente

Erscheinungsbild
  • Kopf wird zur nicht betr. Seite gedreht, ist zur betr. Seite geneigt.

  • Kirschgroße Geschwulst im M. sternocleidomastoideus in den ersten Lebenswochen tastbar, später strangförmige Umwandlung

  • !

    Kann in seltenen Fällen schmerzhaft sein

Befunderhebung
  • DD: Knöcherner Schiefhals (Morbus Klippel-Feil), Torticollis ocularis

  • Nach etwa einer Woche kann ein weicher Knoten im unteren Bereich des Muskelverlaufs tastbar sein. (Es wird diskutiert, ob es sich nur beim Torticollis mit Knoten um einen echten kongenitalen muskulären Schiefhals handelt.)

  • Beweglichkeit von HWS, Schultergürtel und Armen testen

  • Lateralisierung der Wahrnehmung?

  • Spontanmotorik: Kopfrotation, Greiffunktion, Stützentwicklung

  • Knöcherne Veränderungen des Schädels (Auflagefläche), Schräglagedeformität

Physiotherapie
Ziele
  • Symmetrische Ausrichtung der HWS und der Körperhaltung

  • Verbesserte Wahrnehmung der betr. Seite

  • Vergrößertes Blickfeld, verbesserte Augenmotorik und visuelle Wahrnehmung

Struktur/Funktion
Sym. Ausrichtung der HWS und weiterlaufend der gesamten Statik fördern
  • Wärmeapplikation zur Entspannung der Muskulatur (warmes Tuch oder Gel-Pack)

  • Vorsichtige Dehnungen sind nur sinnvoll, wenn sie mind. 30 Sek. gehalten werden können und der Säugling absolut entspannt dabei ist, ansonsten erhöht sich der Tonus im Muskel.

  • Vorsichtige manuelle Ausstreichungen im Verlauf des Muskels mit dem Ziel der Detonisierung

  • Vojta-Therapie, erste Phase Reflexumdrehen beidseitig

  • Spontanmotorik, dem motorischen Entwicklungsstand des Kinds entsprechend fördern:

RL, weitestgehend symmetrische Haltung
  • Kopfrotation über visuelle Reize

  • Greifaktivitäten lateral auf der betr. Seite

  • Anbahnen der Drehung von Rücken auf Bauch mit entsprechender Kopfeinstellung im Raum

  • Hand-Augen-Koordination

BL, Stützpunkte im Vergleich li. und re. auf einer Linie
  • Kopfrotation bei sym. Stütz

  • Einzelstütz auf die betr. Seite, Greifaktivität, freie Schulterbeweglichkeit

  • Pezziball, Kind liegt in BL: hin und her schaukeln, um über die Gleichgewichtsreaktionen eine Aktivierung des M. sternocleidomastoideus der Gegenseite zu erhalten (reflekt. Hemmung des betr. Muskels)

Sitz
  • Kind im Reitsitz über Rolle, durch Gewichtsverlagerung Aktivierung der Halsstellreaktionen

  • Greifaktivitäten und Spiel in der Mitte; der Th. kann Schulter- und Halsstellung durch die Anordnung des Spielzeugs beeinflussen.

  • Auf dem Pezziball schaukeln, wippen, balancieren

Schoß
Kind liegt auf den angestellten Beinen des Th., beide schauen sich an. Die Kopfstellung des Säuglings kann in dieser Stellung sehr gut korrigiert werden.
  • Kopfrotation mit optischer oder akustischer Orientierung

  • Greifaktivitäten der betr. Seite fördern

Aus dem Schiefhals resultierende Veränderungen der Statik vermeiden
Handling:
  • Tragen:

    • Hüftsitz, betr. Seite nach vorne

    • Fliegergriff, betr. Seite ist unten

    • Tragen im Tragetuch oder frei am Bauch so, dass die betr. Seite zum Hals des Tragenden zeigt

  • Füttern nach Möglichkeit über die betr. Seite

  • Ansprache von der betr. Seite

Aktivität/Partizipation
Wahrnehmung der betroffenen Seite verbessern; Blickfeld vergrößern
Dies beinhaltet insbes. die Förderung der visuellen Wahrnehmung und der Augenmotorik.
  • Verstärktes Reizangebot über die betr. Seite und weniger Reize über die nicht betr. Seite

  • Visueller Schwerpunkt auf der betr. Seite, visuelle Kontrolle des Greifens (Augenmotorik)

  • Taktile Angebote für die betr. Seite steigern

  • Haptische Informationen vermehrt für Hand und Fuß der betr. Seite

  • Lagerung:

    • SL: Unterlagerung des Kopfs, bis die Lateralflex. aufgehoben ist

    • BL nur, wenn eine Lagerung entgegen der Rot.-Richtung des Kopfs möglich ist

    • RL nur, wenn nicht bereits eine Lagedeformität des Kopfs besteht oder wenn trotzdem sym. gelagert werden kann

Haltungsschwäche

Das Bundesamt für Gesundheit KindHaltungsschwächegeht davon aus, dass etwa 48 % aller Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Lj. eine Haltungsschwäche haben. Der Begriff Haltungsschwäche umfasst eine nicht genauer definierte muskuläre Insuffizienz überwiegend im Bereich der Rumpfmuskulatur.

Während eines Wachstumsschubs kann es kurzzeitig zu einer physiologischen Haltungsschwäche kommen. Das knöcherne Wachstum geht dem muskulären voraus, die Folge sind zeitweise verkürzte Muskeln (vor allem M. iliopsoas).

Ursachen
  • Bewegungsmangel

  • Übergewicht

  • Minimale zerebrale Störungen (selten)

Symptome
  • Pyknischer, z. T. aber auch leptosomer Konstitutionstyp

  • Verstärkte Kyphose der BWS

  • Scapula alata mit protrahiertem Schultergürtel

  • Hyperlordose mit ventral gekipptem Becken

Befunderhebung
  • 10.2.1

  • Bewegungsprofil erstellen:

    • Wie viel Zeit am Tag verbringt das Kind in Bewegung (z. B. Schulweg, Freizeitgestaltung, Wege zu Freizeitaktivitäten)?

    • Betätigt es sich in seiner Freizeit sportlich? Ist es in einem Verein?

    • Wie sehen die Freizeitbeschäftigungen der Familie aus?

    • Bewegt sich das Kind gerne?

    • Allgemeine Prüfung von Kraft, Ausdauer und Koordination

Physiotherapie
Ziele
  • Verbesserte Haltung

  • Spaß an Bewegung (v. a. durch Spiele)

  • Interesse an motorischer Freizeitgestaltung (Kontaktadressen vermitteln)

Es ist wichtig, den Kindern bewusst zu machen, dass Bewegung etwas alltägliches, normales ist und nicht therapeutisch erarbeitet und bewahrt werden muss. Gruppenbehandlung ist angebracht.
Struktur/Funktion
Kondition fördern
  • Sitzfußball, Papierkorb-Basketball

  • Staffeln mit Wettkampfcharakter, z. B. Eier-Hindernislauf, Deckenrennen

  • Bewegungsspiele: „Fuchs, pass auf“, „Fischer, welche Fahne weht heute“, „Feuer, Wasser, Erde, Luft“

Koordination verbessern
  • Jonglieren lernen, Diabolo

  • Geschicklichkeitsspiele, Balancieren

Morbus Scheuermann

Synonyme: Morbus ScheuermannAdoleszentenkyphose, juvenile KyphoseKyphose, juvenile.
Wachstumsstörung unbekannter Ursache an Deck- und Grundplatten der Wirbelkörper, mit Kyphosierung der BWS und/oder LWS durch Keilwirbelbildung (mind. drei benachbarte Wirbel mit je 5 % Keilbildung) und Deckplatteneinbrüchen, in die Bandscheibengewebe eindringen kann (Schmorl-KnötchenSchmorl-Knötchen).
  • Etwa 20 % aller Jugendlichen sind betr., nur etwa ⅓ der Pat. hat Beschwerden (LWS-Form ist schmerzhafter).

  • Geschlechterverhältnis M : W = 4 : 1

  • Radiologisch nachweisbare Veränderungen zur Diagnosesicherung können ab dem 11. Lj. auftreten.

  • Meist ist die BWS betr., seltener die LWS.

  • Mit Abschluss des Wachstums kommt die Krankheit zum Stillstand.

  • Häufig Vergesellschaftung mit Skoliose (Scheuermann-SkolioseScheuermann-Skoliose)

Ursachen
  • Genetische Faktoren (familiäre Häufung)

  • Minder- oder Überbelastung (kyphotische Haltung, hohe Körpergröße, Extrembelastung durch Leistungssport)

  • Vitaminmangelsyndrom

  • Kollagene Stoffwechselstörung

Erscheinungsbild
  • Initialstadium:

    • Selten Schmerzen

    • Gelegentlich Bewegungseinschränkungen

    • Manchmal schnelle körperliche Ermüdung

  • Florides Stadium:

    • Häufiger Schmerzen

    • Sichtbare Verkrümmung: BWS-Kyphose, kompensatorische Abflachung der LWS-Lordose (oder primäre Abflachung der Lordose und kompensatorische Verstärkung der BWS-Kyphose)

    • Verspannung der Rückenmuskulatur

    • Deutliche Einschränkung der Beweglichkeit

  • Endstadium:

    • Schmerzen durch Abnutzungserscheinungen und Fehlbelastung

    • Deformierung der Wirbelkörper

    • Veränderungen betreffen die Statik des gesamten Körpers

Ärztliche Therapie
  • Leichtere Formen (< 50° Gesamtkyphosewinkel): (Rücken-)Schwimmen, keine Sprungsportarten; ggf. Physiotherapie

  • Schwerere progrediente Kyphose im Wachstumsalter (> 50° Gesamtkyphosewinkel): Physiotherapie, Gips und/oder Korsettbehandlung (Milwaukee- oder Boston-Korsett, 3.1.1)

  • Kyphose > 70° ist eine äußerst seltene OP-Indikation zur Versteifung der WS.

Befunderhebung
  • 10.2.1

  • Erste Hinweise: Rutschtest: Das Kind kniet auf dem Boden und streckt beide Arme auf der Unterlage so weit wie möglich nach vorne. Bleibt in der BWS eine Kyphose bestehen, sollte man an einen Morbus Scheuermann denken.

  • Schober-Zeichen, Ott-Zeichen (4.10.2, Zusatzuntersuchungen)

  • Beweglichkeit WS, Schultergürtel

  • Blockierungen der Wirbelsäulengelenke

  • Muskelstatus: Extensoren der WS verspannt, Bauchmuskeln verkürzt; Haltung des Schultergürtels, der Scapula prüfen

  • Atembefund

Physiotherapie
Korsett wird ggf. zur Therapie ausgezogen.
Ziele
  • Aufrichtung der BWS

  • Verbesserte Atemkapazität

  • Funktionelles Gleichgewicht der Rumpfmuskulatur

Struktur/Funktion
Dehnfähigkeit der Muskulatur verbessern
  • Verschiedene liegende Positionen über dem Pezziball, gut kombinierbar mit Atemübungen oder manuellen Dehngriffen

  • RL auf dem Boden, halbe Lagerungsrolle im BWS-Bereich, Bauchmuskelaktivierung aus gedehnter ASTE

Stabilität in der Aufrichtung fördern
  • PNF (2.32): bilat. Arm-Pattern auf dem Hocker, Skapulapattern

  • Übungsfolge mit Thera-Band an Sprossenwand zur Kräftigung

  • Dreidimensionale Skoliosebehandlung nach Schroth (2.11)

  • Vojta (2.40)

Atmung normalisieren
Schwerpunkt auf Atemvertiefung und Kontaktatmung in die unteren Lungenbereiche.

Tipps & Fallen

  • Ideale Sportarten: z. B. Schwimmen, Klettern, Inlineskating, Fechten, Bogenschießen

  • Vermeiden: vermehrte Kompressions- und Torsionsbelastung der Wirbelsäule; außerdem Sportarten, die eine kyphotische Haltung unterstützen (Rudern, Rennradfahren)

Skoliose

Die KindSkolioseSkolioseKombination einer Wirbelsäulenverkrümmung in der Frontalebene (mit einem Winkel von mind. 10° nach Cobb) und einer Torsion in der Transversalebene wird als Skoliose bezeichnet. Die Skoliose besteht aus einer Hauptkrümmung und 2–3 kompensatorischen Bögen. Die Verformung mit dem größten Neigungswinkel ist der Hauptbogen, nach dem die Skoliose benannt wird: thorakale, lumbale, thorakolumbale oder Doppel-S-Skoliose.
Formen
  • Idiopathische Skoliosen (80%) Ursache unbekannt, genetische Disposition erkennbar. Sie werden nach dem Alter des Betroffenen benannt:

    • Infantile Skoliose: 0–3 Jahre (meist thorakal; M : W = 1 : 1,5; selten)

    • Juvenile Skoliose: 4–9 Jahre (BWS, LWS; M : W = 1 : 1; selten)

    • Adoleszente Skoliose: 10–18 Jahre; mit ca. 80 % die häufigste idiopathische Skoliose (meist BWS; Geschlechterverhältnis: W > M)

  • Sekundäre Skoliosen (20 %) werden nach der Primärerkrankung oder Störung unterteilt:

    • Kongenitale Skoliose: aufgrund intrauteriner Entwicklungsstörungen

    • Metabolische Skoliose: Störung des Knochenstoffwechsels

    • Myo- und neuropathische Skoliose: Störung im neuromuskulären System

    • Bei Tumor, posttraumatisch, radiogen, selten psychogen („hysterisch“)

  • Säuglingsskoliose: ohne Torsion und ohne strukturelle Veränderungen, wahrscheinlich eine Folge gestörter neuromotorischer Entwicklung. Erscheinungsbild:

    • Haltungsasymmetrie

    • Meist C-förmige, großbogige Skoliose

    • Auf andere Fehlbildungen (Klump- und Spitzfuß) achten

Symptome
  • UnterscheidungSkolioseSymptome:

    • Strukturelle Skoliose: fixierte Verkrümmung mit Torsion

    • Funktionelle Skoliose: nicht fixierte Verformung überwiegend in der Frontalebene, ohne Torsion und Progression, reversibel; z. B. bei Beckenschiefstand aufgrund einer Beinlängendifferenz oder Ischialgie

  • Verschiebung von Schulter- und Beckenlinie

  • Bei Neigung nach vorne sind am Rücken Rippenbuckel und Lendenwulst erkennbar

Ärztliche Therapie
  • Ab 20° Cobb-Winkel: PT

  • 20°–60° Cobb-Winkel: Korsettversorgung (3.1.1) bei höherem Neigungsgrad, PT

  • 40°–70° Cobb-Winkel: OP-Ind., Korsettversorgung und PT

Befunderhebung
  • 10.2.1 Skoliose Befunderhebung

  • Beim Adams-Vorneigetest sind deutliche Niveauunterschiede am Rücken (Rippenbuckel und Lendenwulst) erkennbar.

