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B978-3-437-42107-5.50057-0

10.1016/B978-3-437-42107-5.50057-0

978-3-437-42107-5

Mehrere Läsionen mit erhöhter Signalintensität in der T2-gewichteten MRT-Aufnahme (siehe Pfeile) bei Multipler Sklerose. [51]

Anamnestische Fragen zum Kopfschmerz.

Tab. 1
Schmerzcharakteristik Fragen
Beginn Akut/chronisch, tageszeitliche Schwankungen
Auslöser Stress, Nahrungsmittel, Alkohol, Nikotin, Wetter, Medikamente
Dauer Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, intermittierend/dauerhaft
Lokalisation Frontal/okzipital, einseitig/beidseitig, Ausstrahlung/stets gleicher Ort
Häufigkeit Immer, täglich, wöchentlich, monatlich
Begleitsymptome Vegetativ (Übelkeit, Erbrechen), motorisch, sensibel
Disposition Ähnliche Beschwerden bei Familienmitgliedern
Medikamenteneinnahme Derzeitige Einnahme, Besserung bei Vergessen der Medikation

Neurologische Leitsymptome I

Kopfschmerz

Kopfschmerzen sind mit Abstand das häufigste neurologische Beschwerdebild, mit dem sich Patienten stationär oder ambulant vorstellen. Über ein genaues und detailliertes Befragen des Patienten bzgl. bestimmter Charakteristika ( Tab. 1) können meist potenziell gefährliche Verläufe ausgeschlossen und die Ursachen erkannt werden.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen primärem und sekundärem Kopfschmerz. Während beim primären Kopfschmerz im Schmerz die eigentliche Krankheit liegt, ist der Kopfschmerz bei der sekundären Form nur das Symptom einer zugrunde liegenden Erkrankung.
Von primären Kopfschmerzen sind ca. 60 – 70 der Menschen in ihrem Leben irgendwann einmal betroffen. Die häufigste Kopfschmerzform mit einer Prävalenz von 20 – 30 ist der Spannungskopfschmerz, ein meist beidseitiger, episodischer Kopfschmerz, der den Betroffenen aber nicht in seinen täglichen Aufgaben behindert.
Vom Spannungskopfschmerz ist die Migräne abzugrenzen. Migräneanfälle, von denen meist Frauen betroffen sind, treten sehr oft einseitig auf und dauern zwischen 2 und 72 Stunden. Wichtig hierbei ist die begleitende Licht- und Lärmempfindlichkeit, oft in Kombination mit Übelkeit und Erbrechen. Migräneanfälle können mit und ohne Aura auftreten. Unter einer Aura versteht man zusätzliche Symptome wie beispielsweise Sehstörungen, Schwindel und Sensibilitätsstörungen, die sich vor dem eigentlichen Kopfschmerz bemerkbar machen.
Eine weitere primäre Form ist der Cluster-Kopfschmerz, der sich durch eine strenge Einseitigkeit im orbitalen und retroorbitalen Bereich auszeichnet. Die Schmerzattacken dauern zwischen 15 und 190 Minuten und sind begleitet von autonomen Symptomen wie Rötung der Augen und des Gesichts, Tränen- und Nasenfluss und einseitigem Horner-Syndrom.
Sekundäre Formen des Kopfschmerzes zeichnen sich durch ein akutes Einsetzen und einen Schmerzcharakter aus, den die Betroffenen so noch nie in ihrem Leben gehabt haben. Differenzialdiagnostisch kommen hier eine Subarachnoidalblutung, Meningitis, eine Riesenzellarteriitis (Arteriitis temporalis, M. Horton) oder erhöhter Hirndruck wie auch ein Pseudotumor cerebri infrage.
Zur Abklärung des sekundären Kopfschmerzes sollte unbedingt ein CT durchgeführt werden. Nach Ausschluss eines erhöhten Hirndrucks muss eine Liquor- und Laboruntersuchung erfolgen.

Schwindel

Schwindel ist eine Störung der räumlichen Orientierung des eigenen Körpers. Dieses für den Patienten oft unerträgliche Symptom kann verschiedene Ursachen haben:
Man unterscheidet bzgl. des verursachenden Organsystems einen vestibulären von einem zentralen, visuellen, orthostatischen oder psychogenen Schwindel. Für die Differenzialdiagnostik ist eine umfangreiche und detaillierte Beschreibung des Symptoms nach folgenden Kriterien maßgebend:
  • Beginn (akut, chronisch, attackenartig, andauernd)

  • Auslöser (Auftreten in Ruhe, bei Bewegung, bei Kopfdrehung, bei Lageveränderung)

  • Dauer (Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate)

  • Häufigkeit (täglich, wöchentlich, monatlich)

  • Begleitsymptome (Übelkeit/Erbrechen, Nystagmus, Fallneigung, Visusstörungen, Tinnitus, Paresen)

