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B978-3-437-42107-5.50008-9

10.1016/B978-3-437-42107-5.50008-9

978-3-437-42107-5

Stammbaumskizze bei Hämophilie A. [2]

Auswahl anerkannter Berufskrankheiten in Deutschland.

Tab. 3
Berufskrankheiten Auslöser
Adenokarzinome der Nasenhaupt- und Nasennebenhöhlen Stäube von Eichen- oder Buchenholz
Exogen-allergische Alveolitis Organische Stäube
Silikose Quarzstaub
Mesotheliom des Rippenfells, des Bauchfells oder des Perikards Asbest
Lärmschwerhörigkeit Lärm
Polyneuropathie, Enzephalopathie Organische Lösungsmittel oder deren Gemische
Hautkrebs Ruß, Rohparaffin, Teer, Anthrazen, Pech
Strahlenschäden Ionisierende Strahlen
Infektionskrankheiten Vielfältige virale, bakterielle, parasitäre Krankheitserreger

Anamnese III

Allergien

Allergien und Unverträglichkeitsreaktionen stellen ein ernst zu nehmendes Problem in der täglichen Praxis dar. Da die Bandbreite von allergischen Reaktionen von einer Hautrötung bis hin zu einer anaphylaktischen Reaktion mit Herz-Kreislauf-Versagen sehr groß und zudem nicht einzuschätzen ist, sollten die Patienten immer nach allergieauslösenden Stoffen und ihrer Erfahrung mit der entsprechenden Reaktion (Hautrötung, Urtikaria, Angioödem, Schock) befragt werden. Potenzielle Auslöser sind neben Nahrungsmitteln auch Medikamente wie Antibiotika, ACE-Hemmer, Analgetika, Kontrastmittel (Jod) oder auch Pflaster (Konservierungsmittel).

Sozialanamnese

Die Sozialanamnese ermöglicht es dem Arzt, seinen Patienten näher kennenzulernen, etwas über dessen privaten und beruflichen Hintergrund zu erfahren bzw. auch potenzielle psychosoziale Faktoren als Ursache von Beschwerden zu ergründen. Hierunter fallen neben dem sozialen Umfeld auch die beruflichwirtschaftliche Situation, Lebensgewohnheiten (Genussmittelkonsum, Reiseanamnese) und das Sexualleben.

Der Einfluss psychosozialer Faktoren (z. B. seelische Störungen, soziale Konfliktsituationen) auf vom Patienten geäußerte Beschwerden ist ungemein groß und sollte, v. a. wenn die festgestellten objektiven Erscheinungen das Verhalten des Kranken nicht ausreichend erklären, unbedingt abgeklärt werden.

