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Arzneimitteltablett mit Dispensern für Patienten. [30]

Unterstützung beim Anziehen. [36]

Test zu den Alltagsverrichtungen von alten Menschen.

Tab. 1
Rein körperliche Alltagsverrichtungen Instrumentelle Alltagsverrichtungen
Baden Telefonieren
Ankleiden Einkaufen
Körperpflege Essen zubereiten
Sich fortbewegen Haushaltsarbeiten verrichten
Harn- und Stuhlausscheidung kontrollieren Wäsche waschen
Essen Öffentliche Verkehrsmittel benutzen
Medikamente einnehmen Mit Geld umgehen

Einteilung der Pflegebedürftigkeit.

Tab. 2
Pflegestufe Hilfebedarf
I Hilfebedürftigkeit 90 Min. bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität; mindestens 1 täglich mit mindestens zwei Verrichtungen aus einem der drei in Tab. 1 genannten Bereiche
II Hilfebedürftigkeit 180 Min. bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität; mindestens 3 täglich zu verschiedenen Tageszeiten
III Hilfebedürftigkeit 270 Min. bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität; täglich rund um die Uhr, auch regelmäßig nachts
Härtefallregelung Hilfebedürftigkeit > 420 Min. bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität; täglich rund um die Uhr, auch regelmäßig nachts; nachts mindestens 120 Min.

Geriatrische Untersuchung

Die grundsätzlichen Anamnese- und Untersuchungstechniken finden auch bei älteren Menschen Anwendung. Allerdings lassen sich in der Auseinandersetzung mit älteren Menschen oft multiple und auch chronische Krankheitsbilder eruieren, bei denen es primär gilt, den Überblick zu wahren und möglichst kausal und konsequent zu therapieren. Da viele alte Menschen sowohl körperlich als auch kognitiv eingeschränkt sind, bedarf es besonderer Zuwendung, um ihre Probleme zu verstehen und sie adäquat betreuen zu können.

Anamnese/Fremdanamnese
Bei der oft schwierigen Kommunikation sollte man geriatrischen Patienten immer ein gutes Maß an Respekt und Höflichkeit entgegenbringen und den Diagnoseprozess geduldig durchführen. Bevormundende und herablassende Bemerkungen, etwa um den Anamnese- und Untersuchungsprozess voranzutreiben, sind hier ebenso unangebracht wie ein Übergehen von für die Patienten wichtigen Aspekten ihres Befindens. So haben alte Menschen v. a. bei einer Änderung ihrer Lebensumstände (z. B. Partnerverlust, Wohnungsaufgabe und Umzug in ein Altenheim) häufig große Umstellungsschwierigkeiten. Auf die damit verbundenen sozialen und emotionalen Probleme muss mit Geduld und Empathie eingegangen werden. Der Untersucher sollte langsam, deutlich und in einer Lautstärke sprechen, in der ihn der Patient – trotz evtl. Hörminderung – gut verstehen kann. Wichtig sind eine angenehme Umgebung und das Ausschalten potenziell störender Faktoren, wie z. B. das Fernsehgerät. Bei Kommunikationsproblemen aufgrund kognitiver Einschränkungen des alten Patienten empfiehlt es sich, eine Bezugsperson wie den Ehepartner oder einen Angehörigen zu dem ärztlichen Gespräch und der klinischen Untersuchung hinzuzuziehen. Eine Fremdanamnese kann in dem diagnostischen und therapeutischen Prozedere entscheidende Hinweise liefern – allerdings sollte der ältere Patient damit einverstanden sein. Ein Bericht über das alltägliche Leben hilft oft, sich über die Vitalität und über das Ausmaß einer vorherrschenden Erkrankung einen Überblick zu verschaffen. Die standardisierte Erhebung der Alltagsverrichtungen ( Tab. 1) erlaubt eine Einschätzung der Aktivität bzw. ggf. eine Beurteilung der Pflegebedürftigkeit ( Tab. 2).
Multiple Pathologien
Vielfältige Krankheitsbilder und multiple Pathologien sind bei alten Menschen relativ häufig vorzufinden. Der Grund hierfür ist eine Addition über Jahre hinweg erworbener, chronischer Krankheiten wie z. B. Hypertonie, Diabetes mellitus oder Gefäßerkrankungen. Bei diesen teilweise kompensierten Erkrankungen bedarf es oft nur eines kleinen Anstoßes, dass alte Menschen vollständig dekompensieren und eine Kaskade an unterschiedlichsten Krankheitssymptomen ausgelöst wird. Das gründliche Aufarbeiten der gesamten Krankheitsgeschichte und ihrer Zusammenhänge ist von entscheidender Bedeutung, um therapeutisch einerseits kausal, andererseits symptomatisch agieren zu können und damit eine ausreichende Effizienz zu erreichen.
Unspezifische Symptome
Alte Menschen haben häufig eine sehr geringe Erwartungshaltung an ihre Gesundheit und erklären sich viele Beschwerden und Symptome über das Altwerden. Die Konsequenz ist, dass sich diese Störungen kumulieren und sich dann mit einer Fülle von diffusen und nicht zuzuordnenden Symptomen dem Arzt präsentieren. Ein klassischer Diagnoseweg ist somit nicht mehr durchführbar, ein Aspekt, der eine gute medizinische Arbeit erschwert. Folgende unspezifischen Symptome finden sich als Beispiele;
  • Infektionen bei alten Menschen müssen nicht immer fieberhaft verlaufen, sondern können auch mit einer Hypothermie einhergehen.

