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B978-3-437-42107-5.50081-8

10.1016/B978-3-437-42107-5.50081-8

978-3-437-42107-5

Aspekte eines psychiatrischen Beratungsgesprächs. [48]

CAGE-Test bei Verdacht auf Alkoholismus.

Tab. 1
Abk. Bedeutung (engl.) Mögliche Frage
C Cut down Haben Sie schon einmal versucht, Ihren Alkoholkonsum zu reduzieren?
A Annoyed Haben Sie sich schon mal geärgert, weil Ihr Trinken kritisiert wird?
G Guilty Haben Sie schon einmal Schuldgefühle wegen Ihres Trinkens gehabt?
E Eye opener Benötigen Sie manchmal Alkohol, um morgens in Gang zu kommen?
Ein Verdacht auf eine Alkoholabhängigkeit besteht, wenn mindestens zwei der gestellten Fragen mit Ja beantwortet werden.

Psychiatrische Untersuchung I

Die psychiatrische Befunderhebung orientiert sich im Gegensatz zu der systemisch-formalen Vorgehensweise der klinischen Anamnese und Untersuchung an einer direkten interpersonellen Aktion zwischen Patient und Therapeut. Die diagnostische Symptomerhebung resultiert hier meist aus einem in freier Rede geführten Gespräch und einer genauen Beobachtung von Verhaltens-, Denkweisen und Affekt des Patienten. Das vorrangige Ziel des Therapeuten ist ein Vertrauensaufbau seitens des Patienten, was vom Arzt neben Flexibilität und geduldigem Zuhören auch immer einen Gesamtüberblick über die Beratungssituation verlangt. Abbildung 1 zeigt einige wichtige Aspekte, die der Arzt in einem psychiatrischen Beratungsgespräch beachten und einschätzen muss. Die folgenden, ausführlicher beschriebenen Anamneseteile dienen dem Therapeuten als Strukturierungshilfe.