Soziales Umfeld
Bei Fragen nach der sozialen Integration des Patienten ist es wichtig, ob er ledig, verheiratet oder verwitwet ist oder ob er Kinder hat. Hat er Kontakt zu seiner Familie, und wie intensiv ist dieser Kontakt? Empfindet er einen sozialen und emotionalen Rückhalt über die Familie, Freunde oder Mitgliedschaft in Vereinen? Besonders bei chronischen Erkrankungen findet man bei genauer Betrachtung des sozialen Umfelds oft wichtige Einflussfaktoren. Aber auch der kulturelle und religiöse Hintergrund spielen für das Krankheitsverständnis und die Bewältigungsversuche eine wesentliche Rolle bzw. sind für die weiteren Therapieentscheidungen sehr relevant. Man denke z. B. nur an die Verweigerung von Bluttransfusionen bei den Zeugen Jehovas. Medizinische Beschwerden können außerdem durch die Wohnsituation des Patienten beeinflusst sein. So sind Personen ohne Obdach oder in unhygienischem Wohnumfeld für Infektionskrankheiten wie Tbc exponiert. Das Halten von Haustieren ist im Hinblick auf Zoonosen (Übertragung von Krankheiten von Tier Mensch) ebenfalls ein wichtiger Anamneseaspekt.
Berufsanamnese
Wichtig ist das Gespräch mit dem Patienten über seine derzeitige berufliche Tätigkeit. Hat er derzeit eine Arbeit, oder ist er arbeitslos? Ist er zufrieden mit der Arbeit, und macht sie ihm Spaß? Ist die Bezahlung bzw. der Freizeitausgleich angemessen? Gibt es belastende (Stress) oder auch motivierende (Eustress) Faktoren? Für viele Patienten hat der berufliche Werdegang für ihre Persönlichkeit einen immens hohen Stellenwert, was sich oft durch stressbezogene psychische Beschwerden ausdrückt. Aber auch im Hinblick auf evtl. Berufskrankheiten ( Tab. 3) sind die früheren Tätigkeiten mit möglicher und relevanter Exposition gegenüber physikalischen, chemischen oder infektiösen Noxen zu erfragen. Hier müssen genaue Angaben zu der potenziell schädigenden Noxe, der Expositionszeit und -dauer, Arbeitsplatzbedingungen und Voruntersuchungen gemacht und ggf. auch angefordert (z. B. bei Berufsgenossenschaften) werden.
Lebensgewohnheiten
Unter die Anamnese der Lebensgewohnheiten fallen die Angaben über Ernährung (Essgewohnheiten, Diäten, Essstörungen), körperliche Betätigung, aber auch über den Kaffee-, Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum. Besonders bei übergewichtigen Patienten ist ein genaues Erfragen bzgl. Anzahl und Zusammensetzung der einzelnen Mahlzeiten und Getränke durchzuführen. Bei körperlich aktiven Patienten sollte man sich nach der betriebenen Sportart und deren Belastungsumfang erkundigen. Da der Nikotingenuss grundsätzlich einen gesundheitsgefährdenden Risikofaktor (KHK, pAVK, Bronchial-Ca) darstellt, sollte neben dem Aktivrauchen auch das Passivrauchen (Rauchverhalten von Rauchern in der Familie) erfragt werden. Bei aktiven Rauchern sind besonders Beginn und Dauer der Exposition relevant. Die Angabe erfolgt in sog. Pack years (s. Merkekasten). Ebenfalls ein wichtiger Bestandteil jeder Anamnese ist die Frage nach der Menge, Art (Wein, Bier, harte Spirituosen) und Häufigkeit des Alkoholkonsums. Die Erfahrung zeigt, dass eine Vielzahl von Patienten hier keine genaue Auskunft geben kann. Dies mag einerseits am unregelmäßigen Alkoholkonsum liegen, andererseits kann hinter vagen Angaben seitens der Patienten auch eine Suchtproblematik stecken. Hier ist besonderes Fingerspitzengefühl gefragt. Einen potenziell suchtkranken Patienten zu einer wahrheitsgemäßen Auskunft zu bewegen, ohne dessen – fast immer vorhandenen – Schuldgefühle zu provozieren, ist sicher keine leichte Aufgabe, zumal auch viele alkoholkranke Menschen ihre Suchtproblematik oft selbst nicht erkennen. Neben dem Einschätzen der diagnostischen und therapeutischen Relevanz der exakten Angaben empfiehlt sich der sog. CAGE-Test (s. S. 157, Tab. 1) für ein erstes Screening bzgl. einer möglichen Alkoholabhängigkeit. Zudem können Angaben von privaten und beruflichen Konflikten erste Hinweise auf eine bestehende Suchtproblematik sein. Ebenfalls ein sehr heikles Thema ist die Frage nach Drogenkonsum bzw. übermäßiger Medikamenteneinnahme. Angesichts steigender Zahlen von Drogen- und Medikamentenabhängigen sollte bei geringstem Verdacht behutsam, jedoch akribisch in der Anamnese nachgeforscht werden. Auch hier ist es wichtig, wahrheitsgemäße Angaben als Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie herauszustellen und dem Patienten professionelle Hilfe anzubieten.