  • Schiefstand der Schulter- und Beckenlinie

  • Ungleiche Taillendreiecke

  • Nicht alle Dornfortsätze sichtbar (aufgrund der Torsion)

  • Beweglichkeit und Seitendifferenz der Extremitäten und Scapula

  • Differenzierung der BLD: anatomisch und/oder funktionell

  • Ggf. Lungenfunktionsprüfung und Atembefund (erhöhte Infektgefahr bei schlechter Belüftung)

Physiotherapie
Ziele
  • Muskuläre SkoliosePhysiotherapieBalance im Bereich der WS

  • Verbesserte Muskelaktivität und Gelenkstabilität

  • Erweiterte Atemkapazität

  • Verbesserte Beweglichkeit und Koordination der Extremitäten

Struktur/Funktion
Muskuläre Balance im Bereich der WS fördern
  • Wärmebehandlung

  • Massage

  • Dehnung, Anleitung zur Eigendehnung

Muskelaktivität und Gelenkstabilität verbessern
  • Dreidimensionale Skoliosetherapie nach Schroth (2.11)

  • Vojta (2.40)

  • Übungen mit Thera-Band

  • Übungen zur Stabilisation nach Klein-Vogelbach (FBL, 2.14) auf dem Pezziball

  • PNF im VFST (2.32)

Atemkapazität erweitern
  • 1.3.4

  • Atemvertiefung

  • Thoraxmobilisation

Beweglichkeit und Koordination der Extremitäten verbessern
  • Gelenkbeweglichkeit erhalten durch endgradige Bewegungen

  • Aktivierung und Kräftigung

  • Vojta (2.40)

  • Dreidimensionale Skoliosetherapie nach Schroth (2.11)

Tipps & Fallen

Physiotherapie postoperativ:

  • Tragen oder Heben: nicht mehr als 5 kg

  • Kein Sport im ersten halben Jahr nach OP

  • Stabilisation und Kräftigung der Rückenmuskulatur

Hüftdysplasie

Mit einer Häufigkeit von 2–4 % ist die HüftdysplasieHüftdysplasie, eine Ossifikationsstörung der knorpelig angelegten Hüftpfanne, die am weitesten verbreitete kongenitale Skelettfehlentwicklung in Deutschland.
  • In 40 % der Fälle sind beide Hüften betroffen.

  • Mädchen erkranken 6-mal häufiger als Jungen.

  • Hüftluxation seit Einführung der standardisierten Ultraschalldiagnostik (Hüftscreening im Rahmen der U3 in der 4.–6. Lebenswo.) deutlich seltener geworden

Ursachen
  • IntrauterineHüftdysplasieUrsachen Beckenendlage

  • Störungen der Ossifikation

  • Familiäre Disposition

  • Bei Mädchen hormonelle Faktoren

Symptome
  • Flach und steil HüftdysplasieSymptomeausgebildete Pfanne

  • Häufig nach kraniodorsal abgeflachter Pfannenrand

  • Lateralisierter, oft deformierter Hüftkopf

  • Abweichungen der Femurachse

Befunderhebung
  • 10.2.1

  • Eingeschränkte HüftdysplasieBefunderhebungAktivität des betr. Beins

  • Asymmetrische Falten im Bein-Po-Bereich bei einseitiger Hüftdysplasie

  • Abduktionshemmung des betr. Hüftgelenks durch hypertone Adduktoren (normale Abd. bei 90° Hüftflex.: beim Neugeborenen 80°–90°, ab dem 2. Lebensmonat ca. 65°, sicher pathologisch ab 45°)

  • Beginnende Schonhaltung

  • Bei Laufbeginn: Hinken bei einseitiger, Watschelgang bei beidseitiger Hüftdysplasie

Klinischer Hinweis

Eine Beinlängendifferenz kann Zeichen für eine Hüftluxation sein.

  • Funktionelle Probleme:

    • Einschränkung der vollen Beweglichkeit

    • Beeinträchtigung der weiteren Hüftentwicklung

    • Die Zugkraft der Muskulatur unterstützt die optimale Ausbildung der Gelenkpfanne nicht.

    • Beeinträchtigung der Statik und des Gangbilds

Physiotherapie
Ziele
  • Verbesserte Beweglichkeit HüftdysplasiePhysiotherapiedes betr. Gelenks

  • Vermehrte Wahrnehmung und Aktivierung des betr. Beins

  • Zentrierung des Hüftkopfs in verschiedenen Positionen

Neugeborenes/jüngerer Säugling
Breites Wickeln
Breiter gefaltetes kleines Handtuch oder Moltontuch über die Windel legen und mit einer Überhose (normale enge Hose, kleine Unterhose oder Body) fixieren.
Ähnlicher Effekt wird mit einer handelsüblichen Höschenwindel erzielt, die falsch herum (Klettstreifen am Rücken des Babys geschlossen) angezogen wird.
Spreizhose
Eine Spreizhose fixiert die Hüfte in einer Abduktions-/Flexions-/Außenrotationsstellung. Diese Position zentriert den Hüftkopf zwar gut im Gelenk, verhindert aber gleichzeitig die Entwicklung von Bewegungsmustern, die für die Aufrichtung bedeutsam sind (z. B. das freie Tragen der Beine oder das alternierende Strampeln). Aus diesem Grund sollte genau abgewogen werden, in welchem Verhältnis therapeutischer Nutzen und Schaden zueinander stehen.

Beim Tragen einer Spreizhose muss bei der Förderung von Aktivitäten vor allem auf die funktionelle Einbindung der ventralen Muskelkette geachtet werden.

Tragen des Kinds erlernen
  • Beim Tragen des Kinds immer darauf achten, dass das betr. Bein vermehrt in Abd. und AR gehalten wird. Tragen im Tragetuch ist für die Hüfte besonders gut.

  • Neugeborene und kleine Säuglinge können im Fliegergriff gehalten werden, größere Säuglinge auch im Hüftsitz (Kind sitzt seitlich auf dem oberen Rand des Beckens der tragenden Person).

Wahrnehmung der Füße fördern
  • Spielen mit den Füßen, Säugling in RL. Füße an den Fußsohlen zusammenführen und in das Blickfeld des Kinds bringen.

  • Interesse an den Füßen wecken durch Abzählreime, Spielzeug wie Ringe, verschiedene taktile Reize.

Aktivität der Beine fördern
Ab 2./3. Mon. beginnt das Kind, in RL aktiv seine Beine von der Unterlage abzuheben.
  • Aktivierung der Beine in RL, auch als Schoßbehandlung:

    • „Die Maus hat rote Strümpfe an, damit sie besser radeln kann, sie radelt bis nach Dänemark, denn Radeln macht die Wadeln stark.“ Dabei werden mit beiden Beinen „tretende, strampelnde“ Bewegungen mit Schwerpunkt Abd./AR in der Hüfte ausgeführt.

    • Füße kitzeln, sodass die Beine weggezogen werden

    • Vojta (2.40), erste Phase: Reflexumdrehen

  • Aktivierung der Beine in BL:

    • Die optimale Haltung für die Hüfte erreicht man, wenn man dem Kind in BL ein zusammengerolltes Handtuch unter das Becken legt.

    • Je höher die Stützaktivität der Arme ist, umso mehr Druck kommt auf das Hüftgelenk, und der Gelenkkopf zentriert sich optimal in der Pfanne.

    • Bei einseitiger Stützfunktion kommt es zur vermehrten Abd./AR in der Hüfte auf der stützenden Seite; es sollte keine Ext. zu sehen sein.

    • Vojta: Reflexumdrehen, ebenfalls mit unterlagerter Hüfte

    • Auf dem Pezziball in BL

    • Schoßbehandlung: Kind liegt auf den angewinkelten Beinen des Th. in BL. Geht besonders gut, wenn die Bezugsperson des Kinds ebenfalls anwesend ist und mit ihm spielen oder reden kann. Möglichkeit zur vorsichtigen Dehnung und passiven Bewegung des Beins.

Älterer Säugling/Kleinkind
  • Sitz in Grätsche auf Rolle oder kleinem Pezziball

  • Durch Hin- und Herrollen wird die Hüftmuskulatur aktiv. Die Bewegung kann für das Kind notwendig gemacht werden, wenn man es z. B. an einer Tafel malen lässt. Bei jeder Bewegung von der betr. Seite weg aktiviert das Kind die Abd. und AR.

  • Im Reitsitz bei der Bezugsperson oder dem Th. auf dem Schoß („Hoppe, hoppe, Reiter“)

  • Schaukel- und Kugelübungen: Kind sitzt im Schneidersitz (Fußsohlen liegen aneinander), umfasst mit beiden Händen seine Füße und schaukelt hin und her. Kleine Kinder werden auf dem Schoß geschaukelt. („Kommt ein Schiffchen übers Meer, schaukelt hin und schaukelt her, kommt ein großer Wind, geht das Schiff geschwind, kommt ein großer Sturm, fällt das Schiffchen um“).

Handling vermitteln
  • Vermehrt mit abduzierter, flektierter Hüfte halten und hinsetzen

  • Tragetuch ist für die Hüftentwicklung sehr vorteilhaft

  • Bewegungen beim Wickeln und Anziehen über das Bein einleiten

  • Bei größeren Kindern kein Zwischenfersensitz

Pes calcaneus (Hackenfuß)

Häufigste Fußdeformität bei Pes calcaneusNeugeborenenHackenfuß. Sind im Röntgenbild die Knochenkerne des Kalkaneus richtig lokalisiert, entwickelt sich der Fuß im Verlauf meist ohne Therapie physiologisch.
Ursachen
  • Angeborener Hackenfuß: Pes calcaneusUrsachenerblich bedingte Wachstumsdeformität

  • Erworbener Hackenfuß: als Begleitsymptom einer anderen Krankheit, z. B. Hüftdysplasie, Siebener-Syndrom, Meningomyelozele (Spina bifida), Poliomyelitis etc.

Symptome
  • Vorfuß inPes calcaneusSymptome starker Überstreckung, z. T. bis der Fußrücken am US anstößt

  • Valgusferse, der Kalkaneus steht lateralisiert

  • Beim Gehen häufig Schmerzen

  • Gefahr der Drucknekrose im Fersenbereich

Physiotherapie
Ziel
Physiologische Pes calcaneusPhysiotherapieBelastung in der Vertikalen.
Struktur/Funktion
Redression erarbeiten
  • Dehnung der Plantarflexoren, Kalkaneus dabei nach medial verschieben

  • Aktivierung des M. triceps surae

  • Dreidimensionale Fußtherapie und fkt. Wickeln nach Zukunft-Huber

  • Vojta (2.40)

Pes adductus (Sichelfuß)

  • Häufigkeit etwaSichelfuß 2 : 100

  • Zu 50 % Pes adductusbeide Füße betroffen

  • Jungen (70 %) häufiger betr. als Mädchen

  • Im Zusammenhang mit Sichelfüßen wird 10-mal häufiger eine Hüftdysplasie diagnostiziert.

Ursachen
  • Angeborener Pes adductusUrsachenSichelfuß im rezessiven Erbgang

  • Intrauterine Zwangslage

Klassifikation
  • Einfacher Metatarsus adductus: Add. des Vorfußes

  • Komplexer Metatarsus adductus: Add. des Vorfußes, Mittelfuß lateralisiert

  • Einfacher Serpentinenfuß: Add. des Vorfußes, Rückfuß in Valgusstellung

  • Komplexer Serpentinenfuß: Add. des Vorfußes, Mittelfuß lateralisiert, Rückfuß in Valgusstellung

Symptome
  • Sichelfuß: Pes adductusSymptomeFehlstellung im Tarsometatarsalgelenk (Lisfranc-Gelenk)

  • Serpentinenfuß: Fehlstellung des Talus (Kopf nach medial geneigt), das Navikulare weicht nach lateral und die Metatarsalen wiederum nach medial ab, wie bei einer Serpentine.

Entsprechend der Klassifikation der Deformität wird hier ein komplexer Serpentinenfuß beschrieben:
  • Vor- und Mittelfuß stehen in Adduktion.

  • Am med. Rand erscheint ein konkaver Schwung, woher die Bezeichnung Sichelfuß stammt.

  • Der Kalkaneus kippt mit seinem oberen Rand nach med.

  • Das Navikulare rutscht zusammen mit dem Vorfuß nach lat. ab.

  • Verkürzte und kontrakte Muskeln: M. tibialis ant., M. tibialis post., M. abductor hallucis, M. adductor hallucis, M. popliteus

  • Gedehnte und geschwächte Muskeln: M. peroneus longus und brevis

  • Gangbild mit Sichelfüßen: Watschelgang mit nach innen gedrehten Füßen

Physiotherapie
Ziel
PhysiologischePes adductusPhysiotherapie Belastung in der Vertikalen.
Struktur/Funktion
Redression erarbeiten
  • Repositon des Navikulare nach med., des Kalkaneus nach lat.

  • Vorfuß in Abduktion bringen, Stellung der großen Zehe beachten, mit gleichzeitiger Pronation

  • Dehnung der verkürzten und kontrakten Muskeln, z. B. med. Fußmuskulatur, vor allem M. abductor hallucis

  • Aktivität der geschwächten Muskulatur fördern

  • Dreidimensionale Fußtherapie und fkt. Wickeln nach Zukunft-Huber

  • Vojta (2.40)

Pes equinovarus congenitus (Klumpfuß)

  • HäufigkeitKlumpfuß Pes equinovarus congenitus2 : 1.000 (zweithäufigste Skelettfehlbildung)

  • In 50 % beide Füße betroffen

  • M : W = 2,5 : 1

Ursachen
Diskutiert Pes equinovarus congenitusUrsachenwerden:
  • Genetische Faktoren, embryonale Defekte, temporäre Wachstumsstörung

  • Primär neurogene oder myogene Defekte

  • Intrauterine Lageanomalien

  • Begleitende Fehlbildungen möglich: Hüftdysplasie, Spina bifida occulta, Arthrogryposis multiplex congenita, neurologische Defekte

Klassifikation (nach Dimeglio)
  • Typ I (20 %): passive Korrektur möglich, Fuß lässt sich frei dorsalextendieren

  • Typ II (33 %): teilweise korrigierte Spitzfußstellung, Vorfußadduktion korrigierbar

  • Typ III (35 %): fixierter Spitzfuß, geringfügige Korrektur der subtalaren Rotation

  • Typ IV (12 %): Fuß allgemein kurz, subtalar komplett disloziert

Typ I und Typ II haben bei konservativer Behandlung eine sehr gute Prognose, Typ III und Typ IV gelten weitestgehend als unkorrigierbar.
Funktionelle Veränderungen
  • Kontraktur des M. triceps surae → Spitzfuß mit Inversion der Ferse

  • Die Wadenmuskulatur ist nicht voll entwickelt → Klumpfußwade.

  • Vorfuß und Zehen stehen in Adduktion → Sichelfuß.

  • Verkürzung von M. tibialis ant. und post. verstärkt die Supination.

  • Das Längsgewölbe des Fußes ist erhöht → Hohlfuß.

  • Der Kalkaneus kippt mit seinem oberen Rand nach lateral.

  • Das Navikulare wird nach medial an den Hals des Talus geschoben.

  • Das Kuboid und die Kuneiforme verdrehen sich zu max. Supination.