Anamnese
Aktuelles Beschwerdebild
Zu Beginn des Gesprächs erfolgt auf eine offen gestellte Frage (z. B. Wie geht es Ihnen?, Mit welchem Problem kommen Sie zu mir?) eine Schilderung der aktuellen Beschwerden mit subjektiver Beschreibung der Symptome. Hier ist eine Dokumentation von Beginn und zeitlichem Verlauf sowie der vom Patienten definierbaren Auslöser der Symptome wichtig. Gerade die erste Schilderung des Patienten über seinen Zustand ist meist von wegweisender Bedeutung für die Diagnose. Deshalb sollte der Patient bei seinem Bericht nicht unterbrochen oder gestört werden. Für ein späteres Rekapitulieren ist ein Notieren des exakten Wortlauts des Patienten meist hilfreich.
Medizinische/psychiatrische Vorgeschichte
Aus psychiatrischer Sicht versteht sich die Frage nach der Neuartigkeit oder einem Bekanntsein der Symptome von selbst. Bisherige Interventionen sollten vom Patienten genau beschrieben und auch beurteilt werden. Hierzu zählt auch die Frage nach suizidalen Absichten in der Vergangenheit. Ein Abklären dieses Sachverhalts ist besonders für die Einschätzung des aktuellen Befindens des Patienten von Bedeutung. Aber auch ein Überblick über medizinische Vorerkrankungen, stattgehabte Traumen, Behinderungen oder Operationen ist obligatorischer Bestandteil der Anamnese. Die aktuelle Einnahme von Medikamenten, Alkohol- und Nikotinkonsum, evtl. Abusus von Alkohol und Drogen und Entzugsversuche werden ebenso erfragt und dokumentiert.
Familienanamnese
Wie ist Ihr Verhältnis zu Vater, Mutter oder Geschwistern? ist eine probate Einstiegsfrage in die Familienanamnese. Eine konfliktbehaftete Familienkonstellation ist ein häufiger Grund für psychiatrische Erkrankungen und sollte behutsam über eine Beschreibung der Familiensituation herausgearbeitet werden. Hier ist es oft hilfreich, sich einen kleinen Stammbaum über zwei bis drei Generationen mit Alter, Familienstand und Beruf der Familienmitglieder zu skizzieren, um auch bei Folgegesprächen einen Überblick über die Familienverhältnisse zu haben. Des Weiteren müssen psychiatrische Auffälligkeiten in der Familie (psychiatrische Störungen, Suizidversuche, Suizide, Suchterkrankungen, Missbrauch) und Erbkrankheiten erfragt werden.
Biografische Anamnese
Um sich ein möglichst umfassendes Bild vom Patienten zu machen, sollte man v. a. bei einer Erstanamnese eine Beschreibung der subjektiv wichtigsten Ereignisse in der Lebensgeschichte des Patienten erfragen. Der Patient erzählt zunächst von seiner Kindheit (Gab es in Ihrer Kindheit Probleme?, Waren Sie ein geplantes/ungeplantes Kind?) und Schulzeit. Er soll von für ihn belastenden Ereignissen (Verlust einer Person, Scheidung, Streit/Konflikte) berichten. Die schulische Entwicklung und die Wahl der Ausbildung sind weitere Meilensteine der persönlichen Entwicklung. Während dieser oft ausführlichen Schilderungen kann man sich als Therapeut ein Bild von der Persönlichkeit (extrovertiert/introvertiert), von Affekt und Stimmungszustand (fröhlich, aufgeschlossen, betrübt, resignativ) des Patienten machen.
Beruflich-soziale Anamnese
Anschließend kann der Patient über seine derzeitige berufliche und soziale Situation berichten. Folgende Fragen sollten hier Bestandteil sein; Ist der Patient zufrieden/unzufrieden mit seiner beruflichen Entwicklung? Wünscht er sich mehr Freizeit, mehr Arbeit? Hat der Patient eine eigene Familie mit Kindern, lebt er in einer Beziehung oder ist er Single? Hat der Patient Hobbys, denen er nachgeht? Ist er in Vereinen aktiv? Wie sind seine Wohnverhältnisse, wie sind die wirtschaftlichen Verhältnisse?
Sexualanamnese
Ein oft für den Patienten delikates Thema ist das Gespräch über seine Auffassung und Einstellung zur Sexualität. Da allerdings auch hier oft Konflikte verborgen sind, muss über die Sexualität des Patienten offen gesprochen werden. Welche sexuelle Entwicklung hat der Patient durchgemacht? Wie sind seine sexuellen Neigungen? Ist er mit seinem Sexualleben zufrieden? Ist der Partner damit zufrieden oder gibt es Konflikte?
Abhängigkeitsanamnese
Bei einem Verdacht auf eine Abhängigkeits- oder Suchterkrankung sollte nochmals intensiv auf diese Problematik eingegangen werden. Es kann vorkommen, dass der Patient hier zunächst eine Abwehrhaltung einnimmt, was durchaus einen Vertrauensverlust nach sich ziehen kann. Allerdings ist es gerade eben dann die Abhängigkeit oder Sucht, die der Grund für eine psychiatrische Beratung ist. Bei der Diagnose einer Alkoholkrankheit eignet sich beispielsweise der CAGE-Test ( Tab. 1), der ein Gefährdungspotenzial für Abhängigkeit des Patienten aufzeigt.
Fremdanamnese
Schließlich hat die Befragung von Angehörigen wie Ehepartner, Eltern, Kindern oder Betreuungspersonen einen hohen Stellenwert in der Beurteilung der Patienten, da man die Konflikte und Probleme des Patienten aus einem anderem Blickwinkel mitbekommt. Außerdem ist die Beteiligung des Umfelds des Patienten ein therapeutisch wichtiger, integrativer Schritt. Hier besteht die Möglichkeit, durch Aufklärung eine psychiatrische Erkrankung multimodal und somit effektiverzu behandeln. Allerdings müssen Datenschutz und das Arztgeheimnis beachtet und eingehalten werden.
Suizidalität
Eine potenzielle Suizidalität des Patienten muss in jedem Fall abgeklärt werden, da sich das weitere Vorgehen entscheidend danach richtet. Es hat sich bewährt, den Patienten mit einer direkten Frage nach Selbstmordgedanken, -absichten oder bereits unternommenen Versuchen zu fragen. Gewinnt der Therapeut den Eindruck einer suizidalen Absicht des Patienten, so muss er unverzüglich protektiv handeln und den Patienten ggf. stationär und unter Zwang einweisen.

Warnsymptome eines präsuizidalen Syndroms

  • Sozialer Rückzug

  • Schuldgefühl

  • Aggressionsverhalten gegen sich selbst (z. B. durch selbstverletzende Handlungen)

  • Suizidfantasien

  • Einengung der Gedanken auf den bevorstehenden Suizid

  • Suizidankündigung (letzter Hilfeschrei)

Zusammenfassung

  • Die psychiatrische Anamnese ist in der Befunderhebung nicht so systematisiert wie die organisch-klinische Anamnese.

  • Freie Rede des Patienten und empathisches Zuhören sind wichtige Bestandteile einer psychiatrischen Beratung.

  • Die aktuelle Beschwerdeanamnese beinhaltet Beginn, Auslöser und Verlauf der psychischen Symptome.

  • Die psychiatrische und medizinische Vorgeschichte sind v. a. bei Erstkonsultation wichtig.

  • Die Familienanamnese ergibt oft innerfamiliäre Konfliktsituationen.

  • Die berufliche, soziale und sexuelle Situation beeinflussen meist die aktuelle Stimmung des Patienten.

  • Die Fremdanamnese ist für den Gesamteindruck des Arztes von entscheidender Bedeutung.

  • Suizidale Absichten des Patienten müssen zu jedem Zeitpunkt ernst genommen werden.

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