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B978-3-437-42676-6.50029-2

10.1016/B978-3-437-42676-6.50029-2

978-3-437-42676-6

Entwicklung der Schlundbögen und Schlundtaschen. [8]

Gesichtsentwicklung, Frontalansicht. [5]

Die Kiemenbögen und ihre Derivate.

Tab. 1
Schlundbogen Knorpel Muskel Nerv
Erster Schlundbogen (Mandibularbogen)
  • Meckel-Knorpel:

  • Incus, Malleus, Lig. mallei anterior, Lig. sphenomandi-bulare, Teile der Mandibula; aus dem dorsal ausgerichteten Oberkieferfortsatz entstehen Maxilla, Os zygo-maticum und Pars squamosa ossis temporalis

M. masseter, M. temporalis, M. tensor tympani, M. tensor veli palatini, M. mylohyoideus, M. digastricus, venter anterior N. mandibularis und N. maxillaris (N. V3)
Zweiter Schlundbogen (Hyoidbogen) Reichert-Knorpel: Stapes, Proc. styloideus, Lig. styloi-deum, Cornu minus und oberer Teil des Os hyoideum Mimische Muskulatur, M. buccinator, Platysma, M. stape-dius, M. stylohyoideus, M. digastricus, venter posterior N. facialis (N. VII)
Dritter Schlundbogen Cornu majus und unterer Teil des Os hyoideum, oberer Anteil der Epiglottis Oberer Anteil des M. constrictor pharyngis, M. stylopha-ryngeus N. glossopharyngeus (N. IX)
Vierter Schlundbogen Obere Anteile des Schildknorpels M. cricothyroideus, M. levator veli palatini, unterer Anteil des M. constrictor pharyngis N. laryngeus superior (Ast des N. vagus (N.X))
Fünfter Schlundbogen Rückbildung ohne Verbleib muskulärer oder knorpeliger Derivate
Sechster Schlundbogen Untere Anteile des Schildknorpels, Ringknorpel, Stellknorpel Innere Kehlkopfmuskeln N. laryngeus inferior, N. recur-rens (Äste des N. vagus (N. X))

Kopf und Hals I

Als zentrale Strukturen der Gesichts- und Halsentwicklung erinnern die Schlundbögen an das phylogenetische Erbe des Menschen: Für einen kurzen Zeitraum deuten sich Formationen an, die den Kiemen des Fisches (Branchia) ähneln. Bei den meisten Säugetieren bilden sich aus den Schlundbögen, -taschen und -furchen wesentliche Organe der Kopf- und Halsregion.

Schlundbögen, -taschen und -furchen

Am Anfang der vierten Entwicklungswoche entsteht unter dem Einfluss einwandernder Neuralleistenzellen seitlich der Rachenmembran als breiter bogenförmiger Wulst das erste Schlundbogenpaar. Kurz darauf bildet sich kaudal davon ein zweites. Bis zum Ende des ersten Monats sind es sechs paarige Schlund-, Kiemen- oder Branchialbögen, die sich zwischen der Mundbucht (Stomatodeum) und der durch die Herzanlage gebildeten Vorwölbung ausdehnen ( Abb. 1). Gegeneinander abgeteilt sind zumindest die oberen vier durch die äußerlich sichtbaren Schlundfurchen, denen im Inneren des Kopfdarms die Schlundtaschen gegenüberliegen. Fünftes und sechstes Schlundbogenpaar werden nur rudimentär angelegt.
Die beiden durch die Schlundtasche und -furche gebildeten Buchten sind bald nur noch durch eine dünne Lage aus Entoderm- und Ektodermzellen voneinander getrennt. Bei den Fischen reißt diese Membran, sodass Wasser zur Sauerstoffgewinnung einströmen kann.
Jeder Kiemenbogen enthält einen mesenchymalen Kern, aus dem sich Knorpel und Muskeln bilden. Zudem lässt sich jeweils ein Gefäß (Schlundbogenarterie, s. S. 40/41) und ein Nerv zuordnen. Tabelle 1 zeigt, wie sich die einzelnen Elemente eines jeden Kiemenbogens entwickeln.
  • Der erste Schlundbogen teilt sich in einen kranial der Mundbucht gelegenen Oberkieferfortsatz und einen kaudalen Unterkieferfortsatz, die den, zunächst noch durch die Rachenmembran verschlossenen, oberen Darmausgang umgeben.

  • Vom zweiten Schlundbogen dehnt sich ein ektodermaler Fortsatz in Richtung Herzwulst aus und überwächst als Operculum die kaudalen Schlundfurchen. Auf diese Weise entsteht vorübergehend ein gemeinsamer Hohlraum, der Sinus cervicalis, aus den Buchten der Schlundfurchen. Diese verschmelzen aber mit der Zeit bzw. werden bindegewebig aufgefüllt, sodass der Hohlraum obliteriert.

Wenn der Sinus cervicalis nicht vollständig zuwächst, bilden sich laterale Halszysten oder – erkennbar an einem kleinen Loch in der Haut des seitlichen Halses – laterale Halsfisteln. Diese sind klinisch von Bedeutung, wenn sie sich entzünden und müssen dann zumeist chirurgisch entfernt werden.