  • Hautfalten an der Fußinnenseite und oberhalb der Ferse

Ärztliche Therapie
  • Sofortige und konsequente Pes equinovarus congenitusärztliche TherapieBehandlung bis zum Wachstumsabschluss

  • Konservativ: manuelle Korrektur, Redression mit OS-Gipsverbänden, PT, Schienenbehandlung. Erfolgsrate bei ca. 50 %

  • Operativ: Abhängig vom Erfolg der konservativen Therapie und vom Ausprägungsgrad des Klumpfußes werden verbliebene Fehlstellungen operativ korrigiert.

Physiotherapie
Ziel
Physiologische Pes equinovarus congenitusPhysiotherapieBelastung in der Vertikalen.
Struktur/Funktion
Redression erarbeiten
  • In allen drei Ebenen:

    • Subtalare Rotation

    • Vorfußabduktion mit Pronation

    • Dehnung der Fußsohle

  • Aktivierung der geschwächten Muskulatur

  • Dreidimensionale Fußtherapie und fkt. Wickeln nach Zukunft-Huber

  • Vojta (2.40)

Erkrankungen der Atemwege

Besonderheiten der Erkrankungender Atemwegekindlichen Atmung, kindlicheAtmung:
  • 2 Mon. nach der Geburt sind die Alveolen vollständig ausgereift, Neubildung bis zum 3. Lj. möglich.

  • Neugeborene und Säuglinge atmen hauptsächlich durch die Nase. Bei Behinderung, wie z. B. Schnupfen oder Fehlbildungen, können sie nicht auf Mundatmung umstellen.

  • Kinder haben eine deutlich höhere Atemfrequenz als Erwachsene (Tab. 10.3).

Kürzere Atempausen (nicht länger als 10 Sek.) bei Neugeborenen sind normal.

  • Thoraxausformung (Rippenbögen) mit zunehmender Aktivierung der ventralen Kette etwa mit 6 Mon.

  • Hustenmechanismus unzureichend (schwacher Reflex, ventrale Rippenstellung)

  • Weicher Knorpel von Larynx und großen Bronchien: höhere Kollapsneigung in den Atemwegen

  • Aufgrund der gerade stehenden Rippen Zwerchfellatmung (abdominale Atmung) bis etwa zum 8.–12. Mon.

  • Durch die Anordnung von Kehldeckel und Gaumensegel sind Säuglinge in der Lage, gleichzeitig schlucken und atmen zu können.

  • Säuglinge und Kleinkinder haben proportional mehr Schleimdrüsen in ihren Bronchien, was bei Infekten zu stärkerer sekretbedingter Obstruktion führt.

  • Säuglinge und Kleinkinder schlucken ihren Schleim.

  • Bis etwa zum 4. Lj. sind die peripheren Atemwege (Bronchiolen) im Verhältnis zu den zentralen Atemwegen (Trachea und Bronchien) disproportional eng (mit etwa 50 % mehr Atemwiderstand als bei einer ausgereiften Lunge). Deshalb verlaufen Infekte der Atemwege mit Schleimhautschwellung und vermehrter Schleimproduktion bei jüngeren Kindern häufig drastischer als bei älteren Kindern.

  • Erst ab dem 9. Lj. können Kinder bewusst mit Atemwahrnehmung und Modulation arbeiten.

Klinischer Hinweis

Zeichen der O2 -Mangelversorgung:

  • Beschleunigte Atemfrequenz

  • Blass-graues Munddreieck

  • Blaue Lippen

  • Einziehungen der Zwischenrippenräume sowie juguläre und epigastrische Einziehungen

Atembefund

10.2.1 Atembefund
Anamnese
  • Aufzeichnung aller therapeutischen Maßnahmen bei chronischen Verläufen

  • Anfälle akuter Atemnot

  • Husten

Allgemeiner Eindruck
  • Zyanosezeichen

  • Thoraxform

  • Einziehungen im Thoraxbereich

Atembeobachtung
  • Atemweg

  • Atemfrequenz

  • Atemrhythmus

  • Atembewegung

Atemgeräusche
  • Stöhnen, v. a. bei Neugeborenen, die dadurch den endobronchialen Druck vor dem Ausatmen erhöhen

  • Rasselgeräusche bei Obstruktionen

  • Giemendes Atemgeräusch

  • Stridor, laut pfeifendes Atemgeräusch:

    • Ist das Hindernis außerhalb des Brustkorbs (am häufigsten) → inspiratorischer Stridor

    • Liegt es unterhalb der oberen Thoraxapertur (Öffnung) → exspiratorischer Stridor

  • Schnarchen, niederfrequentes Atemgeräusch

  • Feuchte Rasselgeräusche bei lockerem Sekret

Klinischer Hinweis

Spricht ein Kind sehr leise oder wimmert ein Säugling, statt zu schreien, kann dies ein Zeichen für Luftmangel sein.

Tastbefund
  • Beweglichkeit von Rippen, Sternum, Wirbelsäule, Scapula

  • Haut, vegetative Veränderungen

  • Muskulatur, Verklebungen im interkostalen Bereich, am Rippenbogen

Belastbarkeit
Atemwegserkrankungen beeinflussen häufig die körperliche Belastbarkeit. Um eine Überanstrengung zu vermeiden, ist es sehr wichtig, Puls und Atemfrequenz in Ruhe und während körperlicher Anstrengung zu kontrollieren und ggf. zu protokollieren.

Akute Bronchitis/chronische Bronchitis

Ursachen
  • Entzündliches AnschwellenBronchitischronische der BronchitisakuteBronchialschleimhäute, wird in 90 % der Fälle von Viren ausgelöst

  • Akute Bronchitis, die länger als 3 Mon. dauert, wird zu einer chronischen Bronchitis.

  • Obstruktive Bronchitis: zusätzlich Giemen, Brummen, Pfeifen und eine verlängerte Ausatemzeit, meist durch RS- oder Adenoviren

Symptome
  • Akute Symptome:

    • Zuerst trockener schmerzhafter Reizhusten, dann vermehrte Schleimbildung

    • Sputumfarbe weißlich-schleimig spricht für viralen Infekt, gelblich-grünlich eher für eine bakterielle Entzündung

    • Halsschmerzen

    • Häufig subfebrile Temperatur (< 38 °C)

    • Rasselgeräusche, bei kleineren Kindern Giemen

    • Bei entsprechender Disposition auch Erbrechen und Bauchschmerzen

  • Chronische Symptome:

    • Lang anhaltender Husten

    • Morgendliches Schleimabhusten (s. u., Physiotherapie, Bronchialtoilette)

Ärztliche Therapie
Einfache Bronchitiden sind meist selbstlimitierend. Inhalationstherapie, Atemtherapie. Antibiotika nur bei Übergang zur Pneumonie.
  • Obstruktive Bronchitis: Flüssigkeitsgabe, inhalative/orale β2-Mimetika, Kortikosteroide, ggf. Intensivstation

  • Chronische Bronchitis: Behandlung der Grunderkrankung: z. B. Fremdkörper, CF, Lungenfehlbildungen

Tipps & Fallen

Immer an Fremdkörperaspiration denken, v. a. bei plötzlichem Beginn ohne Infektzeichen.

Befunderhebung
10.2.1; Atembefund 10.5.1.
  • Fieber?

  • Anfall von Atemnot: Häufigkeit? Verhalten?

  • Wird Bronchialtoilette beherrscht?

Physiotherapie
Ziele
  • Verringerte Obstruktion BronchitisPhysiotherapie(Verengung der Atemwege durch Schleimablagerungen)

  • Verbesserte Belüftung der Lunge, um eine gute O2-Versorgung zu gewährleisten

  • Gesteigerte Thoraxmobilität, um die verbesserte Atemkapazität langfristig zu sichern

Struktur/Funktion
Sekretolyse fördern
  • Vorbereitung des Sekrettransports:

    • Inhalation zur Sekretverflüssigung und Bronchialerweiterung 3–7-mal am Tag

    • Genügend trinken, damit der Schleim nicht zu zäh wird

    • Wärmebehandlung des Thorax

  • Sekretlösung und -transport:

    • ASTEn zur Unterstützung des Sekrettransports: z.B. SL, Kopftieflage

    • Drehdehnlagen zur Mobilisation des Sekrets

    • Vibrationen in der AA-Phase zur Sekretlösung

    • Bei Säuglingen und Kleinkindern wegen der hohen Atemfrequenz Vibration etwa über drei Atemzüge

    • Abhusten des Sekrets

Tipps & Fallen

Kein Abklopfen, da die noch nicht voll verknorpelten Atemwege des Kinds kollabieren können. Durch Klopfungen wird außerdem das Sekret in der Lunge nur versprengt.

  • Bronchialtoilette Bronchialtoiletteam Morgen (richtiges Abhusten):

    • Tiefe EA-Phase

    • 1. Hälfte der AA-Phase räuspern

    • 2. Hälfte der AA-Phase leichter Husten

    • Huffing: langsames Einatmen und schnelles Aushauchen der Luft mit offener Glottis, kein explosionsartiges Ausatmen wie beim normalen Husten

Lungenbelüftung verbessern
  • Forcierte Atmung und Atemvertiefung:

    • Lippenbremse

    • Kontaktatmung in Drehdehnlage

    • Seifenblasen pusten

    • Watte blasen

    • Verlängerte AA-Phase mithilfe von Atembildern (Abb. 10.2)

  • Atemvertiefung in Drehdehnlage oder atemerleichternden ASTEn:

    • Kontaktatmung

    • Packegriffe

    • Richtungsatmen mit warmen Steinen: Die Steine sollen möglichst flach sein und etwa so groß wie der Handteller des zu behandelnden Kinds. Die Steine werden vor der Behandlung in etwa 50–70 °C warmes Wasser gelegt. Sie sollen angenehm warm sein. Das Kind liegt auf dem Rücken, auf der Seite oder dem Bauch. Die Steine werden nacheinander auf den Körper des Kinds gelegt. Durch die Wärme kommt es zu einer Verbesserung der Durchblutung, die Atemrichtung wird automatisch zum Gewicht des Steins gelenkt. Größere Kinder können versuchen, die Atmung so zu forcieren, dass der Stein herunterfällt.

Thoraxmobilität fördern
  • Manuelle Griffe

  • Drehdehnlagen (AT, 1.3.4)

Pneumonie

Die PneumoniePneumonie ist eineKindPneumonie entzündliche Erkrankung des Lungengewebes. Bei Infektionen vor dem 7. Lj. drohen irreversible Einschränkungen der Lungenfunktion. Je nach Lokalisation der Entzündung unterscheidet man pathologisch-anatomisch:
  • Segment- oder Lobärpneumonie: Die Alveolen eines Lungenlappens oder Segments sind gleichmäßig betroffen; häufig im Schulkindalter.

  • Bronchopneumonie: kleine Bronchien meist segmental betr., in allen Altersgruppen die häufigste Form

  • Interstitielle (= atypische) Pneumonie: Der Lungenzwischenraum (Interstitium) ist betroffen. Tritt häufig bei Neugeborenen und jüngeren Säuglingen auf.

Ursachen
  • Die Entzündung wird in 30 % der PneumonieUrsachenFälle durch Bakterien, sonst durch Viren, Pilze, Parasiten oder chemisch (Gase, Aspirate) verursacht.

  • Pneumonie wird durch Tröpfcheninfektion übertragen.

Symptome
  • Erhöhte Atemfrequenz PneumonieSymptomemit Nasenflügelatmung und Einziehungen (vermehrte Atemarbeit)

  • Hohes Fieber, z. T. mit plötzlichem Schüttelfrost

  • Anfänglich trockener Husten

  • Sputum kann grün, gelb, braun-rötlich sein

  • Atemabhängige Schmerzen im Brustbereich bei tiefer Atmung, deshalb häufig Schonatmung

  • Viele Kinder haben ein geblähtes Abdomen und geben Bauchschmerzen an, wobei kleine Kinder Schmerzen oft nicht lokalisieren können und sie auf den Bauch projizieren.

  • In schweren Fällen:

    • Tachypnoe infolge von Atemnot

    • Bläuliche Lippen und Fingernägel als Zeichen einer Zyanose

  • Nichtbakteriell verursachte Pneumonien unterscheiden sich durch:

    • leichten allmählichen Fieberanstieg ohne Schüttelfrost,

    • Husten mit wenig Schleimproduktion.

Ärztliche Therapie
Bei schwerer Pneumonieärztliche TherapiePneumonie O2-Gabe zur Erleichterung der Atemarbeit. Antibiotische Therapie (bei viraler Pneumonie nur bei V. a. bakterielle Superinfektion), PT, Inhalationstherapie; Mukolyse umstritten, Flüssigkeitsgabe.
Befunderhebung
  • 10.2.1; PnuemonieBefunderhebungAtembefund 10.5.1

  • Schleimlokalisation? Auskultatorisch feinblasige, feuchte Rasselgeräusche

  • Schonatmung?

  • Atemfrequenz?

  • Zeichen der Zyanose?

Physiotherapie
Ziele
  • SekretreduktionPnuemoniePhysiotherapie

  • Verbesserte Belüftung der betr. Bereiche

  • Normale Atemfrequenz mit gleichmäßigen Atembewegungen

Struktur/Funktion
Sekretolyse fördern
Atemvertiefung in den betroffenen Bereichen anregen
  • Kontaktatmung:

    • Handkontakt, bei Säuglingen oft nur Fingerkontakt oder Packegriff

    • Reize mit Wärme oder Kälte (kein Eis!)

    • Richtungsatmen zu den betr. Lungenanteilen, langsam einschleichend

    • Mobilisation der Thoraxanteile, unter denen die betr. Lungenanteile liegen

  • Blasespiele:

    • Wattepusten

    • Plättchenspiel, um nach der EA eine Atempause zur forcieren: Das Kind soll mit einem Strohhalm im Mund versuchen, kleine Plättchen aus Pappe anzusaugen und dann in ein bereitgestelltes Gefäß zu transportieren. Die Plättchen können nummeriert oder Teile eines Puzzles sein (vorher selber versuchen, damit es nicht zu schwer wird).

    • Verlängerte AA-Phase mithilfe von Atembildern (Abb. 10.2)

Asthma bronchiale

AsthmaAsthma bronchiale ist eine chron. Erkrankung mit variablen, vorwiegend anfallsweise auftretenden Atemwegsobstruktionen infolge von Entzündungen und bronchialer Hyperreaktivität. Die dauergereizten Bronchien zeigen ständige Bereitschaft zur Entzündung (chron. Komponente). Durch Schleimhautschwellung und zähen Schleim in den Atemwegen kommt es zur Atemnot. Das Verkrampfen der Bronchialmuskulatur löst den Asthmaanfall aus, der sich in erschwerter AA, Luftnot und z. T. Hustenanfällen zeigt. Etwa 10 % aller Kinder unter 15 J. leiden an Asthma mit der höchsten Prävalenz in Ländern mit hohem sozioökonomischem Standard und dort mit zunehmender Tendenz. Es ist somit die am weitesten verbreitete chron. Erkrankung im Kindesalter.
  • Jungen leiden doppelt so häufig an Asthma wie Mädchen.

  • Kinder, die Heuschnupfen („Etagenwechsel“ = Verlagerung der Lokalisation einer Erkrankung von den oberen auf die unteren Atemwege), Neurodermitis oder Milchschorf hatten, haben ein erhöhtes Risiko, Asthma zu bekommen.