  • Alte Patienten mit Lungenentzündungen zeigen nicht immer die klassischen Symptome (Fieber, produktiver Husten).

  • Hinter jeder neurologischen und psychiatrischen Auffälligkeit von alten Menschen kann eine Schilddrüsenfehlfunktion stehen.

  • Bei alten Menschen kann eine Depression eine wichtige Ursache für eine körperliche Dekompensation sein.

Medikamente
Bei alten Menschen muss sowohl die Medikation als auch die Compliance in regelmäßigen Abständen überprüft werden. Der Arzt sollte sich vom Patienten bei einer Erstkonsultation immer die derzeit eingenommenen Medikamente inkl. Verpackungen mitbringen lassen und gemeinsam den Einnahmerhythmus besprechen. Bei Unklarheiten sollte man sich entweder den Arztbrief des letzten Krankenhausaufenthalts besorgen oder einen mitbetreuenden Kollegen konsultieren. Da ältere Patienten oft viele Medikamente verschiedener Wirkstoffklassen einnehmen, müssen Wechselwirkungen oder Kontraindikationen beachtet und die Medikation ggf. modifiziert werden.
Das oberste Gebot bei der Therapie älterer Menschen ist jedoch die Compliance der Medikamenteneinnahme. Nötigenfalls muss die richtige Medikamenteneinnahme über Bezugspersonen wie Pflegedienst oder Angehörige sichergestellt ( Abb. 1) und dies auch bei Routineuntersuchungen angesprochen werden. Nur so ist eine effiziente Behandlung möglich.
Spezielle Aspekte
Gründliche Untersuchung
Da alte Menschen häufig verschiedene und für eine Krankheit unlogische und nicht vereinbare Symptome bieten, kann eine Arbeitsgrundlage nur über eine komplette und gründliche Untersuchung aller Organsysteme geschaffen werden. Hierbei hilft es am Anfang ungemein, den kognitiv-mentalen Status zu überprüfen, um sich der Mitarbeit des Patienten zu vergewissern. Mit Fragen zu Ort, Zeit, Person und einfachen Rechenaufgaben (z. B. von 100 immer 7 abziehen) kann man sich einen ersten Überblick über die kognitiven Fähigkeiten verschaffen, bevor man mit der gründlichen Anamnese und Untersuchung weitermacht.
Bettlägerige Patienten
Ein Problem, das besonders bei bettlägerigen Patienten auftritt, ist das Ent- und Bekleiden ( Abb. 2). Hier sollte man dem Patienten und der Pflegeperson helfen und dabei verschiedene Untersuchungsschritte bereits integrieren. Der Patient wird so nicht ein weiteres Mal unnötig belastet. Ein Erfühlen der motorischen Fähigkeiten bzw. funktioneller Behinderungen kann zudem bei der Diagnosestellung weiterhelfen.

Zusammenfassung

  • Neben körperlichen Beschwerden stellen sich bei vielen alten Menschen auch kognitive Defizite ein.

  • Die Multimorbidität vieler alter Menschen verhindert den klassischen Diagnoseweg.

  • Alte Patienten fordern vom Arzt ein hohes Maß an Geduld und Empathie.

  • Oft genügen banale Erkrankungen für eine körperliche und geistige Dekompensation alter Menschen.

  • Auf die Behandlungscompliance, v. a. bei der Medikamenteneinnahme, ist besonders zu achten. Die Medikamenteneinnahme ist ggf. durch Pflegepersonen sicherzustellen.

  • Eine gründliche Untersuchung ist für eine objektive und differenzierte Befunderhebung unerlässlich.

  • Bettlägerige Patienten bedürfen besonderer Zuwendung und Behandlung.

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