  • Die erste Schlundfurche liegt außerhalb des Sinus cervicalis und vertieft sich zum äußeren Gehörgang. Aus der Membran, die sie von der ersten Schlundtasche trennt, wird das Trommelfell.

  • Die erste Schlundtasche selbst umgibt als Recessus tubotympanicus die Gehörknöchelchen, die aus dem ersten und zweiten Kiemenbogen entstanden sind, und wird so zum Mittelohr.

  • Aus der zweiten Schlundtasche geht die Gaumenmandel (Tonsilla palatina) hervor.

  • Das Entoderm der dritten Schlundtasche liefert das Material zur Bildung der unteren Nebenschilddrüsen (Epithelkörperchen) und des Thymus.

  • Die vierte Schlundtasche stellt die oberen Nebenschilddrüsen.

  • Die fünfte und sechste Schlundtasche sind beteiligt an der Bildung des Ultimobranchial- oder Telopharyngealkörpers, welcher in die Schilddrüse aufgenommen wird und dort die parafollikulären C-Zellen bildet.

Gesicht

Die Entwicklung des Gesichts beginnt in der vierten Woche mit der Ausbildung eines Stirnwulstes oberhalb der Mundbucht (Stomatodeum) und der aus dem ersten Kiemenbogen hervorgehenden Ober- und Unterkieferwülste seitlich und kaudal von ihr. Zellen der Neuralleiste wandern dazu unter die ventrale Ektodermschicht zwischen den durch das Telencephalon und die Herzanlage gebildeten Wölbungen. Das Stoma ist zunächst noch durch die Rachenmembran (Membrana buccopharyngea) verschlossen, lässt nach deren Einreißen aber die direkte Kommunikation zwischen dem embryonalen Innen des Darms und dem Außen der Amnionhöhle zu. Gleichzeitig finden erste Veränderungen am Stirnwulst statt: In der fünften Woche bilden sich an seinem Unterrand zwei Riechplakoden aus, Gewebeverdichtungen im Ektoderm, die sich bald darauf zu den Riechgruben einwölben ( Abb. 2A). Deren Ränder wiederum wölben sich hervor als jeweils ein medialer und ein lateraler Nasenwulst oder -fortsatz. Wie zwei nach unten gerichtete Hufeisen liegen dann, getrennt durch eine Area internasalis, die Ausgangsstrukturen der mittleren Gesichtspartie kraniolateral der Mundöffnung.
Zwischen dem Stirnwulst und dem Oberkieferwulst entstehen nach einem ähnlichen Prinzip erst zwei Linsenplakoden, die sich dann zu den Augenbechern einsenken ( Abb. 2B). Von ihrer Position seitlich am entstehenden Kopf wandern sie allmählich nach ventral.
In Höhe des zweiten Kiemenbogens (also vorerst im Halsbereich) erscheinen die Anlagen des äußeren Ohrs in Gestalt dreier Aurikularhöckerchen, die sich um den äußeren Gehörgang formieren.
Die medialen Nasenwülste indes bewegen sich in kaudaler Richtung aufeinander zu und integrieren sich in den Oberkieferwulst ( Abb. 2C). Auf diese Weise liefern sie die Substanz für den Mittelteil der Oberlippe, das Philtrum und den primären Gaumen. Die seitlichen Bereiche der Oberlippe entstehen aus dem Material des Oberkieferwulstes.
Mit der seitlichen Verschmelzung der Oberkiefer- und Unterkieferwülste wird das Stomatodeum zur definitiven Mundöffnung eingeengt ( Abb. 2D). Die Zellen der Kau- und Gesichtsmuskulatur wandern aus den laterokaudal gelegenen Mandibular- und Hyoidbogen ein.
Aus den lateralen Nasenwülsten werden die Nasenflügel, die die aus den Riechgruben entstandenen Nasenhöhlen umgeben und an ihren Innenseiten die Nasenmuscheln (Conchae nasales) ausbilden. Sie nähern sich einander in der Medianebene an und werden schließlich nur noch durch das dünne Nasenseptum voneinander abgegrenzt ( Abb. 2E).

Zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen gehören die Lippen-, Kiefer- und Gesichtsspalten. Sie resultieren aus einer unzureichenden Proliferation oder Verschmelzung der Mesenchym- und Epithelzellen im Kopfbereich. Von Lippenspalten (Hasenscharte) sind v.a. Jungen betroffen. Sie treten ein- oder beidseitig an der Kontaktstelle zwischen medianem Nasenfortsatz und Oberkieferwulst auf. Gaumenspalten (Wolfsrachen) kommen häufiger bei Mädchen vor. Hier verschmelzen die lateralen Gaumenfortsätze (s. S. 54/55) nicht vollständig miteinander und mit dem Nasenseptum. Sehr selten sind die schrägen und queren Gesichtsspalten,bei denen sich Oberkiefer- und Nasenwulst nicht miteinander verbinden.

All diesen Fehlbildungen liegt wahrscheinlich einerseits eine multifaktorielle Vererbung, andererseits die Wirkung bestimmter Teratogene (z.B. Antiepileptika) zugrunde. Die Therapie erfolgt in mehreren operativen Schritten, die Sprachentwicklung wird logopädisch begleitet.

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