Ursachen
  • Exogen-allergischesAsthma bronchialeUrsachen (extrinsic) Asthma (20 %)

  • Endogenes (intrinsic) Asthma (5–10 %) ohne Hinweis auf allergische Ursache, ausgelöst durch Virusinfekte und andere Triggermechanismen

  • Mischformen (ca. 65 %): allergische und andere Faktoren führen zur Anfallsauslösung

  • Genetische Faktoren, wie bronchiale Hyperreaktivität und allergische Disposition

Einteilung
Unterteilung nach dem Therapiestufenplan:
  • Intermittierendes Asthma (Stufe 1):

    • Intermittierender Husten und leichte Atemnot

    • Symptomfreies Intervall > 2 Mon.

    • Lungenfunktion: intermittierend obstruktiv, dann oft noch normal, intermittierend ohne path. Befund

    • Nicht mehr als zwei Anfälle pro Woche

  • Leichtes Dauerasthma (Stufe 2):

    • Intervall zw. Episoden < 2 Mon.

    • Lungenfunktion: nur episodisch obstruktiv/pathologisch (FEV1 = forciertes exspiratorisches Einsekundenvolumen oder „Sekundenluft“: < 80 %). Im Intervall meist ohne path. Befund (FEV > 80 %)

  • Mittelgradiges Dauerasthma (Stufe 3):

    • Anfälle an mehreren Tagen pro Woche mit z. T. nächtlichen Symptomen

    • Lungenfunktion: auch im Intervall obstruktiv (FEV < 80 %)

  • Schweres Dauerasthma (Stufe 4):

    • Ständige tgl. Asthmasymptomatik, häufig auch nachts

    • Lungenfunktion: FEV < 60 %

Symptome eines Asthmaanfalls
  • Ein Anfall kann einige Minuten, Asthmaanfallaber auch Stunden dauern.

  • Beginn häufig mit Husten, permanentem Hustenreiz

  • Bedrohliche Atemnot und Angst zu ersticken

  • Erhebliche Einziehungen beim Einatmen

  • Aufstützen auf die Arme zum Einsatz der Atemhilfsmuskulatur

  • Reduktion der körperlichen Aktivität

  • Atemfrequenz steigt auf mehr als 20 Atemzüge pro Min.

  • Beschwerden vor allem beim Ausatmen (exspiratorische Dyspnoe)

  • Atemgeräusche (Pfeifen, Giemen, Brummen) evtl. hörbar, z. T. aber auch sehr leise bis völlig aufgehoben, was ein Alarmsignal für eine weitere Verschlechterung ist!

  • !

    Bedrohlicher Asthmaanfall (Status asthmaticusStatus asthmaticus) = schwerer Anfall über 24 Std. → Klinikeinweisung

  • !

    Asthmatische KriseAsthmatische Krise (perakuter Asthmaanfall) = schwerste Atemnot ohne Vorankündigung und mit rasch folgender Bewusstlosigkeit → künstliche Beatmung!

Ärztliche Therapie
  • Nichtmedikamentös: Verzicht Asthma bronchialeärztliche Therapieauf Tierhaltung bzw. keine Tiere im Schlafzimmer, Vermeiden unnötiger Staubquellen (Hobbys), kein Rauchen in der Wohnung, „Encasing“ (hautfreundliche, milbendichte Bettwäsche), Staubsauger mit Feinstaubfilter

  • Medikamentös: nach Therapiestufenplan. Studien zeigen die Bedeutung der Kortikosteroide in der Verhinderung des „Etagenwechsels“. Dies zeigt sich durch den jetzt empfohlenen „früheren“ Einsatz der Kortikosteroide in einer stufenentsprechenden Dosierung. Entsprechende Beratung und Aufklärung der Eltern erforderlich.

  • Bedarfstherapie für alle Asthmastufen:

    • Bronchienerweiternde Medikamente (inhalatives kurz wirkendes β2-Sympathikomimetikum, evtl. in Kombination mit Anticholinergikum)

  • Langzeittherapie:

    • Stufe 1: evtl. vorübergehend inhalatives oder systemisches Kortikosteroid (oral, rektal)

    • Stufe 2: erste Wahl: niedrig dosiertes inhalatives Kortikosteroid als Dosieraerosol; alternativ: versuchsweise Leukotrienantagonist (Montekulast®), Cromoglycinsäure oder Nedocromil

    • Stufe 3: inhalatives Kortikosteroid mittlerer Dosis, Dosis ggf. erhöhen, zusätzlich lang wirkendes β2-Sympathikomimetikum (ab 6 Lj.) oder Leukotrienantagonist oder Theophyllin-retard; ggf. auch Anticholinergikum

    • Stufe 4: inhalatives Kortikosteroid mit hoher Dosis; sonst wie Stufe 3, auch kombiniert; bei Bedarf orales Kortikosteroid (vorübergehend)

  • Hyposensibilisierungstherapie: bei ubiquitär vorkommenden Allergenen und klinischer Relevanz gerechtfertigt (max. drei Allergene)

  • Asthmaanfall:

    • O2-Gabe, atemerleichternde Körperposition, Transport im Sitzen, dosierte „Lippenbremse“

    • Kurz wirkendes β2-Sympathikomimetikum (z. B. Berodual®, Sultanol®), Kortikosteroide (oral, i. v.)

    • Ggf. Klinikeinweisung

Befunderhebung
10.2.1; Asthma bronchialeBefunderhebungAtembefund 10.5.1
  • Lungenfunktionswerte

  • Häufigkeit der Anfälle

  • Notfallmedikamente

Klinischer Hinweis

Zeichen eines drohenden Asthmaanfalls:

  • Husten und pfeifende Atmung

  • Kalter Schweiß

  • Herzrasen, > 150 Schläge pro Min.

  • Blaurote Färbung der Lippen oder Nagelbetten

  • Allgemeine Unruhe oder Erschöpfung des Patienten

Physiotherapie
Ziele
  • Sekretreduktion Asthma bronchialePhysiotherapie

  • Verbesserte Atemwahrnehmung

  • Konstruktives Verhalten während des Anfalls

  • Integration in ein normales Bewegungsumfeld

Struktur/Funktion
Sekretolyse fördern
Maßnahmen (10.5.2).
Wahrnehmung schulen
  • Wie kann Atem klingen?

  • Wo kann ich Atem spüren?

  • Spiele mit Luft:

    • Seifenblasen pusten

    • Schaumkrone: Ein hohes, schmales Gefäß zur Hälfte mit Wasser und ordentlich Spülmittel füllen. Das Kind soll in einen dünnen Schlauch oder Strohhalm hineinpusten und versuchen einen Schaumberg zu „blubbern“.

Entspannung fördern
Spiele zur Entspannung, z. B. Körperreise:
  • Das schwere Meer und seine kleinen Wellen: Das Kind ist das schwere Meer, das auf seinem Grund ruht, der Th. ist die kleine Welle (er legt vorsichtig seine Hand auf und bewegt das Kind sacht hin und her. Das Kind lässt sich passiv schaukeln). Dabei kann der Th. eine entspannende Geschichte vom Meer erzählen.

  • Yoga für Kinder

Aktivität/Partizipation
Konstruktives Verhalten bei Anfall schulen
  • Atemerleichternde Positionen, Kutschersitz, Torwarthaltung, d. h., jede Position üben, bei der das Gewicht des Brustkorbs abgegeben werden kann, um die Atmung zu entlasten

  • Atemtechnik üben, Lippenbremse, Ausatmung auf „s, sch, f“

  • Bauchatmung

Tipps & Fallen

Verhalten während eines akuten Anfalls:

  • Notfallmedikamente (bronchienerweiternde Mittel) einnehmen/inhalieren lassen

  • Beruhigen

  • Dem Kind bei atemerleichternden Körperstellungen helfen

  • Das Kind mit Ausatemtechniken (Lippenbremse) unterstützen

  • Leiser werdende Atemgeräusche sind ein Alarmsignal für weitere Verschlechterung.

  • Wenn nötig, Notarzt verständigen

Normales Bewegungsumfeld schaffen
Besonders häufig sind Kinder mit Asthma vom Schulsport befreit und gehen auch in ihrer Freizeit keinerlei sportlicher Betätigung nach, obwohl gerade für sie das Training der Lungenfunktion und des Herz-Kreislauf-Systems sehr wichtig ist. Das Kind muss lernen, seine Belastungsfähigkeit genau einzuschätzen.

Mukoviszidose (CF, Cystische Fibrose)

MukoviszidoseMukoviszidose (lat. mucus = Schleim; viscidus = zäh, klebrig) Cystische Fibroseist eine der häufigsten angeborenen (1 : 2.500) Stoffwechselerkrankungen und beruht auf einem Gendefekt. Durch eine Störung der zellulären Osmose wird den körpereigenen Sekreten zu wenig Wasser beigemischt; sie werden zähflüssig, können nicht abfließen und verlegen die Ausführungsgänge, was zu einem progredienten Funktionsverlust des betreffenden Organs führt. Alle exokrinen Drüsen des Körpers (Lunge, Bauchspeicheldrüse, Niere, Dünndarm, Leber, Galle, Schweißdrüsen, Hoden und Nasennebenhöhlen) sind betroffen, sodass vielfältige Funktionsstörungen vorliegen.
  • Mukoviszidose ist unheilbar, ein früher Therapiebeginn verbessert aber die Prognose erheblich. > 80 % erreichen das Erwachsenenalter, das mittlere Überlebensalter liegt bei > 30 Jahren.

  • Jedes Jahr kommen in Deutschland etwa 300 Kinder mit Mukoviszidose auf die Welt.

Ursache
Defekt des MukoviszidoseUrsacheCF-Gens auf Chromosom 7, autosomal-rezessiv vererbt.
Symptome
  • AtmungMukoviszidoseAtmung

    • Obstruktion der Atemwege

    • Chronischer Husten aufgrund des zähflüssigen Schleims in den Bronchien

    • Anfälle von Atemnot

    • Erhöhte Anfälligkeit für Infekte, schwere Lungenentzündungen

    • Progrediente Lungeninsuffizienz, Trommelschlägelfinger

  • Verdauungsorgane:

    • Bauchschmerzen und Verdauungsstörungen

    • Wachstumsstörungen

    • Untergewicht

    • Gefahr von Diabetes mellitus

  • Nasennebenhöhlen: Polypen, chronische Sinusitis

  • Schweißdrüsen: erhöhte Elektrolytkonzentration (CF-Diagnose mittels Schweißtest)

  • Hoden: Obliteration des Vas deferens. Infertilität (95–98 % der männl. Pat.)

Ärztliche Therapie
  • Betreuung in Mukoviszidoseärztliche TherapieCF-Zentrum (multidisziplinäres Team mit entsprechender Erfahrung)

  • Atemwege: antibiotische Therapie (meist höher dosiert nach CF-Richtlinien) bei akuter Symptomatik, Pneumonie; Verordnung von PT; Inhalationstherapie, O2-Therapie (nachts, tags), Mukolyse zeigt begrenzte Wirkung, DNAse zur Sekretverflüssigung, Lungentransplantation als Ultima Ratio (Wartezeiten auf Organe!)

  • Gastrointestinaltrakt: Substitution der Bauchspeicheldrüsenenzyme; Diätberatung, hochkalorische Diät, Substitution der fettlöslichen Vitamine

  • Infertilität: operative Entnahme von Spermien möglich

  • Psychologische Begleitung, regelmäßige Influenza-Impfung

Befunderhebung
  • 10.2.1; MukoviszidoseBefunderhebungAtembefund 10.5.1

  • Lungenfunktion:

    • Fluss-Volumen-Messung

    • Messung der statischen Lungenvolumina

  • Zusätzliche Beschwerden

  • Körperliche Belastbarkeit

Tipps & Fallen

Sportliche Aktivität und regelmäßige Bewegung im Rahmen ihrer Belastbarkeit ist für Kinder mit Mukoviszidose sehr wichtig! Sie verbessert die Lungenfunktion und stärkt die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems.

Physiotherapie
Ziele
  • Optimale MukoviszidosePhysiotherapieReinigung und Freihaltung der Lunge von Schleim

  • Erhalt einer möglichst guten Lungenfunktion

  • Verbesserte Atemwahrnehmung

  • Gesteigerte körperliche Aktivität

Struktur/Funktion
Lungenreinigung fördern
  • Inhalation mit schleimlösenden Mitteln, Wärmebehandlung

  • BGM (2.4)

  • Kontaktatmung und Vibration in Drainagelagen, um den Schleim in den oberen Atemwegen zu lösen und zu transportieren

  • Autogene Drainage nach Chevaillier:

    • Spezielle Kombination aus Lagerung und Atemtechnik, bei der das Sekret aus der Lunge befördert wird

    • Entspannung in „atemstimulierender Stellung“ (angelehnter Sitz oder RL) bis zur ruhigen Atemfrequenz

    • Mit Zwerchfellatmung wird durch die Nase zunehmend tiefer (kostale Einatmung) geatmet.

    • Am Ende der Einatemphase gibt es eine Pause von 3–4 Sek. (postinspiratorischer Hold), während der sich die Luft über alle Lungenabschnitte hinter den Schleim verteilt.

    • Die Ausatemphase ist verlängert, anfangs passiv durch die Nase und im weiteren Verlauf aktiv durch den Mund, wobei die Glottis offen bleibt. Die Ausatmung soll so dosiert werden, dass ein möglichst hoher Atemfluss ohne Kompression der Atemwege stattfindet: beste Situation für den Schleimtransport. Das Sekret ist hör- und spürbar.

    • In dieser Weise wird das Sekret bis zur Trachea transportiert und dann abgehustet.

    • Kinder sind frühestens im 5./6. Lj. in der Lage, die Autogene Drainage zu lernen.

  • Drehdehnlagen (1.3.4) mit Packegriffen

Wahrnehmung der Atmung fördern
  • Kontaktatmung mit warmen Steinen (10.5.2)

  • Gemalte Atemphase:

    • Großes Blatt Papier (DIN A1) oder Wandtafel (möchte man auf den motorischen Aspekt verzichten, geht auch ein kleineres Format). Kind sitzt auf einem Hocker oder Pezziball vor der Tafel und zeichnet seine Einatemphasen mit einem langen Strich nach oben und seine Ausatemphasen mit einem langen Strich nach unten. Die Bewegung der Ausatmung sollte bis auf den Boden gehen.

    • Variationen: so große Atemzüge wie möglich, normale Atemzüge, Atemzugvolumen bei abdominaler Atmung bzw. thorakaler Atmung mit unterschiedlichen Farben (Wachsmalkreiden) darstellen lassen

  • Taktile Reize wie Packegriffe, Ausstreichung der Interkostalräume

  • Unterschiedliche Düfte mit verbundenen Augen mit schnüffelndem Einatmen riechen lassen, z. B. Obstsorten, Gewürze, Düfte von Lippenbalsamstiften

  • Singen mit und ohne Bewegung, z. B.: „Hab 'ne Tante aus Marokko“, „Brüderchen, komm tanz mit mir“

Krupp, Pseudokrupp

Ursachen
  • Unter Kruppdem Pseudokruppsehr seltenen (echten) Krupp versteht man eine entzündliche Kehlkopfverengung bei Diphtherie.

  • Als Pseudokrupp bezeichnet man eine durch Viren hervorgerufene Schleimhautschwellung im Bereich des Kehlkopfs.

