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B978-3-437-42107-5.50034-X

10.1016/B978-3-437-42107-5.50034-X

978-3-437-42107-5

Schmerzlokalisation der einzelnen Organe gemäß einer Quadranteneinteilung. [3]

Beispiele für Head-Zonen der abdominellen Organe. [3]

Schmerzcharakteristika einzelner Organe.

Tab. 1
Organ Beschreibung/Lokalisation
Bauchaorta Infolge einer Aneurysmaruptur; sehr starker, von Brust zu Beinen wandernder Schmerz, bei Aneurysma dissecans (im Aortenisthmus) oft auch zwischen den Schulterblättern lokalisiert
Ösophagus Retrosternaler, manchmal in den Rücken ausstrahlender Schmerz, der beim Schlucken scharfer oder heißer Speisen verstärkt wird; wird oft verwechselt mit kardialer Schmerzsymptomatik
Gallenblase Bandbreite von symptomlos bis akut-kolikartigen Schmerzen, Auftreten im rechten oberen Quadranten, z. T. in die rechte Schulter ausstrahlend
Magen/Duodenum Epigastrische Schmerzen mit Auftreten in konstanter Rhythmik; oft beschrieben als nagender Schmerz, der sich nach Nahrungsaufnahme lindert
Dünndarm Meist infolge von Infektionen; meist periumbilikal lokalisiert mit kolikartigem Charakter; abdominalanginöser Schmerz entsteht v. a. nach Nahrungsaufnahme, der Appendizitisschmerz beginnt diffus und wandelt sich zum lokalisierten Schmerz im rechten Unterbauch
Mesenterialgefäße Infarkt beginnt mit plötzlichen Schmerzen schmerzfreies Intervall akutes Abdomen
Milz Bei Kapseldehnung Schmerzen im linken oberen Quadranten, teils atemabhängig; heftige Schmerzen bei Infarkt oder Ruptur
Leber Leberparenchymschaden ist nicht schmerzhaft; bei Dehnung der Leberkapsel diffuser rechter Oberbauchschmerz
Pankreas Gürtelförmige, stärkste Schmerzen im Epigastrium, die sich in Rückenlage verstärken
Peritoneum Bei lokaler Affektion lokaler peritonealer Schmerz, bei generalisierter Affektion diffuser, stärkster Schmerz, positiver Loslassschmerz
Prostata Dumpfe Schmerzen im Bereich des Damms in Kombination mit Schmerzen bei Miktion und Defäkation
Ovarien Meist unilateraler Schmerz (bei Zysten); bei Ruptur von Ovarialzysten akuter stärkster Schmerz
Nieren Gut lokalisierbarer Kapseldehnungsschmerz mit evtl. gürtelförmiger Ausstrahlung in den Genitalbereich; zudem klopfschmerzhafte Nierenlager
Harnleiter Meist Folge von Entzündungen, oft als Nierenkolik beschrieben, sehr schmerzhaftes Ziehen von lateralem Nierenbereich nach vorn in die Genitalgegend
Harnblase Suprapubischer Schmerz, besonders beim Wasserlassen (Zystitis); in Kombination mit Fieber und Nierenschmerzen (Pyelonephritis)
Rektum In der Regel gut lokalisierter Schmerz, die Proktalgia fugax mit akutem Beginn entsteht aufgrund einer Verkrampfung der pelvinen Muskulatur
Analbereich Folge von Fissuren und Haarfollikelentzündungen, sehr schmerzhaft und gut lokalisierbar; Auftreten v. a. während der Defäkation

Abdominelle Leitsymptome I

Der Gastrointestinaltrakt ist ein multifunktionelles Organsystem und erstreckt sich vom Mund über Speiseröhre, Magen, Dünndarm (Duodenum, Jejunum, Ileum) und Dickdarm bis hin zu Rektum und Anus. Das mit Abstand häufigste Symptom dieses Organsystems ist in allen Altersstufen der abdominelle Schmerz.

