© 2020 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-42676-6.50020-6

10.1016/B978-3-437-42676-6.50020-6

978-3-437-42676-6

Vulnerable Zeiten in der Entwicklung der Organe und Organsysteme (rot: hochvulnerabel, gelb: weniger vulnerabel) und die Folgen für den Keim.

Tab. 1

Allgemeine Teratologie

Die Teratologie ist die Lehre von den Ursachen und Ausprägungen von angeborenen Fehlbildungen. Der Begriff kommt aus dem Griechischen: Griech. Teras (Gen. teratos) bedeutet Ungeheuer, Missgeburt, ursprünglich aber auch Wunderzeichen, Zeichen der Götter. Allein das Bedeutungsspektrum dieses Begriffes lässt erahnen, wie viele verschiedene Auffassungen es über die angeborenen Abweichungen vom Normalen gibt.

Terminologie

Innerhalb der komplexen Vorgänge, die aus einer befruchteten Eizelle einen vollständigen menschlichen Organismus machen, gibt es zahllose Möglichkeiten der Störung, die zu mehr oder weniger schwerwiegenden Fehlbildungen führen. Einige grundsätzliche Muster tauchen dabei immer wieder auf und erlauben eine allgemeine Klassifikation. Ein Gewebe oder ein Organ kann entweder gar nicht, zu häufig oder fehlerhaft ausgebildet sein. Es kann Abweichungen in der Größe aufweisen oder sich am falschen Ort befinden. Man spricht von kleinen Fehlbildungen, wenn nur minimale Veränderungen der äußeren Gestalt auftreten, ohne dass die Funktion beeinträchtigt wäre. Diese können aber manchmal Teil eines Syndroms sein und Hinweise auf innere Fehlbildungen geben. Einige wichtige Begriffe der Teratologie werden im Folgenden erläutert:
  • Agenesie: Das Organ wird nicht angelegt.

  • Aplasie: Das Organ oder Gewebe wird zwar angelegt, differenziert sich aber nicht wie üblich und bleibt funktionslos oder wird zurückgebildet.

  • Hypoplasie: Das Organ ist zu klein und fast immer in seiner Funktion eingeschränkt.

  • Hyperplasie: Das Organ ist zu groß und meistens nicht voll funktionstüchtig.

  • Dysplasie: Die Gewebeausbildung ist gestört.

  • Dystopie: Das Organ befindet sich am falschen Ort.

  • Heterotopie: Differenziertes Gewebe befindet sich außerhalb seines typischen Organzusammenhangs an irgendeiner oder mehreren Stellen im Körper.

  • Dysraphie: Verschlussstörungen embryonaler Organanlagen

  • Stenose: Engstelle in einem Hohlorgan

  • Atresie: Verschluss eines Hohlorgans, z.B. durch Ausbleiben der Kanalisierung

  • Persistenz: Ein Organ, das normalerweise nur temporär in der Embryonalentwicklung vorhanden ist, besteht fort.

Die meisten Fehlbildungen treten nicht isoliert in nur einem Gewebe oder Organ auf, sondern betreffen regionale oder funktionelle Organgruppen.
  • Felddefekt: Folgefehler in der Entwicklung der räumlichen Umgebung eines fehlgebildeten Organs

  • Sequenz: Folge mehrerer Anomalien, die auf die Entwicklungsstörung eines Organs zurückzuführen sind, ohne dass eine Verbindung durch räumliche Nähe oder Zugehörigkeit zum selben Organsystem gegeben sein muss

  • Syndrom: Fehlbildungen in verschiedenen Feldern und Organsystemen, denen gemeinsam ein Faktor ursächlich ist

  • Assoziation: statistisch häufig gemeinsames Auftreten mehrerer Fehlbildungen, ohne dass ein Felddefekt, eine Sequenz oder ein Syndrom vorliegt.