  • Zu Anfällen von Atemnot kommt es bevorzugt bei Kindern zw. 6. Mon. und 5. Lj., da ihre Atemwege noch so eng sind, dass ein Anschwellen die Luftzirkulation erheblich beeinträchtigt. Die Anfälle treten häufig nachts, vor allem im Herbst und Winter auf.

  • DD: Epiglottitis (lebensgefährliche Entzündung des Kehlkopfdeckels – typisch: kein bellender Husten, kloßige Sprache, kein Schlucken), Fremdkörperaspiration, Insektenstich

Symptome
  • Symptome einer banalen Erkältung, die sich innerhalb von Stunden steigern können

  • Heiserkeit bis hin zur Stimmlosigkeit

  • Typischer trockener, bellender Husten

  • Anfälle von Atemnot mit typischem pfeifendem, juchzendem Einatemgeräusch

  • Während der Einatmung stärkere Einziehungen im Bauchbereich

  • Klassifikation:

    • Stadium I: bellender Husten

    • Stadium II: zusätzlich Stridor und Einziehungen

    • Stadium III: zusätzlich Dyspnoe, Blässe, Tachykardie, Angst, Unruhe

    • Stadium IV: zusätzlich Zyanose, Bewusstseinsbeeinträchtigung, schneller und kleiner Puls

Verhalten während des Anfalls
  • Oberkörper hochlagern, kleine Kinder auf den Arm nehmen

  • Feucht-kühle Luft einatmen lassen; notfalls im Badezimmer heißen Dampf erzeugen und einatmen lassen

  • Heizung abstellen, Fenster öffnen

  • Kortisonzäpfchen vom Kinderarzt (z. B. 100 mg Rectodelt®)

  • Ab Stadium III/VI auf dem Schoß sitzender Transport mit O2-Vorlage (keine Maske, da Beklemmungsgefühl) in die Klinik

Physiotherapie
Keine Indikation.

Erkrankungen des Nervensystems

Verletzung des Plexus brachialis (Armplexusparese)

Der Plexus brachialisArmplexusparese entspringt mit fünf Nerven aus den Segmenten C5–Th1 und verästelt sich zu einem Nervengeflecht, das sowohl motorische als auch sensorische Nerven hat. Zu einer Parese kann es kommen, wenn Hals und Schulter und somit auch der Plexus maximal gedehnt werden. Dadurch kann es zu allen Formen der Nervenschädigung kommen:
  • Störung der Reizleitung durch Ödem oder Hämatom bis hin zum völligen Ausriss der Fasern am Spinalkanal

  • Am häufigsten tritt die obere Plexuslähmung (Erb-Duchenne) der Fasern C5 und C6 auf.

  • Bei der unteren Plexuslähmung (Klumpke) sind C8 und Th1 betroffen.

Bei 0,5–2 pro 1.000 Geburten kommt es zu einer Verletzung des Plexus brachialis. Davon entwickeln sich 90–95 % ohne fkt. Einbußen in den ersten Wochen zurück.

Tipps & Fallen

Betreuung der Patienten in einem erfahrenen Netzwerk von Physiotherapeuten, Kinderärzten, Neuropädiatern und Neurochirurgen, da die richtige frühzeitige Therapie und engmaschige Verlaufskontrollen von größter Bedeutung sind, um das kleine Zeitfenster für eine evtl. notwendige Operation nicht zu verpassen.

Ursachen
Häufigstes Geburtstrauma, vor allem bei:
  • Makrosomie: Kinder mit einem Geburtsgewicht über 4.500 g haben ein 2,5-fach höheres Risiko einer Plexus-brachialis-Parese.

  • Schulterdystokie (Neugeborene bleiben mit der Schulter im Geburtskanal stecken).

  • dramatischen Geburtsverläufen, die ein schnelles Handeln verlangen.

  • abnormer Kindslage.

  • prolongierten Geburtsverläufen.

Symptome
  • Schlaffe Lähmung oder mangelnde Funktion der Muskeln, die aus dem geschädigten Bereich versorgt werden

  • Atrophie der betr. Muskeln und Minderung, bzw. Fehlen ihrer Eigenreflexe

  • Sensible Störungen in den entsprechenden Dermatomen

  • Gestörte Wahrnehmung des Körperschemas

  • Obere Plexuslähmung (C5, C6): herabhängender, nach innen gedrehter Arm, die Handfläche dabei nach außen und oben gerichtet: „Waiter's-Tip-Haltung“ (Handmotorik und Greifreflex o. B.)

  • Untere Plexuslähmung (C8, Th1): isoliert eher selten vorkommend; mit Lähmung der kleinen Handmuskeln und Flexoren im Handgelenk; kein Greifreflex; häufig mit Horner-Syndrom (hängendes Augenlid [Ptosis], enge Pupille [Miosis], tief liegender Augapfel [Enophthalmus]), da in Th1 sympathische Fasern beeinträchtigt sein können

  • Komplette Plexuslähmung = obere und untere Plexuslähmung

  • Einseitige Zwerchfelllähmung bei Beteiligung von C4: Dyspnoe, Zyanose und paradoxe Atmung (Einwärts- statt Auswärtsbewegung des Abdomens beim Einatmen, dafür Exkursion der Brustkorbatemmuskeln)

Befunderhebung
  • Aktivität der betr. Muskulatur in der Spontanmotorik

  • Funktionsprüfung der betr. Muskulatur (nicht bei Säuglingen möglich)

  • Atrophie der betr. Muskeln und Minderung bzw. Fehlen ihrer Eigenreflexe

  • Sensible Störungen in den entsprechenden Dermatomen

  • Gestörte Wahrnehmung des Körperschemas

  • Orientierung des Kopfs? Betr. Seite bevorzugt?

  • Hand-Hand-Koordination? Können die Hände sym. im Gesichtsfeld zusammengeführt werden?

  • Symmetrische Stützaktivität in BL?

  • Defizite bei der Entwicklung der Rumpfstabilität: muskuläre Verbindung der Scapula zum Rumpf?

  • Entwicklung des zielgerichteten Greifens?

  • Wahrnehmung der betr. Seite?

Physiotherapie
Das Schultergelenk des Neugeborenen entspricht in seiner knöchernen Struktur und Anatomie noch nicht einer ausgereiften Schulter.
Ziele
  • Einnahme geeigneter Positionen/Lagerungen

  • Erhalt der Gelenkbeweglichkeit

  • Motorische Aktivität in den entsprechenden Entwicklungsmustern

  • Sensorische Stimulation

Klinischer Hinweis

In den ersten 8–10 Tagen wird die Schwellung resorbiert. Erst dann kann mit der Therapie begonnen werden.

Struktur/Funktion
Geeignete Positionen/Lagerungen routinieren
  • RL:

    • Arm wird mit der Hand der betr. Seite auf dem Bauch gelagert; der Schultergürtel soll dabei in leichter Protraktion gehalten werden. Mit Tuch und Baby-Sicherheitsnadeln oder Stülpaverband den Arm fixieren. Manche Eltern nähen auch Druckknöpfe an den Schlafsack des Kinds und den Ärmel des Schlafanzugs.

  • SL:

    • Auf der betr. Seite erst möglich, wenn erste Aktivität vorhanden ist

    • Auf der nicht betr. Seite auf Handtuchrolle oder kleinem Lagerungsblock, damit der Humeruskopf nicht nach ventral wegrutscht

  • BL:

    • Zum kurzen Schlafen tagsüber den Arm neben den Körper in Nullstellung legen

  • !

    Schlafen in BL ist bei Säuglingen ein Risikofaktor für plötzlichen Kindstod (10.1.1, Tipps & Fallen).

Kontrakturen vermeiden
  • !

    Keine Dehnungen in den ersten drei Monaten

  • Bei der oberen Plexusparese ist eine frühzeitige Skapulamobilisation besonders wichtig.

  • Manuelle Techniken sind im entsprechenden Rahmen zur Mobilisation anwendbar.

Aktivität/Partizipation
Motorische Entwicklungsmuster fördern
Symmetrie und Stabilisation in der Rückenlage
  • Entscheidend für die Stabilisation in RL ist die muskuläre Verbindung der Scapula zum Rumpf. Freies Tragen der Beine und Strampeln (primitiv und alternierend) als motorisches Muster unterstützen diese Entwicklung.

  • Unterstützung bei der Hand-Hand-Koordination mit visueller Kontrolle, Kopfrotation in symmetrisch-stabiler Lage

Stützaktivität
Etwa ab der 4.–6. Wo. kann mit der Aktivierung des Stützes begonnen werden. Erste Stützversuche auf einer „Treppenlagerung“: Der Säugling liegt mit seinem Körper auf einem 5–10 cm höheren Polster; der betr. Arm stützt neben dem Polster am Boden. So muss nicht von Anfang an das volle Gewicht von der Schulter übernommen werden. Stütz über eine kleine Handtuchrolle, die quer unter dem Oberkörper liegt. Vor allem auf die muskuläre Skapulafixation am Rumpf achten!
Behandlungsschritte:
  • Symmetrischer Stütz: Säugling liegt in BL auf dem Pezziball, Schwerpunktverlagerung durch Rollen des Balls. Be- und Entlastung der betr. Seite kann so gut gesteuert werden.

  • Stütz mit freier Kopfbewegung: visuelle Stimulation mit Spielzeugauto, Ball, Taschenlampe (Lichtkegel), Rassel usw.

  • Stütz mit Gewichtsverlagerung

Greifaktivität
  • Frühe Stimulation der Hand: Gegenstände berühren, Hände oft zur Mitte zusammenbringen und viele taktile Reize geben, vermehrt Dinge auf der betr. Seite anbieten

  • Synchronbewegungen der Hände unterstützen: gleichzeitiges Klopfen, Trommeln, Tasten eines Spielzeugklaviers hauen

  • Bei älteren Kindern (ab ¾ Jahren) mit einem Spiegel arbeiten (Motorisches Lernen, 1.3.1)

Sensorische Stimulation
  • Körper mit den Händen betasten, zur Entwicklung des Körperschemas

  • Stimulation des betr. Arms, um die Sensorik anzubahnen

  • Große Schüssel oder kleine Wanne mit getrockneten weißen Bohnen oder Erbsen, durch die das Kind den Arm bewegt. Für größere Kinder können kleine Gegenstände in der Schüssel versteckt werden, die sie dann tastend erkennen sollen. Kleinere Kinder finden meist das Gefühl und Geräusch faszinierend genug.

  • Bei älteren Kindern:

    • Kognitiv-therapeutische Übungen nach Perfetti (2.28)

    • Vojta (2.40)

    • Bobath (2.6)

    • Babyschwimmen

Neuralrohrdefekte (Dysraphien)

NeuralrohrdefekteNeuralrohrdefekte, Dysraphiendie häufigsten Fehlbildungen des ZNS, können Haut, Bindegewebe, Knochen, Hirnhäute, Myelon, Hirnparenchym und alle übrigen Gehirnstrukturen betreffen.
Ursache
Störung des spontanen Neuralrohrverschlusses in der 3.–4. SSW (keine intakte Haut) oder in der 4.–7. SSW (intakte Haut).
Symptome
  • Wirbelsäule betroffen: Spina bifida:

    • Spina bifida occulta (Minimalform; lat. occultus = verborgen): fehlender Schluss des knöchernen Wirbelbogens, alle anderen Strukturen intakt. Relativ häufig, v. a. im Lumbosakralbereich, evtl. mit Einziehung der Haut (= Dermalsinus oder sogar Dermalfistel zum Spinalkanal [Meningitisgefahr!], Pigmentierung, Haarbüschel, Hämangiom in der Region)

    • Spina bifida aperta (lat. apertus = offen): Durch den offenen knöchernen Wirbelbogen wölben sich Rückenmarkshäute (Myelozele) oder Rückenmarkshäute und Rückenmark (Meningomyelozele, s. u.) nach außen vor.

  • Gehirn/Schädel betr.: Cranium bifidum:

    • Meningozele okzipital oder nasofrontal

    • Extremform: Anenzephalie

Meningomyelozele (MMC)
Häufigster MeningomyelozeleNeuralrohrdefekt und eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen (1 : 2.000 Neugeborene). Pränataldiagnostik möglich (Ultraschall, Labor) zur Optimierung des Geburtsmanagements in Kinderklinik mit Kinderchirurgie.
Ursache
  • Assoziiert ist ein Folsäuremangel

  • Prophylaxe: orale Folsäuresubstitution kurz vor und während der SS mit 400 µg Folsäure/Tag (bei Risiko, wie Geschwisterkind mit MMC, Verdoppelung der Dosis)

Symptome
  • Querschnittsymptomatik mit Atrophie, schlaffer Lähmung, Sensibilitätsstörung, Areflexie der Beine, Blasen- und Enddarmfunktionsstörung in Abhängigkeit von der Lokalisation der Rückenmarkschädigung

  • In 90 % zusätzlich Hydrozephalus

Komplikationen
Hautverbrennungen (aufgrund von Sensibilitätsstörung), neurogene Blasenstörungen, Tethered-Cord-Syndrom (s. u.) durch operationsbedingte Verwachsungen. Hohes Risiko für Latexallergie (70 %) – auf entsprechend latexfreie Materialien achten!
Ärztliche Therapie
  • Nach Geburt sterile Abdeckung, OP in ersten Lebenstagen

  • Shuntversorgung des Hydrozephalus

  • Kinderurologische Betreuung

  • Interdisziplinärer Therapieansatz (u. a. Kinderarzt, Neuropädiater, Orthopäde, Urologe, Neurochirurg, Physiotherapeut, Ergotherapeut)

Prognose
Häufig Teilleistungsstörungen, mentale Entwicklung meist gut, mit Hilfsmitteln meist selbstständiges Leben möglich.
Tethered-Cord-Syndrom
„Syndrom des angehefteten Rückenmarks“: Tethered-Cord-SyndromEs kommt zu einer Beeinträchtigung der physiologischen Aszension des Rückenmarks, das dadurch gedehnt wird.
Ursache
Verwachsungen (z. B. auch nach OP), MMC, Lipome.
Erscheinungsbild
  • Zunehmende (im Gegensatz zur CP!) spastische Bewegungsstörung beider Beine

  • Bewegungsabhängige Rückenschmerzen

  • Sensibilitätsstörungen, Blasen-, Mastdarmfunktionsstörungen

  • !

    Bei MMC und zunehmender Spastik an den Beinen an Tethered-Cord-Syndrom denken.

Ärztliche Diagnostik
Nach entsprechender Anamnese und Symptomatik kann die Diagnose mithilfe einer Sonografie und/oder MRT der BWS/LWS gestellt werden.
Ärztliche Therapie
Operative Lösung der Verwachsungen.
Befunderhebung
  • Aufzeichnung der individuellen Probleme: Je nach Größe und Segment der Fehlbildung wirkt sich die Spina bifida unterschiedlich aus. Die in der Aussackung liegenden Nerven sind nicht funktionsfähig.

  • Zirkulation der Lymphe (→ Hydrozephalus in 90 % der Fälle)? Shunt? Neigung zu zerebralen Anfällen? Intellektuelle Fähigkeiten?

  • Motorische Entwicklung kranial des Defekts: Welche motorischen Muster sind zu sehen? Wie ist die Qualität ihrer Ausführung?