Abdominelle Schmerzen

Bauchschmerzen werden durch eine Vielzahl akuter und chronischer Ursachen hervorgerufen. Diese können sowohl intraabdominell als auch extraabdominell bedingt sein. Viele Krankheiten äußern sich – besonders auch bei Kindern – u. a. in der Bauchregion. Wichtig ist es in erster Linie zu unterscheiden, ob die vorliegende Schmerzsymptomatik als potenziell lebensbedrohlich eingestuft werden muss (s. a. akutes Abdomen), was ein sofortiges therapeutisches Handeln erfordert. Hierbei versucht man, über die Beurteilung von Lokalisation, Stärke, Schmerzcharakter und begleitenden Faktoren die Schmerzen klinisch besser einzuordnen. Eine apparative Diagnostik (z. B. Sonografie, Röntgen, CT) ist lege artis angezeigt, allerdings kann man mit einer guten klinischen Untersuchung (z. B. bei einer Appendizitis) in der Diagnostik sehr weit kommen.
Lokalisation/Ausstrahlung
Erste differenzialdiagnostische Überlegungen lassen sich bei der Lokalisation von Schmerzen i. d. R. aufgrund der anatomischen Lage der einzelnen Organe anstellen ( Abb. 1).
Allerdings können abdominelle Schmerzen auch in andere Körperregionen ausstrahlen, was die Diagnostik erschwert. Aufgrund der neuronalen Verschaltungen können z. B. Schmerzen der Gallenblase in die rechte Schulter, Schmerzen des Magens oder der Milz in die linke Schulter (Kehr-Zeichen) projiziert werden. Ebenso können Organschmerzen als Hautschmerzen (Head-Zonen) bestimmter Areale ( Abb. 2) imponieren.
Zeitliches Auftreten
Entscheidend ist die Differenzierung in akute, subakute oder chronische, in lang anhaltende (Stunden, Tage, Wochen) oder kurz dauernde (Sekunden, Minuten) Schmerzen sowie die Häufigkeit (konstant, intermittierend) der Symptomatik. Treten die Schmerzen plötzlich, akut-einschießend auf, sollte man an eine potenziell lebensbedrohliche Perforation von Hohlorganen denken (s. a. akutes Abdomen, S. 66). Sich langsam entwickelnde Schmerzen weisen eher auf einen zugrunde liegendenentzündlichen (z. B. Pankreatitis) oder obstruktiven (z. B. Ileus) Prozess im Bauchbereich hin. Das Auftreten eines schmerzfreien Intervalls, das z. B. bei einem Mesenterialgefäßinfarkt auftritt, ist in der Anamnese zu beachten. Nach einem anfänglich schmerzhaften Initialstadium kommt es zu einem symptomarmen Intervall (bis zu acht Std.), in dem es zu einer Darmwandnekrose kommt. Anschließend entwickelt sich ein akutes Abdomen mit gefährlichem Verlauf. Zur Unterscheidung zwischen organisch und psychisch bedingten Schmerzen kann man tageszeitliche Intensitätsschwankungen in die Überlegung mit einbeziehen. Ein nächtliches Auftreten der Schmerzsymptomatik spricht eher für eine organische als für eine psychisch-funktionelle Ursache.
Schmerzcharakter
Bauchschmerzen lassen sich anamnestisch weiter eingrenzen und in viszerale und somatische Schmerzen untergliedern. Der viszerale Schmerz entsteht aufgrund von Kapseldehnungen der Baucheingeweide (Leber, Gallenblase, Milz), hat einen dumpfen, krampf- oder kolikartigen Charakter und ist schlecht zu lokalisieren. Der somatische Schmerz ist ein vom Patienten akut, scharf und brennend empfundener Schmerz, der gut lokalisierbar ist und i. d. R. vom Peritoneum ausgeht. Er tritt besonders bei Perforationen von Hohlorganen, Blutungen im Bauchraum oder auch bei Bauchfellentzündungen (Peritonitis) auf. Tabelle 1 stellt die typischen Schmerzcharakteristika der einzelnen Organe dar.
Auslösende/verstärkende Ereignisse
Der Patient sollte nach möglichen Auslösern und Begleitsymptomen der Schmerzen gefragt werden. So helfen Angaben über die Nahrungsaufnahme (Gallenkoliken nach fettigem Essen), zum Alkoholkonsum (z. B. bei V. a. Ösophagusvarizen, Mallory-Weiss-Syndrom), zu physischer und psychischer Anstrengung, zum Stuhlgang (z. B. bei V. a. Divertikulose/Divertikulitis), Menstruationszyklus und zur Einnahme von Medikamenten (z. B. bei V. a. Gastritis durch NSAR) weiter.
Medizinische Vorgeschichte
In der Vorgeschichte sind besonders die Angaben über frühere Operationen von entscheidender Bedeutung. Abdominelle Schmerzen können die Folge eines Darmverschlusses beispielsweise durch Verwachsungen sein (Bridenileus). Aber auch schon länger bestehende chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (M. Crohn, Colitis ulcerosa) können Grund einer aktuellen Beschwerdesymptomatik sein. Bei Frauen im gebärfähigen Alter muss immer die Möglichkeit einer Schwangerschaft abgeklärt werden.

Zusammenfassung

  • Die Unterscheidung zwischen banalen und potenziell lebensbedrohlichen Bauchschmerzen ist für das therapeutische Handeln ungemein wichtig.

  • Über neuronale Verschaltungen können Organläsionen als Hautschmerzen (Head-Zonen) in bestimmten Arealen imponieren.

  • Ein schmerzfreies Intervall ist bei Vorliegen eines Mesenterialgefäßinfarkts zu beobachten.

  • Der viszerale Schmerz hat einen dumpfen, krampf- oder kolikartigen Charakter, der somatische Schmerz hat einen akuten, scharfen und brennenden Charakter.

  • Frühere Operationen sind im Hinblick auf mögliche schmerzhaft imponierende Verwachsungen im Bauchraum ein wichtiger Anamnesepunkt.

  • Bei Frauen im gebärfähigen Alter sollte bei abdominellen Beschwerden immer eine Schwangerschaft ausgeschlossen werden.

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