Zeitliche Einordnung der Störungen

Bedeutsam für das Ausmaß der Folgen einer vorgeburtlichen Schädigung ist der Zeitpunkt, zu dem diese eintritt. Dabei lassen sich vier Phasen unterscheiden.
Gametopathie
Schädigungen der mütterlichen oder väterlichen Keimzelle haben meist die Gestalt struktureller oder numerischer Chromosomendefekte (s.u.). Sie führen in der Mehrzahl der Fälle zum frühen Absterben der Keimanlage.
Blastopathie
Störungen zwischen der Befruchtung der Eizelle und der Einnistung der in den Trophoblasten und Embryoblasten gegliederten Blastozyste führen nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip entweder zum Absterben der Frucht oder bleiben für die weitere Entwicklung folgenlos. Eine Besonderheit dieser Phase ist die mögliche Bildung von Doppelfehlbildungen und eineiigen Zwillingen.
Embryopathie
Während der Embryonalperiode im Zeitraum zwischen 2.–8. Schwangerschaftswoche findet die Bildung der Organe (Organogenese) statt. Jedes von ihnen weist eine individuelle Phase erhöhter Mitoseraten auf, in der es besonders störanfällig ist ( Tab. 1). So führt der Einfluss von Teratogenen in dieser Zeit zu schweren Fehlbildungen des gesamten Embryos, einzelner Organe oder der Plazenta.
Fetopathie
Die Fetalzeit ist gekennzeichnet vom Wachstum und der Differenzierung der einzelnen Organe. Hier bedingen die eintretenden Störungen in erster Linie funktionelle Einschränkungen.

Häufigkeit und Ursachen von Fehlbildungen

Etwa 2 aller Kinder kommen mit klinisch relevanten Fehlbildungen zur Welt. In Deutschland ist die Rate etwas höher, weil aufgrund der guten medizinischen Versor gung während der Schwangerschaft mehr Kinder mit Fehlbildungen zur Welt kommen, die sonst pränatal verstorben wären. Besonders häufig sind Herzfehler, Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, Klumpfüße und Fehlbildungen des ZNS.
Stoffe, die die normale Embryonalentwicklung stören können, werden als Teratogene bezeichnet. Oftmals sind aber auch genetische Faktoren ursächlich für angeborene Fehlbildungen.
Umweltfaktoren
Zu den umweltbedingten, äußeren Einflüssen, die eine Fruchtschädigung bewirken können, zählen folgende Faktoren:
  • chemische Teratogene, z.B. Medikamente, Drogen, Alkohol und Nikotin

  • biologische Teratogene, z.B. Viren, Bakterien und Protozoen

  • physikalische Einflüsse, z.B. ionisierende Strahlung, Lärm, dauerhafte Vibration

  • körperliche Erkrankungen, psychische Störungen und Stress der Schwangeren.