Das Rauchen von einer Schachtel pro Tag über 15 Jahre hinweg ergibt (1 Schachtel 15 Jahre) 15 Pack years.

Sexualanamnese
Die Erhebung der Sexualanamnese ist ein weiterer Aspekt des ärztlichen Gesprächs, der ein großes Maß an Einfühlungsvermögen und Taktgefühl erfordert. Jedoch können Informationen bzw. Beschwerden bzgl. des Sexuallebens wichtige diagnostische Hinweise geben. Beispielsweise können erektile Dysfunktionen als Nebenwirkung von -Blockern der Grund für eine Non-Compliance eines Patienten sein. Der Hinweis auf häufig wechselnde Geschlechtspartner lässt bei einer unklaren Infektion an ein mögliches Vorliegen sexuell übertragbarer Erkrankungen denken. Erfragt werden Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs und Sexualpartner, evtl. Störungen (wie z. B. Schmerzen, Libidoverlust), Verhütungsmethoden und Schutz vor infektiösen Geschlechtskrankheiten. Je offener, natürlicher und wertfreier diese Thematiken angesprochen werden, desto leichter fällt es meist dem Patienten, Hemmungen oder Schamgefühle abzulegen. Es sollte allerdings immer begründet werden, warum nach solch intimen Lebensbereichen gefragt wird. Es bietet sich an, die Sexualanamnese chronologisch der gynäkologischen bzw. urologischen Anamnese (s. S. 7, Tab. 2) anzuschließen.
Reiseanamnese
Besonders bei Erkrankungen, die mit unklarem Fieber, Übelkeit/Erbrechen, Durchfällen, Lymphknotenschwellungen einhergehen, kann die Frage nach Auslandsreisen oder -aufenthalten diagnostisch weiterhelfen. Gerade im Hinblick auf Malaria, Cholera oder Hepatitis sollte der Untersucher sich die Lebensumstände (Hygiene, Insektenprophylaxe, sexuelle Kontaktpersonen) in dem jeweiligen Land näher erläutern lassen. Zudem ist der aktuelle Impfstatus des Patienten von besonderer Bedeutung.

Familienanamnese

Besonders im Hinblick auf genetische Erkrankungen wie die Mukoviszidose oder beobachteter familiärer Häufung wie z. B. bei Diabetes mellitus, koronarer Herzkrankheit, Paraneoplasien (z. B. bei Darm- oder Brustkrebs), Atopie oder auch Depressionen ist die Anamnese der familiären Umgebung bedeutend. Die sog. positive Familienanamnese bedeutet, dass ein Krankheitsbild innerhalb einer Familie (Eltern, Großeltern, Geschwister) gehäuft auftritt, dass also eine gewisse Vorbelastung für den Patienten existiert. Gefragt wird also nach Krankheiten, Todesalter und Todesursache von Vater, Mutter und Geschwistern. Während der Befragung ist es durchaus hilfreich, sich bei auffälligen genetischen Krankheitsbildern einen Stammbaum zu skizzieren ( Abb. 1), um die erhaltenen Informationen später auf eine mögliche Vererbung abzuklären. Die Familienanamnese bietet zudem die Möglichkeit, bedeutende Einblicke in das Familiengeschehen und das Beziehungsgeflecht zu bekommen. Diese Informationen helfen gerade bei der Diagnostik psychosomatischer Erkrankungen entscheidend weiter.

Zusammenfassung

  • Der Patient sollte immer nach bekannten Unverträglichkeitsreaktionen und Allergien gefragt werden.

  • Das soziale Umfeld eines Patienten hat immense Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf.

  • Die Berufsanamnese ist für die Diagnostik von potenziellen Berufserkrankungen sehr detailliert zu erheben.

  • Der CAGE-Test dient der ersten Einschätzung einer möglichen Alkoholabhängigkeit.

  • Die Sexualanamnese erfordert ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen.

  • Die Familienanamnese hat im Hinblick auf Erbkrankheiten einen hohen Stellenwert.

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