  • Querschnittsymptomatik, schlaffe Lähmung der Muskulatur → Muskelprüfung: Funktion? Restfunktion? Kraft?

  • Verlust der sensorischen Wahrnehmungen → Prüfung, um die betr. Bereiche genau zu lokalisieren; unterschiedliche Qualitäten testen

  • Atembefund? Lungenfunktionsprüfung? Inwieweit ist die Atmung betroffen?

  • Lähmung von Blase und Enddarm (höchst anfällig für Harnwegsinfekte): Wird katheterisiert oder Blase manuell über Druck und Klopfen (Reflexblase) entleert?

Physiotherapie
Ziele
  • Erhalt der Vitalfunktion (Atmung)

  • Erhalt der Gelenkbeweglichkeit

  • Erhalt der Koordination der Spontanmotorik

  • Verbesserte Wahrnehmung

  • Einnahme von sinnvollen ASTEn, um dem Kind mehr motorische Möglichkeiten zu geben

  • Adäquate Hilfsmittelversorgung

Struktur/Funktion
Atmung normalisieren
Vor allem bei älteren Kindern mit Spina bifida (und den entsprechenden Haltungsproblemen wie z. B. Skoliose) ist Atemtherapie essenziell.
Kontrakturen vermeiden
  • Tägliches endgradiges passives Bewegen aller Gelenke (verhindert fibrotische Verklebungen)

Klinischer Hinweis

Kinder mit Spina bifida haben häufig eine reduzierte Schmerzwahrnehmung.

  • Passive Ausführung der motorischen Entwicklungsmuster, wie z. B. alternierendes Strampeln (wichtig zur Entwicklung der Rumpfstabilität) mit Strampelspielen

  • Dehnung der innervierten Muskulatur; dabei muss das Kind kooperieren, da sich sonst ein gegenteiliger Effekt einstellt; bei älteren Kindern PIR (1.3.5) in spielerischer Form möglich

  • Lagerungen sind nur bei konstanter Fehlhaltung notwendig

Koordination der Spontanmotorik erhalten
  • Bewegungsmuster als Komplex ausführen lassen, kaudale Bewegung ggf. passiv oder assistiv mitführen.

  • Keine zweigeteilte motorische Vorstellung (kranial und kaudal der Läsion) entwickeln. Bewegung betrifft den Körper als Ganzes.

  • Verbindende Muster wie Hand-Körper- (Bauch-Hüfte-Knie-Fuß-)Koordination oder Hand-Mund-Fuß-Koordination vermehrt aktivieren.

  • Bei Stützaktivität auf physiologische Haltung der Beine achten; bei Schwerpunktverlagerungen Änderung in der Beinhaltung beachten und mitführen.

  • Durch Spiele Spaß an Bewegung vermitteln und zum Weitermachen motivieren.

Wahrnehmung fördern
  • Kognitiv-therapeutische Übungen nach Perfetti (2.28)

  • Wahrnehmungsspiele zur Entwicklung eines Körperschemas, wie z. B. „Wäscheklammer-Igel“. Das Kind liegt mit geschlossenen Augen auf Rücken oder Bauch und bekommt Wäscheklammern an die Kleidung geheftet. Es muss versuchen zu spüren, wann der Th. die Klammern abnimmt. Der Th. passt sein Verhalten den sensorischen Fähigkeiten des Kinds an.

  • Gleichzeitig Hand- und Fußstimulation mit Reizen verschiedener sensorischer Qualitäten

  • Eigenwahrnehmung: z. B. Beine und Füße mit Fingerfarben anmalen lassen, kleine Hütchen auf Zehen setzen lassen, Fußlieder „Zeigt her eure Füßchen“ singen und dabei die Füße berühren

Aktivität/Partizipation
ASTEn erarbeiten, Hilfsmittel einsetzen
  • ASTEn sollen eine möglichst physiologische Belastung der Gelenke und Handlungsfreiheit für das Kind garantieren.

  • Dabei so viel Aktivität des Kinds verlangen, wie möglich ist, den Punkt jedoch nicht verpassen, ab dem Hilfsmittel eingesetzt werden sollen.

  • Bobath (2.6)

  • Vojta (2.40)

Zerebralparese (CP)

Die Definition der ZerebralpareseZerebralparesen (CP, von engl. cerebral palsy), die seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert wird, beruht auf dem Erscheinungsbild und der Vorgeschichte, nicht jedoch auf Ursachen. Die Häufigkeit des Auftretens und vergleichbare medizinische, therapeutische und soziale Erfordernisse führten zur Zusammenfassung unter dem Begriff CP.
Es handelt sich dabei um eine Gruppe von Erkrankungen, die:
  • zu einer Störung von Bewegung, Haltung und motorischer Funktion führen.

  • permanent, aber nicht unveränderlich sind.

  • durch eine nicht fortschreitende Störung, Schädigung oder Auffälligkeit des sich entwickelnden/unreifen Gehirns entstehen.

Häufig treten zusätzliche Störungen auf, wie z. B. Sehstörungen, Epilepsie, geistige oder Lernbehinderung; Hörstörungen sind eher selten. Es kann zusätzlich zu motorischen Störungen bis hin zu einer schweren Mehrfachbehinderung kommen.
Nicht zur CP-Gruppe gehören Erkrankungen mit folgenden Merkmalen:
  • Fortschreitender Verlauf mit Verlust erworbener Fähigkeiten

  • Muskuläre Hypotonie als einziges neurologisches Symptom

  • Spinale Erkrankungen

Die CP-Häufigkeit liegt insgesamt bei 2,0–2,5 : 1.000 Lebendgeborenen und steigt mit sinkendem Geburtsgewicht deutlich an: von 1 : 1.000 Lebendgeborene bei > 2.500 g GG bis 50–65 : 1.000 Lebendgeborene bei < 1.500 g GG.
Ursachen
Nach Anamnese, neurologischer Untersuchung und dem Erheben der zusätzlichen Probleme wird eine frühe zerebrale Bildgebung (MRT) empfohlen. Gehirndefekte (75 %) weisen auf eine Entstehung vor, unter oder kurz nach der Geburt hin; bestimmte Fehlbildungen sind Hinweis auf eine frühere Entstehung im 1. und 2. Schwangerschaftstrimenon (ca. 10 %), z. B. durch Infektionen, Stoffwechselerkrankungen, genetische Faktoren, Medikamente.
Der Entstehungszeitraum wird meist bis Ende der Neonatalperiode (28. Lebenstag) definiert, sonst liegt eine postneonatale CP vor.
Einteilung und Symptome
Neurologisch (nach dominierendem Symptom) definierte Subgruppen.
  • Eine genaue Einteilung erfolgt mit standardisierten Scores (z. B. GMFCS: Gross Motor Function Classification System; BFMF: Bimanual Fine Motor Function), da sonst die Variabilität zwischen verschiedenen Untersuchern sehr hoch ist.

  • Das klinische Bild wird außerdem von zusätzlich auftretenden Störungen (s. o.) geprägt.

  • Folgeschäden an Muskeln, Gelenken und Knochen, z. B. Spitzfußstellung, Hüftluxation, Frakturen durch Inaktivitätsosteoporose

Spastische CP
Mit Muskelhypertonie, path. Reflexen (Hyperreflexie, Pyramidenbahnzeichen wie Babinski-Reflex) sowie daraus resultierenden abnormen Bewegungs- und Haltungsmustern (90 %).
  • Bilateral spastische CP (BS-CP):

    • Über ⅔ der Kinder haben eine schwere motorische Behinderung: kein freies Gehen mit 5 Lj.

    • Bei ⅔ der Kinder Störung der kognitiven Entwicklung, 50 % Epilepsie, 10 % (fast) blind

    • Komplette BS-CP oder spastische Tetraparese: alle Extremitäten betroffen

    • Beinbetonte BS-CP: spastische Diplegie

    • Tribetonte BS-CP: eine Seite, vorwiegend ein Arm, mehr betroffen

  • Unilateral spastische CP (US-CP): spastische Hemiparese:

    • 50 % freies Gehen, nur < 2 % erlernen es nicht. 30 % hinken mäßig, 10 % schwer

    • Handfunktion bei 50 % noch gut, bei 20 % Hand funktionslos

    • Bis auf Epilepsie meist keine zusätzlichen Beeinträchtigungen

Dyskinetische CP
  • Mit unwillkürlichen, sich wiederholenden, z. T. stereotypen Bewegungen, persistierenden Primitivreflexen (Moro-Reaktion, ATNR), wechselndem Muskeltonus (6 %)

  • Kognition häufig relativ gut, jedoch schwer einzuschätzen wegen der schweren motorischen Behinderung (wenige Pat. mit Rumpfkontrolle, noch weniger können frei gehen)

Dystone CP
Mit abnormaler Haltung, eher Hypertonie, verzerrte Willkürbewegungen.
Choreoathetoide CP
Mit vermehrter Bewegung (Bewegungsstürme), eher Hypotonie, Chorea (= schnelle, unwillkürliche, zuckende, fragmentierte Bewegungen), Athetose (= wurmartige, windende, langsamere Bewegungen).
Ataktische CP
Mit Verlust geordneter Muskelkoordination; Bewegungen werden mit abnormer Kraft, Präzision und Rhythmus durchgeführt: Dysmetrie, Stand- und Gangataxie, langsamer Tremor, eher Hypotonie (4 %). Häufig mit motorischer (10 % kein freies Gehen) und geistiger Entwicklungsstörung; viele Kinder haben außerdem eine Epilepsie.
Ärztliche Therapie
  • Ziele:

    • Sekundärfolgen vermindern

    • Mögliche Entwicklung unterstützen

  • Interdisziplinäre Langzeittherapie unter Einbeziehung der Bezugspersonen:

    • PT, Hilfsmittel

    • Medikamente zur Beeinflussung der Spastik (Baclofen, Botulinustoxin) und Dystonie

    • Operationen mit intensiver PT prä- und postop., z. B. bei Kontrakturen oder Hüftluxationen

    • Nach Bedarf Frühförderung, Ergotherapie, Logopädie, Heilpädagogik, Epilepsiebehandlung, Behandlung von Ernährungsproblemen (z. B. perkutane endoskopische Gastrostomie = PEG-Sonde)

Befunderhebung
  • Zerebrale Anfälle/Epilepsie? Welches Ausmaß? Reaktionen des Kinds? Notfallplan? Notfallmedikamente?

  • Schmerzen?

  • Konzentrationsfähigkeit? Geteilte Aufmerksamkeit? Ablenkbarkeit? Lernstörung? Gedächtnisstörung?

  • Wahrnehmung: Sensorische Integration? Körperschema? Neglectsymptomatik?

  • Veränderungen im Muskeltonus: Lokalisation? Spastische, dystone, ataktische Erscheinungsform?

  • Sensorische Überempfindlichkeit? Schreckhaft? Sensorischer Ekel?

  • Orofaziale Situation: Mundschluss? Zungenaktivität? Zungenstoß? Kontrolle des Speichelflusses? Nahrungsaufnahme? Kauen und Schlucken mit Kompensationsbewegungen?

  • Sprechen: Sprachmotorik → Dysarthrie? Sprachverständnis → Aphasie? Alternativen der Kommunikation?

  • Sehen? Augenbeweglichkeit? Gesichtsfeldausfälle?

  • Haltungsasymmetrie, Deformitäten? Kyphotische Veränderung?

  • Schwierigkeiten mit der Atmung? Sauerstoffsättigung?

  • Kontrakturen oder muskulär bedingte Deformitäten an den Gelenken? Detonisierende Medikamente?

  • Luxationsgefahr? (v. a. Hüft- und Schultergelenk, Kiefergelenke bei dystoner Erscheinungsform!)

Physiotherapie
Ziele
  • Sensomotorische Erfahrungen als Basis für den Erwerb motorischer Fähigkeiten

  • Erhalt der Gelenkbeweglichkeit, Vermeidung von Luxationen

  • Erhalt der Vitalfunktion (Atmung)

  • Einnahme sinnvoller ASTEn, um dem Kind mehr motorische Möglichkeiten zu geben

  • Adäquate Hilfsmittelversorgung

  • Größtmögliche Selbstständigkeit in Alltagssituationen

  • Größtmögliche Selbstbestimmung

Struktur/Funktion
Sensomotorische Erfahrungen als Basis für den Erwerb motorischer Fähigkeiten fördern
  • Bobath (2.6, Durchführung):

    • Auswahl an ASTEn und Positionen

    • Gestaltung von Bewegungsübergängen

    • Unterstützung bei der Eigenaktivität

  • Vojta (2.40, Durchführung):

    • Aktivierung in physiologischen Bewegungsmustern

    • Tonusregulation

    • Verbesserung der Haltung

Kontrakturen und Luxationen vermeiden
  • Muskulär bedingt:

    • Entspannende, Tonus reduzierende Positionen

    • Elektrotherapie: Interferenzstrom oder Diathermie zur Lockerung

    • Physikalische Anwendung: Wärme oder Eis (Eisbehandlungen zeigen detonisierenden Effekt)

  • !

    Bei Säuglingen und kleinen Kindern keine Eisbehandlung (Gefahr der schnellen Unterkühlung). Vor der Behandlung Sensibilität testen.

    • Massage (Resultat kann individuell variieren, genaue Reaktion des Muskels beobachten)

    • Dehnung und Traktion sollten lang gehalten werden. Reaktion der Muskulatur beobachten.

  • Dystoniebedingt:

    • Passives Bewegen, um fibröse Verklebungen zu lösen

    • Gelenksichernde Positionen

    • Bei drohender Luxation aufgrund mangelnder muskulärer Stabilisation → rechtzeitiger Hilfsmitteleinsatz

Atmung normalisieren
  • Thoraxmobilisation, Drehdehnlagen

  • Atemvertiefung

  • Nasenatmung in Verbindung mit Mundschluss üben. Kinder mit ICP atmen häufig durch den Mund → höheres Infektionsrisiko.

Aktivität/Partizipation
Positionen und ASTEn erarbeiten
  • Positionen sollen keine motorische Aufmerksamkeit vom Kind verlangen.

  • Die Position soll sicher sein, damit sich das Kind auf andere Dinge konzentrieren kann.

  • Eine gute motorische Basis für weitere Bewegungen (schreiben, basteln, spielen) schaffen.

  • Lagerungen für Entspannung und Ruhe finden.

  • Möglichst viele verschiedene Positionen finden → vielfältige Wahrnehmungsafferenz.