70 der Schwindelbeschwerden werden durch vier Ursachen ausgelöst: Der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel wird durch eine Lageänderung des Kopfes ausgelöst. Pathogenetisch wird ein Ablösen kleiner Teile aus den Makulaorganen angenommen. Hierdurch flottieren kleine Steinchen frei in der Endolymphe. Wird die Kopfbewegung beendet, bewegen sich die Steinchen weiter – dieser unphysiologische Reiz löst einen akuten Drehschwindel aus, der mit Übelkeit verbunden ist. Therapeutisch werden verschiedene Lagerungsmanöver angewandt, um die freien Steinchen aus der Endolymphe auszuspülen.
Bei der Neuritis vestibularis kommt es zu einem Dauerschwindel in Richtung der gesunden Seite mit Fallneigung zur kranken Seite. Begleitend zeigt sich ein horizontaler, zur gesunden Seite schlagender Spontannystagmus mit rotatorischer Komponente. Pathogenetisch wird eine Virusinfektion vermutet. Anfallartig auftretende Episoden eines akuten Drehschwindels mit horizontalem Spontannystagmus und Fallneigung zur kranken Seite sprechen für einen Morbus Menire. Dieser ist von Übelkeit, Erbrechen und Tinnitus begleitet. Als Ursache wird ein Hydrops der Endolymphe angenommen.
Beim phobischen Attacken-Schwankschwindel kommt es zur subjektiven Gang- und Standunsicherheit vorwiegend in Situationen, die mit großem Stress verbunden sind, z. B. auf großen Plätzen oder in engen Räumen.

Tinnitus

Als Tinnitus bezeichnet man ein – fast immer nur subjektiv empfundenes – Ohrgeräusch mit vielfältigster Ätiologie. Neben entzündlichen Erkrankungen (z. B. Otitis media, Virusinfektionen) können auch kochleäre Schädigungen (Hörsturz, Lärmschaden), Durchblutungsstörungen, Zustand nach Trauma oder übermäßiger psychischer Stress für das Entstehen dieses Ohrgeräuschs verantwortlich sein. Etwa 35–45 der Bevölkerung geben an, schon einmal mit diesen Beschwerden konfrontiert worden zu sein. Auch hier ist eine genaue Beschreibung der auslösenden Situation und evtl. Begleitsymptomatik (z. B. Pulssynchronität, Schwindel) von großer Bedeutung.

Sensibilitätsstörungen

Sensibilitätsstörungen sind subjektiv veränderte Wahrnehmungen von Sinnesreizen (Berührung, Schmerz, Temperatur, Vibration und Lage). Meist berichtet der Patient von einem Taubheitsgefühl und funktionellen Beschwerden (z. B. Stolpern) bei alltäglichen Handlungen. Für eine Ursachenabklärung dürfen in der Anamnese Fragen nach Lokalisation (Ort, symmetrisch/asymmetrisch, handschuh-/strumpfförmig, Dermatom), Beginn und Dauer (akut/subakut, chronisch, andauernd, plötzlich), Gefühl (Kribbeln, Brennen, Elektrisieren) und Begleiterscheinungen (Muskelatrophien, motorische Defizite, Blasen- und Mastdarmlähmung) nicht fehlen.
Multiple Sklerose (MS)
Die multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des ZNS mit herdförmiger Zerstörung der Myelinscheiden und sich daraus entwickelnden progredienten, multiplen, multifokalen neurologischen Ausfällen. Die Ursache ist unbekannt, vermutet werden neben einem autoimmunmodulierten Prozess auch eine genetische Disposition bzw. eine infektiöse Slow-Virus-Genese.
Klinik
Grundsätzlich können Patienten mit dieser Erkrankung alle erdenklichen neurologischen Ausfallserscheinungen entwickeln, viele Patienten klagen jedoch im Verlauf der Erkrankung über Sensibilitätsstörungen in Händen und Füßen sowie über eine Schwäche in einzelnen Gliedmaßen. Aber auch eine Sehverschlechterung mit Schleiersehen, Farbsehschwäche oder der Entwicklung von Doppelbildern aufgrund einer Augenmuskelparese wird als Frühsymptom beschrieben. Weitere für die MS typische Symptomenkomplexe sind;
  • Charcot-Trias: Die Symptome Nystagmus, Intensionstremor und skandierende Sprache sind bei ca. 15 der MS-Patienten zu finden.

  • Marburg-Trias: Diese zeichnet sich durch eine Paraspastik, das Erlöschen der Bauchhautreflexe und eine temporale Papillenabblassung bei Inspektion des Zungenkörpers aus.

  • Positives Nackenbeugezeichen nach Lhermitte: Der Patient verspürt ein elektrisierendes Gefühl in Armen, Beinen und Rumpf nach passiver Beugung des Kopfes nach vorne.

  • McArdle-Zeichen: Verstärkung des spastischen Schwächegefühle in den Beinen und eine zunehmende Gangstörung bei Nackenbeugung

  • Uhthoff-Zeichen: Verschlechterung der MS-Symptome bei körperlicher/psychischer Belastung und bei hohen Temperaturen; Besserung der Symptome bei Kälte

Die Diagnosestellung erfolgt über die klinisch-neurologischen Ausfälle in Kombination mit einer Liquoruntersuchung und bildgebenden Verfahren (CCT, MRT) ( Abb. 1). Eine kausale Therapie ist derzeit noch nicht bekannt. Neben einer intensiven Bewegungsund Koordinationstherapie werden medikamentös Glukokortikoide und immunmodulatorische Substanzen (Interferone, Kopolymere) eingesetzt.

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