Eine Auflistung der wichtigsten teratogenen Substanzen findet sich im Anhang des Buchs.
Genetische Faktoren
Abweichungen der Chromosomenzahl, sogenannte Chromosomenaberrationen, entstehen durch eine Nondisjunction der Chromosomen oder Chromatiden während der Meiose der mütterlichen oder väterlichen Keimzellen: Die Chromosomen werden bei der Teilung ungleichmäßig verteilt, in der entstehenden Zygote sind mehr oder weniger als die üblichen 46 vorhanden. Meist stirbt der Keim noch vor der Implantation ab, oftmals bleibt die Schwangerschaft für die Frau unbemerkt. Nur bei einigen wenigen Konstellationen sind ein Austragen der Frucht und ein extrauterines Leben möglich. Dazu zählen die Trisomie 21 (Down-Syndrom), die Trisomie 13 (Pätau-Syndrom) und die Trisomie 18 (Edwards-Syndrom). Während die letzten beiden mit schweren neurologischen und kardialen Fehlbildungen einhergehen und die betroffenen Kinder oft vor dem Erreichen des ersten Lebensjahres sterben, hat die Trisomie 21 mittlerweile eine recht gute Prognose. Auffällige äußere Merkmale dieser Kinder sind eine flache Nasenwurzel, schräge Lidachsenstellung, Makroglossie und die Vierfingerfurche. Hinzu kommen geistige Retardierung und Herzfehler.
Weniger gravierend sind die gonosomalen Chromosomenaberrationen. Beim Turner-Syndrom ist lediglich ein Geschlechtschromosom (X0) vorhanden. Die phänotypisch weiblichen Individuen sind infertil und fallen auf durch einen gedrungenen Körperbau mit breitem Nacken. Charakteristisch für Männer mit Klinefelter-Syndrom (XXY) sind das starke Wachstum während der Pubertät und die Zeugungsunfähigkeit durch Aspermie. Ein vorhandenes zweites Y-Chromosom wird älteren Studien zufolge mit einem auffällig erhöhten Maß an Dissozialität assoziiert.
Auch strukturelle Veränderungen in einzelnen Chromosomen, wie Translokation (Verschiebung), Deletion (Verlust), Duplikation (Verdoppelung) oder Inversion (Umkehrung) kurzer Abschnitte bedingen mehr oder weniger schwere Fehlbildungen. Beim Cri-du-chat-Syndrom fehlt ein Teil des kurzen Armes von Chromosom 5. Charakteristisch ist das katzenähnliche Schreien der geistig retardierten Kinder, die häufig Herzfehler aufweisen.
Welche Bedeutung die Herkunft eines Gens – entweder vom Vater oder von der Mutter – haben kann, wird deutlich an den unterschiedlichen Folgen eines Defekts am Chromosom 15: Das Prader-Willi-Syndrom ist gekennzeichnet durch Kleinwuchs, Hypogonadismus, Adipositas und Demenz und wird väterlich vererbt. Beim Angelman-Syndrom stehen sprachliche Verhaltens- und Entwicklungsstörungen, Gangunsicherheit und Fehlbildungen des Schädels im Vordergrund. Hier ist das mütterliche Chromosom 15 betroffen.
Einzelne Genmutationen werden gemäß der Mendelschen Gesetze von den Eltern an die Kinder vererbt. Krankheiten wie die Osteogenesis imperfecta, das Marfan-Syndrom oder das Willebrand-Jürgens-Syndrom folgen dabei einem autosomal-dominanten Erbgang. Die zystische Fibrose, die Phenylketonurie oder der Morbus Wilson werden autosomal-rezessiv weitergegeben. Von X-chromosomal gebundenen Erbleiden sind männliche Nachkommen meist stärker betroffen, während Frauen als phänotypisch gesunde Konduktorinnen fungieren. X-chromosomal rezessiv werden beispielsweise die Hämophilie A und B vererbt.

Fehlgeburt

Als Fehlgeburt (Abort) gilt ein Kind, das vor der 24. SSW tot oder nicht lebensfähig zur Welt kommt und weniger als 500 g wiegt. Ein Frühabort findet vor der 16. SSW statt. Bis zu 70 aller Schwangerschaften gehen auf diese Weise verloren, oftmals, bevor die Frau überhaupt etwas davon bemerkt. Neben den oben genannten Ursachen (genetische Defekte, teratogene Umwelteinflüsse) spielen auch Fehlbildungen des Uterus oder der Plazenta, Erkrankungen der Mutter oder immunologische Abwehrprozesse gegen das Kind eine Rolle. Ein habitueller Abort liegt vor, wenn eine Frau drei Fehlgeburten hintereinander erleidet.

Zusammenfassung

  • Teratologie ist die Lehre von Ursachen und Formen angeborener Fehlbildungen.

  • Teratogene sind Noxen, die pränatal zur Entstehung von Fehlbildungen führen können.

  • Fehlbildungen betreffen zumeist nicht nur ein Gewebe oder Organ, sondern ein Organsystem, eine Körperregion oder Anteile mehrerer Körperfelder.

  • Hinsichtlich der zeitlichen Entstehung von Fehlbildungen unterscheidet man vier Phasen: Gametogenese, Blastogenese, Embryogenese und Fetogenese. Jedes Organ hat einen Zeitraum höchster Vulnerabilität, in der der Kontakt mit entsprechenden Teratogenen besonders leicht zu Fehlbildungen führt.

  • Bei den Ursachen von Fehlbildungen lassen sich grundsätzlich Umwelt- und genetische Faktoren unterscheiden.

  • Die Umweltfaktoren lassen sich unterteilen in chemische, physikalische und biologische Teratogene.

  • In der überwiegenden Zahl der Fälle führen Veränderungen in der Zahl oder der Struktur von Chromosomen zum frühen Absterben der Frucht und zur Fehlgeburt.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen