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B978-3-437-42676-6.50041-3

10.1016/B978-3-437-42676-6.50041-3

978-3-437-42676-6

Typische faziale Veränderungen bei einem Kind mit fetalem Alkoholsyndrom. [1]

Fälle 2: Risikoschwangerschaften

Szenario 1 Szenario 2 Szenario 3
  • Eine 39-jährige erstmals schwangere Frau zeigt sich sehr besorgt, als sie in ihrem Mutterpass das Wort Risikoschwangerschaft entdeckt und bittet Sie als ihren Frauenarzt um Aufklärung.

  • Frage 1: Was bedeutet der Begriff Risikoschwangerschaft?

  • Frage 2: In welcher Hinsicht stellt ein höheres Alter der werdenden Mutter ein Risiko für die Schwangerschaft dar?

  • Frage 3: Welche Besonderheiten gibt es bei der Betreuung einer Risikoschwangerschaft?

  • Antwort 1: Bei Vorliegen bestimmter Risikofaktoren, die während der Schwangerschaft mit einer erhöhten Rate von Komplikationen bei Mutter und/oder Kind einhergehen, spricht man von einer Risikoschwangerschaft. Mittlerweile liegt bei fast jeder zweiten Schwangerschaft ein derartiger Risikofaktor vor, freilich ohne dass es jedes Mal zu Komplikationen kommt. Besonders bei älteren oder sehr jungen Schwangeren, bei chronischen Erkrankungen der Mutter, bei Mehrlingsschwangerschaften, bei Blutgruppenunverträglichkeiten, bei Komplikationen, Fehlgeburten oder Schnittentbindungen in der Vorgeschichte der Mutter oder bei Fehllagen des Kindes, ist eine intensivierte frauenärztliche und geburtshilfliche Betreuung in der Schwangerschaft zu empfehlen.

  • Antwort 2: Anders als beim Mann, bei dem durch Teilung der Spermatogonien immer neue Keimzellen entstehen, sind die Eizellen der Frau mit der Geburt bereits angelegt und also so alt wie sie selbst. Alterungsprozesse und Umwelteinflüsse bedingen einen sukzessiven Anstieg genetischer bzw. chromosomaler Veränderungen in den Eizellen. In Deutschland gilt ein Schwangerschaft u. a. als Risikoschwangerschaft, wenn die Frau 35 Jahre oder älter ist. Diese Festlegung ist einigermaßen willkürlich und unterscheidet sich auch innerhalb Europas von Land zu Land. Ab einem Alter von 35 werden Untersuchungen auf Chromosomenanomalien beim Kind von den Krankenkassen bezahlt.

  • Antwort 3: Zusätzlich zu den üblichen Vorsorgeuntersuchungen können beim Vorliegen eine Risikoschwangerschaft engmaschige Kontrollen beim Frauenarzt und Spezialuntersuchungen wie ein erweiterter Ultraschall, Hormonanalysen, Amniozentese (Fruchtwasserpunktion) oder Chorionzottenbiopsie angeboten werden. Auch die Einweisung in ein geburtshilfliches Zentrum mit intensivmedizinischen Behandlungsoptionen ist ggf. möglich.

  • Eine 22-jährige Frau stellt sich in Ihrer Praxis vor, nachdem sie in zwei nacheinander durchgeführten Schwangerschaftstests aus der Drogerie ein positives Ergebnis erhalten hat. Sie erheben eine ausführliche Anamnese und befragen sie schließlich auch zum Konsum von Drogen, Alkohol und Zigaretten. Die Frau berichtet, dass sie noch nie etwas mit Drogen zu tun gehabt habe und nur sehr selten einmal Bier oder Wein trinke. Allerdings rauche sie täglich bis zu 15 Zigaretten.

  • Frage 4: Sie empfehlen der jungen Frau dringend, sofort mit dem Rauchen aufzuhören. In welcher Weise schadet das Rauchen in der Schwangerschaft dem Kind?

  • Frage 5: Die Frau möchte wissen, ob sie auch komplett auf Alkohol verzichten muss. Was raten Sie ihr?

  • Antwort 4: Rauchen bewirkt eine Verengung der Blutgefäße und damit eine Minderversorgung mit Sauerstoff sowohl der Plazenta als auch des Kindes. Damit einher gehen die Gefahr der vorzeitigen Plazentalösung sowie ein vermindertes Geburtsgewicht, oft auch ein geringeres Gehirnvolumen. Postnatal ist das Risiko des plötzlichen Kindstodes signifikant erhöht, wenn die Mutter während der Schwangerschaft oder nach der Geburt in Anwesenheit des Kindes raucht. Zudem treten Entwicklungsverzögerungen, Hyperaktivität und Lernstörungen bei den betroffenen Kindern auf. Einige Studien stellen sogar Zusammenhänge zwischen Stoffwechselstörungen im Erwachsenenalter wie Übergewicht und Diabetes mellitus mit der pränatalen Konfrontation mit Nikotin her. Gerüchte hingegen, dass ein sofortiger Rauchstopp in der Schwangerschaft zu Entzugserscheinungen beim Kind führen könnte, gelten als widerlegt.

  • Antwort 5: Regelmäßiger Alkoholkonsum in der Schwangerschaft verursacht eine schwere Schädigung des Kindes (fetales Alkoholsyndrom) ( Abb. 1). Kennzeichen sind v. a. neurologische Schädigungen, wie eine Mikroenzephalie (verkleinertes Gehirn) und Wachstumsstörungen mit einer Mikrozephalie (verkleinerter Schädel), einer Muskelhypotrophie, einem verringerten Geburtsgewicht und auffälligen Gesichtszügen. Postnatal fallen zudem kognitive sowie Wahrnehmungs- und Sprachstörungen des Kindes auf.

  • Bisher konnte kein proportionaler Zusammenhang zwischen der Menge des in der Schwangerschaft aufgenommenen Alkohols und der Schwere der Schädigung beim Kind festgestellt werden. Als sicher gilt jedoch, dass ein regelmäßiger oder exzessiver Konsum schwerer wiegt als der gelegentliche Konsum kleiner Mengen Alkohol. Dennoch sollte in der Schwangerschaft möglichst darauf verzichtet werden.

  • In Ihrer gynäkologischen Praxis stellt sich eine 32-jährige Frau in der siebten Woche ihrer zweiten Schwangerschaft vor. Sie berichtet, dass sie während und nach der Geburt ihres ersten Kinds je eine Spritze bekommen habe und ihr der damals behandelnde Arzt riet, sich im Falle einer zweiten Schwangerschaft in engmaschige frauenärztliche Überwachung zu begeben, weil etwas mit dem Blut nicht in Ordnung sei.

  • Frage 6: An welchen Risikofaktor denken Sie bei dieser Schilderung?

  • Frage 7: Was raten Sie der Schwangeren, jetzt und während der Geburt des zweiten Kindes zu beachten?

  • Antwort 6: Beim Stichwort Blut denken Sie an eine Blutgruppenunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind. Die bekannteste Form ist die Rhesusfaktorunverträglichkeit, die auftreten kann, wenn eine Rhesusfaktor-negative (Rh–) Frau und ein Rhesusfaktor-positiver (Rh) Mann ein ebenfalls Rhesusfaktor-positives Kind bekommen. Im Zusammenhang mit der Geburt kann es zum Übertritt kindlichen Blutes in den mütterlichen Organismus kommen. Dieser bildet Antikörper gegen die fremden Oberflächenmerkmale der roten Blutkörperchen aus. Im Falle einer neuerlichen Schwangerschaft mit einem wiederum Rh-positiven Kind gelangen die mütterlichen Antikörper über die Plazenta in das kindliche Blut und zerstören dort die Zellen. Als Kompensationsversuch produziert die fetale Leber

  • mehr Blut, was zu einer Hypertrophie und Funktionseinschränkung des Organs führt. In der Folge kommt es zum Hydrops fetalis, einer vermehrten Wassereinlagerung im kindlichen Bindegewebe.

  • Nach der Geburt und ohne die Unterstützung der Plazenta ist die kindliche Leber oft nicht in der Lage, die große Menge zerstörter Blutzellen abzubauen. Es kommt zum vermehrten Anfall von Bilirubin mit einer Gelbfärbung der Haut und der Skleren (Ikterus) und Einlagerungen im Gehirn, die zu schweren neurologischen Schädigungen führen können. Häufig sind eine intensivmedizinische Betreuung des Neugeborenen und eine Lichttherapie zum Abbau des Bilirubins, in schweren Fällen auch eine Bluttransfusion erforderlich.

  • Antwort 7: Um die Bildung mütterlicher Antikörper mit den oben geschilderten schweren Folgen für das zweite Kind zu verhindern, erhält die Frau im dritten Trimenon der ersten Schwangerschaft sowie unmittelbar nach der Geburt des ersten Kindes Antikörper, die – ähnlich wie bei einer passiven Impfung – die kindlichen Blutzellen abfangen, ehe der mütterliche Organismus dazu kommt, selbst Antikörper zu bilden. Dieser Vorgang muss bei jeder weiteren Schwangerschaft wiederholt werden.

  • Hat die Mutter bereits eigene Antikörper gebildet, ist eine engmaschige Kontrolle während der Schwangerschaft mit häufigen Ultraschalluntersuchungen zur Feststellung des Hydrops fetalis und Fruchtwasseruntersuchungen zur Abschätzung der Blutzellzerstörung und Anämie beim Kind erforderlich. Notfalls kann eine Bluttransfusion über die Nabelschnur erfolgen. Die Entbindung kann so meist bis zur 32.– 34. SSW hinausgezögert werden.

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