Neuromuskuläre Erkrankungen

Die kleinste funktionelle Einheit Neuromuskuläre Erkrankungenim neuromuskulären System ist die motorische Einheit. Sie definiert sich durch ein α-Motoneuron und alle von ihm innervierten Muskelfasern. Die Erregung eines Motoneurons führt zur Kontraktion aller der motorischen Einheit zugeordneten Muskelfasern.
In dieser Funktionskette kann es an allen Stellen zu Störungen kommen, die eine neuromuskuläre Erkrankung unter möglicher Mitbeteiligung des Nervensystems (sensibel, zentral, autonom) bewirken. Man unterscheidet folgende neuromuskuläre Erkrankungen anhand ihrer Lokalisation innerhalb der motorischen Einheit:
  • Erkr. der motorischen Vorderhornzelle → spinale Muskelatrophie (SMA)

  • Erkr. des Axons/der Schwann-Zelle → neurale Muskelatrophie (Morbus Charcot-Marie-Tooth, CMT)

  • Erkr. der motorischen Endplatte → Myasthenien

  • Erkr. der Muskelzelle mit Fibrose → Muskeldystrophien

  • Erkr. der Muskelzelle ohne Fibrose → Strukturmyopathien

  • Erkr. der Ionenkanäle der Muskelzelle → Myotonien

  • Erkr. der Mitochondrien („Kraftwerke der Zelle“) → Mitochondriopathien

Symptome
  • Verminderung der Kraft

  • Degenerative Atrophie der Muskulatur (meist progredient)

Spinale Muskelatrophie (SMA)
Erkrankung der Spinale Muskelatrophiemotorischen Vorderhornzelle und ihrer Axone mit einer Häufigkeit von 1 : 10.000 Lebendgeborenen.
Formen/Symptome
  • SMA1: frühinfantil-schwer (Morbus Werdnig-HoffmannMorbus Werdnig-Hoffmann): verminderte Kindsbewegungen in der SS, „Floppy InfantFloppy Infants“, prox. Muskelschwäche (Beine > Arme), Zungenfaszikulation, fehlende Kopfkontrolle, aufmerksame Mimik, Froschschenkelhaltung, oft nur noch Bewegung der Finger und Zehen. Lebenserwartung selten > 2. Lj. (Ateminsuffizienz)

  • SMA2: spätinfantil-intermediär: beinbetonte Muskelschwäche, Trichterbrust, kein freies Gehen. Lebenserwartung 10–20 Lj.

  • SMA3: juvenil-mild (Morbus Kugelberg-WelanderMorbus Kugelberg-Welander): große Variabilität, Beginn > 18. Monat, kaum verkürzte Lebenserwartung, selbstständiges Leben; OS-Muskulatur atroph

Ärztliche Therapie
Palliativ: PT, Orthopädie, Beatmung, PEG-Sonde.
Neurale Muskelatrophie (CMT)
(CMT = Morbus Charcot-Marie-ToothMorbus Charcot-Marie-Tooth) Neurale MuskelatrophieHeterogene Gruppe von Erkrankungen der Markscheiden (Schwann-Zellen) und Axone. Häufigkeit 1 : 2 .500; am häufigsten ist der Typ CMT1 mit recht guter Prognose bei langsam progredientem Verlauf.
Erscheinungsbild
  • Langsam progrediente, distal betonte Muskelschwäche mit dünnen US (Storchenbeine)

  • Steppergang, Hohlfuß (Fußhebermuskeln)

  • Verstrichener Daumenballen (Palmaratrophie)

  • Muskelreflexe abgeschwächt/erloschen

  • Nervenleitungsgeschwindigkeit vermindert

Ärztliche Therapie
Symptomatische Therapie (z. B. PT, Orthopädie). Eine kurative Therapie ist nicht möglich.
Muskeldystrophien
Heterogene MuskeldystrophienGruppe von erblichen Erkrankungen mit fortschreitender Muskelschwäche und einem Defekt in der Muskelzelle mit Fibrosierung (Muskelbiopsie). Molekulargenetische Untersuchung möglich.
Formen/Symptome
  • Duchenne-MuskeldystrophieDuchenne-Muskeldystrophie (DMD): schwerer Verlauf, häufigste Muskeldystrophie (1 : 7.000). Gendefekt auf X-Chromosom

    • Verdacht groß bei Jungen mit Muskelschwäche und Erhöhung des Muskelenzyms Kreatinkinase im Blut

    • Fallneigung, Vermeiden von Treppen, offensichtlich ab 3.–5. Lj.

    • Gowers-Phänomen: „Hochklettern“ an eigenen Beinen beim Aufstehen, Watschelgang

    • Pseudohypertrophie der Wadenmuskulatur (Fibrosierung, Verfettung)

    • Rollstuhlpflicht 10.–13. Lj.

    • Lebenserwartung < 40 Lj.

  • Becker-MuskeldystrophieBecker-Muskeldystrophie (BMD): milderer Verlauf, Lebenserwartung evtl. normal; Gendefekt auf X-Chromosom

  • Gliedergürtel-MuskeldystrophieGliedergürtel-Muskeldystrophie (limb girdle muscular dystrophy, LGMD): progrediente Muskelschwäche der Schulter- oder Beckengürtelmuskulatur mit verschiedenen Formen

  • Kongenitale MuskeldystrophienKongenitale Muskeldystrophien (muscular dystrophy, congenital, MDC): früher Beginn → „Floppy InfantFloppy Infant“ bei Geburt, verschiedene Formen und MDC-Syndrome

  • Fazioskapulohumerale MuskeldystrophieFazioskapulohumerale Muskeldystrophie (FSHD): 80 % Jugendliche/Erwachsene mit Muskelschwäche/-atrophie der Gesichts- (kein Pfeifen), Schultergürtel- und Oberarmmuskulatur, später auch andere Regionen betroffen

  • Emery-Dreifuss-MuskeldystrophieEmery-Dreifuss-Muskeldystrophie (EDMD): humeroperoneale Muskelschwäche und später Reizleitungsstörung des Herzens (ggf. Schrittmacher, Herztransplantation)

Ärztliche Therapie
Symptome und Komplikationen werden möglichst frühzeitig therapiert. Regelmäßige kardiale, orthopädische und neurologische Kontrollen. Bei Bedarf Hilfsmittelversorgung, PT; ggf. Heimbeatmung, genetische Beratung.
Physiotherapie
Struktur/Funktion
Muskelaktivität verbessern
  • Krafttraining mit moderatem Widerstand bringt messbaren Kraftzuwachs (12 Wochen = 4–20 %). Zu starker Bewegungswiderstand führt zu vermehrter Schwäche durch Überlastung.

Klinischer Hinweis

Warnzeichen der Überbelastung bei neuromuskulären Erkrankungen:

  • Schwächegefühl innerhalb von 30 Min. nach der Therapie

  • Muskelschmerzen 24–48 Std. nach der Therapie

  • Ausgeprägte Muskelkrämpfe

  • Schweregefühl von Armen und Beinen

  • Anhaltende Kurzatmigkeit

  • Ausdauertraining im aeroben Bereich wie Gehen, Schwimmen, Ergometertraining

  • E-Therapie: Exponenzialstrom oder Schwellstrom zur gezielten Stimulation von Muskelfasern (1.3.13)

Kontrakturen vermeiden
  • Tägliches assistives Bewegen der Gelenke des betr. Bereichs

  • Tägliches Stehen (Stehbrett, -tisch), um die Durchblutung, den Stoffwechsel, den Kreislauf aufrechtzuerhalten und Osteoporose und Fehlhaltungen vorzubeugen.

Atmung normalisieren
Maßnahmen 10.5.2
  • Vitalkapazität erhalten

  • Atemvertiefung

  • Belüftung aller Lungenanteile (wegen Infektionsgefährdung)

  • Inhalation

Schmerzen lindern
E-Therapie (1.3.13): TENS oder Galvanisation, z. B. Stangerbad oder Vierzellenbad, aufsteigend.
Aktivität/Partizipation
Sensomotorische Erfahrungen fördern
  • Vojta (2.40)

  • Aufrichtung zur Rumpfstabilität

Herzerkrankungen

Der größte Anteil der HerzerkrankungenHerzerkrankungen im Kindesalter sind die angeborenen Herzfehler, die sich wiederum in viele Untergruppen einteilen lassen. Weitere Erkrankungen sind Herzrhythmusstörungen, entzündliche Herzerkrankungen und Kardiomyopathien. Im folgenden Kapitel soll nur eine grobe Gesamtübersicht gegeben werden.
Richtwerte Herzfrequenz
Im Vergleich zu Erwachsenen haben Kinder eine erhöhte Herzfrequenz. Es gelten folgende Anhaltswerte:
  • Frühchen 140–160 Schläge/Min.

  • Neugeborenes 130–140 Schläge/Min.

  • Säugling 100–130 Schläge/Min.

  • Kleinkind 80–110 Schläge/Min.

  • Schulkind 70–90 Schläge/Min.

  • Jugendlicher 60–80 Schläge/Min.

Richtlinien für körperliche Belastung
(Hier nur Beispiele, immer Rücksprache mit Kinderkardiologen!)
  • Kein Sport z. B. bei Aortenstenose mit Druckgradient > 40 mmHg, Pulmonalstenose mit Druckgradient > 50 mmHg, Kardiomyopathie, schwerer Mitralklappeninsuffizienz, bedeutsamen Arrhythmien nach Herz-OP

  • Schulsport mit Einschränkung bei z. B. zyanotischem Herzfehler, pulmonaler Druckerhöhung durch Vitien mit Links-Rechts-Shunt, Schrittmacher

  • Schulsport möglich bei komplikationslos operiertem ASD, VSD, Mitralklappenprolaps

Angeborene Herzfehler

Angeborene HerzfehlerHerzfehler, angeborene sind mit einer Häufigkeit von 8 : 1.000 Neugeborene die häufigste Organfehlbildung. Da die embryonale Herzentwicklung ein sehr komplizierter Prozess ist, besteht in der vulnerablen Phase (2.–7. SSW) eine relative hohe Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Fehlbildung. Ist ein Geschwisterkind betroffen, steigt das Risiko für einen Herzfehler auf 2–4 %.
Einteilung
Beschreibung der Herzanatomie nach den normalen Verbindungen des Herzens:
  • Die Hohlvenen münden in den rechten Vorhof, die Lungenvenen in den linken Vorhof.

  • Der rechte/linke Vorhof mündet jeweils in die rechte/linke Kammer.

  • Die rechte Kammer mündet in die Lungenarterie, die linke Kammer in die Aorta.

Zyanotische und azyanotische Herzfehler
Die Beschreibung der Herzfehler erfolgt nach den jeweils vorliegenden abnormalen Verbindungen → Blut folgt immer dem Druckgefälle. Da der Druck im linken Herz höher als im rechten ist, kommt es meist zu:
  • Links-rechts-ShuntLinks-rechts-Shunt: Blutfluss über eine Kurzschlussverbindung von „links nach rechts“ (keine Zyanose, da bereits oxygeniertes Blut wieder in das rechte Herz zurückgepumpt wird). Kurzschlüsse auf:

    • Venenebene: von den Lungenvenen in die Hohlvene

    • Vorhofebene: Vorhofseptumdefekt (ASD)

    • Kammerebene: Ventrikelseptumdefekt (VSD)

    • Arterienebene: Persistierender Ductus Botalli

  • Rechts-links-ShuntRechts-links-Shunt: Blutfluss von „rechts nach links“; d. h., das sauerstoffarme Blut wird wieder in den Körper gepumpt und es kommt zur Zyanose (zyanotische Herzfehler). Hierzu kommt es bei einer Kurzschlussverbindung zwischen Lungen- und Körperkreislauf und erhöhtem Druck im rechten Herz bzw. in der Lungenarterie auf:

    • Vorhofebene: ASD + Verschluss der Klappe in die rechte Kammer (Trikuspidalstenose/-atresie)

    • Kammerebene: VSD + Pulmonalstenose

    • Arterienebene: persistierender Ductus Botalli + Verengung der Lungengefäßstrombahn (pulmonale Hypertonie)

    • Fehlverbindungen der Gefäße, z. B. Transposition der großen Gefäße (TGA), Truncus arteriosus communis (TAC)

Klappenfehler
Beschreibung der anatomischen Veränderungen an Klappen und Gefäßen:
  • Stenose = Einengung von Klappe oder Gefäß (z. B. Aortenstenose, Pulmonalstenose)

  • Herzklappeninsuffizienz = undichter Klappenschluss (z. B. Mitralklappeninsuffizienz)

  • Atresie = vollständiger Verschluss

Ursachen
  • 80–90 % multifaktoriell

  • 10 % chromosomale Aberrationen (häufig mit Herzfehlern einhergehend, z. B. Trisomie 21, Ullrich-Turner-Syndrom: X0)

  • 5 % monogen (Störung auf einem Gen): z. B. DiGeorge-Syndrom, Williams-Beuren-Syndrom

  • Sehr selten toxische/teratogene Faktoren: Alkohol, Diabetes mellitus, Antiepileptika

Ärztliche Therapie
Die Therapie richtet sich nach dem Herzfehler. Manche Herzfehler müssen operiert werden, andere müssen nicht (Beobachtung) oder können nicht (mehr) operiert werden. Je nach Art und Symptomen des Herzfehlers (z. B. Herzrhythmusstörungen) erfolgt ggf. eine medikamentöse Therapie.

Herzrhythmusstörungen

HerzrhythmusstörungenHerzrhythmusstörungen treten häufig bei angeborenen Herzfehlern und nach Herzoperationen auf.
Einteilung
  • Nach dem Entstehungsort:

    • Vorhofebene: supraventrikulär („oberhalb der Kammer“)

    • Kammerebene: ventrikulär

  • Nach der Herzfrequenz:

    • Bradykardie: Frequenz unterhalb der Altersnorm

    • Tachykardie: Frequenz oberhalb der Altersnorm

  • Nach zusätzlichen bzw. ausgefallenen Herzaktionen:

    • Extrasystole: vorzeitige Herzaktion

    • Ersatzrhythmus auftretend bei blockiertem Herzrhythmus, z. B. supraventrikulärer Tachykardie (durch kreisende Erregung im Herzen und zusätzliche Leitungsbahnen)

Ärztliche Therapie
Die Therapie (Akut- oder Dauertherapie) richtet sich nach der Herzrhythmusstörung. Häufig keine Therapie erforderlich, ansonsten kommen Medikamente (Antiarrhythmika), Kardioversion, Herzschrittmacher und selten auch operative Verfahren zum Einsatz.

Entzündliche Herzerkrankungen

Einteilung
Nach der Lokalisation:
  • PerikarditisPerikarditis: Herzbeutelentzündung, meist viral bedingt, oft zusätzlich mit einem Perikarderguss, der so ausgeprägt sein kann, dass die Herzfüllung mit Blut behindert werden kann (Perikardtamponade)

  • MyokarditisMyokarditis: HerzmuskelentzündungHerzmuskelentzündung: Meist viral, oft mit Begleitperikarditis (s. o.); die akute Form kann fulminant tödlich verlaufen. Oft im Rahmen von Luftwegsinfekten, wenn zusätzlich eine körperliche Belastung auftritt (Sport bei grippalem Infekt!)

  • EndokarditisEndokarditis: Entzündung der gesamten Herzinnenwand, meist bakteriell. Vorkommen z. B. bei Herzklappenfehler, VSD, implantiertem Fremdmaterial.

Ärztliche Therapie
Strenge Bettruhe.
  • Perikarditis: Behandlung der Grunderkrankung, Schmerzstillung, Entzündungshemmung, evtl. Perikardpunktion

  • Myokarditis: Intensivstation, Behandlung der Grunderkrankung und von begleitenden Symptomen (Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen)

  • Endokarditis: hoch dosierte antibiotische Therapie

  • Endokarditisprophylaxe: Es wird vor jedem instrumentellen Eingriff (z. B. Zahnarzt, Eingriffe am Gastrointestinaltrakt und an der Haut) eine Prophylaxe mit einem Antibiotikum durchgeführt. Die Durchführung richtet sich nach Art des Herzfehlers (bei manchen nicht notwendig) und des Eingriffs.

Kardiomyopathien

Krankheiten Kardiomyopathiendes Herzmuskels, die mit einer kardialen Dysfunktion einhergehen, ohne dass ein angeborener Herzfehler, eine Erkrankung der Klappen, der Koronararterien oder eine Entzündung vorliegt.
Einteilung/Symptome
  • Primäre Kardiomyopathien (genetische Ursache oder abgelaufene Myokarditis):

    • Hypertrophe (obstruktive) Kardiomyopathie (H[O]CM): Hypertrophie des Myokards ohne weitere zugrunde liegende Ursache; mit/ohne Obstruktion des linksventrikulären Ausflusstrakts

    • Dilatative Kardiomyopathie (DCM): Dilatation (Ausweitung) des linken Ventrikels und der anderen Herzhöhlen mit mäßiger Hypertrophie; häufigste Ursache für eine Herztransplantation im Kindesalter

  • Sekundäre Kardiomyopathien als Folge von Systemerkrankungen: neuromuskuläre Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, Dysmorphiesyndrome

Ärztliche Therapie
Konservative Therapie je nach Typ (Intensivüberwachung, Therapie der Herzinsuffizienz, der Herzrhythmusstörungen), bei Versagen Herztransplantation.
Befunderhebung
  • Zeichen der chronischen Zyanose: Trommelschlägelfinger, Uhrglasnägel

  • Körperliche Belastbarkeit, Ruhepuls → Belastungsspitzen (Herzfrequenz-Richtwerte 10.7)

  • Atemsituation (10.5.1, Atembefund)

Klinischer Hinweis

Zeichen der Überlastung:

  • Tachypnoe, Dyspnoe

  • Tachykardie, Bradykardie

  • Schwitzen

  • Bläuliche Lippen, blasses Gesicht

Physiotherapie – Präoperative Phase
  • Kontakt zum Kind aufbauen

  • Eltern anleiten

Struktur/Funktion
Atemtechniken erlernen
  • Maßnahmen 10.5.2:

    • Sekretolyse

  • Kontaktatmung zur Atemvertiefung:

    • Lippenbremse, Ausatmen gegen Widerstand

    • Atemspiele

Ausdauer im Rahmen der aktuellen Belastbarkeit verbessern
  • Nicht die Leistung, sondern der Spaß steht im Vordergrund:

    • Handklatschspiele, Fingerspiele

    • Ballspiele mit Luftballon, z. B. Bett-Volleyball, Zielwerfen (Papierkorb)

    • Trommeln, z. B. zu Musik; Gesang; verschiedene Gegenstände klingen unterschiedlich

    • Lieder mit Gesten, z. B.: „Was müssen das für Bäume sein“, „Brüderchen, komm tanz mit mir“

    • „Autorennen“: Th. und Kind haben an einer Papprolle (oder einem Bleistift) etwa 3–4 m Schnur befestigt, am anderen Ende ist ein Auto. Das Auto, das als Erstes über eine Markierung „aufgewickelt“ wurde, hat gewonnen.

    • „Kartoffelduell“: Ein Rechtshänder hat in der li. Hand einen Löffel, auf dem eine Kartoffel liegt, und in der anderen Hand einen leeren Löffel. Th. und Kind sind mit jeweils zwei Löffeln und je einer Kartoffel ausgestattet. Nun soll jeder versuchen, dem anderen die Kartoffel vom Löffel zu schlagen.

    • „Alle Vögel fliegen hoch in die Luft“.

Physiotherapie – Postoperative Phase
Struktur/Funktion
Atmung normalisieren
Maßnahmen 10.5.2
  • Pneumonieprophylaxe

  • Sekretolyse, vermehrte Schleimproduktion aufgrund der Narkose

  • Vorsichtige Drehdehnlagen ab dem 3./4. postop. Tag

Thrombose vermeiden
  • Beinaktivität, z. B. Strampelspiele, Zehenspiele bei Säuglingen

  • Bei größeren Kindern z. B. mit den Füßen malen, Murmeln von einer Schüssel in die andere transportieren oder Autos auf eine schräge Ebene (Tablett) stellen und sie herunterfahren lassen.

Kraft und Ausdauer fördern
  • Alle Übungen und Spiele im Rahmen der Belastbarkeit sind möglich.

  • Arme in den ersten 4–5 Tagen nicht über die Horizontale heben lassen.

  • BL ist ab dem 14. postop. Tag möglich, Arzt befragen.

Rheumatische Erkrankungen

Im Kindesalter auftretende rheumatische ErkrankungenRheumatische Erkrankungen manifestieren sich häufig ganz anders als bei Erwachsenen und zeigen auch unterschiedliche Verläufe. Die Deutsche Rheuma-Liga (Stand 2007) geht davon aus, dass etwa 16.000 Kinder jedes Jahr an Rheuma erkranken und 3.000 einen chronischen Verlauf haben, von denen wiederum 90–95 % als juvenile idiopathische Arthritis (JIA) diagnostiziert werden. Die folgende Darstellung beschränkt sich auf die wichtigsten Krankheitsbilder, meist müssen die Pat. einem spezialisierten Kinderrheumatologen vorgestellt werden. Häufig bestehen nicht nur Arthritiden, sondern sind auch Haut, Augen (Uveitis), innere Organe und die Muskulatur betroffen. Bei der Behandlung sind Psyche und Wachstum der Pat. zu berücksichtigen.
Einteilung
Juvenile idiopathische Arthritis (JIA) oder auch juvenile rheumatoide Arthritis (JRA): Gruppe von Gelenkentzündungen, die vor dem 16. Lj. beginnen, mindestens 6 Wo. dauern und für die keine andere Ursache gefunden werden kann.
  • Polyartikuläre Formen (≥ 5 Gelenke betroffen):

    • Rheumafaktor-negative Polyarthritis (20 %, Beginn durchschn. 5. Lj., selten Augenbeteiligung)

    • Rheumafaktor-positive Polyarthritis (< 5 %, Beginn um 12. Lj., entspricht rheumatoider Arthritis bei Erwachsenen)

  • Oligoartikuläre Form (< 5 Gelenke befallen):

    • Frühkindliche Oligoarthritis (40 %, Beginn um 2 Lj., hauptsächlich Mädchen, bis 10 % bleibende Augenschäden)

  • Systemische Verlaufsform (Morbus Still): Nach Wochen bis Monaten mit systemischen Manifestationen (abendliches Fieber, flüchtiges Exanthem, Vergrößerung von Leber und Milz, Pleuritis, Perikarditis) entwickeln die Pat. eine Oligo- oder Polyarthritis. Mittleres Alter bei Beginn: 4 Jahre.

HLA-B27-assoziierte juvenile Spondylarthropathien: Gruppe von Erkrankungen mit peripherer Arthritis, Entzündung periartikulärer Strukturen und HLA-B27-Assoziation (Achsenskelett trotz des Namens bei Kindern und Jugendlichen nur selten befallen).
  • Undifferenzierte juvenile Spondylarthropathie (kann noch nicht den folgenden Formen zugeordnet werden): häufigste Form (30 %) nach der frühkindlichen Oligoarthritis (s. o.)

  • Reaktive Arthritis nach Infektionen (intestinal/urogenital): Yersinien, Shigellen, Salmonellen, Campylobacter

  • Psoriasisarthritis

  • Arthritis bei chronisch-entzündlicher Darmerkrankung (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)

  • Juvenile ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew)

Infektassoziierte Arthritiden: Gruppe von Arthritiden mit bekannter Ursache, oft selbstbegrenzend mit einer Dauer von < 6 Wo.
  • Chlamydienarthritis

  • Lyme-Arthritis (im Rahmen einer Lyme-Borreliose)

  • Reaktive Arthritis (s. o.)

  • Akutes rheumatisches Fieber (Streptokokken Gruppe A)

  • Virusarthritis (z. B. Parvovirus B19, Mumps-, Röteln-, Varizella-Zoster-Virus)

Ursachen
Die Ursachen des juvenilen Rheumas sind noch nicht vollständig geklärt. Man nimmt an, dass folgende Faktoren die Gelenkentzündungen verursachen:
  • Störung des Immunsystems: Der Körper kann körpereigenes Gewebe von Infektionserregern nicht unterscheiden und startet das Abwehrprogramm.

  • Genetische Faktoren

Symptome
Arthritis zeigt sich mit folgenden Symptomen:
  • Gelenkschwellung (nicht traumatisch bedingt)

  • Bewegungseinschränkung

  • Schmerzen

Erscheinungsbild
  • Arthritis an einem oder verschiedenen Gelenken (je nach Verlaufsform): Schonhaltung, eingeschränkte Beweglichkeit, Neigung zur Fehlstellung

  • Vor allem bei Kleinkindern sind lokale Störungen des Längenwachstums möglich.

  • Manchmal sind die Kinder schon einige Tage vorher abgeschlagen, blass und müde, manchmal tritt eine Arthritis bei völligem Wohlbefinden auf.

  • Morgensteifigkeit nicht so häufig wie bei Erwachsenen

  • Die Gelenke sind nur eingeschränkt beweglich und neigen zur Fehlstellung.

  • Die Muskulatur neigt aufgrund der Bewegungssituation zur Atrophie und schmerzt häufig.

Ärztliche Therapie
Individuell angepasste Therapie bei einem Kinderrheumatologen. Medikamentöser Stufenplan mit NSAID (nichtsteroidale Antirheumatika), Kortikosteroiden, Immunsuppressiva. PT, physikalische und ggf. operative Therapie. Psychologische Begleitung wie bei allen chronischen Erkrankungen im Kindesalter.
Physiotherapie
Physiotherapie begleitet rheumakranke Kinder über einen langen Zeitraum, wenn nicht ihr ganzes Leben. Die Therapie orientiert sich am akuten Zustand der Kinder. Während des Schubs stehen Schmerzlinderung und Entspannung im Vordergrund, die restliche Zeit dreht sich die Behandlung um die fkt. Probleme des Kinds.
Ziele
  • Entspannung und Schmerzlinderung

  • Erhalt der Gelenkbeweglichkeit und -stabilität

  • Erhalt der Funktionalität

  • Adäquate Hilfsmittelversorgung

Struktur/Funktion
Entspannung und Schmerzlinderung
Nichts beeinträchtigt die Lebensqualität so nachhaltig wie ständige Schmerzen. Hat ein Kind durchgehend Muskel- und Gelenkschmerzen, muss abgeklärt werden, inwiefern ein Schmerzverstärkungssyndrom vorliegen könnte.

Tipps & Fallen

Es darf auf keinen Fall über die Schmerzgrenze hinweg bewegt werden, da Schmerzreaktionen die Entzündungen verstärken.

  • Lokale Kälteanwendung: Auf akut entzündete Gelenke können etwa 10–15 Min. Gel-Eispackungen, kalte Umschläge oder Eis gegeben werden. Eine kürzere Kühlzeit würde zu einer anschließenden Wärmereaktion im Gelenk führen. Die Anwendung kann im akuten Schub 3–4-mal tgl. wiederholt werden. Bei kleineren Kindern kann Kälte dosiert eingesetzt werden; meist reichen Umschläge, die in kaltem Wasser getränkt wurden. Wichtig ist, dass die Kinder nicht auskühlen und ihr Kreislauf die Temperaturanwendungen gut verkraftet.

  • Lokale Wärmeanwendung: Ist das Gelenk nicht geschwollen und heiß, liegt also kein Entzündungsschub vor, können zur Entspannung und Schmerzlinderung warme oder heiße Anwendungen eingesetzt werden. Verspannte Muskulatur kann, soweit keine muskuläre Form des Rheumas vorliegt, immer mit Wärme behandelt werden. Sie fördert die Durchblutung und wirkt entspannend.

Verkürzte Strukturen dehnen
Dehnen von verkürzten Muskeln nicht über die Schmerzgrenze. Durch Traktionen werden die gelenknahen Strukturen und Muskeln gedehnt. Im individuellen Fall kann auch eine detonisierende Massage Wirkung zeigen.
Gelenke entlasten
Es ist enorm wichtig, die Gelenke zu entlasten. Aktivitäten wie Hüpfen, Springen und Laufen, aber auch Positionen wie Fersensitz oder Hocke komprimieren die Gelenke zu stark. Um nicht zusätzliche Entzündungsreize zu setzen, sollte rechtzeitig an Hilfsmittel gedacht werden. Die Fortbewegung mit Laufrad, Roller oder Fahrrad ist gelenkschonender. Lagerungs- und Funktionsschienen übernehmen stabilisierende Haltearbeit, entlasten dadurch Gelenk und Muskulatur und ermöglichen größere Selbstständigkeit.
Muskelaufbau fördern
  • Muskulatur kann dann aufgebaut werden, wenn das Gelenk frei beweglich und nicht schmerzhaft ist. Im Entzündungsstadium ist Muskelaufbau aufgrund der Schmerzen nicht möglich.

  • Muskulatur aktivieren, um die Schonhaltung aufzuheben

  • Funktionelle Bewegungsabläufe, wie z. B. Gehen

  • Bewegungsbad; bei einer Wassertemperatur von 32 °C entspannt sich die Muskulatur optimal, die Kinder können sich durch den herabgesetzten Schwerkrafteinfluss und den Auftrieb im Wasser nahezu schmerzfrei bewegen.

Aktivität/Partizipation
Alltagsbewältigung schulen
Viele alltägliche Bewegungen und Handhabungen fallen, vor allem im akuten Schub, sehr schwer. Es ist wichtig, dass die Kinder lernen, sich in ihrem motorischen Alltag gelenkschonend zu verhalten und dass sie die richtigen Hilfsmittel haben.
Rheuma und Sport
Oft ist Physiotherapie der einzige „Sport“ der Kinder. Viele sind vom Schulsport befreit, können in keinen Sportverein eintreten und sind aufgrund ihrer Schübe nicht in der Lage, ein kontinuierliches Training zu absolvieren. Nicht nur wegen der motorischen Komponente, sondern auch aufgrund der sozialen Aspekte sollen rheumakranke Kinder trotzdem in Breitensportgruppen mitmachen. Mögliche Sportarten für rheumakranke Kinder sind z. B. Yoga, Schwimmen, Inlineskating, Fahrradfahren, Klettern. Konstitution und Neigungen des Kinds spielen bei der Entscheidungsfindung die zentrale Rolle.

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C.P. Speer M. Gahr Pädiatrie 2. A. 2005 Springer Medizin Verlag Heidelberg

Straßburg, 2008

H.M. Straßburg Entwicklungsstörungen bei Kindern – Praxisleitfaden für die interdisziplinäre Betreuung 4. A. 2008 Elsevier/Urban & Fischer München

Schönau et al., 2004

E. Schönau E.G. Naumann A. Längler J. Beuth Pädiatrie integrativ. Konventionelle und komplementäre Therapie 2004 Elsevier/Urban & Fischer München

Vojta, 2004

V. Vojta Die zerebralen Bewegungsstörungen im Säuglingsalter. Frühdiagnose und Frühtherapie 7. A. 2004 Thieme Stuttgart

Zukunft-Huber, 2004

B. Zukunft-Huber Der kleine Fuß ganz groß 2004 Elsevier/Urban & Fischer München

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